Bücher

Journal Sonntag, 20. Juni 2021 – Helen Macdonald, Vesper Flights

Montag, 21. Juni 2021

Wieder schlief ich nicht so lange, wie ich müde war. Nutzte ich das frühe Aufwachen halt für Emsigkeit: Die Wäsche aus der programmierten Waschmaschine aufhängen, Pflanzen gießen.

Draußen war es verhangen und diesig schwül, aber nicht heiß – das erleichterte mich, denn ich hoffte auf eine Laufrunde.

Es wurde immer düsterer, die Temperatur aber war ideal für Draußensport. Erst mal absolvierte ich in Laufkleidung die Orthopäden-Gymnastik, dann spazierte ich über den Südfriedhof zur Wittelsbacherbrücke, lief von dort Richtung Flaucher, die ersten paar hundert Meter durch Partymüll inklusive Scherben. Schon um neun waren recht viele Läufer*innen sowie Hundegassigänger*innen unterwegs, ich musste immer wieder Slalom laufen. An der Thalkirchner Brücke Maria Einsiedel kehrte ich um, ab der Brudermühlbrücke und nach 55 Minuten problemlosem Joggen wechselte ich zum Gehen.

Ich hätte nichts gegen einen erfrischenden Regenguss gehabt, statt dessen wurde es sonnig. Auf dem Heimweg machte ich gemütliche Umwege durchs Glockenbachviertel, unter anderem mit Semmelholen. Zum für mich frühen (12 Uhr) Sonntagsfrühstück gab es also Semmeln.

Vorher hatte ich dann doch die Wohnung wieder gegen Hitze verrammelt. Im Dunklen machte ich ausgiebig Siesta.

Das Bachmannpreislesen vergangene Woche (nur die Jurysitzung fand vor Ort in Klagenfurt statt, die Autor*innenlesungen wurden als Aufzeichnungen eingespielt) nur aus zweiter Hand über die Twitter-Kommentare verfolgt, gestern wurde als Gewinnerin Nava Ebrahimi ermittelt. Ihr Text gefällt mir: „Der Cousin.“ Nächstes Jahr möchte ich wieder nach Klagenfurt reisen, gestern habe ich bereits mit einer Co-Schlachtenbummlerin eine Ferienwohnung reserviert.

Zum Bügeln (Sommerzeit ist Bügelzeit) hörte ich die Folge Hotel Matze „Katja Berlin – Warum nimmt man Humor nicht ernst?“ und war bestens unterhalten (ihr Lieblingsbuch ist Beloved!). Unter anderem hochinteressant fand ich, wie Katja ihre ganz persönliche Arbeitsweise beschrieb.

Gegen den Hunger, aber ohne Appetit als Nachmittagssnack Haferflocken mit Milch, ein Flachpfirsich.

Auch den Tag über hätte ein Gewitter dem Wochenende gut getan, mit Neid verfolgte ich auf Twitter die Meldungen aus Stuttgart. Immer wenn ich auf den Balkon trat in der Hoffnung, der düstere Himmel könnte die Temperatur gesenkt haben, war es draußen immer noch wärmer als in der Wohnung. Mich zog nichts raus.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Bulgursalat aus Katha Seisers Immer schon vegan gemacht und Grillkäse dazu gebraten.

Bester Bulgursalat jemals!

§

Helen Macdonald, die ich von ihrem großartigen H is for Hawk kenne, schreibt hin und wieder Essays, die Naturbeobachtung mit der Anaylse von Naturrezeption vermischen – im weitesten Sinn, denn sie enthalten immer auch den sehr persönliche Blick von jemandem, die als seltsames und einsames Kind von klein auf Tiere und Natur sehr gründlich beobachtete, deren Lebenslauf eher mäanderte als gradlinig verlief, die bis heute ein sehr eigentümlicher Mensch ist. Das Buch Vesper Flights (eben auch in deutscher Übersetzung von Ulrike Kretschmer als Abendflüge erschienen) sammelt einige dieser Essays.

