Bücher

Journal Mittwoch, 6. Oktober 2021 – C Pam Zhang, How Much of These Hills is Gold

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Bessere Nacht, zehn Minuten späterer Wecker, weil ich vor der Arbeit erst mal morgens einen Termin bei der Hausärztin hatte.

Die Schallung meines Bauchs (mithilfe einer sehr großen Menge Gels) ergab Pracht und Schönheit. Ich lernte eine Medizinstudentin kennen, die gerade bei der Hausärztin einen Teil ihrer Famulatur absolviert und zuguckte, der mein Inneres besonders gründlich erklärt wurde.

Lob der Ärztin für meinen Lebenswandel, dem ich meine wunderschönen, fettfreien (Leber), steinfreien (Galle, Blase) und auch sonst Schulbuch-reifen (Nieren, Bauchspeicheldrüse, Milz) Organe angeblich verdanke – ich nehme ja alles an Komplimenten, halte die Annahme von kompletter Selbstveranwortung und Kontrollierbarkeit in Gesundheitsfragen aber für gefährlichen Zeitgeist. Schon eher: Danke Veranlagung, danke privilegierte Lebensumstände, danke Glück.
Eine Facharzt-Überweisung gewann ich dennoch, irgendwas ist ja immer in meinem Alter.

Eine Stunde später als sonst spazierte ich in die Arbeit, gestern unter grauem Himmel.

Zu Mittag gab es Pumpernickel mit dick Butter, außerdem Hüttenkäse. Später ein Stück schwarze Schokolade.

Nachmittags kam ein wenig die Sonne heraus, aus buntwolkigem Himmel und mit Wind – es herbstelte.

Auf dem Heimweg Einkäufe für eine Geburtstagstorte, die ich am Wochenende backen werde. Abstecher zu dem Restaurant, in dem ich für Freitagabend einen Tisch für Herrn Kaltmamsell und mich reservierte.

Zu Hause bestellte ich unser Abendessen bei Servus Habibi (darauf hatte ich mich den ganzen Tag gefreut – also echten Appetit gehabt!) und holte es kurz darauf ab. Ich tauche immer wieder gerne in die lebendige Atmosphäre des Ladens ein – und sei es nur kurz zum Abholen. Die Speisen schmeckten wieder ausgezeichnet.

Nachtisch Eierlikörkuchen, der ist wirklich gut.

Den nächsten Jahrgang Olivenöl aus Lesbos auf Basis Solidarischer Landwirtschaft bei Platanenblatt bestellt. Die drei Liter reichen uns zwar nicht fürs ganze Jahr, aber mehr wären halt gleich sechs Liter – das ist zu viel.

Im Bett den nächsten Roman angefangen, Gabriele Tergit, Effingers – mal sehen, ob ich das dicke Buch schaffe, bevor ich mir die Inszenierung als Theaterstück an den Kammerspielen ansehe.

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C Pam Zhang, How Much of These Hills is Gold hatte ich Dienstagabend ausgelesen. Es erzählt eine bislang weitgehende unerzählte Geschichte, die Perspektive chinesischer Einwander*innen bei der Besiedlung des Westens Nordamerikas. Es ist eine spannende und bedrückende Geschichte.

Vor allem gefiel mir, wie sie erzählt wurde, nämlich gar nicht realistisch/journalistisch. Das ist es halt, was einen Roman mit historischem Hintergrund wirklich interessant, im besten Fall zu Kunst macht.

Die erste Hälfte erleben wir aus der personalen Sicht der zwölfjährigen Lucy, schnell ist klar, dass wir uns in der Zeit und Gegend des kalifornischen Goldrauschs befinden, in einer Familie von chinesischen Einwanderern. Der Roman beginnt damit, dass der Vater von Lucy und ihrem jüngeren Geschwister Sam gestorben ist und die beiden ihn beerdigen wollen. Doch ihre – bereits früher verstorbene – Mutter hat ihnen beigebracht, dass ein richtiges Begräbnis strengen Regeln folgt, unter anderem müssen zwei Silbermünzen die Augen des Toten verschließen. Die beiden sind bettelarm und machen sich erst mal auf die Suche nach solchen Silbermünzen.

Die Erzählstimme bleibt so nah an Lucy dran, dass die darauffolgenden Ereignisse auch viel Vergangenes erzählen: Nachgezeichnet wird, wie menschliches Denken halt funktioniert, also springen Lucys Gedanken assoziativ vor und zurück, zwischen Erinnerungen, Wünschen, Gefühlen, Träumen und Ängsten. Das ist meisterliche Informationsvermittlung, fast schon impressionistisch.

