Bücher

Bachmannpreis 2014, Tag 2

Freitag, 4. Juli 2014

Es war der Tag der aufregenden Texte und Inszenierungen. Letzteres brachte die Jury zu einer Grundsatzdiskussion, was sie hier eigentlich bewerten: Text oder Vortrag oder beides? Und wenn beides: zu welchen Anteilen?

An sich poche ich auf die Eigenständigkeit des literarischen Textes. Er muss, wie jedes Kunstwerk, eine genügend weite Ebene haben, damit ich auch ohne Zusatzwissen etwas mit ihm anfangen kann. Wenn von mir verlangt wird, dass ich mir erst ein Mindestmaß Fakten aneigne, bevor ich an den Text darf, gehe ich von fehlendem Gewicht des Textes aus. (Dennoch interessiere ich mich für weiterführende Informationen, am meisten für Rezeptionsgeschichte.)

Dennoch tue ich in Klagenfurt genau das Gegenteil: Ich lese die Wettbewerbstexte nicht selbst, sondern rezipiere sie im Vortrag der Autorinnen und Autoren, mache also den Vortrag zum Teil der Texte. Nur bei großen Verständnisproblemen suche ich im Ausdruck nach Wegweisern. Diese Wegweiser brauchte ich heute zweimal: bei den Beiträgen von Senthuran Varatharajah und von Michael Fehr.

Der erste Knaller des Tages war allerdings die Anmoderation von Christian Ankowitsch. Nachdem ich mich eh schon über seinen Seitenhieb auf das „Jurassic Bühnenbild“ gefreut hatte, wies er auf den Preis der Automatischen Literaturkritik hin. Im Fernsehen! (Wie tief des Herrn Verbindungen zu den Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen sind, hatte ich erst vor zwei Tagen erfahren.) Zur Stunde fehlen nur noch 103 Euro zur Zielsumme, und nach einem erschreckenden Schluckauf der Technik vergangene Nacht kann jetzt wieder über die Crowdfunding-Site gespendet werden. Vielleicht mögen Sie noch? 5000 Euro wären nicht nur rund, durch das Erreichen des Ziels sparen die Initiatorinnen und Initiatoren auch eine Menge Gebühren.

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Dass ich heute Morgen recht müde war (trotz ausreichend Nachtschlaf), machte den Einstieg ins Leseprogramm des zweiten Tages schwer. Ann-Kathrin Heier las ihren Text „Ichtys“, und der war sehr anstrengend. Doch bis auf ein paar besonders kryptogrammatische Sätze mochte ich die atmosphärische und unscharfe Mischung aus Berlin, Businessalltag, Drogensucht, Verbrechensphantasien, Turnen ums Ich in der Schreibwerkstatt und anderswo.

Diesmal eröffnete Arno Dusini die Diskussioin. Er nannte den Text „ernsthaft“ und „gelungen“ (ich hab was verstanden!), ihm sei „weniger an Erkenntnismoment gelegen“ sondern an der Frage nach dem Ich. Allerdings hatte er Probleme damit, „dass wir an keiner Stelle des Texts wissen, wo wir uns eigentlich befinden.“ Hubert Winkels rätselte am Titel „Ichtys“ und der Verbindung zu diesem Symbol des Urchristentums. Für ihn ging es um „Hunger, Drogen, Alkohol, Religion – eine ganze Kette von Instanzen der Normierung und des Entgehens der Normierung“. Er nannte ihn einen „rätselhaften Text“, „ich versuche mich durchzuverarbeiten“.

Meike Feßmann nannte ihren Eindruck zwiespältig: „Ich fühle mich in die Zange genommen.“ Der Text mache mit dem Leser das, was das Ich darin erlebe. Sie fand ihm kunstfertig, aber im Detail ungenau, diagnostizierte einen „Overkill der Prätention“. Daniela Strigl sah ein „gefundenes Fressen für Germanisten und Kritiker“: „Das Ich ist durch eine Schreibschule gegangen und versucht, sich dieser Schreibschule zu widersetzen.“ Der „sehr exaltierte Text“ wuchere mit dem „Talent zur Exaltation“, dem man nicht immer folgen könne. Sie fürchtete die Gefahr der „trügerischen Komplexität“ aus der bildenden Kunst.

Hildegard Keller zog den Presslufthammer: Es sei „ein Wagnis“, überhaupt mit solch einem Text zum Wettbewerb zu kommen, sie konstantierte eine völlige „Zufälligkeit in der Assemblage der Wörter“ und sprach dem Text jede Literarizität ab. Winkels verteidigte ihn: Wenn jemand schreibend den Vorbildern entkommen wolle, habe er halt keine anderen Mittel, als einen Text zu schreiben. Strigl fand, man könne den Text zwar kritisieren, aber doch nicht sagen, er sei keine Literatur.

Juri Steiner wollte gerne weiter rätseln, sah die Auflösung der Sprache sehr real. Er erzählte von Zürich, wo die Polizei die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr „die Stunde der Idioten“ nenne, in der es kein Täterprofil gebe, jeder zu allem fähig sei. Das sah er auch in diesem Text. Die Autorin spiele damit „in wundervoller Weise“ mit diesem Wesen Fisch, das zu allem fähig sei und fand den Text „extrem schön ineinander gefügt“: „Ich könnte Ihnen noch stundenlang zuhören.“ (Darauf energischer Applaus des Studiopublikums.)

Dusini bat nun darum, die Autorin nicht mit dem Text zu identifizieren. Ich war über den Vorwurf ebenso verblüfft wie die Jurymitglieder, doch auf deren Abstreiten behauptete er, „doch, das kann man nachhören“. Auf weiteren Widerspruch verwies er auf Metonymie. (Wahrscheinlich hat auch die Jury ein Verständnisproblem mit Dusini.)

Burkhard Spinnen, der den Text vorgeschlagen hatte, legte auch dieses Jahr seine Haltung dar, die wesentliche Funktion von Kunst sei es, Menschen zu erschrecken. Er habe deshalb in den vielen Jahren seiner Tätigkeit immer wieder verstörende Texte herausgegriffen, die ihn ratlos gemacht hätten – das sei allerdings regelmäßig daneben gegangen. Für ihn sei es ein großer Moment, einen Satz zu verstehen und nicht zu verstehen. Er habe in dem Text „eine zeitgenössische Stimme gehört“, die er in all den Jahren noch nie gehört habe.

Keller dankte ihm für die Erklärung und hielt ihre eigene Kunstdefinition dagegen, „für mich als Rezipientin pragmatisch“: Sie sei als Leserin Komplizin, arbeite mit. Doch dafür brauche sie Ansatzpunkte, und dieser Text lasse sie im Nebel. Strigl konterte, dass sich manche durchaus literarische Texte als widerborstige Gegener erwiesen.

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Birgit Pölzl redete ihr ganzes Vorstellungsvideo hindurch, beginnend mit „Schreiben ist immer auch ein Schreiben…“ – ab da interessierte mich der Monolog nicht mehr. Ihr Text trug den Titel „Maia“ und drehte sich um eine Mutter, die ihre kleine Tochter verloren hatte und auf einer Reise in einem Tibet-artigen Land mit diesem Verlust fertigwerden wollte. Ich hörte ihn gerne, war allerdings mit den vielen, vielen Naturbildern überfordert.

Winkels nannte den Text „im Kern ein Trauergesang“, der die Struktur einer Litanei habe. Literatur habe ja, wie Religion, die Funktion, Verstorbene wiederauferstehen zu lassen. Hier aber sei eine „mit esoterischen Mitten angehauchte Sentimentalitätsproduktion am Werk“. Er habe sich gelangweilt. Strigl fand, „dass der Text diese Verlangsamung glaubwürdig vermittelt“, konstatierte lyrische Sprache, doch nannte als Problem, dass die Erinnerung an das Kind „sehr stark gefühlsbefrachtet“ sei.

Ähnlich sprach Keller von einem pathetischen, lyrischen Ton. Sie zog den kulturellen Hintergrund heran, diagnostizierte, dass den Sätzen oft das grammatikalische Subjekt fehle, was östlicher Philosophie entspreche. „Eine ganz klare Todesmeditation“ sei der Text für sie, doch da die Leser auf derselben Ebene angesprochen würden, reagierten sie mit Detachment. Steiner sah sich daran erinnert, dass unsere westliche Welt inzwischen für alles den richtigen Ort kennt, zu dem man reisen kann, und so gebe es auch Orte für Trauerarbeit: „Durch gekaufte Momente etwas Authentisches herstellen.“

Diesmal griff Feßmann zum Hammer. Sie verstehe die Faszination des ruhigen Rhythmus: „Man ist ganz froh, wenn mal ein Text kommt, der einem nichts abverlangt.“ Sie fand es sogar verwerflich, ein totes Kind einzusetzen, um etwas Interessantes zu haben: „Für mich ist es Esoterikkitsch.“
Dusini appellierte, die Diskussion zum Text zurückzuführen. Dieser lese sich als Form des Abschiednehmens, versuche Bewegung hineinzubringen. Es sei ein Text „der durch sprachliche Bewegung zu einem Ende führt“. (Hm?) Er sehe keine Bezugnahme auf metaphysische Konzepte.
Spinnen hielt verschiedene Ausgänge für möglich, „weil der Text eine Idylle ist“. Er sei kein großes Unterfangen, eine „umgrenzte Intention, umgrenzte Aufgabe, die sehr respektvoll gelöst worden ist.“

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Nun wurde es wirklich schwierig für mich. Zwar schickte Senthuran Varatharajah seinem Text eine Erklärung voraus, in der die Wörter „Facebook“, „Chat“ und „modifizierte Zitate aus der Literatur“ vorkamen, doch erst ein späterer Blick in den Ausdruck machte mir klar, dass ich eine ausführliche Online-Unterhaltung gehört hatte. (Wie ich sie selbst allerdings nicht aus Chats, sondern aus gut moderierten, geschlossenen Foren kenne.) Titel des als Romanausschnitt angekündigten Texts war „Vor der Zunahme der Zeichen“. Ich hörte unterschiedliche junge Menschen über ihren Hintergrund als Asylanten sprechen, über ihre Herkunftskulturen (indisch, tamilisch), über ihre Kindheit in Asylantenheimen. Erst ein späterer Blick in den Text machte mir klar, dass es sich um einen Dialog handelte, denn Varatharajah hatte die Absendernamen nicht vorgelesen. Nichts von den Geschichten fand ich neu und überraschend.

