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Journal Montag, 14. August 2017 – Urlaubstag mit Wandervorbereitung

Dienstag, 15. August 2017

Freier Brückentag oder wie es bei mir in der Arbeit heißt: „Betriebskalender.“ (Andererseits…)

Plan war ein Urlaubstag mit Herrn Kaltmamsell: Aushäusig frühstücken, noch ein wenig Wanderausstattung kaufen, rumsandeln, Wanderurlaub vorbereiten. Dafür wurde uns ein herrlicher Sommertag präsentiert.

Zum Frühstücken spazierten wir ins Maria, von dessen nah-östlich beeinflussten Frühstücken ich gelesen hatte.

Das orientalisch gewürzte Rührei mit Schafskäse, der Humus, das Tabuleh, die Oliven und der Aprikosenfrischkäse schmeckten ganz hervorragend.

Zu Fuß mischten wir uns dann unter die vielen, vielen Münchenbesucher und gingen zur Münchner Freiheit: Gärtnerplatz, Viktualienmarkt, über die Maximilianstraße zum Hofgarten, durch den Englischen Garten bis zur Höhe Nikolaiplatz.

Ich habe jetzt eine kurze Wanderhose. In beige. (Meine Entschuldigung: Sommerware war schon weg, das war das einzige verbliebene Modell  in dem einen Geschäft, in das ich ging. Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich wegen einer kurzen Wanderhose in mehr als einen Laden gehe, der auf Wanderkleidung spezialisiert ist?)

Für den Kauf einer Trinkflasche zum Umhängen nahmen wir die U-Bahn zum Isartor. Mein Ziel war ja so eine Flasche wie aus dem Western gewesen: Eine hohle Scheibe aus Alu, vorn und hinten Filz – Sie wissen doch, was ich meine! Gibt’s aber nicht. Zumindest fanden wir eine leichte Flasche zum Umhängen; ich möchte nicht für jeden Schluck den Rucksack abnehmen oder meinen Begleiter um Anreichen bitten müssen, gleichzeitig will ich die Hände frei haben.

Ausruhen mit einer Rhabarberschorle (als Schorle mag ich den Geschmack) auf dem Kulturstrand beim Deutschen Museum. Nach Hause spazierten wir wieder.

Auf dem Balkon arbeitete ich endlich die Unterlagen des Wanderurlauborganisators durch. Ja, die Tagestouren zwischen 19 und 29 Kilometern Länge an der Costa de la Muerte lassen sich machen, die Informationen sind sehr ausführlich. (Um den letztjährigen Wanderurlaub durch die Cotswolds hatte sich ja Herr Kaltmamsell gekümmert, An- und Abreise sowie jede Etappe sorgsamst vorbereitet – ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich dieses Jahr so liederlich bin.) Wanderstöcke werden in den Unterlagen nachdrücklich empfohlen, es kann wohl steil werden. Aber damit habe ich keine Übung, und die hole ich mir nicht auf einer einwöchigen Fernwanderung.

§

Zadie Smiths Roman Swing Time, mittlerweile nominiert für den Booker Prize, ist jetzt auch in deutscher Übersetzung (von Tanja Handels) herausgekommen. In diesem Post ganz unten habe ich ihn empfohlen.

Für die FAZ hat sich Anne Ameri-Siemens mit der Autorin unterhalten:
„‚Wir waren blind und naiv'“.

Journal Sonntag, 13. August 2017 – Ausflug in die Sommerfrische

Montag, 14. August 2017

Gestern kehrte der Sommer zurück – das passte ausgezeichnet, weil ein Ausflug mit meiner Leserunde in die Sommerfrische an den Chiemsee geplant war.

Zunächst aber verbloggte ich ausführlich den Vortag, dann machte ich mich lauffertig. Vor zehn war der Englische Garten noch ganz wunderbar leer, ich freute mich an den riesigen Polizeipferden, die gerade Streife schritten.

Die Isar stand hoch, überschwemmte aber nicht.

