Filme

Journal Montag, 19. März 2018 – Call me by your name und My brilliant friend

Dienstag, 20. März 2018

Langsam und weil ich in einer unruhigen Nacht viel Zeit dafür hatte, wurde ich mir über Call me by your name klarer.
Zum Beispiel über die Detais, die für mich typisch James Ivory waren (Ich träumte im Halbschlaf, wie Ivory an einem – selbstverständlich idyllischen italienischen – Bahnhof dem verstorbenen Ismail Merchant begegnete. Ich bin sehr stolz auf das Niveau meiner Träume.): Im Zentrum stehen gebildete und privilegierte Eliten, die keine existenziellen Sorgen haben; die kleinen Leute (Haushälterin Marcella, der namenlose Gärtner, die pokernden Barinsassen) dienen lediglich dem Lokalkolorit.

Der Film ist eine innige und aufgewühlte Liebesgeschichte, die schön, aber nicht zu schön gefilmt wurde. Das Setting in den 80ern sorgt dafür, dass die schwule Seite daran etwas erheblich Klandestineres haben muss, als sie vermutlich heute hätte – zumindest im Film, in einem Kaff im tatsächlichen Norditalien wäre ich weniger sicher. Dabei ist die äußere Erscheinung des blonden Beefcake-Oliver das aller 80erste an dem Film: Dieser Typus wird doch heute gar nicht mehr gemacht, oder? Inklusive Jeanshemd und weißen, ausgelatschten Basketballstiefeln.

Bei aller Beefcakerei spielt Armie Hammer auch noch ausgezeichnet – vom selbstbewusst rücksichtslos scheinenden Anfang bis zur totalen Verunsicherung nach der ersten Liebesnacht. Großartige Schauspielkunst auch vom jungen Timothée Chalamet als Elio, vor allem durch die Zurückgenommenheit Auch das und der italienische Sommer sind sehr Ivory.

Immer wieder fiel mir auch der Sound auf: Die Mauersegler sehen wir zum Beispiel nie, hören sie aber in jeder Szene, die in der kleinen Stadt spielt.

Ich recherchierte ein wenig nach Rezensionen:

Annett Scheffel schreibt in der Süddeutschen von „rückhaltloser Zärtlichkeit“, mit der der Film erzählt.

Chris Weiß im Musikexpress:

Viel wurde schon geschrieben über die sich so zart und unschuldig und dann doch so deftig und körperlich entwickelnde Liebe zwischen Elio und Oliver. Die Geschichte eines Coming-outs soll es sein, eine schwule Erweckungsgeschichte. Mag sein. Mein Eindruck war, dass Guadagnino etwas anderes sagen will: Wenn der/die Richtige kommt, ist es egal, ob er/sie männlich oder weiblich ist. Ihm geht es um dieses Gefühl, das sagt, dass man jetzt handeln muss, sonst ist dieser eine Mensch wieder weg und diese Erfahrung nicht gemacht.

Sonja Hartl in der Kino-Zeit:

Es gibt eine Szene am Ende von Call Me By Your Name, die niemanden kalt lassen wird. Es ist ein Gespräch zwischen Vater und Sohn oder eher: es ist vielleicht der beste Austausch zwischen einem Vater und einem Sohn, der jemals auf der Kinoleinwand zu sehen war – und dabei sagt der Vater etwas, was sich viele Teenager und Heranwachsende von ihren Eltern gewünscht hätten.

Und genau daraus ist das Zitat, das auch mir so nahe ging, dass ich es vorgestern aufschrieb.

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Es wintert weiter, keine Ende in Sicht. Ich beiße zwar brav die Zähne zusammen und zwinge mich zum Mantra „IST JA ERST MÄRZ“, leide aber trotzdem. Auf dem Weg in die Arbeit und auch den Tag über immer wieder spärlich Schneeflocken, die eher wie Dienst nach Vorschrift aussahen als nach Winterbegeisterung.

Früh aufgestanden, um vor der Arbeit noch Zeit für eine Runde Hanteltraining zu haben. Tat gut, dennoch beobachtete ich mich beim Granteln und Gereiztsein.

Auf meinem Heimweg schneite es dann energischer.

