Journal Freitag, 29. Mai 2026 – Brieferinnerungen
Samstag, 30. Mai 2026 um 8:24Guter Nachtschlaf, ich hätte gern mehr gehabt als bis Weckerklingeln.
Aus den in der ganzen Wohnung geöffneten Fenstern kam es bei wolkenlosem Himmel sehr kühl herein, zu kühl für Balkonkaffee. (Die Nächte mit niedrigen Temperaturen begrüße ich sehr, so können wir die Wohnung angenehm temperieren.)
Sommer-Theresienwiese mit Morgenschatten und Infrastruktur-Bauarbeiten fürs Oktoberfest.
Geordnetes Losarbeiten, erst kurz vor meinem Mittagscappuccino wurde es von mehreren Seiten komplex. Zu dem marschierte ich ins Westend.
Mittägliche Brotzeit: Plattpfirsiche, Aprikosen und Buttermilch – Sommer ist, wenn ich überhaupt auf die Idee komme, Buttermilch zu trinken und sie mir dann auch noch hervorragend schmeckt. (Neben Quark die zweite Speise, die ich aus den bösen Assoziationen meiner Diät-Kindheit befreien konnte und heute genieße. Knäckebrot hingegen mag ich einfach wirklich nicht.)
Am Nachmittag noch einiges weggeschafft, während es von draußen dann doch so warm hereinkam, dass ich das gekippte Bürofenster wieder schloss.
Nun aber endlich: Feierabend, Wochenende. Auf dem gemütlichen Heimweg noch Einkäufe beim Vollcorner, daheim schob ich in mein Yoga-Programm eine Folge Pilates, ich hatte das Bedürfnis nach etwas Sportlichem – wobei sich derzeit diese Art Pilates für “sportlich” am besten anfühlt, keine Sehnsucht nach Muskelausreizen und Schwitzen, lieber was Leichteres, dafür täglich.
Nächstes großes Bedürfnis: Alkohol. Schon seit Tagen freute ich mich auf Aperol Spritz.
Anstrengende Selbstauslöser-Akrobatik, dann halt ein extra-geselltes Foto (immer noch echter als KI-Kitsch).
Mein Glas war nach nicht mal 15 Minuten leer, ich genoss die Wirkung enorm.
Zum Nachtmahl erfüllte mir Herr Kaltmamsell den Wunsch nach Glasnudelsalat mit Shrimps, Sojahack und frischen asiatischen Kräutern, ein weiterer Genuss.
Zum Nachtisch hatte er Eton Mess vorbereitet, endlich kam ein Teil der eingefrorenen Eiweiße weg. Dann noch Schokolade.
Endlich dachte ich mal wieder daran, in der Dämmerung nach Fledermäusen Ausschau zu halten: Ich sah reichlich und freute mich daran.
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Aktuelle Botanik nach Flora Incognita:
In der Anglerstraße wuchs an einem Verkehrsschild die Knäuel-Glockenblume; ähnlich wie bei vielen anderen auffallenden Blümchen im Rinnstein und in sonstigen Weges-Ritzen der Anglerstraße halte ich sie für einen Gefangenschaftsflüchtling aus den darüberliegenden Balkonen.
Der Anblick des Natternkopfs ist mir vertraut, wächst viel in der Stadt; jetzt weiß ich auch, wie er heißt.
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Maximilian Buddenbohm erinnert ans Briefeschreiben:
“Anmerkungen zum Briefzeitalter”.
Und tritt damit eine Erinnterungsflut los: Ich war viele Jahre lang eine rege Briefeschreiberin. (Und gehörte schon damals zu einer leicht exzentrischen Randgruppe.) (Wie später als Bloggerin.)
