Filme

Journal Samstag, 18. Januar 2020 – Familienkalb und Joker

Sonntag, 19. Januar 2020

Bei den letzten Malen Schmerzaufwachen vor Aufstehen hörte ich draußen Regen: Endlich, es war die vergangenen Wochen viel zu trocken. Doch schon vormittags hatte es wieder aufgehört. Und so gut ich persönlich auf Schnee verzichten kann: Es braucht hier den Niederschlag dringend.

Heavy adulting: Im Wintergarten (haha, Nebenraum der Küche, der mal ein Balkon war) nicht nur die durchgebrannte Glühbirne ausgetauscht (seit Tagen kaputt, doch wir waren nie zu Tageslichtzeiten daheim), sondern auch den blechernen Lampenschirm gereinigt, der sich beim Birnewechseln als fettig verdreckt herausgestellt hatte.

Ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer. Mein stetig schlechterer Zustand verschafft meinen Bewegungsdrang Konkurrenz: Manchmal ertappe ich mich bei einem „und wenn ich mich mal ein paar Tage überhaupt nicht bewege und nur sitze und liege?“.

Vormittags nahmen wir einen Zug nach Augsburg: Die lieben Schwiegereltern hatten zum Mittagessen eingeladen, auch der Bruder von Herrn Kaltmamsell und seine Frau waren da. Es gab nach einem schönen Vorspeisensalat gefüllte Kalbsbrust – die ich noch nie selbst gemacht habe und durchaus gern esse. Sie war köstlich. Zum Nachtisch Quitten in Granatapfelsaft mit Grießklößchen.

Vorabendvorstellung in den Museums Lichtspielen mit Herrn Kaltmamsell: Joker (OV). Der kleine Vorführraum war schon zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn so voll, dass wir keinen Platz zusammen bekamen. Musste ich halt selbsttätig die Augen schließen, wenn ich Erschreckendes befürchtete – eh nur etwa dreimal.

Danach musste ich mich erst mal von der Düsternis und Joaquin Phoenix‘ Intensität erholen (allein das Lachen!), bis ich herausfand, ob mir der Film nun gefallen hatte: Ja, hatte er. Das war eine ganz andere Düsternis als das der apokalyptischen Action- und Superheldenfilme im Mainstream-Kino, David Steinitz schreibt in der Süddeutschen (€):

Der Großstadtmoloch Gotham City sieht in seiner [Regisseur Todd Phillips‘] Version wie ein „Taxi Driver“-Themenpark aus.

Die Brutalität, die Menschen der Handlung waren so wenig überzeichnet, auch nicht durch Kamera oder Schnitt, dass ich ihr keine gesellschaftskritischen Statements unterstelle, sondern ein Gesamtkunstwerk sah, transportiert durch die Konzentration auf die titelgebende Figur.

An der Musik irritierte mich zunächst, dass neben dem Orchester-Score (hier ein gutes Beispiel) auch andere Stücke vorkommen – doch die waren dramaturgisch sehr gezielt und funktional eingesetzt.

Wie ich schon bald während der Vorführung befürchtet hatte, war der Film gar nichts für Herrn Kaltmamsell, der mit der Filmkategorie drama nichts anfangen kann, in der es hauptsächlich um Menschliches und Gefühle geht.

Daheim servierte er ein vorgekochtes Shakshuka aus Kichererbsen und Schwarzkohl, in das nur noch die Eier gesetzt werden mussten. Schmeckte sehr gut.

Beim abendlichen Verlassen des Hauses hatte ich wie schon am Vorabend das erste Amselflöten des Jahres gehört.

§

Schöne Geschichte im Techniktagebuch: Mit welchen Argumenten in den 80ern unter Übersetzerinnen und Übersetzern diskutiert wurde, wie ein Computer ihre Arbeit erleichtern könnte.
„1983 bis 1986
Computer – lohnt sich der?“

(Alles Erleichterungen, die uns heute völlig selbstverständlich sind.)

Journal Mittwoch, 15. Januar 2020 – Knives Out

Donnerstag, 16. Januar 2020

Endlich mal gut geschlafen, davon fast sechs Stunden am Stück – doch der Wecker klingelte zu früh, ich hatte noch nicht genug Schlaf nachgeholt.

