Journal Mittwoch, 3. August 2022 – Eritreisches #Lindwurmessen im Restaurant Rotes Meer

Donnerstag, 4. August 2022 um 6:33

Morgens nochmal die perfekte Temperatur für Balkonkaffee in herrlichem Sommermorgenduft, die Sonne ging in einen wolkenlosen Himmel auf.

Auf dem Weg in die Arbeit einen Mauersegler überm Westend gesehen – aber keine schrillenden Banden mehr.

Im Büro erst mal eine Kanne Tee mit einer Neuerwerbung vom Kräuter- und Wurzelsepp (Geheimtipp für München-Besuche, liegt fünf Minuten vom Viktualienmarkt entfernt). Und leider muss ich neu auf die Liste von Brauch-ich-nicht-in-meinen-Früchte-und-Kräutertees setzen: Fenchel. Nach Süßholz, Minze, Brombeerblättern. Wobei ich Fencheltee mag. Auch Tee aus frischer Minze.

Vormittags nutzte ich das Angebot meines Arbeitgebers, ein neues Portrait fürs Mitarbeitenden-Portal machen zu lassen. Mein derzeitiges Foto ist sieben Jahre alt, und ich möchte nicht, dass Menschen bei meinem deutlich gealterten Anblick erschrecken. Ich finde Fotos im Firmen-Intranet ausgesprochen praktisch, vor allem wenn man mit jemandem zum ersten Mal verabredet ist – oder sich versucht zu erinnern, wer das nochmal war. Möglicherweise habe ich alle Spielregeln von Fotosessions zerschossen, als ich als Ziel “Erkennbarkeit” nannte und bereits die erste Runde Aufnahmen mit “Passt!” abnickte. Aber mit meinen 55 Jahren weiß ich doch inzwischen, dass ich leicht fotografierbar bin, das ist ja kein Verdienst.

Mit dem Ergebnis war ich rundum zufrieden: Das bin eindeutig erkennbar ich.

Wegen einer längeren Besprechung und eines IT-Termins, der mir wichtig war, kam ich erst um halb zwei zu meinem Mittagessen: Pumpernickel mit Butter, köstliche weiße Pfirsiche mit Kefir.

Draußen wurde es über den Nachmittag heiß. Aber als ich das Gebäude nach Feierabend verließ, fand ich den Heimweg möglichst im Schatten erträglich.

Bei Sankt Paul bog ich ab: Ich kaufte im Süpermarket Verdi Obst. Daheim nur kurzes Verschnaufen, ich war mit Herrn Kaltmamsell endlich zum nächsten #Lindwurmessen1 verabredet, und zwar im eritreisch/äthiopischen Lokal Rotes Meer.

Wir setzten uns raus in den (typischen unglamourösen Lindwurmstraßen-)Hinterhof.

Erst brachte uns der sehr freundliche und liebe Kellner gemischte vegetarische Vorspeisen: Teigtaschen mit Linsenfüllung, interessant gewürzte Hirse und Grünkohl mit Frischkäse – alles ganz hervorragend.

Dann gab es Injera, gesäuerte Hirsemehlfladen (ein Fladen auf der Servierplatte, links daneben Streifen, die auch als Esswerkzeuge dienten) mit Schirowat (gemahlene Erbsen gewürzt) und Begalitsch (Lamm in Curcumasauce, ich glaubte die typische eritreische Gewürzbutter daran zu entdecken). Anders als bei der privaten eritreischen Einladung versuchten wird uns diesmal an der Einwickeltechnik ohne Besteck: Die Saucen werden auf den großen Fladen gelöffelt, dann ein Stück Injera abreißen, über ein Stück Sauce stülpen, es damit greifen und in den Mund schieben – ging ganz gut! Und schmeckte hervorragend, der Erbsenbrei eigentlich noch exotischer als das Lamm. Wir schafften nicht mal alles. So waren wir nicht nur aufs Angenehmste satt: Meine Bedenken, das Lokal könnte nach dem Lob in der Süddeutschen Zeitung überlaufen und überfordert sein, hatten sich nicht im Geringsten bewahrheitet.

Nach einem Spaziergang auf dem Heimweg hatten dann doch noch Süßigkeiten zum Nachtisch Platz.

