Filme

Journal Mittwoch, 20. Januar 2021 – Gegen Rückenzwicken

Donnerstag, 21. Januar 2021

Der zerstückelte Nachtschlaf endete kurz nach fünf, als mich ein Rumpeln im Müllkammerl unter meinem Schlafzimmer weckte.

Weg in die Arbeit unter leuchtend blauem Morgenhimmel mit rosa Rand. Es hatte weiter getaut, was viele Wege frei, manche sogar trocken machte, doch die vorher nicht geräumten, festgetretenen Abschnitte waren superglatt und rutschig.

In der Arbeit viel Sekretariats-Jonglieren. Mittags Käse mit Birne, dazu eine Breze, ein Apfel, nachmittags Hüttenkäse.

Ein sonniger Tag, mittags drehte ich eine Runde im Hof mit milder Luft. Zu Feierabend packte ich Rechner und ein wenig Zeug ein, da ich am Donnerstag daheim arbeiten würde – ein bisschen Kontakte reduzieren.

Auf dem Heimweg Einkäufe im Supermarkt. Ich kam nicht an den Blumen vorbei (sehr wahrscheinlich Ausbeuterblumen, ich weiß) und nahm gelbe Rosen mit, außerdem kaufte ich von unserer Liste, was ich fand.

Daheim gönnte ich mir wieder Yoga, allerdings nicht das Programm von Adriene: Da es weiterhin in meinem Rücken zwickt und zwackt, erinnerte ich mich an ein Rücken-Special von Mady. Das funktionierte viel besser als vor der Hüft-OP und tat sehr gut.

Abendessen: schlechte Pizza. Zumindest war das die Ansage von Herrn Kaltmamsell. Es hilft zu wissen, dass Herr Kaltmamsell sehr gerne Pizza isst, auch kalt, sogar sagt: „Schlechte Pizza ist immer noch besser als keine Pizza.“ (Das geht mir nicht so.) Zu der Ansage kam es, weil er Pizza von einer Pizzeria holen wollte, bei der wir siet vielen Jahren keine gute bekommen hatten. Im vorletzten Moment bot er mir noch an, auf Vietnamesisch zu wechseln, doch ich kniff nicht.

War dann auch gar nicht schlimm. Sicher keine gute, aber auch keine grauslige Pizza (Rätsel: woraus war der Teig gemacht, der etwas von durchweichtem Knäckebrot hatte?). Herr Kaltmamsell war ganz konsequent pervers und holte eine Pizza Hawaii, ich hatte eine mit Parmesan und Rucola.

Im Fernsehen ließen wir auf arte einen Wes-Anderson-Film laufen, den wir noch nicht gesehen hatten: Die Tiefseetaucher. Sehr schön Wes Anderson (Willem Dafoe schwäbisch synchronisiert, warum nicht; ansonsten typisch: die Schauspieler*innen lächeln praktisch nie), leider war ich zu müde, um ihn ganz zu sehen.

Journal Montag, 28. Dezember 2020 – Lokalinformationen durch Tatort-Schauen

Dienstag, 29. Dezember 2020

Nach Längerem mal wieder eine blöde Nacht: Nach Klogang um zwei schlief ich nicht mehr ein, döste nur die eine oder andere Runde, verbuchte den Rest unter „Ausruhen“.

Der Wecker klingelte eh sehr früh, weil ich wieder die menschenarme erste Stunde nach Öffnung des Reha-Sportstudios nutzen wollte. Das klappte gut, zudem bat ich an diesem vorletzten Nach-Reha-Termin einen Trainer um Rat zu anschließender sportlicher Bewegung. Er verwies zwar zunächst auf den Operateur, der das am besten beurteilen könne, doch der ist weit, und ein Termin bei ihm ist erst zwölf Monate nach OP vorgesehen. Doch dann beantwortete er meine konkreten Fragen. Ich wollte vor allem wissen, wovor ich mich bei meinen Sportplänen besser hüte (Tipp: Radeln erst mal abseits vom Straßenverkehr – wie gut, dass die Theresienwiese ums Eck ist), bei Yoga die nächste Zeit nur langsam in die Positionen kommen, Kraulschwimmen wäre ideal (*schluchz*, zumal gestern dicke Schneeflocken fielen, die eine Draußenrunde im Dantebad wundervoll gemacht hätten), alles andere langsam steigern, echtes Warnsignal wäre ein stechender Schmerz, der anhält. Wunderbar, ich fühle mich gerüstet für die nächsten Monate.

Die ausführliche Reha-Runde lief dann gut. Ich nutzte die frühe Stunde zudem für Einkäufe im Edeka unterm Rehazentrum; zwar wurden noch Regale bestückt, doch es waren kaum Kund*innen da. Alltags-Einkaufsliste (vor allem Bestand wie Senf, Essiggurken, Majo, zudem Zutaten fürs Abendessen) war hiermit abgehakt.

