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Journal Freitag/Samstag, 24./25. November 2017 – Halsstarrigkeiten

Sonntag, 26. November 2017

Freitagmorgen heftiger Regen, Freitagnachmittag bis -abend lange Bahnfahrt zurück nach München.

Auf der Hinfahrt hatte vor mir ein altes Paar minutenlang darüber gestritten, wie es kam, dass sie von der ICE-Kellnerin Cappuccino bekommen hatte statt eines Kaffees. Sie hatte darauf beharrt, dass sie „Kaffee“ gesagt habe („ich mag ja gar keinen Cappuccino“), er beharrte darauf („ganz sicher“, „eindeutig“), sie habe „Cappuccino“ gesagt. Aufgefallen war mir die Absolutheit und Halsstarrigkeit beider Aussagen. Kann es sein, dass man mit dem Alter immer mehr ausschließt, man könnte sich irren? Oder ist das Folge der Angst, die eigene Erinnerung könnte tatsächlich unzuverlässig werden? Oder ist diese Halsstarrigkeit altersunabhängig und Charaktersache? Selbst bilde ich mir ja ein, immer vorsichtiger gegenüber meinen Erinnerungen zu werden. Außer bei solchen, bei denen ich mir ganz sicher bin, weil sie erst wenige Minuten alt sind. Oh wait…
(Als Zeugin des Kaffee-Cappuccino-Kaufs hatte ich übrigens eine dritte Variante gehört. Die ICE-Kellnerin hatte angeboten: „Großer Kaffee oder kleiner Cappuccino?“ Die Kundin hatte geordert: „Klein, ohne alles.“ Ein beiderseitiges Missverständnis also.)

Ich las auf der Rückfahrt Lion Feuchtwangers Die häßliche Herzogin aus, mochte es so mittel. Einerseits anregend dicht in Handlung und Hintergrund, andererseits stießen mir wie schon in Erfolg die Epiteton-artig wiederholten Beschreibungen der Figuren auf.

In München Freude über das Wiedersehen mit Herrn Kaltmamsell, ein entspannendes Glas Rotwein zu Rind aus der Pfanne. Der Wein rächte sich nachts mit Migräne.

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Samstagmorgen folgte ich meinem Impuls, das Thema „Wie bekomme ich mehr Frauen auf Veranstaltungspodien?“ zu recherchieren und zu verbloggen. Mir war bewusst, dass am Samstag niemand Blogs liest und das der schlechtest mögliche Zeitpunkt fürs Veröffentlichen war – doch was raus muss, muss raus. Weise ich halt nächste Woche nochmal über Twitter und Facebook darauf hin.

Ich machte mich auf zu einem Isarlauf ab Thalkirchen – obwohl sich der Himmel dunkelst bewölkte: Kopf und Herz brauchten dringend eine Laufrunde, um die vergangenen drei Lauf-losen Wochen zu verarbeiten. Tatsächlich begann es nach 30 Minuten zu regnen, erst sacht, dann immer heftiger. Ich genoss das gedankenverlorene Traben dennoch und wurde langsam nass – nur in der letzten Viertelstunde kalt und unangenehm. Ohne Stopp gelaufen (keine Fotos, keine Pokémon), mich munter und schnell gefühlt – dennoch war ich laut Bewegungsapp Moves so langsam wie fast nie.

Daheim nahm ich ein Vollbad, erledigte nach kurzem Frühstück (Honigbrote) Lebensmitteleinkäufe.

Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell – er hatte trotz dichter Wochenendarbeit mehr Lust zu kochen als ich. Es gab Kürbislasagne, die Herr Kaltmamsell leicht abgewandelt hatte: Chilli-Schärfe in die Kürbismasse, statt Schnittlauch (den ich nicht bekommen hatte) oben über den Sauerrahm Zatar – sehr gut.

Zum abendlichen Internetlesen lief im Fernsehen Don Camillo kehrt zurück – wohligste Erinnerungen an gemeinsames Lachen mit meinem Vater.

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„An artist is pasting images of paintings from museums on Indian street corners“.

via @MlleReadOn

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Blogs der Marke „Everybody has a voice“: Jawl erklärt fachkundig, wie es zur Übernahme der Blogbewegung durch Agenturen und Unternehmen kam.
„Wie sich die Blogszene kommerzialisierte und warum heute alle Blogs gleich sind.“

Allerdings finde ich nicht, dass alle Blogs gleich sind. Auch unter den Purse-Blogs gibt es Binnendifferenzierung – und sie werden ja offensichtlich von ganz vielen Menschen gemocht und gelesen. Zu denen ich halt nicht gehöre. Ich wiederhole: Im Internet ist Platz genug für uns alle.

