Bücher

Journal Donnerstag, 19. Mai 2022 – Kinderwunschwut

Freitag, 20. Mai 2022

Die Nacht wurde nach schlechtem Einschlafen (heftiges Frieren trotz Maienmilde, abgelöst von Glutattacke) zerschnitten von einer brutalen Krampfattacke im rechten Unterschenkel und Fuß, die mich mehrfach laut quer über die Nachbarschaft jaulen ließ. Erst ausdauernde LWS-Dehnung auf dem Teppich (auf dem Rücken liegend Knie anziehen abgewechselt mit Vorbeuge) löste sie. Zefix.

Ich ging in die Arbeit in herrlichem Sonnenschein, kombiniert mit Morgenkühle, trug ein Sommerkleid.

Tag der besonders unangenehmen Glutattacken, pro Stunde mindestens eine. Bis die Hormonmedikamente wirken, werde ich mich noch gedulden müssen. (Jeder einzelne Anfall erzeugt als Gefühl wilden HASSHASSHASSHASSHASS! Der mindestens so erschöpft wie die Glutattacke selbst.)

Mittags Pumpernickel mit Butter, eine riesige Orange.

Auf dem Heimweg nach Feierabend war es heiß, viel zu heiß für die Jahreszeit. Bei der Essensplanung denke ich an kalte Suppen wie Gazpacho oder Okroschka – doch die Zutaten dafür wären hier bezeichnenderweise erst in Monaten reif. Ich suchte Schattenschutz, litt beim Queren der Theresienwiese.

Zu Hause (schön kühl, wir lassen bereits wieder tagsüber die Rollläden runter und schließen alle Fenster außer die zum kühlen Lichthof) erstmal Yoga (anstrengendes Dehnen), dann gab’s zum Abendessen den eben geholten Salat aus Ernteanteil mit Tahini-Dressing, Erdbeeren mit Sahne, Schokolade.

Es waren Gewitter angekündigt, doch es zog lediglich der Himmel zu.

Schon Mittwochabend hatte ich Mareike Fallwickls Roman Die Wut, die bleibt angefangen, um mich herum vielfältig und durchgehend empfohlen. Mal sehen, ob ich über den massiv trennenden Umstand hinweg komme, dass ich noch nie Fortpflanzungssehnsucht verspürte, dass ich einen persönlichen Beitrag zur globalen Überbevölkerung nicht den Bruchteil einer Sekunde in Erwägung zog – und deshalb wohl schon von Kindesalter an all die Beschwernisse und Selbstaufgaben des Mutterlebens registrierte, weil so sind Babys nun mal und so sind Kinder nun mal – “Sie fressen dich mit Haut und Haar” heißt das im Roman -, für die viele Frauen mit Fortpflanzungssehnsucht zumindest teilweise blind zu sein scheinen, doch nur im besten Fall gibt’s zum Ausgleich Glückshormone, Stichwort: “Aber wenn’s dich EINMAL anlacht!”

Bislang, bis zum ersten Drittel des Romans, identifiziere ich auf dieser Basis reflexartig als Ursache des ganzen beschriebenen Unglücks exakt diese Fortpflanzungssehnsucht, die nie hinterfragt wird, deshalb ist diese Ziel meiner Wut. Was falsch sein muss, sonst wäre ich nicht die Einzige mit dieser Analyse. Und der Roman ist sicher nicht als Plädoyer für konsequentere Verhütung geschrieben, wir haben ja eine Protagonistin, die ihre Freundin an der Mutterschaft hat zugrundegehen sehen, selbst bereits nach einem Tag Kinderhüten komplett am Boden ist – ohne dass das im mindesten ihren eigenen Kinderwunsch mindert. Tragisch.

§

Prodesse et delectare ist ja der Sinn meines Bloggens (vor allem mich, bilden Sie sich da nichts ein). Hier erklärt Lars Winkelsdorf in einem Twitter-Thread, “wieso die jetzt in Berlin für ihre Exportpolitik einen ‘Beauftragten’ brauchen und wieso das mit den Ausfuhren aktuell beim Ukraine-Krieg nicht funktioniert”.

§

Kluge Gedanken von Schriftstellerin und Fotografin Taiye Selasi zum Konstrukt “Nation” und zu Herkunft:
“Don’t Ask Where I’m From, Ask Where I’m a Local”.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/LYCKzpXEW6E

via Swissmiss

Mein Ergebnis der three Rs, wo bin ich ein Local?
Rituals: München (plus ein wenig Kastilien und Südengland)
Relationsships, “people who shape your emotional experience”: (Auch wenn Selasi Facebook explizit ausnimmt – was nur bedeutet, dass sie anders oder gar nicht online lebt) mein Mann, das Web, meine Eltern, Schwiegereltern, die Bruderfamilie sind Zuhause
Restricions: Europa, Frausein

Journal Mittwoch, 4. Mai 2022 – Die vergessene Trinkflasche

Donnerstag, 5. Mai 2022

Noch eine Nacht mit reichlich Schlaf, auch wenn er nicht besonders tief war. Beim Aufwachen hatte der Regen aufgehört.

Auf der Theresienwiese sah ich sogar Pfützen in den un-asphaltierten Bereichen!

