Filme

Journal Montag, 30. April 2018 – Voller St. Brück und Avengers

Dienstag, 1. Mai 2018

Freier Brückentag, an dem ich freiwillig früh aufstand, um den arbeitenden Herrn Kaltmamsell noch sehen zu können.

Aus diesem freien Tag holte ich alles raus. Am liebsten wäre ich Schwimmen gegangen, doch wusste ich mit Blick auf meinen Zykluskalender, dass das sehr drauf ankommen würde. Sonntagabend setzte die rote Flut mit Vehemenz ein, ich plante um zu Krafttraining in den Vereinsanlagen. (Allerdings scheine ich zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren um die Krämpfe rumgekommen zu sein.)

Der Tag begann wie angekündigt mit ein paar Regentropfen und kühlen Temperaturen, doch über den Tag kam die Sonne heraus und es wurde wieder jackenfrei warm.

An den Kraftgeräten im Verein spielte ich zum ersten Mal das für mich zusammengestellte Programm ganz durch (fast: eine Übung auf den Zetteln verstand ich nicht und war zu faul nachzufragen), dauerte gut zwei Stunden.

Was auch ohne Schwimmen ging: Frühstück im Café Puck (ich bestellte Ahornsirupschwämme), zu dem ich radelte.

Daheim traf ich nach Langem mal wieder einen unserer lieben Putzmänner an (die Koordination übernimmt Herr Kaltmamsell, weil er noch am ehesten montags tagsüber daheim ist) und plauderte ein wenig mit ihm.

Herr Kaltmamsell war bereits zuhause, wir waren zu Wandereinkäufen verabredet. Unterwegs machte ich einen Abstecher zum Juwelier Fridrich, um die gelöste Schließe an einer Silberkette reparieren zu lassen (ganz simpel, ich habe nur nicht das richtige Werkzeug dafür) – was mir sehr zuvorkommend, umgehend und aufs Haus erledigt wurde. Nächster Stopp im umgestalteten Bücherkaufhaus am Marienplatz: Städteführer Dublin, wir konnten aus knapp zehn auswählen.

Nun aber der lange hergeschobene Wandereinkauf: Wir brauchten beide ordentliche Wanderjacken, die auch unangenehmem Wetter standhalten, und je ein Zweitpaar Wanderhosen. Wenn’s schon mal fußläufig da ist, gingen wir ins Draußenbewegungskaufhaus am Isartor. Die Hosenauswahl ging schnell, zur Jacke hatte mir eine fachkundige Freundin bereits handfeste und begründete Kriterien mitgegeben, mich auch auf die daraus folgenden Kosten vorbereitet. Da die Tchibo-Billigjacke tatächlich ein Gelump in vielerelei Hinsicht war, sah ich eine größere Investition ein – vorausgesetzt, das teure Qualitätsprodukt hält dann auch zehn Jahre.

Und so landeten wir nach Beratung bei Jacken aus Dreifachmaterial mit Achselreißverschlüssen und eng schließender Kapuze mit Schirm. Für beide dasselbe Herrenmodell in unterschiedlichen Größen; wir werden halt damit zurechtkommen müssen, dass man uns Partnerlook unterstellt – dafür mussten wir nur einmal entscheiden und nicht zweimal.

Auf dem Heimweg in Sonne, Wärme und Menschenmassen ein paar Lebensmitteleinkäufe. Für den Abend hatten wir Kinokarten, davor machte ich uns klassische Nudeln mit Soße – wir hatten noch ein Glas selbst eingekochten Kartoffelkombinat-Sugo.

Kino war Avengers Infinity War. Ich hatte mir nichts Großartiges versprochen, doch dass ich mich so langweilte, überraschte mich dann doch. Der Film besteht von der ersten bis zur letzten Minute aus Kämpferei und Schlachten, Spannungsbogen gibt es keinen, und er ist so voll Figuren, dass mich keine einzige mehr interessierte. Nachdem Marvel mit Black Panther und davor dem Erzählstrang Galaxy Quest bewiesen hatte, dass aus dem Superhelden-Genre noch Neues herauszuholen ist, war das in meinen Augen ein tiefer Rückfall.

