Bücher

Journal Sonntag, 23. April 2017 – Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale

Montag, 24. April 2017

Ein freier Sonntag; ich begann ihn mit Bloggen und Twitterhinterherlesen.

Draußen war es weiterhin unangenehm kalt, für meinen Isarlauf trug ich lange Ärmel und Hosen.

Leider halfen auch zwei Stunden gemütliches Traben nicht, mir die Schwere vom Gemüt zu nehmen.

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Ausführliches Lesen: Internet, Wochenend-SZ.

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood fertiggelesen. Ein brillanter Roman, thematisch, strukturell und sprachlich, er gefiel mir diesmal noch besser als beim ersten Lesen vor 25 Jahren. Damals war ich durch die Schlöndorff-Verfilmung draufgekommen – die dem Roman wirklich nicht gerecht wird (außer in der Besetzung – Elisabeth McGovern!).

Atwood packt in ihre Dystopie auch ein wenig kontrafaktische Geschichte: Der Feminismus, der beim Erscheinen des Romans 1985 bereits passiert war, wird erheblich gewalttätiger und durchschlagender geschildert, als er tatsächlich gewesen war. Und es gab bereits kein Bargeld mehr – was half, die Rechte von Frauen schneller einzuschränken.

Wie jede gut erdachte Utopie ist die des alttestamentarisch strukturierten Gilead zeitlos. Die Gesellschaft, in der die nahe Zukunft des Romans spielt, weist jedem und jeder eine Rolle zu, die dem Erhalt der menschlichen Rasse dienen soll; die Handmaids sind wandelnde Gebärmütter. Es gibt eine kleine Elite, auch die allerdings mit streng definierter Funktion.
In der Geschichte wechseln sich etwa sechs Monate Handlung in der Gegenwart mit Rückblicken ab, die die Vorgeschichte schildern – beides Tagebuch-ähnlich aus der Sicht der Handmaid, die wir nur als Offred kennenlernen, als Besitz von Fred. Vordergründig geht es um die jetzt völlige Fremdbestimmung von Frauen, doch darin eingewoben sind die vielen Seiten dieses totalitären Staats, vorgeblich zum Besten aller Beteiligten.

Die Erzählerin beschreibt ihre Vergangenheit als unpolitische Tochter einer sehr engagierten Feministin – so merkt sie erst durch das Wegnehmen ihrer Selbstbestimmung und Freiheit, dass das wertvolle Güter waren. In der neuen Gesellschaft fällt sie zunächst in eine Art Tragestarre, hadert nicht sehr mit ihrem Schicksal, eher mit ihren Erinnerungen. Im Lauf ihrer Erzählung lässt sie Reflexion an sich heran, erinnert sich an ihre Gefühle, thematisiert ihr Erzählen.

Was ich bereits vergessen hatte (sonst erinnerte ich mich an erstaunlich viele Details des Romans): Am Ende bekommen wir eine Rahmenhandlung, „Natürlich eine alte Handschrift“ – in diesem Fall Kassettenaufnahmen.

Ich habe eine Besprechung der aktuellen Neuverfilmung gefunden, die einen bestimmten Aspekt herausarbeitet: Dass politisch konservative Frauen, die einen reaktionären Gesellschaftswandel herbeiwünschen, besser mal nicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche hoffen.
The Handmaid’s Tale Is a Warning to Conservative Women“.

Nachtrag: Bei Anke Gröner habe ich den Link zu einem Artikel von Margaret Atwood gefunden, in dem sie selbst über ihren Roman in der heutigen Zeit schreibt:
„Margaret Atwood on What ‘The Handmaid’s Tale’ Means in the Age of Trump“

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Morgens sah ich eine Krähe auf dem Balkonsims; ich legte ihr Erdnüsse raus, um mich als ihre Freundin zu zeigen. Herr Kaltmamsell sah das ungern; er verwies darauf, dass die Anwesenheit von Krähen in der näheren Umgebung Singvögel und Eichhörnchen verjagt.

