Lese auf vielen Ebenen interessiert Hannah Gadsby, Ten Steps to Nanette: A Memoir Situation, unter anderem weil Gadsby typisch für sie beim Schreiben den Schreibprozess reflektiert. Zum Beispiel lässt sie immer wieder einfließen, wie eine Ghostwriterin das Material sortiert und priorisiert hätte. Auch warum sie das nicht tut. Unter anderem erzählt sie distanziert über die jahrelange sexuelle Gewalt, die ihr als Kind widerfahren ist und die sehr nachvollziehbare Langzeitverletzungen hinterlassen hat – doch sie möchte dem bitteschön aus guten Gründen nur eine Nebenrolle zugestehen.
Es kann schon ein Akt der Überwindung sein, eine Autobiografie zu verfassen: All dieses Nachdenken über sich selbst und die vielen Scham-besetzten Momente. Gadsby hat diese Überwindung allerdings bereits durchlaufen, als sie ihr Programm Nanette schrieb, das sie in Weltruhm katapultierte: Dabei machte sie den schmerzhaften, selbstzerfleischenden Prozess durch sich klarzuwerden, was ihr in ihrem Leben alles angetan wurde, was das mit ihr gemacht hat. Bis dahin war es einfacher gewesen, nur die Resultate Selbstironie bis Zynismus und regelmäßige Flucht in Rückzug für ihre Bühnenshows zu verwenden. Was halt irgendwann nicht mehr ging.
Die allerwenigsten Menschen kommen jemals in die Lage, dass sie ihr Leben als eine Gesamtgeschichte erzählen. Die meisten ganz normalen Lebensgeschichten setzen sich aus mündlichen Einzelanekdoten zusammen, die meist nicht mal alle bei denselben Zuhörer*innen landen, sondern verstreut werden.
Mir fiel nach Langem eine wieder ein, als mir beim morgendlichen Gang in die Arbeit (wolkenloser Sonnenschein, Strickjäckchen-Kühle) drei Personen entgegenkamen, denen ich an Gepäck, Kleidung und Richtung ansah, dass sie sich als Verkünder ihrer Gottesbotschaft am Georg-Freundorfer-Platz im Westend platzieren würden; dort sehe ich immer wieder solche. Die Publikationen der Zeugen Jehovas, Wachtturm und Erwachet!, kenne ich nämlich wahrscheinlich besser als fast alle, die den Zeugen Jehovas selbst nie angehört haben.
Die Ursache liegt darin, dass ich von meiner Mutter “so knapp gehalten” wurde – in diesem Fall aber nicht mit Essen allgemein und Süßigkeiten speziell (nein, das Vorenthalten von Nahrung in meiner Kindheit und Jugend wegen Dauerdiät lasse ich nicht als Trauma-Material gelten, weil meine Mutter es ja nur gut meinte) (Hannah Gadsby, da bin ich überzeugt, würde diese Argumentation verstehen), sondern ab einer bestimmten Zeit auch mit Lesematerial. Sobald ich lesen konnte, also spätestens ab der zweiten Schulklasse, war ich unersättlich. Meine Hauptquelle für Lesestoff, zu Hause gab es kaum Bücher, war die Pfarrbibliothek. Allerdings öffente die nur zweimal die Woche, und der halbe Meter Bücher, den ich sonntags nach der Messe mit heim nahm, war meist schon Montagabend niedergelesen. Ab etwa der dritten Klassen wurde mein komplettes Verschwinden in Büchern daheim nicht mehr gern gesehen: Ich sollte statt dessen rausgehen und “mich bewegen” (es sei kein Wunder, dass ich so dick sei) oder für die Schule lernen oder im Haushalt helfen – Geschichtenlesen war in dieser Sicht ledigliche eine Variante von Faulheit.
Ich hatte eine Klassenkameradin, mit der ich in diesen Grundschuljahren besonders viel spielte. Sie wohnte praktischerweise in der Nähe, ich mochte sie, die ebenerdige Wohnung ihrer Eltern verfügte in unserem Wohnblockviertel über einen eigenen Garten. Doch vor allem gab es darin einen Raum (Büro? zumindest stand ein Schreibtisch mit Schreibtischstuhl darin) mit Regalen voller Geschichtenhefterl, in denen ich beliebig lang und viel lesen durfte. Also ganz entspannt und ohne schlechtes Gewissen – zu Hause war ich in dieser Zeit bereits dazu übergegangen, Bücher in der Schmutzwäschekiste auf dem Klo zu verstecken (wie so ‘ne Alkoholikerin) oder unter meinen Heften und aufgeschlagenen Schulbüchern, wenn ich eigentlich Hausaufgaben machen oder lernen sollte. Bei meiner Schulfreundin durfte ich hemmungslos lesen: Die Geschichten waren meiner Erinnerung nach alle sehr dramatisch, irgendwer starb immer fast. Große Gefühle! Unglücke! Viele farbige Adjektive! Dass darin sehr häufig ärztlich verordnete Bluttransfusionen abgelehnt wurden, Patient*in dennoch überlebte – das fiel mir erst mal nicht groß auf.
Durch die Einleitung wird Sie nicht überraschen, dass die Familie dieser Freundin Zeugen Jehovas waren und es sich bei den vielen Jahrgängen Hefterl, durch die ich mich las, um Wachtturm und Erwachet! handelte. Als Kind fand ich nicht mal besonders seltsam, dass die Kinder des Hauses beim Abendessen auswendig Gelerntes abgefragt wurden, das alles irgendwie religiös war (ich glaube, für Kinder ist so viel neu, dass die Seltsamfind-Schwelle hoch ist). Es handelte sich um ein hochritualisiertes Frage-Antwort-Spiel, in dem es halt immer irgendwie um Gott ging; ich habe es als fröhlich in Erinnerung.
Im Nachhinein ist mir klar, dass die Eltern dieser Schulfreundin annahmen, mich auf diese Weise im Sinne der Zeugen Jehovas beeinflussen, wenn nicht sogar akquirieren zu können. Doch schon damals gingen sowohl Menschlich-Befindliches als auch heimliche Hintergedanken gründlich an mir vorbei. Ich bedauerte die Schulkameradin allerdings, weil sie keinen Geburtstag feiern durfte. Sie durfte nicht mal zu meinen Geburtstagsfeiern kommen. Wohl zum Ausgleich gab es einmal im besagten Garten der Eltern ein großes Sommerfest, einfach so, mit Aufblas-Wasserbecken und Wasserschlauch-Gespritze – was ich sehr super fand.
Metaebene: Obwohl das eine lustige Geschichte hergibt und sie mir als autobiografische Episode durchaus präsent ist, habe ich sie heute zum ersten Mal als Geschichte formuliert.
Die zitierte Formulierung “knapp gehalten” basiert auf einer weiteren biografischen Anekdote. An diese erinnere ich mich allerdings nicht selbst, sondern kenne sie nur als eine mütterliche Standarderzählung über meine Kleinkindheit. Im Kindergartenalter soll ich mal in unserem Wohnblock bei einer Nachbarin geklingelt haben, die ich von Besorgungen mit meiner Mutter kannte, und sie gefragt haben, ob sie Süßigkeiten/Schokolade für mich habe, denn: “Meine Mutter hält mich so knapp.” Selbst meine Mutter weiß davon natürlich nur, weil diese Nachbarin petzte – zu ihrer Entschuldigung aber weil sie meinen frühreifen Wortschatz so erzählenswert fand. (Ob ich damit erfolgreich an Schokolade kam, verschweigt die Überlieferung allerdings.)
Uff, genug Überwindung und Abstieg in Schamgefühle. Es ist so viel unbelasteter, meinen schlichten Alltag heute aufzuschreiben: Zu Mittag gab es Walnussbrot und ein großes Glas vorgeschnittener Pfirsiche (bei den Temperaturen nach Steinobst viel Wasser getrunken -> Bauchweh). Lebensmitteleinkäufe auf dem Heimweg, jetzt war es tatsächlich wie angekündigt heiß geworden. Daheim Yoga, Nachtmahl von Herrn Kaltmamsell: Mangold-Quiche aus Ernteanteil.

Schmeckte sehr gut, weil immer noch komischer Bauch danach nur noch wenig Schokolade. Wegen Bauchweh früh ins Bett.
Tag vorbei, wieder einen rumgebracht, nur noch ca. 13.000 zu schaffen. 
die Kaltmamsell