Journal Freitag, 5. Juli 2024 – #WMDEDGT

Samstag, 6. Juli 2024 um 9:46

Frau Brüllen fragt, “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” und schart für den 5. des Monats wieder Tagebuchblogger*innen um sich unter dem Hashtag #WMDEDGT: Hier die Ausbeute für Juli 2024.

Wie erwartet schwer eingeschlafen, unruhig geschlafen, zudem aber auch viel zu früh aufgewacht – das Wochenende wird das rausreißen müssen. Ich fühlte mich nur leicht dumpf, wusste aber, dass mich der Schlafmangel am Vormittag einholen würde.

Das Wetter hatte die Vorhersagen nicht gelesen, war statt sommerlich deutlich düster und kühl, ich griff wieder zu langen Hosen, zu geschlossenen Schuhen und zu Jacke. Auf dem Weg in die Arbeit wurde ich sogar feuchtgeregnet.

Handy-Screenshot mit Anzeige "16 Grad" und Sonnensymbol

Was die App behauptete.

Blick auf hohes modernes Bürogebäude vor dunkelgrauem Himmel

Wie’s vorm Bürofenster aussah.

Auf den Gängen und Fluren freitägliche Homeoffice-Ruhe, so ließ sich gut arbeiten. Morgen-Routine: Rechner starten, Tasche auspacken (Brotzeit, Zeitung), Wasser für Tee aufsetzen, in Rechner einloggen, Tee kochen.

Beim Arbeiten merke ich immer deutlicher die Nachteile der kaputten Suchmaschinen. Bis vor kurzem dienten mir Google-Suchen auch bei der Einschätzung, wie gebräuchlich ein Fachbegriff ist und in welchem Kontext er verwendet wird. Wenn ich jetzt für einen Begriff sehr wenige Treffer bekomme, kann das auch bedeuten, dass Websites, auf denen er vorkommt, vom aktuellen Such-Algorithmus schlicht als irrelevant eingestuft werden. Es ist verheerend. Jetzt erst wird mir bewusst, für wie viele Zwecke ich Google genutzt habe, die gar nicht vorgesehen waren.

Normal emsige Arbeit, ließ sich auch mit Schlafmangel gut bewerkstelligen.

In der Challenge “Wie skurril kann ein Beschaffungsprozess werden?” wurde eine neue Benchmark erreicht: Ein Formular, mit dem ich durch Unterschrift versichern muss, dass ich die Regeln für das Ausfüllen eines älteren, weiterhin verpflichtenden Formulars kenne.

Mittagscappuccino im Westend, jetzt ließ sich endlich die Sonne sehen, wenn auch nur phasenweise und mit frischem Wind.
Zu Mittag gab es ein großes Stück Empanada vom Vorabend.

Nachmittags Routineaufgaben, ich konnte pünktlich Feierabend machen. Allerdings kämpfte ich jetzt mit Schwindel, die Einkäufe beim Vollcorner waren mühsam. Aber ich freute mich an Wärme und Sonne.

Gymnastik war daheim bei anhaltender Wackeligkeit wenig attraktiv, statt dessen kümmerte ich mich ausführlich um Finger- und Zehennägel, es war höchste Zeit. Das dauerte so lang, dass fast schon Zeit für Abendessenszubereitung war, ich setzte mich nur kurz zum Ausruhen hin.

Zum dritten Mal in Folge und innerhalb weniger Wochen teilte mir ein Online-Anbieter nach Kauf mit, dass die bestellte Ware doch nicht verfügbar war. Hmpf. Diesmal war es ein Sonderangebots-Bikini mit Neckholder, wie ich sie beim Draußenschwimmen bevorzuge – ich hatte gezielt nach einem Back-up für meinen derzeitigen einzigen gesucht.

Fürs Nachtmahl, freitäglich eigentlich traditionelle Kuh auf Wiese (gebratenes Rindfleisch mit Salat), machte ich eine Weinentdeckung der jüngsten Verkostung auf:

Stilglas mit dunklem, leicht trüben Weißwein, dahinter eine Weinflasche, dahinter Geschirrschrank

Gsellmann aus Gols hat einen Traminer, spontanvergoren und im Eichenfass sowie in Amphore ausgebaut, der echt abgefahren, aber wirklich fein schmeckt: Teerose in der Nase, dann trocken und aromatisch im Mund.

Eine große, dicke Scheibe rohes Rindfleisch mit Fettrand auf weißem Einwickelpapier

Ich hatte mir Côte de Boeuf gewünscht, Herr Kaltmamsell hatte beim Eisenreich am Viktualienmarkt ein sehr schönes gefunden.

Dieselbe Scheibe Fleisch dunkel und kross gebraten auf einem weißen Schneidebrett, im Hintergrund eine tiefe, schwarze Eisenpfanne

Gedeckter Tisch mit Stroh-Sets, zwei Glastellern mit Tranchen Rindfleisch, dazwischen eine weiße Schüssel mit grünem Salat

Dazu gab’s Ernteanteil-Salat mit Zitronensaft-Vinaigrette und süßer Zwiebel. Schmeckte alles hervorragend, der Wein passte auch zum Salat, vom Trumm Fleisch blieb nur wenig übrig (ich durfte den Knochen abnagen – wir sind eine Knochennag-Familie im Gegensatz zu der von Herrn Kaltmamsell).

Die Platz-Sets sind neu: Ich hatte sie über eine instagram-Werbung für Kleidung bei einem spanischen Shop entdeckt, der in Spanien produzierte Produkte anbietet – und sie erinnerten mich sehr an spanische Bast-Sets meiner Kindheit, die meine Mutter schön gefunden hatte. Hier ging die Bestellung dann doch gut, nachdem die erste Rückmeldung gelautet hatte, es gebe die Sets nur noch in Blau (indiskutabel, diese Farbe war die einzig korrekte). Doch nachdem ich meine Bestellung storniert hatte, wurden sie mir dann doch wie gewünscht bestätigt, ich bestellte erneut (und für günstiger). Erwähnenswert: Die runden Untersetzer sind eigentlich Brotteller, in besagtem spanischen Shop gibt es eine große Auswahl Brotteller – für spanische Privathaushalte offensichtlich sinnvoll, weil es wohl bis heute zu allem Brot gibt.

Nachtisch Schokolade. Ich war sehr, sehr müde, versuchte mich aber bis nach neun wach zu halten – eigentlich nur, weil mir Schlafengehen am hellichten Tag komisch vorkam.