Daheim zwickte es wie schon in den vergangenen Tagen im Kreuz. Trotz Unlust ließ ich mir ein Entspannungsbad ein, das tatsächlich half. Die Wirkung war allerdings nach einer Stunde Sitzen am Tisch (Frühstück Quark mit Granatapfel und Birne) verflogen, ich setzte mich mit Füßehoch aufs Bett und las die Süddeutsche.

Im München-Teil schrieb Holger Gertz über 30 Jahre München-Tatort mit Ivo Batic und Franz Leitmayr (€): „Ein Münchner Denkmal“. Ich vertraute seinem Urteil, weil eine der ausführlich besprochenen Folgen „Frau Bu lacht“ von 1995 ist, die auch ich für ein Highlight der Tatort-Geschichte halte. Ebenfalls besonderes Lob von Goetz bekam „Der oide Depp“, eine Folge von 2008.

Das schwarz-weiße München der Sechziger, tatsächlich mit original Sequenzen aus „Funkstreife Isar 12“, wird amalgamiert mit dem München des Jahres 2008. Der Zuschauer schaut in die Vergangenheit der Schwanthalerstraße, und in der Gegenwart sagen die Kommissare, wo sie gerade sind, indem sie ins Handy rufen: „Batic hier, wir brauchen einen Notarztwagen, Landwehrstraße, Foto Würzbauer.“ Und so entsteht ein Film, der eine Zeit lebendig werden lässt, als die Polizei noch dealte mit den Luden und tote Prostituierte nur Kollateralschäden waren.

Die kannte ich nicht, und so sah ich sie mir auf YouTube an. Wirklich gut, und Jörg Hube, der ein Jahr später starb, spielt den jovialen Arsch wunderbar understatet. Was Gertz nicht erwähnt: Einer Münchnerin liefern München-Tatorte immer wieder Informationen über den Zustand und die Veränderungen von Stadtvierteln, in die sie selten kommt, zum Beispiel dass eine Großbaustelle jetzt abgeschlossen ist.

Das Wetter war immer noch grau und regnerisch, trotzdem wollte ich kurz an die frische Luft (dieses Bedürfnis ist ziemlich klar ein Symptom für Erwachsensein). Vor der Wohnungstür stand eine Flasche Schaumwein mit einem lieben Gruß von den Drübernachbarn: Entschuldigung für die fehlende Stille der Nächte davor, sehr charmant.

Ich ging zackig zum und durch den Alten Südfriedhof – vor der OP ein ausführlicher Spaziergang, jetzt eine halbe Stunde Bewegung, so schön! Es wurde Nacht, und der Regen verwandelte sich langsam in dicke, schwere Schneeflocken.

Dieses alte, verwitterte Grab, kein Name erkennbar, hatte eine volle Wucht Weihnachten abbekommen – ob wohl eine Geschichte dahintersteckt?

Daheim gab’s Stollen und Lesen, bis es Zeit war, das Abendessen zuzubereiten: Ich machte Cheese and Spinach Pancake Pie, der sehr gut wurde. Zum Nachtisch gab’s griechischen Joghurt mit Quitten in Sirup, im Fernsehen lief Henckel von Donnersmarcks Werk ohne Autor mit hervorragenden Darsteller*innen und zweifelhaftem Drehbuch, nach einer guten Stunde schaltete ich ab – nicht nur wegen der vielen Anachronismen in Sprache und Handlung (wenn hier historischer Realismus unwichtig ist, sollte man nicht optisch den Anschein historischer Genauigkeit erwecken wollen, es gibt Alternativen).
Nachtrag: Hahaha, auch SZ-Autorin Johanna Adorján musste den Film abbrechen: „Männer – Florian“.

Journal Samstag, 12. Dezember 2020 – #12von12

Sonntag, 13. Dezember 2020

Gestern kein gezieltes Fotografieren für das allmonatliche #12von12: Ich wollte erst beim Fotosichten entscheiden, ob ich 12 zusammenkriegen würde, die den Tag dokumentieren könnten. Klappte ganz knapp, richtig gute Bilder sind diesmal nicht dabei.

Ausgeschlafen, aber nur bis sieben. Das reichte, um mich zu erfrischen.

1 – Erster Morgenkaffee aus dem Maxvorstädter Espressopulver: Schmeckte sehr gut, genau so schokoladig-nussig, wie ich es erbeten hatte.

