Journal Samstag, 25. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 3

Sonntag, 26. Juni 2022 um 8:32

Gute Nacht, in der es mit Regen sogar richtig abkühlte. Ausgeschlafen aufgewacht zu wolkenlos blauem Himmel.

Balkonkaffeesituation mit derzeit täglichem Coronatest.

Nach Fertigbloggen mit Morgenkaffee war noch reichlich Zeit für eine Runde Yoga, außerdem spazierte ich zu einem benachbarten Obst- und Gemüseladen (Ladeninhaber deutlich verschlafener als ich) und kaufte Aprikosen sowie eine rote Paprika, leider gab es keine Erdbeeren.

Dritter Lesetag mit unterhaltsamen Überraschungen.

Ich startete diesmal auf der anderen Seite der Jury, gestern war erstmals auch eine Schulklasse im Studio – allerdings nur für den ersten Text.

Leona Stahlmann las ihr “Dieses ganze vermeidbare Wunder” im Schneidersitz auf einem Podest und blieb auch den Rest der Stunde darin – deutlicher hätte sie ihre Jugend nicht betonen können (die älteren wissen, was ich meine). Erstmals dieses Jahr war die Klimakatastrophe Thema; vor diesem Hintergrund ging es ums Kinderkriegen – inklusive allen damit verbundenen Körperflüssigkeiten (überraschend dominantes Thema dieses Jahr) auch des Säuglings.

Delius ordnete den Text auch gleich als climate fiction ein, inklusive einer spekulativen Ebene, die viel Gestaltungsmöglichkeiten zulasse, sprach von einer “souveränen” Autorin. Tingler widersprach Letzterem umgehend, er habe ein “literarisches Äquivalent von fast fashion” gelesen, “Verkitschung der Natur”, “Kitsch der Körperlichkeit”. Auch sonst war sich die Jury sehr uneins: Dekorativ und ungenau (Wilke), Suche nach Stellungnahme zu Klimakrise mit ganz großem Pathos (Kastberger), starkes Motiv des Panta rhei (Kaiser), klare Struktur mit sechs Versuchen, einem Kind zu erklären, dass die Welt untergeht – das gehe nur mit Pathos (Wiederstein), Selbstkommentierung der kitschigen Passagen nicht konsequent (Schwens-Harrant), “moralistisch” (Tingler).

Der Text von Clemens Bruno Gatzmaga, “Schulze”, spielte in einer ganz anderen Welt, und zwar in der kleinen eines alten Managers, der morgens einen Tropfen Urin in seiner Unterhose entdeckt (Körperflüssigkeiten). Mir war beim Zuhören durchgehend unbehaglich, weil diese beschriebene Managerwelt pures Roman- und Fernsehklischee war ohne jedes Interesse daran, wie sie wirklich aussieht. Gleichzeitig war dieser Aspekt möglicherweise völlig unwichtig.

Wilke freute sich über das Auftauchen des Themas männlicher Wechseljahre, sah aber schon wieder eine Mutterfigur (Kaiser widersprach). Wiederstein erkannte das Motiv Kontrollverlust, hielt aber nicht allzu viel von dem Text: Er habe zwar Sympathie für das “arme Schwein”, doch der Text sei am Schluss zu stark auserzählt. Kastberger sprach von Originalität, wie so wenig Körperflüssigkeit eine ganze Welt einbrechen lassen konnte, Tingler hielt den Text dagegen für einen unoriginellen Urtyp der Parabel. Schwens-Harrant lobte den präzisen Bau des Textes, er täusche Einfachheit nur vor, Delius sah die Gegenwärtigkeit nicht genug ausgeführt. Dann ging es noch eine Weile darum, ob man für die Hauptfigur Sympathie aufbringen könne.

In der Pause spazierte ich diesmal durch die noch nicht zu heftige Sonne hinüber zum Lendhafen, wo man mir guten Cappuccino versprochen hatte – und wohin sowohl Lesungen als auch Diskussion auf Bildschirme übertragen werden.

Die Cappuccino-Seite (er war wirklich sehr gut).

Gegenüber die Zuguck-Seite.

Für die beiden letzten Texte am Nachmittag setzte ich mich wieder auf die Tribüne des ORF-Studios.

“Im Falle des Druckabfalls” von Juan S. Guse nannte gleich im ersten Satz den Namen seiner Protagonistin – der auch meiner ist, und zwar in exakt dieser in Deutschland unüblichen Aussprache. Das lenkte mich eine ganze Weile ab, bis zum Schluss zuckte ich bei jedem Auftauchen (zumal in seinem Vorstellungsfilm auch noch ganz konkret Kathrin Passig genannt worden war, fast hätte ich Angst bekommen). Die Andreas und Melanies dieser Welt kennen das vermutlich zur Genüge und haben sich daran gewöhnt, mir passierte das halt zum ersten Mal. Darf gern das letzte bleiben. (Wenn Sie das einrichten könnten, Herr Guse?)

