Filme

Journal Sonntag, 16. Februar 2020 – Medizinische Hüftgymnastik und Jojo Rabbit

Montag, 17. Februar 2020

Nach der täglichen Einheit Yoga war noch Zeit für medizinische Hüftgymnastik (wo ich ja nicht mehr Joggen kann, buhu). Ich orientierte mich an der Bewegungstherpaie des Uniklinikums Dresden und spielte einmal das Grundprogramm durch – dauerte eine knappe Stunde. Ganz erstaunlich, wie viele Bewegungen auch des linken Beins durch die wehe rechte Hüfte eingeschränkt sind.

Auf der Website der Dresdner Uniklinik finde ich die medizinischen Informationen rund um Hüftarthrose auch besonders sorgfältig und ausführlich sortiert und aufbereitet (es wird auch auf para-medizinische Methoden eingegangen, auf Ernährung und auf aktuelle Diskussionen in den Medien). Ich las mich gestern einmal komplett durch.

Luxusfrühstück:

Porridge mit Joghurt, Mandarinen und Orangenmarmelade.

Draußen kam immer wieder die Sonne heraus, auf unserem Balkon strecken die Rosenfest-geschenkten Hasenglöckchen schon seit Mitte Januar ihre grünen Triebe aus.

Am frühen Nachmittag radelte ich durch die milde Frühlingsluft ins Cinema, Mütze oder Handschuhe unnötig. Ich sah Jojo Rabbit. Erst hatte mich der Film überhaupt nicht interessiert, dann las ich auch noch, dass Drehbuch und Regie von Thor-Regisseur Taika Waititi sind und es sich um eine Hitler-Satire mit Kindern handeln sollte – ich hatte mir absolut nicht vorstellen können, dass das funktioniert. Doch dann bejubelten auf Twitter Menschen den Film, von denen ich mir das ebenfalls nicht hatte vorstellen können, und ich sah Interviews mit Taika Waititi.

Heute fand ich heraus: Ja, das funktioniert tatsächlich. Die Satire ist over the top, ohne in Klamauk zu kippen. Schon beim Hitlerjugend-Lager am Anfang des Films lachte ich schallend – es wird nämlich sofort klar, dass es nicht um historische Korrektheit geht, Sam Rockwells Hauptmann Klenzendorf tritt durch und durch heutig amerikanisch auf. Scarlett Johannson als Mutter des Hitlerjungen Johann, der sich vor lauter Nazi-Begeisterung Adolf Hitler zum unsichtbaren Freund ausgesucht hat, ist allein schon den Film wert, Komik auch durch die wilde Mischung von deutschem und britischem Akzent der Besetzung (britisch zum Beispiel ganz hinreißend bei Jojos bestem Freund Yorki). Witzig auch der Einsatz der Musik: Von Beatles „Komm gibt mir deine Hand“ unter den HJ-Lager-Vorbereitungen am Anfang (dazwischengeschnitten Jugendjubel-Bilder aus dem Dritten Reich) bis zu David Bowie „Helden“ unterm Abspann.

Der Film ist eine wilde Mischung aus Ernst Lubitsch und Wes Anderson mit einer Prise Mel Brooks – what’s not to like?

Daheim eine Portion Käse mit Quittengelee – so mächtig Porridge auch füllt, bei mir hält es nie lang vor (liegt vielleicht an der Zubereitung mit Wasser, die ich am liebsten mag?). Internet- und Zeitungslektüre. Zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch und weil das viel Ernteanteil nutzte die Brüllen’sche Skifahrsuppe (Wurst war eine Kabanossi: für mich die Standard-Eintopfwurst, doch Herr Kaltmamsell kannte sie vor mir nicht mal).

Schmeckte sehr gut, ich musste mich vor Überfressung zügeln.

Journal Donnerstag, 23. Januar 2020 – Kampf dem Hüftschmerz!

Freitag, 24. Januar 2020

Früher Wecker, damit ich früh in die Arbeit kam, um vor dem Orthopädentermin noch Dinge wegschaffen zu können.

An der Anmeldung der Artpraxis wurde mir angeboten, die übermittelte MRT-Diagnose für meine eigenen Unterlagen auszudrucken (gute Idee!). Jetzt weiß ich also, dass das MRT auch eine Zyste im Gelenk sichtbar gemacht hat.

