Bücher

Vanessa Giese, Da gewöhnze dich dran. Wie ich mein Herz an den Pott verlor

Freitag, 11. Oktober 2013

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Sollen doch die Hater nölen, ob wohl inzwischen jeder Blogger ein Buch schreibt, der sich auch nur halbwegs im Alphabet zurecht findet. Das kann ja schon deshalb nicht stimmen, weil es unter anderem weder ein Buch von Bosch gibt noch eines von Frau Diener. Und zudem ist es ganz herrlich und eine große Bereicherung, dass Menschen, aus deren Blogs man seit Jahren weiß, dass sie ausgezeichnet schreiben, dieses auch in Buchform beweisen. Jüngstes Beispiel: Nessys Da gewöhnze dich dran.

Dass die Dame schreiben kann, macht ihr Blog seit Jahren zum Publikumsrenner: Frau Draußen nur Kännchen hat nicht nur Sensoren für Geschichten, sondern auch für deren Vermittlung inklusive exzellentem Timing von Pointen. Dieses Gespür für Erzähl- und Sprachrhythmus ist es unter anderem, was ihr Buch so lesenswert macht. Als Leserin ihres Blogs kannte ich die eine oder andere Begebenheit schon, doch spannt das Buch einen schönen Bogen vom Eintreffen der Sauerländerin Vanessa im Ruhrpott über die Begegnung mit den Einheimischen (und zu den Einheimischen wird man dort offensichtlich in dem Moment gezählt, in dem man sich dazu bekennt – ungemein löblich und im meisten Bayern unvorstellbar), ihren Anschluss an eine örtliche Handballmannschaft bis zu den vorsichtigen Anfängen des Wurzelschlagens in einer Beziehung. Ich gewann all diese Menschen aus den Geschichten beim Lesen sehr lieb; dass ich selbst bei so viel menschlicher Nähe und Distanzlosigkeit innerhalb weniger Wochen in eine pyrenäische Einsiedelei geflohen wäre, störte dabei keineswegs. Wenn Nessy sie beschreibt, lese ich sogar Junggesellinnenabschiede, die ich in Echt weiträumig meide.

Vanessa Giese vermittelt mit immer wieder neuen Mitteln Stimmungen und Charaktere, mal in nackten Dialogen (wie heißt untagged dialogue auf Deutsch?), mal in nur scheinbar rein äußerlichen Beschreibungen. Ebenso unaufdringlich und indirekt erzählt sie sich selbst und wie sie all die Geschehnisse aufnimmt. Da ich mitbekommen habe, dass Rowohlt für die Taschenbuchreihen kein echtes Lektorat springen lässt, habe ich umso größeren Respekt vor Nessys Schriftstellertum – und sollte sie so schlau gewesen sein, selbst eine gute Lektorin zu bezahlen, sollte sie die behalten. Wie ich mir ohnehin wünsche, sie würde sich als Nächstes (allein oder eben mit dieser Lektorin) in ausgedachte Kurzgeschichten oder einen Roman stürzen.

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Meiner Beobachtung nach hat sich ohnehin in den vergangenen etwa zehn Jahren ein neues klares Genre der erzählenden Literatur herauskristallisiert: Lebensliteratur, also spannende Geschichten, die in autobiografischem Hintergrund wurzeln, aber mehr oder weniger weit fiktionalisiert erzählt werden. Als Beispiele fallen mir ein Reading Lolita in Tehran von Azar Nafisi und The Tender Bar von J.R. Moehringer. Gerade in Deutschland beschreibt das eines der dominanten Blog-Profile (und sind es genau die Blogs, die ich am liebsten lese), deswegen liegt es nahe, aus dem einen das andere zu machen. Mittlerweile hat meine Bibliothek bereits ein eigenes Eck für Bücher von Bloggern und Bloggerinnen (Kochbücher stehen extra):

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Jetzt freue ich mich schon auf Raúl Krauthausens Dachdecker wollte ich eh nicht werden.1

  1. Ich hoffe, es hört irgendwann auf, dass ich mir bei jedem Lesen seines Namens wider besseres Wissen denke, dass der doch wohl ein Künstlername sein MUSS. []

Beifang aus dem Internetz – MRR, “du als Frau”

Freitag, 20. September 2013

Marcel Reich-Ranicki ist nicht mehr. Wen sollen wir bitte jetzt nachmachen, wenn wir mit einem einzigen Satz einen Literaturkritiker spielen wollen? (Eine Heidenreich ist halt bei aller parodierbaren Eifrigkeit nicht so markant. Und für eine Karasek-Parodie müssten wir erst mal zehn Minuten Speichel sammeln; bis dahin ist der Moment längst vorbei.)

