Bücher

Wie es dazu kam, dass Am grünen Strand der Spree wieder aufgelegt wurde

Donnerstag, 12. Dezember 2013

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Da war diese Bloggerin, die stellte in ihrem Blog einen Roman vor, den sie in ihrer Leserunde besprochen hatte. Sie fand den Roman großartig, beschrieb ihn ausführlich und äußerte ihr Bedauern, dass er schon lange vergriffen war. Ein Verleger hielt das für interessant genug, dass er den Roman las. Das Buch gefiel ihm so gut, dass er sich um die Lizenz dafür bemühte und es neu auflegte – mit dem Hinweis, ohne die Besprechung im Blog wäre er nie draufgekommen.

Eine schöne Geschichte über die Verbindung von Online- und Offline-Welt. Die ich erheblich unbefangener bejubeln könnte, wenn die Bloggerin nicht ich selbst wäre. Denn das oben ist die Kurzfassung, wie es dazu kam, dass Am grünen Strand der Spree von Hans Scholz jetzt wieder zu haben ist. Gebloggt hatte ich über den Roman hier. Eine Besprechung im Spiegel aus dem Jahr 1956 finden Sie hier.

Das eigentlich Interessante ist aber zum Glück der Roman und seine Geschichte. Verleger André Thiele war so freundlich, mir Zeit für ein ausführliches Gespräch zu schenken und einer völlig Fachfremden zu erklären, warum der einstige Bestseller (erschienen 1955, 1960 als Fernseh-Fünfteiler gesendet) so lange nicht zu haben war und warum das jetzt anders ist. Ich habe sehr viel über Büchermachen und Verlage gelernt, auch über Zukunftsperspektiven der Branche. In einer zweiten Geschichte werde ich über den VAT Verlag schreiben.

Wie kam es also überhaupt dazu, dass ein Bestseller, der immer noch nachgefragt und gelesen wurde, nicht mehr auf dem Markt war?
Ich erfuhr, dass das hauptsächlich an dem Verlag lag, der die Nutzungsrechte an Am grünen Strand der Spree hält: Hoffmann und Campe. Nach Einschätzung von André Thiele würde ein solch großer Verlag unter einer Auflage von 5000 ein Buch gar nicht herausbringen – doch ob dafür die Nachfrage reicht, sei fraglich. Außerdem passe das Buch wahrscheinlich nicht ins Verlagsprogramm, sondern würde eher Verwunderung auslösen: Findet Hoffmann und Campe keine neuen Autoren mehr?

Hier kommt ein kleiner Verlag wie der Mainzer VAT ins Spiel, für den die Wiederentdeckung eines früheren Literaturerfolgs ganz wunderbar ins Programm passt. Klar überlegte und recherchierte auch André Thiele, wie viele Menschen dieser Roman ansprechen könnte, wie viele Exemplare noch antiquarisch zu haben sind, wie viele Leute sich wohl noch an die Verfilmung erinnern. Und er kam zu dem Ergebnis, dass der Roman (Autor Hans Scholz nannte ihn „So gut wie ein Roman“) auch heute ein Publikum hat.

Die nächsten Schritte zur Wiederveröffentlichung eines vergriffenen Buchs, die André Thiele schilderte, erschienen mir dann überraschend einfach: Der interessierte Verlag wendet sich an den Inhaber der Nutzungsrechte (den Thiele in der jüngsten gebunden Ausgabe fand) und fragt nach einer Lizenz. In diesem Fall war das eben Hoffmann und Campe. Dort prüft die zuständige Abteilung, ob der Verlag tatsächlich die Rechte hat und wie der zugehörige Vertrag aussieht. Dann wird die Gebühr für die Lizenz einer Neuauflage verhandelt. All das, so André Thiele, ging bei Hoffmann und Campe sehr schnell und unkompliziert.