Mir macht das Bloggen weiterhin Spaß (ja mei, andere Leute gucken als Hobby TV-Serien), ich bekomme Infos und menschlichen Austausch zurück – das ist mein return on invest. Dasnuf persifliert sehr schön und gewohnt überzeichnet, wie sich eine Purse-Bloggerin angegriffen fühlt, weil sie lieber PR-Geld als ROI haben möchte: Wenn man in etwas Geld hineinsteckt und andere auch etwas davon haben, möchte man doch schließlich auch Geld dafür zurück.

Journal Samstag/Sonntag, 4./5. November 2017 – Wieder wahlgeholfen

Montag, 6. November 2017

Am Samstag waren wir bei meinen Schwiegereltern in Augsburg zum Mittagessen eingeladen. Nach Ausschlafen, Bloggen, Zugfahrt durch sonnige Landschaft gab es köstlichen Lammbraten in anregender Gesellschaft (neben Schwiegers auch meine Eltern und eine liebe alte Freundin der Schwiegereltern).

Zurück in München ging ich am frühen Abend mit Herrn Kaltmamsell in den nächstgelegenen Einrichtungsladen. Wir hätten nämlich gerne ein Sofa, auf dem wir aneinander gekuschelt lesen und fernsehen können (das vorhandene Sofa ist dafür nicht geeignet), das aber kein Möbel der Sorte Sitzelement ist. Im Internet hatte ich mich bereits umgesehen, fühlte mich aber unterinspiriert. Im Möbelladen war zwar auch nichts perfekt, aber das Probesitzen auf Exponaten machte uns den einen oder anderen Wunsch klar.

Daheim It von Stephen King ausgelesen: Ausgezeichnet konstruierter und vielschichtig erzählter Roman. Es geht um sehr viel mehr als Grusel: Außenseiter, Kindheit, Gruppendynamik, freier Wille. Mir war auf den 1100 Seiten nie langweilig geworden; zwar hätte man die eine oder andere Detailausschmückung streichen können, doch vielleicht hätte das Gesamtwerk darunter gelitten. Leider gibt es typischerweise nur eine weibliche Figur, Beverly, die in der Kindergruppe der sieben „Losers“ halt „the girl“ ist.
Große Leseempfehlung.

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Am Sonntag früh aufgestanden, weil ich als Wahlhelferin des Bürgerentscheids „Raus aus der Steinkohle“ fungierte, diesmal als Schriftführerin. Auch diesmal hatte ich es nicht weit, zur Einsatzschule ging ich morgens nur zehn Minuten.

Bürgerentscheide sind vermutlich immer eher ruhig, der Abstimmungsanlass war zudem auch kein sehr emotionales Thema. Daher blieb viel Zeit zum Ratsch mit Mitwahlhelfenden, wieder lernte ich sympathische und interessante Menschen kennen. Von einer, einer Erzieherin, erfuhr ich unter anderem, dass es YouTube-Stars mittlerweile zu einem eigenen Panini-Sammelalbum geschafft haben, das unter den von ihr betreuten Schulkindern heiß umkämpft ist. (Falls ein Feuilletonautor weitere Belege für den Untergang unserer Zivilisation durch das Internet braucht. Und als Hinweis für uns Rest, welchen Stellenwert Webstars heute bei der Jugend (TM) haben.)

Als Sonntagsessen hatte ich mir wieder etwas von Herrn Kaltmamsell gewünscht: Rindergulasch mit Böhmischem Knödel.

Es war köstlich.
Ruhiger Nachmittag mit Siesta und Lesen, im kräftigen Regen der zweiten Tageshälfte ging ich zum Stimmauszählen.

Abendessen war eine Quitte aus dem Ofen (hätte in ihrer Alufolie ruhig noch länger als die 60 Minuten garen können, war noch ziemlich knackig) mit Sahne und Honig.

Journal Dienstag, 24. Oktober 2017 – Swing Time als Buch und Tanz

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Gestern Morgen Langhanteltraining: war anstrengend, aber tat gut. Die Vorturnerin mag das letzte Stück Musik besonders gern, nach dem wir die abschließenden Bauchmuskelübungen turnen, und sie groovte dazu anfeuernd durch den Turnsaal – Fröhlichkeit für den ganzen Bürovormittag.

