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Journal Sonntag, 21. Februar 2016 – Mode der 30er / Bücher zu verschenken

Montag, 22. Februar 2016

Jetzt waren sie da, die spürbar gestiegenen Temperaturen. Beim Radeln an den Ostbahnhof hätte ich eigentlich weder Mütze noch Handschuhe benötigt.

Ich turnte nach einer halben Stunde Crosstrainer lediglich die Stepstunde mit; meine schmerzenden Knochen nahmen mir die Lust auf die anschließende Rückengymnastik.

160221_08_Krokuswiese

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Zu Hause duftete es bereits wundervoll: Herr Kaltmamsell hatte die zwei Kilo Schweineschulter, die ich am Samstag auf dem Weg zum Schwimmen in der Metzgerei Burr besorgt hatte, in einen Schweinsbraten verwandelt.

160221_03_Schweinsbraten

160221_06_Schweinsbraten

Wie ich es von gutem Schweinefleisch aus Hausschlachtung kenne, war der Braten beim Garen aufgegangen, mit sensationell saftigem Fleisch. Da wir keine Knödel oder sonstige Stärkebeilage dazu hatten, gab’s auch keine Soße. Als Beilage hatte ich den Krautsalat fertiggestellt.

160221_05_Krautsalat

Hier habe ich das sehr simple Rezept notiert – ich finde sogar eine gehackte Zwiebel eher verschlechternd. Für ein Salatbuffet würde ich aber gebratene Speckwürfel dazugeben.

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Nach dem Essen machte ich ein paar Einheiten auf meinem Kulturtracker gut: Ich ging ins Museum, und zwar in die Ausstellung „Gretchen mag’s mondän – Damenmode der 1930er Jahre“ im Stadtmuseum. Herr Kaltmamsell hatte mich darauf hingewiesen, weil ich ein Faible für die Mode dieser Zeit habe – wohl wegen damaligen US-Filme und UFA-Filme, die mich schon als Kind faszinierten.

Ich sah hochinteressante Exponate aus vielen damaligen Lebenslagen, viele Zeitschriftentitel aus den 30ern – sehr gerne hätte ich eine Grafikerin dabei gehabt. An den Printexponaten fand ich mal wieder frappierend, wie viel Inhalt allein schon Typografie transportiert.

Roter Faden der Erklärtexte: Wie die Parteiproganda versuchte, Einfluss auf die Mode in Deutschland zu nehmen (wenig erfolgreich), wie politische Verhältnisse sich auswirkten (Arisierung erschreckend erfolgreich).

Überraschendes Exponat:

160221_10_Stadtmuseum

An Kleidern und Oberteilen fiel mir auf, dass es damals praktisch keine Ausschnitte gab, das weibliche Dekolleté war fast immer bis zum Hals bedeckt. Wunderschöne Handschuhe und Hüte – in einem Raum gab es sogar Nachbildungen zum Anprobieren (mir wie erwartet alle zu klein).

Schuhe: Gerade setzte ich zum Seufzer an „genau sowas suche ich“ (elegante Schnürschuhe mit ein wenig Absatz, damals Trotteur genannt und ideal für längere Fußwege, ohne gleich rustikal zu wirken), als eine Dame neben mir bereits sagte: „Die würde ich sofort nehmen.“ Am wenigsten scheint sich bis heute der elegante Pumps verändert zu haben.

Sehr begrüßen würde ich eine Wiederkehr des Konzepts „Festlicher Abendpyjama“:

160221_22_Stadtmuseum

Ich dachte sofort an den undress, den ich aus englischen Romanen des 18. Jahrhunderts kenne: Bequeme, aber edle Hauskleidung, in der man nicht auf die Straße gehen würde, in der man aber sehr wohl Besuch empfangen kann.

Ich hatte schon eine ganze Reihe Fotos gemacht, als mich eine der Angestellten darauf hinwies, dass in der Ausstellung Fotografieren nicht erlaubt sei. Ich poste also mal lieber keins meiner Bilder.