Als ich anderthalb Stunden später wieder durch den englischen Garten und den Hofgarten kam, waren beide dicht bevölkert. Ich musste Slalom laufen, und der gesamte Quadratkilometer Fläche unterm Monopteros war von Musik bewummert – beim Haus der Kunst abgelöst von Akkordeonspielern und Fahrradrikscha-Musikanlagen. Ich verstehe den Eindruck, dass München zu voll wird.

Zum Frühstück aß ich restliche Nudeln mit Lachs vom Vortag, dann machte ich mich mit Herrn Kaltmamsell zum Bahnhof auf. Mit zwei Mitlesenden fuhren wir an den Chiemsee (ein wenig Gehackel mit Reisenden, die auch in vollen Zügen allein mit einem Koffer einen Vierersitz belegen, und die ich mit „Kann ich Ihnen helfen, den Koffer ins Gepäckfach zu heben?“ zur Freigabe brachte – zum Teil). Dort Kaffeeundkuchen bei weiteren Mitlesenden, kurzes Gespräch über Margaret Atwoods The Heart Goes Last: Wir waren uns einig, dass der Roman richtig schlecht war – planlose Handlung, platte und uninteressante Charaktere, unbeholfene Sprache, dilettantische Brüche in der Erzählstimme. Eine Mitleserin äußerte den Verdacht, dass Atwood den Roman in einem Schreibkurs von acht Kursteilnehmenden nacheinander hatte schreiben lassen und jeder für seinen und ihren Teil immer nur die letzte Seite des Vorschreibenden gesehen hatte.

Viel schöner war der anschließende Ausflug auf die Ratzinger Höhe (wir hatten zwei Autos zur Verfügung, so ging das).

In der Abenddämmerung Heimfahrt im völlig überfüllten Zug aus Salzburg.
In Münchens Mitte herrschte milde Sommernacht.

Journal Samstag, 12. August 2017 – #12von12 Sugoeinkochen 2017

Sonntag, 13. August 2017

Ein freier Tag, ich kann mal wieder an #12von12 teilnehmen.

Das Hereinholen der Wochenendzeitung brachte mich gleich mal zum Augenrollen: „Ob beim Staatsbesuch oder bei den Affen im Zoo: Oft verraten Gesten, worum es wirklich geht.“ Das seriöseste Thema in der Kommunikationswissenschaft gleich nach Phrenologie und Horoskopen.

Nach über einer Woche Schmerz-bedingter Sportpause fing ich wieder vorsichtig an: Heimischer Crosstrainer mit Musik auf den Ohren – das Smartphone mangels Halterung am Körper in einer Tasche. Im Sport-BH hält das Telefon als Musikträger zwar, wird aber an mir Superschwitzerin zu feucht.

Ausblick bei 80 Minuten Strampeln. Die Kastanien sind bereits durch die Miniermotten verherbstelt.

Fahrradfahren traue ich mich hingegen noch nicht, das Hochgucken überm Lenker belastet den Wirbel mit beengtem Nerv zu sehr. Zum diesjährigen Sugo-Einkochen mit dem Kartoffelkombinat nahmen Herr Kaltmamsell und ich die U-Bahn (wegen Umbaus sind die Bilder im Bahnhof schon von der Wand genommen). Unser Ziel war eine Kantinenküche in Obersendling.

Mit diesem wundervollen, frisch geernteten Gemüse aus unserer eigenen Gärtnerei ging es los.

Ein Trupp Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftler schnippelte das Gemüse, das zum Teil (Auberginen, Zucchini) gleich vorgeröstet wurde.

Selbst war ich nach zwei Jahren Schnippeleinsatz diesmal in der Küche beim Kochen und Abfüllen eingeteilt. Gestern stand das Basissugo auf dem Plan, am Sonntag sollten aus dem auch gestern schon geschnippelten und vorgeröstetem Gemüse auch Varianten werden.

Die Tomaten wurden erst mal im Riesenkessel eingekocht, dann gewürzt. Umfüllen in Töpfe auf dem Herd, nochmal aufkochen, abfüllen. Von vorne.

