Bücher

Journal Mittwoch, 4. August 2021 – Übernachtungsgast und Clemens J. Setz, Indigo

Donnerstag, 5. August 2021

Ordentliche Nacht, aufgewacht zu einem sehr kühlen und grauen Morgen, es hatte reichlich geregnet.

Meine Idee Bürgerbüro Mobilitätsberatung schickte ich per E-Mail ans Mobilitätsreferat der Stadt München, cc Büro der 2. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden, Vorsitzende des Ausschusses Mobilität. (Tatsächlich gehe ich davon aus, dass sowas oder Ähnliches dort schon längst diskutiert wird.)

Die andere Seite der Theresienwiese, ein wenig Volksfest.

Keine Mauersegler mehr am Himmel. Ein Regentag, es regnete, als beabsichtigte es nie aufzuhören.

Zu Mittag Pumpernickel mit Butter, eine ordentliche Portion Tsatsiki.

Nach Feierabend daheim Vorbereitungen für den Übernachtungsbesuch, das meiste hatte der ferienhabende Herr Kaltmamsell bereits erledigt, der jetzt in der Küche stand und das Abendessen zubereitete. Es war noch Zeit für eine kurze Einheit Yoga und Auspacken der Nachbestellung Walküre-Tassen.

Verpackung für drei Tassen und drei Unterteller. Diese Porzellankiste ist ganz sicher die Tochter der Vorsicht.

Unseren Gast am Hauptbahnhof abgeholt, ich brachte ihr gleich mal einen Schirm mit.

Ich hatte das Bedürfnis, mal wieder den legendären Schriftzug GRUNDIG festzuhalten, der nach Sanierung und Umbau verschwunden sein wird.

Wohnungsbesichtigung, Gast äußerte gleich mal ein paar sehr hilfreiche Beobachtungen, die bei der weiteren Einrichtung helfen werden. (Und vielleicht die bereits versiegte Nestbauenergie erneuern.) Nachtmahl war köstliches Chicken Tikka Masala, auf meine Bitte mit Naan serviert. Erster Austausch von Informationen mit Gast, ich ging aber wegen Erledigtsein gewohnt früh ins Bett.

Schon am Vorabend hatte ich Clemens J. Setz, Indigo ausgelesen. Ein sehr schräger Roman, aber in meinen Augen auf sehr gute Art. „Indigo“ ist darin eine Bezeichnung für Kinder, die mit der Eigenschaft auf die Welt kommen, dass Menschen in ihrer Nähe sich sehr krank fühlen: Kopfweh, Schwindel, Übelkeit. Auch die Eltern. Der Roman erzählt von ihnen auf mehreren Ebenen: Zum einen aus der Perspektive des Mathematiklehers Clemens J. Setz (hmmm…), der kurze Zeit an einer Schule für diese Kinder unterrichtet und danach über sie recherchiert, vor allem über ihr seltsames Verschwinden aus der Schule. Die andere Ebene spielt Jahre später und dreht sich um ein erwachsenes Indigo-Kind – irgendwann in der Pubertät hört die schädliche Wirkung auf. Allerdings widersprechen sich die Inhalte zum Teil. Auf beiden Ebenen tauchen nicht-realistische Elemente auf: Menschen reden wirr, ohne es zu merken, es gibt geheime Verbindungen und Verschwörungen, erfundene historische und naturwissenschaftliche Umstände – aber nur ein wenig erfunden, leicht daneben. Dazwischengeschaltet irrlichtern immer wieder scheinbare Faksimiles von Buchseiten alter Werke, eines davon sogar in Fraktur. Mir gefiel ausgesprochen, wie un-angelsächsisch diese Phantastik sich las, sogar durch und durch österreichisch, angefangen beim Setting in Österreich. Gleichzeitig bezog sich viel dieser Phantastik auf andere auch angelsächsische phantastische Literatur aller Medienarten.

Erst gesamt ergibt das alles eine halbwegs zusammenhängende Geschichte – ohne dass mir unterwegs langweilig geworden wäre, denn jeder Abschnitt war für sich fesselnd. Allerdings hängt über allem eine ungemütliche, grausame, bedrückende Atmosphäre, manche Figuren sind ausgesprochen abstoßend gezeichnet. Kein Wunder, dass in einigen Rezensionen davon die Rede ist, es werde einem bei der Lektüre unwohl und schwindlig – wie in der Nähe der Indigos.

