Archiv für Juni 2023

Journal Donnerstag, 22. Juni 2023 – Blitzeinsatz Schöffin, Hitzeprügel

Freitag, 23. Juni 2023

Unruhige Nacht mit viel Zwischenaufwachen und einem Schlafloch, ich war froh, als es zehn Minuten vor Weckerklingeln spät genug war für Aufstehen. Die Schlafunterbrechungen hatte ich dafür genutzt, nach Mitternacht Fenster und Balkontüren zu öffnen, beim Zu-Bett-Gehen war es draußen noch wärmer gewesen als drinnen.

Nach einem Balkonkaffee nahm ich wieder das Rad in die Arbeit, denn es sollte mich am frühen Vormittag zu einem Einsatz als Schöffin ans Gericht bringen.

Ganz weges Haus Schiller-, Ecke Pettenkoferstraße. Ein Plakat erklärte (ich finde es sehr großartig, dass mittlerweile praktisch an jedem absichtlichen Straßenloch in der Stadt Informationen zum Hintergrund zu finden sind), dass hier der Neubau für die Geo- und Umweltwissenschaften der Ludwig-Maximilian-Universität entsteht – ein ganz schöner Koloss (für den dem Foto zufolge auch das grünliche Gebäude im Hintergrund weichen wird). Hier mehr Pläne auf der Website des Architekturbüros – ich hoffe sehr, dass die Saurierskelette im Eingangsbereich nicht nur erfunden sind.

Unterwegs erinnerte mich etwas mühsames Treten daran, dass die Reifen Luft brauchten – und zu meiner Überraschung und Freude stellte ich fest, dass am Abstellplatz jemand, vielleicht sogar mein Arbeitgeber eine superduper Fahrradpumpe zur Verfügung stellte. Mit der pumpte ich gleich Mal (vor Einstempeln!).

Den extrafrühen Arbeitsstart nutzte ich für Erledigungen. Kurz vor neun zurück ans Rad, mit aufgepumpten Reifen fuhr es sich schon mal leichter durch die Morgenluft mit Hitzedrohung.

Der Termin selbst am Amtsgericht war dann kurz: Verhandelt wurde ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, doch ein Zeuge war erkrankt, und die Verteidigung konnte gut begründen, warum sie dessen Aussage unbedingt brauchte. Ich lernte die Begriffe “Beiordnung”, “Verständigung”, “Aussetzen” vs. “Fortsetzen” einer Verhandlung. Die Fortsetzung hätte innerhalb der nächsten drei Wochen passieren müssen, doch wir beiden Schöffinnen hatten unsere Urlaubsstarts extra auf die Woche nach dem gestrigen Verhandlungstermin gelegt, in diesen drei Wochen waren wir beide verreist. Also setzte der Richter die Verhandlung aus, sie wurde ganz neu terminiert, auch mit neuen Schöff*innen. Nach gerade mal zwei Stunden stand ich wieder auf der Nymphenburger Straße und radelte Büro-wärts (ein Glück: erst am Gericht erfuhr ich, dass die Verhandlung ganztägig angesetzt gewesen war, das hätte meinen Arbeitstag gründlich zerschossen).

Besonders: Der Zuschauerbereich des Gerichtsaals war bis zum letzten Platz besetzt, nämlich von einer Schulkasse (nach meiner – ausgesprochen unzuverlässigen – Schätzung 15- bis 17-Jährige), die so bunt zusammengesetzt war, als sei sie für Sportkleidungswerbung gecastet. Vielleicht aber sieht unsere Zukunft wirklich so aus, dann freue ich mich sehr auf sie.

Unterwegs hielt ich auf einen Mittagscappuccino am Mahlwerk im Forum Schwanthalerhöhe.

Im Büro wartete einiges auf mich. Mittagessen dann in drei Gängen: Tomaten, Pumpernickel mit Butter, Mango (mir schoss durch den Kopf: Ich kann mir eine Bio-Mango zu 3,78 Euro leisten, ich habe wirklich keine Geldsorgen) und Pfirsich mit Sojajoghurt.

Draußen diesige Hitze, ich ließ die Fenster schön zu, die Tür ins kühle Atrium aber offen. Die großen Außen-Jalousien werden derzeit ersetzt, wir sind in der Phase Gar-keine-Außenjalousien, also konnte ich nachmittags lediglich die Innen-Rollos gegen die heizende Sonne herablassen.

Doch irgendwann war Feierabend, irgendwann musste ich da raus – die Luft vor dem Bürogebäude fühlte sich unangenehm drückend an. Solange ich auf dem Fahrrad unterwegs war, kühlte mich der Fahrtwind ein wenig, doch auch der war warm. Ich radelte zur Theaterkasse der Kammerspiele, denn die letzte Vorstellung meines Abos in dieser Spielzeit fällt in meinen Urlaub. Das Stück wird aber nicht mehr nach meiner Rückkehr vor der Sommerpause aufgeführt, ich bekam einen Gutschein.

Die zwei Kilometer Heimfahrt durch gleißende Innenstadthitze unangenehm, ich war sehr froh, in die schattig kühle Wohnung heimzukommen.

Beim Salatwaschen entschwitzte ich ein wenig, turnte dann Yoga-Gymnastik, machte den Ernteanteil-Kopfsalat mit der ersten Ernteanteil-Gurke und zugekauften Tomaten sowie gekochten Eiern in einem Joghurtdressing an. Das schmeckte sehr gut. Dann gab’s noch ordentlich Schokolade.