Angesichts von Vertippern, Komma- und Rechtschreibfehlern in den sorgfältig getexteten und gesetzten (so schöne Schriften!) Beschreibungen fragte ich mich mal wieder, ob ein paar Stunden Endkorrektorat das Budget der Ausstellung wirklich überzogen hätten. Nach meiner Schätzung hätte das nicht mehr als 800 Euro gekostet.
(Ich weiß ja durch meine eigenen Vertipper hier im Blog, wie unzuverlässig eigenes Drüberlesen ist.)

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Draußen hatte sich der Himmel angemessen zum Sonntag entwickelt.

160221_25_Sonntagshimmel

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Schon am Samstagabend hatte ich Bücher ausgemistet – es liegen bereits wieder viel zu viele quer in den Regalen. Mag jemand zwölf Krimis von Elizabeth Georg bei mir abholen? (Alle oder keinen.)

  • Deception on his mind
  • In pursuit of the proper sinner
  • Missing Joseph
  • Playing for the ashes
  • In the presence of the enemy
  • Well-schooled in murder
  • A great deliverance
  • Payment in blood
  • A suitable vengance
  • For the sake of Elena
  • A traitor to memory
  • I, Richard

Und jemand die ersten acht Donna Leons? Alle oder keinen.

  • Death at La Venice
  • Acqua alta
  • Fatal remedies
  • A noble radiance
  • The death of faith
  • A Venetian reckoning
  • Death in a strange country
  • The anonymous Venetian

Verpacken und versenden ist mir zu mühsam. Interesse gerne in den Kommentaren oder an die E-Mail-Adresse links anmelden.

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Schon lange nichts mehr von einem meiner Lieblingstiere gehört, dem Ameisenbären. Bis ich diesen Science Slam-Beitrag mit aktueller Forschung über ihn fand:
„Ameisenbären: Erbsenhirnparalleluniversumsforschung“.

Sind nicht so wirklich schlau, die Viecher. Aber halt herrlich abgefahren.

Journal Samstag, 20. Februar 2016 – Schneeregen und Energieschub

Sonntag, 21. Februar 2016

So ziemlich als Erstes nach dem morgendlichen Bloggen erfahren, dass Umberto Eco gestorben ist. Herr Kaltmamsell hatte eh vor, nach langem mal wieder Der Name der Rose mit einer Schulklasse zu lesen (zwar kann ein Deutschlehrer daran eine Menge lehren, von Erzählhaltung über Rahmengeschichte bis Mittelalter, doch ist das halt ein sehr dickes Buch). Zudem hatte ich wieder ein Bild vor Augen, das ich eigentlich schon immer mit dem Roman verbinde:

Die untere Turnhalle meines Gymnasiums ca. 1985. Auf der Turnbank an der Umkleidenseite sitzen die vom Sport befreiten Schülerinnen, darunter die Bieringer Jutta1. Sie ist völlig vertieft in die Taschenbuchausgabe von Der Name der Rose, die sie von mir ausgeliehen hat. Sie hält das Buch mit einer Hand und hat das bereits gelesene Drittel hinter den Rest UMGEKLAPPT – für mich damals ein Sakrileg größter Verdammnis. Ich kam aus einem nahezu buchlosen Haus, hatte mich von Kindesaugen an durch Büchereien gelesen, die wenigen Bücher, die ich selbst besaß, waren mir überaus kostbar. Das mag der Moment gewesen sein, in dem ich beschloss, meine Bücher nicht mehr zu verleihen.

Vor allem aber erinnert mich dieses Bild daran, dass Der Name der Rose unter uns als Schmöker gehandelt wurde, als Lesegenuss wie die kurz davor herumgereichten Dornenvögel. Bei der Übergabe wurde durchaus mal erwähnt, dass sie ersten hundert Seiten sich etwas ziehen könnten, aber wir Vielleserinnen, die ohne Unterscheidung alles an guten Geschichten verschlangen, wären eh nicht auf die Idee gekommen, ein einmal begonnenes Buch nicht zu Ende zu lesen, bloß weil nicht schon die ersten Seiten packend waren.

