Bücher

Journal Freitag, 27. Juli 2018 – Ausflug in die Sommerfrische und französische Weinerlichkeitsliteratur

Samstag, 28. Juli 2018

Wieder zu früh aufgewacht, aber nicht so schrecklich früh, und in einen wundervollen Hochsommermorgen.

Zum dritten Mal hatte sich meine Leserunde in der Sommerfrische verabredet, also im Feriendomizil zweier Mitlesender am Chiemsee (in der Lokalzeitung stünde jetzt „fast schon zur Tradition geworden“ – ab dem vierten Mal lautet die Pflichtformulierung „zur traditionellen Sommerfrische“). Dazu trafen sich die anderen Mitlesenden kurz nach Mittag (jahaha, ich kann auch mal richtig früh Feierabend machen!) am Münchner Hauptbahnhof und stiegen mit einem gemeinsamen Bayernticket in einen Zug nach Salzburg. Es stellte sich heraus, dass viele hundert Menschen dasselbe Ziel hatten, der Zug war knallvoll. Ab Rosenheim teilten wir den Stehplatz in den Gängen mit einer bayerisch-schwäbischen Theatergruppe auf Sommerausflug – Wattenscheider Kegelclub Dreck dagegen. Als wir in Prien ausstiegen, brummte mir der Kopf vor lautstark geäußerten alkoholisierten Dummheiten aller Schattierungen in hinteraugsburger Dialekt.

Doch auf uns warteten Kaffeundkuchen mit sensationeller Aussicht auf Alpenpanorama inklusive Kampenwand – alles war gut.

Dann musste es nochmal nicht so gut werden: Wir sprachen über die Lektüre, Pierre Michon, Anne Weber (Übers.), Leben der kleinen Toten. Ich hatte den in vielen Tönen berühmten Band (unter anderem von Iris Radisch als „eines der großartigsten Bücher überhaupt“) auf dem Weg nach Klagenfurt gelesen, unter immer lauterem Schnauben: Da interessierte sich jemand keineswegs für das Leben kleiner Leute, sondern nur für sich selbst, seine romantische Herkunft, seine tsetsetse wilde und verkommene Drogenjugend – und brauchte ein paar Leute als interessante Staffage dafür, notfalls halb erfunden. Die Sprache vor lauter konstruierter Vergleiche und unter Schmerzenslauten an den Haaren herbeigezogenen Bildern nahezu undurchdringlich – kein Torbogen, kein Baum ist vor Michons Metapherorhoe sicher. (Beispielsatz: „Welches alte Familiendrama lebt weiter in der Kehle der Hähne?“) Wenn das die Krone französischsprachiger Erzählkunst ist, kann sie mir gestohlen bleiben.

Zunächst aber wartete ich ab, was die Mitlesenden der Runde über die Lektüre zu sagen hatten – immer wieder kommen in unseren Gesprächen komplett konträre Rezeptionen auf, die mich sehr bereichern. In diesem Fall waren wir uns aber einig: Aufgeplusterter, überinstrumentierter (den Begriff aus Klagenfurter Jury-Diskussionen bot ich an), weinerlicher und selbstverliebter Schmarrn. So schnell kommt uns kein französisches Buch mehr auf den Tisch.

Zurück zum guten Leben: Mit dem Bauch voll warmem Käsekuchen fuhr der Großteil mit offenem Verdeck zum wundervollen Langbürgner See (ich hatte morgens noch schnell einen Badeanzug in die Arbeitstasche geworfen) sprang hinein und drehte eine Runde. Ich war schon sehr lange nicht mehr in einem See geschwommen und genoss es sehr.

Mehr Alpenpanorama, diesmal mit Cremant, Käse und Auberginensalat, zentrales Gesprächsthema: Die anstehende Mondfinsternis, Verlauf, Zeiten, Richtung.

Die Rückfahrt nach München verlief deutlich einsamer und ruhiger.

Die Mondfinsternis erlebte wir dann doch nicht mit: Herr Kaltmamsell war ebenso erschlagen wie ich, wir hätten zu einem Aussichtspunkt gehen müssen – und wären ja dann doch vor lauter Erschöpfung nicht aufnahmefähig gewesen.

§

Wenn Sie in Deutschland wohnen und keinen erkennbaren Einwanderungs-Hintergrund haben: Lesen Sie bitte auf Twitter unter #metwo nach, was andere an Ausgrenzung im Alltag erleben. (Und seien Sie sehr, sehr vorsichtig mit der Ansicht, Sie könnten beurteilen, ob diese Erlebnisse ausgrenzen oder nicht.) Wenn Sie zu den anderen gehören: Lesen Sie unter #metwo nach, dass Sie nicht allein sind oder sich „bloß anstellen“.