Wie sich herausstellte, wurde zumindest eine Krähe sehr schnell zu zutraulich: Auf dem Balkontischlein hatte ich die Rest des Hähnchens mit Gemüse vom Vorabend kühl gestellt, abgedeckt mit Alufolie. Ich traute meinen Augen nicht, als ich nachmittags eine Krähe auf dem Rand der Reine ertappte, die bereits die Alufolie zerhackt hatte und sich über das Hähnchen hermachte. Ich verjagte sie schnell, doch zwei Stücke fehlten bereits.

Journal Dienstag, 28. März 2017 – BH-Unfall sowie Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes

Mittwoch, 29. März 2017

Ich habe das Gefühl, zwei Tage in einen gepackt zu haben.
Früh aufgestanden, weil ich zum Langhanteltraining ging.
Beim Anziehen nach dem Duschen im Sportstudio ein BH-Unfall: die Plastiköse, an der der rechte BH-Träger hinten befestigt war, zerbrach, der BH-Träger schnalzte nach vorne. Ich hatte keine Zeit, daheim einen anderen zu holen, schlüpfte also schnell in den schweißigen, müffelnden Sport-BH. Im Büro hatte eine Kollegin, der ich das Malheur erzählte, die rettende Idee: Sicherheitsnadel. Endlich zahlte sich aus, dass ich immer eine im Geldbeutel habe.

Tagsüber viel Hektik, aber zur Mittagspause die erste selbst gemachte Pastete des Herrn Kaltmamsell, edel und köstlich.

Pünktlich gegangen, weil ich einen Friseurtermin hatte. Durch einen warmen, sonnigen Frühlingstag spaziert, alle Spielplätze, Wiesen, Straßencafés, Draußensitzplätze voller Menschen. Mit dem Haarschnitt war ich wieder sehr zufrieden.

Abends Leserunde zu Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes. Das Buch hatte allgemein gut gefallen, auch wenn wir uns einig waren, dass sich die erste Hälfte manchmal zieht. (Die beiden Mitlesenden, die nur die erste Hälfte geschafft hatten, waren entsprechend weit weniger angetan.)

Anhand einer Sammlung antiker japanischer Handschmeichler, Netsuke, erzählt der Autor hundert Jahre seiner Familiengeschichte, die der jüdischen Familie Ephrussi. Mir gefiel besonders, wie er seine Motivation der zweijährigen Recherche und des Aufschreibens begründet: Wie damals im dritten Reich das Hausmädchen Anne in Wien diese Sammlung rettete, indem sie Stück für Stück in ihrer Schürzentasche schmuggelte, ist eine Standard-Familienanekdote. Als Edmund de Waal sie mal wieder erzählt, schämt er sich seiner Oberflächlichkeit: Die Geschichte ist zu ernst, zu groß und wichtig, als dass sie zur unreflektierten Anekdote verkommen dürfte. Und so beginnt er zu recherchieren, zunächst anhand der Schriftstücke, die sein Vater hervor kramt. Er reist nach Odessa, nach Paris, nach Wien, nach Japan schildert die Pracht des Lebens einer Familie, die mit den Rothschilds auf Augenhöhe verkehrte, die als Kunstmäzene Werke von Renoir und Monet besaßen, heute Weltkultur. In Wien (dorthin kommt die Netsuke-Sammlung als Hochzeitsgeschenk) befindet sich die Familie auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands und Einflusses, bevor die Nazis Hab und Gut und Leben rauben.

De Waal schildert all das sehr persönlich, eng verbunden mit seinem Erleben der Recherche, dennoch immer mit der Distanz des Forschers. Die Erzählung ist reich an historischen und beschreibenden Details (das mag die erste Hälfte ein wenig langatmig machen), mit dem roten Faden von Antisemitismus zu jeder Zeit und Kunstsinn. Der eigene unreflektierte Kolonialismus und Standesdünkel der Familie wird dabei ebenso nüchtern geschildert wie der Lichteinfall im Schlafzimmer des Charles Ephrussi, der Einfluss des Japonisme auf den Jugendstil, das Verhalten österreichischer Behörden nach dem Krieg beim Thema Restitution. Ich habe eine Menge gelernt, bekam so manches Fragment meiner Viertelbildung in größere Zusammenhänge gestellt (z.B. die Dreyfus-Affäre oder Japan nach dem 2. Weltkrieg). Empfehlung!

