Archiv für August 2021

Lieblingstweets August 2021

Dienstag, 31. August 2021

Urlaub hin oder her – ich freue mich ja auch, wenn ich die später hinterherlesen kann.

Journal Montag, 30. August 2021 – Berlin 1: Anreise

Dienstag, 31. August 2021

Aufgewacht zu ausgesprochen energischem Regen.

Morgenkaffee, Fertigbloggen, Kofferpacken, für die Reise gleich mal die Ersatzschuhe angezogen (eigentlich einzupacken für den Fall, dass die Hauptschuhe auch über Nacht nicht trocknen), denn die würden sicher nass werden. Kurz vor Aufbruch griff ich noch in die Winterschublade und zog einen Schal heraus, um den ich schnell dankbar war. Unterm Regenschirm zum Bahnhof gerollkoffert.

Ereignislose Zugfahrt nach Berlin Hauptbahnhof in den traumhaften viereinhalb Stunden, die einen Flug zu wirklich keiner erstrebenswerten Alternative machen (mit Schnäppchenticket 1. Klasse), Unterwegs-Snack ein Eiweißriegel. Die Rückfahrt wird deutlich anstrengender: Den gebuchten direkten Zug gibt es ohnehin nicht mehr, und es sind Streiks angekündigt.

Ich las Megan Abbott, Dare me aus – na ja: Leider fand ich die Geschichte um tödliche Intrigen in einem Cheerleader-Team überspannt, künstlich dramatisiert erzählt und nicht glaubwürdig.

In Berlin regnete es deutlich weniger, ich brauchte nur einen Teil der Strecke zum Hotel einen Schirm. Was mir gleich mal positiv auffiel: Die Radwege mit physischer Abgrenzung zum Autoverkehr auf der Invalidenstraße.

Wir checkten im Hotel Oderberger ein, auf das ich mich schon lange freute (ja, man wollte unsere Impf-Zertifikate sehen), und bezogen unser Maisonette-Zimmer. Ich buchte Tickets für die Gemäldegalerie und verabredete uns für Dienstagabend nach der Vorstellung im Friedrichsstadtpalast (schöne Frauen mit endlosen Beinen und Federpuscheln auf dem Kopf!).

Bis zur Abendessensreservierung war noch Zeit für Blödschaun und eine Folge Queer as Folk, das in der arte-Mediathek (im Original!) angeboten wird. (Ich fürchte, ich kann TV-Serien wirklich nicht, ich sah die übliche Soap, nur halt mit queeren Menschen.)

Fürs Abendesse gondelten wir mit der S-Bahn nach Schöneberg: Wir waren einem Tipp meiner Leib-und-Magen-Rezensentin Frau Indica zum Wein-Lobbyisten gefolgt (ja, man wollte unsere Impf-Zertifikate sehen).

Gegen den Hunger gab es Rindertartar, Oliven, Jahrgangssardinen aus der Dose, Flammkuchen sowie frisches Sauerteigbrot mit Kürbiskernbutter, alles sehr gut (man beachte die Sardinenraushebegabel).

An Wein eine echte Entdeckung: Der Cabernet Blanc vom Weingut Schmalzried in Württemberg schmeckte mir in seiner frischen Vielschichtigkeit ausgezeichnet. Wir waren die ersten Gäste des Abend gewesen und gingen auch als erste. Zurück im Hotelzimmer bestellte ich gleich mal ein Kistlein des Weins.

§

Noch eine Stelle, an der man Urlaub per Bahn statt mit Auto attraktiver machen könnte: Radtransport. Oder überhaupt ermöglichen, Vanessa Giese schildert die Umstände ihrer kürzlichen Anreise zu einem Radlurlaub in Dänemark (ich argwöhne ja, dass große Teile der Deutschan Bahn von der Autolobby gelenkt werden):
„Dänemark, Teil I: Grundmoränen und ein Besuch bei Gorm dem Alten“.

Journal Sonntag, 29. August 2021 – Zwischen den Reisen

Montag, 30. August 2021

Bessere Nacht, aber viel zu früh wach geworden.

