Bücher

Journal Freitag, 27. März 2015 – Kobelbau

Samstag, 28. März 2015

Morgens gesehen, dass ein Eichhörnchen in einer großen, multiplen Astgabel der Kastanie vorm Balkon einen Kobel baut. Zucken beim Anblick abgebissener frischer Zweige mit dicken Knospen dran.

§

Nachtrag vom Vorabend: Eine bezaubernde (und leicht meschuggene) Bloggerin hat mir etwas aus New York mitgebracht und geschenkt. Danke, Nina, stay meschuggene!

150326_Central_Perk_7

§

Ich Techniktagebuch einen über die Woche geschriebenen Text über die 1987er-Technik des Privatradios veröffentlicht, in dem ich einen Teil meines Volontariats verbrachte:
„12.08.1987 – Von Bändern und Reglern: Radio IN“.

Ich hatte einige Details meiner Erinnerungen faktisch verifizieren wollten und festgestellt, dass das gar nicht einfach ist: Dazu steht kaum etwas oder kaum etwas Zuverlässiges im Web. Zum Beispiel Daten zum Kabelfernsehen. Ich war mir sehr sicher, dass meine Eltern 1984 beim Bezug ihres Reihenhäusls Kabelfernsehen hatten – und dass es hieß, Ingolstadt sei ein Pilotgebiet dafür. Im zugehörigen Wikipediaeintrag keine Spur davon. Genauso wenig über die Anschlüsse in Köln, von denen ein anderer Techniktagebuchautor berichtet, Thomas Jungbluth. Auch meine Erinnerungen an die Anfänge von Radio IN ließen sich nicht durch Internetrecherche verifizieren; sollte irgendjemand Korrekturen oder Ergänzungen dazu haben, würde ich mich sehr über Zusendungen per E-Mail oder in den Kommentaren freuen.

§

Seit Monaten twittert er darüber: @HerdyShepherd1, der twitternde Schafhirte im Lake District, hat die Anonymität aufgegeben und ein Buch veröffentlicht. Ich werde es mir wohl während des anstehenden Brighton-Urlaubs kaufen (auf Papier, denn es enthält viele Bilder, die mein ältlicher E-Reader nicht anzeigen kann). Vor zwei Wochen twitterte er auch live den 10-köpfigen Wurf seiner Hündin Floss.

Bei all dem insistiert James Rebanks auf seinem Hauptanliegen: Die Öffentlichkeit für die traditionelle Bewirtschaftung des Lake Districts zu sensibilisieren. Sein Mantra: „Buy local!“ Eine schöne Geschichte über ihn und sein Buch im Guardian:

„James Rebanks, Twitter’s favourite shepherd: ‘Sheep farming is another form of culture, just like Picasso or punk’“.

“I’m a farm lad who grew up admiring my grandfather and my father and the way they farmed here,” he explains, “and the book’s about realising that for most people, the Lake District isn’t about them. It’s about Wainwright and Wordsworth and walking and beautiful lakes. As I grew up, I found that annoying – that we’re invisible in our own landscape – and the book is a kickback against that.”

https://youtu.be/aKPpv9rA5Uk

Journal Sonntag, 22. März 2015 – Auslandsreporterin

Montag, 23. März 2015

Also dann heute gelaufen, statt in gestriger sonniger Milde in nebliger Kälte – zumindest regnete es nicht. Die Waden zickten lediglich in der letzten Viertelstunde ein bisschen.

§

Und dann gibt es Bewerbungen, die richtig Spaß machen. Auch die finden mich vermutlich zu alt und überqualifiziert, doch nur wer mitspielt, kann gewinnen, und ich hatte ein bisschen Spaß.

§

Die Italo Svevo-Geschichten für die Leserunde heute Abend fertig gelesen. Ganz besonders und sehr schön, vor allem die Titelgeschichte „Ein gelungener Streich“.