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Miriam Vollmer ist nicht nur promovierte und erfahrene Juristin, sondern auch eine besonders gescheite und wortgewandte Frau. Seit einiger Zeit schreibt sie das Rechtsblog Recht energisch, vor allem zu ihrem Spezialthema Energierecht, aber auch zu Internet-nahen Rechtsthemen. Hinter diesem sperrigen Titel (Robin Williams nannte die Sprache legalese) zum Beispiel verbergen sich spannende Hintergründe des Themas Meinungsfreiheit und Blog-Kommentare:
„Zum Drittwirkungsurteil des BVerfG vom 11.4.2018“.

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Auf dem 2018 White House Correspondents‘ Dinner hielt die Comedian Michelle Wolf vergangenen Samstag eine bösartig scharfe Rede, die in den USA Empörung auslöste. Der Auftritt ist es wert, ganz angesehen zu werden.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/DDbx1uArVOM

Oh ja, das war scharf – aber vielleicht sollten wir der US-Kollegenschaft mal einen Best-of-Zusammenschnitt von Luise Kinseher am Nockherberg zur Kalibrierung übersetzen?

Im New Yorker nimmt Masha Gessen Wolfs Satire zum Anlass, über Humor in den Zeiten von Trump nachzudenken:
„How Michelle Wolf Blasted Open the Fictions of Journalism in the Age of Trump“.

Journal Dienstag, 24. April 2018 – Ereignislosigkeit ausgewalzt

Mittwoch, 25. April 2018

Sehr gut geschlafen. Eigentlich will ich mich nicht zu sehr an die Ohrstöpsel gewöhnen, doch mit Schallschutz schlafe ich mittlerweile replizierbar besser (schon wieder das Alter?).

Das Wetter kehrte zurück zu Frühsommer.

Der Dienstag selbst war etwa so ereignislos wie der Montag, doch ich werde mich diesmal anstrengen und alles rausholen, was nur rauszuholen ist. Als da wären.

Beim Brotzeitvorbereiten1 heftig in die linke Hand geschnitten – eigentlich gestochen, und zwar mit der Spitze des großen Messers. Blutete fast nicht, doch ich brauchte Minuten, um mich zu beruhigen, war auch überrascht über den unverhältnismäßig großen Schmerz. Das Bitzeln im kleinen Finger lieferte die Erklärung: Ich hatte wohl einen Nerv erwischt.

Ich trug schwer auf dem Weg in die Arbeit, weil ich nach der Arbeit mal wieder den Topf Urlaubskleingeld einzahlen wollte und mitgeschleppt hatte. Münzen sind verdammt schwer, ich musste den ganzen Weg über den Bauch anspannen, um das Kreuz zu entlasten.

Beim Bäcker Zöttl machte ich einen Zwischenstopp, um einen Laugenzopf für die Brotzeit zu kaufen (auch wenn ich nur alle paar Wochen dort auftauche, kennt man mich inzwischen – ist es wirklich derart merkenswert, dass jemand alle paar Wochen ein Laugenzöpferl kauft? und immer mit abgezähltem Geld zahlt? hm… na ok): Die freundliche Backwarenverkäuferin wies mich darauf hin, dass Zöttl in Kürze seine Laugenzöpfe ändert – sie werden kleiner, kosten dann aber nur noch 1,10 Euro. Aberaberaber! Die Zöttl-Laugenzöpfe sind doch die allerbesten, weil sie genau so sind, wie sie sind! (Sollte ich jemals behauptet haben, ich sei offen für und neugierig auf Veränderungen, habe ich mich jetzt wahrscheinlich verraten.)

Im Büro fiel mir erst mal der Absatz vom Schuh.

Der rechte macht’s richtig.

So ist’s falsch.

Dank meinem Blog weiß ich, dass ich die Schuhe vor über zwölf Jahren gekauft habe (2006 hatte ich sie nämlich schon ein paar Jahre), vorne ist die Sohle bereits gebrochen – sie sind reif für die Mülltonne.

Auf dem Heimweg also in der Bank Münzen losgeworden, ein paar Besorgungen in der Drogerie erledigt. Daheim empfing mich Fliederduft: Herr Kaltmamsell hatte meinen (Wunderlist-)Einkaufslisteneintrag ernst genommen und umgesetzt.