Nach so viel Menschenkontakt in geschlossenen Räumen machte ich doch mal wieder einen Schnelltest. Ja, auch geimpft kann man sich infizieren, wenn auch mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit. So wie man auch mit Empfängnisverhütung schwanger werden kann, aber deutlich weniger wahrscheinlich. Die Inzidenz ist bei Ungeimpften zehn Mal höher, und 94 Prozent der Corona-Erkrankten, die in Deutschland derzeit auf Intensivstationen behandelt werden müssen, sind nicht geimpft.

Briefwahlunterlagen beantragt. Wahlhelferin bin ich in einem Wahllokal, da muss ich nicht ein zweites mit Präsenz belasten. Und da meine Wahlentscheidung auf Partei- sowie Wahlprogramm basiert, zudem auf dem Profil der Kandidat*innen meines Wahlbezirks und nicht auf aktuellen öffentlichen Auftritten von Partei-Repräsentant*innen, wird sich an ihr nichts mehr ändern. (Kann es sein, dass die tatsächliche Bedeutung des Kanzleramts, unabhängig von den in der Verfassung festgelegten Befugnissen, überschätzt wird? Und diese für die Bundespolitik überschaubar ist, weil stark durch Partei und Koalitionspartner beschränkt? Auf EU-Ebene ist sie wohl groß, auf sonstiger internationaler Ebene mittelgroß.)

Der Plan, am frühen Nachmittag In the Heights in den Museumslichtspielen anzusehen, scheierte an ausgebuchter Vorstellung. Also erweiterte ich meine geplante Sportrunde (Krafttraining Rumpf und Oberkörper) um ein paar lange vernachlässigte Hüftreha-Übungen (jep, sollte ich öfter machen) und legte mich anschließend in ein Vollbad. Ausgiebige Körperpflege mit einmal alles.

Frühstück um zwei: Nektarinen mit Sahnequark und Weizenkleie.

Mit einer Siesta Schlaf nachgeholt.

Wer viel Wäsche wäscht, hat auch Bügelwäsche. Doch in einer guten Stunde war sie erledigt.

Es zog mich doch noch an die frische Luft, man soll ja nach einer Wanderwoche nicht abrupt mit dem Draußen aufhören. Als es gerade mal nicht regnete, spazierte ich an die Isar, als Talisman hatte ich einen Schirm dabei.

Ende August, und die Spazierenden waren in Wollpulli, Anorak, Parka unterwegs. Aber ich sah noch viele, viele Schwalben über der Isar.

Unterwegs hatte ich viel an die bevorstehende Berlin-Reise gedacht, ich legte schon mal die Kleidung dafür raus.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Nudeln aus Kichererbsenmehl (gut! leicht süßlich und nussig) mit frischen Steinpilzen (Samstag am Viktualienmarkt gekauft), Zucchini und Belugalinsen in Sahnesauce, dazu gab es grünen Salat. So gut! Ich aß gleich zwei Portionen. Nachtisch Schokolade.

Auf arte lief Der mit dem Wolf tanzt, den guckten wir noch eine Weile. Möglicherweise geht der Film vor allem deshalb in den Geschichte ein, weil er einen nie abreißenden Strom an Anspielungen in Zeitungsüberschriften begründet hat. Doch er war 1990 in vielerlei Hinsicht eine echte Sensation, vor allem durch die differenzierte Darstellung der Lakota und ihrer Sprache – auch wenn gerade Letzteres von manchen Lakota wegen Fehlern kritisiert wurde. Den Soundtrack habe ich so viel gehört, dass mir der Film bis heute präsent ist.

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Lesenswerte nüchterne Gedanken von Bloggerin Herzbruch zur Forderung nach Übernahme politischer Verantwortung für aktuelle Missstände in und um Deutschland. (Aber mit Nüchternheit lassen sich schlecht Pointen setzen und Retweets generieren, das mag erklären, warum man sie so selten im Internet findet.)
„The State that I am in“.

