Journal Samstag, 23. Oktober 2021 – Kunst-Verwandtschaft und Klassentreffen

Sonntag, 24. Oktober 2021 um 12:48

Nach dem frühen Einschlafen schon um halb sieben frisch aufgewacht. Zuletzt war ich im Traum mit der Bahn in Italien unterwegs gewesen, hatte im Hotel in Rom gemerkt, dass ich noch kein Zugticket für die Weiterfahrt gebucht hatte und machte das schnell mal vom Handy aus.

Wach also auch gleich mal mein Zugticket für den Tag gekauft, allerdings vom Rechner aus, mit dem Handy funktioniert das derzeit nicht. Gestern war nämlich Klassentreffen 35 Jahre nach dem Abitur, den Termin in Ingolstadt wollte ich auch für anderes nutzen und schon vormittags fahren.

Ausblick vom Küchenbalkon mit Wolkendrama.

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt derzeit steil (wie von den Expert*innen angesichts der Impfquote prognostiziert), die Lage in München:

Die 7-Tage-Inzidenz für München beträgt laut RKI 120,7 (Stand 22.10.). Betrachtet man die 7-Tage-Inzidenz differenziert nach dem Impfstatus der neu Infizierten, so liegt die Inzidenz bei nicht gegen Corona geimpften Personen bei 331,0 und bei vollständig Geimpften bei 36,4 (Stand 21.10.).

Also schwenkte ich wieder konsequent auf FFP2-Maske um – und nahm mir vor, an dem Klassentreffen in einer Gastwirtschaft nur tatsächlich teilzunehmen, wenn 3G dort sorgfältig geprüft würde.

Nach meiner Ankunft am Bahnhof Ingolstadt Audi spazierte ich erst mal zur Bruderfamilie.

Wir setzten endlich den Plan um, dass ich in deren Spotify Premium Account eingebunden wurde, um die Familien-Playlist hören zu können, die ich mir vor Jahren mal zu Weihnachten gewünscht hatte. Funktionierte alles wie von Neffe 1 angeleitet, Bruder stolz, ich freue mich auf das nächste Crosstrainerstrampeln mit spannender Musik.

Wir aßen gemeinsam zu Mittag: Es gab klassische französische Zwiebelsuppe überbacken aus angemessenen, ererbten 1970er-Suppenschalen, spanische Tortillas, Blaukraut-Salat (ich probierte darin erstmals veganen Feta, der mir sehr gut schmeckte), Käsen vom Wochenmarkt, Brote, Weintrauben aus eigenen Anbau – und weitere Leckereien, zu denen ich nach satt nicht mehr kam.

Nachmittag ein besonderer Ausstellungsbesuch, wegen dem ich früher angereist war: Der Vater der Schwägerin, vor 14 Jahren verstorben, hatte zeitlebens künstlerisch gewirkt, Frau Schwägerin hat jetzt eine Ausstellung mit einigen seiner Werke kuratiert und im Marktmuseum Gaimersheim damit seinen Lebensweg nachgezeichnet. Sie führte eine kleine Gruppe von Freunden und Verwandten durch die verschiedenen Stationen und erläuterte Hintergründe, teils auch sehr persönlich, voll Liebe für diesen Menschen, der nie aufhörte, neue Perspektiven und Techniken zu verwenden.

Meine Mutter gehörte auch zur Gruppe, mit ihr fuhr ich zum Elternhaus am Rand Ingolstadts. Plaudern mit Vater und Mutter, bis es Zeit für den Aufbruch zum Klassentreffen war; mein Vater begleitete mich zu meiner Freude auf dem Fußweg, zeigte mir Schleichwege, wies mich auf Veränderungen und Entwicklungen unterwegs hin – anscheinend ist er genauso gerne und neugierig zu Fuß in seiner Wohnumgebung unterwegs wie ich in meiner Münchner.

