Journal Samstag, 22. Mai 2021 – Echter Isarlauf

Sonntag, 23. Mai 2021 um 8:21

Ich wachte mit einem Kater vom vielen Wein am Vorabend auf und freute mich, dass ich derzeit zum Kater-fähigen Teil der Bevölkerung gehöre und seit acht Monaten keine Miräne mehr hatte. Eine Ibu und zwei große Gläser Wasser heilten.

Nach dem Morgenkaffee Kuchenbacken (obwohl ich den täglichen Blogpost noch nicht veröffentlicht hatte!): Ich hatte bei Frau Brüllen über einen interessanten Eierlikörkuchen gelesen, den ich jetzt machte; da mit Öl statt Butter ließ er sich sehr schnell zusammenrühren.

Aus dem Nußbaumpark wummerte laute Wummermusik, die jeden Vogelgesang übertönte. Beim Vorbeigehen auf dem Weg zum wöchentlichen Corona-Schnelltest stellte sich der riesige Wummerwürfel als Teil einer sehr kleinen Kundgebung heraus (konnte die Plakate/Schilder nicht entziffern) mit mehr Polizei als Teilnehmenden. (Spätere Recherche ergab: Demo “Erhalt Münchner Grünflächen” – ich nehme an, Wummermusik wirkt auf Pflanzen wachstumfördernd.)

Das mit dem Schnelltest klappte dann nicht, weil ich bereits in Laufkleidung dort war – und zu der gehört kein Geldbeutel, in dem der notwendige Personalausweis steckt. Ich kehrte also wieder um und holte den Test später daheim als Selbsttest nach; wir verfügen über einen Vorrat, und Herr Kaltmamsell hat mittlerweile aus der Schule Routine beim Anleiten.

Der graue Morgen war zu einem gemischtwolkigen und windigen Mittag mit langen Sonnenabschnitten geworden. Ich radelte zum Friedensengel (die Kombination aus frisch gewartet und Rückenwind wirkte wie ein Elektroantrieb, ich musste praktisch nicht treten), von dort joggte ich los. Nach weitgehend problemlosen 45 Minuten war ich am Föhringer Ring (trage unverändert den Titel der langsamsten Isarjoggerin), zurück ging ich gemütlich. In der Sonne war es warm, ohne Sonne brauchte man eine Jacke. Es war nicht mehr los, als ich auf dieser Strecke in Erinnerung hatte, ich genoss jeden Meter.

Das dauerte dann doch länger (ich war fast zweieinhalb Stunden unterwegs), Herr Kaltmamsell musste mit dem erbetenen Frühstück bis halb drei auf mich warten (für ihn allerdings eh Mittagessen): Der Ernteanteil hatte Spinat enthalten, ich wünschte mir Eggs Florentine, die er mit selbst gemachten englischen Muffins servierte.

Im sonnendurchfluteten Wohnzimmer las ich Internet und Wochenendzeitung, am späten Nachmittag gab’s den Eierlikörkuchen: Sehr gut, weil gleichzeitig fluffig und samtig und saftig, Geschmack ebenfalls 1a.

Häuslichkeiten: Einen Setzling eingepflanzt, weiter CDs aussortiert (1 – kann weg, 2 – Musik auf Festplatte ziehen und dann weg, 3 – Musik auf Festplatte, aber behalten – zum Beispiel Laurie Andersons Big Science, die ich seiterzeit in Manhattan gekauft habe und die deshalb ein Dollar-Preisschild trägt).

Zum späten Abendessen hatte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch einen schlichten Linseneintopf gekocht, über den ich mich sehr freute.

Neues Buch angefangen: Nicole Diekmann (die schon seit vielen Jahren Teil meines Internets ist), Die Shitstorm-Republik. Sie startet mit ihrem persönlichen Erlebnis: Nach einem etwas missglückten politischen Scherz auf Twitter fiel die dunkle Seite des Social Web Anfang 2019 über sie her. Und auch wenn sie zur Analyse der Mechanismen Expertinnen und Experten zu Wort kommen lässt, ist klar, dass solch ein Erlebnis Menschen wenn nicht zerstören, so doch nachhaltig beschädigen kann, vor allem aber zum Schweigen bringen kann. Bevor wieder das Fass aufgemacht wird, Kritik an menschenfeindlichen Äußerungen tue doch dasselbe (“man kann ja gar nicht mehr sagen”): Es besteht ein fundamentaler Unterschied, ob Betroffene und Verbündete (allies – kennt jemand einen etablierten deutschen Begriff?) darauf aufmerksam machen, dass Äußerungen diskriminieren und ausgegrenzen, oder ob jemand persönlich beleidigt, mit Gewalt und Mord bedroht wird (Letzteres auch immer wieder in koordinierten Schwarm-Attacken, wie die zitierten Experten belegen können).