Etwas zäher wurde die Sache, als es ans tatsächliche Nachdrucken ging. Druckplatten gibt es für ein so lange vergriffenes Buch natürlich keine mehr, also musste es gescannt werden, der Scan bereinigt und Korrektur gelesen. Das, so André Thiele, erwies sich bei Am grünen Strand der Spree als unerwartet aufwendig: Das Korrektorat musste sehr viel nacharbeiten. Zunächst hatte er die Neuveröffentlichung für Sommer geplant, doch die zusätzlichen Korrekturen verzögerten den Druck bis jetzt.

Ich wollte wissen, ob er denn sicher sei, dass sich genügend Menschen für die Nachkriegszeit interessieren, um die es geht. Doch das ist nach André Thieles Meinung gar nicht das Hauptthema: Alle interessieren sich für die Gegenwart. Und nach seiner Überzeugung liefert gerade Am grünen Strand der Spree sehr viele Parallelen zur Gegenwart: Es gehe darin um die unruhigen Zeiten nach dem Krieg, um den Ost-West-Konflikt, in dem eine Nation sich damals selbst suchte – ähnlich wie sich heute Europa finden müsse und Deutschland seinen Platz in diesem europäischen Staatenbund.

Der Roman von Hans Scholz habe ihn wegen seines Realismus gefesselt: „Er schildert Dinge, die unabhängig vom Bewusstsein der Beteiligten stattgefunden haben.“ Scholz schreibe mit einer ungeheuren Klarheit über die Ereignisse und kausalen Zusammenhänge des Kriegs, die in dieser Zeit offensichtlich von weiten Teilen der Bevölkerung wahrgenommen wurden (sonst hätte der Roman nicht so viele Leser gefunden, wäre die Fernseh-Verfilmung nicht einer der ersten Straßenfeger des jungen deutschen Fernsehens geworden) – die dann aber schnell wieder vergessen oder verdrängt wurden. Thiele spricht voll Bewunderung von Scholz’ „Offenheit, mit der er klarstellt, dass auch der kleine Soldat wusste, was los war“. Das belegt seiner Ansicht nach, dass eben nicht erst die 68er diese schuldreiche Episode der deutschen Geschichte beleuchteten, sondern dass es schon vorher eine Phase der Klarheit gegeben hatte. Doch der Verleger verweist auch auf einen eklatanten Irrtum des Romans: Heute weiß man, dass die Unterscheidung in gute Wehrmacht und böse SS nicht haltbar ist.

Parallelen zur Gegenwart sieht André Thiele in weiteren Details: Den gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch der 50er schildert der Roman an vielen Ausschnitten des Alltags, nicht mit großen politischen Ausführungen. Auch heute sei zu beobachten, dass die tatsächlichen gesellschaftliche Veränderungen eher im Kleinen zu belegen sind. So verbreite sich die Weigerung, viele Missstände weiter hinzunehmen, doch das werde in einer kleinen Bar besprochen, nicht auf der großen Bühne – wie eben in Am grünen Strand der Spree im Jockey-Club.

Ob sich nun tatsächlich Leserinnen finden für den Roman, kann Thiele natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen: „Verlegerei ist eine Form des Glücksspiels.“
Was er genauer damit meint, und warum ihm am liebsten ist, wenn die Bücher aus seinem Programm über die verlagseigene Website gekauft werden (*hint* *hint*) erzähle ich in einem eigenen Post.

Allie Brosh, Hyperbole and a Half

Samstag, 30. November 2013

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Als ich dieses Strichmenschlein zum ersten Mal sah – und es ist so anders, dass ich es nicht übersehen konnte -, fand ich es doof und war abgestoßen: Dieses Gekrakel gruselte mich in seiner Unbeholfenheit und kompletten Unniedlichkeit (diese Glubschaugen, diese Insektenarme), und was sollte bitte das gelbe Hütchen auf dem Kopf?

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Doch zum einen ist der Stil derart einprägsam, dass jedes Auftauchen auffällt, zum anderen passte er erstaunlich gut zu hochemotionalen Situationen. Irgendwann begegnete mir die seltsame Figur fast wöchentlich irgendwo in Blogs oder auf Twitter – ohne dass ich wusste, wer sie erfunden hatte oder dass sie zu einem Blog gehörte.