Dr. Orth 2 rekapitulierte gründlich alles bisher Erhobene und nahm die MRT-Diagnose dazu. Erst mal galt es demnach, die Entzündung zu bekämpfen: Spritze vor Ort, dann ein paar Tage Ibu-Geballere. Wenn das nicht hilft, wird in vier Wochen zu Spritze unter Durchleuchtung mit Kontrastmittel im OCM eskaliert. Meine Sorge, ich könnte mir das alles durch Fehlverhalten selbst eingebrockt haben, nahm er mir, als ich jammerte, dass eine künstliche Hüfte doch was für alte Menschen sei: Ach, es gebe schon 20-jährige, die eine neue brauchten.

Die Einstichstelle für die Spritze markierte Dr. Orth 2 nach Ultraschall und Knochentasten auf meiner Haut mit dem Kuli aus seiner Hemdtasche – wie man das halt beim Handwerken an der Wand macht, kenne ich. Dass man die Schreibtauglichkeit des Kulis erst mal ausprobiert, kenne ich auch – aber dass Herr Doktor das auf meinem Oberschenkel tat, irritierte mich.

Ich fragte den Arzt (samstägliche Anweisung von Herrn Kaltmamsell) auch zu genaueren Modalitäten empfohlener/erlaubter Bewegung: Möglichst wenig, was Schmerzen bereitet, zur Kräftigung lieber Halteübungen, und wenn Schwimmen geht Schwimmen. Na, geht doch.

Die Teilnahme an einer vormittäglichen Besprechung, bei der ich stehen musste und merkte, dass das nach der Spritze gar nicht gut tat, brach ich also kurzerhand ab – die Infos bekomme ich schon noch.

Mittagessen: Quark mit Orange und einer Hand voll Nüssen.

Und dann hatte ich gleich noch ein Orthopädiegespräch: Abschlussuntersuchung der Nach-Reha! Und als läse das Reha-Zentrum hier mit, saß mir eine ÄrztIN gegenüber. Die musste halt die Checkliste der Rentenversicherung abarbeiten und nahm meine Antworten „Deutlich schlechter, weil die Prämisse der ganzen Maßnahme falsch war“, „Ja, arbeitsfähig“ recht ungerührt auf. Ich zwang ihr ein paar Detailinformationen auf, inklusive der über die morgentliche Spritze, woraufhin sie mit Blick auf die anstehende Gymnastik- und Geräterunde doch nachdachte: Diese solle ich dann aber bitte nur sehr vorsichtig absolvieren, kein Risiko eingehen. Und mich überhaupt jetzt nach der Spritze ein paar Tage sehr schonen. (Die war doch von Herrn Kaltmamsell gezahlt!) Aber bitte: Ich ließ die beiden Geräte aus, die die Hüftmuskulatur beanspruchen.
Diese Frau Dr. Orth wies mich zudem eindringlich an, künftig die Hüftmuskulatur zu dehnen und Faszien zu lockern: Bei einem irgendwann anstehenden Ersatz des Gelenks wäre es sehr abträglich, wenn dann die Muskeln verkürzt seien.

Daheim hatte Herr Kaltmamsell schon fast fertig gekocht, ich musste nur noch die Einbrenn für das Karotten-Kartoffel-Kohlrabi-Gemüse machen und das Dressing für den Feldsalat (alles aus eben geholtem Ernteanteil). Nachtisch war Vanilleeis mit geschenktem selbst gemachten Eierlikör.

Im Bett Ali Smith, Autumn, angefangen, dass nächste Leserundenbuch.

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Vanessa Giese weilt nun schon die dritte Woche auf Erholungsurlaub auf La Gomera und bloggt davon, unter anderem mit wundervollen Fotos. Gestern erzählte sie:
„Tag 19 auf La Gomera: Flow“.

Gebe ich mich kreativer Arbeit hin, braucht es einen langsam Start, ein Eingrooven. Die gute Phase kommt ohnehin erst am Abend. Hektik hilft hier nicht.

Nun gehöre ich ja zu den Lerchen und bin am kreativsten sowie produktivsten früh morgens (don’t @ me, man sucht sich’s nicht aus). Was zur Folge hat, dass es während der Morgentoilette gern mal hektisch wird, weil ich zum eben niedergeschriebenen Blogpost weitere ungemein wichtige und supertolle Gedanken habe, die ich dringend noch einfügen will, bevor jemand kommentiert (meine ungeschriebene und nicht wirklich logische Regel: So lange niemand kommentiert hat, darf ich unmarkiert ändern). Also saß ich schon halbabgetrocknet und mit nassen Haaren auf meinem Bett und tippte ganz schnell, was mir gerade noch eingefallen war.