Ich empfehle die Rezension von Jan Wiele in der F.A.Z.: „Die X-Akten des postmodernen Romans“.

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Rachel Roddy (ihr Buch An A – Z of Pasta ist auch vier Wochen nach Bestellung noch nicht mal abgeschickt – haben wir ein kleines Brexit-Problem?) hat eine sprachliche Lösung für das Gezicke um die Korrektheit klassischer Gerichte gefunden: Hier ist von „carbonara principle“ die Rede, Zubereitung nach dem Carbonara-Prinzip.

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Wenn wir schon mal auf instagram sind: Der hinreißende Schneider Zack Pinsent geht gerade Stück für Stück die klassische Herrengarderobe im 17. und 18. Jahrhundert durch und ist beim Hals angelangt – eine Variante schöner als die andere.

Journal Mittwoch, 28. Juli 2021 – Auer Dult anders

Donnerstag, 29. Juli 2021

Ordentliche Nacht. Ich erwachte zu lautem Regenrauschen, das mich ein wenig überraschte. Check des Regenradars ergab: Meine Pläne waren nicht ganz durchkreuzt. Ich hatte nämlich vor, das Rad in die Arbeit zu nehmen, um mich danach mit Herrn Kaltmamsell an der Auer Dult zu treffen, der ersten seit anderthalb Jahren.

Ich kam in einer Regenpause trocken in die Arbeit, ab vormittags regnete es wieder energisch unter durchgrautem Himmel. In der Morgenfrische war ich ohne Jacke losgezogen, weil ich über den Tag steigende Temperaturen einkalkulierte – doch damit lag ich falsch.

Mittagessen eine Scheibe Pumpernickel, außerdem Aprikosen und Kirschen mit Kefir. Nachmittags schwarze Schokolade.

Es wurde über den Tag eher kühler als wärmer, ich schloss das Fenster und schlüpfte in meine Bürostrickjacke. Aber der Regen hatte ein Einsehen: Zu Feierabend war er versiegt, ich kam trocken mit dem Rad zur Auer Dult. Das Gelände um die Mariehilfkirche war von einem Bauzaun umgeben, es gab Ein- und Ausgänge, zudem Maskenpflicht. Deutlich weniger Stände als sonst boten Waren an, ich bekam nicht, weswegen dem ich gekommen war: Nach einigem Bruch hatte ich Walküre Classic Milchkaffeetassen und -unterteller nachkaufen wollen. Nun, dann bestellte ich halt abends doch direkt beim Hersteller (und lernte dabei, dass es ihn gar nicht mehr in Bayreuth gibt, Friesland Porzellan hat nach der Insolvenz von Walküre vergangenes Jahr den Namen und das Sortiment übernommen). Auch das erhoffte echte Schaschlik (mit Niere) war gestern nicht bei den Angeboten der Fressbuden; statt dessen gab es zum Abendessen Bratwurst/Fleischspieß und heißen Rahmfladen.

Daheim hatte ich Zeit für eine längere und anstrengende Yoga-Einheit. Gelernt: Auch Yoga turne ich deutlich entspannter mit leerem Magen. (Börp.)

Verspäteter Nachtisch Schokolade, am Abendhimmel nochmal Mauersegler.

Sigrid Nunez, The friend ausgelesen. Wieder diese seltsame Mischung aus fiction und non-fiction, die in den vergangenen Jahren zuzunehmen scheint. In diesem Fall ist sie sehr gut gemacht: Die Geschichte einer Schriftstellerin und Schreib-Lehrerin in New York, die ihren besten Freund an Suizid verliert und seinen trauernden Hund zu sich nimmt, eine riesige Deutsche Dogge. Keine große Geschichte, aber auch nicht klein. Die Erzählerin erinnert sich viel an die gemeinsame Zeit mit diesem verlorenen Freund, den sie als ihren eigenen Schreib-Lehrer an der Uni kennengelernt hat. Und sie baut einen neuen Alltag mit dem Hund auf. Sogar einen Spannungsbogen gibt es, denn eigentlich darf sie laut Mietvertrag gar kein Haustier halten. Und in einem Kapitel gegen Ende wird ein alternativer autobiographischer Hintergrund erzählt, ein charmanter Taschenspielertrick rund um based on a true story. Auch geht es viel ums Lesen und ums Schreiben im Wandel der vergangenen Jahrzehnte, Referenz ist nicht nur englischsprachige, sondern auch deutsche Literaturgeschichte. Ein schönes Buch.