Journal Samstag, 25. März 2017 – Mandelmucken und Egglburg

Sonntag, 26. März 2017

Aufs Angenehmste ausgeschlafen.
Doch aufgewacht mit einer rechten Rachenmandel, die Golfballgröße anpeilte und brüllend schmerzte, bis hinauf ins rechte Ohr.

Als dann auch noch der Himmel bedeckt war, überdachte ich meine Wanderpläne: Ich ließ Herrn Kaltmamsell eine deutlich kürzere Strecke aussuchen als meine ursprüngliche Idee, vom Ammersee nach Tutzing zu wandern.

Während Herr Kaltmamsell eine aufwändige Pastete bastelte und in den Ofen schob, machte ich eine Einkaufsrunde. Jetzt kam tatsächlich die angekündigte Sonne raus, ich freute mich auf den Spaziergang. Wir frühstückten und machten uns per MVV auf den Weg nach Kirchseeon. Doch am Umsteigebahnhof in Trudering strandeten wir erst mal: Wegen eines Notarzteinsatzes fuhren keine S-Bahnen, der schnell eingerichtete Schienenersatzverkehr bestand aus Großtaxis, die hin und wieder vor dem Bahnhof anhielten und für die Menge der Gestrandeten zu wenige waren. (Ja, ich war grantig und sah meine Wanderpläne platzen, doch tatsächlich hatten die MVG innerhalb kürzester Zeit Info-Personal ans betroffene Gleis gestellt und eine Alternative für die gesperrte S-Bahnstrecke organisiert – mir fällt nicht ein, wie sie besser mit der Situation hätten umgehen können.) Nach nicht mal 45 Minuten fuhren die S-Bahnen wieder, wir kamen halt verspätet in Kirchseeon an.

In Sonne und kühlem Wind gingen wir über den Egglburger See und die Ebersberger Weiherkette nach Ebersberg, sahen Bussarde, Falken, fette Hummeln, eine quietschgelbe Schafstelze, meine ersten Schlüsselblumen der Saison und Buschwindröschen, so weit das Auge reichte. Am Egglburger See beobachteten wir Lachmöwen, sahen eine Kormoran-Kolonie auffliegen und weite Schleifen über den See ziehen. Am Ebersberger Marktplatz gab’s das erste Eis der Saison.

Aufstieg zur Egglburger Kirche.

Oberbayerische Begräbniskultur (nicht nur in fernen Landen sind Friedhöfe interessant).

Blick auf die Egglburger Kirche von der gegenüberliegenden Seite des Sees.

Schlüsselblumen, die mich an ihre vielen englischen Geschwister letztes Jahr in den Cotwolds erinnerten.

Nachdem ich auf dem Heimweg einige Male „AUA!“ sagen musste, nahm ich daheim dann doch Schmerzmittel gegen die immer lauter brüllende Mandel.

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Unterwegs unterhielt ich mich mit Herrn Kaltmamsell unter anderem über Blade Runner – für seine Jugend und seine Rezeption nachfolgender Filme hatte das Ridley Scott-Werk große Bedeutung.

Auf dem Blog Typesetinthefuture gibt es vom vergangenen Jahr einen einen ausführlichen Post:
„Blade Runner“.

Vorgeblich geht es um den Einsatz von Typografie im Film, tatsächlich aber ist der Text eine vielfältige Ausstattungsanalyse und Einordnung in seine Entstehungszeit.

via @alexmatzkeit

Ich legte mir gleich mal das heimische Exemplar der Romanvorlage raus (ein Flohmarktfund des Herrn Kaltmamsell aus den 80ern).

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Naomi Alderman (Romanautorin und Erfinderin von Zombies run) schreibt im Guardian über
„Dystopian dreams: how feminist science fiction predicted the future“.

Zentrales Werk ihrer Analyse ist Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale1, das derzeit fürs Fernsehen neu verfilmt wird. Unter anderem erklärt Alderman, wie die Lektüre dieses Romans sie zur Entscheidung brachte, niemals ihren Namen gegen den eines Ehemanns zu tauschen.

Das Schöne am Leben mit einem Science-Fiction-Fan ist, dass ich fast alle aufgeführten Autorinnennamen in unserer Bibliothek finde.

