Bücher

Journal Montag, 31. Juli 2017 – A. L. Kennedy, Paradise

Dienstag, 1. August 2017

Nachts um zwei aufgewacht. Irgendwann war klar: Ich würde nicht wieder einschlafen. Also schlüpfte ich in meinen Bademantel und setzte mich mit A. L. Kennedys Paradise ins Wohnzimmer. 30 Seiten vor Ende des Buchs war ich immer noch nicht sehr müde; dann war’s eh schon wurscht, ich las das Buch aus.

A.L. Kennedy schätze ich, seit ich über ein Granta Best of Young British Novelists auf eine Kurzgeschichte von ihr stieß. Bislang scheiterte ich nur an einem ihrer Romane: In Day von 2007 kam ich nicht über die ersten Seiten hinaus, weil ich überhaupt nichts mit dem inneren Monolog dieses Soldaten im zweiten Weltkrieg anfangen konnte.

Paradise erschien 2004; der Klappentext verheißt eine launige Frauengeschichte.

Hannah Luckraft knows the taste of paradise. It’s hidden in the peace of open country, it’s sweet on her lover’s skin, it flavours every drink she’s ever taken, but it never seems to stay.

Almost forty and with nothing to show for it, even Hannah is starting to notice that her lifestyle is not entirely sustainable: her subconscious is turning against her and it may be that her soul is a little unwell. Her family is wounded, her friends are frankly odd, her body is not as reliable as it once was. Robert, an equally dissolute dentist, appears to offer a love she can understand, but he may only be one more symptom of the problem she must cure.

From the North East of Scotland to Dublin, from London to Montreal, to Budapest and onwards, Hannah travels beyond her limits, beyond herself, in search of the ultimate altered state – the one where she can be happy, her paradise.

Tatsächlich könnte der Roman nicht weiter von dieser Zusammenfassung entfernt sein (mal wieder Verdacht, dass die Klappentextschreiberin das Buch nicht gelesen hat – andererseits ist die Gattung „Klappentext“ sehr wahrscheinlich in der Marketingabteilung angesiedelt und nicht im Lektorat eines Verlags; soll also einen bestimmten Markt ansprechen, nicht etwa das Buch charakterisieren).

Wir haben eine Ich-Erzählerin, deren Name sich eher später als Hannah herausstellt. Der Einstieg der Geschichte wirft uns in genau die Konfusion, in der sich die Hauptfigur wiederfindet: Sie steht vor dem Frühstücksbuffet eines Hotels, wegen des Filmrisses einer vorhergehenden Volltrunkenheit weiß sie nicht, in welcher Stadt sie ist, wie sie hierher gekommen ist und wer der Familienvater neben ihr ist, mit dem sie möglicherweise die Nacht verbracht hat. Nichts daran ist komisch, auch wenn Hannah die Situation verhältnismäßig gelassen nimmt – wir lernen schnell, dass sie diese Alkohol-induzierten Filmrisse gewohnt ist.

Im Folgenden blicken wir ein wenig in ihre jüngere Vergangenheit zurück, lernen ihren Liebhaber Robert kennen, Zahnarzt und alkoholabhängig wie sie, Hannahs unerquickliche berufliche Situation, ihren Alltag. Sie ist sich immer wieder der Groteske und Absurdität ihrer Situation bewusst – und versucht doch im nächsten Atemzug wieder, sich in die eigene Tasche zu lügen (Aussetzer hat doch jeder mal, nicht wahr?).

Hannahs Betrachtung ihrer Trunksucht hat durchaus Charme. Mit ihrem Liebhaber systematisiert sie die verschiedenen Formen von Betrunkenheit, je nach auslösendem Getränk und Tagesform. Oder sie beschreibt typisches Säuferverhalten, z.B. the drinker’s smile. Ihr ist auch bewusst, dass ihre Art zu trinken (im Pub, in Gesellschaft) zutiefst unweiblich ist:

This is how a man drinks and, therefore, inappropriate for me. I should have been at home behind my curtains with the methylated gin.

Es folgen interessante und schmerzlich scharf beobachtete Details des typisch weiblichen Trinkens.