Seit zwei Tagen schreibe ich auf einer neuen, ergonomischen Tastatur. Ich wollte vor allem keinen Ziffernblock rechts (weil ich den nie benutze, er mich aber dazu zwingt, die Maus unangenehm weit rechts zu positionieren), und das war nach meiner selbst gekauften kleinen 12-Euro-Tastatur (hielt gerade mal zwei Jahre, tse) die einzige Wahl. Großer Haken: Sie basiert darauf, dass man nach Schulbuch tippt. Ich nutze zwar alle Finger, aber wie fast alle Computernutzerinnen nach selbst entwickeltem Fingersatz. Konsequenz: Ich muss nach Jahrzehnten gedankenlosen Blindtippens wieder auf meine Finger schauen und fühle mich wie mit 19 als Volontärin. (Damals setzte ich mir Blindtippen in den Kopf und tat das so lange, bis die Buchstaben auf dem Bildschirm meinen Vorstellungen entsprachen. Mache ich jetzt einfach wieder. Oder kaufe mir nächste Woche eine kleine 12-Euro-Tastatur.)

Abends Leserunde bei uns; wir hatten Swing Time von Zadie Smith gelesen. Meine Eindrücke hatte ich Ende letzten Jahres hier ganz unten notiert. Die Runde mochte das Buch auch, besonders oft wurden der Einblick in afrikanischen Alltag und die Auswirkungen von gut gemeinter Hilfe erwähnt. Dann guckten wir zum Hintergrund einige Filmausschnitte aus alten Musicals und Parallelen zum Tanzstil von Michael Jackson, die im Buch erwähnt werden, zusammengestellt von Herrn Kaltmamsell. Es wurde recht spät.

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Anke Gröner bittet mich, mir Gedanken über dieses Bild zu machen.

Bild: Victoria and Albert Museum (CC BY 4.0)

Das ist wirklich eine schöne Brille, aufgenommen im Stil von Produktkatalogen. Allerdings scheint mir das Foto deutlich neuer zu sein als das dargestellte Objekt: In den 1960ern, also als die Brille gefertigt wurde, waren Licht und Farben beim Fotografieren anders. Vermutlich handelt es sich also um eine Aufnahme für Museumsbelange, nicht für zeitgenössische Werbung.

Die Europeana stellt Fotos zur freien Verwertung zur Verfügung, das ist ganz großartig. Mit dieser Aktion zielt sie auf Steigerung ihrer Bekanntheit. Und weil die Bitte von einer vertrauenswürdigen Bloggerin weitergegeben wurde, habe ich mich auch auf der Seite umgesehen. Mein Interesse gefangen hat am ehesten der Bereich Fotografie. Hier stieß ich auf Julia Margaret Cameron, die als „bedeutendste britische Fotografin der viktorianischen Epoche“ vorgestellt wird, von der ich aber noch nie gehört hatte. Von ihr stammt zum Beispiel dieses Tennyson-Foto:

Allerdings lösen die aktuellen Marketingversuche von Kunsteinrichtungen in Social Media bei mir eher Unbehagen aus (aber ich bin ja auch von privaten instagram-Accounts als Lebensunterhalt durch Produktwerbung befremdet – was mich als unflexiblen Internet-Dinosaurier entlarvt): Blog-Stöckchen sind eigentlich etwas Anderes. Auch deren Versuche, gewachsene Blogaktionen wie WMDEDGT oder #12von12 für ihr Marketing zu kapern, empfinde ich als unsympathisch. Da mache ich keinen Unterschied zwischen dilettierenden Museumsangestellten und professionellen Agenturen. Mittlerweile ist mir die bezahlte Social-Media-Welt fast lieber, die sich eine eigene Parallelwelt aufgebaut hat, in der berufliche Veranstaltungen als echtes Leben ausgegeben werden (Sprachbaukasten: „so excited about“, „inspiring“) und man einander fürs Twitter-Folgen und Retweeten dankt.

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Johannes Kretschmar aka Beetlebum verarbeitet immer noch die Geburt seines ersten Kinds – die ihn offensichtlich ungefähr so traumatisiert hat wie die Geburt von Neffe 1 meinen Bruder. Besonders gefallen hat mir:
„Wochenbettphilosophie“.

Journal Sonntag, 8. Oktober 2017 – Lesesonntag

Montag, 9. Oktober 2017

Die Erkältung wollte sich einfach nicht in die sonstigen Termine einfügen: Gestern hätte ich also endlich Zeit für einen Tag im Bett gehabt (Herr Kaltmamsell stand bereit für Rundumversorgung und hatte bereits das Glöckchen poliert, das er mir ans Bett stellen wollte, damit ich ihn jederzeit herbeiklingeln kann) – doch jetzt ging es mir schon wieder zu gut dafür; Sehnsucht nach Bett habe ich tagsüber nur in der schlimmsten Krankheitsphase, das wäre Freitag/Samstag gewesen. Aber ich ließ es brav ganz ruhig angehen: Bloggen, lesen, kein Sport, duschen, Haselnüsse aus Elterns Garten knacken, zum Frühstück Toast und Obst mit Joghurt.