  1. Habe ich hier schon mal festgehalten, dass mein claim to fame darin besteht, dass ich an der Uni mit jemandem zusammengearbeitet habe, der sich während seiner Promotion das Büro mit Frau Atwood teilte? []

Journal Mittwoch, 15. März 2017 – Ein Tag für Kaiserschmarrn

Donnerstag, 16. März 2017

Vom Wetter nicht viel mitbekommen, auf dem Fußweg zur Arbeit und Heim war es aber mild genug für bares Haupt und bare Hände.

Da im Ernteanteil des Kartoffelkombinats Apfelkompott angekündigt war, machte ich uns zum Abendessen Kaiserschmarrn – der ganz ausgezeichnet gelang (Notiz fürs nächste Mal: Eischnee vorsichtig unterheben, nur bei Stufe 6/7 in der Pfanne langsam backen).

Und das vom Kombinat selbst eingekochte Apfelkompott war köstlich.

Wenn Sie sich fürs Kartoffelkombinat interessieren und noch nicht Mitglied der Genossenschaft sind, mögen Sie sich vielleicht unsere neue, werdende Gärtnerei ansehen? Am Sonntag, 26. März, gibt es eine Hofführung, bei der Sie alles fragen können, was Sie schon immer über das Kartoffelkombinat wissen wollten. Wir sind am Wachsen und freuen uns über neue Genossenschaftshaushalte!

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Im Bett Friedrich Dürrenmatts Der Verdacht angefangen. Herr Kaltmamsell liest mit einer Klasse gerade Der Richter und sein Henker, da bekam ich Lust, nach 30 Jahren nochmal den Folgeroman zu lesen. Es ist sehr spannend, eine wie andere Leserin ich in dieser Zeit geworden bin: Zum Beispiel waren mir als 19-jähriger die vielen Helvetismen überhaupt nicht aufgefallen („Der Kommissär versorgte die Zeitschrift in seiner Nachttischschublade…“).

Hillary Mantel, Beyond Black

Mittwoch, 22. Februar 2017

Unsereine kann sich aussuchen, was sie von Geisterbeschwörungen, Tarotkarten und Hellseherinnen hält. Alison, die Hauptfigur in Hillary Mantels Roman Beyond Black von 2005, hat diese Wahl nicht: Seit frühester Jugend lebt sie mit den Geistern von Verstorbenen, die jeden Bereich ihres Alltags beeinflussen. Wir sehen ihr dabei zu, wie sie unter diesen Umständen ihr Leben meistert. Als Erwachsene verdient sie zumindest ihren Lebensunterhalt mit dieser Last: Wir lernen sie auf einer Bühne im Süden Englands kennen, wo sie ruhig die Welt der Toten erklärt und im Publikum Ansprechpartner für die Geister sucht, die sie kontaktieren.
Schon Alisons Mutter war ein sensitive, also ein Medium, ständig im lauten Gespräch mit einer Gloria, die sonst niemand sehen konnte. Doch sie hielt sich als Prostituierte der untersten Kategorie über Wasser, etwas anderes konnte sie sich als Lebensunterhalt für sich und später für ihre vernachlässigte und geprügelte Tochter nicht vorstellen.

Es ist eine Art dreckiger magic Alltags-realism, in der der Roman geschrieben ist, und wie ich es von ihr gewohnt bin, schreibt Hillary Mantel großartig.

An Alisons Seite steht als personal assistant Colette (sie bevorzugt den Jobtitel manager), eine bittere und humorlose Buchhalterin, die Alisons Kundschaft verachtet, im Grunde auch Alison selbst. Alison und ihre Kolleginnen wissen, dass auch Colette eigentlich ein Medium ist, denn sie sehen Colettes spirit guide, doch ihr fehlt die nötige Offenheit. Überhaupt: Der Branchenzirkus des Hellsehertums. Er wird geschildert wie jede andere Verkaufsbranche auch, inklusive den resultierenden Lebenshilfebüchern (beim Bestsellertitel Self-healing through success musste ich sehr lachen).

