Journal Mittwoch, 14. Juli 2021 – Zahnreinigung mit Überraschung

Donnerstag, 15. Juli 2021 um 6:42

Wieder fast durchgeschlafen, ich genieße das sehr.

Morgens eine Waschmaschine mit Handtüchern und Bettwäsche gefüllt; Herr Kaltmamsell arbeitete gestern von daheim und konnte sich kümmern.

Gleich nach Eintreten des vollen Impfschutzes hatte ich den jährlichen Check bei der Zahnärztin inklusive Zahnreinigung vereinbart, beides trat ich morgens vor der Arbeit an und nahm dorthin die U-Bahn. Ich war so früh dran, dass ich eine Station früher ausstieg und in der grauen, aber trockenen Kühle die Leopoldstraße entlang ging.

Freudiges Wiedersehen mit der vertrauten Zahnreinigerin, gründliche Untersuchung durch die vertraute Zahnärztin (alles ok), Austausch zu Befinden. Zu meiner Überraschung erfuhr ich, dass viele Patientinnen nach einer Hüftprothesen-OP darauf bestehen, bei Zahnreiningung vorbeugend Antibiotika zu bekommen (wegen der kleinen Entzündungen, die enstehen könnten). Ich lehnte das wiederholte Angebot ab, denn zum einen ist die Wunde doch lang verheilt, zum anderen möchte ich bitte so selten wie möglich Antibiotika bekommen, damit sie im Erntsfall auch wirklich wirken und nicht auf Resistenzen treffen. Abends recherchierte ich meiner Überraschung hinterher: Ja, tiefe Zahninfekte stellen für Endoprothesen ein Infektionsrisiko dar (wie alle größeren bakteriellen Infekte im Körper), gerade im ersten Jahr nach OP, weil da die Heilung noch im Gang ist. Nein, es gibt dabei keinen Hinweis auf Nutzen von prophylaktischer Antibiotika-Gabe.

Das dauerte alles ein Weilchen, und dann musste ich ja auch noch in die Arbeit (WIE? ERST MITTWOCH?!).

Mittags verließ ich das Haus nochmal: Anfassen bei Frau Physio, in der OP-Narbe weiterhin schmerzhafte Verhärtungen.

Brotzeit zurück im Büro: Eine Körnersemmel mit Tsatsiki, das ich am Vorabend mit jungem Knoblauch und Gurke aus Ernteanteil zubereitet hatte. Anschließend hatte ich einen Knoblauchatem, der auch kleinere Säugetiere hätte töten können. Auch diese profitieren also von der FFP2-Maskenpflicht.

Nach der Arbeit nutzte ich meine MVV-Tageskarte für eine Fahrt zum Ostbahnhof und einen Einkauf beim benachbarten Mittemeer: ein wenig Spanisches.

Wieder sorgte Herr Kaltmamsell für Abendessen: Er hatte aus dem Bund frischem Oregano des Ernteanteils Pesto gemacht, das gab’s mit ein paar Mafaldine, dann Käse, dann Süßkram.

Dienstagabend hatte ich die Lektüre von Nora Bossongs Schutzzone nach 50 mühsam erlesenen Prozent abgebrochen: Es interessierte mich einfach null, wie es weiterging, auch die Personen waren mir egal, inklusive der Erzählerin, die für die Vereinten Nationen durch die Welt reist und neben politischen Verhandlungen poetischen Sex hat (nicht mit denselben Menschen). Mich nervte unter anderem, wie diese Erzählstimme aus jedem Millimeter der Gesten und Mimik von Menschen in ihrer Umgebung ganze Kurzgeschichten liest. Zadie Smith hingegen hat mich noch nie enttäuscht, ich lud mir als nächste Lektüre ihr Grand Union aufs Lesegerät.

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Wie wunderbar: Jetzt kann ich auch einen deutschsprachigen Text verlinken, der die Mythen rund um das Korsett im Lauf der Jahrhunderte auseinander nimmt – bislang kannte ich nur die von englischsprachigen Historikerinnen. Fachfrau Katlin Morris schreibt über:
„#KorsettGate: Die Geschichte hinter den Korsettmythen in historischer Fiktion“.

via @miriam_vollmer

Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts ranken sich um das eigentlich simple Stück Unterwäsche abenteuerliche Mythen, die von Atemnot durch zu enges Einschnüren bis hin zum Tod durch gebrochene Rippen oder gar Fischbein, das sich ins Herz gebohrt hat, reichen. Paradoxerweise werden die Darstellungen des Korsetts als anti-feministisches Werkzeug des Patriacharts, das Frauen einschnüren und bewegungsunfähig machen soll, in den letzten Jahren immer übertriebener, obwohl immer mehr widerlegende Forschung zum Thema frei zugänglich einsehbar ist.

(Hier auch ihr älterer Artikel „Die Geschichte des Korsetts“.)

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Tipps in Form eines Twitter-Threads für alle Menschen, die in privilegierten Positionen sind (z.B. weiß, nicht behindert, cis-geschlechtlich, heterosexuell, deutsch gelesen usw.): Fragen, die man sich als solche*r beim Weitergeben rassistischer Erlebnisse stellen sollte.

(Ich tu mich ja leicht, weil mir vor allem „Wie ich mal wieder als Verbündete versagt habe“-Geschichten einfallen. Und die sind mir zu peinlich fürs Teilen.)

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In Amsterdam haben sich Fischreiher angesiedelt – mitten in der Stadt.

die Kaltmamsell

1 Kommentar zu „Journal Mittwoch, 14. Juli 2021 – Zahnreinigung mit Überraschung“

  1. obadoba meint:

    „Ja, tiefe Zahninfekte stellen für Endoprothesen ein Infektionsrisiko dar“

    Das ist das, was mir sowohl mein Orthopäde als auch der Chirurg nach der OP eingeschärft haben.

    Wobei sie nicht dafür plädierten, prophylaktisch Antibiotika zu nehmen, sondern beim leisesten Verdacht auf eine Entzündung beim behandelnden Arzt unbedingt auf die Prothese hinzuweisen.

Beifall spenden: (Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

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