Endlich eine gründlich nicht-realistische Geschichte, inklusive immer größeres Absurdität, ich fühlte mich trotz einiger sprachlicher Patzer sehr gut unterhalten. Originelles Detail: Guse tat so, als kommentiere er seinen eigene Text (mittendrin “hm, wäre wahrscheinlich ein besserer Titel gewesen”).

Die Jury freute sich erst Mal über den besten letzten Satz des Bewerbs, war sich weitgehend einig, dass auf solche Weise die Gegenwart wahrscheinlich am besten beschrieben werden kann (ich stimme zu und denke an diesen Aufsatz von Ursula Le Guin). Delius lobte die Kombination von Absurdem und formaler Struktur; der Text entwickle Tiefe, weil er an vielen konkreten Punkten ausweiche. Auch Tingler attestierte den Auslassungen eine Sogwirkung, auch wenn er die Sprache als ein wenig schlicht kritisierte. Wiederstein sprach sogar von einem “Heart of Darkness” im Taunus, er und Schwens-Harrant verfolgten eine Spur nach Klagenfurt.

Nochmal absurd und nicht-realistisch wurde es im letzten Text des Wettbewerbs: “Staublunge” von Elias Hirschl. Hier haben wir als Protagonistin (erst die Jury-Diskussion machte mir klar, dass es sich um eine Frau handelt) eine Text-Produzentin für Webseiten, als Welt die absurde von Internet-Start-ups, bis jenseits ihrer tatsächlichen Lächerlichkeit karikiert (nicht einfach).

Die Jury war wieder sehr angetan, auch wenn Tingler gleich mal mäkelte, der Text sei zu lang (aber das bereits selbst mit der Erklärung einleitete, dass die Länge den Vorgaben des Bachmannpreises geschuldet ist). Delius ergötzte sich an den “Kitschvokabeln der Gegenwärtigkeit” und dem lakonischen Tonfall, Kaiser am “herrlich apokalyptischen Endzeitszenario”. Wiederstein sah eine Szenerie zwischen Zombieapokalypse und Start-up-Kultur, für Schwens-Harrant führte nun dieser Text ins “Herz der Finsternis”. Joseph Conrad wurde erstaunlicherweise der am öftesten referenzierte Autor der Diskussionen, dafür tauchte kein einziges Mal Thomas Bernhard auf – vielleicht weil kein angemessen schlecht gelaunter Text dabei war, vielleicht aber ist der Bachmannpreis kaputt.

Zusammenfassende Einschätzung der Jury-Kommentare, in der Sitzreihenfolge:

  • Philipp Tingler: Meister des argumentativen Kunstgriffs strawman ad hominem, mit dem er gar nicht vorgebrachte Angriffe pariert, denen er als Motiv Ablehnung seiner Person unterstellt. Findet Konventionelles schlecht, lässt Originalität aber nicht als Qualitätskriterium gelten, setzt immer wieder zu Apodiktischem an – aber sein tatsächliches Wertsystem für die Einordnung literarischer Texte wurde mir bis zuletzt nicht klar.
  • Vea Kaiser: Argumentiert gerne auf ihrer Gefühlsebene (versucht aber durchaus, ihre emotionalen Reaktionen am Text zu rationalisieren), schreibt diese Gefühle auch Texten zu. Glanzlicht als Reaktion auf Widerspruch: “Dann haben Sie den Text nicht richtig gelesen.”
  • Michael Wiederstein: Statt Gesamteinordnung des Texts (meiner Erinnerung nach ergriff er nie das erste Wort nach dem Vorlesen) pickt er sich gerne Aspekte heraus und assoziiert zu ihnen, seine Statements klangen in ihrer Pointierung oft vorbereitet. Arbeitete aber auf diese Weise immer wieder vorher ungenannte Aspekte heraus.
  • Insa Wilke: Eine der drei Stimmen (neben Schwens-Harrant und Delius), die immer wieder gezielt Form und technische Mittel der Texte besprachen. Allerdings konnte ich ihr dabei oft nicht folgen. Ebenso wenig bei vielen ihrer Verweise auf politische und feministische Ebenen der Texte, die sie aus meiner Sicht eher extrinsisch als intrinsisch belegte. Sehr profitiert habe ich von Wilkes Einstiegen in die Diskussion nach dem Lesen, in denen sie gut nachvollziehbare Schwerpunkte setzte.
  • Brigitte Schwens-Harrant: Die zweite Stimme der Form. Ihre Technik-Analysen fand ich immer spannend, wünschte, sie hätte sich mehr Raum dafür genommen, gerade am Anfang der Diskussionen. Außerdem mochte ich ihre immer konstruktive Diskussionsweise. Verdutzt war ich aber mehrfach von ihren Verweisen auf angeblich hinter dem Text liegenden Motive wie “Bedrohung”.
  • Mara Delius: Hätte ich gerne viel ausführlicher gehört, denn alles was sie wohl formuliert zu den Texten äußerte, konnte ich nachvollziehen, sah ich angelegt in dem, was ich gehört hatte. Obwohl ich nur zu gut verstehen kann, dass man sich aus Sandförmchenwerfen auf Kindergartenebene raushalten möchte, wünschte ich, sie hätte sich mehr in den Zank geworfen, mit echten Argumenten halt.
  • Klaus Kastberger (dessen Nachnamen, wie ich gestern herausfand, tatsächlich auf der mittleren Silbe betont wird): Einer der Sandförmchenwerfer, was oft lustig, aber manchmal schade war, denn seine Lesart interessierte mich immer. Manchmal wünschte ich mir, er würde ruhiger argumentieren, denn es war klar, dass er sich beim Durcharbeiten der Texte vorher gut begründete Gedanken gemacht hatte – sie gingen in seiner Verve und seiner Streitlust leider oft unter.

