Bücher

Journal Dienstag, 29. November 2016 – Bremen weiter kalt

Mittwoch, 30. November 2016

Nochmal eine Runde arbeiten in Bremen.

Diesmal schaute ich mir den Wall von der anderen Seite an.

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Ruhiger Tag.

Granta ausgelesen, die Ausgabe 137 ist eine der besseren. Besonders mochte ich die Geschichte von Adam Thorpe über einen spätberufenen Schweigemönch aus dem Baugewerbe („My Angel“) und das Porträt der Fotografin Darcy Padilla, die die Obdachlose Julie 18 Jahre lang bis zu ihrem Tod mit 36 begleitet hat: „Julie’s Life“ – weil hier die Fotografin und die Fotografierte auf derselben Ebene erzählt werden, auf Augenhöhe.

§

Schön, hin und wieder etwas von Harald Schmidt zu lesen.
„‚Ich schätze den kurzen Tagesschlaf‘.“

Herr Schmidt, letzte Frage: Wohin sollen wir das Interview zur Autorisierung schicken, Halifax, New York, Azoren?
Nirgendwohin.
Wie?
In meiner Liga ist Gegenlesen vulgär.

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Und weil es meinen gestrigen Morgen so deutlich verschönt hat, auch für Sie (via Buddenbohm):

(Meine Interpretation: Bittersüße Erinnerung an die Abschnitte des Lebens, die wirklich gut waren – damit der Schmerz über die schlimmen nicht siegt.)

Vorsatz fürs Heimkommen: Alles zusammentragen, was der Haushalt von Sinatra hergibt, die Welt braucht mehr crooning.

Journal Freitag, 25. November 2016 – Prä-Advent

Samstag, 26. November 2016

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An der Theresienwiese war’s bereits adventlich.

Nach einem crazy Arbeitstag in die Maxvorstadt gelaufen, um mein Smartphone endlich retten zu lassen. Jetzt sei es aber wirklich in Ordnung, versicherte der freundliche Schrauber und riet mir noch zur App Battery Life, um den Zustand meines Akkus im Blick zu behalten.

Daheim erst mal Wedges of Decadence gebacken für die samstägliche Thanksgiving-Einladung in Augsburg. Nach dem zweiten Schieben in den Ofen einen kräftigen Tequila Sunrise eingeschenkt, allerdings mit Mezcal, weil nur der da war, was gar nicht so gut schmeckte. Den zweiten auf Wodka-Basis, weil der wenigstens nach gar nichts schmeckt.

Her Kaltmamsell bereitete zum Nachtmahl freihändig Chinesisches, was sehr gut schmeckte (black beans!, Auberginen!, zartgemachtes Rindfleisch! Chillis!), allerdings nicht so richtig chinesisch.

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Ben Lerners Leaving the Atocha station ausgelesen – aber bloß, weil es so dünn ist, sonst hätte ich nach spätestens 100 Seiten aufgehört. Der Ich-Erzähler interessierte mich massiv gar nicht. Dass er ein Depp sein soll, ist schnell klar, doch er ist halt eine Sorte Depp, die mich langweilt. Kindisch, narzistisch, ohne interessante Beobachtungen und Reflexionen, nicht mal den Ort Madrid genoss ich (wie kann man dem Retiro so wenig Atmosphäre abgewinnen?).
Außerdem habe ich nach July, July, The Secret History, War of the Encyclopaedists und diesem Buch erst mal für lange Zeit genug von Drogengeschichten. Sie dominieren in Leaving the Atocha station die Handlung völlig (Kauf, bei wem anders abgreifen, Konsum, Bewusstlosigkeit, Upper, Downer, Analyse der Qualität, Kotzen, Panik weil daheim vergessen, überrascht feststellen, dass es heute auch ohne geht, nächster Konsum etc. at inf.), ohne irgendetwas dazu beizutragen.
(Was übrigens ein Grund war, dass ich mich seinerzeit so freute, nicht mehr zu rauchen: Mir wurde rückblickend klar, wie stark mein Tagesablauf vom Rauchen geprägt gewesen war.)
(Allerdings bin ich jetzt endgültig an dem Punkt, meine Jugend nicht mehr für langweilig zu halten, bloß weil Drogen keine Rolle gespielt haben – ich scheine nicht wirklich etwas verpasst zu haben.)