Mir fiel auf, wie sehr wir alle als Kinder der Industrialisierung (na gut: als Ururururenkelinnen) auf Effizienz und Optimieren von Arbeitsabläufen geeicht sind. Jede und jeder hat das Bedürfnis, die Zeit und die Ressourcen zu nutzen, möglichst viel aus Mensch und Material herauszuholen. Ich nehme an, dass es vor… sagen wir 400 Jahren in einer Werkstatt noch anders zuging, dass mit anderen Zielen und Idealen gearbeitet wurde.

Fertig abgefüllter Sugo. Gläser und Deckel hatten vorher eine Station in der Spülmaschine nebenan durchlaufen, wir füllten möglichst heiß ab (ich zog mir zu meiner Überraschung am linken Daumen eine Brandblase von den heißen Gläsern zu, auf die ich eine Zeit lang Deckel schraubte – trotz Handschuhen).

Um 18 Uhr löste uns die Nachtschicht ab.

Wir kamen sehr hungrig nach Hause, deshalb plante Herr Kaltmamsell um und verschob die eigentlich vorgesehenen Bratkartoffeln, kochte die schneller servierbaren Nudeln mit Chinakohl (aus Ernteanteil) und Räucherlachs.

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Wer die gestrige Einkochaktion in Bewegung sehen will: Vorstand Daniel hat mit Chefkoch Felix ein Filmchen davon gedreht (spot the Kaltmamsell!).

Bild: Herr Kaltmamsell

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Wie wenig über Polen als Einwanderer nach Deutschland gesprochen wird (nach Türken die zweitgrößte Gruppe), merkt man erst jetzt, wo es doch jemand tut. Emilia Smechowski hat Wir Strebermigranten veröffentlicht und damit bei vielen eingewanderten Polinnen und Polen etwas ausgelöst.

Alexandra Tobor, die vor fünf Jahren etwas Ähnliches, bloß ganz Anderes mit ihrem Roman Sitzen vier Polen im Auto gemacht hat, denkt darüber nach, was die Unsichtbarkeit von Polen als Einwanderer in Deutschland auslöst:
„Made in Poland“.

(Auch mir ist aufgefallen, dass die spanische Seite meiner Herkunft in meiner Umgebung immer sehr viele Assoziationen auslöst, die polnische allerdings fast immer unkommentiert bleibt.)

Journal Montag, 31. Juli 2017 – A. L. Kennedy, Paradise

Dienstag, 1. August 2017

Nachts um zwei aufgewacht. Irgendwann war klar: Ich würde nicht wieder einschlafen. Also schlüpfte ich in meinen Bademantel und setzte mich mit A. L. Kennedys Paradise ins Wohnzimmer. 30 Seiten vor Ende des Buchs war ich immer noch nicht sehr müde; dann war’s eh schon wurscht, ich las das Buch aus.

A.L. Kennedy schätze ich, seit ich über ein Granta Best of Young British Novelists auf eine Kurzgeschichte von ihr stieß. Bislang scheiterte ich nur an einem ihrer Romane: In Day von 2007 kam ich nicht über die ersten Seiten hinaus, weil ich überhaupt nichts mit dem inneren Monolog dieses Soldaten im zweiten Weltkrieg anfangen konnte.

Paradise erschien 2004; der Klappentext verheißt eine launige Frauengeschichte.

Hannah Luckraft knows the taste of paradise. It’s hidden in the peace of open country, it’s sweet on her lover’s skin, it flavours every drink she’s ever taken, but it never seems to stay.

Almost forty and with nothing to show for it, even Hannah is starting to notice that her lifestyle is not entirely sustainable: her subconscious is turning against her and it may be that her soul is a little unwell. Her family is wounded, her friends are frankly odd, her body is not as reliable as it once was. Robert, an equally dissolute dentist, appears to offer a love she can understand, but he may only be one more symptom of the problem she must cure.

From the North East of Scotland to Dublin, from London to Montreal, to Budapest and onwards, Hannah travels beyond her limits, beyond herself, in search of the ultimate altered state – the one where she can be happy, her paradise.

