Journal Donnerstag, 27. Mai 2021 – Der wahrscheinlich schönste Einbauschrank der Welt

Freitag, 28. Mai 2021 um 6:39

Nachts zwischen zwei Aufwachen schlief ich über vier Stunden am Stück, das war schön. Nach Aufwachen um fünf allerdings nicht wieder eingeschlafen, das war doof.

Aufgeregter Morgen, ich richtete alles für die Schreiner her. Draußen regnete es ungerührt, beim Radeln in die Arbeit erwischte ich aber eine Phase mit nur leichtem Tröpfeln. Mittlerweile müssten wir doch über „der Bauer braucht den Regen“ hinaus sein, ich glaube, jetzt brauchen die Felder auch mal wieder Sonne zum Wachsen.

In meiner Mittagspause radelte ich schnell heim zum Grüß-Gott-Sagen, bis dahin musste mich Herr Kaltmamsell per Twitter-DM mit Live-Details versorgen:
„Kleineres Bohren (hatte morgens noch Sicherungskasten freigeräumt, gute Idee), hauptsächlich Herauftragen aller Elemente.“
„Sie besprechen Dinge, unaufgeregt.“
„Sie messen.“
„Man bohrt etwas.“
„Jetzt sägen und schneiden und messen und basteln sie. Dinge werden passend gemacht.“
Ich geriet in Regen, konnte aber wirklich ein paar Worte mit zweien der drei Schreinerei-Herren wechseln. So aufregend!

Das Mittagessen zurück im Büro: Vollkornbrot mit Kochkäs, ein Apfel.

Im Lauf des Nachmittags riss der Himmel auf, das Wetter spielte vorübergehend weiß-blauen Himmel. Doch dann wurde es wieder düster und regnerisch.

Nach Feierabend radelte ich schnell heim, verpasste die Schreiner aber knapp. Sie hinterließen: Einen Einbauschrank, der noch viel atemberaubender ist als erhofft.

Ich machte alles mal auf und atmete Holzduft ein. Über die nächsten Tage räume ich ihn ein – und dann kann endlich unser restliches Zeug verplant werden.

Zum Abendessen gab es Salat aus Ernteanteil und Käse, Nachtisch Schokolade.

§

Der Schöpfer der Kleinen Raupe Nimmersatt, Eric Carle, ist gestorben (war sogar der Tagesschau eine Meldung wert). Das war meine liebste Kindergeschichte neben Pippi Langstrumpf (stark, autark): Unmengen köstlicher Sachen essen und dadurch wunderschön werden.

Aus dem Nachruf erfuhr ich, dass die Kleinen Raupe Nimmersatt 1969, zwei Jahre nach meiner Geburt erschien – ich bin also Leserin der allerersten Kleinkind-Generation.

Und „Aber satt war sie noch immer nicht“ eignet sich für so viele, auch ess-ferne Situationen – Dank an den Übersetzer ins Deutsche, Viktor Christen, der als Verlagslektor das Buch und seinen Autor wohl für Deutschland entdeckt hat. Ich finde den deutschen Titel auch viel schöner als das original englische The Very Hungry Caterpillar.

Ich recherchierte den englischen Originaltext. „But he was still hungry“ ist zum einen erheblich weniger kraftvoll als „Aber satt war sie noch immer nicht“, das man beim Vorlesen als Kind so schön mitsprechen konnte, zum anderen aber und vor allem: Im Englischen „he“! Damit hätte ich mich sicher nicht so stark identifiziert wie mit der Raupe. Gleich mal als Beispiel zur Seite legen, wenn wieder mal jemand behauptet, im Deutschen gebe es ein „grammatikalisches Geschlecht“, das klar vom natürlichen abgrenzbar sei und keine Bedeutung trage. – Ernsthaft: Mich würde eine Untersuchung interessieren, ob die Rezeption des Buchs bei Kindern geschlechterspezifisch anders war/ist im englischen und deutschen Sprachraum. Zumindest bilde ich mir ein, dass in deutschen – eher launigen – Kolumnen regelmäßig Frauen das Buch referenzieren, ich mich aber nicht an Ähnliches im englischen Medien erinnere. – ZACK! Hausarbeitsthema

§

Im bayerischen Deutsch-Abitur drehte sich eine wählbare Aufgabe um einen sehr lesenswerten Zeit-Essay von 2020:

„Reden bedeutet Risiko“.

