Filme

Journal Sonntag, 4. November 2018 – The Children Act

Montag, 5. November 2018

Endlich mal wieder im Kino, wohlbekanntes Gefühl des Heimkommens in eine ganz spezielle Geborgenheit – und das, obwohl ich in diesem Kino, dem neuen Metropol, vorher noch nie gewesen war.

Nach einer ausführlichen Runde Crosstrainer und neuem Rumpfprogramm nahm ich eine Tram nach Schwabing, um The Children Act anzusehen, die letzte Möglichkeit. Der Roman hatte mir nur so mittel gefallen, zumal ich auf Ian McEwans Trick hereingefallen war zu behaupten, das Ganze beruhe auf einer wahren Geschichte (tut es nicht). Doch die zentrale Figur der britischen Richterin war mir sehr lebendig im Gedächtnis geblieben, und da sie auch noch von der verlässlich sensationellen Emma Thompson gespielt wird, wollte ich die Verfilmung unbedingt sehen. Vor allem wegen Thompson gefiel sie mir dann auch sehr gut.

Das Drehbuch (auch von Ian McEwan) konzentriert sich noch mehr auf den zentralen Charakter der Richterin Fiona May und arbeitet ihre Konflikte heraus – auch wenn sie nur unausgesprochen in der Richterin stattfinden. Im Roman wird das seltsam altertümliche britische Richtersystem ausführlich erklärt; das hätte den Film natürlich viel zu sehr aufgehalten, deshalb wird es nur durch bildliche Betonung von Details wie Kleidung, Räumlichkeiten gezeigt. Und indem der clerk der Richterin sichtbarer ist als im Buch – der Umgang mit ihm dient auch ihrer Charakterzeichnung.

Die Filmrezensionen sind gemischt, unter anderem bezeichnen viele die Hauptgeschichte und die Ehe der Richterin als unglaubwürdig. Während ich ersteres noch nachvollziehen kann, fand ich die langjährige, entfremdete Partnerschaft sehr realistisch erzählt.

Obwohl die Geschichte durchwegs ernst ist (sogar die leichteren Momente durch die melancholische Filmmusik von Stephen Warbeck gefärbt), bekommen wir vom Drehbuch den einen oder anderen Lächler, an einer Stelle sogar einen lauten Lacher. Fiona fragt ihren clerk (aus dem Gedächtnis zitiert): „Have you ever been wild and free?“ Und die treue Seele antwortet nach einem Moment des Verdutztseins: „No. Thank God. I’d be hopeless about it.“ (So geht’s mir auch.)

Den liebenden und verletzten Ehemann spielte berührend Stanley Tucci – wieder, ich dachte sofort an die ähnliche Rolle in Julia & Julia. Und ich genoss es, Emma Thompson zwei Stunden lang anzusehen, mit jeder Falte, jeder Runzel – ich freue mich so, dass sie sichtbar altern darf. Ich weiß ja, dass viele Schauspielerinnen schlicht nicht umhin kommen, dem äußeren Altern chirurgisch Einhalt zu gebieten – aber irgendwer muss doch auch die schönen alternden und alten Frauen spielen (die hoffentlich häufiger werden im Kino). Sollen Laura Dern, Darryl Hannah, Gillian Anderson, Michelle Pfeiffer von mir aus 30 Jahre lang wie Mitte 30 aussehen – aber ich freue mich über jemanden wie Judi Dench, Maggie Smith, Helen Mirren, die alle großartig aussehen, lediglich nicht jung.

Daheim war während meiner Abwesenheit Herr Kaltmamsell von seiner Rollenspiel-Mission zurückgekehrt, lebendig. Ich wusch gleich mal eine Maschine blutgetränkte Schlachtkleidung, las Internet und Zeitung.

Das Abendessen durfte ich verantworten, ich machte nach Langem mal wieder die Meatball Sandwiches von David Lebovitz. Das Brot dafür hatte ich auf dem Heimweg vom Kino bei einem Bäcker im Hauptbahnhof besorgt – es ist wirklich praktisch, im Inneren einer Großstadt zu wohnen.