Von draußen drang seit Stunden Baustellen-Lärm herein; er klang, als würde eine Straße weiter gleichzeitig ein Haus abgerissen und eine aufgerissene Straße aufgefüllt und festgerüttelt. Als würde jemand gleichzeitig mit Spundwänden Mikado spielen. Und das in der Freitagnacht. Ich griff wieder zu Ohrstöpseln, musste dennoch das Fenster schließen, denn ich wollte wirklich, wirklich schlafen.

§

Gestern las ich Dana von Suffrin, Otto aus.

Mir gefiel der Roman gut, in dem eine junge Frau als Ich versucht, das Leben ihres sterbenden Vaters Otto aufzuschreiben, die Geschichte ihrer wirren und seltsamen Familie – in der sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, auch die Europas spiegelt (der Vater ist ein Jude aus Siebenbürgen). Sie beginnt in der Gegenwart in einem Münchner Krankenhaus, von dort geht es in Erinnerungen und in wirren Dialogen mit ihrem Vater hin und her – irgendwie schafft sie es ganz ungeordnet dann doch.

Es gibt keine eigentliche Handlung nach diesem Anfang im Krankenhaus, wo sie ihren Partner kennenlernt – der Roman liest sich ein wenig wie ein Werkstattbericht über das Schreiben dieses Buchs. Doch das machte nichts, denn es gibt einige interessante Figuren, denen man nahe kommt, und mir gefiel, wie viel München drin ist (Olympiastadt, Isar, Trudering). Immer wieder schreibt die Erzählerin schöne Beobachtungen auf:

Ganz am Schluss ein Hadern mit dem Festhalten von vielleicht doch nur Oberflächlichem (passt gut zum heutigen #WMDEDGT):

Mittransportiert werden Informationen, wie jüdischer Alltag heute in Deutschland aussehen kann, säkular, zwischen allen Stühlen.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 4. Juli 2024 – Wochentagsgäste

Freitag, 5. Juli 2024 um 6:34

Richtig gut geschlafen, nur wenig zu früh aufgewacht.

Erste Vorbereitungen für die Abendessenseinladung, auf dem Weg in die Arbeit war es sehr frisch. Das blieb auch im Büro so, bis ich trotz langer Ärmel und Hosenbeine zur Jacke griff: In Juli-Hitze begrüße ich ja dieses Nord-Ost-Büro, in Juli-Kälte nicht so.

Aber: Endlich wieder eine Arbeitsphase, in der ich mich nicht gehetzt fühlte, sondern auch mal interne Infos nachlesen konnte.

Mittagscappuccino bei Nachbars. Mittagessen eingeweichtes Muesli mit Joghurt, einige Pfirsiche und Nektarinen.

Feierabend gestern gleich nach Kernzeit-Ende um 15 Uhr, ich wollte ja Gäste bekochen. Also marschierte ich auf direktem Weg nach Hause.

Die Linden wollen dieses Jahr in München gar nicht mehr aufhören zu blühen, auch sechs Wochen nach den ersten Düften rieche ich sie noch. Kein subjektiver Eindruck, las ich gestern im Lokalteil der Süddeutschen (€):
“Linden blühen besonders stark:
‘Ende Juli können Allergiker wieder aufatmen'”.

Ich machte mich an die Zubereitung einer Empanada mit Spinat-Paprika-Füllung (diesmal wieder mit Blattspinat).

Grüner Salatkopf von oben

Dazu gab es Teile dieses Salats aus Ernteanteil, den Herr Kaltmamsell später mitbrachte, mit Tomate und süßer Zwiebel (wieder bei Verdi gefunden). Dazwischen geriet ich dann doch ein wenig ins Hetzen mit dem Herrichten der Wohnung auf Gästefeinheit, doch ich wurde exakt zum Klingeln des ersten Gastes um sechs fertig.

Meine beiden Gäste waren frühere Mitschülerinnen, die ebenfalls in München wohnen; nach einem Klassentreffen vor fast drei Jahren hatten wir losen Kontakt aufgenommen. Einer davon begegne ich alle paar Monate, weil sie in der Nähe wohnt – zuletzt, weil wir an derselben Adresse als Wahlhelferinnen eingesetzt waren. Geplant war ein Abendessen auf dem Balkon gewesen, doch dafür war das Wetter wirklich nicht geeignet. Eine brachte Wein mit, eine Nachtisch, nach ausführlicher Besichtigung unserer Wohnung (mit Bewunderung an genau den richtigen Stellen) gab es zum Aperitif Erdbeer-GinTonic, dann Empanada und Salat begleitet von einem frischen Verdejo aus dem spanischen Rueda, abschließend sahnigen Beeren-Quark. (Herr Kaltmamsell hatte Hallo gesagt, sich dann in sein Zimmer zurückgezogen.)

Vor allem aber gab es Gespräche mit zwei sehr umtriebigen Frauen, deren Leben nach paralleler Schulausbildung am humanistischen Gymnasium völlig anders verlaufen war als meines: Eine ist selbständige Unternehmerin in einer fachlichen Nische, von deren Existenz ich ohne sie nicht mal wüsste, die andere arbeitet an verantwortungsvoller Stelle bei der Stadt München, eine kümmert sich viel um ihre greisen Eltern und die Familien ihrer beiden Schwestern, die andere hat zwei mittlerweile erwachsene Söhne und startet gerade privat eine neue Lebensphase. Beim Abschied bekam ich ein Sterbebildchen von einer Trauerfeier, an der ich selbst nicht hatte teilnehmen können (ja, wir sind in diesem Alter): Eine Frau, mir der wir gemeinsam viele Jahre Chor gesungen hatten, war jung gestorben.

Es wurde deutlich später als ich vorausgesehen hatte, ich kam erst nach elf ins Bett und wusste, dass ich nach so viel sozialer Interaktion kaum schnell oder dann tief schlafen würde. Machte nichts, ist ja die Ausnahme.

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Ute Vogel hat an einem Seminar über Kochbücher und ihre Aussagekraft in der Geschichte teilgenommen und ausführlich darüber gebloggt – schon an den sich wandelnden Titelbildern von Kochbüchern lassen sich viele gesellschaftliche Veränderungen ablesen:
“Rückblick Seminarteilnahme: Kochbücher und Zeitgeschichte”.

Und da ist ja noch nicht mal darauf eingegangen, wer eigentlich Kochbücher schreibt – ich denke da an den Wandel der vergangenen Jahrzehnte, mit dem immer häufiger Leute aus dem Internet (Blogger*innen, YouTuberinnen, instagram-Publizist*innen) und Einwander*innen Kochbücher schreiben und gut verkaufen.