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Morgens blieb ich an der Website von Martin Moser hängen, der Schuhe und andere Gegenstände aus archäologischen Funden nachbaut.

Vielleich mögen Sie mit dieser Pharaonen-Sandale anfangen, deren Vorbild etwa 4000 Jahre alt ist.

via @Hystri_cidae

Hier der Vergleich, wie die nachgebauten Schuhe mit Vorbild aus dem 3. Jahrhundert nach Christuns nach sieben Jahren Tragen aussehen.

Diese Schuhe könnte ich mir heute noch an meinen Füßen vorstellen:
Aus dem Grab von Tutenchamun.
Römische Schuhe aus dem 2. Jahrhundert nach.
Niederländische Schuhe aus dem 4. Jahrhundert nach.
Aus York, 9. Jahrhundert.
Männerschuhe von 1750.

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Apropos Wahl.

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https://youtu.be/USoiJgmW4Aw

Journal Samstag, 28. August 2021 – Bayerischer Wald 7: Rückfahrt, Heimkommen in München

Sonntag, 29. August 2021

Diese Nacht dann mit zwei Stunden Schlafpause. Nicht mal Lesen machte mich schläfrig, ich stand auf, setzte mich in die Bettdecke gewickelt an den Rechner und stellte die Bilder für den Blogpost fertig.

Gepackt war morgens schnell, trotz Gerädertheit von schlechter Nacht. Wir nahmen nach Frühstück/Morgen-Cappuccino die Halb-Zehn-Waldbahn zurück nach Plattling, von dort die Regionalbahn. Das Wetter war wieder grau, kalt und regnerisch, auch bei unserer Ankunft in München.

Vor unserem Wohnhaus sahen wir gleich mal ein rotes Eichhörnchen, dann trippelte einen Meter vor meinen Füßen ein winziges, kugliges Mäuselein in die Hecke. Willkommen daheim.

Immer spannend beim Heimkommen nach Urlaub: Der Geruch der eigenen Wohnung, den man ja beim Bewohnen nicht wahrnimmt – das eigene Zuhause riecht gar nicht. Jetzt aber erschnupperte ich etwas, und ich fand es zum Glück angenehm.

Koffer auspacken, ich füllte die erste Waschmaschine. Mit Herrn Kaltmamsell besprach ich die Essenspläne für Samstag und Sonntag, Montag reisen wir nach Berlin. Wir teilten uns die Einkäufe auf und ich zog mit Regenschirm los.

Die Innenstadt war voll wie vor der Pandemie, ich hatte bereits vergessen, wie gründlich das zügiges Einkaufgehen behindert. Am Viktualienmarkt stand ich um Blaubeeren und Pilze an einer Schlange an – dachte ich: Als sich gar nichts bewegte, erinnerte ich mich daran, dass die meisten Rumsteher vor Ständen früher vor allem am Samstag Touristen waren. Ich fragte also laut: „Steht hier irgendjemand an?“ – Und schon zerstob die scheinbare Schlange, es blieben zwei Einkäufer*innen vor mir übrig.

Abstecher im Eataly, dann ging ich Stop-and-go in die Kaufingerstraße zum Bodyshop. Und erschrak, weil auch der zugemacht hat (nach meinem langjährigen Stammladen in der Sendlinger Straße). Einer fiel mir noch ein: im Stachus-Untergeschoß. Den gab es tatsächlich noch, die Verkäuferin versicherte mir, dass es für diese Filiale keine Schließungspläne gebe (aber wüsste sie diese?). Vorsichtshalber kaufte ich die benötigten Produkte (Oliven-Körperbutter und Oliven-Körperlotion) gleich doppelt ein, ich rechne ja seit Jahren mit dem Verschwinden des Unternehmens.

Zurück daheim aß ich vernünftig eine Schale Weizenkleie mit Milch. Beim Knopfannähen fiel mir aus meinem Nähkästlein ein Werkzeug entgegen, das ich seit Teenagerjahren besitze und eigenartigerweise all die Jahre unnütz aufbewahrt habe.

Das ist eine Verlängerung des Schiebergriffs von Jeans-Reißverschlüssen aus den 1980ern.