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Erst als ich auf die Geschichte “Adventures in Depression” stieß und damit auf das Blog von Allie Brosh, konnte ich langsam das seltsame gelbe Hütchen einordnen: Die Rückansicht des Kopfes deutete darauf hin, dass das wohl ein stilisierter Pferdeschwanz ist. (Der Mitbewohner assoziiert mit der Figur etwas Fischiges, Kaulquappiges und sieht das gelbe Dreieck deshalb als Flosse.)1

Allie Brosh hat einige ihrer Geschichten vor Kurzem als Buch veröffentlicht, und sie funktionieren in dieser Form ausgezeichnet. Die Krakelzeichnungen bleiben befremdlich, auch wenn schnell klar wird, dass nichts daran unbeholfen ist, sondern jedes Detail Wirkung hat. Die Bilder und ihre Zwischentexte müssen genau so kombiniert sein, das eine ohne das andere ginge nicht. Vor allem aber liefern die gemalten und geschriebenen Geschichten von Allie Brosh ungewöhnlich luzide Perspektiven – ihrer eigenen Kindheit, des Verhaltens von Hunden, des Umgangs mit sich selbst. Die Kindheitsgeschichten verbinden die Sicht des seltsamen Kinds, das sie mal war, die Sicht der Erwachsenen, die sich über das seltsame Kind amüsiert, und die der Erwachsenen, die das damalige Kind vor den Auswirkungen dieser Seltsamkeit schützen möchte. Über ihre Hund erzählen die Geschichten ähnlich. Wenn das bizarr klingt, trifft es das Buch recht gut.

Auf einer sehr persönlichen Ebene freute mich, dass ich mit meiner lächerlichen dreifach verdrehten Selbstzerfleischung nicht allein bin. Und dass es eine Künstlerin gibt, die dafür eine Ausdrucksform gefunden hat, über die ich auch noch gnädig schmunzeln kann. Beispiel:

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Wenn Sie die Autorin selbst ein wenig kennenlernen möchten: Die New York Times (OMG!) hat ein Portrait über sie gemacht.

  1. Beim Nachlesen der FAQ auf Allies Blog stellte ich fest, dass wir beide Recht haben: “What is that yellow thing on your head? – It’s a ponytail. You may also think of it as a shark fin if you wish.” In diesen FAQ findet Allie übrigens auch wirklich freundliche Worte für Menschen, die mit ihren Geschichten oder auch nur ihren Zeichnungen nichts anfangen können. Nur falls Sie dazu gehören. []

Beifang aus dem Internet

Samstag, 23. November 2013

Ein sehr schöner Nachruf auf Doris Lessing in der New York Times (mit vielen schönen Fotos von ihr). Mein Lieblingssatz:

Readers did not stop interpreting her work in ways that infuriated her.

Der Mitbewohner hatte den Auftrag, seinen Schülern am Montag einzureden, von Doris Lessing sei die Ringparabel, die sie demnächst im Deutschunterricht besprechen würden (für mehr Schabernack im Unterricht!). Doch die Stunde fiel leider aus.

§

Der Roman von Hans Scholz, Am grünen Strand der Spree, wird neu aufgelegt. DAS Am grünen Strand der Spree. Machen Sie sich auf weitreichende Berichterstattung hier im Blog gefasst, zum Beispiel darüber, warum der Roman so lange nicht zu haben war und wie es zur Neuauflage kam.

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Dieser Grund für die Nicherhältlichkeit eines Buches war mir zum Beispiel neu:
Raue See.

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Das hijacking von Social-Media-Aktionen durch gar nicht gemeinte Interessensgruppen ist so alt wie die Idee konzertierter Social-Media-Aktionen (und nicht auf Social Media beschränkt) (oder auf Medien). Manchmal ist das Ergebnis ganz zauberhaft, zum Beispiel wenn Wissenschaftlerinnen den Hashtag einer Jungmädchenzeitung, #ManicureMonday, kapern.