Zum Nachtmahl gab es Spargel und Erdbeeren.

Der Spargel war klasse (Herr Kaltmamsell machte Hollandaise dazu), die Erdbeeren hatten leider nur Duft, keinen Geschmack.

Wir ließen den Fernseher laufen, auf dem Disney Channel kam die Verfilmung des Hitchhiker’s Guide von 2005. Besser, als ich ihn in Erinnerung hatte – und Herr Kaltmamsell stolperte über den Umstand, dass der Darsteller des Zaphod Beeblebrox genau der Sam Rockwell war, der dieses Jahr den Nebenrollen-Oscar bekommen hat. Ich erkannte ihn erst bei ganz genauem Hinschaun wieder.

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Ein Nebeneffekt meiner Gofug-Lektüre ist, dass ich mich so gut in Europas Königshäusern auskenne wie nie zuvor im Leben (vor allem in ihrer Kleidung, aber egal). Deshalb konnte ich ziemlich über die Scherze lachen, die auf Twitter über das neue Baby im englischen Königshaus gemacht wurden.

via @tknuewer

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Laura Gorelik hat für die Zeit über die Auswanderung ihrer Familie geschrieben hat – viel interessanter und berührender als in ihrem Roman Meine weißen Nächte, den ich kürzlich gelesen habe.
„Erinnerungen, die. Zuhause, das.“

Warum habe ich dir nicht öfter ein Eis gekauft?

Kindheit, verlorene, die; unwichtig: Einmal saßen mein Vater und ich im Bus und der Bus fuhr an einem Eiskiosk vorbei, und wir dachten wohl beide dasselbe, wir dachten beide daran, wie wir ganz frisch in Deutschland waren, ein paar Wochen vielleicht, ich, ein elfjähriges Mädchen mit kurzen Haaren, und er, mein Vater, ich glaube, er war schon immer alt. Wir waren ganz frisch in Deutschland, alles schien oder war bunt, und meine Augen hüpften hin und her und wussten nicht, wohin, und mein Vater hatte Angst, wahrscheinlich, ich habe ihn nie gefragt; so eine Angst vor dem Leben.

Das Eis war ebenfalls bunt, die vielen Sorten, 60 Pfennig die Kugel, das dachte ich und dass die Preise ja seitdem gestiegen sind, so etwas dachte ich, unwichtige Dinge, über die Inflation dachte ich nach, über den Wechsel von D-Mark zu Euro, da sagte mein Vater, dass er den Anblick dieses Kiosks hasst. Warum, fragte ich und schaute auf, das erste Mal seit Langem tatsächlich interessiert. Ich hätte dir hier viel öfter ein Eis kaufen sollen, sagte mein Vater. Du hast immer mit diesen wollenden Augen hingeguckt, aber nie darum gebeten, und mir kamen die 60 Pfennig so viel vor und ich hatte Angst, dass wir das Geld brauchen könnten, aber es waren ja nur 60 Pfennig, was ist das schon, du warst doch ein Kind.

Ein Kind, sagt er, und blickt zum Fenster hinaus. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeifahre, ärgere ich mich, warum habe ich dir nicht öfter ein Eis gekauft, du wolltest so gerne eins, sagt mein Vater. Alles war neu, ich wusste nichts, und dann sagt mein Vater: Aber das soll keine Entschuldigung sein. Wir saßen im Bus, mein Vater und ich, als er mir von seinem Schmerz erzählte, und ich wusste nicht, was ich sagen könnte, ich traute mich nicht, seine Hand zu nehmen.

  1. Mittlerweile denke ich dabei jedesmal das Wort „Znüni“ – Manfred Spitzer hat halt doch recht: Internet zerstört Hirnzellen. []

Journal Montag, 19. März 2018 – Call me by your name und My brilliant friend

Dienstag, 20. März 2018

Langsam und weil ich in einer unruhigen Nacht viel Zeit dafür hatte, wurde ich mir über Call me by your name klarer.
Zum Beispiel über die Detais, die für mich typisch James Ivory waren (Ich träumte im Halbschlaf, wie Ivory an einem – selbstverständlich idyllischen italienischen – Bahnhof dem verstorbenen Ismail Merchant begegnete. Ich bin sehr stolz auf das Niveau meiner Träume.): Im Zentrum stehen gebildete und privilegierte Eliten, die keine existenziellen Sorgen haben; die kleinen Leute (Haushälterin Marcella, der namenlose Gärtner, die pokernden Barinsassen) dienen lediglich dem Lokalkolorit.