Warnung: Der Hashtag wird selbstverständlich längst von Rassisten verwendet, um darunter mehr Rassismus zu veröffentlichen. (Noch sind diese Tweets aber in der Minderheit.)

Irgendwo müsste ich noch die Absage der Hans-Seidl-Stiftung auf meine Bewerbung um ein Promotionsstipendium haben. Begründung: Nur deutsche Staatsangehörige kämen für dieses Stipendium in Frage.
(Die ich auch damals schon lange war. Was man mir dort offensichtlich allein angesichts meines Namens absprach.)

Journal Dienstag, 3. Juli 2018 – Sich gehen lassen

Mittwoch, 4. Juli 2018

Plan für den zweiten Urlaubstag war ein Schwumm im Einzelbad1 mit anschließendem Herumlungern. Damit mich die wettervorhergesagte Sonne dabei nicht verbrannte, musste ich früh aufstehen: Herr Kaltmamsell konnte mir nur bis 6:15 Uhr den Rücken eincremen, dann musste er in die Arbeit.

Soweit schaffte ich auch meine Pläne, doch überm Morgenkaffee ging’s mir immer schlechter: Menstruationskrämpfe, bleierne Müdigkeit, allgemeine Unpässlichkeit. (Zumindest hatten die prämenstruellen Brustschmerzen aufgehört, die zwei Wochen lang jede Schwelle beim Radeln zur Folter hatten werden lassen.) Sonne schien auch keine, ich fror im Bademantel. Alles nicht schlimm, an einem normalen Werktag hätte ich das wegingnoriert und wie geplant weitergemacht. Doch wozu hatte ich frei? Ich ließ mich einfach mal in die Unpässlichkeit fallen und ging um zehn für zwei Stunden zurück ins Bett.

Danach ging’s mir tatsächlich besser: Frühstück, Duschen, Spaziergang durch die Fußgängerzone (dann doch keinen mittelgroßen Koffer gekauft, nach Klagenfurt muss wieder der Familienkoloss mit – außer bei Lebensmitteleinkäufen bin ich super darin zu beschließen, dass ich etwas doch nicht brauche), Balkonlesen, Maniküre, Bügeln.

Auf dem Balkon hatte ich Oskar Maria Grafs Das Leben meiner Mutter ausgelesen. Im letzten Drittel des Buchs hatte ich wieder den Eindruck, die passende Lektüre zur politischen Situation in der Hand zu halten: Schilderungen der ersten Republik- und Demokratieversuche auf bayerischem und deutschem Boden sowie ihr Scheitern, weil sich nicht an Abmachungen und an die Verfassung gehalten wurde, weil mit den Nazis die ultimativen Bullys gewannen. Beim Erstarken der Republikaner in den 80ern, bei den Anfängen der AfD war ich noch zuversichtlich, dass unsere heutige Verfassung, unsere heutige Demokratie das abkann, dass sie stark genug ist. Die Unvorstellbarkeiten um Brexit und Trump haben dieses Urvertrauen angenagt, die Selbstverständlichkeit rechtsradikaler Aggression in Ostdeutschland, die Machenschaften der AfD im deutschen Bundestag, der irrlichternde Seehofer und ein trumpischer Söder erschüttern es tief. (Wenn die Aigner Ilse dachte, den Söder behalte sie aus der zweiten Reihe schon im Griff, hat sie sich ziemlich geschnitten: Sie kommt einfach nicht mehr vor.)

Herr Kaltmamsell kam abends so rechtzeitig heim, dass wir vor dem 20-Uhr-Fußballspiel in den Schnitzelgarten gehen konnten. Na ja fast, hinter uns wurde dann doch schon auf der Großleinwand gespielt (auch neben uns am Tisch, allerdings spielten die vier jungen Männer Karten – und lästerten über Fußball).

Ein wenig Hin und Her wegen der Ferienwohnung in Klagenfurt. Ich komme kurz nach eins am Bahnhof an, Wohnungsübergabe war laut Annonce um 14 Uhr – perfekt. Das verschob sich schon am Sonntag auf 16 Uhr (deshalb die Frage nach Zeitvertreib), nun sollte es 18 Uhr werden. Viereinhalb Stunden mit Gepäck totschlagen ist dann doch etwas strapaziös, ich fasste mir ein Herz (making a fuss!) und handelte auf 16 Uhr runter.

Koffer fertig gepackt, dabei die eher regnerische Wettervorersage weitgehend ignoriert.