Dann war es Winkels, dessen Ausführungen ich nicht verstand. Möglicherweise nahm er nach Hören des Vortrags an, dass es sich doch nicht um einen Dialog handelte: „Das Ich hat gar kein reales Gegenüber.“ Feßmann erwiderte konsterniert, sie könne sich zwar vorstellen, dass man den Text sehr verschieden interpretiere, nicht aber, wie man ihn nicht als Dialog erkenne.
Keller bot scherzhaft an, Facebook zu erklären. Sie beschrieb den Text als eine Begegnung zweier besprachter Menschen, in der sie wirklich Einblick nehmen könne in zwei Leben im Spannungsfeld Geburt-Familie. Sie fand den Tonfall des Mannes bemerkenswert, der sehr gehoben und erhaben schreibe. Die Frau wiederum verwende eher Facebook-Jargon.

Strigl behauptete gar über den gehobenen Stil: „So schreibt man auf Facebook nicht“ – und wenn, dann mit guten Gründen und absichtlich. Sie sehe in dem Ton der Erhabenheit keinen ästhetischen Mehrwert. Und wenn das ein platonischer Dialog sein solle, fehle ihr Sokrates. Sie sehe eher einen Wettbewerb: „Wer hatte die schlimmere Kindheit.“ Sie nehme dem Text die Konstruktion nicht ab.

Spinnen fand es richtig, eine aktuelle Kommunikation des Alltags darauf zu prüfen, was sie ästhetisch könne. Dieser Dialog, der Chat, sei aber eher eine griechische Tragödie auf Stelzen, in der immer knapp aneinander vorbei geredet werde. Er erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren für Klagenfurt viele Geschichten von Einwanderern angeboten würden, die einander „schrecklich ähneln“. Im konkreten Fall sah er Figuren, die versuchen, „sich herauszusprechen aus den Sachen, die sie geprägt haben“. Benutzt werde dabei eine Sprache, als hätte er „Deutsch bei Hegel gelernt auf einer einsamen Insel“. Spinnens Kritik: Er vermisse einen Moment, „an dem Furcht und Mitleid ausgelöst werden kann“.

Feßman fand, dass das Hegeldeutsch durchaus für den Text spreche: „Wir werden eingeladen, über Dinge nachzudenken, die wir eher gewohnt sind, emotional an uns heranzulassen.“ Als Spinnen meinte: „Mei, sie kommen halt aus schrecklichen Familien“, warnte ihn Feßmann vor Vereinfachung aus abendländischer Sicht.

Wieder mahnte Dusini eine Rückkehr zum Text an. Dieser scheue sich nicht vor dem hohen Ton, sich mit Traditionen auseinander zu setzen, habe keine Angst vor mythologischem Wissen. Er sah „Empfindlichkeitswortgeber für den Dialogpartner“, hätte gerne „eine Psychoanalyse von Zeichen“ in einer Biographie gehabt (hm?).

Steiner beobachtete amüsiert den Umstand, dass wir diesen Text nicht in „Sozialen Medien“ läsen, sondern auf Papier und misstraute den Zeitangaben im Chat – in neun Minuten schreibe niemand solche Texte. Seine Interpretation: „Diese jungen Menschen entwickeln ein Bewusstsein ihrer Fragilität“, das sei unabhängig vom Medium.

Keller erinnerte daran, dass Menschen, die in eine zweite Sprache kämen, oft von den Muttersprachlern ausgegrenzt würden. Sie vermisste, dass das Mädchen frage: „Warum schreibst du so?“ Nach Feßmann ist die zentrale Figur die Mutter, der „Text handelt auf allen Ebenen von der Muttersprache“.

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Michael Fehrs Auftritt war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sein Text bestand aus den Kapiteln 1, 2, 10 und 15 eines Romans, war gesetzt wie ein Gedicht („How to recognize a poem when you see one“), zudem trug Fehr sein „Simeliberg“ im Stehen und Gehen vor.

Ich hörte Dialog- und Beschreibungsfragmente, die irgendwas mit Schweiz, Wald, Bergen und Kriminalfall zu tun hatten, letzteres ließ mich inklusive seiner Gangsterdialoge aus der untersten Klischeeschublade an schlechte Tatort-Drehbücher denken. Ich fragte mich innerlich immer lauter „SERIOUSLY?!“ und erwartete ein kurzes und heftiges Autorenschlachten durch die Jury.

Danebener hätte ich nicht liegen können. Steiner, der den Text mitgebracht hatte, erklärte uns erst einmal, was wir da gehört hatten und fasste die Fragmente in sowas wie einer Handlung zusammen, erklärte zudem die Bedeutung des Begriffs „Simeliberg“. Ich war ein wenig fassungslos, denn es hatte doch eigentlich um den Text gehen sollen. Doch niemand protestierte, im Gegenteil. Winkels lobte den „sehr eindrucksvollen Vortrag“, äußerte außerdem Zweifel, dass das wirklich Romanausschnitte seien: Die elliptische Struktur sei dazu angetan, „dass wir die Lücken füllen“. Er bezeichnete Steiners Vorgeschichte zum Simeliberg als interessant und „wie prototypsch Schweizerisch das gedeckt ist“.

Strigl hatte den Text „als Schweizer Bauerntheater gelesen“. Er sei auf den ersten Blick einfach gemacht, doch die Sätze hätten eine hochkomplexe Struktur. Sie sah darin ein „gefaktes Nationalepos“, entdeckte die Themenkomplexe Sauberkeit und Gewalt und fand den Text ziemlich originell. Feßmann gab zu, mit dem Text nichts anzufangen gewusst zu haben, ihr Interesse sei dann durch das Wort „Weltraumeuphorie“ entzündet worden. Dusini dankte dem Autor für seinen Vortrag, war überzeugt, „dass wir ein Schreibprojekt vor uns haben“, das ihn sehr beeindrucke. Doch er konstatiert auch „Übersemantisierung“ in den Eigennamen und „Lautchoreographie“ (ich weiß nicht, ob Dusini das gut oder schlecht fand) und fragte: „Wie verhält sich diese Form von Poetik zu ihrem Gegenstand?“

Laut Keller hatten wir eine Form vor uns, „die in der Schweizer Szene zu meinem großen Vergnügen eine Blüte erfährt“. Sie „macht Sprache zu einem ganz langsamen Tier“. In diesem Text sah sie „Umrisse eines Krimis, der die zeitgenössische Realität einbezieht“ und zeigte sich „sehr beeindruckt“. Stigl lobte das Regionale. Sie sei immer dankbar, wenn das auftauche, und hier sei es mit einer inneren Notwendigkeit eingesetzt.

Spinnen verwies auf das Spannungsfeld zwischen geschriebenem Text und Vortrag. Er war es dann auch, der daran erinnerte, dass eigentlich in diesem Wettbewerb Einigkeit herrsche, dass auf den Vortrag nicht zu sehr zu achten sei. Jetzt aber sei das etwas vollständig Anderes: „Wir umarmen diesen Textkörper“, der im Vortrag gegeben sei: „Stallgeruch, Erdwärme, Identität von Person und Sprache.“ Was davon sei im Text da? Spinnen bezeichnete ihn als Partitur.

Winkels lieferte Zusatzinformationen: Der Autor schreibe nicht, sondern diktiere und arbeite mit Spracherkennung. Dieser Technik sei auch die Notierung in kurzen Zeilen geschuldet, nicht der Form eines Epos. Er fand das „auf erkenntnisfördernde Weise bizarr“. Spinnen meinte gar, der Text sei auf eine Hör-CD angelegt. Für Keller war der „Begriff der schriftlichen Literatur zu eng“, diese Form sei „per Definition multimedial“. „Der Klangraum, aus dem er kommt, ist Ausdruck einer Suche nach innerer Sprache.“ Feßmann war nun der Hinweis wichtig, dass die Sprache des Textes keineswegs rhythmisch sei. Und sie fragte zurecht: „Was ist eigentlich die Basis unseres Urteils?“

Laut Steiner wurden Konventionen verlassen, die Form erlaube es dem Autor, seine Kunst nach außen zu bringen, existenzielle Geschichten zu erzählen. Winkels meinte mit Blick auf neue Formen wie Poetry Slams und die immer zahlreicheren Lesungen, „die performative Dimension der Literatur“ habe überhand genommen.

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Ganz konventionell wurde es abschließend mit Romana Ganzoni und ihrem „Ignis Cool“. Aus der Perspektive einer Frau, die mit ihrem Wagen auf einem Pass in den Bergen liegenbleibt, erfahren wir ihre Vergangenheit, darin dominierend ihre Fremdbestimmtheit durch Dorfgemeinschaft und Mutter.

