Journal Freitag, 21. Mai 2021 – 28. Rosentag: Kalt und mit Menü daheim

Samstag, 22. Mai 2021 um 9:25

Herr Kaltmamsell musste wegen Abitur so früh aus dem Haus, dass er mich energisch davon abhielt, früh genug für einen gemeinsame Morgenkaffee aufzustehen.

Beim Morgenkaffee war wieder ein zusätzlicher Pulli notwendig gegen die Maienkälte.

Mein Yoga mit Adriene wurde diesmal nicht unterbrochen von Werbung (YouTube verkauft die Bezahl-Version immer nachdrücklicher und schaltet auch in Trainingsfilme Spots dazwischen), sondern von einem Anruf – einem hochwillkommenen: Mein Einbauschrank wird nächste Woche montiert. Ein weiterer Kontakt bei der beauftragten Schreinerei, und wieder entspann sich ein sehr persönliches Gespräch bis Abgleich Lebensgeschichten und Urlaubsplänen; das sind da aber auch nette Leute!

Das Wetter war weiter “unbeständig” (was ja wohl kein echter Mensch sagt, sondern nur die Wettervorhersage). Doch als ich mich auf meinen ersten Erledigungsweg machte, wurde mir in Winterkleidung arg warm – anscheinend waren ein paar Grad Temperatur dazugekommen. Mein zweiter Gang führte mich zum Radlschrauber, der mich per SMS informiert hatte, dass er fertig war. Wie immer fuhr sich das Radl nach der Überholung so gut, dass ich am liebsten eine Extrarunde gedreht hätte, allerdings begann es wieder zu tröpfeln.

Meine dritte Runde führte mich in den Supermarkt, wo ich die Einkaufsliste fürs Pfingstwochenende leerte. Der riesige Goldregen in der Goethestraße macht sich gerade ans Blühen – ich hatte Goldregen völlig vergessen.

Frühstück: Kartoffelbrot mit Frischkäse und Orangenmarmelade, Erdbeeren mit einem Schafjoghurt, der direkt eine Schafstall-Note hatte (im türkischen Süpermarket gekauft).

Ich las Zeitung und Buch, bis Herr Kaltmamsell im Lauf den Nachmittags heimkam – dann begann Rosentag! (We’re gonna need a bigger vase. Diese ist zu hoch und zu schmal für optimalen Fall der vielen Blumen.)

Seine Geschichte.
Meine Geschichte.

Da die Restaurants noch geschlossen sind (in München stieg die 7-Tages-Inzidenz nach drei Wochen Rückgang wieder über 50), konnte ich Herrn Kaltmamsell nicht groß ausführen. Statt dessen hatte ich das Drei-Gang-Menü vom Broeding bestellt. Zum Abholen ging ich zu Fuß, da ich mich nicht ausreichend gelüftet fühlte. Trotz Blick-verengendem Regenschirm nahm ich die Gastronomie am Weg (ich ging die malerische Blutenburgstraße entlang) bereits aus interessierterer Perspektive wahr, sie könnte in ein paar Wochen wieder geöffnet sein.

Bepackt mit Speisen (in Weck-Gläsern) und Getränken nahm ich nach Hause die (schön leere) U-Bahn.

Zur Feier des Tages drehten wir im Wohnzimmer die Heizung auf, so brauchte ich beim Abendessen kein zweites Paar Socken.

Ja, die Fichte in der Butter war zu schmecken, und zwar gut!

Zu Brot und Vorspeise gabe es einen Domaine Jean-Claude Chatelain Pouilly-Fumé ‘Les Cailloux Silex’, den ich als Geschenk kennengelernt hatte (Weingeschenke sind toll!).

Zum Hauptgang hatte ich einen Grassl Ried Neuberg mitgebracht, der mir ganz ausgezeichnet schmeckte und wunderbar zu den Speisen passte.

Kein Foto vom Dessert, da mir eines der beiden Schüsselchen beim Rausholen aus dem Ofen auf die Ofentür fiel und eine Sauerei auf Ofentür sowie Boden verursachte, die mich eine ganze Weile beschäftigte, woraufhin ich keinen Appetit mehr darauf hatte. Wie gut, dass mein Alkoholpegel zu diesem Zeitpunkt keinen Zorn aufkommen ließ. Herr Kaltmamsell war von seiner unversehrten Portion sehr angetan.

