Journal Mittwoch, 14. August 2024 – Weiterhin Hochsommer, Ende der kurzen Arbeitswoche

Donnerstag, 15. August 2024 um 8:00

Richtig gut geschlafen trotz offenem Fenster (kühle Luft!) und keinen Ohrstöpseln.

Frischer Balkonkaffee, zunächst begleitet von Eichhörnchen-Rascheln und -Keckern aus der Linde vorm Balkon. Arbeitsweg durch Corona-leere Straßen: Die beiden mittleren August-Wochen waren seinerzeit meine Referenz, weil sie erfahrungsgemäß in München (und Augsburg) die leersten des Jahres sind.

Die erste halbe Stunde im Büro musste ich mit Instagram-Gucken verbringen, weil der Arbeitsrechner acht (!) Updates fuhr inkl. Bios und viermal neu startete. Doch dann begann ein wirklich knackiger Arbeitsvormittag, in erster Linie erledigte ich Reise-Orga (was mir immer noch Spaß macht, seit das Anfang Mai zu einer der zentralen Tätigkeiten meines Jobs wurde – eigentlich überraschend, weil ich das für mich selbst ungern erledige). Dazu gehörte aber auch eine Online-Schulung; in der ca. zehnten Runde überlistete ich den erratischen Abschlusstest.

In der Mittagspause nahm ich eine U-Bahn ins Zentrum: Rezeptabholen bei Ärztin. Die Fußgängerzone war voller schlendernder Tourist*innen und heiß, ich sah keine Möglichkeit für einen schnellen Mittagscappuccino. Also fuhr ich mit der nächstmöglichen U-Bahn zurück ins Büro.

Spätes Mittagessen, weil konzentrierte Arbeit: Nektarinen und Granatapfelkerne mit Joghurt und Leinsamenschrot. Am Nachmittag ging’s mit konzentrierter Emsigkeit weiter, ich freute mich an meinem gut temperierbaren Büro.

Pünktlicher Feierabend und auf direktem Weg (langsam wegen der Hitze) nach Hause, ich wollte nämlich noch Brot backen (Wohnung schön schattig, Ofen gut isoliert, deshalb ist bei uns in Hitzephasen kein Backverbot nötig): Damit ich am feiertäglichen Donnerstag VOR der Hitze laufen konnte und dann trotzdem frisches selbstgebackenes Brot haben würde.

Blauer Himmel über Parkbäumen, von rechts dringen fedrige Ausläufer von Wolken in den Himmel

Bei meiner Ankunft daheim konnte ich am Himmel von rechts (Westen) das Gewitter aufziehen sehen.

Während des Teig-Gehens turnte ich meine Yoga-Gymnastik und wusch schonmal den Ernteanteil-Salat: Wegen Feiertag Mariä Einschulung am Donnerstag wurde unsere Verteilung vorgezogen.

Zwei gefüllte Longdrinkgläser auf Balkonbrüstung mit Blick auf Bäume und dahinter dunklem Himmel

Wochenend-Feier-Drink: Moscow Mule (damit endlich das vor Monaten spontan gekaufte Ginger Beer wegkam) vor dunklen Gewitterwolken. Zum Anstoßen schlossen wir die Balkontür aber wieder, es war noch sehr warm draußen.

Gedeckter Tisch mit Glastellern, im Vordergrund ein Teller mit einem aufgeschnitten gebratenen scheinbaren Steak, dahinter ein Teller mit gefüllte halben Jalapenos und eine Schüssel Blattsalat

Nachtmahl. Nachdem wiederholt davon geschwärmt worden war, zuletzt hier, wollte ich das vegane Steak von Planted auch mal probieren und bat Herrn Kaltmamsell um Suche – die schnell erfolreich war. Wir mochten beide den Geschmack und aßen es gern, waren uns aber einig: Das ist kein Steak, vor allem bei Geruch und Geschmack. Außerdem servierte Herr Kaltmamsell gefüllte Jalapeños aus dem Ofen, ich hatte Salat (aus Ernteanteil: Blattsalat, Gurke, gelbe Tomaten, Schnittknoblauch) mit Joghurtdressing angerichtet. Nachtisch Süßigkeiten. Derzeit gibt es für Schokolade eigentlich keine gute Aufbewahrungsmöglichkeit: Zimmer zu warm, Kühlschrank zu kalt. Marktlücke Schokolade-Temperierschränke wie für Zigarren und Wein.