A. L. Kennedy konstatiert in diesem Roman, ohne zu urteilen oder zu psychologisieren. Es wird kein äußerer Anlass für Hannahs Alkoholismus seit Jugendtagen angeführt. Im Gegenteil: Immer wieder erzählt sie von ihrem liebevollen Elternhaus, von ihrem wundervollen Bruder, der ihr bis in die Gegenwart die Stange hält. Es gibt keine dunklen Geheimnisse, die sich im Lauf der Geschichte herausstellen könnten – die dunkle Seite der Familie ist Hannahs Trinksucht. Sie denkt durchaus darüber nach, dass sie halt nicht so war, wie sie sein sollte – doch das wird keineswegs als Ursache für ihren Alkoholismus angeführt; eher bringt ihr Trinken sie dazu, dass sie sich unpassend benimmt.

Gleichzeitig ist Hannah bewusst, welche Zerstörung ihre Krankheit in ihrer Familie anrichtet – sie weiß, dass das Leben ihrer Eltern und das der Familie ihres Bruders davon dominiert ist. Und sie hat ein brüllend schlechtes Gewissen deshalb. Die Tragik der Geschichte liegt darin, dass diese Erkenntnis zu keiner Veränderung führt. Immer wieder sieht Hannah ganz klar, was sie sich und anderen antut. Um gleich wieder ihre Ausfälle klein zu reden.

Das Ende der Geschichte ist offen, Hannahs Phantasien (oder Delirium) sind nicht mehr unterscheidbar von der realen Handlung. Aber es sieht nicht gut aus.

In meinem derzeitigen Tief nahm mich das beschriebene Gefangensein besonders mit. (Was ja auch bedeutet, dass ich noch in der Schmerzphase der großen Schwärze bin, vor der totalen Taubheit.) Auch wenn die Lektüre fast eine Qual war, geht von der Meisterschaft des Romans ein Sog aus; ich bin nicht die einzige, die Elfriede Jelineks Klavierspielerin assoziiert.

Mir fällt es schwer, ihn zu empfehlen: Seien Sie sich darüber im Klaren, was Sie sich damit antun. Wenn Sie noch nichts von Kennedy gelesen haben, fangen Sie besser mit Everything you need an.

Interessant fand ich die seinerzeitige Rezension im Guardian:
„Life seen through a glass darkly“.

Like all drinkers, Hannah is a collage of contradictions. She is often self-loathing, but also self-justifying; self-knowing and self-deceiving; she is both loving and energetically selfish, remorseful at the pain she causes her tirelessly patient parents, yet unwilling to change.

Ein schöner Überblick über A. L. Kennedys Werk in der London Review of Books (Vorsicht: mit Spoilern über Paradise):
„Intimate Strangers“.

I’ve never been entirely persuaded by the notion that severe psychic pain is worse than the physical kind, that souls can be hurt worse than soles (they’re not easy to compare, for a start), but you have to allow it to Kennedy, not least because she describes the physical kind so unpleasantly well.

Und für die Freundinnen des biografischen Interpretationsansatzes: Ein Autorinnenporträt aus dem Veröffentlichungsjahr von Paradise:
„A writer’s life: AL Kennedy“.

§

Wohl wegen des wenigen Schlafs ging’s mit körperlich gar nicht gut. Ich hätte mich wahrscheinlich krank gemeldet, wäre es nicht Montag und damit Putzmanntag gewesen. Also schleppte ich mich in die Arbeit, bis in die Knochen erschöpft, und hangelte mich von halber Stunde zu halber Stunde. (Möglicherweise kämpft mein System gerade mit einem grippalen Infekt, der in meiner Umgebung umgeht, ohne dass er ausbricht.) Wie ich es erwartet hatte, ging es mir ab frühem Nachmittag besser, ich konnte endlich systematisch Dinge abarbeiten.

Auf dem Heimweg setzte mir allerdings die schwüle Hitze zu, zum Glück war die Wohnung kühl. Herr Kaltmamsell kochte uns zum Nachtmahl aus dem Brathähnchensaft des Vortags und Ernteanteil-Mangold ein Risotto.

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Morgens wieder Mauersegler gesehen.

Sam Shepard ist gestorben. Als Homo Faber hat er für mich Rollkragenpullis zu einem erotischen Kleidungsstück gemacht.

