Journal Mittwoch, 6. Dezember 2023 – Christkindl-Nachtmahl

Donnerstag, 7. Dezember 2023 um 6:31

Herrn Kaltmamsell sah ich auch gestern Morgen nur sehr kurz vor seiner Jagd nach Fahrt in die Arbeit – aber er hatte genug Zeit gefunden, mir einen Schokoladen-Nikolaus vor die Tür zu stellen. <3

Das Draußen suppte und schmolz. Wieder bepackt für Weihnachtsfeier stellte ich schnell fest, dass die am besten geräumten Gehsteige die glattesten waren: Auf ihnen war der nächtliche Eisregen noch nicht ganz fortgeschmolzen. Ich hielt mich an Sulzschneeflächen mit erkennbaren Splitt-Punkten.

Im Klinikviertel standen wieder Verdi-Zelte, ich fand allerdings keine Nachrichten über Warnstreiks.

Die innere Dezember-Düsternis macht mir mal wieder klar, dass ich noch so sehr äußerlich das Hochleisten aufgegeben haben mag: Das schlechte Gewissen, weil ich ja offensichtlich so viel mehr könnte und eine einzige wandelnde Vergeudung bin, aber halt einfach nicht mehr mag, kriege ich in diesem Leben nicht mehr weg.

Nach einem emsigen Vormittag hatte ich halbwegs Lust auf Mittagscappuccino, ich ging dafür rüber zu Nachbars, die Jacke konnte unterwegs offen bleiben.

Die Bürotemperatur war gestern auf dem hohen Prä-Corona-Stand, als ich ganze Winter lang in Bluse arbeiten konnte. Im Wollpulli war mir jetzt zu warm, nur Unterzieh-Shirt reichte aber nicht. (Irgendwas ist immer. Aber nur bei echtem Frieren und hilflosem Schwitzen werde ich böse.)

Mittagessen Pumpernickel mit Butter, eine Banane, die letzte der ersten zehn Kilo Crowdfarming-Orangen.

Auch den Nachmittag rumgebracht. Auf dem Heimweg wieder ein Einkaufsstopp: Beim Vollcorner besorgte ich Zutaten für die am Wochenende geplante vegane Plätzchenbäckerei (für die Familien-Adventskaffeetafel am Folgewochenende).

Daheim wurschtelte ich nur kurz, zum Abendessen ging es wieder auf den Christkindlmarkt am Sendlinger Tor. Diesmal war der erste Gang eine Käsekrainer.

Hier sehr gut erkennbar, warum sie auch “Eitrige” heißt. War genau auf den Punkt gebraten (ich weiß doch, warum Christkindlmarkt für mich vor allem gute Bratwurscht bedeutet), schmeckte hervorragend. Zweiter Gang Pommes (dieses Jahr vermisste ich am Sendlinger Tor den gewohnten reinen Pommes-Stand mit großer Saucen-Auswahl) vom Bratwurschtstand, wenig Rot, viel Weiß.

Nachtisch in Form vom Schokolade gab’s daheim.

Früh ins Bett zum Lesen. Grete Weil, Der Weg zur Grenze nahm mich mit ins München zwischen den Kriegen (also wieder in die Zeit von Menschen im Hotel), in einen Jugendsommer an der Prinzregentenstraße, in eine gebildete und weltläufige Familie – ich konnte mich schwer losreißen.

Gute Tagesfrage:

– Die vor einem Jahr gekauften Drucke von @giselle_dekel von Tel Aviver Bauhaus-Ansichten rahmen lassen. Mache ich sicher nicht jetzt im Weihnachtsgeschäft, auf Januar verschoben.
(Haben Sie schon hierüber gelacht?)
– Vierwöchige Reise per Bahn nach Sizilien (Stop-over in Neapel). Zugunsten innig gewünschtem Großfamilienurlaub nach Spanien gecancelt. Vielleicht nach Renteneintritt (weil mit Lehrer Herrn Kaltmamsell vier Wochen Reisen am Stück nur in den Sommerferien möglich sind, da ist mir Sizilien zu heiß und voll).

