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Journal Donnerstag, 21. Mai 2015 – Techniktagebuchbuch 2 und Techniktagebuch-Zufallsshirts

Freitag, 22. Mai 2015

Sehr kalter Tag (mehr als 8 Grad waren das nicht), zumindest regnete es nicht durch.

In der Mittagspause radelte ich zum Blumenladen und in meine Wohnung. Abends gab es gebratenen Spinat sowie Salzkartoffeln aus dem Ernteanteil, dazu Grillkäse.

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Ich muss nochmal was zum Techniktagebuch sagen. Die Beteiligung daran gehört derzeit zu den Kandisstücken meines Alltags.

Zum einen gibt es jetzt eine aktualisierte Version des Techniktagebuchbuchs:

Unendliches Volumen (Aber gedrosselte Geschwindigkeit)

Zum anderen gibt es jetzt eine Sondereditionen des ohnehin schon großartigen Zufallsshirts, mit dem Kathrin Passig entgegen allen bisherigen Ergebnissen immer noch hofft, sagenhaft reich zu werden: Das Techniktagebuch-Zufallshirt.

Sie müssen wissen, dass das Allerbeste am Techniktagebuch der zugehörige Redaktionschat auf Facebook ist. Hier diskutieren Autoren und Autorinnen das Techniktagebuch sowie seine Buchausgabe, vor allem aber Technik in ihrer ganzen Bandbreite, breiter, als Sie es je geahnt hätte, und ich lerne täglich eine Menge. Die Techniktagebuch-Zufallsshirts speisen sich zum großen Teil aus Fragmenten dieses Chats (sonst u.a. aus Überschriften von Techniktagebuchgeschichten).

Beachten Sie bitte unbedingt auch die Produktanpreisungen rechts im Textkasten. Kathrin Passig erklärte auf Anfrage in eben diesem Techniktagebuch-Redaktionschat: „Die Beschreibungen stammen größtenteils aus Sanitär- und Teppichkatalogen meiner Verwandtschaft. Ausdenken kann man sich so was ja gar nicht.“ Fügte aber sicherheitshalber hinzu: „Ich bewundere sie sehr, diese stillen Helden der komplett durchgedrehten Teppich- und Badewannenbetextung.“

Dummerdummerweise trage ich praktisch nie T-Shirts. Selbst als ich noch fürs Kiesertraining ein paar brauchte, war ich mit den fünfen, die ich seit vielen Jahren besitze, überkomplett ausgestattet.
Ich könnte einfach meinen kompletten Kleidungsstil umstellen. Bloß um im Wechsel 20 Zufallsshirts tragen zu können.

Journal Dienstag, 12. Mai 2015 – 12 von 12

Mittwoch, 13. Mai 2015

Gleich nach dem frühen Aufstehen auf den Balkon und die Morgenluft eines sonnigen Maientags geschnuppert, Kaninchen auf der Wiese gesehen.

Und nochmal keine Zeitung. Beim Verlassen des Hauses traf ich im Treppenhaus eine Nachbarin, die erzählte, sie habe ihr SZ-Samstagsabo deshalb gekündigt: Acht Mal sei keine Zeitung geliefert worden, selbst nach wiederholten Reklamationen auf allen Kanälen.
Habe ich das nur überlesen oder wird der Faktor Auslieferung in der Diskussion um die Zukunft der Papierzeitung vernachlässigt? Ich lese Tageszeitung immer noch am liebsten auf Papier. Mir ist klar, dass es sich um eine über Jahrzehnte eingeschliffene Kulturtechnik handelt und nichts Angeborenes, doch wenn die großen Seiten vor mir liegen, erfasse ich Themen, Überschriften, Bilder am schnellsten, springe hier in einen Vorspann, dort in einen Bildtext, setzte mich da gemütlich zurecht, um eine große Geschichte ganz zu lesen. Das vermisse ich bei allen elektronischen Formen. Aber wenn das so weitergeht, werde ich mich zum Umlernen zwingen – und es ist nicht gesetzt, dass es dann die Süddeutsche bleiben wird.

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Radeln zum Krafttraining, ich brauchte keine Jacke. Im Sportstudio war ein großer Bereich mit Folie abgesperrt: Nein, kein Streichelzoo für Diätopfer, lediglich Wasserschaden.