Während nach dem Essen der interessant erzählte Tatort „Der Mann, der lügt“ lief (weil ganz am Hauptverdächtigen dran, wir erfuhren die Hintergründe nur in dem Maß, in dem dieser Verdächtige mitbekommt, was die Ermittler gerade wissen), räumte und sortierte ich Wohnung, bereitete den ersten Arbeitstag nach Pause vor, fühlte mich gehetzt.

Bücher-Challenge, Tag 2,5 (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Fanny Burney, Evelina.

§

Im Freitag schreibt Elsa Koester über:
„Rudel der Schuhgucker
Das Patriarchat unterdrückt auch Männer. Aber warum wehren sie sich nicht?“

via @journelle

Viele Männer leiden unter dem Patriarchat, können sich Feministinnen nicht mit ihnen verbünden? Sich solidarisieren? Erstaunlicherweise sind die meisten von ihnen außer Stande, etwas gegen dieses System zu unternehmen, das in der Lage ist, einen Wagen von 20 Personen unter die Kontrolle eines Angetrunkenen zu bringen. Es gibt nur eine Situation, in der diese Männer Kritik am Patriarchat äußern: nämlich dann, wenn Frauen sie dafür kritisieren, mitzumachen. „Halt, wir sind gar nicht alle Täter!“, protestieren sie dann, „wir leiden ja auch unter den bösen Patriarchen! Vielleicht sogar mehr als Frauen“.

Journal Mittwoch, 29. August 2018 – Out of Büro

Donnerstag, 30. August 2018

Dann halt wieder wegen Schmerzen eine unruhige Nacht, aber tagsüber gings.

Der Morgenhimmel, unter dem ich ins Büro ging, war wundervoll, der Arbeitstag voll, aber endlich: Von Donnerstag bis Dienstag habe ich Urlaub und reise zu einer Familienhochzeit nach Berlin.

Ich nahm nach Hause wieder den Weg über Bavariapark und Theresienwiese.

„Phantasie“ von Carl Ebbinghaus (1872-1950).

Eine weitere der vier Allegorien von Carl Ebbinghaus im Park – zu der ich auf die Schnelle nichts finden konnte.

Herr Kaltmamsell hatte aus Wegzuessendem das Abendbrot bereitet (Kartoffel-Karotten-Auflauf überbacken), wir ließen uns nochmal auf dem Balkon nieder.

Nach Sonnenuntergang kam heftiger Wind auf und brachte herbstliche Gerüche. Es gewitterte.

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Wichtig: Es gibt ein anderes Chemnitz:
„Nach den Krawallen
Das andere Chemnitz“.

Ja: Die Gefahr von Rechts wurde systematisch verdrängt – aber es wäre schädlich, all diejenigen vor den Kopf zu stoßen, die schon immer dagegen angegangen sind. Und die sich mit sowas auseinandersetzen müssen (ich stelle mir das – zum Glück – vergeblich in München vor):

Doch auch wenn es bergauf geht, ist es nicht immer einfach. Weil vor allem alternative Künstler im Lokomov auftreten, wurde es mehrfach angegriffen. Beim ersten Mal flog ein Pflasterstein durchs Fenster. Nach der Aufführung eines Theaterstücks über den NSU zündeten Unbekannte vor dem Schaufenster einen Sprengsatz. Einige Monate später wurde das Café nachts beschossen.

§

Ist dann auch schon wieder 30 Jahre her: Der schräg-charmante Film Out of Rosenheim von Percy Adlon. Im Guardian erinnern sich er und die Hauptdarstellerin CCH Pounder.
„How we made: Bagdad Café“.

via @ineshaufler

Journal Sonntag, 29. Juli 2018 – Entspannter Hochsommersonntag ohne Freibad

Montag, 30. Juli 2018

Ausgeschlafen, Morgenkaffee auf dem Balkon in herrlich frischer Sommermorgenluft.

Zu meinem Isarlauf radelte ich an den Friedensengel, um halb zehn war es noch weit unter heiß.