Noch ein sonniger Tag, beim frühnachmittäglichen Hofgang war es herrlich warm. Mittags Waldorfsalat und zwei Mandarinen.

Nach der Arbeit radelte ich direkt nach Hause, um vor dem Kinobesuch mit Herrn Kaltmamsell noch etwas essen zu können: Es gab Bagels aus dem Tiefkühlschrank mit Frischkäse, Schnittlauch, getrockneten Tomaten oder Räucherlachs.

Wir hatten Plätze (Karten gibt es ja dort bei Onlinekauf nicht mehr) im Cinema für Knives Out, auf den ich mich seit dem ersten Trailer gefreut hatte und der – im Gegensatz zu Last Christmas, auf den ich mich auch sehr gefreut hatte – sehr positiv besprochen wurde. (Sofia Glasl analysiert für die Süddeutsche die Rolle der Kostüme für die Charakterzeichnung: „Der Mörder ist immer…“)

Ergebnis: Ja, allerliebst und herzerfrischend. Neben mir ertönte während des Abspanns das Urteil, das ich auch schon häufig gelesen habe: „Endlich mal ein guter Film.“ Knives Out nimmt sich ein scheinbar durchgespieltes Genre vor, den klassischen Who done it nach Agatha Christie, und variiert – gerade genug, dass alle Anklänge an berühmte Vorbilder da sind (u.a. das Setting, die Kameraeinstellungen, das Personal) und ergänzt um genug Neugier erzeugendes Neues. Der Film beginnt mit der Entdeckung des Toten und erzählt von dort in angenehmem Tempo und in sorgsamer Struktur weiter. Das Drehbuch hat viele schöne Einfälle, ohne den Film zu überfrachten. Allein schon die Idee, einen Charakter einzubauen, der nicht lügen kann: Pflegerin Marta muss sich übergeben, wenn sie lügt. Wunderschön, was der Film damit macht.

Oder der Privatdedektiv Benoit Blanc (gnihihi), den Daniel Craig mit einem völlig absurden Akzent spielt – was soll das bitte gewesen sein? Irgendwann fällt „Kentucky“, doch ich habe den Verdacht, der Akzent war einfach erfunden. Was hat die deutsche Synchronisation wohl daraus gemacht?

Klassisch wieder der Aufbau: Mehrmals im Film glaubt der Zuschauer zu wissen, was wirklich geschah, doch erst im großen Showdown enthüllt der Privatdetektiv (natürlich im großen Wohnzimmer des Hauses) alle Details und Zusammenhänge. Sehr schön auch die Maske: Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind deutlich überschminkt (so faltig ist die wundervolle Jamie Lee Curtis wirklich noch nicht) und wirken dadurch ein wenig wie Comiczeichnungen.

Auch Herr Kaltmamsell hatte sich amüsiert, beschwingte U-Bahn-Fahrt nach Hause.

Journal Sonntag, 29. Dezember 2019 – Sonniger Frost

Montag, 30. Dezember 2019

Nochmal ein wirklich sonniger und schöner Tag, allerdings auch durchgehend frostig.

Gestern nur eine kleine Sportrunde mit Crosstrainer, Dehnen und den wichtigsten Übungen. Wieder sah ich wie jeden Tag Eichhörnchen in den Bäumen vor unserem Haus herumturnen – sollten die nicht laut Biobuch Winterruhe halten?
Ich spazierte Semmeln holen.

Nach Frühstück und Internetlesen war ich endlich mal schläfrig genug für eine kleine Siesta. Und danach munter genug für einen sonnigen Spaziergang über den Südfriedhof zur Isar.

Gehen war schmerzhaft und schwer, nach der guten Stunde Trippelei war ich deutlich erledigter als nach einer Stunde Schwimmen oder Morgensport. Gleichzeitig ziehe ich mich inzwischen deutlich für draußen deutlich wärmer an als früher: Ich kann nicht schnell genug gehen, dass mir davon richtig warm würde.

