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Journal Donnerstag, 11. September 2014 -
eine starke Familie

Freitag, 12. September 2014

Dienstags und donnerstags öffnet das Sportstudio, dessen Mitglied bin, schon um 7 Uhr. Gestern nutzte ich das für eine Runde Gewichtheben, da ich ja mein wöchentliches Krafttraining am Dienstagmorgen ausgelassen hatte, zudem meinen Muskeln mal eine andere Art Heben zumuten wollte, damit sie sich nicht an die ständig gleichen Übungen gewöhnen. Behaupte ich jetzt mal, weil es sich unglaublich vernünftig liest.

In Wirklichkeit brauchte ich einen Tagebuchanlass, um Ihnen dieses hinreißende Foto zu zeigen (allein schon der zeittypische Fotorand!):

Langhantel_Madrid_1

Papa Kaltmamsell als 17- oder 18-jähriger in einem Madrider patio. Die Langhantel hat offensichtlich Tradition in unserer Familie.
(Wir Geübten freuen uns genug über diese historische Aufnahme um darüber hinwegzusehen, dass der Bursche ebenso offensichtlich keine Ahnung hatte, wie man mit Langhanteln trainiert.)

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Den ganzen Tag allein im Büro gesessen, da drei Kolleginnen von zuhause aus arbeiteten und Chef im Urlaub ist.

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Abends Leserunde bei Mitbewohner und mir zu The Goldfinch von Donna Tartt. Niemand von uns sieben war richtig begeistert, zwei hatten die Lektüre nach gut hundert Seiten abgebrochen. Ich hatte es gern gelesen, war nur über die erzähltechnischen Volten der letzten 15 Prozent (E-Buch) so bestürzt, dass sie mir rückblickend alles vergällten. Detailliertere Besprechung liegt in Stichpunkten in meinem Entwürfe-Ordner. (Hm – und wenn ich einfach die Stichpunkte poste?)

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Noch jemand, die ich mir in allem ansehe: Emma Thompson. Meinetwegen auch beim Retten der Arktis.
“Emma Thompson in the Arctic with Greenpeace: ‘There are more good-looking men on this boat than any place I have ever been'”

Zu diesem Einsatz gehörte, dass Emma Thompson für Greenpeace ein wenig twitterte – die Gemmen darunter werden im Filmchen eingeblendet.

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Antje Schrupp hat einen Vortrag gehalten:
“Wer darf was wann (nicht) sagen? Political Correctness und Meinungsfreiheit”.

Was in einer jeweiligen Gesellschaft gesagt werden kann und was nicht, ist immer das Ergebnis eines historischen Aushandlungsprozesses. Es hat nichts mit Beweisbarkeit oder absoluter, objektiver Wahrheit zu tun, sondern es ist ein Kulturprodukt, eine Übereinkunft.

Deskriptiv (wie funktioniert das warum in der Gesellschaft?) sind ihre Ausführungen, keineswegs präskriptiv (so sollte das funktionieren) – und gerade deshalb erhellend. Da Antje Schrupp zu Redenschreibern sprach, macht sie sich aber auch Gedanken, was ihre Beobachtungen für das Redenschreiben bedeuten.

Journal Sonntag, 24. August 2014 – neues Brot und später Lauf

Montag, 25. August 2014

Ausschlafen dauerte bis deutlich nach sieben, untermalt von Regenrauschen.
Ich hatte am Vortag Vorteig für das Dunkle Bauernbrot (no knead) von Lutz angesetzt, jetzt ging’s an die nächsten Schritte. Das Anstellgut war schon recht alt gewesen, entsprechend wenig hatte sich in den 20 Stunden Vorteiggehen getan. Ich plante, im Gesamtteig mit ein wenig Hefe nachzuhelfen – doch im Kühlschrank war keine. Musste ich mich also auf die Triebkraft des Sauerteigs verlassen.

Zu meiner Erleichterung ging der Laib im Ofen auf.

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Wie sich beim Anschneiden allerdings herausstellte, sehr ungleichmäßig.

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Geschmeckt hat das Brot ausgezeichnet. Das nächste Mal also mit aufgefrischtem Anstellgut und Maschinenkneten.

Am Samstag hatte der Mitbewohner einen kleinen Laib Bauernbrot von einem durchaus guten Münchner Bäcker mitgebracht (Münchner Freiheit) – eine Enttäuschung. Ich fürchte, bei Roggenbroten ist mir mittlerweile das selbst gebackene das liebste. Weizensauerteigbrot vom guten Bäcker schätze ich aber. Noch.

Nebenher bloggte ich für die Freistilstaffel, die Vorspeisenplatte und das Techniktagebuch, las Internet.

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Das Brotbacken hatte so lange gedauert, dass ich erst um eins rauskam zu meinem Isarlauf. Der Regen hatte sich im Lauf des Vormittags beruhigt und Platz gemacht für blauen Himmel mit ordentlich Wind, der immer wieder andere Wolkenformen übers Firmament trieb. Die Luft war frisch und sauber, noch riecht es trotz der niedrigen Temperaturen nicht wirklich nach Herbst. Und das Licht ist ganz eindeutig augustern.

Ich radelte zum Friedensengel und ließ mein Fahrrad dort stehen, lief auf der Westseite bis Unterföhring, auf der Ostseite zurück – leichtfüßig und problemlos.

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Nach Duschen und Essen (frisches Brot mit Butter, Mango-Banane-Feigen-Salat, Chocolate Chip Cookies) las ich eine spannende Hausarbeit über die Abtei Frauenchiemsee Korrektur – wissen Sie, ich lasse ja studieren.

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Abends testkochte der Mitbewohner ein weiteres Rezept aus einem anstehenden befreundeten Kochbuch. Uns beiden waren einige Details des Rezepts wegen widersprüchlicher Angaben nicht ganz klar (dazu ist die Testkocherei ja gedacht: Unklarheiten aufzuspüren und zu beseitigen), doch das Ergebnis schmeckte und nährte.

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Ein frischer Polizeiruf im Fernsehen, nicht nur mit dem verehrten Matthias Brandt, den ich mir in allem ansehe, sondern auch mit einer Schauspielerin, der ich regelmäßig mit offenem Mund auf der Bühne der Kammerspiele zuschaue: Sandra Hüller. Das Drehbuch mit seinen geradezu realistischen Dialogen ließ beide aufs Ergötzlichste von der Leine. Die Süddeutsche hat mit Sandra Hüller über diesen Polizeiruf gesprochen.1 Eine kluge Besprechung gibt es bei der Zeit.

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Im Bett ein weiteres Kapitel aus Pia Ziefles ganz frischem neuen Roman gelesen, Länger als sonst ist nicht für immer. Pia hatte mir das Buch geschickt – ich bin sehr gerührt und erfreut.

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Nicht gebügelt, nicht die Wochenendzeitung gelesen.

  1. Eben dort entdeckt: Hinter einem dezenten Link unterm Artikel erklärt die Süddeutsche ihre Interpretation des Leistungsschutzrechts – was und wieviel darf man zitieren? []

Ein etwas längeres Wochenende

Montag, 11. August 2014

Die Bügelwäsche ist weg, Donna Tartts The Goldfinch ausgelesen, sogar zu zweimal Ausschlafen und einmal Mittagsschlaf hat es gereicht.

Nur mit dem Wetter habe ich mich wieder verschätzt. Der Samstag begann mit Badewetter.

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Also packte ich nach dem Fertigstellen der Aprikosentarte (Rezept ein wenig verbessert) Schwimm- und Badesachen, radelte damit zum Schyrenbad. Nur dass nach meinen 3.000 Metern der Himmel energisch bedeckt war und ich keinen Grund für längeren Aufenthalt fand. Am frühen Nachtmittag regnete es dann und kühlte so stark ab, dass ich zum Lesen Wollsocken und Strickjacke trug. Ein wenig warm wurde mir erst beim Bügeln.

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Der Sonntag wiederum ließ sich bedeckt an – passendes Laufwetter. Doch bis ich nach Morgenkaffee, Bloggen und Internetlesen aufs Radl an die Isar stieg, war Sommer ausgebrochen. Der Lauf wurde wunderschön, doch ich hätte gerne Trinkwasser dabei gehabt.

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Erst habe ich sie fotografiert, die beiden Erdbeerchen, dann gegessen. Schmeckten nach überhaupt nichts.

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Zum anschließenden Frühstück backte der Mitbewohner Hefewaffeln. Herzlichen Dank für die wundervollen Rezepttipps!

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Das Backen dauerte deutlich länger als veranschlagt, doch frisch schmeckten sie wirklich köstlich. Abgekühlt weniger.
Die nächste Runde sind dann Rührteigwaffeln.