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Jennifer Lawrence bin ich seit der jüngsten Oscarverleihung verfallen. Eine Erklärung mag sein:
20 signs that Jennifer Lawrence is your spirit animal

Jemand, die GENAU so auf die Begegnung mit Jack Nicholson reagiert wie wir alle!

Und dann mögen Sie sich vielleicht noch anschauen, wie sie Jon Stewart in seiner eigenen Show vorführt:

(via @marthadear)

§

(Bereits anderthalb Jahre alt, geht aber erst jetzt durch mein Internet:)

Mit schönen, halb bekleideten Frauen in aufreizenden Posen wird ja alles verkauft, in einer nachvollziehbaren, aber krausen Logik traditionell auch typische Männerprodukte wie Autoreifen und Motorräder.

Die sehr populäre Motorrad-Website Asphalt & Rubber hält nichts davon: “In case you didn’t know, if you really need some eye candy of the opposite sex, there are plenty of other websites on the internet that can suit your desires.”

Doch diesmal gab es gute Gründe für eine Ausnahme:

When we saw Portland-based Ducati dealer MotoCorsa do a photo shoot with a lovely lady named Kylie and a Ducati 1199 Panigale, we passed on running the photos. Then something interesting happened: MotoCorsa did a follow-up photo shoot, this time with men from around the shop, recreating the shots from the photo shoot with Kylie. Perhaps not the most flattering photos we’ve ever seen, it is however a delicious role-reversal, not to mention showing some good humor from the gentlemen involved.

Die vorhersagbaren aufreizende-Dame-an-heißem-Ofen-Aufnahmen waren doppelt geschossen worden, beim zweiten Mal mit den männlichen Angestellten der Werkstatt in ähnlicher Kleidung in exakt denselben Posen – und das sehr ernsthaft. Bitte sehen Sie sich das Ergebnis unbedingt an; zum erstem Mal seit 25 Jahren dachte ich daran, dass ich doch mal einen Motorradführerschein machen wollte. (Und ich will die roten Sandalen auf dem ersten Foto oben.)

Jean-Yves Ferri, Didier Conrad, Klaus Jöken (Übers.), Asterix bei den Pikten

Sonntag, 27. Oktober 2013

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Mit Asterix und Maestria hatte Uderzo endgültig das Kraut bei mir ausgeschüttet: Dieser Blödsinn enthielt nichts mehr von dem, was ich an Asterixheften so liebte. Der letzte Asterix, der für mich zum Kanon gehört und aus dem ich zitiere, ist Der große Graben („Gleich platz’ ich… glei… glei… gleich platz’ ich!“).

Die Nachricht, dass nun ein neues Team an den Stoff gelassen würde, war für mich also sofort erfreulich: Es konnte nur besser werden. Und zu meiner allergrößten Erleichterung kann ich berichten: Wurde es.

Asterix bei den Pikten ist wieder ein echter Asterix. Fritz Göttler1 bespricht den Band in der SZ, und ich stimme ihm vollumfänglich zu. Auch wenn ich eine Bemerkung zu den beiden Übersetzungsvarianten im Deutschen vermisste (hach, die gute Gudrun Penndorf) – ham’s ihm sicher rausredigiert, weil eh schon so lang.

Wir bekommen (nur knapp und möglichst ohne Spoiler aufgezählt): Herrlich detaillierte Szenen im gallischen Dorf inklusive kleinem roten Faden um Majestix’ Transport, eine kleine Nebenhandlung dortselbst, die Piraten, Essen & Trinken, niedliche (aber nicht zu niedliche) Tiere, einen Bösewicht, der einem französischen Schauspieler nachempfunden ist, schlimme Kalauer, Anspielungen auf die Gegenwart, historisch Fundiertes, Zitierfähiges (“ein seltsam unvollständiges Karomuster”, “Erst denken, dann hauen!”, “Karriere und Suppe!”, “Sind noch ein paar Lachse übrig?”), einen sanft geänderter Zeichenstil.

