Bücher

Journal Montag, 13. Oktober 2014 – neue Nachbarschaft

Dienstag, 14. Oktober 2014

Morgentliches Strampeln auf dem Crosstrainer, das Lilarosa der Sonnenaufgangswolken in den Fenstern des Instituts gespiegelt, die meinen Fenstern gegenüber liegen.

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Arbeitslast entzerrt genug, dass ich eine richtige Mittagspause machen konnte, den Ernteanteilfenchel mit Orangen zu Salat schnippeln, Manouri drüberkrümeln.

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Nun wohnen wir hier mehr als 15 Jahre und hatten ein ideales Auskommen mit den Nachbarn: Man ließ einander in Ruhe, bei den seltenen Begegnungen grüßte man freundlich, in ganz seltenen Fällen kam es zu ein wenig Small Talk. Dieses Ideal habe ich möglicherweise zerstört.

Als mir die Idee einfiel, mich mit ein paar Kekslein aus der neuen Küche für das Ertragen des Baulärms zu bedanken, hatte ich noch überlegt, ob ich auf dem angehängten Zettel meine E-Mail-Adresse hinterlassen sollte: Mir war bewusst, dass einige Beschenkte sich würden wiederum bedanken wollen. Ich verwarf den Gedanken, weil das wie eine Aufforderung hätte wirken können.

Mit dem Bedürfnis nach Rückmeldung hatte ich allerdings recht: Gestern lag in unserem Briefkasten eine selbst gemachte Postkarte mit einem handschriftlichen Dank, der auf hohes Alter schließen ließ (ich bin in diesen 15 Jahren keineswegs allen 15 Parteien im Haus persönlich begegnet), außerdem ein ausgedruckter Brief eines Nachbarpaars mit nicht nur Dank, sondern einer Essenseinladung für November. Das habe ich nun davon.

Ich versuche das als großes Abenteuer zu sehen, öfter mal was Neues etc. pp. Nur rumort es in meinem Gemüt: Freunde aus dem, im und übers Internet haben ja den Kern ständiger Freiwilligkeit – das Band ist lose, man muss regelmäßigen zupfen, um es für beide Seiten spürbar zu machen, die Verbindung ist immer mit Willen und Aktion verbunden. Dafür reicht ein reines Unterlassen von Kontaktieren und Aktion für einen geordneten und höflichen Rückzug ohne größere Schmerzen.
Eine Nachbarschaft aber bleibt, bis dass ein Umzug uns scheidet. (Nachtrag: Wobei in diesem Haus ja sogar weniger weggezogen wird als eher weggestorben – so lange wohnen die Leute hier.) Man ist greifbar und physisch nahe – für mich eigentlich nicht die ideale Grundlage menschlicher Interaktion.

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Abends Leserunde zu Abasse Ndione, Margret Millischer (Übers.), Die Piroge. Sehr unterschiedliche Reaktionen auf dieselben Facetten des Texts. Das ungelenke, aufgesetzte und flache Erzählen ohne Figurenführung mochten die einen, die anderen (ich) sprachen ihm jede Literarizität ab. Wir waren uns allerdings einig, dass der deutsche Untertitel “Roman” ein Missgriff ist. Und freuten uns alle über die Kürze des Texts.

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Den ganzen Tag über war es mild und wolkig, wurde aber kühler. Beim Heimradeln von der Abendverabredung regnete es sanft.

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Pia Ziefle war zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse und begegnete nicht nur sich selbst in Großformat am Arche-Stand:
“Buchmessereise”.

Journal Montag/Dienstag, 6./7. Oktober 2014 – Mama wird 70

Mittwoch, 8. Oktober 2014

Meine Mutter wurde 70 – ein seltsames Gefühl. Möglicherweise sogar seltsamer als mein eigener 50. Geburtstag in knapp drei Jahren.

Meine Mutter war immer jung, allerhöchstens mal im mittleren Alter. Aber alt? Doch nicht meine Mutter!