Tatsächlich könnte der Roman nicht weiter von dieser Zusammenfassung entfernt sein (mal wieder Verdacht, dass die Klappentextschreiberin das Buch nicht gelesen hat – andererseits ist die Gattung „Klappentext“ sehr wahrscheinlich in der Marketingabteilung angesiedelt und nicht im Lektorat eines Verlags; soll also einen bestimmten Markt ansprechen, nicht etwa das Buch charakterisieren).

Wir haben eine Ich-Erzählerin, deren Name sich eher später als Hannah herausstellt. Der Einstieg der Geschichte wirft uns in genau die Konfusion, in der sich die Hauptfigur wiederfindet: Sie steht vor dem Frühstücksbuffet eines Hotels, wegen des Filmrisses einer vorhergehenden Volltrunkenheit weiß sie nicht, in welcher Stadt sie ist, wie sie hierher gekommen ist und wer der Familienvater neben ihr ist, mit dem sie möglicherweise die Nacht verbracht hat. Nichts daran ist komisch, auch wenn Hannah die Situation verhältnismäßig gelassen nimmt – wir lernen schnell, dass sie diese Alkohol-induzierten Filmrisse gewohnt ist.

Im Folgenden blicken wir ein wenig in ihre jüngere Vergangenheit zurück, lernen ihren Liebhaber Robert kennen, Zahnarzt und alkoholabhängig wie sie, Hannahs unerquickliche berufliche Situation, ihren Alltag. Sie ist sich immer wieder der Groteske und Absurdität ihrer Situation bewusst – und versucht doch im nächsten Atemzug wieder, sich in die eigene Tasche zu lügen (Aussetzer hat doch jeder mal, nicht wahr?).

Hannahs Betrachtung ihrer Trunksucht hat durchaus Charme. Mit ihrem Liebhaber systematisiert sie die verschiedenen Formen von Betrunkenheit, je nach auslösendem Getränk und Tagesform. Oder sie beschreibt typisches Säuferverhalten, z.B. the drinker’s smile. Ihr ist auch bewusst, dass ihre Art zu trinken (im Pub, in Gesellschaft) zutiefst unweiblich ist:

This is how a man drinks and, therefore, inappropriate for me. I should have been at home behind my curtains with the methylated gin.

Es folgen interessante und schmerzlich scharf beobachtete Details des typisch weiblichen Trinkens.

A. L. Kennedy konstatiert in diesem Roman, ohne zu urteilen oder zu psychologisieren. Es wird kein äußerer Anlass für Hannahs Alkoholismus seit Jugendtagen angeführt. Im Gegenteil: Immer wieder erzählt sie von ihrem liebevollen Elternhaus, von ihrem wundervollen Bruder, der ihr bis in die Gegenwart die Stange hält. Es gibt keine dunklen Geheimnisse, die sich im Lauf der Geschichte herausstellen könnten – die dunkle Seite der Familie ist Hannahs Trinksucht. Sie denkt durchaus darüber nach, dass sie halt nicht so war, wie sie sein sollte – doch das wird keineswegs als Ursache für ihren Alkoholismus angeführt; eher bringt ihr Trinken sie dazu, dass sie sich unpassend benimmt.

Gleichzeitig ist Hannah bewusst, welche Zerstörung ihre Krankheit in ihrer Familie anrichtet – sie weiß, dass das Leben ihrer Eltern und das der Familie ihres Bruders davon dominiert ist. Und sie hat ein brüllend schlechtes Gewissen deshalb. Die Tragik der Geschichte liegt darin, dass diese Erkenntnis zu keiner Veränderung führt. Immer wieder sieht Hannah ganz klar, was sie sich und anderen antut. Um gleich wieder ihre Ausfälle klein zu reden.

Das Ende der Geschichte ist offen, Hannahs Phantasien (oder Delirium) sind nicht mehr unterscheidbar von der realen Handlung. Aber es sieht nicht gut aus.