Das angekündigte Unwetter ging in der Münchner Innenstadt übersichtlich herab, brachte immer nur in kurzen Phasen Regen. Am beeindruckendsten war der Temperatursturz von über 30 auf unter 20 Grad.

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Selbst wenn Sie die ernsthafte Berichterstattung über Klimawandel nur aus dem Augenwinkel mitbekommen, wird Ihnen aufgefallen sein, dass die Zeitpunkte, für die die ganz schlimmen Einschnitte vorhergesagt werden, sprunghaft näherrücken. Vor zehn Jahren noch konnte ich mir einreden, dass sie mich nicht mehr betreffen werden, nach dem jüngsten IPCC-Bericht (also der Sammlung von Messungen des Weltklimarats – wohlgemerkt fast ausschließlich einfach Messwerte) musste ich mir bereits Sorgen um meine Zeit als Rentnerin machen, derzeit lese ich wöchentlich Meldungen, dass Prognosen bereits überholt werden – also die, die gerne als “alarmistisch” abgetan wurden.

Wenn Sie sich die Laune so richtig versauen wollen, schauen Sie bitte Kriminal-Biologe Dr. Mark Benecke zu, wie er eine gute Stunden lediglich über Messungen berichtet (na gut, ein wenig Verbindungen stellt er dazwischen auch her).

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https://youtu.be/RPs9JdthcHU

Er zeigt auch Messungen über die letzten 110 Jahre und noch längere Zeiträume (für die Leute, die sich immer noch mit “Pah, es gab immer schon wärmere Phasen in der Erdgeschichte” beruhigen). Ernennt die Quellen der Messungen und Daten, um klar zu machen: Das ist keine Meinung, alle Mess- und Forschungsinstitutionen stehen dahinter.

Artensterben (Beneckes Fachgebiet): “Unaussprechlich.”
Klimaerwärmung: “Wir sind derzeit im worst case.”
“Niemand hat Daten dafür, dass das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen ist.”

Und wie ich werden Sie das alles danach wahrscheinlich schön wieder verdrängen und vergessen, weil es schlicht unerträglich ist.

(Beim Thema Landwirtschaft übernehme ich allerdings nicht Beneckes Perspektive: Mich interessiert viel mehr, ob es Daten dazu gibt, dass die postulierte Abschaffung der gesamten Nutztierhaltung zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Landwirtschaft führt, also wirkungsvoller ist als die Abschaffung von Massentierhaltung und industrieller Landwirtschaft. Das behandelt Benecke nicht, er scheint mir auch in diesem Punkt Klima-Argumente – das meiste Mais und Soja wird für die Tierhaltung angebaut / Methanausstoß – und emotionale Argumente – die armen Tiere! – zu vermischen.)

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Kleine schöne Mastodon-Sammlung über den Siegeszug deutscher Kulinarik in der Welt.

Journal Mittwoch, 21. Juni 2023 – Isarlauf in die Sonnwend

Donnerstag, 22. Juni 2023

Wecker auf sehr früh zum Vor-Arbeit-Isarlauf zu einem der längsten Tage des Jahres, zwischen 18. und 24. Juni steht die Sonne in München mehr als 16 Stunden über dem Horizont. Es war warm genug für ein ärmelloses Oberteil.

Ein Wolkenband überm Horizont verhinderte klaren Sonnenaufgang, aber nach dem nächtlichem Regen war die Luft abgekühlt und ganz besonders wunderbar.

Das fanden andere Läufer*innen auch: Nachdem ich an den vergangenen Morgen bis halb sieben nahezu allein lief, ging es gestern an der Isar zu wie an einem Sonntagvormittag. Die Nachmittags- und Abendhitze der letzten Tage hatte wohl zu Verschiebungen des Tagesrhythmus’ geführt.

Scheint eine rauschende Sommernacht gewesen zu sein.

Unter der Brudermühlbrücke entdeckte ich, dass einige der Murals gecrosset worden waren1 – “Fuck Antifa” lässt wenig Spielraum zur Interpretation, aus welcher Richtung das kam. (Kein Foto, weil ich aus dem Streetart-Buch von Martin Arz gelernt habe, dass man Crossern keine Reichweite verschaffen soll.)

Ins Büro geradelt, die Sonne brannte bereits kurz nach acht unangenehm.

Weges Haus Schillerstraße Ecke Pettenkofer.

Erstmal zackig Kleinigkeiten weggearbeitet, Tag 2 der Infoveranstaltung startete früher. Da sich erwies, dass der erste Programmpunkt komplett irrelevant für mich war, konnte ich noch Anderes wegarbeiten.

Außerdem musste ich eine Stunde aussetzen für eine parallele, aber wichtigere Infoveranstaltung, deren Zielgruppe ich anders als bei der zweitätigen zu 100 Prozent war. Parallel poppten die Wortmeldungen im Chat der vorherigen auf, alle hochinteressant, möglicherweise habe ich weder von der einen noch der anderen Veranstaltung profitiert.

Weil eh wuschig, huschte ich auf einen Mittagscappuccino zur Nachbarfirma, klinkte mich dann wieder in Veranstaltung 1 ein. Spätes Mittagessen nach deren Ende: Pumpernickel mit Butter, Flachpfirsiche.

Auch wenn die Temperatur im Büro erträglich war, fühlte ich mich nachmittags sehr schlapp und müde, wenig leistungsfähig.

Nach der Arbeit radelte ich in angenehmer Brise heim, Stopp beim Vollcorner für Lebensmittel. Leider wieder extreme innere Düsternis, daheim legte ich mich erstmal aufs Sofa mit der Hoffnung auf ein wenig Beruhigung.