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Apropos: Ich liebe wissenschaftlich orientiertes Kochen. Nachdem ich auf diese Weise auf standard.at bereits zu dem sehr guten Rezept für Mohnnudeln kam, sieht das hier nach einer heißen Spur Richtung wunderbarem Kaiserschmarrn aus.
“Die Suche nach dem perfekten Kaiserschmarrn”.

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War an mir vorbeigegangen (Tagesschau verpasst): Am Mittwoch wurde der erste Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung veröffentlicht.

Auf Bluesky greift Jens Südekum ein paar Details heraus (er ist Professor für International Economics an der Uni Düsseldorf).
Besonders interessant finde auch ich:

Viele Menschen in Ostdeutschland scheinen also absolut gesehen zufrieden zu sein, gehen aber gleichzeitig davon aus, dass es ihnen viel schlechter geht als den Menschen anderswo.

(Wer mag diesen falschen Eindruck wohl schüren?)

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 3. Juli 2024 – Wirklich langweiliger Blogpost

Donnerstag, 4. Juli 2024 um 6:09

Der nächtliche Schlaf wurde mehrfach gestört durch Draußengeräusche. Es wundert mich wirklich, dass Menschen sich in Autos setzen und damit in die Innenstadt fahren, nur um hier zu hupen. Ich habe ja selbst viele komische Gefühle und Impulse, aber dorthin kann ich mich nicht denken und fühlen. Dann wachte ich auch noch eine Stunde zu früh auf.

Draußen war es regnerisch und kühl, beim Bloggen fühlte ich mich mittelschwer verkatert. Ich hoffte auf Erfrischung durch den Marsch ins Büro (dicke Jeans und Jacke unter Regenschirm), doch dort hing ich ebenfalls verkatert, dumpfhirnig und mit trockenen Augen vor meinem Bildschirm – in Kombination mit kurz getakteten Aufgaben und Terminen besonders schlecht.

Inhaltlich war der Arbeitstag durchaus etwas Besonderes und spannend, aber das geht Sie nichts an. Deshalb muss ich Sie leider langweilen.

Nach einer Online-Infoveranstaltung schnappte ich mir wieder den Regenschirm und ging ins Westend auf einen Cappuccino.

Mittagessen: Reife Plattpfirsiche (-> innerliche Vollverklebung wie nach einer halben Tüte Gummbärchen), Hüttenkäse.

Den Nachmittag über war ich gut beschäftigt, zwang mich aber zu halbwegs pünktlichem Feierabend (manchmal kann man nämlich wirklich etwas auch noch am nächsten Tag erledigen). Auf dem Heimweg Einkäufe beim Verdi: Am Donnerstagabend werde ich zwei Gäste bekochen, und damit das selbst nach sehr frühem Feierabend klappt, kaufte ich schon alle Zutaten ein.

Daheim aus selbem Grund eine Runde halbschariges Staubsaugen und -wischen (Sie erinnern sich an den ausgefallenen Putzmann?) und rumliegendes Zeug verstecken (“aufräumen”), dann nahm ich mir endlich mal wieder Zeit für Gymnastik – war aber für echten Genuss zu gereizt.

Das Nachtmahl kauften wir extern: Ich hatte bei Servus Habibi bestellt, Herr Kaltmamsell ging Abholen. Dann gab es zu nordafrikanischem Fladenbrot hervorragendes Hummus, außerdem Labneh (noch ein Frischkäse, diesen liebe ich wegen seiner Cremigkeit und Säure), fluffige Falaffel, Grillgemüse, gebratenes Hühnchenfleisch, Tomaten-Gurken-Salat – sehr gut, und es blieb genug übrig für Herrn Kaltmamsells Brotzeit. Nachtisch waren erstmal reife Pfirsiche und Nektarinen, die weg mussten. Dann Schokolade.

§

Der Bayerische Rundfunk berichtet über sich selbst in wichtiger Angelegenheit:
“Wie wir bei BR24 mit Hasskommentaren umgehen.”

Seit drei Jahren können Medienhäuser in Bayern Hass und Hetze einer offiziellen Stelle als “Prüfbitte” melden.

Seitdem wurden rund 651 Prüfbitten eingereicht, davon 172 vom BR (Stand: 7. Februar). In 523 Fällen wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil der Anfangsverdacht einer Straftat gegeben war.

Davon wurde in 147 Fällen Anklage erhoben oder der Erlass eines Strafbefehls beantragt, von denen bereits 91 Verfahren rechtskräftig sind – davon 27, die auf Prüfbitten des BR zurückgehen. In diesen Verfahren wurden Geldstrafen zwischen 20 und 150 Tagessätzen sowie Freiheitsstrafen (mit Bewährung) zwischen drei und acht Monaten verhängt. Rechtskräftige Freisprüche gibt es bislang nicht. In 270 Fällen wurden die Verfahren eingestellt. Das passiert beispielsweise, wenn ein Täter nicht ermittelt werden kann, eine Geldauflage gezahlt wird oder wegen geringer Schuld. Mit 89 Prozent ist die Aufklärungsquote insgesamt sehr gut.

Es werden zahlreiche konkrete Beispiele genannt, Begründungen des Gerichts für die Verurteilung: Belohnung/Billigung von Straftaten, Volksverhetzung, Öffentliche Aufforderung zu Straftaten – “Voll mit Lkw drüber fahren ohne nachzudenken” über Klimaaktivist*innen wird zu meiner Beruhigung nicht als Scherz aufgefasst.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 2. Juli 2024 – Arbeitswiedereinstieg anstrengend für Hirn und Gemüt

Mittwoch, 3. Juli 2024 um 6:03

Trotz des Risikos, am letzten Urlaubstag nicht schonmal die Arbeits-E-Mails zu bearbeiten, schlief ich gut.

Es regnete nicht mehr, die Luft war kühl. Weg in die Arbeit also in den nächsten Monaten um die Theresienwiese herum.

Zackig sehr viel sortiert und weggearbeitet, abgestimmt, geklärt, außerdem aus guter Erziehung an Geselligkeit teilgenommen.

München ist, wenn auf dem Weg zum Mittagscappuccino bei Nachbars eine Krähe mit Breze im Schnabel über dich hinweg fliegt.

