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Journal Mittwoch, 21. September 2016 – Bayerisches Nationalmuseum, Der große Glander

Donnerstag, 22. September 2016

Wer schon wieder um halb sechs Uhr aufwacht, hat dann zumindest bis zum Mittagsläuten
– gebloggt
– einen rosenfingrigen Sonnenaufgang gesehen
– Morgenkaffee getrunken
– den restlichen Bügelberg gebügelt und verräumt
– Schuhe geputzt und die Wanderstiefel gründlich eingefettet
– ein ausgiebiges Vollbad genommen – mir war so kalt
– sich gecremt und gekleidet
– gefrühstückt und dabei die Tageszeitung gelesen
– drei paar Schuhe zur Schusterin gebracht und mit dieser ausgiebig geratscht
– ein wenig Lebensmittel eingekauft

Und steht kurz nach Mittag vorm Bayerischen Nationalmuseum.

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Der Spitzname, den die Münchner diesem Museum geben, „Bayerische Rumpelkammer“, passt heute wirklich nicht mehr: Der riesige Ausstellungsteil Barock, der 2015 wiedereröffnet wurde, ist ebenso sorgfältig luftig, schön ausgeleuchtet und informativ präsentiert wie die Sammlungen aus Romanik und Renaissance.

Ich ging chronologisch vor (nachdem mir ein freundlicher Angestellter auf meine Frage Ort und Funktionsweise der Schließfächer von Grund auf erklärt hatte – die Museumsräume waren gut geheizt) und hatte bereits so viel Zeit mit Romanik bis Renaissance verbracht, dass ich durch den Barockteil lediglich schlenderte und nur vereinzelte Exponate genauer besah. Lange hielt ich mich nach dem ersten „Holy Shit!“-Moment in der Zunftstube der Augsburger Weber auf, für die das Museum seinerzeit einen eigenen Raum gebaut hatte. Ich kenne das Weberhaus in Augsburg und habe während meines Studiums ein Seminar über Augsburg im Späten Mittelalter besucht, konnte also einiges ein wenig einordnen. Es gab ohnehin viele solche Vertrautheitsmomente in der Romanik- und Gotikausstellung: Ortsnamen, Bezüge zu ebenfalls vertrauten Werken – schließlich bin ich in der Stadt aufgewachsen, die unter anderem die erste bayerische Hochschule beheimatete.

Viel Zeit verbrachte ich auch im Raum mit den Sandtner-Modellen bayerischer Residenzstädte (nur schwach beleuchtet, vermutlich wegen der Tapisserien an den Wänden), auch wegen der Druckplatten für die zeitgenössische Landkarte.

Auffallend: Die fast schon als Stolpersteine aufgestellten Erklärtäfelchen vor Vitrinen und Exponaten, die auf die Provenienz von Objekten aus der Sammlung Hermann Görings hinwiesen. Mit einem Forschungsprojekt der Provenienzforscherin Dr. Ilse von zur Mühlen geht das Museum seit 2014 der genauen Herkunft von 430 Ausstellungsstücken nach, die zwischen 1961 und 2004 aus der Sammlung Görings in den Bestand kamen. (Dachte man davor: „Sammlung Görings? Ach, der hat’s vermutlich am Flohmarkt gekauft, wo er am Sonntag immer war.“?)

Im Untergeschoß mit seinen Ausstellungen zu Möbeln und Geschirr war ich erst gar nicht, ich nahm mir dringend mindestens einen weiteren Besuch des Museums vor. Überhaupt begegnete ich während der etwa zweieinhalb Stunden meines Aufenthalts (für mehr reicht meine Aufmerksamkeit nicht) nur einem halben Dutzend anderer Besucherinnen und Besuchern – da sah ich ja mehr Museumspersonal. Gerade der neu gestaltete Barockteil ist doch eigentlich ausgesprochen attraktiv für Touristen, gerade aus dem Ausland – wo sie doch eh alle zur Eisbachwelle nebenan pilgern. Hat das Museum vielleicht zu wenig Budget für Öffentlichkeitsarbeit? Oder ist nicht zu viel Aufsehen gewünscht? (Die meisten sensationellen Exponate stehen frei und sind nicht durch Glasvitrinen geschützt.)

Exponat des Monats ist „ein seltenes Frauenwams aus dem 17. Jahrhundert“, heute um 18 Uhr gibt’s eine Führung dazu – falls Sie zufällig Zeit haben.

(Meine Fotos traue ich mich nicht hier einzustellen, weil es keinerlei Angaben zu Fotografier- und Veröffentlichungsregelung auf der Website gibt.)

§

Der Vormittag war hochneblig gewesen, auf meinem Heimweg durchs Lehel schien die Sonne.

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Daheim las ich Der große Glander von Stevan Paul aus und fühlte mich sehr gut unterhalten. Da es in diesem Roman so viel um Speisen und Getränke, deren Zubereitung, ihr Aussehen, ihren Duft, ihre Geschmacksnuancen geht, ist die Versuchung stark, auch den Roman so zu beschreiben: Süffig ist er, durch und durch, würzig ohne zu überfordern, rund abgeschmeckt, handwerklich sorgfältig zubereitet.

