Bücher

Journal Montag, 7. September 2020 – J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup

Dienstag, 8. September 2020

Seltsame Nacht mit realistischen und umso bizarreren Träumen (vermutlich beeinflusst von der aktuellen Lektüre), tiefer und erholsamer Schlaf geht anders.

Der Wecker stand eh auf halb sechs, weil ich eine Runde Crosstrainer wollte. Das klappte auch und bereitete Freude.

Der nächtliche Regen hatte aufgehört, ich konnte trocken in die Arbeit radeln. Wo plötzlich so viele auf der Trick mit dem frühen Arbeitsanfang gekommen waren, dass ich erst nach einer halben Stunde auch nur dazu kam, mein Teewasser aufzusetzen.

Und ich glaube, vor der OP muss ich mir in dem ganzen Durchhalten, Aushalten und Verdrängen der Schmerzen nochmal eine Einheit Heulen, Zähneknirschen und Rumbrüllen nehmen, weil es so viel Kraft kostet. Und das, wo ich sogar noch selbst humpeln kann und aus eigener Kraft überall hin komme.

Mittags frische Feigen mit Feta. Gegen den Nachmittagshunger eine Scheibe selbstgebackenes Brot.

Meine Zahnärztin war zurück aus ihrem Urlaub, ich holte mir für nächste Woche einen Termin, um die bröselnden Schneidezähne richten zu lassen.

Viel zu tun, es wurde schon wieder spät.

Auf dem Heimweg erledigte ich die Lebensmitteleinkäufe für die nächsten Tage beim Vollcorner.

Kurzes Ausruhen daheim, bevor wir zum Treffen unserer Leserunde aufbrachen. In kleinerer Runde auf Abstand aßen wir Auberginen-Kartoffel-Auflauf (gut!) und Schokoladenkuchen, sprachen über J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup. Eine 1975 erschienene englisch Satire über eine Zuguck-Sporart, die mich überhaupt nicht interessiert: Fußball. Zumindest weiß ich genug über die Regeln und die Geschichte des Sports, um mitdenken zu können und die satirisierten Hintergründe zu erkennen. Außerdem ist J.L. Carr Meister der Erzählökonomie und braucht für die launige Geschichte der Dorfmannschaft, die mit Hilfe der kühlen Analyse eines ungarischen Intellektuellen eine Strategie für den englischen Pokalgewinn findet, nur 130 Seiten. Wirklich lustig fand ich die Seitenhiebe auf die Strukturen und Gemeinheiten im Landleben, weit weg von jedem Landliebe-Idyll, außerdem war ich überrascht, dass die Mechanismen von Kommerzialisierung und Medienausschlachtung des Fußballs offensichtlich vor 50 Jahren bereits dieselben wie heute waren. Und es gab einige schöne Wendungen entgegen der Lese-Erwartungen. Dennoch hat ein Fußballfan wahrscheinlich größeres Vergnügen an dem Roman (Christoph Becker überschlägt sich in der FAZ schier vor Begeisterung) und kann sich die beschriebenen Spiele besser vorstellen (im Roman als Lokalzeitungsberichte der sehr jungen, emsigen freien Mitarbeiterin Glinchy abgedruckt, die ich als Personal des Landlebens sofort wiedererkannte und mochte). Die anderen Mitlesenden waren durchwegs sehr angetan von dem Buch.

Heimradeln durch nur wenig kühle Nachtluft mit einer Ahnung von Herbst.

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Herzbruch braucht ja gar keine Themenanregungen – jetzt hat sie so nachvollziehbar und informativ über Handball gebloggt, dass ich am liebsten noch mindestens ein Dutzend weiterer Sportarten so vermittelt haben möchte:
„Pulled to bits“.
Unter anderem gefällt mir der Vergleich mit Geigespielen: Den kann ich aus erster Hand nachvollziehen. Mein Wunsch Geige zu spielen hielt nämlich nur wenige Wochen an, in denen ich die schulische Leihgeige nur zu grauenvollen Geräuschen brachte und mir klar wurde, dass das so schnell auch nicht besser werden würde. Seither behaupte ich, ich sei zu hörempfindlich fürs Geigenlernen. (Sie erinnern sich? Martin-Horn tut mir so weh, dass ich sogar vom Fahrrad springe, um mir die Ohren ganz fest zuhalten zu können?)
Finden wir auch sportliche Zuordungen für Querflöte (funktioniert schnell irgendwie, selbst Mittelmaß ist mit durchschnittlicher Anstrengung erreichbar) und Klavier (Taste -> Ton, fertig, aber nur ganz wenige bringen es zu echter Musik)?