Meine Art Drogenkonsum:

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Vielleicht probiere ich es dieses Jahr doch nochmal mit Plätzchenbacken. Auf die apokalyptische Weise von Tilman Rammstedt:
„Makronen! Meine Fresse!“

Das war kein sehr schönes Jahr. Voller Auf und Ab, nur dieses Mal halt ohne Auf. Deshalb: Backen Sie diese dringend notwendigen Adventskekse. Versuchen Sie es wenigstens.

via @Buddenbohm

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Sie erinnern sich an die Friends-Folge, in der Rachel selbst Trifle machte? Und die Seiten des Kochbuchs zusammenklebten, so dass sie zwei Rezepte vermischte und Hackfleisch einarbeitete? Die wackeren Recken von Buzzfeed haben das tatsächlich ausprobiert.
„I Tried Rachel’s Trifle From ‚Friends‘ And It Was Pretty Awful“.

via @ankegroener

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Eigentlich scheint gesetzt, dass Frauen, denen wegen Krebs die Brüste entfernt werden mussten, diese rekonstruieren lassen. Doch anscheinend machen das immer mehr nicht – was ich sehr gut nachvollziehen kann. Die New York Times berichtet (mit Fotos) darüber:
„‘Going Flat’ After Breast Cancer“.

“Having something foreign in my body after a cancer diagnosis is the last thing I wanted,” said Ms. Bowers, 45, of Bethlehem, Pa. “I just wanted to heal.”

Journal Dienstag/Mittwoch, 15./16. November 2016 – War of the Encyclopaedists

Donnerstag, 17. November 2016

Dienstag an einem knackig kalten Morgen Langhanteltraining in der Gruppe – ich war überrascht, wie gut es lief, da ich mit deutlichen Hüftschmerzen aufgewacht war.

Frostiges Radeln in die Arbeit.

Abends war es milder geworden, dafür nass.

Meine Leserunde traf sich bei uns, wir sprachen über Christopher Robinsons und Gavin Kovites, War of the Encyclopaedists. Mir hatte der Roman gut gefallen, vor allem, weil mir diese Innensicht des US-amerikanischen Truppeneinsatzes im Irak neu war. Es geht um zwei junge Burschen, die Studenten Mickey Montauk and Halifax Corderoy, die Handlung beginnt 2004. Sie sind Freunde, die sich in Rom im Urlaub kennengelernt haben und sofort verstanden hatten. Montauk ist aber auch Reservesoldat und wird vor Beginn der grad school einberufen, um als Lieutenant nach Baghdad zu gehen, Corderoy geht an die Uni. Da die beiden wissen, dass sie einander eh nicht schreiben werden, setzen sie in Wikipedia eine neue Seite „Encyclopeadists“ auf, die sie hin und wieder aktualisieren – und der Inhalt spiegelt spielerisch ihre aktuelle Befindlichkeit. (Kurzes Auflachen, wie unmöglich das in der streng überwachten deutschen Version von Wikipedia wäre – thematisiert die Übersetzung das eigentlich?)

Die beiden Welten werden abwechselnd erzählt. Corderoy kommt weder im Studium noch daheim zurecht, versinkt in Einsamkeit, Alkohol und anderen Drogen. Montauk findet sich in einer völlig unberechenbaren neuen Situation und Rolle, muss praktisch jeden Moment Entscheidungen treffen, die Leben kosten können – und vertut sich häufig. Diese Welt des US-Militärs im Irak fand die Leserunde einstimmig besonders interessant, weil sie so viel Information transportierte. Corderoy wiederum wird als ein Typ Slacker geschildert, den man eher in den 90ern erwarten (siehe Reality Bites).

Tragende Rollen spielen auch zwei Frauen, aus deren Sicht ebenfalls immer wieder Kapitel erzählt werden. Mani ist eine junge Künstlerin, die als Corderoys Geliebte eingeführt wird, die er aufs Fieseste sitzen lässt. Sie gehört eher in die Slacker-Welt, bekommt aber durch ihr künstlerisches Schaffen Bodenhaftung. Tricia ist eine Studentin, die sich mit Corderoy die Wohnung teilt und die Perspektive des gar nicht dummen, aber gefährlich naiven politischen Aktivismus vertritt. Ich fand beide Figuren interessant und vielschichtig gezeichnet, andere Leser aus der Runde sahen sie als reine Stichwortgeberinnen.

Gut wegzulesen das Buch, mit einigen anregenden Einblicken – muss aber nicht unbedingt auf jeden Fall dringend.