Abends gab’s im Familienkreis Fondue, mit allen familientraditionellen Sößchen (große Feier mit Landhausmode ist am Freitag).

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Am nächsten Morgen viel zu früh am zentralsten Bahnhof meiner Geburtsstadt gestanden.

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Zwei Tage lang brutal viel Arbeit – was in diesem kleinen Büro unter anderem dazu führt, dass ich mich neun Stunden praktisch überhaupt nicht bewege und nur sitze, außer aufs Klo zu gehen oder Wasser zu holen. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt stundenlang so wenig bewegt habe. Bei Filmmarathons im Kino (3 x Back to the Future, 24 Stunden Star Trek)?

Vorm Fenster wurde über die zwei Tage das Oktifest 2 abgebaut. Jetzt nervt uns wieder die Laubbläserin statt Hossa!, Du kannst nicht immer 17 sein, Skiiiiifoan!

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Zumindest gestern konnte ich mittags kurz raus und einkaufen und wurde von einem sonnigen, sehr warmen Tag überrascht. Weather 2014 – you’re drunk.

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Jedes einzelne Bild, jedes einzelne GIF ein Treffer (mein Liebling ist 19.):
“25 Things That Happen When You Talk About Feminism On The Internet”.

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Angela Leinen hat den neuesten Roman von Paulo Coelho gelesen und beschreibt ihn nachvollziehbar anhand der Leitfrage: Warum sind Coelhos Bücher so erfolgreich?
“Lebenshilfe, als Belletristik getarnt”.

Interessantes Recherchenebenergebnis (und ewiger Streipunkt unter Übersetzerinnen):

Die Informationen über das politische System der Schweiz, die Coelho in “Untreue” eingebaut hat, waren im Original übrigens völlig falsch und wurden erst nach Übersetzung ins Deutsche vom Lektorat korrigiert.

Journal Sonntag, 5. Oktober 2014 – grauer Herbst

Montag, 6. Oktober 2014

Ein weiterer grauer Tag unter Hochnebel oder Wolken, ich weiß es nicht genau und es ist mir auch egal. Grau halt. Jetzt hatten wir hier unten im Süden schon keinen Sommer, dann sind es schon wieder die nördlichen Deutschen, die einen goldenen Herbst bekommen – und auch noch die Stirn besitzen, darüber zu mäkeln.

Zumindest hielt sich die Kälte in Grenzen: Als ich am späten Morgen zu einer Stepaerobicstunde an den Ostbahnhof radelte, brauchte ich noch keine Handschuhe.

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Meine Nachmittagsverabredung wurde abgesagt, also legte ich mich nach dem Frühstück (Käsesemmel, Melone, Apfelkuchen) zu einer Siesta hin.

Die Entdeckung des Himmels von Harry Mulisch (übersetzt von Martina den Hertog-Vogt) ausgelesen. Ich mochte das dicke Buch sehr, es ließ sich gut kapitelweise abends lesen, und obwohl ich für mich ungewöhnliche fünf Wochen dafür brauchte, verlor ich nie den Faden, freute mich im Gegenteil jeden Abend auf eine Wiederbegegnung mit Geschichte und Figuren. Ohne Schwanken ins Bücherregal gestellt, wohin inzwischen nur noch Bücher kommen, die ich ganz sicher nochmal lesen werde, oder in denen ich nachblättern werde.

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Widerwillig mittelgroße Mengen gebügelt, musste halt sein. Das Umräumen Sommer-/Winterkleidung auf nächstes Wochenende verschoben.

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Zum Nachtmahl bereitete der Mitbewohner im Römertopf Hirschgulasch, dazu gab es die restlichen Semmelnknödeln von gestern in Scheiben gebraten. Geschmack ganz hervorragend, das Gulasch hätte möglicherweise 30 bis 60 Minuten länger als im Rezept gebraucht (Ira König, Römertopf), wir kauten kräftig.

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Für den Nachtisch hatte der Herr ein indisches Eis Kulfi gemacht, das er schon lange mal ausprobieren wollte – schmeckte hervorragend.

