Bücher

Journal Sonntag, 31. Mai 2020 – Zu kühl für draußen

Montag, 1. Juni 2020

Wieder sehr gut ausgeschlafen.

Teig für das 7-Pfünder-Brot gekneten. (Das Sauerteig-Anstellgut hatte so lange ungefüttert im Kühlschrank gestanden, dass ich es zweimal auffrischen musste, bis es ausreichend treibstark wurde.)

Während ich ausführlich bloggte, klingelte mein Mobiltelefon (zur Erinnerung: Mein Telefon klingelt durchschnittlich einmal im Monat, meist weil ich eine beauftragte Ware irgendwo abholen kann oder sich ein Arzt-/Friseurtermin verschiebt, private Anrufe sind davon ca. 20 Prozent): Völlig überraschend meldete sich meine Freundin in Nordengland. Wir tauschten uns zur SITUATION aus, Arbeitsleben, Familie, sonstige Gesundheit, aber auch Wetter (in Nordengland mit Regenfluten im Februar und Dürre seit Anfang März).

Der Brotteig bekam dadurch doppelt so lange Stockgare, doch das Telefonat war mir wichtiger – allerdings beendete ich es tatsächlich mit der Begründung „I got some bread dough proofing“ und wurde aufgefordert, dann aber bitte auch Fotos vom Ergebnis zu schicken.

Ich verkürzte die Stückgare, das Ergebnis war dann völlig in Ordnung:

Während das Brot im Ofen war, machte ich ausführlich Gymnastik und strampelte auf dem Crosstrainer. Zum Frühstück föhnte Herr Kaltmamsell panierten Tofu im Air Fryer, es gab ihn mit süß-scharfer Soße aus der Flasche. Außerdem Obst und Haselnusskuchen.

Vielen Dank für Ihre Hinweise auf das klassische Dr.-Oetker-Rezept! Stellt sich heraus: Das verwendete ist genau dieses, nur halt mit 100 Gramm Schokolade zwischen den Teighälften.

Von oben war es nachmittags bis tief in die Nacht laut, Nachbars hatten wohl die erste große Feier seit Ausgangsbeschränkung. Das hieß am Ende des Tages (also dem echten, abends): Schlaf nur mit geschlossenen Fenstern und Ohorpax möglich.

Am späteren Nachmittag ausführliches Videotelefonat mit den Schwiegers, allen geht es gut. Wir verabredeten uns in Echt für das nächste Wochenende.

Den ganzen Tag über war Remmidemmi am Meisenknödel: Meisen, Buchfinke, Spechte, Kleiber, Tauben, ich sah immer wieder lange zu. Am Wasserschälchen wurde auch getrunken: Anscheinend picken alle Vögelchen das Wasser tropfenweise auf, nur die Tauben hängen sich sekundenlang rein – bei einer begann ich bereits zu fürchten, sie wolle sich ertränken.

Ich überlegte, ob ich nicht doch raus wollte, es war trocken und nicht zu düster. Doch die Luft blieb sehr kühl, ich las in Wolljacke und mit zwei paar Socken, also beschloss ich, dass sich das Wetter erst noch ein bisschen mehr anstrengen muss.

Das Abendessen bauten wir um das frische Brot: Es gab dazu gesalzene Butter, Käse, Räucherlachs, Karottensalat, zum Nachtisch Schokolade. Als Abendunterhaltung im Fernsehen O Brother, Where Art Thou – während ich den Sountrack komplett mitsingen kann (der wohl schon vor dem ersten Drehtag stand), hatte ich den Film selbst nur seinerzeit (oh Gott, schon wieder 20 Jahre her) im Kino gesehen. Ich wurde daran erinnert, wie attraktiv ich es finde, wenn ein schöner Mann kein Problem damit hat, sich komplett zum Hirschen zu machen (siehe Cary Grant und hier George Clooney, der wirklich sensationell blöd schauen kann).

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Formschub bloggt über seinen Einrichtungs-Farbfimmel und den beeindruckenden Klopapierfimmel von Juli Gudehus.
„Fimmel“.