Daheim Orange, Birne und Stollen. Ich las Nancy Mitford, The Pursuit of Love, das mir von Anfang an sehr gut gefallen hatte: Der Roman basierend auf den Kindheits und Jugenderinnerungen der Autorin und spielt in der Zeit und der Welt von P. G. Wodehouses Wooster und Jeeves, zeichnet diese reichen, privilegierten Kreise allerdings noch hirn- und rücksichtsloser. Der Tonfall ist süffisant und respektlos, ohne dass sich die Erzählerin selbst ausnähme.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell den restlichen Ernteanteil (Blaukraut, Karotten, Rote Bete) mit aufgetauter Zungenbrühe zu einer Art Borscht verarbeitet, der genau das richtige gegen die Kälte und meinen Gemüsehunger war.

Als Abenunterhaltung sahen wir die Mord im Orient-Express-Verfilmung von 2017. Mir gefiel sie sehr gut, ich konnte die Verrisse von vor zwei Jahren nicht recht nachvollziehen: All die großen Schauspielerinnen und Schauspieler glänzten, die Kamera erzählte interessante Zusatzgeschichten, Kostüm und Maske zeugten von Recherche und Hingabe, und die oft kritisierte Künstlichkeit von Farbe und Ausstattung gab dem Film eine Theaternote, die dem veralteten Ausgangsmaterial gut tat. Hatte die Kritik Realismus erwartet? Bei einem Agatha-Christie-Stoff?

§

Den Morgen hatte ich mit Lektüre des ZEIT-online-Schwerpunkts „Unheimlich schön“ verbracht. Besonders interessant fand ich die Reportage von Vanessa Vu über Schönheitsoperationen in Südkorea, zu denen sie neben Kundinnen und Kunden sowie Anbietern auch eine örtliche Ethnologin befragt hat:
„Größer, glatter, Gangnam“.

Für mich als Schmink-ferne ebenfalls sehr informativ: Ein Porträt von Make-up-Expertin Lisa Eldrige.
„Die Gralshüterin“.
Ich sah sogar ein paar ihrer verlinkten YouTube-Tutorials an: Besonders faszinierte mich ihre Analyse von Marilyn Monroes ikonischem Look.

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https://youtu.be/RAneUTr8mog

Journal Samstag, 16. November 2019 – Last Christmas

Sonntag, 17. November 2019

Sehr schlechte Nacht, Piekseschmerzen bis in die Zehen des rechten Beins, immer wieder musste ich Muskulatur ums Hüftgelenk durch Druck lösen oder mich im Stehen ausschütteln, um wenigstens ein Stück schlafen zu können. Aber: Trotz Sekt und Wein am Vorabend KEINE Migräne! Insgesamt frisch aufgewacht.

Über dem ersten Morgenkaffee füllte ich die aktuelle Umfrage der Uni Marburg zu regionalem Grammatikgebrauch in Deutschland aus – vielleicht mögen Sie ja auch?

Herr Kaltmamsell ging ein wenig Laufen und brachte Semmeln mit. Als der Besuch aufstand, gab es damit noch ein Stündchen Frühstücksplauderei. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, genehmigte ich mir eine Runde Sport: Faszienrolle und Igelball, 20 Minuten Crosstrainer (praktisch schmerzfrei), Liegestütz (sehr anstrengend, ich kümmere mich seit Monaten zu wenig darum), Plank, Bauchübungen unter Umgehung des Hüftbeugers.

Zum Frühstück aß ich restliche Semmeln und machte mich dann auf eine Einkaufsrunde: Kaffeebohnen Christmas Blend vom Starbucks (ist eine Weihnachtsroutine geworden, don’t @ me), beim Basitsch Obst und Milchprodukte – wenn ich schon mal da war, auch Citronat und Orangeat für Stollen (ich erinnerte mich, dass diese beiden Produkte in Bio-Qualität in den vergangenen Jahren sehr früh ausverkauft waren).

Gehen war sehr mühsam, das letzte Stück nach Hause legte ich in Trippelschritten zurück.

Aufräumen, Internetlesen mit Gewürzspekulatius. Unter dem Hochnebel des Tages war es so duster, dass ich nachmittags im Flur das Licht anschalten wollte – nur um festzustellen, dass es bereits an war.