Schöne Nachrufe:

- Frank Schirrmacher für die FAZ: “Ein sehr großer Mann“.

- Einem Mann der Wörter ruft man wahrscheinlich am besten durch eine Sammlung seiner Worte nach: “‘Ich kann nicht anders: Ich muss nörgeln’ Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki: Seine besten Sätze aus der unvergessenen Fernsehsendung ‘Das Literarische Quartett’, von Anfang bis Zwist.

- Oder gleich ein langes Interview, das mit André Müller.

Das ist kompletter Schwachsinn. Aber jeder Schwachsinn hat einen Grund.

Wobei ich mich all die Jahre gefragt habe, wie jemand, der so mit Rumtoben beschäftigt ist, jemals nachdenkt.

In der Einschätzung von Literatur war ich meist völlig anderer Ansicht als Reich-Ranicki – seine tatsächlichen Maßstäbe wurden mir allerdings nie klar, zu widersprüchlich waren seine immer in Form von absoluter Lehrmeinung formulierten Urteile: “Was macht er schon? GESCHICHTEN erzählen”, war zum Beispiel Reich-Ranickis als Vernichtung gemeinte Sicht auf Salman Rushdie. (Eigentlich sprach er durchgehend in Großbuchstaben.) Bei fast allen anderen Autoren war das Fehlen einer Geschichte Grund für einen Verriss. Also was nun?

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Niemand ist dazu verpflichtet, eine bestimmte Meinung haben zu müssen, bloß, weil sie eine Frau ist.

Antje Schrupp ist zurecht wütend auf gegenteilige Ansinnen: “Das neue feministische Männerwählen“.

Journal Freitag/Samstag, 13./14. September 2013 – Körperliches im Regen

Sonntag, 15. September 2013

Am Freitag vor der Arbeit auf diese Geschichte gestoßen: “Vierzehn Euro Achtundfünfzig“. Ich wünsche mir sehr, auch ich wäre auf die Idee gekommen, so schnell und diskret einzugreifen. Andererseits: Ich habe es ja nicht mal geschafft, der alten Nachbarin auch nur einmal von meinem frisch gebackenen Brot zu bringen, wie ich es mir regelmäßig vornahm. Der alten Nachbarin, über die ich Freitagabend erfuhr, dass sie wenige Monate nach ihrem Mann kürzlich gestorben ist. Dabei sind es genau diese acts of kindness, die einen Tag tragen können.

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Eine ganz andere Sorte Geschichte ist: “Wie heißt Ihr Großvater?” Nadia erzählt von einem Besuch bei ihrer Familie in den palästinensischen Autonomiegebieten, mit viel Alltag.

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Freitagabend die Wahlunterlagen für die sonntägliche Landtagswahl gründlich durchgearbeitet (FÜNF! Volksentscheide), alle Direktkandidaten gegooglet, tief geseufzt. Demokratie ist anstrengend. Und was bin ich froh darüber, denn je einfacher und weniger anstrengend, desto größer die Gefahr der Ungerechtigkeit (siehe dazu Kathrin Passig, “Demokratie muss weh tun“). Gäbe es eine Direktkandidatin, die exakt meine Wünsche und Ansichten vertritt, verträte sie sehr wahrscheinlich nicht die Wünsche und Ansichten großer und relevanter Bevölkerungsgruppen. Die Anstrengung, die ich empfinde, ist die Anstrengung von Kompromissen und Grautönen.

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Taube Nuss von Alexander Görsdorf, alias Notquitelikebeethoven, fertiggelesen. Hier besprochen.

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Freitagabend vorsichtiges Krafttraining an Maschinen, meine Lendenwirbelsäule fühlt sich immer noch empfindlich an. Samstagvormittag ausführlicher Isarlauf um Unterföhring, wo ich seit mehr als zwei Monaten nicht mehr gewesen war. Mich sehr gefreut, dass ich auch hier noch viele Schwalben sah. Froh gewesen über die vorsorglich aufgesetzte Baseballmütze, den es begann zu regnen.

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Ein Webfund verschaffte mir die Erkenntnis: Es gibt eine Hochzeitstorte, die mich bedauern lässt, nie eine Hochzeit damit gehabt zu haben. (Verstehen aber vermutlich nur hartgesottene Brighton-Fans; die Torte bildet diese typische Ansicht des Stadtteils Hove ab.)