Journal Sonntag, 30. Juli 2017 – Lesen drinnen und draußen

Montag, 31. Juli 2017

Der Morgen war bedeckt und kühl. Eigentlich hatte ich eine Schwimmrunde geplant, doch ich war schon vor neun mit Kaffeetrinken und Bloggen fertig und wollte nicht bis zehn Uhr warten. Also radelte ich zum Friedensengel, um an der Isar entlang zu laufen.

Ich sah die Spuren des Hochwassers in der vergangenen Woche, jetzt führte die Isar zwar viel Wasser, aber schön innerhalb ihrer Ufer. Am Ende meiner Runde war die Sonne da, und schlagartig wurde es heiß.

Nach dem mittäglichen Frühstück hatte ich erfreulicherweise die Bettschwere für eine Siesta.
Anschließend Zeitunglesen auf dem Balkon, Buchlesen dann doch lieber im kühleren Drinnen (Paradise von A.L. Kennedy ist heftig. Die Geschichte einer Trinkerin aus ihrer Perspektive – in Kombination mit Kennedys erzählerischer Meisterschaft nicht gerade ein Stimmungsaufheller; die Kurzrezensionen auf dem Umschlag erwähnen fast durchgängig, das Buch sei lustig, doch ich konnte über Alkoholismus noch nie lachen).

Bügeln zu Musik (Songs for Drella – ein Interview mit John Cale hatte mich daran erinnert) aus echten Boxen, da Herr Kaltmamsell technische Dinge mit dem heimischen WLAN gemacht hat, die nun wahrscheinlich endlich unterbrechungsfreies Anhören der Musik von meinem Laptop ermöglichen.

§

Eigentlich ist es ja im schwarzen Schlick nur derselbe Mechanismus wie beim Sporteln, wenn ich mich nicht ganz fit fühle, dieses Ausprobieren:
Geht das noch?
Schaffe ich dies noch?

So auch im schwarzen Schlick:
Funktioniere ich trotzdem in der Arbeit?
Schaffe ich die Verabredung?

Weil mir keine Alternative einfällt.

In den schlimmsten Momenten sehne ich mich danach, in das künstliche Koma versetzte zu werden, mit dem der Körper in physischen Ausnahmesituationen vor sich selbst geschützt wird: Könnte man das nicht auch bei Überforderung des Gemüts einsetzen?

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„People have had enough of experts“ 1:
„Ein Schweizer Dorf stimmte zweimal gegen Hochwasserschutz und wurde jetzt überschwemmt“.

§

„People have had enough of experts“ 2:
„As a British EU negotiator, I can tell you that Brexit is going to be far worse than anyone could have guessed“.

The Government keeps saying it ‘didn’t realise’ the problems, but they had the experts at Whitehall – they just refused to listen to them. Now we’re facing a breakdown in airline safety, medicine, animal welfare, security, international aid and so much more

(Das ist halt der riesige Unterschied zu: „Im Nachhinein gibt es immer Leute, die es vorher kommen gesehen haben.“)

Journal Dienstag, 18. Juli 2017 – Sichtbarkeit oder sexuelle Attraktivität alternder Frauen

Mittwoch, 19. Juli 2017

Wunderbare Morgendüfte. Dennoch ein Tag, an dem mir keine angenehme Erinnerung einfallen wollte. Sogar meine Happy Places, an die ich zum Einschlafen gehe, schnitten mir verächtliche Fratzen.

Zum Frühsport wieder das neue Langhanteltraining, diesmal mit erhöhten Gewichten – immer noch nicht genug, der entsprechende Muskel war nicht ermüdet. Vielleicht schummle ich ja bei den Übungen ohne es zu merken und müsste eigentlich nur sauberer arbeiten.

Auf dem Heimweg von der Arbeit Obsteinkauf für den freien Mittwoch (ich nahm mir frei, um endlich mal wieder im Kartoffelkombinat mithelfen zu können). Herr Kaltmamsell war aushäusig und hatte mir zum Nachtmahl köstlichen Graupensalat mit gebratenen Auberginenwürfeln, Tomaten und Feta hinterlassen, an dem ich mich mit Ansage überfraß.

