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Journal Sonntag, 4. Dezember 2022 – Neblig trüb

Montag, 5. Dezember 2022

“Neblig trüb” – der Standard-Wettervorhersagenausdruck wurde genau für das gestrige Münchenwetter geprägt.

Erfrischt und munter früh aufgewacht. Nach Morgenkaffee und noch vor Veröffentlichung des Blogposts arbeitete ich an der nächsten Runde Thüringer Weihnachtsstollen weiter.

Um halb elf war ich damit fertig und konnte raus zu meiner Laufrunde. Diesmal war ich wirklich überrascht, wie gut das lockere Traben tat: Bei diesem Wetter hatte ich keine Wirkung erwartet und freute mich umso mehr, dass sich schon nach zehn Minuten die Düsternis über meinem Gemüt lichtete, dass ich leicht und gelassen wurde.

Und das trotz der ärgerlichen Anfahrt per U-Bahn. Da ich die wochenendlichen Behinderung wegen des Umbaus Sendlinger Tor inzwischen kenne, guckte ich extra in der MVG-App nach, wie sie heute aussehen würden: Kaum, es wurden Verbindungen nach Thalkirchen ohne Umsteigen angezeigt – zwar nur alle 20 Minuten, aber das konnte ich ja einrichten. Doch als ich mit abgestempelter Streifenkarte pünktlich am U-Bahn-Gleis stand, lautete die Anzeige: “Pendelverkehr zwischen Odeonsplatz und Goetheplatz alle 15 Minuten”. Statt ungewiss lange zu warten, joggte ich, bereits leicht vergnatzt, zum Goetheplatz.

Auf die Rückfahrt musste ich 15 Minuten warten, auch hier stimmten die Abfahrtzeiten der App nicht, ich begann vom Sport verschwitzt zu frösteln. Hätte ich diese Informationen vorher gehabt, wäre meine Wahl sicher auf eine andere Laufstrecke gefallen. Eine, bei der nicht 1:40 Stunden Lauf netto einen Ausflug von fast drei Stunden brutto nach sich zogen.

Denn das ist mittlerweile der Hauptgrund, aus dem ich so lange Strecken laufe. In San Sebastián merkte ich, wie viel besser es mir tut, öfter, dafür aber nur eine gute Stunde zu laufen: Ich hatte danach praktisch keine Beschwerden – konnte aber halt fast gleich von der Haustür aus loslaufen. Doch wenn zu meiner Strecke eine halbe Stunde Anreise gehört, soll sie sich auch lohnen: Ich laufe mindestens anderthalb Stunden, bezahle dafür mit ein bis zwei Tagen (mittleren bis leichten) Schmerzen in der Achillessehne und/oder Oberschenkelrückseite und im Kreuz.

Zum Frühstück um halb drei (Semmeln hatte ich in Thalkirchen gekauft) musste ich bereits wieder das Licht anschalten: Es gab zwei Semmeln mit Marmelade, zwei Orangen.

Kristine Bilkau, Nebenan ausgelesen. Das Buch gefiel mir anfangs erleichternd gut, mich interessierte das norddeutsche Einfamilienhausleben, die Personen darin kamen mir nah. Dann allerdings dominierte das Thema Fortpflanzungswunsch immer mehr, entwickelte sich zum Thema unerfüllter Fortpflanzungswunsch – und ich musste wieder an die vielen Menschen denken, die sich nicht für Essen interessieren und wie sie sich anstrengen müssen, die ständigen Fotos von Mahlzeiten und Lebensmitteln aus ihren Internet-Kanälen zu filten, weil sie mit diesen halt wirklich, wirklich, wirklich nichts anfangen können. Im letzten Viertel kriegte mich der Roman aber wieder, die Autorin merke ich mir. Unter anderem begrüßte ich sehr, dass fast alle angefangenen Erzählfäden (verschwundene Nachbarsfamilie, Fortpflanzung, immer gebrechlichere alte Tante, anonyme Drohbriefe) offen blieben.

Ich hätte Lust auf eine Runde Yoga gehabt, doch einige Stellen meines Körpers (siehe oben) signalisierten mir: Besser nicht. (Vielleicht verstehe ich meinen Körper irgendwann doch noch.)

Zum Nachtmahl wurde ich wieder luxusverwöhnt: Herr Kaltmamsell servierte Boeuf Bourguignon nach dem durch und durch durchdachten Rezept von Astrid Paul (das ich ihm unauffällig über Twitter-DM zugesteckt hatte). Der Herr hatte sich nahezu sklavisch an die Vorgaben gehalten, ich durfte den burgundischen Kochwein probieren – Pinot noir mag ich wirklich.