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Mein Lieblingsfriseur liegt so weit entfernt von meinem jetzigen Arbeitsplatz, dass ich nur abends oder am Samstag zu ihm könnte – und diese Termine sind auf Monate ausgebucht. Da ich mich aber bereits jetzt recht überwuchert fühlte, ging ich gestern nach donnerstäglicher Termineinholung zum nächstbesten Friseurkettenfriseur in der Sendlinger Straße. Dort machte ich die Bekanntschaft mit einer sympathischen Haarschneiderin, bekam einen guten Haarschnitt und entdeckte im Hinterhof Überraschendes:

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Zum samstäglichen Nachtmahl bereitete ich eine selbst entwickelte Kürbis-Ricotta-Quiche zu, hier das Rezept.

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Dazu eine Flasche portugiesischen Vinha Pan – passte mit seinen vielschichtigen Gewürz- und Röstnoten gut zum Thymian und Knoblauch der Quiche.

Zwischenspiel: Alexander Görsdorf, Taube Nuss

Sonntag, 15. September 2013

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“Wie bitte?”, fragte ich dennoch geübt ins Blaue.

Wie schon sein Blog Notquitelikebeethoven erzählt das Buch Taube Nuss von einem (ganz bestimmten) Leben mit wenigen oder gar keinen auditiven Informationen. Alexander reiht kleine und größere Erlebnisse auf von Kindheit bis Gegenwart, die davon geprägt waren (und von denen etwa ein Viertel mit beeindruckend zahlreichen “Liebsten” zu tun hat), immer mit deutlichem Gespür für die Komik, die in dieses Situationen steckt. Es sind oft überraschende Folgen des Schwer- oder Nichthörens, manche davon komplex (die Einordnung einer Partysituation und ihr Umgang damit erfordert geradezu Sherlock-Holmes-artige Fertigkeiten der Beobachtung und Analyse / um von einer Telefonkonferenz überhaupt profitieren zu können, kann man schon mal in die Chefrolle geraten), manche schlicht (wer die Töne aus der Gegensprechanlage einer Wohnung nicht versteht, fängt sich schon mal Mormonenbesuch ein / Batterieausfall des Hörgeräts bedeutet Urlaub fast ohne zwischenmenschlichen Kontakt), alle zusammen aber ergeben ein nachvollziehbares Bild, wie dominant dieser Umstand im Alltag sein kann. Zudem ergeben sie das Bild von einem interessanten, reflektierten Menschen, der gelernt hat, mit sich umzugehen.

In einem eigenen Abschnitt berichtet Alexander in Tagebuchform, wie er ein “elektrisches Ohr” eingesetzt bekam, also ein Cochlea Implantat, es zu verwenden lernte und welchen Einfluss auf seine Wahrnehmungen das hatte. Er erklärt seine ganz persönlichen Motive für den Schritt, vor allem aber, was das Implantat nicht kann: Ein früheres Hörvermögen wiederherstellen oder das von “Flotthörigen” (Alexanders Ausdruck für das Gegenteil von schwerhörig).

Mir wurde beim Lesen klar, wie sehr ich von auditiven Eindrücken profitiere: Wenn ich an meinem Schreibtisch im Büro ein mehrseitiges Dokument scanne, höre ich – fast ohne es zu merken – an der kleinen Veränderung des Geräuschs, dass der Scan einer Seite abgeschlossen ist und ich die nächste einlegen kann, noch bevor mir das Menü auf dem Bildschirm Bescheid gibt. Zudem mochte ich Großraumbüros immer, aus genau den Gründen, die Alexander beschreibt und die er nicht nutzen kann: Ich bekomme aus dem Ohrenwinkel mit, was gerade so vor sich geht, auch wenn ich nur ca. 5 % meiner Aufmerksamkeit darauf verwende. Es stört meine Konzentration nicht (die ohnehin sehr flatterhaft funktioniert), aber ich kenne auch ohne ausdrückliche Erklärung den Stand der meisten Projekte.

Ähnlich daheim: Am Flügelschlag höre ich, ob sich gerade wieder eine blöde Taube auf dem Balkon niederlässt (hat eine papiererne Note) und springe auf, um sie zu vertreiben. Am entfernten Schaben von Zähnchen auf Nussschale registriere ich, dass gerade ein Eichhörnchen in der Kastanie vor dem Balkon sitzt. Allein am Gang des Mitbewohners höre ich, ob er mit vollen Tellern in der Hand ins Wohnzimmer kommt und ich besser schon mal den Laptop verräume. All das, weil ich ganz einfach Geräusche sortieren und voneinander abgrenzen kann. Allerdings kann ich bei weitem nicht so einfach wie Alexander durch Gerätabschalten für Nachtruhe sorgen, wenn die neuen Nachbarn über uns Essensgäste haben und sich bei offenen Fenstern bis in die frühen Morgenstunden aufs Beste unterhalten.