§

Gestern Nachtmittag las ich Granta 155 aus, The Best of Young Spanish Language Novelists. Wie eigentlich alle Granta-Ausgaben mit “Best of Young”, ob aus den USA, aus UK inkl. ehemaliger Kolonien oder die erste mit spanischsprachigen Autor*innen: Ganz besonders gut und interessant. In ihrer Einleitung beschreibt Herausgeberin Valerie Miles, was die 200 Einreichungen verband: Die Vielfalt an Sprache (“many of these young writers seem to be turning a very sharp ear toward written language’s sonant quality”), die beweist, dass es das Spanische nicht gibt.

Miles erinnert sich zurück an die erste Ausgabe mit jungen amerikanischen Autoren 1996, zu der Tobias Wolff, eines der Jury-Mitglieder anmerkte:

The idea of choosing twenty writers to represent a generation . . . [is] a process [that] mainly exposes the biases of the judges.

Diese Reflexion, das Bewusstsein, dass ein Literaturpreis immer mehr über die Jury aussagt als über Autor*innen seiner Zeit, würde ich gerne deutlicher in der deutschen Literaturwelt hören. (Deswegen mag ich ja den Bachmannpreis so gern: Indem man der Jury bei der Bewertung und Diskussion zusehen kann, liegen die Maßstäbe und Vorbehalte offen.)

Valerie Miles legt offen, worauf die Jury dieser “Best-of”-Ausgabe aus war:

We wanted work of the imagination. Fiction. Consciousness captured on the page. Storytelling. No essay, no memoir, no reportage. No selfies with a bit of Photoshop to pass it off as fiction. Story that is peeled from the merely testimonial, from the very tiresome use and abuse of the first person. Originality. Attitude. Yeah, attitude. Writers writing like their lives depended on it. Writers writing about things I had no idea I was interested in. Writers channeling the worlds of the inarticulate, who have not spoken for themselves or whom we cannot hear. Things that are familiar made strange or re-enchanted. Writers like the ones who came before. The ones who didn’t know about Instagram. Writers who are not readers, but rereaders. Who you think may, at some point in the future, put sentences together that will cause your spine to tingle and the hair on the nape of your neck to stand on end. Who can do it now. Writers who dare, whose ambition may have gotten the best of them, but tried anyway. That’s a tough order for a young writer, but that was our bar, and we were willing to read with an eye to the future.

Das kommt mir sehr entgegen, auch ich wertschätze Erfundenes, gerne auch ganz weit weg von Realismus, mehr als die Verarbeitung von selbst Erlebtem, und das bitte strukturell und sprachlich gut gemacht.

Anscheinend ist die gesamte Ausgabe ohne Kosten online zu lesen.

Besonders bemerkenswert erscheinen mir diese Geschichten:
Martín Felipe Castagnet, Frances Riddle (Übers.), “Our Windowless Home”
Andrea Chapela, Kelsi Vanada (Übers.), “Borromean Rings”
Irene Reyes-Noguerol, Lucy Greaves (Übers.), “Lost Children”
Carlos Manuel Álvarez, Frank Wynne (Übers.), “Bitter Cherries”

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Freitag, 21. Mai 2021 – 28. Rosentag: Kalt und mit Menü daheim“

  1. Nina meint:

    Alles Gute Ihnen beiden noch zum Rosentag!

  2. mareibianke meint:

    Hachz!
    So schön, Ihre Rosengeschichte!
    Sehr, sehr gerne gelesen… Ihnen beiden schöne Pfingsttage und weiterhin gutes Auskommen!

  3. hafensonne meint:

    Einen wunderschönen Rosentag für Sie beide, und schöne Pfingsttage wünschen wir!

  4. Hiwwelhubber meint:

    gratuliere – frage mich aber, wieso ausgerechnet Ihre Portion Nachtisch runter gefallen ist, uind nicht die von Herrn K.? :D

  5. Sabine meint:

    Herzlichen Glückwunsch zum Rosentag :)

  6. Croco meint:

    Herr croco lässt fragen, ob Herr Kaltmamsell eventuell Nachtisch abgegeben hat.
    Ansonsten gratulieren wir von Herzen.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank die Herrschaften!
    Das hätte Herr Kaltmamsell ganz sicher, Croco, aber ich hatte keinen Appetit. Er übernahm sogar die Reste aus meinem Gläschen.

  8. Monika meint:

    Warum denke ich bei Ihrer Rosengeschichte jetzt an einen Hugh-Grant-Film? Davon abgesehen, finde ich Kennlerngeschichten wahnsinnig interessant. Alles Gute für Sie beide weiterhin.

  9. Simone meint:

    Es muss eben nicht Liebe auf den ersten Blick sein, um etwas Dauerhaftes zu werden.
    Gratulation und alles Gute weiterhin!

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