Filme

Journal Donnerstag, Fronleichnam, 11. Juni 2020 – ’schbin Netflix

Freitag, 12. Juni 2020

Ausgeschlafen. Als ich nach dem Aufwachen fast nochmal halb wegdämmerte, hinderte ich mich daran: Ich weiß inzwischen, dass mir das gar nicht gut tut, sondern mich schwächt und zerschlägt.

Ich genoss es, nichts vorzuhaben. So konnte ich mir weiterhin einreden, dass ich das Regenwetter gut finde, weil dringend nötig.

Frühstücksbrötchen gebacken. Da in den Kommentaren zum Rezept einige Nachbäckerinnen geklagt hatten, nach dem Abkühlen seien die Semmeln hart gewesen, dampfte ich besonders heftig und buk sie nicht zu dunkel.

Es wurden gute Semmeln, doch bekam ich immer mehr Zweifel am den Vorgehen, wie es im Rezept beschrieben wird: Es passt zum einen nicht zu Frühstückssemmeln für Zeiten, an denen normalweise gefrühstückt wird (weil sie so erst vier bis fünf Stunden nach dem Aufstehen serviert werden können), zum anderen nicht zu den Fotos. Eine kalte Über-Nacht-Gare der geformten Teiglinge würde zu beidem viel mehr passen: Dann würde es bis zum Servieren nur anderthalb Stunden dauern, und die kleinen Bläschen auf der Oberfläche der Semmeln im oben verlinkten Originalfoto sowie die große, unregelmäßgige Porung innen sind typisch für lange und kalt gegangene Teiglinge. Das werde ich beim nächsten Mal probieren.

Nach Gymnastik und ausführlichem Crosstrainerstramplen (perfekt durch Eichhörnchensichtung) gab es die Semmeln zum Frühstück mit Butter, Orangenmarmelade, Honig. Ich sah auf dem Balkon, dass auch Kleibers ihren Nachwuchs zu unserem Meisenknödel bringen – Jungkleiber interessierte sich aber mehr für die über dem Knödel liegende Nische in der Decke.

Nachdem Hannah Gadsby bereits ein neues Programm herausgebracht hat, wurde mein Wunsch, ihr „Nanette“ von 2018 mal ganz zu sehen, so groß, dass ich mich doch bei Netflix anmeldete – nur dort gibt es die Show zu sehen. Der Anbieter gewährt ja gratis 30 Probetage, ich werde mich schon rechtzeitig abmelden. Und wenn nicht: Ich stellte fest, dass die von mir präferierte Version 12 Euro im Monat kostet – das könnte ich verschmerzen.

Wie so viele war ich am Ende von Hannah Gadsbys Show schwer mitgenommen (und hatte erst angesichts des vollen Sydney Opera House begriffen, wie erfolgreich Gadsby zu diesem Zeitpunkt bereits war). Der graue Regenhimmel hatte Platz gemacht für gemischte Wolken vorm blauem Himmel, ich ging raus, um nach dem Alten Südfriedhof zu sehen.

Erst mal kam ich nicht weit, weil mich nach 200 Metern ein Regenguss in einen Hauseingang scheuchte. Doch ich hatte ja nichts vor, konnte also den Tropfen eine Weile aus anderer Perspektive als dem Wohnzimmerfenster zusehen.

Auf dem Südfriedhof scheuchte mich der nächste Guss bei gleichzeitigem Sonnenschein unter eine Buche. (Die Robinienblüte ist dieses Jahr in Regen und Kälte komplett duftlos vorbeigegangen.)

Meine Gedanken wanderten vor allem zu dem zurück, was Hannah Gadsby über tension erklärt hatte, wie sie als Comedian damit für Pointen arbeitet, oder eben in diesem Fall ihr Publikum mal damit allein lässt. Worum es ihr eigentlich geht, was sie durch das Kleinmachen ihrer Geschichte als Pointen aber verhindert hat: connection. Dazu kam, dass DonnerBella gestern ausführlich und sehr klug genau darüber gebloggt hatte: über Verletzlichkeit und Verbindung – „We’re fallin’ apart and it feels fantastic*“. Vielleicht ist es gerade diese Anspannung, die fast jeder Umgang mit Menschen bei mir auslöst, die mich Kraft kostet, nur bei wenigen Menschen durch die Energie aufgewogen wird, die ich aus der Begegnung gewinne, die mich fast nur allein entspannt sein lässt, im Grunde menschenscheu macht. Vielleicht.