Hintergrund: In den 80ern waren neben den ikonischen Karottenhosen auch Röhrenjeans angesagt – Teil des Fifties-Revivals (hier ein Beispiel). Die ideale Passform dieser Röhrenjeans war knalleng. Doch Stretch-Material gab es damals noch nicht, das bedeutete: Frisch gewaschen war eine als knalleng gekaufte Jeans nur mit enormer Anstrengung auch nur über Beine und Hüften zu ziehen. Dann noch den Reißverschluss zu schließen, war allerdings nahezu unmöglich und kostete so manchen Fingernagel. Abhilfe schaffte das abgebildete Werkzeug (Werbegeschenk von Rosner, das war damals ein angesagter Hosenhersteller mit Sitz in meiner Geburtsstadt und Werksverkauf in der Nähe meines Elternhauses): Es verlängerte den Griff.

Ich legte die Reißverschlussverlängerung zurück ins Nähkästchen: In 20 bis 30 Jahren könnte sie Erleichterung bei altersstarren Fingern bedeuten.

Mehr Waschmaschinenfüllungen und Wäscheaufhängen. Ich gönnte mir eine ausführliche Runde Rückenyoga.

Aufs Abendessen hatte ich richtig Appetit: Herr Kaltmamsell hatte auf meine Bitte Shakshuka gemacht, es gelang ihm besonders gut – und die Eier hatte meine Mutter dagelassen, sie waren von den glücklichen Hühnern an der Ingolstädter Antoniusschwaige gelegt worden.

Zum Nachtisch gab es die Blaubeeren (so lala, sie waren offensichtlich vor einigen Tagen gepflückt) und Schokolade.

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An diesem Haus im Westend gehe ich oft vorbei. Jetzt weiß ich, was sich darin abspielt – aus einer wundervollen Multimedia-Reportage der Süddeutschen (€):
„Ein Leben im Ledigenheim“.

Frauenbesuch ist verboten, um zehn ist Nachtruhe und einmal die Woche wird geputzt: Im Westend wohnen knapp 400 bedürftige Männer in einem alten Backsteinbau. Das Heim ist eines der letzten seiner Art in Europa – und ein großes Glück.

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Das British Museum zeigt gerade eine Ausstellung über den römischen Kaiser Nero. Mary Beard erklärt ihre Lieblingsstücke.

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https://youtu.be/Hywug2mmoQc

Journal Freitag, 27. August 2021 – Bayerischer Wald 6: Zwiesel und Nationalpark-Wanderung bis Bayerisch Eisenstein

Samstag, 28. August 2021

Doofe Nacht mit langer Schlafpause, irgendwann gab ich auf und las auf meinem Handy schon mal die Freitagszeitung (Roman auf Papier hätte Licht benötigt, mit dem ich fürchtete, den Herrn neben mir zu wecken). Kurz vor sechs schlief ich aber nochmal ein.

Es war gemischtes Wetter angekündigt, und wir hatten im Restaurant des Grenzbahnhofs von Bayerisch Eisenstein, Vo’Gunders (keine Website), auf die Empfehlung von Lempel fürs Abendessen reserviert. Bis dahin wollten wir noch ordentlich wandern, vorher ein wenig Zwiesel erkunden.

Wir nahmen eine frühe Waldbahn nach Zwiesel und spazierten hoch zur Pfarrkirche. Dort sahen wir uns lange die Buntglasfenster an, an denen die jeweiligen Stifter*innen genannt und die mit 1912 bis 1915 datiert waren. Sie zeigten sowohl traditionelle (die „Jungfrauen der Stadt Zwiesel“ spendierten natürlich eine Heilige Agnes) als auch zeitgenössische Motive, am auffallendsten in einer Seitenkapelle Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg (ein Zettel im Schaukasten darunter, der den Gefallenen des eben zu Ende gehenden Afghanistan-Einsatzes gedachte, rückte das Motiv brutal nahe).