Zum Klassentreffen trafen sich (nach einem Gottesdienst, den ich ausgelassen hatte, gehalten von einem ehemaligen Mitschüler) knapp 30 Menschen in einem griechischen Lokal in einem der vielen historischen Festungsgebäude Ingolstadts am Rand des Klenzeparks, 3D-Status wurde gecheckt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Ingolstadt nach und nach eine wohnliche Beziehung zur Donau aufgebaut; historisch hatte die Stadtstruktur den Fluss ja immer nur aus militärischer Perspektive gesehen, am deutlichsten an den Festungstürmen auf der Südseite zu sehen, am Turm Baur und Turm Triva. Die vielen und fast durchgehend sehr gut erhaltenen Militärbauten aus dem 19. Jahrhunderts und überhaupt Ingolstadts Militärgeschichte sind im Grunde (neben dem alles dominierenden Unternehmen Audi) das, was der Stadt ein besonderes Profil gibt – deshalb heißt sie ja “die Schanz”.

Zu meiner Überraschung erkannte ich alle problemlos wieder (umgekehrt taten sich manche schwer) und erfuhr in den nächsten Stunden viel Interessantes und Spannendes aus dem Leben meiner früheren Mitschüler*innen (angesprochen waren nicht nur diejenigen, die tatsächlich bis zum Abitur 1986 zusammenwaren, sondern auch fast alle, die irgendwann länger Teil dieser Jahrgangsstufe gewesen waren). Viele verdienen ihren Lebensunterhalt in Branchen, die die Welt zu einer besseren machen, viele sind nach, mitten in oder kurz vor einer grundsätzlichen beruflichen Umorientierung. Die Kindergeneration ist im Studium / in der Ausbildung, um einige abwesende Eingeladene wurde sich wegen schwerer Krankheit sehr gesorgt – neben dem Austausch von Informationen über den eigenen Lebensweg erkundigt man sich auch immer über ehemalige Mitschüler, die aus dem Blick geraten sind. Über einen besonders engen Freund aus Schulzeiten, mit dem ich zuletzt zwei Jahre nach dem Abitur Kontakt hatte, wusste leider weiterhin niemand etwas: Martin Sederer, wenn du irgendwo da draußen bist, oder irgendjemand etwas über ihn weiß – es würde mich sehr freuen.

Ich nahm viele schöne Begegnungen mit, Grüße an Menschen, zu denen sich überraschende Verbindungen gezeigt hatten, und Bilder zu einer meiner Lieblingsbeobachtung: Wie verschieden Menschen altern.

Aus der viele, viele Seiten umfassenden Speisekarte suchte ich mir Kleftiko aus (kam in Pergamentpapier, schmeckte gut), trank ein Glas Retsina dazu, blieb aber sonst bei Wasser (und dem einen oder anderen der regelmäßig auftauchenden Stamperl Ouzo). Um halb zwölf war ich eine der ersten, die sich verabschiedeten. Auch zurück zu meinen Eltern ging ich durch die klare, kalte Nacht zu Fuß, sah in den Wiesen an der Donau viele, viele Kaninchen – sehr niedlich, doch leider mittlerweile eine Plage.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Samstag, 23. Oktober 2021 – Kunst-Verwandtschaft und Klassentreffen“

  1. Croco meint:

    Das hört sich nach einem wunderschönen Tag an.
    Und nach gutem Essen.
    Die Verschwundenen bei einem Klassentreffen kenne ich auch.
    Ich suche schon eine ganze Weile eine Mitschülerin, mit der ich in der Mittelstufe befreundet war. Ihre Verwandtschaft lebt schon lange nicht mehr, sie hat die Bäckerei und alles drumrum verkauft und ist seither nicht mehr auffindbar.
    Einen Martin Sederer Ingoldstadt gibt es beim Googeln. Das ist ein anderer, oder?

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ja, croco, das ist der verstorbene Vater.

  3. PaulineM meint:

    Bei unserem 50sten Klassentreffen in diesem August waren wir nur 6 Frauen (damals reine Mädchenschule). Nach dem anfänglichen Austausch über Wie geht`s, Was machen die Kinder, haben wir ausführlichst darüber gesprochen, wie unser gesamter Werdegang seit dem Abitur verlaufen ist. Ich habe so spannende Biographien, einfühlsame und mutige Frauen unter meinen Mitschülerinnnen entdeckt, die mich tief berührt haben. Jede von uns hatte einen besonderen Twist im Lebenslauf, den man Frauen, die in den 50er Jahren geboren sind, so vielleicht nicht zugetraut hätte. Sehr, sehr beeindruckender Abend.

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