Tatsächlich schaffte ich ein wenig vorbereitende Pediküre und rubbelte den Discolack von meinen Zehennägeln (hält richtig, richtig gut, Entfernung entsprechend mühsam). Dabei entdeckte ich einen großen dunkelblauen Fleck unter dem linken Zeigezehnagel, ich erinnere mich an keinerlei Schlag oder Verletzung, er schmerzt auch nicht. Eine Runde Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitung. Zum Nachtmahl steuerte ich Tomatensalat bei, Herr Kaltmamsell hatte Vichyssoise gemacht.

Nachtisch Schokoküsse und Schokolade (bisschen zu viel).

Wieder früh ins Bett, um Marilynne Robinson, Jack weiterzulesen – eher im Galopp, da mich Jacks seitenlangen verquasten Gedankengänge nerven und seine eigentliche Geschichte zu großen Teilen so kompliziert indirekt erzählt wird, dass ich fast komplett das Interesse verloren habe und nur die Passagen gründlich lese, in denen es um ihn und Della geht (außer die beiden verstricken sich wieder seitenlang in seine verquasten Gedankengänge).

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Vielleicht erinnern Sie sich noch an das #Lindwurmessen von Herrn Kaltmamsell und mir. Die Lindwurmstraße in München ist eigentlich eine besonders schöne mit ihren Pappeln links und rechts. Doch für den Fuß- und Radverkehr war sie immer ausgesprochen anstrengend. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – wird das bald anders.
“Plan des Mobilitätsreferats:
Lindwurmstraße: Nur noch eine Spur pro Richtung”.

  1. “crossen: Das Zerstören eines fremden Graffiti-Bildes durch (teilweises) Übermalen (Zutaggen) oder Durchstreichen” []

Journal Dienstag, 20. Juni 2023 – Lindenblütenduft und schweißtreibende Physio

Mittwoch, 21. Juni 2023

Seltsame Nacht: Eigentlich tiefer Schlaf wurde immer wieder unterbrochen; bei einem Klogang brachte ich meine rechte große Zehe unter die Schlafzimmertür, die ich gerade öffnete – selbst dieser wirklich große Schmerz verhinderte kein Weiterschlafen. Doch nur durch dieses mehrfache Aufstehen bekam ich mit, dass es ein wenig regnete, morgens waren Straßen und Wege schon wieder trocken.

Arbeitsweg unter düsterem Himmel, in milder Luft. Immer wieder erreichten mich Wolken von Lindenblütenduft.

Im Büro schaffte ich eilig einiges weg, denn dann begann der erste Tag einer zweitägigen Infoveranstaltung – online, ich konnte also nebenher andere Dinge wegschaffen, allerdings nicht auf meinen Mittagscappuccino weg und musste auf Hallenbadautomaten-Cappuccino zurückgreifen.

Mittagessen: Aprikosen und Plattpfirsiche (gut!), Hüttenkäse.

Aus strukturellen Gründen war die Veranstaltung für Leute in meiner Funktion zwar wichtig, doch nicht auf Leute in meiner Funktion zugeschnitten. Das bedeutete: 60 Prozent der Informationen waren für mich irrelevant, 20 Prozent interessierten mich aus persönlicher Wissbegier, etwa 20 Prozent brauchte ich wirklich – aber um die abzugreifen, musste ich fast alles mitverfolgen. Das war sehr anstrengend.

Nach Ende des Termins war ich eigentlich durch, aber wieder mal nicht die Arbeit.

Nach Feierabend ging ich zu einen weiteren Physio-Termin. Ich war unsicher, in welcher Kleidung ich dort erwartet wurde (zum ersten Termin war ich von daheim direkt in Gymnastikhose, Sport-BH und Laufoberteil gegangen) und schlüpfte gleich im Büro in eher Yoga-Taugliches (bunte Gymnastikhose, ärmelloses Sportoberteil). Mein Sommerkleid transportierte ich auf dem Weg in gleißender Hitze überm Arm.

Herr Physio machte wieder eine Reihe lustiger Übungen mit mir: Ich hatte auf LWS-Zwicken und Totelverkrampfung des Hüftgürtels verwiesen, also wurden Hüfte und LWS mobiliert, unter anderem mit Pezziball. Auch hieß er mich Oberkörperübungen mit Hanteln machen – ich schwitzte ordentlich, beim nächsten Sommertermin habe ich ein Nicki-Tücherl für Stirnband dabei. Dann legte er mich auf der Massageliege auf den Rücken und tat Dinge an meinem Kopfansatz und Kiefer.

Auf dem Heimweg ein Abstecher zu Drogerie-Einkäufen, zu Hause hatte Herr Kaltmamsell das Nachtmahl bereits vorbereitet: Wurstsalat mit besonders aromatischer Regensburger. Fürs Dessert spazierten wir zu unserem Nachbarschafts-Eisdieler, dann gab’s noch Erdbeeren und Schokolade.

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Mir ist klar, dass die DSGVO (Datenschutzgrundverordnung) ein Special-Interest-Thema ist, aber wenn Sie sich wie ich dafür interessieren, mögen Sie vielleicht das kundige Reümee von netzpolitik.org fünf Jahre nach Einführung lesen:
“Die fünf größten Stärken der DSGVO”.
“Die fünf größten Schwächen der DSGVO”.

Vielleicht hilft Ihnen wie mir damals als Einstieg die re:publica-Session 2019 von Katharina Nocun und Lars dP Hohl: “Best of DSGVO-Armageddon”.

