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Journal Freitag/Samstag, 15./16. April 2016 – Theresienwiesenflohmarkt

Sonntag, 17. April 2016

Auf Freitag sauschlecht geschlafen, statt Frühsport eine halbe Stunde Schlaf drangehängt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt bei Weckerklingeln den Wecker verstellt habe um weiterzusschlafen.

Mittags hatte ich mich in einem nur Schaufenster-großen neuen kleinen Café mit einer Kollegin zum Essen verabredet. Ich aß ein Stück Quiche, viel aufregender aber war die Lavendellimo (Cucumis) dazu: Die kann ich mir ausgezeichnet mit Gin als Longdrink vorstellen.

Abends traf sich meine kleine Leserunde. Wir sprachen über Tim O’Brien, July, July, die Geschichte einer College-Abschlussklasse Jahrgang 1969, die sich 2000 wiedertrifft. Ich mochte das Buch nicht, die Figuren und Lebensgeschichten kamen mir vor wie stereotype Versatzstücke aus Hollywoodfilmen, nicht wie echte Menschen. Das wurde nicht dadurch gerettet, dass 1969 und 2000 kapitelweise abwechseln und zum Schluss nochmal ganz große nicht-realistische Erzählgeschütze aufgefahren werden. Das letzte Drittel hatte ich eher überblätternd gelesen.

§

Für Samstag war der Wecker gestellt: Theresienwiesenflohmarkt. Die ersten Platzreservierer hatte ich schon am Donnerstag auf meinem Arbeitsweg gesehen, beim Heimweg am Freitagabend war der Flohmarkt bereits zu 40 Prozent aufgebaut.

Samstagmorgen hatte ich eigentlich keine Lust (seit ein paar Tagen Schatten auf der Seele), doch ich hatte bestimmte unaufschiebbare Einkäufe dort geplant. Entgegen der Wettervorhersage war es sonnig, und tatsächlich fand ich auch etwas, sogar mehr, als ich erhofft hatte. Unter anderem schoss ich ein Schnäppchen an Sechziger-Abendkleid in ganz hellem Aqua – das sich daheim auch noch als wie angegossen passend erwies (= keine Ausgaben für die Änderungsschneiderei).

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Allerdings brauche ich dazu dringend Schmuck fürs Handgelenk – den ich ich nie trage, weil mich Gebämsel am Handknöchel wahnsinnig macht -, ein Armband, optimalerweise mit Amethysten. Und ein bis drei Runden im Solarium, damit meine nackten Arme perfekt dazu passen. Ein passendes Diadem würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen, aber die bekommt man bekanntlich vererbt und dafür habe ich mir entschieden die falschen Vorfahren ausgesucht. Ein Foto des Gesamtoutfits gibts zu einem Anlass Ende April. Zum Glück habe ich nämlich überhaupt kein Problem damit, komplett overdressed zu Anlässen zu erscheinen, solange es bequem ist.

Überrascht war ich, dass weniger Stände den Flohmarkt bildeten als in den Jahren davor.

160416_02_Theresienwiesenflohmarkt

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Herr Kaltmamsell (dem ich geschafft hatte zu sagen, dass gerade alles sehr traurig ist, Morgensonne und Frühling hin oder her) passte auf mich auf, übernahm die Einkäufe und schickte mich zum Schwimmen. Eigentlich ist ja das Ritual, dass wir nach dem Theresienwiesenflohmarkt auf dem Frühlingsfest eine Bratwurst frühstücken.

Auf dem Weg zum Schwimmen füllte ich Kaffeevorräte auf (und freute mich auf die Aussicht, dass das nächste Vorratauffüllen in Brighton stattfinden wird). Schwimmen im Olympiabad war erst anstrengend, dann aber immer besser. Derzeit plagen mich ja böse Hüftschmerzen, die diesmal die Knie gleich mitnehmen. Schwimmen war erstaunlich gut dagegen. Ein wenig Abschied vom Olympiabad genommen, im Mai schließt es erst mal für Renovierungen – dachte ich, doch beim Gegencheck stellte ich fest, dass der Schwimmbetrieb schon nach drei Wochen Schließung wieder aufgenommen wird.

Daheim Frühstück und Siesta.

