Journal Samstag, 22. November 2025 – Ernsthaft frostig, aber drinnen warm
Sonntag, 23. November 2025 um 9:20Nächtliches Herablassen des Rollladens erleichterte langen Schlaf, ich stand nur wenig verkatert auf (mehr von Geselligkeit als Alkohol). Draußen kümmerliche Schnee-Überzuckerung, Aussicht auf viele Monate Fahlheit vorm Fenster.
Wie ich mir die Wintermonate schönrede, Teil viele: In kahlen Bäumen sehe ich die Eichhörnchen viel besser. Gestern zum Beispiel eines beim Zeitungholen morgens vorm Haus: Dunkelbraun und angemessen propper und rund gefuttert.
Wieder diese Illusion: Ach, wenn ich um acht aufstehe, bin ich locker zwei Stunden später startklar für Schwimmen. Nein. Weil Geschirrspüler ausräumen und neu füllen, Milchkaffee kochen, bloggen, dazwischen mit Herrn Kaltmamsell über den Vorabend reden und was mir sonst so durch den Kopf geht, weiterbloggen, Tee kochen, Wohnung räumen, unter anderem Tischverlängerungsplatte zurückräumen (wir hatten schon so lange keine größere Gruppe Gäste mehr gehabt, dass mir Freitagabend nicht auf Anhieb eingefallen war, wo die wohnt – mein erster Gedankenblitz “auf dem Wandschrank in meinem Zimmer” stellte sich zum Glück als korrekt heraus).
Verrücktheit des Tages: Ich blies meine Schwimmpläne ab. Als ich schon gepackt hatte und auf dem Weg zur Morgentoilette war, ging ich im Kopf die weiteren Schritte des Tages durch, und als mir klar wurde, dass es beim Kauf der Frühstückssemmeln bereits deutlich nach zwei sein würde, fühlte sich der Tag gehetzt an – schließlich wollte ich noch Stollen backen. Statt dessen also gemütliche Morgentoilette und Einkaufsrunde inklusive Frühstückssemmeln.
Ich spazierte im Frost extra Umwege, um auf dem Viktualienmarkt und in der Sendlinger Straße Touristen zu gucken. Am Hackenplatz blieb ich eine Weile stehen und sah nach oben: Ich hatte im wintergrauen Himmel eine blaue Lücke entdeckt.
Die Christkindlmarktbuden waren noch deutlich im Werden: Anders als in Hamburg startet diese Phase in München in deutlicherer Sichtweite von Advent (die meisten Standorte öffnen dieses Jahr am Freitag, 28. November).
Zudem: erster Praxistest Apple Pay. Vergangene Woche war die Kreditkarte eingetroffen, die ich als Sparda-Kundin dafür benötige, Inbetriebnahme am Handy brauchte nur eine Extra-Schleife, weil ich dafür eine Kundennummer nachschlagen musste, die nichts mit meiner üblichen zu tun hat. Die gestrigen Einkäufe zahlte ich dann alle mit Handy – völlig problemlos, ohne Werbeunterbrechungen und ohne vorheriges Aufladen der App wie beim vorherigen Dienstleister. Ich warte aus reinem Aberglauben noch ein Weilchen und weitere Praxiseinsätze, bis ich ich Account und App dieses Vorgänger-Dienstleisters lösche.
Daheim also Stollenbacken nach dem vertrauten Rezept von Bäcker Süppke.
Die Küche wurde überraschend hell: Draußen kam tatsächlich die Sonne raus.
Während der Stollenteig ging, gab es um zwei Frühstück: Gelbe Kiwi, Körnersemmel mit Chili-Käse – nur eine von den beiden Semmeln, die ich gekauft hatte, weil ich davon unerwartet satt wurde (fehlendes Schwimmen?).
Nachmittag mit Stollenbacken, Zeitunglesen – alles in Muße und mit Zeit sogar für längere Blicke aus dem Fenster, um zum Beispiel Krähen beim Flug ins Abendrosa nachzusehen. Dabei sehr erfreulich: Ich bekam die Wohnung problemlos warm.
Abends nochmal Kücheneinsatz: Aus den Ernteanteil-Äpfeln bereitete ich zum Nachtisch Apple Crisp.