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Abends Treffen meiner Leserunde in Giesing zu Elena Ferrante, Ann Goldstein (Übers.), My Brilliant Friend. Die Meinungen waren geteilt und gingen von Desinteresse an den Figuren und nur 20 Prozent gelesen bis zu Begeisterung, dass und wie hier das Leben einfacher Mädchen und Frauen geschildert wird. Selbst habe ich den Roman gern gelesen, verband viel mit dem klaustrophobischen Setting in einem Stadtviertel von Neapel in den 50ern. Doch die Dynamik zwischen den beiden Hauprfiguren war mir zu breit ausgewalzt, auch wenn ich das Portrait dieser Bevölkerungsschicht interessant und glaubhaft fand (inneres Kopfschütteln, wie viel davon ich aus meiner eigenen italienischen Verwandtschaft kenne). Überrascht war ich von der Art des Romans gewesen: Bei all dem Feuilletonruhm hatte ich keine klassische Erzähl- und Geschichtenliteratur erwartet, sondern Intellektuelleres. Einig waren wir uns in der Runde, dass die Redundanz des Romans, sprachlich wie in der Handlung, das Leseerlebnis trübt. Und eben den großen Ruhm kann ich nicht recht nachvollziehen.

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Zoë Beck hat auf der Leipziger Buchmesse für das Bündnis #verlagegegenrechts die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mitorganisiert. In Ihrem Blog schreibt sie auf, wie’s war:
„#verlagegegenrechts“.

Journal Sonntag, 18. März 2018 – Kein Sport und Call me by your name

Montag, 19. März 2018

Ausgeschlafen, gebloggt, Laufklamotten für Kälte herausgesucht, damit ins Bad gegangen – doch eben die Kälte draußen inklusive grauem Himmel und Schneeflecken auf dem gefrorenen Boden verdarb mir die Lust. Ich ließ den Sport gestern bleiben, holte stattdessen nach dem Duschen Semmeln beim Bäcker Wimmer (weil der die guten, langsam gegangenen Handsemmeln hat).

Nachmittags spazierte ich zu den Museumlichtspielen, um mir Call me your name anzusehen. Es stand eine Schlange bis zehn Meter draußen und ich befürchtete schon Schlimmes, bekam aber noch einen Platz.

Beim Gucken fühlte ich mich lange unwohl und wusste nicht recht warum. Bis auch in meinem Bewusstsein ankam, dass der Film mitten in den 80ern spielte – eine nicht-bewusste Seite meiner Wahrnehmung war wohl so sehr mit Handling und Wegschieben all der Emotionen beschäftigt, die ich mit diesen Jahren verbinde, gerade auch mit Sommer und mit Italien, dass ich mich nicht entspannt auf den Film einlassen konnte. Mit der Zeit entspannte ich mich zwar etwas, wurde aber traurig. Ich glaube schon, dass Call me your name ein sehr guter Film war: James Ivory bekam fürs adaptierte Drehbuch einen Oscar, und tatsächlich glaubte ich einen typischen Ivory vor mir zu haben, nur ohne historische Kostüme (außer man zählt Adidas-Shorts, weiße Basketballstiefel und Bundfaltenhosen mit hoher Taille als period costume). Empfehlen kann ich ihn auf jeden Fall schon mal. Aber um erklären zu können warum – dafür brauche ich erst mal noch ein Weilchen zur Verarbeitung.

Ich wünschte, mir hätte seinerzeit jemand bei Liebeskummer und sonstiger Verzweiflung den Tipp gegeben: „Versuch nicht, den Schmerz auszulöschen; du löschst damit auch die vorherige Freude aus.“ Dann könnte ich heute vielleicht mit meinen Erinnerungen an die 80er umgehen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Sellerielasagne – nur dass er die Sahne vergessen hatte. Jetzt wissen wir, dass in der Sahne das Geheimnis steckt, warum das Gericht auch Menschen schmeckt, die Sellerie eigentlich nicht mögen.

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Der heftige Schneefall im Osten und Norden Deutschland hat am Samstag den Bahnverkehr sehr behindert – auch die Reisebewegungen um die Leipziger Buchmesse. Verleger und Autor Jo Lendle hat auf Twitter dieses daraus gemacht.

