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Journal Donnerstag, 21. Juli 2022 – Verblüffenderweise immer noch krank, Colson Whitehead, The Underground Railroad

Freitag, 22. Juli 2022

Ich wachte morgens sehr früh auf und erklärte mich für arbeitsfähig. Das Wetter war wolkig und kühl geworden, das kam mir recht.

Den Fußweg in die Arbeit ging ich dann lieber doch eher langsam. Es erleichterte mich sehr, dass ich einige Klöpse abarbeiten konnte, ein weiterer, der mir schwer im Magen gelegen hatte, erwies sich dann als doch nicht so dringend (Wutschnaub-Emoji).

Beim instagram-Druchscrollen gemerkt, dass andere Menschen an den vergangenen Hochsommertagen sich die Zeit deutlich interessanter vertrieben hatten als mit Bettliegen: Überall herrliche Sommerfarben, Blumen, buntes Gemüse und Obst auf Tellern und in Gläsern.

Über den Vormittag ganz neue Beschwerden: Heftige Rückenschmerzen im oberen linken Bereich, teilweise inklusive Brustkorb. Ich wechselte in kurzen Abständen zwischen Arbeit im Stehen und im Sitzen, nichts davon schmerzfrei. Mittags löffelte ich einen Rest Karottensuppe, aß eine Banane – die Schmerzen wurden nicht besser, Bauchweh gesellte sich dazu. Nach einer letzten Besprechung um zwei gab ich auf: Ich meldete mich “mir geht’s scheiße, sorry” ab (Hilfsbereitschaft und Zuspruch von allen Seiten), packte zusammen und nahm einen Bus nach Hause.

Daheim messen von Vitalparametern: Coronatest eines dritten Fabrikats ebenfalls negativ, kein Fieber, Blutdruck sowie Puls normal – und Googlen nach den Rückenschmerzen ergab als eine mögliche und gestern wirklich naheliegende Ursache Darmbeschwerden. Ich legte mich ins Bett, hörte Herrn Kaltmamsell mit Ernteanteil heimkommen, döste.

Bis ich um halb sechs deutlich Hunger spürte, zum ersten Mal seit drei Tagen, zudem riesigen Appetit auf Salat. Also machte ich aus Ernteanteil grünen Salat mit Gurke, zugekauften Tomätchen in einem Joghurt-Balsamico-Walnussöl-Dressing und aß mit Genuss bis zur letzten Gabel eine große Portion davon – durchaus gespannt, was mein Bauch dazu sagen würde.

Mir ging’s SO gut, dass ich kurz mit den Gedanken an Yoga spielte. Bis mir einfiel, dass ich ja einen vollen Bauch hatte und sich das bei mir überhaupt nicht mit Yoga verträgt.

Der Bauch war durch meine Beherztheit eingeschüchtert, ließ später sogar noch eine Handvoll Salzstangen und noch später ein Butterbrot zu.

Nachricht vom (schon länger absehbaren) Tod eines Mitabiturienten, mit dem ich zu Schulzeiten besonders viel zu tun hatte, unter anderem waren wir zusammen SMV-Sprecher*in. Oder erstellten zusammen die Dia-Show der Griechenland-Studienreise. Und organisierten nach dem Abitur die ersten Klassentreffen zusammen. Ich war Gast auf seiner Hochzeit. Beim Erinnern fallen mir immer mehr Stücke Lebensweg ein, die uns verbinden. Sehr traurig.

§

Schon vor ein paar Wochen habe ich Colson Whitehead, The Underground Railroad, ausgelesen und möchte den Roman empfehlen.

Einen Pulitzer Prize bekam er 2016, und diesen kann ich (im Gegensatz zu manch anderem) gut nachvollziehen. Whitehead nimmt den Mythos einer unterirdischen Tunnelanlage in den Vereinigten Staaten Mitte des 19. Jahrhunderts, die Sklaven per Bahn die Flucht ermöglichte (hier eine Zusammenfassung der Legenden und der Faktenlage dahinter, Kurzfassung: “the underground railroad” war eine Metapher für ein Befreiungsnetzwerk, das in erster Linie von befreiten Sklaven betrieben wurde, selbst Tunnel spielten dabei eine lediglich sehr kleine Rolle) und konstruiert daraus die teils märchenhafte, teils historische Geschichte von Cora, einer als Sklavin gefangen gehaltenen jungen Frau auf einer Plantage im Georgia des 19. Jahrhunderts. Cora wurde als Kind von ihrer Mutter verlassen und ist auch unter den Sklaven der Plantage als verrückt marginalisiert. An ihr werden die Grausamkeit und Menschenverachtung der Sklavenhaltung durchgespielt, an ihrer Flucht die zeitgenössischen Spielarten von Rassismus in Nordamerika – es stellt sich heraus, dass auch so manche Abolitionists ihre ganz eigene hatten.

Mir gefiel, dass es keine klaren Grenzen zwischen Gut und Böse gibt und dass die sich schon gar nicht decken mit weißer und nicht-weißer Hautfarbe. Hilfreiches oder schädliches Verhalten ist in The Underground Railroad allerdings fast immer motiviert durch die gesellschaftliche Stellung, die weiße und nicht-weiße Hautfarbe automatisch verschafft (einige Zwischenkapitel erzählen die Biografien von Nebenpersonen). Die Handlung vermittelt viele Details und Hintergründe (zum Beispiel ökonomische Zusammenhänge des Sklavenwirtschaft), die Schilderungen sind lebendig, auch Abolitionists zeigen manchmal lediglich eine andere Spielart von Rassismus (die New York Times nannte den Roman “dynamic”).

Ein wenig gefährlich fühlte sich für mich die romantisch-märchenhafte Seite an. Zwar erinnerte sie mich an das Schweben zwischen Surrealismus und Realismus im Weltliteratur-Meilenstein Beloved von Toni Morrison; doch verführt sie ein wenig dazu, auch die realistischen brutalen Seiten des Lebens in Sklaverei in diese Märchenhaftigkeit zu schieben. Gleichzeitig sorgen die phantastischen Noten des Romans für einen Großteil der Lebendigkeit.

Enttäuscht war ich vom Ende: Es las sich (wie so oft bei besonders lebendig erzählten Roman) wie ein hastiges Aufräumen.