Der Film ist eine innige und aufgewühlte Liebesgeschichte, die schön, aber nicht zu schön gefilmt wurde. Das Setting in den 80ern sorgt dafür, dass die schwule Seite daran etwas erheblich Klandestineres haben muss, als sie vermutlich heute hätte – zumindest im Film, in einem Kaff im tatsächlichen Norditalien wäre ich weniger sicher. Dabei ist die äußere Erscheinung des blonden Beefcake-Oliver das aller 80erste an dem Film: Dieser Typus wird doch heute gar nicht mehr gemacht, oder? Inklusive Jeanshemd und weißen, ausgelatschten Basketballstiefeln.

Bei aller Beefcakerei spielt Armie Hammer auch noch ausgezeichnet – vom selbstbewusst rücksichtslos scheinenden Anfang bis zur totalen Verunsicherung nach der ersten Liebesnacht. Großartige Schauspielkunst auch vom jungen Timothée Chalamet als Elio, vor allem durch die Zurückgenommenheit Auch das und der italienische Sommer sind sehr Ivory.

Immer wieder fiel mir auch der Sound auf: Die Mauersegler sehen wir zum Beispiel nie, hören sie aber in jeder Szene, die in der kleinen Stadt spielt.

Ich recherchierte ein wenig nach Rezensionen:

Annett Scheffel schreibt in der Süddeutschen von „rückhaltloser Zärtlichkeit“, mit der der Film erzählt.

Chris Weiß im Musikexpress:

Viel wurde schon geschrieben über die sich so zart und unschuldig und dann doch so deftig und körperlich entwickelnde Liebe zwischen Elio und Oliver. Die Geschichte eines Coming-outs soll es sein, eine schwule Erweckungsgeschichte. Mag sein. Mein Eindruck war, dass Guadagnino etwas anderes sagen will: Wenn der/die Richtige kommt, ist es egal, ob er/sie männlich oder weiblich ist. Ihm geht es um dieses Gefühl, das sagt, dass man jetzt handeln muss, sonst ist dieser eine Mensch wieder weg und diese Erfahrung nicht gemacht.

Sonja Hartl in der Kino-Zeit:

Es gibt eine Szene am Ende von Call Me By Your Name, die niemanden kalt lassen wird. Es ist ein Gespräch zwischen Vater und Sohn oder eher: es ist vielleicht der beste Austausch zwischen einem Vater und einem Sohn, der jemals auf der Kinoleinwand zu sehen war – und dabei sagt der Vater etwas, was sich viele Teenager und Heranwachsende von ihren Eltern gewünscht hätten.

Und genau daraus ist das Zitat, das auch mir so nahe ging, dass ich es vorgestern aufschrieb.

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Es wintert weiter, keine Ende in Sicht. Ich beiße zwar brav die Zähne zusammen und zwinge mich zum Mantra „IST JA ERST MÄRZ“, leide aber trotzdem. Auf dem Weg in die Arbeit und auch den Tag über immer wieder spärlich Schneeflocken, die eher wie Dienst nach Vorschrift aussahen als nach Winterbegeisterung.

Früh aufgestanden, um vor der Arbeit noch Zeit für eine Runde Hanteltraining zu haben. Tat gut, dennoch beobachtete ich mich beim Granteln und Gereiztsein.

Auf meinem Heimweg schneite es dann energischer.