Diesmal, so begann Feßmann, sei es umgekehrt wie beim vorhergehenden Kandidaten: Sie habe für sich selbst die Geschichte einer Frau gelesen, und vor ihrem inneren Auge sei das Auto schier geborsten vor deren Energie. Doch im Vortrag sei die Geschichte immer breiter geworden und habe sie letztendlich gelangweilt. Spinnen erzählte erst mal, dass er jedes Jahr zum Bachmannpreis um eine Tendenz gebeten werde, diese aber immer verweigere. Doch dieses Mal sehe er dominierend die Auseinandersetzung von Frauen, die nicht mehr ganz jung sind, mit ihrer Vergangenheit. Und dann griff auch er die Autorin wegen ihres Vortrags an: „Ganzoni hat jeden ihrer Sätze gefeiert“ – und habe damit ihre Figur kaputt gemacht. „Wie können Sie Ihre eigene Figur so missverstehen?“ Im Text sah er wieder eine beschränkte Aufgabe, die gelöst worden sei, „handwerklich ok gemacht“.
Auch Keller verweist darauf, dass Klagenfurt die große Gefahr eines Auseinanderklaffens von Text und Vortrag berge. Das Auto sei der Inbegriff der Fremdbestimmung; in dessen Stillstand beginne die Odysee in die Figur. Über dem ganzen Text liege Gewalt.

Strigl fand zu viel Ignis vor, zu wenig cool. Sie mochte, dass die Hauptfigur Gestalt gewinne, dass man mit ihr mitfühlen könne. Als Baufehler bezeichnete sie das Ende: Ein Selbstmord gehe aus dieser Art der Suada nicht hervor.

Steiner behauptete, er sei jetzt mit Müttern und Töchtern versöhnt. Er wies auf die Märchenwelt des Texts hin, in dem Eule, Katze, urban legends auftauchten (ich glaube, Steiner verwendet letzteren Begriff anders als der Rest der Welt). Er unterstrich auch den Produktkanon mit Markennamen, wie man ihn aus der Popliteratur kenne und fand „das alles sehr interessant“. Nun kam wieder Dusini: Der Text erfordere Achtung vor der Erzählung des eigenen Lebens. Er sei eine Erzählung über das Erzählen, ein Versuch, Erzählung überhaupt zu definieren. Das Auto sei der Strukturkern, aus der sich die Erzählung entfalte. Das Abbrechen am Ende deutete er als die Aufforderung: „Hör mir weiter zu!“

Am bösesten war nun Winkels, der meinte, er habe nicht erst den Vortrag gebraucht, um von dem Text gelangweilt zu werden und nannte ihn „Geschwurbel“. Spinnen interpretiert den Text als einen Kasten von Kindheitserinnerungen, die erst durch eine Erklärung Bedeutung bekommen, die man dann glauben müsse: „Ob ich darauf einsteige, ob ich die Geschichte annehme, ist eine persönliche Sache.“

Bachmannpreis 2014, Tag 1

Donnerstag, 3. Juli 2014

Der gestrige Tag 0 war der mit Ankunft (problemlos) und Eröffnungsveranstaltung im und vor dem ORF-Studio. In die Feierei im Garten vor dem ORF-Studie regnete es kräftig und ausdauernd, dafür freute ich mich außerordentlich über die neuen Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen Isa und Pia, zumal ich letztere nach vielen, vielen Jahren gegenseitigen Lesens nun endlich in derselben Atemluft antraf.

Die zentrale Nachricht: Bachmannpreiskandidatin Karen Köhler war an Windpocken erkrankt, durfte wegen Ansteckendheit nicht anreisen und war somit als erste Klagenfurter Kandidatin überhaupt jemals wegen Krankheit aus dem Bewerb ausgeschieden. (Ja, alle technischen Möglichkeiten wurden ausgelotet, doch die Statuten und damit die Juristen bestanden auf physischer Anwesenheit.)

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Zu Tag 1 stand ich diesmal so zeitig vor den Studiotüren, dass ich bei Öffnung kurz nach halb 10 locker einen Sitzplatz bekam. (Der Rest der mir bekannten Bachmannpreis-Schlachtenbummler sah sich die Lesungen im Café am Lendhafen an.)
Bislang war mir die Dekoration des Studios zu dieser Show völlig gleichgültig gewesen, doch diesmal ist sie so hässlich, dass sie sogar mir auffiel.

Zusammenfassung der ersten Leserunde: Nur ein Text, den ich als typisch Klagenfurt einordnen würde (der von Tobias Sommer), ansonsten alles konventionell erzählt.

Zwei Jurymitglieder waren mir neu: Juri Steiner hätte ich mehrfach gerne ob seiner jungen Niedlichkeit in die Wange gekniffen, aber zur Diskussion hatte er noch nichts Erhellendes beizutragen. Arno Dusini war neu in der Jury. Ich verstand seine ersten Wortmeldungen nicht mal ansatzweise, er hätte gradsogut Arabisch sprechen können. Das wenige, was ich in späteren Wortmeldungen mitbekam, waren halbe Sätze und Gedankenfetzen.

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Der erste Text war „Die fröhlichen Pferde von Chauvet“ von Roman Marchel, für mich der beste des Tages. Wir erlebten eine alte Frau, die sich um ihren sterbenden Mann kümmert, und ihre Tochter, die die Erinnerungen an ihren bereits verstorbenen erhält. Erzählerisch ist anfangs vermischt, wann es um welche geht, der Text schafft mit Details viel Atmosphäre, erzählt dicht ganze Leben.

Hubert Winkels stellte fest, es sei „nicht leicht, von diesem Text nicht beeindruckt zu sein“, bemängelt aber, „dass der Text über seine Mittel nicht sicher verfügt“, vor allem beim Handhaben der Erzählperspektive. Er stieß sich auch an „Markern“, aufdringlichen Mitteln, die Emotion hervorrufen sollen, fand vieles zu gewollt.

Daniela Strigl mochte das „leise Vorangehen“ des Textes. Sie hatte mit den vielfältigen Erzählperspektiven kein Problem, da sie eine angenehme Distanz schafften, den Erzähler auf Abstand hielten.

Auch Hildegard Keller sprach positiv von einem „stillen, sehr diskreten Text“, fühlte sich an Werner Herzogs Film über die Höhlen von Chauvet erinnert, lobte, wie der Text die Figuren über Andeutungen zeichne.

Die anfängliche Unbestimmtheit der Personen gefiel Meike Feßmann: Ein ganzes Leben in einer „inneren verdrehten Zeitschleife“. Juri Steiner hatte sich aus der Geschichte geholt: „Die Männer sind peinlich, abwesend oder sterben.“ Er sah vor allem Derbheit und Brutalität in der Mutter-Tochter-Erzählung. Feßmann las diese Ebene als völlige Überforderung der Frauen. Sie verwies auch auf das Motiv des Umgangs mit Erinnerungen, auf das Distanzhalten, Verarbeiten, Verdrängen.

Burkhard Spinnen behauptete, Winkels nun schon so oft in dieser Runde erlebt zu haben, dass er vorhersagen könne, was ihm missfallen werde. Er reagierte auf dessen Vorwurf der Überinstrumentierung mit dem Appell, in der Literatur müssten Details eben nicht so weit wie möglich reduziert werden – anders als bei Sachtexten.

Und dann sprach Dusini ziemlich lange, ohne dass ich verstanden hätte, was er sagte. Die Struktur der Erzählung sei „was ist Tod, Sterben, Sterbehilfe“, der Text biete über die Katze Alternativen, schon weil sie zwei Namen habe, das Gras, das vorkomme, sei ein weiteres Bild. Der Aufruf eines alten Themas aus einem Psalm (er zitierte Teile aus dem Gedächtnis) „heißt uns den Einblick zu verweigern in eine metonymische Struktur“. Hm?

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Kerstin Preiwuß las ihren „Text für Klagenfurt“ vor. In verschiedenen Handlungsebenen ging es um eine Frau, die sich am Ort ihrer Kindheit an Kindheit und Vater erinnert (mit viel Natur), um eine Nerzfarm, um Erinnerungen eines Mannes an NS-Massaker in der Ukraine, dann wieder um die Frau. Vor allem die lange und gruslige Passage über Nerze grenzte in ihrem Aneinanderreihen fachlicher Details arg an Wikipedia-Literatur, wie auch sonst einige überraschende Ausbrüche in fachliche Tiefe. Gerade deshalb fielen mir Sachfehler auf (nicht aber der Jury, die sich doch sonst auf diese stürzt), unter anderem die Behauptung, Schnaps entstehe in Fässern durch das Vergären von Früchten.

Den „traumatisierten NS-Vater“ nannte Daniela Strigl eine Hypothek, die den Text belaste und bei ihr die Erwartung auslöse, dann aber bitte etwas Neues geboten zu bekommen. Das habe die Nerzfarm erfüllt. Sie mochte die vielen Informationen in diesem Abschnitt, doch dass das „natürlich ein Nerz-KZ“ sei, fand sie so plakativ, dass es den Text beschädige. Ihr missfiel auch die Unwahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der auf dem Land aufgewachsen ist, eine Libelle für gefährlich halte. (Ich musste gleich an einen engen Studienfreund denken, dessen Stubenhockertum während seiner Kindheit auf dem Lande jegliche Kenntnis über das Draußen verhindert hatte.)

