Journal Sonntag, 20. November 2022 – Sonntag voller emsiger Kleinigkeiten

Montag, 21. November 2022 um 6:13

Herrlich lang ausgeschlafen. In der letzten Schlafphase geträumt, dass ich Joël in Luxemburg besuchte. Ich begleitete ihn in einen Designerladen, wo er sich unbedingt ein Fahrrad kaufen wollte, er hatte mir bereits begeistert davon erzählt. Dieses Fahrrad war aus leicht angerosteten Wasserrohren zusammengesetzt, sonst nichts, “ganz minimalistisch”, wie Joël schwärmte. Ich riet ihm dringend, das Rad vor Kauf probezufahren, da ich vermutete, ihm würden mit dem komplett ungefederten Fahrzeug schon nach wenigen Metern alle Knochen schmerzen. Tatsächlich konnte ich ihn zu diesem Proberadeln überreden, doch leider wachte ich auf, bevor ich das Resultat erfuhr.

Nach Morgenkaffee und sonntäglich zusätzlichem Morgentee wollte ich nach dem Puderzuckern die beiden Weihnachtsstollen einwicklen, doch ALUFOLIENALARM! Wie sonne Anfängerin hatte ich vergessen, vor Stollenbacken den Alufolienbestand zu checken. Jetzt entdeckte ich, dass er nicht mal für eine Schicht des einen reicht. Ich musste Herrn Kaltmamsell für Montag einweisen, damit er das an meiner Stelle nachholte – wo doch Stollen MEINE streng geschützte Kernkompetenz ist! Doch das Gebäck musste Montagmittag traditionell eingewickelt vorliegen: Ich hatte auch dieses Jahr einen Stollen für Herrn Putzmann mitgebacken, der am Montag zum letzten Mal vor Weihnachten kommen (ab dann der Kollege, mit dem er sich abwechselt) und ihn dann nach Polen zu seiner Familie mitnehmen würde.

Das Wetter war windig und kalt, der Himmel wurde überflogen von gemischten Wolken. In Winterjacke, mit Sportmütze und -handschuhen ging ich raus zum Laufen, über Alten Südfriedhof an die Isar nach Thalkirchen.

Ich lief leichtfüßig und schmerzfrei.

Frühstück um zwei: Mandarinen, Rote-Bete-Salat, eine Körnersemmel mit Butter und Blaubeermarmelade.

Wochenend-Süddeutsche gelesen. Wie sich in den Todesanzeigen für Wolf Schneider, aus dessen Büchern, allen voran Deutsch für Profis, auch ich so viel gelernt habe, alle um knappestmögliche Formulierung bemühen – das ist die eigentliche Würdigung.

(Vielleicht besteht meine Lebensleistung dann doch darin, dass Wolf Schneider an einem Pressetext von mir, den ich für einen Workshop eingereicht hatte, nichts aussetzte.)

Eine kurze Runde Bügeln, dann las ich das SZ-Magazin vom Freitag hinterher, die Kunst-Ausgabe Edition 46 (€). Sie stellte sich als besonders lesenwerte Ausgabe heraus, denn mal wieder fühlte ich mich sehr dumm: Selbstverständlich gibt es unter Behinderten Künstler*innen, manche davon große solche (hätte ich auf Frage geantwortet). Doch darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht und auch noch nie darüber, dass sie sehr wahrscheinlich auf dem Kunstmarkt keine Chance haben – wenn überhaupt, dann unter dem Etikett “behindert”, was an Kunst vorbei geht. Selbst die Interviews mit den vorgestellten Künstler*innen fand ich bereichernd.

Sonnenuntergang um halb fünf – und wir sind noch nicht mal in Sichtweite längerer Tage.

Genuss-Sonntag: Eine Runde Yoga. (In Adrienes 30-Tage-Programm “Dedicate” war inklusive dieser Folge 12 noch keine dabei, die ich wiederholen wollte.)

Sonntagsbraten: Herr Kaltmamsell hatte ein Stück Schweinefleisch (Oberschale) gepökelt und jetzt gekocht, servierte es mit Mushy Peas (mit Minze!) und Kartoffelpü.

Fleisch wohlschmeckend und saftig, Erbsen und Kartoffeln ein Genuss.

Abend…äh…unterhaltung: Die neueste Folge Anstalt, über die aktuellen Geschehnisse im Iran (und die historische Rolle Deutschlands dabei – stellt sich unter anderem heraus, der traditionelle muslimische Antisemitismus ist gar nicht traditionell).

Seit einigen Tagen mache ich mir Gedanken, wie eine deutlich optimalere Kücheneinrichtung in unserer Wohnung aussähe, also statt dieser. Wir haben sie, weil nur wenige Jahre alt, den Vormietern abgekauft (wir wollten sie nicht im Handstreich zu Müll machen), aber sie entspricht wirklich, wirklich nicht unseren Wünschen.

