Bücher

Journal Dienstag, 16. September 2014 – Friseur und Küchenabschied

Mittwoch, 17. September 2014

Nochmal Crosstrainerstrampeln, bevor das mindestens eine Woche wegen Küchentauschs nicht mehr möglich ist (Crosstrainer unter Dingen begraben, morgens Handwerker und Handwerkerinnen im Haus).

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Nach bedecktem Morgen Altweibersommerwetter, mittags eine halbe Stunde Zeitunglesen in der Sonne.

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Abends der lang ersehnte Friseurtermin – sehr kurze Haare fühlen sich überraschend schnell zu lang an. Unterhalten wurde ich mit Geschichten aus dem Gefängnis (LARP in der JVA Landshut, “Hotel Stalin”). Sie bekommen beim Haareschneiden immer nur Klatsch und Tratsch aus Königshäusern? Tja, Augen auf bei der Friseurwahl!

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Daheim Überraschung und große Freude: Anne Wizorek hat mir ihr Buch schicken lassen, Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute.

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Dem Mitbewohner war zum Abendessen doch noch etwas eingefallen, was zumindest den Backofen ordentlich verdreckt: Spareribs, aka Schberrips.

Tschüss, Küche, danke fürs Durchhalten.

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Heftiger Artikel in GQ über sexuelle Gewalt im US-amerikanischen Militär:
“’Son, Men Don’t Get Raped’”.

Vielleicht hilft das zu verstehen, dass es bei Vergewaltigung nicht um Sex geht, sondern um Gewalt und Macht.

“In a hypermasculine culture, what’s the worst thing you can do to another man? Force him into what the culture perceives as a feminine role,” says Asbrand of the Salt Lake City VA. “Completely dominate and rape him.”
(…)
Men develop PTSD from sexual assault at nearly twice the rate they do from combat.
(…)
Whistle-blowers have alleged that the VA’s regional offices routinely destroy veterans’ medical records in an effort to escape a massive systemic backlog. Nearly 60,000 new patients have been made to wait ninety days or more since 2004, with some 65,000 others never getting to see a doctor at all. At least twenty-three veterans have died while waiting for care. In May, Eric Shinseki, the head of Veterans Affairs, resigned under pressure.

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Etwas heiterer: Bin sehr verliebt in diese Überschrift:
“Male birth control: if you build it, will they come?”
Und teile Jessica Valentis Bedenken.

Donna Tartt, The Goldfinch

Sonntag, 14. September 2014

Achtung: Völlig verspoilert!

Bis etwa 15% vor Ende des Buchs (ich las elektronisch, daher statt Seiten Prozentangaben) verstand ich den Erfolg von The Goldfinch und war begeistert.
Ich hatte direkt davor The Amazing Adventures of Kavalier & Clay von Michael Chabon gelesen und fand hier dieselbe Lust am Fabulieren und Geschichtenerzählen. Mich begeisterte, wie viele Freiheiten sich der Roman nahm; es gehört schon Mut dazu, in einer realen Zeit ein reales Museum mit einem sehr realen Kunstwerk von Terroristen in die Luft jagen zu lassen.

Ich mochte den Gegenwarts- und Realitätsbezug: Die Handlung spielt in einer Welt, in der es zum Beispiel Harry Potter gibt (Boris nennt den Protagonisten Theo so wegen seiner Brille), Twitter und Facebook. Ich zog gerne mit dem Blick der erzählenden Hauptfigur durch ein sehr konkretes New York. Mir gefiel sogar das detailreiche Erzählen, wo ich sonst mit dem Seufzer “Möbelbeschreibung!” Augen rolle. Doch die Intensität und Kleinteiligkeit, mit der ich zum Beispiel die Stunden erlebte, durch die der Erzähler nach dem Attentat muss, waren sorgfältig gemacht und eindringlich. Vom Haus, in dem Hobie lebt, bekam ich gar nicht genug; ich wäre bei jedem Aufenthalt gerne länger darin geblieben, hätte mich noch gründlicher umgeschaut.

Spektakulär auch die gesamte Episode in Las Vegas: Die Halbgeisterstadt, in der Theo mit seinem Vater und dessen Partnerin lebt, die Bauruinen, das umgebende Nichts – das war ganz wunderbar gegen meine Erwartungen sowohl von Las Vegas als auch von Suburbia geschrieben. Und dann die geradezu magische Personenführung und Charakterzeichnung des jungen Boris inklusive der sehr glaubhaften Sprache eines ukrainischen Einwandererbürschchens!

Viele Besprechungen nennen den Roman “Dickensian” – darauf wäre ausgerechnet ich Dickensleserin nicht von selbst gekommen; mag aber daran liegen, dass ich direkt zuvor Kavalier & Clay gelesen hatte. Ja, wir haben ein Waisenkind, und Hobie samt Haus sind tatsächlich sehr Dickens. Aber damit enden die offensichtlichen Bezüge meiner Meinung nach. Großartig angelegt und geführt fand ich die Hauptfigur Theo – und gerade die ist viel zu komplex für Dickens, dessen Protagonisten und Protagonistinnen in Schwarz oder Weiß fallen – ach was, eigentlich immer das Gute personifizieren, auch wenn sie mal kleine Ausflüge ins Böse unternehmen dürfen (siehe David Copperfield). Doch Theo ist von Anfang an eher auf der unsympathischen Seite. Zwar wird er durch den gewaltsamen Tod seiner Mutter aus der Bahn geworfen, etwas wackelig auf den Gleisen war er aber schon vorher. Mir erschien es ohnehin mit der Zeit schlimmer und vergiftender, diesen zwielichtigen Alkoholikervater zu haben, der Kinder nicht mag und den eigenen Sohn als lästig empfindet, als die Mutter im Alter von 13 Jahren zu verlieren.
Von Anfang an ist Theos Werte- und Moralgerüst ziemlich schräg und löchrig – und ich rechne dem Roman hoch an, dass er am Ende auf eine Läuterung verzichtet.

Spannend und interessant fand ich die Aspekte Antiquitäten, Restauration, Drogen: Sie nehmen alle großen Raum ein und scheinen so sauber und intensiv recherchiert, dass sich der Roman mit Leichtigkeit darin bewegte.

Anders zum Beispiel als das Gaunermilieu – und hier kippen wir in das letzte Stück des Buchs, das mich langsam, aber immer intensiver den Kopf schütteln ließ. Internationale Russenmafia? Schießereien im Parkhaus? Ernsthaft? An dem Punkt, an dem die Geschichte sich für die Abzweigung ins Thriller-Genre entschied, begann sie mich zu verlieren. Ich blieb lediglich dran, weil ich mich weiter für die Hauptfiguren interessierte.