Margaret Atwoods The Heart Goes Last ausgelesen – oyoyoy, am besten schnell wieder vergessen (Details nach Leserunde, vorab: Lesen Sie besser ein anderes von ihr).

§

Mein Internet diskutiert den Wunsch von alternden Frauen nach Sichtbarkeit, angestoßen durch diese Meinungsäußerung von Diana Weis im Zeit Magazin:
„Botox
Eine glatte Lüge“.

Hier zum Beispiel Journelles Antwort:
„Sichtbarkeit einfordern“.

Wie so oft bei diesem Thema stolpere ich über die Prämisse: Ich warte nämlich seit 20 Jahren vergeblich darauf, dass mich endlich die Unsichtbarkeit umfängt, die sich Frauen angeblich beim Altern zuziehen.

Mit Mitte Dreißig stehen Frauen im Zenit ihrer sexuellen Anziehungskraft. Ein paar Jahre später interessiert sich keiner mehr dafür, ob sie auf einer Party den Raum durchschreiten oder nicht.

Und zwar warte ich auf genau diese Unsichtbarkeit angeblicher sexueller Anziehungskraft. Offensichtlich geht die Welt davon aus, dass sich jede, jede Frau danach sehnt. Das Streben danach wird als Motivation für praktisch alles vorausgesetzt, was Frauen tun. Das ist die Prämisse, mit der ich als heterosexuelle Frau seit meiner Pubertät hadere.

Sie fragen sich: Wo bleibt das Natürliche, das Allgemein-Menschliche? Die Würde des Alters, die Wertschätzung eines gelebten Lebens? Nun, das sind edle Gedanken, nur helfen sie wenig, wenn man an einer überfüllten Theke einen Drink bestellen möchte. Ein straffes Gesicht sichert Aufmerksamkeit. Altersanzeichen wirken bei Frauen wie eine unfreiwillig getragene Tarnkappe.

Ja wenn’s doch so wäre! Ich weiß um die Gefahr, eigenes Erleben als repräsentativ anzusehen – aber zum einen tut die Autorin des Artikels offensichtlich genau das, zum anderen halte ich mich nun wirklich für durchschnittlich genug, dass meine Erfahrungen nicht einzigartig sein können. Auch mit 50 bekomme ich an einer überfüllten Theke meinen Drink ebenso wie mit 25 – und zwar nicht, weil ich dem Herrn dahinter meinen inzwischen faltigen Ausschnitt über seine vorgeschnittenen Zitronen halte, sondern weil ich aufmerksam, höflich und freundlich bin – genauso wie mit 25. Sehr wahrscheinlich aber frequentiere ich ganz andere Etablissements als die Autorin.

Mich hat bereits als junges Mädchen gestört, dass ich keinen schön schwingenden Rock tragen konnte, ohne dass er als Haschen nach männlicher Aufmerksamkeit angesehen wurde. Schon damals hatten für mich Unbefangenheit und Umgang mit einem interessanten Menschen höhere Priorität als ein mögliches Techtelmechtel, zog ich kein Selbstwertgefühl aus sexueller Bewunderung – im Gegenteil: Wenn ich sie überhaupt bemerkte, machte sie mich befangen und unsicher.
(Ein Ergebnis war regelmäßig, dass mir auf geselligen Veranstaltungen der interessante Gesprächspartner abhanden kam, weil er das Angeflirtetwerden einer anderen Frau spannenden Diskussion vorzog, selbst wenn sie sich um spanische Philosophen des Siglo de Oro drehten oder um die Zukunft der europäischen Landwirtschaft – völlig unverständlich. Vielleicht war schon immer mein Problem, dass mich potenzieller Sex mit den Herren weniger interessierte als die Mehrheit der Frauen?)

Dass all mein Tun in erster Linie als Werben ums Attraktivsein für Männer interpretiert wurde, schränkte mich ein. Ich war ausgesprochen genervt,

  • dass ich den klugen Kommilitonen im Seminar nicht einfach ansprechen konnte und um eine Fortsetzung der Diskussion über einem Bier bitten.
  • dass ich den witzigen Arbeitskollegen nicht zum Essen einladen konnte.
  • dass ich den jungen verwurschtelten Bedienerich mit schönem Hund nicht von Herzen anlächeln konnte.
  • dass ich den jungen Mitschwimmer mit langem Bart nicht ausfragen konnte.
  • dass ich männliche Praktikanten nicht so intensiv betüdeln konnte, wie ich es gerne hätte.