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Ich radelte durch den kalten, grauen Tag zum Schwimmen ins Olympiabad. Meine Bahnen schwammen sich angenehm, doch als mich der Rückenschwimmer auf der Nebenbahn mit seinen gelben Plastikhandflossen zum dritten Mal schmerzhaft kratzte (1. Mal Hand, 2. Mal Oberschenkel, 3. Mal Schulter), schrie ich anscheinend selbst für ihn hörbar auf. Der Blick, den er sich anschließend einfing, war wohl selbst hinter meiner Schwimmbrille eindeutig: Er legte dieses Spielzeug ab. (Ich hatte in diesem Moment ernsthaft vor, ihn beim nächsten Kratzer zu hauen.)

Die Wettervorhersage hatte „deutlich steigende Temperaturen“ angekündigt. Umso erstaunter und wütender war ich, dass mich beim Heimradeln Schneeregen und Schnee ziemlich durchnässten.

Zu meiner nachmittäglichen Verabredung in der Maxvorstadt nahm ich also die U-Bahn – ab Marienplatz eingepfercht zwischen Fußballfans.

Doch die Verabredung war glorios: Ich hatte schon befürchtet, dass ich den Kontakt zu dieser Frau aus einem früheren Berufsleben verschusselt haben könnte (sie hat kein Internetleben). Doch nun erfuhr ich von Überraschungshochzeit (die Gäste ahnten nichts), beruflichen Erfolgen, einem Leben in Fülle, mit Zielen und Leidenschaft – ein echter Energieschub.

Eine Runde Lebensmitteleinkäufe, Krautsalat zum sonntäglichen Schweinsbraten angesetzt (und damit ich ihn als weiteres bayrisches Grundgericht verbloggen kann). Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell ein Graupotto mit Tomatensugo und Feta (Graupen und Sugo aus Ernteanteil).

Ich ließ beim Internetlesen den Fernseher laufen: Die Reifeprüfung hatte ich erst einmal gesehen und das vor vielen Jahren. Den Soundtrack kannte ich in jeder Note, doch erst diesmal fiel mir auf, dass der damals 30jährige Dustin Hoffman als Typ eigentlich eine komplette Fehlbesetzung war: Highschool-Sportskanone und verwöhnten Müßiggänger nehme ich ihm nicht ab.

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Ein Grund, das Techniktagebuch (und den Redaktionschat) zu lieben: Während man vordergründig über Technik liest, liest man hintergründig über Leben und Alltag.
„Ich bin ein Idiot, werde aber eventuell nicht daran sterben“.

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Eine weitere ruhige, kluge Stimme gegen das derzeitige Gebrüll da draußen: Margarete Stokowski (die auf Twitter immer wieder weitergibt, welche Reaktionen sie allein schon wegen ihrer polnischen Vorfahren erntet).
„Oben und unten: Pöbeln, aber präzise
Plädoyer für eine differenzierte Schmähkritik“.

Nun ist es aber gar nicht dumm, die Ruinen von Palmyra wegzusprengen, Mexikaner pauschal als drogenhandelnde Vergewaltiger zu bezeichnen oder Flüchtlingen zu wünschen, sie sollten im Meer ertrinken oder an der Grenze erschossen werden. Es ist falsch und böse und hässlich, aber nicht dumm: Wer das tut, ist kein Idiot, sondern ein schlechter Mensch.

(…)

Warum finden viele Dunja Hayali und Anja Reschke so cool, wenn sie sich über Hass äußern oder über Lügenpressevorwürfe? Weil die sich selbst und ihre Arbeit ernst nehmen – aber andere Menschen eben auch. Sie machen es sich nicht einfach. Sie geben zu, dass Dinge kompliziert sind, und machen trotzdem weiter.

  1. In Bayern werden Namen in der Reihenfolge Familienname Taufname genannt. []

Journal Sonntag, 14. Februar 2016 – Bücherpanorama

Montag, 15. Februar 2016

Endlich mal wieder gut, tief und ausgeschlafen, das Bett ausgekostet. Zu Kaffee rumgebloggt.

