Journal Ostersonntag, 17. April 2022 – Nachdenken über tatsächlichen religiösen Glauben

Montag, 18. April 2022 um 7:24

Beim Einschlafen österlicher Glockendonner von St. Matthäus, ich schloss mal lieber das Fenster. Nachts hatte ich Gelegenheit, es wieder zu öffnen (aber insgesamt eine gute Nacht), nächster Glockendonner vor sechs, Fenster zu.

Ich wachte zu herrlichem Sonnenschein auf, der den ganzen Ostersonntag anhielt – allerdings auch zu bleibender Kälte. Vermutlich sind 12 Grad Höchsttemperatur genau richtig für April, und ich bin das nach all den Jahren mit Talmi-Sommer im Frühling nicht mehr gewohnt.

Ostern mag ich und feiere es gern – auch als Ungläubige kann man Traditionen pflegen, und zu meiner Kultur gehört halt dieses Frühlingsfest mit Eiern, Schokoladenhasen, Glockengebimmel, weil viele Menschen feiern, dass ihr Gott einen – ebenfalls göttlichen – Sohn (von dem sie glauben, dass er gleichzeitig ein Mensch und ein Gott war) geopfert hat und der von den Toten auferstanden ist.

Sollte man mich jemals mit vorgehaltener Waffe zwingen religiös zu werden, nähme ich allerdings lieber eine Religion mit vielen Göttern und Göttinnen, vielleicht die super-integrative des antiken Roms? Sie scheint mir eine erträglichere Erklärung für das Leid in der Welt anzubieten als ein allmächtiger Gott. Auch wenn ich den Katholizismus mit drei Obergöttern und unzähligen Untergött*innen für den Volksglauben namens “Heiligen” ethnologisch nicht so recht als Monotheismus einsortieren kann.

Heutzutage aber haben zumindest in Deutschland die Heiligen ihre Bedeutung wohl verloren – zumindest wenn ich mir die offiziellen Predigten ansehe, die es in die Medien schaffen. Bei dieser Gelegenheit: Ich habe ja gelernt, dass gläubigen Christen und Christinnen die offizielle Glaubenslinie ihrer Religion meist weitgehend egal ist – wenn sie diese überhaupt kennen (fragen Sie eine durchschnittliche Katholikin mal nach ihrer Haltung zur Transubstantiation – gerne auch ohne diesen Begriff zu verwendet). Was mich wirklich interessieren würde: Was ist die tatsächliche Glaubens-Schnittmenge von Christ*innen, gerne auch aufgeteilt in Katholik*innen und Protestant*innen heute? Gibt es solche Erhebungen vielleicht sogar von den Kirchen? In Deutschland wäre eine repräsentative Auswahl für eine Umfrage ja durch die Kirchensteuer besonders leicht. Woran glauben wirklich alle oder die meisten? In welchen Punkten unterscheiden sich die Gläubigen am weitesten? Das Ergebnis wäre wahrscheinlich auch eine relevante Aussage über unsere heutige Kultur.

Gestern testeten wir unsere Idee für künftige Familientreffen bei Schwiegers aus: Herr Kaltmamsell und ich sorgten bei ihnen fürs Essen, damit die lieben und gastfreundlichen, aber halt schon nicht mehr so fitten Schwiegers weniger Mühen haben. Herr Kaltmamsell hatte Fleisch für eine Lammkrone besorgt und eine Sauce gekocht, ich brachte für die Vorspeise Räuchersaibling und Chicoree mit, das Dressing in einem Schraubglas. Und in einem Korb transportierten wir vorsichtig Schälchen mit Crème brûlée. Küche, Getränke, Geschirr stellten die Schwiegers.

Am Augsburger Zielbahnhof stellte sich heraus, dass Herr Schwager jr. tatsächlich wie verabredet im selben Zug wie wir angereist war, wegen kompletter Überfüllung der Bahn (u.a. mit reichlich Radausflügler*innen samt Gerät) waren wir nicht zueinander gekommen. Dabei war anscheinend sogar ein zusätzlicher Zugteil angehängt worden.

Herr Schwieger holte uns ab, Frau Schwieger wies uns in ihre Küche ein (Herr Kaltmamsell ist vor Jahrzehnten ausgezogen und kennt sich natürlich nicht mehr dort aus). Und so gab es nach einem Gläschen Sekt Chicoreesalat mit Räuchersaibling und Orangendressing, Brot dazu hatten wir noch am Münchner Hauptbahnhof besorgt, der württemberger Riesling kam aus den örtlichen Beständen. Herr Kaltmamsell servierte eine wunderbar zarte Lammkrone mit Ofenkartoffeln und grünen Bohen, dazu die extra zubereitete Sauce (“Wir sind eine Saucenfamilie.”). Im Glas ein schöner Lemberger. Zum Nachtisch fackelte ich mit dem mitgebrachten Tchibo-Flammenwerfer die Crème brûlée mit Puderzucker ab.