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Vergangene Woche in der Süddeutschen gelesen: Interview mit dem Mitarbeiter der Ausländerbehörde, über den Saša Stanišić in Herkunft ausführlich schreibt:
„Der Mann, der Saša Stanišić vor der Abschiebung bewahrte“.

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Nach 50 Jahren wurde Charles Dickens‘ David Copperfield neu verfilmt, die Besprechung in der Irish Times verspricht Großes:
„The Personal History of David Copperfield: Armando Iannucci delivers a minor miracle“.

The film begins in a theatre with the adult David (Dev Patel) reading the completed novel – or do we mean autobiography? – to a keen audience. That conceit allows the script to self-consciously correct itself as it misremembers and edits its own source material.

(…)

The most striking innovation is the diverse casting. It’s important to clarify what’s going on here. Cinematic depictions of 19th century London have traditionally underestimated the city’s racial variety, but the filmmakers are doing something more than merely reflecting contemporaneous demographics. Patel’s David is apparently the only person of South Asian descent in his immediate family. Steerforth (Aneurin Barnard) is white. His mother (Nikki Amuka-Bird) is black. The film profits from the sort of “racially blind” casting – and it does profit – that has long been commonplace in theatre. No term better sums up the Dickensian aesthetic than “generosity” and the busy clatter of cultures yells that word throughout.

Und der Trailer sieht gut aus!

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https://youtu.be/oHG7FnBDY0Q

via @hughlaurie

Journal Samstag, 18. Januar 2020 – Familienkalb und Joker

Sonntag, 19. Januar 2020

Bei den letzten Malen Schmerzaufwachen vor Aufstehen hörte ich draußen Regen: Endlich, es war die vergangenen Wochen viel zu trocken. Doch schon vormittags hatte es wieder aufgehört. Und so gut ich persönlich auf Schnee verzichten kann: Es braucht hier den Niederschlag dringend.

Heavy adulting: Im Wintergarten (haha, Nebenraum der Küche, der mal ein Balkon war) nicht nur die durchgebrannte Glühbirne ausgetauscht (seit Tagen kaputt, doch wir waren nie zu Tageslichtzeiten daheim), sondern auch den blechernen Lampenschirm gereinigt, der sich beim Birnewechseln als fettig verdreckt herausgestellt hatte.

Ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer. Mein stetig schlechterer Zustand verschafft meinen Bewegungsdrang Konkurrenz: Manchmal ertappe ich mich bei einem „und wenn ich mich mal ein paar Tage überhaupt nicht bewege und nur sitze und liege?“.

Vormittags nahmen wir einen Zug nach Augsburg: Die lieben Schwiegereltern hatten zum Mittagessen eingeladen, auch der Bruder von Herrn Kaltmamsell und seine Frau waren da. Es gab nach einem schönen Vorspeisensalat gefüllte Kalbsbrust – die ich noch nie selbst gemacht habe und durchaus gern esse. Sie war köstlich. Zum Nachtisch Quitten in Granatapfelsaft mit Grießklößchen.

Vorabendvorstellung in den Museums Lichtspielen mit Herrn Kaltmamsell: Joker (OV). Der kleine Vorführraum war schon zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn so voll, dass wir keinen Platz zusammen bekamen. Musste ich halt selbsttätig die Augen schließen, wenn ich Erschreckendes befürchtete – eh nur etwa dreimal.

Danach musste ich mich erst mal von der Düsternis und Joaquin Phoenix‘ Intensität erholen (allein das Lachen!), bis ich herausfand, ob mir der Film nun gefallen hatte: Ja, hatte er. Das war eine ganz andere Düsternis als das der apokalyptischen Action- und Superheldenfilme im Mainstream-Kino, David Steinitz schreibt in der Süddeutschen (€):

Der Großstadtmoloch Gotham City sieht in seiner [Regisseur Todd Phillips‘] Version wie ein „Taxi Driver“-Themenpark aus.

Die Brutalität, die Menschen der Handlung waren so wenig überzeichnet, auch nicht durch Kamera oder Schnitt, dass ich ihr keine gesellschaftskritischen Statements unterstelle, sondern ein Gesamtkunstwerk sah, transportiert durch die Konzentration auf die titelgebende Figur.