Tiefer Mittagsschlaf, den Nachmittag über auf dem Balkon The Goldfinch ausgelesen und genossen. Jetzt will ich aber erst mal wieder etwas Kürzeres lesen.

Abends eine Geschichte von 1990 aus der Autofabrik fürs Techniktagebuch umgearbeitet.
Am Vormittag hatte ich eine spürbare Zeit gebraucht herauszufinden, in welchem Jahr genau das war. In der Überzeugung, ich hätte alle Kontoauszüge meines Lebens aufgehoben, nämlich als historische Quellen, suchte ich erst mal dort – und stellte fest, dass ich die von vor 1994 irgendwann weggeworfen hatte. Aufschluss brachten meine Gehaltszettel: Die habe ich tatsächlich noch alle, alle.
(Ja, das könnte ich alles mal scannen und digital archivieren. Vielleicht an langen Winterabenden.)

Bachmannpreis 2014, Tag 3

Samstag, 5. Juli 2014

Heute muss ich schnell bloggen, um rechtzeitig um 16 Uhr zum Bachmannschwimmen am Wörthersee zu sein. Es hilft, dass heute wegen Ausfalls Karen Köhlers nur drei statt vier Texte gelesen und diskutiert wurden.

Das Mitschreiben war sehr anstrengend: Deutlich mehr Menschen als an den vergangenen beiden Morgen wollten ins ORF-Studio, erheblich mehr Sitze waren offiziell (also mit Aufklebern) reserviert. Ich hatte genug Erfahrung, mich umgehend auf eine Treppenstufe zu setzen, doch kurz vor Beginn der Sendung presste sich eine Frau zum Sitzen zwischen mich und die Stuhlreihe. Das war mir deutlich zu viel Körperkontakt mit einer Fremden, doch weil mir diese Überforderung peinlich war, floh ich und stellte mich an die Wand. Im Stehen ist Mitschreiben anstrengend. Und jetzt hadere ich damit, dass meine Aufzeichnungen entsprechend schwer lesbar sind. So sehen meine Protokolle übrigens aus:

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Christian Ankowitsch eröffnete mit einem Zitat aus einen Sonett von Robert Gernhardt und schlug stilvorbildlich die Brücke zwischen den derzeitigen beiden Großereignissen: Fußball und Bachmannpreis.

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Katharina Gericke las ihren Text „Down Down Down To the Queen of Chinatown“ vor. Ich mochte die Geschichte von Greta und Herrn Malou, mündlich geschrieben, gleichzeitig homerisch formelhaft, sehr lustig. Erstmals lachte das Publikum richtig. Irritiert war ich ein wenig von der theatralischen Vortragsweise – in diesem Jahr muss man da wohl durch.

Daniela Strigl hatte den Vortrag im Gegensatz zu mir genossen. Sie gestand, dass sie beim Erstlesen befürchtet hatte, „schon wieder eine Geschichte über eine einsame Frau“ vor sich zu haben, die der Text dann gar nicht war. Sie sprach vom Bezaubernden und Bewegenden, von dem „menschenfreundlichen Blick auf Menschen – und Hunde“. Strigl wies auf den Blankvers hin, mit dem durch Berlin gegangen werde. Ähnlich positiv äußerte sich Winkels. Er fragte nach dem Inhalt und seine Erheblichkeit. Da man Liebe nicht sprechen, nicht erzählen könne, sei diese Aufgabe auf die Oper verschoben worden. Um über Liebe zu sprechen, „muss ich permanent Allegorien entwerfen.“ Die Jurykollegen und -kolleginnen halfen ihm, den Titel der Erzählung als ein Lied von Amanda Lear zu identifizieren.

„Nicht große Oper, sondern klitzekleine Operette“ sah Meike Feßmann in dem Text. Doch sie mochte das Schräge, in dem sie die Herkunft der Autorin Moabit sah. Auch sie fand den Blankvers schön gemacht. Hildegard Keller äußerte eine „mittlere Lage des Vergnügens“. Sie habe sich bezaubern lassen. Könne es sich um eine „spätmoderne Ballade“ handeln, „zusammengehalten durch Refrain“? Ihr fiel auf, dass derselbe Satz in Wiederholungen ganz verschiedene Facetten herausarbeite.

Juri Steiner fühlte sich auf eine „phantasievolle Reise“ mitgenommen: „Man spürt, dass die gespielte Bühne des Lebens viel reicher ist als Aida.“ Auch Arno Dusini fand die Verschachtelung mit Oper „leitmotivisch schön gebaut“, bemerkte aber, der Text behaupte sehr große Bedeutung. Er rufe sogar Dantes Divina Commedia auf, das funktioniere aber nicht. Die Jambisierung nannte er „überzogen“: „Der Rhythmus ist etwas, was den Gegenstand klein macht.“ Strigl widersprach: Die jambische Konstruktion müsse man nicht verstehen, sondern spüren. Die Spannweite zwischen Popmusik, Aida und Göttlicher Kommödie mache die Kunst des Textes.

„Romantische Ironie“ war eine Haltung, die Burkhard Spinnen als Basis des Texts sah. Opern möge er gar nicht, es peinige ihn, dass er darin alles, was mit den Figuren geschehe, so wichtig nehmen müsse. In Gerickes Text sei die Unsagbarkeit der Liebe sehr kunstfertig dargestellt. Keller warnte die Jury davor, einzelne Wörter zu identifizieren auf ihre „Vorexistenzen“. Hier habe man es mit einem Spiel mit Versatzstücken zu tun. Auch Steinen verwies auf die Assoziationen, die durch den Rückgriff auf verschiedene Ebenen ausgelöst würden. Doch Dusini blieb dabei: Man könne nicht so tun, als könnte man das Gedächtnis an die Literatur wegschneiden. (Diese Debatte hörte sich für mich ungeheuer 80er an.)

Irgendwann stoppte Feßmann: Man habe durch die Diskussion „den Text in zu hohe Höhen geschraubt“, das werde ihm nicht gerecht.

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Auf Tex Rubinowitsch war ich sehr gespannt, unter anderem weil er der einzige Kandidat war, von dem ich bereits vorher etwas gelesen hatte (und weil ich ihn persönlich kenne). Er las „Wir waren niemals hier“, hastig und geschludert, macht beim Umblättern mitten im Satz Pausen. Seine Erinnerung eines Mannes an seine erste richtige Freundin vor 30 Jahre brachte das Publikum dann endlich mal schallend zum Lachen – auch wenn Tex sich vorher in Interviews beschwert hatte, dass ihm als komischem Autor niemand eine ernste Geschichte zutraue. Mich erinnerte die spezifische absurde Komik der Erzählung an den frühen John Irving.

Winkels wies darauf hin, wie in diesem Text Liebe an Abwesenheit gekoppelt sei: „Alles, was nicht gegenwärtig ist, ist stärker.“ Die Sprache sei nicht in klassischem Sinn literarisch, doch er mochte die „metonymische Verschmelzung von einer Szene zur nächsten“. Dusini lobte den erfrischenden Effekt des Textes: „Liebe ohne literarische Schwere verhandelt in sehr souveräner Art und Weise.“

„Er macht sich permanent zum Affen, sie gibt ihm Aufgaben“ fasste Feßmann zusammen, beschrieb den Protagonisten als „kritischen, skeptischen, zweifelnden Mann“. Das Verhältnis zur neurotischen Freundin sei der eigentliche Ursprung der Komik. Keller sprach von einem „Lakoniker mit Sexappeal – „das muss man erst mal zustande bringen“. Sie erinnerte der 2. Teil der Geschichte an Wolf Haas mit seiner Verdoppelung und Selbstbefragung. Der Text sei ein „Kommentar zur Erzählbarkeit einer Beziehung, die keine ist“. Doch in seiner „Pointenjagd“, als „Anekdotenkette“ sei er manchmal nachlässig erzählt.

Steiner amüsierte sich darüber, wie er als Leser der Spatzenpassage auf den Leim gegangen sei. Auch er beobachtete eine antiheldenhafte Existenz, wollte aber wissen, was wohl in den 30 Jahren seit dem Ereignis passiert sein könnte. Außerdem identifizierte er eines der vielen literarischen Zitate im Text. Strigl prompt: Der Autor könne sich glücklich schätzen, ein so gebildetes Publikum zu haben. Ihrer Ansicht nach macht die Beiläufigkeit den Charme aus, wehrte sich, nicht alles, was nach postmoderner Tradition klinge, sei Wolf Haas. Sie mochte den „ganz eigenen Ton“: „Es geht darum, Leben zu imitieren.“

Für Spinnen war es eine besondere Liebesgeschichte, weil es die erste richtige Freundin war (was er eigenartigerweise mit erstem Sex gleichsetzte). Schließlich sitze das 30 Jahre später immer noch. Er sah in dem Text „eine sehr nach vorne an die Rampe tretende Oberfläche“, doch dahinter etwas, das unbedingt gesagt werden musste. In Richtung Tex schimpfte er, er habe „scheußlich gelesen“ – was Strigl allerdings sofort in „kongenial“ unbenannte.