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Am gestrigen Mittwoch regnete es durch.
Das war auch deshalb blöd, da ich mit Fahrrad fahren musste: Nach Feierabend hatte ich noch etwas vor, und für genau diese Strecken wären öffentliche Verkehrsmittel umständlich gewesen. Aber: Die Temperaturen waren deutlich gestiegen.

Das Vorhaben war ein Besuch beim Handy-Schrauber in der Maxvorstadt. Ich ließ ihm mein iphone da; als ich es 20 Minuten später abholte, bestätigte Herr Schrauber den Akku-Defekt („schon eine Luftblase“ – ?) und hatte einen neuen eingebaut. Den alten ließ ich mir mitgeben (ist ja gefühlt sowas wie ein gerissener fauler Zahn), freute mich über die Aussicht, ohne externen Riesenakku in der Manteltasche Pokémon fangen zu können.

Zum Nachtmahl Portulak aus Ernteanteil sowie Käse und Brot, im Fernsehen dazu Ein Teil von uns mit den großartigen Hauptdarstellerinnen Jutta Hoffmann und Brigitte Hobmeier. Auch sonst ein gut gemachter Film, der Effekthascherei und Klischees in Wort, Bild und Ton umgeht (leider ist das so bemerkenswert, dass ich gerne über den einen oder anderen Konsistenzknick in der Handlung hinwegsehe). Bis 16.2.2017 in der Mediathek nachschaubar.

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Die Dezemberdüsternis scheint mich dieses Jahr besonders früh zu erwischen. Mag an der frühen Kälte dieses Jahr liegen, die es in Verbindung mit bedecktem Himmel schon um vier recht dunkel werden lässt, an den düsteren Umständen der Lebensunterhaltsicherung, an der düsteren Weltpolitik. Oder halt an Hormonen.

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„Because I Was a Girl, I Was Told …“

Vielfältige Einzelgeschichten von Frauen verschiedenen Alters in der New York Times.
Besonders gefiel mir diese:

Louise Jones McPhillips
62, Birmingham, Ala.

In 1966, I met with our 7th-grade school counselor after taking a “career aptitude” test. On the test, my match for a dream career was architect. The counselor told me that wasn’t possible because, as he explained, architects had to know a lot of math, and girls “didn’t do” math. Deflated and dismayed, I apologized for not knowing that such a path was not open to me. My second choice from the aptitude test was kindergarten teacher. The final report I gave to the counselor consisted of the most elaborate and detailed designs and drawings for a kindergarten classroom ever. Some years later, I got my master’s in architecture and became one of the first female registered architects in Alabama.

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Ein wenig Glitzer im novemberlichen Dezemberdunkel:


Journal Sonntag, 30. Oktober 2016 – Krabat

Montag, 31. Oktober 2016

Plan für Tag 2 meiner Allerheiligenferien war: Sport im Sportstudio mit Spazieren hin und zurück, Lesen, Ofengemüse.

Herrlichst ausgeschlafen. Der Weg zum Ostbahnhof war noch neblig.

Im Sportstudio kam ich gerade noch pünktlich zu einer halben Stunde Krafttraining in Kleingruppe, die ich in den vergangenen Wochen immer wieder beobachtet hatte, während ich mich daneben warmruderte. Nur dass ich gestern die einzige Teilnehmerin war. Ich lernte von der Trainerin den Umgang mit der Faszienrolle: Kam sofort auf meine Einkaufliste. Dann ließ sie mich interessante Übungen mit verschiedenen Kettle Bells machen, Liegestützen und abschließend Bankstütz. Ziel des Letzteren war „solange es geht“, doch nach anderthalb Minuten war ich immer noch nicht erschöpft und die Trainerin musste zum nächsten Termin (ich bilde mir ein, sie war beeindruckt).

Sollte mir recht sein, denn ich tobte mich anschließend bei Stepaerobic aus. Allerdings mit traurigem Ende: Auch dieser geschätzte Vorturner hört auf und gibt die Stunde ab.

Mittlerweile war der Nebel verschwunden, ich genoss einen sonnigen Rückweg über die dicht bevölkerten Isarauen (mit einem Haufen Pokémon).

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Wochenend-SZ gelesen, die beigelegten Magazine der vergangenen Woche, das Stapelchen Zeitungszeugs, dass sich angesammelt hatte.