Gegen Mittag hatte ich dann auch langsam einen Überblick. Als Brotzeit gab es eine restliche Körnersemmel vom Vortag, außerdem Nektarinen mit Skyr. Schon am Vorabend war ich dem Geheimnis von Skyr nachgegangen, der für mich wie weichgerührter Magerquark schmeckt. Ich hatte das schonmal recherchiert, aber gleich wieder vergessen, vielleicht behalte ich es durch Aufschreiben: Tatsächlich ist auch Quark ein Frischkäse, kann mit Lab gesäuert werden, muss aber nicht. Bei der Säuerung trennt sich die Milch in Eiweiß und Molke. Man lässt die Molke abtropfen – habe ich früher manchmal selbst gemacht, indem ich die Milch sauer werden ließ, vor allem wenn ich festen, krümeligen Quark haben wollte. Frischkäse wird genauso hergestellt, bei beiden Produkten (und bei Skyr, ebenfalls ein Quark/Frischkäse) kann man halt am Fett- und am Wassergehalt drehen, durch Zusetzen von Sahne und durch die Abtropfzeit oder durch Pressen.1 Viel interessanter finde ich, warum Mozzarella und Ricotta, beides ebenfalls Frischkäse, so deutlich anders sind.

Der Nachmittag wurde wegen einer stark verlängerten Besprechung zackiger als geplant, zumal er ein klares Ende hatte: Eine weitere Geselligkeit. Auch die brachte ich hinter mich, ohne dass ich nächtliches Gedankenkarussell befürchten musste, welchen Scheiß ich diesmal wieder von mir gegeben hatte. Gelernt: Bei abendlichen Draußen-Aufenthalten in München derzeit lieber mal immer Mückenspray dabei haben.

Marsch nach Hause unter bedrohlich dunklen Wolken, ich bekam aber nur ganz wenige Regentropfen ab. Daheim wartete Herr Kaltmamsell mit dem Abendessen auf mich: Er hatte sich aus dem Ernteanteil-Kohlrabi, restlichem Mascarpone vom Vorabend ein Spaghettigericht mit Zitronenschale, gerösteten Mandelblättern und Zitronenthymian ausgedacht.

Weißer Teller auf grünem Set, darin das eben beschriebene Gericht

Exquisit!

  1. Kein Link zu Quellen, weil ich diese scheinbar schlichte Information aus Bröckchen von verschiedenen Websites zusammenklauben musste. Von denen es erstmal die immer mehr Maschinen-generierten auszusortieren galt, die rein für SEO und Bannerschaltung gebaut werden. []
die Kaltmamsell

Journal Montag, 1. Juli 2024 – Bewertungsringen, ein wenig Entspannung

Dienstag, 2. Juli 2024 um 6:29

Unruhiger Schlaf wegen zu viel Rotwein und zu viel Schnarchen im Raum. Ich stand früh mit Herrn Kaltmamsell auf, um ihn mit Milchkaffee bekochen zu können. Entspannung hatte der Alkohol keine gebracht, an Verkaterung hinderte ihn das nicht – Gift bleibt Gift.

Der Morgen begann wider die Vorhersagen sonnig, aber angekündigt kühl. Noch vor dem Bloggen formulierte ich die Unterkunftsbewertung für Klagenfurt fertig, als sachlichen Abgleich zwischen Fakten und Annonce. Zur Sicherheit machte ich von den Anbieter-Angaben Screenshots und stellte bei dieser Gelegenheit fest, dass auch die Fotos zur Annonce manipulierend waren: Der Essplatz war im Gang fotografiert, das Zimmer mehrmals mit verschiedener Ausstattung (mal mit Esstisch, mal mit Sitzecke), die gleichzeitg gar nicht reingepasst hätten. Nun stand für mich endgültig fest, dass der falsche Eindruck gezielt erweckt wurde und nicht etwa ein Versehen war. In der direkten Nachricht an die Vermieterin, die im Bewertungsprozess vorgesehen ist, bat ich um Korrektur.

Gebloggt, Morgentoilette. Ich ging raus um Semmeln zu holen und stellte fest, dass es wirklich sehr frisch war. Der Putzmann hatte für gestern abgesagt, ich konnte meinen freien Montag also deutlich freier planen als sonst. So las ich Zeitung, unter anderem (€) den Bericht von Christiane Lutz über den Bachmannpreis – dem ich anmerkte, dass sie nicht alle Jurydiskussionen mitverfolgt hatte, möglicherweise nicht mal alle Texte gelesen:

Olivia Wenzel fällt da angenehm aus dem Raster, in ihrem originellen Text „Hochleistung, Baby“ erzählt sie von einer jungen Mutter, die im Job kämpft – sie muss als Journalistin einen ehemaligen Fußballprofi auf einem Fischerboot interviewen, während sich in ihren Brüsten die Muttermilch zur Unerträglichkeit staut.

Hahaha, nein: Diese Figur kämpft keineswegs im Job als Journalistin, es stellt sich bald heraus, dass das Interview nur in ihrer Phantasie stattfindet. Außerdem gibt’s am Ende den Sex, von dem Lutz behauptet, er sei in keinem der Texte vorgekommen.

Später richtete ich dem Übernachtungsgast das Frühstück, plauderte ein wenig. Nach zehn machte ich mich lauffertig und nahm unter jetzt düsterem Himmel eine U-Bahn zum Odeonsplatz.

Mit immer wieder ein paar Regenspritzern lief ich los, ab Emmeramsbrücke regnete es eine Weile auch ernsthaft. Doch ich hatte ja eine Schirmmütze auf, es war nicht kalt: Wurde ich halt ein bisschen feucht. Die gut anderthalb Stunden waren eine körperliche Freude, und mein Hirn kam endlich ein wenig zum Verarbeiten.

In einer künstlerischen Gartenlandschaft ein alter steinerner Pavillon unter düsteren Wolken

Blick von halb oben auf Englischen Garten unter düsterem Himmel, im Vordergrund eine Säule, neben dem ein Paar sitzt

Graffiti an einem alten Wehrgebäude mit Tor, unten Flusswasser

Föhringer Wehr.

Tordurchgang mit bemalten Wänden, Wassertiere im Wasser, inklusive einem Eichhörnchen mit Taucherausrüstung

Diese Passantin war so freundlich, auf meine Geste hin bereichernd ins Bild zu laufen (den Satz, mit dem ich das erklärte, verstand sie allerdings sehr wahrscheinlich nicht: Kopfhörer).

Blick aufs grüne Wasser eines Kanals, der von Bäumen gesäumt ist, im Hintergrund ein Wehr

Mittlerer Isarkanal.

Riesiger Baum, dessen linke Stamm-Seite aufgerissen ist

Schwerverletzte Pappel.

Am Bayerischen Nationalmuseum nahm ich eine Tram zurück. Daheim war der Übernachtungsbesuch bereits abgereist. Ich betrieb ausführliche Körperpflege, kurz vor zwei gab’s zum Frühstück Semmeln mit Tomate (zugekauft) und Honig. Herr Kaltmamsell kam von der Arbeit und erzählte davon, ich wurde fressmüde und legte mich ein Stündchen ins Bett, schlief auch ein.