Für mein Morgentraining hatte ich ein für mich neues Halbstundenprogramm ausgesucht – ganz schön anstrengend, die dritte Runde walk-out push-ups hielt ich nicht durch.

Bei trockenem, grauen Wetter spazierte ich zu einer Frühstücksverabredung im Café Forum, genoss das Frühstück bei anregender Unterhaltung. Mein Frischluftbedürfnis stillte ich bei einem Schaufensterbummel, stellte allerdings fest, dass es für eine Suche nach roten Sandalen noch zu früh im Jahr war.

Zu Hause las ich die zweite Hälfte von Patricia Highsmiths The Price of Salt; Details dazu notiere ich nach der Leserunde, in der wir den Roman besprechen werden, empfehle ihn aber schon jetzt. Wenn ich beim Lesen aufblickte, genoss ich auch die innere Aussicht (mit einem Blick nach rechts sah ich die Kastanien, darauf hin und wieder Eichhörnchen und Vögel). Also wandte ich zum ersten Mal die Panoramafunktion der iphone-Kamera an (Raum wie er zu diesem Zeitpunkt war, also ungeschönt).

160214_01_Wohnzimmerpanorama

Oder: Warum wir im Wohnzimmer keine Bilder hängen haben.

Ich bügelte und ließ dabei das Buch ein wenig nachhallen, bevor ich vor dem Abendessen Green Monkeys zubereitet.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Waldorf Salad aus Ernteanteil gemacht, außerdem Pferderouladen nach italienischer Art.

160214_03_Nachtmahl

Ob mein Blogpost über Pferdemetzger von 2003 heute dieselben Reaktionen voller Ausrufezeichen und Großbuchstaben hervorrufen würde? Kann es sein, dass sich die Fronten inzwischen verschoben haben zum Streit über Fleischverzehr generell?

Journal Sonntag, 8. Februar 2016 – Kartoffelsalaterinnerungen

Montag, 8. Februar 2016

Das Wetter war trocken und mild. Nach einer sehr unruhigen Nacht mit wilden Träumen radelte ich ins Sportstudio am Ostbahnhof (Stepaerobic mit eingebautem Kraftttraining, Crosstrainer). Die Aussicht von der Terasse im 6. Stock zeigte die ganze Alpenkette.

Auf der Rückfahrt holte ich Krapfen beim Zöttl: Einen G’staubten (das ist der klassische mit Marmeladenfüllung) für Herrn Kaltmamsell, für mich einen Vanillekrapfen und einen Kirschkrapfen. Um beim Essen festzustellen, dass der Vanillekrapfen eine SCHAUMIGE Vanillefüllung enthielt – oiso naaaa!

Ich las Jane Gardams The Man in the Wooden Hat zu Ende: Wieder ganz wundervoll. Der Nachfolgeband von Old Filth erzählt die Geschichte seiner Frau Betty, wieder in Skizzen von sachlich bis poetisch, die sich zu einem Ganzen verbinden. Diesmal erfahren wir mehr über die Kronkolonie Hongkong, außerdem spielen Freundschaften und Loyalität eine große Rolle.

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Nach einem Mittagsschläfchen verwendete ich die restlichen Kartoffeln des Ernteanteils, um Kartoffelsalat zu machen. Also so, wie ich ihn immer mache, ohne darüber nachzudenken. Beim Umwandeln in ein Rezept fühlte ich mich wie jede Oma, die nach der Zubereitung eines Standardgerichts gefragt wird. Am ehrlichsten hätte ich gesagt: Na nimmst hoit ´kochte Katoffe, a Briah, a weng Ziebe, a Öl, an Essig, Pfeffa und Soiz, und wanns’t mogst, tuast a Guak’n nei.
Mengenangaben und Garzeiten: Des sigs’t na scho.1

Aber für ein aufzuschreibendes Rezept geht das natürlich nicht. Ich machte mir also jeden Arbeitsschritt bewusst und wog alle Zutaten ab.