2 – Aus Gründen messe ich seit ein paar Monaten allmorgendlich meinen Blutdruck.
Gemütliches Bloggen und Twitterlesen bei nur langsam wachsender Tageshelle, es blieb grau und regnerisch. Nach Katzenwäsche zog ich mich um für etwas sportliche Bewegung. Erst mal Bankstütz, Seitstütz, dann auf den Crosstrainer.

3 – Links eine überwinternde Balkonpflanze. Im Anschluss ans Strampeln ein paar wenige Reha-Übungen.

4 – Gewicht auf den hinteren Fuß auf rutschiger Unterlage. Die Übung besteht darin, den Fuß ein wenig nach außen zu drehen (von 12 Uhr auf 11 Uhr) und wieder zurück (3×30 Mal auf beiden Seiten). Damit, so hatte mir der Trainer in der Reha-Klinik erklärt, werde ein kleiner Muskel trainiert, den wir für ganz viele Alltagsbewegungen brauchen.

5 – Zum Frühstück gab’s zwei Scheiben Geiersthaler Sonne, die mir besonders gut gelungen war.

Nach ein wenig Zeitunglesen wollte ich dringend nach draußen. Es sprühregnete zwar immer wieder, manchmal war aber sogar blauer Himmel zu erahnen. Ich spazierte auf den Alten Südfriedhof.

6 – Große Eichhörnchenparty, aber wenige Menschen.

7 – Meistersinger und Damenschuhmachermeister. Der Hans-Moser-Film dazu schreibt sich praktisch von selbst.

Kurz vor der ehemaligen Aussegnungshalle traf ich zwei Bloggerinnen/Twitterinnen (nein, wir sind noch nicht in diesem Alter; das sind wir erst, wenn wir bei zufälligen Begegnungen auf dem Friedhof Gießkannen in der Hand haben): @dyfustic kannte ich schon lange auch persönlich, @deuxcvsix traf ich zum ersten Mal in Echt. Beiden hatten Kameras mit SONNE Objektiven dabei, sie waren auf Fotopirsch. Wir fachsimpelten über Vögelchen (Berichte von Eisvogel-Sichtungen an der Isar!) und Eichhörnchen.

8 – Blick von der Wittelsbacherbrücke auf eine sehr niedrig stehende Isar, es ist weiterhin viel zu trocken.

Gehen ging sehr gut, deutlich über eine Stunde lang. (Und schon fasziniere ich Isarjoggen ab April.)

Kurz vorm Heimkommen sah ich im Nußbaumpark ein winziges Vögelchen in annähernd Kohlmeisenfarben, das mir neu war.

9 – Genau hier hatte es eben gerade von Beeren genascht, echt ehrlich! (Aus mir wird sowas von nie eine Tierfotografin.) Daheim schlug ich nach, was das wohl gerade war: Ich hatte mein erstes Wintergoldhähnchen gesehen!

Als ich heimkam, war mein Mantel schwer vom aufgesaugten Nieselregen.
Nachmittagssnack: Ein Stück Käse, Mandarinen, Trauben. Ich holte die jüngste Folge Kroymann in der ARD-Mediathek nach. Zeitunglesen, Twitterlesen.

10 – Die Vorschläge sind durchgehend großartig. (Ich würde ja einen Aufsatz zu diesem Straßenschild beitragen.)

11 – Herr Kaltmamsell hatte den Nachmittag mit Weihnachtsbäckerei verbracht, allerdings englischer. Dieses Mince-Pie-Rezept hatte er bereits seit Monaten ausprobieren wollen, doch ich hatte ihn im Sommer daran gehindert. (Also bitte: Als nächstes dann Zimtsternebacken in Mai?) Jetzt war endlich die richtige Jahreszeit dafür. Leider hatte ich vergessen, dass meine Muffin-Bleche (für billigstes Geld als Studentin in Wales gekauft, lange bevor Muffins hierzulande echten Kuchen auf Partys und als Bürokuchen fast komplett verdrängten) auch bei noch so gutem Buttern das Backgut nicht mehr hergaben. Nutzung nur mit Backpapier. Herr Kaltmamsell war auch insgesamt mit dem Teig nicht zufrieden. Die beiden Mince Pies, die ich später als Dessert aß, schmeckten aber hervorragend.

Fürs Abendessen wiederum sorgte ich.

12 – Ich machte nochmal spanische Empanada, diesmal allerdings mit Hefeteig und weitgehend freihändig. Teig wurde ein Hefeteig mit ordentlich Olivenöl drin (gut zu verarbeiten, ging allerdings wegen des Öls wenig auf), in die Füllung kam neben der Basis aus Zwiebel, Knoblauch, roter Paprika, Tomate (tomate frito baue ich mit verdünntem Tomatenmark nach), geräuchertem Paprikapulver diesmal Thunfisch.

