Bücher

Journal Sonntag, 18. Oktober 2020 – Sonniger Tegernsee und Mary Wesley, The Camomile Lawn

Montag, 19. Oktober 2020

War eine gute Nacht, allein schon das Kissen half.

Kein Regen, also Spaziergang nach dem Frühstück im Park. Seit ein paar Tagen sind die Wiesen voller Tintlinge.

Zu meiner Beruhigung ging das Gehen besser. In den beiden Tagen davor schmerzten mich viele Bewegungen (evtl. wegen Verringerung der Schmerzmittel?), so dass ich wieder humpelte – ich kann nicht an einem symmetrischen Gang arbeiten, wenn er mir Schmerzen bereitet.

Ausführliche Runde im „Bewegungscenter“, draußen ließ sich die Sonne immer deutlicher sehen.

Mittagessen waren ausgezeichnete Kaspressknödel (wenn auch Kugeln und nicht flach) in einem Butter-See, dazu Mais-Karotten-Salat, danach Weiße-Schokoladen-Mousse.

Kurzes Verdauungsschläfchen, dann zog es mich raus in die Sonne. Ich spazierte, so weit möglich am Ufer entlang, Richtung Bad Wiessee.

Nicht abgebildet: Haubentaucher, die ich einige Male entdeckte.

Der oben abgeflachte Berg ist der Wallberg, auf dem ich die beiden Skiwochen meiner Gymnasialzeit verbracht habe, untergebracht im Wallberghaus. Aber nichts an der hiesigen Umgebung ruft Erinnerungen hervor.

Der Söllbach, der direkt am Klinikgelände vorbeifließt.

Zum Abendessen hatte ich bereits die zweite Hälfte Radicchio mit Schimmelkäse als ersten Gang gehabt, im Restaurant gab es Reis mit Gemüsecurry. Jetzt ging ich wieder beschwerlich und von Schmerzen gestört, ich werde mich mit dem Physio-Team darüber unterhalten.

Mary Wesley, The Camomile Lawn ausgelesen. Innerhalb von zwölf Monaten der dritte englische Roman, der unter jungen Leuten um den zweiten Weltkrieg spielt (die anderen beiden waren Judith Kerr, Bombs on Aunt Dainty und Nancy Mitford, The Blessing) – ich glaube, das Thema kommt in England gut an. Diesmal sind die jungen Leute Kusins und Kusinen aus der upper middle class (will heißen: sowas wie Lebensunterhalt wird nie erwähnt, alle wohnen so großzügig, dass sie jederzeit die anderen unterbringen können), und London im Krieg ist eine einzige Party. Oberflächlichkeit wird gefeiert, dennoch sind die Figuren als liebenswerte Charaktere gezeichnet. Neben ihnen spielen auch Flüchtlinge aus Deutschland eine Rolle, doch vor allem als pittoreskes Detail. Verwoben in die Handlung der Kriegszeit sind Kapitel, die 40 Jahre später spielen: Die Protagonistinnen von damals auf dem Weg zur Beerdigung einer der Hauptfiguren, im Gespräch mit der nächsten Generation. Das ist erzähltechnisch hervorragend gemacht, denn in diese Gesprächen stecken wichtige Informationen für die Haupthandlung, inklusive ihrer Interpretation im Nachhinein. Ich las das Buch sehr gern, doch mein Liebling ist die Perspektive von Judith Kerrs Roman im Flüchtlingsmilieu, in dem die kleinen und großen Kämpfe ums alltägliche Überleben eine Rolle spielen.

§

Gespräch mit Prof. Christian Drosten u.a. darüber, warum er sich sehr früh für öffentliche Sichtbarkeit entschieden hat, was er über Medien und Kommunikation gelernt hat (er vergleicht die Rolle der Medien mit der eines Medikaments).

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https://youtu.be/B_DTWtwhlBA

Journal Dienstag, 13. Oktober 2020 – Evidenz-Skepsis

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Fast fünf Stunden am Stück geschlafen!