Ich lief wie eine Junge: Als ich am Ende meiner geplanten Strecke ankam, also bei der Hälfte, war ich ganz überrascht, dass ich schon hier war. Und für meine Verhältnisse sensationell vernünftig, weil ich NICHT vor lauter Laufbegeisterung schnell mal die Strecke verlängerte, es wurde nämlich gerade heiß und ich hatte kein Wasser dabei. Doch 15 Minuten später schlug mein Befinden um: Ich bekam Darmkrämpfe und war sehr froh über das Ende des Laufs.

Zum Frühstück und danach las ich die Wochenend-SZ. Und verbrachte den Nachmittag nicht im Naturbad Maria Einsiedel, wie es das Nutzen-Nutzen-Nutzen-Zentrum meines Hirns vorgeschlagen hatte, weil mich das gestresst hätte.

Abendessen vorbereitet – diesmal habe ich meine Lieblingszubereitung für Brathähnchen seit vielen Jahren endlich mal aufgeschrieben: Zitronen-Thymian-Hähnchen. Mit besonderem Hinweis auf das eine Detail, für dessen Erlernung ich viele Jahre brauchte: Muss ein paar Stunden marinieren.

Die Wäsche der vergangenen Woche gebügelt; im Sommer kommt eigentlich jede Woche genug für eine Stunde Bügeln zusammen.

Auf dem schattigen Balkon Chimamanda Ngozi Adichies Americanah gelesen, das mir ganz ausgezeichnet gefällt. Nach Wochen mal wieder mit meiner Mutter telefoniert – ich muss öfter daran denken Sie anzurufen.

Das Brathähnchen zum Abendbrot schmeckte uns, zum Nachtisch die Aprikosentarte mit Lavendel auch. Im Fernseher lief nebenher Eine Leiche zum Dessert – wieder ein Film, der randvoll Zitierbarem steckt (Herr Kaltmamsell befleißigt sich gerne des „Gefährliche Straße wie frische Pilze“). Und eine sexy junge Maggie Smith drinhat.

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Die Kunst, eine Vogelsichtung zu beschreiben: Helen Macdonald und der Ziegenmelker.
„Glimpses of the elusive nightjar“.

§

Frau Croco über ihren Vater:
„Charlie Romeo Oscar Charlie Oscar“.

Journal Montag, 30. April 2018 – Voller St. Brück und Avengers

Dienstag, 1. Mai 2018

Freier Brückentag, an dem ich freiwillig früh aufstand, um den arbeitenden Herrn Kaltmamsell noch sehen zu können.

Aus diesem freien Tag holte ich alles raus. Am liebsten wäre ich Schwimmen gegangen, doch wusste ich mit Blick auf meinen Zykluskalender, dass das sehr drauf ankommen würde. Sonntagabend setzte die rote Flut mit Vehemenz ein, ich plante um zu Krafttraining in den Vereinsanlagen. (Allerdings scheine ich zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren um die Krämpfe rumgekommen zu sein.)

Der Tag begann wie angekündigt mit ein paar Regentropfen und kühlen Temperaturen, doch über den Tag kam die Sonne heraus und es wurde wieder jackenfrei warm.

An den Kraftgeräten im Verein spielte ich zum ersten Mal das für mich zusammengestellte Programm ganz durch (fast: eine Übung auf den Zetteln verstand ich nicht und war zu faul nachzufragen), dauerte gut zwei Stunden.

Was auch ohne Schwimmen ging: Frühstück im Café Puck (ich bestellte Ahornsirupschwämme), zu dem ich radelte.

Daheim traf ich nach Langem mal wieder einen unserer lieben Putzmänner an (die Koordination übernimmt Herr Kaltmamsell, weil er noch am ehesten montags tagsüber daheim ist) und plauderte ein wenig mit ihm.