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Auf dem Blog des Beit Hatfutsot Museum of the Jewish People in Tel Aviv (das ich während meines wunderschönes Jahreswechselurlaubs 2013/2014 besucht hatte), steht eine lesenswerte Geschichte über die Institution des Shabbes Goj (Umschriften vom Hebräischen ins lateinische Alphabet wie immer wild durcheinander – selbst in Tel Aviv waren auf Straßenschildern die lateinischen Umschriften desselben Straßennamens unterschiedlich).
„The Shabbos Goy to the Rescue“.

via @istrice

In 1993 General Colin Powell visited the State of Israel. Upon meeting then-Prime Minister Yitzchak Shamir, he is said to have greeted the surprised Shamir with “mir kenen redn Yiddish!” (“We can speak Yiddish!”)

Powell, the son of Jamaican immigrants who was born in Harlem and raised in the South Bronx of New York City, did not learn Yiddish at home. Rather, Powell picked up his Yiddish by his interactions with his Jewish neighbors, including serving as a Shabbos goy.

Ich kannte auch diese Erscheinung bereits aus der Tante Jolesch, doch mir war nicht klar, dass der Shabbes Goj in den USA so etabliert ist/war: In dem Text liest es sich, als sei die Tätigkeit das männliche Pendant zum Babysitten der Teenager-Mädchen.

Though religious and ethnic communities often existed in different spheres, separate from one another, the Shabbos goy was an opportunity for Jews and non-Jews to meet their neighbors and learn more about each other.

Journal Sonntag, 11. März 2018 – Krokantenlauf und The Shape of Water

Montag, 12. März 2018

Es war mildes, trockenes Wetter angekündigt, ich freute mich schon sehr auf einen Lauf an der Isar und hoffte auf Krokantenanblick.

Mein Übernachtungsbesuch verabschiedete sich ins Müller’sche Volksbad, ich nahm eine Tram zum Tivoli.

In München sind halt selbst die Wanderbankerl vom Designer.

Krokanten auch vor meiner Haustür.

Der Ernteanteil enthielt Rote und Gelbe Beete, ich plante damit zum Abendessen eine Quiche. Dieses Rezept enthielt noch dazu einen recht abenteuerlichen Teig (330 Gramm Fett auf 420 Gramm Mehl), das wollte ich machen. 40 Minuten Backzeit kamen mir recht wenig vor – aber das stellte sich als nicht die einzige Katastrophe heraus: Der Teig behielt das viele Fett nicht, es separierte beim Backen. Und auch nach 50 Minuten war die Quiche (plus 20 Minuten Abkühlen) beim Anschneiden noch flüssig. Also nochmal für 20 Minuten in den Ofen. Das Ergebnis: Viel zu viel Teig, Butterseen, das machen wir nicht nochmal.

Nachmittags sah ich mir im Cinema den Oscar-Gewinner The Shape of Water an. Ich hatte keinen rechten Spaß an diesem süßlichen Guckkastenbühnenfilm. Selbst wenn wir uns darauf einigen, dass er ein Märchen sein sollte, stieß ich mich an den bis zur Lächerlichkeit holzschnittartigen Dialogen und den stereotypen Figuren (Ausnahme: der Nachbar Giles). Die Bilder des nachgestellten 50er-Jahr-Amerikas waren zu berechenbar als Film-50er ausgestattet – überhaupt war mir alles zu berechenbar. Den größten Schaden aber richtete die Musik an: Augerechnet vom hochgeschätzten Alexandre Desplat und mit einem Score-Oscar prämiiert, machte der Soundtrack aus einem Film, der quirky hätte werden können, einen kitschigen Amélie-Abklatsch – inklusive Paris-Akkordeon! Was der Film gebraucht hätte, war eine Brechung wenigstens auf einer Ebene: Das hätte die Musik sein können. Doch die (zweifellos wunderschönen) Wasserszenen reichten dafür nicht.

Tadellos hingegen die schauspielerische Leistung von Sally Hawkins (die ganz besonders), Richard Jenkins, Octavia Spencer: Diese drei durften nuanciert spielen, die Rollen von Michael Shannon und Michael Stuhlbarg ließen ihnen diese Chance nicht.