§

Zum ersten Mal war ich froh über die Höhe des Bügelbergs. Das Bügeln dauerte dadurch nämlich lang genug, dieses großartige Interview anzuhören:

Leitmotiv 020: Über gute und schlechte Krisen, nicht gepackte Koffer und eine Tonne Puder – mit Nicole Diekmann

Für Folge 20 habe ich Nicole Diekmann besucht. Nicole ist Auslandsreporterin und eine der drei Poolreporter des ZDF. Sie berichtet weltweit vor Ort aus Krisengebieten – gefährlichen, wie auch schönen. Wir reden über nicht gepackte Koffer, unbequeme Hotelkopfkissen, JournalistInnen-Training bei der Bundeswehr, zu-Hause-Gefühl in TV-Serien, Frau sein als Krisenreporterin, Lokaljournalismus und Diskussionskultur im Netz.

Frau Bruellen, dasnuf und Anke Gröner kommen auch drin vor! (Im letzten Drittel.)

Jetzt weiß ich fast alles, was ich immer schon über Nicole Diekmanns Job wissen wollte. (Fast, weil ich noch ein paar Details zur Ausbildung und Technik gefragt hätte, zum Beispiel: Bekam Frau Diekmann eine Sprecherinnenausbildung? Lernt man das Vor-der-Kamera-Stehen? Das Schneiden der Beiträge? Wie funktioniert das Aufbereiten des Materials für die Ausstrahlung? Hat man das Equipment dabei, wenn es kein Büro vor Ort gibt? Oder wird das lokal gemietet?)

§

Zum Nachtmahl bereitete der bayerische Schwabe an meiner Seite Allgäuer Krautkrapfen – ausgesprochen köstlich.

150322_Krautkrapfen_1

Danach lief neben Internetlesen der neue Berlin-Tatort, vor allem wegen Meret Becker. Joah, tatsächlich viel Berlin drin.
Nachtrag: Festhalten möchte ich unbedingt, dass Wolfgang Herrndorfs Tschick eine Rolle spielte, in Bild und Wort.

§

Sibylle Berg spielt mal durch, wie es wäre, wenn Tischler wie ihre Handwerkerkollegen Schrifteller redeten:
„Künstlersprache: Denn ich bin nur ein Mann des Holzes“.

§

Bei den Vereinten Nationen gibt es eine »Fachkommission für die rechtliche Stellung der Frau«, die »United Nations Commission on the Status of Women« (CSW). Sie existiert seit 1946 und gehört zum Wirtschafts- und Sozialrat der Uno, einem der sechs UN-Hauptorgane (zu denen beispielsweise auch die Generalversammlung, der Sicherheitsrat und der Internationale Gerichtshof zählen).

In der diesjährigen Resolution dieser Kommission wurde genau ein Staat wegen der Verletzung von Frauenrechten verurteilen. Raten Sie ruhig mal ein bisschen, dann klicken Sie bitte auf
„Frauenrechte à la Uno“.

Journal Mittwoch, 18. März 2015 – Essen drinnen oder draußen

Donnerstag, 19. März 2015

Ein Tag mit ungeheurem Spannungsbogen: Herr Kaltmamsell hatte Dienstagnachmittag entdeckt, dass auch der Schnitzelgarten bereits eingedeckt hatte. So beschlossen wird, das Mittwochsabendessen dort einzunehmen, sollte es auch nur halbwegs warm genug sein. Die Entscheidung sollte kurzfristig fallen.

Ich verbrachte den sonnigen Bürotag also mit der ständigen Frage im Hinterkopf, ob dies der Tag der Schnitzelgartensaisoneröffnung würde oder nicht.

Nach Feierabend beschlossen wir: Jawohl, Schnitzelgarten. Und banden uns Schals um.
Doch, ach: Der Schnitzelgarten war weniger optimistisch als wir und nicht geöffnet.

Es wurde also statt dessen eine Pizza Parmigiana im Viva Maria.