Ich hatte eine Nachmittagsvorstellung der Originalfassung von Last Christmas gefunden und kaufte online gleich eine Karte in der Mitte meiner Idealreihe 6 im Cinema. Nachdem meine Hüfte mir offensichtlich das viele Gehen vom Freitag übel nahm, ließ ich brav das Fahrrad stehen und nahm die U-Bahn ins Kino.

Dass der Film in nur wenigen Münchner Kinos läuft und das Kino gestern Nachmittag fast leer war, lag wohl nicht nur an der mageren Vermarktung (ohne den Hinweis von Joël hätte ich gar nichts mitgekriegt): Er floppt.

Selbst fand ich mich durchaus gut unterhalten von der Geschichte Kates, der jungen Frau in London, die so gerne als Sängerin Erfolg hätte, in einem altmodischen Laden für Weihnachtsdeko arbeitet, und ihr Leben so gar nicht im Griff hat, dass sie wieder bei ihren Eltern unterkommen muss. Das Ganze nicht auf realistischer Ebene von Gesellschaftsportrait oder -kritik, sondern vor der Kulisse eines angekitschten Ideal-Londons mit lieben Obdachlosen, Engels-Chören beim Verlieben, pointenreichen Dialogen. Ein Weihnachtsklassiker wird der Film aber schon deshalb nicht, weil er auf die überraschende Auflösung hinaus läuft, wer der charmante junge Mann in Wirklichkeit ist, der Kate zu einem neuen Blick aufs Leben verhilft (ich hatte zum Glück keine Ahnung und konnte tatsächlich überrascht werden).

Das Interessante fand ich die höchst gemischte Schauspielertruppe, die in vieler Hinsicht die bunte Realität von Londons Einwandererwelt abbildet, inklusive Fremdenfeindlichkeit nach Brexit-Votum und Abgrenzung zwischen den Einwanderer-Communities. Dabei umgeht die Rollenbesetzung mit den verschiedenen Ethnien Stereotypen – am ehesten entspricht noch die kroatische Mutter der Protagonistin einem Klischee.

Der Guardian fand den Film furchtbar („a grisly, sub-Richard Curtis festive pudding“) , ich konnte eher noch die Besprechung im Spiegel von Hannah Pilarczyk nachvollziehen: „Was das Herz begehrt.“

Zum Nachtmahl gab es den restlichen Cocido vom Vortag und Schokolade, davor Moscow Mule – ich mag im Moment Drinks mit Ginger Beer ganz besonders.

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Ingenieurin und Ozeanografin Derya Akkaynak hat ein Verfahren entwickelt, wie sich unter Wasser Fotos aufnehmen lassen, die die tatsächlich Farbigkeit wiedergeben, also ohne die Farbverzerrung, die durch die Lichtbrechung im Wasser entsteht (mit Filmchen!) – ein riesen Vorteil für die Forschung:
„Sea-thru Brings Clarity to Underwater Photos“.

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Im Techniktagebuch schildert Mia Culpa liebevoll, wie sie ihre alte Mutter mit ihrem Smartphone vertraut macht, Stück für Stück und meist telefonisch:
„Das erste Smartphone meiner Mutter“.

Journal Sonntag, 3. November 2019 – Porträt einer jungen Frau in Flammen

Montag, 4. November 2019

Nochmal lange ausgeschlafen, ich schien es zu brauchen.

Nach Morgenkaffee und Bloggen kam auch schon Herr Kaltmamsell heim: Er hatte das Rollenspiel überlebt (also: seine Figur), war lediglich übernächtigt und unrasiert.

Ich genehmigte mir ein knappes Stündchen Crosstrainer, um meinen Bewegungsdrang wenigstens ein bisschen auszuleben. Davor ein wenig Faszienrolle, danach eine Runde Bauchmuskeltraining.

Als ich mich fürs Duschen fertigmachte, erreichte mich eine Frage nach gemeinsamem Kinobesuch: Sehr gute Idee, ich verabredete mich für Porträt einer jungen Frau in Flammen.

Frühstück: Eine Scheibe selbst gebackenes Brot mit Marmelade und Käse, Quark mit Mango und Banane.