Am Nachmittag machte ich unter düsterem Himmel einen Spaziergang zum Kuchenholen, ich startete über den Alten Südfriedhof.

Entdeckung diesmal: Ein Grabstein mit einem Auszug aus dem Friedhofsbuch, „Namen der Begrabenen“. Weitere Entdeckung unter den zahlreichen Spazierenden: Eine Frau, die Eichkätzchen mit Erdnüssen anlockte – und die nahmen sie ihr aus der Hand! Sie erzählte mir, dass die Eichkätzchen die recht schnell verputzen müssen, sonst jagen die Krähen sie ihnen ab. Daheim nicht nur Kuchen gegessen, sondern auch Erdnüsse auf die Einkaufsliste gesetzt: EICHKÄTZCHEN, DIE AUS DER HAND FRESSEN!

Stephen Kings It weitergelesen. Die deutsche Übersetzung hatte ich etwa im Sommer 1989 gelesen und mich nie zuvor oder danach je beim Lesen derart gefürchtet. Ich erinnere mich, dass ich noch lange danach keinen Abfluss in einem Spül- oder Waschbecken mehr unschuldig ansehen konnte und dass ich den Roman für meisterlich hielt. Ich wollte das Buch schon seit Langem wiederlesen, spätestens seit Stephen Kings Autobiografie/Poetik On Writing; die Neuverfilmung gab jetzt den letzten Anstoß. Auch wenn ich wohl kaum die 1116 Seiten schaffen werde, bevor der Film aus den Kinos verschwunden ist.
Gleich der erste Satz ist großartig:

The terror, which would not end for another twenty-eight years – if it ever did end – began, so far as I know or can tell, with a boat made from a sheet of newspaper floating down a gutter swollen with rain.

Wir haben gleich mal einen starken allwissenden Erzähler, der andeutet, er könnte Teil der Handlung sein. Wir werden auf Schreckliches eingestimmt, darauf, dass es lange andauert und vielleicht nicht mal eine Auflösung hat. Das bedrohliche Abflusssystem, das mir als Motiv viel länger im Gedächtnis blieb als der vielzitierte Clown, ist ebenfalls Teil gleich des ersten Satzes.

Abends genoss ich es im Sessel zu lesen, während draußen Regen plätscherte und aus der Küche die Ankündigung guten Abendessens klapperte und duftete (es gab Ratatouille und Kartoffelgratin).

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Der niederländische Autor Joris Luyendijk hat sechs Jahre mit seiner Familie in London gelebt und zieht jetzt bei seiner Abreise Bilanz:
„How I learnt to loathe England“.

Eine interessant andere Perspektive:

I am terribly sorry for my pro-EU middle-class friends in England, and even more sorry for the poor who had no idea that by supporting Brexit they were voting to become poorer. But this is England’s problem, not the EU’s: the nation urgently needs some time alone to sort itself out.

(…)

Ever since the referendum, friends from across the world have been enquiring whether it is true that the British have gone mad. Without those six years in London, I would have unhesitatingly said “yes.” “A temporary bout of insanity” still seems the preferred explanation in much of Europe and among many British Remainers. But years of immersion in English culture and society have convinced me that actually, the Brexit vote should instead be seen as the logical and overdue outcome of a set of English pathologies.

Which brings me to my real anxiety. It is extremely difficult to see a scenario in which this whole Brexit saga could end well.

The Tories are seared by Europe, as they have been for a generation, only now with more intensity; Labour looks incapable of overcoming its own divisions on the question. Neither party dares to speak the truth to millions of people who have voted for a “have your cake and eat it” option that was never on the menu. How to carry out the will of the majority when the majority voted for something that does not exist?

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2016 veröffentlichte Elisabeth Michelbach einen Aufsatz: »›Dem Leben wie einem Roman zu Leibe rücken‹. Wolfgang Herrndorfs Blog und Buch Arbeit und Struktur zwischen digitalem Gebrauchstext und literarischem Werk«. In: Innokentij Kreknin u. Chantal Marquardt (Hg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe #1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016), S. 107—129.

Er ist die literarische Behandlung von Herrndorfs Blog und untersucht, wie sich die Leseweise verändert, wenn derselbe Inhalt in Buchform rezipiert wird. Ich habe den Aufsatz sehr interessiert gelesen, da ich schon lange davon phasziniert bin, wie die Darreichungsform das Lesen beeinflusst – wie zum Beispiel das Wissen um die Länge des verbleibenden Texts die Erwartung des Lesenden an den Fortlauf der Handlung lenkt (in einer linear erzählten Handlung noch zwei Drittel Buch übrig? Heldin wird die gefährliche Szene sehr wahrscheinlich überleben).