Gestern durfte ich fürs Abendessen sorgen. Es gab eine Lachs-Dill-Tarte nach Delia Smith, allerdings mit dem Quarkteig, den ich noch in der Gefriere hatte, und mehr Füllung. Dazu Tomatensalat.

Zu meiner eigenen Überraschung sah ich für die Abendunterhaltung nach, was es denn noch so auf Netflix gab. Es wurde der Film Ocean’s 8, trotz der eher gemischten Kritiken seinerzeit. Nett, aber doch eher flach. Ich liebe das Genre Gaunerfilme und mochte Ocean’s Eleven sehr. Die Frauenbesetzung war zwar sensationell, doch mir fehlten die echten Twists – und Ocean’s Eleven hatte es bei gleicher Länge und mehr Action geschafft, allen Figuren eine reiche Hintergrundgeschichte zu geben. In Ocean’s 8 war es gerade mal die Modedesignerin Rose Weil, alle anderen bekamen nicht mal klar voneinander abzugrenzende Charaktere. Aber! Sandy Bullock spricht ausführlich Deutsch, das sie ja von ihrer deutschen Mutter und ihrer deutschen Großmutter gelernt hat (im Film trägt der Grabstein unter dem ihres Filmbruders Danny Ocean den Namen von Bullocks Mutter Helga Meyer).

Journal Freitag, 5. Juni 2020 – Weggearbeitet

Samstag, 6. Juni 2020

Zu Regen aufgewacht, doch als ich nach meiner halben Stunde auf dem Crosstrainer und Körperflege das Haus verließ, brauchte ich keinen Schirm mehr.

Mit der U-Bahn in die Arbeit.

Sie kennen das? Wenn die Gelderwerbsarbeit Sie so belastet, dass Ihnen eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung als verlockende Alternative erscheint?
(Nein, antworten Sie nicht: Ihnen fehlt sehr wahrscheinlich die Grundlage, ohnehin nicht gerne zu leben und auf Lebenserträglichkeit angewiesen zu sein.)

Konzentriert und strukturiert eine Menge weggearbeitet, erleichtert durch Wegfall von Anrufen (in den Tagen davor musste ich mich auf bis zu 30 Anruferinnen und Anrufer einstellen, die auf fünf verschiedenen Leitungen bei mir ankamen) und eine schön leere Büroetage.

Mittags Quark und Kefir mit Pfirsich, nachmittags selbst gebackenes Butterbrot. Nachdem ich die wirklich unangenehmen Aufgaben weggearbeitet hatte, war auch meine Konzentration weg: Für die letzten Jobs brauchte ich ewig.

Trockenes Heimradeln durch kühle Luft unter grauem Himmel. So soll das Wetter laut Vorhersage erst mal eine Weile bleiben, schade (zumal nicht von nützlichem Regen begleitet).

Für das Nachtmahl sorgte Herr Kaltmamsell: Bulgur mit Tomaten, Zwiebeln, Petersilie, dazu teilten wir uns ein Côte de Boef. Ich machte uns Moskow Mules, zum Nachtisch gab es Erdbeeren und Schokolade.

Abendunterhaltung: arte zeigte Wackersdorf, den ich seinerzeit im Kino verpasst hatte. Solide gemacht mit guten Darstellerinnen und Darstellern, ich erinnerte mich daran, dass das das eine Ding war, das Franz Josef Strauß nicht durchgebracht hatte (na ja, neben der Kanzlerschaft) (außerdem starb er vor Abblasen des Projekts durch die Betreiber). Besonders positiv fiel mir die zurückhaltende und unkonventionelle Filmmusik der Band Hochzeitskapelle auf. (Hier in der Mediathek.)

§

Hatte ich eh gerade im Ohr durch den Film O Brother, Where Art Thou, sehr schön gesetzt und gesungen:

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https://youtu.be/z5nQW1dXn2E

via @pinguinverleih

Journal Mittwoch, 4. März 2020 – Abend im Mariandl und Emma-Vorfreude

Donnerstag, 5. März 2020

Noch ein bisschen früher aufgestanden, weil die Yogarunde, die die 30 Tage Home abschließen würde, deutlich länger dauerte. Die Überraschung dabei: Adriene machte keine Ansagen, sondern forderte dazu auf, einfach selbst zu erfinden („Find What Feels Good“). Als totale Anfängerin brauchte ich natürlich dennoch eine führende Hand und machte nach, was sie vormachte – allerdings deutlich gelassener als beim Befolgen ihrer gesprochenen Anleitungen und auch mal mit Lücken, wenn mir eine Position gerade besonders gut tat und ich darin verharren wollte. Intensität und Dauer führten dazu, dass ich ordentlich ins Schwitzen kam.