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Undankbarerweise abschließend las Georg Petz, der sein Autorenvideo für eine Ausbreitung seiner präskriptiven Poetik nutzte. Das ist natürlich gefährlich, weil man ihn an seinem Anspruch messen könnte. Seine Geschichte hieß „Millefleurs“: In einem jungen Paar stellt sie, Französin, ihrem Freund in der Normandie ihren alten Freund vor. Viel Kriegsvergangenheit, Rivalität zwischen den Männern, haufenweise Natur mit Metaphern und Bildern. Mich interessierte weder Handlung noch Figuren besonders.

Feßmann hielt zunächst ihren Respekt fest vor der Aufgabe, die sich der Autor stelle: Die Rivalität zweier junger Männer, Kriegsgeschichte, Männlichkeitsfragen in einen Text zu packen. Doch: „Ich finde, dass er das überhaupt nicht bewältigt.“ Es gebe viele Stellen „wo ihm die Metaphern auskommen, die Bilder aus dem Ruder laufen“. Ständig sei des Guten zu viel. Ähnlich äußerten sich in der Folge alle Jurymitglieder. Winkels fand es „geradezu noch nett“, was Feßmann gesagt habe, in jeder Sekunde gebe es erwartbare Bilder, der ganze Text habe „einen völlig überladenen Ton“. Dadurch habe der Leser keine Freiheit, er habe sich eingeschnürt gefühlt. Steiner zog die Parallele zu den Millefleurs spätgotischer Tapisserien: Das zentrale Motiv verschwinde in diesem Text hinter den dekorativen Elementen.

Keller, die den Text mitgebracht hatte, mochte ihn, weil er sich für Gefühle interessiere, der Erzähler ein lyrischer Mensch sei, er habe Sinn für Landschaft, Bewegung in der Weltgeschichte. Sie hob die Parallele zum D-Day heraus, dem Decision Day, lobte die verschiedenen Ebenen und die Art und Weise, wie Spannung erzeugt werde. Der Text leide hier darunter, dass es sich halt um die dritte Liebesgeschichte des Morgens handle. (Feßmann betonte später, der Text sei beim Lesen daheim nicht besser gewesen.)

Doch auch Spinnen sprach von den zu vielen Roben, die der Text trage. Er wies darauf hin, wie sich in dieser Begegnung mit dem Jugendfreund der Verlobten die Grenzen der Europäisierung gezeigt hätten. Doch er verbiss sich dann in die Schwimmszene: Der Duktus habe es ihm unmöglich gemacht festzustellen, wie der Kampf überhaupt ausgesehen habe. Kurz ging es dann zwischen Spinnen, Winkels und Feßmann über die gefühlte Bedrohung der Menschheit durch die Berührung zweier Männer.

Strigl kam darauf zurück, dass selbst der Protagonist die Sache langweilig finde. Der historische Untergrund sei zu präsent, es handle sich um Kunsthandwerk. Ähnlich fand auch Dusini schon die Anlage des Texts schwierig: Krieg, Männer, die um eine Frau kämpfen, Körper und Macht. „Dort, wo es nicht zusammengeht, springt eine Poetisierung ein.“

Als ich nach dem Schlusswort das Studio verließ, hörte ich einen anderen Zuschauer seine Nachbarin fragen: „Haben Sie darin eine Liebesgeschichte gesehen?“ Nein, tatsächlich nicht.

Bachmannpreis 2014, Tag 2

Freitag, 4. Juli 2014

Es war der Tag der aufregenden Texte und Inszenierungen. Letzteres brachte die Jury zu einer Grundsatzdiskussion, was sie hier eigentlich bewerten: Text oder Vortrag oder beides? Und wenn beides: zu welchen Anteilen?

An sich poche ich auf die Eigenständigkeit des literarischen Textes. Er muss, wie jedes Kunstwerk, eine genügend weite Ebene haben, damit ich auch ohne Zusatzwissen etwas mit ihm anfangen kann. Wenn von mir verlangt wird, dass ich mir erst ein Mindestmaß Fakten aneigne, bevor ich an den Text darf, gehe ich von fehlendem Gewicht des Textes aus. (Dennoch interessiere ich mich für weiterführende Informationen, am meisten für Rezeptionsgeschichte.)

Dennoch tue ich in Klagenfurt genau das Gegenteil: Ich lese die Wettbewerbstexte nicht selbst, sondern rezipiere sie im Vortrag der Autorinnen und Autoren, mache also den Vortrag zum Teil der Texte. Nur bei großen Verständnisproblemen suche ich im Ausdruck nach Wegweisern. Diese Wegweiser brauchte ich heute zweimal: bei den Beiträgen von Senthuran Varatharajah und von Michael Fehr.

Der erste Knaller des Tages war allerdings die Anmoderation von Christian Ankowitsch. Nachdem ich mich eh schon über seinen Seitenhieb auf das „Jurassic Bühnenbild“ gefreut hatte, wies er auf den Preis der Automatischen Literaturkritik hin. Im Fernsehen! (Wie tief des Herrn Verbindungen zu den Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen sind, hatte ich erst vor zwei Tagen erfahren.) Zur Stunde fehlen nur noch 103 Euro zur Zielsumme, und nach einem erschreckenden Schluckauf der Technik vergangene Nacht kann jetzt wieder über die Crowdfunding-Site gespendet werden. Vielleicht mögen Sie noch? 5000 Euro wären nicht nur rund, durch das Erreichen des Ziels sparen die Initiatorinnen und Initiatoren auch eine Menge Gebühren.

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Dass ich heute Morgen recht müde war (trotz ausreichend Nachtschlaf), machte den Einstieg ins Leseprogramm des zweiten Tages schwer. Ann-Kathrin Heier las ihren Text „Ichtys“, und der war sehr anstrengend. Doch bis auf ein paar besonders kryptogrammatische Sätze mochte ich die atmosphärische und unscharfe Mischung aus Berlin, Businessalltag, Drogensucht, Verbrechensphantasien, Turnen ums Ich in der Schreibwerkstatt und anderswo.

Diesmal eröffnete Arno Dusini die Diskussioin. Er nannte den Text „ernsthaft“ und „gelungen“ (ich hab was verstanden!), ihm sei „weniger an Erkenntnismoment gelegen“ sondern an der Frage nach dem Ich. Allerdings hatte er Probleme damit, „dass wir an keiner Stelle des Texts wissen, wo wir uns eigentlich befinden.“ Hubert Winkels rätselte am Titel „Ichtys“ und der Verbindung zu diesem Symbol des Urchristentums. Für ihn ging es um „Hunger, Drogen, Alkohol, Religion – eine ganze Kette von Instanzen der Normierung und des Entgehens der Normierung“. Er nannte ihn einen „rätselhaften Text“, „ich versuche mich durchzuverarbeiten“.

Meike Feßmann nannte ihren Eindruck zwiespältig: „Ich fühle mich in die Zange genommen.“ Der Text mache mit dem Leser das, was das Ich darin erlebe. Sie fand ihm kunstfertig, aber im Detail ungenau, diagnostizierte einen „Overkill der Prätention“. Daniela Strigl sah ein „gefundenes Fressen für Germanisten und Kritiker“: „Das Ich ist durch eine Schreibschule gegangen und versucht, sich dieser Schreibschule zu widersetzen.“ Der „sehr exaltierte Text“ wuchere mit dem „Talent zur Exaltation“, dem man nicht immer folgen könne. Sie fürchtete die Gefahr der „trügerischen Komplexität“ aus der bildenden Kunst.

Hildegard Keller zog den Presslufthammer: Es sei „ein Wagnis“, überhaupt mit solch einem Text zum Wettbewerb zu kommen, sie konstantierte eine völlige „Zufälligkeit in der Assemblage der Wörter“ und sprach dem Text jede Literarizität ab. Winkels verteidigte ihn: Wenn jemand schreibend den Vorbildern entkommen wolle, habe er halt keine anderen Mittel, als einen Text zu schreiben. Strigl fand, man könne den Text zwar kritisieren, aber doch nicht sagen, er sei keine Literatur.