An der Musik irritierte mich zunächst, dass neben dem Orchester-Score (hier ein gutes Beispiel) auch andere Stücke vorkommen – doch die waren dramaturgisch sehr gezielt und funktional eingesetzt.

Wie ich schon bald während der Vorführung befürchtet hatte, war der Film gar nichts für Herrn Kaltmamsell, der mit der Filmkategorie drama nichts anfangen kann, in der es hauptsächlich um Menschliches und Gefühle geht.

Daheim servierte er ein vorgekochtes Shakshuka aus Kichererbsen und Schwarzkohl, in das nur noch die Eier gesetzt werden mussten. Schmeckte sehr gut.

Beim abendlichen Verlassen des Hauses hatte ich wie schon am Vorabend das erste Amselflöten des Jahres gehört.

§

Schöne Geschichte im Techniktagebuch: Mit welchen Argumenten in den 80ern unter Übersetzerinnen und Übersetzern diskutiert wurde, wie ein Computer ihre Arbeit erleichtern könnte.
„1983 bis 1986
Computer – lohnt sich der?“

(Alles Erleichterungen, die uns heute völlig selbstverständlich sind.)

Journal Mittwoch, 15. Januar 2020 – Knives Out

Donnerstag, 16. Januar 2020

Endlich mal gut geschlafen, davon fast sechs Stunden am Stück – doch der Wecker klingelte zu früh, ich hatte noch nicht genug Schlaf nachgeholt.

Noch ein sonniger Tag, beim frühnachmittäglichen Hofgang war es herrlich warm. Mittags Waldorfsalat und zwei Mandarinen.

Nach der Arbeit radelte ich direkt nach Hause, um vor dem Kinobesuch mit Herrn Kaltmamsell noch etwas essen zu können: Es gab Bagels aus dem Tiefkühlschrank mit Frischkäse, Schnittlauch, getrockneten Tomaten oder Räucherlachs.

Wir hatten Plätze (Karten gibt es ja dort bei Onlinekauf nicht mehr) im Cinema für Knives Out, auf den ich mich seit dem ersten Trailer gefreut hatte und der – im Gegensatz zu Last Christmas, auf den ich mich auch sehr gefreut hatte – sehr positiv besprochen wurde. (Sofia Glasl analysiert für die Süddeutsche die Rolle der Kostüme für die Charakterzeichnung: „Der Mörder ist immer…“)

Ergebnis: Ja, allerliebst und herzerfrischend. Neben mir ertönte während des Abspanns das Urteil, das ich auch schon häufig gelesen habe: „Endlich mal ein guter Film.“ Knives Out nimmt sich ein scheinbar durchgespieltes Genre vor, den klassischen Who done it nach Agatha Christie, und variiert – gerade genug, dass alle Anklänge an berühmte Vorbilder da sind (u.a. das Setting, die Kameraeinstellungen, das Personal) und ergänzt um genug Neugier erzeugendes Neues. Der Film beginnt mit der Entdeckung des Toten und erzählt von dort in angenehmem Tempo und in sorgsamer Struktur weiter. Das Drehbuch hat viele schöne Einfälle, ohne den Film zu überfrachten. Allein schon die Idee, einen Charakter einzubauen, der nicht lügen kann: Pflegerin Marta muss sich übergeben, wenn sie lügt. Wunderschön, was der Film damit macht.

Oder der Privatdedektiv Benoit Blanc (gnihihi), den Daniel Craig mit einem völlig absurden Akzent spielt – was soll das bitte gewesen sein? Irgendwann fällt „Kentucky“, doch ich habe den Verdacht, der Akzent war einfach erfunden. Was hat die deutsche Synchronisation wohl daraus gemacht?

Klassisch wieder der Aufbau: Mehrmals im Film glaubt der Zuschauer zu wissen, was wirklich geschah, doch erst im großen Showdown enthüllt der Privatdetektiv (natürlich im großen Wohnzimmer des Hauses) alle Details und Zusammenhänge. Sehr schön auch die Maske: Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind deutlich überschminkt (so faltig ist die wundervolle Jamie Lee Curtis wirklich noch nicht) und wirken dadurch ein wenig wie Comiczeichnungen.