Porträt einer jungen Frau in Flammen – ein sehr schöner Film, im visuellen Mittelpunkt: Die Gesichter der Protagonistinnen. Über die zwei Stunden sah ich jedes Haar, jede Linie, jede Pore – und hohe Schauspielkunst. Aber es war halt schon auch ein französischer Film (leider meine ich das nicht nett): Keine Liebesgeschichte ohne konstruierte Krise. Und auch wenn einiges auf gute Weise ungewöhnlich war, z.B. keine Filmmusik außer den drei Mal, bei denen in der Handlung Musik ertönte, die Erzählökonomie mit wenig Dialog oder dass ausschließlich Frauen spielten, auch die Rolle einer Kunstmalerin im 18. Jahrhundert: Unterm Strich waren die platte Handlung und die Bilder halt dann doch Klischees, die knapp am Kitsch vorbeischrammten. Und die Überwältigungsversuche des Films durch atemberaubende Bilder hatten auch etwas Aufdringliches.

Kurzes gemeinsames Getränk im Anschluss, Fachsimpeln über Hüftbeschwerden.

Zum Nachmahl wärmte ich den Schwarzkohl-Eintopf auf. Die Wunde ist nun doch gut verheilt, ich wagte nach zwei Wochen wieder ein Entspannungsbad. Es tat seine Wirkung, ich wünschte wieder, ich könnte so schlafen: schmerzfrei getragen vom warmen Wasser, gehalten von den Badewannenwänden.

§

Die deutschen Leitmedien befassen sich dieser Tage umfassend und Titelblatt-breit mit dem Stand der Meinungsfreiheit – welche die rechten Kräfte in manipulierender Lautstärke so lange und konsequent auf öffentlichen (!) Podien angezweifelt haben, dass sie laut Umfragen immer größere Bevölkerungsschichten damit verunsichern.

Gut gefallen hat mir dazu der Essay von Harald Staun in der FAZ – der allerdings seit gestern hinter einer Bezahlschranke verschwunden ist:
„Es spricht die Sprachpolizei“.

Jetzt bereue ich, dass ich die Zitate, die ich Ihnen vorstellen wollte, nicht schon gestern rauskopiert habe. Unter anderem wies Staun darauf hin, dass es fast ausschließlich diejenigen sind, die Menschenverachtendes äußern, die bei Widerspruch ihre Meinungsfreiheit angegriffen sehen und eine Einschränkung dort sehen, wo einfach um Rücksicht gebeten wird.

Bei dieser Gelegeneheit lohnt es sich, den ganzen Artikel des deutschen Grundgesetzes zur Meinungsfreiheit zu lesen, nicht nur den ersten Paragraphen.

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

§

Kathrin Passig war auf einem Übersetzungskongress und hat sich von einem anonymen Übersetzer gestehen lassen, welche Textsorte am wenigsten erkennbar von Software übersetzt werden kann:
„All Translated By Machines Of Loving Grace“.

§

Hier wollte ich einen Twitterthread posten für alle Mütter mit „Mädchen und Buben sind nunmal von Natur aus verschieden, das sieht man schon ganz früh“: Kate Long hatte in einem Geschäft die Aufschriften auf Baby- und Kleinkind-Shirts fotografiert. Dass sie ihren Account mittlerweile auf privat gestellt hat, lässt mich Böses zu den Kommentaren auf Twitter befürchten – Femistinnen werden ja besonders erfolgreich aus der Öffentlichtkeit weggebrüllt und -gedroht (return to Absatz über Meinungsfreiheit).

Journal Freitag, 25. Oktober 2019 – Neue, viel bessere Schmerzen

Samstag, 26. Oktober 2019

Eine sehr schlechte Nacht – zumindest schlafe ich nach dem Aufwachen (diesmal wieder wegen Schmerzen, die LWS-Muskulatur brachte mich zum Aufjaulen) immer gleich wieder ein. Aber mittlerweile drehen sich sogar meine Träume um schlechten Schlaf.

Dieses neu freugeschaltete Feature Muskelschmerzen überm Po ließ mich kaum aufrecht stehen – aber wenn ich dann mal stand, konnte ich plötzlich fast schmerzfrei gehen und Treppen steigen. Ich bin immer noch bereit, das alles als Entwicklung zu sehen, als Zurechtjuckeln des gestörten Muskel- und Fasziensystems (eingeklemmte Nerven fühlen sich anders an, das kenne ich auch).