Das Ergebnis schmeckte mir ausgezeichnet. Dazu gab es ein Glas Lemberger, Nachtisch Schokolade. Dann stolperten wir im Fernsehen auch noch über den Film Last Christmas, sehr schön zum Nebenher-Laufenlassen.

§

Ellen Barry in der New York Times zu neuer Forschung über zwanghaftes Lügen. Mit einem Protagonisten, der die Flucht nach vorn angetreten hat, um nicht im Suizid zu enden.
“Can This Man Stop Lying?”

Psychiatry, they argue, has long misidentified this subset of patients. Rather than “dark, exploitative, calculating monsters,” they argue, pathological liars are “often suffering from their own behavior and unable to change on their own.”

(…)

These liars were, as a whole, needy and eager for social approval. When their lies were discovered, they lost friends or jobs, which was painful. One thing they did not have, for the most part, was criminal history or legal problems. On the contrary, many were plagued by guilt and remorse. “I know my lying is toxic, and I am trying to get help,” one said.

(…)

This was a common observation among researchers who have spent time with prolific liars: That it was difficult to build functioning relationships.

“You can’t trust them, but you find yourself getting sucked into trusting them because, otherwise, you can’t talk to them,” said Timothy R. Levine, a professor at the University of Alabama Birmingham who has published widely on deception.

“Once you can’t take people at their word, communication loses all its functionality, and you get stuck in this horrible place,” he said. “It puts you in this untenable situation.”

(…)

This fall, Mr. Massimine made his first tentative re-entry into the public eye, publishing a column in Newsweek that attempted to explain his lying.

“As part of my diagnosis, when I am in mental distress, I create fabrications to help build myself up, since that self-esteem by itself doesn’t exist,” he wrote. “I compensated in the only way I knew how to: I created my own reality, and eventually that spilled into my work.”

(…)

The diagnosis will not resolve this problem. For much of recorded history, lying has been counted among the gravest of human acts.

This is not because of the damage done by particular lies, but because of what lying does to relationships. To depend on a liar sets you on queasy, uncertain ground, like putting weight on an ankle you know is broken.

via @katzentratschen

§

Praxishilfe von den Öffentlich Rechtlichen:
“Klatschen im klassischen Konzert – so geht’s”.

via @Croco

Journal Dienstag, 29. November 2022 – Der Bruch mit John Irving

Mittwoch, 30. November 2022

Ein regnerischer Morgen, ich marschierte unterm Schirm in die Arbeit – auch wenn es nur tröpfelte, wollte ich nicht feucht werden.

Mittags gab es Äpfel und Geflügelsalat (immer noch der Truthahn), der mir ausgezeichnet schmeckte.

Emsiger Arbeitstag ohne Überwältigendes.

Ich hatte Sportzeug dabei: Da Herr Kaltmamsell abends aushäusig verabredet war, plante ich eine Sporteinheit auf dem Crosstrainer des Vereins. Auf dem Weg dorthin nieselte es immer noch, richtig unangenehmes Wetter. Die Wege in dem historischen MTV-Gebäude zu Umkleide und von dort auf die “Fitnessgalerie” sind für mich immer noch verwirrend, zurück gleich wieder – ich bilde mir nie wieder ein, einen guten Orientierungssinn zu haben. Die Stunde Strampeln war ok, Musik auf den Ohren, in der Halle unter mir Badminton-Training, aber ich kam nicht so richtig in Schwung.

Eine der Jugendstiltore von Umkleiden zu Sporthalle.

Dafür ließ ich es daheim krachen: Ich gönnte mir fast eine halbe Stunde Heizung im Bad zu Duschen und Körperpflege. Abendessen: Rest Kimchi-Suppe vom Montag, Rest Süßkartoffel-Bake vom Samstag, der ist jetzt auch weg. Nachtisch Schokolade.

Mein erster Ernteanteil vom adoptierten Crowdfarming-Orangenbaum war eingetroffen: Ich sichtete die zehn Kilo, um Exemplare mit weichen Stellen zum schnellen Verzehr auszusortieren (alle in Ordnung). Es sind wohl drei verschiedene Sorten, zum Glück wird das mit der “Adoption” eines Baums nicht wörtlich genommen (ist halt solidarische Landwirtschaft, in der die Verbraucherin sich bereits an den Produktionskosten beteiligt und eine Abnahmegarantie gibt).