Die Geschichte des Malers und Kochs Glander wird nicht linear erzählt: Während die Haupthandlung (Kunstzeitschriftenredakteur recherchiert den Verbleib eines vor elf Jahren verschwundenen Künstlers) voranschreitet, springen dazwischen Kapitel in die Vergangenheit, indem sie die Vorgeschichten einzelner Romanfiguren beleuchten. Das ist sehr gut gemacht. Eingeflochten sind auch, immer an passender Stelle, Plädoyers für gutes Essen und Trinken, für deren Bedeutung. Die Figuren sind glaubwürdig, Landschaften und gesellschaftlicher Hintergrund werden lebendig und nachvollziehbar beschrieben, Robert de Niro ist ein witziger roter Faden.

Herummäkeln möchte ich lediglich am einen oder anderen Sprachklischee; hier hätte ein härterer Streichstift der Lektoren gut getan.

Völlig rausgefallen aus dem so abgerundeten Werk ist allerdings ausgerechnet das zweiseitige Eingangskapitel: Beschrieben wird die (Haus-)Geburt des Protagonisten, und nicht nur muss der einzige Geburtshelfer, der Kindsvater, „noch mehr heißes Wasser“ bringen, ein Rätsel seit Westernfilmen aus den 50ern (auf Twitter ließ ich mir von Expertinnen erklären, dass mit heißem Wasser bei der Geburt Tücher befeuchtet werden, die den Damm weich halten sollen – im konkreten Zusammenhang des Romans unwahrscheinlich). Zudem wird die Mutter des Protagonisten als einzige Hebamme am Ort eingeführt – das ist dann aber auch das letzte Mal, dass ihr Beruf oder auch nur das Thema auftaucht.

§

Zum Abendessen kochte ich Tomatensuppe. Nach dem Ernteanteilpacken durften wir Helferinnen angedotztes Gemüse mitnehmen, unter anderem Tomaten. Selbige versauten mir wegen Angedotztheit zwar die Tasche, wurden aber zu einer sensationellen Suppe. Olivenöl, Salz, Pfeffer, ein wenig gekörnte Brühe – zerkocht, zerstört, fertig. Und spektakulär köstlich.

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Farbe original, es waren einige gelbe Eiertomaten dabei.

§

Ich bekomme ja selten Werbeanfragen, die meisten lassen sich nach kurzem Überfliegen als Spam löschen. Diese aber hat mich so sehr zum Lachen gebracht, dass ich sie unbedingt mit Ihnen teilen muss:

E: HI,
D: Guten Tag,

E: We are an Onlineshop (www.mariakommunion.de), and we sell Communion Dresses on our website. We found your website and would like you to write a Post for us and/or put our Banner on your Website. We will pay you through Paypal.
D: Wir sind einen Onlineshop (www.mariakommunion.de), und verkaufen maßgeschneiderte Kommunionkleider auf unserer Webseite. Wir haben Ihre Webseite gefunden, und wir hätten gern wenn Sie einen Post für uns schreiben könnten oder/und unser Banner auf Ihrer Webseite machen können. Wir werden Ihnen durch Paypal bezahlen.

E: Please read our proposal:
D: Bitte schauen Sie unserer Vorschlag an:

E: INSTRUCTIONS TO WRITE THE POST:
D: Anweisungen um der Post zu schreiben:

1.

E: Write a Blogpost for 20 US $ (post should be in german)
D: Schreiben Sie einen Blogpost für 20 US $ (Post soll auf Deutsch):

E: Instructions to write the Post:
D:Anweisungen, um den Beitrag zu schreiben:

A.

E: The design of the Post you can do as you please.
D: Design können Sie tun wie Sie möchten.

B.

E: Use all the following words in the list to write your Post and add a hyperlink on the word to their corresponding URL.
D: Benützen Sie alle die folgende Wörter im Post und machen Sie einen Hyperlink auf dem Wort der schickt zum spezifischen URL:

Kommunionkleider

www.mariakommunion.de
Kommunionkleider 2016

http: //www.mariakommunion.de/kommunionkleider-2016-c-1_6/

Kommunionkleider Schlicht

http: //www.mariakommunion.de/kommunionkleider-schlicht-c-1_7/

C.

E: In addition put a few Dress Pictures from our Website with a link to the product page
D: Außerdem setzen Sie bitte ein paar Kleider Bilder mit Links zur Produkt Seite

D.

E: Share the post on your social medias (facebook, twitter, instagram, Pinterest)
D: Teile Sine den Post auf Die Social Medias dass Sie haben (facebook, twitter, instagram, Pinterest)

2.

E: Set our Banner for 10 US $ (für 3 Monate)
D: Setzen Sie Banner für 10 US $ (für 3 Monate), in der Seitenliste.

E: Just copy the Banner-Code:
D: Sie brauchen nur der Banner-Code zu kopieren:

< a title="Günstige und Hohe Qualität Kommunionkleider | Mariakommunion" href="http://www.mariakommunion.de">Entdecken Sie Wunderschöne Kommunionkleider bei Mariakommunion. Unsere elegante Kommunionkleider findet man in weiß und elfenbein Farben. Wir bieten Tolle Angebote an.< /a>
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E: If you agree with the terms, send us the Url of the Post and your paypal Adress, once we checked the Post we will transfer the money. If you have any questions do not hesitate to contact us. Please tell us the social Medias you can share the Post on.
D: Wenn Sie mit den Vorschlägen in Ordnung sind, schicken Sie mir bitte die Link von dem Post und Ihrem Paypal-Konto, nachdem wir den Post gecheckt haben werden wir bezahlen. Hätten Sie Fragen, wenden Sie sich bitte an mich. Danke für Ihre Zeit. Bitte sagen Sie uns welche social media Sie haben wo Sie den Pot teilen können.