Neben der in der Besprechung in der New York Times (“Review: ‘Underground Railroad’ Lays Bare Horrors of Slavery and Its Toxic Legacy”) empfehle ich auch die Besprechung des Buchs im Guardian:
“The Underground Railroad by Colson Whitehead review – luminous, furious and wildly inventive”.

Journal Dienstag, 12. Juli 2022 – Schwindelablenkung

Mittwoch, 13. Juli 2022

Im Grunde hatte ich seit dem Vortag durchgearbeitet: Als eine der letzten Aufgaben war am Montag die Bitte um eine komplizierte Terminfindung eingelaufen, die ich zwar auf gestern schieben konnte (weil die Beteiligten ohnehin nicht mehr erreichbar waren), die mich aber seither belastete und im Hinterkopf arbeitete.

Entsprechend bedrückt ging ich durch einen milderen Sommermorgen in die Arbeit, freute mich weder an den Mauerseglern, die schrillend in Banden über den Himmel schossen, noch am Sommerlicht. Zumindest fiel mir durch dieses Arbeiten im Hinterkopf ein strukturiertes Vorgehen ein, mit der ich die Aufgabe anpacken konnte. Das tat ich im Büro gleich nach Teekochen und kam einen ersten Schritt voran.

Der Vormittag war wieder von Korrekturlesen belegt (so weit darf ich über Berufliches schreiben).

Mittags gab es Pumpernickel mit Butter und Flachpfirsiche.

Nachmittags gab’s Schwindel, der mir die Laune vermieste.

Dafür wurde das Wetter freundlicher. Ich versuchte ein Stück schwarze Schokolade gegen den Schwindel (die muss wirklich weg, ist schon ganz staubig-bröslig). Half nicht.

Auch die Sonne half nicht: Auf meinem Heimweg war mir schwindlig und düster. Und wissen Sie, womit ich mich von der Düsternis beim Gehen mit gesenktem Kopf abhielt: Indem ich darüber nachdachte, war ich am nächsten Tag anziehen würde. Andere rufen sich auswendig gelernte Gedichte ins Gedächtnis oder spielen im Kopf Schachpartien nach. Ich hingegen wäge intensiv ab, ob ich am warm bis heiß angekündigten Mittwoch mit möglicher Draußenverabredung am Abend eher die rote Tunika als Kleid trage (habe herausgefunden, dass sie mir so auch zwei Nummer zu groß an mir gefällt) oder die alte cremeweiße als Kleid ausprobiere. Und welche Schuhe ich dazu tragen könnte. So.

Nach einem Jahr war unser Topf mit Münzen trotz mehrheitlicher Kartenzahlung voll geworden (wir leeren abends immer unsere Geldbörsen hinein, ein ordentlicher Teil unserer Urlaubskasse), ich brachte die Münzen zu meiner Bank. Anschließend Abstecher zum Rewe, um unsere Süßigkeitenvorräte aufzufüllen.

Daheim hatte ich keine Lust auf Yoga weil Schwindel, also brach ich gleich mit Herrn Kaltmansell (dem ebenfalls schwindlig war) zum Abendessen auf: Wir landeten im Schnitzelgarten, diesmal schafften wir beide nur die Hälfte unserer Schnitzel und packten uns die andere Hälfte ein.

So war daheim noch Platz für Schokolade.

Im Bett Mely Kyiak, Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an ausgelesen: Ein sehr schönes Buch, später mehr dazu.

Journal Samstag, 25. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 3

Sonntag, 26. Juni 2022

Gute Nacht, in der es mit Regen sogar richtig abkühlte. Ausgeschlafen aufgewacht zu wolkenlos blauem Himmel.

Balkonkaffeesituation mit derzeit täglichem Coronatest.

Nach Fertigbloggen mit Morgenkaffee war noch reichlich Zeit für eine Runde Yoga, außerdem spazierte ich zu einem benachbarten Obst- und Gemüseladen (Ladeninhaber deutlich verschlafener als ich) und kaufte Aprikosen sowie eine rote Paprika, leider gab es keine Erdbeeren.

Dritter Lesetag mit unterhaltsamen Überraschungen.

Ich startete diesmal auf der anderen Seite der Jury, gestern war erstmals auch eine Schulklasse im Studio – allerdings nur für den ersten Text.

Leona Stahlmann las ihr “Dieses ganze vermeidbare Wunder” im Schneidersitz auf einem Podest und blieb auch den Rest der Stunde darin – deutlicher hätte sie ihre Jugend nicht betonen können (die älteren wissen, was ich meine). Erstmals dieses Jahr war die Klimakatastrophe Thema; vor diesem Hintergrund ging es ums Kinderkriegen – inklusive allen damit verbundenen Körperflüssigkeiten (überraschend dominantes Thema dieses Jahr) auch des Säuglings.

Delius ordnete den Text auch gleich als climate fiction ein, inklusive einer spekulativen Ebene, die viel Gestaltungsmöglichkeiten zulasse, sprach von einer “souveränen” Autorin. Tingler widersprach Letzterem umgehend, er habe ein “literarisches Äquivalent von fast fashion” gelesen, “Verkitschung der Natur”, “Kitsch der Körperlichkeit”. Auch sonst war sich die Jury sehr uneins: Dekorativ und ungenau (Wilke), Suche nach Stellungnahme zu Klimakrise mit ganz großem Pathos (Kastberger), starkes Motiv des Panta rhei (Kaiser), klare Struktur mit sechs Versuchen, einem Kind zu erklären, dass die Welt untergeht – das gehe nur mit Pathos (Wiederstein), Selbstkommentierung der kitschigen Passagen nicht konsequent (Schwens-Harrant), “moralistisch” (Tingler).

Der Text von Clemens Bruno Gatzmaga, “Schulze”, spielte in einer ganz anderen Welt, und zwar in der kleinen eines alten Managers, der morgens einen Tropfen Urin in seiner Unterhose entdeckt (Körperflüssigkeiten). Mir war beim Zuhören durchgehend unbehaglich, weil diese beschriebene Managerwelt pures Roman- und Fernsehklischee war ohne jedes Interesse daran, wie sie wirklich aussieht. Gleichzeitig war dieser Aspekt möglicherweise völlig unwichtig.