Ich hatte noch gemahlenen Mohn aufzubrauchen und wollte ihn mit Äpfeln kombinieren: Dieses Rezept stellte sich als ideal heraus. (Leider kann ich seit einiger Zeit nicht mehr auf Blogspot-Blogs kommentieren, mit keiner der angebotenen Methoden, sonst hätte ich mich vor Ort bedankt.) Statt weit importiertem Rohrzucker nehme ich allerdings immer heimischen Rübenzucker. Schließlich kenne ich aus meiner Kindheit in einer Zuckerrübengegend noch die eigenen Schienen für Rübenwaggons (mittlerweile alle verschwunden oder zu Radwegen umgebaut), zu Studienzeiten wohnte eine Freundin in Regensburg in Sicht- und Riechweite einer Südzuckerfabrik, also habe ich dazu durchaus eine persönliche Beziehung. Und überhaupt ist chemisch gesehen Kristallzucker gleich Kristallzucker.
Die in den Zutaten angegeben Zimt (ich nahm 1 gestrichenen Teel.) und gemahlenen Ingwer (1/2 Teel.) mischte ich unters Mehl (sie tauchen in der Zubereitung nicht auf).

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Das Ergebnis war ausgesprochen köstlich: Saftiger Mohnrührkuchen mit Apfelstücken und hin und wieder Mandelstückknurpsel.

Zum Abendbrot backte ich Coca de verdura, gestern überließ Herr Kaltmamsell wegen Arbeitsüberlastung die Küche ausnahmsweise mir. Mangold und Petersilie dafür kamen aus Ernteanteil.

§

Von mir aus sieht der neue kanadische Premierminister Trudeau auch gut aus: Ich finde es respektlos, in politischen Zusammenhängen darauf herumzureiten. Kann es sein, dass die Berichterstattung damit seine wirklich fortschrittliche Politik kleinmachen möchte? Indem sie diese lediglich als Dekoration eines dekorativen Menschen darstellt? Bloß weil diese Art der Berichterstattung bei Frauen in der Politik nerviger Standard ist, wird sie nicht angenehmer, wenn ein Mann das Ziel ist. Herr Trudeau scheint sich ebenfalls unterschätzt zu fühlen:
„Handsome Canadian Prime Minister Justin Trudeau Gives Passable Off-the-Cuff Lecture on Quantum Computing“.

Und ich hoffe sehr, sehr, dass die ständige Wiederholung von hot und handsome im Text dazu satirisch ist.

§

Nachschlag zu der Guardian-Auswertung seiner Online-Kommentare: Wie geht es der Frau, die die Spitzenreiterin als Ziel von Beleidigungen und Angriffen ist?
„Insults and rape threats. Writers shouldn’t have to deal with this“.

For all the progress women have made, there’s always an online comment section or forum somewhere to remind us that, when given anonymity and a keyboard, some men will use the opportunity to harass and threaten.

(…)

Because the harassment doesn’t begin and end on the Guardian website – being on social media has become, for better or worse, part of being a writer online. And the things you publish for one site have a ripple effect across all of your various social media profiles. It’s a workplace harassment issue that doesn’t stop at the workplace.

(…)

I’ve been writing online long enough to not attach my value as a person or writer to strangers’ opinions, but it would be a lie to say that the cumulative impact of being derided daily isn’t damaging. It is. It’s changed who I am on a fundamental level. And though I’d still like to think of myself as an optimistic person, being called a “cunt” or “whore” every day for a decade leaves its mark.

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Welche unerwarteten Folgen ein Handyverbot bei Veranstaltungen haben kann:
„Es ändert sich nichts: Keine Mobiltelefone an geheimen und gefährdeten Orten!“

Journal Samstag, 2. April 2016 – Trippa a la romana

Sonntag, 3. April 2016

Sehr lang geschlafen, mit ganz erstaunlichem Muskelkater aufgewacht. Als ich die Schlafzimmertür öffnete, stand davor Herr Kaltmamsell mit einem handgeschriebenen Schild: „KAFFEE!“

Fortschrittener Morgen, heftiger Muskelkater, und dann war’s auch noch trübe: Ich blies meine Laufpläne ab.

Durch eine Nachricht von Xing erfuhr ich, dass mein Vorarbeitgeber wohl nicht mehr existiert: Der Geschäftsführer hat eine neue Stelle bei einer Firma unter seiner Heimadresse, seine Vize gibt ebenfalls nicht mehr diese Agentur als Arbeitgeber an. (Ich warte immer noch auf mein Arbeitszeugnis über die Zeit, drückte mich bislang vor einem Nachhaken, jetzt wird’s schwierig.)

Das Trübe am Himmel lichtete sich, ich machte mich auf eine Einkaufsrunde. Bei Eataly sah ich nach Pancetta und Pecorino romano – Freitagabend hatte ich festgestellt, dass es die vertraute italienische Feinkosttheke in der „Schlemmergasse“ des Stachus-Untergeschoßes nicht mehr gibt. Eataly hatte nicht nur Pancetta und Peccorino romano, sondern auch Guanciale. Zudem nahm ich ein kleines Brot Grano duro mit. Auf dem Viktualienmarkt Grie-Soß-Kräuter für Sonntag besorgt, im Kaufhof am Marienplatz weitere Kräuter und Dickmilch (einzige mir bekannte Verkaufsstelle in der Innenstadt), beim Alnatura weitere Milchprodukte sowie Dosentomaten.

