Bücher

Journal Dienstag, 9. April 2019 – Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen

Mittwoch, 10. April 2019

Wieder sehr gut geschlafen, selbst nach einem Klogang Viertel nach fünf nochmal bis sechs tief eingeschlafen.

Nach einem Arbeitstag mit viel Manuellem in milder Luft nach Hause spaziert. Dieser Frühling hat nach zwei Jahren Sommer im März und April endlich wieder angemessene Temperaturen, es wärmt sich langsam und mit Rückschlägen auf.

Daheim nur kurz pausiert und gewerkelt, dann mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen unserer Leserunde spaziert. Es gab wieder gut zu essen.

Frühlingssalat mit gekochten Kerndln, Spargel und Karotten aus dem Ofen mit Knusperpolenta und Ziegenkäse.
Wichtiger Nachtrag: Dazu gab es großartige Geschichten über Autounfälle und Polizeibegegnungen in Deutschland und Australien.

Geredet wurde über Maja Lunde, Ursel Allenstein (Übers.), Die Geschichte der Bienen, das ich in England gelesen hatte – an einem Tag, denn es sieht nur dick aus, hat aber wenige Buchstaben pro Seite. Und ist inhaltlich dann doch dünner, als man bei der Beschreibung vermuten möchte: Drei Bienengeschichten zu drei verschiedenen Zeiten werden ineinander geschoben. Eine spielt in der Viktorianik und dreht sich um einen Ich-Erzähler, der ein neuartiges Bienenhaus entwickelt. Die zweite spielt in unserer Gegenwart in den USA bei einem hauptberuflichen Bienenzüchter, der das Aussterben der Bienen miterlebt. Die letzte in einer nicht zu fernen Zukunft in einem dystopisch gemeinten China, in dem alle Arbeitskraft in das manuelle Bestäuben von Blüten gesteckt wird, damit die Bevölkerung nicht verhungert.

Wozu diese Handlungsstränge abwechselnd erzählt werden, erschloss sich mir nicht, denn sie beleuchten einander nicht (erst am Schluss stellt sich heraus, wodurch sie zusammenhängen, und selbst dann wird das nicht ganz klar), man hätte sie auch hintereinander hängen können. Und dann sind die Szenerien und vor allem die Personen platt und holzschnittartig. Als Leserin rollte ich nicht nur über die Kurzsichtigkeit der Ich-Protagonisten die Augen, sondern auch über die plumpe Vermittlung derselben. Sogar ärgerlich machte mich die Schilderung des Zukunfts-Chinas: In der zweiten Hälfte dieses Handlungsstrangs soll ein oppressiver Staat geschildert werden – der allerdings in seinem Totalitarismus hinter dem heutigen China zurücksteht und im Grunde das Individuum freier sein lässt als heute. Das wies für mich auf eine peinliche Unkenntnis bestehender Verhältnisse hin.

Der Empfehler des Buches blieb bei seiner Empfehlung, der Rest der Runde war sich einig, dass der Roman überflüssig ist. Aber: Jetzt habe ich auch mal norwegische Literatur gelesen.

Nächtlicher Spaziergang nach Hause, immer noch in angenehm milder Luft.
Daheim noch Pizzateig mit wenig Hefe für Mittwochabend angesetzt.

§

Don Reisinger entdeckt, dass das Internet aus Menschen besteht:
„I Thought I Understood Facebook. Then My Dad Died“.

via @tknuewer

Wir uralten Hasen des Pleistozän-Web wissen das. Es ist rührend zu lesen, wie jemand das nachträglich erkennt.

Journal Freitag, 5. April 2019 – Giesinger Freitagabend, Philip K. Dick, The Man in the High Castle

Samstag, 6. April 2019

Dafür, dass ich lang nicht eingeschlafen war, immer wieder wegen Schmerzen aufgewacht und kurz nach fünf vom Wecker geweckt worden, fühlte ich mich morgens in der Arbeit überraschend munter.

Der frühe Wecker sollte mir Zeit für eine Runde Sport vor der Arbeit verschaffen, tat er auch.

Zapfig frisch auf dem Weg in die Arbeit, den ganzen Tag blieb es bedeckt.