In meinem derzeitigen Tief nahm mich das beschriebene Gefangensein besonders mit. (Was ja auch bedeutet, dass ich noch in der Schmerzphase der großen Schwärze bin, vor der totalen Taubheit.) Auch wenn die Lektüre fast eine Qual war, geht von der Meisterschaft des Romans ein Sog aus; ich bin nicht die einzige, die Elfriede Jelineks Klavierspielerin assoziiert.

Mir fällt es schwer, ihn zu empfehlen: Seien Sie sich darüber im Klaren, was Sie sich damit antun. Wenn Sie noch nichts von Kennedy gelesen haben, fangen Sie besser mit Everything you need an.

Interessant fand ich die seinerzeitige Rezension im Guardian:
„Life seen through a glass darkly“.

Like all drinkers, Hannah is a collage of contradictions. She is often self-loathing, but also self-justifying; self-knowing and self-deceiving; she is both loving and energetically selfish, remorseful at the pain she causes her tirelessly patient parents, yet unwilling to change.

Ein schöner Überblick über A. L. Kennedys Werk in der London Review of Books (Vorsicht: mit Spoilern über Paradise):
„Intimate Strangers“.

I’ve never been entirely persuaded by the notion that severe psychic pain is worse than the physical kind, that souls can be hurt worse than soles (they’re not easy to compare, for a start), but you have to allow it to Kennedy, not least because she describes the physical kind so unpleasantly well.

Und für die Freundinnen des biografischen Interpretationsansatzes: Ein Autorinnenporträt aus dem Veröffentlichungsjahr von Paradise:
„A writer’s life: AL Kennedy“.

§

Wohl wegen des wenigen Schlafs ging’s mit körperlich gar nicht gut. Ich hätte mich wahrscheinlich krank gemeldet, wäre es nicht Montag und damit Putzmanntag gewesen. Also schleppte ich mich in die Arbeit, bis in die Knochen erschöpft, und hangelte mich von halber Stunde zu halber Stunde. (Möglicherweise kämpft mein System gerade mit einem grippalen Infekt, der in meiner Umgebung umgeht, ohne dass er ausbricht.) Wie ich es erwartet hatte, ging es mir ab frühem Nachmittag besser, ich konnte endlich systematisch Dinge abarbeiten.

Auf dem Heimweg setzte mir allerdings die schwüle Hitze zu, zum Glück war die Wohnung kühl. Herr Kaltmamsell kochte uns zum Nachtmahl aus dem Brathähnchensaft des Vortags und Ernteanteil-Mangold ein Risotto.

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Morgens wieder Mauersegler gesehen.

Sam Shepard ist gestorben. Als Homo Faber hat er für mich Rollkragenpullis zu einem erotischen Kleidungsstück gemacht.

Journal Sonntag, 30. Juli 2017 – Lesen drinnen und draußen

Montag, 31. Juli 2017

Der Morgen war bedeckt und kühl. Eigentlich hatte ich eine Schwimmrunde geplant, doch ich war schon vor neun mit Kaffeetrinken und Bloggen fertig und wollte nicht bis zehn Uhr warten. Also radelte ich zum Friedensengel, um an der Isar entlang zu laufen.

Ich sah die Spuren des Hochwassers in der vergangenen Woche, jetzt führte die Isar zwar viel Wasser, aber schön innerhalb ihrer Ufer. Am Ende meiner Runde war die Sonne da, und schlagartig wurde es heiß.

Nach dem mittäglichen Frühstück hatte ich erfreulicherweise die Bettschwere für eine Siesta.
Anschließend Zeitunglesen auf dem Balkon, Buchlesen dann doch lieber im kühleren Drinnen (Paradise von A.L. Kennedy ist heftig. Die Geschichte einer Trinkerin aus ihrer Perspektive – in Kombination mit Kennedys erzählerischer Meisterschaft nicht gerade ein Stimmungsaufheller; die Kurzrezensionen auf dem Umschlag erwähnen fast durchgängig, das Buch sei lustig, doch ich konnte über Alkoholismus noch nie lachen).