Daheim stellte ich fest, dass die Kastanie vor dem Balkon endlich Pfötchen gibt.

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§

Am Freitagabend hatte ich Five Quarters von Rachel Roddy ausgelesen.

Ich hatte sie sehr gerne gelesen, die Geschichte der nicht mehr richtig jungen Britin, die – eigentlich auf dem Weg nach Sizilien – in Rom hängen bleibt. Dort isst und kocht. Das Buch kommt als Kochbuch daher, besteht zeittypisch aber hauptsächlich aus sehr persönlichen Geschichten übers Essen und Kochen – wie Rachels Blog ja auch. Große Rollen spielen darin das Stadtviertel Testaccio, in dem Rachel wohnt, ihr Partner Vincenzo und der dreijährige Sohn, der für die Niedlichkeit im Gesamtbild zuständig ist, allerdings auch als Referenz für die Qualität von Gerichten und Cafés herangezogen wird (?). Die Rezepte gefielen mir, alle zeichnen sich durch eine geringe Anzahl von Zutaten und (scheinbar?) simple Zubereitung aus. Die Verbindung von italienischer und englischer Kochtradition kommt meinen persönlichen Vorlieben ohnehin entgegen. Ich mochte auch Rachels Beschreibung, wie sie gewohnte einfache Handgriffe in der Küche neu lernte. Das alles allerdings in einer Umgebung, die viele Klischeevorstellungen von italienischer Alltagsküche erfüllt (die Nachbarinnen, aus deren Küchen es ab 11 Uhr nach Sofritto duftet), aber ohne auch nur eine Andeutung, dass diese alltäglich Koch- und Esskultur in Rom (und ganz Italien) seit vielen Jahren verschwindet.

Nach Rachels Rezept kochte ich gestern Trippa a la romana, also römische Kutteln. Den Geruch von kochenden Kuttlen kenne ich ja seit Kindertagen, weil meine Mutter immer wieder callos a la madrileña servierte – ich mag ihn sehr gerne. Vor 30 bis 40 Jahren musste eine Mutter beim Metzger noch dazusagen: „Aber bitte saubere, sie sind nicht für den Hund.“ Und wenn sie das erzählte, betonte sie immer, dass sie sich nicht dafür schämte – Kutteln wurden als Abfall angesehen. Heute bekäme ich sie auch auf dem Viktualienmarkt in den auf Innereien spezialisierten Metzgerläden, doch der Süpermarket Verdi hat sie auch immer und liegt bequemer. Kutteln sind Pansen, einer der vier Mägen des Wiederkäuers Rind. Er wird gereinigt und vorgekocht verkauft.

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Es fällt mir schwer nachzuvollziehen, was an rohen Kutteln eklig sein soll, sie fühlen sich an wie weiches feuchtes Fell. Dass man das Glibbrige gekochter Kutteln ablehnt, leuchtet mir schon eher ein.

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Unvertraut war mir die Geruchsverbindung von Zwiebel, Pancetta und Minze in der Pfanne – eine wunderbare Kombination.

Als Aperitiv gab es Negroni nach Rachels Anweisung. Geruch und Geschmack von Campari weckten in mir immer 80er-Erinnerungen – und die daran, dass er mir eigentlich nicht schmeckt.

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Das fertige Gericht: Sehr schmackhaft, das nächste Mal reduziere ich aber die Flüssigkeitszugabe. Begeistert war ich von Pancetta und Pecorino romano: Beides schmeckte intensiv und sehr eigen. Gerade italienischer Käse, den man in Deutschland bekommt, kenne ich eigentlich nur in den Geschmacksrichtungen „salzig und sonst nichts“ (Parmesan & Co.) oder „sahnig und sonst nichts“ (Mozzarella & Co.), zudem die Verbindung von beidem (Fontina/Gorgonzola). Aus Rom und von Hande weiß ich ja, dass es im Land selbst ganz köstliche Käsesorten mit differenziertem Geschmack gibt – gestern habe ich mit diesem Pecorino gefühlt zum ersten Mal einen auch hier gekostet. Das Brot dazu war ungesalzen, also wahrscheinlich ein toskanisches Rezept. Erst mal für mich gewöhnungsbedürftig, zu den herzhaften Kutteln passte das aber sehr gut.