150318_Viva_Maria_2

§

Altphilologin Mary Beard ist auf eine ihr unbekannte Grabinschrift gestoßen, die ihr Rätsel aufgibt: Augenscheinlich für ein Schwein. Aber ist sie das wirklich?
„The pig’s epitaph“.

If it is a spoof, like Testamentum Porcelli and of that genre, then it is a very expensive one, all reasonably inscribed with a not-bottom-of-the-range bit of relief sculpture. But does it make any sense to be „real“? There are several examples in the ancient anthologies of funerary epigrams for animals, including the one on Hadrian’s horse Borysthenes

§

„Er ging durch sein trauriges Leben, stets begleitet von einem Gefühl der Zufriedenheit.“
Italo Svevo, Barbara Kleiner (Übers.), „Ein gelungener Streich“.

Den Svevo links in der Leiste lese ich gerade sehr gerne, wünschte, ich hätte mehr Zeit dafür.

Journal Donnerstag, 19. Februar 2015 – Lesenreden mit Pizza

Freitag, 20. Februar 2015

Morgens Bloggen statt Sport, zudem Pizzateig für die abendliche Leserunde bei mir angesetzt.

Bereits am Vormittag lichtete sich der kalte Hochnebel zu einem sonnigen, wenn auch weiterhin recht frischen Tag. Die Schneeinseln auf Straßen und Wiesen schmelzen nur zentimeterweise.

Abendliche Leserunde zu Uhlys Königreich der Dämmerung. Wir mochten den Roman, waren uns einig, dass Uhly fast alle Fallen vermieden hat, die das Thema Fiktionalisierung von Judenverfolgung und Nachkriegszeit aufstellt. Mir gefielen die sperrige Erzählstruktur, die die Aufmerksamkeit aufrecht erhält (Kapitel setzen immer wieder überraschend neu an, Erzählstränge wechseln ab, aber nicht unbedingt auf derselben Zeitebene), der historische Hintergrund (wenn auch in seiner Detailverliebtheit manchmal an Wikipedialiteratur grenzend), das Erbarmen für alle Figuren. Lediglich die Pathologisierung des SS-Monsters stieß mir auf: Der Nazihorror wurde eben nicht von Psychopathen ermöglicht, sondern von ganz normalen Spießern und Spießerinnen.

Den Mitlesenden war das Buch zu lang. Obwohl auch ich fand, dass die abschließende Berlinepisode gut streichbar gewesen wäre, stimmte ich nicht zu. Leseempfehlung.

(Beim Pizzaservieren passierte mir zum ersten Mal, dass ein Gast an Gluten erkrankt war und ihr Teller leer blieb. Ich konnte nur rasch ein Schälchen Nüsse füllen. Ich merke mir: Künftig immer etwas ohne Gluten und Laktose bereit halten. Fleischlose Alternativen verstehen sich ja inzwischen von selbst.)

§

Fotos von Kühen am Strand.
„Portraits of South African cows on the daily pilgrimage to the beach“.

Ich misstraue zwar den 19. Jahrhundert-Tropenhelm-Anklängen von „Rimmer, who spent his youth in the Eastern Cape, explains that the Xhosa people have a deeply felt spiritual reverence for their cattle“, aber wenn man dasselbe von bayerischen Almerinnen sagen darf (that the Allgäu people have a deeply felt spiritual reverence for their cattle), und dabei die mir so vertrauten Bilder Kuh auf Almwiese sowie Almabtrieb vor Augen hat, geht’s wieder.

via @TravellerSam

§

Viele wundervolle Fotos und ein Bericht von „Schneechaos in Istanbul“.

An Tagen wie heute wirkt das alte Istanbul plötzlich wieder wie hingezaubert an all die mystischen Orte, die wir von tausend Schwarzweißfotos kennen.

Bücher 2014

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Das war dann wohl das Jahr, in dem ich die wenigsten Bücher gelesen habe, seit ich lesen kann. Ich bin immer noch nicht draufgekommen warum.

Dies sind die Bücher, die ich ausgelesen habe, das ist schon mal ein Lob. Empfehlungen habe ich mit * markiert.