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Wenn wir schon bei Filmen sind: Über Bill Murray erzählt man sich ja wilde Geschichten. Nur – die sind wahrscheinlich wahr.
„No one will believe you
How Many of Bill Murray’s Urban Legends Are True? Damn Near All of Them.“

Journal Sonntag, 18. Februar 2018 – Schneelauf und Black Panther

Montag, 19. Februar 2018

Eigentlich hatte ich Schwimmen geplant, aber es war draußen so schön verschneit wie bislang den ganzen Winter noch nicht: Ich wollte die möglicherweise einzige Chance auf einen Isarlauf in weißer Pracht nutzen.

Ich lief Intervall: Laufen – Fotografieren – Laufen – Laufen – Fotografieren etc. Das abschließende Bild machte ich mit Fremdhandy, als ich auf dem Südfriedhof eine Familie von weit her sah, die ihr kleines Kind und einander in allen möglichen Posen mit Schnee und verschneiten Grabsteinen festhielt: Die Herrschaften nahmen mein mit Gesten verdeutlichtes Angebot, alle drei zusammen zu fotografieren, begeistert an.

Es war aber zu und zu schön da draußen. Das wird hier natürlich festgehalten, da müssen Sie jetzt durch, wir sind ja nicht zum Spaß hier.

Nachmittags erwischte ich im Cinema eine 2D-Vorstellung von Black Panther. Der Superhelden- und Marvel-Experte an meiner Seite hatte mich schon beim Erscheinen des ersten Trailers mit seinem Hintergrundwissen darauf vorbereitet, doch die ganz andere Ästhetik, die sich deutlich von allen bisherigen Superheldenfilmen unterschied, überraschte mich dann doch – und das aufs Beste: Die Welt von Wakanda ist liebevoll bis in viele Details ausgestaltet und ganz auf afrikanische Kulturen und Geschichte ausgerichtet. Große Freude auch über die vielen, verschiedenen und wichtigen Frauenfiguren des Films. Positiv überrascht war ich über den Humor, der oft unerwartet eingesetzt wird und unter anderem erleichternd die Heldenhaftigkeit der einen oder andere Szene bricht.

Auf dem Heimweg fragte Herr Kaltmamsell, ob beim Filmschauen wohl auffallen würde, dass fast ausschließlich schwarze Darstellerinnen und Darsteller zu sehen sind – wenn das nicht so stark thematisiert worden wäre. Mir vermutlich erst in dem Moment, in dem eine weiße Figur auftaucht, es gibt ja andere rein schwarz besetzte Filme, vergangenes Jahr zum Beispiel der Oscar-Gewinner Moonlight. Doch genug menschliche Vielfalt bietet Black Panther auch ohne diesen Hinweis.

Für die Süddeutsche analysiert Fritz Göttler den Film:
„Schwarz ist endlich angekommen im Blockbuster-Mainstream“.

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Christian Stöcker appelliert nochmal für ein Umdenken in der Mobilitätspolitik:
„Nahverkehr vs. Individualverkehr
Holen wir uns die Welt zurück!“

Darin auch viele Hinweise, warum das Kaufverhalten der Verbraucher nicht Maß der Politik sein darf.

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Weil wir schon mal dabei sind: Maxim Loick erzählt eine Karnevalgeschichte aus dem Bus.
„ÖPNV“.

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Elisabeth Ranks geht beim Umgang mit seelischen Veränderungen den Behördenweg:
„Antrag auf Verlängerung“.

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Ute Hamelmann (u.a. Schöpferin der Figur „Goldener Blogger“) hat Deutschlands politische Zukunft in ein Bild gefasst:
„Cartoon: Das Groko“.

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Eiskunstlauf hat ja gerade viele Freundinnen und Freunde (das deutsches Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko / Bruno Massot hat mit einer sensationellen Kür bei den derzeitigen olympischen Winterspielen in Südkorea gewonnen), vielleicht mag sich jemand eine Nummer von Sonja Henie aus dem Jahr 1945 ansehen (das Kostüm ginge heute noch super):

via @OnThisDayShe

Tweet von gestern:

On this day in 1932 Sonja Henie won her 6th straight World Women’s Figure Skating title. She was also an actress, one of the highest-paid stars in Hollywood, starring in a series of box-office hits such as Thin Ice (1937).