Gestern beschloss ich, die Lektüre des neuen Irving The Last Chairlift nach gut drei Wochen abzubrechen: Keine einzige Figur interessiert mich wirklich, und passieren wird nach gut der Hälfte des Romans ohne interessante Begebenheiten sehr wahrscheinlich auch nichts Interessantes. Die schludrige (nicht im guten Sinn) Geschichte aus der Sicht von Adam, einem Schriftsteller (echt jetzt? schon wieder?) über ihn in den USA der 50er bis 80er (danach hörte ich auf) mit seiner Mutter und ihrer Partnerin, seiner Kusine und deren Partnerin, seinem Stiefvater, der zur Frau transitioniert, mit seinen skurrilen Sex mit skurrilen Frauen – las sich lieblos zusammengewürfelt. Ganze Passagen bis Absätze tauchten mehrfach auf, die Beschreibungen und Handlungen ergingen sich seitenweise in irrelevanten Details, der Roman hätte dringend ein Lektorat benötigt.

Das war’s für mich dann wohl mit John Irving – über den ich einst meine Magisterarbeit schrieb, Thema “John Irving in der Erzähltradidion von Charles Dickens”, darin bearbeitet alle seine Romane bis 1994.
Erst kürzlich stieß ich auf dieses Foto:

Ich 1994 bei der Arbeit an meiner Magisterarbeit an meinem ersten PC, geerbt von einem befreundeten Physikstudenten, der ihn selbst zusammengebaut hatte, schon damals sehr veraltet (286er?). In der schönsten Wohnung der Welt.

Wobei der eigentliche Rechner gar nicht auf dem Bild ist: Den hatte ich wohl auf den Boden gestellt, die Kabel aus dem Bildschirm legen das nahe (ich habe keine Erinnerung daran). Ich weiß noch, dass er eine ca. 15 cm hohe Kiste war, halb so groß wie der Tisch, darin mit viel Platz dazwischen die eigentlichen Bestandteile des Computers (man konnte die Kiste mit zwei Druckknöpfen einfach öffnen). Draufgestellt wäre der Bildschirm viel zu hoch gewesen. Die Tastatur sieht so schwebend aus, weil ich sie etwas tiefer auf die ausgezogene Schublade des Tischs stellte, einen alten Küchentisch. Wenig später richtete ich mir mit Ziegelsteinen und Brettern am Fenster (rechts außerhalb des Fotosausschnitts) einen halbwegs ergonomischen Arbeitsplatz ein. An dem ich unter anderem nächtelang Lemmings spielte, das einzige Computerspiel, dass mich je packte.

Neue Lektüre im Bett: Kristine Bilkau, Nebenan.

§

Im Guardian nutzt Laura Spinney ein deutsches Phänomen um zu recherchieren, welche Mechanismen Gesellschaften und Individuen zur Verarbeitung schlimmer Vergangenheit oder Erlebnisse anwenden: Nämlich den Umstand, dass die meisten Menschen, über die es Stasi-Akten gibt, diese nicht einsehen wollten.
“If the secret police had a file on you, why wouldn’t you want to see it? Ask the Germans spied on by the Stasi”.

§

Sind Sie auch mit dem Verfluchen von “Industriezucker” aufgewachsen, Kampfbegriff der 1980er-Vollwert-Bewegung? Dabei muss man das Zuckerherstellen aus unserem guten heimischen Zuckerrüben (ich erinnere mich an die Waggons voll Zuckerrüben in meiner Kindheit; wenige hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt wurden die stillgelegten Gleise der Rübenbahn zu Spazierwegen ausgebaut) gar nicht der Industrie überlassen: Aus Zuckerrüben kann man Zucker selbst herstellen. (Schönes selbstgemachtes Weihnachtsgeschenk?)

Journal Samstag, 19. November 2022 – Saisonale Häuslichkeit

Sonntag, 20. November 2022

Guter Schlaf, schöner Morgen.

Küche in Erwartung des Stollenbackens.

Ich füllte meine Bettwäsche in die Waschmaschine, gestern stellte ich endlich um auf winterliches Federbett und warme Winterbettwäsche.

Zu einer zusätzlichen Tasse Tee las ich ausführlich Internet, bevor ich mich auf den Weg zur geplanten und befreuten Schwimmrunde machte (vorheriger Innencheck, find what feels good, ob ein sportfreier Tag mit mehr Zeit mir mehr Freude bereiten würde: nein).

Windige Radlfahrt hinaus ins Olympiabad unter gemischtem Himmel.

Sinkendes Herz beim Gleiten ins Wasser: Es war kälter als die beiden Male zuvor. Kurz vor Ende der ersten 2000 Meter fröstelte mich leicht. Ich beließ es bei einer Strecke von 2500 Metern, auch weil meine Schultern schmerzten, Waden und Zehen immer wieder mit Krampf drohten. Außerdem waren die Bahnen zu rege beschwommen, als dass ich entspannt hätte durchziehen können.

Verräterisch für die Wassertemperatur: Ich genoss die heiße Dusche und wärmte mich darin auf. Von den letzten beiden Schwimmrunden und von früher kenne ich, dass ich Hallenbadduschen eher kühler stelle.

Das Heimradeln war ein Wettrennen mit den Regenwolken – unter unfairen Bedingungen, denn auf der Schleißheimer Straße juckelt man sich als Radlerin von einer roten Ampel zur nächsten, die Regenwolken hingegen hatten freie Fahrt. Einmal wurde ich kurz angeregnet. Licht und Wolkenfarbe sahen nach Schnee aus, doch die Luft fühlte sich dafür nicht kalt genug an – wir hatten hier ja noch nicht mal Nachtfrost.

Kurzer Stopp zum Semmelholen, kurz vor zwei gab es Frühstück mit Apfel aus Ernteanteil (einfach reinbeißen, so schön!) und Semmeln – darauf Blaubeermarmelade aus norddeutscher Freundinnenhand, köstlich.

Buchen sind solche Herbst-Poserinnen!

Während Herr Kaltmamsell den Balkon einwinterte (obwohl immer noch kein Nachtfrost angekündigt ist), machte ich mich ans Backen der ersten beiden Thüringer Weihnachtsstollen.

Auch mich kriegt man mit Rabatt-Code: Nochmal zwei Stühle bestellt, da geht das VG-Wort-Geld hin. Dann haben wir sechs davon, unsere letzten Esstisch-Stühle jemals.

Ich gönnte mir noch eine schöne Runde Yoga, passend zum Schwimmen mit Schulterdehnung.

Zum Nachtmahl gab es aus Ernteanteil Rote Bete mit Kreuzkümmeljoghurt und Koriander (als der sich der angekündigte Kerbel herausstellte, man ist ja flexibel), Belugalinsen mit Lauch und Karotte, von mir den nochmal letzten kleinen Salatkopf mit Knoblauch-Vinagrette.

Dazu schmeckte mir der nordspanische Albariño Marisa – mag ich auch immer größere Probleme mit spanischen Rotweinen haben, spanische Weiße mag ich immer lieber.

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Die deutsche Vogue hat Ministerin Aminata Touré auf dem Cover und zieht mit immer stärkerem Gewicht auf Politik der seit Jahren immer politischeren Teenage Vogue nach. Ich sehe ein Szenario, in dem sich Frauen hinter dem Deckmantel von Gesprächen über Kosmetik und neuester Mode – auf die niemand achtet und die alle als oberflächlich abtun – zur Revolution verabreden.

§

Mehr zu Twitter: Heavy Userin Nicole Diekmann legt ihren Ansatz dar.
“Twitter – was machen wir denn jetzt?!”

Ein Gedanke allerdings: Wenn die meisten Twitter-Angestellten, die sich echt auskennen, rausgeflogen sind, könnten sie mit ihrem Wissen doch Twitter neu wieder aufmachen, nur halt unter anderem Namen.

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Morgens sah ich mir ein halbstündiges Interview mit Greta Thunberg in der britischen Sendung The Russell Howard Hour an.

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https://youtu.be/62ECkYYbPlA

Anlass ist die Veröffentlichung eine Buchs mit Fakten und Erklärungen zum Klimawandel, das Thunberg herausgegeben hat: Das Klima-Buch. Mir ist klar, wie gefährlich die Personalisierung des zentralen Zukunftsthemas Klima auf Greta Thunberg ist (was auch sie betont), doch wenn sich schon mal die Aufmerksamkeit auf sie konzentriert, nutzt sie diese fürs Bekanntmachen des wissenschaftlichen Hintergrunds. Und das Interview ist durchaus auch sehenswert, weil Russel Howard sie sehr zum Lachen bringt.

Letzthin sah ich wieder ein altes Auto mit dem Aufkleber “Fuck Greta Thunberg”: Um wie viele Ecken muss man denken um anzunehmen, ohne Greta Thunberg hätten wir keine Probleme mit dem Klimawandel?

Journal Sonntag, 6. November 2022 – Sonntagsruhe

Montag, 7. November 2022

Symbolbild Nacht, Anblick beim Aufwachen. Meine ganz oberen Atemwege wehrten sich mit beeindruckender Schleimproduktion gegen den Infekt (*pottpottpott*, gut gemacht), ich wachte immer wieder vom Blubbern in der Nase auf. Gegen die infektkalten Füße hatte ich mir die erste Wärmflasche der Saison mit ins Bett genommen, sie hatte funktioniert. Coronatest negativ.

Das Wetter hatte Regnen eingestellt. Dennoch war ich vernünftig genug, meine ursprünglichen Jogging-Pläne zu verwerfen und nur einen längeren Spaziergang anzupeilen. Ich fühlte mich nicht wirklich krank, nur Hirn-benommen wie nach einem großen Glas Rotwein. Vormittags war mir dann aber doch nach Ibu, meine Nebenhöhlen taten, was sie bei jedem Atemwegsinfekt sehr schnell tun: weh.

Das Wetter wurde wirklich freundlich, ich ging raus. Hatte ich eigentlich schon Samstag tun wollen: Die restliche Lindwurmstraße nach Westen abgehen und Fotos der verbleibenden Lokale in die eine Richtung aufnehmen – um nachsehen zu können. Es bleiben tatsächlich nur noch sechs.

Ich hatte Lust auf mehr Spazierengehen und erweiterte die Runde zum Westpark.

Die Plätze des Freiluftcafés Gans am Wasser waren dicht besetzt.

Auf der Theresienwiese sah ich einen ADAC-Rettungshubschrauber landen, der aber von den bereitstehenden Krankenwagen nicht entladen wurde, sondern gleich wieder abhob. Was das wohl bedeutete?

Nach zwei Stunden Spaziergang kam ich zurück, jetzt gab es Frühstück: Apfel, Feldsalat aus Ernteanteil und Marmeladesemmeln.

Ruhiger Nachmittag mit Lesen und einer weiteren Einrichtungsidee: Fürs bislang absichtlich nackte Westfenster des Wohnzimmers holte ich vorhandene weiße lange Stores aus dem Keller und umrahmte das Fenster damit; wenn im Winter die Sonne hier durch die kahlen Bäume reinknallt, muss ich vielleicht nicht gleich mit den hässlichen Rollläden ganz dicht machen, sondern kann damit durch Zuziehen etwas filtern. Und es sieht gut aus, Herr Kaltmamsell bekam den Auftrag, Gardinengleiter zu besorgen.

Nach Einbruch der Dunkelheit machte ich Yoga, wieder eine Runde mit viel Erklärungen und langsamen Bewegungen – auch beim Halten von Positionen, deshalb durchaus anstrengend.

Als Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell mir einen weiteren Wunsch erfüllt: Es gab sonntagsfestliches Kalbsrahmgulasch mit Spätzle. Der Mann hatte praktisch den ganzen Sonntag in der Küche verbracht, erst mit der Erstellung von Christmas Pudding und Christmas Cake (müssen ja noch bis Weihnachten reifen und gegossen werden), dann fürs Abendessen.

Früh ins Bett zum Lesen. Den aktuellen Irving The Last Chairlift lese ich bereits nach 10 Prozent in doppelten Tempo, also indem ich weite Passagen lediglich überfliege: Diesmal versteigt sich Irving in einen irrelevanten Detailreichtum und in so ausschweifende (und dabei komplett vorhersehbare) Schilderungen, dass sowas wie ein Lektorat unmöglich dran gewesen sein kann.

Journal Dienstag, 1. November 2022 – Besuch bei der Buchenkönigin

Mittwoch, 2. November 2022

Immer noch frei!

Der Nachtschlaf war nur mittelgut gewesen wegen böser Kopfschmerzen. Aber der Milchkaffee schmeckte, ich bloggte gemütlich und las die Twitter-Timeline der Nacht weg. (Sowie die Mastodon-Timeline.)

Das Draußen war eher düster, aber immer noch mild; ich hatte große Lust auf eine Laufrunde. Herr Kaltmamsell, den ich gegen Mittag zurück vom Monstertöten erwartet hatte, meldete sich bereits für dreiviertel zehn an. Ich wartete auf ihn, bereits in Laufkleidung (nochmal kurze Ärmel und Dreiviertelhose), um ihn vor Loslaufen zumindest begrüßt und geküsst zu haben.

Gestern wieder die Mehr-Netto-vom-Brutto-Strecke über Alten Südfriedhof (einige frische Allerheiligen-Kränze auf historisch bedeutenden Gräbern), Wittelsbacherbrücke, flussaufwärts nach Thalkirchen, über Isarwerkkanal zurück.

Ich steuerte gezielt die riesige Buchenkönigin an der Brudermühlbrücke an, mit offiziellem Wapperl “Naturdenkmal”, um ausführlich Fotos zu machen.

Daheim schlüpfte ich nach dem Duschen und Anziehen in meine neuen Stiefeletten, um sie vor der ersten Langstrecke ein wenig einzulaufen und mögliche Druckstellen zu finden. Es ging sich erst mal sehr bequem in ihnen.

Frühstück um zwei: Am Ende der Laufrunde geholte Semmeln, eine mit Ziegencamembert und Quittengelee, eine mit Butter und Zuckerrübensirup.

Das VG-Wort-Geld für 2021 ist da (viel!). Dieses Jahr war es auf dem Konto, bevor der Brief dazu online steht. Ich beglich gleich mal Steuervorauszahlungsschulden bei Herrn Kaltmamsell.

Doch nochmal raus zum Schaufensterbummeln, die neuen Schuhe behielt ich an. Und jetzt zeigte sich die potenzielle Druckstelle: der linke obere Rand des linken Schuhs. Es wird schwierig werden, hier mit Pflastern gegenzuarbeiten, ich muss mir etwas überlegen.

Vor den Lokalen wurde weiterhin draußen gesessen, aber gestern schon in Jacken.

Nachtmahl bestritt gestern ich: Es gab englischen Cheese and Spinach Pancake Pie.

Nachtisch 1: Selbstgemachter Zwetschgenröster mit Schlagsahne. Nachtisch 2: Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen. Der aktuelle Irving, The Last Chairlift, liest sich typisch Iriving (Stimme eines Mannes, der rückblickend seine Familiengeschichte erzählt, diesmal fangen wir an in der US-Schul- und Skifahrwelt der 1950er), der Roman setzt sich Irving-typisch langsam in Bewegung. Erster Satz (ich liebte Irving einst für seine ersten Sätze): “My mother named me Adam, like you-know-who.”

§

Wundervoller Twitter-Thread mit den schlimmsten Jane-Austen-Buchcovern der Geschichte. Unbedingt auch die Kommentare lesen.

Journal Mittwoch, 26. Oktober 2022 – Gemogeltes #Lindwurmessen

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Nebenwirkung der spät hellen Tage: Ich bekomme weniger Wetter mit. Gestern war ein mittelschöner Tag vorhergesagt, ich verließ das Haus gedankenlos – und wurde von Regen auf dem Weg in die Arbeit überrascht. (Nicht heftig, trocknete ja wieder.)

Gestern hatte ich besonders viel Freude an meinem Vormittags-Cappuccino mit Hafermilch aus der Cafeteria.

Ausgerechnet um die Mittagszeit wurde es hektisch, ich schaufelte gegen den Hunger Apfel, Granatapfelkerne in mich, dann Chinakohlsalat mit Joghurtdressing – ich hatte nicht vergessen, wie viel Zeit Salatessen beansprucht und musste ihn bis zu einem Termin weghaben. Salat schmeckt geschaufelt nicht besonders gut, übrigens.

Nach Feierabend ein kurzer Abstecher in den Vollcorner.

St. Paul in Rotgold.

Dann marschierte ich zügig nach Hause: Ich hatte Hunger und war mit Herrn Kaltmamsell zum Abendessen verabredet. Wir gingen wieder in die Lindwurmstraße – aber zu einem gemogelten #Lindwurmessen:1 Im Il Ritrovo waren wir nämlich schon vor zwei Wochen gewesen. Gestern wollten wir die dort so attraktiven Pizzen probieren, auf die wir beim ersten Besuch keine Lust gehabt hatten.

Sie schmeckten uns sehr gut; für mich ist ja das wichtigste der Teig, und der war ausgezeichnet. Außerdem nicht zu viel Belag, die Pizza ließ sich mit der Hand essen.

Daheim war sogar noch Platz für Nachtisch: Schokolade.

Es ist weiterhin mild. Wir werden vor November nicht geheizt haben, denn auch an kühleren Tagen wärmte die Sonne durch die großen Süd- und Westfenster die Wohnung. Ich lese ja alle Artikel zu individuellem Energiesparen, immer in der Hoffnung, darin irgendeinen Trick zu finden, den wir nicht eh schon und immer schon anwenden. Aber seit Abschaffung des Wäschetrockners bleibt wirklich kaum etwas. Ich wurde zu Energiesparen erzogen (und erinnere mich an mein Erstaunen als Kind, wenn in den Haushalten von Mitschülerinnenfamilien ohne Deckel auf den Töpfen gekocht wurde, wenn in Küche oder Bad der Wasserhahn länger als unbedingt nötig lief, auf dem Elektroherd die Restwärme nicht genutzt wurde), wir haben keine Elektrogeräte in echtem Stand-by (außer Fernseher), mein Elektrikervater hat schon früh für Ausstattung mit LED-Leuchtmitteln wo immer ging gesorgt. Wir duschen beide so kurz, dass das abschließende Abziehen der Duschkabine deutlich länger dauert. Mittlerweile habe ich mir auch schweren Herzens die geliebte Festbeleuchtung in allen Räumen abgewöhnt.
Am ehesten könnten wir noch am Kochen und Backen schrauben, also künftig Rezepte nach dem Kriterium Stromverbrauch auswählen. (Nicht ganz im Ernst.)

§

In letzter Zeit denke ich wieder viel über das schwierige Verhältnis zwischen veganer Ernährung und Essstörung nach – gerade bei Mädchen und Frauen. Ich stieß auf einen feministischen Essay zum Thema von 2009, den ich schon vor zehn Jahren verlinkt hatte. Und den ich immer noch sehr lesenswert und differenziert finde.
“Mein Körper – Mein veganer Tempel”.

Essstörungen sind immer auch ein Versuch, ein System in die eigene Ernährung zu bringen. Wenn das Gefühl für sich selbst so wenig vorhanden ist, dass ein simples ‘ich habe Hunger – ich esse’ nicht mehr funktionieren kann, dann bietet eine Essstörung eine alternative Orientierung. Das können gezählte Kalorien sein, das Herausspeiben der Nahrung oder der Versuch einfach jeden Tag das gleiche zu essen – in jedem Fall bietet das System Halt. Vegane Ernährung erfüllt die selben Kriterien, auch sie bietet Halt und Orientierung, macht das Angebot, sich mit dem Essen wohl zu fühlen, weil klar ist, welche Nahrungsmittel gegessen werden dürfen und welche nicht – zu wissen, was ist gut für mich und was nicht.

(…)

‘Rein’ zu bleiben ist ein wiederkehrendes Motiv in vielen Frauenleben. In einer Welt die – gerade zu Frauen – oft nicht freundlich ist, in der selbstbestimmtes Leben schon gegen die Mauern im eigenen Kopf rennen muss, scheint die Kontrolle über den eigenen Körper oft der einzige Weg, auf sich selbst aufzupassen. Wenn ich mich vor sexualisierter Gewalt, Zukunftsängsten oder Einsamkeit nicht schützen kann, dann kann ich mich doch immerhin davor schützen, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren, kann darauf achten, mir nur gesunde – gute Produkte – zuzuführen, kann aufpassen, dass nichts Schlechtes in mich eindringt.

§

So weit habe ich mich schon von John Irving entfremdet: Bekomme erst eine Woche danach mit, dass es einen neuen Roman von ihm gibt. Zudem: Zwar werde ich diesen gleich als Nächsten lesen (trotz Misstrauen gegenüber dem Titel The Last Chairlift), aber als Datei.

Auf Twitter machte mich @valaki_berlin auf ein aktuelles Lied von Judith Holofernes dazu aufmerksam:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/Z95iS3fO7Ck

(“Hans Zimmer, du machst alles schlimmer” fühle ich sehr.)

§

@baldwinvoices spricht die Gedanken von Katzen laut aus – eine Zusammenstellung.

via @DonnerBella

  1. Wir futtern uns nacheinander durch alle Lokale an der Südseite der Lindwurmstraße von Sendlinger Tor westwärts bis Stemmerhof, dann an der Nordseite wieder zurück. []

Journal Montag, 17. Oktober 2022 – Mein Lieblingskuli, Sport im Verein

Dienstag, 18. Oktober 2022

Bei sperrangelweit offenem Fenster in die laue Nacht richtig gut geschlafen, ich kann es noch. Da ein weiterer warmer Tag angekündigt war, ging ich mit nackten Beinen unterm Etuikleidchen in die Arbeit – das war vor Sonnenaufgang doch sehr frisch, aber nicht unangenehm.