Wilke freute sich über das Auftauchen des Themas männlicher Wechseljahre, sah aber schon wieder eine Mutterfigur (Kaiser widersprach). Wiederstein erkannte das Motiv Kontrollverlust, hielt aber nicht allzu viel von dem Text: Er habe zwar Sympathie für das “arme Schwein”, doch der Text sei am Schluss zu stark auserzählt. Kastberger sprach von Originalität, wie so wenig Körperflüssigkeit eine ganze Welt einbrechen lassen konnte, Tingler hielt den Text dagegen für einen unoriginellen Urtyp der Parabel. Schwens-Harrant lobte den präzisen Bau des Textes, er täusche Einfachheit nur vor, Delius sah die Gegenwärtigkeit nicht genug ausgeführt. Dann ging es noch eine Weile darum, ob man für die Hauptfigur Sympathie aufbringen könne.

In der Pause spazierte ich diesmal durch die noch nicht zu heftige Sonne hinüber zum Lendhafen, wo man mir guten Cappuccino versprochen hatte – und wohin sowohl Lesungen als auch Diskussion auf Bildschirme übertragen werden.

Die Cappuccino-Seite (er war wirklich sehr gut).

Gegenüber die Zuguck-Seite.

Für die beiden letzten Texte am Nachmittag setzte ich mich wieder auf die Tribüne des ORF-Studios.

“Im Falle des Druckabfalls” von Juan S. Guse nannte gleich im ersten Satz den Namen seiner Protagonistin – der auch meiner ist, und zwar in exakt dieser in Deutschland unüblichen Aussprache. Das lenkte mich eine ganze Weile ab, bis zum Schluss zuckte ich bei jedem Auftauchen (zumal in seinem Vorstellungsfilm auch noch ganz konkret Kathrin Passig genannt worden war, fast hätte ich Angst bekommen). Die Andreas und Melanies dieser Welt kennen das vermutlich zur Genüge und haben sich daran gewöhnt, mir passierte das halt zum ersten Mal. Darf gern das letzte bleiben. (Wenn Sie das einrichten könnten, Herr Guse?)

Endlich eine gründlich nicht-realistische Geschichte, inklusive immer größeres Absurdität, ich fühlte mich trotz einiger sprachlicher Patzer sehr gut unterhalten. Originelles Detail: Guse tat so, als kommentiere er seinen eigene Text (mittendrin “hm, wäre wahrscheinlich ein besserer Titel gewesen”).

Die Jury freute sich erst Mal über den besten letzten Satz des Bewerbs, war sich weitgehend einig, dass auf solche Weise die Gegenwart wahrscheinlich am besten beschrieben werden kann (ich stimme zu und denke an diesen Aufsatz von Ursula Le Guin). Delius lobte die Kombination von Absurdem und formaler Struktur; der Text entwickle Tiefe, weil er an vielen konkreten Punkten ausweiche. Auch Tingler attestierte den Auslassungen eine Sogwirkung, auch wenn er die Sprache als ein wenig schlicht kritisierte. Wiederstein sprach sogar von einem “Heart of Darkness” im Taunus, er und Schwens-Harrant verfolgten eine Spur nach Klagenfurt.

Nochmal absurd und nicht-realistisch wurde es im letzten Text des Wettbewerbs: “Staublunge” von Elias Hirschl. Hier haben wir als Protagonistin (erst die Jury-Diskussion machte mir klar, dass es sich um eine Frau handelt) eine Text-Produzentin für Webseiten, als Welt die absurde von Internet-Start-ups, bis jenseits ihrer tatsächlichen Lächerlichkeit karikiert (nicht einfach).

Die Jury war wieder sehr angetan, auch wenn Tingler gleich mal mäkelte, der Text sei zu lang (aber das bereits selbst mit der Erklärung einleitete, dass die Länge den Vorgaben des Bachmannpreises geschuldet ist). Delius ergötzte sich an den “Kitschvokabeln der Gegenwärtigkeit” und dem lakonischen Tonfall, Kaiser am “herrlich apokalyptischen Endzeitszenario”. Wiederstein sah eine Szenerie zwischen Zombieapokalypse und Start-up-Kultur, für Schwens-Harrant führte nun dieser Text ins “Herz der Finsternis”. Joseph Conrad wurde erstaunlicherweise der am öftesten referenzierte Autor der Diskussionen, dafür tauchte kein einziges Mal Thomas Bernhard auf – vielleicht weil kein angemessen schlecht gelaunter Text dabei war, vielleicht aber ist der Bachmannpreis kaputt.

Zusammenfassende Einschätzung der Jury-Kommentare, in der Sitzreihenfolge:

  • Philipp Tingler: Meister des argumentativen Kunstgriffs strawman ad hominem, mit dem er gar nicht vorgebrachte Angriffe pariert, denen er als Motiv Ablehnung seiner Person unterstellt. Findet Konventionelles schlecht, lässt Originalität aber nicht als Qualitätskriterium gelten, setzt immer wieder zu Apodiktischem an – aber sein tatsächliches Wertsystem für die Einordnung literarischer Texte wurde mir bis zuletzt nicht klar.
  • Vea Kaiser: Argumentiert gerne auf ihrer Gefühlsebene (versucht aber durchaus, ihre emotionalen Reaktionen am Text zu rationalisieren), schreibt diese Gefühle auch Texten zu. Glanzlicht als Reaktion auf Widerspruch: “Dann haben Sie den Text nicht richtig gelesen.”
  • Michael Wiederstein: Statt Gesamteinordnung des Texts (meiner Erinnerung nach ergriff er nie das erste Wort nach dem Vorlesen) pickt er sich gerne Aspekte heraus und assoziiert zu ihnen, seine Statements klangen in ihrer Pointierung oft vorbereitet. Arbeitete aber auf diese Weise immer wieder vorher ungenannte Aspekte heraus.
  • Insa Wilke: Eine der drei Stimmen (neben Schwens-Harrant und Delius), die immer wieder gezielt Form und technische Mittel der Texte besprachen. Allerdings konnte ich ihr dabei oft nicht folgen. Ebenso wenig bei vielen ihrer Verweise auf politische und feministische Ebenen der Texte, die sie aus meiner Sicht eher extrinsisch als intrinsisch belegte. Sehr profitiert habe ich von Wilkes Einstiegen in die Diskussion nach dem Lesen, in denen sie gut nachvollziehbare Schwerpunkte setzte.
  • Brigitte Schwens-Harrant: Die zweite Stimme der Form. Ihre Technik-Analysen fand ich immer spannend, wünschte, sie hätte sich mehr Raum dafür genommen, gerade am Anfang der Diskussionen. Außerdem mochte ich ihre immer konstruktive Diskussionsweise. Verdutzt war ich aber mehrfach von ihren Verweisen auf angeblich hinter dem Text liegenden Motive wie “Bedrohung”.
  • Mara Delius: Hätte ich gerne viel ausführlicher gehört, denn alles was sie wohl formuliert zu den Texten äußerte, konnte ich nachvollziehen, sah ich angelegt in dem, was ich gehört hatte. Obwohl ich nur zu gut verstehen kann, dass man sich aus Sandförmchenwerfen auf Kindergartenebene raushalten möchte, wünschte ich, sie hätte sich mehr in den Zank geworfen, mit echten Argumenten halt.
  • Klaus Kastberger (dessen Nachnamen, wie ich gestern herausfand, tatsächlich auf der mittleren Silbe betont wird): Einer der Sandförmchenwerfer, was oft lustig, aber manchmal schade war, denn seine Lesart interessierte mich immer. Manchmal wünschte ich mir, er würde ruhiger argumentieren, denn es war klar, dass er sich beim Durcharbeiten der Texte vorher gut begründete Gedanken gemacht hatte – sie gingen in seiner Verve und seiner Streitlust leider oft unter.