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Herr Kaltmamsell hatte mich vor Kurzem darauf hingewiesen, wie lange ich schon keine Mousse au chocolat mehr gemacht habe. Es gab eine am Nachmittag vorbereitete zum Nachtisch.

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Herr Skizzenblog hat vergangene Woche im Fernsehen Fußball geguckt und die Kommentare des Moderators gezeichnet. Wunderbare Unmsetzung der Floskel, deren Blödsinn die Fußball-affine Welt wahrscheinlich gar nicht mehr wahrnimmt. Mein Favorit: der ungenaue Ball.
„#GERITA“.

Journal Mittwoch/Donnerstag, 2./3. März 2016 – Überstunden

Freitag, 4. März 2016

Zwei heftige Arbeitstage, für Mittwoch wird’s wegen unerlaubt vieler Überstunden Schimpf vom Betriebsrat geben.
Ich hatte sogar Sportzeug dabei, um endlich mal wieder in die Mittwochabendstunde Stepaerobic zu radeln. Wäre ich wahrscheinlich eh nicht: Es goss ab Mittag wie aus Kübeln.
Beim Heimradeln wurde ich trotz Regenumhang (ich achtete darauf, beim Verlassen des Büros alle noch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen zum Lachen zu bringen) ziemlich nass.

Wie immer kümmerte sich Herr Kaltmamsell beim Heimkommen um mich. Er kredenzte zum blanchierten Spinat aus Ernteanteil (noch nie habe ich so süßen Babyspinat gegessen) Ofenkartoffeln und Spiegeleier. Ich mag richtig gute Spiegeleier sehr gerne, aber richtig gut (unten knusprig, Dotter flüssig) sind sie so selten wie richtig gute wachsweiche Eier, die ich auch sehr gerne mag.

Völlig erschöpft fiel ich schon um halb zehn ins Bett.

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Als ich Mittwochmorgen auf dem Weg in die Arbeit um mein Laugenzöpferl anstand, bestellte der Kunde vor mir eine Abomination,1 die mich aufhorchen ließ:

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Niemand sollte solche Wörter sagen müssen.

Pausenfrei durch den Tag geackert, damit ich abends nicht wieder so spät bleiben musste: Herr Kaltmamsell hatte sich einem medizinischem Eingriff unterzogen, ich wollte ihn ein wenig bepuscheln.

Und doch war er es, der uns aus der Ernteanteil-Steckrübe ein Risotto kochte („damit ich beschäftigt bin“).

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Dazu einen kräftigen Verdejo.

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Ich weiß, Kinderfreunde sagen das regelmäßig, aber: Man lernt so viel von den Kleinen!
Zum Beispiel über die Eingeschränktheit des eigenen Horizonts.

Die Nifften (zwei Neffen, eine Nichte) hatten ja zum Eintritt ins Lesealter von mir ein Bücherkonto im örtlichen Buchhandel eingerichtet bekommen (der erst von der Konkurrenz am Ort, dann vom bayrischen Platzhirschen aufgekauft wurde): Das stellt ihnen ein monatliches Budget zur Verfügung, mit dem sie ganz nach eigenem Belieben Bücher kaufen können. Auch wenn die totaler Mist sind.

Erwartet hatte ich natürlich, dass sie Gefallen an ähnlichem Mist wie ich finden würden – also dem Mist, den ich im Tiefsten meines Herzens gar nicht für Mist halte: Enid Blyton, billige Comics, Berte Bratt. Wer konnte denn damit rechnen, dass sie sich für richtigen Mist entscheiden würden?
(Was ich damit erzählen möchte: Die Nichte hat sich jetzt von Elfen- und Einhornbüchern mit Covern in Pastelltönen hin entwickelt zu Mädchenbüchern über Modelkarrieren.)

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SO VERY YES!
„The first ‘Ghostbusters’ trailer dropped, and the new team is already winning us over“.
Wehe, die vermasseln das.

  1. Ich habe mir das Wort aus dem Englischen geliehen, weil es präziser empört klingt als Abscheulichkeit. []

Journal Freitag/Samstag, 26./27. Februar – #rgmuc

Sonntag, 28. Februar 2016

Sonniger Freitag, ohne Frühsport zu Fuß in die Arbeit.

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Zu Fuß auch wieder nach Hause, nach kurzer Tätigkeit in der Küche spazierte ich zu einer lange geplanten Verabredung mit Bloggerinnen aus der ganzen Republik samt Anrainerstaaten (Zeugnisse sind zu finden unter #rgmuc für Reisegruppe München) im Spatenhaus: Nathalie von Cucina Casalinga hatte fertiggebracht, dass dieses immer wieder mal diskutierte Treffen in München tatsächlich stattfand und war so nett gewesen, auch mich anzusprechen. So kam ich zum ersten Mal ins Spatenhaus, sah einige seit Jahren gelesene Blogerinnen und Twitterinnen zum ersten Mal persönlich, traf schon länger bekannte wieder. Diese Gesellschaft, das gute Essen (mein ersten Mal Kalbskopf!), die überaus herzliche Bedienung und die Kuschligkeit des winzigen Hinterstüberls machten den Abend zu einem großen Genuss.