Herr Kaltmamsell war bereits zuhause, wir waren zu Wandereinkäufen verabredet. Unterwegs machte ich einen Abstecher zum Juwelier Fridrich, um die gelöste Schließe an einer Silberkette reparieren zu lassen (ganz simpel, ich habe nur nicht das richtige Werkzeug dafür) – was mir sehr zuvorkommend, umgehend und aufs Haus erledigt wurde. Nächster Stopp im umgestalteten Bücherkaufhaus am Marienplatz: Städteführer Dublin, wir konnten aus knapp zehn auswählen.

Nun aber der lange hergeschobene Wandereinkauf: Wir brauchten beide ordentliche Wanderjacken, die auch unangenehmem Wetter standhalten, und je ein Zweitpaar Wanderhosen. Wenn’s schon mal fußläufig da ist, gingen wir ins Draußenbewegungskaufhaus am Isartor. Die Hosenauswahl ging schnell, zur Jacke hatte mir eine fachkundige Freundin bereits handfeste und begründete Kriterien mitgegeben, mich auch auf die daraus folgenden Kosten vorbereitet. Da die Tchibo-Billigjacke tatächlich ein Gelump in vielerelei Hinsicht war, sah ich eine größere Investition ein – vorausgesetzt, das teure Qualitätsprodukt hält dann auch zehn Jahre.

Und so landeten wir nach Beratung bei Jacken aus Dreifachmaterial mit Achselreißverschlüssen und eng schließender Kapuze mit Schirm. Für beide dasselbe Herrenmodell in unterschiedlichen Größen; wir werden halt damit zurechtkommen müssen, dass man uns Partnerlook unterstellt – dafür mussten wir nur einmal entscheiden und nicht zweimal.

Auf dem Heimweg in Sonne, Wärme und Menschenmassen ein paar Lebensmitteleinkäufe. Für den Abend hatten wir Kinokarten, davor machte ich uns klassische Nudeln mit Soße – wir hatten noch ein Glas selbst eingekochten Kartoffelkombinat-Sugo.

Kino war Avengers Infinity War. Ich hatte mir nichts Großartiges versprochen, doch dass ich mich so langweilte, überraschte mich dann doch. Der Film besteht von der ersten bis zur letzten Minute aus Kämpferei und Schlachten, Spannungsbogen gibt es keinen, und er ist so voll Figuren, dass mich keine einzige mehr interessierte. Nachdem Marvel mit Black Panther und davor dem Erzählstrang Galaxy Quest bewiesen hatte, dass aus dem Superhelden-Genre noch Neues herauszuholen ist, war das in meinen Augen ein tiefer Rückfall.

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Miriam Vollmer ist nicht nur promovierte und erfahrene Juristin, sondern auch eine besonders gescheite und wortgewandte Frau. Seit einiger Zeit schreibt sie das Rechtsblog Recht energisch, vor allem zu ihrem Spezialthema Energierecht, aber auch zu Internet-nahen Rechtsthemen. Hinter diesem sperrigen Titel (Robin Williams nannte die Sprache legalese) zum Beispiel verbergen sich spannende Hintergründe des Themas Meinungsfreiheit und Blog-Kommentare:
„Zum Drittwirkungsurteil des BVerfG vom 11.4.2018“.

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Auf dem 2018 White House Correspondents‘ Dinner hielt die Comedian Michelle Wolf vergangenen Samstag eine bösartig scharfe Rede, die in den USA Empörung auslöste. Der Auftritt ist es wert, ganz angesehen zu werden.

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https://youtu.be/DDbx1uArVOM

Oh ja, das war scharf – aber vielleicht sollten wir der US-Kollegenschaft mal einen Best-of-Zusammenschnitt von Luise Kinseher am Nockherberg zur Kalibrierung übersetzen?

Im New Yorker nimmt Masha Gessen Wolfs Satire zum Anlass, über Humor in den Zeiten von Trump nachzudenken:
„How Michelle Wolf Blasted Open the Fictions of Journalism in the Age of Trump“.

Journal Dienstag, 24. April 2018 – Ereignislosigkeit ausgewalzt

Mittwoch, 25. April 2018

Sehr gut geschlafen. Eigentlich will ich mich nicht zu sehr an die Ohrstöpsel gewöhnen, doch mit Schallschutz schlafe ich mittlerweile replizierbar besser (schon wieder das Alter?).