Plan war gewesen, nach einem Spaziergang durch die Stadt in einem Café einzukehren und ein wenig zu lesen. Doch – das ging nicht so recht. Zwiesel hatte etwas von Geisterstadt und deprimierte mich ziemlich: So viele Leerstände. Und darunter halt auch Wirtschaften sowie alle Cafés oder Konditoreien mit Café, an denen wir vorbeikamen. (Wie passt das zu der Information, der Bayerwald boome derzeit als Urlaubsdestination? Sind Zwiesel besonders viele Kurkliniken weggebrochen?) Zum Glück hatte ich eh geplant, die örtliche Kaffeerösterei anzusteuern, eine der zehn Hauptattraktionen, die die Stadt selbst aufführt. Darin gab es auch ein paar Tische, und wir bekamen Kaffee: In Form von Espresso und in Form von einem Pfund Bohnen, die wir halt auf der Wanderung trugen.

Um zwölf nahmen wir eine Waldbahn nach Ludwigsthal. Hier drehten wir erst eine Runde über die Wildgehege, bevor wir uns auf die eigentliche Wanderung durch den Nationalpark Felsenstein bis Bayerisch Eisenstein machten. Wir kamen durchs sehr attraktive Wildniscamp Felsenstein, wanderten unter anderem den Schwellbach entlang (wo uns zwei sehr niedliche Grasfrösche begegneten), machten nach gut drei Stunden Brotzeitpause neben dem wildromantischen Schwellhäusl, wo ich einen Apfel aß, wanderten weiter Richtung Bayerisch Eisenstein – und weil wir für unsere Reservierung noch zu früh dran waren, drehten wir eine Extrarunde über den Hochfels.

Das Wetter hielt, wir wurden nur hin und wieder von ein paar Tropfen angeregnet, allerdings fand ich es für August deutlich zu kalt. Der alte Körper spielte sowohl bei Herrn Kaltmamsell als auch bei mir mit. Wir begegneten nur wenigen anderen Wandernden, die Radler*innen hatten entspannenderweise ihre eigenen Wege – und blieben darauf.

Sehr hungrig kehrten wir in den Bahnhofsgasthof ein. Der Raum ist großartig und ließ mich erwarten, dass wir in einem Salonwagen zurück nach Bodenmais fahren würden. Wir aßen gut: Nach einem Gruß aus der Küche (Wurstsalat) gab es für uns beide Wildkräutersalat mit gebratenem Taleggio, dann für Herrn Kaltmamsell Seeteufel in Schinken mit Frischkäse-gefüllten Ravioli, für mich eine mit u.a. Mais gefüllte gebackene rote Paprika. Dazu trank ich einen freundlichen Veltliner. Die Kochkunst ist kein Zufall: Der namengebende Wirt Mathias Gunder, gebürtiger Eisensteiner, hat in hochklassigen Häusern auf der halben Welt gekocht. Ein Träumchen wären auch noch lokale Zutaten (z.B. in der Nähe produzierter Käse statt Taleggio, ein Gemüse- oder Linsengericht mit örtlichen Ölen statt der Venusmuscheln auf der Karte), aber zum einen wird vielleicht wirklich im Bayerischen Wald einfach nichts angebaut oder produziert (außer Fleisch und Schnaps), zum anderen haben uns die gastronomischen Tiefschläge dieser Woche doch sehr dankbar und demütig werden lassen.

Satt und zufrieden ließen wir uns mit der Waldbahn zurück nach Bodenmais schaukeln – wo es auf den letzten Metern zu unserer Pension nochmal ordentlich zu gießen begann.

Stadtkirche Zwiesel von außen.

Innen interessante Stühle – und Glasfenster.

Rüber zum Nationalpark Falkenstein:

Wir sahen ein paar Auerochsen, doch Wölfe und Luchse hatten gerade keine Lust auf Show.

Wildniscamp:

Am Schwellbach (ganz am Anfang Rastplatz mit lustigem Sprotzbrunnen):

Einer der beiden Frösche auf dem Weg (Foto: Herr Kaltmamsell):

Schwellhäusl/Trifthaus:

Viel Wald:

Blick vom Hochfels:

Pfarrkirche Bayerisch Eisenstein: St. Johannes Nepomuk.