Schmeckte ganz hervorragend. (Vorher gab’s Cocktails Sir Walter, vor allem weil eine Zitrone ohne Schale wegmusste.)

Abendunterhaltung war ein Weihnachtsfilm. Ich hatte mich auf der Suche nach einem Ersatz für Love Actually (ich ertrage seit einigen Jahren die fast durchwegs unguten und destruktiven Liebesbeziehungen darin nicht mehr) an The Long Kiss Goodnight mit Geena Davis erinnert, auf Deutsch Tödliche Weihnacht. Herr Kaltmamsell hatte den Film unsynchronisiert auf Vimeo gefunden, außerdem zu meiner Überraschung erzählt, dass er den noch nie gesehen habe.

Hatte sich ganz gut gehalten, allein die Stimme von Geena Davis ist die Originalversion wert.

§

Ich fand alle Teile der kleinen Serie #FrageinenJuden von Marina Weisband und Eliyah Havemann bereichernd. Im vorerst letzten, fünften Teil unterhalten sich die beiden über Antisemitismus. Spannend ist schon mal ihr Versuch, die Frage zu benantworten: „Warum werden Juden gehasst?“ Während Marinas Ansätze psychologisch, soziologisch, historisch sind (Diaspora, feste kulturelle Identität, Geldverleihen etc.), weigert sich Eliyah, die Frage überhaupt zu beantworten: Seiner Ansicht nach braucht Hass keinen Grund.

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https://youtu.be/svaTlmcom10

(Nicht die Kommentare lesen. Außer Sie brauchen Argumente/Beispiele für strukturellen oder konkreten Antisemitismus.)

Journal Freitag, 13. November 2020 – Kulturtag mit dem einen Fleißer-Roman und In den Gängen

Samstag, 14. November 2020

Unruhige Nacht, in der ich mehrfach knallwach war – zum Glück aber immer wieder einschlief.

Mein gestriger Physiotermin war schon um halb acht, so früh war die U-Bahn nach Norden entspannend leer. Frau Physio tat mir wieder weh, ließ mich Kräftigungsübungen fürs operierte Gelenk machen (im Liegen auf der Seite mit Gewichtsmanschette um den Knöchel) – sie wird schon wissen.

Anschließend erledigte ich mein Reha-Programm im Übungsraum, einige Wackelübungen gehen jetzt schon besser. Einkäufe im Supermarkt des Rehasport-Gebäudes.

Anfall von Corona-AAAAAAAAHHRGHHH! Auslöser war der Anblick der (zum Glück spärlichen) U-Bahn-Passagiere mit Mund-Nasen-Schutz. Wenn mir jemand vor einem Jahr dieses Szenario erzählt hätte und dass Museen, Gastronomie, Sportstätten zur Infektionsvermeidung geschlossen sein würden – hätte ich mir das vorstellen können? (Der hiesige Katastrophenschutz ja auch nicht, im lustigen Schuldzuweisungsspiel taucht eigenartigerweise gar nicht mehr auf, dass die Empfehlungen der letzten länder-übergreifenden Pandemie-Übung von 2007 nie umgesetzt worden waren.)

Daheim kurzes Abladen, dann im Süpermarket Verdi Einkäufe fürs Abendessen (ich freute mich vor allem über den dicken Bund superfrischen Koriander). Unterwegs ein weges Gebäude an der Ecke Pettenkofer-Goethestraße fotografiert, das mich die 20 Jahre meines Wohnens in diesem Viertel begleitet hatte.

Zurück daheim buk ich Gewürzkuchen, jetzt im Spätherbst und vor Advent ist dafür die perfekte Zeit. Als ich ihn in den Ofen schob, war’s noch nicht mal zwölf.

Zum Frühstück aß ich zwei weiche Eier und von dem Fladenbrot, das ich beim Verdi mitgenommen hatte. Zeitungs- und Internetlektüre, bis ich den Kuchen aus dem Ofen und nach einer Stunde aus seiner Form nehmen konnte.

Draußen schien weiter herrliche und auch wärmende Sonne; ich machte einen kurzen Abstecher in die Sendlinger Straße, um Körpercreme nachzukaufen. Damit meldete die operierte Hüfte allerdings, dass sie für einen Tag definitv genug bewegt worden war: Ich war wieder bei Trippeln und Hinken.

Daheim herzte ich einen von der Arbeitswoche erschöpften Herrn Kaltmamsell, ließ mich dann im Sessel nieder, um Marieluise Fleißer, Eine Zierde für den Verein, auszulesen.

Die erste Fassung von Fleißers einzigem Roman erschien 1931, er spielt sehr erkennbar und örtlich verwurzelt in meiner Geburtsstadt Ingolstadt.