Journal Samstag, 30. Mai 2020 – Kathrin Passig, Aleks Scholz, Handbuch für Zeitreisende

Sonntag, 31. Mai 2020

Mit Blick auf die Vögelchen auf dem Balkon das Handbuch für Zeitreisende von Kathrin Passig und Alex Scholz ausgelesen, mich bis zuletzt daran gefreut: Die beiden haben eine ausgezeichnete Idee zum Transport für eine Menge unerwartete Zusammenhänge und Einsichten gefunden. Dabei überspringen sie die sonst zentrale Diskussion, ob und wie Zeitreisen funktionieren könnten, nehmen sie einfach mal als gegeben an und widmen sich all den Detailfragen, die dann konkrete Zeitreisen aufwerfen: Was (wann) sind die reizvollsten Destinationen, welche sollte man aus welchen Gründen meiden, was sollte man beachten, wie muss man sich vorbereiten. So schaffen sie es implizit deutlich zu machen, welche unhinterfragten Vorstellungen unhaltbar sind – oder in Konsequenz höllisch komplex.

Ähnlich wie das Lexikon des Unwissens ist das Handbuch für Zeitreisende ein originelles und sehr praktisches Gerüst für eine Menge der faszinierendsten Fakten und Zusammenhänge der Welt (eine weitere ist die britische Show QI – für quite interesting, die diese in eine Fernseh-Quizshow mit höchst undurchsichtigen Regeln und Punktevergaben sowie viel Möglichkeit zum witzigen Brillieren der Gäste einbettet.)

Beispiele für Unerwartetes: Sie wollen zu den Dinosauriern reisen? Wundern Sie sich nicht, dass Sie in ihren ganzen drei Urlaubswochen keinen einzigen zu sehen bekommen: Die stehen nämlich nicht so geballt und adrett platziert auf Wiesen herum wie in der Illustration des Was-ist-was-Bands Ihrer Kindheit.

Oder: Sie wollen die Menschheit damit beglücken, bahnbrechende Erfindungen vorzuziehen? An Penicillin und dem Fahrrad spielen Kathrin und Aleks durch, was alles nötig war, damit es dazu kommen konnte – unter anderem die ungeheuer komplexe Herstellung von Penicillin in relevanten Mengen und die Werkstoffe, die Bearbeitungsmaschinen und die Infrastruktur, die Fahrradfahren überhaupt alltagstauglich machten. Oder wenn es nur kleine Wissensstupser sein sollen, die berühmte Denkerinnen und Denker früher und schneller in die richtige Richtung bringen könnten: Seien Sie sehr sicher, dass Sie wissen, wovon Sie reden und alle Fragen drumrum beantworten können: „Viel Spaß beim Erklären, was Radioaktivität ist.“

Was sich ebenfalls lohnte, mal konkret zu durchdenken: Wenn ich so berühmte Persönlichkeiten wie Galileo Galiei oder Emmy Noether kennenlernen möchte – an welchen Punkt und Ort ihres Lebens reise ich da am besten, um am meisten von der Begegnung zu haben?

Der praktische Teil befasst sich unter anderem damit, wie man in einer Vergangenheit mit Menschen möglichst nicht auffällt, welche Impfungen man braucht (auf die man sich aber je nach Vergangenheit nicht verlassen sollte: Viren mutieren begeistert), wie man herausfindet, an welchem Datum man sich befindet und wie man in der Vergangenheit zu Geld (oder einem Äquivalent) kommt. Auch das: wirklich, wirklich schwierig. Hier wie auch bei einigen anderen Themen im Buch weisen Aleks und Kathrin auf ethische Aspekte hin: Was Sie in Ihrer Gegenwart für verwerflich halten, sollten Sie auch nicht in der Vergangenheit tun.

Leider auffallend: Es kommen Frauen im Handbuch für Zeitreisende vor, und nicht zu knapp, ob historische Persönlichkeiten oder in Wortformen. Warum es nicht mehr sind, erklärt einer der ebenfalls sehr interessanten Lesetipps am Ende des Buchs, Mary Beards Frauen und Macht. Ein Manifest.

Erheitert und mit Belehrung gelesen.

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Ausgeschlafen, lediglich ein wenig erweiterte Gymnastik getrieben (der beleidigte Hüftbeuger ließ mich ausnahmsweise Ruder-Crunches machen). Ein paar Einkäufe in der Innenstadt: Handcreme, Milchprodukte, Tonic Water, Spezialöl und -essig, Erdbeeren, Semmeln.

Immer wieder schön: Entdeckungen auf oft gelaufenen Wegen.

Mittags backte ich erst mal Kuchen: Ich hatte Lust auf Haselnusskuchen und war in meiner Zettelsammlung auf ein Brigitte-Rezept von 1981 gestoßen, ein schlichter Kastenkuchen mit Schokoladenschicht innen. Es kam aus der Epoche, in der die Brigitte Butter aus scheinbaren Gesundheitsgründen konsequent durch Margarine ersetzte und zum Energiesparen Gebäck in den kalten Ofen schob, erst dann einschaltete. Beides ließ sich einfach korrigieren. Das Ergebnis war ein wenig zu lange gebacken (fünf Minuten früher war er aber beim Stäbchentest innen noch nass gewesen), schmeckte gut, ist aber nicht der ideale Nusskuchen, nach dem ich suche.

