Bücher

Journal Donnerstag, 13. Februar 2020 – Auf den Spuren von Marieluise Fleißer / Ali Smith, Autumn

Freitag, 14. Februar 2020

Die letzten Stunden vor Weckerklingeln schlecht geschlafen, aber derzeit sind meine Schlafvorräte ja gut gefüllt.

Yoga diesmal im Stehen. Dafür schob ich dann doch meine Matte zur Seite: Ich habe keine Yogamatte, sondern eine zwei Zentimeter dicke Gymnastikmatte aus weichem Schaum, die das Krafttraining erfordert. Bei so mancher Yoganummer darauf merkte ich, wie wacklig diese Unterlage ist – sicher gut für die tiefe Muskulatur zur Stabilisierung. Gestern konzentrierte ich mich lieber auf andere Details und stand barfuß auf dem Riemchenparkett (dessen Holz ich mir beim Thema „Ground“ bewusst machte). Anschließend Hüftdehnung auf dämpfender Matte.

Mittags Schmalzbrot, nachmittags zwei Orangen. Auf dem Heimweg kaufte ich noch Brot – der Kunde vor mir in der Bäckerei war ein kleines Kind, so richtig mit Bestellen und auf Nachfragen der Verkäuferin antworten, Geld rüberreichen, Wechselgeld nehmen (Letzteres erst auf Ermahnung der Verkäuferin) – das alles zwar, wie ich bemerkte, unter den Augen der Mutter, die an einem der Cafétische saß, ich freute mich aber trotzdem.

Daheim bereitete ich noch Buschbohnen-Zuckerschoten-Salat zu und deckte den Tisch, dann kam die Leserunde. (Der Butterscotch Pudding war nicht sturzfest geworden, ich servierte ihn als Creme-Blob mit der Salzkaramell-Soße.)

Wir sprachen über Ali Smith, Autumn. Ich hatte den schmalen Roman gern gelesen, die Geschichte der nicht mehr ganz jungen Frau, die im frischen post-Brexitreferendum Großbritannien einem greisen Mann im Pflegeheim vorliest: Er war als schon alter Mann der Begleiter einiger ihrer Kindheitsjahre mit seiner Begrüßungsfrage „What are you reading“ und seinen Beschreibungen von Kunstwerken seiner unerreichten Geliebten im Swinging London. Ihre Erinnerungen mochte ich, auch die Handlung in der Gegenwart, in der sie sich als Kunsthistorikerin durchschlägt, wieder bei ihrer seltsamen Mutter eingezogen ist. Schön immer wieder Kapitel mit nicht-realistischem Erzählen, die Assoziationen freilegen und bei mir innere Bilder erzeugten. Doch unterm Strich fand ich das Buch belanglos, es wird mir nicht in Erinnerung bleiben.

Ähnlich war das Echo der Leserunde, sehr schön fand ich die Beobachtung eines Mitlesers, dem das Buch besser als uns anderen gefallen hatte: Die Erzählweise des Romans gleicht den Collagen der Künstlerin, deren Werk der alte Mann beschreibt und über den die Erzählerin forscht.

Mittwochabend hatte ich im Bett ausgelesen Fleißers Ingolstadt. Eine literarische Topographie, ein Geschenk meiner Mutter, herausgegeben 1998 von der damals kürzlich gegründeten Marieluise-Fleißer-Gesellschaft: Zeitgenössische Schwarz-Weiß-Fotos Ingolstädter Ansichten zu Textausschnitten aus Fleißers Werk. Und diese Texte fand ich noch viel besser, als ich Fleißer eh in Erinnerung hatte – ich werde mir ihr Gesamtwerk besorgen. Wenn ich überhaupt versuche, meine dunkelgrau gefärbte Einstellung zu meiner Geburtsstadt zu erklären, verweise ich schon bislang immer auf Fleißers Werk. Und stehe dabei hilflos vor der Tatsache, dass sie nach ihren Jahren in Berlin aus Geldmangel dorthin zurückgekehrt ist und einen Tabakwarenhändler heiratete, der ihr das Schreiben verbot.

