Journal Sonntag, 4. September 2022 – Letzter Freibadschwumm und Three Thousand Years of Longing

Montag, 5. September 2022 um 6:49

Ausgeschlafen bis sieben. Der Tag startete sonnig, aber kühl. Nach dem Bloggen las ich die Wochenendzeitung, bis es warm genug für meinen Freibadplan war: Nach gut sechs Wochen wollte ich endlich wieder schwimmen.

Ich radelte durch milde Luft ins Dantebad, dort hoffte ich auf etwas wärmeres Wasser als in anderen energiesparend kühlen Münchner Freibädern. Die Aushänge an den Eingängen informierten lediglich über gesenkte “Mindesttemperatur” in den Becken.

Doch beim Gleiten ins Becken war sofort klar: Das Wasser war sehr kalt, genauso kalt wie im Schyrenbad. Ich kraulte extra schnell los, doch schon nach 500 Metern begann ich zu frieren. Ich biss mich noch durch bis zu 1500 Metern – dann gab ich schlotternd auf. Unter der heißen Innendusche brauchte ich lange, bis ich Finger und Zehen wieder spürte.

Zwar spielte ich mit dem Gedanken, nach gründlichem Aufwärmen in der Sonne für weitere 1000 Meter auf die Schwimmbahn zurückzukehren – aber so macht mir Schwimmen überhaupt keinen Spaß, und warum sollte ich Sport treiben, der mir keinen Spaß bereitet? Ich hatte zwei Menschen im Becken in Neopren gesehen, doch noch ist mir das zu teuer und umständlich. Verzichte ich halt auf Schwimmen bis nach dem Sommer; ich hoffe, dass das Dantebad sein Wasser dann wieder heizt (kostet im Winter ja auch deutlich mehr Eintritt). Und wenn nicht geheizt wird, weil Energiesparen, setze ich mich für Oberkörpertraining halt ans Rudergerät, seufzend.

Dennoch genoss ich die Sonne, vor die sich immer wieder Wolken schoben und in der es dadurch nicht zu heiß wurde. Ich hörte Musik und döste.

Auf dem Rückweg Semmelstopp am Bäcker Wimmer beim Josephsplatz.

Zu Hause Duschen, dann Frühstück um drei mit zwei frischen Körnersemmeln, eine mit Frischkäse und Tomate, eine mit Hühnerlebercreme vom Vorabend. Internetlesen, dann bügelte ich eine Stunde Kleidung weg. Lesen auf dem Balkon, bis Herr Kaltmamsell Abendessen servierte: Aus Ernteanteil gebratene Auberginenscheiben, außerdem Corned Beef (selbst gepökelt und gestern stundenlang gedämpft) mit Pommes aus dem Speisefön. Nachtisch Apfelkuchen.

Zur Abendunterhaltung gingen wir ins Kino.

Der Trailer hatte mich sofort begeistert: Die heutige Geschichte einer älteren Frau und eines Flaschengeists, gespielt von Tilda SWINTON und Idris Elba – das konnte nur großartig werden. Und dann schwärmte auch noch Joël davon: Ich besorgte für gestern Abend Karten für Three Thousand Years of Longing im City-Kino bei uns ums Eck.

Wir sahen einen sehr schönen Film. Er steht in der langen Tradition der Geschichten mit Geist aus der Flasche und drei Wünschen, doch hier haben wir charmanterweise im Mittelpunkt und als Erzählerin eine Expertin für Geschichten, eine akademische narratologist, die sich dieser ihrer Geschichte bewusst ist. Und die in den Verhandlungen mit ihrem Flaschengeist, Dschinn, immer wieder auf die typischen Bestandteile dieser Geschichten hinweist, unter anderem, dass sie immer schlecht ausgehen, dass dem Dschinn nicht zu trauen ist, aber auch, dass er sich vor ihr als Wünscherin mehr in Acht nehmen sollte. Der Dschinn erzählt ihr, wie er in die Flasche geraten ist, die sie in Istanbul gefunden hat, wohin sie zu einer Konferenz gereist ist – und der Wunsch, den sie dann tatsächlich äußert, ist wundervoll daraus hergeleitet. Wie alle solche Geschichten hatte auch diese eine tiefe Bedeutung.