Das Abendessen im Vo’Gunders:

Wunderschöner Raum.

Wildkräutersalat mit gebratenem Taleggio. (Brot dazu mit gesalzener Butter und einer wundervollen Aioli.)

Gefüllte Paprika bei mir, Seeteufel bei Herrn Kaltmamsell.

Vollgefressen vor Rückfahrt.

Im Pensionszimmer bloggte ich noch bis spät, am nächsten Morgen würde ich wegen der Rückfahrt-Vorbereitungen wenig Zeit dazu haben.

Journal Donnerstag, 26. August 2021 – Bayerischer Wald 5: Rumgammeln in Bodenmais

Freitag, 27. August 2021

Nachtschlaf mit unruhiger Pause, das Bier war’s also wohl doch nicht das Heilmittel, wenn es zweimal hintereinander nicht hilft. Aufgewacht zum angekündigten Dauerregen.

Wir planten für den Regen einen Ruhetag mit ein wenig Erkundung von Bodenmais. Hatten allerdings die Tücke des Regens unterschätzt: Ich hätte zur Superduper-Wanderjacke auch die wasserabweisende Wanderhose anziehen sollen, nach Verlassen der Pension am Vormittag war meine Jeans innerhalb von zehn Minuten klatschnass. Für den ersten Stopp (dringend nötiger Hosenkauf in einem „Oulet“) ließ ich die tropfende Jacke beim draußen untergestellten Herrn Kaltmamsell. Wir waren kurz davor umzukehren und den Rest des Tages im Pensionszimmer zu verbringen, als der Regen versiegte. Also sahen wir uns im schönen Bodenmais um.

Es gibt einen Twitter-Kanal „Pictures of the end“ – wäre er nicht englischsprachig, reichte ich das Foto hier ein.

Doch wir guckten uns auch die Kirche an, die wir in den vergangenen Tagen über dem Ort thronen hatten sehen.

1805 erbaut, eine alte, baufällige Kirche ersetzend, barockisierende Ausmalung stammt von 1924. Centerpiece: eine Schwarze Madonna, wundertätig (als man sie einmal aus der Kirche trug, kam PLÖTZLICH die Sonne heraus).

Sowas hat man hier in der Gegend gern: Ehrentafeln für verdiente Bürger*innen.

Wegen Religionsfrieden (ich war schließlich mit einem gebürtigen Augsburger unterwegs) schauten wir auch zur evangelischen Kirche. Außerdem suchten wir nach dem Schornstein, den man aus vielen Ecken sieht, um herauszufinden, wozu er gehört.

Wir fanden das Gelände, aber dort findet nichts mehr statt. Abschließend folgten wir einem Schild, das in einer Schnapsbrennerei nicht nur das dort Gebrannte anbot, sondern auch Pralinen. Sie stellten sich als frische Konditor-Pralinen heraus, ich kaufte ein.

Viel mit Herrn Kaltmamsell über Politik gesprochen, zum ersten Mal systematisch seine politischen Ansichten und Gedanken hinter seiner aktuellen Wahlunterscheidung erfragt – macht man ja nie bei Menschen, die man schon lange kennt, und so beruhte meine Einschätzung eher auf Vermutungen.

Gammeln in der Pension: Ich aß einen Flapjack und las dann Internet am Panoramafenster des Frühstückraums. Entgegen der Vorhersage schien immer wieder die Sonne, es regnete nicht nochmal. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, etwas zu verpassen: Ich genoss den Ruhetag, an den drei vorherigen Tagen war ich viel gelaufen.

Auf dem Zimmer Romanlesen, Zeitunglesen. An der eben gekauften Hose löste sich gleich mal ein Knopf. Ich griff zum Nähzeug, das das Zimmer bereitstellte – und stieß zum ersten Mal im Leben auf eine Nähnadel, deren Öhr zu klein für den Faden war. Nein, das hatte nichts mit schwächerem Augenlicht zu tun, auch Herr Kaltmamsell versuchte sich und kam zu dem Schluss, dass ein Einfädeln schlicht unmöglich war. Werde ich den Knopf also erst daheim annähen.