Alle waren sich einig, dass der Test gelungen war. Das nächste Mal trauen wir uns eine große Familienfeier zu bekochen, gewünscht wurde bereits ein “Schweinsbraten mit schöner Kruste”.

Ich hörte schöne Familiengeschichten, außerdem Aktuelles.

Wirtshausrechnung einer Leich’ 1917, die Schwester von Herrn Kaltmamsells Großvater war jung gestorben.

Kaffeeundkuchen (Osterfladen) gab es auch. Schlechte Nachrichten währenddessen: Aus meinem ersten großen Familien-Osterfrühstück seit 2020 am Montag wird nichts – Corona has landed, hoffentlich muss niemand sehr leiden. Also zum dritten Mal nur in kleinem Kreis.

Auf der Rückfahrt war der Zug deutlich leerer, um fünf waren die Ausflügler wohl noch unterwegs.

Daheim backte ich wie geplant für Ostermontag polnischen Mazurek. Es war noch Zeit für eine kurze Runde Yoga.

Für Abendessen hatte ich wieder Hunger, es gab gekochte Eier (eh), Cornichons und Butterbrot.

die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Journal Ostersonntag, 17. April 2022 – Nachdenken über tatsächlichen religiösen Glauben“

  1. Gaga Nielsen meint:

    Vielleicht kommen wir der Sache näher, wenn wir den christlichen Feiertagsreigen und sonstiges christliches Zubehör (in der breiten Masse der eher rituell passiven Mitglieder der christlichen Religionsgemeinschaften) als gesetzten, Verlässlichkeit bietenden Lifestyle betrachten. Ein betoniertes Gerüst im Jahreskreis zum festhalten und anlehnen, wo doch sonst so viel im Leben wackelt. Mich amüsiert immer, wenn Fachleute in Sachen Buddhismus vehement abstreiten, dass es sich um eine Religion handelt. Es sei eine Weltanschauung, eine Philosophie, keine Religion, wird man belehrt. Dabei wirken die Anhänger des buddhistischen Weltbildes auf mich durchweg religiös aktiver und beseelter von ihrer Ritual-Praxis (Andacht, Meditation, Lebensregeln), als die meisten Christen, die ich kenne.

  2. Hauptschulblues meint:

    Und der Buddhismus ist genauso militant wie die anderen Religionen.

  3. Friederike meint:

    Zur Fragen nach der Schnittmenge evangelisch/katholisch: Nach meiner (beruflichen und persönlichen) Erfahrung ist sie inzwischen im Alltag und in der Praxis seeeehr groß – kann sie jedenfalls sein; kommt auch auf die beteiligten Personen an.
    Das schreibe ich als Pfarrerstochter und als eine, die beruflich im kirchlichen Auftrag arbeitet – und das in sehr enger, freundschaftlicher ökumenischer Zusammenarbeit.
    Könnte jetzt viel dazu erzählen – geht im Moment zeitlich nicht, würde hier vermutlich auch ausufern.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Tatsächlich, Friederike, interessiert mich nicht die Schnittmenge katholisch/evangelisch, sondern unter den Gläubigen. Was ist die tatsächliche Basis des christlichen Glaubens in Deutschland bei Menschen, die sich als gläubig bezeichnen? Abgleich mit Kathechismus und anderen offiziellen Glaubensaussagen optional.

  5. Sebastian meint:

    Ok, bevor ich um eine persönliche Antwort ringe (da die Frage in Ihrem Ton und Vortext zumindest eine, ähem, persönliche Färbung hatte) – es geht um den Hinweis auf eine entsprechende Untersuchung, Studie, Erhebung, so mit Wissenschaft und Empirie? Bzw. dem Auftrag zu so etwas?

    Sonst könnte ich auch nur zusammegefasste Erkenntnis aus eigener Erfahrung und Einschätzung bieten, gewachsen in knapp 60 Jahren christlichem Leben in der gemeinschaftlichen Institution wie im eigenen Inneren.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Ja, Sebastian, mir geht es um eine systematische, repräsentative, wissenschaftliche Erhebung. Nur bin ich so weit von Kirche entfernt, dass ich nicht mal einschätzen kann, ob das die Kirchen überhaupt interessiert.

  7. Gaga Nielsen meint:

    https://www.suedkurier.de/ueberregional/Woran-die-Deutschen-glauben;art1350070,9057387

  8. Gaga Nielsen meint:

    und…
    https://fowid.de/meldung/christlicher-glaube-deutschland-2019

  9. die Kaltmamsell meint:

    Herzlichen Dank, Gaga Nielsen! Die Studie der Forschungsgruppe Weltanschauungen kommt dem sehr nahe, super!

  10. Thomas S. meint:

    Eingedenk der Studie sollte man Weltjugend- oder Kirchentag wohl eher als riesige Cosplay-Events auffassen. (Keinesfalls abwertend gemeint – lediglich die Veranstaltenden sollten sich m.E. von der ein oder anderen Illusion verabschieden.)

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