Diese Einwände teilte Winkels, doch er nannte die „Mittel einer literarischen Reportage“ „hinreißend“. Er fand zwar die „symbolische Logik“ durch das „faschistische Regelwerk“ problematisch, sah den Text aber als „komplettes, lückenloses Feld der Gewaltdarstellung“, nichts sei aus dieser Logik herausgefallen.

Keller mochte die unterschiedlichen Rhythmen der einzelnen Textteile, fragte aber: „Was speist diese Lust, in die Vaterwelt, in die Nerzwelt einzutauchen?“ (Vor zwei Jahren wäre an dieser Stelle noch die „Erzählmotivation“ aufgetaucht, aber die hat man wohl nicht mehr.)

Steiner unterteilte wieder nach Männern und Frauen, wobei die Männer Sadisten seien, die Frauen aber interessant, weil sie gelernt hätten, durch Lügen zu überleben. Für Feßmann war das Überraschende an dem Text das Naturkundliche, die Traumaüberlieferung. Sie hatte einen „poetologischen Text“ erlebt, „der seine Mittel reflektiert“. Auf das Themenfeld „Kinder der Traumatisierten“ ging auch Spinnen ein. Doch er bemängelte, wie offensichtlich die Nerze eingesetzt würden. Er fand die Darstellung großartig, ihm fehlte aber das Neue.
Auch Strigl bemerkte, „dass sich hier die Faschismusmetaphern gegenseitig auf die Zehen steigen“.

Dusini fand den Aufbau gut, „dieser Text verschiebt seine Intensitäten vom Trauma hin zu den Nerzen“ (hm?). Er stolperte aber über die direkte Ansprache des Lesers durch „du“. Als ihn Feßmann darauf hinwies, dass hier eine Figur der Erzählung einen Mitbewohner anspricht, argumentierte er: „Wenn ein Text ‘du’ sagt, fühle ich mich angesprochen.“

Keller machte kurz ein Metafass auf: Sie sei befremdet von der Fabulierlust der vorgebrachten Exegesen, die sich sehr weit vom Text entfernt hätten und frage, ob sich die Autorin wirklich so sehr „mit unserem Echoraum“ auseinandersetzen müsse? (Ich lerne: „Echoraum“ ist die neue Anxiety of Influence.)

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Von Tobias Sommer war „Steuerstrafakte“. Ich langweilte mich ziemlich, denn schnell war klar, dass diese Geschichte eines Schriftstellers, der im Büro eines Finanzermittlers sitzt, weil es Fragen zu seiner Steuererklärung gibt, genauso schlicht und vordergründig bleiben würde, wie sie angefangen hatte. Das rissen auch die Fragmente einer Abenteuergeschichte auf einem Walfänger nicht heraus, die hin und wieder als Text aus der Feder dieses Schriftstellers eingestreut waren.

Die Jury bemühte sich, hatte allerdings nicht sehr viel zu sagen. Steiner, der den Text vorgeschlagen hatte, sprach brav von Doppelleben und „kafkaesker Situation“, von einem „Individuum, das sich in einer nicht definierten Machtbeziehung wiederfindet“. Für Winkels funktionierte die allegorische Lesart nicht. Er sah eher eine Vertauschung des Ichs, eines Wechsels „von der Ich- in die Nicht-Ich-Position”.

Feßmann ordnete den Text als „Amts-Pantomime“ und „Posse“ ein, jedoch „sehr einfältig gebaut“. Und auch Strigl wunderte sich, dass man bei Zuhören nicht lacht. Dinge würden „allzu sehr bei ihrem echten Namen genannt“ und es werde „nicht viel differenzierter Witz daraus gewonnen“. Bei Keller heißt das: „Das Komikpotenzial ist mir nicht genau erkennbar.“

Spinnen kleidete seine Kritik in die Selbstbezichtigung: „Ich habe hier vieles drin nicht richtig verstanden.“ Er habe die beschriebene Situation dreimal selbst erlebt, weil es in der Bürokratie nicht vorgesehen sei, dass jemand (meist Freiberufler) so wenig verdiene. Dass jemand mit dem zitierten Abenteuertext einen Literaturpreis gewonnen habe, glaubte er nicht.

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Den Titel des Texts von Gertraud Klemm, „Ujjayi“, musste ich Buchstabe für Buchstabe abschreiben. Laut Geschichte bezeichnet er eine Atemtechnik zur inneren Beruhigung. Und das brauchte der Text, der die reine Wut und den Hass einer Mutter über ihre fremdbestimmte Situation ausdrückt. Mit der Endpointe, dass sie ein weiteres Kind will. Erinnerte mich an Doris Dörries Kurzgeschichten über Mutterschaft. Die sind nicht so zornig, aber genauso paradox. Außerdem dachte ich an die zahllosen Blogposts, die sich in genau diesem Tonfall um genau dieses Gefühl drehen, nur nicht so durchkomponiert und ausführlich. Mir vermutete schon beim Zuhören, dass eine Jury, die wahrscheinlich keine Muttiblogs liest, durch den Tonfall verstört sein würde.

Dusini sah die „Schnittstellen Leben/Text“ in Schreien-Schreiben. Zudem „ein Text, der von Aggression spricht, ich denke, dass es eine Aggression des Textes gibt“. (Hm?) Für ihn war es aber ein Problem, dass die Erzählinstanz identisch sei mit der Stimme der Figur.

Feßmann interpretierte die Geschichte als „Frustrationslabyrinth der Kleinkinderziehung“ die „unzumutbar für uns moderne Menschen“ sei. Sie lobte, dass der Text den Ton durchhalte, dass er die Banalität so verletzend zeige, wie sie sei. Strigl nahm das auf und nannte den Inhalt „radikal banal“, mochte, wie kunstvoll der Text rhythmisiert sei. Sie widersprach Dusini: Um diese Verbissenheit zu transportieren, müsse die Erzählstimme mit der der Figur eins werden. Winkels hatte Bernhard- und Jelinek-Sequenzen gehört, eine „Operationalisierung österreichischer Erzählerrungenschaften“, eine „Suada“ (aha! neben Tirade ein weiteres deutsche Wort für rant!). Der Umstand, dass sie sich für ein weiteres Kind entscheide, decke auf, dass neben der vordergründigen Wut ein weiterer Prozess verlaufe.

Steiner fand den Text unerträglich, weil er sich gerade in dieser Situation befinde, vermisste aber ein politisches Statement, das über die persönliche Ebene hinausgehe.

Spinnen überraschte mit der Aussage, der Text habe ihn unangenehm berührt: Er führe vor, wie eine intelligente Frau die „absolute Selbstverständlichkeiten der Reproduktion als entsetzlich beschreibt“. Alles Beschriebene sei doch völlig normal. Er fühlte sich erinnert an Frauenzeitschriftskolumnen und sah in der Haltung eine gesellschaftliche Problematik, die Monster zeuge.

Doch damit stand er alleine. Auch Keller sprach von „Wutliteratur“, erkannte Spuren von Schelmenhaftigkeit, war beklommen vom zweiten Kreis der Gefangenschaft, der sich durch die angekündigte nächste Schwangerschaft auftue. Feßmann fragte sogar, ob sich Spinnen möglicherweise dümmer stelle, als er sei. Strigl nannte den Text „schwarze Literatur“ in der Tradition von Marlen Haushofer.

Dusini sah ein Problem in der „Ästhetisierungsposition“ die den gesellschaftskritischen Ton herausnehme. „In dieser Familie hat überhaupt keiner mehr eine Geschichte.“ (Hm?)

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Den Abschluss des offiziellen Teils bildete „Unter Platanen“ von Olga Flor. Ich hörte die recht konventionelle Geschichte einer Frau, die beruflich anerkannt ist und in einer ruhigen, guten Familienumgebung mit zwei Kindern lebt, und die auf einer Konferenz auf ihre große Liebe von vor 20 Jahren trifft. Alles Folgende war recht erwartbar, dass sie nicht mit ihm im Bett landete, sogar realistisch, und handwerklich sehr gut gemacht. Ich fand die Tiefe nicht, die die Jury im Folgenden diskutierte.

Winkel begann auch: „Das ist eine alte Geschichte.“ Sie werde aber behutsam und langsam gesteigert. Er sah eine gewisse Überfrachtung im Text. Strigl verwies auf die Platanen als Symbol der Erneuerung. Es gehe um „eine Existenz auf Messers Schneide“. Das Über-Ich einer Perfektionistin versuche Kontrolle über ihren Körper zu behalten. Im Grunde träfen zwei Kriegsparteien aufeinander, es sei eben keine harmlose Sommerliebe, die da erinnert werde. Die Geschichte sei voll und vielschichtig.

Laut Feßmann hat „die Heldin eine eingebaute Maschine zur Selbstzüchtigung“. Sie kritisierte an dem Text, dass er zu viele Informationen enthalte, dem Leser bleibe kein Raum. Keller stellte die Verbindung zum vorhergehenden Text her. Die Frauenfigur sei trotz Karriere, Ehe, Kinder nicht davor gefeit, durch eine Begegnung ihr ganzes Leben zu hinterfragen. Leidenschaft sei etwas nie zu überwindendes. Steiner bemerkte die Wandlung in der Darstellung des Liebhabers von damals: Aus brutal sei nett geworden.

Dusini sprach von „Wohlstandsprosa“: Den Leuten gehe es äußerlich sehr gut, doch sie hätten psychologisch „viel aufzuräumen“, seien aber gebunden in der Sprache. Er führte dann einige sprachliche Klischees an. Strigl hielt gegen, dass es sich nun mal um eine Sommergeschichte handle, um eine Konferenzgeschichte, da komme man an Klischees nicht vorbei.