Das Gewitter hatte auch diesmal sanften Regen mitgebracht und sofortige Abkühlung. Ich konnte die Wohnung durchpusten lassen und im Bett bei bei offenem Fenster lesen (Brooklyn von Colm Tóibín erzählt schon arg gemächlich, eher tagebuchartig) – um den Preis, den Zigarettenrauch von Nachbarn zu riechen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 13. August 2024 – Hochsommerarbeit, Gewitterabkühlung

Mittwoch, 14. August 2024 um 6:18

Erst beim zweiten Klogang um zwei hatte es draußen genug abgekühlt, um Fenster und Türen zu öffnen.

Wunuderbarer1 Balkonkaffee, allerdings merkte ich schmerzlich, wie deutlich später es mittlerweile hell wird.

Angenehmer Marsch in die Arbeit in Hochsommerkleidung. Emsiger Arbeitsvormittag inklusive Umplanungen, ich ging eher früh auf einen Mittagscappuccino ins Westend, immer auf der Schattenseite.

Als Mittagessen gab es später Bananen (jetzt ist auch wieder gut, Bananen sehen immer nach guter Idee aus, aber ich mag sie wirklich nur in einem Unreife-Reife-Zustand, den sie lediglich wenige Stunden haben, ansonsten eigentlich nicht), eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Emsiger Nachmittag, und obwohl die Büroräume wirklich angenehm klimatisiert waren, spielte mein Kreislauf verrückt, ich konnte schier nicht geradeaus schauen.

Nach Feierabend wackelte ich unter gewitterlich zuziehendem Himmel dennoch noch eine Runde Einkaufen: Lebensmittel-Vorräte und Eiscreme.

Daheim kühlte ich ein wenig ab, turnte eine ruhige Einheit Yoga-Gymnastik. Herr Kaltmamsell servierte Abendessen:

Zwei Teller mit den Gerichten im Text drunter

(Gekaufte) Gnocchi in Tikka-masala-Sauce (ok), dazu gebratene Salatherzen (überraschend gut). Zum Nachtisch gab es reichlich Eiscreme (Heidelbeere und Erdbeer-Joghurt). Draußen ging das Gewitter endlich los: Nur wenig Blitz und Donner, wenige Minuten Windböen, aber sanfter Regen. Es kühlte sofort ab, wir ließen frische Luft herein. Und wir sahen uns die Doku über Rabbi Akiva Weingarten an, vielen Dank für den Hinweis an Kommentatorin Anita! Ich gebe die Empfehlung hiermit weiter.

In der WhatsApp-Gruppe zur Essener Hochzeit ging’s weiterhin ab: Unter anderem postete ein US-amerikanischer Hochzeitsgast ein eingescanntes PDF eines Kochbuchs – das der Großvater des Bräutigams seinerzeit geschrieben hat! Sieht sehr nach Eigenverlag aus und verrät exakt den Humor, den ich auch in den Rezepten des Bräutigams gelesen hatte.

§

novemberregen zieht wieder aus Beobachtungen kluge Schlüsse, diesmal aus der gleichzeitigen Sehnsucht nach Daheim und der Ferne:

Ist ja ein völliger Irrsinn, dass man sich die Wohnung schön und gemütlich macht, mit allem, das man benötigt, funktional und effizient einrichtet und dann fährt man in jeder freien Minute weg und muss in fremden Küchenschubladen nach dem Buttermesser suchen

Wenn ich dann noch die eben schmerzhaft weiter angehobene Miete für unsere Wohnung bedenke, werde ich bei den nächsten Reise-Ideen die Alternative Miete-Abwohnen gründlich bedenken.

  1. Den Vertipper lasse ich, Ergebnis zu schön. [↩]
die Kaltmamsell

Journal Montag, 12. August 2024 – Schwerer Ausstieg aus der Hochzeitsblase

Dienstag, 13. August 2024 um 6:23

Erschöpfung schlug nachts die Unruhe vor erstem Arbeitstag: Ich schlief gut, wachte zur normalen Zeit auf und nutzte nicht die extra 30 Minuten, die ich mir eigentlich für Schlaf gegeben hatte. Beim nächtlichen Klogang war es draußen endlich kühl genug gewesen, dass ich Fenster und Balkontüren öffnen konnte.

Balkonkaffee, dann konnte ich mich gemütlich fertig machen: Herr Kaltmamsell hatte ja Ferien und übernahm Haushaltliches.

Marsch in die Arbeit durch einen bereits recht warmen Hochsommermorgen. Im Büro geordneter Arbeitsstart: Keine Katastrophen, nichts wirklich Unerwartetes.

Meinen Mittagscappuccino bei Nachbars verband ich mit einem Einkaufsmarsch zum Lidl: Ich hatte nichts für Brotzeit im Haus gehabt. Später am Schreibtisch wurden das zwei Bananen sowie Hüttenkäse mit Leinsamenschrot.