Definitiv eine Leseempfehlung für Taube Nuss, Sie werden unterhalten, haben künftig hoffentlich etwas mehr Verständnis für die alte Tante Gerti, die inzwischen wirklich schlecht hört, und sie erfahren eine Menge aus der Kategorie QI: quite interesting.

(Und wenn ich In-Harvard-promoviert-Alexander das nächste Mal treffe, unterhalten wir uns darüber, wie groß ein Quantensprung ist, ja?)

Journal Sonntag, 8. September 2012 – Ruhetag

Montag, 9. September 2013

Dieser Sonntag war ein richtiger Ruhetag. Ich bloggte, nahm ein Bad, schnippelte mir zum Frühstück Aprikosen und Birnen in selbst gemachten Joghurt. Seit einigen Chargen habe ich kein Schleimproblem mehr: Vermutlich war die Verwendung von H-Milch keine gute Idee. Jetzt koche ich für Joghurt normale, “traditionell hergestellte” Vollmilch auf und lasse sie auf ca. 45 Grad abkühlen.

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Roggenschrotbrot gebacken. Nach dem Kneten ging der Teig ab wie die Wutz, ich verkürzte die erste Gare auf zweieinhalb Stunden, die Stückgare auf 45 Minuten, aber das war nicht genug: Die Laibe liefen im Ofen wegen Übergare auseinander. Das ist ja im Grunde eine reine Formschwäche, solche Brote habe ich auf Bauernmärkten durchaus zu kaufen gesehen, sie schmecken ja trotzdem gut. Immer gleich perfekte Brote gibt es halt nur aus der Backfabrik und mit Hilfe von Schweinereien aus dem Labor.

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Auf dem Balkon Martin Walsers Ehen in Philippsburg ausgelesen. Es gefiel mir bis zum Schluss gut, vor allem wegen des Nachkriegshintergrunds, der hochkomplexen Erzählstimme, der dichten Bilder. Nun habe ich Walser endlich abgehakt; wegen tödlicher Langeweile war ich weder im Einhorn noch im fliehenden Pferd über die ersten Seiten hinausgekommen.

Die liegengebliebenen Süddeutschen Zeitungen der vergangenen drei Tage hinterhergelesen. Die Wahlen rücken drohend näher, und ich bin ratlos wie selten zuvor.

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Nicht gebügelt.

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Frisches Brot gegessen, Vögelchen beobachtet, auch Eichkätzchen (ich beantrage die Umbenennung in Kastanienäffchen), ein Buntspecht klopfte energisch auf dem Stamm der Kastanie herum.

Ab 16 Uhr verabschiedet sich der Sommer, um 17 Uhr machte er offensichtlich hinter sich das Licht aus – ich musste im Wohnzimmer die Lampen anschalten.

Mich fast ganz durch meinen Feedreader gelesen.

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Vage war mir bewusst, dass ich dieses Blog in der zweiten Jahreshälfte 2003 begonnen hatte; jetzt sah ich doch mal genauer nach: Der zehnte Bloggeburtstag der Vorspeisenplatte wäre am 24. August gewesen. Wieder eine Party verpasst.

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Smillas Fotos sind immer sehenswert (immer? immer.), aber manche Serien berühren mich ganz besonders. Ihre Tangobilder von der Milonga del Pescador aus Brügge gehören dazu.

Journal Donnerstag, 5. September 2013 -
Leben um die Arbeit herum

Freitag, 6. September 2013

Den Morgenkaffee auf dem Balkon getrunken, dem Sommer nochmal abgerungen.

Mit dem am Vorabend gebackenen Schoko-Kirsch-Kuchen vorsichtig in die Arbeit geradelt. Da ich wusste, dass heute besonders viele Kolleginnen da sind, hatte ich angekündigt, mich mit einem Kuchen beliebt zu machen.

Sehr viel sehr schnell gearbeitet: Übersetzt, Korrektur gelesen, Buch gehalten, mal kurz Social-Media-Ideen für eine bereits laufende Veranstaltung ausgehustet. In all dem keine Zeit für Mittagspause gehabt, also die mitgebrachten duftenden Gurken, Tomaten, Paprika aus der Ökokiste schnell auf einen Teller geschnippelt und am Schreibtisch gegessen. Erschreckender Kommentar einer sehr jungen Kollegin: “Machst du Diät?”.