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Den Text der verhinderten Karen Köhler gab es auch noch zu hören: Er wurde nachmittags im Freiluftcafé am Lendhafen vorgelesen. Nachtrag: Hier eine Videoaufnahme. Zweiter Nachtrag: Gelesen wurde er von Verleger Jo Lendle, vorschlagendem Juror Hubert Winkels und der Literaturredakteurin vom Schweizer Fernsehen Nikola Steiner.

„Il Comandante“ ist die Krebsgeschichte einer jungen Frau, die im Krankenhaus einen alten Mann im Rollstuhl kennenlernt und sich mit ihm anfreundet. Eine bewegende Geschichte, die ich aber fatalerweise mit zahllosen Krebsblogs und Krebsfilmen der jüngeren Zeit assoziierte und die sich nicht originell davon abhob. (Ich ertappe mich hiermit dabei, dass ich von der Themenwahl überrascht werden will.)

Ronald Blythe, Akenfield

Mittwoch, 18. Juni 2014

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Es muss das Granta 90 gewesen sein, “Country Life”, das mich auf Ronald Blythes Akenfield. Potrtait of an English Village brachte. Zwar habe ich keine Erinnerung daran, doch mir fällt keine andere Erklärung ein, wie ich sonst 2006 auf dieses in Deutschland völlig unbekannte und anscheinend selbst in der englischsprachigen Literaturwelt wenig besprochene Buch kam. Die Granta-Ausgabe hatte einen Ausschnitt aus Craig Taylors Return to Akenfield enthalten, “Englands classic village, forty years on”.

Akenfield ist die Sammlung von Stimmen eines Dorfes in Suffolk und erschien 1969; in seinem Vorwort meiner Ausgabe von 1999 stellt Blythe klar:

The book is more the work of a poet than a trained oral historian, a profession I had never heard of when I wrote it.

Und tatsächlich habe ich mich jetzt beim zweiten Lesen noch mehr als damals beim ersten immer wieder gefragt, wie nah Blythe wohl am Wortlaut geblieben ist, in dem die portraitierten Menschen mit ihm sprachen.

Akenfield ist ein halb-fiktiver Ort, der sich aus drei tatsächlichen Dörfern zusammensetzt, in denen Blythe mit Bewohnern und Bewohnerinnen gesprochen hat. Für das Buch sortiert er die ausführlichen Erzählungen – manchmal zu Gruppen, manchmal besteht das Kapitel aus einer einzelnen Person:

1. The Survivors
2. God
3. The Ringing Men
4. To be a Farmer’s Boy?
5. Good Service
6. The Forge
7. The Wheelwright
8. The Craftsmen
9. The School
10. The Agricultural Training Centre
11. Officers and Gentlemen
12. The Orchard Men
13. Four Ladies
14. The Young Men
15. The Law
16. Limitations
17. The Vet
18. Not by Bread Alone
19. The Northern Invaders
20. In the Hour of Death

Allein die Wortwahl lässt schon in den Kapitelüberschriften die erzählende und deutende Herausgeberstimme erkennen, die Dokumentation, Reportage und Belletristik mischt. Jede Erzählung, jeder hier aufgezeichnete Monolog lässt einen Menschen lebendig werden – in der Wortwahl, in der Stukturiertheit oder Verworrenheit der Erzählung, und sehr oft wird indirekt ein Charakter sichtbar, der in krassem Gegensatz zu dem vordergründig Erzählten steht.

Was mich beim ersten Lesen vor acht Jahren schon begeisterte, aber eigentlich bestürzte: Die Welt, die Akenfield beschreibt, war mir völlig unbekannt. Ein Großteil der englischen Literatur, der vielen Romane, die ich gelesen hatte, spielte zwar der Zeit, um die es in Akenfield geht, doch die tatsächlichen Lebensumstände auf dem Land spielten selten eine Rolle, eher als Hintergrund. Wenn überhaupt kleine Leute wichtig gewesen waren, dann die im Umfeld der Industrialisierung.

Doch hier erfuhr ich unter anderem von unerträglichen Arbeits- und Lebensumständen der Landarbeiter vor dem 1. Weltkrieg, von ausbeuterischen Landbesitzern, von Standesdünkel, der Leibeigenschaft voraussetzte.

Leonard Thompson – aged seventy-one – farm-worker
(…) In my four months’ training with the regiment I put on nearly a stone in weight and got a bit taller. They said it was the food but it was really because for the first time in my life there had been no strenuous work. I want to say this simply as a fact, that village people in Suffolk in my day were worked to death. It literally happened. It is not a figure of speech. (…)

Emily Leggett – aged seventy-nine – horseman’s widow
(…) We took our poorness naturally. We knew within a little what we were going to get and that there would never be any more. So that was that. (…)

Nach eigener Aussage ging es Blythe allerdings durchaus darum, die herkömmlichen Seiten des englischen Landlebens festzuhalten, die durch den Fortschritt, in diesem Fall die Industrialisierung der Landwirtschaft, am Verschwinden war. Auch das ist ihm wunderbar gelungen und für mich doppelt interessant, weil sich unser heutiger Blick darauf bereits zweimal verändert hat (von Früherhatmandasauchnichtgebraucht zu WiepraktischfürdenLandwirt zu Verschandeltelandschaft und ZurückzurNatur). Welch ein Traum wäre es, zum Vergleich ein oberbayrisches Akenfield aus der Zeit der Flurbereinigung in den 70ern zu haben, oder ein kastilisches aus den frühen 70ern unter Franco.

Terry Lloyd – aged twenty-one – pig-farmer
(…) Other industries have had their training schemes for years and, as usual, the poor old farm-worker gets his last! Anyway, we’ve got it now. It isn’t philanthropy. There was suddenly a need to train the village boys to use machinery and understand the new scientific methods. There is such a massive amount of machinery used in farming now. The men are going down, down, down on the farms and the machines up, up. What men are left have got to be real good – different to what they used to be. (…)

Roger Adlard – aged thirty-one – factory farmer
(…) I do have moral qualms but I also know that everything has got to go this way. Dreams of the past, like my dreams of cutting the corn in the sun, have got to be abandoned. Farming is not the lackadaisical business of yesterday. Yet I think of my grandfather and his father, and I think that although they had small profits for so much hard work, they had a carefree life. (…)

Mrs Tom Cooper – aged forty-one – farmer’s wife and President of the Women’s Institute
(…) When we had Question Programme, seventy-five per cent of the questions were about the characters in telly adverts and the women knew all the answers. (…)

Überrascht hat mich unter anderem, dass selbst im England der 1960er das tied-cottage-System noch lebendig war. Ronald Blythe beschreibt ausführlich die Entwicklungen und Zusammenhänge:

The tied-cottage provides both farmers and their employees with their most emotional grouse, evoking all the traditional melodrama of the wicked squire and the rustic tenant being pushed out into the storm, and requires some kind of final solution. All the prejudices, myths and indignations of the past rise up when a man changes his job but can’t leave the house which went with his old job because of the shortage of accommodation. The farmer can’t get a new man because the near-free – approximately 6s. a week – cottage is the carrot which makes him accept his low wage and local politicians are quick to pounce on any trouble created by the situation to add fuel to the class war.

Ganz klar wird aus den Aussagen der alten Dorfbewohner, welche gesellschaftliche Wende der 1. Weltkrieg mit sich brachte: Zum einen kam das einfache Landvolk zum ersten Mal hinaus in die Welt, zum anderen verhinderte das Bewusstsein, ebenso im Dreck gekämpft zu haben wie die hohen Herrschaften, nach der Rückkehr ein Wiederherstellen der alten Hierarchien.

Doch Blythe gibt auch denjenigen eine Stimme, die das nicht so sehen:

John Grout – aged eighty-eight – farmer
(…) I wasn’t called up. Nothing happened to me and I didn’t remind them. We didn’t really miss the men who didn’t come back. The village stayed the same. If there were changes, I never felt them, so I can’t remark on them. (…)

Blythe ergänzt die Kapitel durch Hintergrundfakten wie Einwohnerstatistik, Auszüge aus der Schulchronik oder Zahlen zu angebauten Apfelsorten. Manche der Sprecher beschreibt er ausführlich, zu dem einen oder anderen Thema sammelt er viele, dafür kurze Stimmen. Manche Analysen stammen von ihm, die meisten lässt er aber andere aussprechen.

Hugh Hambling – aged thirty – schoolmaster
(…) They won’t talk politics in the pub. Their attitude is puritan in such matters. Politics to them is a kind of necessary function which stinks. They stare straight back into Wilson’s eyes on the pub telly with that blue gaze of theirs, and God knows what they are thinking! (…)

Colonel Trevor West – aged forty-eight – retired army officer and highly successful pig-farmer
(…) They will help you in distress but they don’t really like to see you not in distress and doing fine. They don’t come and say, ‘Good show! It’s a pleasure to see what you have done!’ They never say this. (…)

Und alle diese Deutungen verraten natürlich genauso viel über den Deuter und die Deuterin wie über das Gedeutete.