Juri Steiner wollte gerne weiter rätseln, sah die Auflösung der Sprache sehr real. Er erzählte von Zürich, wo die Polizei die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr „die Stunde der Idioten“ nenne, in der es kein Täterprofil gebe, jeder zu allem fähig sei. Das sah er auch in diesem Text. Die Autorin spiele damit „in wundervoller Weise“ mit diesem Wesen Fisch, das zu allem fähig sei und fand den Text „extrem schön ineinander gefügt“: „Ich könnte Ihnen noch stundenlang zuhören.“ (Darauf energischer Applaus des Studiopublikums.)

Dusini bat nun darum, die Autorin nicht mit dem Text zu identifizieren. Ich war über den Vorwurf ebenso verblüfft wie die Jurymitglieder, doch auf deren Abstreiten behauptete er, „doch, das kann man nachhören“. Auf weiteren Widerspruch verwies er auf Metonymie. (Wahrscheinlich hat auch die Jury ein Verständnisproblem mit Dusini.)

Burkhard Spinnen, der den Text vorgeschlagen hatte, legte auch dieses Jahr seine Haltung dar, die wesentliche Funktion von Kunst sei es, Menschen zu erschrecken. Er habe deshalb in den vielen Jahren seiner Tätigkeit immer wieder verstörende Texte herausgegriffen, die ihn ratlos gemacht hätten – das sei allerdings regelmäßig daneben gegangen. Für ihn sei es ein großer Moment, einen Satz zu verstehen und nicht zu verstehen. Er habe in dem Text „eine zeitgenössische Stimme gehört“, die er in all den Jahren noch nie gehört habe.

Keller dankte ihm für die Erklärung und hielt ihre eigene Kunstdefinition dagegen, „für mich als Rezipientin pragmatisch“: Sie sei als Leserin Komplizin, arbeite mit. Doch dafür brauche sie Ansatzpunkte, und dieser Text lasse sie im Nebel. Strigl konterte, dass sich manche durchaus literarische Texte als widerborstige Gegener erwiesen.

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Birgit Pölzl redete ihr ganzes Vorstellungsvideo hindurch, beginnend mit „Schreiben ist immer auch ein Schreiben…“ – ab da interessierte mich der Monolog nicht mehr. Ihr Text trug den Titel „Maia“ und drehte sich um eine Mutter, die ihre kleine Tochter verloren hatte und auf einer Reise in einem Tibet-artigen Land mit diesem Verlust fertigwerden wollte. Ich hörte ihn gerne, war allerdings mit den vielen, vielen Naturbildern überfordert.

Winkels nannte den Text „im Kern ein Trauergesang“, der die Struktur einer Litanei habe. Literatur habe ja, wie Religion, die Funktion, Verstorbene wiederauferstehen zu lassen. Hier aber sei eine „mit esoterischen Mitten angehauchte Sentimentalitätsproduktion am Werk“. Er habe sich gelangweilt. Strigl fand, „dass der Text diese Verlangsamung glaubwürdig vermittelt“, konstatierte lyrische Sprache, doch nannte als Problem, dass die Erinnerung an das Kind „sehr stark gefühlsbefrachtet“ sei.

Ähnlich sprach Keller von einem pathetischen, lyrischen Ton. Sie zog den kulturellen Hintergrund heran, diagnostizierte, dass den Sätzen oft das grammatikalische Subjekt fehle, was östlicher Philosophie entspreche. „Eine ganz klare Todesmeditation“ sei der Text für sie, doch da die Leser auf derselben Ebene angesprochen würden, reagierten sie mit Detachment. Steiner sah sich daran erinnert, dass unsere westliche Welt inzwischen für alles den richtigen Ort kennt, zu dem man reisen kann, und so gebe es auch Orte für Trauerarbeit: „Durch gekaufte Momente etwas Authentisches herstellen.“

Diesmal griff Feßmann zum Hammer. Sie verstehe die Faszination des ruhigen Rhythmus: „Man ist ganz froh, wenn mal ein Text kommt, der einem nichts abverlangt.“ Sie fand es sogar verwerflich, ein totes Kind einzusetzen, um etwas Interessantes zu haben: „Für mich ist es Esoterikkitsch.“
Dusini appellierte, die Diskussion zum Text zurückzuführen. Dieser lese sich als Form des Abschiednehmens, versuche Bewegung hineinzubringen. Es sei ein Text „der durch sprachliche Bewegung zu einem Ende führt“. (Hm?) Er sehe keine Bezugnahme auf metaphysische Konzepte.
Spinnen hielt verschiedene Ausgänge für möglich, „weil der Text eine Idylle ist“. Er sei kein großes Unterfangen, eine „umgrenzte Intention, umgrenzte Aufgabe, die sehr respektvoll gelöst worden ist.“

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Nun wurde es wirklich schwierig für mich. Zwar schickte Senthuran Varatharajah seinem Text eine Erklärung voraus, in der die Wörter „Facebook“, „Chat“ und „modifizierte Zitate aus der Literatur“ vorkamen, doch erst ein späterer Blick in den Ausdruck machte mir klar, dass ich eine ausführliche Online-Unterhaltung gehört hatte. (Wie ich sie selbst allerdings nicht aus Chats, sondern aus gut moderierten, geschlossenen Foren kenne.) Titel des als Romanausschnitt angekündigten Texts war „Vor der Zunahme der Zeichen“. Ich hörte unterschiedliche junge Menschen über ihren Hintergrund als Asylanten sprechen, über ihre Herkunftskulturen (indisch, tamilisch), über ihre Kindheit in Asylantenheimen. Erst ein späterer Blick in den Text machte mir klar, dass es sich um einen Dialog handelte, denn Varatharajah hatte die Absendernamen nicht vorgelesen. Nichts von den Geschichten fand ich neu und überraschend.

Dann war es Winkels, dessen Ausführungen ich nicht verstand. Möglicherweise nahm er nach Hören des Vortrags an, dass es sich doch nicht um einen Dialog handelte: „Das Ich hat gar kein reales Gegenüber.“ Feßmann erwiderte konsterniert, sie könne sich zwar vorstellen, dass man den Text sehr verschieden interpretiere, nicht aber, wie man ihn nicht als Dialog erkenne.
Keller bot scherzhaft an, Facebook zu erklären. Sie beschrieb den Text als eine Begegnung zweier besprachter Menschen, in der sie wirklich Einblick nehmen könne in zwei Leben im Spannungsfeld Geburt-Familie. Sie fand den Tonfall des Mannes bemerkenswert, der sehr gehoben und erhaben schreibe. Die Frau wiederum verwende eher Facebook-Jargon.

Strigl behauptete gar über den gehobenen Stil: „So schreibt man auf Facebook nicht“ – und wenn, dann mit guten Gründen und absichtlich. Sie sehe in dem Ton der Erhabenheit keinen ästhetischen Mehrwert. Und wenn das ein platonischer Dialog sein solle, fehle ihr Sokrates. Sie sehe eher einen Wettbewerb: „Wer hatte die schlimmere Kindheit.“ Sie nehme dem Text die Konstruktion nicht ab.

Spinnen fand es richtig, eine aktuelle Kommunikation des Alltags darauf zu prüfen, was sie ästhetisch könne. Dieser Dialog, der Chat, sei aber eher eine griechische Tragödie auf Stelzen, in der immer knapp aneinander vorbei geredet werde. Er erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren für Klagenfurt viele Geschichten von Einwanderern angeboten würden, die einander „schrecklich ähneln“. Im konkreten Fall sah er Figuren, die versuchen, „sich herauszusprechen aus den Sachen, die sie geprägt haben“. Benutzt werde dabei eine Sprache, als hätte er „Deutsch bei Hegel gelernt auf einer einsamen Insel“. Spinnens Kritik: Er vermisse einen Moment, „an dem Furcht und Mitleid ausgelöst werden kann“.

Feßman fand, dass das Hegeldeutsch durchaus für den Text spreche: „Wir werden eingeladen, über Dinge nachzudenken, die wir eher gewohnt sind, emotional an uns heranzulassen.“ Als Spinnen meinte: „Mei, sie kommen halt aus schrecklichen Familien“, warnte ihn Feßmann vor Vereinfachung aus abendländischer Sicht.

Wieder mahnte Dusini eine Rückkehr zum Text an. Dieser scheue sich nicht vor dem hohen Ton, sich mit Traditionen auseinander zu setzen, habe keine Angst vor mythologischem Wissen. Er sah „Empfindlichkeitswortgeber für den Dialogpartner“, hätte gerne „eine Psychoanalyse von Zeichen“ in einer Biographie gehabt (hm?).

Steiner beobachtete amüsiert den Umstand, dass wir diesen Text nicht in „Sozialen Medien“ läsen, sondern auf Papier und misstraute den Zeitangaben im Chat – in neun Minuten schreibe niemand solche Texte. Seine Interpretation: „Diese jungen Menschen entwickeln ein Bewusstsein ihrer Fragilität“, das sei unabhängig vom Medium.