E: We look forward to hearing from you. Sincerely
D: Ich freue mich von Ihnen zu hören. Viele Grüsse

Sagen Sie selbst: Ist das nicht ein Juwel? Und 30 US-Dollar für geschätzte drei bis vier Stunden Arbeit (die erst gezahlt werden, wenn die Arbeit auch gefällt) passen ja fast ins deutsche Mindestlohngesetz.

Journal Sonntag, 14. August 2016 – Sommertag im Chiemgau

Montag, 15. August 2016

Ein weiterer Sommertag; da der Spaß ja jeden Tag vorbei sein kann, steckte ich wieder Programm für zwei rein.

Zweites Mal sehr gut geschlafen in Folge – das ist wirklich schön. Nach Kaffee und Bloggen auf dem Balkon (Eichhörnchen!) spazierte ich zeitig zum Schyrenbad, wieder über den wundervollen Südfriedhof.

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Der neue Schwimmbikini bestand seinen ersten Einsatz, die Hose sitzt sogar besser als das alte Modell. Während ich meine Bahnen zog, dachte ich unter anderem nach über die Merkwürdigkeit vorgeschriebener Schwimmstile bei offiziellen Wettkämpfen. Beim schnellen Rennen ist das Ziel ja einfach, eine bestimmte Distanz in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen. Aber beim Schwimmen gilt das nicht, die Form der Bewegung wird vorgeschrieben: Es heißt nicht einfach „200 Meter Schwimmen“, das wäre am ehesten Freistil. Sondern die 200 Meter müssen Kraul, Brust, Schmetterling, Rücken geschwommen werden. (Na gut, ich habe gerade gesehen, dass Gehen immer noch olympisch ist.)

Ich duschte und wusch mich gleich gründlich im Freibad, da ich nachmittags einen zweiten Sommertag vorhatte, legte mich dann noch ein halbes Stündchen in die Sonne.

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Zweites Sommertagsprogramm am Nachmittag: Meine Leserunde traf sich diesmal in der Sommerfrische, nämlich im Ferienhaus einer Mitlesenden am Chiemsee. Wir fuhren zusammen mit dem Bayernticket im gut besetzten Zug nach Salzburg.

Geredet wurde nebst Kaffee und Kuchen über Bachtyar Ali, Der letzte Granatapfel. In dem Roman erzählt Muzafari Subhdam, einst ein hochrangiger Peschmerga, nach 21 Jahren Einzelhaft in der Wüste befreit, seine Geschichte – und die der Suche nach seinem Sohn. Auf der Suche erzählen ihm wiederum Menschen Stück für Stück, was in den 21 Jahren seiner Abwesenheit geschehen ist. Durch diese Erklärungen entfaltet sich die ganze menschliche und politische Auswegslosigkeit der Lage im kurdischen Irak – wenn nicht sogar im gesamten Nahen Osten.

Ich war die einzige, der der Roman gefallen hatte; die anderen waren durch die Redundanz des manchmal formelhaften Erzählens gelangweilt oder abgestoßen von der toxic masculinity, die sowohl den Hintergrund des kriegerischen Gemetzels in den kurdischen Gebieten Iraks durchtränkt als auch den ausschließlich männlich geprägten Vordergrund, in dem es nur Freund oder Feind gibt, Schwarz oder Weiß, und in dem die Männer einander bei der nichtigsten Gereiztheit grausame Tode an den Hals wünschen. Frauen tauchen nur als mystische Gestalt, Sexspielzeug oder Kindsausträgerin auf.

Dennoch war ich fasziniert gewesen von der ganz ungewohnten Erzählweise, in der die Figuren nicht psychologisch motiviert sind, sondern durch mythische Topoi – die dann in formelhaft variierten Naturbildern geschildert werden. Und ich sah in den drei Saryasi drei Seiten der kriegerischen Auseinandersetzung, mit dem ersten Saryasi, dem „Marschall“, als einzige politisch vernünftige Gestalt.

Wir unterhielten uns recht lange darüber, ob die Erzählerstimme die Geschehnisse und die Kultur dahinter kommentierend berichtet oder lediglich konstatiert. Ich plädiere für eine Schilderung, die eine Einordnung dem Lesenden überlässt (was er und sie ja ohnehin tun). Als Europäer und Europäerinnen sind wir abgestoßen von einer Denkweise, die uns mittelalterlich erscheint; ob das kolonial bevormundend ist, will ich nicht beurteilen.

Vielschichtig ist der Roman auf jeden Fall. Ich empfehle ihn, weise aber auf die abweisenden Reaktionen meiner Mitleserinnen und Mitleser hin. Hier die Rezension von Stefan Weidner in der Sueddeutschen, die mich auf das Buch aufmerksam machte.

Wenn wir schon im Chiemgau und am See waren, wollte die eine Hälfte der Leserunde Baden gehen. Mir war nicht nach einer zweiten Wasserrunde, ich fuhr nur zum Gucken mit an den Langenbürgener See.