Nachdem wir in der alten Wohnung erst bei Küche kaputt und mit akutem Bedarf einer neuen Küche begannen, uns Gedanken zu machen, möchte ich diese Mal bei Einsatz einer wirklich nötigen Planung bereits eine Liste mit Ideen und Grundsätzlichem haben. Zum Beispiel haben wir jetzt einen Essplatz vorm Fenster, wo die Vormieter eigenen Aussagen zufolge alle Mahlzeiten einnahmen (ihr Esszimmer, unsere heutige Bibliothek, nutzten sie nur für Einladungen). Über die vergangenen anderthalb Jahre hat sich erwiesen: Da sitzen wir nie, weder zum Essen noch zu sonst irgendwas. Dieser Platz würde also in einer optimierten Küche für Anderes genutzt – vielleicht für eine Arbeitsfläche mit natürlichem Licht. Als notwendig und genutzt wiederum hat sich der Schrank mit Putzgerät gleich bei der Tür herausgestellt, den wird es wieder geben. Ein großer Wunsch ist mehr Stauraum für Vorräte: Dafür hatten unsere Vormieter das Kammerl genutzt, in dem wir wiederum Schuhe, Schmutzwäsche, weiteres Putzgerät aufbewahren. Fortsetzung folgt.

§

Wien wird in den vergangenen Jahren immer wieder als städteplanerisches Vorbild für Metropolen angeführt, seine Gemeindebauten, der Umgang mit öffentlichem Raum. Anscheinend aber gelingt auch dort nicht alles.
“Der neue Neue Markt in Wien: Ein autofreundliches Durcheinander”.

“Es gibt in der Tat einen Shift von der Versiegelung hin zu mehr Grün, aus ökologischen Gründen wie auch aus psychologischen und ästhetischen”, bestätigt auch Lilli Lièka, Landschaftsarchitektin und Professorin an der Boku Wien. “Die Architekten haben lange dafür gekämpft, dass ein leerer Platz als Ultima Ratio gilt, aber heute realisiert man, dass sich befestigte Flächen viel zu stark aufheizen.” Bei 40 Grad ohne Schatten schafft es eben auch der härteste Flaneur nicht mehr, mit der Espressotasse in der Hand italienische Sprezzatura zu performen.

Riesige Tiefgaragen in der Innenstadt, die zwar die parkenden Automassen unsichtbar machen sollen, aber sie dann doch erst mal in die Stadt locken, erweisen sich heute überall als jüngere Fehlentscheidungen.

Die Neugestaltung eines 800 Jahre alten Platzes um den Anachronismus einer Tiefgarage herum zu konstruieren – darauf wird man vermutlich schon in wenigen Jahren mit ungläubiger Ratlosigkeit zurückblicken.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Sonntag, 20. November 2022 – Sonntag voller emsiger Kleinigkeiten“

  1. FrauC meint:

    Ich habe ebenfalls eine intakte Küche übernommen, deren Vorbesitzer offensichtlich ein ganz anderes Leben geführt haben (kein Stauraum und ein sinnloser Mini- Essplatz). Zum Glück habe ich ein Unternehmen gefunden, das gebrauchte Küchen aufkauft, evtl. neu kombiniert und woanders wieder einbaut. Die haben die alte Küche in kürzester Zeit abgebaut und mitgenommen.
    Allerdings sind sie nur regional tätig, aber vielleicht gibt es sowas auch in München? Dann bekäme die unpassende Küche ein neues Leben woanders.

  2. Beate meint:

    Das mit den leeren Plätzen und den Staus … oh ja. Der Rossmarkt/Goetheplatz (in FFM) wurde vor einigen Jahren umgestaltet, das schöne Rosengärtchen entfernt und der Riesenplatz schwarz(!) gepflastert. Mittlerweile gibt es eine kleine Testfläche, wo verschiedene helle Beläge ausprobiert werden. Dort stehen Bänke, die werden im Sommer rege genutzt. Seit zwei bis drei Jahren gibt es auch grüne “Inseln”, die Kühle spenden sollen.

  3. Alexandra meint:

    Sie wissen es sicher schon, aber ich sag’ es trotzdem: EinbArbeitsplatz mit Tageslicht ist nicht zu toppen!

    Hatte ich bisher nicht überall, aber wo es ging, habe ich es umgesetzt.

  4. adelhaid meint:

    Wenn ich auch einen Rat zur Küche geben darf: 10cm tiefere Arbeitsplatte als normal. Absoluter game-changer. Und ja, Tageslicht ist schön, aber wichtig ist eine gute Lampe, wenn es draußen mal dunkel ist… soll ja vorkommen.

  5. Joël meint:

    OMG!
    Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge auf einer Rostlaube von Fahrrad sitzen.

    Kugelt sich vor Lachen und fällt vom Fahrrad.
    Kriecht nach hinten von der Bühne ab unter schluchzen, kichern und jammern zugleich

    Vorhang

    Heute Abend bitte die den Rest davon träumen, ja? Ich will wissen wie das ausgeht.

Beifall spenden: (Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

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