Auch Herr Kaltmamsell hatte sich amüsiert, beschwingte U-Bahn-Fahrt nach Hause.

Journal Sonntag, 29. Dezember 2019 – Sonniger Frost

Montag, 30. Dezember 2019

Nochmal ein wirklich sonniger und schöner Tag, allerdings auch durchgehend frostig.

Gestern nur eine kleine Sportrunde mit Crosstrainer, Dehnen und den wichtigsten Übungen. Wieder sah ich wie jeden Tag Eichhörnchen in den Bäumen vor unserem Haus herumturnen – sollten die nicht laut Biobuch Winterruhe halten?
Ich spazierte Semmeln holen.

Nach Frühstück und Internetlesen war ich endlich mal schläfrig genug für eine kleine Siesta. Und danach munter genug für einen sonnigen Spaziergang über den Südfriedhof zur Isar.

Gehen war schmerzhaft und schwer, nach der guten Stunde Trippelei war ich deutlich erledigter als nach einer Stunde Schwimmen oder Morgensport. Gleichzeitig ziehe ich mich inzwischen deutlich für draußen deutlich wärmer an als früher: Ich kann nicht schnell genug gehen, dass mir davon richtig warm würde.

Daheim Orange, Birne und Stollen. Ich las Nancy Mitford, The Pursuit of Love, das mir von Anfang an sehr gut gefallen hatte: Der Roman basierend auf den Kindheits und Jugenderinnerungen der Autorin und spielt in der Zeit und der Welt von P. G. Wodehouses Wooster und Jeeves, zeichnet diese reichen, privilegierten Kreise allerdings noch hirn- und rücksichtsloser. Der Tonfall ist süffisant und respektlos, ohne dass sich die Erzählerin selbst ausnähme.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell den restlichen Ernteanteil (Blaukraut, Karotten, Rote Bete) mit aufgetauter Zungenbrühe zu einer Art Borscht verarbeitet, der genau das richtige gegen die Kälte und meinen Gemüsehunger war.

Als Abenunterhaltung sahen wir die Mord im Orient-Express-Verfilmung von 2017. Mir gefiel sie sehr gut, ich konnte die Verrisse von vor zwei Jahren nicht recht nachvollziehen: All die großen Schauspielerinnen und Schauspieler glänzten, die Kamera erzählte interessante Zusatzgeschichten, Kostüm und Maske zeugten von Recherche und Hingabe, und die oft kritisierte Künstlichkeit von Farbe und Ausstattung gab dem Film eine Theaternote, die dem veralteten Ausgangsmaterial gut tat. Hatte die Kritik Realismus erwartet? Bei einem Agatha-Christie-Stoff?

§

Den Morgen hatte ich mit Lektüre des ZEIT-online-Schwerpunkts „Unheimlich schön“ verbracht. Besonders interessant fand ich die Reportage von Vanessa Vu über Schönheitsoperationen in Südkorea, zu denen sie neben Kundinnen und Kunden sowie Anbietern auch eine örtliche Ethnologin befragt hat:
„Größer, glatter, Gangnam“.

Für mich als Schmink-ferne ebenfalls sehr informativ: Ein Porträt von Make-up-Expertin Lisa Eldrige.
„Die Gralshüterin“.
Ich sah sogar ein paar ihrer verlinkten YouTube-Tutorials an: Besonders faszinierte mich ihre Analyse von Marilyn Monroes ikonischem Look.

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https://youtu.be/RAneUTr8mog

Journal Samstag, 16. November 2019 – Last Christmas

Sonntag, 17. November 2019

Sehr schlechte Nacht, Piekseschmerzen bis in die Zehen des rechten Beins, immer wieder musste ich Muskulatur ums Hüftgelenk durch Druck lösen oder mich im Stehen ausschütteln, um wenigstens ein Stück schlafen zu können. Aber: Trotz Sekt und Wein am Vorabend KEINE Migräne! Insgesamt frisch aufgewacht.

Über dem ersten Morgenkaffee füllte ich die aktuelle Umfrage der Uni Marburg zu regionalem Grammatikgebrauch in Deutschland aus – vielleicht mögen Sie ja auch?

Herr Kaltmamsell ging ein wenig Laufen und brachte Semmeln mit. Als der Besuch aufstand, gab es damit noch ein Stündchen Frühstücksplauderei. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, genehmigte ich mir eine Runde Sport: Faszienrolle und Igelball, 20 Minuten Crosstrainer (praktisch schmerzfrei), Liegestütz (sehr anstrengend, ich kümmere mich seit Monaten zu wenig darum), Plank, Bauchübungen unter Umgehung des Hüftbeugers.