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Abends zeigte arte Singin’ in the rain (deutsch damals als Du sollst mein Glücksstern sein in den Kinos) – einer meiner großen MGM-Lieblinge. Da der Mitbewohner den Film seit Kindheit liebt und gerne Dialogzeilen der deutschen Synchronfassung zitiert, freue inzwischen auch ich mich auf “Ich kannnich liem!”. An Kostümen finde ich die der Herren sogar bemerkenswerter als die der Damen (obwohl es eine Modenschau-Tanznummer gibt) – der muskulös-gedrungene Gene Kelly war sicher nicht einfach auszustatten.
Viele großartige Tanznummern (Cyd Charisse!).

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Ilse war in Kopenhagen und hat darüber gebloggt.
Kopenhagen, zum Ersten
Am Meer
Das Louisiana
Tourismus in Kopenhagen

Klar war, ich würde mich in den ersten Stunden wie ein Depp fühlen – ich kenne das vom Tourismus. Mir tun immer diese armen Leute Leid die in der Hauptbahnhofgegend rumirren mit ihren Rollkoffern und denken, “Ach so, das ist also München”. Weil, das ist es natürlich nicht.

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Heartbreaking ist der richtige Ausdruck: Wie Shai Agassi die mögliche Zukunft einer individuellen Mobilität in den Sand setzte.
A Broken Place: The Spectacular Failure of the Startup that was going to Change the World”.

Ich habe Agassi auf dem DLD 2008 vortragen sehen – ich war von seiner Idee hingerissen.

Journal Freitag, 3. Oktober 2014 – um den Eggelburger See

Samstag, 4. Oktober 2014

Feiertag!

Die Meteorologie hatte schönes Wetter vorhergesagt (Wandern!), allerdings erst nach Auflösung von Hochnebel – das war an den Tagen davor ab frühem Nachmittag gewesen.

Also nutzte ich den grauen Vormittag für eine Stunde Langhanteltraining in der Gruppe im Sportstudio. Ich hatte große Freude daran (ein letztes Mal mit der inzwischen durchgenudelten Musik der vergangenen drei Monate) – bis es ans Bankdrücken ging. Mein linker Arm ist jetzt wegen Nackenwirbelnerveinzwickung so deutlich schwächer als der rechte, dass ich die Übung abbrechen musste: Der linke Arm sackte einfach weg. Ich konnte ihn auch die folgenden Stunden vor Zittern fast nicht heben. Jetzt bin ich ernstlich besorgt – wie kann ich mit diesem Ausfall sinnvoll den Oberkörper krafttrainieren? Zumal der Neurochirurg damals gesagt hatte, die Taubheit im Arm könne von selbst wieder verschwinden, Kraftverlust aber bleibe. Werde mal mit den Trainerinnen sprechen.

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Auf dem Heimweg vom Studio besorgte ich im Verkaufsgeschoss unterm Hauptbahnhof Semmeln, zum Gabelfrühstück gab es gebratenen Tatsoi mit Rührei. Der Tatsoi aus dem Ernteanteil schmeckte ein wenig spinatig, ein wenig mangoldig, insgesamt aber vielschichtiger – wieder ein neuer Liebling, auf den ich von allein nicht gekommen wäre.

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Das Wandern hatte eher Spaziergangformat, mit dem Mitbewohner fuhr ich mal wieder nach Kirchseeon, um über den Egelburger See nach Ebersberg zu wandern.

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In Ebersberg sahen wir uns nach einem Wirthaus um. Die Alte Post am zentralen Marienplatz sah genau nach sowas aus, ebenerdig, niedrige Decke, fast vergessen unmodern eingerichtet. Wir waren die einzigen Gäste, bestellten lokales helles Bier vom Faß und Cordon Bleu vom Schwein. Wir bekamen ein ausgesprochen wohlschmeckendes Forstinger Bier (wenn ich schon mal eine zweite Halbe mag!), und gutes Fleisch mit einer der Säulen der deutschen Gasthauskultur: dem kleinen gem Salat (auch wenn die beiden Scheiben rote Bete in Wellenschliff fehlten, wie auf Instagram richtig bemerkt wurde).

