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Journal Mittwoch, 22. Juli 2026 – Lerchenlauf / Arzt am Ende der Galaxie / Arbeit / Pediküre / Schnitzelgarten

Donnerstag, 23. Juli 2026

Das war gestern ein sehr voller Tag. Aber ich setzte alle Pläne um, ohne mich gestresst oder genervt zu fühlen.

Wecker auf extrafrüh, denn gestern war die beste Chance der Woche auf einen Lerchenlauf: Wegen eines vormittäglichen Arzttermins ganz weit draußen würde ich morgens von daheim aus arbeiten, davor passte wunderbar eine Laufrunde an der Isar.

Ich wachte kurz vor Weckerklingeln auf und freute mich sofort über die Aussicht auf Laufrunde. Draußen war der wolkenlose Himmel dämmrig, der Tagesanbruch wandert bereits deutlich nach hinten. Ich war auf niedrige Temperaturen gefasst und reaktivierte mein Merino-Laufshirt (immer noch ungewaschen und unstinkig, ich bin beeindruckt).

Das Licht war sensationell, die Laufzeit verflog geradezu, kaum hatte ich ein paar Fotos gemacht, klingelte mein Handy schon für Halbzeit (40 Minuten) und umkehren. Kurz davor Sichtung eines Mäuseleins direkt auf dem Weg vor mir, SO NIEDLICH.

Wittelsbacherbrücke gestern mit Krähen-Deko.

Beim Heimkommen wurde die Baustelle am Haus gerade von zwei Herren betrieben, ich musste ein wenig um Gruben hangeln, um zur Haustür zu kommen.

Letzte Handgriffe Morgentoilette am hochfahrenden Arbeitsrechner – der auch diesmal in Homeoffice-Umgebung mehrere Neustarts und 20 Minuten benötigte, bis ich arbeitsfähig war (währenddessen schon mal gepackt für später und die Wohnung fertiggeräumt).

Rechtzeitig für Arzttermin am Ende der Galaxie Abbruch der Arbeit, Arbeits-Laptop eingesteckt. Die Öffentlichen Verkehrsmittel verkehrten (ist ja egal, wenn ich statt der geplanten eine sehr verspätete S-Bahn erwische, die zur Planzeit fährt), auch wieder los kam ich in guter Zeit, noch deutlich vor Mittag saß ich an meinem Büroarbeitsplatz und packte dort an. Mittagscappuccino aus der Cafeteria, um mal ein bisschen PEPP! in meinen Arbeitstag zu bringen, bestellte ich EINEN GROSSEN.

Online-Besprechungen, dann Mittagessen: Nektarine, Nüsse, Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot.

Emsiger Nachmittag, jemand hatte schlechte Nachrichten bekommen, ich versuchte sie durch Unterricht abzulenken.

Pünktlicher Feierabend: Ich hatte einen Vor-Urlaub-Pediküre-Termin (schon jetzt fühlte es sich an, als sei ich nicht am selben, sondern am Vortag an der Isar gelaufen). Auf dem Weg durchs Westend (jetzt war es warm) aufmerksames Horchen: Nein, keine Mauerseglerpfiffe mehr, die letzten hatte ich Dienstagmorgen gehört.

Heimweg mit schönen Füßen, ich holte Herrn Kaltmamsell für Abendessen im Schnitzelgarten ab.

Nein, wir schafften unsere Cordonbleus nicht (jemand hat morgen Brotzeit), aber das war sehr gutes Abendessen.

Der Himmel über dem Biergarten.

Daheim gab es als Nachtisch Honigmelone – fast so gut wie die meiner Kindheitsurlaube in Spanien. Und ein wenig Schokolade.

Im Bett die nächste Lektüre: Arthur Schnitzler, Fräulein Else. Berühmt für die Erzählweise in stream of consciousness, doch ich fand vor allem reizvoll, wie sich der Über-60-jährige Schnitzler das Innenleben einer 19-jährigen ausmalte.

§

Maximilian Buddenbohm als Hamburgbewohner in Bahnhofsnähe bekommt es täglich mit, ich als Anwohnerin des Münchner Nußbaumparks (in deutlich geringerem Umfang) ebenfalls: Deutsche Großstädte haben ein massiv wachsendes Drogenproblem.

Gestern widmete die Süddeutsche Zeitung ihre Seite Drei dem Thema Crack und dem Zürcher Modell des kontrollierten Konsums (€):
“Eine Crack-Pfeife am Klettergerüst”.

Um Crack geht es auch in diesem ausführlichen Text (mit vielen, vielen Quellen am Ende) von Stefan A K Weichelt, Schwerpunkt Frankfurt.
“Willkommen in Zombieland”.
Hier mit der zusätzlichen Bitterkeit, dass Frankfurt in den 1990ern die Heroin-Krise in den Griff bekam – eben mit demselben Modell, das auch Zürich anwendet. Aber:

Für Heroinabhängige gibt es Methadon, Buprenorphin, in der Schweiz sogar ärztlich verschriebenes Heroin. Für Crack gibt es: nichts. Kein zugelassenes Substitut, keine etablierte medikamentöse Behandlung. Der Werkzeugkasten, mit dem Frankfurt einst zum Vorbild wurde, passt nicht mehr zum Schloss.

Er beschreibt das Vorgehen in Frankfurt, in Paris, in Brüssel, São Paulo – nennt sie “Freiluftlabore der Verdrängung”.

Verdrängung funktioniert nicht, das ist die vielleicht am besten belegte Erkenntnis der europäischen Drogenpolitik. Die Menschen lösen sich nicht auf, wenn man sie wegschiebt. Sie tauchen hundert Meter weiter wieder auf, kränker als zuvor, weil unterwegs der Kontakt zu Ärzten und Sozialarbeitern abreißt.