Als nächste Lektüre lud ich Clemens J. Setz, Indigo auf mein Lesegerät: Nicht nur wollte ich endlich etwas vom frisch gekürten Büchnerpreisträger lesen, ich hatte auch beim Zurückblättern in Fotos festgestellt, dass ich mit Clemens Setz schon mal in Klagenfurt um die Wette geschwommen bin – ist ja wohl unverzeihlich, dass ich keines seiner Bücher kenne.

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Bisschen Musik.

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https://youtu.be/Sv2z1d9DHcs

Journal Donnerstag, 22. Juli 2021 – Geschenke per Post

Freitag, 23. Juli 2021

Nachts fast sechs Stunden am Stück tief geschlafen, das war schön. Aufgewacht in einen frischen Sommermorgen.

Mittags lauerte ich vor meinem Rechner auf einen Schwimm-Slot in Schyren- oder Dantebad, währenddessen schaute ich nach, ob es wohl schon einen Wiedereröffnungstermin fürs Olympiabad gibt, und fand heraus: IST SCHON OFFEN! Doch für Sonntag erjagte ich einen Slot im Dantebad.

Mittagessen waren ein Laugenzöpferl sowie Pfirsiche mit Joghurt.

Nach Feierabend ging ich über den Vollcorner nach Hause, Einkäufe Obst, Tomaten, Milchprodukte.

Daheim freute ich mich über eine halbe Stunde Yoga, einmal durchgedehnt.

Mit der Post waren Geschenke gekommen: Eine Blogleserin hatte mir nach Nachfrage zwei Freikarten für die Münchner Bäder geschickt (danke! eine werde ich gleich am Sonntag einsetzen), und Bov Bjerg hatte mir die Neuauflage seines Roman-Erstlings Deadline zukommen lassen (große Freude, vielen Dank).

Eines der 224 verkauften Exemplare der ersten Auflage (der Rest wurde bei einem Lagerbrand vernichtet) besitze ich ja als immer noch sehr rührendes Geschenk eines weiteres Bloglesers und hatte es gern gelesen (hier unten hatte ich darüber geschrieben, hier gibt es mehr Info zum Roman, die Buchpremiere in Berlin verpasse ich leider, ich reise erst in der Woche danach an), jetzt darf es sich im Regalabschnitt mit der Bücherkategorie „Bücher von Blogger*innen und Twitter*innen“ (wahrscheinlich keine sehr häufige Bibliothekskategorie) ans neue kuscheln.

Zum Abendessen bereitete ich aus frisch geholtem Ernteanteil pinken Chinakohl-Salat mit Joghurt-Sesamöl-Dressing und ein paar zugekauften Tomaten. Danach reichlich Schokolade.

Die Tagesschau berichtete über den zehnten Jahrestag der Terrormorde von Utøya – und nannte dabei konsequent den Namen des rechtsextremen Täters nicht. Das begrüßte ich sehr, auch vor dem Hintergrund, dass er sich bis heute als Held sieht und mit seinen Terrorakten weltweite Strahlkraft erreichen wollte.

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Lustiges Spiel entdeckt: Eine Website, auf der man aktuelle Hochwasserrisiken nachschauen kann, und zwar die richtig offizielle der Bundesanstalt für Gewässerkunde:
„Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten in Deutschland (Status aktuell)“.

So sieht dort München aus:

Und so meine Geburtsstadt Ingolstadt:

Zumindest meine Familie lebt im ungefährdeten Gebiet.

Journal Montag, 19. Juli 2021 – Musik und Yoga

Dienstag, 20. Juli 2021

Nach ordentlicher Nacht schon um halb fünf aufgewacht, mit Bomben-Kopfweh und auch sonst Rundum-Verkaterung – vielleicht lag das am Samstagmorgen doch nicht an den zweieinhalb Gläsern Wein des Vorabends, denn am Sonntag hatte ich nicht einen Tropfen getrunken.