Während der Ofenphase eine Einheit Yoga, ich genoss sie.
Erste Male: Bettelbesuch vom Roten Kreuz an der Wohnungstür. Als es abends klingelte, hoffte ich auf die ersehnte Crowdfarming-Lieferung (siehe unten), doch die junge Frau mit Tablet in der Hand wollte mich als Spenderin gewinnen. Ich reagierte freundlich mit der Behauptung, das würde ich mir überlegen (an der Haustür unterzeichne ich gar nichts, was erlaube), recherchierte aber nachher, ob es sich überhaupt um etwas Seriöses handelte: Ja, das Rote Kreuz bettelt auch an Haustüren.
Zum Nachtmahl gab es nach einem Calvados-Tonic als Aperitif herrliche Curry-Reste vom Vorabend plus Postelein-Salat aus Ernteanteil, zum Nachtisch Apple Crisp mit flüssiger Sahne (die Haferflocken-Streusel besonders dunkel, weil ich Muscovado-Zucker verwendet hatte).
Gestern sollte ein Crowdfarming-Paket geliefert werden, Mangos und Avocados. Zustellung war eigentlich für Freitag angekündigt gewesen, Freitagabend hieß es, dass sie auf Samstag verschoben werde. Gestern Abend sah ich zweimal im ganzen Haus und vor dem Tor nach (ich hatte die Option Abstellen vor der Wohnung gewählt): nichts. Zweimal morgens Verladen und abends Ausladen, zwei Tage in Eiseskälte hätten mich schon bei gestriger Lieferung gespannt auf den Zustand der Ware gemacht – jetzt rechne ich nicht mehr damit, dass ich verzehrbaren Inhalt erhalte.
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Lesetipp aus der Wochenend-Süddeutschen 1: “Wie konnte aus der ‘Renaissance der Bahnhöfe’ so ein Debakel werden?” Gerhard Matzig analysiert, was der immer schlechtere Leumund deutscher Großinnenstädte mit Bahnhofsbaustellen zu tun hat (€):
“Man versteht nur noch Bahnhof”.
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Lesetipp aus der Wochenend-Süddeutschen 2: Die Rubrik “Kostprobe”, also die Restaurantkritik im Münchner Lokalteil, gibt es seit 50 Jahren. Die lese ich eigentlich immer, habe schon manchen wertvollen Hinweis bekommen und schätze die Inhaltsstruktur, der ich entnehmen kann, ob das Lokal etwas für mich ist oder nicht (so mag ich auch Roman-Rezensionen) – Berichte über Landgasthöfe zum Beispiel, für deren Anfahrt ein Auto nötig ist, lasse ich gleich aus.
Aus diesem Anlass erzählen die anonymen Koster*innen (Kern des Konzepts) von ihren Erlebnissen (€):
“Guten Appetit! Oder lieber doch nicht?”
Diese Anekdote aus den 50 Jahren gefiel mir besonders:
die Kaltmamsell10 Kommentare zu „Journal Samstag, 22. November 2025 – Ernsthaft frostig, aber drinnen warm“
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23. November 2025 um 10:45
Das Problem mit den Haustürspenden ist, dass wohltätige Organisation und wohl auch das DRK mit externen Dienstleistern arbeiten. Und das sind in der Regel Drückerkolonnen, wie man auf Deutsch sagt. Und wie die mit ihren Mitarbeitern umgehen sollte hinlänglich bekannt sein.
23. November 2025 um 11:01
Zu Stuttgart 21 bliebe vielleicht noch anzumerken, dass der SZ-Beitrag ohne das ursprüngliche Eröffnungsdatum 2019 auskommt – und die „Chance“ auf eine zehnjährige Verspätung mittlerweile sehr realistisch erscheint.
23. November 2025 um 11:21
Bei mir klingelte Freitag abend um halb neun die Johanniter Unfallhilfe und bat -sehr routiniert – um Spenden.
Ich hörte frierend aber höflich alles an, dankte für die Erinnerung an diesen lobenswerten Spendenzweck, dem ich aber lieber in my own time via die sicher vorhandene Spendenoption auf der Webseite nachkommen wolle – ich unterschreibe nichts an Haustüren.