Colettes Geschäftsidee ist ein Buch über Alisons Gabe/Last. Sie führt mit ihrer Chefin Interviews, die sie aufnimmt – doch auch diese Aufnahmen sabotieren die Geister, man hört statt Alison alle möglichen Geräusche und Stimmen darauf. Wir Leserinnen allerdings bekommen die Erzählungen ungestört in Buchstabenform. Sie erzählt von ihrer Kindheit, die von Anfang an von Geistern beeinflusst war – im Guten von einem alten Weiblein, das ihr Gesellschaft leistete, wenn sie mal wieder auf dem Dachboden weggesperrt wurde, vor allem aber im Übelsten, wenn boshafte Verstorbene im Klassenzimmer solchen Radau machten, dass sie (als Urheberin verdächtigt) vom Unterricht ausgeschlossen wurde, oder wenn schriftliche Prüfungen durch das Schubsen und Necken der Geister unleserlich waren. So kommt es unter anderem, dass Alison keinen Schulabschluss hat. Mehr über Alisons Vergangenheit erzählen Rückblicke, diese aber eher in Bilderfetzen, vagen Erinnerungen.

So verläuft der Roman in zwei Handlungssträngen: Der eine chronologisch im Jetzt, in dem Alison unter anderem ein Haus in einem abgelegenen Neubaugebiet kauft, um vielleicht doch ihren bösartigen spirit guide Keith loszuwerden, der immer mehr Gespensterkumpel anschleppt – Alison hofft, dass es der Bagage im gottverlassenen Suburbia zu langweilig ist. Der zweite in Alisons Kindheit und Jugend, unchronologisch, widersprüchlich, erst ganz am Ende mit genug Informationen, um genau diese Geistergesellschaft um sie herum zu erklären.

Eine wichtiges Element ist Alisons Körperfülle: Gleich am Anfang wird klar, dass Alison dick ist, zunächst in erster Linie eine imposante Erscheinung, die sich auf der Bühne gerne in leuchtende Farben und glänzende Stoffe kleidet. Doch die dünne Colette drangsaliert Alison deshalb immer mehr, beleidigt sie, zwingt sie zu Diäten (schmerzhaft realistisch geschildert: Mag in Colettes Leben auch sonst alles gescheitert sein – einer Dicken kann sie sich immer noch überlegen fühlen.)

Alles zusammen ergibt ein dichtes Erzählgewebe vor ungewöhnlichem Hintergrund – ein wenig zu lang (das kenne ich von Mantels Romanen) und mit unelegant abruptem Schluss, aber ausgesprochen lesenswert.
(Es dauerte übrigens eine Weile, bis ich das Buchcover als erfundene Tarotkarte erkannte – und ziemlich genial fand.)

Journal Montag-Donnerstag, 13.-16. Februar 2017 – Nur Stichpunkte wegen fix und fertig

Freitag, 17. Februar 2017

Alles ein bisschen viel gewesen, ich kam zu wenig mehr als Arbeit, war feierabends fix und fertig mit Ausreißern in Verzweiflung. Deshalb nur Stichpunkte über die vergangenen Tage.

Montagabend Rotweincreme gefertigt für die dienstäglichen Gäste.
Da ich jetzt Routine habe, gibt’s hier das Rezept.

Herr Kaltmamsell servierte als Abendessen meine geliebten Sellerieschnitzel.

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Dienstagabend Leserunde bei uns.

Herr Kaltmamsell hatte Tortillas gebraten, ich richtete Käse an (Tetilla, Manchego, Cabrales, Mahón), mallorquinische Oliven, Chorizo, Salchichón und frisch gesäbelten Jamón.

Wir unterhielten uns über Penelope Fitzgeralds The Bookshop. Der schmale Roman erschien 1978, spielt aber 1959: Die Hauptfigur Florence Green eröffnet in dem englischen Provinznest, in dem sie seit zehn Jahren lebt, einen kleinen Buchladen. Und scheitert damit.
Zu meiner Überraschung war ich die einzige in der Runde, die das Buch fad gefunden hatte, die Personenausstattung sowie die Handlung vorhersehbar und klischeereich. Die anderen in der Runde fanden die Beschreibungen und erzählerischen Mittel subtil und charmant, hatten eine ganz besondere Geschichte gelesen.