Zum Frühstück gab’s die Pfingst-SZ. Besonders freute ich mich über den Artikel auf Seite Drei, inklusive Kalauer-Überschrift.

Endlich einen re:publica-Vortrag hintergergeschaut:
„Alles am Internet ist super“ von Kathrin Passig und Leonhard Dobusch.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/dwZYuUSql-o

Die beiden jammern gleich am Anfang ein bisschen, dass der Vortragstitel noch wenige Monate früher echt total provokativ gewesen wäre, weil selbst auf den letzten re:publicas die Kritik am Internet überwog, man sich zumindest fast einig war, dass es immer schlechter wurde. Doch nun hatten die Pandemie und die damit verbundenen Bewegungseinschränkungen dazu geführt, dass selbst eingefleischte Internetschlechtfinderinnen die positive Seiten sehen. Oh ja, in der Wochenend-SZ gibt es gleich ein ganzes Buch Zwei darüber, welch Segen Internettechnik in der SITUATION ist:

Das Leben ist durchaus weitergegangen, an einer Stelle, an der diese Gesellschaft mindestens so vibriert wie der Berliner Alexanderplatz an einem ganz normalen Samstag im Juli. Es war laut und unübersichtlich und wuselig. Aber halt nur im Internet.
Wobei: Streichen wir das „nur“.

Dass ich das nach 25 Jahren im Internet noch erleben darf! Danke Corona!

Herr Kaltmamsell hatte einen glücklichen Gockel besorgt, den wir übers Wochenende in mehreren Mahlzeiten verspeisen werden. Zum Nachtmahl gab’s die Schenkel als ungarisches Paprikahuhn, zum Nachtisch Erdbeeren (Herr Kaltmamsell scheint nicht ganz zu verstehen, dass es in der Erdbeersaison so oft wie möglich Erdbeeren gibt).

Abendunterhaltung war eine zweiteilige Doku auf Bayern alpha von 2017:
„Architektonische Visionen und Protest
Unsere Städte nach ’45“.

Sehr informativ und interessant – mir fehlte allerdings die Reflexion, dass auch unsere Sicht auf die damalige Stadtplanung (fast durch die Bank negativ) zeitgebunden ist und unsere heutigen Prioritäten später ebenso kritisch gesehen werden könnten. U.a. prangert die Doku die Zerstörung alter Stadtviertel in West- und Ostdeutschland an, doch ebenso das Abreißen des Lloyd-Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert in Bremen, von dem es dann lediglich en passant heißt, dafür sei seinerzeit ein ganzes Stadtviertel platt gemacht worden – da das Ergebnis aus der Sicht von 2017 schön und erhaltenswert war, offensichtlich weniger verwerflich.

Journal Freitag, 22. Mai 2020 – Offizieller Start der Balkonsaison

Samstag, 23. Mai 2020

Letzter Urlaubstag, St. Brück. Eigentlich hätte ich mich morgens in einen Zug ins Rheinhessische gesetzt, um eine große Liebe zu feiern. Aber Corona.

Ausgedehnte Kräftigung Bauch/Rücken, dann eine gute Stunde Crosstrainer mit Filmmusik.

Ich trippelhinkte zum Einkaufen: Beim Kustermann Rotweingläser (unsere Standard-Rotweingläser DiVino Bordeaux sind bis auf vier Stück zerdeppert, damit kann ich keine Gästetafel mehr decken), zwei Pfund Erdbeeren. Ich wechselte aufs Rad und holte im Buchladen am Josephsplatz ein Buch ab, auf das ich mich sehr freue (wenn ich bei einem Autoren oder einer Autorin mal auf Papier angefangen habe, fällt es mir schwer, auf eBook umzusteigen – nein, in keiner Weise logisch).