Journal Freitag, 28. August 2020 – Arbeitsbrocken explodiert, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 29. August 2020

Diesmal nützte das Novalgin nicht so viel, ich hatte wieder eine zerstückelte Nacht mit Schmerzenspausen.

Dennoch kam ich bei Weckerklingeln gut aus dem Bett, rechtzeitig für eine halbe Stunde Crosstrainer-Strampeln. Radfahren in die Arbeit weiterhin asymmetrisch, weil ich nur links wirklich treten kann, rechts Schmerzen.

Wegen Überweisung durch die Hausärztin einen Augenarzttermin festgemacht, diesmal funktionierte das angebotene Online-System zur Terminvereinbarung und ich erhielt eine Bestätigung.

Sie wussten natürlich: Wenn man einen Brocken unangenehmer Arbeit auf kurz vor knapp verschiebt, stellt sich beim panischen Anpacken heraus, dass irgendeine Voraussetzung nicht funktioniert und erst freigeschaltet (o.ä.) werden muss. Wissenschaftliche Freude: Das konnte ich gestern verifizieren. Leider stellte sich bei näherer Betrachtung des Brockens, dessen größte Teile ich von jemandem übernommen hatte, nach und nach heraus, dass ich ihn unmöglich bewältigen kann, zum Teil wegen fehlender Fertigkeiten (Beispiel: ich hätte fließendes Neugriechisch benötigt), zum Teil wegen hint‘ und vornd‘ fehlender Kapazitäten. Bis ich genug Überblick hatte, um zu diesem Schluss kommen zu können, war ich am Nachmittag bereits über meinen Vorsatz eines pünktlichen Feierabends hinaus. Es wurde spät.

Mittags hatte ich die Panik erst mal weit genug weggeschoben, dass ich sogar Pause machte: gelbe Tomaten aus Ernteanteil, eine Schüssel Joghurt und Hüttenkäse mit Marajuca. Nachmittagssnack war ein Stück Eiweißriegel zur Hungerberuhigung.

Nach einem sonnigen Morgen und Mittag zogen am Nachmittag immer dunklere Wolken herauf. Kurz vor meinem eigentlich geplanten Feierabend begann es heftig zu regnen. Ein Blick auf den Regenradar zeigte mir, dass auch der ungeplant späte Feierabend mich nicht retten würde: Das Regenband bewegte sich in nordöstlicher Richtung längs genau über München hinweg. Nachdem ich der Wettervorhersage entnommen hatte, dass es auch am Wochenende durchregnen würde und ich mein Fahrrad sehr wahrscheinlich nicht nutzen würde, ließ ich es stehen und stieg in die U-Bahn. Meine geplanten Einkäufe im Süpermarket erledigte ich dennoch, indem ich bereits an der Theresienwiese ausstieg und zu Fuß weiter hinktrippelte. (Das mit dem Regen ist noch ein Glück: Die Infektionszahlen COVID-19 sind in München so stark gestiegen, dass die Stadt ein gestaffeltes Alkoholverbot verhängt hat – bei Feiermöglichkeit draußen befürchtete ich Krawalle.)

Daheim freute ich mich nach zehn Tagen Pause auf Alkohol: Es wurde Rieslingsekt von Buhl zur Feier des Wochenendes.

Herr Kaltmamsell servierte viererlei Röllchen:

Mangold gefüllt mit Hühnerhack, gedämpfte Schweineröllchen mit Pflaumenfüllung, Sushi (Gurke und eingelegte Zucchini), Frühlingsröllchen (gefroren gekauft). Das war alles sehr gut, besonders mochte ich, dass die selbstgemachten Sushi deutlicher nach Algen schmeckten als die gekauften. Zum Nachtisch wieder Süßigkeiten.