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https://youtu.be/Q1EQU_HsNic

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Neun Jahre lang hat Moritz Springer an seinem Dokumentarfilm über unser Kartoffelkombinat gearbeitet, nächsten Samstag ist Weltpremiere im Kino am Sendlinger Tor, hier der Trailer.

“Das Kartoffelkombinat soll eigentlich schon ein Vorbild sein, wie’s sein könnte.”
Und das meint Mitgründer Simon Scholl halt ernst.
Herrn Kaltmamsell und mir besorgte ich gleich Karten, ich bin sehr gespannt. (Hoffentlich war das überm Trailer nicht die Originalmusik.)

Journal Montag, 19. Juni 2023 – Hitze-Regler hoch

Dienstag, 20. Juni 2023

Düsterer Morgen, doch im Warm-Schwülen konnte ich Morgenkaffee auf dem Balkon trinken.

Auf dem Weg in die Arbeit spürte ich ein paar Nieseltropfen, weit entfernt von dem dringend nötigen Regen.

Für einen Montag begann der Arbeitstag milde, leider drückte mich bleierne Müdgikeit nieder.

Nach einigen Besprechungen ging ich auf einen Mittagscappuccino zur Nachbarfirma – ohne ein Foto davon aufzunehmen, ob er dann überhaupt wirkt?

Die Kreuzschmerzen der letzten Tage wurden schlimmer, fühlten sich mittlerweile wie ein gesamtverkrampfter Becken- und Unterleibsgürtel an.

Spätes Mittagessen nach einer einer weiteren, mittäglichen Besprechung: Pumpernickel mit Butter und überraschenderweise nachgereifte Aprikosen.

Dazu Zeitungslektüre. In der Süddeutschen besprach gestern Kristen Roupenian launig die Picasso-Ausstellung in New York, die Hannah Gadsby zusammengestellt hat: “die von einer Stand-up-Komikerin kuratiert wird, deren einzige Qualifikation darin besteht, Picasso zutiefst zu hassen”.
Ich hörte umgehend auf zu lesen, denn Hannah Gadsby ist nicht nur studierte Kunsthistorikerin, sondern machte eigene (komödiantische) Kunstgeschichte-Dokus im Fernsehen, was man beides durch einen einzigen Blick in ihre Biografie herausbringen kann.
Montagsausgaben selbst anständiger Zeitungen sind oft schlimm, weil die Sonntagsdienst-Notbesetzungen in der Redaktion gern mal mangels Fachkenntnis Mist durchwinken.
Der ganze Artikel (€): “Im Haus der steilen Thesen”.
(Gadsbys TV-Kunstgeschichte-Shows sind übrigens ausgesprochen sehenswert und lehrreich, wenn Sie mal ein Beispiel gucken mögen?)

Überraschung nach Feierabend: Es war nicht nur richtig sonnig, sondern heiß geworden, ich mied auf dem Heimweg die Sonne.

Nach Heimkommen (in eine sehr saubere Wohnung, Montag ist Putzmanntag – es ist SO toll in eine geputzte Wohnung heimzukommen, die man nicht selbst putzen musste!) befasste ich mich erstmal mit dem Abendessen: Kurz vor Ende der Saison sollte es dann doch mal Spargel geben. Ich schälte die von Herrn Kaltmamsell besorgten Stangen (nach denen er bereits suchen musste, lag aber vielleicht am Montag), packte sie mit Salz, Zucker, gehackter Salzzitrone und Butterflocken in Alufolie, schob die Päckchen in den Ofen.

Während der Spargel garte, turnte ich eine Runde Yoga-Gymnastik, bereitete dann die Sauce zu (Majo, Essiggurken, Ei). Die Kräuterkartoffeln kochte Herr Kaltmamsell, die neuen Kartoffeln waren sogar heimisch aus unserem Ernteanteil (allerdings nicht von unserem Kartoffelkombinat-Acker, unsere wurden gerade erst gesetzt).

Zum Nachtisch gab es Flachpfirsiche und Schokolade.

§

Veronika Kracher schreibt Interessantes über
“Autoritäre Revolte – Rammstein, Rock und Frauenhass”.
Via @pinguinverleih

Rockstar-Männlichkeit

Fans gitarrenlastiger Musikrichtungen sehen sich gerne als irgendwie rebellisch, selbst wenn die von ihnen vergötterten Künstler Multimillionäre sind, die in ausverkauften Stadien das Standard-Programm jedes Radiosenders mit den „besten Hits der Achtziger, Neunziger und von heute“ abspielen. Vielleicht wohnte Rock noch subversives Potential inne, als Künstler*innen dafür Sanktionen erfuhren, sich gegen den Krieg in Vietnam zu stellen. Aber dem Kapitalismus und seiner Kulturindustrie ist es immanent, alles auch nur ansatzweise Bedrohliche aufzusaugen, sich einzuverleiben und zum systemkompatiblen Hochglanzprodukt zu machen, dessen kritisches Moment mehr Schein als Sein ist.

Wie die Autor*innen Joy Press und Simon Reynolds in dem lesenswerten „Sex Revolts – Gender, Rock und Rebellion“, das gerade jetzt das Buch der Stunde sein sollte, ausführen, wurde die Rebellen-Inszenierung „alternativer“ Musik immer schon auf dem Rücken von Frauen ausgetragen. Rock-Rebellen hatten sich seit den 1950er und 60er Jahren damit gebrüstet, alle erdenklichen – aber vermutlich auch deshalb selten konkret benannten – Repressionen kaputt schlagen zu wollen. US-Regierung, Elternhaus, Polizei, schlicht alles von dem Kränkungen und Einschränkungen ausgingen. Ein Unterdrückungsverhältnis blieb jedoch seit jeher außen vor: das Geschlechterverhältnis.