Journal Sonntag, 4. Februar 2018 – Isarlauf im Schnee und Phantom Thread

Montag, 5. Februar 2018

Aussssgeschlaaaaafennnnn…
Das war schön.

Nach dem Bloggen machte ich mich auf zum Isarlauf, endlich wieder. Es wirbelten kleine Schneeflocken, doch die Luft war nicht frostig. Ich lief zwei Stunden lang, entspannt und nahezu schmerzfrei – Wohltat vor allem für meine Seele, es gab Einiges aus den vergangenen beiden Wochen zu verarbeiten.

Schreck über den vielen Windbruch zwischen Thalkirchen und der Großhesseloher Brücke: So viele gefällte Bäume!

Auf dem Südfriedhof setzten die Krokusse bereits großflächig zum Tanz an.

Am Westermühlbach (pst: der Bach, der sichtbar durchs Glockebachviertel fließt, heißt nicht Glockenbach – Klugscheißermunition, bitte gerne) flächendeckend Winterlinge, mit leicht pikiertem Blick auf den Schnee.

Ich bekam sogar ein bisserl Sonne.
Auf den letzten Metern Semmeln besorgt, daheim gefrühstückt.

Im City-Kino ums Eck Phantom Thread angeschaut. Hm, ein bisschen mehr Geschichte hätte es schon sein dürfen, und so gut Vicky Krieps als Alma besetzt war (weil keine Filmschönheit) und schauspielte: Diese zentrale Figur ist dem Drehbuch praktisch keinen Hintergrund wert. Die interessantere Beziehung ist ohnehin die zwischen der Hauptfigur Reynolds und seiner Schwester Cyril.
Als ich vor ein paar Wochen den ersten Trailer des Films sah, konnte ich schier nicht glauben, dass Uber Method Actor Daniel Day-Lewis ausgerechnet damit seine Laufbahn beenden wollte (andererseits hat er ja auch Last of the Mohicans gemacht, den ich ihm immer noch nicht verzeihe): Die abgenudelte Künstler-und-seine-Muse-Arie? Klar spielt er großartig, kann er ja gar nicht anders – doch tatsächlich hätte mich mehr beeindruckt, wenn er zum Abschied irgendwas ganz Gewöhnliches gespielt hätte, zum Beispiel einen überforderten Familienvater wie George Clooney in The Decendants. Verdacht: Day-Lewis wollte nach Schuhmachen und Metzgern auch noch das Schneiderhandwerk lernen, und Phantom Thread gab ihm den Vorwand dafür.
Schöne orchestrale Musik passend zur Zeit der Handlung von Jonny Greenwood.

Als ich aus dem Kino kam, hatte es nochmal geschneit (und war um halb sechs noch nicht ganz dunkel \o/).

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Die lange Geschichte einer Drogenkrankheit, erzählt von dem Fotojournalisten, der in den 1990 Obdachlose fotografierte und eine ikonische Aufnahme machte.
„The search for Jackie Wallace“.

A New Orleans football legend reached the pinnacle of the sport.
Then everything came crashing down.
This is the story of his downfall, redemption – and disapperance.

via @ankegroener

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Hier beschreibt Kathrin Passig am konkreten Beispiel, wie Menschen Computerprobleme lösen, die von kompletten Nullcheckerbunnys wie mir für Expertinnen gehalten werden – weil Dinge nach ihrem Eingreifen funktionieren, die vorher nicht funktionierten.
„Debugging ohne Kapuzenshirt und Ahnung (dafür mit Blasmusikbegleitung)“.

Das deckt sich mit der wiederholten Antwort auf meine lernwillige Frage: „Wie hast du das jetzt gemacht?“ Ehrliche Menschen antworten darauf nämlich meist: „Ich habe alle Menüpunkte mal aufgemacht und so lange rumprobiert und rumgeklickt, bis es wieder funktionierte.“ (Wobei, wie Anne Schüßler zitiert wird: „Natürlich hilft es, wenn man sich ein bisschen auskennt“.)