Eigentümlich und anders ist auch, dass sie Tiere immer wieder in sehr menschengeformten Umgebungen beobachtet: Nachtvögel vom Empire State Building in New York aus, die größte Turmfalken-Population Dublins in Industrieruinen. Es ist Helen Macdonald ein großes Anliegen, den Blick darauf zu richten, wie stark sich das vermischt, dass „Natur“ nichts ist, zu dem man möglichst weit und in abgelegene Gebiete fahren muss. In einem Text weist sie sogar auf das Risiko von Naturparks hin: Dass die Menschen glauben könnten, wenn sie alles wilde Leben dort hinein verschieben, könnten sie es außerhalb folgenlos ignorieren oder zerstören. Immer wieder machte sie sich Gedanken darüber, warum wir mit wilden Tieren interagieren, wie wir es tun, warum sie so starke Gefühle auslösen können. Oder sie recherchiert, wie sich Vogelbeobachtung und die daraus resultierende Systematik in den vergangenen hundert Jahren verändert haben (Macdonald ist studierte Wissenschaftshistorikerin).

Ich musste deshalb sehr an sie denken, als ich Samstag in Ingolstadt auf der Busfahrt vom Bahnhof Ingolstadt Audi nach Etting inmitten der lebensfeindlichen Funktionalität der Fabrikstadt Audi die Silhouette eines Turmfalken fliegen sah – und gleich darauf am roströtlichen Gefieder einen weiteren erkannte, der sich gerade in der Spitze eines Strommastes niederließ.

Empfehlenswertes Buch – selbst wenn Sie eine Amsel kaum von einer Krähe unterscheiden können.

Journal Freitag, 11. Juni 2021 – Sommerfeierabend

Samstag, 12. Juni 2021

Wieder nahezu durchgeschlafen, ich nahm’s als Geschenk. Nach dem Aufstehen erst mal eine halbe Stunde Haushalt: Spülmaschine ausräumen, programmierte Waschmaschine ausräumen und Wäsche aufhängen, Pflanzen gießen, Brotzeit einpacken.

Die von meiner Mutter vorgezogenen Stangenbohnen nehmen die Rankhilfe (so schöne neue Wörter!) in Form von Schnur an, ich gab ihnen manuell ein wenig Ranknachhilfe fürs Holzgitter.

Der Morgen war sonnig, ich ließ gegen Aufheizen die Rollläden auf der Südseite der Wohnung herab.

Arbeit in der Arbeit, ich fühlte mich nützlich.

Mittags gab es ein Laugenzöpferl, einen Apfel, Hüttenkäse.

Pünktlicher Feierabend. Draußen weiter ein herrlicher Sommertag mit viel Sonne, aber ohne Hitze. Ich machte deshalb auf dem Heimweg einen Umweg über den Rand des Westparks, in dem die Wiesen und Wege von Sonnengenießenden genutzt wurden.

Zu Hause setzte ich nochmal Waldmeisterbowle an (am Vorabend abgetrennte und angetrocknete Zweiglein kopfüber in die Weißweinflasche stecken), machte mal wieder eine Runde Yoga – die ich sehr genoss, ich sollte die Regelmäßigkeit nach Feierabend wieder aufnehmen.

Einläuten des Wochenendes mit Waldmeisterbowle.

Als Abendessen hatte ich mir Parmigiana gewünscht, die mein Leibkoch Herr Kaltmamsell liebenswürdigerweise zubereitet hatte (wieder nach diesem Rezept, das ein wenig zu suppig ausfiel).

Wir aßen erstmals auf dem Balkon zu Abend.

Fürs Dessert gingen wir nochmal raus zur Eisdiele um die Ecke, eigene vorgekühlte Porzellanschälchen und Löffel in der Hand.

Im Bett las ich Helen Macdonalds Vesper Flights (eben auch auf Deutsch erschienen als Abendflüge): Eine Sammlung von Essays, die zwar alle mit „Natur“ im weitesten Sinn zu tun haben, aber immer wieder aus ungewohntem Blickwinkel (Verdacht: die ohnehin kluge und fachlich versierte Helen Macdonald geht von einem praktikablen Konzept Mensch-Natur aus, das die beiden Seiten weder als voneinander getrennte Gegensätze annimmt, noch den Menschen als komplett gleichgestellten Faktor wie alle anderen). Bezaubernd und überraschend zum Beispiel ihr Text über die nächtliche Zugvogel-Beobachtung vom New Yorker Empire State Building aus.

