Journal Mittwoch, 25. März 2026 – Wetterumschwung weg vom Frühling, kluge Überlegungen zu sexualisierter Gewalt

Donnerstag, 26. März 2026 um 6:22

Eigentlich gut geschlafen, kurz vor Wecken aber im Traum noch sehr geweint und deshalb traurig aufgewacht: Ich war beim Wandern im Voralpenland an einem jüdischen Friedhof irgendwo auf einem Hügel vorbeigekommen und hatte mich gewundert, dass es ausgerechnet hier einen gab – bis mir einfiel, dass ich von einem Massaker an Juden hier in der Gegend im Zweiten Weltkrieg gelesen hatte. Da setzte ich mich im Traum auf einen Stein und weinte.

Doch gleich nach dem Aufstehen erheiterte mich Herr Kaltmamsell mit dem Bericht, was er eben geträumt hatte (dass er erzählbar träumt, kommt sehr selten vor): Er habe ein Galloway-Kälbchen geschenkt bekommen, “schon sehr niedlich, aber ich dachte mir sofort, oh je, was wird Inés dazu sagen”.

Ich bekam nochmal einen sonnigen Arbeitsweg in lediglich kühler Luft, alle Vorhersagen lauten ab Donnerstag auf eisige Temperaturen, die App zeigt sogar Sternchen an. Vorher begrüßten mich am Bavariapark aber die ordnungsgemäßen präpascualen1 Schlüsselblumen.

Am Arbeitsplatz sofort Überfälle per Telefon und im E-Mail-Postfach, ich startete mir Wirbeln. Nur bei Bedarf an Hochkonzentration irritierte mich der auch gestern überraschend große Trubel, ich behalf mich vorerst mit Ohrenzuhalten.

Bis Zeit für Mittagscappuccino war, hatte ich das Eiligste durch, ich ging raus ins Westend. Hier erwischte ich die letzten Sonnenstrahlen des Tages und ein wenig Milde, bevor der Himmel energisch zuzog und die Temperaturen sanken.

Zu Mittag gab es später Hüttenkäse mit Leinsamenschrot und zwei Bananen.

Den Nachmittag verbrachte ich tief in einer Adressdatenbank. Gegen halb vier setzte Regen ein, ab vier peitschte er in einer Wucht gegen das Bürofenster, als sei das ein Wettbewerb.

Zum Glück hatte sich das Wetter zu meinem Feierabend beruhigt, ich kam sogar trocken nach Hause, den geschlossenen Regenschirm in der Hand. Aber scheißkalt war es geworden. Daheim nach Aufdrehen der Heizung Häuslichkeiten, dann ging ich zum Bahnhof, um Herrn Kaltmamsell von einem Freundesbesuch abzuholen: Wir wollten aushäusig zu Abend essen. Auf meinen Wunsch wurde es das nahe gelegene Lokal für Baukastensuppen Slurp, denn bei der Kälte wollte ich nicht weit gehen.

Ich hatte Ente, Weizeneiernudeln, scharfe Brühe, Herr Kaltmamsell eine Suppe mit Rindfleisch. Gut und reichlich.

Nachtisch gab es nach Marsch durch die Kälte daheim: Schokolade. Früh ins Bett zum Lesen.

§

Es gibt seit Tagen viele Statements zu den Enthüllungen von Collien Fernandes, die meisten habe ich nicht gelesen im Sinne von: nicht an mich herangelassen. Doch Jasmin Schreibers Überlegungen zu einigen Aspekten finde ich lesenwert:
“Die Schuldvermutung”.

Es gibt einen Moment, den viele Frauen kennen, die Opfer geworden sind: Die Tat liegt hinter ihnen, wenngleich man das von den Auswirkungen noch nicht sagen kann. Die Entscheidung, ob sie sprechen, liegt jetzt jedoch vor ihnen. Gerade haben wir durch eine SPIEGEL-Recherche erfahren, dass Collien Fernandes sich entschieden hat, endlich zu sprechen.