Das Wetter war zunächst weiter kalt und grau, doch die Aussicht auf See und umliegende Berge ist durch die tiefen Wolkenbänke auch bei diesem Wetter interessant.

Beim Frühstück (wieder Lust auf Müsli mit Joghurt) verabschiedete ich meine Tischgenossin, deren Reha endete: Sie war sympathisch gewesen, und da sie sich wirklich auf freundlichen Smalltalk beschränkte, auch keine Belastung.

Ich lernte manuelle Lymphdrainage kennen: Der ausführende Physio wusste nicht zu erklären, wozu sie mir verschrieben wurde, auch nicht den Kompressionsstrumpf – mein operiertes Bein ist weiterhin nicht geschwollen. Laut ihm hätte ich beides am ehesten in den Tagen direkt nach der OP gebraucht. Wir einigten uns, dass ich im Tragen des doofen Strumpfs flexibel sein kann.

Bis zum nächsten Termin lungerte ich im Foyer herum (das hatte ich von der vergangenen Reha keineswegs vergessen: die vielen 20-30-minütigen Pausen zwischen den Terminen, mit denen nichts anzufangen ist) und las Zeitung auf meinem Handy. Dann endlich: Fango! Der Weg zur Behandlung war im labyrinthischen Bäder-Untergeschoß halbwegs nachvollziehbar. Da die Fango-Platte für den Rücken platziert wurde, ist auch ihr Nutzen mir unklar, aber die Wärme war angenehm.

Jetzt wäre ein Cappuccino schön gewesen, doch die Cafeteria hatte gestern um 11 Uhr noch keinen Betrieb.

Neugierig war ich auf „Pilates Einführung“. Im mittelgroßen Gymnastikraum waren wir nur zu dritt plus Trainerin. Sie erklärte Grundsätzliches, auf dem Boden wurden wir zu ersten Übungen angeleitet. Das könnte interessant werden.

Mittagessen in Bildern:

Gemüsesuppe mit deutlicher Kümmelnote.

Penne al arrabiata (die ich im Kopf vermutlich bis an mein Lebensende wie Darth Vader in der Death Star Canteen aussprechen werde).

Vanillepudding (cremig).

Inzwischen regnete es leicht. Ich krückelte dennoch meinen Verdauungsspaziergang im Park, nicht mal die Rauchergruppe war draußen.

Der nächste Termin war nochmal „Bewegungsschiene“. Diesmal kümmerte sich ein Physio und stellte die Schiene ein, auf die ich mein Bein lege und die es dann maschinell anwinkelt und ausstreckt. I’m not an expert, but – da ich dazu neige, im Zweifel $Medikament oder $Therapie in Verbindung mit dem Suchbegriff „Evidenz“ zu recherchieren, sind meine Fragen nach dem Nutzen wohl berechtigt. Aber man kann’s vermutlich halt abrechnen.

Eine Runde „Med. Training“, also Trockenradeln (ich stellte mal auf deutlich aktiver, um den Puls wenigstens ein kleines Bisschen hoch zu bekommen) und Bewegungsmaschinen.

Tagesprogramm beendet, zurück im Zimmer zog ich mich um (also von Gymnastikhose und Funktionsoberteil in weite, warme Sporthose, T-Shirt und Pulli – Straßenkleidung habe ich hier tatsächlich noch nie getragen). Ich ackerte mich weiter durch Connie Willis, Doomsday Book. Von all den Details der Pesterkrankungen (auch hier wieder und wieder dieselben Beschreibungen in Varianten) wurde mir selbst ganz kränklich.

Abendessen Biryani, das gut schmeckte, allerdings fast ausschließlich aus Reis bestand. Davor eine Suppe. Über den Nachmittag war es trocken geblieben, ich drehte meine Abendrunde im Park sogar unter Sternen.

Abendunterhaltung war Auslesen des Romans. Die Grundidee der missglückten Zeitreise einer Geschichtsstudentin ins Mittelalter, startend von einer mittelnahen Zukunft Mitte des 21. Jahrhunderts, gefiel mir zwar gut, doch die Erzähltechniken sind sehr verbesserungsbedürftig. Ein Drittel der Auserzählungen (niemand geht einfach in einen Raum und setzt sich, sondern öffnet die Tür, schließt die Tür hinter sich, geht zum Stuhl und setzt sich erst dann) müsste man kürzen, dann bekäme die Geschichte Tempo. Interessantes Detail: Als Willis den Roman 1992 veröffentlichte, stellte sie sich eine Zukunft mit Bildtelefonie als Standard vor, doch die Menschen müssen dafür immer noch zu stationären Apparaten gehen. Offensichtlich gab sie der Mobiltelefonie, die damals ja bereits mit Aktenkoffer-großen Apparaten begonnen hatte, keine Chance.

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„9 (Kinda) Hilarious Lessons From My 99 Days on a COVID Ventilator“.

via @teresabuecker

Journal Sonntag, 11. Oktober 2020 – Kaltes, graues Nichtstun

Montag, 12. Oktober 2020

Wieder ein Tag, an dem ich hauptsächlich heilte.

Trotz Schlaftablette war die Nacht kurz: Ich wachte um halb sechs auf. Duschen, im Stationszimmer um Hilfe beim Kompressionsstrumpfanziehen bitten, bloggen. Beim Frühstück ließ ich meiner Appetitlosigkeit freien Lauf, setzte auf einen Cappuccino später in der Cafeteria. Doch deren Öffnungszeiten sind erratisch: Nachdem sie am Samstag bereits um 9 Uhr in Betrieb war, blieb sie gestern vor meinem Sporttermin um 11 Uhr leer. Zum Glück hatte ich mir einen kleinen Pack Milch vom Frühstück mitgenommen, der musste als Energie reichen.

Eine Runde im Sportraum: Leichtes Radeln mit geringem Radius, Oberkörpermaschinen, Crunches am Boden.

Zu Mittag Salätchen, Sparghetti Pomodoro, Brombeer-Mousse. Wie schon nach dem Frühstück krückelte ich in der Parkanlage umher, das Wetter war grau und kalt, aber ohne Regen.

Großer Programmpunkt des Nachmittags: Wäschewaschen. Waschpulver hatte ich in einem Schraubglas dabei, Waschmünzen kaufte ich an der Rezeption, den Weg zur kleinen Waschküche im Schwimmbadtrakt hatte mir meine Tischgenossin beschrieben. Beim ersten Versuch waren beide Waschmaschinen belegt, zeigten aber die Restzeit an. So konnte ich den zweiten Versuch gezielt terminieren.

Während meine Wäsche wusch, holte ich nicht nur den Cappuccino nach, sondern bestellte ein großes Stück Käsekuchen dazu. Beides machte mich fröhlich, außerdem sollte ich damit nicht mehr so lang vor dem Abendessen hungrig werden.

Lektüre von Connie Willis, Doomsday Book. Bald las ich im Fast-forward-Modus, um mich nicht zu sehr über die erzähltechnischen Unzulänglichkeiten zu ärgern: Zum einen fehlt eine direkte Erzählstimme, also werden Informationen alle in Dialoge gepackt, bis zum „Hans, der, wie du weiß, dein Vater ist“-Blödheitsgrad. Zum anderen ist alles viel zu lang und und ausschweifend ausgeschrieben: Noch eine Person, die nie wieder auftaucht, noch ein Raum, noch ein innerer Monolog ohne Substanz, jede Bewegung wird in viel zu vielen Schritten erzählt – man könnte mindestens 30 Prozent streichen. Gab’s da keine Lektorin?

Zum Nachtmahl hatte ich den Couscous-Salat bestellt, mit einer Spinatsuppe davor wurde ich satt.

Abendunterhaltung nach der Tageeschau war weiter der Roman; wenn ich kursorisch auf der Suche nach Handlung las, war er ganz interessant.

Journal Samstag, 10. Oktober 2020 – Ich lerne Faulsein

Sonntag, 11. Oktober 2020

Da schau her: Schlafmittel macht Schlaf! Ich wachte nur wenige Male halb auf, weil ich mich vor lauter Entspannung fast auf die operierte Seite drehte. Ach, das hole ich mir doch gleich nochmal, diesmal mit Ausschlafen.

Ich aß sogar einen Happen zum Frühstück. Vormittags schien unter zuziehendem Himmel nochmal die Sonne, ich nutzte sie zu einem Spaziergang.

Als ich kurz vor Mittag eine kleine Geräterunde im Sportraum absolvierte (alles außer Hüfte), fing es an zu regnen.

Zu Mittag Reiberdatschi mit Apfelmus und Himbeeren. Ein süßes Mittagessen ist zwar nichts, was ich mir sonst aussuchen würde, aber ich wollte wirklich nicht das Fleischgericht. Davor Zwiebelsuppe, zum Dessert ein Stückchen Kirschkuchen, ich wurde sehr satt.

Ein herrlich fauler Tag. Kurz nach dem Mittagessen wurde ich müde: Siesta! Ich schlief tief, erwachte erschrocken aus einem grusligen Alptraum (Horrorfilmoptik bei Angriff von Maikäfer-Scharen).

Um nicht zu viel zu sitzen (schlecht für neue Hüfte), setzte ich mich zum Zeitunglesen auf mein Bett, das einen verstellbaren Kopfteil hat. Auslüften bei kleiner Draußenrunde im leichten Regen.

Weiterlesen.

Abends machte ich die Bekanntschaft mit der regierenden Katze, von der ich bereits reden hatte gehört.

Zum Abendbrot gab es köstliches Antipasti-Gemüse.

Spät im Bett begann ich neue Lektüre: Connie Willis, Doomsday Book.

Weil in Rebecca Makkais The Great Believers Krankenversicherung eine so große Rolle spielte und überhaupt: Ich fühle mich derart privilegiert, in einem System zu leben, in dem diese ganze riesige Hüft-Aktion widerstandslos von einer gesetzlichen Krankenkasse beglichen wird. (Jajaja, Verbesserungsbedarf an vielen Ecken, heute aber mal grundsätzlich.) Modernste Diagnostik, verlässliche Pflege, sorgfältige Ärztinnen und Ärzte, mehr als ausreichend zu essen und zu trinken, alle nötige Medikation und medizinisches Verbrauchsmaterial, und jetzt auch noch drei Wochen Reha (die allerdings gezahlt von der Deutschen Rentenversicherung). Im weltweiten Vergleich ist das sensationell.

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Spaß beim Denken: Physikerin Sabine Hossenfelder erklärt, warum die Vorstellung von „Freiem Willen“ Unsinn ist – das wiederum kein Grund zur Sorge.

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https://youtu.be/zpU_e3jh_FY

via @mspro

Journal Freitag, 9. Oktober 2020 – Gelassenheit und Rebecca Makkai, The Great Believers

Samstag, 10. Oktober 2020

Anstrengende Nacht mit zweistündiger Schlafpause, die ich irgendwann halt lesend verbrachte. Ich stand früh auf und nutzte die ruhige Zeit der Stationspflegerinnen, sie um Hilfe beim Anziehen des Kompressionsstrumpfs zu bitten (den DARF ich nicht allein anziehen). Die Helferin versicherte mir, dass das Tragen bald sehr viel besser werde, vor allem wenn es bereits morgens mit noch nicht geschwollenen Beinen beginne. Sie hatte recht.

Nach dem Frühstück erster Spaziergang – Anschlussversuche durch herzliche Einsilbigkeit abgewehrt. Vögel im noch ausgeschalteten Springbrunnen beobachtet, zum Teil beim Waschen: Amseln, Kleiber, Rotschwanz, und überm See Möwen.

Keine Möwe.

Lesen auf dem Zimmer bis zum einzigen Vormittagstermin, ein paar getrocknete Aprikosen gefrühstückt. Der Termin umfasste weitere Einweisung in Sportgeräte. Unter anderem wurde eine Reihe Oberkörper-Maschinen für mich eingestellt, die darf ich sogar täglich. Als Frau Physio vom Vortag mich ohne Krücken zwischen den Geräten gehen sah, war sie begeistert: „Nach sieben Tagen!“ Plauderei mit dem Trainer unter anderem über die mangelnde Datenbasis vieler Sportgesundheits- und Trainingstipps. Die Einrichtung wird offensichtlich auch von Berufssportlerinnen und -sportlern genutzt: An der Wand bei der Anmeldung Fotos mit handgeschriebenen Danksagungen von prominenten Menschen, deren Namen sogar mir vertraut waren (und meine Zuguck-Sportkenntnis endet ungefähr bei Martina Navratilova und Klaus Allofs).

Charmantes Detail: Gesund für mein Hüftgelenk ist eine Sitzhaltung, bei der die Füße relativ eng stehen, die Knie aber auseinander fallen – fast genau die Sitzhaltung, die ich als Kind hatte, bevor man sie mir als ungehörig (ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut) aberzog. Die Beine übereinander zu schlagen ist mir noch länger untersagt als das Abknicken der Hüfte über 90 Grad – was mir auch gestern nochmal erklärt wurde. Diesmal mit der Gelenkkapsel, die bei der OP stark verletzt wurde und jetzt erst wieder zusammenwachsen muss – idealerweise eng und dicht, um auch langfristig eine Luxation zu verhindern.

Mittagessen: Senfeier mit Spinat und Kartoffeln (vorher Salätchen, nachher Blaubeerquark). Ich war etwas verdutzt, dass die Senfsoße mit Rotisseursenf aromatisiert war und deshalb nicht wirklich nach Senf schmeckte, aber besser als gar kein Senf.

Eine Pflegerin brachte mir den nächsten Therapieplan aufs Zimmer, die nächste Woche sieht schon interessanter aus.

Über einem Cappuccino las ich in der Cafeteria Rebecca Makkai, The Great Believers aus – bis zuletzt gefiel es mir sehr gut. Mehr unten.

Erneuter Spaziergang. Dabei kam endlich das Gefühl an, dass ich erst mal nichts muss. Selige Gelassenheit.

Der eben verstorbene Herbert Feuerstein hat seinen Nachruf selbst hinterlassen. Ich sah ihn über die ARD-Mediathek an.

Vor dem Abendessen bat ich im Schwesternzimmer um eine Schlaftablette – und schämte mich eigenartigerweise dafür. DAs MüsSeN wIr uNS mAl GeNaUEr AnSehEN. (Psychoanalyse hat meine Reflexionsfähigkeit beschädigt.)

Nachtmahl war Matjes Hausfrauen Art, allerdings mit gekochten statt Bratkartoffeln – schmeckte gut!

§

Wie kann man die verheerendsten Jahre der AIDS-Epidemie in den USA literarisch verarbeiten? Es gibt wohl nicht viele, die das bislang versucht haben. Rebecca Makkai hat sich für ihren Roman The Great Believers klugerweise dafür entschieden, sie zum sehr dominanten, aber technisch doch Hintergrund für zwei Geschichten mit eigenem Spannungsbogen zu machen.

Der eine spielt in Chicago 1983-1991. Im Zentrum steht der junge schwule Yale Tishman, der mit dem Voranbringen einer Kunstgalerie beauftragt ist. Um ihn die gay community Chicagos, sein Partner Charlie gibt das größte Schwulenmagazin heraus. Während Yales Alltag durch das Thema AIDS bestimmt wird (wer wurde wie getestet, soll man überhaupt, wer ist wie krank, Entwicklung von Medikamenten, wer bezahlt), steht er vor einem sensationellen beruflichen Durchbruch: Die greise Verwandte seiner Freundin Fiona bietet der Gallerie eine Reihe von Zeichnungen weltberühmter Maler an, die sie aus ihrer eigenen Künstlerzeit im Paris der 1910er und 20er besitzt. Daraus entwicklet sich eine explizite Parallele zum Ersten Weltkrieg, der eine ganze Generation junger Talente auslöschte – so wie AIDS es jetzt tut.

Die Protagonistin des zweites Spannungsbogens im Jahr 2015 ist diese Freundin Fiona: Sie fliegt von den USA nach Paris, um ihre erwachsene Tochter zu suchen – diese hatte vor einigen Jahren den Kontakt abgebrochen. Wieder lesen wir über eine Künstlerszene, erleben Schwulsein 30 Jahre später.

Makkai ist deutlich zu jung (*1978), um eigene Erinnerung an das Grauen der Todesschneise zu haben, die AIDS schlug (kurze Erinnerung daran, dass es immer noch keinen Impfstoff gibt, diese Pandemie ist noch nicht vorbei). Selbst habe ich mich seinerzeit zwar mit der politischen Seite befasst (Stichworte Gauweiler vs. Süssmuth), auch mit der medizinischen, doch zum Glück musste ich keine Freunde wegsterben sehen. Doch Makkai schafft einen intensive Eindruck von Zeit und Thema, mit vielschichtigen Charakteren und Zwischentönen, mit Zeitkolorit ohne Stereotypen (dass es in den 80ern Zauberwürfel und Walkmen gab, ist deutlich weniger wichtig als die Abwesenheit von Mobiltelefonen: ständig muss jemand nach einer Telefoniergelegenheit suchen). Die zweite Geschichte 2015 wirft die bedrückende Frage auf: Wie schlägt das Trauma der Überlebenden auf die nächste Generation durch?

Gutes Buch.

Journal Dienstag, 29. September 2020 – Arbeit von daheim und Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers

Mittwoch, 30. September 2020

Mittelschlimme Nacht, ich hielt mich am Countdown T -4 fest.

Da Sport gar nicht mehr geht und der Arbeitsweg im Aufklappen des Dienst-Laptops bestand, war der Morgen gemütlich.

Arbeiten von Daheim. Da Herr Kaltmamsell in der Schule war, konnte ich bis zum Nachmittag seinen Schreibtisch und -stuhl als Arbeitsplatz nutzen und musste nicht unbequem am Esstisch sitzen. Aber auch hier fror ich klassisch trotz Heizung, dickem Pulli, zwei Paar Socken.

Mittags Käse und selbst gebackenes Brot. Um trotz Quarantäne frische Luft zu bekommen, brachte ich Gelbsack- und Flaschen zur Wertstoffinsel, die 200 Meter im Freien (kühl, immer wieder Regen) mussten genügen.

Zwei Telefon-Meetings übern Tag, während einem beobachtete ich ein rotes Eichhörnchen in der Kastanie – Home Office deluxe. Nachmittagssnack eine Mango.

Telefonat mit Brüderchen, wir brachten einander ein wenig auf neuesten Stand.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Risotto mit Ernteanteil-Weißkraut, aufgegossen mit der Brühe vom Corned-Beef-Kochen.

Im Bett las ich Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers aus. Das Buch ist die Familiengeschichte der Autorin in der Schweiz (Solothurn, Zürich), erzählt wie ein Roman. Schwager macht das technisch sehr geschickt: Sie gibt die Stimmen ihren Familienangehörigen, vor allem dem Großvater Hans (der Metzger aus dem Titel), aber auch zwei Schwestern ihrer Großmutter und zwei von ihren Töchtern (eine davon Schwagers Mutter). Die Großmutter selbst, „das Hildi“, lebt schon lang nicht mehr; warum Schwager im Nachwort schreibt, sie sei „verlöscht“, wird im Lauf der Erzählung klar.

Ganz behutsam entwickelt sich in diesem Stimmen ein Frauenleben vor der Zeit um den Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er in der Schweiz. Sehr mündlich notiert und mit vielen Helvetismen erzählen die unterschiedlichen Perspektiven nur scheinbar immer wieder widersprüchliche Geschichten, tatsächlich aber indirekt über sich selbst mindestens so viel wie über Hildi. Eine realistische Vorführung, wie viele Wirklichkeiten es innerhalb einer Familie gibt und wie es dazu kommt.

Es geht um eine harte Zeit, in der Frauen so wenig zu melden hatten, dass ihnen nur Ausweichen blieb, ob vor grabschenden Männerhänden oder männlicher Entscheidungswillkür, in der sie flohen in „Sanftheit“ und andere als „typisch weiblich“ geltende Verhaltensweisen. Und in der nur wenige die Kraft hatten, sich über Konventionen hinweg zu setzen. Besonders berührte mich der Gegensatz zwischen der Fügsamkeit Hildis, die ihr Mann und ihre Töchter wieder und wieder betonen, Hans aber auch, dass sie ihm die Bestimmer- und Beschützerrolle ja zugewiesen habe, und den kleinen Fluchten, die ihre Töchter beschreiben, zum Beispiel das Ansparen von Geld für heimliche Genüsse in der Konditorei. Was in diesem Leben bereits für das Gefühl von Auflehnung reichte.

Journal Donnerstag, 24. September 2020 – Gewachst worden

Freitag, 25. September 2020

Viel Nachtschlaf, unterbrochen von einer GANZ neuen Sorte Schmerzen: Es gab in der Innenseite des Hüftgelenks eine Stelle, die sich erstmals deutlich bemerkbar machte.

Früher Wecker für eine Runde Crosstrainer, die sehr angenehm war.

Trockenes Radeln in die Arbeit, wieder setzte ein Regenguss kurz nach meinem Eintreffen ein.

Gute Familiennachrichten aus dem Krankenhaus, alles in Ordnung.

Mittags ein Laugenzöpferl, dann Papaya und Maracuja mit Joghurt.

Nachmittags vor allem manuelle Arbeit, ich schwitzte.

Nach der Arbeit radelte ich zu einer kosmetischen Behandlung in die Maxvorstadt: Da ich mich nach der OP eine Weile nicht beugen können werde, kann ich dann auch meine Beine nicht rasieren – ich sorgte mit einer Haarentfernung durch Wachs vor.

Kennengelernt hatte ich diese Methode vor vielen Jahren in Spanien: Ich hatte dort mit Anfang 20 einen Übersetzungsjob, und die spanischen Kolleginnen gingen zum depilar. Sie nahmen mich mit, und ich fand das praktisch: Mir wurde warmes Wachs dick aufgestrichen und mit einem Ruck abgezogen. Mindestens zwei Wochen musste ich mir dann keine Gedanken um sichtbare Haare auf meinen Beinen machen. Als Studentin ließ ich mir vor allem im Winter die Beine enthaaren, wenn mich die dann nachwachsenden, weichen Haare nicht störten. In den vergangenen Jahren hatte ich das vergessen.

Gestern machten sich zwei Angestellte gleichzeitig über meine Beine her, so dauerte der Vorgang nur eine gute Viertelstunde. Ich hatte allerdings auch vergessen, dass das ziemlich weh tut. Mit bitzelnden Beinen heimgeradelt.

Zum Nachtmahl gab es die typisch donnerstägliche (Ernteanteil) Schüssel Salat mit Tomaten (Dressing: Olivenöl-Zitronensaft-Knoblauch-Vinaigrette) und viel Schokolade.

Auf die Nachricht, dass dort bald die Olivenernte anstehte, bestellte ich wieder Olivenöl aus Solidarischer Landwirtschaft auf Lesbos vor.

Früh ins Bett, Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers angefangen – gleich mal auch sprachlich in die Schweiz mitgenommen worden.

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Die Fugly-Damen machen mein Internet weiterhin zu einem besseren Ort. Unter anderem durch Kommentare über Star-Outfits wie diesen:

This is absurd and I hate it and I’ve NEVER been happier to hate something so inherently unimportant as someone’s outfit!!!


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