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Im Büropostfach fand ich die Eingangsbestätigung meiner Kündigung vom Vortag. Der Traumarbeitgeber hatte mir zwar vor Ende meiner Kündigungsfrist (sechs Wochen zum Quartalsende) noch keinen Arbeitsvertrag schicken können, da für meine Einstellung noch die Zustimmung des Betriebsrats nötig ist. Doch auf meine Bitte hatte ich eine schriftliche Bestätigung erhalten, dass man beabsichtigt, mich zum 1. Juli einzustellen. Daheim im Briefkasten fand ich diese Bestätigung nochmal im Papierform. Korkenknall und Feuerwerk gibt es erst, wenn ich den Arbeitsvertrag unterzeichnet habe, und ich versuche mich weiter zu Zweckpessimismus zu zwingen, doch eigentlich: Ich habe einen neuen Job. Und zwar nicht nur einen, mit dem ich mich arrangieren kann, den ich mir durchaus irgendwie vorstellen kann, sondern einen, den ich wirklich, wirklich will und auf den ich mich so richtig freue. Möglicherweise habe ich dann doch wieder mehr Glück, als ich verdiene.

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Die Aktion #12von12 beobachte ich seit einiger Zeit interessiert, dachte aber erst im Büro dran. Nächsten Monat beginnen die 12 dann hoffentlich nach dem Aufstehen.

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Beute des jüngsten Englandurlaubs: Hose und Schuhe.

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Das Wetter war so wunderbar, dass es des Biergartenorakels (deckt vormittags nur, wenn nachmittags Biergartenwetter) eigentlich nicht bedurfte.

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In der Mittagspause spazierte ich zum Bahnhof und aß frittiertes Fischiges. Auf dem Rückweg ins Büro Bahnaussichten.

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Ein paar schöne Dinge, mit denen sich auch ein schraddliger Büroarbeitsplatz etwas ästhetisiseren lässt.

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Kurz nach sechs an der Hackerbrücke, Feierahmd.

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Weil grad Zeit ist: Mein Beitrag zur fast völligen Ausrottung der Pocken. Gern geschehen. Nein, wirklich! (War das schon mal in einem deutschen Krimi Indiz? „Sehen Sie diese Narben? Das Mordopfer muss vor 1976 geboren sein, als Pockenimpfung noch Pflicht war.“)

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Mir war den ganzen Tag über sehr schwummrig und schwindelig gewesen. Also ließ ich Herrn Kaltmamsell mal wieder mit der Abendbrotzubereitung allein, öffnete lediglich den Wein dazu – einen Württemberger Kerner.

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Erstes Nachtmahl auf dem Balkon. Ich bestimmte hiermit Salade niçoise zum traditionellen Balkoneinweihungsessen. Grüner Salat und Kartoffeln kamen aus dem Ernteanteil unseres Kartoffelkombinats.

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Erste Male bei der Joghurtherstellung: Er war nicht fest geworden. Schmeckte aber ok, also erfand ich zum Nachtisch Erdbeerlassi.

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So endet eigentlich jede meiner heimischen Abendmahlzeiten: Mit einer Auswahl Schokoladen.

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Als Bettlektüre ein neues Buch: Horace MacCoy, The shoot horses, don’t they?, ein Klassiker aus der Zeit der amerikanischen Depression in den 1930ern.

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Giardino hat Pumpenhäuschen an der Regnitz besucht und fotografiert – sehr, sehr viele davon, eines bezaubernder als das nächste.

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Diesmal ist es die Zeit, die sich ausführlich mit der grotesken Diskriminierung Dicker und dem wisssenschaftlich nicht haltbaren Schlankheitswahn befasst:
„Lob der Fülle“.

Mir scheint, es gibt inzwischen keine Krankheit, von der nicht irgendjemand behauptet, sie werde durch zu viel Körperfett verursacht, außer vielleicht Ebola.

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Großartigerweise berichtet Katrin Scheib weiterhin für uns aus Moskau, diesmal:
„Das ultimative Ballett-in-Moskau-Besuchsprogramm“.