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Am Samstag ließ ich mich früh wecken, um noch Zeit für haushaltliches Kruschen und Wäschewaschen zu finden. Nathalie hatte die Bloggerinnenrunde zum Frühstück eingeladen, die Radlstrecke hinaus zu ihr machte mir klar, dass München sich an manchen Enden dann doch weiter ausdehnt, als ich snobbistische Innenstadtbewohnerin so im Gefühl habe – ich kam ordentlich zu spät.
Tatsächlich gab es zwei Frühstücke: Das erste am Morgen mit frischem Brot, Wurst, Käse, Marmeladen war meinem Organismus noch deutlich zu früh, umso mehr genoss ich das zweite um die Mittagszeit mit Weißwürscht und Leberkäs – sogar einer Halben Weizen dazu.

Der Rückweg nachmittags durch den Englischen Garten war gebremst: In der Sonne gingen viele Leute spazieren. Ich bog für ein paar Einkäufe ab Richtung Schrannenhalle – könnte mich bitte jemand vor dem nächsten Versuch davon abhalten, am Samstag Nachmittag die Frauenstraße entlangzuradeln? Ich hatte den starken Autoverkehr nicht einkalkuliert, und die heutigen Autobreiten lassen Radlern keinerlei Platz: Da ich nicht auf dem Fußweg fahren wollte, musste ich mich in den Autostau einreihen.

Daheim holte ich ein wenig Schlaf nach und las dann Stoner von John Williams aus:
Eine amerikanische university novel von 1965, die mir von Blogkommentatorinnen empfohlen worden war – zu Recht. Die Hauptfigur, der Literaturwissenschaftler William Stoner, wird ganz am Anfang mit einem kurzen Abriss seiner akademischen Karriere eingeführt: Studienbeginn an der Universität von Missouri, Promotion, als Dozent nie Karriere gemacht, kaum Spuren bei den Studierenden hinterlassen. Die ausführliche Version erzählt dann von einem doch recht besonderen Menschen aus sehr einfachen Verhältnissen, der sein Leben nie richtig in die Hand genommen hat, nur in der Forschung und in einer Freundschaft ganz aufging. Formal unauffällig schildert der Roman Stoners Wahl einer Partnerin, die ihm bald mit vielen Mitteln das Leben zur Hölle macht, die ruhige, tiefe Liebe zu seiner Tochter, die Lebensfeindschaft mit dem Leiter des Lehrstuhls, an dem er arbeitet – alles vor dem zeithistorischen Hintergrund zweier Weltkriege. Sehr schnell schafft die Geschichte eine Identifikation mit dieser einsamen Figur, vor allem wenn man Stoners Loyalität und die Anziehungskraft einer akademischen Umgebung nachvollziehen kann. Und wie Stoner frage ich mich seit der Lektüre, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er energisch Ansprüche erhoben – oder auch nur für seine Tochter gekämpft.

Eine weitere Radfahrt wieder hinaus an den Stadtrand, Nathalie und Partner hatten noch einmal eingeladen, diesmal zu einem köstlichen Abendessen:

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Zur Vorspeise eine Terrine und eine Pastete, dazu sardisches Brot.

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Als Hauptgericht ein Kalbsgulasch.

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Und zum Nachtisch Crème Caramel mit den ersten aromatischen Erdbeeren aus Italien.

Da die Gesellschaft aus lauter Geschichtenerzählerinnen bestand, war das Menü natürlich begleitet von weiterer lebhaftester Unterhaltung um Anekdoten aus diversen Ländern, Bundesländern, beruflichen Umständen und Freizeitverstrickungen.

Beim Heimradeln bewies München, dass es manchmal, ganz manchmal auch grüne Welle kann – großer Genuss.

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Nebenbei: Ich bin ganz begeistert, wie gut mein Organismus den Alkohol der vergangenen drei Abende vertragen hat. Keinerlei Nebenwirkungen, nicht mal in Form von Migräneangst. Verstehe einer diesen Körper.

Journal Donnerstag, 25. Februar 2016 – The Price of Salt

Freitag, 26. Februar 2016

Gestern fiel dem Winter ein, was er eigentlich im Dezember vorgehabt hatte.