Meine Lektüre war diesmal davon beeinflusst, dass ich kurz davor Saša Stanišićs Vor dem Fest gelesen hatte. Die Wirkung von Akenfield ist durchaus ähnlich, nur durch den fehlenden roten Erzählfaden schillernder. Abgefahrenes gibt es auch hier: Das Kapitel “The Ringing Men” lässt bellringers zur Wort kommen, also Menschen, deren Passion es ist, Kirchenglocken zu schlagen. Die ihre Freizeit damit verbringen, berühmte Glocken zu besuchen (die meisten sind auch begeisterte Wanderer) und sie zu betätigen. Und dafür zu komponieren.

Erst jetzt habe ich beim Hinterherrecherchieren entdeckt, dass Akenfield 1974 verfilmt wurde – kann ich mir schwer vorstellen.

Eine deutsche Übersetzung ist anscheinend nie erschienen. Wenn Sie Englisch lesen, lege ich Ihnen das Buch sehr ans Herz.

Almudena Grandes, Roberto de Hollanda (Übers.), Das gefrorene Herz

Freitag, 30. Mai 2014

Über den spanischen Bürgerkrieg (1936-39) selbst, seine Entstehung und seinen Verlauf, über die Rolle anderer Staaten darin, dachte ich eigentlich einiges zu wissen. Unter anderem war das der Schwerpunkt meiner Magisterprüfung im Nebenfach Neuere und Neueste Geschichte (die schriftlichen Prüfung fragte nach der Rolle der Katholischen Kirche im spanischen Bürgerkrieg – der Forschungsstand war 1995 noch davon geprägt, dass der Vatikan seine Archive zu diesem Thema nicht zugänglich machte).

Zudem war mir schon früh bewusst, dass alle Familien in Spanien verstrickt waren, und dass es – im Gegensatz zur Nachkriegszeit in Deutschland – in und nach diesem Krieg kein gemeinsames Leiden unter einem äußeren Gegner oder einem Besatzer gab: Ein Bürgerkrieg macht alle zu Gegnern.

Almudena Grandes’ Roman Das gefrorene Herz (der Titel “Corazón helado” ist einem Kommentar von Antonio Machado über die beiden Spanien entnommen) hat mir die Türen zu vielen Aspekten vor, in und vor allem nach diesem Bürgerkrieg eröffnet, die ich überhaupt nicht im Blick hatte:
Ich hatte nie nachgedacht über die Exilanten in Frankreich,
über die spanischen Soldaten, die in Frankreich gegen die Nazis kämpften,
über die spanischen Soldaten, die auf der Seite der Nazis in den Russlandfeldzug gingen.

Außer der konkreten Geschichte meiner väterlichen Familie wusste ich wenig über die Jahre direkt nach dem Krieg im lange umkämpften Madrid. Kannte also nicht die völlige Willkür, mit der die neuen Machthaber ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen verfolgten. Mir war zudem nicht klar gewesen, wie sehr die spanischen Antifaschisten davon ausgegangen waren, dass eine Befreiung Europas von Hitler auch eine Befreiung Spaniens von Franco bedeuten würde.

Aber jetzt zu dem Roman selbst, gut 950 Seiten dick und erwartbar episch. Der Universitätsdozent Álvaro sieht auf der Beerdigung seines Vaters, eines Immobilienmagnaten, eine unbekannte Frau am Rand des Friedhofs. Er begegnet ihr wieder, als er sich um einen Teil des väterlichen Vermögens kümmern soll: Sie ist eine hochrangige Bankangestellte. Um die Familien dieser beiden Protagonisten dreht sich die verschlungene Handlung mit ihren vielen Fäden: Sie springt in der Zeit zwischen Dreißigerjahren, Nachkriegsjahrzehnten und Gegenwart, schiebt sich aber insgesamt chronologisch vorwärts. Erzählt wird unter anderem von dem politischen Erwachen ganzer Bevölkerungsschichten während der Zeit der Zweiten Republik, vom teils sehr plötzlichen gesellschaftlichen Wandel (Frauenrechte!), von den Grausamkeiten des Bürgerkriegs, von der Enttäuschung der spanischen Flüchtlinge, die in Frankreich erst mal in Lager gesteckt wurden, von der späteren Gemeinschaft der Exilspanier in Frankreich, die nicht im geringsten an sowas wie Integration dachten, weil sie nur auf ihre Rückkehr warteten, von der Generation ihrer Kinder, die in dieser Zwischenwelt aufwuchsen, von den Kriegsgewinnlern in Madrid, von persönlicher Rache, vom Wegducken und Erstarren.

Das ganze ist ein sehr dichtes und gehaltvolles Bild, das meiner Ansicht nach aber etwas einfacher und weniger kompliziert hätte gezeichnet werden können. Grandes hat offensichtlich ausführlich und gründlich recherchiert, das Nachwort listet viele Quellen auf. Eine Leserin, die sich noch gar nicht mit dieser Epoche der spanischen Geschichte befasst hat, könnte die Fülle an Informationen, Namen, Schauplätzen, Zusammenhängen ermüden.

So richtig genervt haben mich allerdings die stereotyp leidenschaftlichen Liebesgeschichten, die die eigentliche Handlung des Romans immer wieder bremsen. Das mag Geschmackssache sein, ich werde halt ungeduldig, wenn ich zum fünften Mal seitenlang jemandem dabei zulesen muss, wie er den Schwung von Raquels Hüften auf dem Laken neben ihm nicht aus dem Kopf bekommt und wie ihr Duft yaddayaddayadda… (Das war wohl auch Franziska Augstein in ihrer Rezension für die Süddeutsche Zeitung aufgestoßen.)

Entschädigt hat mich die große Rolle, die Madrid zu verschiedenen Zeiten in dem Roman spielt: Ich wurde mehrfach in Erinnerungen gewirbelt, und direkt nach der Lektüre wollte ich bitte SOFOCHT auf einen Pacharán mit viel Eis in dieses eine Café am Opernplatz.

Sehr berührend fand ich die Beschreibung der Dorfbevölkerung von Torrelodones: Ja, genau solche Menschen kenne ich aus dem Dorf, aus dem meine spanische Großmutter stammt und das genau in dieser Gegend liegt. Mit ihnen beginnt der Roman:

Die Frauen trugen keine Strümpfe. Ihre dicken, runden Knie lugten gelegentlich unter dem Saum ihrer Kleider hervor, die eigentlich gar keine Kleider waren, sondern eine Art von Säcken aus dünnem Stoff ohne Form und ohne Kragen – ich wüsste nicht, wie ich sie nennen sollte. (…) ohne Strümpfe, ohne Stiefel, ohne Mäntel, nur in dicken Strickjacken, die sie mit über der Brust verschränkten Armen zuhielten.
Auch die Männer waren ohne Mäntel gekommen, hatten aber ihre dicken, etwas dunkleren Wolljacken geschlossen und die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sie sahen alle gleich aus, genau wie die Frauen. Die Hemden bis zum Hals zugeknöpft, raue, frischgestutzte Bartstoppeln und sehr kurzes Haar. Einige hatten Baskenmützen auf, andere nicht, aber die Haltung war immer gleich, die Beine leicht gespreizt, der Kopf starr, die Füße fest im Boden verankert. Bäume, genau wie die Frauen, stämmig und robust, an Entbehrung gewohnt, sehr alt, aber auch sehr stark.

Erst durch die Lektüre des Romans fiel mir zudem ein Detail meiner Kindheitsurlaube in Spanien wieder ein:
Auf dem Fernseher der ebenerdigen Hinterhofwohnung meiner Yaya in der Calle de Leganés in Madrid und auf dem Fernseher im Landhaus in der Sierra liefen zur Francozeit gefühlt ununterbrochen Dokumentarfilme über den zweiten Weltkrieg – ich fand sie langweilig, weil halt ständig irgendwelche Panzer herumfuhren und schossen, untermalt von blecherner, martialischer Musik. Genau das kommt in dem Roman vor.

Falls Sie sich einen Eindruck von den Spaniern der 30er machen wollen: Schaun Sie sich im YouTube-Archiv von Pathé um. Gefunden habe ich zum Beispiel

Spanische Flüchtlinge an der französischen Grenze:

Madrilenen werden aufgefordert, den Aufbau Spaniens mit ihrem Gold zu unterstützen:
http://youtu.be/88pcbZYHLO8

Journal Freitag, Samstag, 7. und 8. Februar 2014 – Zeitzettel und Steinmetze

Sonntag, 9. Februar 2014

Freitagmorgen eine knappe Stunde auf dem Crosstrainer, die Spiegelung der Spiegelung des Morgenrots in den Fenstern Dachgeschoßes in den Hörsaalfenstern gegenüber bewundert.

Zur eigenen Aufmunterung lustige Strumpfhosen und Schuhe ausgewählt.

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Chef krank, deshalb Wegfall einiger für den Tag geplanter Tätigkeiten. Was eigentlich und vor allem für einen Freitag sehr angenehm wäre, doch da ist dieses Zeiterfassungssystem, das mich sehr belastet. Gedacht ist es natürlich für die Abrechnung gegenüber dem Kunden. Und ich hätte an sich kein Problem damit, jeden Abend vor pünktlichem Feierabend 15 Minuten interne Zeit für das Eingeben von Zeiten einzugeben. Doch gerade da ich recht wenig billable time abliefere (und mich bereits einmal als – wenn auch später zurückgenommenen – “freeloader” bezeichnen lassen musste), sehe ich mich gezwungen, über jede Minute, die ich in diesem Büro verbringe, Rechenschaft abzulegen, und da ich bereits einmal gerügt wurde, die Beschreibung meiner Tätigkeiten sei nicht ausführlich genug, schreibe ich seither Abend für Abend halbe Blogposts. Das ist besonders unangenehm, wenn ich zu wenig zu tun habe und auch die überlasteten Kolleginnen nicht viel abgeben können (es ist zum Beispiel nicht sinnvoll, den telefonische Nachfass auf den Aussand einer Pressemeldung über eine hochspezielle Software jemanden machen zu lassen, die sich erst ins Thema einarbeiten muss und weder vorher noch nachher mit der angerufenen Redakteurin zu tun hat).