Im Bett begann ich die Lektüre von Halldór Laxness, Hubert Seelow (Übers.), Das gute Fräulein. Hatte ich in einer meiner Ecken ungelesener Bücher gefunden, keine Erinnerung, wie es zu mir kam. Das erste Kapitel gefiel mir gleich mal.

Neben sonstigen Veränderungen meines Körpers zieht jetzt auch meine Sehkraft nach: Nachdem ich jahrelang gut mit Brille absetzen (Bücher, Zeitung, Ausdrucke auf Schreibtisch, Pediküre, Näharbeiten) und aufsetzen (alles sonst ab Entfernung Computerbildschirm) zurecht kam, ertappte ich mich vergangene Woche zum ersten Mal bei der verräterischen Geste der Altersweitsichtigen: Die Buchstaben des Buchs vor mir waren nicht scharf, erst ein Weghalten um zehn Zentimeter schärfte sie. Weiterer Punkt auf meiner Liste post-OP und nach stationärer Reha: Neuvermessung Sehvermögen, neue Brille.

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Ich bin ja nicht gläubig, habe aber durchaus etwas übrig für bizarre religiöse Rituale (und seien wir ehrlich: ohne Glauben wirkt praktisch jedes religiöse Ritual bizarr). Wieso wurde eigentlich die Götterwelt der Antike abgeschafft? Mit der könnte ich mich anfreunden. Der Kreis ist jederzeit erweiterbar (man weiß ja nie, ob’s nicht bei anderen auch Götter und Göttinnen gibt, die man halt einfach noch nicht kennt – echte Inklusion), keinerlei Illusionen von Allmacht, internes Gehakel, wie’s halt immer ist, die Menschen sind göttlicher Willkür ausgeliefert (haben also immer eine Erklärung/Entschuldigung, Scheitern war halt Hybris gegenüber dem göttlichen Plan, wundern sich über nichts). Und die Rituale: Opfer auf Tempelstufen darbringen, gebetet wird nur laut (um sicherzustellen, dass man nicht heimlich die Nachbarin verflucht). Treffen Sie mich demnächst vor dem römischen Pantheon (erst mal alle anbeten, in die Details gehen wir später).

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Künstler/Künstlerin/Kunstkollektiv Banksy finanziert ein Flüchtlingsboot:
„Banksy funds refugee rescue boat operating in Mediterranean“.

“Hello Pia, I’ve read about your story in the papers. You sound like a badass. I am an artist from the UK and I’ve made some work about the migrant crisis, obviously I can’t keep the money. Could you use it to buy a new boat or something?”

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Falls Sie Tagebuchblogs mögen oder auch nur Erzählblogs der Alten Schule (EAS): Herzbruch hat wieder angefangen. Hier ein empfehlenswerter Einstiegspost, der unter anderem Kinderniedlichkeit enthält:
„When I’m 64“.

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Schönes Online-Projekt eines Teams um den Münchner Rom Radoslav Ganev mit Unterstützung der Stadt München:
Romanity.

via @mosaikum

Journal Donnerstag, 27. August 2020 – Noch eine Polin in Pontinia

Freitag, 28. August 2020

Diesmal verhalf mir Novalgin zu einer guten Nacht – so schön!

Morgens wagte ich nochmal gymnastische Kräftigung, LWS fordert weiterhin Vorsicht ein, ich beließ es im Bankstütz bei Halten.

Emsige Arbeit, Mittags Pfirsiche, Käse, Brot, nachmittags eine Hand voll getrocknete Aprikosen (Eisen!). Nachmittags mehr Arbeit, es wurde spät.

Sicher bin ich nicht die erste, die sich das fragt, aber: Hat schon ein Institut berechnet, wie viel die gesenkte Mehrwertsteuer Stunden/Geld in IT, Buchhaltung, Verwaltung etc. kostet im Vergleich zum erhofften geldwerten Nutzen?

Denn bei aller Gegenwehr komme auch ich nicht aus dem Effizienzdenken raus, aus diesem kapitalistischen (auch wenn mir Fragmente letzthin in einem Gespräch über Geld mehrfach bescheinigt hat, ich sei „für den Kapitalismus verloren“, worauf ich ungemein stolz bin). Wahrscheinlich ist das Ziel der Maßnahme Mehrwertsteuersenkung gar nicht geldwerter Nutzen, sondern wieder irgendwas Menschliches, das ich eh nicht kapiere.