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Ich fand wieder keine Zeit für auch nur eine halbe Stunde Sport. Zumindest marschierte ich zu Fuß in die Arbeit, vor dem dichten, nassen Schneefall mit einem Schirm geschützt, um den linken Knöchel meine neue Bandage. Erster Effekt der Bandage, auch beim Heimweg zu Fuß: Damit schmerzt nicht mehr nur die Achillesferse, sondern das ganze Bein. Das ist nicht, was ich erhofft hatte.

Tag 2 der Einführungsveranstaltung für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Wieder viel erfahren, Gelegeheit zu neugierigen Nachfragen bekommen, weitere Menschen aus entfernten Standorten kennengelernt, erzählt und erzählen lassen.

Auf dem Heimweg letzte Einkäufe für den Abend: Meine Leserunde traf sich bei uns. Herr Kaltmamsell machte italienischen Polentauflauf, ich dazu Feldsalat/Portulak, außerdem zum Nachtisch Schokoladenspeise mit Latwerge. Das Buch, über das wir uns unterhielten, war The Price of Salt von Patricia Highsmith. Fast allen hatte die Geschichte der 19-jährigen Therese mit Ambitionen als Bühnbildnerin, die sich in eine ältere Frau in Scheidung verliebt, sehr gut gefallen. Wir sprachen darüber, warum sich die beiden so seltsam zueinander verhalten, welche Rolle Abby spielt, ob es sich um ein Sugar-Mommy-Verhältnis handelt.
Mir hatte auch der Einblick in eine fremde Vergangenheit gefallen: Der Arbeitsalltag einer jungen Kaufhausverkäuferin in New York (eigentlich ein Topos der Zeit), der einer älteren Verkäuferin, wie junge Leute in Manhattan wohnten und die Wochenenden verbrachten, wie man auf Reisen kommunizierte („postlagernd“), Jobsuche über Aushänge in Fenstern.

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Die einzge Landschildkröte als Haustier, mit der ich näher zu tun hatte, war die Schildkröte Pinkie meiner Klassenkameradin Babsi. Pinkie liebte Bananen und sie überwinterte im Keller des Eigenheims von Babsis Familie. Mich überraschte es also sehr, als ich von den Überwinterungsmodalitäten heutiger Schildkröten erfuhr:
„Der Kühlschrank bleibt dunkel, damit die Schildkröte besser schlafen kann.“

Journal Sonntag, 21. Februar 2016 – Mode der 30er / Bücher zu verschenken

Montag, 22. Februar 2016

Jetzt waren sie da, die spürbar gestiegenen Temperaturen. Beim Radeln an den Ostbahnhof hätte ich eigentlich weder Mütze noch Handschuhe benötigt.

Ich turnte nach einer halben Stunde Crosstrainer lediglich die Stepstunde mit; meine schmerzenden Knochen nahmen mir die Lust auf die anschließende Rückengymnastik.

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Zu Hause duftete es bereits wundervoll: Herr Kaltmamsell hatte die zwei Kilo Schweineschulter, die ich am Samstag auf dem Weg zum Schwimmen in der Metzgerei Burr besorgt hatte, in einen Schweinsbraten verwandelt.

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Wie ich es von gutem Schweinefleisch aus Hausschlachtung kenne, war der Braten beim Garen aufgegangen, mit sensationell saftigem Fleisch. Da wir keine Knödel oder sonstige Stärkebeilage dazu hatten, gab’s auch keine Soße. Als Beilage hatte ich den Krautsalat fertiggestellt.

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Hier habe ich das sehr simple Rezept notiert – ich finde sogar eine gehackte Zwiebel eher verschlechternd. Für ein Salatbuffet würde ich aber gebratene Speckwürfel dazugeben.

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Nach dem Essen machte ich ein paar Einheiten auf meinem Kulturtracker gut: Ich ging ins Museum, und zwar in die Ausstellung „Gretchen mag’s mondän – Damenmode der 1930er Jahre“ im Stadtmuseum. Herr Kaltmamsell hatte mich darauf hingewiesen, weil ich ein Faible für die Mode dieser Zeit habe – wohl wegen damaligen US-Filme und UFA-Filme, die mich schon als Kind faszinierten.

Ich sah hochinteressante Exponate aus vielen damaligen Lebenslagen, viele Zeitschriftentitel aus den 30ern – sehr gerne hätte ich eine Grafikerin dabei gehabt. An den Printexponaten fand ich mal wieder frappierend, wie viel Inhalt allein schon Typografie transportiert.

Roter Faden der Erklärtexte: Wie die Parteiproganda versuchte, Einfluss auf die Mode in Deutschland zu nehmen (wenig erfolgreich), wie politische Verhältnisse sich auswirkten (Arisierung erschreckend erfolgreich).