Doch völlig unvermittelt beginnt der Erzähler, der bislang ein rein handelnder war, vordergründig zu erzählen. Plötzlich soll alles Bisherige eigentlich die Zusammenfassung von jahrelangem Tagebuchschreiben gewesen sein, das davor bei allem Detailreichtum nicht mal angedeutet wurde. Und plötzlich begann ich mich zu fragen, wer hier eigentlich spricht und warum:
Die meiste Zeit haben wir ein erzählendes Ich, das die gesamte Handlung nachträglich erzählt, so richtig als Geschichte. Also inklusive foreshadowing (“ich sollte ihn erst viele Jahre später wiedersehen” / “ein großartiger Tag – selbst wenn man bedenkt, was später passieren sollte” etc.)1 und auch sonst mit viel Wissen über die Zeit nach der augenblicklichen Handlung. Wir haben einen Erzähler, der aus Erwachsenensicht das Kind erzählt, aber sich noch sehr gut an das kindliche Erleben erinnert. Das ist eine Erzählhaltung und Erzählstimme mit Tradition. Bei ihr ist auch klar, dass eine Ebene darüber eine führende Hand Sprache auswählt, ihn auftreten lässt (nannte man zu meiner Zeit impliziten Autor/Erzähler).

Ganz zum Schluss aber soll das alles eine echte Zusammenfassung gewesen sein aus Tagebüchern, die er ständig geführt hat – aber nur für sich selbst: “nobody is going to read this anyway”. Ich dachte zurück an den eigentlich Anfang des Romans, der ja ganz unchronologisch in Amsterdam spielt: Nur für sich selbst hat dieser Ich-Aufzeichner als erstes Kapitel die Amsterdam-Szene vorangestellt? Den allwissenden Erzähler gespielt? Und während des ganzen Erzählens mit keiner Silbe das Tagebuchschreiben erwähnt? Das kam mir sehr wie eine nachträgliche und aufgesetzte Idee vor – die ich einfach nicht verstand und die so gar nicht zu dem ganzen Rest passen wollte.
Ebensowenig wie die ausführlichen philosophischen Welterklärungen am Schluss, deren predigender Tonfall überhaupt nicht zum Erzähler der ersten drei Viertel des Buchs passte.

Zumal es da auch noch eine Zwischenphase gibt: Das Wiederauftauchen von Boris in New York stellt einige vorhergehende Schilderungen in Frage. Die Selbstsicht von Theo stimmte wohl zu großen Teilen nicht mit Fakten überein. Hier scheint mir der Roman eine Abzweigung zu einem eigentlich anderen Ende zu nehmen: Auch in ihm würde die Glaubwürdigkeit der bisherigen Erzählstimme erschüttert. Aber statt in diese Richtung elegant zu Ende zu schreiben, tauchen auf einmal die angeblichen Tagebücher auf.

Als ich vor vier Wochen mit dem Roman durch war und nach Rezensionen sah, war gerade in US-Medien eine kleine Debatte über den literarischen Wert von The Goldfinch im Gang. Vielleicht möchten Sie ja nachlesen:
“It’s Tartt—But Is It Art?” in Vanity Fair.

Kann ich den Roman empfehlen? Ja, denn er kann großes Lesevergnügen bereiten. Dennoch bin ich sehr enttäuscht, wie sehr er’s vermasselt hat.

  1. Keine echten Zitate: So gerne ich E-Books lese – das Wiederfinden von Passagen oder konkreten Sätzen ist auf meinem Kindle ein Alptraum, dessen Mühe ich scheue. []

Journal Donnerstag, 11. September 2014 -
eine starke Familie

Freitag, 12. September 2014

Dienstags und donnerstags öffnet das Sportstudio, dessen Mitglied bin, schon um 7 Uhr. Gestern nutzte ich das für eine Runde Gewichtheben, da ich ja mein wöchentliches Krafttraining am Dienstagmorgen ausgelassen hatte, zudem meinen Muskeln mal eine andere Art Heben zumuten wollte, damit sie sich nicht an die ständig gleichen Übungen gewöhnen. Behaupte ich jetzt mal, weil es sich unglaublich vernünftig liest.

In Wirklichkeit brauchte ich einen Tagebuchanlass, um Ihnen dieses hinreißende Foto zu zeigen (allein schon der zeittypische Fotorand!):

Langhantel_Madrid_1

Papa Kaltmamsell als 17- oder 18-jähriger in einem Madrider patio. Die Langhantel hat offensichtlich Tradition in unserer Familie.
(Wir Geübten freuen uns genug über diese historische Aufnahme um darüber hinwegzusehen, dass der Bursche ebenso offensichtlich keine Ahnung hatte, wie man mit Langhanteln trainiert.)

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Den ganzen Tag allein im Büro gesessen, da drei Kolleginnen von zuhause aus arbeiteten und Chef im Urlaub ist.

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Abends Leserunde bei Mitbewohner und mir zu The Goldfinch von Donna Tartt. Niemand von uns sieben war richtig begeistert, zwei hatten die Lektüre nach gut hundert Seiten abgebrochen. Ich hatte es gern gelesen, war nur über die erzähltechnischen Volten der letzten 15 Prozent (E-Buch) so bestürzt, dass sie mir rückblickend alles vergällten. Detailliertere Besprechung liegt in Stichpunkten in meinem Entwürfe-Ordner. (Hm – und wenn ich einfach die Stichpunkte poste?)

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Noch jemand, die ich mir in allem ansehe: Emma Thompson. Meinetwegen auch beim Retten der Arktis.
“Emma Thompson in the Arctic with Greenpeace: ‘There are more good-looking men on this boat than any place I have ever been'”

Zu diesem Einsatz gehörte, dass Emma Thompson für Greenpeace ein wenig twitterte – die Gemmen darunter werden im Filmchen eingeblendet.

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Antje Schrupp hat einen Vortrag gehalten:
“Wer darf was wann (nicht) sagen? Political Correctness und Meinungsfreiheit”.

Was in einer jeweiligen Gesellschaft gesagt werden kann und was nicht, ist immer das Ergebnis eines historischen Aushandlungsprozesses. Es hat nichts mit Beweisbarkeit oder absoluter, objektiver Wahrheit zu tun, sondern es ist ein Kulturprodukt, eine Übereinkunft.

Deskriptiv (wie funktioniert das warum in der Gesellschaft?) sind ihre Ausführungen, keineswegs präskriptiv (so sollte das funktionieren) – und gerade deshalb erhellend. Da Antje Schrupp zu Redenschreibern sprach, macht sie sich aber auch Gedanken, was ihre Beobachtungen für das Redenschreiben bedeuten.