Draußen Sonne, nur leicht dunstig, es wurde ein gemischtwolkiger Sommertag. Ich war allerdings den ganzen Vormittag körperlich ziemlich durch den Wind, nahm dann doch eine Ibu, nachmittags kämpfte ich gegen aggressive Müdigkeit.

Mittags ging ich das letzte Mal zu Frau Physio und ließ die operierte Hüfte kneten. Mittagessen zurück im Büro: Gurke aus Ernteanteil (köstlich), Aprikosen (meh) mit Hüttenkäse, Apfel.

Immer wieder warf ich einen Blick auf den Hochwasserstand der Münchner Isar, gestern wurde die zweite Meldestufe erreicht. Doch für die Zuflüsse gab es Entwarnung, diesmal sind wir wohl nochmal davongekommen. In den Medien immer lautere Kritik an der Struktur und Unzuverlässigkeit des hiesigen Katastrophenschutzes, nicht nur ich erinnerte mich an den verpatzten Sirenentest 2020.

Nach der Arbeit spazierte ich in einem etwas schwül-warmen Tag nach Hause.

Daheim eine halbe Stunde Yoga, anstrengend aber sehr wohltuend. (Musik und Yoga wirken derzeit lindernd. Merken.)

Zum Abendessen kochte ich uns neue Kartoffeln aus Ernteanteil, wir aßen sie mit dem Rest Tomaten-Oliven-Basilikum-Sößchen vom Samstag und dem Oregano-Pesto, das Herr Kaltmamsell gemacht hatte. Zum Nachtisch noch ein Rest vom Samstag: Sticky Toffee Pudding. Das war insgesamt sehr viel und abschließend Zehennägel-rollend knallsüß.

Aus dem Nußbaumpark-Biergarten tönte Trance Music herüber, die wunderbar zur Abendstimmung passte

Früh ins Bett und zurück zu meiner Lektüre von Zadie Smith, Grand Union, das sich genau so erfreulich liest wie vorhergesehen (gestern war sogar eine nicht-realistische Geschichte dabei).

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70 Jahre Catcher in the Rye (ach guck, hier habe ich das englische Wort für Roggen gelernt), schöner Artikel im Spiegel (Gratulation zur Überschrift!).
„Der Landneurotiker“.

Auch bei mir war der Roman Schullektüre in der Oberstufe. Manche Mitschüler*innen wollten mit der deutschen Übersetzung (Heinerich Böll) mogeln, dadurch wurden wir uns schnell einig, dass das ja wohl eine beschissene Übersetzung war und beschlossen eine gemeinsame Neuübersetzung. (Ja, wir waren ein seltsamer Jahrgang mit vielen seltsamen Schüler*innen – ganz sicher nicht fleißiger als andere Jahrgänge, aber auf eine Art seltsam, die ich erst viele Jahre später als akzeptabel seltsam erkannte, weil seltsam davor halt nur im Zusammenhang mit rauchen, pöbeln, Schule schwänzen, Haare färben verwendet wurde. Doch unter anderem stieß in meinem Jahrgang praktisch jede Schullektüre auf Interesse.) Nach wenigen Seiten Übersetzen wurde uns klar, wie scheißschwierig das war, und das Projekt versickerte – zack! schon was gelernt.

Erst Herr Kaltmamsell machte mich mit Salingers Kurzgeschichten bekannt – die ich viel lieber mag, die sogar zu meinen Lieblingsbüchers gehören (z.B. Nine Stories).

Journal Mittwoch, 14. Juli 2021 – Zahnreinigung mit Überraschung

Donnerstag, 15. Juli 2021

Wieder fast durchgeschlafen, ich genieße das sehr.

Morgens eine Waschmaschine mit Handtüchern und Bettwäsche gefüllt; Herr Kaltmamsell arbeitete gestern von daheim und konnte sich kümmern.

Gleich nach Eintreten des vollen Impfschutzes hatte ich den jährlichen Check bei der Zahnärztin inklusive Zahnreinigung vereinbart, beides trat ich morgens vor der Arbeit an und nahm dorthin die U-Bahn. Ich war so früh dran, dass ich eine Station früher ausstieg und in der grauen, aber trockenen Kühle die Leopoldstraße entlang ging.