Weil ich eine Fehlinterpretation fürchten musste. Und wenn ich sowas dann doch tue, in der Hoffnung, außerhalb des Attraktivitätsheischsystems zu stehen, merke ich leider bis heute an der Art der verlegenen Reaktion, dass meine Geste weiterhin in erster Linie aus der Balzperspektive wahrgenommen wird.

Was sicher stimmt: An Männer und Frauen werden verschiedene Maßstäbe zur Einordnung ihres Werts angelegt, das ist ein wirkliches strukturelles Problem. Doch vieles weist darauf hin, dass die Autorin eher ein psychologisches hat.

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war?

Das ist die wirkliche Frage? Wer dem zustimmt, der kann ich nur empfehlen, tatsächlich Botox anzuwenden und was die chemische Industrie sonst noch so ausspuckt, um sich ein wenig Frieden mit sich selbst zu erkaufen.

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Wissen’S, ich hab doch gar nichts gegen den Newsletter an sich. Als zum Beispiel @SammyKuffour twitterte, Gerhard Polt habe jetzt eine richtige offizielle Website – da haben Sie gar nicht so schnell schaun können, wie ich den Newsletter abonniert habe.

(Nebeneffekte der Polt-Sozialisation von Kindesbeinen an: Beim Datenbankpflegen keinen Herrn Gschwendner eingeben können, ohne Gisela Schneeberger mit „Herr, äh, Geschwendner“ im Ohr zu haben.)

Journal Donnerstag, 6. Juli 2017 – Thomas Pynchon, The crying of lot 49

Freitag, 7. Juli 2017

Da ich am Vorabend geduscht hatte und nachts nicht geschwitzt, ging die Morgentoilette schnell und ich hatte Lust auf mein sommerlichstes Sommerparfum: Life von Esprit. Nur um festzustellen, dass der Flacon nun endgültig leer war (kann es sein, dass ich das Sprühfläschchen vor 15 Jahren gekauft habe?). Ein kurzer Check im Web spuckte nicht nur die Info aus, dass es den Duft noch zu kaufen gibt (was bei meinem anderen Frühling/Sommer-Liebling MCM Blue Paradise leider nicht so ist), sondern auch, dass ein Shop ein kleines Fläschchen plus Duschgel und Body Lotion im Sonderangebot führt. Zusammen endete das in einem meiner sehr seltenen Spontankäufe.

Beim Gang über die Theresienwiese sah ich den Beginn weiterer Zeltaufbauten fürs Oktoberfest. Allerdings verlief die Absperrung (vorerst?) nur um die einzelnen Zeltbaustellen, nicht um die gesamte Theresienwiese – könnte das der Erfolg der Intervention unseres Bezirksausschusses sein?

Aus dem Augenwinkel bekam ich den Start der Lesungen zum Bachmannpreis mit und wurde von großem Klagenfurtweh erfasst. Nachdem ich bereits in den vergangenen Wochen mehrfach dachte, dass ich doch mal wieder hin müsste (u.a. weil ich nirgendwo sonst direkten Kontakt mit zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur habe), machte ich es jetzt auf Twitter mit ein paar früheren Klagenfurt-Schlachtenbummlern fix: 2018 bin ich wieder vor Ort.

Mittags verließ ich das Bürohaus kurz für einen Einkauf: Ich lief in eine Bombenhitze, die das Draußen sehr unattraktiv machte.

Nachtrag: Foto vom gestrigen Heimweg, morgens beim Bloggen in der Hektik vergessen.

Abends traf sich die Leserunde bei uns, wir sprachen über Thomas Pynchon, The crying of lot 49. Ich war neben Herrn Kaltmamsell die einzige, die den schmalen Roman von 1965 zu Ende gelesen hatte, fand ihn sehr befremdend mit seinem Surrealismus, seiner ungeheuren Faktendichte und dann doch ohne eigentliche Geschichte. Die Sorte Buch, die ich keinesfalls als schlecht bezeichnen würde, die mir einfach nur nicht liegt. Herr Kaltmamsell hatte es in den vergangenen Wochen bereits angedeutet: Er hatte sehr viele Querbezüge zu seiner eigenen eher nicht-kanonischen Lesevergangenheit gefunden und präsentierte der Runde ausgiebig Hintergrund und Material – unter anderem findet derzeit in Shoreham bei Brighton ein Alternate Reality Game (ARG) in der Welt des Romans statt.