Bei Ankunft im Büro Bestürzung beim Auspacken meiner Brotzeit aus der Arbeitstasche: Ich hatte vergessen, zu meinen Sportsachen für den Abend die Wasserflasche einzustecken. Ein Teil meines Hinterhirns war also den ganzen Tag mit den riesigen und unzähligen daraus resultierenden Problemen beschäftigt (Einfach nichts trinken, so schlimm ist eine Stunde Crosstrainer bei kühlen Temperaturen nicht? In der Cafeteria eine Flasche Apfelschorle kaufen und mitnehmen? Ach nee, ist aus Glas, könnte ich bei meinem legendären Ungeschick zerdeppern. Kleinen Umweg auf dem Weg zum Verein über Supermarkt machen, dort Apfelschorle in Pfandplastikflasche kaufen?).

Über den Vormittag gut machbare Arbeit.

Mittags gab es Birnen sowie Sahnequark mit Dosenpfirsichen (Rest von vor zehn Tagen). Dazu nochmal Regen, hurra. Er prasselte mit Vehemenz gegen die Fenster, vielleicht wusch er endlich den Saharastaub vom März fort.

Ich machte pünktlich Feierabend für Crosstrainer-Strampeln im Verein, Umweg über Supermarkt für Getränkkauf. Auf der Fitnessgalerie hörte ich mit Blick auf ein Basketballtraining (was mich immer an meinen Basketballtrainer-Bruder denken lässt) den Podcast Fix und Vierzig:
“11. Was müssen wir über die Wechseljahre wissen, Sheila de Liz?”
Zwar habe ich dann doch ein deutlich anderes Frauenbild als die interviewte Gynäkologin/Bestsellerautorin, und ihre nicht-medizinischen Verallgemeinerungen über “die Frauen” stießen mir wie alle solche unangenem auf (Grüße von einer Mittfünfzigerin, die weiße, kurze Haare saucool findet, siehe Jamie Lee Curtis). Doch ich bekam einige Informationen aus Jen Gunter’s Menopause Manifesto aufgefrischt, werde meinen Termin bei einer weiteren Gynäkologin nächste Woche mit konkreteren Fragen und Bitten antreten. Und ich lernte, dass der Facharzt Gynäkologie keineswegs tieferes Wissen über Hormone umfasst, dass Gynäkolog*innen wohl nur für die Fortpflanzungsfunktion des weiblichen Körpers ausgebildet werden.

Während meiner Sporteinheit ging draußen ein weiteres Gewitter mit Hagel und heftigem Regen herunter, ich sah die Spuren beim Verlassen der Sporthalle, musste tiefen Pfützen ausweichen. In fortgesetztem Regen ging ich nach Hause und wurde mittelnass.

Herr Kaltmamsell servierte zum Abendessen Kartoffel-Käse-Brei Aligot mit gebratenen Paprikaschoten und grünem Spargel aus der Pfanne – ganz wunderbar. Nachtisch Osterschokolade, im Fernsehen ließen wir Twelve Monkeys laufen, Brad Pitt und Bruce Willis in Höchstform. Aber an einem Arbeitstagabend habe ich nicht die Ruhe für einen ganzen Spielfilm, ich ging gewohnt früh ins Bett.

§

Laurie Penny veröffentlicht ein Kapitel aus ihrem Buch Sexual Revolution zur kostenlosen Lektüre, weil die dort gesammelten Fakten (für alle führt sie Quellen an, in den Ausschnitten unten habe ich die Fußnoten entfernt) und Gedanken zur Abtreibungsdebatte erschreckend akutell und relevant geworden sind.
“Do women have a Right to Life?”

Every year, in Great Britain, 10,000 people are treated for post-traumatic stress disorder as a result of giving birth, and tens of thousands more are injured in the process of delivery. One study found that several months after enduring labour, 29 per cent of women had fractures in their pubic bones and 41 per cent had tearing and severe damage to their pelvic floor muscles. For human beings, pregnancy and childbirth are dangerous, risky, exhausting, terrifying and painful. Even with modern medical advances, about one woman in 10,000 still dies in childbirth, and many more will be permanently and seriously injured. Women frequently emerge from pregnancy and childbirth with permanent nerve damage, lifelong pain or PTSD. In context, that’s about the same risk an American soldier takes on when he or she signs up for a tour of duty in a foreign war. Pregnancy and childbirth are brutal. And forcing them on anyone against their will is barbaric.

(…)

As the debate about a woman’s ‘right to choose’ to terminate pregnancy rages around the Global North, as sadistic restrictions on abortion access continue to be written into law by all-male committees around the world, the physical realities of pregnancy and birth are almost never discussed.

The public conversation around abortion still centres on the question of whether a fetus has human rights, whether a fetus can feel pain, whether a fetus is a person. The question of whether a foetus is a person is unanswerable by science. The question of whether a woman is a person, however, is not up for debate – and it is female personhood and female pain that ought to decide the issue. Sometimes, though, men get together in a room to decide otherwise.