Voraus ging vermutlich auch bei ihr eine Gedankenspirale, die nichts mit dem zu tun hat, was ihr passiert ist, und alles damit, was ihr noch passieren könnte. Wir wissen: Wenn man über Dinge spricht, kann das helfen, sie zu verarbeiten. Doch wie spricht man darüber, Opfer beispielsweise sexueller oder häuslicher Gewalt geworden zu sein? Denn diese Frauen müssen sich fragen, ob ihre Aussage juristisch haltbar ist. Ob sie glaubwürdig klingen werden. Ob ihre Vergangenheit gegen sie verwendet werden kann. Ob sie sich eine:n Anwält:in leisten können. Ob ihr Arbeitgeber sie danach anders behandelt. Ob ihre Familie das aushält. Ob sie selbst das aushält.

Schreiber relativiert angemessen Hinweise, auch Männer würden Opfer sexualisierter Gewalt – was korrekt und schlimm ist, aber.

Ich halte an dieser Stelle mal fest, was eigentlich offensichtlich ist, aber trotzdem jedes Mal ausgesprochen werden muss, da das viele zu vergessen scheinen:

Es gibt kein weibliches Pendant zu diesen Netzwerken.

Es gibt keine Telegram-Gruppen, in denen Zehntausende Frauen besprechen, wie sie ihre Ehemänner narkotisieren und vergewaltigen.

Es gibt keine Plattformen, auf denen Frauen einander die Körper ihrer Männer zur Benutzung anbieten.

Es gibt keine riesigen Kinderporno-Netzwerke, die ausgehoben werden und bei denen sich rausstellt, dass fast alle Mitglieder Frauen, viele davon Mütter und Großmütter sind.

Schreiber verweist auf das Buch Mit Männern leben von Manon Garcia, Philosophin an der FU Berlin, zum Pelicot-Prozess.

Garcia trifft in ihrem Buch eine Unterscheidung, die mich für den deutschen Kontext besonders beschäftigt. Sie schreibt, kein Strafrecht der Welt werde ausreichen, damit Männer aufhören zu vergewaltigen, und ich glaube das auch. Das Strafrecht könne bestrafen, so steht da noch, es könne Einzelne aus der Gesellschaft entfernen, aber es könne die Normen der Männlichkeit, die diese Gewalt tragen, nicht ändern. Es seien soziale Bewegungen und gesellschaftlicher Wandel, die das vielleicht eines Tages erreichen, keine Gesetzestexte, und genau das ist das, was in die Köpfe rein muss. Ja, Unschuldsvermutung, bla bla, aber kein Gericht der Welt wird diesen strukturellen Gewaltrausch stoppen können.

§

Antje Schrupp ordnet aus ihrer Sicht die Initiative ein, Gesetze zu schaffen, die das überhaupt unter Strafe stellen, was Collien Fernandes angetan wurde.
“Unschuldsvermutung”.

Es ist in unserer Kultur nun einmal so, dass wir über moralische Fragen von Gut und Böse in Form von Gesetzen sprechen. Ich beiße immer wieder auf Granit, wenn ich versuche, zu plädieren, dass man nicht für alles, was man schlecht findet, ein staatliches Verbot braucht, und nicht für alles, was man gut findet, eine staatliche Förderung.

Inzwischen glaube ich, dass Gesetze bei uns in gewisser Weise eine säkulare Form von Bekenntnissen geworden sind. Das heißt, wenn irgendwo ein Gesetz gemacht wird, dann hat das weniger den Zweck, tatsächlich Verbrechen zu verhindern (dazu müsste man in der Regel ganz andere Sachen machen), sondern es hat den Zweck, dass wir als Gesellschaft uns dazu zu bekennen, diese oder jene Sache moralisch zu verurteilen.

Und genau das wäre in diesem Fall mal notwendig. Tatsächlich ist es nämlich momentan noch so, dass das Anfertigen von Deepfakes und von sexualisierter Gewalt, die „nur“ im Internet stattfindet, nicht gesetzlich verboten ist. Und deshalb glauben viele Menschen immer noch, dass diese Art von Gewalt nicht so besonders schlimm ist. Denn das ist die Logik hinter der Gesetzesfixierung unserer Kultur: Wenn es nicht verboten ist, dann kann es ja nicht so schlimm sein. Genau so wie es bei der Vergewaltigung in der Ehe war: Bevor sie verboten wurde, waren viele Menschen der Ansicht, dass es doch „nicht so schlimm ist“.

  1. Mal sehen, ob ich damit durchkomme. []
die Kaltmamsell

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