Radeln zum Büro, in den nassen Straßen und Wegen spiegelten sich Flecken blauen Himmels.

Kleine Glücksmomente: Drei Geschoße Treppensteigen ohne Festhalten (und ohne Jaulen). War aber ein einmaliges Vergnügen, kurz drauf ging’s schon wieder nicht mehr.

Corona-Moment: Die Hannover Messe wird auf Juli verschoben.

Zum Mittagessen schnippelte ich mir Radicchiosalat, machte ihn mit daheim vorbereitetem Dressing an und aß ihn mit etwas Brot, danach eine Banane. Nachmittagssnack eine Grapefruit und eine Orange.

Auf dem Heimweg kurzer Drogerie-Abstecher zum Auffüllen meiner Magnesium-Zink-Vorräte, daheim wartete ich, bis Herr Kaltmamsell ein Ankunftssignal aus dem Zug sendete: Wir waren im Mariandl zum Abendessen verabredet.

Der Herr aß Lagagnette mit Tomaten und Frühlingszwiebeln, ich bekam Serviettenknödel mit Rahmschwammerl (neben Kässpatzen das zweite typisch bayerische vegetarische Wirtshausgericht), dazu dunkles Bier. Wieder angenehm auffallend: der herzliche Service im Lokal.

Neues vom Schuhversand: Nachdem GLS mir am Telefon nur bescheiden konnte, dass das Paket auf dem Weg zurück zum Absender sei, schrieb ich eine weitere „So sorry to be so much bother“-Mail an den Absender.

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Ein Angestellter der Müllabfuhr erklärt in einem Twitter-Thread, warum Müllfahrzeuge so scheinbar blöd in der Straße stehen – und plädiert für Kooperation.

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Ein Mensch aus Wuhan beschreibt, wie es sich dort derzeit lebt – und warum sich in diesem Fall die Vorstellung „Na ja, eine Diktatur kriegt wenigstens stramm was organisiert“ als Illusion erwies:
„Personal Essay: Coronavirus Lockdown Is A ‚Living Hell'“.

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Andrea Diener hat die aktuelle Neuverfilmung von Emma gesehen und bespricht sie in Video und Text für die FAZ:
„Sie hat es nicht nötig, uns zu gefallen“.

Jane Austen schrieb über ihren Roman: “I am going to take a heroine whom no one but myself will much like”. Der Film klingt, als habe er das berücksichtigt.

Ich kann mich noch gut an meine erste Lektüre von Emma erinnern; der Roman gehörte zu den ersten Büchern überhaupt, die ich in meinem Studium auf Englisch las, ich tat mich arg schwer – und dann war die Protagonistin auch noch eine blöde Ziege! Es spricht viel für den hinterfotzigen Humor von Jane Austen, dass ich den Roman dennoch zu lieben lernte und sehr bald großer Austen-Fan wurde.

Nun kann man Austen brav wegverfilmen, dann bekommt man eine nette romantische Komödie. Autumn de Wilde macht aber alles ganz anders. Und zwar so anders, dass man zunächst ins Zweifeln kommt, ob das gutgehen kann.

(…)

Und Emma? Die bisherigen Verfilmungen geben sich meist große Mühe, die Hauptfigur etwas zu entschärfen, weil man romantische Komödien ja ungern mit einer nur mittelsympathischen Protagonistin besetzt – die Zuschauerin soll sich ja bitte identifizieren. De Wildes Emma hingegen will ihrem Publikum nicht gefallen. Sie ist ein verzogenes Produkt ihrer sozialen Schicht, das Empathie erst mühsam lernen muss – ein Problem, das in eben jener sozialen Schicht in England bis heute anzudauern scheint.

Das klingt ganz, ganz großartig, ist fürs nächste Wochenende eingemerkt.