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Was man im Marketing über andere Kulturen lernen kann – zum Beispiel wenn Kampagnen überhaupt nicht funktionieren:
„Aiming at China’s Armpits: When Foreign Brands Misfire“.

via @kscheib

Journal Samstag, 27. Januar 2018 – Anreise Berlin, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Sonntag, 28. Januar 2018

Herr Kaltmamsell ist schon arg niedlich, wenn er maximal nervös in seiner Zimmertür steht und hibbelt, weil ich noch nicht aus dem Haus bin, nicht mal angezogen, und doch schon in nur gut einer halben Stunde (= 40 Minuten) mein Zug geht (zu dem es 15 Fußminuten sind).

Selbstverständlich blieb mir am Bahnhof sogar noch Zeit, Proviant einzukaufen. München verabschiedete sich mit düsterem Hochnebel, den ich als Übung für das Berliner Januarlicht ansah.

Der ICE (erstmals die neue schnelle Strecke) war bis Nürnberg sehr voll, auch mit Passagieren ohne Platzreservierung. Dann lichteten sich die Reihen. Dennoch litt ich darunter, dass mein Geruchssinn derzeit sehr verfeinert ist (Hormone?): Den Fahrgast mit starkem Schweißgeruch konnte ich nicht lokalisieren, hatte aber sofort den Deoreflex aus Angst, selbst nach Schweiß zu riechen. Gut bestimmen konnte ich die Alkoholfahne des Herrn hinter mir, der sehr lange vorgebeugt telefonierte. Und das Parfumwölkchen der Nebensitzerin. Den Knoblauch-Odem von mindestens einer Person konnte ich wieder nicht zuordnen, doch zum Glück gehörte er zu Personen, die sich nicht lange im Großraumabteil aufhielten.

Interessant an dem Herrn mit Schnapsfahne: Die langen Telefonate waren nicht nur voll inniger Zuneigungsbekundungen, sondern auch mit verschiedenen Gesprächspartnerinnen (zumindest sprach er die Damen – nur 20 Zentimeter hinter mir hörte ich deren Stimmen – mit unterschiednlichen Namen an). Ein Bilderbuch-Halodri, ich war gerührt, dass es sowas in Echt gibt.

Ankunft im Berliner Hauptbahnhof pünktlich – und bei Sonne! Ich spazierte zum Hotel, packte aus, ging nochmal zum Empfang, um mir die Zugangsdaten zum WLAN zu holen (aha, immer noch nicht so selbstverständlich zur Verfügung gestellt wie die Fernbedienung des Fernsehers) und suchte ein Kino heraus, in dem ich Three Billboards Outside Ebbing, Missouri sehen konnte. Meine Wahl fiel auf die Kinos im Sony Center; weil das Wetter weiterhin hell war und ich mich nach Bewegung sehnte, ging ich zu Fuß.

Sehr guter Film (es hat ja die Zeit im Jahr begonnen, in der ich möglichst alle Oscar-nominierten Filme sehe, die mir liegen). Die Handlung enthält sich mit einer Ausnahme (Bekehrung eines dummen, brutalen Nachwuchspolizisten) moralischer Klischees, das Ende ist sogar komplett offen, bietet nicht mal homerisches Gelächter. Autor und Regisseur Martin McDonagh schafft es, keinen sozialkritischen Film aus dem Kampf einer Mutter auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter zu machen – beeindruckend.

Gelächter gibt es sonst aber eine Menge – mit der interessanten Note, dass sich die handelnden Personen der Situationskomik oft selbst bewusst sind und sie thematisieren. In der Realität gleichen wir heute Situationen ja oft mit Film- und TV-Bildern ab, kommentieren sie mit Pointen daraus – hier kommt dieser Mechanismus in einer 360-Grad-Reise zurück in den Film. Musik von Carter Burwell, der mir mit Musik für die Coen-Brüder im Gedächtnis war. Hier praktisch nichts selbst Komponiertes, die Oscar-Nominierung ist mir ein Rätsel.

Es wird geschauspielt, dass es nur so kracht: Frances McDormand verehre ich eh, sie darf in einer Szene sogar ihre Hausschlappen für sich schauspielern lassen; Woody Harrelson, Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Abbie Cornish lassen alle die Sau raus. Vielleicht insgesamt fünf Minuten zu lang, aber durch und durch sehenswert.