Aber ja ist mir klar, dass die Jury-Diskussion auch eine Show ist, dass die Beteiligten nicht nur aufgrund ihrer Fachkenntnisse, sondern auch wegen ihrer Schlagfertigkeit und Formulierungsfreude ausgewählt werden. Doch für mich sind halt Glanzlichter, wenn sich mehr als die Summe der Einzelstimmen entwickelt, zum Beispiel in der Beobachtung in einer Diskussion: Wir sehen alle dieselben Dinge im Text, werten sie aber verschieden. Dieses Jahr häufigster Vorwurf an die Texte: Kitsch.

Weil am Samtag ein Text weniger als an den anderen beiden Tagen gelesen und diskutiert wird, kam ich eine Stunde früher in die Ferienwohnung und frühstückte schon um halb zwei: Apfel, ein Kanten Brot und! gute! Aprikosen! (Aus Italien, werde für meinen nächsten Aprikosenkauf in München zum Eataly gehen.) Wieder verschob ich die Zusammenfassung des Lesetags fürs Blog auf den Abend, sonnencremte mich und nahm ein Leihradl ins Strandbad.

Von den anderen Internet-Schlachtenbummlerinnen traf ich diesmal niemanden an (es stellte sich heraus, dass sie an der gestrigen CSD-Feier in Klagenfurt hängengeblieben waren) (Korrektur: ich hatte sie nur nicht gesehen), ich schwamm und sonnte abwechselnd.

Hin und wieder passiert von jungen Stockenten.

Zurückgeradelt in die Ferienwohnung, zum Abendessen gab es Tomaten, Käse, rote Paprika mit Liptauer, Aprikosen und weiße Mozartkugeln.

Nach Zusammenfassung des Lesetags spazierte ich nochmal raus, um ein wenig Zeit mit den Bachmannpreis-Internetmenschen zu verbinden.

Typo-Liebe Klagenfurt.

Ich traf sie im Augustin an (was mir ein vorher gepostetes Foto von einer verraten hatte); wir spazierten an den Lendhafen und saßen dort noch eine Weile in angenehm abgekühlter Sommernachtsluft über Kaltgetränken (ich schätze alkoholfreies Bier immer mehr), hin und wieder passiert von Autor*innen des Bewerbs.

§

Ein Artikel aus dem Jahr 2019 berichtet aus der Vergangenheit Rumäniens:
“What Actually Happens When a Country Bans Abortion”.

Opponents of the restrictive abortion laws currently being considered in the United States don’t need to look to fiction for admonitory examples of where these types of laws can lead. For decades, communist Romania was a real-life test case of what can happen when a country outlaws abortion entirely, and the results were devastating.

§

Und das ist nur der Anfang, in den Replies wird dann so richtig geblödelt.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Samstag, 25. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 3“

  1. Hauptschulblues meint:

    Herzlichen Dank für die Zusammenfassungen. Das hat mir viel Zeit am Laptop gespart!

  2. lovegoodbooks meint:

    Ich bin sehr beeindruckt von Ihrer Einschätzung der Jury Mitglieder! Das erfordert ein genaues, analytisches Auge und den Willen, Entscheidendes aussagen zu wollen. Das hat heutzutage Seltenheitswert. Ich „kenne“ nur zwei der Juroren ( habe den „Bewerb“ heuer nicht verfolgt, außer über Sie, fühle mich bestens informiert), teile in allen Punkten Ihre Einschätzung über sie (Tingler, Kaiser).
    Durch Ihre Darstellung der gelesenen Texte und der Reaktionen darauf wird auch so schön deutlich, was Literatur ist, welchen Stellenwert der subjektive Zugang hat, wie Beurteilungen von den jeweiligen subjektiven Herangehensweisen abhängig sind , kurz gesagt: welche Geschmackssache Literatur ist. Meines Erachtens sind Sie da sehr objektiv, also im besten Sinne distanziert in der Betrachtung .
    Danke, toll!

  3. die Kaltmamsell meint:

    Danke für das Lob, lovegoodbooks! Mir ist allerdings wichtig, dass auch ich nur auf der Basis meines persönlichen Hintergrunds rezipiere, wovon wohl am meisten durchschlagen: Studium Englische Literaturwissenschaft in den späten 1980er, frühen 1990ern (also geprägt von feministischer Literaturkritik sowie Poststrukturalismus und Postmoderne), gründliche Unkenntnis der deutschen Literatur- und Literaturfernsehlandschaft.

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