§

Bayerische Landwirtschaft in den 60ern – hilft einige heutige Probleme zu verstehen:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/htK12MlFDiM

via Bauerwilli

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Auf den Spuren meiner Abwehr gegen meine Geburtsstadt (Selbstironie wächst einer Stadt vielleicht erst, wenn’s ihr mal richtig schlecht geht):

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https://youtu.be/EM8l5lM31S0

via Papa per Whatsapp

  1. Naturbad Maria Einsiedel []

Journal Freitag, 1. Juni 2018 – Vier Stunden Lunch Date in Dublin und eine kleine Lektion in Demokratie

Samstag, 2. Juni 2018

Am Vorabend spät im Bett gewesen (nachts einmal von brutalen Hüftschmerzen aufgewacht und die – erst dritte – Ibu des Urlaubs genommen), lange geschlafen.

Morgens für den Rückflug eingecheckt, von Null weg gebloggt (sonst schreibe ich fast immer bereits am Vorabend und baue morgens nur noch Fotos ein oder lese nochmal drüber), Tee getrunken, die Verabredung zum Mittagessen konkretisiert.

Die Verabredung zeigt uns ein wunderschönes neues Institut am College und führte uns dann zum Mittagessen in einen kleinen Chinesen auf der anderen Seite des Flusses. Wir teilten ausgezeichnete gebratene Bohnen, einen köstlich saftigen ganzen gebratenen Wolfsbarsch und in Ei frittierten Mais (sah aus wie Stückchen Käse-Erdnussflips, schmeckte erstaunlich gut). Und sprachen und sprachen, vor allem über Irland damals und heute. Dann führte uns die Verabredung in einen vorher mehrmals empfohlenen unabhängigen und auf irische Verlage spezialisierten Buchladen: Books upstairs. Hier kamen wir lange nicht heraus, Herr Kaltmamsell besitzt jetzt ein Buch über irische Geschichte 1913-1923 und zwei Anthologien mit irischen Gedichten, ich nahm die aktuelle Ausgabe des irischen Literaturmagazins The Stinging Fly mit.

Dann verhalf uns die Verabredung zu einem weiteren Geheimtipp: Zu diesem unabhängigen und gar nicht so kleinen Buchladen gehört ein Café im 1. Stock, in dem man keine Romanhandlung spielen lassen dürfte, weil jeder vor Klischeeüberdruss das Lesen einstellen würde. Wir tranken Tee, aßen Süßes und sprachen noch mehr über Irland, aber auch über Indien.

Nach vier Stunden hatte auch diese Mittagspause ein Ende (hey, in Spanien ist die mit Siesta und so immer so lange!).

Außerdem: Na gut, das waren gestern ein paar Regentropfen, gegen die allerdings nur die verweichlichtesten Touristen einen Schirm brauchten.

In der Ferienwohnung lasen und packten wir, bevor wir noch auf ein letztes Pint und einen Happen in ein Pub ums Eck gingen. (Und auch bei dieser Gelegenheit habe ich nicht herausgefunden, warum hier in allen Pubs, allen Läden, auf jeder beschallten Fläche 1980er-Pop dudelt!)

§

Derzeit befasse ich mich ziemlich mit Irland, Reisen macht halt dann doch was mit einer. Zum Beispiel ging und geht mich das Referendum um den Abtreibungsparagrafen ganz anders an, weil ich im Land bin. Und führt zu Nachdenken über Voraussetzungen für eine wirklich brauchbare Abstimmung. Dazu schreibt Fintan O’Toole im Guardian:
„If only Brexit had been run like Ireland’s referendum“.

A brave experiment in trusting the people helped defeat tribalism and fake ‘facts’

(…)

Political circumstances are never quite the same twice, but some of what happened and did not happen in Ireland surely contains more general lessons.

(…)

Irish voters were subjected to the same polarising tactics that have worked so well elsewhere: shamelessly fake “facts” (the claim, for example, that abortion was to be legalised up to six months into pregnancy); the contemptuous dismissal of expertise (the leading obstetrician Peter Boylan was told in a TV debate to “go back to school”); deliberately shocking visual imagery (posters of aborted foetuses outside maternity hospitals); and a discourse of liberal elites versus the real people. But Irish democracy had an immune system that proved highly effective in resisting this virus. Its success suggests a democratic playbook with at least four good rules.

Was also war es, was allein schon mal eine Referendumsformulierung hervorbrachte, die bei einer Abstimmung tatsächlich Volkes Wille zeigen konnte?