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Die Temperaturen steigen, zwei sonnige Tage.

Mittwochabend einträchtiges Pokémonentwickeln vor dem Fernseher. Das ist erwähnenswert, weil sich Herr Kaltmamsell monatelang nicht einloggen konnte und nun mächtig hinterher hinkt. Ich bin mittlerweile auf Level 32, aber es ist schon arg mühsam geworden.

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Donnerstag erwischte mich die Migräne. Ich war schon mit leichten Kopfschmerzen ins Bett gegangen, doch das Aspirin, das ich nachts um zwei nahm, schien zu helfen – ich sah schon Entwarnung. Als ich aber mit Kopfschmerzen über meinem Morgenkaffee saß und dringend zurück ins Bett wollte, war klar: Migräne. (Ich weiß, dass das für viele Menschen das normale Gefühl vor einem Arbeitstag ist – bei mir ist es ein Krankheitssymptom.) Also meldete ich mich krank und ging zurück ins Bett. Ich schlief mit kurzen Unterbrechungen bis halb zwei. Dann war auch das Kopfweh fast weg.

Als ich nach Essen und Duschen halbwegs wiederhergestellt war, öffnete ich die Balkontür in einen sonnigen, milden, Tag und bügelte. Inklusive meinem Bügelendgegner Jerseykleid mit Raffungen.

Dazu hörte ich mir Frau Dieners Reise nach St. Louis an.

Zum Abendbrot hatte sich Herr Kaltmamsell von den roten Zwiebeln und dem Schnittlauch im Ernteanteil zu Flammkuchen a la deliciousdays inspirieren lassen. (Ergebnis.)

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Ein erster Kandidat für „Grauenhaftestes Kleid der Award-Saison“!

(Vergangenes Wochenende hatte ich festgestellt, dass ein paar Wochen lang der RSS Feed von Go Fug in meinem Reader nicht funktioniert hatte – was habe ich verpasst!)

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Erst durch einen Tweet wurde ich darauf aufmerksam, wie cool das ehrwürdige Wörterbuch Merriam Webster ist. Seither folge ich deren Twitter-Account und profitiere sehr davon.

Im Boston Globe eine schönes Geschichte darüber:
„How the dusty Merriam-Webster dictionary reinvented itself. Bigly.“

The company’s routine reporting on word-search spikes — such as a deluge of inquiries about “ingenue” upon the death of Debbie Reynolds — can distill the public’s collective reaction to breaking news.

Merriam-Webster’s social media presence “is impressive and unexpected,” notes David Skinner, who has written extensively about the dictionary world. “Lexicography, remember, is not show business,” he continues in an e-mail. “Sure, the age of social media bestows all sorts of minor celebrity on one type of person or another, but that Merriam-Webster has been able to make lexicographers look cool is still kind of shocking to me.”

Journal Dienstag, 24. Januar 2017 – Rudyard Kipling, Stalky & Co.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Nach zwei Wochen Pause mal wieder frühmorgens zum Langhanteltraining gelaufen. Neues Programm fürs Training, das mir Spaß machte, unter anderem enthielt es Bizeps Curls mit nicht-mittig gegriffener Stange (nur ein Arm arbeitete, der andere stabilisierte).

Abends daheim beim Auspacken der verschwitzten Sportkleidung musste ich Abschied nehmen von meinem Sportrucksack. Mindestens 15 Jahre hatte ich den silbernen Punch-Rucksack von Bree genutzt, zum Einkaufen und zum Transport meiner Sportsachen zum Turnen, Schwimmen, ins Freibad. Vor ein paar Jahren hatte ich ihn ausrangieren wollen, weil er so schmuddelig war. Zum Glück war ich rechtzeitig zur Besinnung gekommen und hatte gemerkt, dass sich Schmuddel einfach wegwaschen lässt: Eine ausgiebige Schaumdusche mit nur wenig Bürsteln hatte den Rucksack wieder ansehnlich gemacht. Doch gestern brach der letzte Schnappstift der Schließe –  einige Jahre hatte sie mit nur einem gut funktioniert, doch jetzt schloss nichts mehr, der Riemen mit Verschluss war nutzlos geworden. Außerdem hatte sich schon vor einiger Zeit die Naht des Reißverschlusses gelöst, schmuddelig war der Rucksack auch wieder. Ich beschloss, dass ich genug aus dem Gegenstand rausgeholt hatte.