Journal Sonntag, 24. August 2014 – neues Brot und später Lauf

Montag, 25. August 2014

Ausschlafen dauerte bis deutlich nach sieben, untermalt von Regenrauschen.
Ich hatte am Vortag Vorteig für das Dunkle Bauernbrot (no knead) von Lutz angesetzt, jetzt ging’s an die nächsten Schritte. Das Anstellgut war schon recht alt gewesen, entsprechend wenig hatte sich in den 20 Stunden Vorteiggehen getan. Ich plante, im Gesamtteig mit ein wenig Hefe nachzuhelfen – doch im Kühlschrank war keine. Musste ich mich also auf die Triebkraft des Sauerteigs verlassen.

Zu meiner Erleichterung ging der Laib im Ofen auf.

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Wie sich beim Anschneiden allerdings herausstellte, sehr ungleichmäßig.

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Geschmeckt hat das Brot ausgezeichnet. Das nächste Mal also mit aufgefrischtem Anstellgut und Maschinenkneten.

Am Samstag hatte der Mitbewohner einen kleinen Laib Bauernbrot von einem durchaus guten Münchner Bäcker mitgebracht (Münchner Freiheit) – eine Enttäuschung. Ich fürchte, bei Roggenbroten ist mir mittlerweile das selbst gebackene das liebste. Weizensauerteigbrot vom guten Bäcker schätze ich aber. Noch.

Nebenher bloggte ich für die Freistilstaffel, die Vorspeisenplatte und das Techniktagebuch, las Internet.

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Das Brotbacken hatte so lange gedauert, dass ich erst um eins rauskam zu meinem Isarlauf. Der Regen hatte sich im Lauf des Vormittags beruhigt und Platz gemacht für blauen Himmel mit ordentlich Wind, der immer wieder andere Wolkenformen übers Firmament trieb. Die Luft war frisch und sauber, noch riecht es trotz der niedrigen Temperaturen nicht wirklich nach Herbst. Und das Licht ist ganz eindeutig augustern.

Ich radelte zum Friedensengel und ließ mein Fahrrad dort stehen, lief auf der Westseite bis Unterföhring, auf der Ostseite zurück – leichtfüßig und problemlos.

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Nach Duschen und Essen (frisches Brot mit Butter, Mango-Banane-Feigen-Salat, Chocolate Chip Cookies) las ich eine spannende Hausarbeit über die Abtei Frauenchiemsee Korrektur – wissen Sie, ich lasse ja studieren.

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Abends testkochte der Mitbewohner ein weiteres Rezept aus einem anstehenden befreundeten Kochbuch. Uns beiden waren einige Details des Rezepts wegen widersprüchlicher Angaben nicht ganz klar (dazu ist die Testkocherei ja gedacht: Unklarheiten aufzuspüren und zu beseitigen), doch das Ergebnis schmeckte und nährte.

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Ein frischer Polizeiruf im Fernsehen, nicht nur mit dem verehrten Matthias Brandt, den ich mir in allem ansehe, sondern auch mit einer Schauspielerin, der ich regelmäßig mit offenem Mund auf der Bühne der Kammerspiele zuschaue: Sandra Hüller. Das Drehbuch mit seinen geradezu realistischen Dialogen ließ beide aufs Ergötzlichste von der Leine. Die Süddeutsche hat mit Sandra Hüller über diesen Polizeiruf gesprochen.1 Eine kluge Besprechung gibt es bei der Zeit.

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Im Bett ein weiteres Kapitel aus Pia Ziefles ganz frischem neuen Roman gelesen, Länger als sonst ist nicht für immer. Pia hatte mir das Buch geschickt – ich bin sehr gerührt und erfreut.

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Nicht gebügelt, nicht die Wochenendzeitung gelesen.

  1. Eben dort entdeckt: Hinter einem dezenten Link unterm Artikel erklärt die Süddeutsche ihre Interpretation des Leistungsschutzrechts – was und wieviel darf man zitieren? []

Ein etwas längeres Wochenende

Montag, 11. August 2014

Die Bügelwäsche ist weg, Donna Tartts The Goldfinch ausgelesen, sogar zu zweimal Ausschlafen und einmal Mittagsschlaf hat es gereicht.

Nur mit dem Wetter habe ich mich wieder verschätzt. Der Samstag begann mit Badewetter.

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Also packte ich nach dem Fertigstellen der Aprikosentarte (Rezept ein wenig verbessert) Schwimm- und Badesachen, radelte damit zum Schyrenbad. Nur dass nach meinen 3.000 Metern der Himmel energisch bedeckt war und ich keinen Grund für längeren Aufenthalt fand. Am frühen Nachtmittag regnete es dann und kühlte so stark ab, dass ich zum Lesen Wollsocken und Strickjacke trug. Ein wenig warm wurde mir erst beim Bügeln.

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Der Sonntag wiederum ließ sich bedeckt an – passendes Laufwetter. Doch bis ich nach Morgenkaffee, Bloggen und Internetlesen aufs Radl an die Isar stieg, war Sommer ausgebrochen. Der Lauf wurde wunderschön, doch ich hätte gerne Trinkwasser dabei gehabt.

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Erst habe ich sie fotografiert, die beiden Erdbeerchen, dann gegessen. Schmeckten nach überhaupt nichts.

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Zum anschließenden Frühstück backte der Mitbewohner Hefewaffeln. Herzlichen Dank für die wundervollen Rezepttipps!

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Das Backen dauerte deutlich länger als veranschlagt, doch frisch schmeckten sie wirklich köstlich. Abgekühlt weniger.
Die nächste Runde sind dann Rührteigwaffeln.

Tiefer Mittagsschlaf, den Nachmittag über auf dem Balkon The Goldfinch ausgelesen und genossen. Jetzt will ich aber erst mal wieder etwas Kürzeres lesen.

Abends eine Geschichte von 1990 aus der Autofabrik fürs Techniktagebuch umgearbeitet.
Am Vormittag hatte ich eine spürbare Zeit gebraucht herauszufinden, in welchem Jahr genau das war. In der Überzeugung, ich hätte alle Kontoauszüge meines Lebens aufgehoben, nämlich als historische Quellen, suchte ich erst mal dort – und stellte fest, dass ich die von vor 1994 irgendwann weggeworfen hatte. Aufschluss brachten meine Gehaltszettel: Die habe ich tatsächlich noch alle, alle.
(Ja, das könnte ich alles mal scannen und digital archivieren. Vielleicht an langen Winterabenden.)

Bachmannpreis 2014, Tag 3

Samstag, 5. Juli 2014

Heute muss ich schnell bloggen, um rechtzeitig um 16 Uhr zum Bachmannschwimmen am Wörthersee zu sein. Es hilft, dass heute wegen Ausfalls Karen Köhlers nur drei statt vier Texte gelesen und diskutiert wurden.

Das Mitschreiben war sehr anstrengend: Deutlich mehr Menschen als an den vergangenen beiden Morgen wollten ins ORF-Studio, erheblich mehr Sitze waren offiziell (also mit Aufklebern) reserviert. Ich hatte genug Erfahrung, mich umgehend auf eine Treppenstufe zu setzen, doch kurz vor Beginn der Sendung presste sich eine Frau zum Sitzen zwischen mich und die Stuhlreihe. Das war mir deutlich zu viel Körperkontakt mit einer Fremden, doch weil mir diese Überforderung peinlich war, floh ich und stellte mich an die Wand. Im Stehen ist Mitschreiben anstrengend. Und jetzt hadere ich damit, dass meine Aufzeichnungen entsprechend schwer lesbar sind. So sehen meine Protokolle übrigens aus:

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Christian Ankowitsch eröffnete mit einem Zitat aus einen Sonett von Robert Gernhardt und schlug stilvorbildlich die Brücke zwischen den derzeitigen beiden Großereignissen: Fußball und Bachmannpreis.

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Katharina Gericke las ihren Text „Down Down Down To the Queen of Chinatown“ vor. Ich mochte die Geschichte von Greta und Herrn Malou, mündlich geschrieben, gleichzeitig homerisch formelhaft, sehr lustig. Erstmals lachte das Publikum richtig. Irritiert war ich ein wenig von der theatralischen Vortragsweise – in diesem Jahr muss man da wohl durch.

Daniela Strigl hatte den Vortrag im Gegensatz zu mir genossen. Sie gestand, dass sie beim Erstlesen befürchtet hatte, „schon wieder eine Geschichte über eine einsame Frau“ vor sich zu haben, die der Text dann gar nicht war. Sie sprach vom Bezaubernden und Bewegenden, von dem „menschenfreundlichen Blick auf Menschen – und Hunde“. Strigl wies auf den Blankvers hin, mit dem durch Berlin gegangen werde. Ähnlich positiv äußerte sich Winkels. Er fragte nach dem Inhalt und seine Erheblichkeit. Da man Liebe nicht sprechen, nicht erzählen könne, sei diese Aufgabe auf die Oper verschoben worden. Um über Liebe zu sprechen, „muss ich permanent Allegorien entwerfen.“ Die Jurykollegen und -kolleginnen halfen ihm, den Titel der Erzählung als ein Lied von Amanda Lear zu identifizieren.

„Nicht große Oper, sondern klitzekleine Operette“ sah Meike Feßmann in dem Text. Doch sie mochte das Schräge, in dem sie die Herkunft der Autorin Moabit sah. Auch sie fand den Blankvers schön gemacht. Hildegard Keller äußerte eine „mittlere Lage des Vergnügens“. Sie habe sich bezaubern lassen. Könne es sich um eine „spätmoderne Ballade“ handeln, „zusammengehalten durch Refrain“? Ihr fiel auf, dass derselbe Satz in Wiederholungen ganz verschiedene Facetten herausarbeite.

Juri Steiner fühlte sich auf eine „phantasievolle Reise“ mitgenommen: „Man spürt, dass die gespielte Bühne des Lebens viel reicher ist als Aida.“ Auch Arno Dusini fand die Verschachtelung mit Oper „leitmotivisch schön gebaut“, bemerkte aber, der Text behaupte sehr große Bedeutung. Er rufe sogar Dantes Divina Commedia auf, das funktioniere aber nicht. Die Jambisierung nannte er „überzogen“: „Der Rhythmus ist etwas, was den Gegenstand klein macht.“ Strigl widersprach: Die jambische Konstruktion müsse man nicht verstehen, sondern spüren. Die Spannweite zwischen Popmusik, Aida und Göttlicher Kommödie mache die Kunst des Textes.

„Romantische Ironie“ war eine Haltung, die Burkhard Spinnen als Basis des Texts sah. Opern möge er gar nicht, es peinige ihn, dass er darin alles, was mit den Figuren geschehe, so wichtig nehmen müsse. In Gerickes Text sei die Unsagbarkeit der Liebe sehr kunstfertig dargestellt. Keller warnte die Jury davor, einzelne Wörter zu identifizieren auf ihre „Vorexistenzen“. Hier habe man es mit einem Spiel mit Versatzstücken zu tun. Auch Steinen verwies auf die Assoziationen, die durch den Rückgriff auf verschiedene Ebenen ausgelöst würden. Doch Dusini blieb dabei: Man könne nicht so tun, als könnte man das Gedächtnis an die Literatur wegschneiden. (Diese Debatte hörte sich für mich ungeheuer 80er an.)

Irgendwann stoppte Feßmann: Man habe durch die Diskussion „den Text in zu hohe Höhen geschraubt“, das werde ihm nicht gerecht.

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Auf Tex Rubinowitsch war ich sehr gespannt, unter anderem weil er der einzige Kandidat war, von dem ich bereits vorher etwas gelesen hatte (und weil ich ihn persönlich kenne). Er las „Wir waren niemals hier“, hastig und geschludert, macht beim Umblättern mitten im Satz Pausen. Seine Erinnerung eines Mannes an seine erste richtige Freundin vor 30 Jahre brachte das Publikum dann endlich mal schallend zum Lachen – auch wenn Tex sich vorher in Interviews beschwert hatte, dass ihm als komischem Autor niemand eine ernste Geschichte zutraue. Mich erinnerte die spezifische absurde Komik der Erzählung an den frühen John Irving.

Winkels wies darauf hin, wie in diesem Text Liebe an Abwesenheit gekoppelt sei: „Alles, was nicht gegenwärtig ist, ist stärker.“ Die Sprache sei nicht in klassischem Sinn literarisch, doch er mochte die „metonymische Verschmelzung von einer Szene zur nächsten“. Dusini lobte den erfrischenden Effekt des Textes: „Liebe ohne literarische Schwere verhandelt in sehr souveräner Art und Weise.“

„Er macht sich permanent zum Affen, sie gibt ihm Aufgaben“ fasste Feßmann zusammen, beschrieb den Protagonisten als „kritischen, skeptischen, zweifelnden Mann“. Das Verhältnis zur neurotischen Freundin sei der eigentliche Ursprung der Komik. Keller sprach von einem „Lakoniker mit Sexappeal – „das muss man erst mal zustande bringen“. Sie erinnerte der 2. Teil der Geschichte an Wolf Haas mit seiner Verdoppelung und Selbstbefragung. Der Text sei ein „Kommentar zur Erzählbarkeit einer Beziehung, die keine ist“. Doch in seiner „Pointenjagd“, als „Anekdotenkette“ sei er manchmal nachlässig erzählt.

Steiner amüsierte sich darüber, wie er als Leser der Spatzenpassage auf den Leim gegangen sei. Auch er beobachtete eine antiheldenhafte Existenz, wollte aber wissen, was wohl in den 30 Jahren seit dem Ereignis passiert sein könnte. Außerdem identifizierte er eines der vielen literarischen Zitate im Text. Strigl prompt: Der Autor könne sich glücklich schätzen, ein so gebildetes Publikum zu haben. Ihrer Ansicht nach macht die Beiläufigkeit den Charme aus, wehrte sich, nicht alles, was nach postmoderner Tradition klinge, sei Wolf Haas. Sie mochte den „ganz eigenen Ton“: „Es geht darum, Leben zu imitieren.“

Für Spinnen war es eine besondere Liebesgeschichte, weil es die erste richtige Freundin war (was er eigenartigerweise mit erstem Sex gleichsetzte). Schließlich sitze das 30 Jahre später immer noch. Er sah in dem Text „eine sehr nach vorne an die Rampe tretende Oberfläche“, doch dahinter etwas, das unbedingt gesagt werden musste. In Richtung Tex schimpfte er, er habe „scheußlich gelesen“ – was Strigl allerdings sofort in „kongenial“ unbenannte.

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Undankbarerweise abschließend las Georg Petz, der sein Autorenvideo für eine Ausbreitung seiner präskriptiven Poetik nutzte. Das ist natürlich gefährlich, weil man ihn an seinem Anspruch messen könnte. Seine Geschichte hieß „Millefleurs“: In einem jungen Paar stellt sie, Französin, ihrem Freund in der Normandie ihren alten Freund vor. Viel Kriegsvergangenheit, Rivalität zwischen den Männern, haufenweise Natur mit Metaphern und Bildern. Mich interessierte weder Handlung noch Figuren besonders.

Feßmann hielt zunächst ihren Respekt fest vor der Aufgabe, die sich der Autor stelle: Die Rivalität zweier junger Männer, Kriegsgeschichte, Männlichkeitsfragen in einen Text zu packen. Doch: „Ich finde, dass er das überhaupt nicht bewältigt.“ Es gebe viele Stellen „wo ihm die Metaphern auskommen, die Bilder aus dem Ruder laufen“. Ständig sei des Guten zu viel. Ähnlich äußerten sich in der Folge alle Jurymitglieder. Winkels fand es „geradezu noch nett“, was Feßmann gesagt habe, in jeder Sekunde gebe es erwartbare Bilder, der ganze Text habe „einen völlig überladenen Ton“. Dadurch habe der Leser keine Freiheit, er habe sich eingeschnürt gefühlt. Steiner zog die Parallele zu den Millefleurs spätgotischer Tapisserien: Das zentrale Motiv verschwinde in diesem Text hinter den dekorativen Elementen.

Keller, die den Text mitgebracht hatte, mochte ihn, weil er sich für Gefühle interessiere, der Erzähler ein lyrischer Mensch sei, er habe Sinn für Landschaft, Bewegung in der Weltgeschichte. Sie hob die Parallele zum D-Day heraus, dem Decision Day, lobte die verschiedenen Ebenen und die Art und Weise, wie Spannung erzeugt werde. Der Text leide hier darunter, dass es sich halt um die dritte Liebesgeschichte des Morgens handle. (Feßmann betonte später, der Text sei beim Lesen daheim nicht besser gewesen.)

Doch auch Spinnen sprach von den zu vielen Roben, die der Text trage. Er wies darauf hin, wie sich in dieser Begegnung mit dem Jugendfreund der Verlobten die Grenzen der Europäisierung gezeigt hätten. Doch er verbiss sich dann in die Schwimmszene: Der Duktus habe es ihm unmöglich gemacht festzustellen, wie der Kampf überhaupt ausgesehen habe. Kurz ging es dann zwischen Spinnen, Winkels und Feßmann über die gefühlte Bedrohung der Menschheit durch die Berührung zweier Männer.

Strigl kam darauf zurück, dass selbst der Protagonist die Sache langweilig finde. Der historische Untergrund sei zu präsent, es handle sich um Kunsthandwerk. Ähnlich fand auch Dusini schon die Anlage des Texts schwierig: Krieg, Männer, die um eine Frau kämpfen, Körper und Macht. „Dort, wo es nicht zusammengeht, springt eine Poetisierung ein.“

Als ich nach dem Schlusswort das Studio verließ, hörte ich einen anderen Zuschauer seine Nachbarin fragen: „Haben Sie darin eine Liebesgeschichte gesehen?“ Nein, tatsächlich nicht.

Bachmannpreis 2014, Tag 2

Freitag, 4. Juli 2014

Es war der Tag der aufregenden Texte und Inszenierungen. Letzteres brachte die Jury zu einer Grundsatzdiskussion, was sie hier eigentlich bewerten: Text oder Vortrag oder beides? Und wenn beides: zu welchen Anteilen?

An sich poche ich auf die Eigenständigkeit des literarischen Textes. Er muss, wie jedes Kunstwerk, eine genügend weite Ebene haben, damit ich auch ohne Zusatzwissen etwas mit ihm anfangen kann. Wenn von mir verlangt wird, dass ich mir erst ein Mindestmaß Fakten aneigne, bevor ich an den Text darf, gehe ich von fehlendem Gewicht des Textes aus. (Dennoch interessiere ich mich für weiterführende Informationen, am meisten für Rezeptionsgeschichte.)

Dennoch tue ich in Klagenfurt genau das Gegenteil: Ich lese die Wettbewerbstexte nicht selbst, sondern rezipiere sie im Vortrag der Autorinnen und Autoren, mache also den Vortrag zum Teil der Texte. Nur bei großen Verständnisproblemen suche ich im Ausdruck nach Wegweisern. Diese Wegweiser brauchte ich heute zweimal: bei den Beiträgen von Senthuran Varatharajah und von Michael Fehr.

Der erste Knaller des Tages war allerdings die Anmoderation von Christian Ankowitsch. Nachdem ich mich eh schon über seinen Seitenhieb auf das „Jurassic Bühnenbild“ gefreut hatte, wies er auf den Preis der Automatischen Literaturkritik hin. Im Fernsehen! (Wie tief des Herrn Verbindungen zu den Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen sind, hatte ich erst vor zwei Tagen erfahren.) Zur Stunde fehlen nur noch 103 Euro zur Zielsumme, und nach einem erschreckenden Schluckauf der Technik vergangene Nacht kann jetzt wieder über die Crowdfunding-Site gespendet werden. Vielleicht mögen Sie noch? 5000 Euro wären nicht nur rund, durch das Erreichen des Ziels sparen die Initiatorinnen und Initiatoren auch eine Menge Gebühren.

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Dass ich heute Morgen recht müde war (trotz ausreichend Nachtschlaf), machte den Einstieg ins Leseprogramm des zweiten Tages schwer. Ann-Kathrin Heier las ihren Text „Ichtys“, und der war sehr anstrengend. Doch bis auf ein paar besonders kryptogrammatische Sätze mochte ich die atmosphärische und unscharfe Mischung aus Berlin, Businessalltag, Drogensucht, Verbrechensphantasien, Turnen ums Ich in der Schreibwerkstatt und anderswo.

Diesmal eröffnete Arno Dusini die Diskussioin. Er nannte den Text „ernsthaft“ und „gelungen“ (ich hab was verstanden!), ihm sei „weniger an Erkenntnismoment gelegen“ sondern an der Frage nach dem Ich. Allerdings hatte er Probleme damit, „dass wir an keiner Stelle des Texts wissen, wo wir uns eigentlich befinden.“ Hubert Winkels rätselte am Titel „Ichtys“ und der Verbindung zu diesem Symbol des Urchristentums. Für ihn ging es um „Hunger, Drogen, Alkohol, Religion – eine ganze Kette von Instanzen der Normierung und des Entgehens der Normierung“. Er nannte ihn einen „rätselhaften Text“, „ich versuche mich durchzuverarbeiten“.

Meike Feßmann nannte ihren Eindruck zwiespältig: „Ich fühle mich in die Zange genommen.“ Der Text mache mit dem Leser das, was das Ich darin erlebe. Sie fand ihm kunstfertig, aber im Detail ungenau, diagnostizierte einen „Overkill der Prätention“. Daniela Strigl sah ein „gefundenes Fressen für Germanisten und Kritiker“: „Das Ich ist durch eine Schreibschule gegangen und versucht, sich dieser Schreibschule zu widersetzen.“ Der „sehr exaltierte Text“ wuchere mit dem „Talent zur Exaltation“, dem man nicht immer folgen könne. Sie fürchtete die Gefahr der „trügerischen Komplexität“ aus der bildenden Kunst.

Hildegard Keller zog den Presslufthammer: Es sei „ein Wagnis“, überhaupt mit solch einem Text zum Wettbewerb zu kommen, sie konstantierte eine völlige „Zufälligkeit in der Assemblage der Wörter“ und sprach dem Text jede Literarizität ab. Winkels verteidigte ihn: Wenn jemand schreibend den Vorbildern entkommen wolle, habe er halt keine anderen Mittel, als einen Text zu schreiben. Strigl fand, man könne den Text zwar kritisieren, aber doch nicht sagen, er sei keine Literatur.

Juri Steiner wollte gerne weiter rätseln, sah die Auflösung der Sprache sehr real. Er erzählte von Zürich, wo die Polizei die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr „die Stunde der Idioten“ nenne, in der es kein Täterprofil gebe, jeder zu allem fähig sei. Das sah er auch in diesem Text. Die Autorin spiele damit „in wundervoller Weise“ mit diesem Wesen Fisch, das zu allem fähig sei und fand den Text „extrem schön ineinander gefügt“: „Ich könnte Ihnen noch stundenlang zuhören.“ (Darauf energischer Applaus des Studiopublikums.)

Dusini bat nun darum, die Autorin nicht mit dem Text zu identifizieren. Ich war über den Vorwurf ebenso verblüfft wie die Jurymitglieder, doch auf deren Abstreiten behauptete er, „doch, das kann man nachhören“. Auf weiteren Widerspruch verwies er auf Metonymie. (Wahrscheinlich hat auch die Jury ein Verständnisproblem mit Dusini.)

Burkhard Spinnen, der den Text vorgeschlagen hatte, legte auch dieses Jahr seine Haltung dar, die wesentliche Funktion von Kunst sei es, Menschen zu erschrecken. Er habe deshalb in den vielen Jahren seiner Tätigkeit immer wieder verstörende Texte herausgegriffen, die ihn ratlos gemacht hätten – das sei allerdings regelmäßig daneben gegangen. Für ihn sei es ein großer Moment, einen Satz zu verstehen und nicht zu verstehen. Er habe in dem Text „eine zeitgenössische Stimme gehört“, die er in all den Jahren noch nie gehört habe.

Keller dankte ihm für die Erklärung und hielt ihre eigene Kunstdefinition dagegen, „für mich als Rezipientin pragmatisch“: Sie sei als Leserin Komplizin, arbeite mit. Doch dafür brauche sie Ansatzpunkte, und dieser Text lasse sie im Nebel. Strigl konterte, dass sich manche durchaus literarische Texte als widerborstige Gegener erwiesen.

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Birgit Pölzl redete ihr ganzes Vorstellungsvideo hindurch, beginnend mit „Schreiben ist immer auch ein Schreiben…“ – ab da interessierte mich der Monolog nicht mehr. Ihr Text trug den Titel „Maia“ und drehte sich um eine Mutter, die ihre kleine Tochter verloren hatte und auf einer Reise in einem Tibet-artigen Land mit diesem Verlust fertigwerden wollte. Ich hörte ihn gerne, war allerdings mit den vielen, vielen Naturbildern überfordert.

Winkels nannte den Text „im Kern ein Trauergesang“, der die Struktur einer Litanei habe. Literatur habe ja, wie Religion, die Funktion, Verstorbene wiederauferstehen zu lassen. Hier aber sei eine „mit esoterischen Mitten angehauchte Sentimentalitätsproduktion am Werk“. Er habe sich gelangweilt. Strigl fand, „dass der Text diese Verlangsamung glaubwürdig vermittelt“, konstatierte lyrische Sprache, doch nannte als Problem, dass die Erinnerung an das Kind „sehr stark gefühlsbefrachtet“ sei.