Der zweite Teil des Romans erzählt geradliniger: Die Ich-Stimme des Vaters berichtet seine Lebensgeschichte. Er ist bereits in USA geboren, wird aber wegen seines Aussehens nicht als Amerikaner akzeptiert. Wir lernen aus diesem Teil über den Eisenbahnbau, über Rekrutierung und Behandlung chinesischer Einwanderer – und wie er seine Frau kennengelernt hat, die Mutter von Lucy und Sam. Auch das ist fesselnd und neu.

Das letzte Drittel fand ich am schwächsten: Lucy als junge Frau in der kalifornischen Stadt Sweetwater, wo sie sich ein Leben aufgebaut hat und Freundschaften. Sam taucht wieder auf und führt ihr vor, dass es für Leute wie sie hier keine Wurzeln geben kann. Die beiden beschließen, ein Schiff nach China zu nehmen. Diese Handlungsdetails lasen sich in meinen Augen recht konstruiert und als hätte die Autorin nicht recht gewusst, wie sie den Roman zu Ende bringen soll. Tat dem Gesamterlebnis aber keinen Abbruch, Leseempfehlung.

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Auch ich ertappe mich dabei, den geringen Anteil weiblicher Nobelpreisträgerinnen damit zu erklären, dass es halt viel weniger Frauen in den relevanten Feldern gibt. Bis ich dann wieder solche Geschichten erfahre:
Jocelyn Bell Burnell entdeckte die ersten beiden Pulsare als Teil ihrer Doktorarbeit – doch den Nobelpreis dafür erhielt 1974 ihr Doktorvater.

Hier eine 16-minütige Doku über Burnell (in der sie unter anderem darauf hinweist, dass sie mehr Gratulationen zur Verlobung erhielt als zu ihrer historischen Entdeckung):

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https://youtu.be/NDW9zKqvPJI

Jocelyn Bell Burnell hat viel später einen Special Breakthrough Prize in Fundamental Physics für ihre Entdeckung der Pulsare erhalten, dotiert mit drei Millionen Dollar. Die sie als Stipendien für Angehörige von Minderheiten einsetzt, die nach ihrem Universitätsabschluss in die Physik-Forschung gehen wollen.

Journal Dienstag, 21. September 2021 – “Erhöhtes Risiko”

Mittwoch, 22. September 2021

Der Tag begann damit, dass mir in der Küche zwei schwere Schneidebretter hochkant auf den linken Fuß fielen. Denn: Jemand in diesem Haushalt, der mich allabendlich mit köstlichem Nachtmahl bekocht und dann auch noch selbst die Küche aufräumt, stapelt handgewaschenes Geschirr gerne aufs Abtropfgitter – bis zu einer Höhe, in der es die Tür eines der Oberschränke blockiert. Als ich morgens beim Ausräumen des Geschirrspülers noch etwas schlaftrunken diese Tür öffnete, schob sie die beiden hochgestellten Schneidebretter vom Abtropfgitter und auf meinen Fuß. Danach war ich wach und hatte noch viele Stunden etwas von den Schmerzen. Abends kündigte sich ein beeindruckender blauer Fleck an.

Diesmal trug ich auf dem Weg in die Arbeit eine dicke Jacke gegen die Herbstkühle, es wurde den ganzen Tag nicht warm. Das machte meine Körpertemperatur auch abseits hormoneller Sonderzustände schwierig: Das Büro ist noch nicht winterlich geheizt, Bluse reichte also nicht, ich griff zum Bürojäckchen. (Gilt noch, dass Frauen in Büros standardmäßig eher Wollstolen in Teppich-Design vorhalten und sich bei Bedarf um die Schultern legen? Oder hat sich dieser Brauch wegpandemisiert? Wegen mangelnder Präsenz der Kolleginnen kann ich das nicht anhand von Stola-Stapeln in Büros verifizieren.)

Ich hatte mir Dienstag und Mittwoch eigentlich für eine Schulung geblockt, kurz vor Beginn aber festgestellt, dass sie für mich gar nicht relevant ist. Die schlagartig freiwerdende Zeit konnte ich gut gebrauchen.

Mittags gab es ein Brot mit Frischkäse und einen Apfel.

Auf dem Heimweg durch den kalten, grauen Tag, brachte ich nach Langem mal wieder Münzen zur Bank – in Zeiten hauptsächlicher Kartenzahlung hatte es lange gedauert, bis unser Topf mit Urlaubsgeld, in den wir allabendlich das Kleingeld unserer Geldbeutel leeren, voll geworden war.