Freudiges Wiedersehen mit der vertrauten Zahnreinigerin, gründliche Untersuchung durch die vertraute Zahnärztin (alles ok), Austausch zu Befinden. Zu meiner Überraschung erfuhr ich, dass viele Patientinnen nach einer Hüftprothesen-OP darauf bestehen, bei Zahnreiningung vorbeugend Antibiotika zu bekommen (wegen der kleinen Entzündungen, die enstehen könnten). Ich lehnte das wiederholte Angebot ab, denn zum einen ist die Wunde doch lang verheilt, zum anderen möchte ich bitte so selten wie möglich Antibiotika bekommen, damit sie im Erntsfall auch wirklich wirken und nicht auf Resistenzen treffen. Abends recherchierte ich meiner Überraschung hinterher: Ja, tiefe Zahninfekte stellen für Endoprothesen ein Infektionsrisiko dar (wie alle größeren bakteriellen Infekte im Körper), gerade im ersten Jahr nach OP, weil da die Heilung noch im Gang ist. Nein, es gibt dabei keinen Hinweis auf Nutzen von prophylaktischer Antibiotika-Gabe.

Das dauerte alles ein Weilchen, und dann musste ich ja auch noch in die Arbeit (WIE? ERST MITTWOCH?!).

Mittags verließ ich das Haus nochmal: Anfassen bei Frau Physio, in der OP-Narbe weiterhin schmerzhafte Verhärtungen.

Brotzeit zurück im Büro: Eine Körnersemmel mit Tsatsiki, das ich am Vorabend mit jungem Knoblauch und Gurke aus Ernteanteil zubereitet hatte. Anschließend hatte ich einen Knoblauchatem, der auch kleinere Säugetiere hätte töten können. Auch diese profitieren also von der FFP2-Maskenpflicht.

Nach der Arbeit nutzte ich meine MVV-Tageskarte für eine Fahrt zum Ostbahnhof und einen Einkauf beim benachbarten Mittemeer: ein wenig Spanisches.

Wieder sorgte Herr Kaltmamsell für Abendessen: Er hatte aus dem Bund frischem Oregano des Ernteanteils Pesto gemacht, das gab’s mit ein paar Mafaldine, dann Käse, dann Süßkram.

Dienstagabend hatte ich die Lektüre von Nora Bossongs Schutzzone nach 50 mühsam erlesenen Prozent abgebrochen: Es interessierte mich einfach null, wie es weiterging, auch die Personen waren mir egal, inklusive der Erzählerin, die für die Vereinten Nationen durch die Welt reist und neben politischen Verhandlungen poetischen Sex hat (nicht mit denselben Menschen). Mich nervte unter anderem, wie diese Erzählstimme aus jedem Millimeter der Gesten und Mimik von Menschen in ihrer Umgebung ganze Kurzgeschichten liest. Zadie Smith hingegen hat mich noch nie enttäuscht, ich lud mir als nächste Lektüre ihr Grand Union aufs Lesegerät.

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Wie wunderbar: Jetzt kann ich auch einen deutschsprachigen Text verlinken, der die Mythen rund um das Korsett im Lauf der Jahrhunderte auseinander nimmt – bislang kannte ich nur die von englischsprachigen Historikerinnen. Fachfrau Katlin Morris schreibt über:
„#KorsettGate: Die Geschichte hinter den Korsettmythen in historischer Fiktion“.

via @miriam_vollmer

Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts ranken sich um das eigentlich simple Stück Unterwäsche abenteuerliche Mythen, die von Atemnot durch zu enges Einschnüren bis hin zum Tod durch gebrochene Rippen oder gar Fischbein, das sich ins Herz gebohrt hat, reichen. Paradoxerweise werden die Darstellungen des Korsetts als anti-feministisches Werkzeug des Patriacharts, das Frauen einschnüren und bewegungsunfähig machen soll, in den letzten Jahren immer übertriebener, obwohl immer mehr widerlegende Forschung zum Thema frei zugänglich einsehbar ist.

(Hier auch ihr älterer Artikel „Die Geschichte des Korsetts“.)

§

Tipps in Form eines Twitter-Threads für alle Menschen, die in privilegierten Positionen sind (z.B. weiß, nicht behindert, cis-geschlechtlich, heterosexuell, deutsch gelesen usw.): Fragen, die man sich als solche*r beim Weitergeben rassistischer Erlebnisse stellen sollte.

(Ich tu mich ja leicht, weil mir vor allem „Wie ich mal wieder als Verbündete versagt habe“-Geschichten einfallen. Und die sind mir zu peinlich fürs Teilen.)