Ähnlich sprach Keller von einem pathetischen, lyrischen Ton. Sie zog den kulturellen Hintergrund heran, diagnostizierte, dass den Sätzen oft das grammatikalische Subjekt fehle, was östlicher Philosophie entspreche. „Eine ganz klare Todesmeditation“ sei der Text für sie, doch da die Leser auf derselben Ebene angesprochen würden, reagierten sie mit Detachment. Steiner sah sich daran erinnert, dass unsere westliche Welt inzwischen für alles den richtigen Ort kennt, zu dem man reisen kann, und so gebe es auch Orte für Trauerarbeit: „Durch gekaufte Momente etwas Authentisches herstellen.“

Diesmal griff Feßmann zum Hammer. Sie verstehe die Faszination des ruhigen Rhythmus: „Man ist ganz froh, wenn mal ein Text kommt, der einem nichts abverlangt.“ Sie fand es sogar verwerflich, ein totes Kind einzusetzen, um etwas Interessantes zu haben: „Für mich ist es Esoterikkitsch.“
Dusini appellierte, die Diskussion zum Text zurückzuführen. Dieser lese sich als Form des Abschiednehmens, versuche Bewegung hineinzubringen. Es sei ein Text „der durch sprachliche Bewegung zu einem Ende führt“. (Hm?) Er sehe keine Bezugnahme auf metaphysische Konzepte.
Spinnen hielt verschiedene Ausgänge für möglich, „weil der Text eine Idylle ist“. Er sei kein großes Unterfangen, eine „umgrenzte Intention, umgrenzte Aufgabe, die sehr respektvoll gelöst worden ist.“

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Nun wurde es wirklich schwierig für mich. Zwar schickte Senthuran Varatharajah seinem Text eine Erklärung voraus, in der die Wörter „Facebook“, „Chat“ und „modifizierte Zitate aus der Literatur“ vorkamen, doch erst ein späterer Blick in den Ausdruck machte mir klar, dass ich eine ausführliche Online-Unterhaltung gehört hatte. (Wie ich sie selbst allerdings nicht aus Chats, sondern aus gut moderierten, geschlossenen Foren kenne.) Titel des als Romanausschnitt angekündigten Texts war „Vor der Zunahme der Zeichen“. Ich hörte unterschiedliche junge Menschen über ihren Hintergrund als Asylanten sprechen, über ihre Herkunftskulturen (indisch, tamilisch), über ihre Kindheit in Asylantenheimen. Erst ein späterer Blick in den Text machte mir klar, dass es sich um einen Dialog handelte, denn Varatharajah hatte die Absendernamen nicht vorgelesen. Nichts von den Geschichten fand ich neu und überraschend.

Dann war es Winkels, dessen Ausführungen ich nicht verstand. Möglicherweise nahm er nach Hören des Vortrags an, dass es sich doch nicht um einen Dialog handelte: „Das Ich hat gar kein reales Gegenüber.“ Feßmann erwiderte konsterniert, sie könne sich zwar vorstellen, dass man den Text sehr verschieden interpretiere, nicht aber, wie man ihn nicht als Dialog erkenne.
Keller bot scherzhaft an, Facebook zu erklären. Sie beschrieb den Text als eine Begegnung zweier besprachter Menschen, in der sie wirklich Einblick nehmen könne in zwei Leben im Spannungsfeld Geburt-Familie. Sie fand den Tonfall des Mannes bemerkenswert, der sehr gehoben und erhaben schreibe. Die Frau wiederum verwende eher Facebook-Jargon.

Strigl behauptete gar über den gehobenen Stil: „So schreibt man auf Facebook nicht“ – und wenn, dann mit guten Gründen und absichtlich. Sie sehe in dem Ton der Erhabenheit keinen ästhetischen Mehrwert. Und wenn das ein platonischer Dialog sein solle, fehle ihr Sokrates. Sie sehe eher einen Wettbewerb: „Wer hatte die schlimmere Kindheit.“ Sie nehme dem Text die Konstruktion nicht ab.

Spinnen fand es richtig, eine aktuelle Kommunikation des Alltags darauf zu prüfen, was sie ästhetisch könne. Dieser Dialog, der Chat, sei aber eher eine griechische Tragödie auf Stelzen, in der immer knapp aneinander vorbei geredet werde. Er erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren für Klagenfurt viele Geschichten von Einwanderern angeboten würden, die einander „schrecklich ähneln“. Im konkreten Fall sah er Figuren, die versuchen, „sich herauszusprechen aus den Sachen, die sie geprägt haben“. Benutzt werde dabei eine Sprache, als hätte er „Deutsch bei Hegel gelernt auf einer einsamen Insel“. Spinnens Kritik: Er vermisse einen Moment, „an dem Furcht und Mitleid ausgelöst werden kann“.

Feßman fand, dass das Hegeldeutsch durchaus für den Text spreche: „Wir werden eingeladen, über Dinge nachzudenken, die wir eher gewohnt sind, emotional an uns heranzulassen.“ Als Spinnen meinte: „Mei, sie kommen halt aus schrecklichen Familien“, warnte ihn Feßmann vor Vereinfachung aus abendländischer Sicht.

Wieder mahnte Dusini eine Rückkehr zum Text an. Dieser scheue sich nicht vor dem hohen Ton, sich mit Traditionen auseinander zu setzen, habe keine Angst vor mythologischem Wissen. Er sah „Empfindlichkeitswortgeber für den Dialogpartner“, hätte gerne „eine Psychoanalyse von Zeichen“ in einer Biographie gehabt (hm?).

Steiner beobachtete amüsiert den Umstand, dass wir diesen Text nicht in „Sozialen Medien“ läsen, sondern auf Papier und misstraute den Zeitangaben im Chat – in neun Minuten schreibe niemand solche Texte. Seine Interpretation: „Diese jungen Menschen entwickeln ein Bewusstsein ihrer Fragilität“, das sei unabhängig vom Medium.

Keller erinnerte daran, dass Menschen, die in eine zweite Sprache kämen, oft von den Muttersprachlern ausgegrenzt würden. Sie vermisste, dass das Mädchen frage: „Warum schreibst du so?“ Nach Feßmann ist die zentrale Figur die Mutter, der „Text handelt auf allen Ebenen von der Muttersprache“.

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Michael Fehrs Auftritt war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sein Text bestand aus den Kapiteln 1, 2, 10 und 15 eines Romans, war gesetzt wie ein Gedicht („How to recognize a poem when you see one“), zudem trug Fehr sein „Simeliberg“ im Stehen und Gehen vor.

Ich hörte Dialog- und Beschreibungsfragmente, die irgendwas mit Schweiz, Wald, Bergen und Kriminalfall zu tun hatten, letzteres ließ mich inklusive seiner Gangsterdialoge aus der untersten Klischeeschublade an schlechte Tatort-Drehbücher denken. Ich fragte mich innerlich immer lauter „SERIOUSLY?!“ und erwartete ein kurzes und heftiges Autorenschlachten durch die Jury.

Danebener hätte ich nicht liegen können. Steiner, der den Text mitgebracht hatte, erklärte uns erst einmal, was wir da gehört hatten und fasste die Fragmente in sowas wie einer Handlung zusammen, erklärte zudem die Bedeutung des Begriffs „Simeliberg“. Ich war ein wenig fassungslos, denn es hatte doch eigentlich um den Text gehen sollen. Doch niemand protestierte, im Gegenteil. Winkels lobte den „sehr eindrucksvollen Vortrag“, äußerte außerdem Zweifel, dass das wirklich Romanausschnitte seien: Die elliptische Struktur sei dazu angetan, „dass wir die Lücken füllen“. Er bezeichnete Steiners Vorgeschichte zum Simeliberg als interessant und „wie prototypsch Schweizerisch das gedeckt ist“.

Strigl hatte den Text „als Schweizer Bauerntheater gelesen“. Er sei auf den ersten Blick einfach gemacht, doch die Sätze hätten eine hochkomplexe Struktur. Sie sah darin ein „gefaktes Nationalepos“, entdeckte die Themenkomplexe Sauberkeit und Gewalt und fand den Text ziemlich originell. Feßmann gab zu, mit dem Text nichts anzufangen gewusst zu haben, ihr Interesse sei dann durch das Wort „Weltraumeuphorie“ entzündet worden. Dusini dankte dem Autor für seinen Vortrag, war überzeugt, „dass wir ein Schreibprojekt vor uns haben“, das ihn sehr beeindrucke. Doch er konstatiert auch „Übersemantisierung“ in den Eigennamen und „Lautchoreographie“ (ich weiß nicht, ob Dusini das gut oder schlecht fand) und fragte: „Wie verhält sich diese Form von Poetik zu ihrem Gegenstand?“

Laut Keller hatten wir eine Form vor uns, „die in der Schweizer Szene zu meinem großen Vergnügen eine Blüte erfährt“. Sie „macht Sprache zu einem ganz langsamen Tier“. In diesem Text sah sie „Umrisse eines Krimis, der die zeitgenössische Realität einbezieht“ und zeigte sich „sehr beeindruckt“. Stigl lobte das Regionale. Sie sei immer dankbar, wenn das auftauche, und hier sei es mit einer inneren Notwendigkeit eingesetzt.

Spinnen verwies auf das Spannungsfeld zwischen geschriebenem Text und Vortrag. Er war es dann auch, der daran erinnerte, dass eigentlich in diesem Wettbewerb Einigkeit herrsche, dass auf den Vortrag nicht zu sehr zu achten sei. Jetzt aber sei das etwas vollständig Anderes: „Wir umarmen diesen Textkörper“, der im Vortrag gegeben sei: „Stallgeruch, Erdwärme, Identität von Person und Sprache.“ Was davon sei im Text da? Spinnen bezeichnete ihn als Partitur.

Winkels lieferte Zusatzinformationen: Der Autor schreibe nicht, sondern diktiere und arbeite mit Spracherkennung. Dieser Technik sei auch die Notierung in kurzen Zeilen geschuldet, nicht der Form eines Epos. Er fand das „auf erkenntnisfördernde Weise bizarr“. Spinnen meinte gar, der Text sei auf eine Hör-CD angelegt. Für Keller war der „Begriff der schriftlichen Literatur zu eng“, diese Form sei „per Definition multimedial“. „Der Klangraum, aus dem er kommt, ist Ausdruck einer Suche nach innerer Sprache.“ Feßmann war nun der Hinweis wichtig, dass die Sprache des Textes keineswegs rhythmisch sei. Und sie fragte zurecht: „Was ist eigentlich die Basis unseres Urteils?“

Laut Steiner wurden Konventionen verlassen, die Form erlaube es dem Autor, seine Kunst nach außen zu bringen, existenzielle Geschichten zu erzählen. Winkels meinte mit Blick auf neue Formen wie Poetry Slams und die immer zahlreicheren Lesungen, „die performative Dimension der Literatur“ habe überhand genommen.

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Ganz konventionell wurde es abschließend mit Romana Ganzoni und ihrem „Ignis Cool“. Aus der Perspektive einer Frau, die mit ihrem Wagen auf einem Pass in den Bergen liegenbleibt, erfahren wir ihre Vergangenheit, darin dominierend ihre Fremdbestimmtheit durch Dorfgemeinschaft und Mutter.

Diesmal, so begann Feßmann, sei es umgekehrt wie beim vorhergehenden Kandidaten: Sie habe für sich selbst die Geschichte einer Frau gelesen, und vor ihrem inneren Auge sei das Auto schier geborsten vor deren Energie. Doch im Vortrag sei die Geschichte immer breiter geworden und habe sie letztendlich gelangweilt. Spinnen erzählte erst mal, dass er jedes Jahr zum Bachmannpreis um eine Tendenz gebeten werde, diese aber immer verweigere. Doch dieses Mal sehe er dominierend die Auseinandersetzung von Frauen, die nicht mehr ganz jung sind, mit ihrer Vergangenheit. Und dann griff auch er die Autorin wegen ihres Vortrags an: „Ganzoni hat jeden ihrer Sätze gefeiert“ – und habe damit ihre Figur kaputt gemacht. „Wie können Sie Ihre eigene Figur so missverstehen?“ Im Text sah er wieder eine beschränkte Aufgabe, die gelöst worden sei, „handwerklich ok gemacht“.
Auch Keller verweist darauf, dass Klagenfurt die große Gefahr eines Auseinanderklaffens von Text und Vortrag berge. Das Auto sei der Inbegriff der Fremdbestimmung; in dessen Stillstand beginne die Odysee in die Figur. Über dem ganzen Text liege Gewalt.

Strigl fand zu viel Ignis vor, zu wenig cool. Sie mochte, dass die Hauptfigur Gestalt gewinne, dass man mit ihr mitfühlen könne. Als Baufehler bezeichnete sie das Ende: Ein Selbstmord gehe aus dieser Art der Suada nicht hervor.

Steiner behauptete, er sei jetzt mit Müttern und Töchtern versöhnt. Er wies auf die Märchenwelt des Texts hin, in dem Eule, Katze, urban legends auftauchten (ich glaube, Steiner verwendet letzteren Begriff anders als der Rest der Welt). Er unterstrich auch den Produktkanon mit Markennamen, wie man ihn aus der Popliteratur kenne und fand „das alles sehr interessant“. Nun kam wieder Dusini: Der Text erfordere Achtung vor der Erzählung des eigenen Lebens. Er sei eine Erzählung über das Erzählen, ein Versuch, Erzählung überhaupt zu definieren. Das Auto sei der Strukturkern, aus der sich die Erzählung entfalte. Das Abbrechen am Ende deutete er als die Aufforderung: „Hör mir weiter zu!“

Am bösesten war nun Winkels, der meinte, er habe nicht erst den Vortrag gebraucht, um von dem Text gelangweilt zu werden und nannte ihn „Geschwurbel“. Spinnen interpretiert den Text als einen Kasten von Kindheitserinnerungen, die erst durch eine Erklärung Bedeutung bekommen, die man dann glauben müsse: „Ob ich darauf einsteige, ob ich die Geschichte annehme, ist eine persönliche Sache.“