Keller erinnerte daran, dass Menschen, die in eine zweite Sprache kämen, oft von den Muttersprachlern ausgegrenzt würden. Sie vermisste, dass das Mädchen frage: „Warum schreibst du so?“ Nach Feßmann ist die zentrale Figur die Mutter, der „Text handelt auf allen Ebenen von der Muttersprache“.

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Michael Fehrs Auftritt war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sein Text bestand aus den Kapiteln 1, 2, 10 und 15 eines Romans, war gesetzt wie ein Gedicht („How to recognize a poem when you see one“), zudem trug Fehr sein „Simeliberg“ im Stehen und Gehen vor.

Ich hörte Dialog- und Beschreibungsfragmente, die irgendwas mit Schweiz, Wald, Bergen und Kriminalfall zu tun hatten, letzteres ließ mich inklusive seiner Gangsterdialoge aus der untersten Klischeeschublade an schlechte Tatort-Drehbücher denken. Ich fragte mich innerlich immer lauter „SERIOUSLY?!“ und erwartete ein kurzes und heftiges Autorenschlachten durch die Jury.

Danebener hätte ich nicht liegen können. Steiner, der den Text mitgebracht hatte, erklärte uns erst einmal, was wir da gehört hatten und fasste die Fragmente in sowas wie einer Handlung zusammen, erklärte zudem die Bedeutung des Begriffs „Simeliberg“. Ich war ein wenig fassungslos, denn es hatte doch eigentlich um den Text gehen sollen. Doch niemand protestierte, im Gegenteil. Winkels lobte den „sehr eindrucksvollen Vortrag“, äußerte außerdem Zweifel, dass das wirklich Romanausschnitte seien: Die elliptische Struktur sei dazu angetan, „dass wir die Lücken füllen“. Er bezeichnete Steiners Vorgeschichte zum Simeliberg als interessant und „wie prototypsch Schweizerisch das gedeckt ist“.

Strigl hatte den Text „als Schweizer Bauerntheater gelesen“. Er sei auf den ersten Blick einfach gemacht, doch die Sätze hätten eine hochkomplexe Struktur. Sie sah darin ein „gefaktes Nationalepos“, entdeckte die Themenkomplexe Sauberkeit und Gewalt und fand den Text ziemlich originell. Feßmann gab zu, mit dem Text nichts anzufangen gewusst zu haben, ihr Interesse sei dann durch das Wort „Weltraumeuphorie“ entzündet worden. Dusini dankte dem Autor für seinen Vortrag, war überzeugt, „dass wir ein Schreibprojekt vor uns haben“, das ihn sehr beeindrucke. Doch er konstatiert auch „Übersemantisierung“ in den Eigennamen und „Lautchoreographie“ (ich weiß nicht, ob Dusini das gut oder schlecht fand) und fragte: „Wie verhält sich diese Form von Poetik zu ihrem Gegenstand?“

Laut Keller hatten wir eine Form vor uns, „die in der Schweizer Szene zu meinem großen Vergnügen eine Blüte erfährt“. Sie „macht Sprache zu einem ganz langsamen Tier“. In diesem Text sah sie „Umrisse eines Krimis, der die zeitgenössische Realität einbezieht“ und zeigte sich „sehr beeindruckt“. Stigl lobte das Regionale. Sie sei immer dankbar, wenn das auftauche, und hier sei es mit einer inneren Notwendigkeit eingesetzt.

Spinnen verwies auf das Spannungsfeld zwischen geschriebenem Text und Vortrag. Er war es dann auch, der daran erinnerte, dass eigentlich in diesem Wettbewerb Einigkeit herrsche, dass auf den Vortrag nicht zu sehr zu achten sei. Jetzt aber sei das etwas vollständig Anderes: „Wir umarmen diesen Textkörper“, der im Vortrag gegeben sei: „Stallgeruch, Erdwärme, Identität von Person und Sprache.“ Was davon sei im Text da? Spinnen bezeichnete ihn als Partitur.

Winkels lieferte Zusatzinformationen: Der Autor schreibe nicht, sondern diktiere und arbeite mit Spracherkennung. Dieser Technik sei auch die Notierung in kurzen Zeilen geschuldet, nicht der Form eines Epos. Er fand das „auf erkenntnisfördernde Weise bizarr“. Spinnen meinte gar, der Text sei auf eine Hör-CD angelegt. Für Keller war der „Begriff der schriftlichen Literatur zu eng“, diese Form sei „per Definition multimedial“. „Der Klangraum, aus dem er kommt, ist Ausdruck einer Suche nach innerer Sprache.“ Feßmann war nun der Hinweis wichtig, dass die Sprache des Textes keineswegs rhythmisch sei. Und sie fragte zurecht: „Was ist eigentlich die Basis unseres Urteils?“

Laut Steiner wurden Konventionen verlassen, die Form erlaube es dem Autor, seine Kunst nach außen zu bringen, existenzielle Geschichten zu erzählen. Winkels meinte mit Blick auf neue Formen wie Poetry Slams und die immer zahlreicheren Lesungen, „die performative Dimension der Literatur“ habe überhand genommen.

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Ganz konventionell wurde es abschließend mit Romana Ganzoni und ihrem „Ignis Cool“. Aus der Perspektive einer Frau, die mit ihrem Wagen auf einem Pass in den Bergen liegenbleibt, erfahren wir ihre Vergangenheit, darin dominierend ihre Fremdbestimmtheit durch Dorfgemeinschaft und Mutter.

Diesmal, so begann Feßmann, sei es umgekehrt wie beim vorhergehenden Kandidaten: Sie habe für sich selbst die Geschichte einer Frau gelesen, und vor ihrem inneren Auge sei das Auto schier geborsten vor deren Energie. Doch im Vortrag sei die Geschichte immer breiter geworden und habe sie letztendlich gelangweilt. Spinnen erzählte erst mal, dass er jedes Jahr zum Bachmannpreis um eine Tendenz gebeten werde, diese aber immer verweigere. Doch dieses Mal sehe er dominierend die Auseinandersetzung von Frauen, die nicht mehr ganz jung sind, mit ihrer Vergangenheit. Und dann griff auch er die Autorin wegen ihres Vortrags an: „Ganzoni hat jeden ihrer Sätze gefeiert“ – und habe damit ihre Figur kaputt gemacht. „Wie können Sie Ihre eigene Figur so missverstehen?“ Im Text sah er wieder eine beschränkte Aufgabe, die gelöst worden sei, „handwerklich ok gemacht“.
Auch Keller verweist darauf, dass Klagenfurt die große Gefahr eines Auseinanderklaffens von Text und Vortrag berge. Das Auto sei der Inbegriff der Fremdbestimmung; in dessen Stillstand beginne die Odysee in die Figur. Über dem ganzen Text liege Gewalt.

Strigl fand zu viel Ignis vor, zu wenig cool. Sie mochte, dass die Hauptfigur Gestalt gewinne, dass man mit ihr mitfühlen könne. Als Baufehler bezeichnete sie das Ende: Ein Selbstmord gehe aus dieser Art der Suada nicht hervor.

Steiner behauptete, er sei jetzt mit Müttern und Töchtern versöhnt. Er wies auf die Märchenwelt des Texts hin, in dem Eule, Katze, urban legends auftauchten (ich glaube, Steiner verwendet letzteren Begriff anders als der Rest der Welt). Er unterstrich auch den Produktkanon mit Markennamen, wie man ihn aus der Popliteratur kenne und fand „das alles sehr interessant“. Nun kam wieder Dusini: Der Text erfordere Achtung vor der Erzählung des eigenen Lebens. Er sei eine Erzählung über das Erzählen, ein Versuch, Erzählung überhaupt zu definieren. Das Auto sei der Strukturkern, aus der sich die Erzählung entfalte. Das Abbrechen am Ende deutete er als die Aufforderung: „Hör mir weiter zu!“

Am bösesten war nun Winkels, der meinte, er habe nicht erst den Vortrag gebraucht, um von dem Text gelangweilt zu werden und nannte ihn „Geschwurbel“. Spinnen interpretiert den Text als einen Kasten von Kindheitserinnerungen, die erst durch eine Erklärung Bedeutung bekommen, die man dann glauben müsse: „Ob ich darauf einsteige, ob ich die Geschichte annehme, ist eine persönliche Sache.“

Bachmannpreis 2014, Tag 1

Donnerstag, 3. Juli 2014

Der gestrige Tag 0 war der mit Ankunft (problemlos) und Eröffnungsveranstaltung im und vor dem ORF-Studio. In die Feierei im Garten vor dem ORF-Studie regnete es kräftig und ausdauernd, dafür freute ich mich außerordentlich über die neuen Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen Isa und Pia, zumal ich letztere nach vielen, vielen Jahren gegenseitigen Lesens nun endlich in derselben Atemluft antraf.