Journal Montag, 11. Mai 2015 – erster Arbeitstag nach Urlaub

Dienstag, 12. Mai 2015

Morgens schon wieder keine Zeitung (war vergangene Woche bereits an mehreren Tagen so), ich begann mir Sorgen um den Zeitungsausträger zu machen (und reklamierte bei der SZ, die Zeitung ist so teuer, dass ich nicht gelieferte gutgeschrieben haben möchte).

Nach langer Pause wieder Crosstrainerstrampeln.

Wunderschöner Frühlingstag, ich arbeitete den ganzen Tag heftig – war schließlich erster Tag nach Urlaub -, aber bei offenem Fenster. Eine entscheidende E-Mail abgeschickt, Brief auf den Tisch des Chefs gelegt.

Abends zum Nachtisch Eisbecher bei der freundlichen Nachbarschaftseisdiele in der Landwehrstraße geholt – nicht das allerbeste Eis, einfach klassisch italienisch, aber von herzlichen und freundlichen Menschen, die das schon sehr lange machen; auch das möchten wir ja unterstützen.

Im Bett Wolfgang Herrndorfs In Plüschgewittern ausgelesen. Hm. Die Ich-Figur wird sehr erlebbar, aber ist halt ein unangenehmer Kotzbrocken. Ich bin gerne bereit, alle sprachlichen Manierismen und Meinungsarroganz des Romans diesem Charakter zuzuschreiben, zudem wird ein ganz bestimmtes Berlin lebendig – aber mit nichts davon will ich etwas zu tun haben.

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Auf der re:publica hatte ich in der TTIP-Session erzählt, wie ich während meines Volontariats beim Eichstätter Kurier in einer Drehtür Filme entwickelte. Jetzt habe ich das auch aufgeschrieben.

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Hande wird von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ihrer Weinverkostungen Vinoroma regelmäßig um Restauranttipps gebeten: Sehr gut soll es sein, nicht zu weit entfernt von der Unterkunft, und selbstverständlich touristenfrei. In Handes Antwort steckt die ganze, traurige Entwicklung der italienischen Küche:
„On being the only tourist in a restaurant in Rome“.

Journal Sonntag, 19. April 2015 – Frischer Frühling in Sturmschäden

Montag, 20. April 2015

Bloggen belegt dann doch ganz schön viel von meiner Zeit. Das wurde mir gestern mal wieder klar, als ich vormittags nach dem langen Blogpost erst um halb zwölf zum Laufen kam.

Bei sehr frischen Temperaturen und Sonnenschein lief ich vom Odeonsplatz über Hofgarten und völlig überlaufenen Englischen Garten zur Isar.

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Der Hügel, auf dem der Monopteros steht, war weitgehend von den Büschen bereinigt, die ihn sonst um diese Jahreszeit wie ein Osterei im Nest aussehen ließen. Ich bin gespannt, was statt dessen gepflanzt wird.

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Überall waren Spuren des Sturms vor Ostern sichtbar, riesige gestürzte Bäume, abgebrochene Äste. Schon am Freitag war ich im Waldfriedhof nur mit Mühen pünktlich gewesen: Der riesige Friedhof ist eigentlich wegen der noch lange nicht beseitigten Sturmschäden gesperrt, nur zwei Eingänge sind offen (und um einen davon zu finden, joggte ich zu drei Vierteln um den Friedhof).

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Fertig gebügelt (die zwei Stunden am Samstagnachtmittag hatten nicht für die Bewältigung des nachurlaublichen Bergs gereicht), die aktuelle Folge des Kunst-Podcasts Fehlfarben fertig gehört:
„ART IS A GUARANTEE OF SANITY.“ … „AS IF.“

Auf Louise Bourgeois im Haus der Kunst habe ich dadurch wirklich Lust bekommen, außerdem fand ich die Idee, eine Ansprechpartnerin für Fragen in die Ausstellung zu stellen, großartig. (Im Royal Pavillon in Brighton ermunterte der Audio Guide regelmäßig dazu, das Aufsichtspersonal bei Fragen anzusprechen – von Menschen, die ich lediglich fürs Aufpassen auf die Exponate zuständig halte, erwarte ich ja eigentlich keine Fachkenntnis. Einer dieser Herren fühlte sich wohl so unterfragt, dass er mich von sich aus mit Zusatzinformationen zu dem Türrahmen versorgte, den ich gerade betrachtete. Und gleich gar nicht mehr aufhören wollte.)