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Abends Treffen meiner Leserunde in Giesing zu Elena Ferrante, Ann Goldstein (Übers.), My Brilliant Friend. Die Meinungen waren geteilt und gingen von Desinteresse an den Figuren und nur 20 Prozent gelesen bis zu Begeisterung, dass und wie hier das Leben einfacher Mädchen und Frauen geschildert wird. Selbst habe ich den Roman gern gelesen, verband viel mit dem klaustrophobischen Setting in einem Stadtviertel von Neapel in den 50ern. Doch die Dynamik zwischen den beiden Hauprfiguren war mir zu breit ausgewalzt, auch wenn ich das Portrait dieser Bevölkerungsschicht interessant und glaubhaft fand (inneres Kopfschütteln, wie viel davon ich aus meiner eigenen italienischen Verwandtschaft kenne). Überrascht war ich von der Art des Romans gewesen: Bei all dem Feuilletonruhm hatte ich keine klassische Erzähl- und Geschichtenliteratur erwartet, sondern Intellektuelleres. Einig waren wir uns in der Runde, dass die Redundanz des Romans, sprachlich wie in der Handlung, das Leseerlebnis trübt. Und eben den großen Ruhm kann ich nicht recht nachvollziehen.

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Zoë Beck hat auf der Leipziger Buchmesse für das Bündnis #verlagegegenrechts die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mitorganisiert. In Ihrem Blog schreibt sie auf, wie’s war:
„#verlagegegenrechts“.

Journal Sonntag, 18. März 2018 – Kein Sport und Call me by your name

Montag, 19. März 2018

Ausgeschlafen, gebloggt, Laufklamotten für Kälte herausgesucht, damit ins Bad gegangen – doch eben die Kälte draußen inklusive grauem Himmel und Schneeflecken auf dem gefrorenen Boden verdarb mir die Lust. Ich ließ den Sport gestern bleiben, holte stattdessen nach dem Duschen Semmeln beim Bäcker Wimmer (weil der die guten, langsam gegangenen Handsemmeln hat).

Nachmittags spazierte ich zu den Museumlichtspielen, um mir Call me your name anzusehen. Es stand eine Schlange bis zehn Meter draußen und ich befürchtete schon Schlimmes, bekam aber noch einen Platz.

Beim Gucken fühlte ich mich lange unwohl und wusste nicht recht warum. Bis auch in meinem Bewusstsein ankam, dass der Film mitten in den 80ern spielte – eine nicht-bewusste Seite meiner Wahrnehmung war wohl so sehr mit Handling und Wegschieben all der Emotionen beschäftigt, die ich mit diesen Jahren verbinde, gerade auch mit Sommer und mit Italien, dass ich mich nicht entspannt auf den Film einlassen konnte. Mit der Zeit entspannte ich mich zwar etwas, wurde aber traurig. Ich glaube schon, dass Call me your name ein sehr guter Film war: James Ivory bekam fürs adaptierte Drehbuch einen Oscar, und tatsächlich glaubte ich einen typischen Ivory vor mir zu haben, nur ohne historische Kostüme (außer man zählt Adidas-Shorts, weiße Basketballstiefel und Bundfaltenhosen mit hoher Taille als period costume). Empfehlen kann ich ihn auf jeden Fall schon mal. Aber um erklären zu können warum – dafür brauche ich erst mal noch ein Weilchen zur Verarbeitung.

Ich wünschte, mir hätte seinerzeit jemand bei Liebeskummer und sonstiger Verzweiflung den Tipp gegeben: „Versuch nicht, den Schmerz auszulöschen; du löschst damit auch die vorherige Freude aus.“ Dann könnte ich heute vielleicht mit meinen Erinnerungen an die 80er umgehen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Sellerielasagne – nur dass er die Sahne vergessen hatte. Jetzt wissen wir, dass in der Sahne das Geheimnis steckt, warum das Gericht auch Menschen schmeckt, die Sellerie eigentlich nicht mögen.

§

Der heftige Schneefall im Osten und Norden Deutschland hat am Samstag den Bahnverkehr sehr behindert – auch die Reisebewegungen um die Leipziger Buchmesse. Verleger und Autor Jo Lendle hat auf Twitter dieses daraus gemacht.