1 – Ian MacEwan, Sweet Tooth

2 – Barbara Vine, The Child’s Child

3 – Kressmann Taylor, Address Unknown

4 – Kate Chisholm, Fanny Burney: Her Life

5 – Meir Shalev, Ruth Achlama (Übers.), Im Haus der Großen Frau*
Viel Israel, indirekt aus der Gründungsphase, direkt bis heute. Seltsame Menschen, kindlicher Blick, zu einem nahegehenden Ganzen zusammengefügt.

6 – Granta 126, Do you remember

7 – Antoine Wilson, Panorama City

8 – Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit

9 – Haruki Murakami, Ursula Gräfe (Übers.), Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

10 – Lauren Beukes, Zoo City*
Auf angenehme Weise nicht-realistisch erzählt: In einem dystopischen Johannesburg bekommen Straftäter ein Tier zur Begleitung, mit dem sie einen Weg des Zusammenlebens finden müssen, das sie auch sofort als verurteilte Straftäter sichtbar macht. Hauptfigur Zizi ist ehemalige Journalistin, lebt zum Teil von ihrer Begabung, verlorene Dinge zu finden, zum Teil von Nigeria-Spam. Und sie hat ein Faultier am Hacken, weil sie den Tod ihres Bruders verursacht hat. Der Tonfall ist ziemlich hard boiled.

11 – Granta 125, After the War

12 – Batya Gur, Barbara Linner (Übers.), Denn die Seele ist in deiner Hand

13 – Granta 127, Japan

14 – Almudena Grandes, Roberto de Hollanda (Übers.), Das gefrorene Herz*
Habe ich hier ausführlich besprochen.

15 – Saša Stanišić, Vor dem Fest
(Ich weiß nicht, was mit mir nicht stimmt: Fand ich lediglich gut gemacht und interessant, keineswegs überragend.)

16 – Robert Seethaler, Der Trafikant

17 – Ronald Blythe, Akenfield*
Meine Empfehlung habe ich hier ausgeführt.

18 – Daniela Schreiter, Schattenspringer*
Daniela macht in Form einer auch heiteren Graphic Novel ein wenig nachvollziehbar, wie ein Mädchen mit Asperger-Syndrom aufwächst.

19 – Michael Chabon, The Amazing Adventures of Kavalier & Clay*
Fette und vielschichtige Geschichte um zwei junge Männer, Kusins aus Prag, im New York des Golden Age der Superheldencomics. Josef Kavalier ist gerade auf verschlungenen Wegen der Judenverfolgung in Europa entkommen, Sam Clay versucht schon seit einiger Zeit, ins Comicgeschäft einzusteigen. Wir haben gerissene Verleger, verzweifelte Ambitionen, Illusionskünstler, den Golem, Geldmangel, vor allem aber immer neue Superhelden mit immer neuen Abenteuern in immer neuen Zeichenstilen, alles in Wörtern erzählt: Michael Chabon schafft es, für eine Zeit, die eine unübersehbare Vielfalt an Comichelden hervorbrachte, ein paar weitere zu erfinden. Großartige Charaktere, fesselnder historischer Hintergrund, nicht nur für Comicfans. Wenn Chabon eine der vielen parallelen Handlungen weggelassen hätte (z.B. die Armeedetails), wäre der Roman perfekt.

20 – Tom Drury, The End of Vandalism

21 – Doris Lessing, The Summer Before the Dark*
Mein Favorit des Jahres, wenn auch schon recht alt (von 1973). Selbst mein Exemplar stand bereits 20 Jahre ungelesen im Regal, ich hatte es mir aus dem Stapel ausgemisteter Bücher einer Unikollegin genommen.