Das Wetter kehrte zurück zu Frühsommer.

Der Dienstag selbst war etwa so ereignislos wie der Montag, doch ich werde mich diesmal anstrengen und alles rausholen, was nur rauszuholen ist. Als da wären.

Beim Brotzeitvorbereiten1 heftig in die linke Hand geschnitten – eigentlich gestochen, und zwar mit der Spitze des großen Messers. Blutete fast nicht, doch ich brauchte Minuten, um mich zu beruhigen, war auch überrascht über den unverhältnismäßig großen Schmerz. Das Bitzeln im kleinen Finger lieferte die Erklärung: Ich hatte wohl einen Nerv erwischt.

Ich trug schwer auf dem Weg in die Arbeit, weil ich nach der Arbeit mal wieder den Topf Urlaubskleingeld einzahlen wollte und mitgeschleppt hatte. Münzen sind verdammt schwer, ich musste den ganzen Weg über den Bauch anspannen, um das Kreuz zu entlasten.

Beim Bäcker Zöttl machte ich einen Zwischenstopp, um einen Laugenzopf für die Brotzeit zu kaufen (auch wenn ich nur alle paar Wochen dort auftauche, kennt man mich inzwischen – ist es wirklich derart merkenswert, dass jemand alle paar Wochen ein Laugenzöpferl kauft? und immer mit abgezähltem Geld zahlt? hm… na ok): Die freundliche Backwarenverkäuferin wies mich darauf hin, dass Zöttl in Kürze seine Laugenzöpfe ändert – sie werden kleiner, kosten dann aber nur noch 1,10 Euro. Aberaberaber! Die Zöttl-Laugenzöpfe sind doch die allerbesten, weil sie genau so sind, wie sie sind! (Sollte ich jemals behauptet haben, ich sei offen für und neugierig auf Veränderungen, habe ich mich jetzt wahrscheinlich verraten.)

Im Büro fiel mir erst mal der Absatz vom Schuh.

Der rechte macht’s richtig.

So ist’s falsch.

Dank meinem Blog weiß ich, dass ich die Schuhe vor über zwölf Jahren gekauft habe (2006 hatte ich sie nämlich schon ein paar Jahre), vorne ist die Sohle bereits gebrochen – sie sind reif für die Mülltonne.

Auf dem Heimweg also in der Bank Münzen losgeworden, ein paar Besorgungen in der Drogerie erledigt. Daheim empfing mich Fliederduft: Herr Kaltmamsell hatte meinen (Wunderlist-)Einkaufslisteneintrag ernst genommen und umgesetzt.

Zum Nachtmahl gab es Spargel und Erdbeeren.

Der Spargel war klasse (Herr Kaltmamsell machte Hollandaise dazu), die Erdbeeren hatten leider nur Duft, keinen Geschmack.

Wir ließen den Fernseher laufen, auf dem Disney Channel kam die Verfilmung des Hitchhiker’s Guide von 2005. Besser, als ich ihn in Erinnerung hatte – und Herr Kaltmamsell stolperte über den Umstand, dass der Darsteller des Zaphod Beeblebrox genau der Sam Rockwell war, der dieses Jahr den Nebenrollen-Oscar bekommen hat. Ich erkannte ihn erst bei ganz genauem Hinschaun wieder.

§

Ein Nebeneffekt meiner Gofug-Lektüre ist, dass ich mich so gut in Europas Königshäusern auskenne wie nie zuvor im Leben (vor allem in ihrer Kleidung, aber egal). Deshalb konnte ich ziemlich über die Scherze lachen, die auf Twitter über das neue Baby im englischen Königshaus gemacht wurden.

via @tknuewer

§

Laura Gorelik hat für die Zeit über die Auswanderung ihrer Familie geschrieben hat – viel interessanter und berührender als in ihrem Roman Meine weißen Nächte, den ich kürzlich gelesen habe.
„Erinnerungen, die. Zuhause, das.“

Warum habe ich dir nicht öfter ein Eis gekauft?