§

Man kann es sich denken, aber es hilft, die expliziten Aussagen zu lesen. 2012 erschoss ein Massenmörder an der Sandy Hook Elementary School 27 Menschen (ich tue mich mit der Bezeichnung “Amoklauf” schwer, das hier war ein geplanter und systematischer Mord, kein spontanes Ausrasten). Nur: Der Rechtsextreme Alex Jones verbreitete seit kurz darauf den Mythos, das sei alles eine Inszenierung gewesen – unterstützt von Tausenden Anhänger*innen. Jetzt steht Jones deshalb vor Gericht, und die Eltern der ermordeten Kinder berichten, was seine Lügen angerichtet haben.
“Sandy Hook parents testify about the ‘hell’ Alex Jones inflicted on them through lies about the shooting”.

(Gestern stellte sich im Prozess außerdem – versehentlich – heraus, dass Alex Jones durch seine reißerischen Lügen mit seiner Online-Plattform in besten Zeiten bis zu 800.000 Dollar TÄGLICH verdiente.)

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Ein Fußballfoto, das auch mich bewegte, war das der englischen Nationalspielerin Chloe Kelly nach ihrem Europameisterschaftstor. Lucy Ward analysiert im Guardian, warum:
“Pure joy and a sports bra: the photo that encapsulates England Women’s Euros win”.

This is a woman’s body – not for sex or show – just for the sheer joy of what she can do and the power and skill she has.

  1. Wir futtern uns nacheinander durch alle Lokale an der Südseite der Lindwurmstraße von Sendlinger Tor westwärts bis Stemmerhof, dann an der Nordseite wieder zurück. []
die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 3. August 2022 – Eritreisches #Lindwurmessen im Restaurant Rotes Meer“

  1. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Ich habe das Fußballfoto live im Fernsehen gesehen und mich so darüber gefreut. So eine tolle Szene, so ungefilterte Emotionen und so eine Explosion an purer Freude, es war wunderbar. Und mal ehrlich, ein toller Körper!

  2. Julia meint:

    Hach, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Mauersegler-Vermissung, große! Ich bin immer etwas melancholisch, wenn sie weg sind. Wenn dann noch die Zugvögel über uns hinwegziehen, wird es noch schlimmer.
    Das Restaurant klingt hervorragend. Die Lindwurmstraße scheint sich seit unserem Wegzug vor 11 (!) Jahren noch mal deutlich verbessert zu haben. Ich bin gespannt, wann Sie in unserem Lieblingslokal “Jasmin” landen werden…
    Bei allem Ärger über die unsportlichen letzten Minuten des EM-Finalspiels (Zeitschinden, Eckfahnengetänzel) war die beschriebene Szene eine Wohltat. Was würde ich geben, heute noch mal ein junges Mädchen zu sein und sole Role Models zu haben. Dass sich hinterher auf Twitter die Herren aufregten, Sport-BHs seien ja sowas von un-sexy, hat mich wütend gemacht. Es geht bei einem Sport-BH null darum, irgendjemanden zu animieren. Er soll verdammt noch mal Bewegungsfreiheit schaffen. Himmelherrschaftszeiten!
    So, jetzt bin ich wieder ruhig und freue mich auf den nächsten Lindwurmstraßenabstecher.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Der grundlegende Irrtum vieler Männer ist, dass alle Frauen anstreben müssten, in ihren Augen attraktiv auszusehen, Julia. Das kann ein niedlich naiver Irrtum sei: Ich habe schon in ehrliche Überraschung geschaut, wenn ich einen darauf hinwies.

  4. Croco meint:

    Dass das Wort Amoklauf nicht passt, darüber habe ich mir bisher keine Gedanken gemacht.
    Und unsexy? Hä? Wenn ich mich richtig erinnere, ging es um Fussball und nicht um eine Dessousmodenschau.
    Dass man einfach nur normal sein und seinen Beruf ausüben will, ohne gleich einen aufreißen zu müssen, schleicht sich wohl erst langsam in manche Gedankengänge.

  5. Joe meint:

    So einfach ist es ja nicht. Nike sponsert 12 der 23 englischen EM Nationalspielerinnen, darunter auch Chloe Kelly. Das gleiche Medium, Guardian, hat heute in der Fashion Rubrik einen langen Artikel zum Thema: “Show of support: how to buy the perfect sports bra”. Mit einem grossen Foto das die Szene und das Nike logo zeigt. Von Vogue bis Mirror, fuer den Sponsor war das ein Erfolg. Fussball ist immer auch Geschaeft. Und da sollte man Sachen die “ikonisch” sind oder Symbolen sehr kritisch gegen ueberstehen.

  6. Britta meint:

    Vielen Dank für den Restauranttipp “Rotes Meer”, wir haben sehr lecker gegessen.

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