Ich machte früh Feierabend (also: wirklich früh), spazierte über den Hauptbahnhof nach Hause, holte mir im Hertie den gewohnten Lidstrich von Artdeco (keine Experimente mehr, das waren dann halt 13 Euro Lehrgeld), im Lindt-Laden unterm Stachus große Mengen Lindor-Kugeln.

Abends Verabredung mit Freundin im Giesinger, zu dem ich radelte (Notiz an mich: das dauert wirklich nur eine knappe Viertelstunde).

Es gab gemischtes Herz für sie (sie schickte sofort ein Foto an die Tochter, um sich diebisch über das erwartete Abscheu-Emoticon zu freuen), Wadengulasch mit gebratenen Semmelknödelscheiben und Gurkensalat für mich (sehr gut). Die Gesprächsthemen, typischer Mädelsabend halt: Schiffsantriebe (sie hat ähnliche Gründe wie ich, nach Unglücken sofort den Motorenhersteller zu recherchieren) und mögliche Gefahren bzw. Gründe für den Ausfall, die Rolle von Software im Passagierflugverkehr, Softwareprojekte in Großunternehmen und das Gewicht persönlicher Befindlichkeiten dabei, Urlaube in Zeiten des Klimawandels, jüngere Geschichte des Wäschwaschens Dorf vs. Stadt, Kinder und die veränderte Rolle von Eltern bei deren Gewissensentscheidungen, Sportsehnsucht und Sportmöglichkeiten, städtische Mobilität, Revolution.

Über zahlreichen Bieren (für mich eher Radler) wurde es fast Mitternacht, bis ich den Giesinger Berg nach Hause rollte.

§

Am Donnerstagabend hatte ich The Man in the High Castle von Philip K. Dick ausgelesen. Auch wenn die letzten beiden Kapitel belegten, dass Dick wirklich keine Romanenden kann, mochte ich das Buch insgesamt sehr.

Es gehört zum Genre alternative history und spielt in San Francisco Anfang der 1960er – allerdings in einer Welt, in der das Deutsche Reich und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Der Alltag ist japanisch geprägt, die wörtlichen Gedanken und die Dialoge imitieren im erzählten Englisch die japanische Diktion (zumindest das, was ich als Stereotyp davon im Kopf habe), Machtpositionen sind durchwegs von Japanern besetzt.

Wir lernen den erfolgreichen Antiquitätenhändler Robert Childan kennen, der gerade darüber nachdenkt, was aus seinem Sortiment amerikanischer Artefakte er einem wichtigen japanischen Kunden anbietet, dem Firmenmanager Nobusuke Tagomi. Childan stellt sich im Lauf Handlung als durch und durch loyal den neuen Machthabern gegenüber und in die Wolle gefärbter Faschist heraus, großer Fan auch des Deutschen Reichs (Reichskanzler ist mittlerweile Martin Bormann).

Weitere Protagonisten sind Frank Frink, ein jüdisch-amerikanischer Veteran des Zweiten Weltkriegs, der gerade seinen Fabrikjob verloren hat und sich mit einem Kollegen mit der Herstellung von Metallschmuck selbständig macht, Frinks Ex-Frau Juliana, die als Judo-Lehrerin in der neutralen Zone Colorado lebt, und ihr Liebhaber Joe Cinnadella, ein italienischer Fernfahrer, der sich als etwas anderes herausstellt. Praktisch alle Personen befragen für Alltagsentscheidungen ihr I Ging, aus dessen Sprüchen dann auch wörtlich zitiert wird.

Dick schildert viele Alltagsdetails unter diesen Machtverhältnissen, Hintergrund bildet auch technischer Fortschritt, den die Deutschen angetrieben haben (u.a. wird interkontinental mit Raketen gereist). Der interessante Twist, auf den auch der Titel des Romans anspielt: In vielen Regionen verboten ist in dieser Zeit der Bestseller-Roman The Grasshopper Lies Heavy, eine alternative history, in der Japan und die Nazis den Zweiten Weltkrieg verloren haben – allerdings ganz anders als in unserer wirklichen Historie. Der Reiz liegt darin, dass Dick sich ausgedacht hat, wie jemand in seiner alternativen Welt sich eine alternative Welt zusammenreimen würde. Vom Autor heißt es, er lebe in einer festungsartigen Anlage namens „High Castle“ in Wyoming.

Journal Montag, 18. März 2019 – Warum wir lesen, was wir lesen

Dienstag, 19. März 2019

Kurz nach fünf aufgeweckt worden aus einem Traum, in dem riesige wunderschöne Greifvögel eine Rolle spielten. Aber ich wollte vor der Arbeit noch ein wenig Sport treiben und hatte den Wecker gestellt. Sport treiben tat ich dann auch (dasselbe Programm wie am Sonntag vor einer Woche, hoffentlich diesmal nicht von demselben Bomben-Muskelkater die nächsten vier Tage gefolgt).

Kalter Morgen, ich hätte durchaus eine Mütze vertragen. Über den Tag wurde es noch kälter, auf dem Heimweg sah ich meinen gefrorenen Atem vor mir.

Abendverabredung zu Cocktails im Auroom.

§

Diesen Essay zum Habitus der Buchlektüre hatte ich vor zwei Jahren gar nicht mitbekommen (vielleicht weil ich seit vielen Jahren bei Bloggen vs. Journalismus-Gezicke reflexartig wegsehe), er ist aber exzellent durchdacht und geschrieben, dadurch hochinteressant:
„Zur Kritik des normierten Lesens“.

Jetzt hat Autorin Katharina Herrmann ihre Gedanken weitergeführt und zwar zu dem Umstand, dass Höhenkammliteratur nicht mehr einer gewachsenen Schicht gehört: Die Gruppe der Berufsleser setzt sich aus deutlich mehr Herkunftsmilieus zusammen als noch vor einigen Jahrzehnten.
„Zur Kritik des normierten Lesens II: Einige Ergänzungen“.

die Bildungsaufsteiger/innen, nicht die Mitglieder der Oberschicht, sind es, die Hochkultur besonders ernst nehmen, die sie sich mit besonderem Fleiß aneignen, und sich deswegen gegenüber den Kindern der Oberschicht unterscheiden, da letztere all dieses kulturelle Kapital ererbt haben und über es mit Leichtigkeit, Eleganz und einer gewisser Distanziertheit verfügen können

via @pinguinverleih1 – Bildungsaufsteigerin wie ich.

Selbst neigte ich eigentlich zur feuilletonistischen Hochnäsigkeit, verstärkt durch eine Schulzeit an einem humanistischen Gymnasium und durch eine Mutter, die sehr klar (in ihren Augen hochwertige) E- und (minderwertige) U-Kultur unterschied. Doch dann kam die Liebe: Die zu Asterix, die zu gut gemachten Schundromanen (die, wie ich später erfuhr, Umberto Eco fundiert von schlechten zu unterscheiden wusste), die zu Freunden, die sich sehr intelligent mit Unterhaltungskultur beschäftigten und schließlich die zum hoch respektierten Herrn Kaltmamsell, der Feuer und Flamme für Pulp Fiction war. Außerdem geriet ich an der Uni in die Theorieepoche der Postmoderne, deren Aufhebung von kulturellen Hierarchien meinem Gerechtigkeitsbedürfnis entgegen kam.

Meine Hochnäsigkeit wurde dadurch in Summe keineswegs geringer, sondern lediglich umgeleitet: Sie richtet sich jetzt gegen diejenigen, die ihre Abgrenzungs- und Distiktionsreflexe nicht reflektieren.

§

In der Zeit wird von den Speisewagen der tschechischen Bahn geschwärmt:
„Unterwegs in weinroter Pracht“.

via @MlleReadOn

  1. Innerliches Quietschen über die Kombination der Flughöhen Lesehinweis und Nick. []

Journal Samstag, 8. März 2019 – Brighton Rückreise

Sonntag, 10. März 2019

Wir hatten einen gemütlichen Rückflug ausgesucht, der uns genug Zeit für Schlaf und Wohnungräumen ließ. Brighton verabschiedete uns mit grauem Himmel.

Auf dem Weg zum Bahnhof ein kurzer Abstecher nach North Laine, um am Ferienwohnungsbüro den Wohnungsschlüssel in den Briefkasten zu werfen. Die Zugtickets hatte ich bereits online gekauft, ausdrucken mussten wir sie allerdings vor Ort am Automaten: Da britische Zugtickets einen Magnetstreifen für das Passieren von Schranken haben, kann man sie nicht selbst ausdrucken. Wir hatten noch Zeit, Frühstück zu besorgen.

Im Zug erfreuliche neue Technik: Ein Bildschirm zeigte an, an welcher Stelle des Zugs wir saßen und wie voll besetzt die einzelnen Waggons waren („Train Loading Indicator“) – an diesem Samstagvormittag alle spärlich, doch zu emsigeren Zeiten sicher eine praktische Information, wo noch Platz ist. Dann zeigte der Bildschirm an, wo man die Klos im Zug findet sowie welche davon barrierefrei, außer Betrieb oder gerade besetzt waren.

Am Flughafen lief alles glatt, Zeit für Kaffee. Unser letztes Kleingeld gaben wir für abgepackte Flapjacks aus.

Unspektakulärer Heimflug, in der S-Bahn nach Hause war ich mit meiner aktuellen Lektüre durch: Robert Galbraith, Career of Evil. Der dritte Band der Krimi-Reihe um Cormoran Strike und Robin Ellacott hatte sich viel zu lang hingezogen, da fehlte eine energisch straffende Hand. Zu viele Figuren, zu viel Hin und Her. Was weiterhin gut funktionierte, war die Erzeugung von Atmosphäre. Aber Lust auf weitere Bände habe ich jetzt nicht mehr.

In München stellten wir nur schnell unser Gepäck ab und gingen dann Lebensmittel einkaufen. In der Post wartete unter anderem eine schöne Überraschung: Die wundervolle Schnapsidee von @MlleReadOn, Kunstgeschichte als Brotbelag, ist ein Buch geworden – und ich bekam ein Rezensionsexemplar.

Normaler Reiseausklang: Blumen gießen, Koffer auspacken, Inhalte sortieren und verräumen, Wäsche waschen. Zum Nachtmahl kochte uns Herr Kaltmamsell ein Curry aus Auberginen und roten Paprika (hervorragende Kombi), dazu Naan, ich steuerte Gurkensalat bei.

Im Fernsehen ließen wir Monument Men laufen, weil ich herausfinden wollte, warum diese so attraktiv klingende Filmidee mit sensationeller Besetzung in der Umsetzung so gefloppt war. Die Antwort: Weil der Film sich nicht entscheiden konnte, was er erzählen wollte und in welcher Art Film.

Journal Dienstag, 5. März 2019 – Brighton 4, Einkaufsbummel, Abend im Market, Eleanor Oliphant is Completely Fine

Mittwoch, 6. März 2019

Sehr gut geschlafen – das tut so gut.
Draußen hauptsächlich blauer Himmel, doch ich spürte das Joggen plus Herumlaufen vom Vortag in den Füßen: Keine Lust auf nochmaligen Lauf. Plan für den Tag war: Bummeln durch Geschäfte, vor allem in North Laine.

Ausblick von der Ferienwohnung. Am Horizont eine lange Kette Offshore-Windkrafträder.

Erst mal Teetrinken und Herumwohnen, Herr Kaltmamsell über Arbeit, ich über Internetlektüre.

Zum Kaffeetrinken in eine der vielen kleinen neuen Röstereien, Small Batch.

Schlendern durch Waterstone’s, Geschäfte in North Laine.

Weitere Ausfälle. Eine der Hauptattraktionen Brightons waren bei meinen ersten Besuchen vor 20 bis vor 15 Jahren die vielen Second-Hand-Buchläden verschiedenster Spezialisierungen gewesen, von dem Laden an der Queens Road, in dem einfach ein riesiger Haufen Bücher bis kurz unter die Decke lag, durch den man sich wühlen konnte, bis zum edlen Antiquariat an der Duke Street und alles dazwischen. Sie sind nach und nach verschwunden, nun ein weiterer. Bleibt meines Wissens nur noch der kleine Laden in der Trafalgar Street, der auch CDs und Platten verkauft (von dessen Existenz wir uns gestern überzeugten).

Ich kaufte in der Lieblingspapeterie einen Stapel schöner Blanko-Glückwunschkarten mit Vogelmotiven, außerdem am gewohnten Ort eine Tüte Gummizeugs nach Gewicht.

Ausgewogenes Frühstück, so wichtig.

Mittagessen im Pub:

Pie of the day für Herrn Kaltmamsell (Chicken, Mushrooms, Vegetables), Süßkartoffel- und Kichererbsen-Curry mit gebratenen Tofuwürfeln für mich. Und ja: Im Hintergrund sieht man die Reifen eines Rollstuhls. Weil in UK auch noch so traditionelle, historische und denkmalgeschützte Pubs barrierefrei sein müssen, das geht.

Zum Glück fanden wir doch noch den kleinen Herrenausstatter, bei dem sich Herr Kaltmamsell schon zweimal zuvor eingekleidet hatte (die kundigen und fürsorglichen Besitzer sind in einem vorgerückten Alter, das ein Verschwinden des Ladens nicht überraschend gemacht hätte). Wieder fand er schnell ein paar schöne Hemden und eine passende Jeans, jetzt ist für die nächsten Jahre Ruhe.

Der Herr ging mit den Einkäufen zurück in unsere Wohnung, ich bummelte noch ein wenig weiter durch das Einkaufszentrum Churchill Square. Eine große Enttäuschung sind dieses Jahr die Schuhgeschäfte: Zwei Drittel des Angebots besteht mittlerweile aus Turnschuhen, die Sneaker genannt werden (im Gegensatz, wenn ich das richtig verstanden habe, zu Trainers, in denen man tatsächlich Sport treibt).

Zurück in der Ferienwohnung setzte heftiger Regen ein.

Fürs Abendessen hatte ich schon von München aus einen Tisch im Market reserviert. Die Besitzer sind immer noch dieselben wie die des fabelhaften Graze zuvor (wo ich unter anderem meine ersten Taubenbrüste aß und spanischen Gewürztraminer kennenlernte, hier ein Blogpost über meine ersten Besuch dort), vor drei Jahren hatten wir festgestellt, dass auch im neuen Konzept ausgezeichnet gekocht wird. Und auch diesmal bekamen wir deutlich Überdurchschnittliches serviert – unter dem seltsamen Titel „Tapas Menu“. Wir bestellten einen schönen Borsao Tres Picos Garnacha dazu.

Wir aßen (von links oben im Uhrzeigersinn: Jalapeño-Croquetas mit Zatar-Majo, Ziegenkäse-Churros mit warmem Trüffelhonig zum Dippen (beide Teller sensationell), mit Idiazabal überbackenen Kohlrabi auf Romesco (wird dringend nachgebastelt), gebackene Aubergine mit Honig und Limette, Nachtisch war Karamellparfait mit Haselnüssen und salzigem Karamell, Baskisches Ragu mit Morcilla, Chorizo und Nudeln, Miesmuscheln in Räucherpaprika-Sahne mit Chorizostückchen (beste Kombination mit dem Garnacha).

Ich fragte die herzliche und freundliche Bedienung, woran den die Durchgängigkeit der Qualität liege, ob das etwa noch dieselbe Küchenmannschaft wie im Graze sei. Nein, antwortete die Dame, die Mannschaft sei komplett neu, das sei allein die Handschrift der Besitzer.

(Als ich ihr erklärte, dass wir ja schon seit vielen Jahren regelmäßig in Brighton Urlaub machen – ich habe nachgezählt, es sind bald 20 – , fühlte ich mich als Brighton-Veteranin ein wenig in derselben Spießerliga wie Dauercamper.)

§

Gestern las ich Gail Honeyman, Eleanor Oliphant is Completely Fine aus. Ich wusste nichts über das Buch, außer dass Vielleserinnen Anne Schüßler und Novemberregen begeistert waren und es sich um einen Bestseller handelte. So führte mich der Anfang erst mal in die Irre: Ich hatte den Eindruck, dass sich über die Hauptfigur und Ich-Erzählerin, über ihre Schrulligkeiten lustig gemacht wurde, dass ich es mit launiger chick lit zu tun hatte. Noch dazu passten einige Dinge nicht zusammen: Diese junge Frau mit Spitzen-Uniabschluss nutzt ihre Mittagspausen, um den Daily Telegraph von vorne bis hinten zu lesen – aber will keine Ahnung haben, worum es geht, als sie im Enthaarungsstudio nach ihren Präferenzen gefragt wird; das hätte sie bei ihrer jahrelangen Lektüre zumindest aus dem Augenwinkel mitbekommen. Dann wurde sie auch noch mit der verbotenen Technik der Spiegelschau beschrieben (Hauptfigur betrachtet sich im Spiegel und erzählt systematisch, was sie sieht – das denkt niemand beim Blick in den Spiegel!)1 – ich war verärgert.