Die zentrale Nachricht: Bachmannpreiskandidatin Karen Köhler war an Windpocken erkrankt, durfte wegen Ansteckendheit nicht anreisen und war somit als erste Klagenfurter Kandidatin überhaupt jemals wegen Krankheit aus dem Bewerb ausgeschieden. (Ja, alle technischen Möglichkeiten wurden ausgelotet, doch die Statuten und damit die Juristen bestanden auf physischer Anwesenheit.)

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Zu Tag 1 stand ich diesmal so zeitig vor den Studiotüren, dass ich bei Öffnung kurz nach halb 10 locker einen Sitzplatz bekam. (Der Rest der mir bekannten Bachmannpreis-Schlachtenbummler sah sich die Lesungen im Café am Lendhafen an.)
Bislang war mir die Dekoration des Studios zu dieser Show völlig gleichgültig gewesen, doch diesmal ist sie so hässlich, dass sie sogar mir auffiel.

Zusammenfassung der ersten Leserunde: Nur ein Text, den ich als typisch Klagenfurt einordnen würde (der von Tobias Sommer), ansonsten alles konventionell erzählt.

Zwei Jurymitglieder waren mir neu: Juri Steiner hätte ich mehrfach gerne ob seiner jungen Niedlichkeit in die Wange gekniffen, aber zur Diskussion hatte er noch nichts Erhellendes beizutragen. Arno Dusini war neu in der Jury. Ich verstand seine ersten Wortmeldungen nicht mal ansatzweise, er hätte gradsogut Arabisch sprechen können. Das wenige, was ich in späteren Wortmeldungen mitbekam, waren halbe Sätze und Gedankenfetzen.

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Der erste Text war „Die fröhlichen Pferde von Chauvet“ von Roman Marchel, für mich der beste des Tages. Wir erlebten eine alte Frau, die sich um ihren sterbenden Mann kümmert, und ihre Tochter, die die Erinnerungen an ihren bereits verstorbenen erhält. Erzählerisch ist anfangs vermischt, wann es um welche geht, der Text schafft mit Details viel Atmosphäre, erzählt dicht ganze Leben.

Hubert Winkels stellte fest, es sei „nicht leicht, von diesem Text nicht beeindruckt zu sein“, bemängelt aber, „dass der Text über seine Mittel nicht sicher verfügt“, vor allem beim Handhaben der Erzählperspektive. Er stieß sich auch an „Markern“, aufdringlichen Mitteln, die Emotion hervorrufen sollen, fand vieles zu gewollt.

Daniela Strigl mochte das „leise Vorangehen“ des Textes. Sie hatte mit den vielfältigen Erzählperspektiven kein Problem, da sie eine angenehme Distanz schafften, den Erzähler auf Abstand hielten.

Auch Hildegard Keller sprach positiv von einem „stillen, sehr diskreten Text“, fühlte sich an Werner Herzogs Film über die Höhlen von Chauvet erinnert, lobte, wie der Text die Figuren über Andeutungen zeichne.

Die anfängliche Unbestimmtheit der Personen gefiel Meike Feßmann: Ein ganzes Leben in einer „inneren verdrehten Zeitschleife“. Juri Steiner hatte sich aus der Geschichte geholt: „Die Männer sind peinlich, abwesend oder sterben.“ Er sah vor allem Derbheit und Brutalität in der Mutter-Tochter-Erzählung. Feßmann las diese Ebene als völlige Überforderung der Frauen. Sie verwies auch auf das Motiv des Umgangs mit Erinnerungen, auf das Distanzhalten, Verarbeiten, Verdrängen.

Burkhard Spinnen behauptete, Winkels nun schon so oft in dieser Runde erlebt zu haben, dass er vorhersagen könne, was ihm missfallen werde. Er reagierte auf dessen Vorwurf der Überinstrumentierung mit dem Appell, in der Literatur müssten Details eben nicht so weit wie möglich reduziert werden – anders als bei Sachtexten.

Und dann sprach Dusini ziemlich lange, ohne dass ich verstanden hätte, was er sagte. Die Struktur der Erzählung sei „was ist Tod, Sterben, Sterbehilfe“, der Text biete über die Katze Alternativen, schon weil sie zwei Namen habe, das Gras, das vorkomme, sei ein weiteres Bild. Der Aufruf eines alten Themas aus einem Psalm (er zitierte Teile aus dem Gedächtnis) „heißt uns den Einblick zu verweigern in eine metonymische Struktur“. Hm?

140703_05_Preiwuss

Kerstin Preiwuß las ihren „Text für Klagenfurt“ vor. In verschiedenen Handlungsebenen ging es um eine Frau, die sich am Ort ihrer Kindheit an Kindheit und Vater erinnert (mit viel Natur), um eine Nerzfarm, um Erinnerungen eines Mannes an NS-Massaker in der Ukraine, dann wieder um die Frau. Vor allem die lange und gruslige Passage über Nerze grenzte in ihrem Aneinanderreihen fachlicher Details arg an Wikipedia-Literatur, wie auch sonst einige überraschende Ausbrüche in fachliche Tiefe. Gerade deshalb fielen mir Sachfehler auf (nicht aber der Jury, die sich doch sonst auf diese stürzt), unter anderem die Behauptung, Schnaps entstehe in Fässern durch das Vergären von Früchten.

Den „traumatisierten NS-Vater“ nannte Daniela Strigl eine Hypothek, die den Text belaste und bei ihr die Erwartung auslöse, dann aber bitte etwas Neues geboten zu bekommen. Das habe die Nerzfarm erfüllt. Sie mochte die vielen Informationen in diesem Abschnitt, doch dass das „natürlich ein Nerz-KZ“ sei, fand sie so plakativ, dass es den Text beschädige. Ihr missfiel auch die Unwahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der auf dem Land aufgewachsen ist, eine Libelle für gefährlich halte. (Ich musste gleich an einen engen Studienfreund denken, dessen Stubenhockertum während seiner Kindheit auf dem Lande jegliche Kenntnis über das Draußen verhindert hatte.)

Diese Einwände teilte Winkels, doch er nannte die „Mittel einer literarischen Reportage“ „hinreißend“. Er fand zwar die „symbolische Logik“ durch das „faschistische Regelwerk“ problematisch, sah den Text aber als „komplettes, lückenloses Feld der Gewaltdarstellung“, nichts sei aus dieser Logik herausgefallen.

Keller mochte die unterschiedlichen Rhythmen der einzelnen Textteile, fragte aber: „Was speist diese Lust, in die Vaterwelt, in die Nerzwelt einzutauchen?“ (Vor zwei Jahren wäre an dieser Stelle noch die „Erzählmotivation“ aufgetaucht, aber die hat man wohl nicht mehr.)

Steiner unterteilte wieder nach Männern und Frauen, wobei die Männer Sadisten seien, die Frauen aber interessant, weil sie gelernt hätten, durch Lügen zu überleben. Für Feßmann war das Überraschende an dem Text das Naturkundliche, die Traumaüberlieferung. Sie hatte einen „poetologischen Text“ erlebt, „der seine Mittel reflektiert“. Auf das Themenfeld „Kinder der Traumatisierten“ ging auch Spinnen ein. Doch er bemängelte, wie offensichtlich die Nerze eingesetzt würden. Er fand die Darstellung großartig, ihm fehlte aber das Neue.
Auch Strigl bemerkte, „dass sich hier die Faschismusmetaphern gegenseitig auf die Zehen steigen“.

Dusini fand den Aufbau gut, „dieser Text verschiebt seine Intensitäten vom Trauma hin zu den Nerzen“ (hm?). Er stolperte aber über die direkte Ansprache des Lesers durch „du“. Als ihn Feßmann darauf hinwies, dass hier eine Figur der Erzählung einen Mitbewohner anspricht, argumentierte er: „Wenn ein Text ‘du’ sagt, fühle ich mich angesprochen.“

Keller machte kurz ein Metafass auf: Sie sei befremdet von der Fabulierlust der vorgebrachten Exegesen, die sich sehr weit vom Text entfernt hätten und frage, ob sich die Autorin wirklich so sehr „mit unserem Echoraum“ auseinandersetzen müsse? (Ich lerne: „Echoraum“ ist die neue Anxiety of Influence.)