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Der Mittagesser hat ein Gemüsekochbuch geschrieben, das jetzt auf dem Markt kommt:
Jetzt! Gemüse

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Es ist unter den knapp 12.800 Kochbüchern, die der Herr inzwischen geschrieben hat, unter anderem deshalb besonders erwähnenswert, weil der Mitbewohner und ich dafür probegekocht haben.1

Außerdem ist es ein schönes Buch, und es enthält gute Rezepte für Snacks, Beilagen, Hauptgerichte und Eingemachtes.

Wer sich jetzt fragt: Warum noch ein Gemüsebuch? Warum nicht gleich vegan? Und warum eigentlich nicht bei seinem Hausverlag? Die mögen vielleicht dieses Interview mit Sebastian Dickhaut lesen, in dem er darauf antwortet:
“’Ich mag’s, wenn es rasant losgeht’”.

(Über Frauen mit hässlichen Füßen reden wir aber nochmal, Sebastian.)

  1. Ich bin inzwischen sicher, dass ich selbst nie ein Buch schreiben werde. Macht nichts, wirklich. Dass es inzwischen eine Reihe Bücher gibt, die mich dankend erwähnen, finde ich aber ganz bezaubernd. []

Journal Montag, 22. September 2014 – Salaam in Lederhose

Dienstag, 23. September 2014

Morgenkaffee wieder vom Mitbewohner in der Bäckerei erjagt.

Um acht kam der Maler für den nächsten Schritt in der Küche.

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Es war ziemlich kalt geworden, ich brauchte zum Radeln in die Arbeit erstmals wieder Ledermantel.

Heftige, lange und verschiedene Arbeit.

Wie schon vergangenes Jahr hatte sich der Biergarten unterm Bürofenster in ein Mini-Oktoberfest verwandelt: Er liegt direkt an der Hackerbrücke, der S-Bahnhaltestelle, an der die meisten Besucher des Oktoberfests aussteigen. Und nun dudelt ab morgens Partymusik aus Lautsprechern (Roberto Blanco bis Herbert Grönemeyer), ab 14 Uhr immer häufiger übertönt vom Gröhlen Betrunkener.
Jedes Stückchen Grün im gesamten Häuserblock ist mit mannshohen Gittern umstellt, um die Wildpiesler wenigstens ein bisschen fernzuhalten.

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Abendessen im Sara Grill – wieder köstliche Grillspieße, exotisches Fladenbrot mit leichter Pfannkuchennote, aromatisches Sauergemüse.

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Als in meinem bodengerichteten Blickfeld ein Paar Haferlschuhe auftauchte, wurde mir klar, dass ich nicht mal hier vor Oktifest-seligen Lederhosenträgern in Tischdeckenhemden sicher war. Was ich allerdings in Ordnung fand, als der entsprechend Gekleidete den Bedienerich herzte und mit “Salaam” grüßte.

Auf dem Heimweg noch an der arabischen Bäckerei Nawa in der Landwehrstraße hängen geblieben, gefüllte Kekse gekauft (Walnuss / Datteln / Pistazien) und ein Schälchen weißes Dessert, das der Herr hinter der Theke uns als “Milchpudding” erklärte. Ich wollte dann auch noch den Originalnamen wissen: Mihallabiyya (er musste ihn zweimal sagen, bis ich mich nachsprechen traute – das erste I hört man eigentlich nicht). Er schmeckte sehr gut, deutlich nach Kardamom.
Die Kekse waren sehr gut, deutlich frischer und mürber als die, die ich vor ein paar Wochen in der Schwanthalerstraße gekauft hatte. (Im Umkreis von 200 Metern öffneten vergangenen Winter auf einen Schlag drei arabische Bäckereien.)

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Stand der Küche, nachdem der Maler die Wände schön glatt und malbar gemacht hat.

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Jo Lendle probiert als Chef des Hanser Verlags aus, was mit E-Books so geht – zum Beispiel die Veröffentlichung von einzelnen Texten, die für ein eigenes gedrucktes Buch zu kurz wären (ich denke sofort an Stephen Kings Different Seasons, dessen vier Geschichten ja nur deshalb als Buch zusammen veröffentlicht wurden, weil sie einzeln zu kurz waren): Die Hanserbox.

Ich war ja sehr gespannt gewesen, welche praktische Auswirkung seine grundsätzliche Haltung zur Zukunft des Buchs haben würde: Diese gefällt mir sehr, zumal sie wahrscheinlich auch verlagsintern gut verträglich ist, dennoch ein anderes Lesen und Lesenkaufen eröffnet. Hier die Vorschau der Hanserbox.

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Wer hätte gedacht, dass doch noch mal der Tag kommen würde, an dem ich mir ein Make-up Tutorial ansehe? Ganz!

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Das dörfliche China verschwindet. Wang Yuanling versucht dieses Verschwinden mit seinem Fotoapparat festzuhalten.
“Quiet, haunting photos of vanishing villages in China’s rural countryside”.

In his project The Degradation of Villages, Chinese photographer Wang Yuanling gives us a glimpse into a vanishing world. China’s near miraculous economic transformation has resulted in the largest internal migration in human history. As over 160 million Chinese, many of them young people, left their rural villages for the booming urban centers and the promise of a better life, the aging and the elderly were left behind in forgotten areas. Wang’s project focuses on just one of these places, a village in the Daba Mountains of remote Sichuan province.

Journal Dienstag, 16. September 2014 – Friseur und Küchenabschied

Mittwoch, 17. September 2014

Nochmal Crosstrainerstrampeln, bevor das mindestens eine Woche wegen Küchentauschs nicht mehr möglich ist (Crosstrainer unter Dingen begraben, morgens Handwerker und Handwerkerinnen im Haus).

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Nach bedecktem Morgen Altweibersommerwetter, mittags eine halbe Stunde Zeitunglesen in der Sonne.

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Abends der lang ersehnte Friseurtermin – sehr kurze Haare fühlen sich überraschend schnell zu lang an. Unterhalten wurde ich mit Geschichten aus dem Gefängnis (LARP in der JVA Landshut, “Hotel Stalin”). Sie bekommen beim Haareschneiden immer nur Klatsch und Tratsch aus Königshäusern? Tja, Augen auf bei der Friseurwahl!

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Daheim Überraschung und große Freude: Anne Wizorek hat mir ihr Buch schicken lassen, Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute.

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Dem Mitbewohner war zum Abendessen doch noch etwas eingefallen, was zumindest den Backofen ordentlich verdreckt: Spareribs, aka Schberrips.

Tschüss, Küche, danke fürs Durchhalten.

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Heftiger Artikel in GQ über sexuelle Gewalt im US-amerikanischen Militär:
“’Son, Men Don’t Get Raped’”.

Vielleicht hilft das zu verstehen, dass es bei Vergewaltigung nicht um Sex geht, sondern um Gewalt und Macht.

“In a hypermasculine culture, what’s the worst thing you can do to another man? Force him into what the culture perceives as a feminine role,” says Asbrand of the Salt Lake City VA. “Completely dominate and rape him.”
(…)
Men develop PTSD from sexual assault at nearly twice the rate they do from combat.
(…)
Whistle-blowers have alleged that the VA’s regional offices routinely destroy veterans’ medical records in an effort to escape a massive systemic backlog. Nearly 60,000 new patients have been made to wait ninety days or more since 2004, with some 65,000 others never getting to see a doctor at all. At least twenty-three veterans have died while waiting for care. In May, Eric Shinseki, the head of Veterans Affairs, resigned under pressure.

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Etwas heiterer: Bin sehr verliebt in diese Überschrift:
“Male birth control: if you build it, will they come?”
Und teile Jessica Valentis Bedenken.

Donna Tartt, The Goldfinch

Sonntag, 14. September 2014

Achtung: Völlig verspoilert!

Bis etwa 15% vor Ende des Buchs (ich las elektronisch, daher statt Seiten Prozentangaben) verstand ich den Erfolg von The Goldfinch und war begeistert.
Ich hatte direkt davor The Amazing Adventures of Kavalier & Clay von Michael Chabon gelesen und fand hier dieselbe Lust am Fabulieren und Geschichtenerzählen. Mich begeisterte, wie viele Freiheiten sich der Roman nahm; es gehört schon Mut dazu, in einer realen Zeit ein reales Museum mit einem sehr realen Kunstwerk von Terroristen in die Luft jagen zu lassen.

Ich mochte den Gegenwarts- und Realitätsbezug: Die Handlung spielt in einer Welt, in der es zum Beispiel Harry Potter gibt (Boris nennt den Protagonisten Theo so wegen seiner Brille), Twitter und Facebook. Ich zog gerne mit dem Blick der erzählenden Hauptfigur durch ein sehr konkretes New York. Mir gefiel sogar das detailreiche Erzählen, wo ich sonst mit dem Seufzer “Möbelbeschreibung!” Augen rolle. Doch die Intensität und Kleinteiligkeit, mit der ich zum Beispiel die Stunden erlebte, durch die der Erzähler nach dem Attentat muss, waren sorgfältig gemacht und eindringlich. Vom Haus, in dem Hobie lebt, bekam ich gar nicht genug; ich wäre bei jedem Aufenthalt gerne länger darin geblieben, hätte mich noch gründlicher umgeschaut.

Spektakulär auch die gesamte Episode in Las Vegas: Die Halbgeisterstadt, in der Theo mit seinem Vater und dessen Partnerin lebt, die Bauruinen, das umgebende Nichts – das war ganz wunderbar gegen meine Erwartungen sowohl von Las Vegas als auch von Suburbia geschrieben. Und dann die geradezu magische Personenführung und Charakterzeichnung des jungen Boris inklusive der sehr glaubhaften Sprache eines ukrainischen Einwandererbürschchens!

Viele Besprechungen nennen den Roman “Dickensian” – darauf wäre ausgerechnet ich Dickensleserin nicht von selbst gekommen; mag aber daran liegen, dass ich direkt zuvor Kavalier & Clay gelesen hatte. Ja, wir haben ein Waisenkind, und Hobie samt Haus sind tatsächlich sehr Dickens. Aber damit enden die offensichtlichen Bezüge meiner Meinung nach. Großartig angelegt und geführt fand ich die Hauptfigur Theo – und gerade die ist viel zu komplex für Dickens, dessen Protagonisten und Protagonistinnen in Schwarz oder Weiß fallen – ach was, eigentlich immer das Gute personifizieren, auch wenn sie mal kleine Ausflüge ins Böse unternehmen dürfen (siehe David Copperfield). Doch Theo ist von Anfang an eher auf der unsympathischen Seite. Zwar wird er durch den gewaltsamen Tod seiner Mutter aus der Bahn geworfen, etwas wackelig auf den Gleisen war er aber schon vorher. Mir erschien es ohnehin mit der Zeit schlimmer und vergiftender, diesen zwielichtigen Alkoholikervater zu haben, der Kinder nicht mag und den eigenen Sohn als lästig empfindet, als die Mutter im Alter von 13 Jahren zu verlieren.
Von Anfang an ist Theos Werte- und Moralgerüst ziemlich schräg und löchrig – und ich rechne dem Roman hoch an, dass er am Ende auf eine Läuterung verzichtet.

Spannend und interessant fand ich die Aspekte Antiquitäten, Restauration, Drogen: Sie nehmen alle großen Raum ein und scheinen so sauber und intensiv recherchiert, dass sich der Roman mit Leichtigkeit darin bewegte.