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Fred Vargas, Julia Schoch (Übers.), Der vierzehnte Stein ausgelesen. Noch nie habe ich einer Übersetzung so misstraut wie dieser: Es kommen zahlreiche Frankokanadier in dem Roman vor, und die sprechen wohl seltsames Französisch. Aber dass Fred Vargas sie erfundene Wörter und Verbformen sprechen lässt, bezweifle ich – dafür hat Julia Schoch sich entschieden.
Außerdem habe ich nun wirklich genug von psychopathischen Serienmördern. Wenn, dann will ich künftig Krimis mit banalen Verbrechen, mit den Abgründen ganz normaler Menschen. Doch wenn ich den Krimimarkt richtig beobachte, versuchen sich die Verlage gerade mit immer absurderen und grausameren Geschichten zu übertrumpfen.

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Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat für ein spontanes Zusammenkommen von Freunden am Abend zubereitet. (In Brighton hatte ich nach Langem mal wieder einen Burger gegessen, und der war so traurig, dass ich mich wie ohnehin bei der derzeitigen Burgermode fragte, warum man statt dessen nicht gute Fleischpflanzerl isst.)
Bei dieser Geselligkeit unter anderem gelernt, dass man für todkranke Jugendliche auch mal eine Katze in die Klinik schmuggeln darf.

James Rebanks, The Shepherd’s Life

Freitag, 17. April 2015

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Ich freue mich sehr, dass The Shepherd’s Life. A Tale of the Lake District von James Rebanks umgehend zum Bestseller wurde. Mag daran liegen, dass ich ihm auf Twitter schon folgte, als er noch in kleinen finnischen Klubs twitterte. Ganz sicher aber daran, dass das Buch wunderbar und einzigartig ist.

Der Herdyshepherd, wie ich ihn für mich immer noch nenne, beschreibt anhand seiner eigenen Biographie die Kultur und das landwirtschaftliche Leben in dem Tal des Lake Districts, in dem er wohnt. Und seine Familie bereits seit 600 Jahren.

Er stellt seiner Erzählung ein langes Wordsworth-Zitat voran (in der Schule machte ihm die Vermittlung von Wordsworth klar, dass er und andere Bewirtschafter des Lake Districts in den Schwärmereien der Romantiker schlicht nicht existieren), und er beginnt mit einer Erklärung des Begriffs, das zentrales Thema des Buchs ist:
hefted – damit wird wohl die Verbundenheit der Schafherden mit ihrem angestammten Gebiet bezeichnet. Sie bewirkt unter anderem, dass die Tiere auch ohne Umzäunung ihre Weiden nicht verlassen. Für Rebanks ist sie gleichzeitig die tiefe Verbundenheit, die er im Einklang mit seinen Vorfahren für seine Heimat fühlt.

Dieses hefted fand ich besonders interessant, vor allem weil ich es selbst überhaupt nicht kenne. Kann ich ja auch nicht als Nachkomme von Einwanderern aus sehr weit voneinander entfernten Gegenden Europas, deren Vorfahren selbst bereits aus ihrer Heimat wegziehen mussten – die einen wegen der Hungersnöte nach dem spanischen Bürgerkrieg aus dem ländlichen Kastilien nach Madrid, die andere, weil sie zur Zwangsarbeit aus der südpolnischen Provinz nach Schwaben verschleppt wurde. Ich empfinde das Fehlen dieser Verwurzelung nicht als Mangel, oft im Gegenteil als eine Art Freiheit. Doch mir ist bewusst, dass sie nur schwer herzustellen ist.

Herdyshepherd hat in seinem Buch eine Agenda, die er immer wieder explizit anspricht: Er will Respekt erzielen für seine Art Leben und für die, die es leben; Anerkennung des Nutzens für die Gemeinschaft.