Fahrradfahren war am Donnerstag vielleicht ein bissl zu früh nach dem kleinen chirurgischen Eingriff gewesen (sagte das Pflaster-Orakel), also nahm ich wieder den Bus. Ich hörte den Boatpeople-Podcast zu Ende: Minh Thu Tran und Vanessa Vu reflektieren über den Umgang ihrer eigenen, zweiten Generation mit den Flüchtlings- und Einwanderungsgeschichten ihrer Eltern. Besonders hilfreich: Vanessa gibt ganz konkrete Tipps, wie man ein Gespräch mit den eigenen Verwandten über ihre Geschichte am geschicktesten anfängt. Sie erinnert aber auch daran: Hauptsache die Geschichte heben und bewahren, bevor es zu spät ist.

Arbeitstag mit Aufregungen, die ich nicht lösen konnte – die auch eigentlich nicht in meiner Verantwortung liegen, doch ich kriege den Impuls nicht weg, alles für eine Lösung zu tun, selbst wenn das eigentlich niemand erwartet (wundert sich noch jemand, warum ich ungewollt Karriere gemacht habe?).

Mittags eine Breze, Granatapfelkerne mit Joghurt. Nachmittagssnack Apfel und Nüsse.

Ich machte pünktlich Feierabend und spazierte langsam in warmer Sonne heimwärts. Unterwegs besorgte ich Ginger Beer für abendliche Longdrinks, bem Verdi Obst und Artischocken.

Herr Kaltmamsell war noch unterwegs, ich bastelte den elaborierten Text für eine Essenseinladung, deren Idee durch ein bestimmtes Kochbuch ausgelöst worden war. Abendessen war zum einen Artischocke mit leichter Knoblauchmajo (drei Viertel Joghurt, ein Viertel Majo).

Sogar hübschgeschnitten! Drink dazu war Moscow Mule.
Zum anderen briet uns Herr Kaltmamsell Entrecôte, ich hatte den Ernteanteil-Fenchel zu Salat mit Orangen verarbeitet.

Zur Abendunterhaltung guckten wir so richtig linear fern, die letzte Folge der Reihe Unter Verdacht: „Evas letzter Gang“. Nachdem der am Vorabend von der Süddeutschen empfohlene Irlandkrimi mit Desirée Nosbusch doch wieder bloß der übliche deutsche TV-Schmarrn war (es ist vielleicht keine gute Idee, die Handlung wo ganz wo anders spielen zu lassen), blieb ich gestern sehr gern dran. Ich hatte den Anfang der Serie vor 17 Jahren mitverfolgt und mochte schon damals Set-up und Erzählweise, war auch ganz begeistert, dass die erste Folge gleich mal gar nicht gut ausging.

Gestern erinnerte mich das Drehbuch von Stefan Holtz und Florian Iwersen daran, dass es auch wirklich gute deutsche TV-Produktionen gibt. Dazu die Bilder (allein schon das Tableau der korrupten Honoratioren in der Starnberger Villa!), die Erzählweise (immer wieder Dialog außerhalb des Bilds, während das Bild bereits einen Schritt weiter ist, oder Informationsvermittlung durch Bilder, dazwischengeschnitten die Figur, die unhörbar die Bilder jemand anderem erzählt), die Schauspielerinnen und Schauspieler – allen voran die großartige Senta Berger, die in dieser off-type Rolle als Dr. Eva Maria Prohacek in gesichtslosen, hochgeknöpften Klamotten, nahezu ohne Lächeln, zwischen Verunsicherung und Pflichtgetriebenheit, zwischenmenschlich ungeschickt agiert, das war wirklich sehenswert. Der Film steht hier noch in der arte-Mediathek.

Journal Donnerstag, 10. Oktober 2019 – Nachklappe

Freitag, 11. Oktober 2019

Nach einer guten Nacht sah der Himmel zwar düster aus, es war Regen angekündigt, doch ich kam trockenen Fahrrads in die Arbeit.