Hanns-Georg Rodek schreibt für die Welt sehr treffend:

Letztlich ist das Einzigartige an „Three Billboards“ wohl eine Verweigerung. Eine der wichtigsten Regeln des handelsüblichen Hollywood-Films besteht darin, dass nach den ersten 20 Minuten der Zuschauer wissen muss, mit wem er sympathisiert und warum. Das kann sich durch Enthüllungen gegen Schluss zwar noch ändern, doch der Zuschauer soll ein emotionales Gerüst haben, an das er sich lehnen kann.

„Three Billboards“ missachtet dieses Gebot konsequent. Jede Figur bewegt sich permanent im Grau des Nichtganzgut und Nichtganzschlecht.

Mit Bilder von Metropolis auf der Leinwand wirkte die Plaza ziemlich bladerunnerig.

Fürs Abendbrot spazierte ich zu den Hackeschen Höfen.

Ich mag das sehr uncoole Café Hackescher Hof, weil es zu meinen Bildern von Kaffeehauskultur zwischen den Weltkriegen passt. Zudem habe ich dort immer gut gegessen, gestern als Abendmenü eine Schwarzwurzelcremesuppe (ich! Schwarzwurzel!) mit einer Entenfleisch-gefüllten Teigtasche, danach Skrei mit Erbesenpürree und Pak Choi, dazu ein Glas Weißburgunder.

Journal Sonntag, 21. Januar 2018 – The Greatest Showman und Total Recall

Montag, 22. Januar 2018

Das Wetter war supergreislig, meine geplante Laufrunde lockte überhaupt nicht. Ich ließ das mit dem Sport also einfach sein, auch wenn ich an den nächsten Wochenenden wenig zu Bewegung kommen werde.

Statt dessen machte ich Flan, kochte eine kindskopfgroße Rote Beete fürs Abendbrot und las die Wochenendzeitung, bis es Zeit für die Nachtmittagsvorstellung im Cinema war: The Greatest Showman. Der Film war wie der Titel auf atemberaubende Show angelegt und nahm mich ab dem Eröffnungswirbel mit. Traumfabrikbilder, bunt und laut, an Historischem wird nur verwendet, was zur Show passt. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, dass Wolverine eigentlich vom Musical kommt und hervorragend tanzen und singen kann, die Tanznummern gefielen mir auch ganz ausgezeichnet: Ja, heute wird mit Kameraeinstellung und Schnitt gearbeitet, wo die alten MGM-Musicals auf Choreografie und tänzerisches Können setzten – aber das Ergebnis kann schon auch beeindrucken. Meine Lieblinge: Das Trapezduett von Zendaya und Zac Efron und die erste Barnummer mit vielen, vielen Schnapsgläsern. Vor der Musik hatte ich mich etwas gefürchtet, weil Susan Vahabzadeh sie in ihrer SZ-Besprechung als „Discosoße“ bezeichnet hatte. So schlimm war es dann nicht (und die Discos meiner 80er hörten sich entschieden anders an), wenn auch die Qualität der Musikstücke hinter dem Rest der Filmkunst zurück blieb – vielleicht half aber, dass ich erst kürzlich zum ersten Mal Frozen gesehen hatte, dessen Musik die Latte für Musicals ungefähr in Bodennähe nach unten verschoben hat.

Nachtrag: Foto vom Heimweg in der Blauen Stunde.

Zurück daheim Tischwäsche der letzten Monate weggebügelt, zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell Rote-Bete-Gratin mit Schafskäse, zum Nachtisch gab es Flan. Dazu lief auf Arte Total Recall. Ich stellte fest, dass der Film inzwischen ikonisch geworden ist und wunderte mich, an wie viele Details ich mich erinnerte – eigentlich kann ich den Film nur einmal gesehen haben, und zwar als er 1990 ins Kino kam.

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Ich freue mich sehr, dass dasnuf wieder bloggt, gestern zum Beispiel darüber, wie tief uns anerzogen wurde, Männern ein Wohlgefallen zu sein:
„Putz doch mal“.