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Von wegen die EU ist nutzlos: Hochoffizielle Regulierungen von typischen Nationalgerichten enthalten detaillierte und geradezu liebevolle Rezepte, man kann also nach EU-Beschlüssen kochen. Hier zum Beispiel die Vorschrift für Pizza Napoletana.
via @sensiblestu

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Apropos Laurie Anderson: Hier ein 18-minütiges “Tiny Desk Home Concert” von ihr, der Big Science-Mitproduzentin Roman Bara und dem Cellisten Rubin Kodheli (und im Text ein wenig technische Erklärung zum speziellen Sound).
“Laurie Anderson: Tiny Desk (Home) Concert”.

(Persönlich finde ich diese alten Musik-Frauen mit weißen Haaren ja deutlich cooler als die alten Musik-Männer in bunten engen Hosen, aber das ist wirklich Geschmackssache.)

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Samstag, 22. Mai 2021 – Echter Isarlauf“

  1. Anke meint:

    Velen Dank für den Hinweis zur Pizza.
    Ich habe einen Teil der Vorschrift beim leider meistens nur Sonn- und Feiertags möglichem morgendlichen “im Bett gammeln und dem anderen interessante Dinge vorlesen” mit dem Gatten geteilt, der sich mit mir gemeinsam sehr darüber gefreut hat.

  2. Nathalie meint:

    Auch wir haben die Pizza-Lektüre zum Sonntagsfrühstück sehr genossen. Danke. Die Sonntagspizza scheitert am richtigen Ofen. (Und in München haben wir leider die ideale Pizzeria noch nicht gefunden.)

  3. die Kaltmamsell meint:

    Vielleicht, Nathalie, müssen wir uns damit abfinden, dass es die ideale Pizza nur vor Ort gibt, bei uns höchstens akzeptable Annäherungen. Wie ich auch erst seit einem Osterurlaub auf Mallorca weiß, wie Orangen schmecken können und seither alle anderen nur Annäherungen sind.

  4. Alexandra meint:

    Unterstützende?

  5. die Kaltmamsell meint:

    Habe den Begriff mal durch Google laufen lassen, Alexandra: Scheint nicht wirklich etabliert zu sein. In Ihren Kreisen schon?

  6. Ulrike meint:

    DER Eierlikörkuchen schlechthin, auch bei Tu$$erparties der 80er der Renner. Klappt auch mi Whiskylikör.

    Und ja, einige EU Mitgliedsstaaten lassen sich viel schützen, mein täglich Brot

  7. Johanna meint:

    Wundervoll, dass Sie wieder joggen können.
    Freue mich für Sie, drücke die Daumen, dass es so bleibt und sich steigert.

  8. Trulla meint:

    “Solidarisch” dürfte wohl als deutscher Begriff durchgehen.

  9. Gaga Nielsen meint:

    @allies: in dem Kontext auch “Gleichgesinnte”.

  10. Nina meint:

    Doch, der geläufige und anerkannte deutsche Begriff für ally ist Verbündete. Analog dann allyship=Verbündetenschaft. Wird in den meisten einschlägigen Veröffentlichungen und im Sprachgebrauch von Aktivist*innen so verwendet. Auch die Charta der Vielfalt übersetzt ihn so. Und ich meine, auch die bpb. Da finde ich aber die Stelle gerade nicht, wo ich das letztens gelesen habe.

  11. Gaga Nielsen meint:

    Da werfe ich doch gerne den Begriff “Mitstreiter” noch in die Waagschale. Ich nehme an, dass die erwähnten Aktivisten und Aktivistinnen sich eher selten bis gar nicht mit stilistischen Fragen bei der Verwendung von Sprache befassen, belasten. Wortwörtliche Übersetzung ist nicht selten stilistisch dürftig. Ich gestehe zu, dass es auch schon im Englischen ein gewisses Aggressionspotenzial hat, haben KANN. Der Kontext ist nicht unerheblich.

    In den letzten Jahren hat ein Potpourri von holprigen wortwörtlichen Übersetzungen von Redewendungen aus dem Englischen im medialen Sprachgebrauch Einzug gehalten, der mir persönlich überhaupt nicht zusagt. Das sind Fragen von Ästhetik und Musikalität und Eleganz, wenn es um Sprache geht. Beispiele: “am Ende des Tages”, “ich bin fein damit”, “Narrativ“, “adressieren”. Mich gruselts.

    Aber ich erkenne an, dass bei aktivistischen Bestrebungen Zuspitzung und Aggression gerne kultiviert wird. Es wird möglicherweise (irrtümlich?) als “kriegsentscheidend” erachtet ;-)

  12. iris meint:

    die pizzavorschrift ist der hammer. dankeschön!

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