In England rennt er damit kulturell offene Türen ein: Die literarische Verarbeitung von Landleben, vor allem dem von früher (wann immer das war), stößt in England traditionell auf Interesse, meist ein romantisierendes. Direkt vor The Shepherd’s Life hatte ich einen Klassiker der englischen Landlebenromantisierung gelesen: Cider with Rosie von Laurie Lee – kennt in England praktisch jeder und jede (Beschreibung von Dorforiginalen, von vor Fülle überbordenden Gärten, den Härten des Winters, Einzug neuer Technik nach dem Ersten Weltkrieg). Auch Ronald Blythes Akenfield verkauft sich bis heute.
In der deutschen Bestsellerliteratur gibt es keine Entsprechung (mögen mich Germanistinnen korrigieren, wenn es überhaupt eine Entsprechung in der deutschen Literatur gibt), ich erinnere mich gerade mal an Anna Wimscheiders Herbstmilch, und das kam 1984 heraus. Doch in England überrascht mich weder der Erfolg des Twitter Accounts noch des Buchs. Was allerdings auch die Engländer nicht daran hindert, lieber zum billigen Supermarktfleisch aus Massentierhaltung und zum billigen Lammfleisch aus Neuseeland zu greifen.

Herdysheperd steht nicht nur in einer literarischen Tradition (auf die er anspielt und die er zitiert); seine Version und Lebensgeschichte schlägt ein neues Kapitel auf. Das hat traditionell mit neuer Technik zu tun, die auch in den englischen Landlebensklassikern eine Schlüsselrolle spielt, und mit gesellschaftlichen Veränderungen: Rebanks ist nicht nur ein besonders schlauer Kopf; er hat Zugang zu einer Fülle von Informationen und kann andere Lebenswege ausprobieren. In einer Welt ohne die heutige Bildungs- und Infrastruktur wäre es ihm unmöglich gewesen, die Hochschulreife in Abendkursen nachzuholen und neben einem Studium in Oxford auf dem väterlichen Hof zu arbeiten.

Sein Buch lebt von den ernsthaften und fachlich tiefen Schilderung des Alltags von Schafhirten und -hirtinnen (oh ja) – irgendwann hatte ich beim Lesen den Eindruck, ich könnte jederzeit mit zupacken und wäre auch noch nützlich dabei -, von der Beschreibung der Bewohner des Tals und von Rebanks jüngster Familiengeschichte. Idylle taucht nur sehr vereinzelt auf, am ehesten in den Fotos, die schwarz-weiß abgedruckt sind (kein Vergleich zu den atemberaubenden Aufnahmen, die Herdyshepherd täglich bei Twitter postet).

Die prekäre Situation dieses Wirtschaftszweigs macht Rebanks indirekt und an konkreten Beispielen klar: Detailliert schildert er, wie sein Vater ihm das Scheren der Schafe beibrachte, wie er Jahr um Jahr daran arbeitete, dessen Tempo einzuholen. Die Schilderung eines solchen Schurtages endet mit der Beschreibung, wie die eben abgeschorenen Vliese verbrannt werden: Ihr Marktpreis ist so niedrig, dass er nicht mal den Aufwand des Verkaufens decken würde. Kein Hof in Rebanks Tal kann von seinen Schafen leben, auf jedem muss mit externer Zusatzarbeit der Lebensunterhalt gesichert werden. Gleichzeitig erklärt Herdyshepherd nachvollziehbar, dass es die traditionelle Bewirtschaftung dieser Region war, die sie über viele Jahrhunderte zu dem gemacht hat, was die Romantiker beschwärmten und was wir zu größten Teilen noch heute sehen. Ein Aussterben dieser Landwirtschaft würde auch die Landschaft zerstören.

Besonders eindrucksvoll fand ich die sprachliche Kargheit, mit der Rebank die schlimmsten Erlebnisse erzählt, nämlich die Keulung ganzer Schafherden während der Maul- und Klauenseuche im Jahr 2001. An dieser Stelle hat er uns bereits Kapitel um Kapitel erklärt, mit welcher Sorgfalt und Hingabe ein bestimmtes Zuchtergebnis angestrebt wird, welche Gründe es für jedes Kriterium darunter gibt, mit welcher Gewissenhaftigkeit Hirten und Hirtinnen Zuchttiere dazukaufen, wie Herden entstehen und weitergeführt werden. Und dann ist innerhalb von sechs sachlichen Seiten alles auf Anfang, auf Null.

