Bücher

Kathrin Passig, Sascha Lobo,
Internet. Segen oder Fluch

Donnerstag, 20. Dezember 2012

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Hier stand ein entschuldigender Absatz über mein Fangirltum gegenüber Autorin und Autor. Gestrichen weil zu peinlich. Kurzfassung: \o/1

Als ich erfuhr, dass Kathrin Passig und Sascha Lobo ein Buch übers Internet schreiben, ging ich zunächst reflexhaft davon aus, dass das Ergebnis die ultimative Apologie des Lebens im Web würde (dem ersten Kapitel entnahm ich dann, dass ich nicht die einzige war). Dieses Zunächst dauerte allerdings nur wenige Momente, denn dann fiel mir ein, dass Kathrin Passig die personifizierte Stimme der Vernunft ist – und somit viel zu vernünftig für einseitige Darstellungen. Und Sascha Lobo ist zu klug dafür.

Tatsächlich ist das Buch Internet. Segen oder Fluch viel mehr geworden, nämlich eine höchst unterhaltsame Ausführung über den Umgang des Menschen mit technischen Neuerungen und über die Mechanismen, die zu bestimmten Formen der optimistischen oder skeptischen Argumentation führen. Ob Skeptiker oder Optimisten (das sind Passigs und Lobos Bezeichnungen für die beiden Perpektiven): “In der Diskussion steht oft Bauchgefühl gegen Bauchgefühl, und Argumente werden nur akzeptiert, wenn sie zu diesem Gefühl passen.” Dieser Beobachtungen gehen die beiden als erstes nach. Mit Erkenntnissen aus verschiedenen Wissenschaftsfeldern erklären sie, dass das ein grundmenschlicher Mechanismus ist. Und sie führen auf, welche Argumentationsfehler das nach sich zieht.

Dass die Diskussion ums Internet (Fluch oder Segen) nichts Besonderes ist, sondern Mustern folgt, hat Kathrin Passig ja schon durch ihren Aufsatz “Standardsituationen der Technologiekritik” und ihren Vortrag “Standardsituationen der Technologiebegeisterung” belegt. Lobos und Passigs Buch schaut sich also nicht nur diese eine aktuelle neue Technik an, sondern geht weit zurück in der Wissenschafts- und Technikgeschichte. Besprochen werden Reaktionen auf Innovationen wie den Tonfilm, den Buchdruck, die Eisenbahn – die jeweils zu ihrer Zeit ebenso leidenschaftlich kontrovers waren wie die Auseinandersetzungen heute. Passig und Lobo machen sich auch Gedanken über die Wirkungsweise von Narrativen und Metaphern in der Argumentation, mit dem Ergebnis: Vorsicht! Denn neben der gewünschten pointierten Parallele zur Vergleichssituation transportieren sie eine Menge Nebenparallelen und emotionale Ansprache, die unkontrolliert fortwirken.

Diese ersten Meta-Kapitel enthalten auch Tipps für die eigene Argumentationshygiene: Im Idealfall ist sich ein Diskussionsteilnehmer im Klaren, warum er zu bestimmten Argumenten greift, und vermeidet klassiche Erkenntis- und Argumentationsfehler (Passig und Lobo empfehlen die allwöchentliche Lektüre beider verlinkten Listen).

Den meisten Raum nimmt dann aber doch das Internet ein. Das Buch führt den aktuellen Stand zu Kernthemen der Diskussion auf, und zwar mit Argumenten aller Seiten. Es geht um Disruption, Beschleunigung, Informationsüberflutung, Verlässlichkeit von Informationen, Kollektive und Kollaborationen, Politik mit Hilfe des Internets, Regulierung, Datenschutz, menschliches Miteinander, Urheberrecht, Filter- und Empfehlungsalgorithmen. Einige Kapitel haben einen Anhang mit unbrauchbaren Argumenten (auch diese beider Seiten), die man sich sparen kann “um die Diskussion zu optimieren”. Herzerfrischend (und mir sehr nahe) spricht aus all diesem der unverbrüchliche Optimismus, dass Vernunft hilft. Selbst frage ich mich seit einiger Zeit, ob das nicht die blindeste und unvernünftigste Hoffnung überhaupt ist, komme aber einfach nicht von ihr los.