Johnny Häusler fand gleich mal den ersten Fehler, der jede positive Amazon-Bewertung ruiniert:

Hier ein schönes Interview des verlegenden Verlags rowohlt mit Kathrin und Aleks:

Man kann Ihr Buch nicht lesen, ohne auf zentrale Topics der Corona-Pandemie zu stoßen: Infektionsrisiko, Hygiene, Abstandhalten, Reisewarnung, Sterberate. Im «Handbuch für Zeitreisende» werden wir daran erinnert, dass es in der Menschheitsgeschichte immer wieder katastrophale Seuchen gab. Wie sollte man sich ihnen nähern, falls man das als zeitreisender Katastrophentourist unbedingt möchte – 1,5 Meter Mindestabstand reichen da wohl nicht?
Das wird in der aktuellen Diskussion zu wenig erwähnt: Zeitlicher Abstand zu einer Seuche ist sogar noch sicherer als räumlicher. Unsere erste Empfehlung wäre daher, den Epidemien der Vergangenheit zeitlich fernzubleiben. Zum Beispiel, indem man in eine Zeit verreist, in der Menschen noch nicht existieren, oder eine, in der diese Menschen weit verteilt sind und auf Ackerbau und Viehzucht verzichten. Alles, was länger als etwa 10000 Jahre zurückliegt, ist in dieser Hinsicht relativ sicher. Falls es unbedingt eine jüngere Vergangenheit sein muss, gilt im Grunde dasselbe wie in der Gegenwart: Trinkwasser abkochen oder mit Tabletten behandeln (Flaschenwasser ist in der Vergangenheit keine Option), alle Lebensmittel kochen oder schälen, möglichst keine Körperflüssigkeiten mit Einheimischen austauschen, Hände häufig und gründlich waschen, Mückenschutz verwenden, alle empfohlenen Impfungen mitbringen. Achtung: Sie brauchen unbedingt zeitspezifische Impfungen. Krankheitserreger verändern sich im Laufe der Zeit, und Impfungen gegen eine moderne Version einer Krankheit nutzen in der Vergangenheit wenig. Lassen Sie sich in einem zeitreisemedizinischen Zentrum beraten.

Den Heimweg legte ich über den Bahnhof, um nach dem Baustellenzustand zu gucken. Ergebnis: Vorm Bahnhof ist alles gesperrt, alles – ich musst mein Fahrrad auf einem schmalen Fußweg vorm Hertie schieben, um zur Schillerstraße zu kommen. Im gesamten südlichen Bahnhofsviertel gibt es derzeit keine Straße ohne massive Baustelle. Mir scheint, als hätte die Planung auf „alles auf einmal, dann sind wir schneller durch“ gesetzt, statt sich für jeden Teilabschnitt nacheinander Umfahrungen auszudenken.

Frühstück mit den Semmeln, die ich unterwegs geholt hatte. Zeitunglesen auf dem Balkon, erschwert durch Wind. Dann Granta 151, Membranes ausgelesen – die schwächste Ausgabe seit Langem mit vielen ermüdenden Besinnlichkeitstexten.

Dabei Symptom für definitiven Nichtwinter: Ich trug meine Sommerhausschlappen für nackte Füße.

Erstes Abendessen der Saison auf dem Balkon. Wie es die von mir festgesetzte Tradition will, gab es Salade niçoise.

Wir plauderten auf dem Balkon bis in die Dunkelheit.

Vielen, vielen Dank für all Ihre Glückwünsche zum Rosentag, sie haben uns das Herz gewärmt.

§

Lila, deren Blog fast so alt ist wie das Mitmach-Web, bloggt wieder aus ihrer Wahlheimat Israel. Sie hat eine Stelle in einem Kibbuz-Kindergarten angefangen (qualifiziert durch eine ihrer vielen Ausbildungen), und ich freue mich sehr darüber, dass sie ganz viele Details vom Alltag dort erzählt:
„Alte Ente paddelt sich warm“.

Journal Samstag, 2. Mai 2020 – Compliance durch Schabernack

Sonntag, 3. Mai 2020

Gut geschlafen, auch wenn mich die schlechte Pizza im Magen etwas drückte. Es regnete den Tag über immer wieder, auch mal ein paar Minuten energisch, doch das reichte nicht mal, um den Boden unter den großen Eiben im Hinterhof nass werden zu lassen. Am Ende des Tags dann auch Gewitter.

Plan für nach dem Bloggen und Twitterlesen war gewesen: Ausführliches Gesundheits-Krafttraining, Staubwischen & Möbelpflege, Crosstrainer. Doch dann dauerte das Staubwischen so lange (ich entdeckte schon wieder Ecken, an denen offensichtliche seit vielen Jahren niemand war, und machte mich darüber her), dass es halb eins und zu spät für Crosstrainer war. Ich duschte gleich und ging kurz Einkaufen in den Drogeriemarkt (mit Anstehen an der Tür), brachte auf dem Rückweg Semmeln mit.

Beim Staubwischen in den Buchregalen war ich auf eines meiner Kinderbücher gestoßen, das ich für schon lange weggegeben gehalten hatte – was ich bedauerte, denn ich dachte oft daran. Aber da war es!