Soziologie-Professorin Teresa Koloma Beck thematisiert und analysiert eine heikle Situation:

Das Sprechen über diskriminierende und stigmatisierende Sprache macht uns verletzlich. Gerade deshalb ist es so wichtig, es zu tun.

(…)

Darüber, was wie gesagt werden kann und wer wie bezeichnet werden sollte, wird in letzter Zeit wieder heftig gestritten. Zu Recht. Denn Sprache dient nicht nur der Verständigung. Sie beeinflusst, was wir denken und uns vorstellen können und damit auch, wie wir die Welt und uns selbst in ihr erfahren und wie wir uns anderen Menschen zuwenden können. In diesem Sinne ist Sprache hochpolitisch.

(…)

In der kritischen Auseinandersetzung mit stigmatisierender und diskriminierender Sprache geht es also – anders als die Gegner der sogenannten Political Correctness es häufig darstellen – um sehr viel mehr als persönliche Be- und Empfindlichkeiten. Es geht um Möglichkeiten sozialer und politischer Teilhabe. Diese sicherzustellen ist in Demokratien von zentraler Bedeutung. Darum ist die Debatte um angemessene Bezeichnungen richtig und wichtig.

(…)

Immer mal wieder werde ich in Gesprächen im privaten oder beruflichen Umfeld aufgefordert, als eine Art Zeugin über rassistische Erfahrung in Deutschland zu berichten. Dann versuche ich klarzustellen, dass ich zwar gern über meine persönlichen Erfahrungen Auskunft gebe, diese jedoch in keiner Weise repräsentativ sind; dass ein Gespräch mit mir keine abschließenden Antworten liefern, sondern nur ein Mosaikstein in einem Bild sein kann, das es zusammenzusetzen gilt. Rassismuserfahrungen sind vielgestaltig. Und die öffentliche Debatte über die Vielfalt des Phänomens hat in Deutschland eben erst begonnen.

die Kaltmamsell

23 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 27. Mai 2021 – Der wahrscheinlich schönste Einbauschrank der Welt“

  1. Almut meint:

    Grandioser Schrank, wirklich!

  2. Britta meint:

    Grandios!

  3. Marlies meint:

    Der Schrank ist super!
    Die Aufteilung ist raffiniert und erinnert an Piet Mondrian- einfach schon! Die Materialien sind sehr edel. Bleibt die Front ohne Griffe?
    Ein toller Schreiner! Möchten Sie Werbung für ihn machen und seine Adresse verraten?

  4. Beate meint:

    Der Schrank ist wirklich perfekt!

  5. Frau Brüllen meint:

    Der Schrank ist ein Traum!

  6. Sabine meint:

    Sehr schöner Schrank! Der Schreiner tät mich auch interessieren – und noch mehr vom Innenleben, das ist ja hochinteressant.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ich freue mich ungemein, dass Sie den Mondrian-Einfluss sehen, Marlies, das war nämlich genau mein Input an die Schreinerei. Auf meine Bitte hatten erste Entwürfe manche Flächen in heller Eiche gezeigt, doch das war mir zu unruhig. Griffe gibt es keine, die Türen und Schübe öffnen sich auf Druck (wozu ich schon jetzt Knöchel und Handgelenk verwende statt Finger, um sichtbare Tapper zu reduzieren).

    Die Schreinerei gebe ich gerne später per E-Mail weiter: Die in vielerlei Hinsicht ungemein sympathische Firma ist völlig überlastet. Ich kam nur zum Zug, weil meine Eltern dort bereits Kunden waren und ich auf Empfehlung kam, der ausmessende Schreiner sprach von einem halb Meter hohen Stapel mit Anfragen.

    Fotos vom jetzigen leeren Innenleben reiche ich nach, wahrscheinlich ändere ich beim Einräumen noch das eine oder andere Regal.

  8. Christine meint:

    Was den Regen angeht, zeigt der Dürremonitor, was Sache ist: https://www.ufz.de/index.php?de=37937

    Schwieriger sind die kühlen Temperaturen. Zumindest bei unseren Bienen gibt es dieses Jahr keinen Frühjahrshonig; dass im Mai sogar noch gefüttert werden muss, ist sehr ungewöhnlich!

  9. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für den Link, Christine, superspannend.

  10. berit meint:

    Super Link Christine, vielen Dank!