Die Geschichte des jungen Gustl Gillich, aus dessen Perspektive meist erzählt wird, stadtberühmter Schwimmer, der gerade seinen eigenen Tabakladen eröffnet hat. Der Frieda Geier kennenlernt, eine selbständige junge Frau, die als Handelsvertreterin nicht nur für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgt, sondern auch die Schulbildung ihrer jüngeren Schwester finanziert. Die karge und wortarme Romanze zwischen den beiden geht nicht gut.

Sperrig und eigentümlich erzählt Fleißer ihre Geschichte und ihre Figuren, unrund und überhaupt nicht gefällig – doch gehört das genau so. Die Bilder, die Fleißer mit Wörtern erzeugt (deren Schreibung sie oft wider orthografische Regeln verändert), erinnerten mich immer wieder an expressionistische Malerei (nicht an expressionistische Literatur): Die zugefrorene Donau, über deren tauende Schollen ein Bub springt / wie ein paar Schwimmvereinsburschen nachts den Pionieren am Künettegraben Balken vom Brückenbau stehlen / der Tabakhändler, der an einem Wintermorgen hinter den Eisblumen seines Schaufensters verschwindet.
Wie viel sie immer miterzählt! Bücher aus lang vergangenen Zeiten transportieren ja immer sehr viel Hintergrundinfo, weil sie aus einer anderen Welt kommen, doch das ist meist eine unbeabsichtigte Nebenwirkung. Fleißer aber will ganz viel miterzählen: Straßen, Häuser, Landschaft, wie es auf dem Wochenmarkt zugeht, wo der Zug nach Passau entlang fährt. Scharfsichtig wie eine Magnum-Fotografin hält sie bedeutsame Momente fest, die für eine Zeit und eine Gesellschaft stehen.

Kurzer Anfall von Erwachsensein: Ein Deckenfluter im Wohnzimmer wurde immer funzliger, ich schraubte die Fluterfläche auf, um die zwei Drittel sichtlich erloschene Lämpchen zu ersetzen – und stieß auf sowas:

Das sieht ganz danach aus, als müsste ich die komplette LED-Scheibe ersetzen – wissen Sie, wo man sowas bekommt oder auch nur, unter welchem Stichwort ich danach recherchieren kann? Ich fürchte, ich werde den Lampenhersteller Honsel anschreiben müssen.

Fürs Abendessen durfte wieder ich sorgen: Ich hatte mir mit Lammhack gefüllte Quitten vorgenommen nach einem Rezept aus Jerusalem von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi. Kleine Quitten hatte ich aus Eigenanbau bekommen, beim Schälen war schnell klar, dass ich zu viel wegschneiden musste, als dass sie sich zum Füllen geeignet hätten. Doch das Rezept gibt ohnehin eine Variante mit gewürfelten Quitten und der Füllung als Klopsen an – die setzte ich um.

Schmeckte mir sehr gut, doch vielleicht lasse ich beim nächsten Mal die Chilli im Hackfleisch weg – die Schärfe wollte nicht so recht passen.

Abendunterhaltung: arte zeigte einen Film, den ich seit Erscheinen 2018 hatte sehen wollen, In den Gängen mit Sandra Hüller und Franz Rogowski. Großartiger Schauplatz fast ausschließlich in einem Großmarkt mit seinen weiten Gängen, mit seinen Gabelstaplerfahrten, wundervolle Darsteller, ausgezeichnetes Drehbuch ohne viel Dialog – hin und wieder kann deutscher Film halt doch auch was. Hier in der arte-Mediathek noch bis Februar zu sehen, Empfehlung.

Journal Sonntag, 27. September 2020 – Kino! The Personal History of David Copperfield

Montag, 28. September 2020

Deutlich besser und zudem lang geschlafen, little blessings. Bei einem der mehrfachen Aufwachen gefröstelt, gedacht: Jetzt wäre ein klimakterischer Hitzeschub parktisch. Und da war er auch schon. Weitergeschlafen. Beim Rollladen-Hochziehen blickte ich zu meiner Überraschung in blauen Himmel und Sonne, zapfig kalt war es allerdings immer noch.

Ausführlich gebloggt, dazu erst Milchkaffee, dann eine große Tasse Tee.

Das mit dem Sport lasse ich jetzt einfach, Körper says no. (Bloß ein bisschen Trizeps.)

Maniküre und Pediküre – der Termin bei meiner Fußpflegerin hatte nicht geklappt. Ich freue mich sehr, dass sie immer gefragter wird, doch nun reichten bereits drei Wochen Vorlauf nicht mehr für einen Abendtermin.