(…)

Criminalising abortion makes female sexual agency a crime. That is what it is designed to do. It is very much the point. Give the Tony Tinderholts of this world some credit for candor: they’ve openly said that what they care about isn’t protecting babies but punishing sluts who think they can just have sex without social consequences. Consequences that could well include dying alone and in pain after a botched home abortion, or feeling your flesh tear and your bones break as you shove out nine pounds of raw, screaming need, delivered at gunpoint in the shadow of the electric chair.

(…)

Making abortion illegal doesn’t stop it from happening. Conservatives know that full well. In nations where abortion access is restricted, they don’t have fewer dead babies – but they have a lot more dead women. Around the world, 5 to 13 per cent of maternal mortality results from unsafe abortion. The point is to send a clear message that uppity hussies have been having their own way for far too long, and that there should be consequences. The point has never been that babies matter. The point is that women don’t.

§

Apropos: Hier eine rechtliche Einordnung des Entscheidungvorschlags des US Supreme Court zum Recht auf Abtreibung in den USA im Verfassungsblog. Autorin Sarah Katharina Stein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Öffentliches Recht, Abt. 1: Europa- und Völkerrecht an der Universität Freiburg.
“Das Ende von Roe v. Wade”.

via @CucinaCasalinga

(Für solche Artikel habe ich mehr als ausreichend Leseenergie. Für “offene Briefe” von Künstler*innen zu ihnen komplett sachfremden Themen halt nicht. Menschen sind verschieden.)

Journal Mittwoch, 27. April 2022 – Hildegard Knef, Der geschenkte Gaul

Donnerstag, 28. April 2022

Wieder eine unruhige, aber deutlich bessere Nacht, keine Lücken zu beklagen.

Als ich früh wie immer aufstand, war Herr Kaltmamsell schon fort: In Bayern ist Abitur.

Die Linden um die Theresienwiese tun ihren April-Job: Grünen.

Geschäftiges Arbeiten, nützliche Informationen.

Mittags gab es Apfel, Birchermuesli mit Joghurt, Banane.

Pünktlicher Feierabend, den ich wollte auf den Crosstrainer im Verein. Die Wolken hatten aufgerissen.

Frühlingsfarben im Bavariapark.

Im renovierten MTV-Gebäude fand ich mich diesmal schon besser zurecht. Auf dem Crosstrainer hörte ich einen Podcast zu gewaltfreier Kommunikation, um endlich mal ein konkreteres Bild davon zu bekommen. Stellt sich heraus: Mit den Inhalten bin ich gut bekannt, ich wusste nur nicht, dass sie “gewaltfreie Kommunikation” heißen. (Was keineswegs bedeutet, dass ich sie kann – dazu müsste ich mir ja meiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen bewusst sein und sie mir eingestehen, hahahaha.)

Zum Nachtmahl bestellte ich für Herrn Kaltmamsell und mich Sushi – und schaffte endlich mal, den Umfang realistisch zu halten. Schmeckte sehr gut. Nachtisch Osterschokolade.

§

Die Ausgabe von Hildegard Knefs Der geschenkte Gaul, die ich jetzt gelesen habe, hatte zwar ein anderes Cover – aber das da oben ist ganz gewiss das der Ausgabe beim Erstlesen.

Auch diesmal bewunderte ich und begeisterte mich diese romanhafte Autobiografie mit ihren Erzähltechniken, ihrer umgemein kraftvollen Sprache, mit der Hildegard Knef bis zur Veröffentlichung jahrelang gerungen hatte – ich hoffe, sie ist mittlerweile ein Referenzwerk für deutsche Nachkriegsliteratur.

Bei aller Fiktionalisierung zehrt die Handlung mit vielen Details von selbst Erfahrenem. Knef erzeugt mit wenigen sprachlichen Pinselstrichen die Atmosphäre historischer Szenen. Ein paar Ausschnitte ihres Stils: Als junge Schauspielschülerin im kriegerischen Berlin.

Wie verschieden die Bombennächte in Berlin gewesen sein müssen – Knef beschreibt sie mit unterschiedlichen Mitteln.

Klarsichtig und klug ihre Analyse von gebildeten Nazi-Ideologen am Beispiel Ewald von Demandowsky – und warum kaum jemand andere Ansichten mitbekam.

Eindrücklich auch Knefs Schilderung der Flucht vor den heranrückenden russischen Truppen bei Kriegsende. Sie hatte sich als Soldat verkleidet, “Ich wollte nicht vergewaltigt werden” – wie sie den Russen beim Verhör nach ihrer Gefangennahme sagt, immer wieder, auf die wiederholte und bohrende Frage nach dem Grund für ihre Verkleidung. Diese Fluchtpassage mit vielen grauenhaften und nüchtern geschriebenen Details – sie passt erschreckend zu den Bildern aus der Ukraine.

Immer fesselnd sind ihre aufmerksamen Beschreibungen von Menschen und Umständen, auch als sie nach Kriegsende zunächst in die USA übersiedelt – oft entlarvend, doch sie lässt sich auch selbst nicht unbedingt gut wegkommmen. Knefs Beschreibung der Broadway-Produktion Ninotschka, in der sie (zu ihrer eigenen Verblüffung) die Hauptrolle spielte und sang, erinnerte mich mit ihrem Chaos, dem unmenschlichen Druck und der Abfolge von Vorpremiere an Valley of the Dolls. Dazu kommt bei ihr aber eine überraschende Menge von Schabernack und Streichen, die hinter der Bühne getrieben wurden. Herzerfrischend auch: Die regelmäßigen Auftritte von Marlene Dietrich.