    Aus meiner Laienperspektive, kann ich die Werte für Leipzig anhand des Wasserstands der Kanäle bestätigen. Ich war ziemlich erschrocken wie niedrig der Stand vor 2 Tagen trotz regelmäßigen Regens war, so sieht es sonst im Hochsommer aus.

  11. Elisabeth Martin meint:

    Sehr schön, Ihr „Mondrian“. Herzlichen Glückwunsch.

  12. Joël meint:

    Der Schrank sieht sehr sehr gut aus. Wow! Mondrian war mir übrigens auch in den Sinn gekommen.

  13. streckenweise meint:

    Der Schrank ist toll.

    Den Dürremonitor wollte ich auch verlinken und zusätzlich drauf verweisen, daß es zumindest in Berlin fast immer nervig windig ist. Also für die Küste wäre das vermutlich normal, hier aber in dieser Menge nicht – und Wind sorgt für hohe Verdungstung, womit ich mir erkläre, warum der Dürremonitor immer noch so viel rot anzeigt, obwohl es doch gefühlt ständig regnet.

  14. Gaga Nielsen meint:

    Ja, sehr gelungen, der Schrank. Kommt vor die Ritze zur Decke noch eine Leiste? Dann wäre der Anblick noch perfekter. So auch schon toll, aber sowas springt mir sofort ins Auge. Wenn der Staubfänger geschlossen wird, ist es tatsächlich der Eindruck von einer nach vorne gesetzten, raffinierten Wand.

  15. lesebrille meint:

    Sehr schönes Einbaumöbel ! Ich hoffe die Fuge zur Decke wird, wenn überhaupt, etwas zurückversetzt geschlossen, sonst wirkt es für mich zu massiv. Solche Handwerker, die so schöne Dinge machen, sind leider mittlerweile selten.

  16. die Kaltmamsell meint:

    Nein, Gaga Nielsen, die Lücke wird nicht verschlossen: Für die Illusion müsste man ja noch die Stuckleiste ergänzen (wegen der die Lücke entsteht) – ich mag’s so! (In Wirklichkeit kommt man durch die Lücke in ein magisches Paralleluniversum hinter dem Wandschrank.)

  17. Gaga Nielsen meint:

    verstehe, verstehe! :-)

    (dass da links und rechts irgendwas Leistenartiges in der Ritze verschwindet, hab ich schon gesehen, aber nicht, dass es sich um Stuck handelt, der rundumläuft)

  18. Stedtenhopp meint:

    Der Schrank ist ein TRAUM! Wun-der-schön! Definitiv ein Möbel der Klasse „Life Goals“ (sofern einem „schön wohnen“ generell wichtig ist, natürlich nur).

    Auf das Innenleben wäre ich auch gespannt!

  19. Croco meint:

    Der Schrank ist so schön geworden.
    Wie ist denn die Oberfläche?

  20. Nina meint:

    Der Schrank ist mega! Hier auch beim Anblick sofort Mondrian-Assoziationen.
    Mein Sohn konnte bereits mit knapp 2 Jahren die gesamte Raupe Nimmersatt auswendig und es ist hier auch jetzt mit 3,5 Jahren noch eine ständige Referenz, auch wenn das Buch selbst mittlerweile für ihn nicht mehr so interessant, weil zu simpel ist. Das würde Ihrer These also widersprechen, dass sich Jungs nicht mit der deutschen Raupe identifizieren (ja ja, zu anekdotisch, um aussagekräftig zu sein, I know, I know). Meiner Erfahrung nach – und ich meine, auch der einschlägigen Studien dazu – differenzieren Kinder unter 3 Jahren noch sehr wenig nach Geschlecht bzw. ist es kaum von inhaltlicher Bedeutung für sie, ob sie ein Junge sind und das befreundete Kind ein Mädchen. Die meisten Kinder beschäftigen sich jedoch im Kleinkindalter mit der kleinen Raupe Nimmersatt. Die unterschiedliche Identifizierung, abhängig
    vom eigenen Geschlecht, würde also erst retrospektiv erfolgen, n‘est-ce pas?

  21. die Kaltmamsell meint:

    Die Oberfläche, Croco, ist matt und Eierschalen-weiß.

  22. Ella meint:

    Der Schrank ist ein Traum!

  23. Mareike meint:

    Der Schrank! *herzchenaugenemoji

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