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Weiteres Programm: Gestern fand in Prien das jährliche Marktfest statt – das wollten wir sehen. Und zu sehen war einiges, die Straßen und Plätze um den Marktplatz standen voller Bierbänken, Bühnen, Ständen mit Speisen und Getränken. Das Ganze war angenehm schlicht und unkommerziell, hier feierten die Einheimischen und ließen es sich gut gehen, schnickschnackfrei. Zu essen gab es Bratwürste, Schweinsbraten, Leberkäs, Hendl (traditionell schlechte Aussichten für Vegetarierinnen), zu trinken Bier und Wein (plus Wirtshauscocktails an einer Bar), auf den drei Bühnen spielten eine volkstümliche Band, ein 30-köpfiges Blasorchester, eine Partyband. Die örtlichen Trachtenvereine zogen reihum und boten dar.

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Zum Beispiel die Goaßlschnoiza.

Rückfahrt nach München im überfüllten Meridian, Zugerprobte (ich) fanden Bodenplätze.

§

Da ich schon berufsbedingt ein großer Fan von Serienbriefen bin

Wortschnittchen erzählt, wie sie den Nachlass ihres Manns bearbeitet und gibt Tipps.
„Nachlasssachen.“

Journal Donnerstag, 21. Juli 2016 – Fahrt nach Berlin

Freitag, 22. Juli 2016

Am Samstag bin ich zu einem Fest in Berlin eingeladen. Ich nutzte die Gelegenheit für ein paar Tage Berlinurlaub und nahm schon gestern einen Zug nach Nordosten.

In München hatte sich der Hochsommer schwül verdüstert, kurz vor meiner Abfahrt setzte ein Wolkenbruch ein. (Neues Hindernis fürs Pokémonspielen: App findet kein GPS-Signal.) Der Regen hielt in verschiedener Stärke an bis Leipzig. In Berlin war es zwar bedeckt, aber trocken und warm, über den Nachmittag verschwanden auch die meisten Wolken.

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Unterwegs las ich Bov Bjergs Die Modernisierung meiner Mutter zu Ende. Die Geschichten gefielen mir sehr; da sie für Lesebühnenauftritte geschrieben waren, hatte ich Launigkeit befürchtet. Doch obwohl die Geschichten oft lustig sind, fehlt ihnen jede Launigkeit: Komisch sind die beschriebenen Inhalte, die Bov beobachtet. Fast alle Geschichten leben von der Dörflichkeit und Provinzialiät, in der sie spielen – möglicherweise ist aber gerade diese nur aus der Warte der Großstadt erkennbar. Blick und Menschlichkeit erinnerten mich mehrfach an Hanns Dieter Hüsch, dazu kommt aber bei Bov die Reflexion dieses Blicks; ich fürchte, wir1 können nicht anders, wir bestehen aus purer Befangenheit.
Meine Lieblingsgeschichte ist „Im Kreisel“. Zum einen als Metapher für genau diese Befangenheit, zum anderen als beste Schilderung gesellschaftlicher Mechaniken anhand eben dieser Kreisverkehre, wie sie in den vergangenen 20 (30?) Jahren vor Dörfern und Kleinstädten aufkamen.

§

Untergekommen war ich in einem billigen Hotel im nördlichen Prenzlauer Berg; das ebenerdige Zimmer ist geräumig und mit Fenstern in den Hinterhof kühl.

Zum Abendessen war ich im Cordobar verabredet. Ich spazierte durch den sommerlichen Spätnachmittag eine gute Stunde hin (neues Hindernis fürs Pokémonspielen: Es tauchte kein einziges Pokémon auf.)
In anregender Begleitung saß ich in einem schönen Innenhof. Die Lage des Lokals hatte mir ein völlig unbekanntes Berlin gezeigt, das mich eher an Wien denken ließ.

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Sophienkirche

Wir aßen ganz ausgezeichnet eine Vielzahl kleinerer Gerichte, die wir uns teilten.

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Ein winziger, mit Frischkäse gefüllter Kohlrabi

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Gurke mit Hollerblüten und Dill

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Ochsenherztomate mit Kimchi und Entenleber (Knaller!)

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Blutwurstpizza mit Roter Bete, Feta, Wasabi (die Blutwurst ist die Unterlage)

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Gegrillte Erdbeermargherita mit schwarzen Oliven und Thymian (es war eine kleine Pizza mit Erdbeeren)

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Ausgelöstes Tandoorihühnchen

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Wie kompliziert alles immer ist. Modeste erzählt von drei sehr verschiedenen Müttern.
„Drei Mütter“.

  1. Nein, ich weiß nicht genau, wen ich mit „wir“ meine; ich weiß bloß, dass ich dazu gehöre. []

Journal Sonntag, 3. Juli 2016 – Donna Tartt, The Secret History

Montag, 4. Juli 2016

Gleich nach dem Aufstehen Donna Tartts The Secret History weiter- und dann ausgelesen. Ich war sehr gefangen (was erst mal nichts heißen muss, außer dass es mich nicht durch schlechte Sprache, durch Klischees oder Unwahrscheinlichkeiten aus der Spannung riss) von dem Roman über sechs Altphilologie-Studenten an einem Ostküsten-College – die einen der ihren ermorden, damit beginnt die Geschichte. Erzählt wird sie von einem weiteren der sechs, einem Kalifornier aus einfachen Verhältnissen.

Mir gefiel besonders gut, wie vage Donna Tartt die zeitliche Verortung lässt. Wir bekommen zwar immer wieder recht klare Zeitbezüge, aber sie passen nicht zusammen. Mal könnten wir in den 50ern sein (der Rom-Aufenthalt von Henry und Bunny rief bei mir durchwegs Bilder aus The Talented Mr. Ripley hervor), dann wieder heißt es beim Anruf bei einer Fluglinie, dass dort in einem Computer nachgesehen wird. Doch niemand von den Studenten scheint einen Computer zu benutzen, nur ein paar mechanische Schreibmaschinen werden erwähnt. Im Kino laufen sowohl Stummfilme also auch typische Muster der 70er. Zum Telefonieren geht der Ich-Erzähler in eine Telefonzelle, doch eine Kommilitonin ist mit ihrer Kunst im ausgehenden 20. Jahrhundert angesiedelt.