Fleißers Sprache, ob in ihren Dramen oder in Prosatexten, ist eigenwillig und poetisch verknappt – wie naheliegend, dass Herta Müller, die einen ähnlichen Umgang mit Sprache hat, 1994 einen Text zu Fleißers 20. Todestag schrieb:
„Am Ende war es keiner gewesen“.

In den Sätzen der Geschichte steht das Einfachste des Möglichen. Will man es nacherzählen, zerbricht es. Es ist so authentisch, daß es keinen fremden Atem annimmt. Will man es wiedergeben, geht man schon in die Breite. Man tut dort etwas hin, wo bei der Fleißer nichts stehen darf. Man reiht um das Nackte herum Verkeidetes, weil man sich helfen muß. Aber in den Sätzen stehen die nackten Nadeln aus den Wörtern. Alles, was die Ebene des Geschriebenen treffen will, rutscht ab. Es geht einem wie in dieser Passage der Autorin: „Was dich beißt, sind nicht deine Flügel, wo herausstoßen wollen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel … Man möchte halt über sich hinaus und muß pochen an fremder Tür …“

Ganz, ganz großartig auch: 1971 hat die junge Elfriede Jelinek die verehrte Fleißer bei ihr daheim interviewt. (Man hat wohl irgendwas richtig gemacht, wenn man zwei spätere Literaturnobelpreisträgerinnen zu seinen Bewunderinnen zählt).

Der starke Stamm wird gerade am Residenztheater gespielt.

§

Gar nicht weit weg, und doch las ich auf katholisch.de zum ersten Mal davon:
„Münsterschwarzacher Mönche engagieren sich in der Kommunalpolitik
Warum ein Benediktinerpater für den Gemeinderat kandidiert“.

Journal Montag, 10. Februar 2020 – Umtost von Sabine

Dienstag, 11. Februar 2020

Früher Wecker, um Zeit für eine weitere Runde Yoga mit Adriene zu haben: Gestern wurde nur gedehnt. (Einbeiniges Stehen auf der wehen Hüfte war in einem überraschenden Maß unmöglich – dabei kenne ich diesen stechenden Großschmerz doch vom tägliche Sockenanziehen, selbstverständlich weiterhin hartnäckig im Stehen.)

In den Morgenstunden war der angekündigte Orkan Sabine eingetroffen. Herr Kaltmamsell hatte schon am Vorabend erfahren, dass der Schulunterricht im ganzen Landkreis abgesagt worden war und freute sich auf zusätzliche Zeit, ich wiederum war gespannt, wie groß die Ausfälle im Büro sein würden.

Sicherste und verlässlichste Art des Arbeitswegs wäre bei mir Gehen gewesen – hätte aber in meinem derzeitigen Zustand eine Stunde gedauert. Also halt doch wieder Fahrrad: Ging, nur ein kleines Stück erforderte wegen Gegensturms den kleinsten Gang.

Am Vormittag dann vorm Bürofenster Wolkendrama und auch mal ein richtiger Regensturm, der sich aber bald beruhigte. (Große Verlegenheit ob Ihrer Wiedersehensfreude in den Kommentaren.)

Mittags ein Schmalzbrot aus selbst gebackenem Brot und Entenschmalz vom Sonntagsbraten, nachmittags zwei Blutorangen.

Auf dem Heimweg ein Abstecher in den Teeladen in der Sendlinger Straße: Nachdem am Wochenende eine Teedose leer wurde, sollte sie mit Lapsang Souchong gefüllt werden. Ich wählte aus den drei angebotenen Sorten die mittelintensive. Der Sturm hatte sich ein wenig beruhigt. (Wir kennen hoffentlich alle jemanden, die derzeit die BILD-Schlagzeile „ANGST VOR SABINE“ als WhatsApp-Profilbild nutzt?)

Vor dem Abendessen entspannte ich mich daheim mit einem Martini und dem Vergnügen, auf instagram-Werbung zu antworten.