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Auf dem Blog des Beit Hatfutsot Museum of the Jewish People in Tel Aviv (das ich während meines wunderschönes Jahreswechselurlaubs 2013/2014 besucht hatte), steht eine lesenswerte Geschichte über die Institution des Shabbes Goj (Umschriften vom Hebräischen ins lateinische Alphabet wie immer wild durcheinander – selbst in Tel Aviv waren auf Straßenschildern die lateinischen Umschriften desselben Straßennamens unterschiedlich).
„The Shabbos Goy to the Rescue“.

via @istrice

In 1993 General Colin Powell visited the State of Israel. Upon meeting then-Prime Minister Yitzchak Shamir, he is said to have greeted the surprised Shamir with “mir kenen redn Yiddish!” (“We can speak Yiddish!”)

Powell, the son of Jamaican immigrants who was born in Harlem and raised in the South Bronx of New York City, did not learn Yiddish at home. Rather, Powell picked up his Yiddish by his interactions with his Jewish neighbors, including serving as a Shabbos goy.

Ich kannte auch diese Erscheinung bereits aus der Tante Jolesch, doch mir war nicht klar, dass der Shabbes Goj in den USA so etabliert ist/war: In dem Text liest es sich, als sei die Tätigkeit das männliche Pendant zum Babysitten der Teenager-Mädchen.

Though religious and ethnic communities often existed in different spheres, separate from one another, the Shabbos goy was an opportunity for Jews and non-Jews to meet their neighbors and learn more about each other.

Journal Sonntag, 11. März 2018 – Krokantenlauf und The Shape of Water

Montag, 12. März 2018

Es war mildes, trockenes Wetter angekündigt, ich freute mich schon sehr auf einen Lauf an der Isar und hoffte auf Krokantenanblick.

Mein Übernachtungsbesuch verabschiedete sich ins Müller’sche Volksbad, ich nahm eine Tram zum Tivoli.

In München sind halt selbst die Wanderbankerl vom Designer.

Krokanten auch vor meiner Haustür.

Der Ernteanteil enthielt Rote und Gelbe Beete, ich plante damit zum Abendessen eine Quiche. Dieses Rezept enthielt noch dazu einen recht abenteuerlichen Teig (330 Gramm Fett auf 420 Gramm Mehl), das wollte ich machen. 40 Minuten Backzeit kamen mir recht wenig vor – aber das stellte sich als nicht die einzige Katastrophe heraus: Der Teig behielt das viele Fett nicht, es separierte beim Backen. Und auch nach 50 Minuten war die Quiche (plus 20 Minuten Abkühlen) beim Anschneiden noch flüssig. Also nochmal für 20 Minuten in den Ofen. Das Ergebnis: Viel zu viel Teig, Butterseen, das machen wir nicht nochmal.

Nachmittags sah ich mir im Cinema den Oscar-Gewinner The Shape of Water an. Ich hatte keinen rechten Spaß an diesem süßlichen Guckkastenbühnenfilm. Selbst wenn wir uns darauf einigen, dass er ein Märchen sein sollte, stieß ich mich an den bis zur Lächerlichkeit holzschnittartigen Dialogen und den stereotypen Figuren (Ausnahme: der Nachbar Giles). Die Bilder des nachgestellten 50er-Jahr-Amerikas waren zu berechenbar als Film-50er ausgestattet – überhaupt war mir alles zu berechenbar. Den größten Schaden aber richtete die Musik an: Augerechnet vom hochgeschätzten Alexandre Desplat und mit einem Score-Oscar prämiiert, machte der Soundtrack aus einem Film, der quirky hätte werden können, einen kitschigen Amélie-Abklatsch – inklusive Paris-Akkordeon! Was der Film gebraucht hätte, war eine Brechung wenigstens auf einer Ebene: Das hätte die Musik sein können. Doch die (zweifellos wunderschönen) Wasserszenen reichten dafür nicht.

Tadellos hingegen die schauspielerische Leistung von Sally Hawkins (die ganz besonders), Richard Jenkins, Octavia Spencer: Diese drei durften nuanciert spielen, die Rollen von Michael Shannon und Michael Stuhlbarg ließen ihnen diese Chance nicht.