Der Wind hatte sich völlig gelegt, das Wetter war gestern sonnig und mild, ein idealer Tag zum Draußensein ohne Hitze, ein idealer Wandertag. (Es ist jetzt über ein Jahr her, dass ich zum letzten Mal Wandern konnte.)

Auf dem Heimweg stoppte ich beim Aldi in der Hoffnung, billige Einweg-Masken zu bekommen. Gab es nicht, dafür schlug ich bei Billig-Süßigkeiten zu.

Daheim erst mal verhasste Mani- und Pediküre, es war dringend nötig.

Zum Nachtmahl gab es Salat aus Ernteanteil: Blattsalat mit Tomaten und Eiern, Joghurtdressing (aromatisiert mit einem Schuss Sesamöl). Nachtisch waren viele Billigsüßigkeiten.

Im Bett las ich ich Granta 152 aus, Still Life. Es gefiel mir bis zum Ende gut. Verdutzt und berührt war ich von einer Fotostrecke: „Labirinto“ hat die polnische Fotografin Wiktoria Wojciechowska ihre Aufnahmen in den italienischen Orten Latina, Pontinia, Sabaudia und Pomezia genannt, also in der Gegend, die Mussolini den pontinischen Sümpfen in seinem Projekt „Littoria“ abrang. Lisa Halliday hat eine Einführung dazu geschrieben. Meine Reaktion rührt daher, dass hier das Italien meiner Kindheits- und Teenagerurlaube liegt: Die Schwester meiner polnischen Mutter hatte sehr jung hierher geheiratet (hier sieht man sie und ihren italienischen Mann rechts), wir verbrachten ein paar Mal Ferien hier. Und so waren meine Bilder von Italien lang höchst unromantisch, weil geprägt von langweiligen Ebenen, von Zweckbauten und Fabriken. Wojciechowskas Fotos aber weisen mich darauf hin, dass die Gebäude, die mir damals seelenlos erschienen, funktionale Architektur der 1930er und 1940er sind – die ich heute mag.

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Lustig.

Journal Dienstag, 25. August 2020 – Kaufhausliebe

Mittwoch, 26. August 2020

Nach guter Nacht (nur zwei Unterbrechungen) erfrischt aufgewacht.
Ich wagte nach fast zwei Wochen wieder Bankstütz und Seitstütz – nicht nur ging es (weit entfernt von der Dauer prä-Hexenschuss), danach fühlte ich mich auch besser.

Sonniger, warmer Tag mit hin und wieder Wolken. Arbeit in der Arbeit reichlich, aber gut machbar. Mittags rote Paprika und ein Pfirsich, ein Stück Blauschimmelkäse. Nachmittagssnack eine wundervolle, riesige Nektarine.

Nach Feierabend fuhr ich erst mal die Münzen unserer Urlaubskasse zur Bank (Pandemie-bedingte Kartenzahlung hatte dazu geführt, dass das Füllen des Topfs doppelt so lange wie sonst gedauert hatte). Dann radelte ich weiter zum Hertie am Hauptbahnhof. Große Kaufhausliebe: Nicht nur bekam ich im Erdgeschoß Nicki-Tücherl für meinen Sport-Schweiß, sondern auch in der Wäscheabteilung zwei akzeptable Nachthemden fürs Krankenhaus.

Deutsches Abendbrot: Frische Salzgurken waren die Grundlage, dazu hatte Herr Kaltmamsell Schinken besorgt, getrocknete Blutwurst, Salami, Käse, Eier hartgekocht, in der Gefriere war noch ein Stück selbstgebackenes Brot gewesen. Nachtisch Schokolade.

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Wer sich ein Bild von dem G’schwerl machen möchte, das in immer größerer Zahl den Park besetzt, neben dem ich wohne (und immer häufiger in unseren Hinterhof dringt):
„Ein einziger Tritt, der ein Leben verändert“.

Möglicherweise tragen wir Anwohnenden die Last des Polizei-Erfolgs, dass die „Stammsteher“ am Hauptbahnhof durch die Durchsetzung des Alkoholverbot dort vertrieben wurden. Doch sie haben sich nicht etwa wundersam in Luft aufgelöst – sondern sind ein Häuserl weiter gezogen. In den Nußbaumpark. Nachdem in den vergangenen zehn Jahren bereits die Wohnungsflüchtlinge (denn nein: das sind keine Obdachlosen), die vom Bordeaux- und Orleonsplatz verjagt wurden, hierher kamen. Die Gruppen, die sich ab morgens im und am Park sammeln, werden immer größer.