Zu Hause ein kurzer, knackiger Yoga-Flow, den ich zum Begreifen sicher nochmal machen werde.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell ein weiteres Gericht aus Rachel Roddys A to Z of Pasta: Casarecce con peperonata, schmeckte mir sehr gut. Zum Nachtisch Süßigkeiten, diesmal bremste ich mich halbwegs rechtzeitig.

Letzten Freitag zeigte meine Corona-Warn-App “Erhöhtes Risiko” an – zum ersten Mal seit der Umstellung der Risikoberechnung vor einem Jahr. Die letzte Risikobegegnung war demnach am 14.9. gewesen. Zum Glück bin ich doppelt geimpft, also ist keine Quarantäne notwendig. Zudem trage ich unter Menschen weiterhin FFP2-Maske (auch wenn in Bayern seit 2. September die leichten medizinischen akzeptiert werden), habe keine Symptome und schnellteste mich seit der Meldung fast täglich, werde das auch die empfohlenen 14 Tage so beibehalten.

Im Bett las ich weiter in Christoph Hackelsberger, München und seine Isar-Brücken von 1981. Ich hatte es antiquarisch besorgt, weil es wohl nichts Neueres zum Thema gibt, und lese viel bereits historisch gewordenes: Die Großhesseloher Brücke wurde seither komplett neu gebaut, die Thalkirchner Brücke zum größten Teil. Und die Fotos sind schlecht, da hilft keine Großformatigkeit (während meines Zeitungsvolontariats wurde noch über schlechte Bilder gescherzt: “Mach es vierspaltig 210 mm groß – dann ist es Kunst.”). Für ein aktuelles Buch über die Münchner Isarbrücken müsste es doch eigentlich einen Markt geben?

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Für den ORF haben Nadja Igler (Text), Christian Öser (Bild, Video) Stimmen zum Ost-West-Verhältnis in Deutschland gesammelt – und dazu auch Menschen interviewt, die ich aus dem Internet kenne.
“Deutschland-Wahl
Der Osten trotzt den Klischees”.

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Florian Aigner auf Twitter über “Selbstverstrohmannung” (wenn sich jemand ständig mitangegriffen fühlt – und damit von der eigentlichen Diskussion ablenkt).

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Mittlerweile gibt es natürlich auch Wettbewerbe für Dronen-Fotografie – mit spektakulären Einreichungen.
“Spectacular Winners of the 2021 Drone Photography Contest Capture a Bird’s-Eye View of the World”.

Journal Dienstag, 14. September 2021 – Schwindel, aber Haarekurz

Mittwoch, 15. September 2021

Sie sind ja wirklich ganz zauberhaft: Vielen Dank für die Glückwünsche zum Bloggeburtstag!

Guter Nachtschlaf, der allerdings schon vor fünf endete. Jetzt steht auch wieder Herr Kaltmamsell um sechs mit verschwommenen Gesichtszügen in der Tür, gestern begann der Unterricht im Schuljahr 2021/2022. Beim Verlassen der Wohnung nahm er meine Hand: Ob ich ihn vielleicht in die Schule bringen könne? (Diese Situation ist für Lehrerinnen und Lehrer ja doppelt hart.) Mit etwas mehr Vorlauf hätte ich mir freinehmen können, das machen wir beim nächsten ersten Schultag nach Sommerferien.

Ein weiterer schöner Spätsommertag, es war sehr warm und leicht diesig. Ich ging nochmal in Sommerkleid und Sandalen in die Arbeit.

Allerdings fühlte ich mich gar nicht gut: Lange nicht mehr erlittenes Feature Schwindel. Gestern musste ich mich beim Arbeiten im Stehen immer wieder am höhenverstellbaren Schreibtisch festhalten, um nicht umzufallen.

Mittags gab es ein Stück Weißbrot und eine Honigmelone (nach sechs Wochen Nachreifen ganz ok). Nachmittags gesellte sich zum Schwindel eine Kreislauf-Attacke mit Schweißausbruch und Heißhunger, die mich über Honigwaffeln, Duplo und schwarze Schokolade in meiner Notfall-Schublade herfallen ließ. Hätte ich nach der Arbeit nicht den lang ersehnten Friseurtermin gehabt, hätte ich mich krank gemeldet.

So aber eierte ich nach Feierabend zum Stiglmaierplatz (die Schreibweise muss ich übrigens je-des-mal nachschauen) und ließ mir die Haare endlich wieder wirklich kurz schneiden. Gesprächsthema dazu die deutsche Parteienlandschaft: Es war hochinteressant, mal eine ganz andere Einordnung zu hören.