Fürs Abendessen hatten wir wieder Fremdländisch reserviert, diesmal im chinesischen Lokal. Die Speisenkarte dort bot nicht mal echte deutsche chinesische Küche, sonder deutsche Take-away chinesische Küche, doch wir bekamen rundum gut gemacht: Gemüse mit Tofu, knusprige Ente und gebratene Nudeln mit Rind und Gemüse. Dazu schmeckten mir zwei Radler. Schon bei der Reservierung war uns eingeschärft worden, dass wir nur mit Impf-Zertifikat reinkommen würden, auch sonst wurden die aktuellen Pandemie-Maßnahme so streng eingehalten wie sonst nirgends hier.

Zurück in der Pension gab’s ein paar frische Pralinen zum Nachtisch.

Was mir am Vortag wieder klar geworden war, als wir die erste Hälfte der Wanderung fast nur felsig bergauf unterwegs waren, das letzte Drittel felsig nass berab: Bergwandern ist nicht meine liebste Wanderform, weil ich zu wenig dabei sehe. Wenn ich bei jedem Schritt darauf achten muss, wohin ich meinen Stiefel setze – sonst Risiko des Umknickens oder Abrutschens und Hinfallens -, bekomme ich nichts links und recht neben dem Weg mit. Das fiel mir gestern auf, als ich nicht einmal hätte sagen können, aus welchen Bäumen auch nur der Wald bestand, den ich in der vorherigen halben Stunde durchklommen hatte. Die sportliche Seite ist am Berg interessant, aber ich vermisse das Gucken und Horchen, das mir die bequemeren Wege abseits von Bergen bieten.

Journal Mittwoch, 25. August 2021 – Bayerischer Wald 4: Mit allen anderen auf dem Großen Arber

Donnerstag, 26. August 2021

Gestern war der einzige sonnige Tag unserer Urlaubswoche angekündigt. Wir überlegten also gründlich, welche Wanderroute am meisten von ihm profitieren würde und entschieden uns für eine Runde um Großen und Kleinen Arber. Es stellte sich heraus: Wie halt alle, alle derzeit im Bayerischen Wald Urlaubenden auch – so voll habe ich Wanderwege zuletzt im Voralpenland während der pandemischen Bewegungseinschränkungen erlebt. Und wir sprechen hier nicht nur von Wanderwilligen: Viele nutzten den Berg gestern für Sport, von Trekking (sehr schnelles Wandern in Turnschuhen) über Nordic Walking bis Radeln mit Motor oder ohne. Dazu sehr viele Hunde (deutlich mehr als Kinder), ein Drittel davon nicht angeleint (trotz zahlreicher Schilder, die Hunde in diesem Naturpark nur an der Leine zulassen).

Die Tour selbst war eigentlich schön: Meist schien die Sonne, es gab wundervolle Himbeeren, Blaubeeren, auch großartige Ausblicke, und ich schaffte es die meiste Zeit, die Menschenmassen skurril und witzig absurd zu finden. Mein Humor versiegte leider beim Versuch, auf den Kleinen Arber zu kommen: Auf dem schmalen, felsigen und matschigen Steig zum Gipfel mussten wir alle paar Schritte anhalten, um Leute vorbei oder herunterwärts zu lassen – 50 Meter vor ganz oben kapitulierte ich und bat um Umkehren.

Unterm Strich waren wir sieben Stunden mit zwei ausgiebigen Pausen und 20 Kilometer unterwegs, das ging körperlich erstaunlich gut – lag sicher am wieder zur Sicherheit angeklebten Tape.

Eine Ahnung vom Ausgang des Tages bekamen wir, als auf den meist Bürgersteig-freien Bodenmaiser Straßen vor lauter Autos schon kein Platz für Fußgänger beim Anmarsch zum Start der Wanderung war, wir mussten uns mehrfach in die Büsche drücken. Mein Fehler, es gibt in unserer Welt nur Anfahrt zum Wanderparkplatz.