Zum Glück nach Feierabend verabredet gewesen, deswegen zwar mit schlechtem Gewissen, aber als erste gegangen.

Meine Verabredung war mit dem Radl zum Flaucher gekommen.

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Den milden Abend unter wolkenlosem Himmel im Freien sehr genossen, der Flaucherbiergarten ist wirklich ein besonders schöner.
Daheim als Geschenk des Autors sein Buch vorgefunden, das ich mir gerade selbst besorgt hatte. Mich sehr über Geschenk und Widmung gefreut.

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Journal Dienstag, 20. August 2013 – Lesezeichen und Leserunde

Mittwoch, 21. August 2013

Vor der Arbeit ein bisschen Crosstrainerstrampeln und eine Stunde Krafttraining mit Langhanteln in der Gruppe.
Ich versuche ja weiterhin vom gelassenen Mitbewohner zu lernen, unter anderem von seinem Mantra, nichts Menschliches sei ihm fremd. Mir ist nämlich eine ganze Menge Menschliches fremd, und es kostet mich viel Selbstüberzeugung, es dennoch zu akzeptieren. Zum Beispiel dass Menschen auf dem Weg zum Morgensport im 2. Obergeschoß den Aufzug nehmen statt Treppen zu steigen.

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An meinem Arbeitsplatz erst mal erschrocken, weil auch dort mein Telefon nicht lag. Ich hatte mich am Vorabend bereits gewundert, dass ich es offensichtlich im Büro vergessen hatte: Zum Feierabend räume ich meinen Schreibtisch immer auf und hätte es sehen müssen. Die Praktikantin erinnerte mich an die Möglichkeit, mich selbst anzurufen, und tatsächlich hörten wir leise meinen Klingelton (glücklicher Zufall, dass ich das Klingeln ausnahmsweise nicht weggeschaltet hatte). Es brauchte allerdings drei Anrufe, bis wir das Telefon orteten: in einem versperrten Aktenschrank. Dort lag es in einem Ordner mit Kundenverträgen – wo ich es am Vortag als Einmerker verwendet hatte. Ahem.

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Nach Feierabend noch ein wenig Käse und Salchichón im neuen Biosupermarkt an der Sonnenstraße eingekauft, das Wohnzimmer für den Abend vorbereitet: Meine kleine Leserunde traf sich bei uns. Wir hatten My Policeman von Bethan Roberts gelesen (ins Deutsche übersetzt von Astrid Gravert als Der Liebhaber meines Mannes). Alle hatten wir den Roman gerne gelesen, die meisten sogar sehr gespannt. Doch in der Mehrzahl fanden wir ihn ein wenig zu schlicht gestrickt. Individuelle Beobachtungen:
- Es ist gar nicht die Homosexualität Toms, die sich so verheerend auf das Leben der drei Menschen auswirkt. Die Verbindung basiert so oder so auf einem kleinbürgerlichen Konstrukt von Lüge und Verdrängung.
- Tom bleibt seltsam wenig fassbar als Person – was allerdings daran liegen mag, dass wir ihn nur aus der Perspektive von Marion und Patrick kennenlernen und er nie für sich selbst spricht.
- Die Liebesszenen zwischen Tom und Patrick sind sehr berührend erzählt.
- Patrick ist nicht wirklich sympathisch.
- Die Erzählung spannt einen Spannungsbogen (“Es wird später noch etwas ganz Fürchterliches passieren!”), dessen Lösung eher enttäuschend ist.
- Die heutige gesellschaftliche Haltung zu Homosexualität ist (zumindest in einer deutschen Großstadt) so anders, dass die damaligen Verhältnisse sich streckenweise wie schlecht erfunden lesen.
- Keine der drei Figuren hat im Grunde je aus den gesellschaftlichen Fesseln herausgefunden.
- Dass der Roman in Brighton spielt, ist leider nebensächlich.

Selbst kann ich die Lektüre durchaus empfehlen, auch wenn sie mir etwas unpersönlich aus Recherchematerial zusammengestellt erschien. (Eben entdecke ich, dass Bethan Roberts über die Entstehung selbst schreibt: “There is something about doing research – particularly historical research involving real people – that frees you from the feeling of plucking your story out of the air.” Vielleicht hat sie das künstlerisch ein wenig bequem gemacht.)

Nach der Tomatentarte nach dem Rezept von Küchenschabe hatte ich Wildblaubeeren (vom Viktualienmarkt) mit Sahne serviert. Ähnlich wie Erbeeren liebe ich Blaubeeren so sehr, dass ich jede Verarbeitung durch Kochen oder Backen als Verschwendung empfinde.