Der äußere Mittelpunkt der Gruppe sind die Griechischstunden bei Julian, einer heiter-schillernden Figur Lehrerfigur, an der ich mir immer wieder eine Toga wegdenken musste (weitere zeitliche Verwirrung: George Orwell wird mit einer Einschätzung seines Charakters zitiert). Die Gruppe befasst sich so intensiv nicht nur mit griechischer Mythologie und Philosophie, sondern auch mit der Sprache, dass sie sich draußen darin unterhalten kann – als Geheimsprache unter ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen.

Und meine Güte: wird da gesoffen, geraucht, gedrogt! Während ich bei der Lektüre von Tartts The Goldfinch noch sehr beeindruckt war, welche Drogenkenntnisse die Autorin sich anrecherchiert hatte, dachte ich mir bei dieser Wiederholung: Da kennt sich aber jemand richtig gut mit Drogen aus.

Die Geschichte ist ausgezeichnet konstruiert. Der Bogen, den die Enthüllung am Anfang spannt, wird etwa in der Mitte geschlossen – dennoch ist der Rest nicht weniger aufregend. Der Roman ist getränkt in westlicher Literatur aus 2000 Jahren, in deren Bildern, Mythen, Zitaten. Ein wenig augegerollt habe ich innerlich lediglich bei der Beschreibung der Obsession des Erzählers mit der einzigen Frau in der Studentengruppe: Sie ähnelte für meinen Geschmack zu sehr der Obsession von Theodore mit Pippa in The Goldfinch.

§

Währenddessen Brot gebacken.

Das Wetter war kühl, Wolken und Sonne wechselten sich ab – ideales Laufwetter. Herr Kaltmamsell übernahm wieder das Brotrausholen aus dem Ofen, ich nahm eine U-Bahn zum Odeonsplatz, weil ich nach dem Monopteros in Renovierung sehen wollte.

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Er ist inzwischen nur noch von Paravents umstellt. (Davor eine Sportgruppe, die sich nach chinesisch klingenden Anweisungen aus einem Lautsprecher bewegte.)

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Es war ein ganz wunderbarer Lauf.

Den ganzen Nachmittag über buk ich Kokosmakronen und Chocolate Chip Cookies, bereitete Hummus und Obatzta zu. Denn: Ich gebe am Montag meinen Kolleginnen und Kollegen zu meinem Einjährigen einen aus.

§

Was Fußball mit meiner Twittertimeline anrichtet, Teil 2.

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Auch sonst bestand die Timeline stundenlang zu 99% aus Fußball, und das, wo ich die entsprechenden Hashtags bereits weggefiltert hatte. Nächstes Jahr muss ich unbedingt mit #tddl17 zurückschießen.

Journal Sonntag, 24. April 2016 – Schnee und Abschied vom Habicht

Montag, 25. April 2016

Es war so angekündigt, und allso geschah es: Auf meinem Fußweg zum Bahnhof schneite es. Ich setzte mich in einen Zug nach Ingolstadt, um meinen eben aus der Reha gekommenen Vater zu begrüßen.

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(Da ich die Spiegelung des Zugfensters nicht wegkriege, erkläre ich sie zur künstlerischen Absicht.) Lassen Sie sich von der Sonne nicht täuschen: Es war saukalt. Aus dem Rest der Republik trafen bei instagram Bilder ein, die noch Schlimmeres zeigten.

Unterm Arm, abwechselnd auf der Schulter hatte ich die Rolle Vorhangstoff, aus der meine Mutter Vorhänge schneidern wird.
Meinem Vater geht es gut, er braucht keine Schmerztabletten mehr (zumindest nicht mehr für die Ursache der OP; den anderen orthopädischen Schaden will er erst nächsten Winter angehen).

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Zur Feier des Tages hatte meine Mutter zarzuela de pescado gekocht, serviert in irdener Schüssel (mein Vater zeigt auf die chipirones, die sich ganz unten in der Schüssel verbergen).

Auf der Heimfahrt sah ich blühenden Raps. Doch es war weiterhin saukalt, soll es laut Wettervorhersage auch noch ein paar Tage bleiben.

Zu Haus bügelte ich, die nächsten Tage sind mit Reisevorbereitungen durchgetaktet. Zum Bügeln hörte ich WRINT-Podcast:
„Frau Diener verreist schon wieder nach Japan.“

Beim Aufräumen der Wäsche vom Wäscheständer und aus dem Trockner entspann sich eine Grundlagendiskussion um Sockenlagerung mit Herrn Kaltmamsell. Der Herr versuchte unsere unterschiedlichen Auffassungen kurz in Verbindung zu bringen mit der Mär von unterschiedlichen Sauberkeitsstandards bei Männern und Frauen, hielt diese Argumentationslinie aber nicht durch.

Als ich beim Bügeln dann ein Geschirrtuch vermisste, das ich morgens mitgewaschen hatte, fand es sich in der von Herrn Kaltmamsell ausgeräumten Waschmaschine. Sein letztes argumentatives Aufbäumen: „Männer haben halt eine andere Auffassung von leer als Frauen.“

Zum Nachtmahl wurde mir eine Sellerielasagne aus dem Ernteanteilsellerie serviert.