140703_08_Sommer

Von Tobias Sommer war „Steuerstrafakte“. Ich langweilte mich ziemlich, denn schnell war klar, dass diese Geschichte eines Schriftstellers, der im Büro eines Finanzermittlers sitzt, weil es Fragen zu seiner Steuererklärung gibt, genauso schlicht und vordergründig bleiben würde, wie sie angefangen hatte. Das rissen auch die Fragmente einer Abenteuergeschichte auf einem Walfänger nicht heraus, die hin und wieder als Text aus der Feder dieses Schriftstellers eingestreut waren.

Die Jury bemühte sich, hatte allerdings nicht sehr viel zu sagen. Steiner, der den Text vorgeschlagen hatte, sprach brav von Doppelleben und „kafkaesker Situation“, von einem „Individuum, das sich in einer nicht definierten Machtbeziehung wiederfindet“. Für Winkels funktionierte die allegorische Lesart nicht. Er sah eher eine Vertauschung des Ichs, eines Wechsels „von der Ich- in die Nicht-Ich-Position”.

Feßmann ordnete den Text als „Amts-Pantomime“ und „Posse“ ein, jedoch „sehr einfältig gebaut“. Und auch Strigl wunderte sich, dass man bei Zuhören nicht lacht. Dinge würden „allzu sehr bei ihrem echten Namen genannt“ und es werde „nicht viel differenzierter Witz daraus gewonnen“. Bei Keller heißt das: „Das Komikpotenzial ist mir nicht genau erkennbar.“

Spinnen kleidete seine Kritik in die Selbstbezichtigung: „Ich habe hier vieles drin nicht richtig verstanden.“ Er habe die beschriebene Situation dreimal selbst erlebt, weil es in der Bürokratie nicht vorgesehen sei, dass jemand (meist Freiberufler) so wenig verdiene. Dass jemand mit dem zitierten Abenteuertext einen Literaturpreis gewonnen habe, glaubte er nicht.

140703_13_Klemm

Den Titel des Texts von Gertraud Klemm, „Ujjayi“, musste ich Buchstabe für Buchstabe abschreiben. Laut Geschichte bezeichnet er eine Atemtechnik zur inneren Beruhigung. Und das brauchte der Text, der die reine Wut und den Hass einer Mutter über ihre fremdbestimmte Situation ausdrückt. Mit der Endpointe, dass sie ein weiteres Kind will. Erinnerte mich an Doris Dörries Kurzgeschichten über Mutterschaft. Die sind nicht so zornig, aber genauso paradox. Außerdem dachte ich an die zahllosen Blogposts, die sich in genau diesem Tonfall um genau dieses Gefühl drehen, nur nicht so durchkomponiert und ausführlich. Mir vermutete schon beim Zuhören, dass eine Jury, die wahrscheinlich keine Muttiblogs liest, durch den Tonfall verstört sein würde.

Dusini sah die „Schnittstellen Leben/Text“ in Schreien-Schreiben. Zudem „ein Text, der von Aggression spricht, ich denke, dass es eine Aggression des Textes gibt“. (Hm?) Für ihn war es aber ein Problem, dass die Erzählinstanz identisch sei mit der Stimme der Figur.

Feßmann interpretierte die Geschichte als „Frustrationslabyrinth der Kleinkinderziehung“ die „unzumutbar für uns moderne Menschen“ sei. Sie lobte, dass der Text den Ton durchhalte, dass er die Banalität so verletzend zeige, wie sie sei. Strigl nahm das auf und nannte den Inhalt „radikal banal“, mochte, wie kunstvoll der Text rhythmisiert sei. Sie widersprach Dusini: Um diese Verbissenheit zu transportieren, müsse die Erzählstimme mit der der Figur eins werden. Winkels hatte Bernhard- und Jelinek-Sequenzen gehört, eine „Operationalisierung österreichischer Erzählerrungenschaften“, eine „Suada“ (aha! neben Tirade ein weiteres deutsche Wort für rant!). Der Umstand, dass sie sich für ein weiteres Kind entscheide, decke auf, dass neben der vordergründigen Wut ein weiterer Prozess verlaufe.

Steiner fand den Text unerträglich, weil er sich gerade in dieser Situation befinde, vermisste aber ein politisches Statement, das über die persönliche Ebene hinausgehe.

Spinnen überraschte mit der Aussage, der Text habe ihn unangenehm berührt: Er führe vor, wie eine intelligente Frau die „absolute Selbstverständlichkeiten der Reproduktion als entsetzlich beschreibt“. Alles Beschriebene sei doch völlig normal. Er fühlte sich erinnert an Frauenzeitschriftskolumnen und sah in der Haltung eine gesellschaftliche Problematik, die Monster zeuge.

Doch damit stand er alleine. Auch Keller sprach von „Wutliteratur“, erkannte Spuren von Schelmenhaftigkeit, war beklommen vom zweiten Kreis der Gefangenschaft, der sich durch die angekündigte nächste Schwangerschaft auftue. Feßmann fragte sogar, ob sich Spinnen möglicherweise dümmer stelle, als er sei. Strigl nannte den Text „schwarze Literatur“ in der Tradition von Marlen Haushofer.

Dusini sah ein Problem in der „Ästhetisierungsposition“ die den gesellschaftskritischen Ton herausnehme. „In dieser Familie hat überhaupt keiner mehr eine Geschichte.“ (Hm?)

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Den Abschluss des offiziellen Teils bildete „Unter Platanen“ von Olga Flor. Ich hörte die recht konventionelle Geschichte einer Frau, die beruflich anerkannt ist und in einer ruhigen, guten Familienumgebung mit zwei Kindern lebt, und die auf einer Konferenz auf ihre große Liebe von vor 20 Jahren trifft. Alles Folgende war recht erwartbar, dass sie nicht mit ihm im Bett landete, sogar realistisch, und handwerklich sehr gut gemacht. Ich fand die Tiefe nicht, die die Jury im Folgenden diskutierte.

Winkel begann auch: „Das ist eine alte Geschichte.“ Sie werde aber behutsam und langsam gesteigert. Er sah eine gewisse Überfrachtung im Text. Strigl verwies auf die Platanen als Symbol der Erneuerung. Es gehe um „eine Existenz auf Messers Schneide“. Das Über-Ich einer Perfektionistin versuche Kontrolle über ihren Körper zu behalten. Im Grunde träfen zwei Kriegsparteien aufeinander, es sei eben keine harmlose Sommerliebe, die da erinnert werde. Die Geschichte sei voll und vielschichtig.

Laut Feßmann hat „die Heldin eine eingebaute Maschine zur Selbstzüchtigung“. Sie kritisierte an dem Text, dass er zu viele Informationen enthalte, dem Leser bleibe kein Raum. Keller stellte die Verbindung zum vorhergehenden Text her. Die Frauenfigur sei trotz Karriere, Ehe, Kinder nicht davor gefeit, durch eine Begegnung ihr ganzes Leben zu hinterfragen. Leidenschaft sei etwas nie zu überwindendes. Steiner bemerkte die Wandlung in der Darstellung des Liebhabers von damals: Aus brutal sei nett geworden.

Dusini sprach von „Wohlstandsprosa“: Den Leuten gehe es äußerlich sehr gut, doch sie hätten psychologisch „viel aufzuräumen“, seien aber gebunden in der Sprache. Er führte dann einige sprachliche Klischees an. Strigl hielt gegen, dass es sich nun mal um eine Sommergeschichte handle, um eine Konferenzgeschichte, da komme man an Klischees nicht vorbei.

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Den Text der verhinderten Karen Köhler gab es auch noch zu hören: Er wurde nachmittags im Freiluftcafé am Lendhafen vorgelesen. Nachtrag: Hier eine Videoaufnahme. Zweiter Nachtrag: Gelesen wurde er von Verleger Jo Lendle, vorschlagendem Juror Hubert Winkels und der Literaturredakteurin vom Schweizer Fernsehen Nikola Steiner.

„Il Comandante“ ist die Krebsgeschichte einer jungen Frau, die im Krankenhaus einen alten Mann im Rollstuhl kennenlernt und sich mit ihm anfreundet. Eine bewegende Geschichte, die ich aber fatalerweise mit zahllosen Krebsblogs und Krebsfilmen der jüngeren Zeit assoziierte und die sich nicht originell davon abhob. (Ich ertappe mich hiermit dabei, dass ich von der Themenwahl überrascht werden will.)

Ronald Blythe, Akenfield

Mittwoch, 18. Juni 2014

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Es muss das Granta 90 gewesen sein, “Country Life”, das mich auf Ronald Blythes Akenfield. Potrtait of an English Village brachte. Zwar habe ich keine Erinnerung daran, doch mir fällt keine andere Erklärung ein, wie ich sonst 2006 auf dieses in Deutschland völlig unbekannte und anscheinend selbst in der englischsprachigen Literaturwelt wenig besprochene Buch kam. Die Granta-Ausgabe hatte einen Ausschnitt aus Craig Taylors Return to Akenfield enthalten, “Englands classic village, forty years on”.

Akenfield ist die Sammlung von Stimmen eines Dorfes in Suffolk und erschien 1969; in seinem Vorwort meiner Ausgabe von 1999 stellt Blythe klar:

The book is more the work of a poet than a trained oral historian, a profession I had never heard of when I wrote it.

Und tatsächlich habe ich mich jetzt beim zweiten Lesen noch mehr als damals beim ersten immer wieder gefragt, wie nah Blythe wohl am Wortlaut geblieben ist, in dem die portraitierten Menschen mit ihm sprachen.

Akenfield ist ein halb-fiktiver Ort, der sich aus drei tatsächlichen Dörfern zusammensetzt, in denen Blythe mit Bewohnern und Bewohnerinnen gesprochen hat. Für das Buch sortiert er die ausführlichen Erzählungen – manchmal zu Gruppen, manchmal besteht das Kapitel aus einer einzelnen Person:

1. The Survivors
2. God
3. The Ringing Men
4. To be a Farmer’s Boy?
5. Good Service
6. The Forge
7. The Wheelwright
8. The Craftsmen
9. The School
10. The Agricultural Training Centre
11. Officers and Gentlemen
12. The Orchard Men
13. Four Ladies
14. The Young Men
15. The Law
16. Limitations
17. The Vet
18. Not by Bread Alone
19. The Northern Invaders
20. In the Hour of Death

Allein die Wortwahl lässt schon in den Kapitelüberschriften die erzählende und deutende Herausgeberstimme erkennen, die Dokumentation, Reportage und Belletristik mischt. Jede Erzählung, jeder hier aufgezeichnete Monolog lässt einen Menschen lebendig werden – in der Wortwahl, in der Stukturiertheit oder Verworrenheit der Erzählung, und sehr oft wird indirekt ein Charakter sichtbar, der in krassem Gegensatz zu dem vordergründig Erzählten steht.

Was mich beim ersten Lesen vor acht Jahren schon begeisterte, aber eigentlich bestürzte: Die Welt, die Akenfield beschreibt, war mir völlig unbekannt. Ein Großteil der englischen Literatur, der vielen Romane, die ich gelesen hatte, spielte zwar der Zeit, um die es in Akenfield geht, doch die tatsächlichen Lebensumstände auf dem Land spielten selten eine Rolle, eher als Hintergrund. Wenn überhaupt kleine Leute wichtig gewesen waren, dann die im Umfeld der Industrialisierung.

Doch hier erfuhr ich unter anderem von unerträglichen Arbeits- und Lebensumständen der Landarbeiter vor dem 1. Weltkrieg, von ausbeuterischen Landbesitzern, von Standesdünkel, der Leibeigenschaft voraussetzte.

Leonard Thompson – aged seventy-one – farm-worker
(…) In my four months’ training with the regiment I put on nearly a stone in weight and got a bit taller. They said it was the food but it was really because for the first time in my life there had been no strenuous work. I want to say this simply as a fact, that village people in Suffolk in my day were worked to death. It literally happened. It is not a figure of speech. (…)

Emily Leggett – aged seventy-nine – horseman’s widow
(…) We took our poorness naturally. We knew within a little what we were going to get and that there would never be any more. So that was that. (…)

Nach eigener Aussage ging es Blythe allerdings durchaus darum, die herkömmlichen Seiten des englischen Landlebens festzuhalten, die durch den Fortschritt, in diesem Fall die Industrialisierung der Landwirtschaft, am Verschwinden war. Auch das ist ihm wunderbar gelungen und für mich doppelt interessant, weil sich unser heutiger Blick darauf bereits zweimal verändert hat (von Früherhatmandasauchnichtgebraucht zu WiepraktischfürdenLandwirt zu Verschandeltelandschaft und ZurückzurNatur). Welch ein Traum wäre es, zum Vergleich ein oberbayrisches Akenfield aus der Zeit der Flurbereinigung in den 70ern zu haben, oder ein kastilisches aus den frühen 70ern unter Franco.

Terry Lloyd – aged twenty-one – pig-farmer
(…) Other industries have had their training schemes for years and, as usual, the poor old farm-worker gets his last! Anyway, we’ve got it now. It isn’t philanthropy. There was suddenly a need to train the village boys to use machinery and understand the new scientific methods. There is such a massive amount of machinery used in farming now. The men are going down, down, down on the farms and the machines up, up. What men are left have got to be real good – different to what they used to be. (…)

Roger Adlard – aged thirty-one – factory farmer
(…) I do have moral qualms but I also know that everything has got to go this way. Dreams of the past, like my dreams of cutting the corn in the sun, have got to be abandoned. Farming is not the lackadaisical business of yesterday. Yet I think of my grandfather and his father, and I think that although they had small profits for so much hard work, they had a carefree life. (…)

Mrs Tom Cooper – aged forty-one – farmer’s wife and President of the Women’s Institute
(…) When we had Question Programme, seventy-five per cent of the questions were about the characters in telly adverts and the women knew all the answers. (…)

Überrascht hat mich unter anderem, dass selbst im England der 1960er das tied-cottage-System noch lebendig war. Ronald Blythe beschreibt ausführlich die Entwicklungen und Zusammenhänge:

The tied-cottage provides both farmers and their employees with their most emotional grouse, evoking all the traditional melodrama of the wicked squire and the rustic tenant being pushed out into the storm, and requires some kind of final solution. All the prejudices, myths and indignations of the past rise up when a man changes his job but can’t leave the house which went with his old job because of the shortage of accommodation. The farmer can’t get a new man because the near-free – approximately 6s. a week – cottage is the carrot which makes him accept his low wage and local politicians are quick to pounce on any trouble created by the situation to add fuel to the class war.

Ganz klar wird aus den Aussagen der alten Dorfbewohner, welche gesellschaftliche Wende der 1. Weltkrieg mit sich brachte: Zum einen kam das einfache Landvolk zum ersten Mal hinaus in die Welt, zum anderen verhinderte das Bewusstsein, ebenso im Dreck gekämpft zu haben wie die hohen Herrschaften, nach der Rückkehr ein Wiederherstellen der alten Hierarchien.

Doch Blythe gibt auch denjenigen eine Stimme, die das nicht so sehen:

John Grout – aged eighty-eight – farmer
(…) I wasn’t called up. Nothing happened to me and I didn’t remind them. We didn’t really miss the men who didn’t come back. The village stayed the same. If there were changes, I never felt them, so I can’t remark on them. (…)

Blythe ergänzt die Kapitel durch Hintergrundfakten wie Einwohnerstatistik, Auszüge aus der Schulchronik oder Zahlen zu angebauten Apfelsorten. Manche der Sprecher beschreibt er ausführlich, zu dem einen oder anderen Thema sammelt er viele, dafür kurze Stimmen. Manche Analysen stammen von ihm, die meisten lässt er aber andere aussprechen.

Hugh Hambling – aged thirty – schoolmaster
(…) They won’t talk politics in the pub. Their attitude is puritan in such matters. Politics to them is a kind of necessary function which stinks. They stare straight back into Wilson’s eyes on the pub telly with that blue gaze of theirs, and God knows what they are thinking! (…)

Colonel Trevor West – aged forty-eight – retired army officer and highly successful pig-farmer
(…) They will help you in distress but they don’t really like to see you not in distress and doing fine. They don’t come and say, ‘Good show! It’s a pleasure to see what you have done!’ They never say this. (…)

Und alle diese Deutungen verraten natürlich genauso viel über den Deuter und die Deuterin wie über das Gedeutete.

Meine Lektüre war diesmal davon beeinflusst, dass ich kurz davor Saša Stanišićs Vor dem Fest gelesen hatte. Die Wirkung von Akenfield ist durchaus ähnlich, nur durch den fehlenden roten Erzählfaden schillernder. Abgefahrenes gibt es auch hier: Das Kapitel “The Ringing Men” lässt bellringers zur Wort kommen, also Menschen, deren Passion es ist, Kirchenglocken zu schlagen. Die ihre Freizeit damit verbringen, berühmte Glocken zu besuchen (die meisten sind auch begeisterte Wanderer) und sie zu betätigen. Und dafür zu komponieren.

Erst jetzt habe ich beim Hinterherrecherchieren entdeckt, dass Akenfield 1974 verfilmt wurde – kann ich mir schwer vorstellen.

Eine deutsche Übersetzung ist anscheinend nie erschienen. Wenn Sie Englisch lesen, lege ich Ihnen das Buch sehr ans Herz.