Arbeit war ziemlich anstrengend – weniger wegen Dingen, die in meiner Abwesenheit angefallen waren, sondern weil ich mit dem Kopf noch so sehr bei den Eindrücken vom verlängerten Wochenende war. Und dann postete der Rabbi auch noch Bilder von der Trauung. Zudem war die WhatsApp-Gruppe, die das Hochzeitspaar für Abstimmungen und schnelle Infos eingerichtet hatte, längst zur Anlaufstelle für Kuscheln, Glückwünsche, Zusammenfassungen, Foto- und Kontaktaustausch geworden.

Das Büro ließ sich halbwegs kühl halten, für einige manuelle Tätigkeiten, die gestern anfielen, ging ich in den wunderbar kühlen Flur.

Nach Feierabend hatte der Himmel gewitterlich zugezogen, das verhinderte die unangenehmste Hitze.

Straße mit Zebrastreifen, dahinter alte Wohnhäuser

Verkehrswende! Hurra! Dieser Übergang auf meinem Arbeitsweg war immer mühsam, weil die Straße fast immer ziemlich von Autos befahren ist. Jetzt gibt es einen Zebrastreifen – ich habe eine ungefähre Vorstellung, wie viele Jahre der Bezirksausschuss dafür gekämpft haben muss.

Über der Theresienwiese sah ich erst einen Mauersegler, dann noch einen – jetzt fällt mir aber kein Grund mehr dafür ein. Bleibt gerne noch länger, aber wird’s da nicht ein bisschen knapp mit Afrika für den Rest des Jahres?

Abstecher zu einem Tchibo-Laden, bei dem ich Bestellungen abholte, dann direkt nach Hause. Herr Kaltmamsell hatte die Temperatur der Wohnung gemäßigt gehalten, wundervoll. Ich entschwitzte beim Fingernägelkürzen, dann turnte ich endlich mal wieder eine Runde Yoga-Gymnastik (ich hatte die Reise-Yogamatte sogar nach Essen mitgenommen, aber es bot sich wirklich keine Gelegenheit).

Herr Kaltmamsell servierte Nachtmahl:

Gedeckter Tisch, auf den Tellern was der Text unterm Foto beschreibt

Zwischen uns vegane Sushi (auf Wassermelonen-Basis – gut, aber weit entfernt von Sushi), auf unseren Tellern köstliche Aubergine mit Safran-Joghurt. Zum Nachtisch gab es erst die erste Wassermelone der Saison (super!), dann Schokolade.

Golden angeleuchtete Abendwolken über Bäumen

Für den Abendhimmel verzogen sich die Gewitterwolken wieder, doch es blieb zu warm zum Lüften. Im Bett nach der wunderbar schrägen und konzisen Kindheits- und Jugendgeschichte Die Infantin trägt den Scheitel links von Helena Adler mal wieder was Englisches aus der Stadtbibliothek: Colm Tóibín, Brooklyn.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 11. August 2024 – Hochzeitsausklang in Wattenscheid

Montag, 12. August 2024 um 6:27

Sehr guter Schlaf, kurz vor Wecker superfit aufgewacht – ich fürchte die Sache mit ohne Alkohol auf einem rauschenden Fest hat unbestreitbare Vorteile. Den Wecker hatte ich gestellt, weil ich vor dem letzten Programmpunkt des Ausflugs bloggen und Kaffeetrinken wollte und weil dieser Programmpunkt eine etwas umständliche Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln enthielt. (Erwachsene Menschen hätten sich unter den durchwegs freundlichen und sympathischen Hochzeitsgästen umgehört, wer mit privatem Pkw vom Hotel hinfährt, und um Mitnahme gebeten. Aber das sind andere Menschen.)

Kräftiger Cappuccino vom Frühstücksbuffet, und diesmal kam ich endlich auf die Idee, mir ein Brot zu schmieren und als Proviant für die spätere Reise mitzunehmen. Packen, Begleichung der Hotelrechnung.

Holztheke einer Hotel-Rezeption, darauf eine Vase mit einem riesigen Blumenstrauß in Feuer-Farben

Auch die Hotel-Deko mit Hunger Games / District V Vibes. Abmarsch zu Regionalzug und Tram Richtung Wattenscheid.

Denn der letzte Teil der Hochzeitsfeier war ein Frühstück/Brunch auf dem elterlichen Hof der Braut, einem ehemaligen Hühnerhof – über den ich im damaligen Blog der Braut vor 20 Jahren viel gelesen hatte. Nach der Styling-Pracht des Vortags hatte es zu diesem Programmpunkt in der Einladung geheißen:
“Dresscode: Duschen wäre vielleicht eine gute Idee.”