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Wenn es um medizinische Hilfe auf globaler Ebene geht, liest man eigentlich nur über den Kampf gegen Infektionskrankheiten. Die Süddeutsche porträtiert eine junge Ärztin und Forscherin, die sich von der Sicherstellung einer Versorgung mit Operationen mehr verspricht:
„Eine Frau für 143 Millionen Operationen“.

Journal Samstag, 17. Juni 2017 – Bauchgerumpel

Sonntag, 18. Juni 2017

Nachts ein paar Mal von Übelkeit und schmerzhaftem Gerumpel im Bauch geweckt worden. Jetzt langt’s aber mal mit Körperlichkeiten! Das Gerumpel (ein Infekt? Überforderung durch eine sehr große Menge Salat?) vermieste mir leider diesen dritten Ferientag.

Zum Laufen radelte ich trotzdem, einfach weil Laufen meiner Seele gut tut und ich ohne sehr traurig gewesen wäre. Das Gerumpel zwang mich zu einem Zwischenstopp am Klo der Waldwirtschaft, doch Kreislauf und Muskulatur waren unbeeinträchtigt. Kurze Verzweiflung, als am Ende meines Laufs die öffentlichen Klos am U-Bahnhof Thalkirchen erklärungslos verschlossen waren. Aber all die Beckenbodengymnastik war ja dann doch zu was gut.

Es hatte schon am Vorabend aufgefrischt, das führte zu idealen Lauftemperaturen.

Konsumopfer 2: Wenn ich schon so viel Porto für die Ringelhose zahlte, hatte ich mir gleich noch ein Oberteil dazu stecken lassen.

Von der Brücke Maria Einsiedel aus sah ich unzählige Forellen in der Isar schwimmen.

Nachmittags wegen Magenknurrens (nicht zu verwechseln mit Darmgerumpel) einen Laugenzopf und Pfirsiche gegessen, mich ansonsten an Wasser gehalten. Gesund fühlte ich mich nicht, legte mich auch noch ein wenig ins Bett.

Trotzdem abends den Red and Black getrunken, den Herr Kaltmamsell auf meine Bitte zubereitet hatte: grundsätzlich gut, aber unerwartet süß – ein Verlängern mit Wasser machte es nicht besser.

Granta 139, The best of young American novelists 3 ausgelesen: Spektakulär, welches Stil- und Themenspektrum die Geschichten umfassen, und alle ganz ausgezeichnet. Das ging von einer phantastischen Geschichte, die mit Typografie spielte, über dunkelgrauen Selbstbetrug (von einer Autorin, deren erster Roman „was called the ‚feeld-bad book of the year‘ by the Chicago Tribune˝) oder manieriertes Englisch wie aus dem 19. Jahrhundert (passte zur zentralen Hochstapler-Figur) bis zum Gedankenstrom über den Tod des Ex-Freunds, den die Erzählerin auf Myspace erfährt. Manche gefielen mir besser als andere, manche strengten mehr an als andere, doch alle waren sie sehr, sehr gut ausgedacht und geschrieben. Zumindest in der englischsprachigen Welt mache ich mir überhaupt keine Sorgen um die Zukunft der erzählenden Literatur.

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Beim Zeitunglesen auf dem Balkon wieder den Vogerln am Meisenknödel zugesehen.

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Antje Schrupp hat zehn Vorschläge, um die Streitkultur zu retten.
„Konfliktmanagement:
Nicht nach Mutti rufen“.

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Gabriel Yoran erzählt auf Twitter von einem Zahnarztbesuch in USA und überhaupt vom Gesundheitswesen dort aus seiner Sicht.

(Früher gab’s dafür Blogs. Aber interessant, dass mittlerweile jede Plattform für alles genutzt werden kann und wird – Direkte Kommunikation mit anderen, Bilder, Geschichten.)

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Und dann doch noch ein Nachruf auf Helmut Kohl – der für meine politische Bewusstwerdung und meine Erinnerungen eine überraschend kleine Rolle spielt.


Journal Donnerstag/Freitag, 1./2. Juni 2017 – Philip K. Dick, Time Out of Joint

Samstag, 3. Juni 2017

Am Donnerstag lernte ich im Blumenladen eine neue Blume mit wunderschönem Namen kennen: Känguruhpfote (Anigozanthos).

Sehr gestresst, aber dennoch pünktlich Feierabend gemacht, denn ich musste die Kiste mit Ernteanteil abholen – Herr Kaltmamsell war abiturbedingt verhindert.
Der Tag war warm, aber eher schwül, zur abendlichen Verabredung steckte ich einen Schirm ein. Diese Verabredung war das Treffen meines kleinen Lesekreises, wir hatten Time out of Joint Philip K. Dick gelesen. Dieser Roman ist ganz anders als Do androids dream of electric sheep?, das ich vor ein paar Wochen gelesen hatte, bei Weitem nicht so konsistent und dicht. Dennoch gefiel den meisten die Grundidee: Eine Vorstadtfamilie in den USA der 50er, der Protagonist Ragle Gumm ist ein Star, weil er seit Jahren den Rätselwettbewerb „Where Will The Little Green Man Be Next?“ des wichtigsten Magazins gewinnt. Doch ihm und seinem Schwager kommen einige Details in ihrem Alltag seltsam vor. Ragle findet in einer Ruine verblichene Illustrierte mit Artikeln über Stars, von denen er noch nie gehört hat, zum Beispiel Marilyn Monroe. Und wo eine Getränkebude war, liegt ein Zettel mit der Aufschrift „SOFT-DRINK STAND“. Das ist subtil aufgebaut und gut getaktet, doch die Auflösung im letzten Viertel ist plump und passt erzählerisch nicht zum Rest.

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In der Nacht auf Freitag die dritte Migräne in ebenso vielen Wochen. Fast hätte ich’s verheimlicht, um es damit einfach ungeschehen zu machen. Das Triptan half nachts gegen die schlimmste Phase, doch bis zum Feierabend war ich extrem unkonzentriert und immer wieder bleiern müde, träumte davon, daheim erst mal eine Runde zu schlafen. (Krankmeldung war auch gestern aus mehreren Gründen nahezu unmöglich.)

Wenn ich schon in die Arbeit gehen konnte, konnte ich auch meinen Plan umsetzen, nach der Arbeit zum Spanienladen am Ostbahnhof zu radeln, um spanischen Café und Paprika zu kaufen (total logisch).

Herr Kaltmamsell servierte das erste Abendessen der Saison auf dem Balkon. Davor testete er traditionellen englischen rum punch („One of sour, two of sweet, three of strong, four of weak“ – bei uns war das „weak“ Wasser).

Schmeckte ausgezeichnet.

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How to Raise a Feminist Son
We raise our girls to fight stereotypes and pursue their dreams, but we don’t do the same for our boys.

Wichtige Beobachtung:

Even as we’ve given girls more choices for the roles they play, boys’ worlds are still confined, social scientists say. They’re discouraged from having interests that are considered feminine. They’re told to be tough at all costs, or else to tamp down their so-called boy energy.

Das hatten wir ja schon mal in Bezug auf Kleidung: In einer Konsumwelt, in der es (wenn auch mit hochgezogenen Augenbrauen) akzeptiert wird, dass Mädchen sehr unrosa und ungerüschte Kleidung bevorzugen, scheinen Menschen immer noch Schwierigkeiten mit Buben zu haben, die es zu Glitzer und Rüschen zieht.

Allerdings taucht in dem Artikel wieder der Hinweis auf die schlechteren schulischen Leistungen von Buben auf – interpretiert als Beweis für Benachteiligung in der Schule. Ich frage mich mittlerweile: Wenn Buben später wie gehabt mit überwältigender Mehrheit die Machtpositionen erreichen, passen vielleicht die Erfolgskriterien der Erwachsenenwelt schlicht nicht zu denen der Schule?