Bügeln zu Musik (Songs for Drella – ein Interview mit John Cale hatte mich daran erinnert) aus echten Boxen, da Herr Kaltmamsell technische Dinge mit dem heimischen WLAN gemacht hat, die nun wahrscheinlich endlich unterbrechungsfreies Anhören der Musik von meinem Laptop ermöglichen.

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Eigentlich ist es ja im schwarzen Schlick nur derselbe Mechanismus wie beim Sporteln, wenn ich mich nicht ganz fit fühle, dieses Ausprobieren:
Geht das noch?
Schaffe ich dies noch?

So auch im schwarzen Schlick:
Funktioniere ich trotzdem in der Arbeit?
Schaffe ich die Verabredung?

Weil mir keine Alternative einfällt.

In den schlimmsten Momenten sehne ich mich danach, in das künstliche Koma versetzte zu werden, mit dem der Körper in physischen Ausnahmesituationen vor sich selbst geschützt wird: Könnte man das nicht auch bei Überforderung des Gemüts einsetzen?

§

„People have had enough of experts“ 1:
„Ein Schweizer Dorf stimmte zweimal gegen Hochwasserschutz und wurde jetzt überschwemmt“.

§

„People have had enough of experts“ 2:
„As a British EU negotiator, I can tell you that Brexit is going to be far worse than anyone could have guessed“.

The Government keeps saying it ‘didn’t realise’ the problems, but they had the experts at Whitehall – they just refused to listen to them. Now we’re facing a breakdown in airline safety, medicine, animal welfare, security, international aid and so much more

(Das ist halt der riesige Unterschied zu: „Im Nachhinein gibt es immer Leute, die es vorher kommen gesehen haben.“)

Journal Dienstag, 18. Juli 2017 – Sichtbarkeit oder sexuelle Attraktivität alternder Frauen

Mittwoch, 19. Juli 2017

Wunderbare Morgendüfte. Dennoch ein Tag, an dem mir keine angenehme Erinnerung einfallen wollte. Sogar meine Happy Places, an die ich zum Einschlafen gehe, schnitten mir verächtliche Fratzen.

Zum Frühsport wieder das neue Langhanteltraining, diesmal mit erhöhten Gewichten – immer noch nicht genug, der entsprechende Muskel war nicht ermüdet. Vielleicht schummle ich ja bei den Übungen ohne es zu merken und müsste eigentlich nur sauberer arbeiten.

Auf dem Heimweg von der Arbeit Obsteinkauf für den freien Mittwoch (ich nahm mir frei, um endlich mal wieder im Kartoffelkombinat mithelfen zu können). Herr Kaltmamsell war aushäusig und hatte mir zum Nachtmahl köstlichen Graupensalat mit gebratenen Auberginenwürfeln, Tomaten und Feta hinterlassen, an dem ich mich mit Ansage überfraß.

Margaret Atwoods The Heart Goes Last ausgelesen – oyoyoy, am besten schnell wieder vergessen (Details nach Leserunde, vorab: Lesen Sie besser ein anderes von ihr).

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Mein Internet diskutiert den Wunsch von alternden Frauen nach Sichtbarkeit, angestoßen durch diese Meinungsäußerung von Diana Weis im Zeit Magazin:
„Botox
Eine glatte Lüge“.

Hier zum Beispiel Journelles Antwort:
„Sichtbarkeit einfordern“.

Wie so oft bei diesem Thema stolpere ich über die Prämisse: Ich warte nämlich seit 20 Jahren vergeblich darauf, dass mich endlich die Unsichtbarkeit umfängt, die sich Frauen angeblich beim Altern zuziehen.

Mit Mitte Dreißig stehen Frauen im Zenit ihrer sexuellen Anziehungskraft. Ein paar Jahre später interessiert sich keiner mehr dafür, ob sie auf einer Party den Raum durchschreiten oder nicht.