Die Reste vom Wochenende ergaben zum Nachtmahl ein chinesisches Entengröstl, im Fernsehen lief X-Men 2 (die Coming-out-Szene ist wirklich witzig).

§

Schon am Sonntag Deadline von Bov Bjerg ausgelesen. Ziemlich deutlich ein Vorläufer von Serpentinen, deutlich direkter als Auerhaus: Auf der einen Seite stilistisch mit wiederholte Wortwendungen („Slash Rekonstruktion“) und nicht-realistischer Erzähltechnik (hier ständig Synonyme, die der Ich-Erzählerin, von Beruf Übersetzerin, als Übersetzungsmöglichkeiten durch den Kopf gehen). Auf der anderen mit seinem Setting in der schwäbischen Alb, einer kleinbürgerlichen Dorfgemeinschaft, mit Befreiung durch Ausbruch daraus, einem Alkoholikervater, der sich umgebracht hat, dem Friedhof, dem einen Einzelgänger. Aber im Gegensatz zu Serpentinen haben wir hier Schwestern statt Brüder und die Perspektive einer Frau. Erzählt wird die Geschichte dieser mitteljungen Frau, die von ihrem Wohnort, einer Großstadt in den USA, zum Flughafen aufbricht: Sie fliegt in ihren deutschen Herkunftsort zu ihrer Familie.

Ein sehr guter Erstling.

§

„Land ohne Ende: Unvollendete Bauten in Italien
Seit zehn Jahren katalogisiert ein Künstlerkollektiv unvollendete Bauten in Italien. Sein Ziel: das ‚incompiuto‘ zum Stil zu deklarieren“.

Journal Montag, 27. Januar 2020 – Lustig geht vor hübsch

Dienstag, 28. Januar 2020

Mittelunruhige Nacht, jetzt aber nicht durch Schmerzen, sondern schlichte Wachattacken, eine davon mit Herzdonner und Angst. Freue mich trotzdem darüber, dass es dem Hüftgelenk so viel besser geht.

Morgensport: 15 Minuten Halteübungen und Dehnen.

Mit dem Rad in die Arbeit. Vorläufig schone ich am besten durch möglichst wenig Gehen und Treppensteigen. Und möglichst wenig langes Stehen, deshalb keine Teilnahme an einer größeren Versammlung, in der alle Sitzplätze bereits belegt waren. (Noch ist der Unwillen gegenüber making a fuss zu groß.)

Nachdem diese Kombination Strumpfhose/Schuhe schon am Samstag auf der Straße ein Hit war, wiederholte ich sie gestern. Merke: Lustig geht vor hübsch. Immer.

Zum Mittagessen Gurke und ein Stück Käse.

Aus Gründen war ich gestern ausgesprochen gereizt, deshalb nicht so hilfsbereit, wie ich gerne wäre, was mich noch gereizter machte. Lichtblick war die Kontaktaufnahme eines Menschen aus meiner beruflichen Vergangenheit, die mich sehr freute: Ich denke oft an sie und bin schon sehr gespannt auf ein Treffen, bei dem ich herausfinde, wie es bei ihr weitergegangen ist.

Immer wieder Erinnerungsflashes an die sonntägliche Schwimmrunde und wie schön sie war. Herr Kaltmamsell deutet ja an, dass er hinter meinem Bewegungsdrang Suchtverhalten vermutet – ich wüsste nicht, wie ich das herausfinden sollte.

Auf der Heimfahrt kurzer Stopp an Bank und Biosupermarkt, zum alleinigen Abendessen (Herr Kaltmamsell war beruflich außer Haus) gab es die beiden restlichen Rouladen vom Samstagabend, Eierlikör und Schokolade.

§

Auch Pia Ziefle hat Bov Bjergs Serpentinen gelesen und macht sich Gedanken, in denen die gemeinsame schwäbische Herkunft eine Rolle spielt.