Aber ja ist mir klar, dass die Jury-Diskussion auch eine Show ist, dass die Beteiligten nicht nur aufgrund ihrer Fachkenntnisse, sondern auch wegen ihrer Schlagfertigkeit und Formulierungsfreude ausgewählt werden. Doch für mich sind halt Glanzlichter, wenn sich mehr als die Summe der Einzelstimmen entwickelt, zum Beispiel in der Beobachtung in einer Diskussion: Wir sehen alle dieselben Dinge im Text, werten sie aber verschieden. Dieses Jahr häufigster Vorwurf an die Texte: Kitsch.

Weil am Samtag ein Text weniger als an den anderen beiden Tagen gelesen und diskutiert wird, kam ich eine Stunde früher in die Ferienwohnung und frühstückte schon um halb zwei: Apfel, ein Kanten Brot und! gute! Aprikosen! (Aus Italien, werde für meinen nächsten Aprikosenkauf in München zum Eataly gehen.) Wieder verschob ich die Zusammenfassung des Lesetags fürs Blog auf den Abend, sonnencremte mich und nahm ein Leihradl ins Strandbad.

Von den anderen Internet-Schlachtenbummlerinnen traf ich diesmal niemanden an (es stellte sich heraus, dass sie an der gestrigen CSD-Feier in Klagenfurt hängengeblieben waren) (Korrektur: ich hatte sie nur nicht gesehen), ich schwamm und sonnte abwechselnd.

Hin und wieder passiert von jungen Stockenten.

Zurückgeradelt in die Ferienwohnung, zum Abendessen gab es Tomaten, Käse, rote Paprika mit Liptauer, Aprikosen und weiße Mozartkugeln.

Nach Zusammenfassung des Lesetags spazierte ich nochmal raus, um ein wenig Zeit mit den Bachmannpreis-Internetmenschen zu verbinden.

Typo-Liebe Klagenfurt.

Ich traf sie im Augustin an (was mir ein vorher gepostetes Foto von einer verraten hatte); wir spazierten an den Lendhafen und saßen dort noch eine Weile in angenehm abgekühlter Sommernachtsluft über Kaltgetränken (ich schätze alkoholfreies Bier immer mehr), hin und wieder passiert von Autor*innen des Bewerbs.

§

Ein Artikel aus dem Jahr 2019 berichtet aus der Vergangenheit Rumäniens:
“What Actually Happens When a Country Bans Abortion”.

Opponents of the restrictive abortion laws currently being considered in the United States don’t need to look to fiction for admonitory examples of where these types of laws can lead. For decades, communist Romania was a real-life test case of what can happen when a country outlaws abortion entirely, and the results were devastating.

§

Und das ist nur der Anfang, in den Replies wird dann so richtig geblödelt.

Journal Freitag, 24. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 2

Samstag, 25. Juni 2022

Tag der Akzente, Tag der Performances.

Ich ließ mir morgens mehr Zeit, und auch an diesem zweiten, schon früh heißen Lesetag war der Publikumsbereich im ORF-Studio nur locker besetzt.

Zwei meiner Fragen vom Donnerstag wurden durch die Lesungen des Vormittags beantwortet:
1. Wie lange wird es wohl dauern, bis Eingewanderte erster Generation in Klagenfurt mit anderen Themen als ihrem Eingewandertsein auftauchen?
Bis gestern, als Ana Marwan mit ihrem extremen slowenischen Akzent meinen bislangen Favoritentext vorlas: “Wechselkröte”.
2. Wird das seit zweieinhalb Jahren real dominierende Thema Corona in irgendeinem Text auftauchen?
Ja, nämlich in genau diesem Text, durch die Erwähnung einer FFP2-Maske und Nachdenken über die Frage, ob man noch ein Gesicht hat, wenn es keiner sieht.

Schon Marwans Vorstellungsfilm hatte den Ton gesetzt mit seinem wirklich witzigen Sarkasmus, jetzt hörten wir die Gedanken einer jungen Frau in einem abgelegenen Haus. Ich mochte die Beobachtungen, Reflexionen, das Changieren von Erlebtem und Ausgedachtem – auch die Sprache unter anderem wegen ihrer Austriazismen wir “Gelsen” und “Müllsackerl”. (Liebevolle Erinnerung an meinen Vater, der Bayrisch mit spanischem Akzent spricht. Wäre eine schöner Forschungsgegenstand: Der Einfluss des Lokalen auf Einwanderer- und Exilliteratur.)

Delius hatte ein feinsinniges Portrait einer Außenseiterin gelesen, sah das klassisch feministische Motiv einer Frau, die sich zurückzieht, um sich selbst denken hören zu können. Sie fand den zweiten Teil mit dem imaginierten Leben eines potenziellen Kinds allerdings weniger gut gearbeitet. Um diese verschiedenen Teile des Texts (manche sahen zwei, andere drei) und ihr Verhältnis zueinander drehte sich dann der Hauptteil der Jury-Diskussion: Für Kastberger erzeugten diese Teile Spannungen, Tingler sah sie disparat und unverbunden sowie mit Niveaugefälle, Wilke aber diagnostizierte eine “Sogwirkung”.