Natürlich erlebt man Rebanks in diesem Buch auch selbst als Mensch, direkt und indirekt. Wie stolz er auf die Leistung seiner Familie und auf seine eigene ist. Wie wichtig ihm ist, sich selbst als Teil einer Gemeinschaft zu schildern, als nichts Besonderes. Was er halt spätestens durch dieses Buch dann doch geworden ist.
(Ob sich dafür wohl ein deutscher Verlag findet?)

Brightonjournal Samstag, 11. April 2015 – einmal gemischtes Wetter

Sonntag, 12. April 2015

Am letzten Urlaubstag nochmal den Wecker für einen Lauf auf dem Undercliff Walk gestellt. Er war wundervoll, auch bei düsterem Himmel, Wind und auf der zweiten Hälfte immer stärker werdendem Regen. Ein Möwenschwarm stand wie ein Mobile im Sturm.

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Hinweg

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Was eine Laufstrecke perfekt macht: Klo!

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Auf den letzten Metern kaufte ich zwei dicke Samstagszeitungen (Guardian und Daily Telegraph), die gerade noch Zeit hatten, fast so nass zu werden wie ich.

Während ich ausgiebig heiß duschte, schaltete irgendwer das Wetter komplett um. Zum Morgenkaffe trat ich unter nahezu wolkenlos blauem Himmel vors Haus. Und so blieb das Wetter den Tag über, wenn auch windig.

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Meine Pläne für den Tag: Noch möglichst viele Köstlichkeiten essen.

Mittagessen bei Food for Friends: Hier bekomme ich zuverlässig das inspirierendste Essen von ganz Brighton. Liebevoll zusammengestellt, immer wieder überraschende Geschmäcker und Kombinationen, großartige jahreszeitliche Zutaten. Dass das Ganze fleischlos ist, ist völlig irrelevant. Eine Entdeckung war dieses mal ein Limo: Luscombe Damascene Rose Bubbly, dessen Zutaten wahrscheinlich sogar den strengen Ansprüchen von katha standhalten.

Wir teilten uns drei Vorspeisen (knusprig panierter Seidentofu, drei Tahini-Dips, Persischer Gurkensalat), dann hatte ich mit Feta gefüllte Champignons mit Rübengratin und Pesto, der Begleiter einen Kartoffelkuchen mit Spinat, Artischocke, Rote Beete, Zwiebelring.

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Rückfahrt sichergestellt. Stehen wir halt noch eine Stunde früher auf.
Die „Visit Brighton“-Büros gibt es tatsächlich nicht mehr; statt dessen sind die offiziellen Anlaufstellen für Informationen jetzt Hotels, Museumsshops oder Busticketschalter.

Hochleistungsklamottenkauf des Reisebegleiters: Er ging wieder in den Laden, der ihm vor zwei Jahren bereits zwei umgehende Lieblingshemden verkaufte, und verließ ihn mit drei Hemden und einer Hose – sowie als Geschenk des Hauses für den Großeinkauf einem Paar Socken. Davor hatte er bereits einen Hut und eine Mütze gekauft (auf die ich ihn hingewiesen hatte).

Rumlungern auf dem Pier und in Cafés (mein erster Banoffee Pie! sehr gut!). Ich las The Shepherd’s Life aus, dazu später mehr, auf jeden Fall dicke Empfehlung.

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Brighton 2015 – Erotisches Wohnen

Samstag, 4. April 2015

In diesem Brightonurlaub lerne ich viel über Erotik. Als wir uns für die Airbnb-Unterkunft entschieden, taten wir das wegen der Lage, auch wegen der Dachterrasse, und die Räume sahen ganz behaglich aus. Dass sie als „sexy little house“ bezeichnet wurde, „for a few nights of sexy, decadent pleasure“, nahm ich nicht so ganz ernst – was Vermieterinnen halt so schreiben.1 Hätte ich aber besser, denn diese Unterkunft scheint tatsächlich nicht für ganz normales Bewohnen ausgelegt; unter anderem hat sie weder Kleiderschrank noch Esstisch oder auch nur einen Beistelltisch fürs Sofa. Zu der hochtechnischen und eleganten Küchenzeile gehört lediglich ein Stehtischchen mit zwei Barhockern. Der Fernseher steht nicht gegenüber dem Sofa im Obergeschoß, sondern hängt an einer Schlafzimmerwand. Selbst die Kochbücher in der Küche heißen Food for Love oder Kinky Cupcakes (im Unterschrank gleich neben den Spielen Sex!, Intimate und Dirty Minds).