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Im sonnenbeschienenen Wohnzimmersessel Krabat ausgelesen. Ich war sehr gespannt auf das Leseerlebnis gewesen: Als Herr Kaltmamsell das Buch kürzlich mit einer Schulklasse gelesen hatte und davon erzählte, bemerkte ich, dass ich es seit meiner Jugend nicht nochmal gelesen hatte. Denn er erwähnte als Ort Hoyerswerda, der mir heute als realer Ort ein Begriff ist – den ich aber bei meiner letzten Lektüre ganz sicher als einen erfundenen Märchenort aufgefasst hatte.

Der Roman gefiel mir wieder ausgesprochen gut, auch aus der analytischeren Erwachsenensicht. Preußler vermischt archaische Sagenelemente (Teufel, Seele verkaufen, Hexer, nur eine einzige weibliche Figur) mit historischen Legenden (Nordischer Krieg) und legt darüber eine moderne Figurenpsychologie. Ich erinnerte mich gut, wie gefesselt ich als Teenager – ich muss bei der Erstlektüre 14 gewesen sein – von der Düsternis der Geschichte war, von den Naturbeschreibungen, der Plackerei in der Mühle, von der Grausamkeit des Müllers. Und von der detailreichen Beschreibung der Mahlzeiten. Die Märchenhaftigkeit wurde in meiner Wahrnehmung unterstrichen von den vielen seltsamen, unbekannten Wörtern; einige aus der Müllerei sind mir bis heute fremd. Die reine Männerwelt hat mich damals sicher angezogen: Es geht um körperliche und geistige Kraft, um handwerkliche Fertigkeiten, Freundschaften bis über den Tod hinaus – das alles schätzte ich schon als junges Mädchen. Dagegen ist die Liebesgeschichte blass und rein funktional, Mädchen haben keine eigenen Ziele, sind halt für die Liebe und fürs Erlösen der Männer da – langweilig.

Bei der heutigen Lektüre fiel mir in der Geschichte das Gegenüberstellen von irdischer Anstrengung und dem Preis der Abkürzung durch Hokuspokus auf. Die Müllerburschen lernen ja wirklich ihr Handwerk, der Austausch eines Mühlrads wird ein ganzes Kapitel lang beschrieben. Die Metaphysik der schwarzen Kunst, die in dieser speziellen Mühle dazu kommt, dient in erster Linie dazu, Macht zu bekommen, sich über andere Menschen zu erheben.

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Fürs Abendessen hatte ich am Freitag Sommergemüse eingekauft, das ich jetzt klein schnitt und im Ofen garte. Ich hatte große Lust auf ein Glas Rotwein, und ich wusste auch welchen (jung, spanisch, rot). Doch als ich den ersten Schluck nahm, schmeckte er mir überhaupt nicht. Ich verschloss die Flasche wieder und ließ das mit dem Wein bleiben.

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Michael Seemann hat sich Gedanken darüber gemacht, warum sich zwischen den sogenannten besorgten Bürgern und der Restgesellschaft ein Abgrund zu öffnen scheint. Wie definieren Menschen wie AfD-Anhänger und -Anhängerinnen eigentlich ihren Gegner?
„Die Globale Klasse – Eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.“

Da ist zunächst die Erzählung einer Verschwörung, über alle Parteigrenzen hinweg. Es gäbe gar keine echte Demokratie mehr, sondern nur noch die Einheits-Blockpartei CDUSPDFDPGRÜNELINKE. Auch die Medien (“Lügenpresse”) steckten mit unter der Decke. Gut wird empfunden, dass die endlich Gegenwind bekämen (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit) und sich eine „echte Alternative“ (Alternative für Deutschland, Alt-Right-Movement) bildete.

Es ist leicht, diese Vorstellungen als Spinnerei abzutun, aber wenn man sich die drei wesentlichen Eckpfeiler der neurechten Programmatik besieht – Migration, Globalisierung und Political Correctness – dann ist nicht zu leugnen, dass es in diesen Bereichen tatsächlich einen gewissen Grundkonsens in den Medien und Parteien (die CSU mal ausgeschlossen) gibt. Ein Konsens, von dem allerdings gerne angenommen wird, dass es ein gesamtgesellschaftlicher Konsens ist. Weil es vernünftig ist. Weil es menschlich ist. Weil es das einzig richtige ist. Da müssten doch alle dafür sein. Nicht?