Als nächstes bekamen wir eine Art Text, der möglicherweise in Klagenfurt immer dabeisein muss: Einen Männertext, und zwar vom Berliner Behzad Karim Khani, “Vae victis”.

Gleich Insa Wilkes Eingangskommentar entsprach meiner Wahrnehmung: Die Geschichte aus der Perspektive eines Mannes, der seine Haft antritt, und seiner ersten Monate im Gefängnis, also eine “Knastgeschichte”, war ein Genrestück. Zwar assoziierte ich nicht wie sie TV-Serien (die kenne ich alle nicht), auch fand ich sie nicht wirklich “gut erzählt”. Aber sie verlief erwartbar, sobald man das Thema erkannte. Viele Jury-Mitglieder kritisierten, was auch mir sofort als Technikfehler aufgefallen war: Den Perspektivenwechsel (Gefängnischef, kleiner Bruder), der nicht zur sonst konsequenten Innensicht des Protagonisten passte.

Später glich ich mit der Mitbewohnerin unser Wissen über Gefängnisleben ab: Bei mir basierend auf der Besuch des Gefängnisses in Landsberg als Teil der Schöffenschulung samt Gesprächen mit dem dortigen Personal, bei ihr basierend auf Kursen, die sie eine Zeit lang für Inhaftierte gegeben hatte. Wir waren uns einig: Das tatsächliche Gefängnisleben mit seinem sozialen Geflecht hätte viel interessantere Episoden und Details geliefert als die Klischees in Khanis Text.

Die Jury hatte viel über die Glaubwürdigkeit des Texts gesprochen und hatte dabei unterschiedliche Ansichten – ich sah sie nicht.

Nochmal ein starker Akzent, der wie bei Marwan auf mich einen intensiven V-Effekt hatte: Usama Al Shahmani und sein “Porträt des Verschwindens”. Eine Kinderperspektive im Irak von 1979, dagegengeschnitten dieses Kind als Erwachsener im Exil – durchaus anregend anzuhören (mit schönen Helvitismen wie “Stube” für Wohnzimmer), aber halt nichts Neues.

Die Jury (Kastberger und Schwens-Harrant) lobte zunächst die Behandlung der Themen Heimat und Exil, auch die Kinderperspektive, doch Tingler ließ das platzen mit dem Hinweis, der Text habe “alles, was man erwarten würde”, er sei schlicht konventionell. Dem pflichteten Delius und Kaiser bei. Die Diskussion endete in Zank darüber, ob es für verschiedene Erzählkulturen verschiedene literarische Wertungssysteme geben könne – der genau in dem Moment ausbrach, als Moderator Christian Ankowitsch zum Abmoderieren ansetzte; er tat es dann halt über den Zank hinweg, ein zauberhafter Moment.

In der Mittagspause hatte ich wieder keinen Appetit, holte mir nur einen schlechten Cappuccino (bekam aber einen guten Tipp für Samstag). Im Studio war es angenehm kühl im Gegensatz zum heißen Garten, nicht nur deshalb setzte ich mich für den Nachmittag wieder hinein.

Barbara Zeman las “Sand”, der fast komplett an mir vorbei ging – das mag aber durchaus an meiner (irrationalen) Aversion gegen solche zarten Empfindlichkeitspflänzchen liegen, wie es hier im Mittelpunkt der Venedig-Geschichte (also auch Genre) steht und deren Empfindsamkeit ich als tyrannisch empfinde (ich muss an Friedrich Torbergs Begriff “Filigrantrampel” denken).

Denn im Gegensatz zu mir war die Jury ausgesprochen angetan, sah Zeichen und Symbole (Kaiser), einen Reichtum an literarischen Referenzen, dramaturgische Spannung (Kastberger), eine ganze feministische Geschichte (Wilke – die gestern nicht nur in diesem Text Feminismus aus allem und jedem konstruierte), dahinter etwas Dämonisches (Schwens-Harrant), “über- und unterspült” (Wiederstein). Nur Tingler äußerte sich erleichtert, dass diese Art von Geschichten mit ihrem “assoziativen Befindlichkeitsstil” aus der Mode gekommen sei.

Mara Genschel las ihr “Das Fenster zum Hof” mit aufgeklebtem Schnurrbart und mit einem amerikanischen Akzent, wie ihn Harald Juhnke nicht besser hinbekommen hätte, einen Text über die Erstellung eines Textes und über die anderen Bachmannpreis-Kandidat*innen. Und genau das ist für mich Klagenfurt: Ich krümmte mich zwar fast durchgehend vor Peinlichkeit, begrüßte aber sehr, dass es auch sowas im Rennen auf den Bachmannpreis gibt. Das Publikum im Garten vor der Lesebühne war begeistert und lachte sich schepps.

Die Jury tat in der Diskussion, was sie muss: Sie spielte das Spiel der Performance als Jury weiter und stritt, ob das nun gut oder schlecht war, hielt fest, dass es solche Versuche der Thematisierung des Bachmannpreisgeschehens in Texten immer wieder gebe. Erstes Mal: Die Autorin schaltete sich in die Diskussion ein. Sie betonte, dass nicht sie eine Performance behauptet habe, “ich habe mich nur schick gemacht”.

Gestern verschob ich die Zusammenfassung des Gesehenen fürs Blog, ich wollte an den See zum Baden. Auf dem Weg zur Ferienwohnung aß ich die mitgenommene Brotzeit in Form eines Apfels und eines Kantens Brot, zog mich in der Wohnung aus, sonnencremte mich, zog Badesachen an. Und schritt zum ersten Mal zum Ausleihen eines Nextbikes für die Fahrt zum Strandbad! Aber: Alles ging glatt (mit App QR-Code einscannen, aus der App vierstelligen Code am Rad eingeben, losfahren), keine Geschichte zu erzählen.

Im Bad Maria Loretto traf ich auf vertraute Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen, kühlte mich im See, plauderte, schwamm, saß in der Sonne – und merkte, dass mein letzter Schwimmwasserkontakt außerhalb von künstlichen Becken viele Jahre her war. Gegen sieben radelte ich zurück, begegnete einem weiteren lieben Internetmenschen beim Entgegenradeln, stieg zu einer Umarmung und einem Austausch von Neuigkeiten ab.

