Journal Dienstag, 15. Juni 2021 – Nachdenken über psychische Stereotypisierung

Mittwoch, 16. Juni 2021 um 6:22

Ein Artikel aus der Wochenend-Süddeutschen von Barbara Vorsamer arbeitete noch länger in mir (€):
„Auf eigene Verantwortung“.

Eine psychische Erkrankung ist kein Grund für Scham – aber auch kein Freibrief. Wer das Verhalten von Menschen mithilfe ihrer Diagnose erklärt, macht es sich viel zu einfach.

Anhand der aktuellen Beispiele Claas Relotius, Naomi Osaka und Herzogin Meghan kritisiert Barabara Vorsamer, dass deren Handlungen als unausweichlich beschrieben werden.

Egal ob man eine psychische Krankheit dafür benutzt, eigene Verfehlungen zu entschuldigen, oder dafür, die Bösartigkeit anderer zu belegen: Derlei Verallgemeinerungen sind unlauter und werden Millionen Menschen mit seelischen Leiden nicht gerecht, die – oft unter enormer Astrengung – ein normales Leben führen und als unsere Kolleginnen, Nachbarn, Chefinnen und Freund überall um uns herum sind. Jeder vierte Deutsche hat im Laufe seines Lebens eine psychische Erkrankung, die wenigsten verlieren dabei völlig den Kopf. Die Gleichsetzung von „psychisch krank“ mit „nicht ganz zurechnungsfähig“ ist aber leider ein weit verbreitetes Vorurteil.

(Vielen Aspekten des Artikels stimme ich aber nicht zu, vor allem dem Teil um Naomi Osaka. Und mir missfällt, dass Vorsamer Selbstaussagen und Berichterstattung nicht klar voneinander trennt.)

Jetzt wieder meine Sicht: Ob Depression oder eine neurodiverse Veranlagung – das sind ist keine Charaktereigenschaften. Sie machen niemanden automatisch zu einem Menschen, der über menschlichen Werten steht, niemand besteht nur aus seiner Erkrankung oder seiner neurologischen Kondition. Unter Depressiven wie Neurodiversen gibt es freundliche und unfreundliche, gibt es selbstlose und Egoisten, gibt es faule und fleißige, ehrliche und unehrliche, gibt es dumme und schlaue, gibt es lebhafte und ruhige, aufmerksame und rücksichtslose.

Und wenn jemand ständig eigene Befindlichkeiten über die des Gegenübers oder der Umgebung stellt, über rücksichtsvolles Verhalten oder einfach nur Höflichkeit (diese Abwägung machen sich ja auch Neuronormale und Nicht-Depressive nicht einfach) – dann ist das eben schlechtes Benehmen.

Mir fielen dazu die Äußerungen von Ted Chiang zu freiem Willen ein (das bereits empfohlene Interview ist wirklich eine Goldgrube – hier übrigens das Transkript): Chiang glaubt an die Existenz des freien Willens, aber auch, dass dieser verschieden starken Einschränkungen unterliegen kann. Ich zitiere mal die ganze Passage:

I think that free will is not a all or nothing idea. It’s a spectrum. Even the same individual in different situations may sort be under different levels of constraint or coercion. And those will limit that person’s free will. And clearly, different people, they will also be under different levels of constraint or coercion or have different ranges of options available to them. So free will is something you have in varying degrees. So, yes, someone who has had childhood exposure to lead and thus has poor impulse control, they are, say, less free than someone who did not have that.

But they still have more free will than, say, a dog, more free will than an infant. And they can probably take actions to adjust their behavior in order to try and counter these effects that they are aware of on their impulse control. And so in the much more and sort of pragmatic real world context, that is why, yes, I believe that we do have free will. Because we are able to use the information we have and change our actions based on that. We don’t have some perfect theoretical absolute version of free will. But we are able to think about and deliberate over our actions and make adjustments. That’s what free will actually is.

Eine psychische Erkrankung oder Neurodiversität kann solch eine Einschränkung sein, hebt aber die Existenz von freiem Willen nicht auf.

Die Konsequenz aus all diesen Gedankengängen für mich ganz persönlich: Meine Gefühlspolizei hat mir erlaubt, verletzt und beleidigt zu sein, wenn sich Menschen mit größerem Befindlichkeitsspektrum mir gegenüber wiederholt rücksichtslos verhalten. Ab einem gewissen Maß ist self care schlicht Egoismus.

§

Gut und tief geschlafen, schön geträumt, das Weckerklingeln kam zu früh.

Draußen ein weiterer Sommertag mit herrlicher Morgenfrische.

Die Linden duften noch nicht, sind nach dem kalten Frühling spät dran.

Zu Mittag gab es die zweite Hälfte Linsensalat mit Mairübchen, Kohlrabi und Salbei, außerdem die zweite geschmacksneutrale Birne.