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https://youtu.be/qsOwj0PR5Sk

Journal Sonntag, 16. Februar 2020 – Medizinische Hüftgymnastik und Jojo Rabbit

Montag, 17. Februar 2020

Nach der täglichen Einheit Yoga war noch Zeit für medizinische Hüftgymnastik (wo ich ja nicht mehr Joggen kann, buhu). Ich orientierte mich an der Bewegungstherpaie des Uniklinikums Dresden und spielte einmal das Grundprogramm durch – dauerte eine knappe Stunde. Ganz erstaunlich, wie viele Bewegungen auch des linken Beins durch die wehe rechte Hüfte eingeschränkt sind.

Auf der Website der Dresdner Uniklinik finde ich die medizinischen Informationen rund um Hüftarthrose auch besonders sorgfältig und ausführlich sortiert und aufbereitet (es wird auch auf para-medizinische Methoden eingegangen, auf Ernährung und auf aktuelle Diskussionen in den Medien). Ich las mich gestern einmal komplett durch.

Luxusfrühstück:

Porridge mit Joghurt, Mandarinen und Orangenmarmelade.

Draußen kam immer wieder die Sonne heraus, auf unserem Balkon strecken die Rosenfest-geschenkten Hasenglöckchen schon seit Mitte Januar ihre grünen Triebe aus.

Am frühen Nachmittag radelte ich durch die milde Frühlingsluft ins Cinema, Mütze oder Handschuhe unnötig. Ich sah Jojo Rabbit. Erst hatte mich der Film überhaupt nicht interessiert, dann las ich auch noch, dass Drehbuch und Regie von Thor-Regisseur Taika Waititi sind und es sich um eine Hitler-Satire mit Kindern handeln sollte – ich hatte mir absolut nicht vorstellen können, dass das funktioniert. Doch dann bejubelten auf Twitter Menschen den Film, von denen ich mir das ebenfalls nicht hatte vorstellen können, und ich sah Interviews mit Taika Waititi.

Heute fand ich heraus: Ja, das funktioniert tatsächlich. Die Satire ist over the top, ohne in Klamauk zu kippen. Schon beim Hitlerjugend-Lager am Anfang des Films lachte ich schallend – es wird nämlich sofort klar, dass es nicht um historische Korrektheit geht, Sam Rockwells Hauptmann Klenzendorf tritt durch und durch heutig amerikanisch auf. Scarlett Johannson als Mutter des Hitlerjungen Johann, der sich vor lauter Nazi-Begeisterung Adolf Hitler zum unsichtbaren Freund ausgesucht hat, ist allein schon den Film wert, Komik auch durch die wilde Mischung von deutschem und britischem Akzent der Besetzung (britisch zum Beispiel ganz hinreißend bei Jojos bestem Freund Yorki). Witzig auch der Einsatz der Musik: Von Beatles „Komm gibt mir deine Hand“ unter den HJ-Lager-Vorbereitungen am Anfang (dazwischengeschnitten Jugendjubel-Bilder aus dem Dritten Reich) bis zu David Bowie „Helden“ unterm Abspann.

Der Film ist eine wilde Mischung aus Ernst Lubitsch und Wes Anderson mit einer Prise Mel Brooks – what’s not to like?

Daheim eine Portion Käse mit Quittengelee – so mächtig Porridge auch füllt, bei mir hält es nie lang vor (liegt vielleicht an der Zubereitung mit Wasser, die ich am liebsten mag?). Internet- und Zeitungslektüre. Zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch und weil das viel Ernteanteil nutzte die Brüllen’sche Skifahrsuppe (Wurst war eine Kabanossi: für mich die Standard-Eintopfwurst, doch Herr Kaltmamsell kannte sie vor mir nicht mal).

Schmeckte sehr gut, ich musste mich vor Überfressung zügeln.

Journal Donnerstag, 23. Januar 2020 – Kampf dem Hüftschmerz!

Freitag, 24. Januar 2020

Früher Wecker, damit ich früh in die Arbeit kam, um vor dem Orthopädentermin noch Dinge wegschaffen zu können.

An der Anmeldung der Artpraxis wurde mir angeboten, die übermittelte MRT-Diagnose für meine eigenen Unterlagen auszudrucken (gute Idee!). Jetzt weiß ich also, dass das MRT auch eine Zyste im Gelenk sichtbar gemacht hat.