Nachdem @gedankentraeger darauf hinwies, dass ein Rezensent ja wohl offensichtlich Bov Bjergs Erstling Deadline nicht gelesen habe, wollte auch ich das nachholen. Was nicht so einfach werden dürfte:

Der Roman „Deadline“ erschien 2008 im Mitteldeutschen Verlag. Die Auflage betrug 750 Exemplare. Davon wurden 224 Exemplare verkauft. Der Rest der Auflage wurde bei einem Lagerbrand vernichtet.

Verfügbar ist noch die Hörbuchversion, gelesen vom Autor – aber zu einem Hörbuch komme ich frühestens bei der nächsten vielstündigen Zugreise. Ich erkenne einen weiteren großen Vorteil des Formats eBook.

§

Entspannungsgelächter vor dem Zu-Bett-Gehen: Diese Kurzdarstellung eines Alltags mit geschminkten Lippen. (Scheint eine russische YouTube-Show zu sein.)
via @formschub

Journal Samstag, 25. Januar 2020 – Faschingslicht

Sonntag, 26. Januar 2020

Ruhiger Samstag. Draußen herrschte ein Licht, das ich mit Fasching verbinde: Fahle und leicht gelbliche Wintersonne beschien kahle Bäume und Böden, kein Winde bewegte sich, es war kühl, aber nicht kalt, samstägliche Ruhe in den Wohnstraßen. Gleich würden ein paar Kinder ums Eck biegen, die über ihren Winteranoraks verkleidet waren, Faschingsschminke im Gesicht, und mit Spielzeugrevolvern Zündplättchenstreifen knallen lassen.

Nach unruhiger Nacht hatte ich bis fast acht Schlaf nachgeholt. Aus der am Vortag spontan gekauften Bergamotte-Zitrone kochte ich Ankes 10-Minuten-Curd, um herauszufinden, welche Geschmacksnote die Zitrone zur Bergamotte machte.

Vor dem Fenster beobachtete ich Eichhörnchen in den alten Kastanien. Eines sah ich daran Knospen abbrechen, schälen und fressen – mögen Eichhörchen Salat?

Arztanweisungsgemäß dehnte ich die Hüftmuskulatur und walkte mich mit der Faszienrolle. Meine Suche nach Anweisungen auf YouTube ergab, dass sich bei Letzterem bereits verschiedene Schulen gebildet haben, deren Regeln einander widersprechen, die alle eine Kausalkonstruktion zur Begründung vorweisen können – natürlich keine davon durch Messungen/Empirie belegt. Wie halt bei fast allen anderen Sportanweisungen auch (z.B. beim Thema Aufwärmen, Sporthäufigkeit, Nahrungsergänzungsmittel); es wird lustig rumgemeint. Ich werde ausprobieren müssen.

Zum Frühstück holte ich Semmeln, aß sie mit Frischkäse und Bergamotte Curd – schmeckte nur leicht anders als das von schlichten Zitronen (ich muss mal zum Vergleich eines aus Amalfi-Zitronen machen, die sehr charakteristisch riechen). Nachtmittags buk ich aus einem übrigen Apfel und Blätterteig aus der Gefriere Apfeltaschen.

Internet- und Zeitunglesen. Abends kochte Herr Kaltmamsell Rindsrouladen, ich steuerte das Kartoffelpü bei.

Die Rouladen waren wunderbar zart geworden und schmeckten sehr gut, der Kartoffelbrei eher bröcklig, weil die Kartoffeln speckig gewesen waren.

Im Fernsehen ließen wir dazu Vier Hochzeiten und ein Todesfall laufen – meine Güte, waren da alle noch jung! Ist ja auch schon 26 Jahre her, dass der Film in die Kinos kam – /o\.

§

Eine Liebeserklärung an Irland in einem Twitter-Faden.

§

Vergangene Woche viel durch mein Internet gereicht: Ein Interview mit der Holocaust-Überlebenden Regina Steinitz.
„Jüdin Regina Steinitz: ‚Mein Liebling, auch du hättest dein Maul gehalten'“.

§

Gute Besprechung von Bov Bjergs Serpentinen im Tagesspiegel:
„Neues vom ‚Auerhaus‘-Autor
Bov Bjergs Roman ‚Serpentinen'“.