Noch ein Spaziergang für Einkäufe zum Vollcorner – so sah ich bereits vor dem nächsten Marsch in die Arbeit, dass die Theresienwiese abgesperrt wurde: Wieder ein wenig früher für den Aufbau des Oktoberfestes (und offiziell bis 22. Oktober). Konsequenterweise wird es in ein paar Jahrzehnten gleich nach dem Winter-Tollwood aufgebaut.

An der Ecke Pettenkoferstraße-Bavariaring eine Stele, das Münchner Pendant zu Stolpersteinen (rechts unten am Zaun-Pfeiler):

Vor einem prächtigen alleinstehenden Altbau ein Zaun mit Hecke

Albertine Neuland hat also hier einst gewohnt und wurde im Ghetto Theresienstadt ermordet.

Als ich zurückkam und die Einkäufe verstaut hatte, setzte ich mich zum Zeitunglesen auf den Balkon – und kam nach all den eigentlichen Urlaubstagen endlich zu urlaubigem Blödschaun. Bis mich dunkle Wolken und Regen zurück ins Wohnzimmer trieben, war mir leider wieder schwindlig, ich strich meine Gymnastikpläne. Es regnete überraschend energisch.

Herr Kaltmamsell nutzte die Purple Haze-Karotten aus Ernteanteil (Lagergemüse), um mir einen Rezept-Wunsch aus dem SZ-Magazin zu erfüllen: Geschmorte Karotten mit Couscous.

Glasteller auf grünem Set, darauf dunkle Karotten in dunkler Sauce, Couscous mit ein wenig weißer Sauce

Schmeckte hervorragend, mit das Beste, was man mit Lagerkarotten machen kann. Nachtisch nach fast einer Woche wieder Schokolade.

Im Bett las ich noch in Dana von Suffrin, Otto, das mir viel Vergnügen bereitet. Durchs offene Fenster hörte ich Regenrauschen und entfernt aus der Klinik mal wieder das Röhren einer gebärenden Frau (Sie erinnern sich? die Fenster der Kreißsäle liegen offensichtlich auf der uns zugewandten Seite? und stehen in den Sommermonaten wohl oft offen?), und ich dachte, dass solch eine groteske Kombination eigentlich in einen frühen John-Irving-Roman gehört.

§

Informatives Interview in Spektrum mit Klimaforscher Sebastian Sippel:
“‘Was ist eigentlich Extremwetter, Herr Sippel?'”.

§

Gabriel Yoran schreibt über einen Missstand – und ich bin erleichtert, dass er ihn als Missstand beschreibt, dass ich mich also nicht einfach nur anstelle: Über die Flut von Dienst-Meldungen, die mittlerweile übers Internet hereinfließt.

Endlose (und in Deutschland oft juristisch wirkungslose) Nutzungsbedingungen bei der Installation von Apps. Cookiehinweise, die wir ungelesen wegklicken, und die immer wieder kommen. Rote Badges auf ungezählten Icons, Badges, die mal für ungelesene E-Mails standen, als das noch eine wertvolle Auskunft war. Beim Abziehen des Kindle-Readers zum tausendsten Mal „Die Festplatte wurde nicht ordnungsgemäß ausgeworfen“ (was bislang jedes Mal folgenlos blieb), Fake-SMS von „DHL“ oder dem „Zoll“ (die man auf keinen Fall anklicken sollte), Online-Werbung, die so tut, als wäre sie die Tagesschau, sich dann aber als Bitcoin-Betrug entpuppt, der monatliche Bericht der Fritzbox über Anrufe unbekannter Nummern auf dem Festnetz oder die schwankende Anzahl der Geräte im heimischen WLAN, Treuepunktberichte von Versandhändlern, denen man vor fünf Jahren mal einen Bettbezug abgekauft hat, „Bitte hilf uns, dein Konto sicherer zu machen“, „Ihr Paket kommt morgen, heute, in den nächsten vier Stunden“ und dann leider doch nicht wegen eines Staus oder einer Störung des Betriebsablaufs oder des großen Gesamtzusammenhangs, die ständigen Fragen, wie zufrieden man mit dem Kundendienst war, ob man die Firma weiterempfehlen würde auf einer Skala von eins bis zehn? Dann ändern sie noch ihre Datenschutzbestimmungen, immerzu ändern sie die, es gibt mehr Datenschutzbestimmungen als es Unternehmen auf der Welt gibt, also nochmal fünf Dutzend Seiten, in die eine Anwaltskanzlei ihr ganzes Können gesteckt hat, ungelesen wegklicken. Ach und übrigens, dieses Gerät, von dem du dich da gerade einloggen willst? Das kennen wir noch gar nicht. Das ist seit Jahren das gleiche Handy? Da könnte ja jeder kommen. Erstmal Username und Passwort bitte, Freundchen! Schließlich die Bank, die tatsächlich eine E-Mail schickt, weil ein neuer Kontoauszug vorliegt.

Nicht nur mich kostet es also immer mehr Energie, diese Nachricht zu filtern, zwischen den unwichtigen und den relevanten zu unterscheiden.

Es ist, als wäre ständig Enkeltrick, und wir alle sind die Großeltern.

Ich schenke Ihnen diese luzide und verzweifelte Zusammenfassung von gleichzeitiger Über- und Unterinformation:
(Leider ohne Verschenk-Möglichkeit.)
“Sie haben neue Pfuschnachrichten”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 30. Juni 2024 – Rückreise von Klagenfurt, keine Entspannung

Montag, 1. Juli 2024 um 7:01

Trotz spätem Einschlafen wachte ich vor Weckerklingeln auf, draußen nochmal Sommer.

Fertigbloggen, Fertigmachen für die Abreise. Ich fotografierte die Unterkunftsituation als Belege, die sachliche Bewertung mit allen Abweichungen von der Annonce formulierte ich ohnehin bereits seit Tagen im Kopf.

Blick von schräg oben auf einen sonnenbeschienenen Kanal mit vielen Bäumen gesäumt, im Vordergrund Sandboden mit Tischen und Stühlen, leer

Leerer Lendhafen

Zeitig rollkofferte ich durch die früh deutliche Sommerhitze vorbei am bereits regen ORF-Gebäude zum Klagenfurter Bahnhof. Der Railjet der ÖBB stand schon parat, ich setzte mich auf meinen schön klimatisierten Platz in offensichtlich betagter Ausstattung – und hatte damit zweifach Glück: 1. Meine Reservierung existierte in diesem Zug, dem zwei Wagen fehlten (an jedem Bahnhof herumirrende Passagiere, die vergeblich ihre Platznummer suchten), 2. Die Klimaanlage funktionierte – anders als in den Wagen, von denen in der ersten Stunde Passagiere aufgefordert wurden, sich lieber woanders Plätze zu suchen. Solche Erlebnisse haben für mich DB-Kundin ja immer eine leise Note der Erleichterung: Andere Bahngesellschaften sind auch nicht perfekt. Wieder andere Wagen wurden von alkoholisierten Fußballfans belärmt – auch dem entging ich.