Woran mich die Lektüre erinnerte: Dass eine Frau vor nur wenigen Jahrzehnten von Medien und Gesellschaft verrissen und ausgeschlossen wurde, wenn sie eine Beziehung mit einem verheirateten Mann hatte. Die unangepasste Knef wurde nicht nur deshalb zu Lebzeiten in Deutschland nie umarmt und breit anerkannt.

Spannend war für mich auch die finanzielle Seite ihres Schauspiel- und Künstlerinnenlebens. Sie gibt zu, sich nie recht darum gekümmert zu haben, gerät dadurch immer wieder in echte Armut – Berater und Agenten scheinen sie aber auch ausgenommen zu haben. Andererseits zeigt die Lebensphase nach ihrer zweiten Rückkehr aus USA, dass sie sich nicht unbedingt aktiv um Engagements kümmerte, bis das Geld halt aus war. Dass sie zu ihrer späten Karriere als Sängerin kam, weil man ihr keine akzeptablen Rollen anbot, wusste ich schon vorher.

In diesem kurzen rbb-Beitrag vom Januar anlässlich ihres “Für mich, soll’s rote Rosen regnen” bei Angela Merkels Zapfenstreich kommt auch Tocher Christine zu Wort:
“Das Leben der Hildegard Knef”.

§

Gesprächsthema in befreundeter (und durchwegs verfressener) Runde, seit ich denken kann: Wie die Menschheit im Lauf der Geschichte herausgefunden hat, was in welcher Form essbar oder sogar wohlschmeckend ist.
Hier können Sie Zeuge einer zeitgenössischen Forschung werden.

§

Verlassene Gebäude bieten fast immer schöne Fotomotive. Roman Robroek hat verlassene Kirchen in Italien aufgenommen:
“The Remains of 100 Abandoned Italian Churches Peek Through Rubble and Foliage in Roman Robroek’s Photos”.

Journal Mittwoch, 13. April 2022 – Vorgezogener Grie-Soß-Tag

Donnerstag, 14. April 2022

Deutlich bessere Nacht: keine Löcher und Schlaf bis Weckerklingeln.

Gestern war auch der frühe Morgen nicht mehr frostig, ich kam auf dem Weg in die Arbeit mit einer leichten Jacke aus.

Arbeit mit weniger Druck und Parallelbeschäftigung, das war angenehm.

Mittagessen: Laugenzöpferl, Banane, Orange.

Die nächste Reihe Fensterwände am Heimeranplatz-Neubau.

Halbwegs pünktlicher Feierabend, Heimweg durch milde Frühlingsluft. Die Theresienwiese wurde rege für Sport und Geselligkeit genutzt.

Zu Hause Yoga, eine fordernde Folge, das Gelaber versuchte ich auszublenden.

Herr Kaltmamsell hatte schon gestern Grie Soß zum Nachtmahl zubereitet, weil wir am Gründonnerstagabend auswärts essen.

Kartoffeln aus Ernteanteil, die Grie Soß schmeckte diesmal ganz besonders gut, ich konnte die einzelnen Kräuter richtig rauskosten (ein weiteres Argument gegen Verwendung des Zerstörers) – und holte mir sogar eine zweite Portion. Nachtisch Süßigkeiten.

Vor Monaten schon hatte ich beim Erscheinen des Buchs Rosemary Mosco Pigeon Watching gekauft, Untertitel “Getting to Know the World’s Most Misunderstood Bird”. Denn die Einstellung zu Tauben ist im Hause Kaltmamsell gespalten: Während ich die Tiere interessant finde, sie ganz gerne beobachte, auch Individuen wiedererkenne, den Flug von Gruppen über den Nußbaumpark schön finde – reagieren andere hier mit großer und recht konsequenter Abwehr. Also schlug ich vor, dass wir einander abwechselnd aus diesem Buch vorlesen (deshalb Kauf auf Papier) und über Tauben lernen könnten, als Teil des Vogelbeobachtens, das wir ja beide reizvoll finden.

Nur dass es halt in unserem gemeinsamen Leben keinen rechten Slot dafür gibt einander vorzulesen. Gestern ergriff Herr Kaltmamsell die Initiative und trug zumindest schon mal Eingangszitate und Vorwort vor. (Interessantes Vorleseproblem: Das Buch enthält neben schönen Illustrationen auch Info-Kästen – an welcher Stelle liest man die vor?)

§

Mal was ganz Anderes, die Welt ist ja nicht kleiner geworden:
Am 5. Mai wird in Nordirland gewählt, und die Umfragen (ich weiß…) deuten auf einen historischen Sieg von Sinn Féin hin:
“‘Historical shift for Northern Ireland’: what a Sinn Féin win would mean”.

Das ist die Partei, die für ein vereinigtes Irland steht (und gerne mit “parlamentarischer Arm der IRA” beschrieben wird).

With the Scottish National party dominant in Holyrood, a Sinn Féin win would leave both Scotland and Northern Ireland’s legislatures led by parties advocating an exit from the UK.