Unter anderem beschreibt Michelbach das Blog-Layout und den Aufbau des Blogs, die Hinweise auf die Wandlung von etwas Flexiblem, Unvollständigen zu einem erstarrten, festen Text nach Herrndorfs Tod. (Allerdings spricht sie von der „für Blogs konstitutive Möglichkeit, in Kommentaren auf einzelne Posts Bezug zu nehmen“ – ich widerspreche.)

Es wird auch festgehalten, wie Herrndorfs Texte im Web vernetzt sind. Kann es sein, dass durch ihn erstmals ein Leben im Internet Teil der Literaturwelt wurde? Nicht auf einer analytischen Metaebene, dass darüber geschrieben und reflektiert wurde (Internet – Fluch oder Segen), sondern weil Internet-Gemeinschaften konstituierender Teil eines Literatenlebens waren. Was nicht mal erwähnt wird: Herrndorf gehörte zu den Höflichen Paparazzi, die für mich nach allen Schilderungen die Fortsetzung des von Friedrich Torberg beschriebenen Kaffeehauslebens sind/waren. Und ich weiß aus zwei Quellen, dass das Forum auf seine Bitte wiederauflebte, dass die Pappen, wie sie sich nennen, ihn bei Recherchen für seine Romane unterstützten. Die Rolle des Paparazzi-Forums für Herrndorfs Werk sollte literaturwissenschaftlich untersucht werden.

Journal Donnerstag, 21. September 2017 – Per Petterson, Ina Kronenberger (Übers.), Nicht mit mir

Freitag, 22. September 2017

Kaum hatte ich über Sonnenlosigkeit und Kälte gemeckert, bekam ich einen Sonnentag geschenkt. Ich freute mich an Licht und Wärme schon auf dem Weg in die Arbeit.

Am Vormittag wärmte die Sonne mein Büro, auf dem Heimweg vergoldete sie Gebäude.

Bei mir ums Eck erlebte ich Einkauf in einem Laden, in dem nur Englisch gesprochen wurde: Die junge Dame, einziges Personal, sprach mich auf Englisch mit osteuropäischem Akzent an, ich antwortete auf Deutsch, sie reagierte auf Englisch. Und bestätigte mir auf Nachfrage, dass sie überhaupt kein Deutsch spreche, hihi. Das ist mir in München original noch nie passiert. Die Dame meinte aber, sie habe vor, mal Deutsch zu lernen – sei das nicht recht schwer?
Ich hieß sie in Deutschland willkommen und verkniff mir Altfrauenerzählungen von meinem Vater, der vor über 50 Jahren ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland kam und schon nach einem Jahr als Übersetzer für Neuankömmlinge fungierte. Für ihn hatte möglichst schnelles Deutschlernen Prio eins – als Elektriker hing ja auch sein Leben davon ab, dass er seine deutschen Kollegen in der Fabrik verstand.

Was mich tatsächlich irritierte: Ich traf die Dame im nördlichen Bahnhofsviertel an, in dem der Migrantenanteil schon immer sehr hoch war – und in dem die Lingua franca immer Deutsch war, egal mit welchem Radebrechanteil. Bislang gab es hier halt keine „Expats“, sondern „Ausländer“. Vielleicht ändert sich das ja gerade. Die Spezialisierung dieses konkreten Ladens lässt die Prognose zu, dass hauptsächlich Anglophile dort einkaufen werden. Ich bin sehr gespannt, ob mein Zuhauseviertel gerade ein fundamental anderes wird.

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In der Abenddämmerung spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen unserer Leserunde nach Untergiesing. Wir freuten uns sehr, dass wir im Südfriedhof und über der Isar Fledermäuse flattern sahen.

Das Buch, über das wir sprachen, war Per Petterson, Ina Kronenberger (Übers.), Nicht mit mir, das ich im Spanienurlaub gelesen hatte. Der Roman erzäht die Geschichte der früheren Freund Jim und Tommy. Er beginnt mit der überraschenden Wiederbegegnung, als die beiden um die 50 sind: Jim angelt gerade, Tommy erkennt ihn beim Vorbeifahren aus dem Auto, bleibt stehen und spricht ihn an. Schon hier wird klar, dass sich die Lebenssituation der beiden seit ihrer gemeinsamen Jugend verkehrt hat – und wir haben einen Anlass für das Erzählen ihrer Geschichte. Sie waren Nachbarskinder, Schulfreunde. Tommy befreite sich als Kind von einem prügelnden Vater, Jim rebellierte gegen seine frömmelnden Mutter. Ihre Freundschaft zerbricht an dem Umstand, dass Menschen am schlechtesten denen verzeihen können, denen sie Schlimmes angetan haben.