Doch nach und nach zeigte sich, dass diese Hauptfigur eine sehr verstörte Persönlichkeit ist, die unzählige Dämonen mit viel Mühe und eiserner Disziplin zusammenhält. Da sie gleichzeitig als überdurchschnittlich schlau beschrieben wird, kann sie Wahrnehmungen beschrieben, die ihren Schlüssen daraus komplett widersprechen – ohne dass das unglaubwürdig wirkt. Wir lernen Glasgow kennen, Büroleben, außerdem den neuen Arbeitskollegen Raymond aus der IT, der langsam und wider jede Wahrscheinlichkeit ein Freund Eleanors wird. Und wir begleiten Eleanors Veränderungsprozess, in dem sie sich den unabsichtlichen Nebenwirkungen ihrer Bewältigungsmechanismen stellt. Sehr gut gemacht, das ganze Thema und die ganze Geschichte hätten fürchterlich schief gehen können. Empfehlung.

§

Warum die mangelnde Präsenz von Frauen nicht nur für Durchzählerinnen ein Thema sein sollte (auch ich habe eine Freundin, die betont, dass sie sich sehr wohl durch die Mehrheit von Männern in Machtpositionen repräsentiert fühlt): Sie ist lebensbedrohlich für die weibliche Hälfte der Menschheit. Ein Artikel von Caroline Criado-Perez im Guardian listet auf, welche Lebensbereiche von Stimmerkennung über Medikamente bis Schutzkleidung die Einbeziehung weiblicher Merkmale vernachlässigen und Frauen dadurch in Gefahr bringen.
„The deadly truth about a world built for men – from stab vests to car crashes“.

via VanessaGiese

The impact can be relatively minor – struggling to reach a top shelf set at a male height norm, for example. Irritating, certainly. But not life-threatening. Not like crashing in a car whose safety tests don’t account for women’s measurements. Not like dying from a stab wound because your police body armour doesn’t fit you properly. For these women, the consequences of living in a world built around male data can be deadly.

(Sonderqietschen, weil die Autorin ebenso wie ich bei diesem Thema immer an das Lied aus My fair lady denkt: “Why can’t a woman be more like a man?”)

On the face of it, it may seem fair and equitable to accord male and female public toilets the same amount of space – and historically, this is the way it has been done: 50/50 division of floor space has even been formalised in plumbing codes. However, if a male toilet has both cubicles and urinals, the number of people who can relieve themselves at once is far higher per square foot of floor space in the male bathroom than in the female bathroom. Suddenly equal floor space isn’t so equal.

  1. Dabei kann ich mir durchaus Möglichkeiten vorstellen, mit denen man einen Spiegelblick zur Beschreibung nutzen kann, zum Beispiel wenn die Figur eine Veränderung bemerkt: „Die grauen Haare zwischen den dunklen fielen in der längeren Frisur mehr auf.“, „In diesen Jeans sahen meine sonst so durchschnittlichen Beine direkt lang und schlank aus.“ Oder man könnte die Figur über Spiegelei nachdenken lassen: „Sie musste sich immer wieder daran erinnern, dass nur sie im Spiegel das leuchtende Muttermal auf dieser Seite sah; entgegenkommende Menschen sahen das natürlich auf der anderen Seite.“ etc. []

Journal Donnerstag, 21. Februar 2019 – Reharecherche und James Baldwin, If Beale Street could talk

Freitag, 22. Februar 2019

Ein kurzer Arbeitstag gestern: Ich hatte zwar den spätest möglichen Termin bei der Deutschen Rentenversicherung zur Reha-Beratung gebucht, den um 15 Uhr, aber das hieß halt trotzdem, dass ich mir fast einen halben Tag frei nehmen musste.

In Neuperlach bekam ich an einer großen Empfangstheke ein Nummernzettelchen und wartete in einer Sofalandschaft, bis ich aufgerufen wurde. Der Beratungstermin selbst war schnell vorbei: Es wurde festgestellt, dass ich grundsätzlich berechtig bin, dann druckte die Angestellte die nötigen Formulare aus und erklärte freundlich und kurz, wie sie auszufüllen und wohin sie zu schicken waren. Als Bearbeitungszeit nach Abschicken kündigte sie etwa drei Monate an.

Auch wenn ich nicht wie erhofft mit abgeschlossenem Antrag aus der Beratung kam, half sie mir: Alternativ hätte ich mich durch all die verlinkten Formulare auf der Website lesen müssen und selbst das Relevante finden.

Beim Heimkommen bemerkte ich Krähenrufe in einem der großen Bäume vor unserem Haus. Als ich die Krähe oben im Baum entdeckte, sah ich, dass ihre Rufe ein Ziel hatten: Da saß, unbewegt, ein Sperber (weil nur gut taubengroß wahrscheinlich ein männlicher). Bald setzten sich weitere Krähen um ihn herum, Herr Sperber saß weiter stoisch und guckte.

Abends Leserunde bei uns. Ich hatte Ofenkürbis mit Auberginensoße aus Ottolenghis namenlosem ersten Kochbuch zubereitet, dazu Ruccolasalat.

Das passte überraschend gut zusammen und ganz hervorragend dazu der Grüne Veltliner von Meinklang, den ich zum Probieren gekauft hatte.

Gelesen hatten wir James Baldwin, If Beale Street could talk, veröffentlicht 1974, bzw. deutsch von Miriam Mandelkow Beale Street Blues. Selbst hatte ich den Roman auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen. Durchaus zuvorderst als die Geschichte des jungen schwarzen New Yorker Paars Tish und Fonny in den späten 1960ern/frühen 1970ern, also die Geschichte ihrer Familien, des Alltags mit Arbeit, Kirche, Schule, Liebe – und Willkür der weißen Behörden. Ich merkte, dass ich mich immer wieder daran erinnern musste, dass die handelnden Personen bis auf markierte Ausnahmen PoC waren. Das lag zum einen daran, dass mein Lesen durch und durch davon geprägt ist, dass sonst Weiße über Weiße erzählen, dass die Norm weißer Alltag ist. Aber auch daran, dass Baldwin ganz in der Tradition klassischer Romane schreibt (anders als zum Beispiel Chimamanda Ngozi Adichie, deren selbstbewusste Perspektive und Erzähltechnik mich sofort in ihre nicht-weiße Welt mitnahmen) – eine weitere Leseebene. Eine klare eigene Stimme, die sich von der weißen Tradition abgrenzt, las ich in den wenig später erschienenen Romanen von Alice Walker und Toni Worrison. Doch auch Baldwins Figuren sind vielschichtig, haben einen vielschichtigen Alltag, komplexe Beziehungen – und sind Opfer der Verhältnisse, in denen die schlechte Laune eines weißen Polizisten Leben zerstören kann.

Erzählt wird aus der Perspektive der jungen Tish, die eben ihre Schwangerschaft entdeckt hat. Der Vater des Kinds, ihr Partner Fonny, sitzt im Gefängnis. Wir erfahren erst nach und nach, was ihm vorgeworfen wird. Die Handlung des Romans erzählt, wie Tishs Familie versucht, ihn zu enlasten. In Rückblicken erfahren wir die Geschichte seiner Kindheit und Jungend, unter anderem, wie er und Tish ein Paar wurden.

Ich las If Beale Street could talk aber auch als zeitgebundenes Gesellschaftsgemälde, das das New York der 60er und die Menschen darin zeichnete (inklusive, für mich sehr interessant, den Jargon, den sie verwenden). Mich bedrückte das Bewusstsein, wie wenig sich bis heute an der fehlenden Chancengleichheit verändert hat; kein Wunder, dass bei der Besprechung der aktuellen Verfilmung immer wieder der Bogen zu „Black Lives Matter“ geschlagen wird.

Die anderen aus der Runde hatten den Roman meist nicht ganz gelesen, aber aus Zeitgründen. Es herrschte allgemeines Wohlwollen, wir waren uns aber einig, dass die Bedeutung von If Beale Street could talk vor allem außerliterarisch ist. (Unter anderem geht Baldwins Versuch, aus der Perspektive einer jungen Frau zu schreiben, stellenweise fast lächerlich schief.) Außerdem gab es einige Hinweise darauf, dass sich die deutsche Übersetzung deutlich anders liest; unter anderem wirken die Dialoge im Englischen wie alltägliche Straßensprache, im Deutschen kommen die eingestreuten Kraftausdrücke erheblich brutaler rüber.