Beim Zubereiten dieses Kartoffelsalats wurde ich ganz sentimental: Das ist eines der ganz wenigen Gerichte, die meine Mutter mir so richtig und gründlich beigebracht hat, inklusive einiger Handgriffe.

160207_10_Kartoffelsalat

Das hier ist zum Beispiel ein typischer Anblick bei meiner Zubereitung von Kartoffelsalat. Wie meine Mutter gieße ich die Kartoffeln nach dem Garen ab und lege sie zum Abkühlen auf den Balkon; den Top stelle ich daneben. Im Topf hole ich sie wieder in die Küche, beim Pellen fungiert dieser Topf als Abfalleimer für die Schalen, am Topfrand streife ich klebrige Schalenfitzl vom Messer. Viele Handgriffe, die meine Mutter mich gelehrt hat, habe ich abgelegt (zum Beispiel rohe Kartoffeln auf einem Stück Zeitung zu schälen, um die Schalen danach gesammelt und sauber wegwerfen zu können). Aber diesen habe ich behalten.

Gerade weil das Rezept eine nicht-deutsche Nachkocherin als Leserin adressiert (die Engländerin Helene), war ich so unsicher wie noch nie, wie viel Information es enthalten sollte. Die Gurken für den Kartoffelsalat (meiner enthält immer Gurken, ich mag die Frische und die zusätzliche Textur) müssen zum Beispiel unbedingt gehobelt werden: Gibt es solche Hobel überhaupt in englischen Küchen?

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Letztendlich kam aber doch ein Rezept heraus: Hier steht es.

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Vor dem Einschlafen Patricia Highsmiths The Price of Salt für unseren Lesekreis angefangen: Herr Kaltmamsell hatte eine Ausgabe beschafft, die ein Neudruck der ersten Ausgabe von 1952 ist. Ich fand es seltsam, die altmodischen Bleisatzbuchstaben, die ich aus Büchern dieser Vergangenheit gewohnt bin, auf dem blendend weißen Papier von heute zu sehen.

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Im Techniktagebuch ist ein ganz wunderbarer Techniktraum aufgetaucht:
„Traum-App“.

Die App soll Leute zur Arbeit motivieren, Produktivität und Durchhaltewille fördern. Analog zur Sport-App „Runtastic“ kann man darin Leute per Button anfeuern – nur eben nicht beim Laufen, sondern bei der Arbeit.

Seit ich das gelesen habe, überlege ich, wie man das einem Betriebsrat als geplante Zukunft andrehen könnte – und natürlich einen ohrenbetäubenden Proteststurm auslösen.

  1. Selbst hatte ich keine Bayrisch sprechenden Großmütter. Aber ich wäre eine geworden. []

Journal Donnerstag bis Sonntag, 21.-24. Januar 2016 – vorerst Winterende

Montag, 25. Januar 2016

Donnerstag entdeckte ich auf Twitter den Account Ravenmaster. Der twitternde Herr arbeitet für den Tower of London und ist für die sechs (plus zwei Reserve-) Raben zuständig, die seit der Viktorianik schon immer dort gehalten werden. Von denen postet er Bilder und Filmchen – an denen unter anderem schön sichtbar wird, wie groß der Unterschied zu Krähen ist.

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Freitagmorgen absolvierte ich im heimischen Wohnzimmer eine halbe Stunde Krafttraining, dann holte ich mir bei der Hausärztin ein neues Rezept für Migränemittel ab. Dass ich es mit dem unwillkürlichen Gedanken „main Schaaaaatz!“ entgegennahm, beweist mir mehr als manch anderes, wie schlimm die großen Migräneattacken für mich sind und welchen Horror ich davor habe, jemals wieder ohne Medikament eine ungeschützt und ganz durchleben zu müssen.