Zurück in der Ferienwohnung war ich sehr hungrig. Es gab selbstgebackenes Brot mit dick Butter, rote Paprika und Käsewürfel, Joghurt mit Zucker, weiße Mozartkugeln. Jetzt machte ich mich an die Zusammenfassung des Lesetags fürs Blog.

Niederschmetternde Nachricht des Tages: Der Supreme Court der USA hat das Recht auf Abtreibung gekippt (in einem Land, das nicht mal Mutterschutz hat).

Journal Donnerstag, 23. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 1, Bürgermeisterempfang auf Maria Loretto

Freitag, 24. Juni 2022

Guter und ausreichender Schlaf in der Klagenfurter Ferienwohnung. Nach Duschen, Anziehen und nötigsten Reha-Übungen setzte ich mich mit Milchkaffee auf den Balkon (die Mitbewohnerin war so aufmerksam gewesen, eine Ferienwohnung mit dieser Möglichkeit auszuwählen) und machte den Blogpost fertig, las noch ein wenig Twitter nach. Auf der Tonspur ein Gemisch aus Spatzen-Tschilpen und Mauersegler-Schrillen.

Die Ferienwohnung rumpelt und klappert. Was auch immer man anfasst, vor allem Türen und Möbel, macht Lärm. Erst dadurch wurde mir bewusst, wie sorgfältig wohl alles in meiner eigenen Wohnung mit Dichtungen und Stoppern etc. gedämpft ist.

Zum ORF-Theater brach ich früh durch den milden Morgen auf, um mir durch eine vordere Position in der Schlange vorm Fernsehstudio möglichst einen Platz darin zu sichern. Doch alles war anders: Vor dem Eingang zum ORF-Theater wartete gar keine Schlange, und als wir paar Leute eingelassen wurden, musste ich mir zum ersten Mal unter vielen freien Stühlen einen aussuchen.

Beim Start der Lesungen war immer noch ein Viertel leer, ich nutzte die Sitzfläche neben mir zur Ablagen von Zeugs.

Die erste Geschichte von Hannes Stein, “Die königliche Republik”, war für mich eine New Yorker Matt-Ruff-Fanfiction, vielleicht ein wenig Michael Chabon drin – insgesamt aber ein müder Abklatsch.

Die Jury, aus der ich live bislang nur Klaus Kastberger kannte, urteilte wohlwollender, sah “Schrägheit” (Mara Delius), außereuropäische Nuancen (Kastberger), die Flucht eines einsamen in Ausgedachtes (Vea Kaiser), bemängelte aber dramaturgische Ungenauigkeit (Insa Wilke), störende Informationsvermittlung (Brigitte Schwens-Harrant), die alt-onklig bräsige Erzählstimme mit angestaubten Wörtern (Philipp Tingler – auch mich hatte der Ausdruck “Anno Schnee” in KuhlemkampKulenkampff-Zeiten versetzt, auf unangenehme Weise).

Es folgte mein Tages-Favorit: “Der Körper meiner Großmutter” von Eva Sichelschmidt. Ein präziser, durchkomponiert rhythmischer Text aus der Sicht einer Enkelin über das Sterben ihrer über 100-jährigen Großmutter und gleichzeitig über ein einfaches Frauenleben.

Die Diskussion der Jury drehte sich viel um die Strukturiertheit des Textes, das Michael Wiederstein allerdings als “hohles Konstrukt” sah. Auch die Rolle des Körpers als rotem Faden des Texts wurde viel Raum gegeben. Längere Uneinigkeit über die Funktion der Plattitüden übers Sterben, die immer wieder auftauchen.

Leon Engler las “Liste der Dinge, die nicht so sind, wie sie sein sollten”, den Gedankenstrom eines jungen Schauspielers, der nur aus Unsicherheit besteht und sich an der Enttäuschung über sich selbst entlang hangelt (ich konnte Vieles nachvollziehen). Wilke sah einen “furchtbar simplen Text”, der gleichzeitig aber eine ganze Sprachlandschaft an Anspielungen transportiere, die folgende Diskussion war uneins, was überwog – und ob die Selbstironie des Texts manche Themen verschone.

In der Mittagspause hatte ich keinen Appetit auf das mitgebrachte Brot, also gab’s nur einen Cappuccino (den ich nicht wiederholen werde, uiuiui).

Zu den Nachmittagslesungen waren die Publikumsstühle im Studio dann nur noch zur Hälfte besetzt. Ich ließ mich auf der anderen Seite der Jury nieder.

Es startete Alexandru Bulucz mit “Einige Landesgrenzen weiter östlich, von hier aus gesehen”, praktisch ohne jede Handlung, aber dicht und poetisch mit Erinnerungen. Nebengedanke: Wie lange wird es wohl dauern, bis Eingewanderte erster Generation in Klagenfurt mit anderen Themen als ihrem Eingewandertsein auftauchen? Und bei denen nicht als erstes über die “Sprachgenauigkeit” gesprochen wird, vor allem für jemanden, dessen Muttersprache nicht Deutsch sei?

Kastberger erwähnte, dass für die Rezeption des Textes ein “Sinn für Lyrik” förderlich sei, Wiederstein arbeitete als roten Faden die “Kreismetapher” heraus, Tingler mäkelte, dass sich ihm nicht erschlossen habe, warum in dieser Innerlichkeit immer noch eine Ebene hinzugekommen sei, Schwens-Harrant mochte die ständigen Schwingungen des Nachdenkens.

Den Abschluss bildete “Der Silberriese” von Andreas Moster, die Geschichte eines alleinerziehenden Baby-Vaters und Leistungssportlers. In der Diskussion fragte sich die Jury von Anfang an, wie dieselbe Geschichte aus Muttersicht rezipiert worden wäre, und war sich (mit Ausnahme der Einreicherin Vea Kaiser: “Große politische Bedeutung!”) einig: Dann wäre sie konventionell, platt und an vielen Stellen kitschig (Wilke: “Holzschnittartig.”). Uneinigkeit herrschte aber über die Glaubwürdigkeit der Leistungssportlerfigur (Kastberger: “Ich glaub dem Text kein Wort.”).

Fragen, die der erste Lesetag unter anderem offen ließ: Warum waren so wenige Menschen ins (schön kühle) TV-Studio gekommen, wo doch die Magic happens? Waren mehr der Ansicht, dass die Magic draußen bei den Lesenden happens? Sind tatsächlich einfach so viel weniger Bachmannpreisinteressierte angereist? Und: Wird das seit zweieinhalb Jahren real dominierende Thema Corona in irgendeinem Text auftauchen?

Ich spazierte durch trübe, schwüle Sonne rüber zum Lendhafen, wo die Internet-Leute meiner Bekanntschaft Lesungen und Jury-Diskussion verfolgt hatten, traf auf einen besonders lieben Internet-Menschen, den ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Nun brauchte ich aber wirklich etwas zu essen. Ich holte mir in der Innenstadt ein großes Eis.

Und schob die Brotzeit-Scheibe Brot hinterher.

Ausruhen in der Ferienwohnung, Aufarbeitung des Gesehenen mit der Mitbewohnerin (die am Lendhafen gesessen hatte), Zusammenfassung hier im Blog. In meinem Internet überwog Enttäuschung über den ersten Tag der Lesungen – wie immer, an dieser Stelle war alles in Ordnung. Vor dem Fertigmachen für die abendliche Einladung (ich trug reichlich Mückenspray statt Parfum auf) war sogar noch Zeit für eine Einheit Yoga.

Klagenfurts Bürgermeister Christian Scheider hatte ins Schloss Maria Loretto zum Empfang eingeladen. Ich nutzte den Shuttle-Service vom Neuen Platz und ließ mich im Sonderbus rausfahren.

Die traumhafte Kulisse kannte ich ja schon, und es waren wohl wirklich weniger Menschen angereist. Bürgermeister Scheider reagierte in seiner Begrüßung ausführlich auf die Rede zur Literatur von Anna Baar vom Eröffnungsabend und zählte auf, welche Initiativen Klagenfurt in den vergangenen Jahrzehnten zur Verarbeitung von grausamer Vergangenheit ergriffen habe inklusive dem Umgang mit Straßenbenennungen nach Nazi-Größen.

Reichliches warmes Buffet, ich aß große Mengen Braten, Serviettenknödel, Beilagengemüse, dann einen ausführlichen Teller vom Dessertbuffet (Kaiserschmarrn, Apfelkuchen, Eaton Mess mit roten Johannisbeeren – letzteres schmeckte so gut, dass ich es nachbauen möchte). Dazu Hugo, Weißweinschorle, Plaudern mit lang nicht getroffenen Internetmenschen.

Als sich der Garten leerte, ging ich gegen elf wie geplant zu Fuß zurück: Auf dieses Stündchen entlang dem nächtlichen Lendkanal hatte ich mich nach dem Bewegungsmangel des Tages sehr gefreut. Es war dann auch sehr schön; am Hotel Seepark blieb ich mit einer eben per Rad überholenden Internetfreundin stehen und lauschte eine Weile einem überraschend vielstimmigen Froschkonzert.

Journal Donnerstag, Fronleichnam, 16. Juni 2022 – Mühlenwanderung mit Familie im Schuttertal

Freitag, 17. Juni 2022

Doofe Nacht, diese hatte nach Langem sogar wieder ein Loch, in dem ich halt Roman las.

Wegen Plänen hatte ich mir den Wecker gestellt. Zum ersten Mal war es warm genug für Balkonkaffee.

Die Pläne: Eine Mühlenwanderung im Schuttertal mit Familie, zwischen Wolkertshofen und Nassenfels. Nach Hitzesicherung der Wohnung (Rollläden runter, Fenster zu bis auf die in den kühlen Lichthof) nahm ich mit Herrn Kaltmamsell eine Regionalbahn nach Ingolstadt (so früh war sie schön leer und ohne Personen im Gleis auch pünktlich), meine Eltern holten uns ab. Auf dem Weg nach Wolkertshofen kam ich erstmals durch das riesige neue Einkaufsviertel im Westen der Stadt, wohin Ingolstadt mittlerweile all die Geschäfte und Gastronomie ausgelagert hat, zu denen die Bürger*innen vor 20 Jahren noch in die Innenstadt fuhren. Die Folge (wie im Vorbild USA und Einkaufs-Mall): Ausgestorbene Innenstadt mit viel Leerstand, allgemeine Freude über die Möglichkeit, endlich direkt vor allen Einkaufs- und Essgelegenheiten parken zu können.

Start und Endpunkt der Wanderung war das Gasthaus Stark, daran gleich der erste historische Hinweis.

Das Anfangs sommerlich sonnige Wetter wurde sehr wacklig, immer wieder spürten wir Tropfen, einmal mussten wir uns vor einem energischen Regenschauer unterstellen. Die zweistündige Runde selbst war ganz zauberhaft, neben schönen Mühlen sahen wir weite Ausblicke auf Felder (Kartoffeln, Saubohnen, Zuckerrüben, Gerste) und viele spannende Vögel: Bussard, Falken, Schwalben, Lerchen, Störche, Mauersegler.

Schutter bei der Kunstmühle Husterer.

Alte Grenzmarkierung der früheren Regierungsbezirksgrenze Oberbayern/Schwaben/Mittelfranken.

Unterhaidmühle, Egweil (Aussprache “Öhwe”).

Neben Wegkreuzen und Marterl trafen wir auch einen säkularen Ort für Halt und Besinnung an – Volksbesinnlichkeit? (Andererseits haben ja viele Orte mit Fremdenverkehr mittlerweile offizielle “Philosophen”- oder “Achtsamkeits-“Wege angelegt, wohl als unreligiöse Alternativen zu Kreuzwegen und katholischen Andachtsorten.)

Wasserschloss Nassenfels mit Storchennest und Storch, kurz nachdem uns ein Regenschauer unter ein Vordach der stilistisch sehr international diversen Einfamilienhaus-Neubausiedlung von Nassenfels getrieben hatte.

Wolkertshofen.

Einkehren im Gasthof Stark.

Ganz hervorragendes Essen, der Gasthof nennt nicht nur alle (Bio-)lieferanten sowie den Jäger dieser Rehkeule, sondern macht eindeutig wirklich alles selbst: Der Wirsing knackig und mit leichter Sahesoße, die Birne bewies allein schon durch ihre intensive Nelken-Note, dass sie nicht aus der Dose kam. Dazu gab es zwei alkoholfreie dunkle Weizen vom Lammsbräu.

Auf dem Rückweg machten wir einen Abstecher in den Brudergarten: Am Kirschbaum, den ich im März hatte blühen sehen, waren Kirschen reif. Jetzt schien die Sonne ziemlich heftig, aber Kirschbrocksonnenbrand Ehrensonnenbrand.