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In Amsterdam haben sich Fischreiher angesiedelt – mitten in der Stadt.

Journal Sonntag, 20. Juni 2021 – Helen Macdonald, Vesper Flights

Montag, 21. Juni 2021

Wieder schlief ich nicht so lange, wie ich müde war. Nutzte ich das frühe Aufwachen halt für Emsigkeit: Die Wäsche aus der programmierten Waschmaschine aufhängen, Pflanzen gießen.

Draußen war es verhangen und diesig schwül, aber nicht heiß – das erleichterte mich, denn ich hoffte auf eine Laufrunde.

Es wurde immer düsterer, die Temperatur aber war ideal für Draußensport. Erst mal absolvierte ich in Laufkleidung die Orthopäden-Gymnastik, dann spazierte ich über den Südfriedhof zur Wittelsbacherbrücke, lief von dort Richtung Flaucher, die ersten paar hundert Meter durch Partymüll inklusive Scherben. Schon um neun waren recht viele Läufer*innen sowie Hundegassigänger*innen unterwegs, ich musste immer wieder Slalom laufen. An der Thalkirchner Brücke Maria Einsiedel kehrte ich um, ab der Brudermühlbrücke und nach 55 Minuten problemlosem Joggen wechselte ich zum Gehen.

Ich hätte nichts gegen einen erfrischenden Regenguss gehabt, statt dessen wurde es sonnig. Auf dem Heimweg machte ich gemütliche Umwege durchs Glockenbachviertel, unter anderem mit Semmelholen. Zum für mich frühen (12 Uhr) Sonntagsfrühstück gab es also Semmeln.

Vorher hatte ich dann doch die Wohnung wieder gegen Hitze verrammelt. Im Dunklen machte ich ausgiebig Siesta.

Das Bachmannpreislesen vergangene Woche (nur die Jurysitzung fand vor Ort in Klagenfurt statt, die Autor*innenlesungen wurden als Aufzeichnungen eingespielt) nur aus zweiter Hand über die Twitter-Kommentare verfolgt, gestern wurde als Gewinnerin Nava Ebrahimi ermittelt. Ihr Text gefällt mir: „Der Cousin.“ Nächstes Jahr möchte ich wieder nach Klagenfurt reisen, gestern habe ich bereits mit einer Co-Schlachtenbummlerin eine Ferienwohnung reserviert.

Zum Bügeln (Sommerzeit ist Bügelzeit) hörte ich die Folge Hotel Matze „Katja Berlin – Warum nimmt man Humor nicht ernst?“ und war bestens unterhalten (ihr Lieblingsbuch ist Beloved!). Unter anderem hochinteressant fand ich, wie Katja ihre ganz persönliche Arbeitsweise beschrieb.

Gegen den Hunger, aber ohne Appetit als Nachmittagssnack Haferflocken mit Milch, ein Flachpfirsich.

Auch den Tag über hätte ein Gewitter dem Wochenende gut getan, mit Neid verfolgte ich auf Twitter die Meldungen aus Stuttgart. Immer wenn ich auf den Balkon trat in der Hoffnung, der düstere Himmel könnte die Temperatur gesenkt haben, war es draußen immer noch wärmer als in der Wohnung. Mich zog nichts raus.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Bulgursalat aus Katha Seisers Immer schon vegan gemacht und Grillkäse dazu gebraten.

Bester Bulgursalat jemals!

§

Helen Macdonald, die ich von ihrem großartigen H is for Hawk kenne, schreibt hin und wieder Essays, die Naturbeobachtung mit der Anaylse von Naturrezeption vermischen – im weitesten Sinn, denn sie enthalten immer auch den sehr persönliche Blick von jemandem, die als seltsames und einsames Kind von klein auf Tiere und Natur sehr gründlich beobachtete, deren Lebenslauf eher mäanderte als gradlinig verlief, die bis heute ein sehr eigentümlicher Mensch ist. Das Buch Vesper Flights (eben auch in deutscher Übersetzung von Ulrike Kretschmer als Abendflüge erschienen) sammelt einige dieser Essays.