Irgendwann ließ ich dann doch die großen Jalousien herunter, weil die Sonne mein Büro sonst zu stark aufheizte.

Der Vormittag voller Besprechung.

Mittags gab es Äpfel, Breze, Mango (nackig schmeckte sie nicht so gut wie mit Joghurt, merken).

Nach einer Woche Zwangspause ist mein Lieblingskuli wieder einsetzbar. Vor Jahren hatte ich ihn auf einer Konferenz als Werbegeschenk der Leibniz-Gemeinschaft bekommen, er besteht hauptsächlich aus Holz und erwies sich als der für mich perfekte Kuli (es ist ganz erstaunlich, wie weit Vorlieben der Menschen bei Kulis auseinanderliegen). Im Jahr drauf bat ich auf der Folgekonferenz um einen weiteren, jetzt habe ich zwei. Während ich sonst recht freigiebig mit meinen Kulis bin (es ist halt alles im Fluss), passe ich auf diese beiden auf wie ein Haftlmacher und fordere sie bei möglichst seltenem Ausleihen hartnäckig zurück.

Als die Tinte des ersten Kulis versiegte, ließ ich mir beim Kaut Bullinger, dem mittlerweile geschlossenen Schreibwaren-Fachhandel am Marienplatz, die No-name-Mine bestimmen (es ist ganz erstaunlich, wie viele Arten Kugelschreiberminen es gibt und wie wenige davon in einen beliebigen Kugelschreiber passen – zunächst hatte ich nämlich einfach versucht, die Minen anderer Werbekulis in meinem Bestand zu verwenden, keine hatte gepasst) und zahlte einen überraschend hohen Preis für diesen Ersatz.

2021 versiegte die Mine des zweiten Leibniz-Holzkulis, vergangene Woche die Nachfüllmine des ersten. Das Ladengeschäft Kaut Bullinger gibt es nicht mehr, doch zum Glück weiß ich dank deren Fachpersonal, nach welcher Mine ich online suchen muss. Meine Bestellung traf am Wochenende ein, der Preis ist pro Mine mit 5,40 Euro immer noch überraschend, aber gestern konnte ich beide Lieblinge wieder startklar machen.

Ich hatte Sportzeug dabei, um den Crosstrainer-Sport von Samstag nachzuholen. Also spazierte ich nach Feierabend in kurzen Ärmeln durch herrlichen Sonnenschein zum Sportverein.

Es hatte sich seit meinem letzten Besuch vor Monaten nichts Grundlegendes geändert, ich fand fast direkt zur Umkleide und von dort mit nur einem Fehlversuch zur Galerie über der Sporthalle mit ihren Sportgeräten.

Unten in der Halle wurde in der Gruppe und auf kleinen Matten eine Art Gymnastik geturnt, wie ich sie nicht kannte (ohne Musik, aber es gab am Anfang Technikprobleme, könnte also unbeabsichtigt gewesen sein); sah für mich nach einer Kombination von Yoga und Pilates aus: keine Wiederholungen, eher Flow und Halten, wirkte ziemlich anstrengend. Daheim sah ich im Trainingsplan: Das war also bodyART. Ich wiederum strampelte zu Musik auf Kopfhörern und hatte eine Stunde lang meinen eigenen Spaß.

Während ich daheim duschte, bekam ich Abendessen gekocht: Herr Kaltmamsell servierte auf meinen Wunsch Spaghetti mit Linsen-Bolognese (sehr gut – aber Bolo ist was Anderes), zum Nachtisch testete er ein Rezept für Quitten-Streusel-Pie (ein Genuss, aber vielleicht nicht das beste Gebäck mit Quitten) und Schokolade.

Im Bett Elizabeth Wetmore, Valentine weitergelesen. Die Gewaltpassagen sind wirklich gerade nichts für mich, aber der Roman ist sehr gut geschrieben und ich möchte wissen, wie die Handlung weitergeht. Also lese ich die schlimmen, bedrohlichen Stücke ganz schnell und mit nur einem Auge.

§

Einen Langstreckenflug nicht als selbsterständlich heutzutage nehmen, sondern als ein Wunder, als ein Ereignis, von dem man Geschichten erzählt. Wie bezeichnend, dass uns das nahezu verloren gegangen ist. Nahezu, denn dann gibt es diese aktuelle Geschichte auf Camp Catatonia:
“Langstreckenflug mit Karibubullen”.

“Stories only happen to those who are able to tell them, someone once said.” laut Paul Auster? Man muss das aber auch wollen und sie erkennen.
Beeindruckbar beiben.


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