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf eine Zahl, die in keinem Influencer-Video vorkommt und die man zweimal lesen muss. 2023 starben in Frankfurt, der Stadt mit Deutschlands größter offener Drogenszene, 32 Menschen an ihrer Sucht. In München, wo das Straßenbild ordentlich ist und keine Crackpfeifen aufblitzen, waren es 86.

München hat keine Konsumräume. Bayern hat sie als Bundesland nie zugelassen, ebenso wie die Hälfte der deutschen Länder. Konsumiert wird trotzdem – nur eben in Parks, auf Bahnhofstoiletten, in Wohnungen, dort, wo niemand einen Notruf absetzt, wenn jemand aufhört zu atmen. Das Elend ist nicht kleiner, es ist nur besser versteckt. Und im Versteck stirbt es sich leichter.

Was allen, auch uns Anwohnenden bei der Betrachtung gemein ist: Bestürzung und komplette Ratlosigkeit. Weichelt nennt zumindest ein paar Ansätze, die schonmal funktioniert haben – die allerdings nichts weniger als einen gesellschafltichen Umbau bedeuten.

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Bei Frau Klugscheisser Schulbuchbeispiele von “Ist doch nix passiert!”, also Belästigungen von Frauen und Mädchen, die sie in ihrer alltäglichen Freiheit einschränken: Keine soll sich so wehren müssen, so vorbereiten, ausrichten müssen. Vor allem Menners: Bitte lesen.
“Ampersand”.

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Workaround beim Kampf gegen Chatbots.

Geheimtipp beim Kampf gegen Chatbots von xkcd.

Bei mir half schon mehrfach beherztes Singen, um Service-telefonisch an einen echten Menschen zu kommen.

Journal Dienstag, 21. Juli 2026 – Sommerkühle

Mittwoch, 22. Juli 2026

Ich merke seit einigen Tagen, dass ich mich bereits vom Sommer verabschiede, dass ich die derzeitigen zapfigen Nacht- und Morgentemperaturen als sein Ende zu sehen bereit bin – dabei liegt noch der ganze oft Hitze-satte Sommerferienmonat August vor uns! Ich erkläre mir das mit der verfrühten ersten Sommerhitze und der Brutalhitzephase, die bereits einige Wochen in der Vergangenheit liegt.

Gestern war es auf dem sonnigen Arbeitsweg nur knapp zweistellige Grad frisch; ich hatte dennoch die Jacke daheim gelassen, damit sie nicht auf dem Heimweg Platz in der Tasche wegnahm.

Beim Verlassen des Hauses begegnete ich den Herren von der Müllabfuhr, die nur unter großer Anstrengung die Tonnen an der Baustelle beim Haus vorbeiwuchteten. Neben Gruß äußerte ich bedauernd diese Beobachtung und bekam erklärt, dass sie das aber nur heute ausnahmsweise täten: Sei die Baustelle nächste Woche nicht beseitigt, müssten die Tonnen für Leerung an die Straße gestellt werden. Ich hoffe, dass auch die Hausverwaltung diese Information erhält.

Am Schreibtisch warteten bereits neue Aufgaben auf mich, ich packte an.

Mittags raus ins Westend, vielleicht hätte ich doch eine Jacke mitnehmen sollen, brrr. An der eigentlich angesteuerten Cappuccino-Quelle stand eine mehrere Meter lange Schlange, ich bog ab zu einer anderen.

Mittagessen: Nektarinen, Hüttenkäse mit Leinsamenschrot.

Arbeitsnachmittag unter anderem mit Datenbankdingen. Auf dem Heimweg war es nun in der Sonne warm genug geworden. Zwischenstopp für Süßigkeiteneinkauf.

Der Zugang zum Wohnhaus noch weiter verbaustellt, eigentlich wüsste ich gerne Hintergründe.

Nach Wegessen des Ernteanteils hatte ich mich fürs Abendessen zuständig gemacht: Um eines der letzten beiden Gläser Zwetschgenröster aufzubrauchen, bevor die nächste Ernte kommt, gab es Kaiserschmarrn. Gutes Abendessen. Dann noch ein wenig Süßigkeit.

Im Bett Zadie Smiths On Beauty ausgelesen: Fand den Roman immer noch gut und handwerklich hervorragend gemacht, wurde wieder sehr an David Lodges Universitätsromane erinnert, doch diesmal fand ich das Buch mit seinen menschlichen Katastrophen auch sehr traurig.

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Warum Erklärungen von sterotypem Männer- und Frauenverhalten mit angeblichen Steinzeitmustern ein Scheiß sind, mal wieder.
“DNA des ‘Schamanen’ von Stonehenge lieferte eine Überraschung”.

Zweihundert Jahre lang trug der “Schamane von Upton Lovell” einen Bart. So zumindest zeigte ihn die Vitrine des Wiltshire Museum im südenglischen Devizes, nämlich als einen kräftigen, über glühendes Metall gebeugten Mann, eine Streitaxt griffbereit. Die Untersuchung von alter DNA zwingt die Wissenschaft nun aber dazu, die Figur neu zu zeichnen: Die Person, die vor rund 4000 Jahren unter einem Grabhügel in der Nähe von Stonehenge lag, war in Wahrheit eine Frau.

(Nur zur Erinnerung: Bei prähistorischen Jäger- und Sammlervölkern finden sich dieselben Abnutzungen durch körperliche Anstrengung an männlichen wie weiblichen Knochen; es gab sehr wahrscheinlich keine Arbeitsteilung nach Geschlechtszugehörigkeit.)

§

Natürlich eine persönliche Einzelsicht, aber eine kundige und amüsante: Andreas Moser erklärt in seinem Blog den aktuellen Premierministerwechel in Großbritannien.
“Das politische System des Vereinigten Königreichs – und ein Mülleimer”.