Unter Sommerhimmel links ein Bauernhof, rechts ein stilisiertes Hochzeitspaar aus Strohrollen

Solche Strohrollenfiguren sind offensichtlich eine überregionale Gaudi, habe ich auch schon in Bayern gesehen.

Es war schon früh ganz schön heiß geworden, ich hielt mich an Mineralwasser und Schatten (anders als Über-80-jährige, die bis um drei Uhr morgens gefeiert hatte und jetzt ein Glas Sekt in der Hand hielten, “Ab elf darf man!” – They don’t make them like that any more.).

Ausgemusterte Lore unter einem mächtigen Baum in einem Garten

Landwirtschaft trifft Bergbau.

Ein großer Teil der Hochzeitsgäste hatte sich in dem wundervollen Garten um das ehemalige Bauernhaus wieder zusammengefunden. Das Brautpaar musste sich den Zugang freikaufen, wurde von Musik einer Jagdhorngruppe begrüßt (so cool! es gab eine persönlich Verbindung), absolvierte gutmütig noch eine übersichtliche Reihe weiterer uralter Traditionen der Region (ich bin skeptisch), und es gab Frühstück: Herrliche Reiberdatschi aus professionellen Riesenpfannen mit Apfelmus und Zuckerrübensirup, Pumpernickel zu Hering und Lachs, außerdem Käse, Obst, Süßes. Mittlerweile war es eins, ich hatte richtig Hunger sowie Appetit und aß mich satt. Außerdem kam ich noch zu weiteren Bekanntschaften, führte die besonders schönen vom Vorabend weiter.

Wenig später verabschiedeten sich Herr Kaltmamsell und ich, wir mussten zum Zug (einem anderen, als wir gebucht hatten, ja mei). Das war wirklich eine sensationelle Hochzeit mit Jahrhundert-Status, welch enormer Aufwand und Liebe in Planung und Durchführung flossen!

Den Fußmarsch zum Wattenscheider Bahnhof genoss ich als spärliche Bewegung des Tages, der Regionalzug fuhr pünktlich.

Doch nach dem Umstieg in Hamm in den nächsten Regionalzug verließ uns das Reiseglück – machen wir es kurz: Verpasster ICE-Anschluss, Ausweichverbindung zum Glück nicht so ausgebucht wie angezeigt. Extrem runtergekühlte Wagen, ich war froh um das eingesteckte Jäckchen (bin ja keine Anfängerin). Kurz vor acht Brotzeit: Apfel, Brot mit Frischkäse vom Frühstücksbuffet, restliche Hafermilch.

Wir erreichten München kurz vor 23 Uhr, rollkofferten durch eine schwül-warme Sommernacht nach Hause. Dort kümmerte sich Herr Kaltmamsell um die Pflanzen, ich packte rasch aus und schaute, dass ich ins Bett kam, denn am Montag musste ich zurück in die Arbeit (mit einem Jourdienst, deshalb kein weiterer Urlaubstag).

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 10. August 2024 – Die Hochzeit in Essen

Sonntag, 11. August 2024 um 9:22

Eine gute Nacht.

Zechengebäude im Gegenlicht, hinter dem gerade die Sonne aufgeht

Sonnenaufgang über Zeche vor Hotelzimmerfenster.

Meine Hoffnung auf Frühstückshunger erfüllte sich nur so halb. Als wir (sauber, aber noch ungestylt) runtergingen, konnte ich Brot, Butter, Käse, Obst zwar ohne Widerwillen essen, aber leider auch ohne Begeisterung. Begeisterung dann aber über den erbetenen negativen Corona-Test. (Auf der abendlichen Feier blieben tatsächlich ein paar Stühle leer: Es hatte auch positive Testergebnisse gegeben.)

Große Freude: Ich traf auf die vom Joggen rückkehrende Braut und konnte sie schonmal vor dem großen Hoo-ha in die Arme nehmen. Außerdem bekam ich den bislang unbekannten Bräutigam zu Gesicht, sah ihn seine Freund*innen begrüßen – und merkte mir diese, denn: Es war sehr unwahrscheinlich, dass ich ihn selbst bei dieser Gelegenheit würde kennenlernen können; aber ich konnte mir von seinen Freund*innen über ihn erzählen lassen.

Wen ich auch zu sehen bekam: Den Rabbi und seinen ganz entzückenden Hund.

Blick aus einer Hotel-Lobby durch die Tür nach draußen, gleich vor der Tür sitzt angeleint ein kleiner weißflauschiger Hund.

Es stellte sich nämlich heraus, dass die Chuppa doch erst in der jüdisch-protestantischen Trauung am Nachmittag stattfand: Freitagabend war ein Shabbat-Dinner mit einem anderen Teil der Zeremonie gewesen (Brit Ahava).

