Gestern hatte ich mir freigenommen, um an Trauerfeier und Beerdigung eines Mitabiturienten und früheren Chormitsängers in Ingolstadt teilnehmen zu können. Die Nacht war voller unruhiger Träume dazu gewesen.
Ich nahm bereits einen recht frühen Zug, um mich vor dem Requiem zu aklimatisieren. Bus vom Hauptbahnhof in die Innenstadt (der Ingolstädter Hauptbahnhof liegt aus militärhistorischen Gründen weit außerhalb). Ab hier beäugte ich jedes Grüppchen älterer Herren vorsichtig darauf, ob das Klassenkameraden/Mitchorsänger sein könnten – ich hatte mir klargemacht, dass das Gleichaltrige sind, dass sie nicht mehr so aussehen, wie ich sie von vor 30 Jahren im Gedächtnis habe.

Die Donau fließt auch weiterhin wie ein langer, ruhiger Fluss. Hinterm Neuen Schloss entsteht ein ganz neues Viertel, das ich mir mal ansehen möchte.

Ich trank in der Nähe des Rathausplatzes einen ausgezeichneten Cappuccino im District Five, wo ich auch ein Regal mit interessanten Weinen aus dem Burgenland entdeckte, unbekannte Weine von mir bekannten Winzern. (Ich glaube, hier war in meiner Kindheit ein Sportgeschäft. Dann hätte ich hier einst meine Ski bekommen.)

Auf dem Rathausplatz wurde gerade das Carrara-Weinfest aufgebaut, Carrara ist eine der Partnerstädte Ingolstadts.

Traditionsgaststätte mit Verbindungen zu meiner Familiengeschichte.

Im Keller des Poppenbräu befand sich in meiner Jugend eine Disco, das Dscho (Jo).

Kreuztor, rechts die vor vielen Jahren geschlossene Bäckerei Uhlmann (berühmt für ihre Brezen), die seither leer steht wie so viele Geschäfte. Eingekauft wird nämlich in einem eigenen und Parkplatz-reichen Viertel am Stadtrand, im Westpark.

Beim Fleißerhaus vorbeigeschaut.

Dieses Café gab es schon zu meinen Jugendzeiten. Links die Franziskanerkirche.

Die Post. Von hier aus rief mein Vater in meiner Kindheit die Familie in Spanien an.

Das Requiem fand im Liebfrauenmünster statt, es waren viele Weggefährt*innen gekommen. Schon davor traf ich lang nicht gesehene Menschen. Hinein ging ich, als auch meine Mutter dazustieß. Erste Überraschung: Das Münster war nicht so erbärmlich kalt, wie ich es von manch durchfrorenem Gottesdienst in Erinnerung hatte, ich hatte umsonst eigens einen Blazer dabei.
Durch das Requiem kam ich ganz gut. Zum einen genoss ich die Chormusik: Der Verstorbene hatte in einigen Chören gesungen, es kamen viele Stimmen zusammen. Und ich prägte mir ganz tief den einmaligen Anblick des Chorausschnitts ein, in dem mein Bruder jetzt neben seinem ältesten erwachsenen Sohn sang, daneben auch noch zwei langjährige ehemalige Chorgefährten von mir. Zum anderen kann ich die katholische Liturgie inzwischen schlicht als etwas Kulturelles sehen, und zwar Teil meiner Kultur. Doch gerade bei einem Requiem fiel schon sehr deutlich auf, wie stark als Prämisse vorausgesetzt wird, dass ein Leben nach dem Tod, wenn nicht sogar ein ewiges Leben nach einer Auferstehung positiv und erstrebenswert ist. Dabei weiß ich verlässlich, dass ich nicht allein damit bin, den Tod als echtes Ende mit Erleichterung zu erwarten.

Zur Beerdingung selbst auf dem Westfriedhof zog die Trauergemeinde zu Fuß – in Ingolstadt sind die Wege kurz.

Es fanden sich sehr viele Menschen ein, um Abschied zu nehmen. Ich traf noch mehr Bekannte aus meiner Ingolstädter Vergangenheit, vor allem aus Chorzeiten. (Der zauberhafte Moment, als ein Wanderfalke direkt über meinen Kopf hinweg flog.) Ein letzter Blick ins Grab, auf Sarg und Berge von Blumen.
Mach’s gut Markus, ich wünsche dir von Herzen genau das Leben nach dem Tod, an das du geglaubt hast.
Es hätte anschließend Gelegenheit zu weiteren Begegnungen in einer Gaststätte gegeben, doch ich hatte mich bereits mit vielen Menschen ausgetauscht und konnte nicht mehr. Ich packte all die intensiven Erlebnisse erst mal weg. (Mich hatten sehr viele nicht erkannt – ich ja viele auch nicht, es ist ganz erstaunlich, was die Jahrzehnte mit Gesichtsstrukturen anstellen können. Eine App mit Minus-30-Jahre-Filter? Gibt’s sowas? Wäre für diese Gelegenheiten sehr praktisch.)
Auf dem Rückweg aß ich um drei (Frühstück?) einen mitgebrachten Flapjack aus meiner Handtasche, ich hatte die Esssituation ungefähr so vorhergesehen. Und ich schaute nochmal in das Café vom Morgen, kaufte zwei Flaschen Wein. Mit ordentlich Glück erwischte ich am Hauptbahnhof einen Zug nach München kurz vor Türenschließen.
Fürs letzte Stück nach Hause nahm ich die Tram: Blase an der Ferse. Daheim erzählte ich erst mal Herrn Kaltmamsell, machte ein wenig Yoga (über das viele Stehen und Gehen hatte sich der neue Rückenschmerz zurückgemeldet). Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell breite Bohnen (Mischung aus Ernteanteil und Balkonernte) in Tomatensauce mit ein wenig Hirse, außerdem Käse mit Hefezopfresten. Blick an den Himmel ergab: Noch sind die Mauersegler da.
§
Ich dachte immer, dass ich’s ja im Grunde nicht weit aus Ingolstadt rausgeschafft habe, grad mal 80 Kilometer bis München – selbes Bundesland, gleicher Dialekt. Jetzt wird mir klar, dass ich’s vor fast 25 Jahren sehr wohl weit rausgeschafft habe: ins Internet. Das war das eigentliche Ausbrechen, der Paradigmenwechsel, die große weite Welt. Mein Leben nach Ingolstadt und auch Augsburg fand und findet im Web statt. Hier habe ich über die Texte von Menschen ganz andere Arten zu leben kennengelernt, ganz andere Möglichkeiten von Lebenswegen, Umgebungen, Größenordnungen, Hintergründen, Entscheidungen, Perspektiven, Voraussetzungen. Hier bin ich auf die Menschen gestoßen, die mich in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst haben.
Ich denke an das Gespräch mit einer Freundin (aus dem Internet), die kürzlich einige Wochen in ihrem Herkunftsdorf verbrachte und staunte, mit welchen zwischenmenschlichen Details ihre Verwandten sich beschäftigten: Jede Pflanze im Nachbarsgarten, jeder Kleidungswechsel von Bekannten, die man beim Einkaufen traf, standen nicht nur unter genauester Beobachtung, sondern wurden auch intensiv diskutiert, eingeordnet, bewertet, mit viel Meinung und Emotion. Wir waren uns einig: Weil die Leute nicht im Internet sind, sie haben ja nichts anderes. Es ist kein Scherz, dass das Web genau für mich gemacht wurde: Nichts anderes füttert meine leicht entflammbare inhaltliche Wissbegier mit genau dem für mich perfekten Maß an menschlicher Nähe und Distanzmöglichkeit.
Hier ein aktueller Blick, den mir ein Text in eine unbekannte Welt ermöglichte, in eine Bar im japanischen Hiroshima vor 25 Jahren:
“Mac und die Bar”. 
die Kaltmamsell