Nach Feierabend Treffen mit meiner Leserunde zu Richard Yates‘ Cold Spring Harbour: Hatte uns allen gefallen, aber kaum jemand fand es so besonders gut wie ich. Ich hatte die scheinbar nüchterne Sprache gemocht, mit der Yates den Figuren Raum zur Entfaltung gibt, die fast tragische Unausweichlichkeit der zwischenmenschlichen Mechanismen in den frühen 40ern an der amerikanischen Ostküste. Ich hatte mich oft an Jane Austen erinnert gefühlt: Der formalisierte gesellschaftliche Umgang, der schlimme Probleme unter den Teppich kehrt, die extrem wenigen Optionen, die das Leben Frauen ließ, Selbstbetrug als Lebenserhaltungsmaßnahme.

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Samstag den schlimmsten Eisregen verschlafen, der in den frühen Morgenstunden München überzog. Für den Vormittag hatte ich mir eine 45-Minuten-Folge bei Fitnessblender ausgesucht, auch die gefiel mir gut: Die Übungen werden sorgfältig erklärt und gezeigt, die Stimmung ist ruhig und freundlich.

Nach einer Einkaufsrunde bereitete ich Dorschbrot zu. Ich habe das Rezept von einer Studienfreundin: Sie hatte eine kleine Gruppe Freunde damals nach München in die Neuhausener Altbauwohnung ihrer Eltern eingeladen (wir wohnten und studierten ja in Augsburg) und dort Familienrezepte serviert. Wir kochten ohnehin oft füreinander: Wo unsere wilden Altersgenossen Nächte in Discos verbrachten, trafen wir uns zum gemeinsamen Essen. Dorschbrot scheint etwas sehr Spezielles zu sein, nicht mal Google kannte es. Das ändert sich hiermit, ich habe das Rezept aufgeschrieben.

160123_06_Dorschbrot

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Bis Sonntag war der Winter fast verschwunden, die Temperaturen stiegen in deutliche Plus-Regionen. Ich radelte vormittags zu einer Hüpfstunde am Ostbahnhof, verbrachte den Nachmittag über Ostfriesentee und Kuchen mit Kunstgeschichtegesprächen.

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Der Blogger Kurzhaarschnitt hat die Geschichte seiner Frau aufgeschrieben und schildert bedrückend nachvollziehbar das juristische Dilemma und die Folgen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit:
„Meine Frau und ich. Eine Liebesgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Und Happy End.“

Auch bemerkenswert ist die Geschichte wegen ihres Trigger Warnings, das den Sinn solch eines Hinweises erklärt:

Liebe Leserinnen und Leser, Smartphones und Laptops ermöglichen uns, Texte wie diesen jederzeit und überall zu lesen, ob nun zu Hause, an der Arbeit in der Pause, im Wartezimmer beim Arzt oder, oder, oder. Jedoch gibt es Momente, in denen aus verschiedenen Gründen die Konfrontation mit manchen Themen für einige Menschen ein Problem darstellen kann. Damit Sie eine Chance haben, zu entscheiden, ob Sie diesen Text zu diesem Zeitpunkt lesen wollen/können, möchte ich Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass er se*uellen M*ssbr*uch thematisiert.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, wie sehr ich mich zum einen an diese Technik gewöhnt habe, die ich hauptsächlich aus dem angloamerikanischen Raum kenne: Dass vor einem Text auf Themen hingewiesen wird, die manchen Menschen zu nahe gehen könnten. Und wie sinnvoll das aus genau den oben genannten Gründen ist. In deutschen Medien habe ich über diese Entwicklung noch nie sachlich gelesen; wenn überhaupt, taucht sie ins Lächerliche überzogen auf. Als Beispiel für Zwang zu etwas, was bescheuerterweise als political correctness diffamiert wird.

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Meine Geburtsstadt hat einen Imagefilm veröffentlicht und geschafft, kein einziges Auto darin vorkommen zu lassen – eine Meisterleistung.

Übrigens sieht ein Hopfengarten nach der Ernte keineswegs so aus wie der, durch den im Filmchen der Pferdewagen (ROFL) rollt: Statt grün und bewachsen ist er nach der Ernte nackig, denn die Pflanze wird vom „Roreißa“ (Hinunterreißer) mitsamt dem Draht, an dem sie hochgewachsen ist, auf dem Boden befördert. Zumindest scheint sich diese Stadt ihrer Wirklichkeit genug zu schämen, dass sie sie im Imagefilm lieber gar nicht erst vorkommen lässt.

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Journal Sonntag, 10. Januar 2016 – Lesetag

Montag, 11. Januar 2016

Ein regnerischer Tag, zum Glück erwischte ich für meine Radfahrten Regenlücken.

Vormittags hinaus zum Ostbahnhof, dort eine Stunde glückseliges Hopsen um einen Step herum, eine Stunde doofes Wackeln auf dem Balance Pad. Ich bilde mir ein, dass mich diese blöde Wackelei (gestern zusätzlich mit diesem doofen halbleeren Ball) wirklich gesundheitsförderlich kräftigt.

Nachmittags Internet gelesen und die SZ am Wochenende (erleichtert über die Entschuldigung der Chefredaktion für die entgleiste Illustration der Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof, zumal ich die Berichterstattung bislang sehr schätzte, unter anderem den Kommentar von Vera Schroeder „Unter Männern“). Richard Yates‘ Cold Spring Harbor ausgelesen, ich musst immer wieder an Jane Austen denken (mehr dazu nach der Leserunde, in der wir darüber sprechen werden).

Nach dem Abendessen Tatort laufen lassen, mich wieder bewusst daran erinnern müssen, dass ich aus anderen Filmen weiß, wie gut Eva Mattes und Sebastian Bezzel eigentlich schauspielen können.

Zu essen war noch reichlich vom Samstag da.

Mary Beard, SPQR. A History of Ancient Rome

Sonntag, 3. Januar 2016

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Das Jahr fing gleich mal mit einem Lektüre-Highlight an. Mit 61 Jahren ist Mary Beard, Professorin für Altphilologie an der Universität Cambridge, wahrscheinlich auf dem Höhepunkt ihres Forscherinnenlebens (während Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler statistisch eher vor dem 35. Lebensjahr zu nobelpreisverdächtigen Forschungsergebnissen kommen, werden Geisteswissenschaftlerinnen tendenziell über ihr Forschungsleben hinweg immer besser). Schöpfend aus einem ungeheuren Wissensfundus hat Beard jetzt ein Buch über die ersten tausend Jahre des römischen Reichs geschrieben.1

Den Endpunkt des Römischen Reiches, über das sie schreibt, setzt sie, als Caracalla alle Bewohner römischen Territoriums zu römischen Bürgern machte. Danach, so führt sie am Ende kurz aus, war alles anders.

Mary Beard benennt und hinterfragt die Bilder, die wir vom Römischen Reich im Kopf haben – ich fühlte mich so treffend bei meinem wischiwaschi Viertelbildungshintergrund abgeholt, als hätte Beard das Buch genau für mich geschrieben. Inklusive den paar Brocken Latein, die mir noch geblieben sind: Selten, aber doch zitiert sie lateinisch.

Beard beginnt bei Ciceros bekannter Rede im Senat gegen Catilina: Zum einen um sie uns gleich wieder wegzunehmen, denn die Motive und Hintergründe, die man mir seinerzeit in der Schule beigebracht hat, sind anscheinend genauso wenig haltbar wie die berühmten Gemälde der Szene. Beard bietet erheblich wahrscheinlichere Erklärungen. Zum anderen gibt es bis Augustinus nun mal niemanden in der Geschichte, von dem wir so viel wissen wie über Cicero, vor allem anhand seiner eigenen Schriften (Briefe, niedergeschriebene Reden, Bücher) sowie anhand von Schriftzeugnissen über ihn. Cicero ist dann auch der rote Faden, auf den sie sich immer wieder bezieht, angefangen vom Gründungsmythos Roms und wie Cicero ihn verwendet.

Zum Beispiel wissen wir aus seinen Aufzeichnungen auch, wie viel Cicero für sein Haus am Palatin gezahlt hat. Hier weist Beard aber auf die praktische Lücke hin, die weder sie noch andere Forscherinnen bislang füllen konnten: Wie funktionierte ganz konkret der Zahlungsvorgang?
So wie hier kommt sie immer wieder von gesicherten Erkenntnissen zu blankem Unwissen oder zu einer sehr wackligen Faktenlage und wieder zurück.

Stringent und lesefreundlich strukturiert, hinterfragt Beard praktisch alles, was wir aus populären Darstellungen über das römische Imperium zu wissen glauben – selbst wenn diese auf römischen Quellen basieren. Zum Beispiel die bunten Luxus- und Grausamkeitsgeschichten über die Kaiser, die fast alle nach deren Ermordung aufgeschrieben wurden: Mary Beard untersucht, ob da vielleicht jemand nachvollziehbare Vorteile hatte, wenn er sie so schilderte und nicht anders. Manche besonders saftige Details entlarvt sie als schlichte Fehlübersetzungen.

Immer wieder thematisiert sie die Bevölkerungsschichten, über die es keine zeitgenössischen schriftlichen Quellen gibt: die 99 Prozent einfache Leute. Hier greift sie auf Erkenntnisse aus archäologischen Funden zurück, für die frühe Kaiserzeit vor allem aus Pompeii und Herculaneum. Dazu kommen als Quellen ab dieser Zeit auch Grabinschriften, die oft das Leben der Verstorbenen skizzieren. So diskutiert Beard den Alltag von Kindern oder geht Hinweisen nach, von welcher Durchschnittsbildung der römischen Bevölkerung wir ausgehen können.

Das Buch profitiert enorm davon, dass Beard auf Jahrzehnte eigener Forschung zurückgreifen kann: Über Pompeii hat sie ein eigenes Buch geschrieben, ihre jüngste wissenschaftliche Veröffentlichung behandelt Komik in der Antike – so zitiert sie auch in SPQR an passender Stelle einige ziemlich gute Witze. Beard schlägt immer wieder den Bogen von großer Politk (unter anderem die sehr unordentliche Thronfolge in der Kaiserzeit) zu lebenswichtigen Alltagsfragen (wie funktionierte die Landwirtschaft?).

Natürlich enthält das Buch auch viele, viele Abschnitte, von denen ich noch nie etwas gehört hatte (oder im Schulunterricht verschnarcht), zum Beispiel über den Social War, also den Bundesgenossenkrieg im 1. Jahrhundert v.d.Z. (Mary Beard verwendet die religionsneutralen Abkürzungen BCE und CE): Hier geht Beard der offensichtlich immer noch ungeklärten Frage nach, was die Aufständischen eigentlich wollten.

An anderer Stelle erklärt sie für mich erstmals nachvollziehbar, warum das Christentum für das römische Reich etwas wirklich Neues und Bedrohliches war (auch über die Rolle von Religion in der Antike gibt es einige Veröffentlichungen von ihr).

Auf Fußnoten verzichtet Beard, daher konnte ich das Buch schnell weglesen (ich tendiere nämlich dazu, Fußnoten nachzulesen). Sie nennt im Text durchaus Quellen, aber nicht für alle indirekten Zitate oder für alle Thesen, die sie abwägt. Auch das ermöglicht flüssigeres Lesen, weil nicht schon wieder ein Name auftaucht. Genauere Quellenangaben (allerdings nicht bis runter auf die Seitenzahl) finden sich im Kapitel „Further Reading“: Dort nennt sie durchaus auch Werke, die ihren Schlussfolgerungen widersprechen oder die alternative Interpretationen anbieten.

Rund wird SPQR durch zahlreiche Illustrationen, der Anhang liefert eine ausführliche Zeittafel und einen Index.

Eine ganz große Leseempfehlung. Wäre ein klasse Weihnachtsgeschenk gewesen.

  1. In den Acknowledgements schreibt Beard dann auch: „SPQR is the work of about fifty years.“ []