Überraschendes Exponat:

160221_10_Stadtmuseum

An Kleidern und Oberteilen fiel mir auf, dass es damals praktisch keine Ausschnitte gab, das weibliche Dekolleté war fast immer bis zum Hals bedeckt. Wunderschöne Handschuhe und Hüte – in einem Raum gab es sogar Nachbildungen zum Anprobieren (mir wie erwartet alle zu klein).

Schuhe: Gerade setzte ich zum Seufzer an „genau sowas suche ich“ (elegante Schnürschuhe mit ein wenig Absatz, damals Trotteur genannt und ideal für längere Fußwege, ohne gleich rustikal zu wirken), als eine Dame neben mir bereits sagte: „Die würde ich sofort nehmen.“ Am wenigsten scheint sich bis heute der elegante Pumps verändert zu haben.

Sehr begrüßen würde ich eine Wiederkehr des Konzepts „Festlicher Abendpyjama“:

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Ich dachte sofort an den undress, den ich aus englischen Romanen des 18. Jahrhunderts kenne: Bequeme, aber edle Hauskleidung, in der man nicht auf die Straße gehen würde, in der man aber sehr wohl Besuch empfangen kann.

Ich hatte schon eine ganze Reihe Fotos gemacht, als mich eine der Angestellten darauf hinwies, dass in der Ausstellung Fotografieren nicht erlaubt sei. Ich poste also mal lieber keins meiner Bilder.

Angesichts von Vertippern, Komma- und Rechtschreibfehlern in den sorgfältig getexteten und gesetzten (so schöne Schriften!) Beschreibungen fragte ich mich mal wieder, ob ein paar Stunden Endkorrektorat das Budget der Ausstellung wirklich überzogen hätten. Nach meiner Schätzung hätte das nicht mehr als 800 Euro gekostet.
(Ich weiß ja durch meine eigenen Vertipper hier im Blog, wie unzuverlässig eigenes Drüberlesen ist.)

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Draußen hatte sich der Himmel angemessen zum Sonntag entwickelt.

160221_25_Sonntagshimmel

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Schon am Samstagabend hatte ich Bücher ausgemistet – es liegen bereits wieder viel zu viele quer in den Regalen. Mag jemand zwölf Krimis von Elizabeth Georg bei mir abholen? (Alle oder keinen.)

  • Deception on his mind
  • In pursuit of the proper sinner
  • Missing Joseph
  • Playing for the ashes
  • In the presence of the enemy
  • Well-schooled in murder
  • A great deliverance
  • Payment in blood
  • A suitable vengance
  • For the sake of Elena
  • A traitor to memory
  • I, Richard

Und jemand die ersten acht Donna Leons? Alle oder keinen.

  • Death at La Venice
  • Acqua alta
  • Fatal remedies
  • A noble radiance
  • The death of faith
  • A Venetian reckoning
  • Death in a strange country
  • The anonymous Venetian

Verpacken und versenden ist mir zu mühsam. Interesse gerne in den Kommentaren oder an die E-Mail-Adresse links anmelden.

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Schon lange nichts mehr von einem meiner Lieblingstiere gehört, dem Ameisenbären. Bis ich diesen Science Slam-Beitrag mit aktueller Forschung über ihn fand:
„Ameisenbären: Erbsenhirnparalleluniversumsforschung“.

Sind nicht so wirklich schlau, die Viecher. Aber halt herrlich abgefahren.

Journal Samstag, 20. Februar 2016 – Schneeregen und Energieschub

Sonntag, 21. Februar 2016

So ziemlich als Erstes nach dem morgendlichen Bloggen erfahren, dass Umberto Eco gestorben ist. Herr Kaltmamsell hatte eh vor, nach langem mal wieder Der Name der Rose mit einer Schulklasse zu lesen (zwar kann ein Deutschlehrer daran eine Menge lehren, von Erzählhaltung über Rahmengeschichte bis Mittelalter, doch ist das halt ein sehr dickes Buch). Zudem hatte ich wieder ein Bild vor Augen, das ich eigentlich schon immer mit dem Roman verbinde:

Die untere Turnhalle meines Gymnasiums ca. 1985. Auf der Turnbank an der Umkleidenseite sitzen die vom Sport befreiten Schülerinnen, darunter die Bieringer Jutta1. Sie ist völlig vertieft in die Taschenbuchausgabe von Der Name der Rose, die sie von mir ausgeliehen hat. Sie hält das Buch mit einer Hand und hat das bereits gelesene Drittel hinter den Rest UMGEKLAPPT – für mich damals ein Sakrileg größter Verdammnis. Ich kam aus einem nahezu buchlosen Haus, hatte mich von Kindesaugen an durch Büchereien gelesen, die wenigen Bücher, die ich selbst besaß, waren mir überaus kostbar. Das mag der Moment gewesen sein, in dem ich beschloss, meine Bücher nicht mehr zu verleihen.