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Vor dem Schlafen las ich H is for Hawk aus. Ein wirklich besonderes Buch: Helen Macdonald schreibt ihre persönliche Geschichte mit der Falknerei auf. Anlass ist der Tod ihres Vaters, doch in sehr persönlicher, gleichzeitig nüchterner Weise erzählt sie ihre lebenslange Verbindung mit dieser alten Kunst. Es taucht das kleine Mädchen auf, das sich in Bücher über Falknerei vergräbt, die Jugendliche, die unter professioneller Aufsicht die ersten Falken trainiert, der Kauf und das Zähmen eines Habichts nach dem Tod des Vaters. Doch der röteste Faden ist das Buch The Goshawk von T.H. White: Helen hat es als Achtjährige entdeckt und war beim ersten Lesen empört – T.H. White macht alles falsch im Umgang mit seinem Habicht. Jetzt, als Erwachsene, vollzieht sie die Handlung des Buches vor dem Hintergrund von Whites Biografie nach, sieht sie in mancher Hinsicht als Parallele zu ihrem eigenen Umgang mit ihrem Habicht Mabel.

Ich habe eine Menge über die Falknerei gelernt, ohne dass im Buch jemals doziert würde. Ich habe eine sperrige Persönlichkeit kennengelernt und mich an den ungewöhnlichen Anblick eines Habichts in ihrer Wohnzimmerecke gewöhnt, an den noch ungewöhnlicheren Anblick der jungen Frau, die in Cambrige mit ihrem Habicht auf dem Falknerhandschuh spazieren geht. Auch das Buch ist sperrig: Die Sprache dient sich nicht an, der Verlauf der Erzählung entzieht sich jeder Gefälligkeit – ist aber gleichzeitig dicht gewoben und struktuiert. Große Empfehlung.

Journal Freitag/Samstag, 15./16. April 2016 – Theresienwiesenflohmarkt

Sonntag, 17. April 2016

Auf Freitag sauschlecht geschlafen, statt Frühsport eine halbe Stunde Schlaf drangehängt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt bei Weckerklingeln den Wecker verstellt habe um weiterzusschlafen.

Mittags hatte ich mich in einem nur Schaufenster-großen neuen kleinen Café mit einer Kollegin zum Essen verabredet. Ich aß ein Stück Quiche, viel aufregender aber war die Lavendellimo (Cucumis) dazu: Die kann ich mir ausgezeichnet mit Gin als Longdrink vorstellen.

Abends traf sich meine kleine Leserunde. Wir sprachen über Tim O’Brien, July, July, die Geschichte einer College-Abschlussklasse Jahrgang 1969, die sich 2000 wiedertrifft. Ich mochte das Buch nicht, die Figuren und Lebensgeschichten kamen mir vor wie stereotype Versatzstücke aus Hollywoodfilmen, nicht wie echte Menschen. Das wurde nicht dadurch gerettet, dass 1969 und 2000 kapitelweise abwechseln und zum Schluss nochmal ganz große nicht-realistische Erzählgeschütze aufgefahren werden. Das letzte Drittel hatte ich eher überblätternd gelesen.

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Für Samstag war der Wecker gestellt: Theresienwiesenflohmarkt. Die ersten Platzreservierer hatte ich schon am Donnerstag auf meinem Arbeitsweg gesehen, beim Heimweg am Freitagabend war der Flohmarkt bereits zu 40 Prozent aufgebaut.

Samstagmorgen hatte ich eigentlich keine Lust (seit ein paar Tagen Schatten auf der Seele), doch ich hatte bestimmte unaufschiebbare Einkäufe dort geplant. Entgegen der Wettervorhersage war es sonnig, und tatsächlich fand ich auch etwas, sogar mehr, als ich erhofft hatte. Unter anderem schoss ich ein Schnäppchen an Sechziger-Abendkleid in ganz hellem Aqua – das sich daheim auch noch als wie angegossen passend erwies (= keine Ausgaben für die Änderungsschneiderei).

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Allerdings brauche ich dazu dringend Schmuck fürs Handgelenk – den ich ich nie trage, weil mich Gebämsel am Handknöchel wahnsinnig macht -, ein Armband, optimalerweise mit Amethysten. Und ein bis drei Runden im Solarium, damit meine nackten Arme perfekt dazu passen. Ein passendes Diadem würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen, aber die bekommt man bekanntlich vererbt und dafür habe ich mir entschieden die falschen Vorfahren ausgesucht. Ein Foto des Gesamtoutfits gibts zu einem Anlass Ende April. Zum Glück habe ich nämlich überhaupt kein Problem damit, komplett overdressed zu Anlässen zu erscheinen, solange es bequem ist.

Überrascht war ich, dass weniger Stände den Flohmarkt bildeten als in den Jahren davor.

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Herr Kaltmamsell (dem ich geschafft hatte zu sagen, dass gerade alles sehr traurig ist, Morgensonne und Frühling hin oder her) passte auf mich auf, übernahm die Einkäufe und schickte mich zum Schwimmen. Eigentlich ist ja das Ritual, dass wir nach dem Theresienwiesenflohmarkt auf dem Frühlingsfest eine Bratwurst frühstücken.