Zum Frühstück gab es selbstgebackenes Brot mit Butter (gekochter Schinken hätte perfekt zu Textur und Geschmack gepasst, aber es war halt keiner im Haus), ein Stück Käse, Brownie-Kekse. Unterhaltung dazu SZ-Magazin und die Rede des Neffen auf der lokalen FFF-Demo.

Ich schob mir einen Lesesessel vor die Balkontür und las Roman. Herr Kaltmamsell musste mal wieder Gschwerl aus dem Hinterhof vertreiben. (Aber wacker: Die hatten selbst am Regensamstag in – allerdings weniger – Gruppen den Nußbaumpark mit Saufen und lautstarkem Streit belegt.)

Am späteren Nachmittag erstes Kinogehen seit den Schließungen im März. Die Neuverfilmung von The Personal History of David Copperfield war angelaufen, die ich sehr gerne sehen wollte; im Arena-Kino um zwei Ecken lief der Film OmU. Mir war klar, dass einfach hinzugehen wohl derzeit keine gute Idee ist. Online konnte ich ein Ticket kaufen, zwei Plätze auf allen Seiten wurden dadurch blockiert. Der ohnehin kleine Vorführraum (der zweite wird gerade renoviert) war dadurch mit fünf Personen ausgebucht. So fühlte ich mich mit Maske sicher, allerdings waren Straßen und Wege im Glockenbachviertel trotz Kälte in der Sonne so voller Menschen, dass ich für Abstand wieder viel zwischen Autos lief.

Der Film unterhielt mich gut. Mir gefiel die wild diverse Besetzung: SWINTON ist in komischen Rollen eh zum Niederkniehen, und Dev Patel macht sich in der Titelrolle durch und durch glaubwürdig. Sehr schön fand ich auch die weiteren vielen nicht-realistischen Erzählmittel: Rückblicke, die auf eine Zimmerwand projiziert wurden, Zeichnungen, die zum Leben erwachten, Handlung, die sich durch Erzähltwerden veränderte.

Zurück daheim stand nochmal eine Runde Bügeln an (auf die OP-bedingte Bügelpause freue ich mich schon). Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell selbst gemachtes Corned Beef, ein Teil gekocht, ein Teil im Ofen gegart. Dazu gekochte Karotten und Kartoffeln.

§

Ich gehöre ja zu den vielen Fans von Michael Spicer und seiner Idee „The Room Next Door“. Im Guardian analysiert Sirin Kale, warum diese Art von Humor und Comedy derzeit die angemessene ist und warum Social Media dabei eine so große Rolle spielen.
„How comedian Michael Spicer hangs politicians out to dry“.

His mother couldn’t understand why his career never seemed to take off.

“She’d say to me,” Spicer chuckles, “‘but there’s so much rubbish on TV. How can there not be room for you?’”

(…)

In this age of howlers so big you can see them from outer space – the gulf of guff, the ocean of lies – the role of the comedian is to remind us that the times we are living in are not normal, no matter how desensitised we have become to the cringing failures and mendacious distortions of our elected leaders.

(…)

There was a period at the beginning of Trump’s presidency when media outlets tried to interpret what he was saying, and parse it into some sort of coherent narrative. Those days are past. Now, many media outlets report Trump unfiltered because there is no discernible message, in any traditional sense. Trump is uncontrolled id with a whipped-cream hubris frosting – how to satirise someone so contemptuous of legal, social, and moral norms?

(…)

Into this logic void has stepped a wave of comedians, who don’t write jokes about the news, so much as literally report it.

Journal Donnerstag, 10. September 2020 – Weitere OP-Countdown-Schritte

Freitag, 11. September 2020

Viel geschlafen in der Nacht, immer wieder aufgeweckt zur Abwechlung nicht nur von Schmerzen, sondern auch von zu kalt und zu warm (bei identischer Decke -> Wechseljahrhormone?).

Ein schöner, sonniger Tag. In der Arbeit viel Arbeit, viel Unterstützungsarbeit. Ich fange langsam an durchsickern zu lassen, dass ich ab in drei Wochen eine längere Weile weg sein werde („dann wirst du das alleine machen müssen!“) – durch die überwiegende Arbeit von daheim aus haben die wenigsten im Team meine Krankheit mitbekommen. Unter anderem schrieb ich weiter an der Liste mit Arbeitsanleitungen für die Tätigkeiten, die nur ich mache. (Ich träume ja davon, dass ich wiederkomme und sich die Hälfte meiner Tätigkeiten als überflüssig erwiesen hat.) Außerdem stellte ich Erkundigungen an, wie das im Detail für diese Zeit mit Krankschreibung und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen funktioniert: Woher kriegen, wem schicken etc.