Eine Mäkelei habe ich aber doch: die Typografie. Von mir aus darf sich Ehapa ja vom einst für den Verlag so charakteristischen Maschinenlettering verabschieden – auch wenn die alten Hefte dadurch typografisch schön rund wurden.

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Aber ein völliges Durcheinander an digitalen Schriftarten hat keinerlei Vorteile und erinnert höchstens an Schülerzeitung.

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  1. Ich liege dem Herrn immer mehr zu Füßen: Nicht nur liebt er Cid Charisse aus denselben Gründen wie ich, sondern liest Asterix auch noch korrekt. Wo ich doch so viele Jahre lang seine superintellektuellen Rezensionen immer nur mit einem Augenrollen lesen konnte. []

Lutz Geißler, Das Brotbackbuch

Montag, 14. Oktober 2013

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Bevor ich das Buch vorstellte, wollte ich unbedingt mindestens drei Rezepte daraus getestet haben. Nun hat es bis zum dritten doch eine Weile gedauert (mir kamen ein paar ungemein spannende Brote aus Blogs dazwischen), doch jetzt habe ich auch die Morgenbrötchen nachgebacken.

Schon seit einiger Zeit rezensiert Lutz Geißler deutschsprachige Brotbackbücher. Keines davon taugte in seinen Augen wirklich etwas, und das sehr nachvollziehbar: Ein Brotbackbuch sollte die Grundlagen des Brotbackens vermitteln und zumindest in groben Zügen, was da eigentlich passiert. Es sollte Techniken erklären, Bezugsquellen für Zutaten nennen, Rezepte verschiedener Schwierigkeitsstufen enthalten. Solch ein Buch gab es in deutscher Sprache nicht – bis Lutz es selbst schrieb.

Der Aufbau des Buches ist sehr klug und pragmatisch: Auf vier knappen Seiten “Tipps für den Start” wird der wichtigste fachliche Hintergrund der Rezepte und des Brotbackens dargelegt, zusätzliche Seiten erklären die Fachbegriffe, denen man im Buch (und in Brotbackblogs) begegnet, von “Abglänzen” bis “Zwischengare”. Dann locken bereits die wunderbar (ebenfalls von Lutz) fotografierten Brote und Semmeln in den Rezeptteil, aufgeteilt in “Rezepte für den Anfang”, “Rezepte mit etwas Übung” und “Rezepte für Fortgeschrittene”. In Marginalien und Kästen werden einige Techniken erläutert, mit eigens für das Buch erstellten Illustrationen. Die Rezepte sind übersichtlich notiert, es gibt für alle Anleitungen eine Kurzfassung (für Erfahrene und bei Wiederholungen) sowie eine ausführliche Beschreibung. Das letzte Drittel des Buches geht in die Tiefe des Brotbackens, in chemische Vorgänge, Profiausstattung, elaborierte Technik – ich fand jede Zeile hochspannend.

Ein besonders cleverer Kunstgriff ist die Verknüpfung des Buchs mit einer Website: www.brotbackbuch.de. Hier gibt es zu jedem Rezept weitere Bilder – schließlich will ich doch vor dem Backen immer den Anschnitt sehen, und Bilder vom Teig und seiner Konsistenz helfen mir auch oft. Ebenfalls eingebunden in die Website: Lehrvideos zu zahlreichen Techniken wie Rundwirken oder Falten.

Wie auch in Lutz Geißlers Plötzblog sind mir allerdings oft die Teigmengen zu gering; zum einen fühlt es sich ökonomischer an, den Ofen für gleich mehrere Brote einzuheizen, zum anderen dreht meine große Küchenmaschine bei Roggenteigen in kleinen Mengen gerne mal leer (Weizenteige halten durch die Glutenbildung zusammen). Aber das ist eine wirklich marginale und sehr persönliche Mäkelei, zudem lassen sich die Zutaten sehr einfach verdoppeln.