Aber wie kommt das eigentlich, dass mitten in der Legislaturperiode ein neuer Premierminister in das Reihenhaus in Downing Street 10 einzieht? In Großbritannien sind die Regeln klar: Was älter ist, hat mehr Bedeutung. Das Parlament gibt es schon seit 1265, das Amt des Premierministers aber erst seit 1721. (Bis dahin war das Parlament eher das Gegengewicht zum Monarchen.) Also spielt der Premierminister gegenüber dem Parlament nur die zweite Geige.

Wenn nun also die Abgeordneten der Regierungsfraktion innerhalb der laufenden Legislaturperiode finden, dass der Premierminister irgendwas falsch gemacht hat oder – wie im Fall von Keir Starmer – einfach ein bisschen langweilig wirkt, dann schreiben sie ihm einen höflichen Brief (diesmal auf Englisch, nicht auf Normannisch) und teilen ihm mit, dass seine Zeit abgelaufen sei. Ein paar Tage gibt es ein Hauen und Stechen hinter den Kulissen, und dann steht der neue Premierminister fest. Beziehungsweise der Vorschlag für den Premierminister, denn ernennen kann ihn nur der König. Der König wiederum wurde von Gott eingesetzt, weshalb er kein Katholik sein darf. Aber das ist ein anderes Thema.

Diesmal einigten sich die Labour-Abgeordneten schnell auf Andy Burnham.

Das Problem: Andy Burnham war zu jenem Zeitpunkt kein Abgeordneter, sondern Bürgermeister von Manchester.

Ist egal, könnte man meinen, dann tritt er halt als Bürgermeister zurück, die Abgeordneten wählen ihn zum neuen Parteivorsitzenden, und der König ernennt ihn.

Das Problem: Die Tradition verlangt, dass nur Premierminister werden kann, wer ein Abgeordnetenmandat hat. Wohlgemerkt, das ist kein gesetzliches Erfordernis. Aber weil es schon immer so praktiziert wurde, glauben alle ganz fest daran und halten es für ausgeschlossen, dass sich das jemals ändern könnte. Als Jurist haben mich diese verfassungsrechtlichen Diskussionen im Vereinigten Königreich immer zur Weißglut gebracht, weil ich das strukturierte Argumentieren mit Artikeln und Paragrafen gewohnt bin. Aber auf der Insel ist man bei solchen Debatten schnell bei König Edward II., beim Frieden von Utrecht oder beim Prozess gegen Guy Fawkes.

In jeder anderen Demokratie der Welt würde man sagen: Das ist eine dämliche Regel, die ändern wir jetzt.

Nicht so in Großbritannien! Hier wurde das Problem so gelöst, dass sich ein Labour-Abgeordneter geopfert hat. Der ehrenwerte Abgeordnete aus Makerfield erklärte seinen Rücktritt (eigentlich ist es viel komplizierter, aber dazu später mehr), so dass eine Nachwahl notwendig wurde. Und da konnte Andy Burnham antreten und im Juni 2026 gewinnen.

Besonders gefällt mir Mosers Seitenbemerkung:

Wie gesagt: Man könnte das alles mit einer einzigen Gesetzesänderung abschaffen. Einfach den Abgeordneten das Recht zum Rücktritt einräumen. – Stattdessen habe ich mir in Großbritannien jeden Tag anhören müssen, wie undurchsichtig und kompliziert die Gesetzgebung in der EU sei.

Journal Dienstag, 14. Juli 2026 – Tag mit drei Wettern

Mittwoch, 15. Juli 2026

1) sonniger Sommermorgen, 2) Regentag, 3) schwüler Sommerabend.

Gut geschlafen (ich muss extrem schnell eingeschlafen sein, denn nach Lichtaus kurz vor zehn kann ich mich nicht an die zehn Glockenschläge vom Turm St. Matthäus erinnern), selbst als ich kurz vor fünf aufwachte, holte ich bis extrafrühes Weckerklingeln nochmal Einschlafen raus. Munter sprang ich aus dem Bett für einen Lerchenlauf – es wird wohl der drittletzte sein, denn dann Urlaub, und Mitte August ist es vor der Arbeit bereits zu dunkel. Dieses Jahr fühle ich mich unterlerchenlaufen, ich werde am Ende der Saison nicht auf meine Kosten gekommen sein.1

Zur Abwechlung nahm ich die westliche Route über den Flauchersteg. Besonders freute ich mich über das Gefühl von Körpertüchtigkeit: Schnaufen, Beweglichkeit, Ausdauer, Kraft, Laune – alles stand mir zur Verfügung. Und ich schau halt jetzt, dass ich wirklich die Füße beim Laufen ein bisschen mehr hebe. (Die mittlerweile konsultierte Orthopädin hatte mich gründlich angefasst und einen Zusammenhang zwischen meinem Stolpern/Stürzen und LWS-Problemen ausgeschlossen. Sie vermutete eher zu selten neue Laufschuhe (DIE SIND ABER NOCH GUT!) und schludrigen Laufstil, empfahl Laufanalyse, evtl. Einzeltraining.)

Chronistinnenpflicht: Diese Hauswand am Westermühlbach sah ich zum ersten Mal ohne Graffiti. Kann schon morgen wieder vorbei sein.

Flaucherpracht

Meine liebste Art von Laufweg, schattig, schmal und federnd.

Alter Südfriedhof

Als ich mich daheim nach dem Duschen schminkte, klang es vom Innenhof wie Regen. Was ja wohl nicht sein konnte, siehe Fotos oben. Konnte es aber doch, der eine oder andere Tropfen erwischte mich auch auf dem Weg in die Arbeit (wieder durch zwei Stationen U-Bahn-Fahrt beschleunigt). Trotzdem hatte ich die Wohnung gegen Sonnenbeheizung abgesichert.