A woman stood on her back step, arms folded, waiting.
Thinking? She would not have said so. She was trying to catch hold of something, or to lay it bare so that she could look and define; for some time now she had been „trying on“ ideas like so many dresses off a rack. She was letting words and phrases as worn as nursery rhymes slide through her tongue: for towards the crucial experiences custom allots certain attitudes, and they are pretty stereotyped. Ah yes, first love! … Growing up is bound to be painful! … My first child, you know … But I was in love! … Marriage is a compromise … I am not as young as I once was. Of course the choice of one rather than another of these time-honoured phrases has seldom to do with a personal feeling, but more likely your social setting, or the people you are with on an occasion.

Schon beim Lesen der ersten Sätze ging mir das Herz auf: Was konnte Lessing aber auch schreiben! Kate, eine gebildete Hausfrau Mitte 40, deren vier Kinder bereits groß sind, steht unvermutet vor einem Sommer für sich allein. Sie gibt dem Drängen ihres Manns nach, als Übersetzerin bei den Vereinten Nationen einzuspringen, wird dort schnell unersetzlich, übernimmt Managementaufgaben, es ergeben sich weitere Jobs und berufliche Reisen. Der Roman ist personal und streng aus dem Bewusstsein der Hauptperson erzählt, seine Faszination lebt von ihrer Sicht. Und diese ist nüchtern, lakonisch und offen zu gleich: Kate lässt sich in diesen Monaten in eine ganze Reihe alternativer Existenzen gleiten, testet sich in unterschiedlichsten Umgebungen aus. Doch nie werden explizite Schlüsse daraus gezogen, und auch die Ausgestaltung des Endes bleibt der Leserin überlassen.

22 – Donna Tartt, The Goldfinch*
Meine Begeisterung über den Roman und meinen Ärger über das Ende habe ich hier präzisiert.

23 – Pia Ziefle, Länger als sonst ist nicht für immer*
Auch Pias zweiten Roman habe ich sehr genossen. Ich las gespannt entlang der beiden großen Erzählstränge um Ira und die Bäckerin Evi, um Lew auf der Suche nach den Eltern, die ihn und seinen Bruder als Kind einfach im Stich ließen. Leise erzählt, mit einer sanften Heiterkeit, hinter der Schmerz liegt. Ich nahm mir viel mit aus dem Roman um die Liebe in Familien, die Wärme und Sicherheit bietet, aber auch eine Last sein kann. Um die Unmöglichkeit, diese Wurzeln schadlos zu kappen.
Und der Zuckerkuchen, den Pia ihrem Geschenk beilegte, war wirklich köstlich, großen Dank von Herzen für Buch und Gebäck.

24 – Granta 128, American Wild

25 – Harry Mulisch, Martina den Hertog-Vogt (Übers.), Die Entdeckung des Himmels*
Endlich mal Mulisch gelesen, vor Begeisterung gleich mal weitere auf meine Wunschliste gesetzt.
Ich mochte die beiden sperrigen Hauptfiguren, die innige Freundschaft zwischen den beiden Männern, die wahnwitzigen Geschichten über den halben Erdball, die sich von den 60ern bis zu den 80ern des 20. Jahrhunderts spannen. Gesellschaftliche und politische Entwicklungen in den Niederlanden und dem Rest der Welt bilden den Hintergrund der Handlung und beeinflussen ihn.

26 – Art Spiegelman, In the Shadow of no Towers

27 – Abasse Ndione, Margret Millischer (Übers.), Die Piroge

28 – Anne Wizorek, Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute*
Ausführlich hier besprochen.

29 – Laura Waco, Von Zuhause wird nichts erzählt*
Eine echte Entdeckung, angestoßen durch eine Mitleserin meines kleines Lesezirkels: Sie hatte die Verfilmung von Michael Verhoeven gesehen und las danach das Buch noch einmal.
Dieses Genre der künstlerischen Non-Fiction finde ich ohnehin hochspannend, es vermittelt in seiner Mischung aus Fakten und subjektiver Darstellung eine besondere Tiefe an Information, die ich auch an Blogs schätze.
Laura Waco erzählt eben doch von Zuhause, nämlich von dem Zuhause ihrer Kindheit: Ihre jüdischen Eltern hatten das Konzentrationslager überlebt, ließen sich erst in Freising bei München und dann in München selbst nieder. Aus unreflektierter, kindlicher Perspektive zeichnet Waco eine Welt, die mir neu war: Nicht sehr gebildete Überlebende der Shoa, schwankend zwischen Heimatverwurzelung, Abgrenzung, Auswanderungsplänen. Sehr bekannt war mir allerdings aus Erzählungen meiner Eltern das damalige Eltern-Kind-Verhältnis, geprägt von Willkür und Abwehr.
Diese Besprechung des Buches im Spiegel gefiel mir sehr.