§

Seyda Kurt zum gestrigen Tag der Muttersprache:
„Tag der Muttersprache: Ich will nicht mehr, dass Menschen verstummen“.

Bei den Diskussionen um Herkunfts- und Dominanzsprache geht es wohlgemerkt nie um das Französische oder Englische – genau so wenig, wie es um französische oder britische Migrant*innen geht, wenn von Integration gesprochen wird. Es geht immer um Menschen, die selbst in der zweiten, dritten Generation aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft als fremd gelesen werden. Es geht um marginalisierte Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens oder der Klasse, der sie angehören, das Selbstbild einer kulturell homogenen, weiß-christlichen Gesellschaft stören. Während ein französischer Akzent als charmant und feingeistig wahrgenommen wird – mais oui, das passt doch zu uns Deutschen durchaus! – wurden meine Eltern aufgrund ihres türkischen Akzents oft verhöhnt.

Journal Montag, 11. Februar 2019 – Thomas Bernhard, Alte Meister

Dienstag, 12. Februar 2019

Abends im Bett las ich Thomas Bernhards Alte Meister aus. Über die Seiten hatte ich mich mit ihn ausgesöhnt, nämlich als immer klarer wurde, dass diese Suada aus zweiter und dritter Hand (der Ich, der sich als Atzbacher herausstellt, zitiert durchgehend die Hauptfigur Reger, bis auf das letzte Viertel, aus dem Gedächtnis, meist sogar indem er einen dritten, den Irrsigler zitiert, wie der Reger zitiert) genau das Dauergenörgel und -gezeter von Männern auf den Arm nimmt, die selbst nur aus zweiter und dritter Hand leben, aber zu allem eine Meinung haben, und zwar eine schlechte. (Eine weitere Verschachtelung lässt einen impliziten Erzähler mitspielen, das Ganze wird präsentiert als „schreibt Atzbacher“.) Wahrgenommen wird nur, um bestehende Urteile zu bestätigen. Die litaneiartigen Pauschalverurteilungen von allem und jedem enden oft in dem „Das ist die Wahrheit“, das man von eben den alten Krauderern kennt, die im Bushäusl vor sich hin schimpfen und an die mich das Buch bald erinnerte. Der Eindruck eines Geleiers wird vom Seitenspiegel verstärkt: Es gibt keinen einzigen Absatz, der Text fließt Seite für Seite, nur durch gelegentliche Kursivsetzungen aufgelockert. Gleichzeitig heischt der Roman (?) Erbarmen für die einsamen Gestalten (es agieren nur Männer), die nicht staunen, sich nicht einlassen können, denen jede Neugier fehlt, die alles schon wissen und dieses Wissen lieber ihrer Umgebung aufdrängen, selbst ihren liebsten Menschen, als sich selbst für Neues zu öffnen. Beim Schlusssatz lachte ich sogar lauf auf. Darf im Regal bleiben. (Das Buch hatte ich 1986 gekauft, es war eines von denen, über das Griechischlehrer Nusser im Leistungskurs gesprochen hatte und das deshalb auf meine Leseliste gekommen war; und so besitze ich eine Erstausgabe. Allerdings habe ich keinerlei Erinnerung ans Erstlesen.)

Nachts hatte ein Sturm so laut getost, dass ich bereits beim Schlafengehen die Ohren verpaxt hatte.

Nach den milden Temperaturen vom Sonntag war es auf dem Weg in die Arbeit schneeregnend supergreislich. Zumindest hatte der nächtliche Wind so weit abgeflaut, dass ich einen Schirm nutzen konnte.

Arbeit in der Arbeit. Aus Gründen bekomme ich derzeit sehr viele Telefonanrufe (Contenance kostet manchmal sehr viel Kraft), konzentriertes Werkeln an einer Sache ist völlig unmöglich. Das wird wohl noch ein paar Tage so bleiben.

Pünktlicher Feierabend, weil ich noch zur Post musste.

Daheim werkelte Herr Kaltmamsell bereits in der Küche, er bereitete Suppe mit Schwarzkohl und Kartoffeln aus Ernteanteil zu, angelehnt an dieses Rezept von Küchenlatein – das sich wiederum auf den Caldo Gallego bezieht, den ich aus Nordspanien kenne. Deshalb kochte er auch mit Chorizo statt Kabanossi. Schmeckte ganz ausgezeichnet.


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