Mittags ein Stück Quiche vom Vorabend, außerdem Quark mit Joghurt. Am späten Nachmittag ein Apfel und ein halber Eiweißriegel, ich brauchte eine Grundlage für Vorhaben nach der Arbeit.

Nämlich hatte ich einen Arzttermin, vorher radelte ich an den Josephsplatz, um ein bestelltes Buch abzuholen. Der Arzt war für die Augen und hat seine Praxis zwischen Stachus und Hauptbahnhof. Wegen immer weiter reichender Bauarbeiten um den Bahnhof war es ziemlich kompliziert, die Adresse zu erreichen: Humpeln, Fahrradschieben und Eile ergaben zusammen sicher ein amüsantes Bild. Der Doktor machte einen verlässlichen und sympathischen Eindruck, und jetzt weiß ich, dass ich an sich keine neue Brille brauche: Der Fachmann stufte es als positiv ein, dass ich zum Lesen seit Jahren gar keine Brille brauche und meinte, es sei völlig in Ordnung, jetzt den Lesestoff zum Scharfstellen ein wenig weiter weg zu halten; Gleitsichtbrille sei noch nicht nötig. Wunderbar!

Nachtmahl war eine Schüssel Ernteanteilsalat mit Tomaten und Eiern, dazu ein kleines Glas Rosé, danach Schokolade.

§

Gestern war in Deutschland Warntag: Es wurde getestet, ob man bei Bedrohung zentral landesweit Alarm schlagen kann, egal mit welchen Mitteln. Und es stellte sich heraus: Nein, das funktioniert derzeit nicht. Militär-Experte Thomas Wiegold hat fürs Techniktagebuch kundig aufgeschrieben, wie wir da reingeraten sind.
„Viel Nichts um Lärm“.
(Die Überschrift hat Thomas sich zwar nur ausgeliehen, ich bejuble sie dennoch sehr.)

§

Als indirekten Nachtrag zum Zeitreisebuch retweetete @kathrinpassig konkrete Tipps von Cody Cassidy in Wired für eine attraktive Zeitreise-Destination.
„How to Escape From an Erupting Volcano
If you had been in Pompeii in 79 AD, you might have tried to hunker down or escape by sea. This would be a mistake. But there is a way to safety.“

Inklusive einem „Volcano Evacuation Plan 79 A.D.“ für Pompeji.

Unter anderem habe ich daraus gelernt, dass die heiße Lava selbst gar nicht so gefährlich ist:

Depending on its composition, lava ranges from 10,000 to 100 million times as viscous as water. This means even the runniest molten rock has the viscosity of room temperature honey. Unless you’re on a very steep slope, you can generally outrun it. Stationary objects like houses can be flattened by these fiery rivers, but “usually people can move out of the way,” says Stephen Self, a volcanologist at UC Berkeley.

Im Artikel auch viel Chemie, die erklärt, warum dieser Vulkanausbruch so besonders zerstörerisch war: U.a. weil der Vesuv auf Kalkstein sitzt.

Limestone (CaCO3) + heat results in the volcanically unfortunate combination of calcium oxide and CO2. In other words, standing in Pompeii places you in the hazard zone of carbonated magma.

Cody Cassidy empfiehlt, sich in Pompeji und später in Herculaneum nochmal mit Brotzeit einzudecken: Vor der Zeitreise also daran denken, örtlich und zeitlich passende Münzen zu besorgen.

§

Jan Jekal im Feuilleton der gestrigen Süddeutschen über Buster Keaton, der vor 100 Jahren seine ersten eigenen Filme drehte:
„Nicht witzig, aberwitzig“.

Abends guckte ich mir den erwähnte Film „One Week“ an.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/OecqIhA4Jxg

Journal Donnerstag, Fronleichnam, 11. Juni 2020 – ’schbin Netflix

Freitag, 12. Juni 2020

Ausgeschlafen. Als ich nach dem Aufwachen fast nochmal halb wegdämmerte, hinderte ich mich daran: Ich weiß inzwischen, dass mir das gar nicht gut tut, sondern mich schwächt und zerschlägt.

Ich genoss es, nichts vorzuhaben. So konnte ich mir weiterhin einreden, dass ich das Regenwetter gut finde, weil dringend nötig.

Frühstücksbrötchen gebacken. Da in den Kommentaren zum Rezept einige Nachbäckerinnen geklagt hatten, nach dem Abkühlen seien die Semmeln hart gewesen, dampfte ich besonders heftig und buk sie nicht zu dunkel.