Eigentlich hatte ich gehofft, den Vormittag für einen Besuch des Red Dot Design Museums gleich gegenüber nutzen zu können, doch es öffnete erst um elf – das hätte mir nur eine knappe Stunde darin ermöglicht, war mir zu wenig.

Also setzte ich mich mit Laptop in den Salon-Bereich auf der Galerie des Hotels und las (bequemer als im Hotelzimmer, wo es nur einen Hocker gab, außerdem wollte ich dem Zimmerservice Gelegenheit für seinen Einsatz geben). Es war aufregend, in jedem Menschen, der vorbeilief, einen möglichen Hochzeitsgast zu sehen.

Unangenehm voller Bauch, mein Körper kann das mit diesem Frühstücken einfach nicht mehr.

Als die Lobby sich mit immer mehr offensichtlichen Hochzeitsgästen (weil glitzernd oder in Smoking) füllte, machten wir uns ebenfalls fertig und saßen noch eine Weile in vollem Ornat herum. Mittlerweile hatte sich draußen das angekündigte prächtige Sommerwetter entwickelt, wir spazierten zum Bergmannsdom, der Kirche am Kartenberger Markt.

Herr Kaltmamsell im Smoking.

Frau mit kurzen Haaren und in langem, silbernen Abendkleid vor Backsteingebäude

Mein Outfit im Wind.

Turm einer alten Backsteinkirche zwischen Bäumen vor blauem Himmel, einige festlich gekleidete Personen gehen darauf zu

Der Bergmannsdom.

Am Eingang bekamen wir eine wundervolle Broschüre zur Trauung, die die protestantischen und jüdischen Teile verständlich und sehr Brautpaar-nah (also witzig) erklärte. Beim Warten auf den Beginn der Zeremonie lernten wir gleich mal Gäste kennen – und sahen prächtige Outfits: Sehr viele Gäste waren dem Wunsch des Brautpaars gefolgt und trugen die ganz großen Kleider / Smoking, sogar mit schicken Varianten.

Altarraum der Kirche schräg seitlich aufgenommen, darauf ein offenes Holzgerüst mit Blumenschmuck

Die Chuppa im Altarraum. Es war eine magische und bezaubernde Zeremonie, sehr detailliert und liebevoll geplant, mit der Dauer, die das Verbinden zweier Religionen nunmal erfordert.

Draußen wartete eine kleine Marching Band auf die Hochzeitsgesellschaft, es gab Getränke und erste Snacks. Gratulationen ans Paar, viele fröhliche Unterhaltungen, Kennenlernen, Genießen des schönen Wetters. Dann der Versuch, alle Hochzeitsgäste auf ein Foto zu bekommen.

In aller Gemütlichkeit machten wir uns auf den Weg zur Fest-Location, dem Erich Brost Pavillon auf dem Dach des Besucherzentrums Zeche Zollverein.

Blick aus einem hohen Dachgeschoss auf die grüne Essener Zechenlandschaft, sonnenbeschienen

Blick aus einem hohen Dachgeschossfenster auf die grüne Essener Zechenlandschaft, sonnenbeschienen, man sieht davor Festgäste

Und dann wurde mit dieser sensationellen Aussicht gefeiert.

Blick von hinten oben auf den ikonischen Förderturm Zeche Zollverein, zu dessen Fuß auf Rasen im Sonnenlicht ganz klein das Brautpaar

Wenn Sie genau hinsehen, finden Sie auf dem Rasen das Brautpaar beim Fotografiertwerden.

Wiedersehen mit Bekanntschaften von ganz früher, Kennenlernen von Freunden des Brautpaars, wundervolles Essen mit dem Höhepunkt eines sensationellen Dessert- und Kuchenbuffets, das örtliche Familie und Freunde hergestellt hatten. (Alkohol ließ ich lieber fast ganz bleiben.) Zu später Stunde Tanz, Herr Kaltmamsell und ich kamen zu ein paar Foxtrotts. Und um Mitternacht noch eine Runde Currywurst!

Nächtlich beleuchteter Förderturm Zeche Zollverein von hinten oben

Dem können Sie entnehmen, dass ich und sogar Herr Kaltmamsell da noch wach und essbereit munter waren, wir kamen tatsächlich erst um eins ins Bett. Mein Kleid stellte sich so bequem wie erwartet heraus, die Riemchensandaletten sogar als unerwartet bequem: Ich schlüpfte erst für den Heimweg (und dazwischen für den Weg von Kirche zum Feiern) in die Ersatzschuhe.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 9. August 2024 – Weniger Essen

Samstag, 10. August 2024 um 7:31

(Wie lang man wohl aus Essen schreiben muss, bis die Lust an der Doppeldeutigkeit versiegt?)