Wie Press und Reynolds darstellen, werden im Rock und seinen ideellen Vorgängern wie der Beat-Literatur Frauen, trotz der brutalen Ausbeutung und Unterdrückung, die sie im kapitalistischen Patriarchat erleiden, weniger als dessen Opfer gesehen. Stattdessen gelten sie als diejenigen, von denen eine Einschränkung und Unterdrückung ausgeht, gegen die rebelliert werden muss. Mütter, Lehrerinnen, Partnerinnen. Anstatt unsere Rock-Rebellen einfach ziehen und sich selbst entdecken zu lassen, verlangen diese Spießerinnen von ihnen die Übernahme von Verantwortung und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Und einen Job annehmen, um eine Familie zu ernähren, anstatt mit der Gitarre auf dem Rücken durchs Land zu reisen, ist dem musikalischen Männer-Genie schlicht unwürdig. Die Zuschreibung an Frauen, Teil der Herrschaft zu sein, ist eigentlich eine projektive Täter-Opfer-Umkehr, die den Zweck hat, die konkrete patriarchale Gewalt, die Stars mit Rebellen-Attitüde immer und immer wieder ausüben, zu verschleiern.

Eigentlich, so argumentieren die Autor*innen von „Sex Revolts“, geht es in großen Teilen des Phallus-Rock maximal um eine infantile Rebellion mit dem Ziel, eine diffuse Unzufriedenheit zu artikulieren, sich die Hörner abzustoßen und für ein paar Jahre lang eine Gegenposition zu einem selten wirklich benannten Establishment zu performen. Mit einem tatsächlich revolutionären Anspruch, der eine radikale Kritik an den herrschenden Verhältnissen übt, hat diese Attitüde wenig gemein. Und: Es ist bezeichnend, dass diese musikalische Trotzphase bei so vielen Musikern inzwischen mehrere Jahrzehnte anhält. Zusammenfassend: Das Establishment ist weiblich, Rebellion hingegen männlich konnotiert.

(…)

Ob Fans nun die Vorwürfe an Lindemann und seinem Umfeld glorifizieren oder sie verleugnen und die zahlreichen betroffenen Frauen als Lügnerinnen, rachsüchtige Groupies oder naive Dummchen darstellen: Sie glauben, auf der „richtigen Seite“ der Geschichte zu stehen. Denn ihre Idole sind ja Rebellen, die gegen das – mit Frauen assoziierte – Establishment antreten. Deswegen, so der gedankliche Kurzschluss, sind all jene, die sich gegen diese Idole stellen, Vertreter*innen der verhassten Spießergesellschaft.

§

Einen Ausläufer dieser Diskussion hatte ich in der Bürgerversammlung 2022 meines Wahlbezirks 2 Ludwigsvorstadt – Isarvorstadt mitbekommen, im SZ-Magazin schildert Henriette Kuhrt sie ausführlich – als Beispiel, warum das mit der urbanen Verkehrswende in Deutschland so schnell nichts wird. (Leider schon wieder €.)
“Auto-Korrektur”.

In einem Münchner Stadtviertel sollen Straßen umgebaut werden, da­mit Kinder und behinderte Menschen sicherer unterwegs sind. Doch sofort regt sich Widerstand – denn 48 Parkplätze ­würden wegfallen. Die ­Geschichte eines Krampfs.

Ein Argument der Autorin finde ich wichtig: Aber sicher gibt es hier Menschen, die aufs eigene Auto angewiesen sind. Und genau denen machen die rücksichtlosen Beharrer auf eigenem Auto, die nicht darauf angewiesen sind, das Leben schwer.

Es beginnt ganz harmlos, mit einem Zettel, der innen an die Glasscheibe eines Bio-Supermarkts geklebt ist. »Der Glockenbach soll einen neuen Straßenbelag erhalten«, steht dort. Gehwege würden verbreitert, die Ecken in den Kreuzungsbereich vorgezogen. Es würden 17 Bäume gepflanzt und Bänke vor den Häusern aufgestellt. Außerdem kämen viele Fahrrad- und Lastenfahrradständer hinzu. 38 Parkplätze fielen weg. Ob wir das wollten?

Mein erster Gedanke: Natürlich will ich das. Denn wir leben hier nicht nur am größten Spielplatz des Münchner Glockenbachviertels, wir leben auch in einem gigantischen Open-Air-Autohaus. Wohn­mobile, Jeeps, Bullis, E-SUVs – sie alle quetschen sich an den Straßenrand rund um den dreieckigen Spielplatz. Abgesenkte Fußgängerquerungen gibt es nur zwei, und die sind regelmäßig zugeparkt. So müssen sich die Kinder zwischen den Autos hindurchquetschen, um auf den Spielplatz zu gelangen. Rollstuhl- oder Rollatorfahrern sind die Wege versperrt. Und wer könnte im Jahr 2022 etwas gegen zusätzliche Bäume haben? Anderseits: 38 Parkplätze fallen weg – da denke ich: Das gibt Stress. Und so kommt es.