Dr. Orth 2 rekapitulierte gründlich alles bisher Erhobene und nahm die MRT-Diagnose dazu. Erst mal galt es demnach, die Entzündung zu bekämpfen: Spritze vor Ort, dann ein paar Tage Ibu-Geballere. Wenn das nicht hilft, wird in vier Wochen zu Spritze unter Durchleuchtung mit Kontrastmittel im OCM eskaliert. Meine Sorge, ich könnte mir das alles durch Fehlverhalten selbst eingebrockt haben, nahm er mir, als ich jammerte, dass eine künstliche Hüfte doch was für alte Menschen sei: Ach, es gebe schon 20-jährige, die eine neue brauchten.

Die Einstichstelle für die Spritze markierte Dr. Orth 2 nach Ultraschall und Knochentasten auf meiner Haut mit dem Kuli aus seiner Hemdtasche – wie man das halt beim Handwerken an der Wand macht, kenne ich. Dass man die Schreibtauglichkeit des Kulis erst mal ausprobiert, kenne ich auch – aber dass Herr Doktor das auf meinem Oberschenkel tat, irritierte mich.

Ich fragte den Arzt (samstägliche Anweisung von Herrn Kaltmamsell) auch zu genaueren Modalitäten empfohlener/erlaubter Bewegung: Möglichst wenig, was Schmerzen bereitet, zur Kräftigung lieber Halteübungen, und wenn Schwimmen geht Schwimmen. Na, geht doch.

Die Teilnahme an einer vormittäglichen Besprechung, bei der ich stehen musste und merkte, dass das nach der Spritze gar nicht gut tat, brach ich also kurzerhand ab – die Infos bekomme ich schon noch.

Mittagessen: Quark mit Orange und einer Hand voll Nüssen.

Und dann hatte ich gleich noch ein Orthopädiegespräch: Abschlussuntersuchung der Nach-Reha! Und als läse das Reha-Zentrum hier mit, saß mir eine ÄrztIN gegenüber. Die musste halt die Checkliste der Rentenversicherung abarbeiten und nahm meine Antworten „Deutlich schlechter, weil die Prämisse der ganzen Maßnahme falsch war“, „Ja, arbeitsfähig“ recht ungerührt auf. Ich zwang ihr ein paar Detailinformationen auf, inklusive der über die morgentliche Spritze, woraufhin sie mit Blick auf die anstehende Gymnastik- und Geräterunde doch nachdachte: Diese solle ich dann aber bitte nur sehr vorsichtig absolvieren, kein Risiko eingehen. Und mich überhaupt jetzt nach der Spritze ein paar Tage sehr schonen. (Die war doch von Herrn Kaltmamsell gezahlt!) Aber bitte: Ich ließ die beiden Geräte aus, die die Hüftmuskulatur beanspruchen.
Diese Frau Dr. Orth wies mich zudem eindringlich an, künftig die Hüftmuskulatur zu dehnen und Faszien zu lockern: Bei einem irgendwann anstehenden Ersatz des Gelenks wäre es sehr abträglich, wenn dann die Muskeln verkürzt seien.

Daheim hatte Herr Kaltmamsell schon fast fertig gekocht, ich musste nur noch die Einbrenn für das Karotten-Kartoffel-Kohlrabi-Gemüse machen und das Dressing für den Feldsalat (alles aus eben geholtem Ernteanteil). Nachtisch war Vanilleeis mit geschenktem selbst gemachten Eierlikör.

Im Bett Ali Smith, Autumn, angefangen, dass nächste Leserundenbuch.

§

Vanessa Giese weilt nun schon die dritte Woche auf Erholungsurlaub auf La Gomera und bloggt davon, unter anderem mit wundervollen Fotos. Gestern erzählte sie:
„Tag 19 auf La Gomera: Flow“.

Gebe ich mich kreativer Arbeit hin, braucht es einen langsam Start, ein Eingrooven. Die gute Phase kommt ohnehin erst am Abend. Hektik hilft hier nicht.

Nun gehöre ich ja zu den Lerchen und bin am kreativsten sowie produktivsten früh morgens (don’t @ me, man sucht sich’s nicht aus). Was zur Folge hat, dass es während der Morgentoilette gern mal hektisch wird, weil ich zum eben niedergeschriebenen Blogpost weitere ungemein wichtige und supertolle Gedanken habe, die ich dringend noch einfügen will, bevor jemand kommentiert (meine ungeschriebene und nicht wirklich logische Regel: So lange niemand kommentiert hat, darf ich unmarkiert ändern). Also saß ich schon halbabgetrocknet und mit nassen Haaren auf meinem Bett und tippte ganz schnell, was mir gerade noch eingefallen war.