Und zwar warte ich auf genau diese Unsichtbarkeit angeblicher sexueller Anziehungskraft. Offensichtlich geht die Welt davon aus, dass sich jede, jede Frau danach sehnt. Das Streben danach wird als Motivation für praktisch alles vorausgesetzt, was Frauen tun. Das ist die Prämisse, mit der ich als heterosexuelle Frau seit meiner Pubertät hadere.

Sie fragen sich: Wo bleibt das Natürliche, das Allgemein-Menschliche? Die Würde des Alters, die Wertschätzung eines gelebten Lebens? Nun, das sind edle Gedanken, nur helfen sie wenig, wenn man an einer überfüllten Theke einen Drink bestellen möchte. Ein straffes Gesicht sichert Aufmerksamkeit. Altersanzeichen wirken bei Frauen wie eine unfreiwillig getragene Tarnkappe.

Ja wenn’s doch so wäre! Ich weiß um die Gefahr, eigenes Erleben als repräsentativ anzusehen – aber zum einen tut die Autorin des Artikels offensichtlich genau das, zum anderen halte ich mich nun wirklich für durchschnittlich genug, dass meine Erfahrungen nicht einzigartig sein können. Auch mit 50 bekomme ich an einer überfüllten Theke meinen Drink ebenso wie mit 25 – und zwar nicht, weil ich dem Herrn dahinter meinen inzwischen faltigen Ausschnitt über seine vorgeschnittenen Zitronen halte, sondern weil ich aufmerksam, höflich und freundlich bin – genauso wie mit 25. Sehr wahrscheinlich aber frequentiere ich ganz andere Etablissements als die Autorin.

Mich hat bereits als junges Mädchen gestört, dass ich keinen schön schwingenden Rock tragen konnte, ohne dass er als Haschen nach männlicher Aufmerksamkeit angesehen wurde. Schon damals hatten für mich Unbefangenheit und Umgang mit einem interessanten Menschen höhere Priorität als ein mögliches Techtelmechtel, zog ich kein Selbstwertgefühl aus sexueller Bewunderung – im Gegenteil: Wenn ich sie überhaupt bemerkte, machte sie mich befangen und unsicher.
(Ein Ergebnis war regelmäßig, dass mir auf geselligen Veranstaltungen der interessante Gesprächspartner abhanden kam, weil er das Angeflirtetwerden einer anderen Frau spannenden Diskussion vorzog, selbst wenn sie sich um spanische Philosophen des Siglo de Oro drehten oder um die Zukunft der europäischen Landwirtschaft – völlig unverständlich. Vielleicht war schon immer mein Problem, dass mich potenzieller Sex mit den Herren weniger interessierte als die Mehrheit der Frauen?)

Dass all mein Tun in erster Linie als Werben ums Attraktivsein für Männer interpretiert wurde, schränkte mich ein. Ich war ausgesprochen genervt,

  • dass ich den klugen Kommilitonen im Seminar nicht einfach ansprechen konnte und um eine Fortsetzung der Diskussion über einem Bier bitten.
  • dass ich den witzigen Arbeitskollegen nicht zum Essen einladen konnte.
  • dass ich den jungen verwurschtelten Bedienerich mit schönem Hund nicht von Herzen anlächeln konnte.
  • dass ich den jungen Mitschwimmer mit langem Bart nicht ausfragen konnte.
  • dass ich männliche Praktikanten nicht so intensiv betüdeln konnte, wie ich es gerne hätte.

Weil ich eine Fehlinterpretation fürchten musste. Und wenn ich sowas dann doch tue, in der Hoffnung, außerhalb des Attraktivitätsheischsystems zu stehen, merke ich leider bis heute an der Art der verlegenen Reaktion, dass meine Geste weiterhin in erster Linie aus der Balzperspektive wahrgenommen wird.

Was sicher stimmt: An Männer und Frauen werden verschiedene Maßstäbe zur Einordnung ihres Werts angelegt, das ist ein wirkliches strukturelles Problem. Doch vieles weist darauf hin, dass die Autorin eher ein psychologisches hat.

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war?