Kam die Nachfrage, warum?
Weil, junger Mann, die Welt schlecht ist, und Haustürbetrüger existieren. Ich finde es ja auch schade, aber isso.
Tür zu.
23. November 2025 um 11:35
„[…] sehe ich die Eichhörnchen viel besser. Gestern zum Beispiel eines beim Zeitungholen morgens vorm Haus […]“
Danke für dieses entzückende Bild! Made my day!
23. November 2025 um 12:16
Auch ich hatte das Bild vor Augen: Eichhörnchen holen die Zeitungen (ich musste laut lachen).
Wunderbar witzig der Text von “Tankred Tunke”. So ein passender Name für einen Gastrokritiker. Ob der wohl echt ist?
23. November 2025 um 12:31
Immerhin das ist für mich gut an der Kirchensteuer, die ich noch brav zahle: damit wimmle ich alle Bettelnden ab: gerne zur Kirche gehen, dort hab ich schon hingespendet.
Wie schade um die Crowdfunding- Lieferung. Wir erwarten die ersten Orangen unseres Stammbauern. Hoffentlich läuft es da besser.
23. November 2025 um 13:15
Die Scheiß-Crème Brulée… love it!
23. November 2025 um 17:01
Genauso seltsam wie diese Haustür Sammlungen finde ich die Stände in der Fußgängerzone, die auch Spenden bzw. Mitglieder werben. Solche Dinge unterzeichnet doch wohl kaum jemand spontan und ohne zu überlegen? Bzw. wenn, dann nur extrem unsichere Menschen, die sich unter Druck gesetzt fühlen. Und das läuft meines Erachtens völlig entgegen der eigentlich wohltätigen Organisation. Ich merke schon, ich bin irgendwie zu naiv für diese Welt.
Aber im nächsten Leben werde ich auf jeden Fall Gastro Kritiker!
23. November 2025 um 17:40
Als jemand, der einer solchen Gemeinwohlorganisation angehört, möchte ich folgendes ergänzen: Manche dieser Organisationen fallen komplett aus dem Raster für öffentliche Förderungen und funktionieren ausschließlich durch komplett ehrenamtliche, dh kostenlos erbrachte Leistungen der Mitglieder – die nicht nur ihre Zeit und Nerven und manchmal auch das Leben einsetzen (Ahrtal!), sondern auch Geld für ihre Ausrüstung, Fahrten usw einsetzen – nüschte gibt’s vom Finanzamt, wenn man nix erhält. Darüber hinaus auch noch die Rettungswagen und Garagenmiete bezahlen zu müssen, ist echt viel verlangt – die 90 Euro Jahresbeitrag an die DLRG für eine ganze Familie, wo die Kinder vom Babyschwimmen an betreut werden und bis zum Wettkampfschwimmen und darüber hinaus lernen können, reichen in NRW nicht einmal dazu, die Schwimmbadmiete zu bezahlen. Wir brauchen die Spenden!!! Und müssen einfach alle Wege dafür nutzen, darauf aufmerksam zu machen. Wer Spenden braucht, kann sich auch keine Drücker leisten … wenn, dann gehen wir selbst und persönlich. Und wenn wir damit oder mit einem Stand, an dem wir uns ebenso einiges von Passanten anhören dürfen, aufmerksam machen und im Nachhinein spendet jemand oder wird Mitglied und engagiert sich, hat sich das gelohnt. Insofern Danke, Frau Kaltmamsell, für die Gelegenheit darüber zu sprechen.
23. November 2025 um 21:35
Das DRK darf keinen Gewinn machen. Und all die Mitarbeiter machen sehr gute Arbeit. Früher kamen tatsächlich die Krankenwagenfahrer an die Haustür, das ist vorbei. Hier engagieren sich sehr viele Menschen ehrenamtlich, so bei der Kinderbetreuung und bei Kursen, die sie anbieten für alte Menschen.
Wir sind schon lange Mitglied.
Schade nur, dass sie so üble Methoden anwenden. Ich rede jedem ins Gewissen, der hier klingelt.