30 – Granta 129, Fate

31 – Wolf Haas, Brennerova

32 – Christoph Ransmayr, Die letzte Welt

33 – Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur*
Auch wenn ich seinerzeit das Blog in Echtzeit las, war ich vom Buch gefangen und mitgenommen.

Journal Dienstag, 23. Dezember 2014 – Aufsetzen

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Sehr unruhige Nacht, vermutlich wegen Ersteinsatz Knirschschiene, sehr früh und benommen aufgewacht – und mich richtig gefreut, dass ich ins Krafttraining gehen konnte.

Am 23.12. um 7.30 Uhr immer noch acht Teilnehmerinnen, eine regelmäßige Mitturnerin hatte ihre urlaubende Zwillingsschwester dabei und erregte Aufsehen. Mich nochmal vom Vorturner liebevoll anpöbeln lassen, weil ich den letzten der drei Liegestütz-Blöcke mit Kniehilfe absolvierte.

Einkauf bei Verdi: So groß und vielfältig hatte ich das Angebot an Fisch und Fleisch noch nie gesehen. Bereits kurz nach neun standen Schlangen an den Theken. Gut, dass es auch den Pulpo von meiner Einkaufsliste gab, Beratung war nämlich vorübergehend aus: Die Kundin vor mir wollte nach ersten Bestellungen wissen: „Und dann hatten Sie dann mal so einen Fisch, der so aussah wie dieser, nur kleiner – ist das derselbe?“ Antwort des Herren hinter der Theke: „Keine Ahnung. Ich helfe nur aus, der Meister ist gerade beim Frühstück.“ Nicht dass ich bei dem großen Andrang eine Unterrichtstunde eingefordert hätte, aber da lagen wirklich spannende Fische auf Eis, die mir höchstens von Tierdokus bekannt vorkamen.

Am Fleisch hätte ich mich blöd kaufen können: U.a. Rinder-, Lamm, und Kalbsinnereien aller Art, Ochenschwanz, Kalbsbeinscheiben, Rinderbeinscheiben, sensationell gemusterte und dunkel abgehangene T-Bone-Steaks. Doch ich hielt mich an meinen Einkaufszettel und kaufte nur die Rindskutteln und Hohe Rippe für Suppe.

Daheim Kutteln aufgesetzt (mein Rezept für Kutteln römischer Art wollte, dass ich sie fünf Stunden mit ein wenig Wurzelgemüse in viel Salzwasser koche), gefrühstückt.

Nächstes Aufsetzen: Ein neuer Laptop, im Techniktagebuch beschrieben.
Der alte Rechner musste wirklich dringend ersetzt werden, er war mittlerweile so langsam, dass ich das Ladewindradl (Apples Pendant zur Sanduhr) bei praktisch jedem Schritt sah.

Bis ich allerdings all die Funktionen und Programme, mit denen mir Apple ungefragt helfen möchte und mir noch mehr Daten als ohnehin schon aus der Hand nimmt, gefunden und gelöscht habe, wird es noch einige Zeit dauern (iphoto habe ich schon mal rausgerupft).

Zuletzt setzte ich den Pulpo auf, nach der bewährten Methode: Topf Wasser zum Kochen bringen, Tintenfisch rein, Herdplatte ausschalten, drei Stunden warten. Ich richtete ihn mit Knoblauchscheibchen, grüner Spitzpaprika, Petersilie, Paprika (edelsüß und ein wenig de la vera scharf) und viel Olivenöl lauwarm an – köstlich (die Datteltomaten mussten weg).