Auch auf SWR2 wird der Roman eingehend besprochen, von Carsten Otte als „Buch der Woche“. (Im eingebundenen Facebook-Video wird der Buchtitel immer „Seapmtihn“ ausgesprochen – ich kann mir vorstellen, dass das Bov gefällt.)

Journal Dienstag, 21. Januar 2020 – Bov Bjerg, Serpentinen

Mittwoch, 22. Januar 2020

Im Bett Serpentinen von Bov Bjerg ausgelesen, das mir der Claassen-Verlag als Leseexemplar geschenkt hatte. Erst mal geschluckt.

Serpentinen ist ein Männerbuch, erzählt Männerdinge – von Vätern und Söhnen, von Freunden und Brüder -, von einem Mann erzählt. Ein Männlichkeitsroman? Auf jeden Fall ein bitterer, schmerzlicher. Keine Spur ist geblieben vom ausgelassenen Lachen in Auerhaus, vom komischen Blick in Die Modernisierung meiner Mutter: Geschichten. (Auch wenn eine Kaltmamsell drin vorkommt, also eine echte bei einer Feier.)

In Serpentinen fährt ein Erzähler mit seinem Sohn in Grundschulalter in der Schwäbischen Alb herum, aus der er stammt. Schon im ersten Kapitel wird klar, dass er nicht gefunden werden will, dass er auf den Spuren seiner Kindheit unterwegs ist, dass er einen Weg aus dem Teufelkreis sucht, der seinen Vater, Großvater, Urgroßvater in den Suizid gesogen hat. Auch dass er Alkoholiker ist wie sein Vater.

Man könnte Serpentinen als Fortsetzung von Auerhaus lesen: Der Ich-Erzähler trägt sich im Hotel als Höppner ein, ein Frieder taucht auf. Der Ich ist weggegangen nach Berlin, ist aus seinem Herkunftsmilieu ausgebrochen, Professor für Soziologie geworden (ausgerechnet – und ja: Eine ausführliche Anspielung auf Didier Eribons Rückkehr nach Reims legt noch eins drauf, dann ist das Leben halt rekursiv). Die vielfältigen Fremdheiten, die dieser Ausbruch nach sich zieht, prägen sein Leben in Berlin.

Das im Jetzt Erlebte steht auf derselben Erzählebene wie Vorgestelltes und Erinnertes – immer wieder tauchen die Fossilien in der und aus der Schwäbischen Alb auf, die schon die Jury des Bachmannpreises als Allegorie auf des Erzählers Suche nach seiner Vergangenheit las. Vor allem aber sind sie ebenso interpretationsbedürftig und unzuverlässig wie Erinnerungen, wie Vorstellungen. Die Bewegung der Serpentinen findet ihre Fortsetzung im wiederkehrenden Bild von Fließendem, von Wassern und Rinnsalen, die sich vereinen und auf das eine große Wasser zufließen.

Parallele zwischen Form und Inhalt: Die titelgebenden Serpentinen spiegeln sich in der Erzählstruktur. Bestimmte Elemente und Passagen tauchen immer wieder auf, „Um was geht es“, die Vorstellung von den Rinnsalen, der um den Tisch laufende Vater, „ersoffen, erschossen, erhängt“, die Braut und zukünftige Witwe. Als Leserin kommt man immer wieder daran vorbei wie auf Serpentinen an der immer gleichen Aussicht aufs Tal – die sich durch die leicht wechselnde Höhe dann doch immer wieder ein wenig unterscheidet.

Der Erzähler erinnert sich an Brutalität und Willkür, mit denen er aufgewachsen ist – und muss sich dann doch zusehen, wie er immer wieder selbst empathielos auf seinen Sohn losgeht. Wie „der Junge“ das alles wahrnimmt, bleibt schemenhaft, ebensowenig greifbar wie alle anderen Figuren der Handlung. Sehr konkret ist der Umgang von Vater und Sohn miteinander: Anders als in der Literatur gewohnt ist er handfest mit Erinnerungen an Babywickeln, auf dem Arm Halten, Krankenpflege, dieser väterliche Blick enhält auch Sorge um kalte Füße.