Journal Sonntag, 18. Juni 2023 – Verdorrtes Freibad

Montag, 19. Juni 2023

Guter Nachtschlaf – doch auch er zeigte nicht die erhoffte Zauberwirkung, die Düsternis auszulöschen. Zumindest kam ich gestern um die Note Verzweiflung rum.

Morgenkaffee beim Bloggen auf dem Balkon, es brauchte bei aller Sommersonne Wollsocken und -jacke.

Für eine Einheit Schwimmen und Sonnen radelte ich ins Dantebad. In perfekter Vormittagskühle nahm ich die hübsche Strecke über Nymphenburger Straße und Gern, die Straßen und Wege noch sonntäglich leer.

Die Radlständer vor dem Bad waren allerdings bereits gut besetzt – lediglich Freibadvolk, auf den Schwimmbahnen ließ es sich mit wenigen anderen Schwimmer*innen gut durchziehen.

Gelassene 3.100 Metern in reinstem Sonnenschein (allerdings mit zwei Krampfversuchen der Waden), lediglich beeinträchtigt wieder vom Frittenfettdunst auf der Westseite des Beckens.
Ein wenig ärgert mich ja schon, dass der Bewegungstracker meines iPhones die manuell eingetragene Schwimmstrecke zwar speichert, aber nicht zur Bewegung des Tages zählt: Ohne 12.000 Schritte zusätzlich unterstellt er mir Unterbewegung.

Duschen und Sonnencremen, ich ließ mich mit Musik aus dem iPhone auf den Ohren auf der Liegewiese nieder.

Der Rasen nach einer weiteren Woche ohne Regen noch verdorrter als vergangenen Sonntag, es ist viel zu trocken.

Apropos.
“Droht München ein ernsthaftes Trinkwasserproblem?”

München sei die am stärksten versiegelte Großstadt in Deutschland, so Christina Mertens. Mehr als 50 Prozent der Oberfläche des gesamten Stadtgebietes und im Innenstadtbereich sogar zum Teil über 80 Prozent der Oberflächen seien überbaut oder durch Verkehrswege versiegelt. Wenn darauf Regen fällt, fließt er in der Regel in die Kanalisation: “Und zack ist er gleich wieder weg und wird davongetragen und kann überhaupt nicht zur Grundwasserneubildung beitragen”, sagt Mertens.

Das von Expert*innen vorgegebene Ziel der Städteplanung “Schwammstadt” könnte für uns hier überlebensnotwendig sein. Selbst wenn, horrible dictu, dafür Autoparkplätze wegfallen.

Wie angekündigt wurde es heiß, es hielt mich nicht lang in der Sonne. Beim Verlassen des Dantebads sah ich eine 30 Meter lange Schlange draußen an der Kasse, geparkte Fahrräder ergossen sich jetzt viele Dutzend Meter die Postillonstraße entlang.

Gemütliche Heimfahrt (rote Ampeln), daheim um drei Frühstück: Walnusssemmel vom Vortag mit Butter und Tomate, darauf Kresse aus Ernteanteil, außerdem ein Stück saure Aprikosentarte und die restlichen Erdbeeren vom Samstag.

Nach Duschen und Pflegen ein Nachmittag mit Lesen auf dem Balkon, Tüchtigkeiten wie Einfetten der neuen Wanderstiefel, Annehmlichkeiten wie Yoga-Gymnastik. Draußen zog der Himmel zu, es wurde etwas schwül.

Herr Kaltmamsell sorgte fürs Nachtmahl: Rachel Roddy’s picnic pie with greens and parmesan.

Der Herr hatte die Olivenöl-Version gemacht, als Füllung nutzte er Ernteanteil-Mangold und -Pakchoi (diesen unter Widerstand, aber hey! “greens”!). Schmeckte ganz hervorragend. Nachtisch Aprikosentarte und Schokolade.

Ich ging früh ins Bett (den allseits angepriesenen als “mal was ganz Anderes!” Tatort “Die Nacht der Kommissare” fand ich dann doch sehr fad), um einen Roman anzufangen: Marilynne Robinson, Jack.

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Man kann über die Elektroroller-Welle in Städten zetern, maulen, sich begeistern, seufzen (meine Variante), man kann sie aber auch wegen Fußverletzung in Wien einfach nutzen und sich Praxisgedanken dazu machen.
“Zerstückelt beschleunigt”.

Journal Samstag, 17. Juni 2023 – Kreatives Ungeschick und Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Weiches Begräbnis

Sonntag, 18. Juni 2023

Unruhige Nacht beim Elterns, obwohl ich wirklich nicht viel Alkohol getrunken hatte, zu früh aufgewacht.

Elterngarten mit sommerlicher Rosenpracht.

Mit Herrn Kaltmamsell spazierte ich im Sonnenschein über ein paar Umwege zum Nordbahnhof.

Zum Beispiel am ehemaligen Schubsa-Gelände vorbei: Von der einstmals ausgedehnten Spinnereimaschinenfabrik ist nur dieser wahrscheinlich denkmalgeschützte Turm übrig.

Heimfahrt durch die sonnenbeschienene und vor Grün strotzende Holledau. Ich las auf meinem Smartphone Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Weiches Begräbnis aus.

Auf dem Weg vom Münchner Hauptbahnhof nach Hause besorgte ich Frühstückssemmeln und ein paar Backzutaten, denn angekommen buk ich gleich mal eine Aprikosentarte mit Mandelcreme.

Wurde: geflammte Aprikosentarte.