Während ich auf meinem Handy Zeitung las (WLAN gab es keines auf der gesamten Fahrt, ich verschob das Zusammenstellen von Lieblings-Microblog-Posts Juni), verfolgte ich auf Bluesky und Mastodon die Bachmannpreisverleihung, zusätzlich informiert von einer Mit-Schlachtenbummlerin, die den Stream hörte. Ich konnte die Bepreisungen nachvollziehen außer dem Hauptpreis: Bei aller Gratulation an Tijan Sila – weder der Text “Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde” noch die Jury-Diskussion hatten auf etwas Überragendes hingewiesen. Dass Henrik Szántó mit seinem “Eine Treppe aus Papier” komplett leer ausging, sah ich ebenfalls von Textqualität und Jurybesprechung entkoppelt.

Der Zug wurde immer voller, ab Salzburg standen die Leute in den Gängen. Ich war froh um meinen Sitzplatz, war darauf allerdings so in meinem Gepäck eingeklemmt, dass mein Kreuz immer heftiger protestierte und bis ins ganze rechte Bein unangenehm schmerzte. Ankunft in München mit großer Erleichterung.

Hier war das Wetter kühler, wenn auch schwül. Zuhause traf auch bald eine Mit-Schlachtenbummlerin ein, die auf Montag bei uns übernachten und dann weiterreisen würde. Unterhaltungen zu dritt, Herr Kaltmamsell hatte als Nachtmahl überbackene Enchiladas vorbereitet, die gab es nach einem heftigen Regen draußen und erwarteten und dennoch schlimmen Wahlergebnissen aus Frankreich: Es steht die erste faschistische Regierung einer Alliierten-Nation bevor. Ich hatte große Lust auf Alkohol gehabt und gehofft, mir damit ein wenig Entspannung nach diesen angespannten Tagen zu holen: Der spanische Rotwein zum Essen schaffte das leider nicht.

Als gute Idee erwies sich wieder, dass ich auch den Montag Urlaub genommen hatte: Ich würde diesen Tag dringend zum Runterkommen brauchen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 29. Juni 2024 – Bachmannpreislesen, Tag 3

Sonntag, 30. Juni 2024 um 8:13

Der Wecker holte mich aus tiefem Schlaf, der die ganze Nacht gut gewesen war. Ich hatte ja noch fertig zu bloggen.

Moderner Hauseingang mit Schiebetür, auf der Scheibe "ORF K", rechts daneben aufgestellt ein Hinweisschild "Zum Bachmannpreis"

Wieder war ich rechtzeitig genug im Fernsehstudio für einen Sitzplatz ganz hinten. Ich betrachtete die nackten Nacken in den Reihen vor mir, an deren Kurvigkeit sich fast immer das Alter des Menschen ablesen ließ.

Tag 3, an dem vier Texte vorgelesen und besprochen wurden, begann mit Semi Eschmamp und seinem Text “Ist Realität selbst da, wo sie nicht hingehört?”: Ein surrealer Text mit verschobener Realität in Kapiteln, die einander die Hand gaben. Ich bemerkte, dass meine Aufmerksamkeit immer wieder abschweifte und ich sie mit Anstrengung zurückholen musste.

Erstmals machte Philipp Tingler den Anfang: Ihm hatte der Titel gefallen für das Projekt einer Tour durch Begriffe, Fragen von Mitteilsamkeit und Bedeutung, von einem Begriff zum nächsten, mal mehr, mal weniger gelungen. Manche Bilder fand er gut, blieb jedoch zwiespältig gegenüber einer “Sprache manchmal ein bisschen wie vom Lastwagen gefallen” – was auch Absicht sein könne. Thomas Strässle sprach von einem phantastischen Text phantastischer Literatur, der eigentlich aus der Zeit gefallen sei: Agierender Blick, Traum, personalisiertes Lächeln war eigentlich eine Strömung des 19. Jahrhunderts. Die philosophischen Exkurse darin seien vor allem Quatsch, könnten aber ebenso Absicht sein wie die regelwidrige Zeichensetzung und die Floskeln. Mithu Sanyal mochte das Arbeiten mit Absurdität, wie die Sätze verschränkt seien, fand gleichzeitig keine Beziehung der Personen zur Welt.

Klaus Kastberger stimmte den Eindrücken zu, wies auf sprachimmanente Prozesse hin, fand darin Methoden der 20er-Jahr-Avantgarde. Er hielt es für möglich, dass der Text von KI geschrieben wurde (fragte nach den Regeln des Bachmannpreises für solche Fälle), weil so vieles knapp daneben sei. Er fand gut, dass der Text seinen eigenen Produktionsprozess reflektierte – war allerdings enttäuscht über das Ergebnis. Mara Delius fand das mit KI einen schlimmen Vorwurf, doch auch sie fragte sich, ob die Reflexion des Produktionsprozesses funktioniere, von der Hinterfragung der Realität lenkten die Bilder ab, und die Verschachtelungen seien zu simpel. Brigitte Schwens-Harrant schloss sich an: Sie mochte den Blödsinn, der Text arbeite reizvoll mit Methoden, die Realität zu durchbrechen, doch wo gehe das hin? Enttäuscht war sie vor allem, dass der Text mit einer Moral von der Geschicht endet. Für Laura de Weck drehte er sich um eine Person, die Leichtigkeit sucht, sie sah die Ratlosigkeit der Jury-Diskussion als Spiegel. Veraltet fand sie ihn nicht, er habe ganz eigene Sprachmittel gefunden. Er erzähle den Blick in den Kopf von jemandem, der versuche, sich in den Griff zu bekommen. Kastberger fand ihn dann schon originell, konnte aber keine Figur erkennen.

Strässle kam nochmal auf das Veraltete zurück: Das Buch, das sich nicht öffnen lässt, sei von Novalis, und auch sonst erkannte er “supertraditionelle Elemente”. Sanyal überlegte noch, dass sie den Text lieber als Film rezipiert hätte.