(…)

Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter, der die meisten von uns angehören und die viel homogener und mächtiger ist, als sie denkt. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die New York Times lesen statt die Tagesschau zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt, um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht, wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht. Europa und Nordamerika mögen Schwerpunkte sein , doch die Klasse ist tatsächlich global. Eine wachsende Gruppe global orientierter Menschen gibt es in jedem Land dieser Erde und sie ist gut vernetzt. Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien und weil sie die Informationen kontrolliert (liberal Media, Lügenspresse), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor. Das heißt nicht, dass sie politisch homogen im eigentlichen Sinne ist – zumindest empfindet sie sich nicht so – sie ist zum Beispiel in Deutschland fast im gesamten Parteienspektrum zu finden, in der CDU, SPD, LINKE, GRÜNE, FDP. Diese Klasse entspringt dem Bürgertum, aber hat sich von ihm emanzipiert.

Lösungskonsequenzen aus den zugespitzten Beobachtungen von mspro fallen mir auch nicht ein, aber ich finde sie wichtig.

Journal Dienstag, 11. Oktober 2016 – The Vegetarian

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Abends traf ich mich mit meiner Leserunde, um über Han Kang, Deborah Smith (Übers.), The Vegetarian zu sprechen. Einige hatten das Buch in der deutschen Übersetzung von Ki-Hyang Lee gelesen.

Nach dem kurdischen Roman hatte ich erwartet, dass auch dieser südkoreanische sehr fremd sein würde – in Erzählweise und Erzählwelt. War er aber gar nicht. Und doch ist The Vegetarian ein sehr anderes Buch, auf die beste Art befremdlich. In drei Teilen wird von Yong-Hye erzählt, von einer unauffälligen und angepassten Ehefrau, die eines Nachts beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Das wird in drei Teilen von außen erzählt, irritierenderweise die ersten beiden und wichtigsten Teile der Geschichte von Männern: Teil 1 von Yong-Hyes Ehemann, Teil 2 von ihrem Schwager, einem Künstler. Erst der letzte Teil 3 hat die Perspektive ihrer Schwester, die sie in der psychiatrischen Klinik besucht. Die Erzählweise ist realistisch, mit Ausnahme der Schilderung von Yong-Hyes blutgetränkten Träumen – die sie zu ihrer Essverweigerung gebracht haben. Diese Träume sind auch die einzigen Passagen, in denen die Hauptfigur selbst zu Wort kommt, in denen sie nicht nur von außen von Mitmenschen geschildert wird. Yong-Hyes verschwindet von Kapitel zu Kapitel mehr, in ihrer Passivität scheint sie sich aufzulösen. Doch geht es tatsächlich um Essen? Steht das für etwas anderes?

Wir sprachen lang über das Buch (nur eine hatte es nach wenigen Seiten weggelegt, weil es sie überhaupt nicht interessierte), darüber, wie wenig Sinn die eigenartige Handlung ergibt, vor allem die Protagonistin. Meiner Meinung rührt die Faszination des Romans genau daher, aus dieser Unbegreiflichkeit und der Verweigerung, Yong-Hye zu einem konsistenten, fassbaren Charakter zu machen – was vor allem durch die Schilderung von außen gelingt. Und Verweigerung ist ja ein starkes, möglicherweise das beherrschende Motiv der Geschichte. Verweigerung des Essens als allerletzte Möglichkeit der Selbstbestimmung.

Zudem fesselten mich immer wieder die sinnlichen Beschreibungen von Details der Umgebung oder der Figuren, die mir sehr nahe gingen – zum Beispiel die verregnete Fahrt der Schwester in die Klinik, die ich fast körperlich riechen und spüren konnte.

Auch über den Titel des Romans unterhielten wir uns: Er führt ja eigentlich in die Irre, denn Yong-Hye verweigert nur im ersten Schritt Fleisch. Vielleicht doch eine Marketingmaßnahme? Wir waren uns einig, dass der Titel stark zum Verkaufserfolg des Buchs beigetragen hat.

Die Neue Züricher Zeitung veröffentlichte ein interessantes Interview mit der Autorin.
„Gespräch mit der Booker-Preis-Trägerin Han Kang
‚Unschuld gibt es nicht'“

Ihre Lesart des Romans ist zwar meiner Überzeugung nach nicht höherwertig oder gar richtiger als die anderer Leserinnen, doch in diesem Fall wirklich interessant, zum Beispiel:

Yong-Hye ist als Figur konzipiert, deren Mitte leer ist. Im Roman finden die Leser Bruchstücke an Informationen darüber vor, wer sie sei. Sie sind aufgerufen, diese Splitter zu nehmen und mithilfe der eigenen Imagination die Leere zu füllen.