Soll keiner behaupten, ich sei in meinem Ungeschick langweilig: Nachdem ich vergangene Woche die Butterdose beim Zurückstellen in den Kühlschrank fallen ließ (in viele Stücke zerbrochen, ein Splitter geriet in meine linke Fußsohle), schaffte ich gestern, den Ofen statt auf Ober- und Unterhitze auf Umluft mit Grill zu schalten (und weiß jetzt, dass das die Funktion gleich daneben ist).

Zum Frühstück um halb drei gab’s Ruccola-Semmel: Walnusssemmel mit Butter und einer dicken Schicht frischem Ruccola aus Ernteanteil, hervorragend.

Dann legte ich mich in mein abgedunkeltes Schlafzimmer, um per Siesta ein wenig Nacht nachzuholen. Ich schlief tatsächlich tief – und wachte reichlich benommen auf. Was mir gestern ganz recht war: Leider geht es mir derzeit schlecht, in mir ist es dunkeldüster, gestern besonders schlimm, ich bin völlig hilflos, was ich dagegen tun soll; die Benommenheit nahm ein wenig die verzweifelten Spitzen.

Lektüre der Wochenend-Süddeutschen auf dem Balkon: Eine leichte Brise verhinderte Hitze, und jetzt um die Mitsommerzeit steht die Sonne ohnehin so steil, dass ihre Strahlen nur den Rand des Balkons erreichen.

Eine Runde Yoga-Gymnastik. Zum ersten Abendessen auf dem Balkon gab es Salade niçoise und österreichischen Rosé Feinstrick.

Ich erwischte die Abendsonne an einem der wenigen Tage, an denen sie es vor dem Untergehen bis übers Nachbargebäude schafft.

Nachtisch in drei Gängen: Erdbeeren, Aprikosentarte (ok, Störfaktor war weniger das Angekokelte, sondern die Säure der Aprikosen), Schokolade.

(Sehen Sie: All diese Schönheit, all die Genüsse, all der Wohlstand, die liebevolle Umgebung und all diese Privilegien haben nunmal keinerlei Heilkraft gegen die bösartig bissige innere Düsternis. Im Gegenteil: Sie drehen die Verzweiflung noch ein paar Grade hoch, da ich ja offensichtlich überhaupt kein Recht darauf und überhaupt keinen Grund dazu habe.)

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Ich habe einen Roman zu empfehlen, und zwar Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Weiches Begräbnis. Der Titel bezeichnet eine Erdbestattung ohne Sarg – aber nicht aus religiösen Gründen, sondern aus Hast: Wenn Verstorbene wegen schlimmer Umstände ohne Riten eilig im Boden verscharrt werden müssen.

Weiches Begräbnis, veröffentlicht 2016, spielt in China, und die schlimmen Umstände sind die Landreform unter Mao, während der in den 1950ern und 60ern Land von Grundbesitzern beschlagnahmt und an Bauern umverteilt wurde – oft brutal und gewaltsam, die Forschung geht von bis zu fünf Millionen Toten aus. Die eigentliche Handlung des Romans ist das Erinnern an schlimme, traumatisierende Vergangenheit, als Individuum und als Gemeinschaft, in der die einen den anderen so etwas angetan haben. Beides, sowohl den historische Hintergrund als auch die Verarbeitung, behandelt Fang Fang, chinesische Drehbuch- und Romanautorin aus Wuhan, ohne einfache Anworten, sondern mit vielen Schattierungen und in erster Linie in der Benennung offener Fragen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht zunächst eine alte Frau, Ding Zitao. Wir verfolgen ihren Alltag und erfahren in Bruchstücken, dass sie als junge Frau halbtot aus einem Fluss gerettet wurde, ihr Gedächtnis verloren hatte, dass sie heiratete, einen Sohn hat – und dass ihr liebevoller Ehemann sehr schnell aufhörte, nach ihrer Vergangenheit zu fragen, weil das heftige körperliche Reaktionen auslöste. Die ruhige Zufriedenheit ihres Lebens endet jäh, als ihr erwachsener Sohn Qinglin, ein erfolgreicher und wohlhabender Manager, ihr ein eigenes Haus kauft und sie dieses bezieht: Ding Zitao spricht wirr und von unbekannten Orten und Personen, dann fällt sie in eine katatonische Starre.

Die Hintergründe dafür werden jetzt in zwei Handlungssträngen erzählt: Zum einen gibt es kurze Kapitel, in denen sich anscheinend die alte Frau an ihr Trauma erinnert, in schemenhaften Bruchstücken rückwärts chronologisch ab ihrem Fast-Ertrinken, nach dem ihr jetziges Leben begann. Zum anderen verfolgen wir Qinglin, der durch den Zufall eines Freundes, der als Professor mit einer Gruppe Studierender alte Gutshöfe erforscht, in überraschendem Zusammenhang auf die Ortsbezeichnungen stößt, von denen seine Mutter plötzlich gesprochen hat. Mal zögerlich, mal impulsiv aktivistisch geht er einem möglichen Zusammenhang nach.

Von Anfang an faszinierte mich dabei die für mich exotische Note einer Kultur, von der ich so gut wie nichts weiß: Die Dialoge verlaufen ganz anders als bei uns, setzen andere gesellschaftliche Konventionen und Hierarchien voraus. Übersetzer Michael Kahn-Ackermann setzt immer wieder Fußnoten zu historischen und aktuellen Hintergründen, die für eine chinesische Leserin vertraut sind. Und mir gefiel die Offenheit vieler Erzählfäden und Hintergründe: Dinge klären sich eben gerade nicht auf (in der Handlung, als Leserin kenne ich die Zusammenhänge), weil Schlüsselpersonen sterben – oder Betroffene sich entscheiden, nicht weiterzuforschen. Denn so wie Ding Zitao damals nur in relativer Ruhe weiterleben konnte, weil sie ihre entsetzlichen Erlebnisse vergaß oder sich nicht mehr mit ihnen befasste (ein Muster, das man auch bei den Überlebenden der Shoah kennt), akzeptiert die Romanhandlung das Nicht-Wissen-Wollen auch in der nächsten Generation zur Bewältigung der Gegenwart – durchaus mit der Warnung aus dem Mund des Professors, dass die Verschleppung von Trauma durch die Generationen unabsehbare Folgen hat.