Etwas objektiver ist meine Kritik an den PR-Phrasen, in die die Brotbeschreibungen oft entgleiten (“Ein gelingsicheres Brot für jeden Anlass”, “Dank seines bestechenden Eigengeschmacks”, “Ein beliebtes Frühstücksgebäck”). Lutz hat mehrfach darauf hingewiesen, dass das nicht seine Idee war, sondern dem Druck des Verlags geschuldet ist, ich sehe also mit hochgezogener Augenbraue nach Stuttgart. Dazu kommt Schlamperei im Endkorrektorat, selbst bin ich über einige Stellen gestolpert, und die Liste der Errata (großes Lob fürs Online-Stellen) ist erschreckend. Ich hoffe sehr, dass es eine 2. Auflage mit Korrekturen geben wird (vielleicht noch vor Weihnachten?), dann werde ich das Buch reichlich verschenken.

Vielen Dank an Lutz für das Buch – ich kann mir kaum vorstellen, wie er das neben seiner komplett anderen Berufstätigkeit hinbekommen hat. Und Dank an eine meiner persönlichen Brotfeen, Petra, die den Verlag nach Anfrage bei ihr zu Lutz geschickt hat; auch mir fällt niemand ein, der sich besser für dieses Projekt geeignet hätte.

Bislang nachgebacken habe ich:

1. Weißbrot – ein ganz besonders Brotbackerlebnis. Vermutlich weil dabei wie durch Magie das Weißbrot meiner Kindheit entstand, das ich bereits fast vergessen hatte.

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2. Schokobrot, weil es gar zu albern ist. Schmeckte ganz hervorragend.

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3. Und gestern eben die Morgenbrötchen – gingen mir über Nacht nicht genug auf, und dann ließ ich sie auch noch ein wenig zu lang im Ofen (letzten Tipper auf den Timer vergessen und damit das Ende der letzten fünf Minuten übersehen). Schmeckten trotzdem sehr gut.

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Vanessa Giese, Da gewöhnze dich dran. Wie ich mein Herz an den Pott verlor

Freitag, 11. Oktober 2013

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Sollen doch die Hater nölen, ob wohl inzwischen jeder Blogger ein Buch schreibt, der sich auch nur halbwegs im Alphabet zurecht findet. Das kann ja schon deshalb nicht stimmen, weil es unter anderem weder ein Buch von Bosch gibt noch eines von Frau Diener. Und zudem ist es ganz herrlich und eine große Bereicherung, dass Menschen, aus deren Blogs man seit Jahren weiß, dass sie ausgezeichnet schreiben, dieses auch in Buchform beweisen. Jüngstes Beispiel: Nessys Da gewöhnze dich dran.

Dass die Dame schreiben kann, macht ihr Blog seit Jahren zum Publikumsrenner: Frau Draußen nur Kännchen hat nicht nur Sensoren für Geschichten, sondern auch für deren Vermittlung inklusive exzellentem Timing von Pointen. Dieses Gespür für Erzähl- und Sprachrhythmus ist es unter anderem, was ihr Buch so lesenswert macht. Als Leserin ihres Blogs kannte ich die eine oder andere Begebenheit schon, doch spannt das Buch einen schönen Bogen vom Eintreffen der Sauerländerin Vanessa im Ruhrpott über die Begegnung mit den Einheimischen (und zu den Einheimischen wird man dort offensichtlich in dem Moment gezählt, in dem man sich dazu bekennt – ungemein löblich und im meisten Bayern unvorstellbar), ihren Anschluss an eine örtliche Handballmannschaft bis zu den vorsichtigen Anfängen des Wurzelschlagens in einer Beziehung. Ich gewann all diese Menschen aus den Geschichten beim Lesen sehr lieb; dass ich selbst bei so viel menschlicher Nähe und Distanzlosigkeit innerhalb weniger Wochen in eine pyrenäische Einsiedelei geflohen wäre, störte dabei keineswegs. Wenn Nessy sie beschreibt, lese ich sogar Junggesellinnenabschiede, die ich in Echt weiträumig meide.