Weder das eine noch das andere wurde konsequent beachtet.

Auf dem ersten Teilabschnitt bis zu den Rieslochfällen legten wir hin und wieder einen Zwischenspurt ein, um anderen Wanderern aus dem Weg zu gehen, zum Beispiel um genügend Abstand zu Steine werfenden Kindern zu schaffen.

Die Wasserfälle hatten wir ja schon am Montag im Regen und nahezu allein gesehen, wir wanderten zügig weiter.

Am Fuß des Großen Arber entdeckte ich, dass dort die vielen, vielen Blaubeerbüsche, an denen wir ständig vorbeikamen, nicht abgeerntet waren. Ich brockte eine Hand voll, es gab sie als Snack.

Auch Himbeeren konnte ich immer wieder naschen.

Großer Arber von unten:

Kreuzen einer Rinderweide mit sehr lautem Kuhglockengeläut und viel Muh.

Die aufregenste Blumenentdeckung gestern:

In der Nähe der Blumen machten wir auf einem Stein nach gut zwei Stunden Wanderung Pause und tranken etwas Wasser.

Oben auf dem Großen Arber war die Hölle los, ungefähr so ging es am Ende des Jakobswegs in Finisterre zu: Es mischten sich Auto-Gefahrene, Seilbahnnutzer*innen, Wandervolk und Sportleri*innen, wir hörten praktisch alle deutschen Dialekte. Schwankend zwischen Unglauben und Amüsement stapften wir den ausgeschilderten Gipfelrundweg ab, aufs Erklettern der Gipfel hatte ich wirklich keine Lust (nicht im Bild: die zusätzlichen E- und Mountainbiker):

Man nennt den Großen Arber ja auch den Marienplatz des Bayerischen Waldes. (Oder man sollte es.)

Aber: Aussicht.

Über ein Stück breiten Schotterweg gingen wir hinüber zum Kleinen Arber – Kolonnenwandern. Auf dem Weg zum Gipfel nahmen wir erst mal eine falsche Abzweigung – was uns schnell klar wurde, als plötzlich um uns keine Menschen mehr lärmten, Stille einkehrte und wir sogar Vögelchen hörten.

Zurück auf dem richtigen Weg verließ mich eben die Laune: Der Ausblick vom Gipfel war mir egal, ich wollte nur weg von den Menschen, hier auf dem Weg nach unten.

Herr Kaltmamsells Routenplanung führte uns danach zurück in einsamere und idyllische Gegenden: Wir stiegen entlang des Schwellbachs ab, machten unterwegs nochmal Pause, ich aß einen Apfel.

Zusammenfluss von Schwellbach und Arberbach:

Zurück in Bodenmais hatten wir erstmals einen klaren Blick auf den Silberberg.

Gegen fünf kehrten wir zum Abschluss des Wandertages direkt in den Brauereigasthof Adam ein: Die Brotzeitbrettln hatten attraktiv ausgesehen, und das Pils hatte besonders gut geschmeckt. Erstmals wollte man unsere Impf-Zertifikate sehen (vielleicht kommt auch sowas hier verzögert an). Während wir auf einen Tisch warteten, erkundigte sich ein englischsprachiges Paar nach einer vegetarian option. Die Bedienung ging die Tageskarte mit ihnen durch, Slapstick live: „Meat, meat, meat, fish, salad – but with meat.“ Die beiden gingen wieder.

Bei uns gab es einmal Braumeister-Brettl:

Einmal Jäger-Brettl:

Wir waren zufrieden.

Zurück im Pensionszimmer war es immer noch warm, durch die offene Balkontür ließen wir echte Augustgerüche ein. Zur Abenunterhaltung lief Grey’s Anatomy – in den aktuellen Folgen wird praktisch ganz auf medizinische Inhalte verzichtet (also auf das, was Ärzteserien für mich attraktiv macht), die zwischenmenschlichen Interaktionen und Dramen finden eher zufällig in einem Krankenhaus statt.


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