In der Nacht auf gestern also einmal Migräne mit allem – fast: Ich konnte die spät einsetzende Übelkeit überzeugen, dass aus diesem Magen echt nichts zu holen war. Sie startete nachts gegen halb drei, in den darauffolgenden Stunden verhandelte ich mit mir, wie lang ich wohl schlafen konnte, um doch an der Stadtführung im Bus teilzunehmen, die das Brautpaar liebevoll organisiert hatte und die um 9:45 Uhr startete. Wenn ich den Kaffee wegließe. Wenn ich auf Bloggen verzichtete.

Doch es ging mir immer schlechter statt besser. Triptan-Nasenspray gehört nach der langen Migräne-Pause nicht mehr zu meiner Grundausstattung, ich besitzte nicht mal mehr eines; und Ibu ist bei meinen Migränen selbst gegen die Kopfschmerzen wirkungslos. Als Herr Kaltmamsell sich aufbruchfertig machte, konnte ich ihn nur bitten, mich zu entschuldigen und das “Bitte nicht stören”-Schild an die Hotelzimmertür zu hängen. Ich schlief in Abschnitten, zwang mir hin und wieder einen Schluck Wasser rein.

Als ich um Viertel nach zwei aufwachte, hatte ich noch die Option, wenigstens die Zechen-Führung um drei zu schaffen. Ich beschloss, dafür fit genug zu sein und ging unter die Dusche. Auch wenn ich noch nicht richtig geradeaus sehen konnte, spielte mein Körper mit, absolvierte anstandslos alle Bewegungen, die für Körperhygiene und gesellschaftlich akzeptiertes Erscheinen in der Öffentlichkeit nötig waren.

Ich ließ mir vom freundlichen Hotelpersonal den Weg zum Besucherzentrum Zeche Zollverein weisen, begegnete unterwegs einigen Schafen, die ich davor durch Schilder erahnte hatte, die vor ihrer Fütterung warnten. Nach Abstimmung mit Herrn Kaltmamsell traf ich auf die restliche Gruppe Hochzeitsgäste, die am Tagesprogramm teilgenommen hatte. Und dann wurde es wie vorhergesehen sehr spannend. Für mich als Oberbayerin ist Steinkohlebergbau ohnehin exotisch, und schon die beiden vorherigen Tage mit vielen Wegen zwischen den alten Zeche-Bauten waren faszinierend gewesen. Unser Guide (offensichtlich bereits an der Umwandlung der Zeche in ein Denkmal beteiligt) erklärte die Gesamtanlage, führte uns durch ein paar Schritte der Kohlenförderung und -verarbeitung anhand der Originalausstattung, lieferte Hintergründe zu Bau, Architektur und Technik dieser Zeche, ging auf deren Auswirkungen auf die Arbeitsbedingugen ein. Und berichtete über das Ende der Kohlenförderung, wie seither mit der Anlage umgegangen wurde und wird. Wirklich empfehlenswert, aber das wussten Sie vermutlich eh.

Konservierte Zechengebäude in sachlichem Stiel aus Backsetin und Industrieglas, dazwischen orange angestrichene Rohre

Als wir zurück zum Hotel kamen, sah ich gerade Teile der jüdischen Hochzeitsgesellschaft aufgebrezelt Autos besteigen: Gestern Abend war die Chuppa des protestantisch / orthodox jüdischen Paars. Korrektur: Sie fuhren zum Shabbat-Essen, die Chuppa fand am nächsten Tag statt.

Auf dem Zimmer musste ich gegen halb fünf doch mal was essen. Herr Kaltmamsell hatte mir ein Lunch-Paket vom Ausflug mitgebracht, ich aß Apfel und Käsesemmel. Mein Bauch war nur mittel einverstanden damit, aber dann hätte er vorher halt nicht hungrig schmerzen sollen. Ich ließ mir von Herrn Kaltmamsell die Details der Stadtführung erzählen: Margarethenhöhe und Alte Synagoge hatte ich ja schon gesehen, nur die vielfach empfohlene Villa Hügel hatte ich verpasst.

Ich holte den Blogpost vom Vortag nach, dann zog es mich aber nochmal nach draußen: Eine Essen-stämmige und schon lange in Berlin lebende Freundin hatte herausgefunden, dass unser Hotel in Fußweite (3 km) des Hauses lag, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Sie war schon sehr lange nicht mehr dort gewesen, also ging ich an ihrer Stelle hin und machte Fotos. Aus der benachbarten Halde, von der sie schrieb, sie sei damals gefährlich und abgesperrt gewesen, hatte man wie aus vielen Essener Halden einen wundervollen Park gemacht.