§

Wenn wir schon bei Filmen sind: Über Bill Murray erzählt man sich ja wilde Geschichten. Nur – die sind wahrscheinlich wahr.
„No one will believe you
How Many of Bill Murray’s Urban Legends Are True? Damn Near All of Them.“

Journal Sonntag, 18. Februar 2018 – Schneelauf und Black Panther

Montag, 19. Februar 2018

Eigentlich hatte ich Schwimmen geplant, aber es war draußen so schön verschneit wie bislang den ganzen Winter noch nicht: Ich wollte die möglicherweise einzige Chance auf einen Isarlauf in weißer Pracht nutzen.

Ich lief Intervall: Laufen – Fotografieren – Laufen – Laufen – Fotografieren etc. Das abschließende Bild machte ich mit Fremdhandy, als ich auf dem Südfriedhof eine Familie von weit her sah, die ihr kleines Kind und einander in allen möglichen Posen mit Schnee und verschneiten Grabsteinen festhielt: Die Herrschaften nahmen mein mit Gesten verdeutlichtes Angebot, alle drei zusammen zu fotografieren, begeistert an.

Es war aber zu und zu schön da draußen. Das wird hier natürlich festgehalten, da müssen Sie jetzt durch, wir sind ja nicht zum Spaß hier.

Nachmittags erwischte ich im Cinema eine 2D-Vorstellung von Black Panther. Der Superhelden- und Marvel-Experte an meiner Seite hatte mich schon beim Erscheinen des ersten Trailers mit seinem Hintergrundwissen darauf vorbereitet, doch die ganz andere Ästhetik, die sich deutlich von allen bisherigen Superheldenfilmen unterschied, überraschte mich dann doch – und das aufs Beste: Die Welt von Wakanda ist liebevoll bis in viele Details ausgestaltet und ganz auf afrikanische Kulturen und Geschichte ausgerichtet. Große Freude auch über die vielen, verschiedenen und wichtigen Frauenfiguren des Films. Positiv überrascht war ich über den Humor, der oft unerwartet eingesetzt wird und unter anderem erleichternd die Heldenhaftigkeit der einen oder andere Szene bricht.

Auf dem Heimweg fragte Herr Kaltmamsell, ob beim Filmschauen wohl auffallen würde, dass fast ausschließlich schwarze Darstellerinnen und Darsteller zu sehen sind – wenn das nicht so stark thematisiert worden wäre. Mir vermutlich erst in dem Moment, in dem eine weiße Figur auftaucht, es gibt ja andere rein schwarz besetzte Filme, vergangenes Jahr zum Beispiel der Oscar-Gewinner Moonlight. Doch genug menschliche Vielfalt bietet Black Panther auch ohne diesen Hinweis.

Für die Süddeutsche analysiert Fritz Göttler den Film:
„Schwarz ist endlich angekommen im Blockbuster-Mainstream“.

§

Christian Stöcker appelliert nochmal für ein Umdenken in der Mobilitätspolitik:
„Nahverkehr vs. Individualverkehr
Holen wir uns die Welt zurück!“

Darin auch viele Hinweise, warum das Kaufverhalten der Verbraucher nicht Maß der Politik sein darf.

§

Weil wir schon mal dabei sind: Maxim Loick erzählt eine Karnevalgeschichte aus dem Bus.
„ÖPNV“.

§

Elisabeth Ranks geht beim Umgang mit seelischen Veränderungen den Behördenweg:
„Antrag auf Verlängerung“.

§

Ute Hamelmann (u.a. Schöpferin der Figur „Goldener Blogger“) hat Deutschlands politische Zukunft in ein Bild gefasst:
„Cartoon: Das Groko“.

§

Eiskunstlauf hat ja gerade viele Freundinnen und Freunde (das deutsches Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko / Bruno Massot hat mit einer sensationellen Kür bei den derzeitigen olympischen Winterspielen in Südkorea gewonnen), vielleicht mag sich jemand eine Nummer von Sonja Henie aus dem Jahr 1945 ansehen (das Kostüm ginge heute noch super):

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/7sjnfkEOpsE

via @OnThisDayShe

Tweet von gestern:

On this day in 1932 Sonja Henie won her 6th straight World Women’s Figure Skating title. She was also an actress, one of the highest-paid stars in Hollywood, starring in a series of box-office hits such as Thin Ice (1937).