Im Erzählfluss immer wieder kleine Strudel um kryptische Einwürfe, manchmal verliert sich der Erzähler ganz in seinen inneren Schrecken, die Tragödie scheint unausweichlich. Mir hat die Lektüre weh getan.

§

Ja mei, Ibu hilft halt nicht immer, in diesem Fall auch nicht das vorhergehende Entspannungsbad: Lange schmerzbedingte Schlafpause in der Nacht.

Diesmal früh genug von daheim losgekommen, dass die U-Bahn noch einen Sitzplatz für mich hatte, die ersten Seiten Zeitung gelesen.

Viel gearbeitet, vor allem aber: Einen Augenblick lang vergessen, innerlich vor dem Angstprojekt davonzulaufen und – ZACK! – weiß ich, wie’s gehen kann und bin so große Schritte weiter, dass es kein Angstprojekt mehr ist. Auch sonst beim Machen und Organisieren auf keine Hindernisse gestoßen, mit schwierigen Dingen nicht allein fertigwerden gemusst.

Nach der Arbeit nur ein kurzer Abstecher zur Apotheke. Nachtmahl war ein Kichererbsen-Süßkartoffel-Curry aus der Hand des Herrn Kaltmamsell.

Journal Donnerstag, 9. Januar 2020 – Ich gehe Hüfte und Toni Morrison, Beloved

Freitag, 10. Januar 2020

„Sie gehen Hüfte!“ rief mir Dr. Orth 2 hinterher, als ich den Untersuchungsraum verließ, in dem endlich mal systematisch und gründlich abgewogen/untersucht wurde, ob meine Beschwerden nun von LWS oder Hüfte verursacht werden. Auch er hatte angesichts der Röntgenaufnahme eine Hüftarthrose erst mal als Ursache ausgeschlossen und hatte sich auf Ischias konzentriert (mit dem Hinweis, dass auch eine Kombination von Bandscheibe/Nerv und Hüftgelenk in Betracht kam). Dr. Orth 2 fragte dann viel (u.a. nein, kein Kribbeln, nein keine Taubheit, ja, Wegsacken des Beins seit Jahren – zum ersten Mal ein Arzt, der mit diesem Phänomen vertraut ist). Und er ultraschallte die Hüfte, inklusive gesunder Seite zum Vergleich – siehe da, endlich etwas Neues: eine laut ihm deutliche Entzündung in der schmerzenden Hüfte. Also ordnete Herr Doktor (gibt es überhaupt Orthopädinnen?) ein MRT der Hüfte an. Sportliche Bewegung darf ich aber weiterhin: „Alles, was nicht schmerzt.“

Es hob meine knapp vor Resignation stehende Stimmung deutlich, dass sich eine Ursache abzeichnet. Und dass die abschließende Beobachtung des Arzts endlich bestätigt, wovon ich seit einigen Monaten und vor Jahren ursprünglich überzeugt bin und war: Es ist die Hüfte.

Arbeit in der Arbeit, gestern musste ich gegen Sonne die Jalousien zuziehen. Das und die milde Luft beim frühnachmittäglichen Hofgang informierten mich: Das Wetter war schön. Mittags Orange und Birne mit Käse, nachmittags eine Hand voll Nüsse sowie ein paar getrockenete Aprikosen.

Früher Feierabend für Reha-Sport. Die Gruppengymnastik arbeitete mit Flexibar und ein paar anschließenden Bein-Übungen, meine Runde durch die Geräte dauerte etwas länger, weil ich auf einige warten musste (auch im Reha-Zentrum Vorsatzsportlerinnen?) und die Karten-Technik zickte.

Weiterer Termin des Tages: Ich radelte zum Treffen unserer Leserunde, wir hatten Toni Morrison, Beloved gelesen. Zu Gemüselasagne gab es in Untergiesing Gespräch darüber, auch wenn nur die Hälfte der Runde den Roman ganz gelesen hatte.