Vordergrund Wiese und Busch, hintergrund Industriebau Kokerei, rechts modernes Universitätsgebäude

Ehemaliger Industrieturm aus Holz im Gegenlich vor blauem Himmel

Fußweg durch sonnigen Park unter blauem Himmel

Während es auf der Zechenführung ein wenig geregnet hatte, wurde das Wetter jetzt immer schöner – und gegen Abend wärmer. Für die Hochzeit am Samstag ist perfektes Wetter angesagt: Sonnig, aber nur bis zu 25 Grad warm.

Ich bekam doch nochmal Hunger, die gesalzenen Erdnüsse aus dem Lunch-Paket waren genau richtig. (Bereits leise Hoffnung, dass ich nach dem wenigen Essen am Samstagmorgen Frühstückshunger aufbringen könnte.)

Blöd: Wegen Migräne den Großteil des Urlaubstages verloren. Praktisch: Migräne blockiert bei mir auch Gefühle, ich ärgerte mich also nicht mal.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 8. August 2024 – Geballte Ladung Essen

Freitag, 9. August 2024 um 18:09

Veröffentlichung mit reichlich Verspätung, weil sich der letzte Programmpunkt mit einer heftigen Migräne rächte.

Recht gut geschlafen, erst mal mit dem Kapselmaschinchen im Hotelzimmer sowie mitgebrachtem Milchschäumer und Hafermilch Cappuccino gemacht. Draußen der angekündigte bedeckte Himmel.

Für den Blogpost musste ich nur noch die Fotos bearbeiten und einstellen, dann machte ich mich fertig und begleitete Herrn Kaltmamsell zum Frühstück (ich hatte versäumt, nur Übernachtung ohne Frühstück zu buchen).

Das Frühstücksbuffet war sehr liebevoll, zudem wirklich üppig und besonders, Herr Kaltmamsell bereitete sich amerikanische Pancakes zu und probierte unter anderem auf meinen Wunsch das saftige Rosinenbrot. Selbst holte ich mir noch einen Cappuccino – und kam gleichmal wieder ins existenzielle Grübeln.

Chromglänzende Riesenkaffeemaschine auf Schubladen-Kommode, darauf bunte Tassenstapel

Ein Hotelkaffeemaschine, deren Optik (Chrom) und Mechanik (Hebel) eine Siebträgermaschine imitiert, die de facto (Knöpfe, Nespresso-Pads) aber ein Kapselautomat ist, der nicht mal die Bohnen frisch mahlt wie ein Vollautomat. Das bedeutet doch irgendwas für unsere Kultur.

Programm für gestern, unserem einzigen wirklich frei verfügbaren Tag in Essen: Alte Synagoge, Margrethenhöhe, feines Abendessen. An der Zeche Zollverein hatte ich Fahrrad-Wegweiser “Essen Zentrum” gesehen, die auf kleine Wege im Grün wiesen. Die wollten wir zu Fuß gehen.

Asphaltierter Weg im Grünen, der alte Schienen eingearbeitet hat

Asphaltierter Weg im Grünen, am Ende ahnt man eine rote Eisenkonstruktion

Und tatsächlich waren das ganz wundervolle Wege, nur immer kurz an großen Straßen entlang, sonst durch wildes Grün und hintenrum durch alte Wohnstraßen.

Asphaltierter Spazierweg mit eingearbeiteten Schienen durch alte museale Industriekonstruktion

Die Alte Synagoge in Essen ist gar nicht mal so alt (1913 fertiggestellt) und hat doch eine bewegte Geschichte; sie wird heute als Haus der jüdischen Kultur genutzt, mit (ein wenig windigen) Vitrinen und Erklärungen zum jüdischen Jahreskreis und Leben. Mich interessierten aber vor allem das Gebäude selbst und seine Geschichte.

Alte Synagoge Essen in Baugerüst und mit Polizeiauto davor

Den Anblick, auf den ich mich nach Schilderungen einer aus Essen stammenden Freundin besonders gefreut hatte, bekam ich nur durch Baugerüste gestört. Später entnahm ich dem Audio-Guide, dass einst ein großer Vorhof Teil des Ensembles gewesen war: Er stand dem Autoverkehr im Weg und musste weichen. Essen ist ohnehin sichtlich Autostadt, wir kreuzten immer wieder riesige Kreuzungen und vielspurigen Autoverkehr. Ich frage mich naiv: Wenn sie es geschafft haben, den Öffentlichen Nahverkehr unter die Erde zu verlegen – warum dann nicht auch den Autoverkehr?