§

Vergangene Woche in der Süddeutschen gelesen: Interview mit dem Mitarbeiter der Ausländerbehörde, über den Saša Stanišić in Herkunft ausführlich schreibt:
„Der Mann, der Saša Stanišić vor der Abschiebung bewahrte“.

§

Nach 50 Jahren wurde Charles Dickens‘ David Copperfield neu verfilmt, die Besprechung in der Irish Times verspricht Großes:
„The Personal History of David Copperfield: Armando Iannucci delivers a minor miracle“.

The film begins in a theatre with the adult David (Dev Patel) reading the completed novel – or do we mean autobiography? – to a keen audience. That conceit allows the script to self-consciously correct itself as it misremembers and edits its own source material.

(…)

The most striking innovation is the diverse casting. It’s important to clarify what’s going on here. Cinematic depictions of 19th century London have traditionally underestimated the city’s racial variety, but the filmmakers are doing something more than merely reflecting contemporaneous demographics. Patel’s David is apparently the only person of South Asian descent in his immediate family. Steerforth (Aneurin Barnard) is white. His mother (Nikki Amuka-Bird) is black. The film profits from the sort of “racially blind” casting – and it does profit – that has long been commonplace in theatre. No term better sums up the Dickensian aesthetic than “generosity” and the busy clatter of cultures yells that word throughout.

Und der Trailer sieht gut aus!

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https://youtu.be/oHG7FnBDY0Q

via @hughlaurie

Journal Samstag, 18. Januar 2020 – Familienkalb und Joker

Sonntag, 19. Januar 2020

Bei den letzten Malen Schmerzaufwachen vor Aufstehen hörte ich draußen Regen: Endlich, es war die vergangenen Wochen viel zu trocken. Doch schon vormittags hatte es wieder aufgehört. Und so gut ich persönlich auf Schnee verzichten kann: Es braucht hier den Niederschlag dringend.

Heavy adulting: Im Wintergarten (haha, Nebenraum der Küche, der mal ein Balkon war) nicht nur die durchgebrannte Glühbirne ausgetauscht (seit Tagen kaputt, doch wir waren nie zu Tageslichtzeiten daheim), sondern auch den blechernen Lampenschirm gereinigt, der sich beim Birnewechseln als fettig verdreckt herausgestellt hatte.

Ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer. Mein stetig schlechterer Zustand verschafft meinen Bewegungsdrang Konkurrenz: Manchmal ertappe ich mich bei einem „und wenn ich mich mal ein paar Tage überhaupt nicht bewege und nur sitze und liege?“.

Vormittags nahmen wir einen Zug nach Augsburg: Die lieben Schwiegereltern hatten zum Mittagessen eingeladen, auch der Bruder von Herrn Kaltmamsell und seine Frau waren da. Es gab nach einem schönen Vorspeisensalat gefüllte Kalbsbrust – die ich noch nie selbst gemacht habe und durchaus gern esse. Sie war köstlich. Zum Nachtisch Quitten in Granatapfelsaft mit Grießklößchen.

Vorabendvorstellung in den Museums Lichtspielen mit Herrn Kaltmamsell: Joker (OV). Der kleine Vorführraum war schon zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn so voll, dass wir keinen Platz zusammen bekamen. Musste ich halt selbsttätig die Augen schließen, wenn ich Erschreckendes befürchtete – eh nur etwa dreimal.

Danach musste ich mich erst mal von der Düsternis und Joaquin Phoenix‘ Intensität erholen (allein das Lachen!), bis ich herausfand, ob mir der Film nun gefallen hatte: Ja, hatte er. Das war eine ganz andere Düsternis als das der apokalyptischen Action- und Superheldenfilme im Mainstream-Kino, David Steinitz schreibt in der Süddeutschen (€):

Der Großstadtmoloch Gotham City sieht in seiner [Regisseur Todd Phillips‘] Version wie ein „Taxi Driver“-Themenpark aus.

Die Brutalität, die Menschen der Handlung waren so wenig überzeichnet, auch nicht durch Kamera oder Schnitt, dass ich ihr keine gesellschaftskritischen Statements unterstelle, sondern ein Gesamtkunstwerk sah, transportiert durch die Konzentration auf die titelgebende Figur.