Zum Frühstück aß ich restliche Semmeln und machte mich dann auf eine Einkaufsrunde: Kaffeebohnen Christmas Blend vom Starbucks (ist eine Weihnachtsroutine geworden, don’t @ me), beim Basitsch Obst und Milchprodukte – wenn ich schon mal da war, auch Citronat und Orangeat für Stollen (ich erinnerte mich, dass diese beiden Produkte in Bio-Qualität in den vergangenen Jahren sehr früh ausverkauft waren).

Gehen war sehr mühsam, das letzte Stück nach Hause legte ich in Trippelschritten zurück.

Aufräumen, Internetlesen mit Gewürzspekulatius. Unter dem Hochnebel des Tages war es so duster, dass ich nachmittags im Flur das Licht anschalten wollte – nur um festzustellen, dass es bereits an war.

Ich hatte eine Nachmittagsvorstellung der Originalfassung von Last Christmas gefunden und kaufte online gleich eine Karte in der Mitte meiner Idealreihe 6 im Cinema. Nachdem meine Hüfte mir offensichtlich das viele Gehen vom Freitag übel nahm, ließ ich brav das Fahrrad stehen und nahm die U-Bahn ins Kino.

Dass der Film in nur wenigen Münchner Kinos läuft und das Kino gestern Nachmittag fast leer war, lag wohl nicht nur an der mageren Vermarktung (ohne den Hinweis von Joël hätte ich gar nichts mitgekriegt): Er floppt.

Selbst fand ich mich durchaus gut unterhalten von der Geschichte Kates, der jungen Frau in London, die so gerne als Sängerin Erfolg hätte, in einem altmodischen Laden für Weihnachtsdeko arbeitet, und ihr Leben so gar nicht im Griff hat, dass sie wieder bei ihren Eltern unterkommen muss. Das Ganze nicht auf realistischer Ebene von Gesellschaftsportrait oder -kritik, sondern vor der Kulisse eines angekitschten Ideal-Londons mit lieben Obdachlosen, Engels-Chören beim Verlieben, pointenreichen Dialogen. Ein Weihnachtsklassiker wird der Film aber schon deshalb nicht, weil er auf die überraschende Auflösung hinaus läuft, wer der charmante junge Mann in Wirklichkeit ist, der Kate zu einem neuen Blick aufs Leben verhilft (ich hatte zum Glück keine Ahnung und konnte tatsächlich überrascht werden).

Das Interessante fand ich die höchst gemischte Schauspielertruppe, die in vieler Hinsicht die bunte Realität von Londons Einwandererwelt abbildet, inklusive Fremdenfeindlichkeit nach Brexit-Votum und Abgrenzung zwischen den Einwanderer-Communities. Dabei umgeht die Rollenbesetzung mit den verschiedenen Ethnien Stereotypen – am ehesten entspricht noch die kroatische Mutter der Protagonistin einem Klischee.

Der Guardian fand den Film furchtbar („a grisly, sub-Richard Curtis festive pudding“) , ich konnte eher noch die Besprechung im Spiegel von Hannah Pilarczyk nachvollziehen: „Was das Herz begehrt.“

Zum Nachtmahl gab es den restlichen Cocido vom Vortag und Schokolade, davor Moscow Mule – ich mag im Moment Drinks mit Ginger Beer ganz besonders.

§

Ingenieurin und Ozeanografin Derya Akkaynak hat ein Verfahren entwickelt, wie sich unter Wasser Fotos aufnehmen lassen, die die tatsächlich Farbigkeit wiedergeben, also ohne die Farbverzerrung, die durch die Lichtbrechung im Wasser entsteht (mit Filmchen!) – ein riesen Vorteil für die Forschung:
„Sea-thru Brings Clarity to Underwater Photos“.

§

Im Techniktagebuch schildert Mia Culpa liebevoll, wie sie ihre alte Mutter mit ihrem Smartphone vertraut macht, Stück für Stück und meist telefonisch:
„Das erste Smartphone meiner Mutter“.

Journal Sonntag, 3. November 2019 – Porträt einer jungen Frau in Flammen

Montag, 4. November 2019

Nochmal lange ausgeschlafen, ich schien es zu brauchen.