Wir alle fanden den Roman gut, waren aber unterschiedlich berührt davon. Ich fand ihn sehr gut strukturiert, mochte den Rhythmus der Geschichte und die Erzählökonomie, die mit wenigen Informationen die Türen zu vielen weiteren Geschichten öffnete, zum Beispiel zum Schicksal von Tommys Geschwistern. Meiner Ansicht nach hätte Nicht mit mir nicht nötig gehabt, gegen Ende mit plötzlichen Verbindungen zwischen Handlungssträngen zu überraschen. Den offenen Schluss mochte ich wieder sehr gerne – einen Roman anständig zu Ende zu bringen, ist eine Kunst.

Einig waren wir uns in einer zentralen Kritik: Jim und Tommy sind zu schwer zu unterscheiden, wenn aus ihrer personalen Perspektive erzählt wird und wenn sie sprechen – jeder und jede von uns musste immer wieder nachschlagen, wer gleich nochmal wer ist. Und das, wo die Geschichte davon lebt, dass die beiden Figuren extrem verschieden sind und dennoch eine tiefe Freundschaft schließen. Ich gab allerdings zu bedenken, dass das an der Übersetzung liegen mochte, dass das norwegische Original vielleicht sprachliche Mittel gefunden hatte, sie stärker zu profilieren.

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Sie kennen diesen Kalenderspruch, man solle das, was man gerne täte, nicht auf irgendeinen späteren Zeitpunkt verschieben? Nicht auf nach Erledigung von diesem und jenem oder gar nach das Berufsleben? (Mir fällt gerade keine konkrete Formulierung ein, die vor das Foto eines karibischen Sonnenuntergangs passt, bitte um Vergebung.) Das wäre bei mir nichts tun zu müssen. Was ich ab sofort so oft wie möglich tun werde und als Rechtfertigung dafür anführe, dass ich so wenig engagiert oder ambitioniert bin. HA!

Journal Samstag, 9. September 2017 – Alles über Spanien

Sonntag, 10. September 2017

Es ist ganz erstaunlich, dass sich lebendige Sachen einfach weiterentwickeln. Da sieht man alle zehn Jahre nach Spanien, und jedesmal sind einige Seiten anders oder weg, die man bislang als typisch spanisch im Kopf hatte.1

Die Tapaskultur hat sich gewandelt. Früher (zum Teil noch vor zehn Jahren) stellte die traditionelle kastilische Bar an der Theke eine Reihe von Pinchos, Tapas, Raciones bereit; als Gast saß man der Bar und bestellte sich davon etwas. Heute gibt es statt dessen eine Speisenkarte mit „Tapas y Raciones“, die meisten Bars wurden durch Mischungen aus Bar und Restaurants ersetzt, die Theke selbst ist meist so kahl und leer wie eine deutsche.

Wieder verstärkt erlebte ich aber, was ich vor zehn Jahren bereits verschwinden sah: In den Bars gibt es zum Getränk (mit oder ohne Alkohol) immer eine Kleinigkeit zu essen, das reicht von ein paar Oliven oder Erdnüssen bis zu einem ordentlichen Stück Tortilla oder einem Schälchen frittierter Calamari.

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Beim Personal in der kastilischen Gastronomie gab es einen Generationenwechsel. Hinter der Bar eines spanischen Lokals stehen eigentlich grimmige Kellner männlicher Natur in weißem Hemd und schwarzer Hose. Außer halt gar nicht mehr. Schon vor zehn, auch schon vor 20 Jahren gab es immer mehr Frauen, die Standardkluft wurde immer häufiger durch etwas Lokal-einheitlich Gebrandetes ersetzt, und mittlerweile ist das Personal natürlich sehr oft nicht gebürtig spanisch – Gastronomie ist die klassische Einstiegsbranche für Eingewanderte.

(„A clean, well-lighted place“ muss dennoch nicht umgeschrieben werden.)

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Radler (clara) und tinto de verano sind als bestellbare Getränke eh etwas aus den jüngeren Jahrzehnten; inzwischen wurde ich beim Bestellen gefragt, ob ich sie mit Casera (süße, klare, unaromatisierte Limo – früher das einzige Verdünnungsmittel) oder Limón (sehr süße, trübe Zitronenlimo) wolle. Ich habe beides auch mit Limón ausprobiert: Ist mir viel zu süß.

Kaffeegetränke mit Milch (café con leche, cortado) haben inzwischen auch in Spanien Milchschaum.