Kindheit, verlorene, die; unwichtig: Einmal saßen mein Vater und ich im Bus und der Bus fuhr an einem Eiskiosk vorbei, und wir dachten wohl beide dasselbe, wir dachten beide daran, wie wir ganz frisch in Deutschland waren, ein paar Wochen vielleicht, ich, ein elfjähriges Mädchen mit kurzen Haaren, und er, mein Vater, ich glaube, er war schon immer alt. Wir waren ganz frisch in Deutschland, alles schien oder war bunt, und meine Augen hüpften hin und her und wussten nicht, wohin, und mein Vater hatte Angst, wahrscheinlich, ich habe ihn nie gefragt; so eine Angst vor dem Leben.

Das Eis war ebenfalls bunt, die vielen Sorten, 60 Pfennig die Kugel, das dachte ich und dass die Preise ja seitdem gestiegen sind, so etwas dachte ich, unwichtige Dinge, über die Inflation dachte ich nach, über den Wechsel von D-Mark zu Euro, da sagte mein Vater, dass er den Anblick dieses Kiosks hasst. Warum, fragte ich und schaute auf, das erste Mal seit Langem tatsächlich interessiert. Ich hätte dir hier viel öfter ein Eis kaufen sollen, sagte mein Vater. Du hast immer mit diesen wollenden Augen hingeguckt, aber nie darum gebeten, und mir kamen die 60 Pfennig so viel vor und ich hatte Angst, dass wir das Geld brauchen könnten, aber es waren ja nur 60 Pfennig, was ist das schon, du warst doch ein Kind.

Ein Kind, sagt er, und blickt zum Fenster hinaus. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeifahre, ärgere ich mich, warum habe ich dir nicht öfter ein Eis gekauft, du wolltest so gerne eins, sagt mein Vater. Alles war neu, ich wusste nichts, und dann sagt mein Vater: Aber das soll keine Entschuldigung sein. Wir saßen im Bus, mein Vater und ich, als er mir von seinem Schmerz erzählte, und ich wusste nicht, was ich sagen könnte, ich traute mich nicht, seine Hand zu nehmen.

  1. Mittlerweile denke ich dabei jedesmal das Wort „Znüni“ – Manfred Spitzer hat halt doch recht: Internet zerstört Hirnzellen. []

Journal Montag, 19. März 2018 – Call me by your name und My brilliant friend

Dienstag, 20. März 2018

Langsam und weil ich in einer unruhigen Nacht viel Zeit dafür hatte, wurde ich mir über Call me by your name klarer.
Zum Beispiel über die Detais, die für mich typisch James Ivory waren (Ich träumte im Halbschlaf, wie Ivory an einem – selbstverständlich idyllischen italienischen – Bahnhof dem verstorbenen Ismail Merchant begegnete. Ich bin sehr stolz auf das Niveau meiner Träume.): Im Zentrum stehen gebildete und privilegierte Eliten, die keine existenziellen Sorgen haben; die kleinen Leute (Haushälterin Marcella, der namenlose Gärtner, die pokernden Barinsassen) dienen lediglich dem Lokalkolorit.

Der Film ist eine innige und aufgewühlte Liebesgeschichte, die schön, aber nicht zu schön gefilmt wurde. Das Setting in den 80ern sorgt dafür, dass die schwule Seite daran etwas erheblich Klandestineres haben muss, als sie vermutlich heute hätte – zumindest im Film, in einem Kaff im tatsächlichen Norditalien wäre ich weniger sicher. Dabei ist die äußere Erscheinung des blonden Beefcake-Oliver das aller 80erste an dem Film: Dieser Typus wird doch heute gar nicht mehr gemacht, oder? Inklusive Jeanshemd und weißen, ausgelatschten Basketballstiefeln.

Bei aller Beefcakerei spielt Armie Hammer auch noch ausgezeichnet – vom selbstbewusst rücksichtslos scheinenden Anfang bis zur totalen Verunsicherung nach der ersten Liebesnacht. Großartige Schauspielkunst auch vom jungen Timothée Chalamet als Elio, vor allem durch die Zurückgenommenheit Auch das und der italienische Sommer sind sehr Ivory.