Auf dem Weg zum Schwimmen füllte ich Kaffeevorräte auf (und freute mich auf die Aussicht, dass das nächste Vorratauffüllen in Brighton stattfinden wird). Schwimmen im Olympiabad war erst anstrengend, dann aber immer besser. Derzeit plagen mich ja böse Hüftschmerzen, die diesmal die Knie gleich mitnehmen. Schwimmen war erstaunlich gut dagegen. Ein wenig Abschied vom Olympiabad genommen, im Mai schließt es erst mal für Renovierungen – dachte ich, doch beim Gegencheck stellte ich fest, dass der Schwimmbetrieb schon nach drei Wochen Schließung wieder aufgenommen wird.

Daheim Frühstück und Siesta.

Ich hatte noch gemahlenen Mohn aufzubrauchen und wollte ihn mit Äpfeln kombinieren: Dieses Rezept stellte sich als ideal heraus. (Leider kann ich seit einiger Zeit nicht mehr auf Blogspot-Blogs kommentieren, mit keiner der angebotenen Methoden, sonst hätte ich mich vor Ort bedankt.) Statt weit importiertem Rohrzucker nehme ich allerdings immer heimischen Rübenzucker. Schließlich kenne ich aus meiner Kindheit in einer Zuckerrübengegend noch die eigenen Schienen für Rübenwaggons (mittlerweile alle verschwunden oder zu Radwegen umgebaut), zu Studienzeiten wohnte eine Freundin in Regensburg in Sicht- und Riechweite einer Südzuckerfabrik, also habe ich dazu durchaus eine persönliche Beziehung. Und überhaupt ist chemisch gesehen Kristallzucker gleich Kristallzucker.
Die in den Zutaten angegeben Zimt (ich nahm 1 gestrichenen Teel.) und gemahlenen Ingwer (1/2 Teel.) mischte ich unters Mehl (sie tauchen in der Zubereitung nicht auf).

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Das Ergebnis war ausgesprochen köstlich: Saftiger Mohnrührkuchen mit Apfelstücken und hin und wieder Mandelstückknurpsel.

Zum Abendbrot backte ich Coca de verdura, gestern überließ Herr Kaltmamsell wegen Arbeitsüberlastung die Küche ausnahmsweise mir. Mangold und Petersilie dafür kamen aus Ernteanteil.

§

Von mir aus sieht der neue kanadische Premierminister Trudeau auch gut aus: Ich finde es respektlos, in politischen Zusammenhängen darauf herumzureiten. Kann es sein, dass die Berichterstattung damit seine wirklich fortschrittliche Politik kleinmachen möchte? Indem sie diese lediglich als Dekoration eines dekorativen Menschen darstellt? Bloß weil diese Art der Berichterstattung bei Frauen in der Politik nerviger Standard ist, wird sie nicht angenehmer, wenn ein Mann das Ziel ist. Herr Trudeau scheint sich ebenfalls unterschätzt zu fühlen:
„Handsome Canadian Prime Minister Justin Trudeau Gives Passable Off-the-Cuff Lecture on Quantum Computing“.

Und ich hoffe sehr, sehr, dass die ständige Wiederholung von hot und handsome im Text dazu satirisch ist.

§

Nachschlag zu der Guardian-Auswertung seiner Online-Kommentare: Wie geht es der Frau, die die Spitzenreiterin als Ziel von Beleidigungen und Angriffen ist?
„Insults and rape threats. Writers shouldn’t have to deal with this“.

For all the progress women have made, there’s always an online comment section or forum somewhere to remind us that, when given anonymity and a keyboard, some men will use the opportunity to harass and threaten.

(…)

Because the harassment doesn’t begin and end on the Guardian website – being on social media has become, for better or worse, part of being a writer online. And the things you publish for one site have a ripple effect across all of your various social media profiles. It’s a workplace harassment issue that doesn’t stop at the workplace.

(…)

I’ve been writing online long enough to not attach my value as a person or writer to strangers’ opinions, but it would be a lie to say that the cumulative impact of being derided daily isn’t damaging. It is. It’s changed who I am on a fundamental level. And though I’d still like to think of myself as an optimistic person, being called a “cunt” or “whore” every day for a decade leaves its mark.

§

Welche unerwarteten Folgen ein Handyverbot bei Veranstaltungen haben kann:
„Es ändert sich nichts: Keine Mobiltelefone an geheimen und gefährdeten Orten!“

Journal Samstag, 2. April 2016 – Trippa a la romana

Sonntag, 3. April 2016

Sehr lang geschlafen, mit ganz erstaunlichem Muskelkater aufgewacht. Als ich die Schlafzimmertür öffnete, stand davor Herr Kaltmamsell mit einem handgeschriebenen Schild: „KAFFEE!“

Fortschrittener Morgen, heftiger Muskelkater, und dann war’s auch noch trübe: Ich blies meine Laufpläne ab.

Durch eine Nachricht von Xing erfuhr ich, dass mein Vorarbeitgeber wohl nicht mehr existiert: Der Geschäftsführer hat eine neue Stelle bei einer Firma unter seiner Heimadresse, seine Vize gibt ebenfalls nicht mehr diese Agentur als Arbeitgeber an. (Ich warte immer noch auf mein Arbeitszeugnis über die Zeit, drückte mich bislang vor einem Nachhaken, jetzt wird’s schwierig.)