Ich war allein schon deshalb über den Originalton froh, weil Tilda Swinton (immer großartig) diesmal mit verstreutem, aber deutlichem nordenglischen Akzent spielt – vielleicht mochte sie endlich mal eine andere Herkunft spielen als ihre eigene aus der britischen Oberschicht.

Im letzten Teil des Films lachte ich laut auf, als man ihre Figur Alithea auf einer Laptop-Tastatur tippen sieht: Nur mit dem rechten Zeigefinger. Ich hatte vor über 20 Jahren eine promovierte Kollegin, die genau so tippte, für Großbuchstaben nahm sie den linken Zeigefinger zu Hilfe (als ich sie entgeistert fragte, wie sie ihre Doktorarbeit geschrieben habe, erklärte sie: “Auch so.”). Große Pluspunkte: Ich fand die Geschichte zufriedenstellend zu Ende gebracht. Und endlich mal wieder ein Film mit unter zwei Stunden Laufzeit, er dauert nur 100 Minuten. Ich hatte schon befürchtet, das sei Vergangenheit.

Dem Abspann des Films entnahm ich, dass er auf einer Kurzgeschichte von A.S. Byatt basiert – die werde ich suchen, von ihr habe ich eh schon zu lange nichts mehr gelesen (veröffentlichte zu meinen Studienzeiten Possession: A Romance, das viel Wirbel machte).

Mein erster Kinofilm, in dem Corona-Masken getragen wurde, in der U-Bahn, in Hörsälen, ohne dass es Thema war. Und im Abspann wurden die Verantwortlichen für die Corona-Maßnahmen der Dreharbeiten genannt.

Nachtrag: Sehr gut gefällt mir die Rezension des Films von Peter Bradshaw im Guardian (auch wenn er zu meiner Überraschung David Lodge einen “forgotten influence” nennt – ich bin alt): “Three Thousand Years of Longing review – heartfelt Aladdinesque adventure for grownups”. Ebenfalls interessant aber der Verriss des Films von Wendy Ide im selben Blatt: “Three Thousand Years of Longing review – djinn in need of a tonic”.

Auch auf dem kurzen Rückweg war es noch warm genug für Jackenlosigkeit. Nach elf ins Bett, huiuiui!

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Sonntag, 4. September 2022 – Letzter Freibadschwumm und Three Thousand Years of Longing

  1. Anne Rüsing meint:

    Liebe Kaltmamsell
    es könnte sein, dass ich die Byatt-Geschichte habe. Muss mal suchen. Wenn ja, soll ich sie in die Post legen?
    Herzlich
    ar

  2. Sanne meint:

    Bei uns (Leipzig) sind die Temperaturen in den Hallenbädern bereits gesenkt worden (wohl auch in anderen Städten). Genaue Wassertemperatur weiß ich gerade nicht, aber ein Test ergab: 45-50 Minuten gehen gerade noch, dann friere ich erbärmlich. Ich hoffe noch auf ein bißchen Gewöhnung, aber der Neopren ist bereits bestellt.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für das Angebot, Anne Rüsing, aber ich schaue lieber nach einer elektronischen Version.

  4. Sonni meint:

    Interessierte Frage: Hat Ihnen das mit den Masken im Film gefallen?

    Bei mir ist es nämlich so, dass ich das Maskentragen in der Realität zwar nie schlimm fand/ finde, auf Maske im Film aber immer mit starkem inneren Widerwillen reagiere und solche Filme meide, wenn ich es vorher weiß.

    Daher interessiert mich wirklich mal eine ggf. andere Perspektive.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ich fühlte weder eine positive, noch eine negative Wertung, Sonni, fand das Auftauchen von Mund-Nase-Masken lediglich interessant. Auf derselben Ebene wie die Erwähnung eines Corona-Teams im Abspann.

  6. Joel meint:

    Danke für die beiden Kritiken. Ich selbst finde den Film ja wunderschön, aber mir war auch klar dass er den Ansprüchen eines nach Eklektizismus dürstenden Kritiker nicht gerecht wird.

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