Vanessa Giese vermittelt mit immer wieder neuen Mitteln Stimmungen und Charaktere, mal in nackten Dialogen (wie heißt untagged dialogue auf Deutsch?), mal in nur scheinbar rein äußerlichen Beschreibungen. Ebenso unaufdringlich und indirekt erzählt sie sich selbst und wie sie all die Geschehnisse aufnimmt. Da ich mitbekommen habe, dass Rowohlt für die Taschenbuchreihen kein echtes Lektorat springen lässt, habe ich umso größeren Respekt vor Nessys Schriftstellertum – und sollte sie so schlau gewesen sein, selbst eine gute Lektorin zu bezahlen, sollte sie die behalten. Wie ich mir ohnehin wünsche, sie würde sich als Nächstes (allein oder eben mit dieser Lektorin) in ausgedachte Kurzgeschichten oder einen Roman stürzen.

§

Meiner Beobachtung nach hat sich ohnehin in den vergangenen etwa zehn Jahren ein neues klares Genre der erzählenden Literatur herauskristallisiert: Lebensliteratur, also spannende Geschichten, die in autobiografischem Hintergrund wurzeln, aber mehr oder weniger weit fiktionalisiert erzählt werden. Als Beispiele fallen mir ein Reading Lolita in Tehran von Azar Nafisi und The Tender Bar von J.R. Moehringer. Gerade in Deutschland beschreibt das eines der dominanten Blog-Profile (und sind es genau die Blogs, die ich am liebsten lese), deswegen liegt es nahe, aus dem einen das andere zu machen. Mittlerweile hat meine Bibliothek bereits ein eigenes Eck für Bücher von Bloggern und Bloggerinnen (Kochbücher stehen extra):

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Jetzt freue ich mich schon auf Raúl Krauthausens Dachdecker wollte ich eh nicht werden.1

  1. Ich hoffe, es hört irgendwann auf, dass ich mir bei jedem Lesen seines Namens wider besseres Wissen denke, dass der doch wohl ein Künstlername sein MUSS. []

Beifang aus dem Internetz – MRR, “du als Frau”

Freitag, 20. September 2013

Marcel Reich-Ranicki ist nicht mehr. Wen sollen wir bitte jetzt nachmachen, wenn wir mit einem einzigen Satz einen Literaturkritiker spielen wollen? (Eine Heidenreich ist halt bei aller parodierbaren Eifrigkeit nicht so markant. Und für eine Karasek-Parodie müssten wir erst mal zehn Minuten Speichel sammeln; bis dahin ist der Moment längst vorbei.)

Schöne Nachrufe:

- Frank Schirrmacher für die FAZ: “Ein sehr großer Mann“.

- Einem Mann der Wörter ruft man wahrscheinlich am besten durch eine Sammlung seiner Worte nach: “‘Ich kann nicht anders: Ich muss nörgeln’ Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki: Seine besten Sätze aus der unvergessenen Fernsehsendung ‘Das Literarische Quartett’, von Anfang bis Zwist.

- Oder gleich ein langes Interview, das mit André Müller.

Das ist kompletter Schwachsinn. Aber jeder Schwachsinn hat einen Grund.

Wobei ich mich all die Jahre gefragt habe, wie jemand, der so mit Rumtoben beschäftigt ist, jemals nachdenkt.

In der Einschätzung von Literatur war ich meist völlig anderer Ansicht als Reich-Ranicki – seine tatsächlichen Maßstäbe wurden mir allerdings nie klar, zu widersprüchlich waren seine immer in Form von absoluter Lehrmeinung formulierten Urteile: “Was macht er schon? GESCHICHTEN erzählen”, war zum Beispiel Reich-Ranickis als Vernichtung gemeinte Sicht auf Salman Rushdie. (Eigentlich sprach er durchgehend in Großbuchstaben.) Bei fast allen anderen Autoren war das Fehlen einer Geschichte Grund für einen Verriss. Also was nun?

§

Niemand ist dazu verpflichtet, eine bestimmte Meinung haben zu müssen, bloß, weil sie eine Frau ist.

Antje Schrupp ist zurecht wütend auf gegenteilige Ansinnen: “Das neue feministische Männerwählen“.