Das Trübe am Himmel lichtete sich, ich machte mich auf eine Einkaufsrunde. Bei Eataly sah ich nach Pancetta und Pecorino romano – Freitagabend hatte ich festgestellt, dass es die vertraute italienische Feinkosttheke in der „Schlemmergasse“ des Stachus-Untergeschoßes nicht mehr gibt. Eataly hatte nicht nur Pancetta und Peccorino romano, sondern auch Guanciale. Zudem nahm ich ein kleines Brot Grano duro mit. Auf dem Viktualienmarkt Grie-Soß-Kräuter für Sonntag besorgt, im Kaufhof am Marienplatz weitere Kräuter und Dickmilch (einzige mir bekannte Verkaufsstelle in der Innenstadt), beim Alnatura weitere Milchprodukte sowie Dosentomaten.

Daheim stellte ich fest, dass die Kastanie vor dem Balkon endlich Pfötchen gibt.

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Am Freitagabend hatte ich Five Quarters von Rachel Roddy ausgelesen.

Ich hatte sie sehr gerne gelesen, die Geschichte der nicht mehr richtig jungen Britin, die – eigentlich auf dem Weg nach Sizilien – in Rom hängen bleibt. Dort isst und kocht. Das Buch kommt als Kochbuch daher, besteht zeittypisch aber hauptsächlich aus sehr persönlichen Geschichten übers Essen und Kochen – wie Rachels Blog ja auch. Große Rollen spielen darin das Stadtviertel Testaccio, in dem Rachel wohnt, ihr Partner Vincenzo und der dreijährige Sohn, der für die Niedlichkeit im Gesamtbild zuständig ist, allerdings auch als Referenz für die Qualität von Gerichten und Cafés herangezogen wird (?). Die Rezepte gefielen mir, alle zeichnen sich durch eine geringe Anzahl von Zutaten und (scheinbar?) simple Zubereitung aus. Die Verbindung von italienischer und englischer Kochtradition kommt meinen persönlichen Vorlieben ohnehin entgegen. Ich mochte auch Rachels Beschreibung, wie sie gewohnte einfache Handgriffe in der Küche neu lernte. Das alles allerdings in einer Umgebung, die viele Klischeevorstellungen von italienischer Alltagsküche erfüllt (die Nachbarinnen, aus deren Küchen es ab 11 Uhr nach Sofritto duftet), aber ohne auch nur eine Andeutung, dass diese alltäglich Koch- und Esskultur in Rom (und ganz Italien) seit vielen Jahren verschwindet.

Nach Rachels Rezept kochte ich gestern Trippa a la romana, also römische Kutteln. Den Geruch von kochenden Kuttlen kenne ich ja seit Kindertagen, weil meine Mutter immer wieder callos a la madrileña servierte – ich mag ihn sehr gerne. Vor 30 bis 40 Jahren musste eine Mutter beim Metzger noch dazusagen: „Aber bitte saubere, sie sind nicht für den Hund.“ Und wenn sie das erzählte, betonte sie immer, dass sie sich nicht dafür schämte – Kutteln wurden als Abfall angesehen. Heute bekäme ich sie auch auf dem Viktualienmarkt in den auf Innereien spezialisierten Metzgerläden, doch der Süpermarket Verdi hat sie auch immer und liegt bequemer. Kutteln sind Pansen, einer der vier Mägen des Wiederkäuers Rind. Er wird gereinigt und vorgekocht verkauft.

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Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, was an rohen Kutteln eklig sein soll, sie fühlen sich an wie weiches feuchtes Fell. Dass man das Glibbrige gekochter Kutteln ablehnt, leuchtet mir schon eher ein.

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Unvertraut war mir die Geruchsverbindung von Zwiebel, Pancetta und Minze in der Pfanne – eine wunderbare Kombination.

Als Aperitiv gab es Negroni nach Rachels Anweisung. Geruch und Geschmack von Campari weckten in mir immer 80er-Erinnerungen – und die daran, dass er mir eigentlich nicht schmeckt.

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Das fertige Gericht: Sehr schmackhaft, das nächste Mal reduziere ich aber die Flüssigkeitszugabe. Begeistert war ich von Pancetta und Pecorino romano: Beides schmeckte intensiv und sehr eigen. Gerade italienischer Käse, den man in Deutschland bekommt, kenne ich eigentlich nur in den Geschmacksrichtungen „salzig und sonst nichts“ (Parmesan & Co.) oder „sahnig und sonst nichts“ (Mozzarella & Co.), zudem die Verbindung von beidem (Fontina/Gorgonzola). Aus Rom und von Hande weiß ich ja, dass es im Land selbst ganz köstliche Käsesorten mit differenziertem Geschmack gibt – gestern habe ich mit diesem Pecorino gefühlt zum ersten Mal einen auch hier gekostet. Das Brot dazu war ungesalzen, also wahrscheinlich ein toskanisches Rezept. Erst mal für mich gewöhnungsbedürftig, zu den herzhaften Kutteln passte das aber sehr gut.

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Herr Kaltmamsell hatte mich vor Kurzem darauf hingewiesen, wie lange ich schon keine Mousse au chocolat mehr gemacht habe. Es gab eine am Nachmittag vorbereitete zum Nachtisch.

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Herr Skizzenblog hat vergangene Woche im Fernsehen Fußball geguckt und die Kommentare des Moderators gezeichnet. Wunderbare Unmsetzung der Floskel, deren Blödsinn die Fußball-affine Welt wahrscheinlich gar nicht mehr wahrnimmt. Mein Favorit: der ungenaue Ball.
„#GERITA“.