Vor allem aber erinnert mich dieses Bild daran, dass Der Name der Rose unter uns als Schmöker gehandelt wurde, als Lesegenuss wie die kurz davor herumgereichten Dornenvögel. Bei der Übergabe wurde durchaus mal erwähnt, dass sie ersten hundert Seiten sich etwas ziehen könnten, aber wir Vielleserinnen, die ohne Unterscheidung alles an guten Geschichten verschlangen, wären eh nicht auf die Idee gekommen, ein einmal begonnenes Buch nicht zu Ende zu lesen, bloß weil nicht schon die ersten Seiten packend waren.

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Ich radelte durch den kalten, grauen Tag zum Schwimmen ins Olympiabad. Meine Bahnen schwammen sich angenehm, doch als mich der Rückenschwimmer auf der Nebenbahn mit seinen gelben Plastikhandflossen zum dritten Mal schmerzhaft kratzte (1. Mal Hand, 2. Mal Oberschenkel, 3. Mal Schulter), schrie ich anscheinend selbst für ihn hörbar auf. Der Blick, den er sich anschließend einfing, war wohl selbst hinter meiner Schwimmbrille eindeutig: Er legte dieses Spielzeug ab. (Ich hatte in diesem Moment ernsthaft vor, ihn beim nächsten Kratzer zu hauen.)

Die Wettervorhersage hatte „deutlich steigende Temperaturen“ angekündigt. Umso erstaunter und wütender war ich, dass mich beim Heimradeln Schneeregen und Schnee ziemlich durchnässten.

Zu meiner nachmittäglichen Verabredung in der Maxvorstadt nahm ich also die U-Bahn – ab Marienplatz eingepfercht zwischen Fußballfans.

Doch die Verabredung war glorios: Ich hatte schon befürchtet, dass ich den Kontakt zu dieser Frau aus einem früheren Berufsleben verschusselt haben könnte (sie hat kein Internetleben). Doch nun erfuhr ich von Überraschungshochzeit (die Gäste ahnten nichts), beruflichen Erfolgen, einem Leben in Fülle, mit Zielen und Leidenschaft – ein echter Energieschub.

Eine Runde Lebensmitteleinkäufe, Krautsalat zum sonntäglichen Schweinsbraten angesetzt (und damit ich ihn als weiteres bayrisches Grundgericht verbloggen kann). Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell ein Graupotto mit Tomatensugo und Feta (Graupen und Sugo aus Ernteanteil).

Ich ließ beim Internetlesen den Fernseher laufen: Die Reifeprüfung hatte ich erst einmal gesehen und das vor vielen Jahren. Den Soundtrack kannte ich in jeder Note, doch erst diesmal fiel mir auf, dass der damals 30jährige Dustin Hoffman als Typ eigentlich eine komplette Fehlbesetzung war: Highschool-Sportskanone und verwöhnten Müßiggänger nehme ich ihm nicht ab.

§

Ein Grund, das Techniktagebuch (und den Redaktionschat) zu lieben: Während man vordergründig über Technik liest, liest man hintergründig über Leben und Alltag.
„Ich bin ein Idiot, werde aber eventuell nicht daran sterben“.

§

Eine weitere ruhige, kluge Stimme gegen das derzeitige Gebrüll da draußen: Margarete Stokowski (die auf Twitter immer wieder weitergibt, welche Reaktionen sie allein schon wegen ihrer polnischen Vorfahren erntet).
„Oben und unten: Pöbeln, aber präzise
Plädoyer für eine differenzierte Schmähkritik“.

Nun ist es aber gar nicht dumm, die Ruinen von Palmyra wegzusprengen, Mexikaner pauschal als drogenhandelnde Vergewaltiger zu bezeichnen oder Flüchtlingen zu wünschen, sie sollten im Meer ertrinken oder an der Grenze erschossen werden. Es ist falsch und böse und hässlich, aber nicht dumm: Wer das tut, ist kein Idiot, sondern ein schlechter Mensch.

(…)

Warum finden viele Dunja Hayali und Anja Reschke so cool, wenn sie sich über Hass äußern oder über Lügenpressevorwürfe? Weil die sich selbst und ihre Arbeit ernst nehmen – aber andere Menschen eben auch. Sie machen es sich nicht einfach. Sie geben zu, dass Dinge kompliziert sind, und machen trotzdem weiter.

  1. In Bayern werden Namen in der Reihenfolge Familienname Taufname genannt. []