Bis dahin dachte ich, Stempelkarten in Großunternehmen seien schon ein rechter Unsinn: Meiner Beobachtung nach können sie durchaus den negativen Effekt haben, dass Angestellte ihre reine Anwesenheit im Büro als ausreichend ansehen – schließlich ist sie an der gestempelten Zeit ablesbar; und die Besessenen oder vom Chef getriezten wiederum tendieren dazu, nach der maximal erlaubten Arbeitszeit schnell auszustempeln und dann heimlich weiterzuarbeiten. Aber diese inhaltliche Zeiterfassung ist noch einen Dreh schlimmer.

Zum Einstieg ins Wochenende bereitete der Mitbewohner Champagnercocktails (“Wenn Angostura drin ist, ist’s immer was Archaisches.”) und eine meiner Leibspeisen: Sellerieschnitzel mit Majo und Feldsalat. Wenn ich dran denke, wie lange ich Sellerie ablehnte, weil ich ihn nur sauer eingelegt kannte!

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§

Ich hatte ausgerechnet: Wenn ich den Samstag nicht für das Fertiglesen von Meir Shalevs Im Haus der Großen Frau nutzte, würde ich es bis zum Treffen der Leserunde am Dienstag nicht schaffen. Also ignorierte ich Internet sowie Zeitung und konzentrierte mich auf den Roman. Dazwischen backte ich aber die Chocolate Krantz Cakes aus Ottoleghi/Tamimi Jerusalem, deren schweren Hefeteig ich anweisungsgemäß am Vortag zum kalten Gehen angesetzt hatte.

Ein Exemplar musste ich frei formen, da ich nur eine Kastenform habe.

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Dieser Kuchen ist ganz offensichtlich ein Experiment, wie viel Butter und Zucker sich in einem einzigen Hefegebäck unterbringen lässt. Das Ergebnis ist köstlich.

Roman ausgegelesen (besonders innig hatte ich mich mit Steinmetz Abraham angefreundet), dazwischen noch zu einer Stunde Stepaerobics ins Sportstudio gegangen.

Weil Winter ist und unser Ernteanteil sowohl frisches Sauerkraut als auch mehlige Kartoffeln enthalten hatte, gab es abends Blut- und Leberwurst (und weil ich Blut- und Leberwurst sehr gerne mag, diese hier kamen vom Metzger auf dem Klenzemarkt).

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Bücher 2013

Montag, 30. Dezember 2013

Diesmal auch mit Nennung von Büchern, die ich nicht geschafft habe. Was nichts über ihre Qualität aussagen muss.
Ansonsten gilt wieder: Empfehlungen sind mit * markiert. Die anderen Bücher haben mir nicht etwa missfallen, schließlich habe ich sie bis zur letzten Seite gelesen. Aber ich würde sie nicht allen und nicht uneingeschränkt empfehlen.

1 – Don DeLillo, Falling Man

2 – Gunter Frank, Schlechte Medizin*
Hier ausführlich besprochen.

3 – Charles Dickens, Nicholas Nickleby

4 – Yasmina Reza, Eugen Helmlé / Frank Heibert / Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), Nirgendwo*

5 – Friedrich Torberg, Die Erben der Tante Jolesch*

6 – Granta 122, Betrayal

7 – Scott Westerfeld, Uglies*
Über diese Trilogie in vier Büchern wollte ich eigentlich ausführlich schwärmen und schreiben. Mir kam was dazwischen, Lustlosigkeit vermutlich. Hier ein paar Stichwörter:
– Wir befinden uns ein paar Jahrhunderte nach unserer Zeitrechnung. Die Menschheit hat sich durch Über-Reproduktion und Abhängigkeit von Erdöl aus dem Spiel gekegelt – und daraus gelernt.
– Erzählt wird aus der Perspektive von Tally Youngblood, die kurz vor ihrem 16. Geburtstag steht. Dann ziehen die Menschen in dieser Gesellschaft um aus dem Internat für 11- bis 16-jährige in die Stadt der Pretties.
– In dieser Gesellschaft gibt es keine Hierarchien, kein Machtverhältnis – zumindest sieht es zunächst so aus. Zum 16. Geburtstag darf sich jeder und jede nach eigenen Vorstellungen schön und schlau operieren lassen, denn nur dadurch, so die bestechende Logik, werden die Privilegien der wenigen Naturschönen und -schlauen vermieden.
– Die Romane stecken voll großartiger High-Tech: Unter anderem gibt es Hoverboards, die Tally meisterlich beherrscht und auch mit Werkzeug manipuliert. Doch sie findet ihre Meisterin in der neuen Freundin Shay, die ihr eines Abends beim Ausbüchsen begegnet und die auch sonst einige eigene Idee hat. Auch High-Tech: Ein Loch in der Wand des eigenen Zimmers liefert alles, was man will – wieder als Gerechtigkeitsmaßnahme gedacht, denn wenn jede alles haben kann, gibt es keine Besitzhierarchien mehr.
– Durch Shay lernt Tally allerdings, dass es eine alternative Welt gibt und dass ihre eigene schöne Welt einen Preis hat.
– Besonders clever fand ich, dass die Geschichten keine schwarz-weiß-Gegensätze ermöglichen und keine einfachen Antworten liefern: Jeder Kampf gegen einen Missstand führt statt zu einem they lived happily ever after zu immer neuen Konflikten. Ich bin versucht zu beobachten: Wie im wirklichen Leben.
– Die Reihe ist wohl als Jugendbücher gedacht, gehört aber (aber? wieso aber?) zu dem besten, was ich 2013 gelesen habe. Mir ist völlig rätselhaft, warum Hunger Games mehr Erfolg hat.

8 – Friedrich Ani,Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels

9 – Michael Ondaatje, The Cat’s Table*

10 – Scott Westerfeld, Pretties*

11 – Neil Gaiman, The Sandman. Dream Country

12 – Scott Westerfeld, Specials

13 – Lisa Neun, Fresh Fish*

14 – Rolf Cyriax (Hrsg.), Essen & Trinken mit Kabarettisten

15 – Scott Westerfeld, Extras

(A.L. Kennedy, Day – abgebrochen wegen Hä? Der erste Kennedy, der leider völlig an mir vorbei geht.)

16 – Leanne Shapton, Swimming Studies*
Hier ausführlich besprochen.

17 – Neil Gaiman, The Sandman. The Doll’s House.*
Der Sandman-Band, der mir endlich den Zugang zu diesem Universum verschafft hat – und damit wohl auch zu Neil Gaiman.

(Stephen Fry, The Ode Less Travelled: Unlocking the Poet Within – abgebrochen, weil ich mich dann doch nicht genug für Lyrik interessiere.)

18 – Shappi Khorsandi, A Beginner’s Guide to Acting English

19 – Frank McCourt, Teacher Man*

20 – Marcelo Figueras, Sabine Giersberg (Übers.), Kamtschatka*
Hier ausführlich besprochen.

21 – Alison Bechdel, Fun Home*
Der graphic novel, der Bechdels Ruhm begründete. Sie schreibt und zeichnet darin ihre Familien- und Lebensgeschichte, sehr persönlich und mit immer wieder überraschenden Mitteln. Es geht um sexuelle Identität, um Erinnerung, vor allem innerhalb von Familien, um Suizid, um Trauer. Hat mich sehr mitgenommen.

22 – Granta 123, Best of Young British Novelists 4*

23 – John Steinbeck, Travels with Charley*

24 – Hilary Mantel, Wolf Hall

25 – Dave Eggers, A Heartbreaking Work of Staggering Genius

26 – Manuel Vázquez Montalbán, Bernhard Straub (Übers.), Die Rose von Alexandria

27 – Monika Scheele Knight, Tomorrow Can Wait. Exploring Europe With Our Autistic Child*
Eine weitere ungeschriebene ausführliche Besprechung, dabei habe ich dieses Buch sogar mitgecrowdfunded. Es war eine hervorragende Investition. Monika schreibt in Reisekapiteln über das Heranwachsen ihres autistischen Sohns und deckt dabei jeweils gut eingewoben Sachthemen ab: Von Forschungsstand über Ursachen von Autismus über Medikation und Medien bis zu persönlichen Entscheidungen über die Förderung ihres Sohnes. Klug und leidenschaftlich.

28 – Sue Reindke, Spam

29 – Neil Gaiman, The Sandman. Preludes & Nocturnes

(James Branch Cabell, Jurgen – Dieses Buch war dem Mitbewohner immer sehr wichtig. Nach den ersten 40 Seiten weiß ich zumindest, dass es eine ganz andere Art Buch ist als ich gedacht hatte. Dann erlöste mich der Mitbewohner zum Glück mit der Erlaubnis, dass ich es nicht fertiglesen müsse.)

30 – Dr. Josephine Chaos, Dann press doch selber, Frau Dokta, Hörbuch, gelesen von Annette Frier.