Eine Lösung bietet das Buch folgerichtig nicht an, nur eben Runduminformation über die Diskussion. Das aber ist sehr unterhaltsam geschrieben mit herrlichen Beispielen, wobei jede scheinbar noch so alberne Blödelei einen argumentativen Kern hat. Meine Lieblingsblödelei steckt in den Anmerkungen, dazu gleich. Denn die leserunfreundliche Form der Anmerkungen ist mein einer Kritikpunkt: Sie sind in einem Anhang zusammengefasst, zu dem ich jedesmal recht mühselig und Lesefluss-unterbrechend blättern musste. Als Fußnoten (ein paar davon gibt es zusätzlich) wären die Anmerkungen im gedruckten Buch so komfortabel wie der anzutippende Querverweis des elektronischen Buchs gewesen. Meine Lieblingsanmerkung, die fast so kommunikativ ist wie das footnoterphone in Jasper Ffordes The Well of Lost Plots, liefert Hintergrund zur Netzsperrendebatte:

Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen hatte ein Gesetzesvorhaben mit dem Namen “Zugangserschwerungsgesetz” auf den Weg gebracht, das von ihr als Mittel für den Kampf gegen Kinderpornographie bezeichnet wurde. Kritiker dagegen waren überzeugt, dass blablabla, das steht nun wirklich überall.

Gehen Sie hin und lesen Sie das Buch und verschenken Sie es. Im Umschlag klebt der Download-Code der E-Book-Version, die gibt es als kostenfreie Dreingabe.

  1. Emoticon für Begeisterung []

Tanja & Johnny Haeusler, Netzgemüse

Dienstag, 18. Dezember 2012

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“Meine Religionslehrerin hat gesagt, wenn wir uns auf Facebook anmelden, dann sollen wir auf keinen Fall unseren echten Namen und unser echtes Alter nehmen.” Neffe 1, 12 Jahre alt, auf dem sonntäglichen Adventspaziergang.

Oh mei.

Ich tendiere seit Jahren zum Abschalten, wenn jemand über die Auswirkungen des Internets spricht, der offensichtlich nichts darüber weiß. (Jüngstes Beispiel: Das Interview im aktuellen SZ-Magazin mit dem Philosophen und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han, der versichert, im Internet fänden keine echten Dialoge statt: “Ein Gebet wäre ein Dialog. Auf Facebook und Twitter ist kein Dialog möglich.”) Wenn es sich dabei um Eltern handelte, schalte ich noch schneller ab, denn Unwissen übers Internet führt bei ihnen immer zu Horrorszenarien. Und auch wenn das schäbig von mir ist: Ich habe keine Lust sie aufzuklären. Künftig werde ich diese Eltern zumindest auf ein Buch hinweisen, das ihnen diejenigen Aspekte des Internets erklärt, die für zeitgenössische Elternschaft wichtig sind. Geschrieben wurde es von Eltern, die zur Pionier-Generation des Internet und des Web gehören, von Tanja und Johnny Haeusler.

Schon als Johnny von den Buchvertrag erzählte, freute ich mich sehr – dabei wusste ich damals noch nicht mal, dass die bisherige Eltern-und-Internet-Literatur ausschließlich aus Warnungen und Horrorszenarien besteht. Johnny Haeusler ist einer der Stützpfeiler meines Ecks im Internet, und so war ich sehr gespannt darauf zu erfahren, wie sich echtes Web-Checkertum auf das Großziehen von Kindern auswirkt. Dass er und Tanja lesenwert, klug und unterhaltsam schreiben können, wusste ich bereits aus ihrem Blog Spreeblick. Dass ich ein Rezensionsexemplar geschickt bekam, freute mich zusätzlich – danke schön!

Nach der Lektüre weiß ich eine Menge mehr: Darüber, was Kinder heute so mit dem Internet tun und wie sie davon profitieren können. Wie sich deren Nutzung des Webs von meiner unterscheidet. Welche Computerspiele gerade unterwegs sind. Welche Regeln es für ein Familienleben in Zeiten freudig genutzten Internets braucht. Wie man Kinder soweit möglich über Risiken informiert, wie weit man sie schützen kann – und wie weit eben nicht. Tanja und Johnny verweisen immer wieder auf Parallelen im Offline-Leben, die auch mir einige Argumentationshilfe stellen. Sie schreiben über eigene Erlebnisse und Erfahrungen, ebenso über faktische Hintergründe – und das in der heiteren Besonnenheit, die ich an Johnnys und Tanjas Argumentation schon immer schätze.

Einen besonders guten Ansatz fand ich, sich einfach mal von den Kindern zeigen lassen, was sie da im Internet machen. Sich Spiele erklären lassen, Recherche-Tricks, Lieblings-Filmchen und -Websites. Wir Web-Routiniers sind uns ja hoffentlich im Klaren, dass wir meistens in immer demselben Eck des Internets unterwegs sind (seit einiger Zeit gibt es dafür den Begriff filter bubble). Warum nicht mal in ein anderes Eck schauen?

Meinen Neffen wies ich am Sonntag lediglich darauf hin, dass ein Befolgen des Lehrerinnentipps oben bedeuten würde, gegen die Teilnahmeregeln von Facebook zu verstoßen (ich bin ziemlich sicher, dass das der Lehrerin nicht bewusst war). Weitere Aufklärung überlasse ich seinen Eltern – deren Tendenz zur Internetphobie ich mit Netzgemüse als Weihnachtsgeschenk bekämpfe.

Und dann ließ ich mir von den Nifften gleich mal ihren momentanen Filmliebling zeigen. Groß! Ar! Tig!

(Exkurs: Wir Generation der Digital Pioneers, die wir diese neue Welt in den vergangenen 20 Jahren mit aufgebaut haben, von Anfang an darin gelebt haben, sind ohnehin eine kleine Gruppe. Entsprechend klein ist die Anzahl von Kindern, die uns als Eltern haben. Ich wüsste gerne, welche Auswirkungen es hat, solche Eltern zu haben. Mütter, die geistesabwesend beim Blick aus dem Fenster sagen: “Oh, die Sonne fährt gerade runter.” Die den Alltag ihrer drei Kindern mit dem Partner über iphone-Apps koordinieren. Oder die dem Sohn sein erstes Blog einrichten. Väter, die der Tochter den alten Laptop nochmal so weit pimpen, dass sie ein wenig Minecraft darauf spielen kann. Registrieren Kinder, die eine Welt ohne Internet nicht kennen überhaupt, dass ihre Eltern anders sind?)

Alan Moore, David Lloyd, V For Vendetta

Dienstag, 27. November 2012

Als Dystopie, so sprach der Mitbewohner, auf Höhe mit 1984 und Brave New World, deshalb dringend zur Lektüre empfohlen. Und da Graphic Novels ohnehin eine schmerzliche Lücke in meiner Bildung sind, ließ ich mir das Buch geben.

Die Atmosphäre des Romans (erschienen in zehn Folgen zwischen 1982 und 1985) ist eine Mischung aus hard boiled USA der 30er und apokalyptisch düsteren 80ern: Die bewohnbare Erde besteht nur noch aus Großbritannien, der Rest wurde durch einen Atomkrieg ausgelöscht. Jetzt, im Jahr 1997, herrscht dort eine totalitäre faschistische Regierung. In dieser Düsternis taucht eine Rächerfigur in schwarzem Umhang und Guy-Fawkes-Maske auf, die zu Beginn ein junges Mädchen vor einer Vergewaltigung rettet und wenige Minuten später das Parlamentsgebäude sprengt.

Im Lauf der Handlung erfahren wir, dass dieser Rächer, der sich bald V nennen lässt, Überlebender der Konzentrationslager ist, in denen die Faschisten nach dem Krieg Missliebige misshandelten und töteten. V bringt nach und nach alle Folterer dieses Konzentrationslagers um.

Sehr schön fand ich die Vielfalt und Tiefe der Figuren. Neben dem jungen Mädchen aus der Eingangsszene (Evey) gibt es einige Polizisten, die meisten davon hinter V her, aber auch interessante Gestalten aus der Unterwelt. Etwas ratlos haben mich die Foltersequenz in der zweiten Hälfte und der Ausgang des Romans gelassen; er zündet zwar einen Funken Hoffnung, lässt aber offen, ob er brennt. Gerade darin sehe ich die Handschrift der 80er, in der ich ja erwachsen wurde: Wir sahen uns damals tatsächlich sehr real von der ultimativen Katastrophe bedroht, ob durch Atomkrieg, Naturkatastrophen oder Gewaltherrschaft.

Einfach zu lesen ist V For Vendetta nicht. Ich brauchte pro Seite fast so lang, wie ich für reinen Text gebraucht hätte. Da ich keine erfahrene Comicleserin bin, begriff ich erst durch das Nachwort von Autor Alan Moore den Grund dafür: Zeichner David Lloyd hatte darauf bestanden, ohne Bildtexte (captions), Gedankenblasen und Geräuschwörter zu arbeiten (laut dem Comicfachmann an meiner Seite ist das inzwischen Standard). Das lässt sehr viel in der Erzählung offen und ging so weit, dass ich einige Panels lang nicht wusste, ob der Revolver, der mir in Großaufnahme gezeigt worden war, nun geschossen und gar getötet hatte oder nicht.

Sehr spannend, dieses Lese-/Schau-Erlebnis – und tatsächlich so vielschichtig wie die Dystopie-Klassiker, die der Mitbewohner als Vergleich angeführt hatte.

Immer noch Auszeit, 7./8. November 2012 – mit ein bisschen Arbeit

Freitag, 9. November 2012

Vielstündiges Arbeitstreffen in Augsburg, auf dem Hin- und Rückweg unter Hochnebel schrecklich gefroren. Fühlte sich wie drohendes Krankwerden an, ich schlotterte richtig und war beunruhigt. Daheim zum ersten Mal, seit ich denken kann, ein Vollbad nicht zur Reinigung mit Entspannung, sondern nur zum Aufwärmen genommen. Danach plus heißem Tee plus heißer Suppe nicht mehr gefroren.

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Bei einem Abendbrot den Blaufränkisch von St. Antony probiert. Zum einen moussieren anscheinend tatsächlich alle Weine aus diesem Gut (empfinde ich als unangenehm). Zum anderen duftete der Blaufränkisch zwar betörend, war hintenraus aber derart sauer, dass wir die halbe Flasche stehen ließen. In der Hoffnung, dass er sich an der Luft zu etwas Überzeugendem entwickelt.

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Am sonnigen Donnerstag mit viel Vergnügen duch München geradelt, die Lungenflügel mit klarer Herbstluft durchgepustet.

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Vorzeitig den ersten Stollen gebacken, um ihn der Tante und der Kusine nach Italien zu schicken. Wir hatten uns im Sommer darüber unterhalten, die Tante hatte beklagt, dass sie in Priverno keinen Weihnachtsstollen bekomme, und da ich ja nun ein ausgezeichnetes und bewährtes Rezept habe, außerdem das Versenden von Weihnachtsgebäck an emigrierte Verwandtschaft eine schöne deutsche Tradition ist, versprach ich ihr ein Paket. Mal sehen, ob der Stollen vor Weihnachten ankommt.

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Mich an dieser Digitaluhr aus Holz gefreut. (via @kathrinpassig)

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Den Mitbewohner um Grillfleisch (wenn auch aus der Pfanne) gebeten, weil ich von einer Balkanfreundin hausgemachtes Ajvar bekommen hatte. Samt Anweisung, es entweder als Brotaufstrich und zu weißem Käse zu essen oder eben zu gegrilltem Fleisch. Es schmeckt so sensationell, dass ich nun für das hiesige Supermarktajvar verloren bin; das kommt mir höchsten noch ins Szegediner Gulasch.

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Aus gegebenem Anlass an dieses wundervolle Opus 9 der großartigen Gaga Nielsen erinnert worden: “Kinostar”.

Und wenn wir schon dabei sind: Lesen Sie Gaga. Dabei sollten Sie wissen, dass die Dame ihre tiefsten und lebenshilfreichsten Erkenntnisse meist in den Kommentaren ausbreitet. Zum Beispiel in diesem über ihre Gepflogenheiten beim Essen:

TV-Dinner ist genau mein Ding, wenn ich alleine bin. Wohlgemerkt, wenn ich alleine bin! Ich bin ja wie fast alle Frauen multitasking, deswegen ist für mich Essen allein nicht abendfüllend. Ich bin ja nun keine Buddhistin, die sich irgendsoeinen “Achtsamkeits”-Fimmel auf die Fahne geschrieben hat, ich muss nicht meinem Atem und den Kaugeräuschen nachsinnieren, um mich lebendig und im Hier und Jetzt zu fühlen. Essen tue ich schon seit meiner Kindheit, deswegen geht das praktisch bei mir wie automatisch!

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Spätestens seit ich von einem Evolutionsleugner ein betont freundliches: “Es darf ja jeder seine Meinung haben.” hörte, misstraue ich manchen Varianten von Toleranzappellen. In seiner Spiegel online-Kolumne nimmt sich Sascha Lobo deren Hintergründe vor, die sich im US-amerikanischen Wahlkampf zeigten, und die Rolle der Social Media dabei: “Post-truth politics“.

Das bedeutet, bewusst Argumente zu konstruieren, die unabhängig von den Fakten die gewünschte Wirkung in der Öffentlichkeit erzielen sollen. Wahrheit ist nur noch eine Option unter vielen.

Auf grundsätzliche Wissenschaftsfeindlichkeit und mangelndes Wissen um Mechanismen der Argumentation geht Sasche allerdings nicht ein (Rahmen, sprengen, etc.). Da es zahlreiche Hinweise gibt, dass beides zu den Inhalten seines und Kathrin Passigs Buch Internet – Segen oder Fluch gehört, werde ich es mir endlich vornehmen.

Auszeitjournal Donnerstag, 25. Oktober 2012 – Frauenformen

Freitag, 26. Oktober 2012

Eine Hobbysportlerin, die auf der halben Welt in Balletstunden geht, beobachtet: “What you can’t tell about a woman from her body shape”.

After more than ten years of taking open adult dance classes, on three different continents, I still haven’t properly learned this lesson: you can never know how well someone can dance until you see them dancing.
(…)
We live in a culture where body size and shape are considered indications not just of what a person can do, but what he or she is worth. We see a slender woman and see discipline and fitness. We see a fat woman and see greed and illness. It’s a snap judgment we make, one we rarely stop to evaluate. It’s also often wrong.

Selbst freue ich mich ja immer wie ein Schnitzel, wenn ich in einer Aerobicstunde eine kugelige Mitturnerin elegant oder sportlich oder wie einen Flummy um ihr Stepaerobic-Brett turnen sehe. Oder wenn gar die Vorturnerin überhaupt nicht schlank ist. Weil ich es liebe, wenn stereotype Erwartungen konterkariert werden.

Mein größtes eigenes Vorurteil gegenüber Körperformen: schmalschultrige Frauen mit sehr breiten Hüften und dicken, kurzen Beinen können keine guten Läuferinnen sein. Sie gehören tatsächlich zu dem Körpertypus, dem ich unter den Joggerinnen an der Isar am seltensten begegne, und wenn, ziehen sie mit dem erwarteten Schlurfen an mir vorbei (auch sie sind fast immer schneller als ich, die langsamste Joggerin rechts und links der Isar). Doch dann kam mir einmal genau solch eine Körperform entgegengefedert, flott, leicht und fröhlich – und schon war mein Vorurteil als solches entlarvt: “you can’t tell what a body can do just by looking at it”.

Was mir die Gelegenheit gibt, dieses wundervolle Filmchen über Misty Copeland einzubauen: Wer legt nochmal fest, wie eine Prima Ballerina auszusehen hat? (via Kluges & Scheiß, wo es noch mehr Links und Infos zu der Dame gibt)

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Nachmittags besuchte ich eine Freundin in der Frauenklinik an der Maistraße – und fand mich zu meiner großen Überraschung im schönsten Krankenhaus wieder, das ich je gesehen hatte. Der Bau von 1918 ist liebevoll und in vielen Details erhalten, ich konnte mir hinter den Holztüren mit handgemalten Schildern kaum moderne Operations- und Behandlungsräume vorstellen. Das Patientenzimmer, in dem die Freundin lag, hatte sogar einen Erker in den wundervoll begrünten Innenhof. Nach einem hochneblig trüben Vormittag war er strahlend besonnt.

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Am Abend kam Stevan Paul in die Buchhandlung Moths und las aus seinem Schlaraffenland vor. Ich nehme an, dass das in allen seinen Lesesstädten so ist: Die Veranstaltung wurde automatisch zu einem kleinen Foodbloggertreffen. Ich traf einige Damen wieder, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte.

Wie schon bei seiner letzten Münchner Lesung 2009 war es sehr unterhaltend, Paulsen beim Lesen zuzuhören, das Publikum hatte hörbar Spaß. Das Buch selbst habe ich ja schon mal empfohlen.

Auszeitjournal Samstag, 20. Oktober 2012 – das Draußen

Sonntag, 21. Oktober 2012

Isarlauf, natürlich, bei diesem Wetter. Nicht auf den Fotos:
Die Krähen klingen derzeit wie Babygeschrei.
Die Isar leuchtet blau, weil sich auf ihrer schnellen, ruhigen Oberfläche der Föhnhimmel spiegelt.
Zwei Graureiher hoch oben auf einer riesigen Tanne – ungewöhnlicher Sitzplatz, oder?
Sehr, sehr viele Menschen unterwegs, zu Fuß und auf Fahrrädern (Respekt für den Herrn, der sich auf einem Rennrad in die Mountainbikewege stürzte), deswegen Pläne für nachmittäglichen Spaziergang mit Mitbewohner im Draußen abgeblasen.

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Einkäufe per Radl in der Innenstadt. Während die Münchner alle ins Grüne strömten, strömten die Grünbewohner (Woidla) in die Stadt. Im Auto. Lieblingsmanöver: In den Gassen des Glockenbachviertels ohne zu blinken halb abbiegen, stehenbleiben, glotzen, komplette Blockade verursachen. Als Radlerin entziehe ich mich solchen gordischen Knoten, indem ich einfach absitze und ihn auf dem Gehweg umschiebe.

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Statt Spaziergang auf dem Balkon in der Sonne Die Wand gelesen, Ort und Lektüre passten sehr gut zusammen. Bei diesem nochmaligen Lesen faszinierten mich vor allem die alltäglichen Details des Wetters, der Umgebung, der Landwirtschaft.
Die Lektüre bestätigte meinen Eindruck beim Sehen der Verfilmung: Julian Roman Pölsler hat sich den Teil des Romans vorgenommen, den man als Allegorie für Depression sehen kann. Der Film lässt Informationen über das Vorleben der Frau ganz weg, damit auch ihr Nachdenken darüber, zudem die positiven Aspekte ihrer Entwicklung in der neuen Situation.
Das Buch erschien mir optimistischer als der Film.

In diesen Monaten der Auszeit nehme ich die Jahrezeiten und die Natur sehr intensiv wahr. Ich war ja viel draußen, und selbst wenn ich drinnen war, hatte ich Muße rauzuschauen, was ich oft und gern tue. So erlebte ich die Farben von Blättern und Bäumen, den Wechsel der Blumen und Gräser, die Veränderung des Sonnenlaufs und der Vogelrufe, die Unterschiede von Draußen-Gerüchen im Lauf des Tages, je nach Wetter, im Fortgang der Jahreszeiten. (Gefallenes Pappellaub riecht ganz anders als anderes Herbstlaub und bringt Kindheitserinnerungen zurück, jetzt warte ich auf das Laub der Platanen, um meine Erinnerung zu verifizieren, dass es fast geruchlos ist.)

Diese Wahrnehmungen bereichern und beglücken mich sehr.
Setze ich das also mal auf die Liste von Sachen, die mir wirklich große Freude bereiten. (Für wegen berufliche Neuausrichtung, haha.)

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Für die Beilage zur sonntäglichen Kirchweihgans (Sieglinde vom Herrmannsdorfer, eine Kusine von Erna) schon mal mariniertes Blaukraut gekocht. So köstlich wie das roch, braucht’s die Gans schier nicht.

Auszeitjournal Dienstag, 16. Oktober 2012 – Herbstleuchten

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Wunderschöner Morgenlauf an der Isar, Wittelsbacherbrücke isaraufwärts über Flaucher, gegenüber Tierpark weiter bis Großhesseloher Brücke, Floßlände und Flaucher zurück.

Goldenes Sonnenlicht auf zu einem Drittel bunten Laubbäumen.
Quietschbuntes Laub vor meinen Füßen.
Glitzerflecken tanzen hüftschwingend durch Buchenblätter auf den Boden.
Unter den Flaucherstegen wirbeln weiß schäumende Isarfluten durch Wehre.
Zwei Hand voll Sahnetupfen auf den Kiesbänken – die Schwäne sind noch verschlafen.
Weite Blicke auf FLuss und Auen, zwischen Baumwipfeln ein Zwiebelturm als folkloristische Note.
Lachender Austausch von Grüßen mit den beiden einzigen Läuferinnen, denen ich auf dem Rückweg zwischen Großhesseloher Brücke und Thalkirchen begegne.
Nasse, dunkle Pappelblätter imitieren auf dem Weg vor mir Bierglasscherben.
Postkartenmotiv Hinterbrühler See mit Holzhütte und Blesshuhn.
Der Lauf ein einziges anderthalbstündiges HACH!
(Nein, ich hatte keinen Fotoapparat dabei. Machte mir fast nichts aus.)

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Herbst

Wenn du und das Laub wird älter,
und du merkst, die Luft wird kälter,
und du fiehlst, daß du bald sterbst,
dann is Herbst.

(Dieter Hildebrandt, aus “Schlesischer Jahreszeiten-Zyklus”)
zitiert nach boschblog

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Nachmittag mit Freundin über Tee, Apple Crumble und Schweizer Apfelchampagner (hmnajaehernicht).

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Abend in meiner Leserunde zu Oya Baydar, Monika Demirel (Übers.), Verlorene Worte: Ich fand den Roman völlig überladen, und noch ein Thema (Kurden, Ehe, writer’s block, elterliche Anforderung an Kinder, Liebe, Kurden, Landschaft, Militär, Kurden, Liebe, Landschaft, Tierversuche, Kommunismus, Kurden, Liebe, Frauenrechte…) und noch ein Klischee und noch ein Anliegen und eine weitere Wiederholung einer Beobachtung (die Berge! die Berge!). Nach der Passage, in der ein junges Mädchen durch eine Massenvergewaltigung merkt, dass Sex ihr Spaß macht (weil der letzte Vergewaltiger nett zu ihr ist), hatte ich dann doch eine längere Lesepause gebraucht.
Anderen aber gefiel die poetischen Beschreibungen von Landschaft und Atmosphäre.