Ungemütlicher Nachmittag, weil mein komischer Rücken und meine komische Hüfte weder Sitzen noch Stehen angenehm machten. (Jajaja, ich habe mir einen Termin beim Orthopäden geholt, von dem ich mir nicht mehr erwarte als ein Rezept für Krankengymnastik.) (Wenn er schon wieder Bankstütz anordnet, fordere ich ihn zum Wettbankstützen heraus.)

Als ich zu Feierabend das Bürogebäude verließ, war die Sonne fast schon heiß. Zum Obstkaufen steuerte ich ein Standl an, das erst kürzlich auf meinem Weg aufgetaucht war – und wohl sehr unterbesucht ist: Der Standler freute sich so über meinen Halt, dass er mir alles mögliche dazuschenkte. Eine zusätzliche Schale Erdbeeren hatte ich schon zu meinen Pfirsichen, Aprikosen und Erdbeeren bekommen, beim Überreichen meiner Einkäufe griff er noch zu zwei Äpfel, ich dankte wieder sehr herzlich. Und als ich bereits ein paar Meter fortgegangen war, rief er mich nochmal und reichte mir eine weiche Mango. Es wird Obstsalat geben müssen.

Daheim nochmal die Runde Yoga vom Vortag.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Wurstsalat zubereitet, für sich mit Ernteanteil-Radi, doch da mir der seit einiger Zeit auch noch so gut eingesalzen nicht bekommt (ist Konzert-Rülpsen schon im Mainstream angekommen?), bekam ich meine Portion mit einer gehobelten rohen Zucchini. Sehr gut! Nachtisch waren ein paar Erdbeeren.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Dienstag, 15. Juni 2021 – Nachdenken über psychische Stereotypisierung“

  1. Neeva meint:

    Ich bin sehr für die abgebildete Interpretation von „ein paar Erdbeeren“. :-)

    Und ich habe mir fest vorgenommen, meinen (eher zierlichen) Arzt zum Bizepsvergleich herauszufordern, wenn er _nochmal_ sagt, ich solle Sport machen.
    Stelle also fest, dass auch andere Leute sich vor Arztterminen tagelang Gedanken machen.

  2. Sabine meint:

    Lustig, gerade vor dem Lesen dieses Eintrags habe ich beim Aufwachen über Barbara Vorsamers kürzlich erschienenen Artikel über Erben, die sich was schämen sollen, nachgedacht. Sie schreibt wirklich gut, hat aber eine Haltung, die mit dem schönen englischen Ausdruck „perpetually aggrieved” beschrieben werden kann. Das ist anstrengend, bringt aber zum sich-Positionieren, wie ja auch hier. Journalistischer Erfolg?

  3. Christian meint:

    Ich finde das eine sehr wichtige und nicht weit genug verbreitete Erkenntnis, dass zB auch jemand mit psychological issues auch einfach – pardon – ein Arschloch sein kann. Oder zB ein Narzist sich Mühe geben kann und nicht unbedingt eins ist.

    Die öffentliche Diskussion macht das allerdings noch etwas schwerer, denn nun haben wir ein paar sehr verschiedene Wissensstände (die ich mal etwas flapsig so einteilen würde):
    # psychisch Kranke sind alle unzurechnunsgfähig denen man nicht trauen kann und um die man einen Bogen macht
    # psychisch Kranke sind alle arme Hascherl, die nichts dafür können
    # psychisch Kranke sind einfach Menschen, die halt auch noch andere Charaktereigenschaften haben

    Das führt dann zu zB diesem Relotius-Interview aber auch dazu, dass psychisch Kranke ein deutlich erhöhtes Risiko haben, von der Polizei erschossen zu werden.

    It’s complicated.

  4. Frau Klugscheisser meint:

    Den Artikel habe ich nicht gelesen, aber Deine Gedankengänge finde ich interessant. Allerdings bin ich über den Begriff Charaktereigenschaft gestolpert. Ist eine Charaktereigenschaft etwas, das sich nicht ändern lässt? Oder ist es etwas, das sich – genau wie Neurodiversität – mit viel Anstrengung doch ändert? Dann gäbe es in der Konsequenz keine Unterscheidungsmöglichkeit.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Stimmt, Frau Klugscheisser, das ist einer von vielen unpräzisen Begriffen, dieser aus dem populärsprächlichen Feld „guter Charakter“, „mieser Charakter“. Die Änderbarkeit nehme ich in dem Rahmen an, den Ted Chiang absteckt.

  6. Joël meint:

    Ich bin ein bisschen über den letzten Satz gestolpert: Ab einem gewissen Maß ist self care schlicht Egoismus.
    Wo hört die Selbstfürsorge auf und wo beginnt der Egoismus?
    Das ist nämlich zur Zeit so ein Minenfeld durch ich zusammen mit meiner besten Freundin de A. wate, weil wir da völlig verschiedener Meinung sind, wo diese Grenze anzusetzen ist.

  7. Joriste meint:

    ich ersetze Radi bzw Zwiebeln im Wurstsalat durch Fenchel, den ich auch roh (und in Wurstsalat gehobelt) sehr liebe. Vielleicht wäre das auch eine Idee.

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