Der nächste Text war ein echtes Highlight: Die Satire “Das Gurkerl” von Johanna Sebauer. Während Sebauer las, wurde das Glucksen und Prusten im Zuschauerraum immer häufiger: Perfekt ausgeführt schildert die Geschichte, wie aus einem Ungeschick in einer Lokalredaktion mit einem Essiggurkenglas eine riesige Gesellschaftskontroverse um Gurkerl wird – mit immer neuen wirklich gut gemachten Wendungen und Details. Lesen Sie den verlinkten Text, er ist wirklich vergnüglich, ich fühlte mich an den Wahnwitz der besten Satiren von Ephraim Kishon in der Übersetzung von Friedrich Torberg erinnert.

Sanyal begann mit Begeisterung über den “wahnsinnig gut geschriebenen Text” von großer Komplexität über Aufheizungsmechanismen. Delius äußerte Respekt vor dem hochriskanten Unterfangen Humor und Effekt – das hervorragend und elegant gelöst worden sei, geschickt komponiert. Gut fand sie, dass die Perspektive sich nicht auf eine Seite schlage. Auch Strässle betonte das Risiko, doch der Text sei nicht gescheitert; er mochte die gut positionierte Erzählerfigur. Allerdings wünschte er sich, er hätte mehr über die Gründe solcher Überhitzungen erfahren und sei deshalb ein wenig unbefriedigt. (Später wiederholte er das, und Delius argumentierte: “Dann würde der Text zusammenbrechen.”) Selbst Tingler fand das Stück überraschend gelungen, die sprachliche Gestaltung überaus gekonnt, mochte die Schwankhaftigkeit der Sprache auch außerhalb der Schimpfwörter, die Verbindung von rustikalem Ton und feiner Beobachtung.

De Weck erzählte von der großen Freude, mit der sie den Text gelesen habe, mochte die Sprache, die Raum suche. Man wisse ja von Anfang an, was passieren würde, und freue sich auf jede weitere Stufe. Der Text beobachte scharf, wo die Polarisierung gerade stehe. Sie wünschte sich allerdings am Schluss zumindest eine Note Dunkelheit. Kastberger war glücklich: Er habe es schon ein paar Mal mit Humor in Klagenfurt versucht, fand die Wahl des Gurkerls als Auslöser der Empörungsspirale genial. Schwens-Harrant stimmte ihm zu, weil dadurch deutlich sichtbar werde, wie komplett beliebig der Auslöser sei. Sie fand den Mechanismus Meinung-Gegenmeinung in den Medien super herausgearbeitet und freute sich, dass das Genre Satire hier vertreten sei. Dass alle Fragen beantwortet würden, liege eben an diesem Genre. Sanyal betonte, dass auch Satire gute Literatur sein könne, fand die Stimme komplett glaubwürdig, assoziierte Nöstlingers Gurkenkönig. Ein wenig ratlos waren manche über das surreale Kapitel mit wuchernden Gurkenpflanzen – ich hingegen hatte mich schon mitten im Zuhören gefragt, wie die Autorin ihre Konstruktion wohl zu Ende bringen würde und fand auch das eine originelle und gute Lösung.

Frühere und kürzere Mittagspause, ich traute mich nicht auf einen Mittagscappuccino weg, weil ich auch im zweiten Teil einen Sitz im Studio wollte. Was klappte. Es ging weiter mit Miedya Mahmod und „Es schlechter ausdrücken wollen. Oder: Ba,Da“. Der Text und das Zuhören waren ungemein anstrengende Wortkunst mit Einsprengseln anderer Sprachen, Wortschleifen, flirrenden Bildern, Personen, Verbindungen, das Ganze ohne eine lineare Geschichte – doch im Gegensatz zum Anfang des Tages litt ich nicht unter Aufmerksamkeitslöchern. Mahmod hatte wohl Fans dabei, die sich beim Applaus durch begeisterte Rufe hörbar machten.

Sanyal betonte, wie fulminant Form und Inhalt korrespondierten, wie Konsequenzen aus Zersplitterung entstünden. Auktorialer und personaler Erzähler verschmolzen ihrer Ansicht nach, sie sah eine selbstbewusste Perspektive, mutig, sich ihrer selbst bewusst. Strässler erzählte, wie gespannt er auf den Vortrag gewesen sei, dass er von einer Partitur für eine Text-Performance ausgegangen sein. Der Text wolle nicht schön sein, keine ästhetischen Kategorien bedienen – man müsse mit ihm anders umgehen als mit den anderen Texten des Bewerbs. Als Themen tauchten auf Sprachkritik, Migration, Kindheit, Ängste – radikal auf Sprache gesetzt, die sich vor den Inhalt stelle. De Weck nahm den Partiturgedanken auf, sie habe sich durch den Vortrag Zugang zum Inhalt gewünscht: Sie habe viel Zeit mit dem Text verbracht, mochte das Bild des Kindes vor dem Kühlschrank, wies darauf hin, dass die Autorin beim Vortrag Stellen des Textes weggelassen hatte. Schwens-Harrant erzählte, dass sie sich den Text sogar selbst laut vorgelesen habe, im Grunde gescheitert sei ob der Vielzahl fremder Wörter. Sie unterstrich das Babel des Nicht-Verstehens, war fasziniert von der Suche nach Bedeutungen, dem Drehen um den Kern der Sprache, fand jetzt den Klang wunderschön.

Laut Kastberger brach der Text eine Lanze für die Wiederholung, die Performance könne nicht genug bewundert werden: Wortmaterial als Faktor der Kohärenz. Auch seiner Meinung nach spielte Schönheit sehr wohl eine Rolle. Er verwies auf Ilse Aichingers Argument für “schlechte Wörter”, wünschte sich mehr Aufmerksamkeit der Feuilletons für diese Art Wortkunst. Delius griff auf, dass sehr interessant sei, was Hören mit einem Text macht; sie habe beim Lesen eher Pseudo-Progressivität gesehen, was sich im Vortrag nicht bestätigt habe. Sanyal verwies auf die Kategorien Anrufung und Gebet, Literatur komme ja ursprünglich aus dem gesprochenen Wort. Tingler äußerte sich skeptisch – wie immer, wenn “kuratorisches Begleitmaterial im Vordergrund” stehe. Er habe sich vorher alle möglichen schrecklichen Einschätzungen aufgeschrieben, sehe jetzt, dass der Text eine bestimmte Präsentation verlange. Doch er habe den Anspruch, dass die Auseinandersetzung mit Literatur auch im Privaten möglich sein müsse. Daraus entspann sich eine hitzige Diskussion. An sich ein hochinteressantes Thema, das durch die Form dieses Wettbewerbs regelmäßig in den Jury-Diskussionen auftaucht: Ich hätte mir einen suchenderen Austausch der Jury gewünscht, einen weniger konfrontativen. Kastberger nahm die Publikumsreaktion als Beleg, dass der Text funktioniere, Schwens-Harrant schlug vor, dass die Qualität eines Textes auch Klanglichkeit sein könne, Delius verwies darauf, dass Literaturkritik sehr wohl etwas damit zu tun habe, ob ein Text geschrieben funktioniert.