Polly Hobson, Katharina Boje (Übers.), Fünf Kugeln im Kamin. Ich weiß nicht, wie es in meinen Besitz kan, ich war bei der Erstlektüre 11 oder 12. In diesem Alter besaß ich kaum Bücher, und das ist eine alte Ausgabe. Es war mir auch durch seine Illustrationen stark in Erinnerung geblieben, ich muss es oft gelesen haben.

Ich hatte dieses Rezept für den ersten Einsatz des Lievito Madre ausgesucht. Doch es wurde bereits schwierig bei: „Die Schüssel abdecken und für 8-10 Stunden an einen Ort mit durchgehend 27-28°C stellen. Bei mir ist das der Backofen mit eingeschaltetem Licht und einem Kochlöffel in der Tür.“ Denn mein Backofen hat keinen Modus „mit eingeschaltetem Licht“. Das Licht funktioniert nur bei Beheizung, die niedrigste Temperatur beträgt 30 Grad, bei Öffnen der Ofentür (z.B. für einen Spalt) schaltet die Heizung aus. Ab acht Uhr morgens schaltete ich über den Tag also die 30-Grad-Beheizung alle halbe bis ganze Stunde an oder aus, je nachdem was mein Wecker mit Thermometer anzeigte, den ich neben die Schüssel gestellt hatte. Um 18 Uhr war es Zeit für den nächsten Schritt: Teig kneten, dann immer wieder falten.

Für Herrn Kaltmamsell war ein „Lehrer/innenkatalog“ in der Post. Ich blödelte umgehend los, ob man sich darin Lehrpersonal aussuchen könne? Jeder und jede sich darin per Profil vorstelle mit Fertigkeiten in den verschiedenen pädagogischen und fachlichen Bereichen, dafür jeweils Schülerreferenzen angebend? Herr Kaltmamsell führte den Gedanken sofort aus: dass das bei konsequentem Unterrichten über Internet ja tatsächlich umzusetzen sei, dass man auf diesem Weg Klassen bilden könne. Wir spielten das auf Twitter weiter, wo die Idee entstand, dass sich besonders beliebte Lehrerinnen und Lehrer in der Folge die Schülerinnen und Schüler aussuchen würden, man sich also bei ihnen bewerben müsste.

Für mich in der Post war das hier:

Die Idee entsprang ebenfalls einer Blödelei auf Twitter – aber Pia, aka Frau Mutti, hat sie dann tatsächlich auch umgesetzt – große Freude! (Jajaja ich weiß, es handelt sich um eine kollektive Fehlerinnerung: Tatsächlich sagt er „Waf für eine Mafke?“) Ist es überzogen, wenn ich mir einbilde, dass man durch solch einen spielerischen Umgang mit der Maskenpflicht elegant andeuten kann, dass man fürs Gemeinwohl zu Verzicht auf Annehmlichkeiten bereit ist?

Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell: Risotto mit Radicchio und Ziegenfrischkäse, aufgegossen mit Spargelbrühe.

(War das nicht die Modefarbe des vergangenen Winters? Radicchiorisotto?)

Journal Dienstag, 14. April 2020 – Matt Ruff, Lovecraft Country

Mittwoch, 15. April 2020

Trotz frühem Weckerklingeln munter aufgewacht. Frühsport: Rumpfkräftigung, Dehnen, eine Runde Mady-Yoga.

Überraschung beim Radeln in die Arbeit durch Sonne: Es war saukalt geworden, ich hätte Mütze und Handschuhe vertragen.

Im Westend sah ich auffallend viele parkende Autos, die laut Kennzeichen von weit (Paderborn) bis sehr weit her (Slovakei) kamen, geschätzt 20 Prozent. Gar nicht quarantänig.

Emsiger Tag mit interessanter Recherche. Vormittags aß ich gegen den großen Hunger eine Hand voll Nüsse, mittags gab es eine Scheibe selbst gebackenes Brot, ein Ei, ein wenig Schinken, Nachmittagssnack war eine Birne.

Beim Heimradeln kurz vor sechs war es immer noch sehr kalt – aber sonnig: Wenn schon, hätte es doch bitte auch gleich regnen können, es ist viel zu trocken.

Ich machte uns Sahnecocktails Green Monkey, zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell gebratene Nudeln und Waldorf Salad.