Journal Sonntag, 9. Oktober 2016 – The buried giant und die erste Gans

Montag, 10. Oktober 2016

Am Vorabend hatte ich im Bett Kazuo Ishiguros The buried giant ausgelesen.
Einer der besseren Ishiguros (von denen davor war ich enttäuscht gewesen). Vage in der Zeit nach Artus angesiedelt begleiten wir ein altes Ehepaar („Britons“) auf ihrem Weg von ihrer dörflichen Siedlung zu… nun, sie haben beschlossen zu ihrem Sohn, der irgendwo anders ist. Doch sie wollen auch herausfinden, wie es kommt, dass sie und mehr noch ihre Umwelt vergangene Geschehnisse zu vergessen scheinen, selbst wenn es sich um das zeitweilige Verschwinden eines kleinen Mädchens vor wenigen Wochen handelt. Als wenn sich ein Dunst („mist“) auf ihre Erinnerungen gelegt hätte. Es entspinnt sich eine Geschichte um Saxons, Artus‘ Erbe, Oger und andere Monster, Drachen, Aberglauben, Krieger. Der alte Mann hat möglicherweise ein bedeutenderes Vorleben, als er es erinnert, und die Drachin eine Funktion für den brüchigen Frieden im Land, die man nicht vermutet hätte.
Die Geschichte gefiel mir gut und überraschte mich immer wieder, auch wenn sie Längen hatte. Ein wenig enttäuscht war ich von viel Informationsvermittlung durch telling statt durch Handlung – gerade wo Ishiguro in An artist of the floating world und Remains of the day bewiesen hat, wie meisterlich er showing sogar als Gegenteil des im telling Behaupteten kann.

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Vor Kurzem war ich auf die Besprechung einer Shirley Jackson-Biografie in der New York Times gestoßen und hatte mich sofort an das Leseerlebnis von „The Lottery“ erinnert.
„The Case for Shirley Jackson“.

Shirley Jackson once wrote that when she went to the hospital to deliver the third of her four children, the admitting clerk asked for her occupation. “Writer,” Jackson replied. The clerk said, “I’ll just put down housewife.”

to most she was just another faculty wife, and a fat and creepy one at that, someone who drank too much and whose house stank of cat pee

Zum Glück lebe ich mit der Science-Fiction-Bibliothek des Herrn Kaltmamsell, aus der ich den einen Kurzgeschichtenband ziehen konnte, der noch zu Jacksons Lebzeiten veröffentlicht wurde.

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In der Früh gab’s Morgenrosa, dann schlagartig Nebel. Doch als ich mit Herrn Kaltmamsell mittags im Zug nach Augsburg saß, kam die Sonne raus. Die Schwiegers hatten zum ersten Gansessen der Saison geladen – langsam kann ich mich vielleicht doch auf das Ende des Sommers einlassen.

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Dazu gab es angenehmste Unterhaltung, während der sich unter anderem herausstellte, dass meine Frau Schwieger vor der Mutterschaft als Programmiererin gearbeitet hat und Mitte der 1960er Röhren-Buchhaltungsrechner mit Werkzeug (also so richtig aus dem Werkzeugkasten) dazu brachte, das zu tun, was der Kunde wollte. Sie habe sich zu diesem Zweck sogar in die Kameralistik eingearbeitet.
(!)
(!!!)

§

Abends zu Fuck Ju Göhte geschaltet, wenigstens ein bisschen wollte ich für die Allgemeinbildung davon gesehen haben. Er stellte sich als deutlich besser als erwartet heraus, viele offene Schenkelklopftüren wurden überraschenderweise nicht eingerannt.

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„Warum mich der Lokaljournalismus anekelt“.

Anders als die Überschrift vermuten lässt, ist das eine verzweifelt flammende Rede für den Lokaljournalismus. Eine, die auch ich seit vielen Jahren wiederhole, nur ist die oben verlinkte viel besser formuliert.

Lokaljournalist_innen sind die Bodentruppen der Presselandschaft. Sie können sich vor ihren Leser_innen nicht verstecken, auch nicht vor den Interviewpartner_innen oder anderen Objekten der Berichterstattung, denn die sind da, denen begegnet man auf der Straße oder sie klingeln an der Tür.