Strässle sprach von einem überfordernden Text, Tingler warf ein: “Durch Unterkomplexität.” De Weck versuchte es mit “Überflutung”, wie es sie auch in der Lyrik gebe.

Nachtrag: Dieser Blogpost von Tini beleuchtet die Dynamik des Textes beim Bewerb gut. “#tddl 2: Versuch mein Unbehagen beim Hören und Lesen von „Es schlechter ausdrücken wollen. Oder: Ba,Da“ besser zu verstehen”.

Der letzte Text des Bewerbs kam von Tamara Štanjer: “Luft nach unten”. Eine erwachsene Tochter spricht ihre abwesende Mutter an, erzählt von deren Flucht ins Fressen, von ihrer eigenen Kindheit, mit regelmäßgem Zwangs-Wiegen und Schmähungen ihres Körpers, “Ab jetzt gibt’s nur noch Joghurt!” (das war mir phasenweise etwas too close to home, ich versteinerte), von Erinnerungen an den Großvater. Es riss mich, weil Ingolstadt auftauchte (wegen Viktor Frankenstein), ich war bezaubert, weil die Autorin die Geräusche einer MRT vorsang. Die letzten Absätze fielen Štanjer sehr schwer, sie kämpfte mit Tränen.

Delius nannte den Text einen hochkomplexen und interessanten Brief an die Mutter; schon beim Selbstlesen habe sie den Eindruck gehabt, er habe geschrieben werden müssen. Formal wie inhaltlich sei er ein Versuch, Gesetzmäßigkeiten zu verschieben, zu verhindern, dass Traumata nochmal weitergegeben würden. Sie mochte besonders das Bild der Pünktchen und Punkte, verwies auf die Empörung des Kindes der eigenen Mutter gegenüber: Diese hatte Schlimmes erlebt und es dennoch weitergeben, offensichtlich alles vergessen. Auch Strässle ging auf die metaphorischen Punkte ein, die Flecken und die Linien. Er fand den Text sehr gut gearbeitet, nahm als Beispiel die Plastizität der Fress-Szene mit schwerem Atem, mit den Wortspielen, die sich daraus ableiteten. Tingler hob als gelungenen Aspekt die Intensivierung und die Dringlichkeit hervor: Die Aufzählung der Therapien am Anfang halte noch auf Distanz, doch dann werde die Sprache immer dringlicher. De Weck war überrascht über den leichten Tonfall des Vortrags gewesen: Sie habe die Wut und Anklage lauter erwartet. Sie fand aber die Erklärungen zum Verhalten der Mutter überflüssig – später rechtfertigte Schwens-Harrant sie: Es handle sich doch um die Erklärungsversuche der Tochter-Stimme.

Sanyal hob den Call & Response hervor, dass anfangs die Mutter ein Monster sei, dann beim liebevollen Nähen der Faschingskostüme aber Wärme bekomme. Kastberger referenzierte den Text des 1. Lesetags über das Verrücktwerden der Mutter, in dem der historische Hintergrund eine größere Rolle gespielt habe, hier nur in einem Halbsatz. Hier habe man im Gegensatz zum anderen Text die Innenperspektive. Den Titel des Texts fand er besonders super. Schwens-Harrant konzentrierte sich auf Formales: Ansprache der Mutter, aber die Mutter hört das gar nicht. Das habe eine gewisse Tragik, sei aber eine Form des Aufarbeitens. Manche Abschnitte seien wütend, andere zärtlich, auch sprachlich ganz unterschiedlich – ein imponierender Text. Für Tingler gab es manchmal einen Satz zu viel, doch die Erzählhaltung passe stimmig.

Abschließend fasst de Weck zusammen, dass es in diesem Jahrgang besonders viele Texte mit Bespiegelung der Eltern gegeben habe. Stimmt.

Ich ging recht zügig in fast schon unangenehmer Hitze zur Ferienwohnung, um dort kurz vor drei zu frühstücken: Pumpernickel mit Frischkäse, Nektarinen mit Joghurt. Dann zackiges, Umziehen, Cremen, Packen: Ich spazierte nochmal zum Strandbad.

Dort reichte es für einmal Schwimmen und ein wenig Sonnenbaden mit Musik, dann wurde ich schon wieder wepsert und spazierte zurück. In der Ferienwohnung verbloggte ich den Lesungstag, als Nachtmahl gab’s die Reste der Lebensmitteleinkäufe: Tomaten, rote Paprika, Käse, Nektarinen. Schokolade hatte ich schon auch anfangs gekauft, aber immer noch keine Lust darauf – werde ich krank?

Den Studenten, den mir die Vermieterin nachmittags als Nachbarn vorgestellt hatte, der abends an mein Zimmer klopfte und fragte, ob er meine Gang-Dusche benutzen dürfe, winkte ich dann einfach freundlich durch. (Auch er, so stellte sich heraus, hatte unter falschen Annahmen gemietet.)

Abends nutzte ich die Gelegenheit, ein paar langjährige Klagenfurt-Bekannte zu treffen, die nur für diesen Abend angereist waren: Tex Rubinowitz und Maik Novotny bespaßten den Lendhafen mit ihrem Literatur-Pop-Quiz.

Nacht: Zwischen hohen, steinernen Pfeilern einer Fußgängerbrücke ist eine kleine Bühne aufgebaut, darauf ein Tisch mit Laptop, hinter dem Tisch sitzt ein Mann, links daneben steht ein anderer, umgeben ist die Bühne von Sandboden, auf dem Liegestühlte und Stühle stehen, die meisten mit Menschen besetzt

Die Nacht war herrlich mild, ich ließ mich zu Mitdenken beim Quiz drängen (verquaste Bilderrätsel, dreimal verdrehte Fragen nach absurden Ecken der Popkulturgeschichte), plauderte, nach Abschluss des Quiz auch mit den Mastern, vor allem über die Texte des Bewerbs: Deutlich unterschiedliche Einordnungen, zum Teil auch in die Gesamtgeschichte des Bachmannpreises, und jetzt sind wir so alt, dass es Geschichten über Autor*innen gibt: “Die kannte ich schon, als sie so” (Handwedeln in Kniehöhe) “klein war.” Ungeteilt war zu meiner Überraschung unsere Begeisterung für die Satire “Das Gurkerl”, weil sie einfach genial gemacht wurde.

Erst gegen Mitternacht kam ich ins Bett.

die Kaltmamsell