Das Wetter packte nach und nach Gewitter aus, als Untermalung einer sehr großen Online-Besprechung rumpelte und donnerte es ganz klassisch überm Bürohaus. Regen gab’s auch, zunächst allerdings eher unentschlossen mal mehr mal weniger. Außer auf meiner Wetter-App, die München hartnäckig als trocken anzeigte.

Unterm Schirm spazierte ich ins Westend für meinen Mittagscappuccino, es war eigentlich frisch genug für eine Jacke – die ich in Erwartung eines Hochsommertags nicht dabei hatte. Kurz nach Mittagessen (Rest Honigmelone, Skyjoli) verzogen sich Regen und Wolken, Sonne und blauer Himmel passten wieder zu meinem Sommerkleid.

Nach Feierabend war es auch sommerlich warm bis heiß geworden, doch ich genoss den Heimweg.

Zu Hause durfte ich mir ein Abendessen von Herrn Kaltmamsell wünschen, er stellte ein paar Möglichkeiten zur Auswahl.

Es wurden Tagliatelle carbonara – als Basis, unter die gebratene Ernteanteil-Zucchini gemischt wurden. Gute Idee.

Am Ende der Tageshelle zog der Himmel wieder gewittrig zu.

Im Bett freute ich mich an der Lektüre von Zadie Smiths On Beauty – aus einer Zeit, als sie sich fast noch nix schiss, ihre Figuren Einsichten formulieren ließ, die ihre Autorin in diesem Alter doch eigentlich noch nicht wissen konnte (Smith war noch keine 30, als sie es schrieb), die mit Sprache fröhlich einfach machte, was sie wollte, zum Beispiel mit “His well-madeness as a human being”. Das war noch ganz auf der Linie ihres sehr frühen Erfolgs White Teeth, hat sich inzwischen aber in einer Befangenheit verloren, die ich als Preis für mehr Wissen und mehr Erfahrung mit dem Altern nachvollziehen kann.

§

Damit möglichst wenige hinterher sagen können, man habe sie nicht gefragt, hier eine Online-Umfrage:
“Öffentlichkeitsbeteiligung zum nationalen Energie- und Klimaplan Deutschlands (NECP)Eine Befragung im Auftrag des Bundesministerium für Wirtschaft und Energie”.

Ich bin sicher, auch Sie haben eine Meinung – geben Sie diese doch Katherina Reiche durch!
(Die Fragen gehen ziemlich tief – und das gesamte Befragungsdesign kommt mir eher unwissenschaftlich vor. Aber hey: Sie fragen!)

§

Hatte auch ich mich schon mehrfach gewundert: Wieso ist eigentlich Nokia verschwunden? (tl;dr: Multitouch)
“Nokia’s 14 Years of Mobile-Phone Supremacy Ended in an Afternoon”.
via @wurzelmann

(Damit, liebe Kinder, haben wir einst mobil getwittert: SMS an eine Mobilnummer, erst an eine in den USA, teuer, dann gab es endlich auch eine deutsche. SMS verursachte auch die ursprüngliche Zeichenbegrenzung von Twitter auf 140, so blieben 20 Zeichen für den Benutzernamen. Wenig macht mich älter als dieses Wissen aus erster Hand.)

Aus dem Artikel lernte ich unter anderem, dass es Nokia durchaus noch gibt: Das Unternehmen verkauft Telekommunikation-Infrastruktur, zum Beispiel für 5G-Netze.

§

Wie Steptanz heute (auch) aussieht.

Hier dieselbe Tänzerin etwas konventioneller (dadrauf habe ich mal Chachacha getanzt!).

  1. Futur II in freier Wildbahn, bitteschön. []

Journal Samstag, 11. Juli 2026 – Ausruh-Samstag (“Meine Hobbys sind Lesen und Schwimmen”)

Sonntag, 12. Juli 2026

Re: Überschrift – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich vor 50 Jahren die Frage nach meinen Hobbys so beantwortet habe. Und mich offensichtlich seither nicht weiterentwickelt.

Mittelgut (der Alkohol) und nicht so lang wie ersehnt geschlafen, leicht verkatert aufgestanden.

Trotz langer Ärmel und Hosenbeine fröstelnder Balkonkaffee – gut so! Auch für die kommende Woche ist Hochsommer mit Tageshitze, aber nächtlicher Kühle angekündigt, das ließe sich gut aushalten.

Eher früh für einen Samstag brach ich zu meiner Schwimmrunde im Dantebad auf. Ins Becken ließ ich mich bei angezeigten 24 Grad im Schatten herab. Die Bahnen waren mittelrege genutzt, wir kamen gut miteinander aus. Nach ein paar hundert Metern wurde ich ruhig, die 3.200 Meter machten Spaß.

Danach war es unter nahezu wolkenlosem Himmel ein paar Grad wärmer geworden, ich legte mich geduscht und neu sonnengecremt in die Sonne und hörte Musik.

Oben.

Unten.

Da keinerlei Wind ging, wurde mir bald zu heiß.

Rückweg von roter Ampel zu roter Ampel – nervig, aber zumindest regte ich mich dadurch nicht über den Longboard-Fahrer auf, der auf den eh schon schmalen Radwegen und
-spuren an der Dachauer Straße, Seidlstraße, Paul-Heyse-Straße zwischen den Radler*innen kurvte.

Frühstück um halb drei: Ein Teller spanische Ochsenherz-Tomaten, ein paar frische Salzgürkchen (Herr Kaltmamsell hatte am Freitag neue angesetzt), Roggenvollkornbrot mit Tomate, dann noch eine Aprikose und reichlich Kirschen – ich liebe Sommer einfach schon wegen des saisonalen Obsts und Gemüses.

Fürs Zeitunglesen war ich jetzt zu müde und legt mich zu einer Siesta hin. Gerechnet hatte ich mit einem cat nap, doch ich schlief eine Stunde tief ein. Danach war ich erstmal benommen, aber das hatte es wohl gebraucht.

Zeitunglesen auf dem Balkon, mit herabgelassener Markise war die Temperatur wunderbar. Eine Runde Yoga, anstrengend.

Herr Kaltmamsell war aushäusig auf einer Gartenparty eingeladen, und das kommt dabei heraus, wenn ich mir selbst ein Samstagabendessen zubereite:

Reichlich Ernteanteil-Mangold mit Knoblauch gebraten, dazu Beluga-Linsen (eh klar) und Joghurt. Klingt vielleicht frugal, schmeckte aber hervorragend. Nachtisch 1: Lidl-Eis, ich hatte die Sorte Zimtschnecke mitgebracht, weil ich mir nichts darunter vorstellen konnte. Ergebnis: Joah, die Zimtschnecken sind in Form von Mini-Gebäckchen (Durchmesser ca. 4 mm) ins Eis eingearbeitet und kauen sich eher zäh, nicht mein Lieblingseis. Nachtisch 2: Schokolade.

In später Dämmerung nach Fledermäusen Ausschau gehalten – reichliche Sichtung, so schön!

Im Bett neue Lektüre: Immer wieder wünsche ich mir bei der Erinnerung an ein Lesevergnügen, das Buch nochmal zu lesen – habe das aber seit vielen Jahren doch nicht mehr gemacht. On Beauty von Zadie Smith hatte ich gleich bei Erscheinen 2005 gelesen, seither immer wieder daran gedacht, es vor über einem Jahr zum Wiederlesen rausgelegt. Gestern fing ich es tatsächlich an. Allerdings nicht das vorhandene Papierbuch: Lesen physischer Bücher finde ich immer beschwerlicher, und dann auch noch eines so dicken… Ich hatte nur mal geguckt, was das E-Book kostet, und für nur vier Euro war die Entscheidung leicht. Subjektive Bequemlichkeit siegt bei mir über Liebe zu Druckereien und Buchläden.

Und dann vergnügte mich die Lektüre auch gleich, schon 2005 startet der Roman mit E-Mails, die schön indirekt erste Informationen vermitteln.

§

“KI” hat die Betrugsmöglichkeiten bei Prüfungen sprunghaft erweitert. Schulen und Universitäten war das sofort klar, sie sind immer noch dabei, einen Umgang damit zu finden (im bayerischen Abitur 2026 mit Vorsichtsmaßnahmen, die sich fast schon apokalyptisch lasen).

Georg Passig ist Professor an der Technischen Hochschule Ingolstadt – und extrem bastelfreudiger Ingenieur. Er erzählt im Techniktagebuch von seinen Überlegungen, dass im Grunde Sendequellen im Prüfungsraum augespürt werden müssen. Was er bereits testet.
“Juli 2026
Mit dem Spectrum Analyzer durch die Prüfungen”.

(Große Liebe für die Schlusssätze.)

Journal Sonntag, 5. Juli 2026 – #WMDEDGT

Montag, 6. Juli 2026

Heute ist wieder der Ja-jetzt-ist-das-langweilig.-Aber-in-20-Jahren!-Tag der Tagebuchbloggerei: Frau Brüllen fragt “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? #WMDEDGT” und sammelt die Antworten, für Juli hier.

ENDLICH mal wieder richtig gut geschlafen, unterbrochen von nur einem Klogang um halb drei – und dann bis fast sieben durch.

Wieder ein sehr kühler Balkonkaffee, ich wärmte mich mit Strickjacke und anschließendem Ingwertee.

Das verunsicherte mich bei der Wahl meiner Kleidung für die Laufrunde an der Isar. Letztendlich verließ ich mich auf die wärmende Bewegung.

Das erwies sich schon beim Radeln zum Friedensengel als die richtige Entscheidung.

Loslaufen dann tatsächlich mit einem etwas mulmigen Gefühl, ob ich auch nicht wieder stolpern und stürzen würde (ich nenne das nicht Angst, Angst sind die Wellen und Strudel, die mich nachts wach halten). Ich versuchte dran zu denken, wirklich auf den Boden vor mir zu schauen und die Füße zu heben. Aber letztendlich konnte ich doch locker laufen, hatte Spaß und freute mich über meinen funktionierenden Körper.

Auf der Höhe Unterföhring spritzten mich ein paar Regentropfen an.

Das Gewitter vergangenen Montag hatte an den nördlichen Isarauen heftige Schäden hinterlassen: Viele mächtige Bäume lagen in Stücke zersägt am Wegesrand, ich sah die Bruchspuren oder wie hier im Wasser riesige abgebrochene Äste.

Biologiestunde mit der App Flora incognita gestern:

Nesselblättrige Glockenblume (bereits meine dritte Glockenblumen-Variante)

Jakobs-Greiskraut

Gewöhnliche Waldrebe

Gewöhnliches Leinkraut

Gewöhnlicher Dost

Immer wenn die Flora-incognita-Bestimmung das Attribut „gewöhnlich“ ergibt, raune ich der Pflanze zu: „Nichts an dir ist gewöhnlich, meine Schöne, du Juwel!“ Und halte ihr zum Beweis das Foto hin, das ich von ihr gemacht habe.

Daheim gründliche Körperpflege inklusive Bein-Peeling und Fußpflege, dann Zubereitung des Desserts fürs Abendessen (Schokoladenpudding mit darin geschmolzener Schokolade, untergehobene geschlagene Sahne würde daraus Schokoladenspeise ergeben), gegen zwei Uhr gab es zum Frühstück eine Körnersemmel mit Jamón serrano und eine halbe (reife!) Netzmelone.

Nachmittags war es mir für Lesen auf dem windigen Balkon tatsächlich zu frisch – ich las drinnen weiter, restliche Wochenendzeitung.

Ein Stündchen bügeln mit sehr interessanter Playlist von Freundin aus der Musik-Branche. Nach einem Telefonat mit meiner Mutter (alles in Ordnung) zog es mich nochmal auf eine Runde raus durch die Stadt, Schaufenster und Touristen gucken.

Daheim eine Einheit Yoga, zum Abendessen steuerte ich ein wenig Salat bei. Herr Kaltmamsell hatte den Ernteanteil-Spitzkohl geviertelt und mariniert im Ofen gebacken, servierte ihn mit Hummus. Nachtisch Schokoladenspeise. Währenddessen regnete es heftig.

Früh ins Bett zum Lesen, als nächstes Florian Matzner (Hrsg.), Albert Coers – Straßen Namen Leuchten. Ein Denkmal für die Familie Mann (es ist schwer einzufangen, was der tatsächliche Titel des Buchs ist, meine innere Literaturwissenschaftlerin rudert mit beiden Armen, ich habe jetzt einfach diesen beschlossen).

Journal Samstag, 4. Juli 2026 – Perfekt temperierter Sommersamstag

Sonntag, 5. Juli 2026

Meh, wieder eine zerhackte Nacht, am erholsamsten fühlten sich die knapp drei durchgehenden Stunden Schlaf nach fünf an. Aufgestanden mit bösem Kopfweh, das hatte ich nun von einem ausnahmsweise alkoholfreien Freitagabend. Eine Ibu half schnell.

Auf dem Balkon war es trotz wolkenlosem Sonnenschein kühl, ich brauchte eine Strickjacke für meinen Balkonkaffee.

Endlich wieder Schwimmen, ich freute mich sehr auf eine sonnige Runde im Dantebad. Die Rippen schmerzten zwar immer noch ein wenig vom Lerchenlauf-Sturz vor zehn Tagen, doch bei diesem traumhaften nicht heißen Sommerwetter riskierte ich das. Zudem riskierte ich Anfahrt per Rad: Nur einmal musste ich abspringen für Ohrenzuhalten und Gegensummen wegen LALÜ.

Kurz vor elf war der Radlparkplatz vorm Dantebad so leer, dass ich schon Hindernisse befürchtete – wenn ich EIN! MAL! nicht vor Abfahrt checkte, ob auch alles wie gewohnt geöffnet hatte. Doch nein: Es war einfach extrem wenig los, auch auf den Schwimmbahnen. Na gut, richtiges Freibadwetter hatte es bei 24 Grad auf der Anzeige über der Sprudelschnecke eigentlich nicht, doch nach meiner Erinnerung reichte sonst reichlich Sonne.

Das Schwimmen über David-Hockney-Poolboden war herrlich. Die Rippen spürte ich durchaus, fühlte mich aber nicht behindert davon, sondern zog 3.200 Meter vergnügt durch. Anschließend erneutes Sonnencremen, ein Stündchen auf der (völlig vertrockneten und nahezu Grün-freien) Liegewiese mit Musik auf den Ohren und guten Gedanken inklusive Ideen.

Die eine Wolke am Himmel.

Auf dem windigen Rückweg hielt ich am Edeka am Stiglmaierplatz, besorgte Frühstückssemmeln und Teile des Abendessens. Frühstück um drei: Körnersemmeln mit Butter und Tomaten, Schwarzkirschen.

Nachmittag mit Internetlesen auf dem Balkon, Zeitunglesen im Wohnzimmer, weil auf dem Balkon zu viel Wind. Am Ende des Nachmittags turnte ich eine Runde Yoga – bei Kreislaufkapriolen inklusive Schweißausbruch, die nass getropfte Yogamatte musste ich zum Trocknen erstmal liegen lassen.

Nachgeholtes Wochenend-Anstoßen mit Aperol Spritz.

Fürs Abendessen war ich zuständig: Es gab den Ernteanteil-Salat vom Donnerstag, einen Friseesalat, der mit seinen kräftigen Freilandblättern etwas von Koralle hatte. Ich mischte eine Ernteanteil-Minigurke und zugekaufte (sehr gute) Tomaten unter, drauf kamen harte Eier. Zweiter Gang Käse, Nachtisch Schokolade.

Im Bett las ich Helle Helle, Flora Fink (Übers.), Hafni sagt aus – ein angenehm seltsamer Roman aus der Perspektive einer Frau Mitte 40 mit zwei erwachsenen Kindern, die nach der Trennung von ihrem Mann über Land fährt. Er beginnt sehr eigenartig:

Um sicher zu gehen, dass das auch wirklich der Anfang ist, checkte ich die Leseprobe bei Amazon: Doch, das sollte so. Ähnlich bleibt die Erzählweise, allerdings mit sehr vielen sehr konkreten Ortsangaben in Dänemark – die mir alle nichts sagten. Ich begleitete Hafni dennoch gern.

§

Weiterführung des Themas gesellschaftliches Vertrauen. Auf Mastodon berichtet @katzentratschen von ihrer Familie.

Das individuelle Wertesystem ist zu ganz erstaunlichen Kapriolen fähig (mich immer eingeschlossen, hier sogar ganz besonders). Ich erinnere mich an einen bestimmten Angeklagten in einer Gerichtsverhandlung, die ich als Schöffin erlebte (alles öffentlich, ich berichte hier keine Indiskretionen). Dem Mann jenseits der 60 wurde vorgeworfen, Kontokarten aus Autos auf Friedhofsparkplätzen gestohlen und damit Geld abgehoben zu haben (bei der Gelegenheit lernte ich, dass dieses Vergehen unter Computerbetrug läuft). In der Verhandlung kamen wie immer auch die persönlichen Umstände und die Vergangenheit des Angeklagten zur Sprache. Er hatte beträchtliche Vorstrafen: Betrug, Diebstahl, solche Sachen. Erwerbstätig war er in seinem Leben nur sporadisch gewesen, mit Hilfsarbeiten. Doch er betonte stolz nach Verlesung dieser Fakten, er habe NIE! vom Staat Geld bekommen! Offensichtlich war für ihn gestohlenes Geld von anderen Menschen ehrlicher erlangt als Arbeitslosenhilfe – weil von eigener Hände Arbeit?

Sehr schön zu diesem Herrn auch die Szene, als in der Verhandlung als Beweismaterial die Aufnahmen der Überwachungskamera gezeigt wurden, die zur fraglichen Zeit von der Verwendung der Bankkarte im Bankautomatenraum aufgenommen worden waren. Der Angeklagte trug in der Verhandlung exakt denselben auffallend gemusterten Strickpullover, der an der Person auf den Bildern der Überwachungskamera zu sehen war. Und krähte sofort ungefragt: “DES BIN I NET!” Spätestens in diesem Moment erinnerte mich die Situation schon sehr ans Königlich Bayerische Amtsgericht.

§

Das Techniktagebuch fragt: “Wann sind eigentlich Internet-Cafés und öffentliche Internet-Terminals ausgestorben?”

Das ist tatsächlich eine interessante Frage, denn auch ich erinnere mich an Urlaube, in denen ich Internet-Cafés fürs Posten von Blogtexten suchte, erinnere mich ans abschließende Bezahlen an Theken, an unangenehm riechende Hinterzimmer. Oder an den besonderen Service mancher Hotels, die im Lobby-Bereich Computer-Schreibtische mit Internetzugang anboten, an mindestens einen mit Münzeinwurf. Doch ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt derartiges sah.

Journal Freitag, 3. Juli 2026 – Buchvorstellung zum Denkmal Familie Mann / Nachdenken über gesellschaftliches Grundvertrauen

Samstag, 4. Juli 2026

Etwas gehetzter Morgen, weil ich durch Verabredung am Vorabend nicht zum Bloggen gekommen war, außerdem Wäscheversorgung anstand (Wäscheständer leeren, Waschmaschine füllen und programmieren).

Das Draußen startete mit geschlossener Wolkendecke und kühler Luft, auf dem Weg in die Arbeit kam aber bereits die Sonne heraus.

Mittelemsiger Arbeitsvormittag, erschwert durch bleierne Müdigkeit. Hoffentliche schaffe ich es an diesem Wochenende mich zu erholen, idealerweise sogar durch viel Schlaf.

Raus auf einen Mittagscappuccino im Westend durch einen herrlichen Sommertag: Viel Sonne, Lufttemperatur so niedrig, dass sich der Sonnenschein angenehm wärmend anfühlte, immer wieder kräftiger, kühler Wind.

Zu Mittag gab es eine Nektarine, die ersten Kirschen der Saison (riesige Schwarzkirschen), Hüttenkäse. Der Freitagnachmittag kleckerte aus, ich ging pünktlich.

Ein paar Einkäufe auf dem Heimweg, daheim Wäscheaufhängen, Spannung, ob Herr Kaltmamsell es rechtzeitig zum Abendessen vor Abendverabredung von seinem Auswärtstermin nach Hause schaffen würde. Das tat er ganz knapp und zauberte uns in wenigen Minuten aus der Gefriere selbstgemachte Gnocchi mit Salbeibutter.

Auf den gestrigen Abendtermin freute ich mich trotz aller Erschöpfung. Sie erinnern sich an das Denkmal für die Familie Mann von Albert Coers? Dazu gibt es jetzt ein Buch, herausgegeben von Florian Matzner, und das wurde gestern Abend im Münchner Literaturhaus vorgestellt. Albert hatte Herrn Kaltmamsell und mich dazu eingeladen.

Wir spazierten durch die Abendsommermenschenmengen der Münchner Fußgängerzone zum Salvatorplatz.

Auch bei Tageslicht sehenswert: “Straßen Namen Leuchten”.

Im Gespräch mit der Leiterin des Literaturhauses, Tanja Graf, berichtete Herausgeber Florian Matzner von der Akademie der Bildenden Künste München über seine Sicht auf diese spezielle Kunst im öffentlichen Raum, Albert Coers von seinem Konzept des Denkmals und seinen Reisen über mehrere Kontinente auf Recherche nach Straßen, die nach Mitgliedern der Familie Thomas Mann benannt sind. Wenn es irgendwie ging, brachte er die Originallampen und -straßenschilder mit nach München (reichlich Anekdoten), die aus New York ließ er vor Ort duplizieren, die aus Los Angeles in einer Gießerei im bayerischen Landsberg. Er übernahm auch sonst für das Denkmal so viel Originalsituation wie möglich: Da er das Thomas-Mann-Straßenschild in Rom angefahren schief vorgefunden hatte (siehe Foto oben), steht es auch auf dem Salvatorplatz schief.

Den Aspekt Literatur im Exil beleuchtete in einem weiteren Gespräch mit Tanja Graf der Thomas-Mann-Experte Holger Pils, der die Wege der Familienmitglieder nach 1933 nachzeichnete. Das Buch selbst kauften wir gleich vom Büchertisch weg, ich freue mich schon sehr auf die Lektüre.

Nach der Veranstaltung genoss ich nur kurz den sensationellen Ausblick vom obersten Stockwerk des Literaturhauses, wir gingen gleich heim.

Diese Perspektive in der Kardinal-Faulhaber-Straße wird mich wohl jedesmal zum Zücken der Handy-Kamera bringen.

Eigentlich hatte ich noch Lust auf ein Speiseeiserl, doch am Marienplatz war mir die Schlange zu lang, und unser Eisdealer ums Eck von der Wohnung war bereits am Schließen. Also statt dessen Schokolade daheim.

Neue Lektüre im Bett: Helle Helle, Flora Fink (Übers.), Hafni sagt – eine angenehm eigenartige Road trip-Geschichte.

§

Dieser Text löste bei mir eine Gedankenkaskade aus, ein Bericht aus Finnland:
“Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser”.

via @holgi

Als Erstes assoziierte ich die immer wieder aufflammende Diskussion über die Regeln beim Wählen im Wahllokal: Nein, zum Wählen muss man nicht den Personalausweis vorlegen, die Wahlbenachrichtigung oder der Wahlschein genügt. (Nur wenn man keines davon hat, muss man die Wahlberechtigung durch Ausweis und Eintrag im Wählerverzeichnis belegen.)
Eine Wahlvorsteherin, mit der zusammen ich mal wahlhalf, erklärte das auf Nachfrage von Wähler*innen vor uns mit:
“Weil wir erstmal davon ausgehen, dass Sie uns nicht anlügen.”
Aber auch hier in den Blogkommentaren erinnere ich mich an Diskussionen, die vor allem die Betrugsmöglichkeiten bei diesem Vorgehen durchspielten.

Mein Naturell ist ein ganz anderes: Ich gehe wirklich erstmal davon aus, dass Menschen ehrlich sind, dass sie mir nichts antun und nichts wegnehmen, mich nicht anlügen. Das ist ganz tief in mir verankert.

Als Zweites dachte ich daran, wie viele Jahre ich bei Anfahrt an die Isar zum Laufen mit dem Fahrrad einen Überzug-Pullover oder eine -Jacke im Fahrradkorb ließ – denn man nimmt nicht einfach anderen Leuten ihren Pullover weg. Bis er halt doch mal weg war. Ich versuche mir die Situation bis heute konkret vorzustellen: Griff jemand in meinen Korb, besah sich den Pullover und wollte ihn ganz dringend selbst besitzen und tragen? Oder war es ein: “Schau mal, da ist jemand so blöd und lässt ihren Pullover einfach rumliegen! Soll sie mal sehen, wie blöd das ist.”? Mit der Folge, dass der Pulli anschließend irgendwo weggeworfen wurde?

Interessanterweise bekam ich meine Grundhaltung gerade NICHT im Elternhaus vermittelt. Meine Arbeiter-auf-dem-Weg-zum-Kleinbürgertum-Eltern nutzten jede Gelegenheit zu Steuer- und Versicherungs… äh… -tricksereien, die sie nur finden konnten. Und sie suchten sehr gründlich, hatten offensichtlich richtig Vergnügen dabei, noch so kleine Schlupflöcher in den Regeln zu finden. (Deswegen bin ich sicher, dass sie nichts dagegen haben, wenn ich es hier weitererzähle.) Die Grundhaltung: 1. Macht doch jeder. 2. Und wer es nicht macht, lässt sich übers Ohr hauen und ausnehmen.

Selbst aber identifiziere ich mich mit unserer Verfassung, unserer Gesellschaft, dem Staat: Das sind wir alle! Ich sehe mich nicht außerhalb des Steuersystems, sondern als Teil davon: Ich zahle Steuern und sichere damit staatliche Leistungen. Einfluss nehme ich darauf über Wahlen und politisches Engagement, akzeptiere aber, dass ich nicht bei der Verwendung jedes Euros meiner Steuern persönlich gefragt werde. (Und alles daran ist öffentlich, damit wird zum Beispiel dieser Haushaltstracker des Dezernats Zukunft – Institut für makrofinanzen gefüttert).

Ich sehe mich auch als Teil der Rechtsstaatlichkeit – einer zivilisatorische Errungenschaft, von deren Vorteilen ich zutiefst überzeugt bin. Und wenn ich so vielfältig davon profitiere, sehe ich mich auch verpflichtet, meinen Beitrag durch Regelbefolgung zu leisten. Wieder finde ich meine Einflussmöglichkeit in Wahlen und politischem oder zivilem Engagement.

Wieso konnten meine (durch und durch anständigen und menschenfreundlichen, das soll unbedingt betont sein) Eltern ihre eigene Haltung nicht auf mich übertragen? Dennoch sehe ich eine Brücke zu ihnen, nämlich in der Tendenz zum moralischen Rigorismus, der mich mit meiner Mutter verbindet und den sie in allem anderen als Steuern und Versicherungen lebt.

Beim weiteren Nachdenken komme ich durchaus auf viele schädliche Folgen meiner Grundhaltung: Ich kalkuliere das Böse zu wenig ein. Bestes Beispiel: Internet. Dass die Bösen dessen neue Möglichkeiten am effektivsten nutzten, und zwar für eigenen Vorteil zum Preis einer Verschlechterung der Welt – konnte vermutlich nur mich so sehr überraschen.

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In diese Recherche hat sich Typo-Nerd Thomas Pfeiffer ganz besonders reingehauen:
Die Beschriftungen von historischen Präparaten des Royal College of Surgeons of England.
Ich liebe alles daran und bin sicher, dass Museums-Kuratorin Alice Watkinson-Deane Spaß mit seiner Anfrage hatte – Nerds erkennen einander.

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Finde ich interessant: Die Service-Regeln des 1-Michelin-Stern-Restaurants Wielandshöhe.

(Falls jemand das fehlende Korrekturlesen übernehmen soll: Ich stehe zur Verfügung.)