Der Nachfolger ist bereits bestellt.

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Herr Kaltmamsell bereitete zum Abendessen Muschelbandnudeln mit Chorizo in Weißwein-Sahne-Sauce.

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Schon am Vorabend hatte ich Rudyard Kiplings Stalky & Co. gründlich ausgelesen – nämlich nachdem ich nach Ende die ersten beiden Geschichten nochmal las. Aus Gründen:

Herr Kaltmamsell hat ja eher abseitige Leseinteressen. Ich lasse mir gerne darüber erzählen, doch nur selten macht mir das Lust auf Selberlesen. Warum ich ihn darum gebeten habe, mir Stalky & Co. zu lesen zu geben, weiß ich gar nicht mehr. Herr Kaltmamsell liest Kipling sehr gerne und kennt wahrscheinlich sein Gesamtwerk, hat viele schöne antiquarische Ausgaben. Stalky & Co. ist ein Kurzgeschichtenzyklus aus einem englischen Bubeninternat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird ohne Rücksicht auf Verluste im Schuljargon und in dieser Schulwelt, erklärt wird nichts. Die ersten beiden Geschichten verstand ich praktisch überhaupt nicht, es hätte gradsogut Lyrik sein können. Wie zu Zeiten, als mein Englisch noch nicht so flüssig war, las ich einfach mal mit Schwung weiter, bis ich in den Fluss kam. Nach und nach erschlossen sich Handlung und Sprache fast ganz. Mit dem durchs Lesen erworbenen Wissen las ich dann nochmal den Anfang.

Die Geschichten der drei Freunde Stalky, M’Turk und Beetle gefielen mir ganz ausgezeichnet: die Lausbuben mit ihrer alterstypischen Mischung aus Schlitzohrigkeit, Coolness, verquastem Ehrgefühl und echter Wissbegier, die exotische Schulwelt vor historischen Hintergrund. Schnell wurde mir klar, dass diese Schule viel mehr Vorbild für Rowlings Hogwarts ist als alle Internate, die Enid Blyton schilderte: Bewohnt von einer spezielle Bevölkerungsgruppe (Kinder von Militärs in den Kolonien), ein hermetischer Kosmos, die Aufteilung in Häuser und deren Konkurrenz untereinander, die Prefects, alte Gebäude mit geheimen Gängen, ein weiser und pragmatischer Head, die Sonderwelt des Hauspersonals, die Rolle von Sport.

Ich empfehle die Lektüre. Es gibt Übersetzungen ins Deutsche, doch da es in Deutschland nicht entfernt ein historisches Pendant zu der erzählten Welt gibt, klingen sie arg angestrengt.

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Ein weiterer Versuch, Trump-Wähler zu verstehen.
„Peter’s Choice
I asked my student why he voted for Trump. The answer was thoughtful, smart, and terrifying.“

Nach Aussagen dieses eloquenten jungen Manns („Peter was one of the brightest students in the class, and certainly the sweetest.“) war das Ziel: „Send in a wrecking ball to disrupt the system“.

Trump voters report experiencing greater-than-average levels of economic anxiety, even though they tend have better-than-average incomes. And they are inclined to blame economic instability on the federal government—even, sometimes, when it flows from private corporations.

(…)

Feelings can’t be fact-checked, and in the end, feelings were what Peter’s eloquent essay came down to­—what it feels like to belong, and what it feels like to be culturally dispossessed. „After continually losing on the economic side,“ he wrote, „one of the few things that you can retain is your identity. What it means, to you, to be an American, your somewhat self-sufficient and isolated way of life, and your Christian faith and values. Your identity and heritage is the very last thing you can cling to…

(…)

To him, focusing on race was „an attention-grabbing tool that politicians use to their advantage,“ one that „really just annoys and angers conservatives more than anything, because it is usually a straw man attack.“

Das klingt sehr nach der typischen deutschen Rechts-Wählerin. Doch wie an jemanden rankommen, die Ängste und Gefühle über faktische Zusammenhänge stellt?