An der Musik irritierte mich zunächst, dass neben dem Orchester-Score (hier ein gutes Beispiel) auch andere Stücke vorkommen – doch die waren dramaturgisch sehr gezielt und funktional eingesetzt.

Wie ich schon bald während der Vorführung befürchtet hatte, war der Film gar nichts für Herrn Kaltmamsell, der mit der Filmkategorie drama nichts anfangen kann, in der es hauptsächlich um Menschliches und Gefühle geht.

Daheim servierte er ein vorgekochtes Shakshuka aus Kichererbsen und Schwarzkohl, in das nur noch die Eier gesetzt werden mussten. Schmeckte sehr gut.

Beim abendlichen Verlassen des Hauses hatte ich wie schon am Vorabend das erste Amselflöten des Jahres gehört.

§

Schöne Geschichte im Techniktagebuch: Mit welchen Argumenten in den 80ern unter Übersetzerinnen und Übersetzern diskutiert wurde, wie ein Computer ihre Arbeit erleichtern könnte.
„1983 bis 1986
Computer – lohnt sich der?“

(Alles Erleichterungen, die uns heute völlig selbstverständlich sind.)

Journal Mittwoch, 15. Januar 2020 – Knives Out

Donnerstag, 16. Januar 2020

Endlich mal gut geschlafen, davon fast sechs Stunden am Stück – doch der Wecker klingelte zu früh, ich hatte noch nicht genug Schlaf nachgeholt.

Noch ein sonniger Tag, beim frühnachmittäglichen Hofgang war es herrlich warm. Mittags Waldorfsalat und zwei Mandarinen.

Nach der Arbeit radelte ich direkt nach Hause, um vor dem Kinobesuch mit Herrn Kaltmamsell noch etwas essen zu können: Es gab Bagels aus dem Tiefkühlschrank mit Frischkäse, Schnittlauch, getrockneten Tomaten oder Räucherlachs.

Wir hatten Plätze (Karten gibt es ja dort bei Onlinekauf nicht mehr) im Cinema für Knives Out, auf den ich mich seit dem ersten Trailer gefreut hatte und der – im Gegensatz zu Last Christmas, auf den ich mich auch sehr gefreut hatte – sehr positiv besprochen wurde. (Sofia Glasl analysiert für die Süddeutsche die Rolle der Kostüme für die Charakterzeichnung: „Der Mörder ist immer…“)

Ergebnis: Ja, allerliebst und herzerfrischend. Neben mir ertönte während des Abspanns das Urteil, das ich auch schon häufig gelesen habe: „Endlich mal ein guter Film.“ Knives Out nimmt sich ein scheinbar durchgespieltes Genre vor, den klassischen Who done it nach Agatha Christie, und variiert – gerade genug, dass alle Anklänge an berühmte Vorbilder da sind (u.a. das Setting, die Kameraeinstellungen, das Personal) und ergänzt um genug Neugier erzeugendes Neues. Der Film beginnt mit der Entdeckung des Toten und erzählt von dort in angenehmem Tempo und in sorgsamer Struktur weiter. Das Drehbuch hat viele schöne Einfälle, ohne den Film zu überfrachten. Allein schon die Idee, einen Charakter einzubauen, der nicht lügen kann: Pflegerin Marta muss sich übergeben, wenn sie lügt. Wunderschön, was der Film damit macht.

Oder der Privatdedektiv Benoit Blanc (gnihihi), den Daniel Craig mit einem völlig absurden Akzent spielt – was soll das bitte gewesen sein? Irgendwann fällt „Kentucky“, doch ich habe den Verdacht, der Akzent war einfach erfunden. Was hat die deutsche Synchronisation wohl daraus gemacht?

Klassisch wieder der Aufbau: Mehrmals im Film glaubt der Zuschauer zu wissen, was wirklich geschah, doch erst im großen Showdown enthüllt der Privatdetektiv (natürlich im großen Wohnzimmer des Hauses) alle Details und Zusammenhänge. Sehr schön auch die Maske: Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind deutlich überschminkt (so faltig ist die wundervolle Jamie Lee Curtis wirklich noch nicht) und wirken dadurch ein wenig wie Comiczeichnungen.

Auch Herr Kaltmamsell hatte sich amüsiert, beschwingte U-Bahn-Fahrt nach Hause.


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