Nach Morgenkaffee und Bloggen kam auch schon Herr Kaltmamsell heim: Er hatte das Rollenspiel überlebt (also: seine Figur), war lediglich übernächtigt und unrasiert.

Ich genehmigte mir ein knappes Stündchen Crosstrainer, um meinen Bewegungsdrang wenigstens ein bisschen auszuleben. Davor ein wenig Faszienrolle, danach eine Runde Bauchmuskeltraining.

Als ich mich fürs Duschen fertigmachte, erreichte mich eine Frage nach gemeinsamem Kinobesuch: Sehr gute Idee, ich verabredete mich für Porträt einer jungen Frau in Flammen.

Frühstück: Eine Scheibe selbst gebackenes Brot mit Marmelade und Käse, Quark mit Mango und Banane.

Porträt einer jungen Frau in Flammen – ein sehr schöner Film, im visuellen Mittelpunkt: Die Gesichter der Protagonistinnen. Über die zwei Stunden sah ich jedes Haar, jede Linie, jede Pore – und hohe Schauspielkunst. Aber es war halt schon auch ein französischer Film (leider meine ich das nicht nett): Keine Liebesgeschichte ohne konstruierte Krise. Und auch wenn einiges auf gute Weise ungewöhnlich war, z.B. keine Filmmusik außer den drei Mal, bei denen in der Handlung Musik ertönte, die Erzählökonomie mit wenig Dialog oder dass ausschließlich Frauen spielten, auch die Rolle einer Kunstmalerin im 18. Jahrhundert: Unterm Strich waren die platte Handlung und die Bilder halt dann doch Klischees, die knapp am Kitsch vorbeischrammten. Und die Überwältigungsversuche des Films durch atemberaubende Bilder hatten auch etwas Aufdringliches.

Kurzes gemeinsames Getränk im Anschluss, Fachsimpeln über Hüftbeschwerden.

Zum Nachmahl wärmte ich den Schwarzkohl-Eintopf auf. Die Wunde ist nun doch gut verheilt, ich wagte nach zwei Wochen wieder ein Entspannungsbad. Es tat seine Wirkung, ich wünschte wieder, ich könnte so schlafen: schmerzfrei getragen vom warmen Wasser, gehalten von den Badewannenwänden.

§

Die deutschen Leitmedien befassen sich dieser Tage umfassend und Titelblatt-breit mit dem Stand der Meinungsfreiheit – welche die rechten Kräfte in manipulierender Lautstärke so lange und konsequent auf öffentlichen (!) Podien angezweifelt haben, dass sie laut Umfragen immer größere Bevölkerungsschichten damit verunsichern.

Gut gefallen hat mir dazu der Essay von Harald Staun in der FAZ – der allerdings seit gestern hinter einer Bezahlschranke verschwunden ist:
„Es spricht die Sprachpolizei“.

Jetzt bereue ich, dass ich die Zitate, die ich Ihnen vorstellen wollte, nicht schon gestern rauskopiert habe. Unter anderem wies Staun darauf hin, dass es fast ausschließlich diejenigen sind, die Menschenverachtendes äußern, die bei Widerspruch ihre Meinungsfreiheit angegriffen sehen und eine Einschränkung dort sehen, wo einfach um Rücksicht gebeten wird.

Bei dieser Gelegeneheit lohnt es sich, den ganzen Artikel des deutschen Grundgesetzes zur Meinungsfreiheit zu lesen, nicht nur den ersten Paragraphen.

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

§

Kathrin Passig war auf einem Übersetzungskongress und hat sich von einem anonymen Übersetzer gestehen lassen, welche Textsorte am wenigsten erkennbar von Software übersetzt werden kann:
„All Translated By Machines Of Loving Grace“.

§

Hier wollte ich einen Twitterthread posten für alle Mütter mit „Mädchen und Buben sind nunmal von Natur aus verschieden, das sieht man schon ganz früh“: Kate Long hatte in einem Geschäft die Aufschriften auf Baby- und Kleinkind-Shirts fotografiert. Dass sie ihren Account mittlerweile auf privat gestellt hat, lässt mich Böses zu den Kommentaren auf Twitter befürchten – Femistinnen werden ja besonders erfolgreich aus der Öffentlichtkeit weggebrüllt und -gedroht (return to Absatz über Meinungsfreiheit).


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