Es wurden gute Semmeln, doch bekam ich immer mehr Zweifel am den Vorgehen, wie es im Rezept beschrieben wird: Es passt zum einen nicht zu Frühstückssemmeln für Zeiten, an denen normalweise gefrühstückt wird (weil sie so erst vier bis fünf Stunden nach dem Aufstehen serviert werden können), zum anderen nicht zu den Fotos. Eine kalte Über-Nacht-Gare der geformten Teiglinge würde zu beidem viel mehr passen: Dann würde es bis zum Servieren nur anderthalb Stunden dauern, und die kleinen Bläschen auf der Oberfläche der Semmeln im oben verlinkten Originalfoto sowie die große, unregelmäßgige Porung innen sind typisch für lange und kalt gegangene Teiglinge. Das werde ich beim nächsten Mal probieren.

Nach Gymnastik und ausführlichem Crosstrainerstramplen (perfekt durch Eichhörnchensichtung) gab es die Semmeln zum Frühstück mit Butter, Orangenmarmelade, Honig. Ich sah auf dem Balkon, dass auch Kleibers ihren Nachwuchs zu unserem Meisenknödel bringen – Jungkleiber interessierte sich aber mehr für die über dem Knödel liegende Nische in der Decke.

Nachdem Hannah Gadsby bereits ein neues Programm herausgebracht hat, wurde mein Wunsch, ihr „Nanette“ von 2018 mal ganz zu sehen, so groß, dass ich mich doch bei Netflix anmeldete – nur dort gibt es die Show zu sehen. Der Anbieter gewährt ja gratis 30 Probetage, ich werde mich schon rechtzeitig abmelden. Und wenn nicht: Ich stellte fest, dass die von mir präferierte Version 12 Euro im Monat kostet – das könnte ich verschmerzen.

Wie so viele war ich am Ende von Hannah Gadsbys Show schwer mitgenommen (und hatte erst angesichts des vollen Sydney Opera House begriffen, wie erfolgreich Gadsby zu diesem Zeitpunkt bereits war). Der graue Regenhimmel hatte Platz gemacht für gemischte Wolken vorm blauem Himmel, ich ging raus, um nach dem Alten Südfriedhof zu sehen.

Erst mal kam ich nicht weit, weil mich nach 200 Metern ein Regenguss in einen Hauseingang scheuchte. Doch ich hatte ja nichts vor, konnte also den Tropfen eine Weile aus anderer Perspektive als dem Wohnzimmerfenster zusehen.

Auf dem Südfriedhof scheuchte mich der nächste Guss bei gleichzeitigem Sonnenschein unter eine Buche. (Die Robinienblüte ist dieses Jahr in Regen und Kälte komplett duftlos vorbeigegangen.)

Meine Gedanken wanderten vor allem zu dem zurück, was Hannah Gadsby über tension erklärt hatte, wie sie als Comedian damit für Pointen arbeitet, oder eben in diesem Fall ihr Publikum mal damit allein lässt. Worum es ihr eigentlich geht, was sie durch das Kleinmachen ihrer Geschichte als Pointen aber verhindert hat: connection. Dazu kam, dass DonnerBella gestern ausführlich und sehr klug genau darüber gebloggt hatte: über Verletzlichkeit und Verbindung – „We’re fallin’ apart and it feels fantastic*“. Vielleicht ist es gerade diese Anspannung, die fast jeder Umgang mit Menschen bei mir auslöst, die mich Kraft kostet, nur bei wenigen Menschen durch die Energie aufgewogen wird, die ich aus der Begegnung gewinne, die mich fast nur allein entspannt sein lässt, im Grunde menschenscheu macht. Vielleicht.

Gestern durfte ich fürs Abendessen sorgen. Es gab eine Lachs-Dill-Tarte nach Delia Smith, allerdings mit dem Quarkteig, den ich noch in der Gefriere hatte, und mehr Füllung. Dazu Tomatensalat.

Zu meiner eigenen Überraschung sah ich für die Abendunterhaltung nach, was es denn noch so auf Netflix gab. Es wurde der Film Ocean’s 8, trotz der eher gemischten Kritiken seinerzeit. Nett, aber doch eher flach. Ich liebe das Genre Gaunerfilme und mochte Ocean’s Eleven sehr. Die Frauenbesetzung war zwar sensationell, doch mir fehlten die echten Twists – und Ocean’s Eleven hatte es bei gleicher Länge und mehr Action geschafft, allen Figuren eine reiche Hintergrundgeschichte zu geben. In Ocean’s 8 war es gerade mal die Modedesignerin Rose Weil, alle anderen bekamen nicht mal klar voneinander abzugrenzende Charaktere. Aber! Sandy Bullock spricht ausführlich Deutsch, das sie ja von ihrer deutschen Mutter und ihrer deutschen Großmutter gelernt hat (im Film trägt der Grabstein unter dem ihres Filmbruders Danny Ocean den Namen von Bullocks Mutter Helga Meyer).


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