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In Madrid gibt es Leihfahrräder mit Elektromotor. Radlerinnen und Radler sind immer noch ein seltener Anblick, hin und wieder sah ich Privatradlerinnen (und war sofort bereit, sie als Zuwanderer einzustufen), doch regelmäßig sausten in den Altstadtgassen junge Nutzerinnen und Nutzer der weißen Fahrräder mit Motor an mir vorbei – der in einer überraschend hügligen Stadt wie Madrid sicher ein Anreiz ist. Das System gibt es seit 2014 und liest sich vorbildlich.

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Gestern Heimkommen: Erstes Wäschewaschen, Besorgung von Basisnahrungsmittel und Brotzeit für die anstehende Arbeitswoche, Isarlauf.


Heftige Sturmschäden am Isarhochweg vor Pullach.

Ich fror in der Wohnung und wärmte mich mit Socken, Strickjacke, heißem Tee: Die Heizung ist offensichtlich noch nicht angeschaltet – sie rauscht ruhig und ohne Gluckern, doch die Heizkörper werden nur minimal warm.

The Power von Naomi Alderman ausgelesen: Hervorragend ausgedacht, strukturiert und erzählt. Ich hoffe, ich raffe mich noch zu Details auf.

Urlaub vorbei.

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Wurde gestern in meiner Twitter-Timeline vielfach herumgereicht, zu Recht. Anja Maier schreibt für die taz:
„Wiedervereinigung und die Wahl
Merkels vergessene Schwestern
Die sächsische SPD-Politikerin Petra Köpping hört den Verlierern der Wende zu. Die erzählen von der Arroganz des Westens und ganz realer Benachteiligung.“

„Es gibt unzählige Beispiele, wie damals Menschen über den Tisch gezogen wurden, weil sie – oftmals zutiefst blauäugig – die neuen Regeln nicht überblicken konnten“, hat Köpping in ihrer Rede zum Reformationstag ausgeführt. Da sei ein „Stachel der Demütigung“. Viele Leute hätten sich damals gefragt: Und das soll Demokratie sein?
Schuld am Frust sei eigentlich nicht die Demokratie als staatliches Prinzip gewesen. Vielmehr sei die Wiedervereinigung in eine historische Phase gefallen, in der westdeutsche Eliten im Osten ihren lang gehegten neoliberalen Traum verwirklicht hätten.

  1. Das ist übrigens eine der gefährlichen Seiten des Älterwerdens: Immer häufiger muss man etwas, was man aus eigenem Erleben zu wissen glaubt, lieber nochmal checken, weil das Erleben so lange her ist, dass eventuell in der Zwischenzeit alles anders geworden ist. []

Journal Mittwoch, 30. August 2017 – Spanienurlaub 10, Morgenlauf und Thomas Lehr 42

Donnerstag, 31. August 2017

Dieser zweite Regentag kam unvorhergesehen. Angekündigt war Sonne, also sah mein Tagesplan vor: Weckerwecken, Laufrunde mit anschließendem Meerschwumm, Duschen, Morgenkaffee, Lesen in der Sonne auf der Dachterasse – dann je nach dem.

Doch der Morgen war von dichten Wolken verhangen, die mir jede Lust auf Meerschwumm nach Lauf nahmen und dann auch noch ausdauernd regneten. Aber den Morgenlauf genoss ich.

Rush Hour in der Bucht von Muros.

Mit Strand war also nichts, wir vertrieben uns die Zeit mit Lesen und Schreiben. Als es am späten Nachmittag trocken wurde und sogar aufklarte, spazierten wir den Kreuzweg vom ehemaligen Franziskanerkloster aus, den man weithin sieht.

Abendessen in einer Bar (Salat, Sardinien, Pimientos de padrón, Croquetas de pescado, dazu Gin Tonic), als Dessert den absoluten Modenachtisch: Flan de queso.

Er war uns gleich im ersten Restaurant angeboten worden, seither habe ich ihn noch einige Male bestellt, wenn er hausgemacht war. Basis ist klassischer Flan, nur dass ein Frischkäse nach Wahl untergemischt wird; mal schmeckte der Flan eher nach Ricotta, mal nach Philadelphiakäse. Werde ich definitiv daheim ausprobieren.

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Der Regen verschaffte viel Zeit zum Lesen, also Thomas Lehrs 42 ausgelesen. Alle 368 klein bedruckten, fast absatz- und dialoglosen Seiten. Das Set-up: Als eine Besuchergruppe des Kernforschungszentrums CERN an einem Hochsommertag aus der unterirdischen Anlage an die Oberfläche zurückkehrt, ist alles außer ihnen stehen geblieben – die Zeit, der Rauch, die Wellen, die Sonne, die Menschen; es bewegt sich nichts mehr. Das wäre als Bühne für eine Geschichte spannend, doch die folgende Menge an Handlung reicht gerade mal für eine Star Trek-Episode. Statt dessen erzählt Lehr jede Konsequenz dieses Vorfalls, jede. Und noch eine. Bis ins Detail des Details. Als Handlung hat sich er Roman am ehesten die Suche nach der physikalischen Ursache des Stillstands vorgenommen, und auch hier wird jeder Erklärungsansatz detailreich durchgespielt. Mir war schon klar, dass fast alle Romanschreibenden sich Skizzen ihrer erfundenen Welten machen, sich viele Details vorstellen, Räume, Seitenzweige und Nebenfiguren ausschmücken. Aber das muss man doch nicht alles auch hinschreiben!