§

Nochmal zum immer noch nicht überwundenen Öffi-Fiasko nach dem samstäglichen Schneefall in München. Ein heimischer Tram-Nerd über die einzig verbliebene Schneeräum-Tram. Aus dem Jahr 1926 (in Worten Neunzehnhundertsechsundzwanzig).
“Das notwendige Alte in einem zeitgemäßen Betrieb”.

§

Eine Techniktagebuchgeschichte über mobilen Obst- und Gemüseverkauf:
“Der Live-Standort des Traktors”.
Sie berührte mich, weil sie eine Kindheitserinnerung wachrief: Eine Handglocke und den Ruf “Katoffe giiibt’s! Katofeeeee!” Das habe ich in Ingolstadt noch erlebt, zumindest im ersten Wohnblock, in dem ich bis sieben wohnte. Ein ortsansässiger Landwirt oder eine Landwirtin fuhren ihren Traktor mit Anhänger durch die Straßen und verkauften, genau: Kartoffeln. Meiner Erinnerung nach wurde das Angebot von den Wohnblockbewohnerinnen gerne angenommen, auch von meiner Mutter.

Heute, nehme ich an, würde das Angebot schon deshalb ins Leere laufen, weil tagsüber niemand daheim ist?

die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 6. Dezember 2023 – Christkindl-Nachtmahl“

  1. Corsa meint:

    Gerade mit New Work könnte das mit dem Landwirt wieder funktionieren: Hier ist inzwischen immer jemand im home office.

    Früher gab es bei uns den Eier-Mann, der seine Ware aus dem Kofferraum eines hellgrünen Benz verkaufte.

  2. Daniela meint:

    Bei uns am Dorf gibt es den Kartoffelmann einmal die Woche noch. Er hat jetzt auch ein bisschen Gemüse dabei.

  3. Angela meint:

    Ja ein Kartoffelmann mit gewaltiger Stimme „Kartoffi! 5 Kilo x Mark“ und Glocke kam auch in unseren Hinterhof an der Trogerstraße (Seitenstraße der Prinzregentenstraße) auch.
    Und jetzt schau ich mal nach dem Buch von Grete Weil.
    Erinnerung: Eine Tante erzählte einst, dass hinter der Stuck Villa die Wiesen begannen. Sie war Ballmädchen auf dem Tennisplatz von Franz von Stuck.

  4. Madame Graphisme meint:

    Eine Freundin von mir ist Metro-Fahrerin in Stockholm und dort gibt es für den Winter auch exakt ein solches Fahrzeug zum Enteisen und Räumen. Es ist ähnlich alt und musste gerade mit neuen Ankopplungen ausgestattet werden, um zum Rest zu passen.
    Das scheint also auch in anderen Ländern ein Problem zu sein.

  5. Frau Werwolf meint:

    Danke für den Hinweis auf Giselle Dekel. Ich glaube, einen Druck von ihr schenke ich mir zu Weihnachten.

  6. Hans-Georg meint:

    Bei und kam auch der Kartoffelmann. Ich erinnere mich an “10 Pfund eine Mark”.

  7. Beate meint:

    Hier kommt der Kartoffelmann noch! Seit über 30 Jahren (mittlerweile ein jüngerer Mann, der die Glocke schwingt und KARTOFFEL KARTOFFEL ruft) – ein PKW mit Anhänger, Kartoffeln, Gemüse und auch Fleischwaren. Immer freitags um 12 … und kurze Zeit später an einer anderen Stelle.

  8. Sandra meint:

    Off Topic: Die Orangen sind heute angekommen und sehr lecker! Vielen Dank nochmal. DurchSie und Frau Brüllen bin ich an sich auf Crowdfarming gestoßen und wir haben schon so viele leckere Sachen von dort bekommen.

  9. Markus Kolbeck meint:

    Ich (*1966) erinnere in Leipzig noch den Eismann, der pfiff und dann vom Heck seines Lastwagens Eisbrocken verkaufte.

  10. Joriste meint:

    Eierfrau (muss mal meine Mutter fragen, ob die Eiermann hieß wie ich es mir in der Erinnerung einbilde)
    Kartoffelbauer kommt noch bzw wieder alle 14 Tage mit erweitertem Angebot (Äpfel, Eier u a von anderen Höfen) bei meinen Eltern

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