Immer wieder fiel mir auch der Sound auf: Die Mauersegler sehen wir zum Beispiel nie, hören sie aber in jeder Szene, die in der kleinen Stadt spielt.

Ich recherchierte ein wenig nach Rezensionen:

Annett Scheffel schreibt in der Süddeutschen von „rückhaltloser Zärtlichkeit“, mit der der Film erzählt.

Chris Weiß im Musikexpress:

Viel wurde schon geschrieben über die sich so zart und unschuldig und dann doch so deftig und körperlich entwickelnde Liebe zwischen Elio und Oliver. Die Geschichte eines Coming-outs soll es sein, eine schwule Erweckungsgeschichte. Mag sein. Mein Eindruck war, dass Guadagnino etwas anderes sagen will: Wenn der/die Richtige kommt, ist es egal, ob er/sie männlich oder weiblich ist. Ihm geht es um dieses Gefühl, das sagt, dass man jetzt handeln muss, sonst ist dieser eine Mensch wieder weg und diese Erfahrung nicht gemacht.

Sonja Hartl in der Kino-Zeit:

Es gibt eine Szene am Ende von Call Me By Your Name, die niemanden kalt lassen wird. Es ist ein Gespräch zwischen Vater und Sohn oder eher: es ist vielleicht der beste Austausch zwischen einem Vater und einem Sohn, der jemals auf der Kinoleinwand zu sehen war – und dabei sagt der Vater etwas, was sich viele Teenager und Heranwachsende von ihren Eltern gewünscht hätten.

Und genau daraus ist das Zitat, das auch mir so nahe ging, dass ich es vorgestern aufschrieb.

§

Es wintert weiter, keine Ende in Sicht. Ich beiße zwar brav die Zähne zusammen und zwinge mich zum Mantra „IST JA ERST MÄRZ“, leide aber trotzdem. Auf dem Weg in die Arbeit und auch den Tag über immer wieder spärlich Schneeflocken, die eher wie Dienst nach Vorschrift aussahen als nach Winterbegeisterung.

Früh aufgestanden, um vor der Arbeit noch Zeit für eine Runde Hanteltraining zu haben. Tat gut, dennoch beobachtete ich mich beim Granteln und Gereiztsein.

Auf meinem Heimweg schneite es dann energischer.

§

Abends Treffen meiner Leserunde in Giesing zu Elena Ferrante, Ann Goldstein (Übers.), My Brilliant Friend. Die Meinungen waren geteilt und gingen von Desinteresse an den Figuren und nur 20 Prozent gelesen bis zu Begeisterung, dass und wie hier das Leben einfacher Mädchen und Frauen geschildert wird. Selbst habe ich den Roman gern gelesen, verband viel mit dem klaustrophobischen Setting in einem Stadtviertel von Neapel in den 50ern. Doch die Dynamik zwischen den beiden Hauprfiguren war mir zu breit ausgewalzt, auch wenn ich das Portrait dieser Bevölkerungsschicht interessant und glaubhaft fand (inneres Kopfschütteln, wie viel davon ich aus meiner eigenen italienischen Verwandtschaft kenne). Überrascht war ich von der Art des Romans gewesen: Bei all dem Feuilletonruhm hatte ich keine klassische Erzähl- und Geschichtenliteratur erwartet, sondern Intellektuelleres. Einig waren wir uns in der Runde, dass die Redundanz des Romans, sprachlich wie in der Handlung, das Leseerlebnis trübt. Und eben den großen Ruhm kann ich nicht recht nachvollziehen.

§

Zoë Beck hat auf der Leipziger Buchmesse für das Bündnis #verlagegegenrechts die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mitorganisiert. In Ihrem Blog schreibt sie auf, wie’s war:
„#verlagegegenrechts“.