Im Bett las in ich hinein in Mark Holt, Munich ’72. The Visual Output of Otl Aicher’s Dept. XI. Ich hatte das Buch durch Beteiligung an der Kickstarter-Finanzierung mitermöglicht, vor ein paar Wochen war der 536-Seiten-Prügel geliefert worden (nach einer Ehrenrunde, weil der Paketdienst GLS behauptet hatte, das sei nicht meine Adresse). Mark Holt hat das Werk im Alleingang recherchiert, geschrieben, gestaltet und drucken lassen, selbst die Versendung organisiert er selbst – der erste Blick ins Ergebnis von vier Jahren Arbeit beeindruckte mich sehr. Gleich mal gelernt: Die Symbole für die Sportarten, die ja bis heute verwendet werden, stammen von Gerhard Joksch. Hier die Website zum Buch, man kann es auch ohne Kickstarter-Beteiligung kaufen.

Am Montag hatte ich ja Matt Ruff, Lovecraft Country ausgelesen, bis zuletzt sehr angetan.

Das „Lovecraft“ im Titel hatte mich ursprünglich abgeschreckt, aber vielleicht hätte ich dem Lovecraft-Experten an meiner Seite genauer zuhören sollen, als er sich enttäuscht von dem Roman äußerte – weil er eben fast nichts mit Lovecraft zu tun habe. Dann hätte ich das Vergnügen der Lektüre nämlich schon früher gehabt. Lovecraft Country erinnert mich wie keine anderes von Matt Ruffs Bücher an seinen legendären Erstling Fool on the hill (anders gesagt: Wenn Sie zu den vielen Menschen gehören, die mit Fool on the hill nichts anfangen können, ist Lovecraft Country sehr wahrscheinlich auch nichts für Sie): Wir haben viel Mythologie im Hintergrund, aber ein ganz neuzeitliches Setting, in dem sie durchgespielt wird.

Verkauft wurde der Roman im Genre Horror – das konnte ich nicht nachvollziehen. Wir haben das klassische Set-up einer Gruppe von Helden und Heldinnen (!), die sich in einer feindlichen Umgebung durchschlagen müssen. Und ich fand es einen großartigen Kunstgriff von Ruff, dass er das mit einer Gruppe von Schwarzen in den rassistischen USA der 1950er durchspielt: Für sie ist praktisch jeder Schritt lebensbedrohlich, wenn Weiße beteiligt sind. Sie können sich nicht frei bewegen, sie sind konstant der Willkür von Behörden und weißen Nachbarn oder Passanten ausgesetzt – selbst im Hauptort der Handlung Chicago.

Übernatürliches spielt schon auch eine Rolle, doch charmanterweise sind es die weißen Freimaurerlogen, von denen die bösartige magische Gefahr ausgeht (im Kontrast zum rassistischen Stereotyp, das POC mit Aberglauben, Voodoo und Magie besetzt).

Ich hatte großen Spaß an dem vielfältigen Hintergrund der Protagonisten-Familien, von denen eine den Verlag führt, der den Safe Negro Travel Guide herausgibt (dank des gleichnamigen Films kannte ich das reale Vorbild Green Book), in der es einen jugendlichen Comic-Zeichner gibt, eine sehr ernsthafte Hobby-Astronomin – und den unehelichen Nachkommen eines großen weißen Logenvorsitzenden. Es gibt mehrere und sehr verschiedene Frauenfiguren, auf der ersten Abenteuerreise rettet eine davon den Männern der Gruppe mehrfach den Arsch.

Rassismus ist dominantes Thema: Die USA sind aufgeteilt in Jim Crow-Gegenden und andere, Farbige werden strukturell und individuell von Bildung und Wohlstand ferngehalten. Ich wünschte, das wäre heute anders, doch heute beträgt dort das durchschnittliche Einkommen afroamerikanischer Familien ganze 61 Prozent des mittleren Einkommens weißer Familien (Quelle), und bis heute kommt es regelmäßig vor, dass Schwarze in den USA ohne Grund von der Polizei getötet werden und ohne wirkliche Konsequenzen (-> Black Lives Matter). Als Weiße in einem dominant weißen Land kann ich mir das nicht vorstellen.

Ich empfand es als geschickten Kunstgriff, wie Matt Ruff die grotesken Details des US-Rassismus‘ als Antriebskraft für einen klassischen Gruselroman nutzt. Oder wie es auf der Buchausgabe heißt, die mir Herr Kaltmamsell geliegen hatte und die das Aussehen eines Pulp-Heftchens imitiert: „America’s demons exposed!“

§

Die taz über den zusammenbrechenden Altkleidermarkt und stillstehende Fabriken in Bangladesch und Indien:
„Bekleidungsindustrie leidet unter Corona:
Das Elend der vollen Schränke“.

Ich fühle mich bereits überfordert von all den Meldungen über die negativen Auswirkungen, die die Corona-Krise schon jetzt hat – weswegen ich alle Spekulationen über künftige wirtschaftliche Schäden ignoriere.

Journal Karfreitag, 10. April 2020 – Carolin Emcke, Wie wir begehren auf dem Balkon

Samstag, 11. April 2020

Unruhige Nacht wegen Kopfweh, das mich schon am Donnerstagnachmittag geplagt hatte und das eindeutig keine Migräne war. Ein Aspririn am Morgen half.

Beim Aufstehen bemerkte ich Muskelkater am gesamten Rücken. Ich war sehr verwundert, denn die 20 Minuten Yoga am Donnerstag hatten doch nur aus Dehnenübung bestanden. Erst später fiel mir die ausgiebige Brücken-Position ein, die durchaus angestrengt hatte. Die sollte ich wohl öfter machen.

Gestern, an diesem weiteren strahlenden und warmen Frühlingstag, war nach ausgiebiger Kräftigung und Dehnung wieder Crosstrainerstrampeln dran. Ich fand interessant, das mich dabei ganz andere Musik ansprach als während meiner Strampelrunden davor.

Nach Duschen und Anziehen ging ich raus in den wundervollen Tag. Ich verband das Semmelholen mit einem kleinen Umweg über den Südfriedhof.

Einsamer Spielplatz im Nußbaumpark.

Alter Südfriedhof.

Die Kastanie vorm Haus legt sich ins Zeug.

Auf meinem Gang hatte ich in den Straßen aus offenen Fenstern gehört: einmal Balalaika, einmal Klarinette, einmal Klavier – jeweils auf hohem Niveau. Brav daheim geblieben.

Mit dem mittäglichen Frühstück verspielete ich jegliche Chance auf Auswanderung nach Hessen: Die übrigen Grie Soß vom Vorabend streckte ich mit dem Saft einer halben Zitrone und verwendete sie als Dressing für den ersten Salatkopf aus Ernteanteil der Saison.

Den Nachmittag verbrachte ich, unterbrochen von einem Stündchen Siesta, lesend auf dem Balkon.

Die frischen Kastanienblätter leuchteten wie hunderte kleine Lampions.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Kalbsleber mit Äpfel und Zwiebeln auf Feldsalat gewünscht – und bekam das Gericht.

Meine Balkonlektüre war Carolin Emcke, Wie wir begehren. Ich mag ihre Stimme ohnehin, in diesem Buch faszinierte mich, wie verschieden unser Heranwachsen gewesen ist, auch wenn wir im selben Jahr im selben Land geboren sind und unser Abitur auf derselben Schulart gemacht haben. Tochter aus gutem Hause in Norddeutschland ist halt eine andere Ausgangsbasis als Gastarbeiterkind in oberbayerischer Provinzstadt (wobei ich bezeichnenderweise die Herkunftsausnahme bin, die sich Emcke explizit im altsprachlichen Zweig eines humanistischen Gymnasiums nicht vorstellen konnte).

Eine große Gemeinsamkeit: Wir wurde beide von guten Lehrerinnen und Lehrern geprägt, ziehen bis heute von ihnen erlerntes heran. In Carolin Emckes Fall nahm ein Musiklehrer die zentrale Rolle ein: Die Schilderung des Unterrichts bei ihm zieht sich als roter Faden durch das Buch, und die verschiedenen Aspekte von Musik, die sie dadurch und selbst entdeckte. (Bei mir war das ja der Griechischunterricht bei Herrn Nusser in meinen letzten drei Schuljahren.) Doch sehr unterschiedlich wieder unsere Sexualität, wobei noch der unbedeutendste Unterschied ist, dass Caroline Emcke seit ihrem 26. Lebensjahr Frauen begehrt: Schon ihre Beschreibung der Rolle von Sexualität in ihrer Jugend war mir komplett fremd, das kannte ich alles nur aus viel späteren Erzählungen.

Wichtig und erhellend fand ich die Beschreibung, was Schweigen über Sexualität von klein auf anrichtet: Auch ich kämpfe bis heute damit, dass zwar Fortpflanzung thematisiert wurde, nicht aber Sex – der in meiner repressiv katholischen Umgebung zusätzlich mit einem erbarmungslosen Moralkorsett verbunden war.

Auf erfreulichste Weise überholt war der letzte Abschnitt des Buchs: Das leidenschaftliche Plädoyer für eine Gleichstellung der schwulen und lesbischen Ehe mit der heterosexuellen. Es bleibt als Argumentationshilfe nützlich, wenn rechte und grundgesetzfeindliche Kräfte eine Aufhebung fordern.

§

Mich erreichen fast keine Corona-Märchen (ich mag den verwässerten und missbrauchten Begriff „Fake News“ nicht), Beweis für die Vernunft meiner Familie und Freunde sowie für die sorgfältige Zusammenstellung meiner Twitter-Timeline. Alle paar Tage schaue ich allerdings in Kanäle, die sich mit dem Faktencheck solcher Märchen beschäftigten, z.B. in den von AP-Associated Press:
„NOT REAL NEWS: A week of false news around the coronavirus“.

Journal Dienstag, 7. April 2020 – Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten

Mittwoch, 8. April 2020

Eigentlich gut geschlafen, aber dann doch mit Angst vor dem Arbeitstag um fünf aufgewacht.

Nach der Runde Kraftübung doch nochmal ein Yoga-Versuch mit Adriene: Leider waren das Übungen im Stehen – ich konnte fast 90 Prozent nur auf einer Seite mitspielen, weil mein rechtes Bein durch die wehe Hüfte nicht trägt. Und so nervte mich plötzlich auch das pausenlose Geschnatter.

Herrliche Radfahrt in die Arbeit durch einen milden Frühlingsmorgen (und wie so oft erwies sich, dass frisch aufgepumpte Reifen das Treten deutlich erleichtern).

Mittelhöllischer Arbeitstag, in der jetzigen personellen Situation kann ich halt nicht ungestraft zwei Tage frei nehmen. Ich war emsig bis Feierabend, nahm mir aber die Zeit für eine Mittagspause mit Käse, zwei Birnen und einer Tageszeitung.

Nach Feierabend brauchte ich nicht mal eine Jacke. Ich radelte zur Hofbräuhausmühle und kaufte Kuchenmehl nach (Type 405).

Daheim servierte Herr Kaltmamsell Flammkuchen mit Ernteanteil-Lauch, ich hatte zur Nachspeise Quarkfein gemacht.

Familien-Osterfrühstück findet heuter über Jitsi statt, erfolgreicher Testlauf mit meinem Bruder.

Zur gewohnten Stunde Treffen unserer Leserunde, diesmal über Google Hangout (ich bin die Plattform seit Jahren so gewohnt, dass ich nicht mal mehr wusste, dass man zur Teilnahme einen Google Account braucht). Allen geht’s gut, die einen genießen das Arbeiten von daheim aus, die anderen sind dadurch sehr angestrengt.

Wir sprachen über Ferdinand von Schirach, Kaffee und Zigaretten, eine Sammlung von Kurz- und Kürzesttexten, non-fiction aus dem Leben des Autors. Sehr nett und anregend zu lesende Geschichten und Gedanken, darüber waren wir uns einig. Auseinander ging die Rezeption des lakonischen und gutbürgerlich-distinguierten Duktus‘: Manche mochten ihn und seinen aus der Zeit gefallenen Zauberberg-Hauch sehr, andere – darunter ich – verspürten Unbehagen bei diesem personifizierten Zeit-Feuilleton im maßgeschneiderten Dreiteiler mit rahmengenähten Schuhen. Zum einen fehlten mir die Brüche an dieser Persona (die andere Mitlesende durchaus sahen), zum anderen, das wird mir erst jetzt klar, ein wenigstens manchmal spielerischer Umgang mit all der Bildung und all dem privilegierten Hintergrund, der für mich immer von Reflexion zeugt und den Gebildeten in Verhältnis zum Erlebten und Gelernten gesetzt hätte. Der Duktus ist quasi prä-modern.

Am Ende diesmal also kein Heimweg, der in der lauen Abendluft sicher wunderschön gewesen wäre, sondern nach dem Abschied lediglich ein Ausschalten.

§

Die Rechten hört man zur Corona-Epidemie praktisch nicht. Nein, die Medien ignorieren sie keineswegs: die Öffentlich Rechtlichen lassen auch sie in der Riege aller gewählten Parteien zu aktuellen Aspekten dieses Themas in die Kamera hineninmeinen. Aber sie melden sich nicht von selbst zu Wort, es ist geradezu brüllend still. Faschismus-Expertin Natascha Strobl hat sich also dorthin begeben, wo die Rechten miteinander reden und hat ihre Haltung zur Epidemie herausgefunden, hier der Twitter-Thread. (Zusammenfassung: Sie haben nichts dagegen, wenn „das Schwache“ durch eine Seuche ausgemerzt wird.)


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