Daheim setzte ich umgehend Linsen auf für das Abendessen am Mittwoch: Puré de lentejas, spanisches Linsenpüree – ich versuche eines der wenigen Gerichte nachzubauen, die bei meiner spanischen Yaya wirklich schmeckten.

Als gestriges Nachtmahl hingegen servierte Herr Kaltmamsell das erste Gericht aus Rachel Roddys An A to Z of Pasta: Conchiglioni stuffed with spinach and ricotta, also große Muschelnudeln gefüllt mit Ricotta und Spinat, im Ofen mit Tomatensauce, Bechamel und vielerlei Käse überbacken.

Schmeckte ganz hervorragend und gehaltvoll, ich aß reichlich davon. Es passte nicht mal mehr Nachtisch dahinter.

Endlich mal wieder ein neues Buch angefangen, im Urlaub war ich vor lauter Rumlaufen, Internetlesen und -schreiben fast nicht zum Bücherlesen gekommen: Kännchen-Bloggerin Vanessa Giese hat beim Insel-Verlag einen Roman über die Luftfahrtpionierin Katharina Paulus veröffentlicht, Die Frau, die den Himmel eroberte; den lud ich mir aufs Lesegerät.

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Aufschlussreiches Interview mit einem Sozialwissenschaftler zur Ideologie der Taliban:
“Adam Baczko: ‘Die Taliban sind keine totalitäre Bewegung'”.

Die Taliban streben eine konservative Revolution an. Für die Sozialisten des zwanzigsten Jahrhunderts ist eine konservative Revolution ein Widerspruch. Aber die Taliban sind der Beweis dafür, dass es möglich ist. Sie reden ständig davon, zu den alten Zeiten zurückzukehren, die alte Ordnung wiederherzustellen, den Eigentümern ihre Rechte zurückzugeben, den Familienvätern die Autorität im Haus wiederzugeben. Es ist ein Diskurs der Rückkehr zu einer afghanischen Geschichte, die durch ausländische Interventionen unterbrochen worden sei. Es geht darum, die große Zerrüttung des Bürgerkriegs zu beseitigen. Dies ist offensichtlich eine erfundene und umgeschriebene Geschichte. Doch hinter dem Wunsch, wieder eine Kontinuität mit der Vergangenheit herzustellen, verbirgt dieser konservative Diskurs etwas Revolutionäres, denn die Taliban sind bereit, die Eliten und das Legitimationssystem in Afghanistan zu stürzen, um ihre mythische Vergangenheit aufleben zu lassen.

Ich fühle mich sehr an die Sehnsüchte in Großbritannien erinnert, die zum Brexit führten.

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Sie wohnen in/um München und kommen wegen Lieferschwierigkeiten nicht an ein neues Rad? Wir wär’s mit einem gebrauchten neuen Rad? Nächsten Freitag und Samstag ist wieder Radlflohmarkt der Stadt München.

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Regelmäßig mache ich mich über die gewollt originellen Abkürzungen für Forschungsprojekte lustig. Gestern musste ich aber gestehen: Um die Abkürzung des Zentrums für Brandforschung kommt man praktisch nicht rum.

Journal Montag, 30. August 2021 – Berlin 1: Anreise

Dienstag, 31. August 2021

Aufgewacht zu ausgesprochen energischem Regen.

Morgenkaffee, Fertigbloggen, Kofferpacken, für die Reise gleich mal die Ersatzschuhe angezogen (eigentlich einzupacken für den Fall, dass die Hauptschuhe auch über Nacht nicht trocknen), denn die würden sicher nass werden. Kurz vor Aufbruch griff ich noch in die Winterschublade und zog einen Schal heraus, um den ich schnell dankbar war. Unterm Regenschirm zum Bahnhof gerollkoffert.

Ereignislose Zugfahrt nach Berlin Hauptbahnhof in den traumhaften viereinhalb Stunden, die einen Flug zu wirklich keiner erstrebenswerten Alternative machen (mit Schnäppchenticket 1. Klasse), Unterwegs-Snack ein Eiweißriegel. Die Rückfahrt wird deutlich anstrengender: Den gebuchten direkten Zug gibt es ohnehin nicht mehr, und es sind Streiks angekündigt.

Ich las Megan Abbott, Dare me aus – na ja: Leider fand ich die Geschichte um tödliche Intrigen in einem Cheerleader-Team überspannt, künstlich dramatisiert erzählt und nicht glaubwürdig.

In Berlin regnete es deutlich weniger, ich brauchte nur einen Teil der Strecke zum Hotel einen Schirm. Was mir gleich mal positiv auffiel: Die Radwege mit physischer Abgrenzung zum Autoverkehr auf der Invalidenstraße.

Wir checkten im Hotel Oderberger ein, auf das ich mich schon lange freute (ja, man wollte unsere Impf-Zertifikate sehen), und bezogen unser Maisonette-Zimmer. Ich buchte Tickets für die Gemäldegalerie und verabredete uns für Dienstagabend nach der Vorstellung im Friedrichsstadtpalast (schöne Frauen mit endlosen Beinen und Federpuscheln auf dem Kopf!).

Bis zur Abendessensreservierung war noch Zeit für Blödschaun und eine Folge Queer as Folk, das in der arte-Mediathek (im Original!) angeboten wird. (Ich fürchte, ich kann TV-Serien wirklich nicht, ich sah die übliche Soap, nur halt mit queeren Menschen.)

Fürs Abendesse gondelten wir mit der S-Bahn nach Schöneberg: Wir waren einem Tipp meiner Leib-und-Magen-Rezensentin Frau Indica zum Wein-Lobbyisten gefolgt (ja, man wollte unsere Impf-Zertifikate sehen).

Gegen den Hunger gab es Rindertartar, Oliven, Jahrgangssardinen aus der Dose, Flammkuchen sowie frisches Sauerteigbrot mit Kürbiskernbutter, alles sehr gut (man beachte die Sardinenraushebegabel).

An Wein eine echte Entdeckung: Der Cabernet Blanc vom Weingut Schmalzried in Württemberg schmeckte mir in seiner frischen Vielschichtigkeit ausgezeichnet. Wir waren die ersten Gäste des Abend gewesen und gingen auch als erste. Zurück im Hotelzimmer bestellte ich gleich mal ein Kistlein des Weins.

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Noch eine Stelle, an der man Urlaub per Bahn statt mit Auto attraktiver machen könnte: Radtransport. Oder überhaupt ermöglichen, Vanessa Giese schildert die Umstände ihrer kürzlichen Anreise zu einem Radlurlaub in Dänemark (ich argwöhne ja, dass große Teile der Deutschan Bahn von der Autolobby gelenkt werden):
“Dänemark, Teil I: Grundmoränen und ein Besuch bei Gorm dem Alten”.

Journal Mittwoch, 18. August 2021 – Taverna und Schullektüre

Donnerstag, 19. August 2021

Beim Weckerklingeln war Dämmerung nur erahnbar. Blumen gegossen, Wäsche aufgehängt. Ich muss inzwischen eingestehen: So lässig ich bei der Anordnung von Zeug in der Geschirrspülmaschine bin (macht doch, was ihr wollt), so klare Vorstellungen habe ich, wie ich nasse Wäsche aufgehängt haben möchte (mag daran liegen, dass ich das 20 Jahre länger mache). Herr Kaltmamsell kennt meine generellen Vorgaben, also möglichst bügelfreundliche und schnelltrocknende Aufhängung – macht es mir aber nie ganz recht.

Ein grauer, sehr kühler Morgen, zumindest kam ich trocken in die Arbeit.

Mittagessen Birchermuesli, zur Abwechslung mal mit Kefir statt Joghurt – das mache ich nicht nochmal, das Vergorene des Kefir schmeckte, als hätte das eingeweichte Muesli seit einer Woche in der Sonne gestanden. Außerdem war es wohl zu viel und zu Kohlenhydrat-lastig, ich fiel in Nudelkoma und konnte mich nach der Mittagspause nur schwer wachhalten.

Vorzeitiger Feierabend, weil der einzige Pediküretermin, den ich vor dem Urlaub und ungefähr nach der Arbeit bekam, 16.15 Uhr war. Herzlicher Termin, schöne Füße – und Frau Kosmetik bot mir einen Lack exakt in der Farbe meiner Sandalen an.

Obst- und Gemüseeinkäufe im Vollcorner, daheim ein wenig Yoga.

Zum Abendessen war ich verabredet, ich traf mich mit einer Freundin in der Taverna Melina. Es war mild genug geworden, dass wir in Jacke/Mantel draußen saßen, wir aßen Fischteller (Freundin) und Imam-Aubergine mit Bratkartoffeln. Im Gespräch viel Information-Nachholen und gute Nachrichten.

Herr Rau sammelt Erinnerungen an Schullektüren (bislang fast nur westdeutsche, umso interessanter ist die ostdeutsche Liste von Kittykoma) – und ich kann nur schwer mitspielen. Die Jahresberichte meiner Gymnasialzeit 1977-1986 führten die Schullektüren zwar auf, doch diese Hefte habe ich schon vor vielen Jahren weggeworfen. Und ohne Nachschlagen verschwimmen in meiner Erinnerung Schullektüren mit den Büchern, die ich zu dieser Zeit selbst las (aus der Pfarrbücherei oder der Schulbibliothek, ich schrieb ja jeden Buchtitel mit, den die Deutschlehrer auch nur erwähnten) sowie mit Theateraufführungen (meine Mutter nahm mich etwa ab dem Alter von elf Jahren zu meiner großen Begeisterung in ihre Abo-Vorstellungen am Ingolstädter Stadttheater mit, außerdem gab es Schultheater, in dem ich selbst mitspielte oder das ich sah). Weiterer Verschwimmfaktor: Ich hatte nach Schuljahresstart Mitte September bis spätestens November das jeweilige Lesebuch durch (unter der Bank bei langweiligem Unterricht, unter Umgehung der Gedichte, zu denen die ich leider noch nie Zugang hatte). Meine Schulnoten – nur zur Einordnung – waren übrigens nie sehr gut, ich lag lediglich immer leicht über dem Durchschnitt.

Als Erinnerungsstütze ging ich die anderthalb Meter Reclams in unserem Buchregal durch (gleich mal wieder zwei Dutzend rausgeworfen) und stellte fest: Die meisten Klassiker mit meinem Ex-Libris sind auf die Jahre nach meiner Schulzeit datiert. Ich las Schillers Maria Stuart oder Goldonis Diener zweier Herren wirklich aus Interesse, oft angeregt durch den Spielplan des Ingolstädter Stadttheaters. Außerdem fand ich dieses.

Weihnachtsgeschenk einer Mitabiturientin: Shakespeares Komödie der Irrungen.

Aus mir konnte nur eine Queen of Uncool werden, wenn mich schon mit 17, 18, 19 Shakespeare wirklich begeisterte. Es ist bis heute nicht geklärt, was in meiner Gymnasialzeit schiefgegangen ist, die ja offensichtlich eigentlich dazu da ist, Schüler*innen die Lektüre vor allem von Klassikern auf Lebenszeit zu vergällen.

Ein paar lebendige Erinnerungen an Schullektüre habe ich aber:

Franz Kafka, Die Verwandlung (Las uns in der 6. Klasse Referendar Willi Plankl Stück für Stück am Ende der Unterrichtsstunden vor – bis heute eines der eindrücklichsten Literaturerlebnisse überhaupt.)

Walter Kempowski, Tadellöser & Wolff (Zitate aus dem Roman wurden umgehend in die Alltagssprache der Klasse aufgenommen; Deutschlehrer Robert Köhler war zwar ein schwieriger Mensch, hatte aber immer Interessantes zu sagen.)

Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (Umso weniger verständlich, dass Herr Köhler uns dieses elend langweilige Stück vorsetzte.)

Homer, Odyssee (Die Bilder, die da gezeichnet werden! Außerdem fand ich es ausgesprochen cool, die ersten 20 Zeilen auswendig zu können.)

Platon, u.a. Symposion (Wie so Vieles in meinem Leistungskurs Altgriechisch prägten die platonischen Dialoge meine Argumentations- und Anaylseweise bis heute.)

Thukydides, Der peloponnesische Krieg (Weil ich in der zugehörigen Klausur den einzigen Einser – 13 Punkte – meiner gesamten Altgriechisch-Zeit schrieb. Purer Zufall.)

William Shakespeare, Macbeth (In meiner Erinnerung von der LK-Englisch-Lehrerin eingeführt mit: “Ach, finde ich ja auch doof, aber das müssen wir halt machen.” Der siebenköpfige Leistungskurs sah das ganz anders und versuchte unter anderem tagelang, selbst Shakespeare-Englisch zu sprechen.)

J.D. Salinger, Catcher in the rye (Englisch war noch viele Jahre für mich sehr anstrengend zu lesen, vor allem erinnere ich mich an unseren eigeninitiativen Versuch, eine bessere als die Böll’sche Übersetzung zu erstellen. Wodurch wir lernten, wie scheißschwer literarische Übersetzungen sind.)

Autorinnen? Welche Autorinnen? Im Griechisch-LK war sicher das eine oder andere Gedicht von Sappho dabei, und meine LK-Hausarbeit schrieb ich über das damals eben erschienene Kassandra von Christa Wolf – aber auf eigenen Vorschlag. Ich gleiche den Frauenmangel meiner Schulzeit ein wenig dadurch aus, dass ich auf die Frage des Deutschlehrers an meiner Seite, ob mir zu einer Gattung oder einer Epoche Autorinnen einfallen, immer Vorschläge parat habe.

Was es in meiner Schulzeit sicher nur in den Fremdsprachen gab: Gemeinsames Lesen im Unterricht. Deutsch-Lektüren wurden daheim gelesen, alles andere hätte mich sehr wahrscheinlich irre gemacht.

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Hin und wieder lohnt es sich, sich über unser Krankenversicherungssystem zu freuen, weil es global gesehen alles andere als selbstverständlich ist . Jajaja, es hat Verbesserungspotenzial, und nicht zu knapp, aber hier zum Vergleich eine Twitter-Geschichte aus Chile.

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Immer wieder interessant: Juristische Perspektiven. Dr. Miriam Vollmer untersucht:
“Baurecht und Schottergärten”.

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Die Macht der Sprache, oder: Was keinen Namen hat, existiert nicht. Zum Beispiel war mir nicht klar, wie besonders das deutsche Wort “Feierabend” ist, es gibt keine englische Entsprechung. Die BBC machte sich vergangenes Jahr Gedanken über die Auswirkungen:
“How ‘Feierabend’ helps Germans disconnect from the workday”.

Feierabend isn’t just a German word for ‘work-life balance’. While it’s related, ‘work-life balance’ is a term that can often end up just as nebulous in meaning as the problem it’s trying to correct. Instead, the German approach seems to acknowledge that there will always be tension between the work self and the private self. Rather than attempting to reconcile the two, the disconnection that comes with Feierabend establishes boundaries between them.

Journal Dienstag, 17. August 2021 – Gewichtheberin

Mittwoch, 18. August 2021

Zerhackte Nacht, wenigstens ohne Schlafpausen. Der Regen versiegte morgens, ich traute mich ohne Schirm in die Arbeit.

Auf dem Weg wundervolle Luft, wenn auch kalt, klare Sicht.

Viel gearbeitet, auch abseits des Schreibtischs und Computers.

Mittags ein Kanten selbst gebackenes Brot, rote Paprika und der Rest Quitte in Earl-Grey-Sirup.

Mehr intensive Arbeit. Fast pünktlicher Feierabend, weil ich wieder im Verein Crosstrainerstrampeln und Rudermaschinenrudern wollte. Fußweg dorthin in kühler Sonne.

Im Sportverein hatte ich mich ja seinerzeit für die Abteilung “Fitness” angemeldet, doch auf meinem neuen Mitgliedsausweis steht als Abteilung die vermutlich urprüngliche Bezeichnung “Gewichtheben” – und das freut mich ungemein. (“Und? Was machst du im MITV?” “Gewichtheben.”) Ich sprach die Trainerin, die mich auf der Fitness-Galerie mit Kontaktdaten registrierte, darauf an, und sie bestätigte, dass der Gewichthebe- auch der Verband sei, bei dem sie ihre Lizenz gemacht habe und fortgebildet werde.

Mein Ausblick beim Strampeln mit Musik auf den Ohren war diesmal nicht nur Badminton in der Halle, auch die Kletterhalle rechts von mir wurde gestern besportelt.

Ich duschte wieder daheim – und zum ersten Mal vergaß ich dabei, meine Augen vorher abzuschminken (normalerweise mache ich das immer vor dem Sport, doch mit Stirnband schwitze ich der geräumigen, gut gelüfteten MTV-Turnhalle nicht in den Strömen, die dieses Abschminken dringend nötig machen würde). Anschließend sah ich sehr lustig aus.

Abendessen serviert von Herrn Kaltmamsell: Tortellini in Brühe aus der Tiefkühle mit Erbsen und Pilzen. Zum Nachtisch viel Süßigkeiten.

Im Bett Weiterlesen in Christine Cazon, Lange Schatten über der Côte d’Azur, das sich als Erklärstück über die Rolle der Einheimischen im Nazi-Südfrankreich herausstellt, transportiert in langen Monologen, eingebettet in eine dünne Krimi-Handlung. Aber es erreicht mein Ziel der geringen emotionalen Verwicklung.

Journal Donnerstag, 12. August 2021 – Luxemburger Besuch, Trezza Azzopardi, The Hiding Place

Freitag, 13. August 2021

Gut geschlafen, aber zu kurz. Beim Weckerklingeln ist es jetzt noch fast dunkel: Ich muss nachts die Rollläden nicht mehr herablassen, weil mich die Morgensonne nicht mehr weckt.