Journal Donnerstag, 10. Juni 2021 – Markus Ostermair, Der Sandler

Freitag, 11. Juni 2021

Richtig gut geschlafen! Tief und bis Weckerklingeln!

Morgen am Laptop bearbeitete ich die Rechnung für die mittwöchliche Schranklieferung – um festzustellen, dass ich lediglich die Schranktüren bestellt hatte (und auf diese vier Wochen gewartet). Also bestellte ich den Korpus nach (wird ein teurer Schrank), Lieferzeit acht Wochen – *schluchz*.

Da schönes Wetter vorhergesagt wird, hoffte ich auf eine Schwimmmöglichkeit am Sonntag und ging auf die Reservierungsseite: Das Schyrenbad war bereits ausgebucht, ich schaute versuchsweise zum Dantebad (hat auch eine 50-Meter-Bahn) – und da gab’s noch Schwimm am Sonntag! Bevor ich lang überlegte, ob mir geheiztes Wasser und Bahnenziehen unter Rückenpaddlerinnen auch wirklich gefallen würde, holte ich mir erst mal einen Slot.

Im Lauf des Vormittags plagte mich wieder Kopfweh, im Grunde wartet wahrscheinlich die Migräne auf ihr großes Comeback.

Zu Mittag gab es Sahnequark mit Joghurt, nachmittags brauchte ich wieder Überbrückungsschokolade.

Nachmittags wurde es richtig sonnig und schwül-warm, ich kämpfte mit großer Müdigkeit.

Auf dem Heimweg Erdbeeren fürs Abendessen besorgt. Die gab es mit Schlagsahne nach dem Ernteanteil-Salat, in den ich ein Reststück Feta gemischt hatte.

§

Alltagstrick gegen fliegende Sommerröcke beim Radeln.
(Dürfen halt nicht knitterempfindlich sein.)

§

Mittwochabend hatte ich Markus Ostermair, Der Sandler ausgelesen, ein beeindruckendes Romandebut, das die Welt der Obdachlosen in München durchspielt. Deren Alltag, sonst nur Requisite von eigentlicher Romanhandlung, wird mit vielen kundigen Details erzählt, die in ihrem Realismus an eine Sozialreportage erinnern – wären sie nicht so behutsam geschildert, zeichneten sie nicht oft sogar poetische Beziehungen zwischen Außen und Innnen.

Das Resultat der äußersten sprachlichen und strukturellen Sorgfalt ist keine Freiheitsromantik (die beim Thema Obdachlosigkeit nur verlogen sein könnte), sondern Mitgefühl. Es gibt keine Lösungsvorschläge, keine Urteile, statt dessen Sichtbarmachen, Bedeutunggeben, Hinschauen und den Anblick Ertragen.

Die Handlung erleben wir zum größten Teil aus der Perspektive der zentralen Figur Karl (manchmal als innerer Monolog). Andere Kapitel werden personal erzählt aus Sicht anderer Obdachloser oder Sozialarbeiterinnen. Dadurch entsteht ein vielfältiges Bild aus sehr unterschiedlichen Individuen, mit verschiedenem Bildungsniveau, aus verschiedenen Gegenden der Welt, jeder und jede mit einem anderen Temperament und Charakter. Die Obdachlosen, bayerisch „Sandler“, sind aus den verschiedensten Ursachen auf der Straße gelandet. Und die meisten dieser beängstigend komplexen Ursachen, äußere wie innerere, verhindern, dass sie in ein gesicherteres Leben finden.