Es folgen verschiedene Analysen der Gründe und möglichen Folgen.

Journal Sonntag, 3. April 2022 – Doch noch ein Schneelauf

Montag, 4. April 2022

Lange und vorwiegend gut geschlafen, ich fühlte mich geradezu ausgeruht beim Aufwachen. Auch gestern schlug ich die Augen zu diesem Anblick auf:

Gemütliches Kaffeetrinken und Bloggen, dann machte ich mich fertig für einen Isarlauf – auf den ich mich besonders freute, weil es ein erster Schneelauf seit Jahren sein würde (erst Hüfte kaputt, dann neue Hüfte zu neu, dann kein Schnee). Er war wundervoll, ich blieb sehr oft zum Fotografieren stehen.

Im Nußbaumpark wurde schon auch mit dem Schnee gespielt, links vom Baum.

Verdutzte Forsythie im Alten Südfriedhof.

Wenig los an der Isar, immer wieder ein paar Schneeflocken.

Der Kiosk konnte wohl nicht schnell genug von Aperol Spritz und Wegbier zurückschalten auf Glühwein.

Eine Ahnung von Sonne und blauem Himmel im Süden hinter der Wittelsbacherbrücke.

Kabelsteg in der Ferne, rechts Müller’sches Volksbad – gestern waren fast keine Radln unterwegs, ich konnte auch hier entspannt laufen

Medusa! Was haben sie dir angetan!

Landende Nilgans, Blick vom Föhringer Wehr nach Norden.

Mehr verdutzte Blüten.

Geheimes U-Boot-Treffen in der Gärtnerei des Englischen Gartens.

Sonne!

Der Kormoran trocknete seine Flügel mit energischem Wedeln.

Unter der Kennedy-Brücke.

Blühende Zierkirsche im Schnee.

Eisbach, hier sieht man im Hochsommer badende Kinder, die sich bachabwärts treiben lassen und dann tropfend mit der Tram zurückfahren.

In einer angenehm leeren Tram fuhr auch ich, aber zum Sendlinger Tor. Körperpflege und Anziehen.

Frühstück ließ ich diesmal wirklich aus, also Semmeln, Kuchen, Porridge oder ähnliche Frühstücksspeisen, um zwei gab es den Borschtsch von Vorabend, und zwar allen restlichen (Herr Kaltmamsell hatte sich schon etwas genommen), ohne Schmand – weil ich keine Lust darauf hatte. Gemüse in Reinform (Salat, Gemüsesuppe, gedünstetes Gemüse) geht wirklich in beliebig großen Mengen in mich rein, bevor ich nicht mehr kann. Schmeckte auch diesmal sehr gut, allerdings vermisste ich in den Texturen etwas Beißiges. Wären klassisch ja Fleischstücke, ich kann mir aber auch gekochte Körndln vorstellen, zum Beispiel Grünkern.

Internetlesen, Zeitunglesen, ich las auch Annie Ernaux, Sonja Finck (Übers.), Das Ereignis aus (ein seltsames Büchlein). Am späten Nachmittag eine Obstmahlzeit: Orange und Trauben.

Es war immer mehr die Sonne herausgekommen, so begann draußen das große Tropfen.

Zum Abendessen gab es Dampfnudeln – aber von Herrn Kaltmamsell. Es gibt ja im Hause Kaltmamsell Dampfnudeln als zwei grundsätzlich verschiedene Gerichte: Von mir leicht und fluffig, auf Kartoffeln gegart, von Herrn Kaltmamsell mit Butterkruste unten.

Im Fernsehen ließen wir Bohemian Rhapsodie laufen, und ich stellte fest, dass ich im Kino nichts verpasst hatte: Die Teile der Band-Geschichte, die für den Film verwendet wurden, interessieren mich nicht. (Aber die BBC-Doku, die ich mal zufällig in Brighton erwischt hatte, mit BBC-Material aus Jahrzehnten: Die war superspannend.)

Im Bett das nächste Buch begonnen, Hildegard Knef, Der geschenkte Gaul – vom ersten Absatz an verliebt. Annie Ernaux, Sonja Finck (Übers.), Das Ereignis hatte ich zwar als historisches Zeugnis interessant gefunden: Wie war das, wenn man im städtischen Frankreich Anfang der 1960er als junge Frau unbeabsichtigt schwanger wurde und eine Abtreibung brauchte. Doch die literarische Seite beschäftigte sich auf seltsam verquaste und mir ganz ferne Weise mit dem Akt des Aufschreibens und Erinnerns und ließ mich daran denken, warum ich mit französischen Filmen so oft nichts anfangen kann.

Die Erinnerungen der Knef hingegen beginnen so:

Liebeserklärung an meinen Großvater

Meiner hieß Karl, er war mittelgroß und genauso kräftig, wie er aussah. Er trug den Kopf sehr gerade, die Wirbelsäule auch, und er hatte einen großen Mund mit vielen Zähnen; er hatte sie noch alle 32, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte. Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich.

(Zeichensetzung im Original – ich erinnere mich, dass ich beim ersten Lesen als Teenager ständig stolperte und dann sehr beeindruckt von jemandem war, die sogar Kommas festsetzen durfte.)