Und das bedeutet eben Nachprüfbarkeit: Die EU-Berichterstattung aus Brüssel muss die Leserin glauben (oder sich dazu Verschwörungstheorien ausdenken), doch auf dem Schulkonzert war sie dabei und kann beurteilen, ob der Bericht dazu halbwegs stimmt.

„Hömma, was denkst du eigentlich, was wir hier machen? Zeitung machen wir hier!“ habe ich früher manchmal gehört, wenn ich einen schlechten Text abgegeben habe. Mit 16 konnte ich darüber schmunzeln, denken: Ach Gott, nehmt euch nicht so wichtig mit eurer kleinen Lokalzeitung. Heute bin ich den Kolleg_innen von damals für den Anschiss dankbar, für die wütenden Tritte gegen den Türrahmen, die Schimpfworte kurz vor Andruck, fürs Anschreien. Es ist ein gutes Gefühl, ernst genommen zu werden, selbst wenn man nur Ziel des Wutanfalls oder Abladepunkt für Lästereien ist. Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu machen, was jemand ernst genug nimmt, um sich darüber zu empören.

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Dass das Schmock in der Münchner Maxvorstadt schließt, und zwar weil dem Wirt antisemitische Angriffe zum Hals raushängen, hatte ich mit Schrecken erfahren:
„Warum ein jüdisches Lokal in München dichtmacht“.

Beim letzten Besuch vor gut einem Jahr fand ich das Essen nicht mehr so gut (und die stark riechenden Lilien als Deko wirklich störend), doch ich war immer stolz darauf, dass es in München dieses Restaurant gibt – es war oft meine erste Wahl, wenn auswärtiger Besuch kam.

Journal Freitag, 23. September 2016 – Flucht ins Buch

Samstag, 24. September 2016

Kein guter Tag. Es schien zwar immer wieder die Sonne, ich hatte ausgeschlafen, doch ich bekam einfach die Schatten nicht vom Gemüt.

Vormittags kochte ich Lammragout mit karamellisiertem Knoblauch, um es zum Abendessen aufwärmen zu können. Funktionierte alles gut bis auf das Ausdrücken der gebackenen Knoblauchzehen aus der Haut: eine ausgesprochen klebrige Sauerei, überall Fitzelchen von Knoblauchhaut.

Ich hatte einfach keinen Appetit, gegen die Hungerbauchschmerzen aß ich mittags eine Tasse Haferflocken mit süßer Milch.

Friseurtermin. Meinen Plan, auf einen 80er-Popperhaarschnitt hinzuarbeiten, habe ich mittlerweile aufgegeben: Mein Haar legt sich immer nach vorne, ich müsste es durch eine ganze Reihe von Schäumen und Wachsen in die Gegenrichtung pappen. Der tägliche Aufwand ist mir zu viel. Also lieber wieder zurück zum Judie Dench-Pixie, bloß kürzer.

Nachmittags hätte ich endlich Gelegenheit gehabt, an der Führung durch die Hofbräumühle teilzunehmen; Herr Kaltmamsell hatte mich rechtzeitig daran erinnert. Doch mir war zu trübe, ich wollte heim und lesen. Zumindest hatte ich jetzt Appetit auf den Spinat aus Ernteanteil, den ich kurz gedünstet mit einer Kugel Büffelmozzarella aß.

Über den Nachmittag las ich Fred Vargas, Tobias Scheffel (Übers.), Flieghe weit und schnell aus; nach dem Komplettreinfall von Der vierzehnte Stein, den ich 2015 gelesen hatte, hatte ich diesmal wieder mein Vergnügen an einer gut konstruierten Geschichten und den gewohnten Parisskurrilitäten.

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Das Modeblog Advanced Style ist ja ohnehin ein einziges Plädoyer dafür, Menschen in jedem Alten bitteschön anziehen zu lassen, was sie wollen. (Und Massel tov an Ari und Eric zur kürzlichen Eheschließung!)

Doch selbst hier gibt offensichtlich Geläster darüber, welche Teile ihres Körpers nicht normschöne Frauen bittesehr mal besser bedecken sollten: Alte Arme zum Beispiel (ich kenne da jemanden, die Frauen über 70 das Ausziehen des Strickjäckchens am liebsten sogar bei privaten Freundinnentreffen verböte).
„Right to Bare Arms“.

Schaun Sie ruhig genau hin: So sehen die Arme alter Frauen aus.