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Ausführlicher Artikel von Zeit online-Chefredakteur Joachim Wegener:
„Danke, Trump
Der Journalismus ist nicht am Ende, sondern am Anfang: Wie die Krisen der Demokratie Zeit Online zu einer Serie von Experimenten inspirierten. Ein Laborprotokoll.“

Journal Freitag/Samstag, 19./20. Mai 2017 – Schwieriges Bewegungstracken

Sonntag, 21. Mai 2017

Freitag war nochmal ein heftiger Arbeitstag.
Der Wetterumschwung, den ich für Donnerstagabend erwartet hatte, kam am Nachmittag: Dräuende Wolken, Unwetterwarnung, Temperatursturz. Auf dem Heimweg war es für meine kurzen Ärmel bereits deutlich zu frisch.

Herr Kaltmamsell hatte zum Nachtmahl aus Ernteanteil ein köstliches Spinat-Kartoffel-Curry mit Chapatis zubereitet.

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Am Samstagmorgen hatte sich das Wetter beruhigt, es war lediglich noch sehr kühl. Da ich keine Lust hatte zu bloggen, kam ich schon um neun zu meinem Isarlauf los:

Freitagabend hatte ich festgestellt, dass meine Bewegungs-App Moves nach dem donnerstäglichen Update nicht mehr funktionierte: Sie startete erst nach mehrfachen Versuchen, nur damit ich dann feststellte, dass meine Bewegungen nicht getrackt wurden. Das bestätigte sich auch nach Neuinstallation am Samstag: Moves kriegte nichts mehr mit und stürzte bei neun von zehn Startversuchen ab.

Also installierte ich doch Runtastic. Eine ganze Weile war ich damit beschäftigt herauszufinden, wo ich Meldungen und Benachrichtigungen ausschalte. Die Newsletterfunktion konnte ich erst nach den ersten erhaltenen wegklicken. Ich nehme an, dass ich wie bei Facebook erst über Wochen durch unerwünschte Mitteilungen auf die Spur ihrer Abmeldung komme.

Nach mittäglichem Frühstück ging ich in die Fußgängerzone für Einkäufe: Ich brauche zwei Paar Sandalen (ein Paar für Langstrecken – die alten sind eigentlich schon seit zwei Jahren nicht mehr vorzeigbar, ein Paar rote – die letztjährigen aus Brighton sind bereits kaputt), außerdem wollte ich mich nach einer wohlduftenden, edlen Körperlotion erkundigen. Doch ich kam nicht weit: Marienplatz und angrenzende Straßen waren für Fußballfans reserviert (das erklärte die Fußballspielerverkleidungen, die mir bereits auf dem Hinweg aufgefallen waren), ich hätte riesige Umwege laufen müssen, um zu den angestrebten Geschäften zu gelangen. Zähneknirschend verschob ich meine Einkäufe auf den freien Freitag, mein Groll auf das sensationell erfolgreiche Fußballmarketing der vergangenen 20 Jahre wuchs weiter.

Nachmittags so schnell wie möglich Eduardo Mendoza, Peter Schwaar (Übers.), Katzenkrieg ausgelesen – wieder ein Reinfall: Einerseits seitenweise ermüdende Darlegungen der politischen Lage in Madrid kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs (verbrämt als Unterhaltung zwischen den Beteiligten oder gleich als Reden in politischen Versammlung), andererseits eine Handlung, deren Melodramatik mit Gefühlen nur in Extremen den englischen Romancen des 18. Jahrhunderts Konkurrenz machte.

Da der Rosentag dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, zogen Herr Kaltmamsell und ich das Festessen dazu vor: Wir gingen ins Vinaiolo aus (die eigentlichen Wunschrestaurants waren bereits ausgebucht gewesen). Gut gegessen in schöner Umgebung.

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Sehr schöne Aktion, die auch mich ach so liberale weiße Großstädterin ihrer rassistischen Stereotypen überführt.
„These Profound Photos Masterfully Turn Racial Stereotypes On Their Head“.

Am falschesten sieht für mich das Fußpflegefoto aus – vielleicht weil es am ehesten mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun hat?

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Musik zum Sonntag – ich habe mich sehr gerne erinnert.

Legendäre Reime.