Journal Samstag, 3. September 2022 – Rückkehr der Migräne, Apelkuchen und Isarlauf

Sonntag, 4. September 2022 um 8:17

Es waren fast zwei schöne, unbeschwerte Jahre, doch in den gestrigen Morgenstunden konnte ich nicht mehr umhin, den unruhigen Schlaf, die bösen Kopfschmerzen, den Klogang mit Gähnen, die leichte Übelkeit als das zu diagnostizieren, was ich seit der Hüft-OP wirklich nicht vermisst hatte: Migräne. Um sieben griff ich also in das Sideboard neben meinem Bett und holte das Triptan-Nasenspray hervor. Bis neun schlief ich die Migräne aus.

Das Draußen war dunkel und kühl, ein paar Mal regnete es leicht.

Den Vormittag verbrachte ich mit Backen von Steyrischem Apfelkuchen – ich hatte ihn auf Twitter bei @croco_dylus gesehen und nach dem Rezept gefragt, dank Herrn Kaltmamsells Familie hatten wir die Quelle, Backvergnügen wie noch nie, sogar im Haus.

Ich fand das Rezept vor allem wegen zwei Besonderheiten spannend:
– ein Knetteig mit recht wenig Butter, dafür Milch
– die Äpfel werden geschält und dann geraspelt, davon erhoffte ich mir zum einen Arbeitsersparnis, zum anderen schnelleres Garen und andere Textur der Füllung

Meine Abwandlungen:
– Die Haselnüsse röstete ich vor dem Hacken, um ihren Geschmack zu intensivieren.
– Ich verwendete Gutebutter statt Margarine; die Backmode Margarine, die hier in vielen Rezepten auftaucht, ist zum Glück passé.
– Die Konsistenz des Teigs nach dem Kneten legte nahe, ihn lieber nicht kalt zu stellen, weil er sonst zu hart geworden wäre.
– Das Teiggitter bestrich ich nicht mit Eigelb, es würde ohnehin aprikotiert.
– Nach dem Aprikotieren ließ ich den Zuckerguss weg, er wäre mir eine Note zu viel gewesen.

Der Teig ließ sich gut verarbeiten, weil er nicht klebte, die Äpfel waren tatsächlich schnell geraspelt und garten trotz kurzer Backzeit durch.

Vor dem Backen.

Jetzt war der Tag hell und trocken geworden. Erst nach zwölf kam ich los zum Laufen an der Isar in der, wie sich später herausstellte, sonnigsten Phase des Samstags. Ich hatte mich lang auf den ersten Lauf seit sieben Wochen gefreut. Licht und Luft waren herrlich, die Temperatur war richtig für Ärmellosigkeit und kurze Hosen, meine Waden ließen mich gut 90 Minuten joggen, getrübt nur durch ein wenig Seitenstechen im letzten Drittel.

Das Wasser am alten Schleusenwärterhäusl war sehr willkommen, ich hatte schon jetzt Durst.

Am Hinterbrühler See. Dass ich wegen nebeneinander fahrenden Radln in die Botanik ausweichen muss, kenne ich nur zu gut. Gestern waren es erstmals zwei nebeneinander berittene Pferde.

Der Ausblick von Pullach aufs Isartal war so dicht zugewachsen wie noch nie; für das Foto musste ich durch die Absperrung schlüpfen.

Ein grauhaarigen Hundegassiführer, den ich überholte, grüßte und rief dann: “Echt fit für Ihr Alter, super!” Tja: Wer deutlich älter aussieht, als sie ist, bekommt halt leichter Komplimente. Wenn auch schräge. (Ich bin seit Teenagertagen gewohnt, für älter bis deutlich älter gehalten zu werden; es stört mich nicht und bewahrt mich davor, verlorenem jugendlichen Aussehen hinterherzutrauern – das wurde mir nie zugeschrieben. Heutzutage bietet man mir halt immer wieder an Ticketschaltern Rentnerermäßigung an. Mit 75 hält man mich dann für 90 – ich werde mich vor Komplimenten für meine Fitness gar nicht mehr retten können.)

Ich hatte Geld eingesteckt, um am Kiosk beim Schleusenwärterhäusl Isarhonig kaufen zu können, doch ein Zettel informierte mich, dass es derzeit keinen gibt.

Schönes Heimradeln durch warme Sonne.

Zu Hause aprikotierte ich den Kuchen. Während das trocknete, duschte ich.