Arbeitsweg in einem weiteren herrlichen Sommertag, nur leicht dunstig. Am Himmel sah ich noch einmal zwei, einmal einen Mauersegler am Himmel, ganz weit oben.

Mittags Orange, Feigen, Maracuja mit Sahnequark.

Immer noch happy über die Erfindung von Oberschenkelbändern (Bandelettes) und über deren Erwerb – Röcke und Kleider ohne Strumpfhosen machen jetzt auch bei Hitze im Sommer so richtig Spaß. Allerdings stelle ich bei der jüngsten Erwerbung (also vor drei Jahren) Qualitätsmängel fest: Die Silikonschicht löst sich in Fetzen.

Auf dem Heimweg kurze Einkäufe beim Vollcorner: Kefir, Quark, Hüttenkäse.

Zu Hause hatte ich noch Zeit für eine Runde Yoga mit Rückenübungen, derzeit zwickt es ein wenig im Kreuz, bevor es klingelte: Der Besuch aus Luxemburg kam zum Abendessen. Der Ernteanteil hatte die Zutaten für Gazpacho geliefert (die genaue Zusammenstellung ergibt sich erfahrungsgemäß nur einmal im Jahr) Herr Kaltmamsell hatte ihn bereits kaltgestellt. Während er und Besuch auf dem Küchenbalkon Aperol Spritz in der einsetzenden Abenddämmerung tranken, verarbeitete ich den Blattsalat aus Ernteanteil und rührte ein Tahini-Dressing.

Jetzt stand die Sonne tief genug, dass wir im Wohnzimmer alle Rollläden hochziehen konnten und die Balkontür öffneten. Es gab Gazpacho, zum Salat servierte Herr Kaltmamsell Spaghetti mit Agretti und gerösteten Pinienkernen. Nachtisch war Schokolade aus Luxemburg, der Besuch hatte von der legendären Konditorei Oberweis die Sorten mit karamelisierte Mandeln, mit gerösteten Haselnüsse sowie Mandelpraline mit Sesamkrokant mitgebracht – sensationell.

Frau Brüllen beschreibt ihre aktuelle Lektüre mit “nix, was mich gefühlsmässig besonders mitnimmt”, und vielleicht sollte das in nächster Zeit mein Hauptkriterium bei der Auswahl werden: The Hiding Place von Trezza Azzopardi, das ich gestern auslas, ist zwar richtig, richtig gut – aber das Elend dieser bitterarmen Kindheit unter maltesischen Einwanderern im Cardiff der 1960er, ohne Verbündete und unter bösartigen Geschwistern, ist schon belastend. Die Struktur des Romans zeichnet vergrabene entsetzliche Erinnerungen nach. Das meiste wird aus der Ich-Perspektive der ein- bis fünfjährigen Dolores erzählt, die viele Details wahrnimmt (aus dem titelgebenden Versteck), aber uninterpretiert oder falsch eingeordnet/gewichtet wiedergibt (es wird sogar aus ihrer Perspektive als Baby erzählt, das nach vielen Töchtern endlich ein Sohn hätte werden sollen – und eine so bittere Enttäuschung ist, dass man sich scheut, es dem gewalttätigen Vater auch nur mitzuteilen).

Andere Passagen sind aus der Perspektive der komplett überforderten Mutter erzählt, weitere aus der des Vaters, der die Familie mit seiner Spielsucht in noch größeres Unglück bringt. Viele der sachlich erzählten Details legen eine Interpretation nahe, die sich erst gegen Ende als falsch erweist: Als sich einige der mittlerweile erwachsenen Geschwister zur Beerdigung der Mutter treffen (und sind dann noch schlimmer, als es vorher geschildert, oder besser angedeutet wurde).

Interessanterweise erzeugt Azzopardi in diesem ersten Roman von 2000 die würgend hoffnungslose Atmosphäre, indem gerade nicht Gefühle vorkommen oder innere Vorgänge. So wie man beim Stolpern erst den Stoß registriert und dann den Schmerz, bleibt es hier bei der Beschreibung der Stöße – es herrscht fast durchgehend die Erstarrung des Entsetzlichen. Und ich fand gut, dass am Ende auch nicht alle Lebenswege zu Ende erzählt werden, einige wichtige Personen bleiben als schmerzhafte Lücke; sie sind verschwunden und werden das im Leben der Hauptperson Dolores auch immer bleiben.


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