Journal Mittwoch, 30. März 2022 – Jen Gunter, The Menopause Manifesto

Donnerstag, 31. März 2022

Nacht mit langem Loch ab halb vier – in dem ich mir zumindest ein paar Ideen fürs Abendessen ausdachte. (Und wenn die Klimakteriums-Begleiterscheinung “Brain fog” schlicht die Folge von Schlafentzug ist?)

Ich ernenne die Lessingsstraße zu Münchens Klein-Bonn. (Bin mir allerdings der starken Konkurrenz aus der Agnesstraße bewusst.)

Bedeckter Himmel den ganzen Tag, es war auch kühler geworden. Reichte aber nur zu ein paar Tropfen Regen.

Diesmal gab’s zu Mittag tatsächlich den Hüttenkäse, und zwar mit frischer Maracuja, davor ein Laugenzöpferl.

Vielfältiger Arbeitstag, doch ich war nicht zu spät fertig.

Auf dem Heimweg Obst und Brot gekauft, denn es sollte unter anderem Käse zum Abendessen geben. Zu Hause aber erst mal Nachtisch für Donnerstagabend gekocht (wir haben einen Gast!), dann eine Runde Yoga absolviert.

Neben Käse vom Tölzer Kasladen hatte Herr Kaltmamsell noch etwas vom Einkaufen mitgebracht – erster Gang des Nachtmahls mit Roggenbrot:

Tier in Form von Markknochen, gegrillt – zum ersten Mal in Deutschland beim Metzger gesehen, wir löffelten es auf Roggenbrotscheiben. Und dann ganz wundervollen Käse: Nach diesem holzfeurigen Scamorza, innen noch richtig mozzarellig, werde ich nie wieder Supermarkt-Scamorza kaufen. Dazu rote Paprika, Trauben, Birne. Es passte nur noch wenig Schokolade dahinter. Dann war ich sehr, sehr satt.

§

Jen Gunter, The Menopause Manifesto ausgelesen – an einem Tag, der wieder mehrere Glutattacken pro Stunde brachte. Zefix.

Die für mich relevante Info waren etwa 20 Prozent des Buchs, ein Aufsatz hätte also gereicht, die aber sehr gründlich und tief erklärt. Großes Lob für die wissenschaftliche Absicherung praktisch aller Fakten, Hinweise und Erklärungen im Buch.

Ausführlich widerlegt Gunter, eine Gynäkologin, Vorurteile und Stereotypen über Frauen in und nach den Wechseljahren – denen ich noch nie begegnet bin. Aber ich musste mich persönlich auch noch nie mit der Behauptung auseinander setzen, eine Frau erhalte ihren Wert durch gelungene Fortpflanzung, meine Wahrnehmungs-Blase scheint klein und kuschlig zu sein – und bei mir funktionierte nicht mal zu Teenagerzeiten die Indoktrination, dass der Wert einer Frau, eines Menschen an seiner sexuellen Attraktivität hängt. Auch der Blick auf die Medizinhistorie zum Klimakterium seit der Antike interessierte mich wenig.

Ärztliche Tipps für die Wechseljahre: Herz und Blutdruck im Auge behalten, abnehmen, Sport treiben, gesunde Ernährung – das ging nicht viel über Frauenzeitschriften hinaus, die aufgeführten Belege für einen Zusammenhang mit Wechseljahr-Beschwerden sind dünn. Angeblich werden die Beschwerden durch Gewichtsabnahme geringer, in meinem Fall wurden sie parallel zum Gewichtsverlust der vergangenen Monate stärker. Genauso wenig trifft die statistisch höhere Häufigkeit von Glutattacken bei höherer Außentemperatur auf mich zu. (Andererseits: Wenn ich in der kalten Jahreszeit bis zu drei Attacken pro Stunde habe – wird das am End’ bei Sommerhitze noch schlimmer?!)

Auch sonst fand ich mich in vielen Beschreibungen nicht wieder: Nein, meine hot flushes bestehen nicht aus rotem Kopf (nie) und Hitzegefühl in Oberkörper und Armen verbunden mit Schweißausbrüchen. Sondern in unangenehmer Glut aus dem Oberkörper, die allerdings manchmal ganz praktisch auch kalte Füße aufheizt.

Aber ich lernte durchaus, u.a. dass die derzeit hohe Frequenz meiner Glutattacken auf ein besonders rapides Absinken des Hormonspiegels hinweist, das kennt man sonst von jüngeren Frauen, denen die Gebärmutter samt Eierstöcken entfernt wurde. Interessant fand ich auch die Messbarkeit der Attacken (Puls, Körpertemperatur), dass aber ein Abgleich mit dem subjektiven Empfinden sich nicht unbedingt deckt (manche Frauen bemerken sie nicht).

Superinteressant: Gunter nennt Zahlen, in welchen Industrienationen Frauen welche Therapie bei Problemen (extrem starke Blutungen) bevorzugen – und setzt sie in Beziehung zur Kostenstruktur im Gesundheitswesen. So weist sie recht einfach nach, dass die deutlich überdurchschnittlichen vielen Totaloperationen in den USA schlicht die kostengünstigste Lösung für Frauen sind, die “done with it” sein wollen – also nicht weiter für Medikamente und Artzbesuche zahlen wollen/können.