Ich hatte Beloved als anstrengend empfunden und war nur langsam voran gekommen, hatte ihn aber von der ersten Seite an als die Mühe wert gesehen. Der Roman dreht sich um Sethe, die nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hochschwanger aus der Sklaverei flieht. Die Nicht-Linearität der Geschichte gleicht strukturell einem Traum, wozu auch die zahlreichen nicht-realistischen Elemente passen – sehr nah am magic realism der Veröffentlichungszeit 1991. Doch wo ich den südamerikanischen magic realism seinerzeit bald über hatte, weil er zu Beliebigkeit führte, ist dieses Element hier ein passendes Werkzeug: Erzählt werden die zahllosen und unendlichen Grauen der Sklaverei von der Verschleppung über das Gehaltenwerden wie Vieh bis zu alltäglicher Folter und Unterdrückung – das Ausmaß und die Dominanz im Leben so erdrückend, dass ein Ertragen und auch Erzählen nur durch Ausweichmanöver des Bewusstseins möglich sind. In dieser Welt gibt es Geister und magische Geschehnisse, für die Leserin ist die Abgrenzung zum Realen fast unmöglich; doch wo die Entmenschlichung und Brutalität von Sklaverei möglich sind, gelten ja vielleich auch andere Naturgesetze nicht.

Die vielen Details, die sich zum Bild dieser Zeit zusammensetzen, machten mir klar, wie zerstörerisch für Individuen und die Gesellschaft es war, ihnen durch diese konkrete Form der Versklavung Wurzeln, Geschichte, Tradition, Familie, Verbindungen unmöglich zu machen. Dass dies die US-amerikanische Gesellschaft bis heute in fast alle Bereiche hinein prägt und die Stellung der PoC dort von allen anderen Gegenden der Welt unterscheidet. Das Trauma der Sklaverei ist in den USA so tief, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie sich eine Gesellschaft je davon erholen soll.

Weltliteratur in Form und Inhalt, deshalb Leseempfehlung mit der Versicherung, dass sich die Mühe wirklich lohnt.

Journal Montag, 6. Januar 2020 – Venedig 6, Ca‘ d’Oro, Befana-Rudern und Rückreise

Dienstag, 7. Januar 2020

Unser Zug zurück ging erst um halb zwei, das verschaffte uns mit etwas früherem Aufstehen einen weiteren Vormittag in Venedig – und nochmal ließ Venedig sich nicht lumpen.

Aus der immer noch nicht geringer werdenden Zahl attraktiver Museen hatte sich der Palazzo Ca‘ d’Oro in meine Aufmerksamkeit geschoben, unter anderem weil wir mit dem Vaporetto auf dem Canal Grande mehrfach daran vorbeigefahren waren.

Auch gestern wollten wir mit dem Vaporetto hinfahren (gleich beim Palazzo gibt es eine nach ihm benannte Haltestelle), doch es fuhr uns vor der Nase davon. Da wir aufs nächste hätten warten müssen und die Fahrt ohnehin lang gedauert hätte, gingen wir zu Fuß – und genossen nochmal herrliche Anblicke, gestern bei trübem Wetter.

Der damals verfallende Palazzo Ca‘ d’Oro war Ende des 19. Jahrhunderts von Baron Giorgio Franchetti gekauft worden und Stück für Stück restauriert mit dem Ziel, eben jenes Museum daraus zu machen. Wir sahen auf zwei Geschoßen unter anderem wundervolle europäische Kunst aus dem 15. und 16. Jahrhundert (hier eine Liste), auffallend gelungen präsentiert, und wie von Franchetti beabsichtigt war auch das Gebäude selbst sehr sehenswert.

Beim Blick von dort auf den Canal Grande fiel mir wie schon in den Tagen zuvor auf, dass immer wieder Stehruderer auf den Kanälen unterwegs sind, scheinbar ganz normale Menschen einzeln, zu zweit, aber auch in größeren Gruppen in unscheinbaren Booten. Laut einem Zeit-Artikel von 2018 gibt es in Venedig eine Rückbesinnung auf diese spezielle Rudertechnik (die schmalen Kanäle bieten nicht genug Platz für waagrechte Ruder). Vermutlich hätte ich das unter den Sportmöglichkeiten der Lagunenstadt aufführen müssen – es gibt sogar Kurse.

Auf der Rückfahrt per Vaporetto zum Hotel musste unser Schifferl am Rialto-Markt eine ganze Weile warten, weil an der Brücke irgendwas los war. Erst nachträgliche Recherche verriet mir: Wir hätten die Regata delle Befane sehen können. Am Dreikönigstag kommt ja in Italien die Hexe Befana und bringt Geschenke; das feiert der historische Ruderclub Cannotieri Bucintoro mit einer Regata auf dem Canal Grande – in Kostümen. Als wir mit unseren Koffern auf das Vaporetto zum Bahnhof warteten, sahen wir den einen und die andere davon kostümiert an uns vorbei heimrudern.

Zuvor hatten wir am Palazzo Ca‘ d’Oro noch Zeit für einen Cappuccino gehabt und dazu in der Pasticceria Pitteri Torta Veneziana al Pistacchio gegessen: Köstlich, auch die anderen Gebäcke in der Auslage sahen sehr individuell und hausgemacht aus.

Am Bahnhof hatten wir noch reichlich Zeit. Herr Kaltmamsell bekam endlich seine Pizzaschnitte auf die Hand, ich schloss mich an, und wir holten Brotzeit. Die Rückfahrt pünktlich und ereignislos, das Wetter in München ähnelte dem in Venedig bei der Abfahrt.

Blick von der Rialtobrücke ins Trübe.

Palazzo Ca‘ d’Oro.

Ruderer vorm Palazzo.

Mehr Ruderer nach der Regatta.

Feministische Paddelunterstützung (auf dem Boot steht „Pink Lioness in Venice“).

§

Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, Stay with me ausgelesen. Puh, ein vielgerühmter Roman, doch mein Problem damit ist ein spezielles: Romane, deren Handlung von Kinderwollen und -haben als Wichtigstem im Leben dominiert wird, gehen an mir vorbei. Ich weiß sehr wohl, dass die Menschen mit nur wenigen Ausnahmen ganz dringen Kinder haben wollen – bloß gehöre ich halt nicht nur zu diesen Ausnahmen, sondern wollte im Gegenteil immer schon ganz dringend und aktiv keine Kinder haben. Da draußen in Leben und Gesellschaft ist mir die Abweichung meiner Einstellung sehr bewusst und ich ermögliche anderen das Kinderhaben selbstverständlich, versuche für eine Gesellschaft zu sorgen, in der dieser Wunsch möglichst einfach umgesetzt werden kann. Und Freundinnen und Freunde, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt, bedaure ich wirklich von Herzen, wie mich jeder ihrer unerfüllten Herzenswünsche wirklich schmerzt.

Doch ein paar hundert Seiten Roman, in denen absolut jeder und jede Kinderkriegen als das absolut Allerwichtigste im Leben annimmt, in denen sich alles darum dreht, bereiten mir vor allem Anstrengung. Die Kinderkrieg-Motivation des jungen nigerianischen Paares in Stay with me ist so bestimmend, dass der Hintergrund der Romanhandlung, nämlich die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Nigeria im ausgehenden 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts, aufgesetzt wirkt. Auch die unchronologische Erzählstruktur und kapitelweise wechselnde Erzählperspektive aus Sicht der Ehefrau Yejide und des Ehemanns Akin kamen mir bemüht vor. (Mag vielleicht mal wieder jemand eine so richtig auktoriale Erzählstimme versuchen? Also außer Wolf Haas? Wäre inzwischen innovativ.)

Eine interessante ganz andere Sicht auf den Roman gibt die Rezension von Diana Evans im Guardian: „Stay With Me by Ayòbámi Adébáyò review – a big-hearted Nigerian debut“.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen