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Journal Mittwoch, 28. Oktober 2026 – Denk-Gestrüpp und Fotogalerie Grabmäler

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Vom Wecker aus tiefem Schlaf in tiefe Unwilligkeit gerissen worden. Die Aussicht auf schmerzhaftes Aufstehen half nicht.
Musste halt. Mal wieder.

Auf dem Marsch in die Arbeit Herbst-angemessene Lufttemperatur, jahreszeitlich bedeckter Himmel, nochmal Oktoberbunt.

Seltsamer Arbeitsvormittag. Große Unruhe im Kopf, Gedankenverläufe wie ein Wollknäuel, nachdem eine Katze damit gespielt hat, wie dichtes Schlehenbuschgestrüpp (inklusive dieser bilderreichen Assoziationen ein mögliches Migräne-Symptom). Und dann bestand meine Arbeit auch noch in tausenderlei Kleinscheiß – ich glaube, eine größere Aufgabe, die mich mit Konzentration vereinnahmt hätte, wäre beruhigender gewesen.

Für berufliche Einkäufe nahm ich eine U-Bahn zum Hauptbahnhof. Draußen war es immer noch düsterer geworden, ich hoffte auf den vorhergesagten Regen.

Der prasselte erst, als ich zurück im Büro war, und dann auch nur kurz. Für meine mittägliche Runde um die Blöcke nahm ich zwar einen Schirm mit, benötigte ihn dann bei aller Düsterheit nicht (Talisman-Funktion).

Zu Mittag aß ich eine Banane in perfekter Vorreife sowie Mango mit Sojajoghurt.

Nachmittag mit erneutem Regen. UND! Ich bekam selbst gemachtes Sauerkraut aus Bulgarien geschenkt:

In ganzen Blättern im Glas, dazu Infos für klassische Verwendung in Bulgarien: Krautwickel, Suppe, kleingeschnitten in anderem Gemüse, für Korean Pancakes.

Gestern fand die Bürgerversammlung meines Wahlbezirks statt – und ich war nicht dabei: Als ich die Einladung bekam (dieses Jahr hatte ich vergessen, frühzeitig selbst nach das Datum nachzuschlagen), hatte ich für diesen Feierabend schon vor langer Zeit einen Termin bei meiner Kosmetikerin für Pediküre und Gesichtsbehandlung gebucht. Vor langer Zeit, weil diese Feierabend-Slots natürlich begehrt sind, deshalb auch nicht so einfach zu verschieben.

Statt dessen spazierte ich also zur Kosmetikerin und ließ mich zwei Stunden lang anfassen, freute mich im Gespräch über gute Neuigkeiten.

Daheim wartete Herr Kaltmamsell mit dem Nachtmahl auf mich: Ernteanteil war weggegessen, es gab Spaghetti mit scharfer Tomaten-Oliven-Kapern-Sauce, köstlich. Brotzeitvorbereitung, dann zum Nachtisch Schokolade.

Nach Häuslichkeiten nicht ganz so früh ins Bett zum Lesen. Trude Teiges Roman Als Großmutter im Regen tanzte macht mich einerseits gespannt darauf, wie es weitergeht, erzeugt dabei aber ein schales Gefühl, weil sie ein düsteres Thema schon arg auf Niveau deutscher TV-Mehrteiler inklusive Belehrung verarbeitet. Ich möchte den Empfehlerinnen solcher Bücher immer Ulrike Draesner, Die Verwandelten aufdrängen: SO geht das auch kunstfertig, vielschichtig und gut. (Oder sollte man umgekehrt Leser*innen davor warnen Draesner zu lesen, weil sie für jede oberflächlichere Fiktionalisierung des Stoffs verdorben werden könnten?)

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Auf Mastodon gibt es das Meme #Fotovorschlag mit einem Thema für jeden Tag. Ich freue mich, wenn Accounts in meiner Timeline daran teilnehmen, weil sie großartige Fotos oder Einblicke posten. Selbst bin ich meist allein schon dadurch verhindert, dass ich meine Fotos nicht bei mir habe, also nicht auf meinem Handy speichere.

Doch gestern lautete das Thema “Besondere Grabmale” – und jetzt profitierte ich von den vielen Friedhofsbildern, die ich bereits hier im Blog gezeigt habe: Ich mag Friedhöfe sehr gern, finde sie hochinteressant und freute mich über das Wiedersehen mit meinen eigenen Fotos. (Ich habe nicht den leisesten Schimmer, wie es sich anfühlt, voll Schmerz trauernd am Grab eines geliebten Menschen zu stehen – möglicherweise ändert das dereinst mein Verhältnis zu Friedhöfen grundlegend. Aber bis dahin.) Deshalb hiermit nochmal gezeigt:

Liegender Grabstein in dichtem Grün, bei aller Verwitterung kann man die große Inschrift lesen: "Georg Simon Ohm"

2024: Auf dem Alten Südfriedhof in München für einen großen Widerstandskämpfer.

2025: Ehrengrab von Hedy Lamarr auf dem Wiener Zentralfriedhof.

2018: Erich Kästner auf dem Friedhof Bogenhausen.

2015: René Goscinny auf dem jüdischen Friedhof hoch über Nizza.

2017: Die Hausmeistermutter Elisabeth Kiermaier auf dem Alten Südfriedhof in München. Grabinschrift:

“Hier ruhen in Gott
Engelbert Kiermaier
25 Jahre Hausmeister im
kath. Zentralgesellenhaus
*30.10.1862 +17.12.1925

und seine Mutter
Elisabeth Kiermaier
*26.10.1821 +21.2.1906“

2021: Ehrengrab von Johannes Heesters (nein, der lebt nicht mehr) auf dem Münchner Nordfriedhof.

2020: Außenmauer des alten jüdischen Friedhofs in Frankfurt.

2022: Alter Südfriedhof in München während Corona.

2023: Grab von Irish Travellern auf dem Brighton Cemetery.

2018: Rainer Werner Fassbinder auf dem Friedhof Bogenhausen.

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Zugfahrten können das Herz auch wärmen, lesen Sie zum Beispiel aktuell bei Vanessa Giese:
“Noch ein Freibadschwumm, ein Schnittbier und Zug-Erlebnisse”.

Journal Montag, 26. Oktober 2026 – Warum mich die Kommentare in diesem Blog irgendwann zu sehr belasteten

Dienstag, 27. Oktober 2026

Irgendwie kam es dazu, dass zum Blogpost über den Sonntag die Kommentarfunktion freigeschaltet war – was die eigentliche Komplettblockade eine Ebene drüber offensichtlich überstimmte. Und schon landeten wieder ein Tipp darin, ungebeten und ohne Zusammenhang mit dem Blogpost. Und schon war ich geradezu panikartig gestresst. Deshalb hier die Zusammenfassung, warum mir mein Blog kommentarfrei so viel mehr Freude bereitet.

In den ersten vielen Jahren meines Bloggens kannte ich die Kommentator*innen, denn sie hatten eigene Blogs, in denen ich sie kennenlernte. Zudem hatten sie unverwechselbare Namen, nämlich selbst gewählte Nicks (Anke Gröner war die eine große Ausnahme – dadurch aber ebenfalls unverwechselbar).

Doch irgendwann waren die Absender*innen von Kommentaren immer öfter random Christines und Petras, ich hätte bei jeder NinaSabineBeate die E-Mail-Adresse checken müssen, um welche von den verschiedenen es sich bitte handelte – nein. Ich kannte immer weniger von den Menschen, die Kommentare hinterließen, konnte mir mangels Publikationen oder auch nur Spuren an anderem Ort auch kein Bild von ihnen machen. Und sie verwendeten das Kommentarformular für ihre eigenen Posts, die sehr oft in einem eigenen Blog viel besser aufgehoben gewesen wären. Oder sie versuchten durch Kommentare, mein Leben mitzubestimmen.

In diesem Sommer gab es ein wunderbares Beispiel bei Frau Brüllen, hier unten.
Dabei versteht niemand den Mitteilungs-Impuls besser als wir Bloggerinnen – aber deswegen haben wir ja ein Blog. Fürs Bloggen die Kommentarfunktion anderer Leut’ Blogs zu nutzen, hat etwas Schmarotzerhaftes.

Zumal ich das ja alles lesen musste, ob es mich interessierte oder nicht, selbst die Ergüsse irgendwann leider sehr gut erkennbarer Absenderinnen: Als Betreiberin des Blogs bin ich für alle Inhalte verantwortlich, auch für diejenigen, die andere reinschreiben.

Küchenpsychologisch erkläre ich mir viele Mitteilungs- und Beeinflussungsimpulse in den Kommentarfeldern von Tagebuch-Blogs so, dass die Leser*innen Nähe fühlen, sich für den Alltag der Blogger*innen interessieren – daraus aber instinktiv und fälschlich folgern, dass auch die Autor*innen sich für sie und ihren Alltag interessieren, dass also Gegenseitigkeit besteht. Sie projizieren ihr eigenes Erleben.

Wenn ich auf Eigenlebensrecherche bei alten Blogposts lande, bin ich immer wieder bestürzt, wie viel Übergriffigkeit ich mir in den Kommentaren gefallen habe lassen – ALLES wurde beurteilt und bewertet, einst musste ich mich sogar dafür abkanzeln lassen, dass ich Fotos von Speisen veröffentlichte. Und es waren dann genau die Leute, die regelmäßig kompletten Blödsinn kommentierten, den ich zähneknirschend schweigend stehen ließ, die maulten, ich ließe keine anderen Meinungen gelten.

Wichtig auch hier: Not all Kommentator*innen – ich erhielt sehr oft und viele bereichernde Impulse, profitierte von Kommentaren, herzlichen Dank dafür! Zum Beispiel erfuhr ich auf der Bloglesung, dass weitere Menschen über mein Blog auf die Gymnastik von Gabi Fastner gekommen sind: Darauf stieß mich ein Kommentar hier (nachdem ich um Empfehlungen gebeten hatte), wie wundervoll.

Vielleicht mögen Sie es so sehen: Ich erspare Ihnen die Überlegung, ob ihr eigener Gesundheitstipp nicht vielleicht doch so wichtig ist, dass er meine innige, dringliche, ernste gegenteilige Bitte überstimmt. Oder ob das Ignorieren dieser innigen, dringlichen, ernsten gegenteiligen Bitte sie vielleicht zur blöden Kuh macht.

Und vielleicht bringe ich die eine oder den anderen Mitteilungsbedürftige*n ja doch dazu, rüber zu WordPress zu gehen (zum Beispiel) und sich ein eigenes Blog zu erstellen.

Kommentare zu meinen Blogposts bekomme ich immer noch: auf Mastodon. Das fühlt sich ein wenig wie in den ersten Jahren des Bloggens an, denn diese Leute kann ich wieder über ihren eigenen Kanal kennenlernen, nämlich über ihren Mastodon-Account. Den sie im Idealfall auch nicht unter ChristineNinaSabineBeate führen, sondern unter einem wiedererkennbaren Nick.

Und Kontakt zu mir können Sie ja weiterhin aufnehmen: E-Mail an die Adresse Links.

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Nach recht gutem Nachtschlaf gut in die Arbeit gekommen, die vergessenen Handschuhe beeinträchtigten mich trotz deutlich einstelliger Temperaturen nicht.

Im Büro hob ich mit meinem Outfit nicht nur die eigene Laune, sondern auch die erfreuter Kolleginnen. Allerdings entdeckte ich auch recht früh, dass zu den ohnehin vielen Fingern, auf die ich aktuell genau schauen muss, weitere gekommen waren, die ich für sicher gehalten hatte. Anstrengend.

Mittagscappuccino aus der Cafeteria, nach zwölf ein Marsch um die Blöcke in angenehm frischer Luft und vereinzelten Sonnenstrahlen.

Zu essen gab es später einen großen Apfel sowie Mango mit Sojajoghurt.

Arbeitsnachmittag recht emsig, das Draußen sah freundlich durchs Bürofenster. Doch die Winterzeit mit ihrem helleren Morgen hat ihren Preis: Noch vor 17 Uhr musste ich Kunstlicht zuschalten.

Meinen Heimweg trat ich nach Feierabend also im fast ganz Dunklen an. Unterwegs Einkäufe im Drogeriemarkt und beim Vollcorner, außerdem schlug ich in einem Pop-up Lebkuchen Schmidt zu.

Zu Hause Räumen, Wäscheaufhängen, eine Runde Pilates – fast zu anstrengend.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Pakchoi aus Ernteanteil chinesisch und mit Reis. Nachtisch Süßigkeiten, unter anderem Dominosteine von Lebkuchen Schmidt – eine ganz andere Nummr als die Supermarkt-Ware.

Früh ins Bett zum Lesen. Ich hatte Naomi Mitchison, Travel Light ausgelesen, wirklich schön und speziell, punktgenau traf die Benachrichtigung der Stadtbibliothek ein, dass das vorgemerkte Als Großmutter im Regen tanzte von Trude Teige, Günther Frauenlob (Übers.) zur Verfügung stand. Das startete ich gestern (und wurde gleich auf der ersten Seite von einer Variante der Informationsvermittlungstechnik “Hans, der, wie du weißt, dein Bruder ist.” rausgerissen – ging aber besser weiter).

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Gesammelte Blogposts über die Bloglesung am Samstagabend (im Fall ergänze ich in den nächsten Tagen, damit alles an einem Ort ist):
– Organisatorin Frau Klugscheißer
– Mitlesender Markus Pfeifer
– Mitlesende Novemberregen
– Mitlesende Vanessa Giese

– Herzbruch
– Herr Rau
– loosy
– Stadtneurotiker
– Crocodylus

Journal Sonntag, 25. Oktober 2026 – Right now 2026

Montag, 26. Oktober 2026

Kleine Serie, hier begonnen, vom Erfinder ganz anders gemeint, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012, 2013 und 2014 fortgesetzt. 2015 musste ich offline nehmen, 2016 hatte ich keine Lust. 2017 zum ersten Mal abends erfasst, dann wieder 2018 und 2022, 2023, 2024.

Ich lese… die Wochenend-Süddeutsche – erst am Sonntag statt am Samstag, wie auch dieses “Right now” wegen der Bloglesung inklusive Übernachtungsbesuch einen Tag hinterher hinkt. Dann die Mastodon-Timeline von zwei Tagen nach.

Ich trage… meine 501-Jeans und ein über 30 Jahre altes, aber nur wenig abgeschubbertes bretonisches Fischer-Shirt – pragmatische Wochenendkleidung.

Ich habe… derart nichts vor an einem Sonntag wie schon sehr lange nicht mehr.

Ich höre… draußen Regen und Wind, aus der Küche den Dunstabzug, mit dem Herr Kaltmamsell den Geruch des garenden Schwarzkohls fürs Abendessen abtransportiert.

Ich trinke… Leitungswasser.

Ich esse… heute möglicherweise bereits vor dem Abendessen eine Kleinigkeit. Da ich heute schon vor zwölf echten Frühstückshunger hatte und mit Apfel, Semmeln und Käse stillte, rechne ich mit vorzeitigem Bedarf. Ungewöhnlich, weil ich seit einigen Jahren nur zweimal am Tag esse und dazwischen fast nie Lust auf Snacks habe.

Ich stehe… heute endlich wieder etwas leichter auf nach Liegen oder Sitzen als an den Tagen davor, das Aufrichten ist nur noch mit wenigen LWS-Schmerzen verbunden.

Ich gehe… heute ganz sicher nicht mehr raus. Die Sehnsucht nach Luft und Bewegung wird durch Müdigkeit und windigen Regen erstickt.

Ich lache… heute deutlich weniger als gestern – aber da bekam ich ja einen Abend lang viel zu lachen.

Ich sehe… durch zwei großen Fenstern hinaus in bunt herbstbelaubte Bäume, von Wind und Regen geschüttelt. Nach der Zeitumstellung sehe ich sie heute sehr wahrscheinlich nicht mehr lang, bevor die Dunkelheit sie verschluckt.

Ich mag…, wie die vergangenen beiden Tage in mir nachklingen, vor allem die viele Gespräche mit dem Übernachtungsgast.

Ich schreibe… weiterhin sehr viel sehr oft. Jüngst las ich in einem Interview mit Helga Schubert, dass sie zu den Schriftstellerinnen gehört, die ebenfalls unaufhörlich schreiben, schreiben, schreiben. Heutzutage weiß ich, dass das keineswegs in Umkehrung bedeutet, dass solche Dauerschreibenden Schriftstellerinnen sind: Manche schreiben halt einfach so.

Ich weiß… gleichzeitig immer mehr und bekomme dadurch eine immer klarere Vorstellung davon, wie viel es noch zu wissen gäbe. (Dann wieder: Kürzlich wurde ein neuer Kollege durch die Büros geführt. Mich stellte man vor mit: “Die weiß alles.” Der Einfachheit halber und um eines möglichen Lachers willen reagierte ich mit einem schlichten: “Ja.”)

Ich möchte… immer noch nicht, und immer noch belastet mich das manchmal mehr, manchmal weniger. Derzeit ist es erträglich.

Einen Tag hatte ich schon auch. Er begann mit eher unausgeschlafenem (weil vor Aufgekratztheit schwer eingeschlafen) Aufwachen, der Blick aus dem Fenster überraschte mich mit Helligkeit. Es war dann erst eine Bemerkung des Herrn Kaltmamsell neben mir, der mich an die Umstellung auf Winterzeit erinnerte; ich hatte also eine Stunde mehr geschlafen als beim Blick auf die Uhr angenommen. Erste Erledigung des Morgens: Uhren stellen.

Das Draußen war ausgesprochen unwirtlich mit Regen. Nach Morgenkaffee zog ich mich an und ging Semmelholen unterm Schirm. Ich hatte gerade mal den Tisch gedeckt, als die Besucherin aufstand. Zu dritt setzten wir uns an den Frühstückstisch, hatten über Signal ein wenig Kontakt zu den anderen Aktiven des Vorabends, die Besucherin stimmte ihre Rückreise ab. Vermutlich weil ich am Vortag nicht recht viel gegessen hatte, bekam ich noch bei gedecktem Tisch richtig Hunger und frühstückte.

Vor dem Zwölf-Uhr-Läuten verabschiedeten wir uns vom Besuch.

Nachmittag bei prasselndem Regen mit verspätetem Bloggen, dann Räumen, Zeitunglesen, einer guten Stunde Siesta, keinem Bügeln, Internetlesen, einer besonders wohltuenden halben Stunde Pilates.

Zum Nachtmahl (ich brauchte dann doch keinen Snack zuvor) verarbeitete Herr Kaltmamsell den Schwarzkohl aus Ernteanteil auf norddeutsche Art, er hatte dazu beim Vollcorner Kohlwurst gekauft. Schmeckte ganz hervorragend, die Kohlwurst erinnerte an Ingolstädter Bauernwürscht. Nachtisch Schokolade…

… und Leserinnen-Kekse, sehr fein und köstlich.

Früh ins Bett zum Lesen, weiterhin gerne in der nüchtern erzählten magischen Welt von Naomi Mitchison, Travel Light. Wenn es den ganzen Tag nicht richtig hell wird wie gestern, ist es für mich noch einfacher als ohnehin, den Rat zu befolgen: Nach Wechsel zu Winter- oder Sommerzeit überhaupt nicht erst mit Nachrechnen anfangen, sondern sofort in der umgestellten Zeit leben.

Journal Samstag, 17. Oktober 2026 – 1000-Teile-Puzzle-Oktoberfarben

Sonntag, 18. Oktober 2026

Unruhige Nacht, benommenes Aufstehen. Milchkaffee und Ibu 400 richteten das aber schnell.

Wir finden und töten weiterhin Mehlmotten und ihren Nachwuchs in der Wohnung, auch abseits der Küche. Herr Kaltmamsell hat mittlerweile ein kleines Vermögen in schicke Mepal-Plastikdosen investiert, kaufte gestern für weitere Vorräte nach.

Für meinen Isarlauf hatte ich mir etwas Neues ausgedacht, das nur zur Hälfte klappte. Die U-Bahn-Verbindung nach Thalkirchen ist ja jetzt nach Oktoberfest-Magie wieder wegen Bauarbeiten unterbrochen, meine Idee war: Von daheim aus bis Pullach laufen, von dort mit der S-Bahn zurückfahren. Was klappte: Von Haustür über gewohnte Wege an der Isar bis zum S-Bahnhof Pullach lief ich (mit zahlreichen Foto-Stopps) gut 90 Minuten (Selbstbeschränkung, weil ich auch am Sonntag laufen will), das machte selbst unter düsterem Himmel richtig Spaß. Was dann nicht so toll war: 20 Minuten Warten auf S-Bahn, 30 Minuten Fahrt bis – wegen Bauarbeiten Stammstrecke – Endstation Hauptbahnhof, zusätzliche 15 Minuten Fußweg nach Hause. Auf diese Relation Joggen-Heimfahrt werde ich wohl nicht oft Lust haben.

Doch der Körper spielte hervorragend mit, die Ibu mag geholfen haben (anfängliches Zwicken an der linken Kniescheibe durch Quadrizeps-Dehnen wegbekommen), und der Oktober ist gerade in seiner 1000-Teile-Puzzlemotiv-Phase.

Die Flosslände für den Winter abgelassen.

#ÖPNVStarren

Daheim war ich dann doch irgendwann, meine Frühstückssemmeln hatte ich in einer Pullacher Bäckerei während der Wartezeit auf die S-Bahn besorgt. Frühstück noch vor zwei: Trauben, Feigen, Körnersemmeln, eine davon mit einer letzten sensationellen gelben Tomate aus Ernteanteil.

Und dann raffte ich mich zum Backen auf! Das interessanteste Rezept ist ja immer das zuletzt entdeckte, und das war von David Lebovitz: Miso walnut chocolate chip cookies. Las sich am Donnerstag beim Entdecken abgefahren und machbar, ich setzte die Zutaten umgehend auf die Einkaufsliste. Miso, das wusste ich, hat Herr Kaltmamsell eh immer im Haus, allerdings, so lernte ich am Freitag, immer nur eine Farbe, und die ist derzeit braun. Er überzeugte mich, dass auch dunkles Miso für das Rezept taugte, riet allerdings zu einer geringeren Menge.

Die Walnüsse hatte ich schon vor dem Isarlauf mit Miso karamelisiert, jetzt machte ich den Rest. Und stieß dabei auf ein Zeichen der Zeit und ein ganz neues Risiko beim Backen: Ich war auf 80-Gramm-Tafeln Schokolade reingefallen. Im Vollcorner hatte ich zu meiner üblichen 70-Prozent-Backschokolade von Vivani gegriffen und nicht gemerkt, dass diese nicht mehr 100 Gramm schwer sind. Also ab sofort KEINERLEI gewohnte Standard-Größe mehr voraussetzen, merke ich mir für den Zutatenkauf für die Weihnachtsbäckerei. Ich möchte hier @daszeiserl zitieren: “80g Schokotafeln sind ehrlich wahr der Untergang des Abendlandes.”

(“Drei Stücke, Obelix.”)

Nachmittag mit Bloglesungsvorbereitung und Zeitunglesen, draußen versuchte es ein wenig zu regnen.

Eine halbe Stunde Pilates, bevor ich die Drinks des Abends rührte. Herr Kaltmamsell hatte sich Manhattans gewünscht, ich verrechnete mich bei den beiden Wermut-Zugaben – gab es halt doppelte Manhattans.

Aber dann sonst keinen Alkohol mehr. Hicks.

Basis des Nachtmahls war der Mangold aus Ernteanteil, den Herr Kaltmamsell mit Belugalinsen als Spaghgettigericht servierte, sehr gut.

Zum Nachtisch jeder einen der Riesen-Cookies: Waren auch mit 15 Gramm weniger Schokolade wegen Schummel-Tafeln sehr gut geworden, allerdings schmeckte ich nicht viel Unterschied durch das Miso (im Vergleich zu den eh schon sensationellen Chocolate Chip Cookies von David Lebovitz).

Im Bett begann ich die nächste Lektüre, auf die ich durch einen Hinweis in This Is How You Lose the Time War gestoßen war: Naomi Mitchison, Travel Light, veröffentlicht 1952.

§

Donnerstagabend hatte ich Siri Hustvedt, What I Loved ausgelesen und bin sehr beeindruckt von dem Roman. Nur: Eigentlich habe ich gelernt und bin stolz darauf, meine Reader Response nachvollziehbar erklären zu können; in diesem Fall fühle ich mich hilflos. Ich weiß nicht recht zu sagen, warum ich dieses Werk so außerordentlich gut finde. Mich beeindruckte, dass Hustvedt aus der Ich-Perspektive eines Mannes schreibt, durchwegs glaubwürdig. Wie ich alle Figuren der Handlung glaubwürdig finde: Seine Frau Erica, das befreundete Paar Bill und Violet.

Ich begleitete diese Menschen durch einige Jahrzehnte ihres Lebens in New York, durch ihre Elternschaft, durch ihre Berufe, die alle mit der einen oder anderen Form des Kunstschaffens zu tun haben. Besonders beeindruckten mich die Beschreibungen vieler, vieler fiktiver Kunstwerke, dazu die der Kunstwelt, in der sie rezipiert werden. Ich lebte beim Lesen Alltag mit und ihre Randfiguren, Körperlichkeit, Trauer und andere tiefen Gefühle. Das tat ich in den Romanen von Sigrid Nunez auch, und doch sind sie völlig anders. Obwohl die Werke beider Frauen verbindet, dass ihre sprachlichen Mittel im Hintergrund bleiben.

Dann gebe ich mein Scheitern bei der Vermittlung meiner Begeisterung halt zu. Wenn Sie sich für Menschen interessieren und für Kunst, hohes literarisches Handwerk mögen – dann ist dieser Roman vielleicht etwas für Sie.

§

Leben in hohem Alter – taz-Autorin Laura Catoni recherchiert, wie Menschen ohne Kinder oder sonstige nahe Angehörigen das machen.
“Gemeinschaft im Alter
Was kommt vor dem Tod?”.

Journal Samstag, 10. Oktober 2026 – Regnerischer Gammelsamstag mit kleinen Aufregungen und kleinen Erfolgen

Sonntag, 11. Oktober 2026

Gut und ausgeschlafen, in der letzten Phase geträumt, dass ich mit den gerade Japan bereisenden Brüllens Urlaub in Norwegen mache.

Richtig gemütlicher Morgen, nach Bloggen in aller Gelassenheit eine Rechnung geprüft und beglichen, erstes Weihnachtsgeschenk bestellt.

Weitere Tüchtigkeit: Ich entsorgte verwelkte Blumensträuße – bis auf ein paar Blüten, die noch ansehnlich waren.

Für die habe ich nämlich drei kleine Reste-Vasen (ich nehme an, hat jede?). Die rechte, Rosenthal Studio-Line, schenkte mir vor über 40 Jahren als Gastgeschenk der Sohn des Glasers Schwarz aus dem edlen Glas-, Geschirr-, und Rahmenladen der Familie in Ingolstadt, auch den gibt es schon lang nicht mehr.

Auf der Unterseite auch der Name des Designers: James Kirkwood (herausgefunden mithilfe meiner kleinen Mastodon-Freunde). Daneben der Originalaufkleber aus dem Laden: Die Glaser-Dynastie “seit 1794” endete mit dem Vater des Schenkers. Ich wüsste sehr gern, was aus dem sympathischen Altersgenossen geworden ist, aber sein Name ist zu üblich, als dass ich ihn je im Internet gefunden hätte.

Was ich herausgefunden habe: Die Vase ist die Hälfte eines Doppels.

Draußen regnete es endlich auch glaubhaft, ich hätte wirklich keine Lust auf den ursprünglich geplanten Wandertag gehabt.

Mein Hirn hatte natürlich Pläne gemacht (WIE?! ein KOMPLETT LEERER Samstag?!): Mittagscappuccino draußen, Jeanskauf, Apfeltaschenbacken aus Ernteanteil-Äpfeln und Blätterteig.

Start der Heizungs-Saison – der gleichmal in einer E-Mail an die Hausverwaltung endete: Herr Kaltmamsell testete alle Heizkörper durch Aufdrehen durch, alle wurden warm, aber aus dem Ventilanschluss im Bad tropfte es jetzt, auch nach Abdrehen der Heizung. Wir würden mit untergestellten Schüsseln durchs Wochenende kommen müssen.

Ich spazierte hinaus in den Regen zunächst auf einen Mittagscappuccino. Am angesteuerten Ort in der Müllerstraße weigerte man sich, Deutsch mit mir zu reden, die Thekenkraft blieb bei Englisch. Ich bekam dennoch einen Cappuccino und dachte an meinen Vater, der als Einwanderer Anfang der 1960er in Nürnberg sogar mit anderen spanischen Einwanderern Geld zusammengelegt hatte, um eine Deutschlehrerin zu bezahlen.

Weiter zum Jeanskauf. Nach dem Scheitern meines ersten Versuchs im Frühjahr, als ich vergeblich auf Beratung von ausgebildetem Personal setzte, hatte ich mich diesmal gut vorbereitet. Sondieren von Herstellern hatte mich doch wieder zum Klassiker Levis geführt, auf deren Website hatte ich die aktuellen Modelle gesichtet und zwei notiert, die nach Beschreibung und Fotos an mir wie gewünscht sitzen könnten. Gestern ging ich also in den Laden in der Sendlinger Straße, eines von den Modellen war in breiter Größen- und Farbauswahl vorrätig. Mit abschließender Unterstützung einer Angestellten fand ich die wirklich passende Größe (das System scheint sich seit meinem letzten Kauf vor drei Jahren geändert zu haben) und kaufte – wie sich an der Kasse erwies, sogar zu Sonderangebots-Konditionen.

Zurück daheim buk ich Apfeltaschen, fand bei der Suche nach Mandelblättern oder -stiften ein weiteres Mehlmottennest und warf nahezu den gesamten Backzutaten-Vorrat in dem Müll. Wurden es halt schlichte Apfeltaschen.

Vor den Apfeltaschen mit Sahne gab es zum Frühstück Feigen und Mirabellen, ein wenig Blauschimmelkäse.

Angenehm vergammelter Nachmittag – ich kann es noch. Internetlesen, Zeitunglesen, Romanlesen. Allerdings immer wieder ins Stehen gescheucht von Kreuzweh.

Von Lesen auf dem Balkon zu dicken Socken in einer Woche – aber so fühlt sich Oktober richtiger an. Am Ende des Nachtmittags eine halbe Stunde Pilates mit Gabi Fastner.

Im Zentrum des Nachtmahls stand dieser Riesen-Blumenkohl aus Ernteanteil, der größte, den ich je gesehen habe, fast zwei Kilo schwer. Eine Hälfte wird es Sonntagabend geben, aus der anderen bereitete Herr Kaltmamsell gestern Abend Ottolenghis Curried cauliflower cheese filo pie. (Vorher gab es als Aperitiv nochmal Calvacos Tonic.)

Schmeckte mir ganz ausgezeichnet. Dazu den restlichen Rotwein vom Vorabend.

Nachtisch Schokolade. Fast nicht zu viel.

Im Bett lang Siri Hustvedt, What I Loved gelesen; obwohl nicht viel passiert, lebe ich sehr gern lesend in der Welt des Romans – und bin immer wieder fasziniert von den detaillierten Beschreibungen der vielen zeitgenössischen Kunstwerke, die darin vorkommen – die es aber gar nicht gibt, die Hustvedt nur mit Wörtern erschafft (Assoziationen mit den fiktiven Computerspielen, die Gabrielle Zevin in ihrem Roman Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow mit Wörtern erschafft). Möglicherweise hat Thomas Mann in seinem Doktor Faustus Ähnliches mit fiktiver Musik versucht; ich erinnere mich aber nicht, dass er dadurch Klänge in meinem Kopf erzeugt hätte – das mag bei Leser*innen mit intensiver Beziehung zu Musik aber anders sein.

Journal Sonntag, 4. Oktober 2026 – Sonnensonntag und ein Familienstück

Montag, 5. Oktober 2026

Gut und lang geschlafen, nur einmal länger unterbrochen von Gebrüll aus dem Park vorm Schlafzimmer – also vom üblichen Gebrüll, Oktoberfest-unabhängig.

Vom angekündigten Tief war draußen nichts zu sehen, es wurde sonnig und warm. Meine Laufrunde legte ich wieder in den nördlichen Englischen Garten entlang der Isar, hier müsste ich am wenigsten vom Oktoberfest mitbekommen – und so war es dann auch.

Auf der Kennedybrücke Baureferatshumor (aber gut!).

Am Isarkanal.

Ich sah viele, viele Libellen und lernte von der App Flora incognita:

Echtes Seifenkraut.

Der Körper spielte hervorragend mit, ich kam auf meine Laufkosten. Im Spaziertempo verlängerte ich die Strecke zu einem Bäcker Wimmer und kaufte Frühstück ein.

Frühstück kurz vor zwei: Apfel, Trauben, Orange, außerdem Vollkornsemmeln mit Butter und Marmelade.

Nachmittag auf dem Balkon – den ich dadurch wieder den trink- oder badewilligen Vögelein wegnahm, das bedauerte ich. Die Sonne wärmte sehr, ich schützte mich mit Markise. Die fortdauernden Oktoberfestvolk-Geräusche veratmete ich, gestern war der letzte Tag. Terry Pratchett, Guards! Guards! ausgelesen, ausgesprochen vergnüglich und mit philosophischem Abschluss.

Eine Einheit Rückengymnastik von Gabi Fastner, Vorbereitungen für die Arbeitswoche.

Zum Nachtmahl briet Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Pakchoi chinesisch: Mit Knoblauch, Chili und Rinderfett vom Freitags-Entrecôte – schmeckte ganz hervorragend und sehr chinesisch. Dazu gab es Wildreis. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, neue Lektüre: Siri Hustvedt, What I Loved.

§

Familienstücke.

Diese Tagesdecke hat meine Mutter gehäkelt, über viele Jahre, Quadrat um Quadrat, meiner Erinnerung nach vor allem auf einer Sonnenliege am Baggersee oder Strand. Das Garn hatte sie günstig in Strängen in Spanien gekauft, ich musste meine Arme reinstecken, damit sie daraus Knäuel wickeln konnte. In meiner Erinnerung fluchte sie über das elende Projekt, dessen Aufwand sie völlig unterschätzt hatte – doch als ich sie gestern am Telefon danach fragte, erinnerte sie sich vor allem an das Vergnügen des Häkelns. Das Material, ungebleichte Baumwolle, kaufte sie natürlich nicht auf einmal in diesem einen Handarbeitsladen in Madrid, das wäre viel zu viel gewesen, sondern auf verschiedenen Urlauben dort, oder sie ließ es sich mitbringen oder schicken. Wenn eines der Quadrate fertig war, wurde es gleich ans Gesamtstück angehäkelt.

Doch irgendwann, ich war längst von daheim ausgezogen, wurde die Decke tatsächlich auch fertig. Und sehr wahrscheinlich gewaschen, denn weißes Garn wird einfach bei der Verarbeitung schmutzig. Meine Mutter wusste nicht mehr genau, wie diese Säuberung erfolgte: In eine Waschmaschine passte das Trumm ganz sicher nicht, vielleicht, meinte sie, habe sie es in eine Reinigung gegeben.

Und dann bekam ich diese Tagesdecke – ein atemberaubendes Geschenk, das ich ungeheuer wertschätze. Wir waren uns beim gestrigen Telefonat einig: Das ist das handarbeitliche Vermächtnis meiner Mutter. (Sonst war sie an der Nähmaschine und beim Töpfern kreativ, aus letzterem gibt es sehr Schönes.)
Tägliche Verwendung ist mir zu mühsam, das Ding ist sehr schwer. Aber bevor Besuch kommt, verschönere ich mein Schlafzimmer damit; die Tür dazu steht eh immer offen.

§

Sehr spezielles Spezialinteresse, aber wie’s die bayerische Toleranz-Maxime ausdrückt: Wer’s mog, für den is as Hegste. In diesem Fall: Apfelkunde, Pomologie. Im Scientific American ein ausführlicher Artikel zu einer aktuellen Entdeckung, aber auch Geschichte und Hintergrund – in USA deshalb interessant, weil der Apfelbaum dort erst von europäischen Einwanderern eingeführt wurde, es also eine Stunde Null gibt.
“How apple detectives solved the mystery of an ancient tree—and rewrote the history of fruit”.

One tree in the University of Copenhagen’s collection had an especially interesting story. Larsen believed it was a variety named and described in a French pomological text in 1628. A later account said it was so prized in French farming that trees had been hidden in a botanical garden to protect them when the French Revolution ravaged aristocratic estates.

Journal Montag, 21. September 2026 – Einblick in die Zahnchirurgie

Dienstag, 22. September 2026

Änderung im Montagmorgen-Rhythmus: Termin beim Zahn-Chirurgen um 8 Uhr (Beratung wegen Implantat für den abtrünnigen Zahn im Oberkiefer). Wie angekündigt hatte der Regen der Nacht aufgehört, aber es war Langhosen-und-Janker-kalt (in diesem Wärmungsgrad besitze ich nur Janker, die für mich perfekten Herbstjacken, und fürchtete bereits, in Vertrachtelungs-Ruch zu geraten).

In der zahnchirurgischen Praxis lernte ich einen freundlichen Herrn Professor kennen, außerdem Bayern-3-Beschallung: Selbst irgendeine Radio-Beschallung von Arztpraxen ist mir sei vielen, vielen Jahren nicht mehr begegnet (wird man als Arztpraxis eigentlich an den Werbeeinnahmen beiteiligt? Ich musst zwei Blöcke ertragen und weiß jetzt, dass es sowohl die ultranervige Muesli- als auch die für Autofenster-Reparatur noch gibt). Außerdem bekam ich eine schicke 3D-Aufnahme meines Oberkiefers: Ich gehe davon aus, dass das Gerät, das da um meinen Kopf herumkreiste, mich notfalls auch gebeamt hätte.

Kleiner Triumph: Ich wurde nach aktueller Erkältung gefragt, denn meine linke Nebenhöhle sei entzündet (Prof. Dent. deutete auf eine Schleimhaut, die dreimal so dick war wie rechts). Das ist die Nebenhöhle, die ich seit Jahrzehnten u.a. wegen Schmerzen für chronisch entzündet halte, was aber mehrere HNO-Ärzt*innen nach Ultraschall-Untersuchung bestritten.

Nächste Woche nächster Termin, danach kenne ich die Kosten für den Luxus-Zahn. Nächstes Jahre werde ich 60, ich könnte ja mal wieder feiern. Und wo andere sich gemeinschaftlich ein Gravel-Bike oder eine Profi-Espressomaschine schenken lassen, könnte ich für das Implantat sammeln – viel mehr altersgemäßes Geschenk geht ja wohl nicht. Wenn noch was übrig ist: Zuschuss zur nächsten Gleitsichtbrille.

Ich fürchte ja schon, dass dieses Foyer der Arztpraxis in irgendeiner Form im Kostenvoranschlag auftauchen wird.

Ins Büro kam ich eine gute Stunde später als sonst, und diesmal war ich vermisst worden: Technische Turbulenzen, ich hätte für einen Dienst einspringen sollen – jetzt halt mit Verspätung.

Technisch und menschlich turbulent ging’s weiter, dennoch rannte ich mittags raus auf eine Runde um die Blöcke und Obsteinkäufe.

Der Postillon hat keine Chance mehr.

Die Sonne schien blass, wärmte zumindest genug für Jackenöffnen.

Zu Mittag gab es Feigen, Apfel, SkyrJoghurtLeinsamenschrot.

Der Nachmittag ging ähnlich weiter, allerdings war mir mehr atmen möglich. Kurz vor Feierabend ungewöhnlicher Zwischenhunger, den ich mit gemischten Nüssen stillte: Ich wusste, dass ich nicht zu Yoga kommen würde, brauchte also keinen leeren Magen.

Heimweg mit kurzem Einkaufsstopp beim Vollcorner. Ich wich mit nur einem kleinen Haken von meiner sonstigen Route ab, um den dichtesten Oktoberfestmassen zu entkommen; wie berechnet waren sie an einem Montag nicht zu arg.

Zum Nachtmahl waren Herr Kaltmamsell und ich mit der US-Verwandtschaft auf Europa-Besuch verabredet: An ihrem letzten Abend vor Rückflug nach Florida wollten wir Herrn Kusin und Mann sehr gerne nochmal sehen.

Wir trafen uns am Stachus, von unseren Gaststätten-Angeboten wählten die Gäste das nächstliegende: Traditionell deutsche chinesische Küche im Shanghai über der Sonnenstraße. Wir aßen gut, vor allem ließen wir uns von den Erlebnissen der beiden in Madrid und Córdoba erzählen: Hotels (aus der Perspektive zweier alter Gastro-Hasen immer besonders interessant), Kunst, Sehenswürdigkeiten, Stimmung, Menschen, Essen – sie waren begeistert. Nicht allzu späte herzliche Umarmungen zum Abschied.

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Lukas Rietzschel, Sanditz

Zu diesem Roman, 2026 veröffentlicht, möchte ich doch noch das eine oder andere festhalten, ich empfehle ihn nämlich.
Wieder ein Roman, der die letzten Jahre der DDR erzählt und den Übergang in die Bundesrepublik bis fast in die Gegenwart. Doch Rietzschel ist erst 1994 geboren, kennt diesen Umbruch also nicht aus Selbsterleben – das schafft eine spezielle Art von literarischer Verarbeitung, die ich als künstlerisch freier empfinde als wenn erst die eigene Belastung überwunden werden muss. Doch Rietzschel ist auch Sachse, in einer Umgebung geboren und groß geworden, in der die Zeit der Romanhandlung lebendig ist.

Diese Handlung springt zwischen den 1980ern und 2020ern, nimmt kapitelweise auch Jahre und Phasen dazwischen mit. Wir lernen viele Mitglieder der Familie Wenzel kennen, in DDR-Zeiten protestantischen Untergrund, Stasi-Repressionen, schwule Liebe und als stärksten Gegenwartsbezug aktive Teilnahme am Krieg in der Ukraine (mit furchtbaren menschlichen Grässlichkeiten).

Über allem liegt drückend die Last des Lebenmüssens, sich irgendwie durchwurschteln, sich nicht verlieren – die Bezeichnung “Gesellschaftsroman” scheint mir passend. Ich empfand diese Welt als durch und durch glaubwürdig, gewann viele der Figuren lieb.