Weitere Bereicherung durch die Lektüre: Fang Fang ermöglicht Einblick in Kunst, Literatur und Handwerk des klassischen China. Im Standard bespricht Michael Wurmitzer den Roman:
“‘Weiches Begräbnis’: Die brutale chinesische Bodenreform als Tabuthema”.

(Sonstige deutschsprachige Besprechungen und Beschreibungen von Weiches Begräbnis kommen leider kaum über die chinesische Rezeption hinaus: Der Roman wurde in China bald verboten.)

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Sie kennen die YouTube-Serie “Open Door: Inside Celebritiy Homes” des Magazins Architectural Digest? (Bislang fragte ich mich noch bei jeder Folge: Und wo sind eure Bücher? Und euer Zeugs? Aber egal.)

Nur konsequent, dass es auch eine Folge “Barbie’s Dreamhouse” gibt.

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https://youtu.be/uKgaVlMN7IY

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Die Otamatone ließ mich gestern nicht los, hier eine Folge Spain’s Got Talent damit.

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https://youtu.be/_I7nCZVky40

Journal Freitag, 16. Juni 2023 – Kleiner-Bruder-Fünfzigster

Samstag, 17. Juni 2023

Mittelgute Nacht, aber munter aufgewacht – mit dem erschütternden Gedanken, dass mein! kleiner! Bruder! jetzt 50 ist.

Ein paar Handgriffe zur Reisevorbereitung, nach Feierabend würde ich mit Herrn Kaltmamsell zur Feier dieser Erschütterung fahren. Zum Glück gab es trotz engem Kontakt mit einer infizierten Person kein Corona-Hindernis dafür.

Fußmarsch in die Arbeit in sonniger Kühle wieder mit den Wanderstiefeln: Der kürzere Schaft erfordert ungewohnte Schnürtaktik.

In der Arbeit ein sehr erfreuliches Telefonat, ich spürte konstruktiven Enthusiasmus – ein Gefühl, das ich beruflich schon lange nicht mehr hatte.

Auf einen Mittagscappuccino zu Nachbars, es war draußen immer noch eigentlich zu kalt für kurze Ärmel. Mittagessen später Mango und harter Pfirsich mit Soja-Joghurt, ein paar Aprikosen.

Mittelquirliger Arbeitsnachmittag, die bedrohlichen Wolken wurden weniger (immer im Hinterkopf die abendliche Einladung zu einem Draußen-Fest).

Früher Feierabend, daheim schnelles Einsprühen mit Anti-Brumm. Dann Geschenk, Übernachtungstasche, Baskischen Käsekuchen gegriffen, Abmarsch zum Bahnhof.

Bei der Fahrt durch die Holledau (das beste an der Strecke München-Ingolstadt) Hopfen-Check.

Wir trafen kurz nach dem Glockschlag von St. Michael auf dem Fest des Bruders ein – die anderen Gäste schienen weit weniger erschüttert ob des 50. Geburtstags meines kleinen Bruders.

Die folgenden Stunden gab es wunderbares Caterer-Buffet mit Kaltem (Salate, Frischkäse mit Kürbiskernen) und Warmem (u.a. Orecchiette, Semmelknödelscheiben, Ratatouille, Mandelreis, Karottengemüse, Schweinerollbraten, Pute mit Champignons und Kräutern), später riesiges Dessert- und Käsebuffet (bei dem kniff ich), umfassendes Angebot an Getränken.

Vor allem aber Begegnungen mit Menschen aus der Vergangenheit und Gegenwart meines Bruders, die mir nur zum Teil persönlich vertraut waren – jeweils abwechselnd mit vielen wundervollen Musik-Auftritten, mein Bruder bewegt und bewegte sich schon immer in Chor- und Bandkreisen.

Unter anderem lernte ich eine Otamatone kennen, die ihren beeindruckenden Einsatz bei einem Mariachi-Auftritt hatte und anschließend zu den Geschenken gehörte (Klang ähnlich Theremin). Werde ab sofort daran arbeiten, dass sich der musikinstrumental aufgeschlossene Herr Kaltmamsell ebenfalls eine zulegt und etwas damit einstudiert, vielleicht “Edelweiß” aus Sound of music?

Das Wetter hielt, es brauchte die offene Zeltüberdachung nicht. Was es brauchte, war noch im Hellen ein Pulli, und ich hoffte auf die Wirkung des Mückenschutzes.

Als wir mit meinen Eltern nach Mitternacht das Fest verließen, waren wir die Ersten.

§

Ist zwar schon zwei Jahre alt, enthält außerdem weder Runterladen einer extra App noch das Warten auf eine Bestätigung per Papierbrief, doch die Schilderung von @donnerbella ihres Versuchs, mit ihrer Krankenkasse online zusammenzuarbeiten (war bei mir auch so), weckt definitv diese Assoziation.

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https://youtu.be/LButXcZ57pc