1. Vertraue dem Volk. „Es wurde ein Bürgergremium zusammengestellt, das aus 99 zufällig ausgewählten (aber demografisch repräsentativen) Wählerinnen und Wählern bestand. Seine Aufgabe: Sich damit auseinanderzusetzen, wie man mit dem Abtreibungsverbot in der Verfassung umgehen solle; eine Aufgabe, an der Politik und Justiz 35 Jahre lang gescheitert waren. Diese sogenannten normalen Menschen – Lastwagenfahrer, Hausfrauen, Studenten und Studentinnen, Landwirte – opferten ihre Wochenenden, um 40 Expertinnen und Experten in Medizin, Recht und Ethik zuzuhören, außerdem Frauen, die von Irlands extrem restriktiver Rechtssituation betroffen waren und zudem 17 verschiedenen Lobbygruppen. Sie erarbeiteten Empfehlungen, die in Politik und Medien große Überraschung hervorriefen, weil sie viel weiter gingen als erwartet – und viel weiter, als das politische System ohne dieses Gremium gegangen wäre.
(…)
Es stellte sich heraus: Diese Stichprobe ‚des Volks‘ wusste ziemlich gut, was ‚das Volk‘ dachte.“1

2. Sei ehrlich. Die Abschaffungsseite legte alle Karten auf den Tisch und veröffentlichte auch das geplante neue Gesetz – selbst auf die Gefahr hin, dass die Gegenseite es verzerren und zerlegen würde.

3. Rede mit jedem und jeder, vorurteilsfrei. Auch mit der betagten Kirchgängerin, die sich als eben doch kein hoffnungsloser Fall herausstellte. Es zeigte sich, dass viele konservativ denkende Menschen es satt hatte, als Zerrbilder angesehen zu werden und es honorierten, als komplexe, intelligente und mitfühlende Individuen anerkannt zu werden.

4. Nicht nur ist das Private politisch: Mach das Politische privat. Irische Frauen machten ihre eigenen Geschichten öffentlich.

via Read on my dear

§

Apropos Rückflug:

„Eine Flugreise ist das größte ökologische Verbrechen“.

Die Atmosphäre gehört allen Erdenbürgern zu gleichen Teilen. Ein großer Teil der Menschheit ist noch nie geflogen. Aber die kleine Minderheit, die regelmäßig fliegt, schadet der Umwelt extrem.

(…)

Das gilt auch für all die weltläufigen Ökos, die zwar auf Plastiktüten verzichten und Biogemüse kaufen, zum Wandern aber nach Chile fliegen.

Das ist mir in den vergangenen Jahren immer bewusster geworden, und mittlweile zucke ich, wenn eine Freundin strahlend erzählt, dass sie für eine Party mal kurz für zwei Tage von München nach Barcelona fliegt. Im Moment versuche ich auf eine private Flugreise pro Jahr runterzukommen, beruflich kann ich Fliegen inzwischen komplett vermeiden, weil nicht mehr international tätig.

Doch wenn ich wie gewünscht dieses Jahr im Herbst nach Brighton möchte und nicht fliegen, muss ich wirklich umdenken, nämlich die Anreise als Teil des Urlaubs sehen und auf zwei Tage mit Zwischenstopp ausweiten (die Alternative Reisebus ist mir mit über 24 Stunden Fahrtzeit zu unbequem).

  1. Meine Übersetzung; im Original: „The question of how to deal with the constitutional prohibition on abortion – a question that has bedevilled the political and judicial systems for 35 years – was put to a Citizens’ Assembly, made up of 99 randomly chosen (but demographically representative) voters. These so-called ordinary people – truck drivers, homemakers, students, farmers – gave up their weekends to listen to 40 experts in medicine, law and ethics, to women affected by Ireland’s extremely restrictive laws and to 17 different lobby groups. They came up with recommendations that confounded most political and media insiders, by being much more open than expected – and much more open than the political system would have produced on its own.
    (…)
    And it turned out that a sample of ‚the people‘ actually knew pretty well what ‚the people‘ were thinking.“ []

Journal Dienstag, 22. Mai 2018 – Wicklow Way 3: Lough Dan – Glendalough/Laragh

Mittwoch, 23. Mai 2018

Zur Erholung gab’s gestern eine kurze Wanderstrecke an einem strahlend sonnigen Frühlingstag, zwar auch mit Aufs und Abs, aber gemütlich und gemäßigt. Allerdings fehlte auch diesem Übernachtungsort die Zivilisation: Laragh hat keinen Laden, keinen Dorfkern, es reicht gerade mal zu einem Hotel, einem Restaurant und einem Pub (neben einigen B&Bs) – vor allem für die Touristen, die viele Busladungen voll zur Glendalough Monastic Site kommen.

Nach schmerzensreicher und unruhiger Nacht wachte ich früh auf und bearbeitete die Fotos für den Blogpost. Soundtrack waren die vielen Vögel ums Haus: Ich hörte Amseln, Buchfinken, Rotkehlchen, Distelfinken, Kuckuck, Schwalben, mehrfach sehr nah Fasane. Bei Letzterem war ich mir unsicher, da wir auf unserer Wanderung keine gesehen hatten, ließ sie mir von der Zimmerwirtin bestätigigen: Ja es gebe ein Paar, das direkt beim Haus wohne.

Die Dame servierte uns Frühstück, ich ließ mir Porridge kochen, aß es mit Obst und Joghurt vom kleinen Buffet. Ein letzter Blick auf die zweiseitige laminierte guest information, die eine Seite mit den Gottesdienstzeiten im Umkreis enthielt (katholisch und Church of Irland), ein letzter Plausch mit den anderen B&B-Gästen, Bewunderung für die Schwalben, die unterm Dachfirst gerade ein Nest bauten – dann machten wir uns vom Haus aus auf den Weg.

Das Wetter war umwerfend, der Stechginster duftete und blühte – ich erfüllte die Bitte von Joël und aß ein paar Blüten: Mei, schmeckt pflanzlich, den Duft hatte ich nicht im Mund.

Auch gestern sahen wir wieder Raben fliegen: Sie waren uns als Attraktion des Wicklow Way angekündigt worden und wir hatten schon am Montag auf den Höhen die mächtigen Vögel gehört (deutlich anders als Krähen und Dohlen) und gesehen. Und wir sahen zum ersten Mal Greifvögel, zwei kurz hintereinander auf Thermiken segelnd, jeweils belästigt von Krähen.
Feldlerchen, Mönchsgrasmücken, Distelfinken machten uns durch ihren Gesang auf sich aufmerksam, bis wir sie auch sahen. Immer wieder das charakteristische Flügelgeräusch von auffliegenden Wildtauben.

Wie auch am Montag begegneten wir vereinzelt Wanderern in die Gegenrichtung, hatten auch in unserer Richtung Gesellschaft (aber keineswegs so, dass es ungemütlich wurde).

Die 14 Kilometer der Wanderetappe waren bereits kurz nach eins rum, dabei hatten wir auf einer Anhöhe ausgiebig Pause gemacht. Wir setzten uns ins Pub des Glendalough Hotels und tranken ein Bier, spazierten dann eine halbe Stunde zum Ort Laragh, wo wir immer noch zu früh für unser B&B waren. Also holten wir im Minimarkt der Tankstelle einen Mittagssnack in Form von Softeis, Kuchen, Chips.

Untergebracht sind wir für zwei Nächte (morgen ist Wanderpause) in einer B&B-Lodge, wo ich erst mal Siesta machte.

Abendessen in dem einen Restaurant am Ort: Fancy Fish & Chips für Herrn Kaltmamsell, Lachsforelle mit Gemüse und Chips für mich, danach trotz Überfressensgefahr Cheesecake (ich) und Banoffee Pie zum Dessert.

Morgendlicher Blick aus dem B&B-Fenster.

Gestern war Herr Kaltmamsell mit Rucksacktragen dran.

Versehensfoto: So sehe ich beim Fotografieren aus.

Glenndalough

Landschaft können sie hier halt wirklich. (Und Herr Kaltmamsell wieder so: „Wie. Im. Voralpenland. Sowo war ich doch schon mal auf Betriebsausflug.“ Aber es gefällt ihm schon auch.)

Die traurige, zivilisationsfreie Situation in Laragh:

Wandschmuck im Restaurant. Herr Kaltmamsell: „Ist das der heilige Krückstockfuchtler?“

§

In meiner Lektüre holt mich gerade wieder die aktuelle Politik ein: Ich lese John Irvings The Cider House Rules, und in Irland wird heftig über die Legalität von Abtreibungen diskutiert, vor dem Referendum am 25.5.

Hier eine Darstellung der Argumente von beiden Seiten aus der Financial Times:
„‚We’ve had a lot of silence about this for a long time’”.

via @MlleReadOn

Journal Dienstag, 17. April 2018 – Leserunde mit erstem Spargel

Mittwoch, 18. April 2018

Der sonnige Frühling kehrte zurück (ich habe den Verdacht, dass Felder und Gärten einen weiteren Regentag gut brauchen hätten können), auf dem Heimweg von viel Arbeit brauchte ich meine Jacke nicht.

Die Magnolie verabschiedete sich. Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr endlich, mir ein Parfum mit ihrem Duft zu besorgen.

Ich hatte recht pünktlich Feierabend gemacht, um das Buch für die abendliche Leserunde fertigzulesen: Lena Gorelik, Meine weißen Nächte (nur noch gebraucht zu bekommen) hatte nach Bestellung zwei Wochen bis Ankunft gebraucht und mich in Zeitnot gebracht. Allerdings liest es sich sehr schnell weg – was in diesem Fall nicht für den autobiografischen Roman spricht: Im Gegensatz zu Alexandra Tobors Polengeschichte Sitzen vier Polen im Auto ist diese Geschichte einer jungen Frau, die Anfang der 90er als Kind aus St. Petersburg nach Deutschland einwanderte, oberflächlich und launig. Das Leben von Goreliks Hauptfigur zwischen den Kulturen wird erzählt, nicht gezeigt, die Vergangenheit in Russland inklusive Antisemitismus und Mauscheleien besteht aus lustigen Schnurren statt aus nachvollziehbaren Erlebnissen. Durchaus nett zu lesen, aber seit dem Erscheinen 2004 wurde Besseres um das Thema veröffentlicht.

Das Buch warf entsprechend wenig zu diskutieren ab, doch wir freuten uns wieder über das Treffen (durch die monatliche Leserunde gibt es keinen Freundeskreis, den ich öfter sehe) und ich bekam in Neuperlach den ersten Spargel der Saison.

Montag, 9. April 2018, Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims

Dienstag, 10. April 2018

Ich hatte französisch-intellektuelles Theoretisieren befürchtet (weshalb das Buch nach Kauf vier Monate auf Lektüre wartete), tatsächlich bekam ich eine sehr interessante Erzählung: Vergangenes Jahr stolperte ich an vielen Stellen über Didier Eribons Rückkehr nach Reims, meist bereits als Referenz, an den Haken brachte mich dann aber der Hintergrund, dass Eribon es als Sohn kleiner Leute zu akademischen Ehren gebracht hatte um den Preis des Bruchs mit seiner Herkunft.

Das Buch erzählt in Fragmenten, ich bespreche es in Fragmenten.

Unter den vielen Dingen, die ich aus der Lektüre lernte: Zwischen Soziologen und Psychologen besteht wohl eine Erzfeindschaft um die Deutung der Welt. Die einen sehen gesellschaftliche Strukturen als Haupteinfluss des Lebensverlaufs, die anderen Charakter und Gefühle, geformt von individuellen Erlebnissen.

Die berühmten Namen, die Eribon zu seiner intellektuellen Entwicklung aufführt, von Sartre über Foucault bis Barthes und Bourdieu sagten mir schon alle was, gelesen hatte ich von ihnen kaum etwas (nur im Studium, Zusammenhang Literaturtheorie). Zu Beginn des Buchs befremdete mich Eribons wissenschaftliches Fachvokabular beim Beschreiben persönlicher Erinnerungen und Erlebnisse, zwar gewöhnte ich mich daran, fand es bis zum Schluss ein wenig albern.

Am bereicherndsten fand ich Eribons Ausführungen, warum die kleinen Leute in Frankreich heutzutage Front National wählen. Meine Zusammenfassung: Weil die Linken den Klassenkampf zugunsten des Neoliberalismus aufgegeben und die kleinen Leute damit im Stich gelassen haben – mir fiel sofort die verheerende Agenda 2010 ein. Ganz sind die beschriebenen Mechanismen aber nicht auf Deutschland übertragbar, bei uns ist es ja eher der beleidigte Mittelstand, der AfD wählt, nicht die Schicht, die mit einem Vollzeitjob nicht den Lebensunterhalt sichern kann. Letzteres ist übrigens meiner Ansicht nach eine auch heute funktionierende Definition der Arbeiterklasse, die schon lange nichts mehr mit Fabrik und Produktion zu tun hat: Heute sind es die Regaleinräumerinnen, die Putzfrauen, die Sicherheitskräfte, die auf Zweitjobs angewiesen sind. Früher (TM) hielten Arbeiter Hasen und Hühner, bauten Obst und Gemüse an, um den Lebensunterhalt zu sichern – das war durchaus auch ein Zweitjob.

In diesem Zeit-Interview von 2016 führt Eribon seine Erklärung des Rechtsrutschs der Arbeiterschicht aus:
„‚Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk'“.

Den letzten Anstoß, dass ich das Buch trotz befürchteter Anstrengung lesen wollte, war die Rezeption des girls from the trailer park:

Was mich dann aber doch dafür eingenommen hat, ist, wie der Autor auch nach Jahrzehnten von Arriviertheitsübungen diesen Status kontinuierlich von verschiedenen Seiten aus auseinandernimmt, wie er ohne Mitleid mit sich selbst und anderen schildert, was ihn das gekostet hat und welche Überraschungen eine solche Grenzüberschreitung mit sich bringt

Was mich befremdete: dass Eribon sich seiner Herkunft schämt und sie lange verheimlichte (dass er seine Eltern 30 Jahre nicht besuchte, stieß mich in seiner Härte ab). Ich als Gastarbeiterkind ging mit meiner Herkunft immer eher hausieren – doch schon wenig Überlegen macht mir klar, dass sie nicht vergleichbar ist: Die Ausbrecher aus Abstammung und vorgezeichnetem Lebensweg waren meine Eltern und war nicht ich, ich habe ihren Aus- und Aufstieg lediglich fortgesetzt. Und im Gegensatz zur Bloggerin oben hatten beide gute Feen, die ihren Aufstieg wollten und erleichterten: Die meines Vaters war ein Onkel, der ihn und seinen Bruder in Madrid förderte und den beiden zu raren Plätzen erst in einer guten Salesianerschule, dann in einer Berufsschule verhalf. Die meiner Mutter war eine Grundschullehrerin bei den Franziskanerinnen, die nicht nur dafür sorgte, dass sie Deutsch lernte, sondern ihr sogar den Besuch des Gymnasiums ermöglicht hätte – da aber verweigerte sich meine polnische Großmutter (angeblich weil sie befürchtete, meine Mutter würde dann ins Kloster gehen).

Dieses Nutzen von Chancen für Leistung und Erfolg verlangten meine Eltern auch von mir – es stand jederzeit außer Zweifel, dass ich gesellschaftlich jedes Recht darauf hatte. Mit dieser Haltung ging ich durchs Leben – und fühlte mich den Notars-, Apothekers-, Lehrerinnen- und Architektenkindern in meiner Schulklasse nie unterlegen (ich war auch keineswegs die einzige Schülerin aus der Arbeiterklasse). Im Studium beneidete ich Kommilitonen wohl um Elternhäuser mit Bibliotheken und Zeitungsabos – weil ich mir das auch wünschte. Und klar musste ich viel Habitus an der Uni erst mal lernen – doch das musste ich in der Fabrik bei Ferienjobs genauso („Mahlzeit!“). Wenn der Professor aus sehr gutem Hause, an dessen Lehrstuhl ich als Hiwi arbeitete, mich am Semesterende schon wieder nach meinen Urlaubsplänen fragte und ich ihm schon wieder erklären musste, dass ich die vorlesungsfreie Zeit zum Geldverdienen brauchte statt für Urlaub – dann sah ich das als peinliche Wissenslücke auf seiner Seite: Lebensumstände anderer Schichten zu kennen, forderte ich in alle Richtungen als Allgemeinbildung ein. (Ein Ansinnen, mit dem ich mich in den Augen einer Soziologin vermutlich lächerlich machte.)

Im Zuge meines Fortkommens gab es zwar auch den einen oder anderen Bruch in Prioritäten und Lebensstil im Vergleich zu meiner Herkunft, doch ich war immer sehr stolz auf das, was meine Eltern geschafft hatten (unterlegen fühlte ich mich am ehesten noch ihnen).

Ganz anders Eribons Hintergrund: Seine Brüder verblieben in der Arbeiterschicht, unter allen Verwandten, von denen er erzählt, ist er der einzige Wechsler. Seltsam fand ich Eribons Verweigerung jeglicher psychologischer Erklärungen – was mir vor allem bei der Beschreibung der Rolle seines Schwulseins auffiel: Selbst die Ausgrenzung, Gewalt und die Verachtung, die er als Schwuler erfahren hat, beschreibt er mit gesellschaftlichen Mechanismen, nicht mit Gefühlen. (Was durchaus interessant ist und mir Lust auf Eribons soziologische Werke über das Thema macht.)

Übrigens gibt es ein Detail an dem Buch, das mir das Lesen auffällig erleichtert hat: Der Satzspiegel. Das schmale Format, die Schriftart und -größe, viele Absätze – ich las den Text doppelt so schnell wie derzeit Stanisław Lems Sterntagebücher mit ihren kleinen Buchstaben, die mit wenig Zeilenabstand über extrabreite Seiten laufen.

§

Ein milder Tag, allerdings mit vielen Wolken.

Ich machte wieder so Feierabend, dass ich anschließend noch etwas erledigen konnte, und zwar holte ich den eigentlich für vorherigen Samstag geplanten Hosenkauf nach. Der Einfachheit halber ging ich zum Konen, wo ich ja gewohnt bin, einer ausgebildeten Verkäuferin meinen Wunsch zu schildern und mir dann Kleidung anreichen zu lassen. Doch leider gibt es diesen Konen nicht mehr. Es kümmerte sich niemand um mich, ich sah praktisch kein Personal. Und auch beim Konen ist die Waren nicht mehr nach Art der Kleidung (Hose, Bluse, Kleid) sortiert, sondern nach Herstellern. Wenn ich also wie gestern eine weiße, 3/4 lange Hose suchte, musste ich bei allen Herstellern einzeln nachsehen – die gerne mal auch noch verschiedene Konfektionsgrößensysteme haben von Damengrößen über Jeansgrößen bis S/L/M etc. Ehrlicherweise hatte das mit den Fachverkäuferinnen schon beim letzten Einkauf vor einem Jahr nicht mehr geklappt – auch Herr Kaltmamsell traf bei seinen jüngsten Einkäufen in der Herrenabteilung nicht mehr den einst gewohnten Service an. Ich bekam eine Hose, die auch passte – glaube ich, schließlich stand keine Fachfrau neben mir, die das wirklich einschätzen und im Zweifelsfall eine Alternative empfehlen konnte. Jetzt gibt es leider keinen Grund mehr, zum Konen zu gehen.

Journal Donnerstag, 29. März 2018 – M.R. Carey, The girl with all the gifts

Freitag, 30. März 2018

Letztes Jahr sah ich im Kino einen Trailer um ein interessantes schwarzes Kind und flüsterte dem neben mir sitzenden Herrn Kaltmamsell zu: „Den will ich sehen.“ Doch der winkte ab: „Zombiefilm. Ich habe die Romanvorlage daheim.“ So hatte der Trailer gar nicht ausgesehen. Das ganze Zombiedings interessiert mich ja nicht, doch als kürzlich mein Blick auf dem Roman in unserem Bücherregal fiel, zog mich der Titel an: The girl with all the gifts. Und so bekam ich meine erste Zombiegeschichte – die ich auch noch empfehle.

Gefesselt war ich von der ersten Seite an: Wir lernen das Kind Melanie kennen. Sie und andere Kinder leben in kleinen, stark gesicherten und fensterlosen Gefängniszellen, aus denen sie jeden Morgen von drei Soldaten abgeholt werden. Die Soldaten fixieren sie dazu an Händen, Füßen und Kopf an Rollstühlen und rollen sie in ein fensterloses Schulzimmer, in dem sie von durchwechselnden Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden. Melanies mit Abstand liebste Lehrerin ist Miss Justineau, weil sie von der am meisten lernt – und Melanie lernt schwindelerregend schnell.

Wie es zu dieser ungewöhnlichen Unterrichtssituation kommt, erzählen die ersten Kapitel: Wir befinden uns in einem postapokalyptischen England, der größte Teil er Menschheit wurde von einem Pilz befallen, der ihnen alle Menschlichkeit nahm und sie zu hungries machte, nur auf das Fressen anderer Menschen ausgerichtet. Wilder politischer Aktionismus direkt nach Ausbruch der Epidemie hat zu weiteren Verheerungen geführt, die Leben nur in wenigen Gebieten möglich machen. Hier wird unter anderem auch die Wirkungsweise des Pilzes wissenschaftlich erforscht.

Doch der Kreis der handelnden Personen, um die sich die Kapitel zunächst abwechselnd drehen, wird immer kleiner: Fünf Hauptfiguren müssen fliehen. Auf ihrer Reise wird klarer, was eigentlich passiert ist, in welcher Welt sie leben, was das Besondere an Melanie ist – und wie es nach Ende des Buchs weitergehen wird: Selten habe ich einen so gut gemachten Romanschluss gelesen.

Warum die Geschichte mich angesprochen hat: Ich mag das Motiv verkanntes Genie, ich lese gerne über tiefe Freundschaft und Loyalität, es gibt viele Referenzen auf die Antike (übersetzen Sie den Buchtitel mal ins Griechische). Zudem ist die Entwicklung der Hauptfigur faszinierend: Man kann den Kampf einer 10-/11-jährigen mit erwachenden Urinstinkten, mit Kontrollverlust, mit eigener Macht, Liebe und Selbsterkenntnis ganz wunderbar als Coming-of-age-Geschichte lesen.

Wenn ich eine einzige Kritik an dem sonst handwerklich hervorragend gemachten Roman habe, dann ein paar Längen: 50 Seiten weniger hätten dem Rhythmus des zweiten Teils gut getan.

Jetzt hat mir Herr Kaltmamsell natürlich I am legend von Richard Matheson aus dem Jahr 1954 hingelegt: „Dann solltest du den auch gelesen haben.“ Na gut – so lange mich niemand zwingt, The night of the living dead anzusehen.

§

Es ist weiterhin kühl, am gestrigen Gründonnerstag mit einer Mischung aus Regen und Sonne. Den Heimweg von der Arbeit verlängerte ich auf eine Stunde, um mich ein wenig durchzupusten.

Wie erbeten empfing mich Herr Kaltmamsell mit Griesoß, inzwischen hier klassisches Gründonnerstagessen – ohne interessanten Wein, der Infekt hat mir die Lust auf Alkohol genommen (ich hatte einen spanischen Sauvignon Blanc dazu probieren wollen).


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