Filme

Journal Samstag, 27. Januar 2018 – Anreise Berlin, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Sonntag, 28. Januar 2018

Herr Kaltmamsell ist schon arg niedlich, wenn er maximal nervös in seiner Zimmertür steht und hibbelt, weil ich noch nicht aus dem Haus bin, nicht mal angezogen, und doch schon in nur gut einer halben Stunde (= 40 Minuten) mein Zug geht (zu dem es 15 Fußminuten sind).

Selbstverständlich blieb mir am Bahnhof sogar noch Zeit, Proviant einzukaufen. München verabschiedete sich mit düsterem Hochnebel, den ich als Übung für das Berliner Januarlicht ansah.

Der ICE (erstmals die neue schnelle Strecke) war bis Nürnberg sehr voll, auch mit Passagieren ohne Platzreservierung. Dann lichteten sich die Reihen. Dennoch litt ich darunter, dass mein Geruchssinn derzeit sehr verfeinert ist (Hormone?): Den Fahrgast mit starkem Schweißgeruch konnte ich nicht lokalisieren, hatte aber sofort den Deoreflex aus Angst, selbst nach Schweiß zu riechen. Gut bestimmen konnte ich die Alkoholfahne des Herrn hinter mir, der sehr lange vorgebeugt telefonierte. Und das Parfumwölkchen der Nebensitzerin. Den Knoblauch-Odem von mindestens einer Person konnte ich wieder nicht zuordnen, doch zum Glück gehörte er zu Personen, die sich nicht lange im Großraumabteil aufhielten.

Interessant an dem Herrn mit Schnapsfahne: Die langen Telefonate waren nicht nur voll inniger Zuneigungsbekundungen, sondern auch mit verschiedenen Gesprächspartnerinnen (zumindest sprach er die Damen – nur 20 Zentimeter hinter mir hörte ich deren Stimmen – mit unterschiednlichen Namen an). Ein Bilderbuch-Halodri, ich war gerührt, dass es sowas in Echt gibt.

Ankunft im Berliner Hauptbahnhof pünktlich – und bei Sonne! Ich spazierte zum Hotel, packte aus, ging nochmal zum Empfang, um mir die Zugangsdaten zum WLAN zu holen (aha, immer noch nicht so selbstverständlich zur Verfügung gestellt wie die Fernbedienung des Fernsehers) und suchte ein Kino heraus, in dem ich Three Billboards Outside Ebbing, Missouri sehen konnte. Meine Wahl fiel auf die Kinos im Sony Center; weil das Wetter weiterhin hell war und ich mich nach Bewegung sehnte, ging ich zu Fuß.

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https://youtu.be/Jit3YhGx5pU

Sehr guter Film (es hat ja die Zeit im Jahr begonnen, in der ich möglichst alle Oscar-nominierten Filme sehe, die mir liegen). Die Handlung enthält sich mit einer Ausnahme (Bekehrung eines dummen, brutalen Nachwuchspolizisten) moralischer Klischees, das Ende ist sogar komplett offen, bietet nicht mal homerisches Gelächter. Autor und Regisseur Martin McDonagh schafft es, keinen sozialkritischen Film aus dem Kampf einer Mutter auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter zu machen – beeindruckend.

Gelächter gibt es sonst aber eine Menge – mit der interessanten Note, dass sich die handelnden Personen der Situationskomik oft selbst bewusst sind und sie thematisieren. In der Realität gleichen wir heute Situationen ja oft mit Film- und TV-Bildern ab, kommentieren sie mit Pointen daraus – hier kommt dieser Mechanismus in einer 360-Grad-Reise zurück in den Film. Musik von Carter Burwell, der mir mit Musik für die Coen-Brüder im Gedächtnis war. Hier praktisch nichts selbst Komponiertes, die Oscar-Nominierung ist mir ein Rätsel.

Es wird geschauspielt, dass es nur so kracht: Frances McDormand verehre ich eh, sie darf in einer Szene sogar ihre Hausschlappen für sich schauspielern lassen; Woody Harrelson, Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Abbie Cornish lassen alle die Sau raus. Vielleicht insgesamt fünf Minuten zu lang, aber durch und durch sehenswert.

Hanns-Georg Rodek schreibt für die Welt sehr treffend:

Letztlich ist das Einzigartige an „Three Billboards“ wohl eine Verweigerung. Eine der wichtigsten Regeln des handelsüblichen Hollywood-Films besteht darin, dass nach den ersten 20 Minuten der Zuschauer wissen muss, mit wem er sympathisiert und warum. Das kann sich durch Enthüllungen gegen Schluss zwar noch ändern, doch der Zuschauer soll ein emotionales Gerüst haben, an das er sich lehnen kann.

„Three Billboards“ missachtet dieses Gebot konsequent. Jede Figur bewegt sich permanent im Grau des Nichtganzgut und Nichtganzschlecht.

Mit Bilder von Metropolis auf der Leinwand wirkte die Plaza ziemlich bladerunnerig.

Fürs Abendbrot spazierte ich zu den Hackeschen Höfen.

Ich mag das sehr uncoole Café Hackescher Hof, weil es zu meinen Bildern von Kaffeehauskultur zwischen den Weltkriegen passt. Zudem habe ich dort immer gut gegessen, gestern als Abendmenü eine Schwarzwurzelcremesuppe (ich! Schwarzwurzel!) mit einer Entenfleisch-gefüllten Teigtasche, danach Skrei mit Erbesenpürree und Pak Choi, dazu ein Glas Weißburgunder.

Journal Sonntag, 21. Januar 2018 – The Greatest Showman und Total Recall

Montag, 22. Januar 2018

Das Wetter war supergreislig, meine geplante Laufrunde lockte überhaupt nicht. Ich ließ das mit dem Sport also einfach sein, auch wenn ich an den nächsten Wochenenden wenig zu Bewegung kommen werde.

Statt dessen machte ich Flan, kochte eine kindskopfgroße Rote Beete fürs Abendbrot und las die Wochenendzeitung, bis es Zeit für die Nachtmittagsvorstellung im Cinema war: The Greatest Showman. Der Film war wie der Titel auf atemberaubende Show angelegt und nahm mich ab dem Eröffnungswirbel mit. Traumfabrikbilder, bunt und laut, an Historischem wird nur verwendet, was zur Show passt. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass Wolverine eigentlich vom Musical kommt und hervorragend tanzen und singen kann, die Tanznummern gefielen mir auch ganz ausgezeichnet: Ja, heute wird mit Kameraeinstellung und Schnitt gearbeitet, wo die alten MGM-Musicals auf Choreografie und tänzerisches Können setzten – aber das Ergebnis kann schon auch beeindrucken. Meine Lieblinge: Das Trapezduett von Zendaya und Zac Efron und die erste Barnummer mit vielen, vielen Schnapsgläsern. Vor der Musik hatte ich mich etwas gefürchtet, weil Susan Vahabzadeh sie in ihrer SZ-Besprechung als „Discosoße“ bezeichnet hatte. So schlimm war es dann nicht (und die Discos meiner 80er hörten sich entschieden anders an), wenn auch die Qualität der Musikstücke hinter dem Rest der Filmkunst zurück blieb – vielleicht half aber, dass ich erst kürzlich zum ersten Mal Frozen gesehen hatte, dessen Musik die Latte für Musicals ungefähr in Bodennähe nach unten verschoben hat.

Nachtrag: Foto vom Heimweg in der Blauen Stunde.

Zurück daheim Tischwäsche der letzten Monate weggebügelt, zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell Rote-Bete-Gratin mit Schafskäse, zum Nachtisch gab es Flan. Dazu lief auf Arte Total Recall. Ich stellte fest, dass der Film inzwischen ikonisch geworden ist und wunderte mich, an wie viele Details ich mich erinnerte – eigentlich kann ich den Film nur einmal gesehen haben, und zwar als er 1990 ins Kino kam.

§

Ich freue mich sehr, dass dasnuf wieder bloggt, gestern zum Beispiel darüber, wie tief uns anerzogen wurde, Männern ein Wohlgefallen zu sein:
„Putz doch mal“.

Journal Sonntag, 31. Dezember 2017 – Isarlauf in Frühlingswärme

Montag, 1. Januar 2018

Lang geschlafen – zwei Tage vor Ferienende bin ich endlich auf Urlaubstemperatur.

Draußen war es sonnig und wunderbar warm. Ich fühlte mich fit genug für einen Isarlauf, setzte aber brav eine Mütze auf. U-Bahn zum Odeonsplatz, Start durch die Menschenmengen im Hofgarten. Auch die Wege an der Isar waren bis zur Brücke St. Emmeran voll wie im Hochsommer. Die leichte Laufmütze hatte sich schon bald als viel zu warm erwiesen, ich stopfte sie in die Westentasche – verschloss diese allerdings nicht und stellte hinterm Föhringer Wehr fest, dass ich die Mütze verloren hatte.

Ich lief leicht und mit Genuss, sah Schwanzmeisen in den Bäumen und ließ mich von der Sonne bescheinen.

Daheim Körperpflege und Frühstück, Jahresrückblick fürs Blog geschrieben, eine Maschine Wäsche gewaschen – nach der ich endgültig eingestehen musste, dass wir ein Waschmaschinenproblem haben: Nach drei Jahren (gefühlt also immer noch eine neue Waschmaschine) leckt das Ding und lässt nach jedem Durchgang eine Pfütze unter sich. Wir werden also Frau Siemens für Untersuchung und Reparatur kontaktieren müssen.

Gemütliches Kochen, die Pastaschutta wurde sehr gut.

Den ersten einsamen Knaller hatte ich in unserer Wohngegend am 30. Dezember gehört, laut wurde es erst am 31. Dezember bei Einbruch der Dunkelheit. Soweit zu Glasscherbenviertel.

Datumswechsel auch dieses Jahr ignoriert.

§

Der Weinstein-Skandal hat dazu geführt, dass der Sexismus in Hollywood gründlich beleuchtet wird. Aber wie sieht es in der zweiten riesigen Filmindustrie der Welt aus, in Indien?
Nisha Susan schreibt auf The Ladies Finger!:
„Reading What Harvey Weinstein Did to Salma Hayek During Frida Makes Me Never Want to Watch a Movie Again“.

Susan kommt aus dem indischen Filmgeschäft und kann erschöpfend von den Konsequenzen des male gaze berichten. Und brachte mich auf eine Erklärung für meine regelmäßige Verwunderung, wenn exzellente junge Schauspielerinnen plötzlich völlig von der Bildfläche verschwinden:

So when we ask, where did all those women we loved in the movies go? They went perhaps to a place where they were facing less rape threats, death threats and daily violence.

(…)

This year I heard on the grapevine about an actor’s experience in a south Indian movie playing the wife of a star who’s old enough to be her grandfather. The movie is full of male-gaze-south-Indian-edition absurdities like the young wife wanting desperately to comb her husband’s moustache. The hero dies in this movie and the actor had to be in a scene where she is wailing next to her dead husband’s corpse. In each take, the ‘dead’ man, cotton balls in his nostrils notwithstanding, copped a surreptitious feel of the heroine. The third time it happened she got up mid-wail and yelled at him, “stop doing that right now.” And yelled at, for the first time in his 40-year career, the man quietened down. This young woman actor has a cultivated or accidental air of ‘I can take this career or leave it,” that has protected her from backlash. Or maybe we will read about the backlash 40 years from now in her memoir.

(…)

So, no I don’t want any theoretical understanding of why male artists can’t help themselves, what with the weight of civilisation and all. What I want is a sign before every movie indicating that, “no women were harmed in the making of this movie.”

Journal Samstag, 23. Dezember 2017 – Bazillenattacke

Sonntag, 24. Dezember 2017

Um halb sieben aufgewacht. Bis es über meinem Morgenkaffee langsam hell wurde, vergingen noch anderthalb Stunden.

Im heimischen Wohnzimmer sportelte ich mit Fitnessblender eine Runde Rumpfkräftigung, kam ordentlich ins Schwitzen.

Am späten Vormittag eine kleine Einkaufsrunde: Auf den Einkaufsstraßen der Münchner Innenstadt war es an diesem letzten Einkaufstag vor Heilig Abend ruhiger als an manch vorhergehendem Adventsamstag, später las ich auf Twitter von anderen deutschen Innenstädten Ähnliches – waren die Menschen gar zur Vernunft gekommen?

Unter anderem kaufte ich ein Kopfkissen: Am Vortag hatte ich beim Bettenüberziehen festgestellt, dass das Kissen des Herrn Kaltmamsell mittlerweile ein fleckiger, klumpiger Fetzen war – und da hatte ich mich erinnert, dass ich ihm am Anfang unserer Zweisamkeit ein paar Mal zwar nichts zu Weihnachten (die Geschenklosigkeit zu diesem Anlass hat sich von Anfang an ergeben), aber hin und wieder etwas für Weihnachten geschenkt hatte, zum Beispiel ein schönes Hemd für Heilig Abend. Und so ließ ich mir beim Betten Ried bezaubernd und fachkundig zu einem Federkopfkissen mit Daunenanteil raten, das man dort auch reinigen lasssen kann. Ich habe ja schwer was übrig für alteingesessene Geschäfte mit Fachpersonal, das da seit Jahrzehnten arbeitet. Plötzlich fiel mir ein, wie wichtig meiner polnischen Oma Qualität beim Bettzeug gewesen war, sie konnte ausführlich über die Wahl ihres Federbetts und ihrer Kissen referieren. Ähnlich hohe Ansprüche stellte sie nur an Schuhe; sie war meine ganze Kindheit durch für den Kauf der wirklich guten Schuhe für mich zuständig, machte auch in hohem Alter bei ihren eigenen trotz geringem Einkommen keine Abstriche bei Eleganz und Qualität.

Zurüch zu Hause merkte ich über den Nachmittag und Abend, wie dann doch der Atemwegsinfekt Land gewann, die grün vollgerotzten Taschentücher um mich herum ließen keinen Zweifel. Schon wieder? Was soll denn das? Wir hatten doch ausgemacht, dass ich die mit der Rossnatur bin? (Na gut, bin ich ja weiterhin, solange mich der Infekt nicht ins Bett wirft.)

Ich bügelte den Hügel Wäsche der letzten Wochen weg – die eine gute Seite, die ich dem Winter zuzugestehen bereit bin: Wenig Bügelwäsche. Das dauerte exakt so lange wie der Wrint-Podcast, in dem Andrea Diener über ihre Reisen des vergangenen Jahres erzählte.
„Frau Diener verreist nach Marokko (und andere Katastrophen)“.

Abends ergriff ich die Gelegenheit im Fernsehen, Die Eiskönigin – Völlig unverfroren anzusehen (Ohrfeigen für die Titelübersetzung), das einige kleine Mädchen in meiner Verwandtschaft nachhaltig geprägt hat. Ich muss irgendwie herausbekommen warum: Das ist der möglicherweise handlungsärmste Disney jemals, und das auch noch mit der lieblosesten Charakterzeichnung.

§

Was bis heute im heterosexuellen Teil unserer Gesellschaft als Abwehr gegen ungewollte Anmache zu gelten scheint: Der Hinweis, man habe einen Freund hat oder sei gar verheiratet. Das wäre mir schon mit 15 nicht eingefallen und tut es seither nie. Ich habe nachgedacht, warum das so ist. Meine Rationalisierung eines rein affektiven Impulses: Dieses Argument lässt sich darauf ein, dass Frauen in einer Partnerschaft Besitz eines Mannes sind. Dass der ungenehme Anmacher wahrscheinlich die Abfuhr einer Frau nicht respektieren wird, sich aber vor dem Übergriff auf den Besitz eines anderen Mannes hütet, wegen Ehrverletzung. Nichts daran akzeptiere ich.

Journal Dienstag, 19. Dezember 2017 – Immer noch keine Ruhe

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Als ich gestern Abend den Titel dieses Posts tippte, hielt ich inne: Wirklich? Erst Dienstag? Der Wochenanfang hatte bereits genug Zeugs (und Arbeit) für vier Tage enthalten. Zuvor hatte ich schon fast die Topfpflanzen gegossen in der Annahme, wir hätten bereits Mittwoch (derzeit gieße ich mittwochs und sonntags – und stelle fest, dass das Grünzeug es tatsächlich zu mögen scheint, regelmäßig Wasser zu bekommen!).

Der gestrige Doppeltag begann mit Langhanteltraining, das mich anstrengte, aber mir gut tat. Das abschließende Stretching ließ ich aus, um rechtzeitig zur ersten Besprechung in der Arbeit zu sein. Von da an ging es Schlag auf Schlag, zum Teil erwartet, zum Teil unerwartet, zum Teil quer geschossen – ich konnte nicht mal eine kleine Abschiedsfeier mitfeiern, an der mir wirklich gelegen war. Aber ab jetzt müsste es dann endlich! wirklich! ruhiger! werden!

Reise nach Berlin zur Preisverleihung Goldene Blogger gebucht. Ich hoffe, dass es Milieu-gemäß einen panic room für Pausen von Menschen gibt. (Und vorher ein Briefing Book zu den erwarteten Celebritäten, damit ich Nicht-Fernseherin die auch erkenne? Am End‘ tauchen Fußballer auf!) Beim Durschauen der Nominierungen habe ich zu meiner Freude ein paar sehr alte Bekannte wiedergesehen, die die Wandlung des Web in den vergangenen 15 Jahren in persona mitgespielt haben: Jochen Mai kannte ich noch als Blogger und WiWo-Redakteur, jetzt verkauft er offensichtlich sehr erfolgreich Karrieretipps und sich; und aus MC Winkel, dem ersten deutschen Blogger, der vom Bloggen leben konnte, ist ein Markenmaskottchen geworden – hochinteressant.

Daheim erwartete mich ein ausgesprochen luxuriöses Abendendessen: Herr Kaltmamsell hatte energisch Sushi bestellt.

Nein, das schafften nicht mal wir zwei Vielfraße, es blieben zwei großzügige Portionen als Brotzeit für den nächsten Tag übrig.

§

OH YES!

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https://youtu.be/MFWF9dU5Zc0

Journal Mittwoch/Donnerstag, 4./5. Oktober 2017 – Erkältung und Blade Runner 2049

Freitag, 6. Oktober 2017

Die Erkältung, die sich am Dienstag angekündigt hatte, kam am Mittwoch an, blöderweise bis zum Abend so richtig. Herr Kaltmamsell, dessen Erkältung bereits am Abklingen war, machte uns zum Abendbrot jüdisches Penizillin: Hühnersuppe.

Am Donnerstag wachte ich nach unruhiger Nacht mit explodierendem Kopf auf, hatte aber den Eindruck, dass mich der Arbeitstag eher von meinen Symptomen ablenkte, als dass er geschadet hätte.

Für gestern Abend hatte ich Kinokarten besorgt, in regnerischem Föhnsturm gingen ich mit Herr Kaltmamsell in Blade Runner 2049. Auch der lenkte mich gut von Schmerz und Rotz ab, gefiel mir gut. Das Set-up wird wieder mit einem „Als die Armee der Südstaaten“-Text1 am Anfang skizziert, die Stimmung ist immer noch apokalyptisch, dunkel und verregnet. Wieder hat der Film nur den Rahmen und die Stimmung aus der Romanvorlage von Philip K. Dick, Ryan Gosling als Replikant K. ist ein erheblich stoisch-milderer Polizist als Deckard seinerzeit. Doch wo letzterer mit dem Verdacht fertig werden musste, er könnte gar kein Mensch sein (zumindest in den meisten Versionen des Films), wird diesmal K. auf die Idee gebracht, er könnte gar kein Replikant sein. Solche schönen Spiegelungen des Vorläuferfilms gibt es viele. Robin Wright durfte nach der Amazonen-Generalin wieder einen Haudegen spielen, die Rolle steht ihr ausgezeichnet. Leider fehlte der Figur K. ein starker Widerpart wie Deckard ihn in Roy Batty (Rutger Hauer) hatte, weder die böse Replikantin noch ihr blutleerer Chef waren das. Und dauerte war der Film viel zu lang, im letzten Drittel hätte man besser viel von dem Schwelgen in den Bildern des alten Hotels weggelassen, auch der Showdown fällt gegen den Film davor ab.
Mit Unbehagen hatte ich gelesen, dass Hans Zimmer für die Musik von Blade Runner 2049 verantwortlich war – ich halte Zimmer ja für den Untergang der Filmmusik. Die Sorge war unbegründet, der Soundtrack unterwirft sich ganz dem Vorbild von Vangelis und ist damit eine weitere Brücke zu Blade Runner von vor 35 Jahren.

§

Peter Breuer Glaser hat Lesenswertes zur Romanvorlage geschrieben:
„Missing Link: Rebellische Replikanten – der Ursprung von „Blade Runner“ bei Philip K. Dick“.

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Und dann kam der Tag, an dem sich auf Twitter ein paar Kathedralen spielerisch in die Haare bekamen.

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Jason Fagone begleitet eine Unfallchirurgin am „Temple University Hospital in North Philadelphia, which treats more gunshot victims than any other in the state“:
„What bullets do to bodies“.

  1. Siehe Hanns Dieter Hüsch, „Frieda und der Wilde Westen“. []

Journal Dienstag, 20. Juni 2017 – Beifang aus dem Internetz

Mittwoch, 21. Juni 2017

Morgens Langhanteltraining. Ich stellte mir vor, dass wir 15 Amazonen (Frauenstudio) gerade auf der Insel Themyscira ein wenig Frühsport machten. Und will jetzt dringend Sportkleidung im Amazonen-Look. An der Studiotheke entdeckte ich, dass ich eine Namensvetterin unter den Mitturnerinnen habe. Wir nervten die Umkleidenden, indem wir einander ständig mit Namen ansprachen.

Ein sehr warmer Tag, der immer heißer und schwüler wurde.

Abends war ich mit Herrn Kaltmamsell verabredet. Wir steuerten das nahe gelegene Griechischrestaurant Molos an, doch das war geschlossen – anscheinend dauerhaft. Nun gut, der Paulaner Biergarten lag ja ums Eck – in den wir nicht reinkamen wegen geschlossener Gesellschaft. Wir beschlossen, dass es draußen eh zu warm war und probierten das Olé Madrid aus, an dem ich regelmäßig vorbei radle: Sättigende Kleinigkeiten, am besten waren die frittierten Sardellen und Tintenfischringe, saftig und frisch.

Immer noch hadere ich ein wenig mit meinem neuen Telefon (iphone 6s): Die Stand-by-Taste ist seitlich rechts oben statt auf der Oberseite. Eine Folge: Ich verstellt ständig die Lautstärke des Klingeltons, weil ich beim Drücken der Stand-by-Taste irgendwo gegenhalten muss.

§

Auch sonst geht mir der Film Wonder Woman weiter im Kopf herum. Kathleen Hildebrand schrieb in der Süddeutschen:
„Warum weinen Frauen bei ‚Wonder Woman‘?“

Ein Dutzend attraktiver Frauen, das sich gekonnt bewegt, dabei einigermaßen knapp bekleidet ist – und trotzdem sieht keine nach Sex-Symbol aus. Diese Frauen sind Subjekte, nicht Objekte einer lüsternen Kamera. Und von nirgendwoher fällt ein Blick auf sie, der etwas anderes in ihnen sieht als edle Kämpferinnen für das Gute.

Jede Einstellung scheint diese Frauen zu bewundern. Aber nicht, weil sie erotisch sind. Sondern weil sie stark sind. Und weil sie gut sind in dem, was sie tun. Vor allem aber, und vielleicht ist das wirklich nur auf einer mythischen Insel ohne einen einzigen Mann möglich, weil sie die unangefochtenen Hauptrollen spielen. Nirgends ist da ein Batman in Sicht, oder ein Tony Stark, in dessen Team auch mal eine Frau mitkämpfen darf. Es geht um sie. Man muss darauf nicht bewusst gewartet haben, um zu fühlen, dass es gefehlt hat.

Geweint habe ich zwar nicht, war aber schwer ergriffen aus genau den angeführten Gründen. Ich weiß nicht, ob ein Superheldenfilm-affiner Mann nachvollziehen kann, wie bewegend es sein kann, wenn die weibliche Hauptfigur sagt: „I’m going in.“ Und dann das Dorf rettet, unterstützt von ihren Kumpels („Diana! Shield!“). Es gibt mir die Ahnung einer Ahnung, wie es sein muss, zu einer wirklich marginalisierten Bevölkerungsgruppe zu gehören und sich endlich mal im Zentrum einer Mainstream-Geschichte zu sehen.

Ich glaube, ich schau mir den Film nochmal an. (Und sei es, um Etta Candy noch Mal sagen zu hören: „Fight? I myself aren’t opposed to some fistycuffs, should the occasion arise.“) Im nächsten Teil lassen wir dann bitte auch die Keilabsätze von Dianas Sandalen weg, ja? Sind zum Rennen bescheuert, und Gal Gadot (die möglicherweise ziemlich cool ist) hat eh Beine bis zum Hals, die selbst für Hollywood nicht optisch verlängert werden müssen.

Auch wenn er seinerzeit nicht so viel Lärm gemacht hat: Spy liebte ich aus denselben Gründen. Gute Frauen, böse Frauen, starke Frauen, lustige Frauen, doofe Frauen. Und halt nicht nur die eine weibliche Figur, die man problemlos durch eine Stehlampe ersetzen könnte. Oder durch einen Muskelmann.

§

Vox nimmt sich die Computer Generated Imagery (CGI) in Wonder Woman vor – ich lernte daraus eine Menge:
„Wonder Woman’s battle scenes show how to use — and not use — CGI in super-movies“.

§

In seinem Notizblog fasst Torsten zusammen, was auch mir zum Bedingungslosen Grundeinkommen durch den Kopf geht:

„Missverständnisse zum Bedingungslosen Grundeinkommen — ein Rant“.

§

Im Philosophie Magazin unterhalten sich Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston und der Investigativjournalist Georg Mascolo über:
„Welchen Fakten können wir trauen?“

Daston: Besonders das deutsche Wort macht deutlich, dass es sich bei Tatsachen um Taten handelt. Wie wir an Redewendungen wie ex post facto oder an der Unterscheidung von de facto und de jure bis heute ablesen können, waren Fakten ursprünglich eine juridische Kategorie. Descartes’ Zeitgenosse Francis Bacon forderte im frühen 17. Jahrhundert eine Reform der Naturphilosophie. Wenn er von Fakten redet, klingt das meistens, als ob er von Verbrechen spricht. Bei einem Juristen wie Bacon sollte einen das nicht wundern. Das matter of fact, wie man auf Englisch sagt, verwandelte sich damals von einem juridischen in einen wissenschaftlichen Begriff. Zum Beispiel behauptete Isaac Newton in „The New Theory of Light and Colours“ von 1672, dass sich das weiße Licht aus einem farbigen Spektrum zusammensetzt. Die Wissenschaftler stritten über seine Theorie – und sogar über die Ergebnisse seiner Experimente. Ähnlich wie ein Gericht beschränkte sich die Royal Society of London, die 1660 gegründete englische Akademie der Wissenschaften, in dieser Situation darauf, die Tatsachen festzustellen und von den theoretischen Spekulationen und Deutungen zu trennen, um einen Konsens herzustellen. Das gelingt nie hundertprozentig. Das ist ein Ideal. In einem jahrhundertelangen Prozess haben sich seither Verfahren wie das Laborexperiment und Institutionen wie die wissenschaftlichen Akademien herausgebildet, die diesem Ideal verpflichtet sind.

(…)

Für das, was wir als post truth bezeichnen, halte ich weniger das Klima an amerikanischen Universitäten als eine Veränderung im Stil der Berichterstattung verantwortlich, die man selbst bei so respektablen Medien wie der New York Times und in Deutschland genauso wie in den USA beobachten kann: Ich meine den Trend, immer weniger von Gründen und immer mehr von Gefühlen zu sprechen. Soweit ich sehe, ging das im Sportjournalismus los. Die Idee, dass Emotionen die verlässlichste Wahrheit, nämlich Authentizität, darstellen, kann man bis Rousseau zurückverfolgen. Weil Gefühle dazu geeignet sind, Geschichten farbiger und anschaulicher zu machen, hat sich dieses Muster auch in der politischen Berichterstattung durchgesetzt.

§

Die Viel- und auch beruflich Fotografiererin Andrea Diener denkt darüber nach, welche Sorte selbst aufgenommene Fotos wir auch viele Jahre später noch mit Interesse ansehen, weil sie Erinnerungen und Gefühle evozieren:
„Wir Urlaubsknipser“.


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