141223_Pulpo

Dazu gab’s zwei aufgezeichnete Folgen Tatortreiniger.

§

„In den Tiefen der Blogs“ heißt eine Textsammlung, die Edition Barnimkante gestern als e-book veröffentlichte. Blogtexte, die nicht nur in Blogs gelesen werden sollen. Vielen Dank an Jana und Volker für Idee und Mühen.
Zwei Texte von mir sind auch dabei, vielleicht möchten Sie sich das Buch herunterladen – kost‘ nix!

Journal Samstag, 1. November 2014 – Schwimmen und Lesen

Sonntag, 2. November 2014

Papierlektüre zum Morgenkaffee. Das jüngste SZ-Magazin hatte ein Philipp-Lahm-Interview zum Titelthema gemacht. Ja, ich weiß, dass das ein berühmter deutscher Fußballspieler ist, das gehört zur Allgemeinbildung. Obwohl mich das Thema überhaupt nicht interessierte, las ich rein: Gut gemachte Geschichten zeichnen sich ja dadurch aus, mich für ein Thema zu interessieren. Bis zur Hälfte drangeblieben bin ich allerdings aus Faszination an den spektakulär bescheuerten Fragen:

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Länderspiel in Februar 2004 gegen Kroatien? Ihre erste Ballberührung in der Nationalmannschaft war ein Fehlpass.
(…)
Versuchen Fußballspieler, sich vor jedem Spiel eine perfekte oder besonders schöne Spielsituation in Gedächtnis zu rufen, um sich so wie beim autogenen Training aufzubauen?
(…)
Bei der EM 2012 hat Bastian Schweinsteiger1 bemängelt, nicht alle Ersatzspieler hätten mitgefiebert. Spricht so etwas der Kapitän an oder macht das der Trainer?

Wenn das rauskommt, wenn man Fußballkundige Interviews mit Fußballstars führen lässt, bitte ich fürs nächste Mal um so fußballferne Interviewende wie möglich. (Meine Kontaktdaten stehen hier.)

§

141101_Schwimmzeug

Das Wetter war so wundervoll, dass ich meine geplante Schwimmrunde nicht im Drinnen drehen wollte. Die Freibäder sind natürlich schon lange geschlossen, doch München bietet ja den Luxus eines Winterfreibads, sogar mit 50-Meter-Becken: Das Dantebad. Gestern war mir das die 7,80 Euro Eintrittsgeld wert. Da das Buch von Laura Waco, das ist zuletzt las, zum größten Teil in exakt dieser Gegend spielt (Borstei, Dantebad), hatte ich eh in letzter Zeit oft daran gedacht.

Das Hinradeln war wundervoll, doch dann folgten 75 Minuten Kampfschwimmen. Das Dantebad widmet eine seiner drei Schwimmerbahnen den Rückenschwimmern, also hatte ich angenommen, die anderen beiden Bahnen seien frei von Rückenschwimmerinnen. Irrtum: 50 Prozent schwammen Rücken, außerdem war ständig Schwimmspielzeug im Einsatz. Ein scharfkantiges Handpaddel auf der Nachbarbahn schrammte mir einen roten Striemen in den Oberschenkel.

§

Im sonnigen Wohnzimmer Laura Waco, Von Zuhause wird nichts erzählt für meine Leserunde fertig gelesen.

§

Schaufensterbummel zur blauen Stunde durch die Sendlinger Straße und die Theatinerstraße – alle paar Jahre habe ich Lust darauf. Aber eben nur alle paar Jahre, und so kenne ich die Shoppinggegend östlich von meiner Wohnung wenig. Ich sah Geschäfte ihre Schließung ankündigen, von deren Existenz ich nicht mal wusste, obwohl ich nur 500 Meter entfernt wohne.