Auf der Rückfahrt Fabio Geda, Verena von Koskull (Übers.), Ein Sonntag mit Elena ausgelesen. Mir gefiel das Undramatische der einfachen Geschichte: Ein Witwer hat für die Familie seiner erwachsenen Tochter gekocht, doch diese muss kurzfristig absagen. Er ist enttäuscht und geht raus auf einen Spaziergang, lernt am Skaterpark eine Frau mit Teenagersohn kennen, lädt die beiden zum ausgefallenen Familienessen ein. Für einen Nachmittag lassen diese Fremden sich aufeinander ein.

Besonders wird diese einfache Geschichte, weil sie ist technisch liebevoll erzählt wird, nämlich mit der Stimme der zweiten erwachsenen Tochter aus einigen Jahren Abstand. Sie erzählt ihre Sicht auf ihren Vater mit, auf die ganze Familie, auf ihr eigenes Heranwachsen, ihr jetziges Leben. Ich mochte es, für einige Stunden von Übersetzerin Verena von Koskull nach Norditalien mitgenommen zu werden.

Daheim war die Wohnung angenehm kühl, ich nahm mir Zeit für ausführliche Pediküre. Und richtete meine Nägel mit dem Lack nach Langem mal wieder wie ein Kindergartenkind zu.

Mich ereilte ein ungewohnter Fressflash, der mich Flachpfirsiche (gut!) und Salzmandeln verschlingen ließ.

Eine Runde Yoga, bevor Herr Kaltmamsell das Nachtmahl servierte: Pak Choi aus Ernteanteil asiatisch aus der Pfanne mit restlichen Kartoffeln vom Vorabend, reichlich Schokolade.

Journal Sonntag, 12. Juni 2022 – #12von12 mit Familientreffen

Montag, 13. Juni 2022

Ein 12. des Monats, arbeitsfreier Sonntag, Zeit für ein #12von12 mit zwölf Fotos, die den Tag dokumentieren.

Während ich noch den Vortag wegbloggte, schlug ich meinen eigenen Rekord in der Corona-Warn-App: Es lief eine sechste Risikobegegnung ein.

1 – Selbsttest zu Glück weiter negativ, Bahn frei für ein lange befreutes Familientreffen – schließlich war Familienostern wegen Corona-Erkrankungen ausgefallen.

Ich hatte mir einen Wecker gestellt, um vor Abfahrt zur Familienfeier noch eine Runde Laufen gehen zu können. Dazu nahm ich das Fahrrad zur Isar und lief wirklich nur ein knappes Stündchen.

2 – Blick von der Wittelsbacherbrücke Richtung Süden. Isar gut gefüllt.

3 – Braunauer Eisenbahnbrücke.

Wunderbare Düfte, die Linden haben ihre Blüte gestartet. Die Temperatur war ideal, ich lief leicht und mit Genuss.

Komplikationen bei der Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof: Der Bahnsteig für den Regionalzug nach Nürnberg war bereits sehr voll Menschen, als eine Durchsage ertönte, dass wegen Personen im Gleis der gesamte Zugverkehr zwischen Hauptbahnhof und Hackerbrücke (der nächste S-Bahnhof nach dem Hauptbahnhof) gestoppt worden war. Herr Kaltmamsell an meiner Seite, erfahrener und geprüfter S-Bahn-Fahrer, raunte mir zu, dass sowas normalerweise eine Verzögerung von lediglich 10 bis 12 Minuten bedeute. Und da hatte er recht, dennoch brachte dieser Stopp natürlich alle Abläufe durcheinander. (Wieder mal hätte mich sehr die Umplanung dahinter interessiert, inklusive technischer Hilfsmittel.) Als er aufgehoben werden konnte, lotste uns eine weitere Durchsage zu einem weit enfernten Gleis, Völkerwanderung mit Kinderwagen, Koffern und Kegel. Da wir gut zu Fuß sind, gingen wir bis ganz vor zum ersten Wagen, ließen die Plätze in den hinteren Wagen den langsameren Reisenden.

4 – Ruhige Fahrt, der Zug musste unterwegs nur einmal für eine Zugüberholung durch Fernverkehr warten. Unterm Strich kamen wir in Ingolstadt mit nicht mal einer halben Stunde Verzögerung an.

Im elterlichen Garten herzerfrischendes Wiedersehen mit vielen vermissten Familienteilen. Einige Stunden erzählen (Berlin, re:publica), lachen, zuhören (Gardasee-Urlaub, Aktivismus, Abitur), mehr lachen, rumblödeln, diskutieren (Schlaf, Ally-tum), planen – und viel köstliches Essen. Die Sonne brannte heiß.

5 – Der Grillmeister.

6 – Bester Gazpacho aus Mutters Küche. Im Becher davor war eine “leichte Sangria” zur Begrüßung gewesen, also limonada.

7 – Der Garten meiner Eltern barst schier vor Blüten.

8 – Herrlichkeiten vom Grill: Schweinebauch, Aubergine, Zucchini, dazu Spargel – davor hatte es gegrillte Garnelen gegeben, danach wurden Lammkottelets, Kartoffelsalat, Tomatenhälften, Röstbrot, Hähnchenflügel serviert.

9 – Meine Mutter wies mehrfach betont dezent darauf hin, wie fotogen ihre Erdbeertorte sei. Hier vor Bruderbauch. (Ich war zu voll und musste bei Torte passen, nahm statt dessen Espresso und hundertjährigen spanischen Brandy.)

Irgendwann dann doch Aufbruch.

10 – Regionalbahnhofsästhetik. Ereignislose Rückfahrt.

Am Hauptbahnhof hatte ich wieder Automatenfotos für meine Serie aufnehmen wollen – doch beide Automaten waren ausgeschaltet. Zu Hause ein wenig Aufräumen.

11 – Ausgewogenes Abendessen. (Die Brausetrüffel von Sawade – unten – sind sehr super.)

12 – Bettblick mit fast vollem Mond. Neue Lektüre begonnen: Fabio Geda, Verena von Koskull (Übers.), Ein Sonntag mit Elena, mich davon nach Norditalien mitnehmen lassen.

§

Die frühere US-amerikanische Botschafterin in Dänemark, Carla Sands, twittert Blödsinn – und fängt sich sehr lustige Drukos ein.


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