31 – Terry Pratchett, Nation

32 – Granta 124, Travel

33 – Bethan Roberts, My Policeman

34 – Nathanael West, Miss Lonelyhearts

35 – Martin Walser, Ehen in Philippsburg*
Endlich ein Walser, den ich nicht nur fertig las, sondern der mir auch noch ganz ausgezeichnet gefiel. Für eine atmosphärische Schilderung des Nachkriegsdeutschlands zu empfehlen, unter anderem wegen der Alltagsdetails. Nebenbei wird über den Untergang der westlichen Zivilisation durch das Fernsehen mit exakt denselben Argumenten diskutiert wie in den vergangenen Jahren über diesen Effekt des Internets.

36 – Alexander Görsdorf, Taube Nuss*
Hier ausführlich besprochen.

37 – Linda Castillo, Sworn Silence

38 – Henry James, Washington Square

39 – Stevan Paul, Katharina Seiser (Hrsg.), Deutschland vegetarisch

40 – Vanessa Giese, Da gewöhnze dich dran. Wie ich mein Herz an den Pott verlor*
Hier ausführlich besprochen.

41 – Kurt Vonnegut, Slaughterhouse 5*
Wiedergelesen, schon 2009 empfohlen.

42 – (Kazuo Ishiguro, When We Were Orphans)
Diesen Roman muss ich ausnahmeweise mal dissen, er ist richtig schlecht. Und das von einem Autor, der mit Remains of the Day ein Meisterwerk schuf und dessen An Artist of the Floating World und Never Let Me Go ich für sehr gut halte. When We Were Orphans besteht aus billigen Versatzstücken von Detektiv- und Spionagefiktion Ende des 19. Jahrhunderts, ohne dass ein Spiel mit ihnen erkennbar wäre, und springt geradezu lächerlich mit historischen Fakten um. Zwar ließe sich das mit einem Ishiguro-typischen sehr unreliable Erzähler erklären, doch dann wäre es in diesem Fall handwerklich unterirdisch gemacht.

43 – Jean-Yves Ferri, Didier Conrad, Klaus Jöken (Übers.), Asterix bei den Pikten*
Hier ausführlich besprochen.

44 – Neil Gaiman, The Sandman. Season of Mists

45 – Salman Rushdie, Joseph Anton*

46 – Charles Portis, True Grit

47 – Allie Brosh, Hyperbole and a Half*
Hier ausführlich besprochen.

48 – G. K. Chesterton, The Club of Queer Trades

49 – Teju Cole, Open City

50 – Nelleke Noordervliet, Hanni Ehlers (Übers.), Die Schatten von Pelican Bay

51 – Anne-Ev Ustorf, Wir Kinder der Kriegskinder

Wie es dazu kam, dass Am grünen Strand der Spree wieder aufgelegt wurde

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Scholz_Spree

Da war diese Bloggerin, die stellte in ihrem Blog einen Roman vor, den sie in ihrer Leserunde besprochen hatte. Sie fand den Roman großartig, beschrieb ihn ausführlich und äußerte ihr Bedauern, dass er schon lange vergriffen war. Ein Verleger hielt das für interessant genug, dass er den Roman las. Das Buch gefiel ihm so gut, dass er sich um die Lizenz dafür bemühte und es neu auflegte – mit dem Hinweis, ohne die Besprechung im Blog wäre er nie draufgekommen.

Eine schöne Geschichte über die Verbindung von Online- und Offline-Welt. Die ich erheblich unbefangener bejubeln könnte, wenn die Bloggerin nicht ich selbst wäre. Denn das oben ist die Kurzfassung, wie es dazu kam, dass Am grünen Strand der Spree von Hans Scholz jetzt wieder zu haben ist. Gebloggt hatte ich über den Roman hier. Eine Besprechung im Spiegel aus dem Jahr 1956 finden Sie hier.

Das eigentlich Interessante ist aber zum Glück der Roman und seine Geschichte. Verleger André Thiele war so freundlich, mir Zeit für ein ausführliches Gespräch zu schenken und einer völlig Fachfremden zu erklären, warum der einstige Bestseller (erschienen 1955, 1960 als Fernseh-Fünfteiler gesendet) so lange nicht zu haben war und warum das jetzt anders ist. Ich habe sehr viel über Büchermachen und Verlage gelernt, auch über Zukunftsperspektiven der Branche. In einer zweiten Geschichte werde ich über den VAT Verlag schreiben.

Wie kam es also überhaupt dazu, dass ein Bestseller, der immer noch nachgefragt und gelesen wurde, nicht mehr auf dem Markt war?
Ich erfuhr, dass das hauptsächlich an dem Verlag lag, der die Nutzungsrechte an Am grünen Strand der Spree hält: Hoffmann und Campe. Nach Einschätzung von André Thiele würde ein solch großer Verlag unter einer Auflage von 5000 ein Buch gar nicht herausbringen – doch ob dafür die Nachfrage reicht, sei fraglich. Außerdem passe das Buch wahrscheinlich nicht ins Verlagsprogramm, sondern würde eher Verwunderung auslösen: Findet Hoffmann und Campe keine neuen Autoren mehr?

Hier kommt ein kleiner Verlag wie der Mainzer VAT ins Spiel, für den die Wiederentdeckung eines früheren Literaturerfolgs ganz wunderbar ins Programm passt. Klar überlegte und recherchierte auch André Thiele, wie viele Menschen dieser Roman ansprechen könnte, wie viele Exemplare noch antiquarisch zu haben sind, wie viele Leute sich wohl noch an die Verfilmung erinnern. Und er kam zu dem Ergebnis, dass der Roman (Autor Hans Scholz nannte ihn „So gut wie ein Roman“) auch heute ein Publikum hat.

Die nächsten Schritte zur Wiederveröffentlichung eines vergriffenen Buchs, die André Thiele schilderte, erschienen mir dann überraschend einfach: Der interessierte Verlag wendet sich an den Inhaber der Nutzungsrechte (den Thiele in der jüngsten gebunden Ausgabe fand) und fragt nach einer Lizenz. In diesem Fall war das eben Hoffmann und Campe. Dort prüft die zuständige Abteilung, ob der Verlag tatsächlich die Rechte hat und wie der zugehörige Vertrag aussieht. Dann wird die Gebühr für die Lizenz einer Neuauflage verhandelt. All das, so André Thiele, ging bei Hoffmann und Campe sehr schnell und unkompliziert.

Etwas zäher wurde die Sache, als es ans tatsächliche Nachdrucken ging. Druckplatten gibt es für ein so lange vergriffenes Buch natürlich keine mehr, also musste es gescannt werden, der Scan bereinigt und Korrektur gelesen. Das, so André Thiele, erwies sich bei Am grünen Strand der Spree als unerwartet aufwendig: Das Korrektorat musste sehr viel nacharbeiten. Zunächst hatte er die Neuveröffentlichung für Sommer geplant, doch die zusätzlichen Korrekturen verzögerten den Druck bis jetzt.

Ich wollte wissen, ob er denn sicher sei, dass sich genügend Menschen für die Nachkriegszeit interessieren, um die es geht. Doch das ist nach André Thieles Meinung gar nicht das Hauptthema: Alle interessieren sich für die Gegenwart. Und nach seiner Überzeugung liefert gerade Am grünen Strand der Spree sehr viele Parallelen zur Gegenwart: Es gehe darin um die unruhigen Zeiten nach dem Krieg, um den Ost-West-Konflikt, in dem eine Nation sich damals selbst suchte – ähnlich wie sich heute Europa finden müsse und Deutschland seinen Platz in diesem europäischen Staatenbund.

Der Roman von Hans Scholz habe ihn wegen seines Realismus gefesselt: „Er schildert Dinge, die unabhängig vom Bewusstsein der Beteiligten stattgefunden haben.“ Scholz schreibe mit einer ungeheuren Klarheit über die Ereignisse und kausalen Zusammenhänge des Kriegs, die in dieser Zeit offensichtlich von weiten Teilen der Bevölkerung wahrgenommen wurden (sonst hätte der Roman nicht so viele Leser gefunden, wäre die Fernseh-Verfilmung nicht einer der ersten Straßenfeger des jungen deutschen Fernsehens geworden) – die dann aber schnell wieder vergessen oder verdrängt wurden. Thiele spricht voll Bewunderung von Scholz’ „Offenheit, mit der er klarstellt, dass auch der kleine Soldat wusste, was los war“. Das belegt seiner Ansicht nach, dass eben nicht erst die 68er diese schuldreiche Episode der deutschen Geschichte beleuchteten, sondern dass es schon vorher eine Phase der Klarheit gegeben hatte. Doch der Verleger verweist auch auf einen eklatanten Irrtum des Romans: Heute weiß man, dass die Unterscheidung in gute Wehrmacht und böse SS nicht haltbar ist.

Parallelen zur Gegenwart sieht André Thiele in weiteren Details: Den gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch der 50er schildert der Roman an vielen Ausschnitten des Alltags, nicht mit großen politischen Ausführungen. Auch heute sei zu beobachten, dass die tatsächlichen gesellschaftliche Veränderungen eher im Kleinen zu belegen sind. So verbreite sich die Weigerung, viele Missstände weiter hinzunehmen, doch das werde in einer kleinen Bar besprochen, nicht auf der großen Bühne – wie eben in Am grünen Strand der Spree im Jockey-Club.

Ob sich nun tatsächlich Leserinnen finden für den Roman, kann Thiele natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen: „Verlegerei ist eine Form des Glücksspiels.“
Was er genauer damit meint, und warum ihm am liebsten ist, wenn die Bücher aus seinem Programm über die verlagseigene Website gekauft werden (*hint* *hint*) erzähle ich in einem eigenen Post.