Hier ist ausschließlich erotisches Wohnen vorgesehen, und das ist für mich ein recht unbekanntes Gebiet. Für Sex interessiere ich mich nicht sehr – na gut, vielleicht ein bisschen mehr als für Musik. Am ehesten bekomme ich etwas über das Thema mit, wenn Bloggerinnen, die ich gerne lese, darüber schreiben oder vortragen. Es ist für zwar mich selbstverständlich, dass Menschen sexuell tun dürfen sollen, wozu alle Beteiligten von Herzen zustimmen. Auch dass es sich um ein Interessengebiet handelt, mit dem man sich leidenschaftlich und detailliert beschäftigt, kann ich verstehen. Doch es ist zum Glück einfach, sich nicht eingehend damit zu beschäftigen (anders als bei Fußballbegeisterung zum Beispiel).

Jetzt sitze ausgerechnet ich bis über beide Ohren in Erotik. Und entwickle eine gewisse Neugier für reverse engineering: Wie funktioniert dieses Erotikdings anscheinend?

Da die Vermieter das ganze als generell „sexy, decadent pleasure“ verkaufen, adressieren sie offensichtlich nicht eine bestimmte sexuelle Vorliebe, sondern die Schnittmenge der in unserer (westlichen?) Kultur verbreitetsten Vorlieben. Ich lerne also:

1. Es muss dunkel sein, so dunkel wie möglich: Die Wände aller Räume sind schwarz, im Schlafzimmer sind alle Möbel schwarz, die Bettwäsche ist schwarz, die Fenster sind mit schwarzen Jalousien verdunkelt.

2. Die Menschen mögen sich ansehen: Die Dusche ist nicht nur sehr geräumig, also sehr wahrscheinlich ein möglicher Sexschauplatz. Sie ist auch rundum verspiegelt. Jetzt endlich kommt mir zugute, dass ich viele Jahre Übung darin habe, auch in noch so verspiegelten Umgebungen an mir vorbei zu schauen – nämlich durch Aerobic und Gymnastik in Fitnessstudios. Ich sehe – wie die meisten dort – beim Rumhopsen so bescheuert aus, dass ein zu häufiger Blick demotivierend wirkte.

3. Als erotisierend werden Frauenbilder eingeordnet: Hier hängen nur unzüchtige Bilder von Frauen, mit einer einzigen Ausnahme. (Meine anfängliche Theorie, dass diese Wohnung nur auf Menschen ausgerichtet ist, die Frauen sexuell attraktiv finden, verwarf ich beim Durchdenken aller erotisch geltender Bilder, die mir einfielen.) Ist die Folgerung zulässig, dass die erotisierende Ikonographie der westlichen Hemisphähre zu 95% Frauen darstellt?

4. Erotik hat viel mit Büchern zu tun: Hier stehen ganze Regalmeter Bildbände und Literatur mit „love“, „nude“ oder „sex“ oder „girls“ im Titel. (Daneben aber auch Dylan Thomas‘ Under milkwood.)
Hier kommen die Wohnung und ich uns – wenig überraschend – am nächsten. Die Überschneidung zu meiner Bibliothek:
D.H. Lawrence, Lady Chatterley’s Lover
Anaïs Nin, Delta of Venus
Belle de Jour, The Intimate Adventures of a London Call Girl (hier steht auch der zweite Band, aber ich fand schon den ersten nicht so toll)
John Fowles, The French Lieutenant’s Woman
Alan Hollinghurst, The Line of Beauty
Dylan Thomas, Under milkwood

5. Erotik findet im Bett statt (das ist hier riesig), in der Badewanne oder in der Dusche. Nicht aber mit Tisch oder beim Essen am Tisch.

6. Erotik hat etwas mit Schlafmasken zu tun. Zumindest liegen neben dem Riesenbett vier Stück auf einer eigenen Konsole.

Ich sehe das Projekt natürlich als noch nicht abgeschlossen an. Mal sehen, was ich in der kommenden Woche noch so über Erotik herausfinde.

  1. Schließlich versuche ich mir seit Jahren abzugewöhnen, Verkaufssprech wörtlich zu nehmen. []