Der für mich zentrale Input war der zur Hormonersatztherapie: Ich hatte irrtümlich angenommen, dass eine Hormontherapie den Scheiß lediglich rauszögert, dass jede Frau früher oder später durch ihre persönlichen Klimakteriumsbeschwerden durchmuss, von praktisch keine (30%) über mittelschwer (30%) bis schwer (30%). Jetzt habe ich begriffen, dass externe Hormongabe die Symptome mildern kann, bis der Hormonstoffwechsel des Körpers mit der Umstellung durch ist. Und habe bereits einen Arzttermin vereinbart (drücken Sie mir die Daumen, dass der bislang unbekannte Herr etwas taugt).

Wofür ich wieder keine ausführlichen Kapitel gebraucht hätte: Für die Beweisführung, dass keine medizinischen Produkte vor Einführung in den Verkauf so genau geprüft werden, ab Verkauf so minutiös getrackt und überwacht werden wie die von “Big Pharma”, also von hochprofessionellen Pharmaunternehmen. (Weswegen Sie ja auch jeder Werbung für anscheindende Arzneien misstrauen sollten, die nicht mit “Zu Risiken und Nebenwirkungen etc. etc.” begeleitet wird: Hohe Wahrscheinlichkeit von reinem Marketingprodukt ohne erwiesene Wirkung.) Mich muss man auch nicht minutiös durch die Argumente führen, mit denen die Unzuverlässigkeit und die Risiken “natürlicher Mittel” belegt werden.

Und ein großes Kapitel über “gesunde” Ernährung hätte ich wirklich nicht gebraucht, dankeschön (Gut-Kärtchen allerdings für die Betonung, wie empirisch wacklig alle wissenschaftlichen Aussagen in diesem Feld sind). Oder ein weiteres über Nahrungsergänzungsmittel – das lediglich wiederholen kann, das es keinen gesicherten Nutzen gibt. Über Verhütung in den Wechseljahren brauchte ich ebenfalls keine Information (*schnippschnapp* mit 30, bzw. *schmurgel*).

Grundsätzliche Erkenntnis: Ja, Frauen sollten über das Klimakterium ebensogut informiert sein wie über die Pubertät, lassen Sie uns mehr darüber sprechen.

§

Markus Theunert vom Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen nimmt die Kriegs-getriebenen Schmähungen menschlicher Männer auseinander:
“Sie träumen schon wieder von harten Kerlen”.

Es gibt eine Grundlage, auf die sich alle Fachleute der Geschlechterforschung und Männerarbeit verständigt haben: Männlichkeit bezeichnet als Begriff und Konzept die Gesamtheit der Anforderungen, die sich an Männer richten. Sie sind kulturell vermittelt, nicht gott- oder naturgegeben. Am männlichsten ist, wer diesen Männlichkeitsimperativen am meisten entspricht. Das ist jedoch eine unmögliche Mission. Bereits die traditionellen Männlichkeitsanforderungen – in jeder Lebenslage leistungsstark und souverän sein – waren unerreichbar. Ihre widersprüchliche Teilmodernisierung – in jeder Lebenslage leistungsstark und souverän bleiben, aber bitte gleichzeitig auch noch einfühlsam, sozialkompetent und männlichkeitsreflekiert sein – sind erst recht unerfüllbar. So mäandern viele Männer eher verwirrt als bestimmt durch die geschlechterpolitische Transformation und sind vor allem eins: orientierungslos ob all der Doppelbotschaften, die auf sie einprasseln. Denn so vehement die modernisierte Norm des entgifteten Mannes eingefordert wird, so hartnäckig halten die Institutionen – nicht nur in der Arbeitswelt – am Ideal des allzeit verfügbaren Superperformers fest.

(…)

Das Patriarchat kann sich nur halten, solange Männer und nicht Männlichkeitsnormen als Wurzel des Übels gelten. Als besonders wirkungsvoll erweist sich dabei, Männer in einem permanenten Gefühl des Ungenügens zu halten, verbunden mit der Angst, ihre Defizite an «echter Männlichkeit» könnten auffliegen. Denn solange genügend Männer genügend Schiss vor ihrem individuellen Versagen haben, so lange können sie sich nicht verbünden im gemeinsamen Kampf gegen ein patriarchales System, das ihnen genauso schadet wie Frauen und Kindern und das diese Angst vor dem individuellen Ungenügen als Machtmittel kultiviert.

Der SPIEGEL-Artikel ist in der Abwertung männlicher Vielfaltsbemühungen ein wunderbares Beispiel, wie pseudoemanzipatorische Reproduktion patriarchaler Macht funktioniert. Er redet Männern ein, ihre tastenden Versuche, die Männlichkeitskorsette ihrer Vorväter zu sprengen, seien schwächlich. Wer sich etwas mit männerrechtlerisch-antifeministischen Ideologien auseinandersetzt, weiss: «Schwächlich» ist die Chiffre für «weiblich». Das ist das bespielte Ressentiment: die heutigen Männer verweiblichen. Um Putin & Co. die Stirn zu bieten, brauchen wir wieder «echte Männer» (oder Frauen, die gelernt haben, sich wie solche zu verhalten).