Journal Sonntag, 18. März 2018 – Kein Sport und Call me by your name

Montag, 19. März 2018

Ausgeschlafen, gebloggt, Laufklamotten für Kälte herausgesucht, damit ins Bad gegangen – doch eben die Kälte draußen inklusive grauem Himmel und Schneeflecken auf dem gefrorenen Boden verdarb mir die Lust. Ich ließ den Sport gestern bleiben, holte stattdessen nach dem Duschen Semmeln beim Bäcker Wimmer (weil der die guten, langsam gegangenen Handsemmeln hat).

Nachmittags spazierte ich zu den Museumlichtspielen, um mir Call me your name anzusehen. Es stand eine Schlange bis zehn Meter draußen und ich befürchtete schon Schlimmes, bekam aber noch einen Platz.

Beim Gucken fühlte ich mich lange unwohl und wusste nicht recht warum. Bis auch in meinem Bewusstsein ankam, dass der Film mitten in den 80ern spielte – eine nicht-bewusste Seite meiner Wahrnehmung war wohl so sehr mit Handling und Wegschieben all der Emotionen beschäftigt, die ich mit diesen Jahren verbinde, gerade auch mit Sommer und mit Italien, dass ich mich nicht entspannt auf den Film einlassen konnte. Mit der Zeit entspannte ich mich zwar etwas, wurde aber traurig. Ich glaube schon, dass Call me your name ein sehr guter Film war: James Ivory bekam fürs adaptierte Drehbuch einen Oscar, und tatsächlich glaubte ich einen typischen Ivory vor mir zu haben, nur ohne historische Kostüme (außer man zählt Adidas-Shorts, weiße Basketballstiefel und Bundfaltenhosen mit hoher Taille als period costume). Empfehlen kann ich ihn auf jeden Fall schon mal. Aber um erklären zu können warum – dafür brauche ich erst mal noch ein Weilchen zur Verarbeitung.

Ich wünschte, mir hätte seinerzeit jemand bei Liebeskummer und sonstiger Verzweiflung den Tipp gegeben: „Versuch nicht, den Schmerz auszulöschen; du löschst damit auch die vorherige Freude aus.“ Dann könnte ich heute vielleicht mit meinen Erinnerungen an die 80er umgehen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Sellerielasagne – nur dass er die Sahne vergessen hatte. Jetzt wissen wir, dass in der Sahne das Geheimnis steckt, warum das Gericht auch Menschen schmeckt, die Sellerie eigentlich nicht mögen.

§

Der heftige Schneefall im Osten und Norden Deutschland hat am Samstag den Bahnverkehr sehr behindert – auch die Reisebewegungen um die Leipziger Buchmesse. Verleger und Autor Jo Lendle hat auf Twitter dieses daraus gemacht.

§

Auf dem Blog des Beit Hatfutsot Museum of the Jewish People in Tel Aviv (das ich während meines wunderschönes Jahreswechselurlaubs 2013/2014 besucht hatte), steht eine lesenswerte Geschichte über die Institution des Shabbes Goj (Umschriften vom Hebräischen ins lateinische Alphabet wie immer wild durcheinander – selbst in Tel Aviv waren auf Straßenschildern die lateinischen Umschriften desselben Straßennamens unterschiedlich).
„The Shabbos Goy to the Rescue“.

via @istrice

In 1993 General Colin Powell visited the State of Israel. Upon meeting then-Prime Minister Yitzchak Shamir, he is said to have greeted the surprised Shamir with “mir kenen redn Yiddish!” (“We can speak Yiddish!”)

Powell, the son of Jamaican immigrants who was born in Harlem and raised in the South Bronx of New York City, did not learn Yiddish at home. Rather, Powell picked up his Yiddish by his interactions with his Jewish neighbors, including serving as a Shabbos goy.

Ich kannte auch diese Erscheinung bereits aus der Tante Jolesch, doch mir war nicht klar, dass der Shabbes Goj in den USA so etabliert ist/war: In dem Text liest es sich, als sei die Tätigkeit das männliche Pendant zum Babysitten der Teenager-Mädchen.

Though religious and ethnic communities often existed in different spheres, separate from one another, the Shabbos goy was an opportunity for Jews and non-Jews to meet their neighbors and learn more about each other.


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