Journal Sonntag, 4. Februar 2018 – Isarlauf im Schnee und Phantom Thread

Montag, 5. Februar 2018

Aussssgeschlaaaaafennnnn…
Das war schön.

Nach dem Bloggen machte ich mich auf zum Isarlauf, endlich wieder. Es wirbelten kleine Schneeflocken, doch die Luft war nicht frostig. Ich lief zwei Stunden lang, entspannt und nahezu schmerzfrei – Wohltat vor allem für meine Seele, es gab Einiges aus den vergangenen beiden Wochen zu verarbeiten.

Schreck über den vielen Windbruch zwischen Thalkirchen und der Großhesseloher Brücke: So viele gefällte Bäume!

Auf dem Südfriedhof setzten die Krokusse bereits großflächig zum Tanz an.

Am Westermühlbach (pst: der Bach, der sichtbar durchs Glockebachviertel fließt, heißt nicht Glockenbach – Klugscheißermunition, bitte gerne) flächendeckend Winterlinge, mit leicht pikiertem Blick auf den Schnee.

Ich bekam sogar ein bisserl Sonne.
Auf den letzten Metern Semmeln besorgt, daheim gefrühstückt.

Im City-Kino ums Eck Phantom Thread angeschaut. Hm, ein bisschen mehr Geschichte hätte es schon sein dürfen, und so gut Vicky Krieps als Alma besetzt war (weil keine Filmschönheit) und schauspielte: Diese zentrale Figur ist dem Drehbuch praktisch keinen Hintergrund wert. Die interessantere Beziehung ist ohnehin die zwischen der Hauptfigur Reynolds und seiner Schwester Cyril.
Als ich vor ein paar Wochen den ersten Trailer des Films sah, konnte ich schier nicht glauben, dass Uber Method Actor Daniel Day-Lewis ausgerechnet damit seine Laufbahn beenden wollte (andererseits hat er ja auch Last of the Mohicans gemacht, den ich ihm immer noch nicht verzeihe): Die abgenudelte Künstler-und-seine-Muse-Arie? Klar spielt er großartig, kann er ja gar nicht anders – doch tatsächlich hätte mich mehr beeindruckt, wenn er zum Abschied irgendwas ganz Gewöhnliches gespielt hätte, zum Beispiel einen überforderten Familienvater wie George Clooney in The Decendants. Verdacht: Day-Lewis wollte nach Schuhmachen und Metzgern auch noch das Schneiderhandwerk lernen, und Phantom Thread gab ihm den Vorwand dafür.
Schöne orchestrale Musik passend zur Zeit der Handlung von Jonny Greenwood.

Als ich aus dem Kino kam, hatte es nochmal geschneit (und war um halb sechs noch nicht ganz dunkel \o/).

§

Die lange Geschichte einer Drogenkrankheit, erzählt von dem Fotojournalisten, der in den 1990 Obdachlose fotografierte und eine ikonische Aufnahme machte.
„The search for Jackie Wallace“.

A New Orleans football legend reached the pinnacle of the sport.
Then everything came crashing down.
This is the story of his downfall, redemption – and disapperance.

via @ankegroener

§

Hier beschreibt Kathrin Passig am konkreten Beispiel, wie Menschen Computerprobleme lösen, die von kompletten Nullcheckerbunnys wie mir für Expertinnen gehalten werden – weil Dinge nach ihrem Eingreifen funktionieren, die vorher nicht funktionierten.
„Debugging ohne Kapuzenshirt und Ahnung (dafür mit Blasmusikbegleitung)“.

Das deckt sich mit der wiederholten Antwort auf meine lernwillige Frage: „Wie hast du das jetzt gemacht?“ Ehrliche Menschen antworten darauf nämlich meist: „Ich habe alle Menüpunkte mal aufgemacht und so lange rumprobiert und rumgeklickt, bis es wieder funktionierte.“ (Wobei, wie Anne Schüßler zitiert wird: „Natürlich hilft es, wenn man sich ein bisschen auskennt“.)

§

Was man im Marketing über andere Kulturen lernen kann – zum Beispiel wenn Kampagnen überhaupt nicht funktionieren:
„Aiming at China’s Armpits: When Foreign Brands Misfire“.

via @kscheib


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