Die vielen Alltagsdetails über Teestuben, Kleiderausgabe, Betteln schaffen eine Nähe zu den Figuren, die mich oft bis an den Rand des Erträglichen bedrückte. Als Bewohnerin des Bahnhofsviertels gehören diese Menschen und Themen seit Jahrzehnten zu meinen alltäglichen Anblicken (unter anderem deshalb weiß ich sie vom Gschwerl im Nußbaumpark zu unterscheiden – die in einem Kapitel als „die Besuffkis“ vom Nußbaumpark auftauchen und gerade nicht zum Personal des Romans gehören).

Die Ansiedlung des Romans im heutigen und realen München ist ein wirkungsvoller Kunstgriff: Das abgundtiefe Elend der Schilderungen findet vor der Glitzerkulisse einer oft abstoßend reichen Stadt statt.

Auch sprachlich ist der Roman vielfältig (vielleicht sogar ein wenig überbordend): Verschiedene Tonlagen und Sprachstile, dazwischen kursiv gesetzt die auf Zetteln hinterlassenen Fragmente des Philosophen Lenz, den Karl auf der Straße vor die Hunde hat gehen sehen, und der sich seinen Traum von einer besseren Welt von der Seele geschrieben hat.

Lesevergnügen bereitet der Roman ganz sicher nicht; ich las auch deshalb so lange daran, weil es mich immer wieder eine gewissen Überwindung kostete, in diese brutale Welt einzutauchen, in der der Alltag nur aus Gefahren besteht und in der es keine erstrebenswerte Zukunft zu geben scheint. Dennoch große Empfehlung, in deutschsprachiger Literatur hatte ich das nicht erwartet.

Empfehlenswerte Besprechung von Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung (auch wenn er St. Matthäus „Markuskirche“ nennt):
„Ein Wunder namens Wohnung“.

Journal Freitag, 21. Mai 2021 – 28. Rosentag: Kalt und mit Menü daheim

Samstag, 22. Mai 2021

Herr Kaltmamsell musste wegen Abitur so früh aus dem Haus, dass er mich energisch davon abhielt, früh genug für einen gemeinsame Morgenkaffee aufzustehen.

Beim Morgenkaffee war wieder ein zusätzlicher Pulli notwendig gegen die Maienkälte.

Mein Yoga mit Adriene wurde diesmal nicht unterbrochen von Werbung (YouTube verkauft die Bezahl-Version immer nachdrücklicher und schaltet auch in Trainingsfilme Spots dazwischen), sondern von einem Anruf – einem hochwillkommenen: Mein Einbauschrank wird nächste Woche montiert. Ein weiterer Kontakt bei der beauftragten Schreinerei, und wieder entspann sich ein sehr persönliches Gespräch bis Abgleich Lebensgeschichten und Urlaubsplänen; das sind da aber auch nette Leute!

Das Wetter war weiter „unbeständig“ (was ja wohl kein echter Mensch sagt, sondern nur die Wettervorhersage). Doch als ich mich auf meinen ersten Erledigungsweg machte, wurde mir in Winterkleidung arg warm – anscheinend waren ein paar Grad Temperatur dazugekommen. Mein zweiter Gang führte mich zum Radlschrauber, der mich per SMS informiert hatte, dass er fertig war. Wie immer fuhr sich das Radl nach der Überholung so gut, dass ich am liebsten eine Extrarunde gedreht hätte, allerdings begann es wieder zu tröpfeln.

Meine dritte Runde führte mich in den Supermarkt, wo ich die Einkaufsliste fürs Pfingstwochenende leerte. Der riesige Goldregen in der Goethestraße macht sich gerade ans Blühen – ich hatte Goldregen völlig vergessen.

Frühstück: Kartoffelbrot mit Frischkäse und Orangenmarmelade, Erdbeeren mit einem Schafjoghurt, der direkt eine Schafstall-Note hatte (im türkischen Süpermarket gekauft).

Ich las Zeitung und Buch, bis Herr Kaltmamsell im Lauf den Nachmittags heimkam – dann begann Rosentag! (We’re gonna need a bigger vase. Diese ist zu hoch und zu schmal für optimalen Fall der vielen Blumen.)

Seine Geschichte.
Meine Geschichte.