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„Helen Macdonald: The Things I Tell Myself When I’m Writing About Nature“.

Am besten gefällt mir:

3.
Don’t make the space pre-industrial.

This is such a classic genre move it’s almost automatic, and it works in the same way wildlife art hardly ever shows evidence that humans have ever existed. If there are burned-out cars and shotgun-addled road signs, or a creek full of trash and a high-security perimeter fence alongside the singing nightingale, don’t leave them out. That’s how this world is. Honor it.

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Die aktuelle Ausgabe Granta (152, Still Life) gefällt mir sehr gut. Wie das Thema bereits andeutet, geht es in einigen der Texte um Aspekte der Corona-Ausgangsbeschränkungen.

Ein Beitrag kommt von Leanne Shapton, die ich 2013 mit ihrem großartigen Buch Swimming Studies kennengelernt hatte. Schon damals hatte sie Erzählung und Malerei verbunden. In Granta beschreibt und malt sie Dinge in ihrer Wohnung, mit denen sie sich mangels Bewegungsfreiheit beschäftigt. Wieder bin ich gefangen.
„Still Life“.

Journal Dienstag, 18. August 2020 – Arztpraxisvormittag, Spaziergang und Cocktails

Mittwoch, 19. August 2020

Wieder Wecker auf sieben, diesmal für einen eigenen Arzttermin am mittleren Morgen. Der sich dann wegen des einen oder anderen Befunds hinzog und mit Überweisungen, zwei Folgeterminen und einem Langzeit-Blutdruckmessen endete (aus Kassenpatientinnen holen die halt alles… Moment). Das Blutdruckmessgerät bestand aus der vertrauten Manschette mit Schlauch in ein keines Kästchen, dieses Kästchen war an einem Gurt um meine Taille befestigt. Beim anschließenden Einkaufen erschrak ich immer fürchterlich, wenn das Gerät alle 15 Minuten ansprang und die Manschette aufpumpte. Vorbereitung auf einen der Folgetermine ist, dass ich drei Tage lang bestimmte Lebensmittel meiden soll, darunter Kaffee und Schokolade – ich möchte das bitte auf eine eventuelle Fastenzeit gutgeschrieben haben.

Arrangement an der Lederwerkstatt Antonetty.

Vom regenbetröpfelten Einkaufen kam ich mit Frühstück zurück: Ich hatte beim Bäcker Schmidt Walnusslaiberl mitgenommen – und dabei gleich mal vergessen, dass auch Nüsse zu den drei Tage lang zu meidenden Lebensmitteln gehörten. Frühstückte ich halt statt dessen vom ebenfalls besorgten Weißbrot, außerdem Gemüsereste vom Vorabend und Nektarinen mit Joghurt.

Nach einer Weile Lesen wurde ich sehr müde: Wie schön, dass ich Urlaub hatte und mich zu einer Stunde Siesta hinlegen konnte (die Nacht war ziemlich schlaflöchrig gewesen). Das Wetter war gestern sehr gemischt und wechselte zwischen knallblauem Himmel mit Sonnenschein, Regentröpfeln und heftigem Regen – englisch halt. In einer Sonnenphase machte mich zu einem Spaziergang auf, nahm aber einen Taschenregenschirm mit, und sei es als Talisman.

Alter Südfriedhof. Aus anderen Gegenden Deutschland lese ich bereits Meldungen von Herbstanzeichen – es mag der bayerische Rhythmus mit den späten Sommerferien sein, der mir das für Mitte August undenkbar macht. Ich sehe sattesten Sommer, in dem Kornelkirschen, Äpfel und Birnen reifen, die Hollerbeeren erst vereinzelt Farbe bekommen, das Laub der Bäume sein intensivstes Dunkelgrün.

Isar mit überraschend niedrigem Wasserstand – war sie nicht erst vor zwei Wochen überschwemmt?

Fast zwei Stunden war ich unterwegs. Als ich heim kam, war fast schon Zeit für meine Verabredung mit Herrn Kaltmamsell: Wir wollten endlich mal wieder Cocktails im Auroom trinken.

Auch vorm Auroom sind die Parkplätze zum Gastgarten geworden, wir saßen zum ersten Mal draußen. Die Cocktails waren gewohnt köstlich.

Zurück zuhause servierte Herr Kaltmamsell ein Fischcurry nach Goa-Art, das er schon lange auf seiner Liste gehabt hatte. Es war sehr scharf (nur ein klein wenig zu scharf) und sehr aromatisch.

§

Ausgelesen: James Baldwin, Axel Kaun, Hans-Heinrich Wellmann (Übers.), Giovannis Zimmer. Sprache und Duktus des schmalen Romans um einen jungen Amerikaner im Paris der 1950er unterschieden sich so grundlegend von denen in If Beale Street Could Talk, dass ich der Übersetzung durchgehend misstraute – aber das Buch stand im Regal (keine Erinnerung an Erwerb), also las ich halt die Übersetzung. Mich erinnerte das Setting an die vielen US-amerikanischen Romane, die unter ziellosen Amerikanern aus mittelguten bis besseren Kreisen in Frankreich spielen (F. Scott Fitzgerald, Hemingway) – und die mag ich sehr. Besonders ist der Handlungshintergrund Schwulenmilieu, in vielen Details gezeichnet. Die ständigen melodramatischen Gefühlsausbrüche des Protagonisten, aus dessen Sicht personal erzählt wird, waren allerdings schon anstrengend.
Aus heutiger gesellschaftlicher Sicht wurde mir klar, mit wie viel Selbsthass das verfemte Schwulsein bis vor wirklich Kurzem fast immer verbunden war – und oft immer noch ist. Und ich kann mir jetzt das Klischee erklären, nach der die Schwulen ja eh nur immer kurze und rein auf Körperliches ausgerichtete Affären hätten: Wenn eine offizielle Partnerschaft gesellschaftliche unmöglich ist (wenn nicht sogar illegal), gehört schon viel dazu, sich auf mehr einzulassen.

Aus einem Artikel im New Yorker:

Baldwin (…) stated that his book was „not so much about homosexuality, it is what happens if you are so afraid that you finally cannot love anybody.“

Und Garth Greenwell in seiner sehr erhellenden und empfehlenswerten Besprechung im Guardian:

The whole novel is a kind of anatomy of shame, of its roots and the myths that perpetuate it, of the damage it can do.

Journal Freitag, 31. Juli 2020 – Verzweifelter letzter Arbeitstag vor Urlaub

Samstag, 1. August 2020

Wie sehr mich die Fesselung an Körperlichkeiten ankotzt! Es langweilt mich furchtbar, bereits erleichtert zu sein über eine Nacht, deren Schlaf lediglich viermal unterbrochen wurde, in der ich aber jedesmal schnell wieder einschlief. Ebenso uninteressant sind das Bemerken des roten Kopfs auf dem Crosstrainer, der Verdacht, mich mit meinem Blutdruck befassen zu müssen, das Heiß-kalt-Gewackel mit Zittrigkeit in der Arbeit, die Ausbreitung der Hüftschmerzen auf immer neue Gebiete, schon wieder Hunger ohne Appetit. Ich möchte mich bitte mit viel spannenderen Themen befassen!

Heißer Hochsommer. Über den Tag in der Arbeit steigendes Gefühl der Überforderung, unter anderem weil an letztem Tag vor Urlaub halt kein Ausweichen um Unangehmes mehr möglich war. Ich wollte verzweifelt bitte GAR NICHTS MEHR! (Eine Folge: E-Mail-Antwort auf eine Frage nicht ausführlich mit Hintergrund, sonder lediglich „Doch“.) Vor allem wollte ich nichts entscheiden!

Auch sonst klassischer letzter Tag vor Urlaub: Von links und rechts Querschüsse, und weil die Chance auf frühen Feierabend sowieso verschwand, räumte ich halt gleich richtig auf. Ich hasste das alles und das Leben leidenschaftlich.

Wie gut temperiert mein Büro war (noch ein Glück – und wir wissen alle, wie das mit noch ein Glück ist), merkte ich beim Verlassen des Gebäudes: Draußen Hitze, aber so richtig, inklusive Schwüle. Vom ersten Schritt in die Pedale an schwitzte ich in Bächen.

Das schattig-kühle Zuhause erreichte ich fix und alle, wünschte mir verzweifelt einen Aus-Schalter. Doch mit einer Weile blöd Rumsitzen erholte ich mich ein wenig. Herr Kaltmamsell versuchte vorsichtig, mir irgendwie zu helfen – was wie immer funktionierte: gutes Essen.

Er servierte mit Mangold aus Ernteanteil das beste Kuhkotelett (Côte de Boeuf) jemals – wobei wir uns einig waren, dass das in erster Linie an der Hermannsdorf’schen Fleischqualität lag (doch selbst vom Herrmannsdorfer war das das beste Côte de Boeuf jemals): aromatisch und superzart. Nein, wir schafften nicht das ganze Trumm, aber zum weitaus größten Teil. Dazu hatte ich mir Dark & Stormy gemacht, Herr Kaltmamsell trank Rosé.

Abendunterhaltung: Lieblingstweets Juli zusammenstellen. Ich hatte bereits gefürchtet, dass ich die Energie dafür nicht aufbringen würde und mich später darüber ärgern müsste – doch es ging und machte Spaß.

Der Himmel blieb still: Die Mauersegler sind wohl fort.

Im Bett begann ich zur Frankfurt-Vorbereitung das von Andrea Diener und Stefan Geyer herausgegebene Süß, sauer, pur über die dortige Apfelweinkultur. Leider weiß ich, dass ich den echten Apfelwein ganz grauenhaft finde, auch nach zahlreichen Versuchen, Nahebringen von Aficionados und im Gegensatz zum britischen Cider, doch das Drumherum interessiert mich sehr.

Am Abend zuvor hatte ich Kinky Friedman, A Case of Lone Star ausgelesen. Der Sammelband steht als Bestandteil der Bibliothek von Herrn Kaltmamsell schon immer bei uns im Regal und gehört zu des Herrn Geschichte – jetzt hatte ich’s doch mal wissen wollen. Nachdem ich die ersten Kapitel lang schwankte, ob ich die übertriebene Hard-boiled-Attitüde der Erzählstimme albern fand oder nicht, erkannte ich, dass die Stimme sie ja selbst albern fand und mochte sie. Die Krimihandlung im New Yorker Countrymusik-Millieu der 1980er selbst fesselte mich nicht unbedingt, doch es waren die ständigen schrägen Ausreißer aus all den Klischees, die das Buch zur vergnüglichen Lektüre machten – seien es die Metaphern, die unerwartet auf jüdische Kultur referenzieren (Herr Friedman ist ja vor allem Musiker, mit Country-Hits wie „They Ain’t Making Jews Like Jesus Anymore“), seien es Floskeln, die der Erzähler ganz anders verwendet als gewohnt.

§

Mal wieder kursiert eine neue Studie über die besorgniserregende „Mediensucht“ von Kindern und Jugendlichen, die laut dieser Erhebung in Pandemie-Zeiten zunahm. Welche erschreckenden Auswirkungen sie haben kann, sieht man an mir – einem Mediensuchtopfer von früher Kindheit an, ab Lesenlernen nicht wegzukriegen von Medien.

Schützen Sie Ihre Kinder! Es besteht die Gefahr, dass sie ein Leben lang nicht loskommen von Medien!

§

Aus einem Twitter-Thread fürs Techniktagebuch abgeworben – weil einfach eine zu schöne Geschichte:
„1985
Calling Peter Norton“.

Genau: Den von Norton Commander. (Ich bin Norton Commander Jahre alt.)

§

Echte Herzensgüte.

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https://youtu.be/VfnbNGHKBiY

Journal Sonntag, 12. Juli 2020 – #12von12

Montag, 13. Juli 2020

Ausgeschlafen, gemütlicher Morgenkaffee.

Alle paar Minuten stand ich auf und ging zu Herrn Kaltmamsell hinüber, um ihm eine weitere Sache zu erzählen, die ich am Vorabend aus dem Gespräch mit der Freundin gelernt hatte. Unter anderem, wie man ausgemusterte oder sogar kaputte Dinge bei ebay Kleinanzeigen verschenkt. (Die Details über die Nacht vor dem MAN-Übernahmeversuch von Scania behalte ich aber für mich. Nur so viel: Die Corporate-Welt ist wirklich nicht auf Frauen eingestellt.)

Ich dachte rechtzeitig daran, dass ich an diesem freien Sonntag ja an #12von12 teilnehmen konnte und begann zu fotografieren. (Hier alle Teilnehmende dieses Monats.)

1 – Für einen Balkonkaffee war es trotz sonnigem Wetter zu kühl.

2 – Fertig fürs Radeln zum Olympiabad.

3 – Schwimmen: vorher und nachher. Schwimmen lief gut, ich wurde immer wieder bahnenweise mit Selbstvergessenheit beschenkt und gönnte mir 2700 Meter. Gerne hätte ich die Duschen in Pandemiezeiten fotografiert, mit dem Absperrband über jeder zweiten Dusche – aber es war immer jemand da.

4 – Der Olympiapark war gut besucht, auch von grasenden Gänsen. Fürs Heimradeln brauchte ich keine Jacke mehr.

5 – Zum Frühstück gab’s ein Schälchen Okroschka, Aprikosen und Pfirsiche, Zimtschnecken, Tee mit Milch. Das war zu viel, nach sehr Langem überfraß ich mich mal wieder.

6 – Maniküre. Ich habe festgestellt, dass ich bei geschminkten Fingernägeln vorerst weniger an meinen Nagelhäuten fiesle. Und zu ihrer Information: In Wirklichkeit hat der Nagellack „get a mauve on“ natürlich die Farbe Rotweincreme, aber die kennt Essie wahrscheinlich einfach nicht.

7 – Nachmittag auf dem Balkon, mittlerweile war es warm genug zum Draußensitzen.

8 – Am späteren Nachmittag spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zur nächstgelegenen Eisdiele in der Landwehrstraße und holte einen Malagabecher.

9 – Wunderschönes abendliches Hochsommerlicht.

10/11 – Zum Nachtmahl gab es Spaghetti mit Agretti und Gurkensalat mit Frühlingszwiebel, beides aus Ernteanteil.

12 – Nancy Mitford, The Blessing ausgelesen. Der dritte Roman des Sammelbands Nancy Mitford in unserem Haus (hier habe ich unten über The Pursuit of Love geschrieben), 1951 veröffentlicht.

Wieder spielt die Handlung in der frivolen Atmosphäre der reichen, alteingesessenen Elite Englands und Frankreichs. Im Mittelpunkt diesmal die (auch hier) hübsche, gutherzige aber ungebildete und hohlköpfige Grace aus reichem Hause, die im zweiten Weltkriegs den hochadligen Franzosen Charles-Edouard heiratet, weil er sie amüsiert. Mit dem bald geborenen Sohn ziehen sie nach Paris, wir lesen vom reichen, geselligen Leben dort. Unkonventionell und witzig ist die Titelfigur: Als „the Blessing“ bezeichnet seine Mutter nämlich den Sohn Sigismond. Und den baut Mitford zum herrlichen Gegenstück des Little Lord Fauntleroy aus (das Stück wird explizit erwähnt): Als nämlich seine Eltern sich trennen (Grace hat ihren Mann im Bett mit einer anderen gesehen) und seine Mutter nach England zurückgeht, erkennt der dann siebenjährige Sigismond, der durchaus nicht unsympatischer geschildert wird als die anderen Figuren, dass er in dieser Konstellation das beste Leben hat. Seine beiden Eltern setzen alles daran ihn zu verwöhnen, er bekommt jeden noch so absurden Wunsch erfüllt – während die beiden zu guten Zeiten hauptsächlich miteinander beschäftigt waren und wenig Aufmerksamkeit für ihn übrig blieb. Also versucht er durch Lügen und Intrigen sicherzustellen, dass die beiden nicht wieder zueinander finden. Dass ist wunderbar wider die Konventionen solch leichter Romane gemacht und passt zum hintergründig bissigen Tonfall der detaillreichen Schilderungen. Vergnügliche Lektüre.

§

Ganz speziell für meine Samstagabendverabredung:
„Conspiracy theorist died of coronavirus after trying to catch it at Covid party to prove it was a hoax“.


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