Journal Freitag, 23. Januar 2026 – Kartoffelsackiges

Samstag, 24. Januar 2026 um 8:21

Morgens hatte ich um 8 Uhr einen Arzttermin in der Nähe, ich gönnte mir 15 Minuten Weckervorstellen – und wurde nach einer guten Nacht dennoch vom Klingeln aus tiefem Schlaf geholt.

Vorsorge-Untersuchung bei meiner Gynäkologin, der erste Termin nach der Myom-Untersuchung im Klinikum Neuperlach. Mittlerweile ist die Praxis in der Übergabephase Richung Rente, zwei weitere Gynäkologinnen stehen auf dem Schild, aber ich wurde von der mir seit 2022 vertrauten untersucht. Währenddessen besprachen wir die Myom-Situation und meine Optionen, es lief wieder darauf hinaus: Ist der Leidensdruck hoch genug, um einen massiven operativen Eingriff in meinen Körper zu rechtfertigen? Diese Bewertung und Entscheidung liegen bei mir – Nachtrag, weil wichtig: Das betonte die Ärztin mehrfach. (Meine Hauptbedenken zugegebenermaßen: Dieser Eingriff würde mich sehr wahrscheinlich je nach Methode zu monatelanger Sportpause zwingen.)

Auf Rat der Gynäkologin hole ich mir jetzt eine zweite OP-Einschätzung bei einem ihrer Gyn-Kollegen, der auf laparoskopische Methoden spezialisiert sei, ich vereinbarte mit der Überweisung gleich einen Termin nächste Woche. Großstädterinnen-Privileg, nehme ich an: Ich hatte mit monatelanger Wartezeit gerechnet.

Laut meiner Dr. Gyn in der Nähe von Rentenalter nannten “früher” alte Professoren eine Gebärmutter wie meine “Kartoffelsack”. Jetzt muss nicht nur ich mit diesem Wissen leben, danke Blog.
Und ich wurde wieder mal “kritische Patientin” genannt. Empfinden Ärzt*innen mein Bedürfnis nach detaillierter Information bis zum laienhaften Kapieren wirklich als “kritisch”? Ich widerspreche doch gar nicht oder äußere gar Kritik?

Eine U-Bahn brachte mich möglichst schnell an meinen Schreibtisch im Büro – wo ich erstmal nicht checken konnte, ob während meiner Verspätung was war, sondern ich meinem Computer 30 Minuten bei Updates sowie Hängenbleiben derselben zusehen musste. Dann legte ich endlich los.

Keine Lust auf Mittagscappuccino, ich nutzte die immer deutlichere Sonne durch eisigen Hochnebel für eine Einkaufsrunde um den Block. Zu Mittag gab es eine Birne, ein paar Nüsse, außerdem Linsensalat vom Vorabend.

Auf dem Heimweg, um fünf war noch eindeutlig Tageslicht am Himmel zu sehen, die restlichen Lebensmitteleinkäufe fürs Wochenende – Herr Kaltmamsell war krank daheim geblieben, ich übernahm.

Wie schon am Donnerstag litt ich unter meinen vielen Aussetzern physischer (Stolpern, Dagegendotzen, Verschütten, Fallenlassen -> blaue Flecken coming up) und geistiger Art – wieder eine Phase, in der ich die Absicht kleiner Tätigkeiten laut vor mich hin murmeln muss, “Eier checken, Eier checken, Eier checken”, um sie nicht bei geringster Ablenkung (“ah, Rucksack noch nicht von Küche in Diele gestellt”) zu vergessen. Bei der derzeitigen Grundgereiztheit rege ich mich auch noch über mein eigenes Trampeltum (mit dem ich ja 24/7 leben muss) ungeheuer auf.

Nach Auspacken der Einkäufe eine sehr ruhige Einheit Yoga, in der Adriene durchgehend derart eindringlich betonte, wie wichtig solche Übungen in stillness zwischen den aktiveren sind, dass mir fast die stillness abhanden kam. Dann sorgte ich für Abendessen: Ich garte den ganzen Hokaido-Kürbis aus Ernteanteil in gewürzten Spalten, die eine Hälfte wird am Samstag zu Quiche, die andere Hälfte gab es als Freitagabendmahl. Außerdem mit ein wenig Gorgonzola Radicchio aus Ernteanteil – der so viel mehr Geschmack und Frische mitbrachte als der gekaufte Radicchio eine Woche zuvor.

Dazu hatte ich eine Flasche roten Kalk und Kiesel von Claus Preisinger aus dem Burgenland aufgemacht: War mir, weil spontanvergoren, als deutlich gewöhnungsbedürftiger in Erinnerung, diesmal fand ich ihn einfach nur pflaumig und hell gut, der ist gar nicht so unkonventionell. Meine Gereiztheit bekam er aber nicht ganz weg, fast hätte ich Dinge nach mir geworfen.

Nachtisch reichlich Schokolade, früh ins Bett zum Lesen.

§

The news has been so overwhelming for so long that I’ve forgotten what it feels like to be simply whelmed.

Same here, Laurie Penny.

Ich empfehle die Lektüre der Einleitung zu ihrem aktuellen Newsletter mit klugen Beobachtungen wie:

Attention can feel like action when one is otherwise helpless; it can feel dangerous to taking your eye off these gangsters of the attention economy.

§

Produkte des italienischen Gutshofs La Vialla lernte ich schon vor Jahren als Geschenke kennen. Seit ich dort selbst mal bestellte, werde ich von Marketing-Material geflutet – das mich mit seinem Idyll- und Heile-Welt-Branding in erster Linie misstrauisch machte: Genau so stellt sich seit Jahrzehnten die gesamte Landliebe-Seite der Lebensmittel-Industrie dar, Heuchelei Hilfsausdruck. Doch dann berichtete ein Freund vergangenes Jahr von einem Besuch auf der Fattoria La Vialla, dort wurde eine Hochzeit gefeiert, auf der er Gast war. Und er versicherte: Das geht dort genau so zu, wie in den Katalogen geschildert (inklusive vergrabender Rinderhörner).

Solches beschreibt auch ein Reporter der Financial Times, Adam Weymouth, der von London mit dem Zug in die Toskana reiste und einige Tage auf dem ausgedehnten Anwesen verbrachte. Hier das PDF des Artikels:
“A taste of the good life on the Tuscan farm where guests can stay”.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Freitag, 23. Januar 2026 – Kartoffelsackiges“

  1. Ilka meint:

    Ebenfalls kritische Patientin hier. Der Satz “das ist mein Körper, das entscheide ich” brachte erst eine hochgezogen Augenbraue, dann aber Zustimmung.
    Schönes Wochenende

  2. Frau Klugscheisser meint:

    Kann es sein, dass das Label kritisch mehr medizinisch und in Bezug auf den Fall als solchen gemeint ist? Wurde das so ausgesprochen oder in der Akte vermerkt?

  3. die Kaltmamsell meint:

    Ich wurde im Gespräch so genannt, “für kritische Patientinnen wie Sie”, Frau Klugscheisser. Zuvor vor Jahren sogar ebenfalls im Arztgespräch: “Sie sind aber eine kritische Patientin.”

  4. albatros meint:

    Kritisch bleiben! Bin seit 20 Jahren Chroniker und weiß deshalb, wovon ich spreche.

  5. Birte meint:

    Der Link zum Artikel funktioniert nicht. Hier der richtige: https://www.lavialla.com/public/vialla/de/riviste/2025/FT-La-Vialla-D.pdf
    Ich bin Vialla Fan, auch wenn ich da wegen der Mengen nur selten bestelle.

  6. Karin meint:

    Ist kritisch in diesem Kontext ein Synonym für informiert?
    Und: danke für die Info zu La Vialla. Schön, dass es solche Betriebe gibt!

  7. die Kaltmamsell meint:

    Danke für den Hinweis, Birte – ist repariert!

  8. albatros meint:

    @Karin: Für mich war es immer ein Synonym für „spielt nicht so ohne weiteres mit, sondern fragt lieber nochmal nach und hat seinen eigenen Weg“. Es gibt Behandlungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll sind, und dann sollte man auch compliant sein. Aber vor Operationen würde ich immer mindestens eine zweite Meinung einholen und auch darüber hinaus mit anderen Ärzten sprechen, die mich schon länger kennen. So eine Entscheidung ist komplex.

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