Das ist eine perverse Umkehr der Sachlage: Autoritäre Machtmänner führen die Welt an den Abgrund eines dritten Weltkriegs. Ausbeuterische Männlichkeitsideologien führen den Planeten an den Abgrund der Klimakatrastrophe. Und der Weg aus dem Schlammassel soll das Revival der autoritären Machtmänner und der ausbeuterischen Männlichkeitsideologien sein – einfach in zeitgeistig-ausbalancierter frischer Verpackung?

Journal Dienstag, 22. März 2022 – Die geliehene Figur

Mittwoch, 23. März 2022

Trotz dreimal Aufwachen fühlte sich der Schlaf tief und erholsam an, ich genoss ihn.

Draußen war’s wieder Raureif-frostig, derzeit schwanken die Temperaturen 16 Grad über den Tag. Und ich bin endgültig klimakaputt: Der Blick auf die weiterhin durchwegs sonnige Vorhersage freut mich nicht, weil es viel, viel zu trocken ist.

Was schön ist: Wenn’s mir gut geht, ich wie gestern morgens in der Arbeit den Turbo zuschalte und bis zur ersten Besprechung um 9.30 Uhr bereits das Pensum eines ganzen Arbeitstags weggewirbelt habe. (Nachdem ich am Vortag morgens vor einem ähnlichen Pensum gestanden war, aber vor lauter Überforderungsgefühl fast geweint hätte. Weil’s mir halt nicht gut ging.)

Mittags Banane, Orangen, Vollkornbrot mit Butter.

Nach Feierabend marschierte ich direkt heim, Herr Kaltmamsell hatte schon alles von unserer Einkaufslisten-App (Remember the milk RTM) eingekauft.

Beim Heimkommen überraschte ich Herrn Specht (männl. weil roter Fleck im Nacken) auf dem Balkon, der sich ordentlich reinhängte.

Eine Runde Yoga mit vielen Rumpfübungen (und vielen Lebensermahnungen, hmpf). Das Abendessen servierte wieder Herr Kaltmamsell, ich bekam LINSEN! mit Karotten und gebratenem Chorizo. Außerdem hatte er ein Rezept für gebratene Bulgurbällchen ausprobiert: Waren knusprig und locker, verlangten aber geschmacklich nach einer Sauce.

Confession Time: Ich muss mich davon abhalten, viel zu viel Geld für unnötige Kleidung auszugeben. Durch meine Appetitarmut seit fast einem Jahr habe ich seit ein paar Monaten eine Konfektionsgröße, in der mir sehr viele Kleidungsstücke stehen, die ich schön finde. Und die seit ca. 2002 an mir nie so ausgesehen hatten, wie ich das gerne gehabt hätte. Während ich diese Kleidungsstücke also 20 Jahre lang lediglich bewundert hatte, will ich sie jetzt auch haben und tragen. Wo ich doch sonst gar nicht gerne Sachen habe. Und obwohl ich doch weiß, dass diese Konfektionsgröße lediglich eine kurzlebige und vorrübergehende Angelegenheit ist. Es ist, als hätte man mir einen Figur ausgeliehen, die der gesellschaftlichen Norm-Schönheit für Frauen meines Alters nahe kommt, und ich wollte so viel wie möglich aus ihr rausholen, bevor ich sie wieder zurückgeben muss. Zum Beispiel bin ich SO kurz davor, in den Levis-Laden in der Sendlinger Straße zu gehen und nach einer 501 zu fragen – für 80er closure. Auch deshalb ist Body-Egalness ein erstrebenswertes Ziel.

Im Bett las ich weiter in Gunters Menopause Manifesto. Interessanterweise hält die Autorin den englischen Ausdruck hot flushes für genauso unpassend wie ich die deutsche Entsprechung “Hitzewallung” (oder das bayerische “fliagate Hitz'”, also fliegende Hitze).

§

Nach (!) der Lektüre hatte ich gestern nach Rezensionen und Material zu Hanya Yanagihara, A little life recherchiert. Unter anderem war ich auf ein ausführliches Interview mit Yanagihara im Guardian von 2015 gestoßen:
“Hanya Yanagihara: ‘I wanted everything turned up a little too high’”.

Ein interessanter Abgleich meiner Lese-Erfahrung mit der Autorinnen-Absicht: Ja, dieses Von-allem-ein-bisschen-zu-viel war genau Yanagiharas Ziel, um das sie eigenen Aussagen zufolge auch gegen ihren Lektor kämpfte. Spannend fand ich auch, was sie sonst über den erzähltechnischen Hintergrund des Romanschreibens sagt, sie ist eine sehr reflektierte Schriftstellerin. (Und sehr viel spannender als das Bohren von Interviewer Tim Adams nach biografischen Wurzeln ihrer Kunst.)

Hier eine weniger wohlwollende Besprechung in der New York Times, die den Roman als “voyeuristic” bezeichnet (was für eine erfundene Geschichte ein seltsamer Vorwurf ist):
“Review: ‘A Little Life,’ Hanya Yanagihara’s Traumatic Tale of Male Friendship”.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen