Bücher

Journal Mittwoch/Donnerstag, 2./3. März 2016 – Überstunden

Freitag, 4. März 2016

Zwei heftige Arbeitstage, für Mittwoch wird’s wegen unerlaubt vieler Überstunden Schimpf vom Betriebsrat geben.
Ich hatte sogar Sportzeug dabei, um endlich mal wieder in die Mittwochabendstunde Stepaerobic zu radeln. Wäre ich wahrscheinlich eh nicht: Es goss ab Mittag wie aus Kübeln.
Beim Heimradeln wurde ich trotz Regenumhang (ich achtete darauf, beim Verlassen des Büros alle noch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen zum Lachen zu bringen) ziemlich nass.

Wie immer kümmerte sich Herr Kaltmamsell beim Heimkommen um mich. Er kredenzte zum blanchierten Spinat aus Ernteanteil (noch nie habe ich so süßen Babyspinat gegessen) Ofenkartoffeln und Spiegeleier. Ich mag richtig gute Spiegeleier sehr gerne, aber richtig gut (unten knusprig, Dotter flüssig) sind sie so selten wie richtig gute wachsweiche Eier, die ich auch sehr gerne mag.

Völlig erschöpft fiel ich schon um halb zehn ins Bett.

§

Als ich Mittwochmorgen auf dem Weg in die Arbeit um mein Laugenzöpferl anstand, bestellte der Kunde vor mir eine Abomination,1 die mich aufhorchen ließ:

160303_01_Baeckerei

Niemand sollte solche Wörter sagen müssen.

Pausenfrei durch den Tag geackert, damit ich abends nicht wieder so spät bleiben musste: Herr Kaltmamsell hatte sich einem medizinischem Eingriff unterzogen, ich wollte ihn ein wenig bepuscheln.

Und doch war er es, der uns aus der Ernteanteil-Steckrübe ein Risotto kochte („damit ich beschäftigt bin“).

160303_03_Ruebenrisotto

Dazu einen kräftigen Verdejo.

§

Ich weiß, Kinderfreunde sagen das regelmäßig, aber: Man lernt so viel von den Kleinen!
Zum Beispiel über die Eingeschränktheit des eigenen Horizonts.

Die Nifften (zwei Neffen, eine Nichte) hatten ja zum Eintritt ins Lesealter von mir ein Bücherkonto im örtlichen Buchhandel eingerichtet bekommen (der erst von der Konkurrenz am Ort, dann vom bayrischen Platzhirschen aufgekauft wurde): Das stellt ihnen ein monatliches Budget zur Verfügung, mit dem sie ganz nach eigenem Belieben Bücher kaufen können. Auch wenn die totaler Mist sind.

Erwartet hatte ich natürlich, dass sie Gefallen an ähnlichem Mist wie ich finden würden – also dem Mist, den ich im Tiefsten meines Herzens gar nicht für Mist halte: Enid Blyton, billige Comics, Berte Bratt. Wer konnte denn damit rechnen, dass sie sich für richtigen Mist entscheiden würden?
(Was ich damit erzählen möchte: Die Nichte hat sich jetzt von Elfen- und Einhornbüchern mit Covern in Pastelltönen hin entwickelt zu Mädchenbüchern über Modelkarrieren.)

§

SO VERY YES!
„The first ‘Ghostbusters’ trailer dropped, and the new team is already winning us over“.
Wehe, die vermasseln das.

  1. Ich habe mir das Wort aus dem Englischen geliehen, weil es präziser empört klingt als Abscheulichkeit. []

Journal Freitag/Samstag, 26./27. Februar – #rgmuc

Sonntag, 28. Februar 2016

Sonniger Freitag, ohne Frühsport zu Fuß in die Arbeit.

160226_01_Theresienwiese

Zu Fuß auch wieder nach Hause, nach kurzer Tätigkeit in der Küche spazierte ich zu einer lange geplanten Verabredung mit Bloggerinnen aus der ganzen Republik samt Anrainerstaaten (Zeugnisse sind zu finden unter #rgmuc für Reisegruppe München) im Spatenhaus: Nathalie von Cucina Casalinga hatte fertiggebracht, dass dieses immer wieder mal diskutierte Treffen in München tatsächlich stattfand und war so nett gewesen, auch mich anzusprechen. So kam ich zum ersten Mal ins Spatenhaus, sah einige seit Jahren gelesene Blogerinnen und Twitterinnen zum ersten Mal persönlich, traf schon länger bekannte wieder. Diese Gesellschaft, das gute Essen (mein ersten Mal Kalbskopf!), die überaus herzliche Bedienung und die Kuschligkeit des winzigen Hinterstüberls machten den Abend zu einem großen Genuss.

§

Am Samstag ließ ich mich früh wecken, um noch Zeit für haushaltliches Kruschen und Wäschewaschen zu finden. Nathalie hatte die Bloggerinnenrunde zum Frühstück eingeladen, die Radlstrecke hinaus zu ihr machte mir klar, dass München sich an manchen Enden dann doch weiter ausdehnt, als ich snobbistische Innenstadtbewohnerin so im Gefühl habe – ich kam ordentlich zu spät.
Tatsächlich gab es zwei Frühstücke: Das erste am Morgen mit frischem Brot, Wurst, Käse, Marmeladen war meinem Organismus noch deutlich zu früh, umso mehr genoss ich das zweite um die Mittagszeit mit Weißwürscht und Leberkäs – sogar einer Halben Weizen dazu.

Der Rückweg nachmittags durch den Englischen Garten war gebremst: In der Sonne gingen viele Leute spazieren. Ich bog für ein paar Einkäufe ab Richtung Schrannenhalle – könnte mich bitte jemand vor dem nächsten Versuch davon abhalten, am Samstag Nachmittag die Frauenstraße entlangzuradeln? Ich hatte den starken Autoverkehr nicht einkalkuliert, und die heutigen Autobreiten lassen Radlern keinerlei Platz: Da ich nicht auf dem Fußweg fahren wollte, musste ich mich in den Autostau einreihen.

Daheim holte ich ein wenig Schlaf nach und las dann Stoner von John Williams aus:
Eine amerikanische university novel von 1965, die mir von Blogkommentatorinnen empfohlen worden war – zu Recht. Die Hauptfigur, der Literaturwissenschaftler William Stoner, wird ganz am Anfang mit einem kurzen Abriss seiner akademischen Karriere eingeführt: Studienbeginn an der Universität von Missouri, Promotion, als Dozent nie Karriere gemacht, kaum Spuren bei den Studierenden hinterlassen. Die ausführliche Version erzählt dann von einem doch recht besonderen Menschen aus sehr einfachen Verhältnissen, der sein Leben nie richtig in die Hand genommen hat, nur in der Forschung und in einer Freundschaft ganz aufging. Formal unauffällig schildert der Roman Stoners Wahl einer Partnerin, die ihm bald mit vielen Mitteln das Leben zur Hölle macht, die ruhige, tiefe Liebe zu seiner Tochter, die Lebensfeindschaft mit dem Leiter des Lehrstuhls, an dem er arbeitet – alles vor dem zeithistorischen Hintergrund zweier Weltkriege. Sehr schnell schafft die Geschichte eine Identifikation mit dieser einsamen Figur, vor allem wenn man Stoners Loyalität und die Anziehungskraft einer akademischen Umgebung nachvollziehen kann. Und wie Stoner frage ich mich seit der Lektüre, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er energisch Ansprüche erhoben – oder auch nur für seine Tochter gekämpft.

Eine weitere Radfahrt wieder hinaus an den Stadtrand, Nathalie und Partner hatten noch einmal eingeladen, diesmal zu einem köstlichen Abendessen:

160227_01_Terrine

Zur Vorspeise eine Terrine und eine Pastete, dazu sardisches Brot.

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Als Hauptgericht ein Kalbsgulasch.

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Und zum Nachtisch Crème Caramel mit den ersten aromatischen Erdbeeren aus Italien.

Da die Gesellschaft aus lauter Geschichtenerzählerinnen bestand, war das Menü natürlich begleitet von weiterer lebhaftester Unterhaltung um Anekdoten aus diversen Ländern, Bundesländern, beruflichen Umständen und Freizeitverstrickungen.

Beim Heimradeln bewies München, dass es manchmal, ganz manchmal auch grüne Welle kann – großer Genuss.

§

Nebenbei: Ich bin ganz begeistert, wie gut mein Organismus den Alkohol der vergangenen drei Abende vertragen hat. Keinerlei Nebenwirkungen, nicht mal in Form von Migräneangst. Verstehe einer diesen Körper.

Journal Donnerstag, 25. Februar 2016 – The Price of Salt

Freitag, 26. Februar 2016

Gestern fiel dem Winter ein, was er eigentlich im Dezember vorgehabt hatte.

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Ich fand wieder keine Zeit für auch nur eine halbe Stunde Sport. Zumindest marschierte ich zu Fuß in die Arbeit, vor dem dichten, nassen Schneefall mit einem Schirm geschützt, um den linken Knöchel meine neue Bandage. Erster Effekt der Bandage, auch beim Heimweg zu Fuß: Damit schmerzt nicht mehr nur die Achillesferse, sondern das ganze Bein. Das ist nicht, was ich erhofft hatte.

Tag 2 der Einführungsveranstaltung für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Wieder viel erfahren, Gelegeheit zu neugierigen Nachfragen bekommen, weitere Menschen aus entfernten Standorten kennengelernt, erzählt und erzählen lassen.

Auf dem Heimweg letzte Einkäufe für den Abend: Meine Leserunde traf sich bei uns. Herr Kaltmamsell machte italienischen Polentauflauf, ich dazu Feldsalat/Portulak, außerdem zum Nachtisch Schokoladenspeise mit Latwerge. Das Buch, über das wir uns unterhielten, war The Price of Salt von Patricia Highsmith. Fast allen hatte die Geschichte der 19-jährigen Therese mit Ambitionen als Bühnbildnerin, die sich in eine ältere Frau in Scheidung verliebt, sehr gut gefallen. Wir sprachen darüber, warum sich die beiden so seltsam zueinander verhalten, welche Rolle Abby spielt, ob es sich um ein Sugar-Mommy-Verhältnis handelt.
Mir hatte auch der Einblick in eine fremde Vergangenheit gefallen: Der Arbeitsalltag einer jungen Kaufhausverkäuferin in New York (eigentlich ein Topos der Zeit), der einer älteren Verkäuferin, wie junge Leute in Manhattan wohnten und die Wochenenden verbrachten, wie man auf Reisen kommunizierte („postlagernd“), Jobsuche über Aushänge in Fenstern.

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Die einzge Landschildkröte als Haustier, mit der ich näher zu tun hatte, war die Schildkröte Pinkie meiner Klassenkameradin Babsi. Pinkie liebte Bananen und sie überwinterte im Keller des Eigenheims von Babsis Familie. Mich überraschte es also sehr, als ich von den Überwinterungsmodalitäten heutiger Schildkröten erfuhr:
„Der Kühlschrank bleibt dunkel, damit die Schildkröte besser schlafen kann.“

Journal Sonntag, 21. Februar 2016 – Mode der 30er / Bücher zu verschenken

Montag, 22. Februar 2016

Jetzt waren sie da, die spürbar gestiegenen Temperaturen. Beim Radeln an den Ostbahnhof hätte ich eigentlich weder Mütze noch Handschuhe benötigt.

Ich turnte nach einer halben Stunde Crosstrainer lediglich die Stepstunde mit; meine schmerzenden Knochen nahmen mir die Lust auf die anschließende Rückengymnastik.

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Zu Hause duftete es bereits wundervoll: Herr Kaltmamsell hatte die zwei Kilo Schweineschulter, die ich am Samstag auf dem Weg zum Schwimmen in der Metzgerei Burr besorgt hatte, in einen Schweinsbraten verwandelt.

160221_03_Schweinsbraten

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Wie ich es von gutem Schweinefleisch aus Hausschlachtung kenne, war der Braten beim Garen aufgegangen, mit sensationell saftigem Fleisch. Da wir keine Knödel oder sonstige Stärkebeilage dazu hatten, gab’s auch keine Soße. Als Beilage hatte ich den Krautsalat fertiggestellt.

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Hier habe ich das sehr simple Rezept notiert – ich finde sogar eine gehackte Zwiebel eher verschlechternd. Für ein Salatbuffet würde ich aber gebratene Speckwürfel dazugeben.

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Nach dem Essen machte ich ein paar Einheiten auf meinem Kulturtracker gut: Ich ging ins Museum, und zwar in die Ausstellung „Gretchen mag’s mondän – Damenmode der 1930er Jahre“ im Stadtmuseum. Herr Kaltmamsell hatte mich darauf hingewiesen, weil ich ein Faible für die Mode dieser Zeit habe – wohl wegen damaligen US-Filme und UFA-Filme, die mich schon als Kind faszinierten.

Ich sah hochinteressante Exponate aus vielen damaligen Lebenslagen, viele Zeitschriftentitel aus den 30ern – sehr gerne hätte ich eine Grafikerin dabei gehabt. An den Printexponaten fand ich mal wieder frappierend, wie viel Inhalt allein schon Typografie transportiert.

Roter Faden der Erklärtexte: Wie die Parteiproganda versuchte, Einfluss auf die Mode in Deutschland zu nehmen (wenig erfolgreich), wie politische Verhältnisse sich auswirkten (Arisierung erschreckend erfolgreich).

Überraschendes Exponat:

160221_10_Stadtmuseum

An Kleidern und Oberteilen fiel mir auf, dass es damals praktisch keine Ausschnitte gab, das weibliche Dekolleté war fast immer bis zum Hals bedeckt. Wunderschöne Handschuhe und Hüte – in einem Raum gab es sogar Nachbildungen zum Anprobieren (mir wie erwartet alle zu klein).

Schuhe: Gerade setzte ich zum Seufzer an „genau sowas suche ich“ (elegante Schnürschuhe mit ein wenig Absatz, damals Trotteur genannt und ideal für längere Fußwege, ohne gleich rustikal zu wirken), als eine Dame neben mir bereits sagte: „Die würde ich sofort nehmen.“ Am wenigsten scheint sich bis heute der elegante Pumps verändert zu haben.

Sehr begrüßen würde ich eine Wiederkehr des Konzepts „Festlicher Abendpyjama“:

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Ich dachte sofort an den undress, den ich aus englischen Romanen des 18. Jahrhunderts kenne: Bequeme, aber edle Hauskleidung, in der man nicht auf die Straße gehen würde, in der man aber sehr wohl Besuch empfangen kann.

Ich hatte schon eine ganze Reihe Fotos gemacht, als mich eine der Angestellten darauf hinwies, dass in der Ausstellung Fotografieren nicht erlaubt sei. Ich poste also mal lieber keins meiner Bilder.

Angesichts von Vertippern, Komma- und Rechtschreibfehlern in den sorgfältig getexteten und gesetzten (so schöne Schriften!) Beschreibungen fragte ich mich mal wieder, ob ein paar Stunden Endkorrektorat das Budget der Ausstellung wirklich überzogen hätten. Nach meiner Schätzung hätte das nicht mehr als 800 Euro gekostet.
(Ich weiß ja durch meine eigenen Vertipper hier im Blog, wie unzuverlässig eigenes Drüberlesen ist.)

§

Draußen hatte sich der Himmel angemessen zum Sonntag entwickelt.

160221_25_Sonntagshimmel

§

Schon am Samstagabend hatte ich Bücher ausgemistet – es liegen bereits wieder viel zu viele quer in den Regalen. Mag jemand zwölf Krimis von Elizabeth Georg bei mir abholen? (Alle oder keinen.)

  • Deception on his mind
  • In pursuit of the proper sinner
  • Missing Joseph
  • Playing for the ashes
  • In the presence of the enemy
  • Well-schooled in murder
  • A great deliverance
  • Payment in blood
  • A suitable vengance
  • For the sake of Elena
  • A traitor to memory
  • I, Richard

Und jemand die ersten acht Donna Leons? Alle oder keinen.

  • Death at La Venice
  • Acqua alta
  • Fatal remedies
  • A noble radiance
  • The death of faith
  • A Venetian reckoning
  • Death in a strange country
  • The anonymous Venetian

Verpacken und versenden ist mir zu mühsam. Interesse gerne in den Kommentaren oder an die E-Mail-Adresse links anmelden.

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Schon lange nichts mehr von einem meiner Lieblingstiere gehört, dem Ameisenbären. Bis ich diesen Science Slam-Beitrag mit aktueller Forschung über ihn fand:
„Ameisenbären: Erbsenhirnparalleluniversumsforschung“.

Sind nicht so wirklich schlau, die Viecher. Aber halt herrlich abgefahren.

Journal Samstag, 20. Februar 2016 – Schneeregen und Energieschub

Sonntag, 21. Februar 2016

So ziemlich als Erstes nach dem morgendlichen Bloggen erfahren, dass Umberto Eco gestorben ist. Herr Kaltmamsell hatte eh vor, nach langem mal wieder Der Name der Rose mit einer Schulklasse zu lesen (zwar kann ein Deutschlehrer daran eine Menge lehren, von Erzählhaltung über Rahmengeschichte bis Mittelalter, doch ist das halt ein sehr dickes Buch). Zudem hatte ich wieder ein Bild vor Augen, das ich eigentlich schon immer mit dem Roman verbinde:

Die untere Turnhalle meines Gymnasiums ca. 1985. Auf der Turnbank an der Umkleidenseite sitzen die vom Sport befreiten Schülerinnen, darunter die Bieringer Jutta1. Sie ist völlig vertieft in die Taschenbuchausgabe von Der Name der Rose, die sie von mir ausgeliehen hat. Sie hält das Buch mit einer Hand und hat das bereits gelesene Drittel hinter den Rest UMGEKLAPPT – für mich damals ein Sakrileg größter Verdammnis. Ich kam aus einem nahezu buchlosen Haus, hatte mich von Kindesaugen an durch Büchereien gelesen, die wenigen Bücher, die ich selbst besaß, waren mir überaus kostbar. Das mag der Moment gewesen sein, in dem ich beschloss, meine Bücher nicht mehr zu verleihen.

Vor allem aber erinnert mich dieses Bild daran, dass Der Name der Rose unter uns als Schmöker gehandelt wurde, als Lesegenuss wie die kurz davor herumgereichten Dornenvögel. Bei der Übergabe wurde durchaus mal erwähnt, dass sie ersten hundert Seiten sich etwas ziehen könnten, aber wir Vielleserinnen, die ohne Unterscheidung alles an guten Geschichten verschlangen, wären eh nicht auf die Idee gekommen, ein einmal begonnenes Buch nicht zu Ende zu lesen, bloß weil nicht schon die ersten Seiten packend waren.

§

Ich radelte durch den kalten, grauen Tag zum Schwimmen ins Olympiabad. Meine Bahnen schwammen sich angenehm, doch als mich der Rückenschwimmer auf der Nebenbahn mit seinen gelben Plastikhandflossen zum dritten Mal schmerzhaft kratzte (1. Mal Hand, 2. Mal Oberschenkel, 3. Mal Schulter), schrie ich anscheinend selbst für ihn hörbar auf. Der Blick, den er sich anschließend einfing, war wohl selbst hinter meiner Schwimmbrille eindeutig: Er legte dieses Spielzeug ab. (Ich hatte in diesem Moment ernsthaft vor, ihn beim nächsten Kratzer zu hauen.)

Die Wettervorhersage hatte „deutlich steigende Temperaturen“ angekündigt. Umso erstaunter und wütender war ich, dass mich beim Heimradeln Schneeregen und Schnee ziemlich durchnässten.

Zu meiner nachmittäglichen Verabredung in der Maxvorstadt nahm ich also die U-Bahn – ab Marienplatz eingepfercht zwischen Fußballfans.

Doch die Verabredung war glorios: Ich hatte schon befürchtet, dass ich den Kontakt zu dieser Frau aus einem früheren Berufsleben verschusselt haben könnte (sie hat kein Internetleben). Doch nun erfuhr ich von Überraschungshochzeit (die Gäste ahnten nichts), beruflichen Erfolgen, einem Leben in Fülle, mit Zielen und Leidenschaft – ein echter Energieschub.

Eine Runde Lebensmitteleinkäufe, Krautsalat zum sonntäglichen Schweinsbraten angesetzt (und damit ich ihn als weiteres bayrisches Grundgericht verbloggen kann). Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell ein Graupotto mit Tomatensugo und Feta (Graupen und Sugo aus Ernteanteil).

Ich ließ beim Internetlesen den Fernseher laufen: Die Reifeprüfung hatte ich erst einmal gesehen und das vor vielen Jahren. Den Soundtrack kannte ich in jeder Note, doch erst diesmal fiel mir auf, dass der damals 30jährige Dustin Hoffman als Typ eigentlich eine komplette Fehlbesetzung war: Highschool-Sportskanone und verwöhnten Müßiggänger nehme ich ihm nicht ab.

§

Ein Grund, das Techniktagebuch (und den Redaktionschat) zu lieben: Während man vordergründig über Technik liest, liest man hintergründig über Leben und Alltag.
„Ich bin ein Idiot, werde aber eventuell nicht daran sterben“.

§

Eine weitere ruhige, kluge Stimme gegen das derzeitige Gebrüll da draußen: Margarete Stokowski (die auf Twitter immer wieder weitergibt, welche Reaktionen sie allein schon wegen ihrer polnischen Vorfahren erntet).
„Oben und unten: Pöbeln, aber präzise
Plädoyer für eine differenzierte Schmähkritik“.

Nun ist es aber gar nicht dumm, die Ruinen von Palmyra wegzusprengen, Mexikaner pauschal als drogenhandelnde Vergewaltiger zu bezeichnen oder Flüchtlingen zu wünschen, sie sollten im Meer ertrinken oder an der Grenze erschossen werden. Es ist falsch und böse und hässlich, aber nicht dumm: Wer das tut, ist kein Idiot, sondern ein schlechter Mensch.

(…)

Warum finden viele Dunja Hayali und Anja Reschke so cool, wenn sie sich über Hass äußern oder über Lügenpressevorwürfe? Weil die sich selbst und ihre Arbeit ernst nehmen – aber andere Menschen eben auch. Sie machen es sich nicht einfach. Sie geben zu, dass Dinge kompliziert sind, und machen trotzdem weiter.

  1. In Bayern werden Namen in der Reihenfolge Familienname Taufname genannt. []

Journal Sonntag, 14. Februar 2016 – Bücherpanorama

Montag, 15. Februar 2016

Endlich mal wieder gut, tief und ausgeschlafen, das Bett ausgekostet. Zu Kaffee rumgebloggt.

Für mein Morgentraining hatte ich ein für mich neues Halbstundenprogramm ausgesucht – ganz schön anstrengend, die dritte Runde walk-out push-ups hielt ich nicht durch.

Bei trockenem, grauen Wetter spazierte ich zu einer Frühstücksverabredung im Café Forum, genoss das Frühstück bei anregender Unterhaltung. Mein Frischluftbedürfnis stillte ich bei einem Schaufensterbummel, stellte allerdings fest, dass es für eine Suche nach roten Sandalen noch zu früh im Jahr war.

Zu Hause las ich die zweite Hälfte von Patricia Highsmiths The Price of Salt; Details dazu notiere ich nach der Leserunde, in der wir den Roman besprechen werden, empfehle ihn aber schon jetzt. Wenn ich beim Lesen aufblickte, genoss ich auch die innere Aussicht (mit einem Blick nach rechts sah ich die Kastanien, darauf hin und wieder Eichhörnchen und Vögel). Also wandte ich zum ersten Mal die Panoramafunktion der iphone-Kamera an (Raum wie er zu diesem Zeitpunkt war, also ungeschönt).

160214_01_Wohnzimmerpanorama

Oder: Warum wir im Wohnzimmer keine Bilder hängen haben.

Ich bügelte und ließ dabei das Buch ein wenig nachhallen, bevor ich vor dem Abendessen Green Monkeys zubereitet.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Waldorf Salad aus Ernteanteil gemacht, außerdem Pferderouladen nach italienischer Art.

160214_03_Nachtmahl

Ob mein Blogpost über Pferdemetzger von 2003 heute dieselben Reaktionen voller Ausrufezeichen und Großbuchstaben hervorrufen würde? Kann es sein, dass sich die Fronten inzwischen verschoben haben zum Streit über Fleischverzehr generell?

Journal Sonntag, 8. Februar 2016 – Kartoffelsalaterinnerungen

Montag, 8. Februar 2016

Das Wetter war trocken und mild. Nach einer sehr unruhigen Nacht mit wilden Träumen radelte ich ins Sportstudio am Ostbahnhof (Stepaerobic mit eingebautem Kraftttraining, Crosstrainer). Die Aussicht von der Terasse im 6. Stock zeigte die ganze Alpenkette.

Auf der Rückfahrt holte ich Krapfen beim Zöttl: Einen G’staubten (das ist der klassische mit Marmeladenfüllung) für Herrn Kaltmamsell, für mich einen Vanillekrapfen und einen Kirschkrapfen. Um beim Essen festzustellen, dass der Vanillekrapfen eine SCHAUMIGE Vanillefüllung enthielt – oiso naaaa!

Ich las Jane Gardams The Man in the Wooden Hat zu Ende: Wieder ganz wundervoll. Der Nachfolgeband von Old Filth erzählt die Geschichte seiner Frau Betty, wieder in Skizzen von sachlich bis poetisch, die sich zu einem Ganzen verbinden. Diesmal erfahren wir mehr über die Kronkolonie Hongkong, außerdem spielen Freundschaften und Loyalität eine große Rolle.

§

Nach einem Mittagsschläfchen verwendete ich die restlichen Kartoffeln des Ernteanteils, um Kartoffelsalat zu machen. Also so, wie ich ihn immer mache, ohne darüber nachzudenken. Beim Umwandeln in ein Rezept fühlte ich mich wie jede Oma, die nach der Zubereitung eines Standardgerichts gefragt wird. Am ehrlichsten hätte ich gesagt: Na nimmst hoit ´kochte Katoffe, a Briah, a weng Ziebe, a Öl, an Essig, Pfeffa und Soiz, und wanns’t mogst, tuast a Guak’n nei.
Mengenangaben und Garzeiten: Des sigs’t na scho.1

Aber für ein aufzuschreibendes Rezept geht das natürlich nicht. Ich machte mir also jeden Arbeitsschritt bewusst und wog alle Zutaten ab.

Beim Zubereiten dieses Kartoffelsalats wurde ich ganz sentimental: Das ist eines der ganz wenigen Gerichte, die meine Mutter mir so richtig und gründlich beigebracht hat, inklusive einiger Handgriffe.

160207_10_Kartoffelsalat

Das hier ist zum Beispiel ein typischer Anblick bei meiner Zubereitung von Kartoffelsalat. Wie meine Mutter gieße ich die Kartoffeln nach dem Garen ab und lege sie zum Abkühlen auf den Balkon; den Top stelle ich daneben. Im Topf hole ich sie wieder in die Küche, beim Pellen fungiert dieser Topf als Abfalleimer für die Schalen, am Topfrand streife ich klebrige Schalenfitzl vom Messer. Viele Handgriffe, die meine Mutter mich gelehrt hat, habe ich abgelegt (zum Beispiel rohe Kartoffeln auf einem Stück Zeitung zu schälen, um die Schalen danach gesammelt und sauber wegwerfen zu können). Aber diesen habe ich behalten.

Gerade weil das Rezept eine nicht-deutsche Nachkocherin als Leserin adressiert (die Engländerin Helene), war ich so unsicher wie noch nie, wie viel Information es enthalten sollte. Die Gurken für den Kartoffelsalat (meiner enthält immer Gurken, ich mag die Frische und die zusätzliche Textur) müssen zum Beispiel unbedingt gehobelt werden: Gibt es solche Hobel überhaupt in englischen Küchen?

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Letztendlich kam aber doch ein Rezept heraus: Hier steht es.

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Vor dem Einschlafen Patricia Highsmiths The Price of Salt für unseren Lesekreis angefangen: Herr Kaltmamsell hatte eine Ausgabe beschafft, die ein Neudruck der ersten Ausgabe von 1952 ist. Ich fand es seltsam, die altmodischen Bleisatzbuchstaben, die ich aus Büchern dieser Vergangenheit gewohnt bin, auf dem blendend weißen Papier von heute zu sehen.

§

Im Techniktagebuch ist ein ganz wunderbarer Techniktraum aufgetaucht:
„Traum-App“.

Die App soll Leute zur Arbeit motivieren, Produktivität und Durchhaltewille fördern. Analog zur Sport-App „Runtastic“ kann man darin Leute per Button anfeuern – nur eben nicht beim Laufen, sondern bei der Arbeit.

Seit ich das gelesen habe, überlege ich, wie man das einem Betriebsrat als geplante Zukunft andrehen könnte – und natürlich einen ohrenbetäubenden Proteststurm auslösen.

  1. Selbst hatte ich keine Bayrisch sprechenden Großmütter. Aber ich wäre eine geworden. []