Da es bei meiner ersten Mahlzeit des Tages dreiviertel vier war und es frischen Apfelkuchen gab, nanne ich sie nicht mehr Frühstück, sondern Kuchenessen.

Der steyrische Apfelkuchen schmeckte mir sehr gut, es gab gleich mal drei große Stücke mit Sahne. (Klar war das zu viel, ich aß auch extra schnell, damit die Gier nicht vor dem “ZU VIEL”-Signal versiegte.) Herr Kaltmamsell fremdelte ein wenig mit dem Teiggitter, hätte es lieber flach gehabt.

Der Himmel zog sehr schnell dunkelgrau zu, bald begann Donner zu knurren und zu grollen. Ein Gewitter entlud sich in Regen und Graupel.

Nach dem Regen (gestelltes Foto: Eigentlich liegt auf dem Tisch Zeug rum, und auf dem Fensterbrett steht direkt hinter der Vase etwas.).

Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell:

Vorspeise Kohlrabi tonnato nach Ottolenghi, mit dem jungen, zarten Kohlrabi aus Ernteanteil ganz hervorragend.

Tagliatelle mit Hühnerleber als Hauptspeise (gut, aber wirklich nicht fotogen). Auf das Glas Wein dazu verzichtete ich nach der Migräne-Attacke lieber.

§

Wunderschönes Zeitzeugnis: Die BBC ließ in den 1970ern zwei Frauen aus der viktorianischen Zeit erzählen, die sie noch selbst als junge Mädchen und Frauen erlebt hatten. (Dem Akzent zufolge allerdings beide upper class, was natürlich nicht thematisiert wird.)

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https://youtu.be/pv6V1yHvJyo

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Samstag, 3. September 2022 – Rückkehr der Migräne, Apelkuchen und Isarlauf“

  1. Croco meint:

    So bekommt das Backvergnügen noch eine Auferstehung.:)
    Genau das sind die Vorteile, die Äpfel sind durch, es geht schnell und der Teig ist nicht vorherrschend.
    Das Gitter mache ich auch flach, es wird nicht so hart dann.
    Ich mag den Kontrast zwischen dem zitronig-puderzuckrigem Gitter und dem aprikotisierten Apfelraspelzeugs.
    Das mit den gerösteten Haselnüssen probiere ich aus.
    Dieses Mal habe ich Mandeln genommen.
    Das Schleusenwarterhäusel ist so schön. Man mag am liebsten klingeln und fragen, ob der Apfelkuchen schon fertig ist.

  2. Hiwwelhubber meint:

    der kuchen schaut wirklich sensationell aus, ich werde das rezept raubkopieren und das resultat plagiieren *lach*

  3. Hiwwelhubber meint:

    ps: ich denke auch, hier liegt ein fehler bei der rezeptredaktion vor: aprikotiert werden sollen die apfelfenster, glasiert dagegen das teiggitter… und ja, das eigelb zum bestreichen ist hier völlig überflüssig. es war auch ein komma im rezepttext zu viel *lach* sorry, redigiere gerade einen 580-seiten-katalog, aus dem modus kommt man nicht so schnell wieder raus…

  4. Alexandra meint:

    Das “Backvergnügen” steht auch im Bücherregal rechts hinter mir und ich wollte nun wissen, ob das Rezept in späterer Auflage (?) geändert bzw. angepasst wurde – ja, wurde es.
    Im Vorwort zum “Nachdruck der Originalausgabe von 1984”, 8. Auflage 2013, schreiben Autor und Autorin von der Bemühung, “Rezepte […] den sich wandelnden Backwünschen anzupassen” und geben nun – wie Sie – der Gutenbutter den Vorzug.
    Auf das Bestreichen des Gitters mit Eigelb wird verzichtet, es bleibt aber dabei, dass das Gitter aprikotiert und mit Zuckerguss glasiert wird.
    Es wird nicht mehr darauf hingewiesen, dass nur 3/4 des Teiges für das Blech verwendet werden sollen, aber aufgrund der Abbildung sollte Leser*in schon erahnen können, dass für das Gitter Teig zurückgehalten werden bzw. übrig bleiben muss.
    Lassen Sie sich den Kuchen schmecken!

  5. PaulineM meint:

    Tolle Fotos! Vielen Dank fürs Mitnehmen.