Bereits Briefe, vermute ich nachträglich, waren für mich wie später Blogs ein Blick in die Welt anderer Menschen. So begann mein Briefeschreiben auch Generations-typisch im frühen Teenager-Alter mit zwei Brieffreundschaften über Kontaktanzeigen in der Jugendzeitschrift Stafette (DIE GIBT’S NOCH!), eine mit einem Buben in Ägypten (auf Englisch?), eine mit einem Mädchen in der DDR, ähnlicher Grad der Exotik. Das war aber erstmal die Sorte Austausch, bei der praktisch jeder Brief mit der Entschuldigung fürs lange Nichtschreiben begann.
Richtig los ging’s nach dem Abitur, als meine Freundin Veronika für ein Jahr nach England zog, als Au-pair nach Manchester. Sie bastelte die Briefumgschläge meist selbst aus Hochglanzseiten der dortigen Modemagazine. Ich erinnere mich auch an den regen Briefwechsel mit der ersten großen Liebe. Und dann zu Studienzeiten mit den Freundinnen an anderen Studienorten, am intensivsten war der Briefverkehr zwischen meinem Wohnort Augsburg und Regensburg. Hätten wir nicht auch telefonieren können? Taten wir schon auch (wobei Telefonieren teuer war), doch das Schreiben, das Briefeschreiben war einfach eine eigene Kommunikationsform. Oft lagen andere Papiere bei, Zeitungsauschnitte zum Beispiel.
Finanzielle Vorteile standen sicher im Vordergrund, wenn ein Freund, eine Freundin zum Auslandsstudienjahr weit weg war: Wir hielten Kontakt mit Briefen, wussten ganz genau, wie viele Seiten welchen Papiers innerhalb der günstigsten Portoklasse lagen. Ohne dieses Kriterium war die Wahl des Briefpapiers immer eine eigene Überlegung, ich müsste jetzt noch Bestände von damals haben.
Aber das dauerte! Mit meinem Uni-Freund Frank in Augsburg eröffnete ich während meines Studienjahrs in Wales (1991/92) eine zweite Brieflinie, denn jeder Brief brauchte eine Woche in eine Richtung, und nur alle zwei Wochen etwas von ihm lesen zu bekommen, war mir zu wenig. Es entstand eine eigene literarische Form, denn die beiden Linien trennten wir sauber inhaltlich. Wahrscheinlich schrieb ich in diesem Auslandsjahr wöchentlich vier bis fünf Briefe, auch den Kontakt zu meiner Familie hielt ich ja brieflich. Später mit Herrn Kaltmamsell: Wenn wir nicht am selben Ort wohnten (Reisen, Ferienjobs), schrieben wir einander Briefe.
Ich kann mir vorstellen, dass ich meine Fertigkeiten im schriftlichen Ausdruck mindestens so viel durch Briefeschreiben erworben habe wie durchs journalistische Schreiben – zumal ich unter anderem mit Sprachkünstler*innen korrespondierte, von denen ich lernte. Zu Weihnachten 1992 ließ ich mir eine eigene Kiste für erhaltene Briefe schenken (Foto hier rechts oben). Erst vor wenigen Jahren sortierte ich diese gesammelten Briefe (ungelesen) und lagerte sie gebündelt im Keller ab.
So war die neue Technik E-Mail, die ich gleich bei meiner Rückkehr nach Deutschland 1992 entdeckte (Mail-Programm auf Floppy Disk, mit der ich für jedes Senden und Empfangen an die Internetrechner drüben an der Augsburger Mathe-Fakultät ging), hochwillkommen: Damit kamen Briefe SOFORT an! In den ersten Jahren druckte ich noch alle aus und legte sie ab, Briefe waren richtig nur auf Papier.
Sicher bin ich, dass ich mein jüngstes Briefpapier im Mai 2012 in Venedig gekauft habe. Wann ich den letzten handschriftlichen Brief verfasste, weiß ich nicht; wahrscheinlich ist das länger als die Buddenbohm’schen 20 Jahre her.
In meinem Keller steht eine eigene, gut verklebebandelte Kiste mit Liebesbriefen.