Dunkle Holztür mit Glaseinsatz und dezenter Jugendstil-Verzierung zwischen hellen Steinsäulen

Riesiger Thora-Schrein in der Essener Synagoge

Blick vom Obergeschoß neben dem Thora-Schrein auf den großen Synagogen-Innenraum mit Kuppel

Das Innere der Synagoge wurde nur so ungefähr rekonstruiert, doch die Details weisen ganz klar auf dieselbe Entstehungszeit wie die Augsburger Synagoge hin.

Zum nächsten Programmpunkt, Margarethenhöhe, gingen wir ebenfalls zu Fuß, eine gute Stunde hintenrum durch kleine Straßen. Hin und wieder zeigte sich die Sonne, wir sahen heimisches Leben, passierten in der Gemarkenstraße einen interessanten (Wochen-?)Markt, kamen wieder durch unerwartete Grüngebiete.

Blick von der Straße zum Eingangstor zur Margarethenhöhe vor eher dunklem Himmel

Hier die informative Website zur ersten Gartenstadt.

Den deutlichsten Unterschied im Vergleich mit den historischen Aufnahmen sah ich in der heutigen Dominanz geparkter Autos. Da mag Margarthe Krupp an fließend Wasser gedacht haben, an moderne Heizung und Bäder, an Einkaufsgelegenheiten und sonstige Infrastruktur (Schule, Kirche) – doch sie konnte nicht wissen, dass einst jeder und jede ein eigenes Auto haben wollen würde. Anlass für Nachdenken mit Herrn Kaltmamsell, wie das wohl kam. Vorläufige Thesen: Enorm gewachsener Wunsch nach Mobilität (früherTM blieben die Leute viel mehr daheim), enorm gewachsener Konsum weil gewachsener Wohlstand auf Kosten der Herstellungsländer (sinn- und nutzlose Käufe um des Kaufens und Habens willen, fast jedes “Shopping” ist mit einer Autofahrt verbunden, Dinge halten auch nicht mehr so lange und machen Ersetzen häufiger nötig).

Am kleinen Markt setzte ich mich kurz nach eins mit Herrn Kaltmamsell auf eine Bank (mit Blick auf geparkte Autos; wenn kein Markt ist, wird der Platz keineswegs als Piazza genutzt, sondern als Parkplatz), brotzeitete unterwegs gekaufte Aprikosen und Körnersemmeln.

Fassade des Gasthauses Margarethenhöhe mit durchegehendem Balkon mit Geranien, davor Autos

Zweigeschoßiges Backsteinhais mit Giebeldach

Zweigeschoßiges Haus mit grün-weißen Fensterläden, die Fassade völlig überwachsen, davor Autos

Kleineres Haus mit Portico, davor Autos

Erkerhäuschen mit riesigem Baum, davor ein Auto

Schmale Straße mit alten malerischen und identischen Reihenhäuschen, gesäumt von parkenden Autos

Seite eines alten Hauses, zum Teil überwachsen, davor Autos und ein Wohnwagen

Theoretisch wäre nach unserem ausführlichen Spaziergang noch Zeit vor dem feinen Abendessen gewesen, ins Museum Folkwang zu schauen, lag auch gar nicht weit weg – doch wir waren nicht mehr aufnahmefähig. Statt dessen schaukelten wir mit Tram und Bus gemütlich zum Hotel auf der Gegenseite der Stadt und ruhten uns aus.

Fürs feine Abendessen folgten wir einer Empfehlung (der wir dann auch beim Essen begegneten!) und fuhren mit zwei Straßenbahnen nach Rüttenscheid. Da wir hier sehr wahrscheinlich nicht nochmal (so schnell) herkommen würden, gaben wir uns alle fünf Gänge Überraschungsmenü. Als Wein bat ich um Französisches, weil ich mich damit sehr schlecht auskenne.

Ein Viererbild: Drei gefüllte Teller, eine Weinflasche

Ein Scamorza-Salätchen, gebratene Wachtelbrust mit Bohnensalat.

Ein Viererbild: Drei gefüllte Teller, eine Weinflasche

Gambas-Pepperoncino-Pasta, Steinbutt mit Pfifferlingen, Sauerampfer-Sorbet.

Ein Viererbild: Zwei gefüllte Teller, eine Weinflasche, ein gefülltes Süßweinglas

Kalbskotelett, Ahornmousse.

Wir wurden sehr herzlich und freundlich versorgt, aßen sehr gut, sprachen unter anderem über Kinderreime, bekamen wirklich spannende Weine zum Essen – allerdings deutlich zu viel davon. Wie geplant nahmen wir ein Taxi zurück zum Hotel, doch ich fühlte mich vor allem betrunkener, als angenehm gewesen wäre.

die Kaltmamsell