  6. Croco meint:

    Lustig ist, dass es sogar berichtigte Auflagen gibt.
    Das habe ich in Gedanken ergänzt, Gitter mit Zuckerguss, Fläche mit Marmelade.
    Das Gitter benötigt tatsächlich 1/3 der Teigmenge. Und ohne Eigelb fehlt die Farbe auf den Streifen, sie sind zu hell.
    Es sollte eine weitere berichtigte Auflage erscheinen.

  7. Mari meint:

    Herzlichen Dank für das Kuchen-Rezept.
    Ich habe ihn gebacken und er bekam von den Mit-Essern sofort den neuen Namen: Apfel-Pizza.

  8. Poupou meint:

    Ein schönes Wiedersehen mit einem der Standardkuchen meiner Mutter! Sie hatte das Teiggitter aus flachen Streifen gelegt und dann mit Ei oder Sahne bestrichen. Aprikotieren und Zuckerguss ließ sie weg. Ich mochte den Kuchen sehr, und wenn ich auf den Eimer voller Fallobst neben mir schaue, weiß ich, was ich demnächst backen werde. Gerade weniger ansehnliche Äpfel machen sich darin sehr gut.

    Liebe Grüße
    Poupou

  9. Lisa meint:

    Der Kuchen hieß bei meiner steirisch-Kärntner Großmutter Apfelschlangl und war ihr liebster Apfelkuchen. Ei-Bestreich, Marillenmarmelade und Puderzuckerguss ließ sie weg, nach dem Backen einfach nur mit Puderzucker bestäubt (taut auf der Füllung weg, dekoriert aber das Gitter hübsch), Kuchengitter unbedingt flach und die Ränder 5 cm umgeschlagen, dafür etwas kleiner als das Backblech (sonst reicht der Teig nicht), somit wird die Füllung dicker und der Kuchen saftiger… so backe ich ihn heute auch noch.

  10. Bobbie meint:

    Mir geht’s anders als Ihnen mit dem altersmässig geschätzt werden und es nervt. Bin in ähnlichem Alter wie Sie und bekomme ständig Komplimente wie jung ich aussehe. Warum ist das denn so wichtig? Besonders wenn ich allein unterwegs bin passiert das ständig, dass irgendwelche Männer das so betonen wie jung ich aussehen würde. Ich empfinde das meist übergriffig und als Versuch anzubandeln. Hoffe fast, dass sich das doch bald mal ändern wird. Heute habe ich von Nachbarn einen Graten Äpfel geschenkt bekommen. Nun weiß ich, was ich morgen damit anstellen werde. Vielen Dank.

  11. Karin meint:

    Warum muss das scheinbare oder tatsächliche Alter anderer Menschen überhaupt kommentiert werden? Allein das empfinde ich als tendenziell übergriffig.

  12. Gaga Nielsen meint:

    @Bobbie

    “(…) bekomme ständig Komplimente wie jung ich aussehe. (…) Besonders wenn ich allein unterwegs bin passiert das ständig, dass irgendwelche Männer das so betonen wie jung ich aussehen würde”

    Mir fehlt gerade die Phantasie, auf welchem Weg die Information über das nicht mehr so junge Alter, das die relativierende Bemerkung verursacht, zu “irgendwelche Männer” kommt. Gibt es da eine vorangegangene Konversation? Oder ist doch aufgrund von Bewegungsabläufen und den üblichen Alterserscheinungen klar, dass die “jung-Schublade” vorbei ist, also reiferes Alter gesetzt und dann ein relativierendes Kompliment versucht wird, das in diesem Fall offenbar komplett daneben geht? Normalerweise hat man ja keine Haftnotiz mit dem Geburtsjahr an der Stirn. Wenn das Thema in meinem Leben angesprochen wird, bin ich immer aktiv beteiligt. Indem ich zum Beispiel nach dem Alter gefragt werde und antworte. Aber ich spreche von mir aus unterwegs auf der freien Wildbahn nicht (mehr) an, wie alt ich bin. Das machen nämlich nur ältere Leute, die hören wollen, wie jugendlich sie noch wirken. Diese Koketterie spare ich mir für meine jährlichen Geburtstagsblogeinträge :-) Über überhand nehmende Annäherungsversuche kann ich keine Beschwerde führen. Anders ausgedrückt: ich finde, da dürften mehr Annäherungsversuche zur Auswahl stehen. Aber da ist jeder anders.

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