Die Touristen saßen auch bei Dunkelheit noch tapfer in den Straßencafés auf dem Marienplatz und der Theatinerstraße.

Dass so viele Menschen vor dem geschlossenen Apple Schtore rumlungerten – stehend, auf dem Boden sitzend oder kauernd – und mit ihren Smartphone beschäftigt waren: Gibt’s da ein offenes W-LAN? (Ich war ohne Telefon unterwegs und konnte nicht nachsehen.)

§

Mir ist schon klar, dass vier Tage Strohsingleleben sich nicht mit dauerhaftem Alleinleben vergleichen lassen. Aber die Erklärung fürs Niekochen „ach, für mich allein habe ich keine Lust“ fällt mir schon schwer zu verstehen. Vielleicht liegt der Unterschied in der großen Freude, die mir ganz persönlich gutes Essen bereitet? Und die Niekocherinnen nicht kennen?

Zum Nachschwimmfrühstück bereitete ich mir Guacamole zu (beim Verdi war ich an einer reifen Avocado vorbeigekommen), dazu gab’s das letzte Eck des Mittwoch aufgetauten Viertels Frankenlaib von letztem Sonntag, außerdem Kaymak (also streichfähige Sahne, gerne verglichen mit clotted cream) mit Apfelmarmelade. Der Kaymak von Gazi enthält allerlei Stabilisatoren, kennt jemand einen Hersteller, der darauf verzichtet?

Und zum Abendbrot schnippelte ich mir Ofengemüse, dazu Couscous und Feta. Die zweite Hälfte nehme ich mir Montag als Brotzeit mit in die Arbeit.

141101_Nachtmahl

Allerdings gebe ich zu: Lebte ich dauerhaft allein, probierte ich wahrscheinlich seltener neue Rezepte aus. Und lernte dadurch weniger dazu.

§

Zum Ofengemüse gab’s Tagesschau und den Schrecken, Recht gehabt zu haben:
Letzte Woche hatte ich dem wehrlosen Werkstudenten (natürlich kann ich mir auch als Sekretärin nicht die PR-Kriegsgeschichten verkneifen) Vorträge über die möglichen Auswirkungen des Veranstaltungstitels „Hooligans gegen Salafisten“ gehalten: Auch wenn an den Krawallen und Attacken vergangenes Wochenende kein Salafist weit und breit beteiligt war, würde es irgendwann heißen, es habe sich um Gewalt zwischen Rechten und Salafisten gehandelt.

Dass das so schnell passieren würde, hätte ich nicht prognostiziert.
Schon gestern zitierte die 20-Uhr-Tagesschau in einem Beitrag über Bundespräsident Gauck eben diesen Herrn in indirekter Rede, er sei besorgt über „Straßenschlachten zwischen Salafisten und Hooligans“. Da waren keine Salafisten!

§

Bizarritäten: HilliKnixibix twitterte

Capture

Und schlagartig fiel mir ein, wie ich vor längerer Zeit in der Umkleide des Olympiabads beim Haarefönen ein kleines, unauffälliges Fotoshooting beobachtet hatte und noch dachte: „Wenn’s nicht extrem unwahrscheinlich wäre, hielte ich die abgelichtete Dame für Frau Almsick.“ Sie war’s wohl tatsächlich.

§

Am Fernsehprogramm hängen geblieben, weil Pro7 überraschend Alice in Wonderland von Tim Burton zeigte und ich den endlich nachholen konnte. Gefiel mir, enttäuscht war ich allerdings von der Musik: Danny Elfman hatte wohl keine Lust und klaute lediglich ein bisschen von sich selbst.

§

Die New York Times portraitiert Menschen, die in einer Ebola-Station in Liberia arbeiten. Heldentum ist ein belasteter Begriff, hier aber vielleicht doch mal angebracht.
„Braving Ebola. Portraits of those who labor and those who survived at an Ebola treatment center in rural Liberia.“

  1. Ja, ich weiß, dass auch dieser ein berühmter deutscher Fußballspieler ist. []