Anders zum Beispiel als das Gaunermilieu – und hier kippen wir in das letzte Stück des Buchs, das mich langsam, aber immer intensiver den Kopf schütteln ließ. Internationale Russenmafia? Schießereien im Parkhaus? Ernsthaft? An dem Punkt, an dem die Geschichte sich für die Abzweigung ins Thriller-Genre entschied, begann sie mich zu verlieren. Ich blieb lediglich dran, weil ich mich weiter für die Hauptfiguren interessierte.

Doch völlig unvermittelt beginnt der Erzähler, der bislang ein rein handelnder war, vordergründig zu erzählen. Plötzlich soll alles Bisherige eigentlich die Zusammenfassung von jahrelangem Tagebuchschreiben gewesen sein, das davor bei allem Detailreichtum nicht mal angedeutet wurde. Und plötzlich begann ich mich zu fragen, wer hier eigentlich spricht und warum:
Die meiste Zeit haben wir ein erzählendes Ich, das die gesamte Handlung nachträglich erzählt, so richtig als Geschichte. Also inklusive foreshadowing (“ich sollte ihn erst viele Jahre später wiedersehen” / “ein großartiger Tag – selbst wenn man bedenkt, was später passieren sollte” etc.)1 und auch sonst mit viel Wissen über die Zeit nach der augenblicklichen Handlung. Wir haben einen Erzähler, der aus Erwachsenensicht das Kind erzählt, aber sich noch sehr gut an das kindliche Erleben erinnert. Das ist eine Erzählhaltung und Erzählstimme mit Tradition. Bei ihr ist auch klar, dass eine Ebene darüber eine führende Hand Sprache auswählt, ihn auftreten lässt (nannte man zu meiner Zeit impliziten Autor/Erzähler).

Ganz zum Schluss aber soll das alles eine echte Zusammenfassung gewesen sein aus Tagebüchern, die er ständig geführt hat – aber nur für sich selbst: “nobody is going to read this anyway”. Ich dachte zurück an den eigentlich Anfang des Romans, der ja ganz unchronologisch in Amsterdam spielt: Nur für sich selbst hat dieser Ich-Aufzeichner als erstes Kapitel die Amsterdam-Szene vorangestellt? Den allwissenden Erzähler gespielt? Und während des ganzen Erzählens mit keiner Silbe das Tagebuchschreiben erwähnt? Das kam mir sehr wie eine nachträgliche und aufgesetzte Idee vor – die ich einfach nicht verstand und die so gar nicht zu dem ganzen Rest passen wollte.
Ebensowenig wie die ausführlichen philosophischen Welterklärungen am Schluss, deren predigender Tonfall überhaupt nicht zum Erzähler der ersten drei Viertel des Buchs passte.

Zumal es da auch noch eine Zwischenphase gibt: Das Wiederauftauchen von Boris in New York stellt einige vorhergehende Schilderungen in Frage. Die Selbstsicht von Theo stimmte wohl zu großen Teilen nicht mit Fakten überein. Hier scheint mir der Roman eine Abzweigung zu einem eigentlich anderen Ende zu nehmen: Auch in ihm würde die Glaubwürdigkeit der bisherigen Erzählstimme erschüttert. Aber statt in diese Richtung elegant zu Ende zu schreiben, tauchen auf einmal die angeblichen Tagebücher auf.

Als ich vor vier Wochen mit dem Roman durch war und nach Rezensionen sah, war gerade in US-Medien eine kleine Debatte über den literarischen Wert von The Goldfinch im Gang. Vielleicht möchten Sie ja nachlesen:
“It’s Tartt—But Is It Art?” in Vanity Fair.

Kann ich den Roman empfehlen? Ja, denn er kann großes Lesevergnügen bereiten. Dennoch bin ich sehr enttäuscht, wie sehr er’s vermasselt hat.

  1. Keine echten Zitate: So gerne ich E-Books lese – das Wiederfinden von Passagen oder konkreten Sätzen ist auf meinem Kindle ein Alptraum, dessen Mühe ich scheue. []