Lektüre-erschwerend kommt ein sprachliches Faible für Adjektive und Vergleiche hinzu; keines der unzähligen Details entkommt Lehrs Belebung durch Metaphorik. Hin und wieder habe ich von Lektoren und Verlegerinnen gehört, sie bräuchten nur einen Absatz eines Manuskripts zu lesen um zu wissen, ob es zu gebrauchen sei oder nicht. Oder nur einen Satz:

Elektronen wurden durch Erhitzung aus Metalldrähten gemolken, auf der Hundert-Meter-Kurzstrecke linear angepeitscht, in den ersten Ringbeschleuniger mit 600 Meter Umfang geschossen, bei 3,5-Giga-Elektronenvolt rasend entlassen, jedoch nur, um auf dem 7-Kilometer-Kreis des SPS noch mehr an Besinnung zu verlieren, damit sie mit gesträubtem Haar, zusammengepressten Augenlidern und flatternden Backen bei 21 GeV im 26-Kilometer-Ring des großen LEP zur finalen Unfallgeschwindigkeit kurz unterhalb von Zeh (c) getrieben wurden, gebündelt in praktischen 250-Billionen-Stück-Packungen und vier Strahlen, die sich an acht Punkten kreuzten und zwar 45 000-mal pro Sekunde, so abgefeimt und listig aber doch, dass es fast alle schafften, im letzten Moment den Billionen Geisterfahrern aus der Gegenrichtung innerhalb der engen Tunnelröhre auszuweichen, abgesehen von dem einen angetrunkenen oder juvenilen Trottel alle zwei Sekunden, den es dann in den monströsen Prüfmanschetten von OPAL, ALEPH, L 3 oder DELPHI in die aberwitzigsten Stücke riss, die Kerne der Kerne der Kerne, auf die man es abgesehen hatte, denen die Feldkräfte der erdgrößten Magneten auflauerten, um sie auf ihren lichtschnellen Fluchten aus der Fassung zu bringen, in den Zwiebelschichten der Spurengeräte ihre ein ehrlichen Prallbahnen zu schmerzlichen und mathematisch heimtückischen Schleifen, Parabeln Zykloiden, Kardioiden, Spiralen zu zwingen, so kunstvoll gewunden wie Frauenhaar auf einem Dürer-Stich.

Die gemolkenen Elektronen werden mich noch bis in den Schlaf verfolgen.

So geht es noch mal und von Neuem immer wieder, wenn Ausschnitte des physikalisch-wissenschaftlichen Hintergrunds des CERN erzählt werden. Die de facto keine Rolle spielen. Irgendwann begann ich, Herrn Kaltmamsell solche Passagen im Tonfall von Hitlerreden vorzulesen, das passte am besten zu ihrer Komik.

Eingewoben dann Anläufe von Nachdenken über Zeit an sich, diese jeweils so banal, dass ich sie nach dem ersten Durchgang übersprungen habe.

Und dann all der Sex. Eine Folge der Lage ist im Roman, dass die Chronologiker ihre sexuellen Fantasien umsetzen – umständehalber halt ohne Einverständnis des stillgestandenen Gegenübers. Auch hier bekommen wir nicht nur das eine oder andere Beispiel, um die Tatsache an sich zu erzählen – das würde für eine Lord of the Flies-Anspielung einer menschlichen/gesellschaftlichen Entwicklung unter besonderen Bedingungen reichen. Doch nein, wir lesen Dutzende Beispiele und noch eines, alle Seite um Seite, Schamhaar- um Vulvafaltendetail auserzählt. Inklusive japanischer Fachterminologie. Das ist sehr ermüdend.

Aber die Star Trek-Folge basierend auf dem Roman sähe ich gern.

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„Rebecca Solnit: if I were a man“.

Rebecca Solnit ist die Frau, die als erste ein bestimmtes Mann-Frau-Phänomen mit mansplaining beschrieb. Hier denkt sie über die vielen tausend Freiheiten nach, die ihr das Mannsein bereiten würde – ohne das Gefängnis zu vergessen, das Männlichkeitszwang errichtet.