Eigentümlich und anders ist auch, dass sie Tiere immer wieder in sehr menschengeformten Umgebungen beobachtet: Nachtvögel vom Empire State Building in New York aus, die größte Turmfalken-Population Dublins in Industrieruinen. Es ist Helen Macdonald ein großes Anliegen, den Blick darauf zu richten, wie stark sich das vermischt, dass „Natur“ nichts ist, zu dem man möglichst weit und in abgelegene Gebiete fahren muss. In einem Text weist sie sogar auf das Risiko von Naturparks hin: Dass die Menschen glauben könnten, wenn sie alles wilde Leben dort hinein verschieben, könnten sie es außerhalb folgenlos ignorieren oder zerstören. Immer wieder machte sie sich Gedanken darüber, warum wir mit wilden Tieren interagieren, wie wir es tun, warum sie so starke Gefühle auslösen können. Oder sie recherchiert, wie sich Vogelbeobachtung und die daraus resultierende Systematik in den vergangenen hundert Jahren verändert haben (Macdonald ist studierte Wissenschaftshistorikerin).

Ich musste deshalb sehr an sie denken, als ich Samstag in Ingolstadt auf der Busfahrt vom Bahnhof Ingolstadt Audi nach Etting inmitten der lebensfeindlichen Funktionalität der Fabrikstadt Audi die Silhouette eines Turmfalken fliegen sah – und gleich darauf am roströtlichen Gefieder einen weiteren erkannte, der sich gerade in der Spitze eines Strommastes niederließ.

Empfehlenswertes Buch – selbst wenn Sie eine Amsel kaum von einer Krähe unterscheiden können.

Journal Freitag, 11. Juni 2021 – Sommerfeierabend

Samstag, 12. Juni 2021

Wieder nahezu durchgeschlafen, ich nahm’s als Geschenk. Nach dem Aufstehen erst mal eine halbe Stunde Haushalt: Spülmaschine ausräumen, programmierte Waschmaschine ausräumen und Wäsche aufhängen, Pflanzen gießen, Brotzeit einpacken.

Die von meiner Mutter vorgezogenen Stangenbohnen nehmen die Rankhilfe (so schöne neue Wörter!) in Form von Schnur an, ich gab ihnen manuell ein wenig Ranknachhilfe fürs Holzgitter.

Der Morgen war sonnig, ich ließ gegen Aufheizen die Rollläden auf der Südseite der Wohnung herab.

Arbeit in der Arbeit, ich fühlte mich nützlich.

Mittags gab es ein Laugenzöpferl, einen Apfel, Hüttenkäse.

Pünktlicher Feierabend. Draußen weiter ein herrlicher Sommertag mit viel Sonne, aber ohne Hitze. Ich machte deshalb auf dem Heimweg einen Umweg über den Rand des Westparks, in dem die Wiesen und Wege von Sonnengenießenden genutzt wurden.

Zu Hause setzte ich nochmal Waldmeisterbowle an (am Vorabend abgetrennte und angetrocknete Zweiglein kopfüber in die Weißweinflasche stecken), machte mal wieder eine Runde Yoga – die ich sehr genoss, ich sollte die Regelmäßigkeit nach Feierabend wieder aufnehmen.

Einläuten des Wochenendes mit Waldmeisterbowle.

Als Abendessen hatte ich mir Parmigiana gewünscht, die mein Leibkoch Herr Kaltmamsell liebenswürdigerweise zubereitet hatte (wieder nach diesem Rezept, das ein wenig zu suppig ausfiel).

Wir aßen erstmals auf dem Balkon zu Abend.

Fürs Dessert gingen wir nochmal raus zur Eisdiele um die Ecke, eigene vorgekühlte Porzellanschälchen und Löffel in der Hand.

Im Bett las ich Helen Macdonalds Vesper Flights (eben auch auf Deutsch erschienen als Abendflüge): Eine Sammlung von Essays, die zwar alle mit „Natur“ im weitesten Sinn zu tun haben, aber immer wieder aus ungewohntem Blickwinkel (Verdacht: die ohnehin kluge und fachlich versierte Helen Macdonald geht von einem praktikablen Konzept Mensch-Natur aus, das die beiden Seiten weder als voneinander getrennte Gegensätze annimmt, noch den Menschen als komplett gleichgestellten Faktor wie alle anderen). Bezaubernd und überraschend zum Beispiel ihr Text über die nächtliche Zugvogel-Beobachtung vom New Yorker Empire State Building aus.


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