Über den Tag regnete es immer wieder. Mittags Butterbrot aus Selbstgebackenem, nachmittags eine kleine Papaya und ein halber Eiweißriegel.

Besprechungsaussicht in die andere Richtung (die Alpenkette links war noch zu sehr im Gegenlicht).

Abends sollte in meiner Nach-Reha die erste Einheit Progressive Muskelentspannung stattfinden, doch ein Anruf der Rehastation sagte diese ab. Ich wurde auf weitere Gruppengymnastik umgebucht, die diesmal von einer aufmerksamen und kompetenten Vorturnerin geleitet wurde (Übungen mit Sitzball zur Stabilisierung).

Ich radelte durch herbstfrische Luft unter mondhellem Nachthimmel heim, dort gab es Ernteanteilsalat mit weiterem Butterbrot und Schokolade.

Wohltuendes Entspannungsbad vor dem Schlafengehen. Das Einschlafen allerdings empfindlich behindert durch eine große Gruppe Menschen, die auf der Straße irgendeine Gaudi mit lautem Rufen inszenierten. (Als ich nach einer Viertelstunde angezogen einschreiten wollte und runterging, sah ich sie nur noch weggehen, auch gut.)

Nachklappe:

1. Durch den Gerichtsprozess am Dienstag war mir aufgefallen: Plädoyers können ein hervorragendes Beispiel für Framing sein. Die Fakten und Aussagen liegen ja vor, in ihren Plädoyers stellen Staatsanwaltschaft und Verteidigung diese aber unterschiedlich dar, wählen aus, priorisieren, zeigen sie in verschiedenem Licht, verschiedenen Bezügen zueinander. Am Dienstag zum Beispiel gab es in den Plädpyers kleineres Gehackel um das Etikett „luxuriös“ für einen bestimmten Umstand des Sachverhalts – nicht strafrechtlich relevant, doch ein bestimmtes Framing.

2. Downton Abbey. Ich nehme meine Kritik an der historischen Schieflage der verwendeten Sprache zurück. Diesen Anspruch habe ich ja auch nicht bei Filmen, die im Alten Rom spielen oder im Bayern zur Zeit der Welfen.

§

Gestern in jetzt:
„‚Und zu diesem deutschen Volk gehöre ich dazu?‘
Nach dem rechtsradikalen Terroranschlag in Halle haben wir mit Jüdinnen und Juden über Antisemitismus in Deutschland gesprochen.“

§

Interview in der New York Times:
„‘I’m Too Old to Be Scared by Much’: Margaret Atwood on Her ‘Handmaid’s Tale’ Sequel“.

via Bingereader

Sie sagt wieder Weises:

Both Offred in “The Handmaid’s Tale” and Aunt Lydia in “The Testaments” wonder if anyone will ever read the words they set down, if their stories will matter. I wondered if that reflected your own views on writing and your desire to connect with readers, and your fear that maybe your work won’t have an impact.

That’s true of every writer. Every writer. Even as you write, I see you writing away there, what if your editor kills your piece? Then you will never have a reader. Every time when you set implement to surface, I won’t even say pen to paper, because it could be a stone, it could be a tree, you’re implying a reader, and it’s always a future reader, unless the person’s standing looking over your shoulder. The writer is always in that position because you’re always separated in time and place from whoever’s reading your book. It’s always a leap into the unknown future to write anything.

Aber lieben tue ich Margaret Atwood hierfür:

It sounds like you don’t feel a lot of pressure to write more, like you’ve got nothing left to prove.

It’s just that there isn’t a lot of time left. And that’s why they’re going so wild over the promotion of this book. I know what they’re thinking. They’re thinking, What if she dies? Ooh, we better do it now. Go all out. Last chance. I say that and they just sort of blush and shuffle their feet. They can’t deny they’re thinking of it.

§

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https://youtu.be/3jSD-8F5AzY

via Joël

(Oh bittebitte lass das gut sein! Ich brauche dringend einen Nachfolger für Love Actually – leider hat sich nämlich in meiner Wahrnehmung in den Vordergrund geschoben, wie ungut praktisch alle Beziehungen darin sind. Ausnahme vielleicht grad noch die Freundschaft Daniel-Karen.)


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