Das ist die wirkliche Frage? Wer dem zustimmt, der kann ich nur empfehlen, tatsächlich Botox anzuwenden und was die chemische Industrie sonst noch so ausspuckt, um sich ein wenig Frieden mit sich selbst zu erkaufen.

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Wissen’S, ich hab doch gar nichts gegen den Newsletter an sich. Als zum Beispiel @SammyKuffour twitterte, Gerhard Polt habe jetzt eine richtige offizielle Website – da haben Sie gar nicht so schnell schaun können, wie ich den Newsletter abonniert habe.

(Nebeneffekte der Polt-Sozialisation von Kindesbeinen an: Beim Datenbankpflegen keinen Herrn Gschwendner eingeben können, ohne Gisela Schneeberger mit „Herr, äh, Geschwendner“ im Ohr zu haben.)

Journal Donnerstag, 6. Juli 2017 – Thomas Pynchon, The crying of lot 49

Freitag, 7. Juli 2017

Da ich am Vorabend geduscht hatte und nachts nicht geschwitzt, ging die Morgentoilette schnell und ich hatte Lust auf mein sommerlichstes Sommerparfum: Life von Esprit. Nur um festzustellen, dass der Flacon nun endgültig leer war (kann es sein, dass ich das Sprühfläschchen vor 15 Jahren gekauft habe?). Ein kurzer Check im Web spuckte nicht nur die Info aus, dass es den Duft noch zu kaufen gibt (was bei meinem anderen Frühling/Sommer-Liebling MCM Blue Paradise leider nicht so ist), sondern auch, dass ein Shop ein kleines Fläschchen plus Duschgel und Body Lotion im Sonderangebot führt. Zusammen endete das in einem meiner sehr seltenen Spontankäufe.

Beim Gang über die Theresienwiese sah ich den Beginn weiterer Zeltaufbauten fürs Oktoberfest. Allerdings verlief die Absperrung (vorerst?) nur um die einzelnen Zeltbaustellen, nicht um die gesamte Theresienwiese – könnte das der Erfolg der Intervention unseres Bezirksausschusses sein?

Aus dem Augenwinkel bekam ich den Start der Lesungen zum Bachmannpreis mit und wurde von großem Klagenfurtweh erfasst. Nachdem ich bereits in den vergangenen Wochen mehrfach dachte, dass ich doch mal wieder hin müsste (u.a. weil ich nirgendwo sonst direkten Kontakt mit zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur habe), machte ich es jetzt auf Twitter mit ein paar früheren Klagenfurt-Schlachtenbummlern fix: 2018 bin ich wieder vor Ort.

Mittags verließ ich das Bürohaus kurz für einen Einkauf: Ich lief in eine Bombenhitze, die das Draußen sehr unattraktiv machte.

Nachtrag: Foto vom gestrigen Heimweg, morgens beim Bloggen in der Hektik vergessen.

Abends traf sich die Leserunde bei uns, wir sprachen über Thomas Pynchon, The crying of lot 49. Ich war neben Herrn Kaltmamsell die einzige, die den schmalen Roman von 1965 zu Ende gelesen hatte, fand ihn sehr befremdend mit seinem Surrealismus, seiner ungeheuren Faktendichte und dann doch ohne eigentliche Geschichte. Die Sorte Buch, die ich keinesfalls als schlecht bezeichnen würde, die mir einfach nur nicht liegt. Herr Kaltmamsell hatte es in den vergangenen Wochen bereits angedeutet: Er hatte sehr viele Querbezüge zu seiner eigenen eher nicht-kanonischen Lesevergangenheit gefunden und präsentierte der Runde ausgiebig Hintergrund und Material – unter anderem findet derzeit in Shoreham bei Brighton ein Alternate Reality Game (ARG) in der Welt des Romans statt.

§

Wenn es um medizinische Hilfe auf globaler Ebene geht, liest man eigentlich nur über den Kampf gegen Infektionskrankheiten. Die Süddeutsche porträtiert eine junge Ärztin und Forscherin, die sich von der Sicherstellung einer Versorgung mit Operationen mehr verspricht:
„Eine Frau für 143 Millionen Operationen“.