Da die Restaurants noch geschlossen sind (in München stieg die 7-Tages-Inzidenz nach drei Wochen Rückgang wieder über 50), konnte ich Herrn Kaltmamsell nicht groß ausführen. Statt dessen hatte ich das Drei-Gang-Menü vom Broeding bestellt. Zum Abholen ging ich zu Fuß, da ich mich nicht ausreichend gelüftet fühlte. Trotz Blick-verengendem Regenschirm nahm ich die Gastronomie am Weg (ich ging die malerische Blutenburgstraße entlang) bereits aus interessierterer Perspektive wahr, sie könnte in ein paar Wochen wieder geöffnet sein.

Bepackt mit Speisen (in Weck-Gläsern) und Getränken nahm ich nach Hause die (schön leere) U-Bahn.

Zur Feier des Tages drehten wir im Wohnzimmer die Heizung auf, so brauchte ich beim Abendessen kein zweites Paar Socken.

Ja, die Fichte in der Butter war zu schmecken, und zwar gut!

Zu Brot und Vorspeise gabe es einen Domaine Jean-Claude Chatelain Pouilly-Fumé ‚Les Cailloux Silex‘, den ich als Geschenk kennengelernt hatte (Weingeschenke sind toll!).

Zum Hauptgang hatte ich einen Grassl Ried Neuberg mitgebracht, der mir ganz ausgezeichnet schmeckte und wunderbar zu den Speisen passte.

Kein Foto vom Dessert, da mir eines der beiden Schüsselchen beim Rausholen aus dem Ofen auf die Ofentür fiel und eine Sauerei auf Ofentür sowie Boden verursachte, die mich eine ganze Weile beschäftigte, woraufhin ich keinen Appetit mehr darauf hatte. Wie gut, dass mein Alkoholpegel zu diesem Zeitpunkt keinen Zorn aufkommen ließ. Herr Kaltmamsell war von seiner unversehrten Portion sehr angetan.

§

Gestern Nachtmittag las ich Granta 155 aus, The Best of Young Spanish Language Novelists. Wie eigentlich alle Granta-Ausgaben mit „Best of Young“, ob aus den USA, aus UK inkl. ehemaliger Kolonien oder die erste mit spanischsprachigen Autor*innen: Ganz besonders gut und interessant. In ihrer Einleitung beschreibt Herausgeberin Valerie Miles, was die 200 Einreichungen verband: Die Vielfalt an Sprache („many of these young writers seem to be turning a very sharp ear toward written language’s sonant quality“), die beweist, dass es das Spanische nicht gibt.

Miles erinnert sich zurück an die erste Ausgabe mit jungen amerikanischen Autoren 1996, zu der Tobias Wolff, eines der Jury-Mitglieder anmerkte:

The idea of choosing twenty writers to represent a generation . . . [is] a process [that] mainly exposes the biases of the judges.

Diese Reflexion, das Bewusstsein, dass ein Literaturpreis immer mehr über die Jury aussagt als über Autor*innen seiner Zeit, würde ich gerne deutlicher in der deutschen Literaturwelt hören. (Deswegen mag ich ja den Bachmannpreis so gern: Indem man der Jury bei der Bewertung und Diskussion zusehen kann, liegen die Maßstäbe und Vorbehalte offen.)

Valerie Miles legt offen, worauf die Jury dieser „Best-of“-Ausgabe aus war:

We wanted work of the imagination. Fiction. Consciousness captured on the page. Storytelling. No essay, no memoir, no reportage. No selfies with a bit of Photoshop to pass it off as fiction. Story that is peeled from the merely testimonial, from the very tiresome use and abuse of the first person. Originality. Attitude. Yeah, attitude. Writers writing like their lives depended on it. Writers writing about things I had no idea I was interested in. Writers channeling the worlds of the inarticulate, who have not spoken for themselves or whom we cannot hear. Things that are familiar made strange or re-enchanted. Writers like the ones who came before. The ones who didn’t know about Instagram. Writers who are not readers, but rereaders. Who you think may, at some point in the future, put sentences together that will cause your spine to tingle and the hair on the nape of your neck to stand on end. Who can do it now. Writers who dare, whose ambition may have gotten the best of them, but tried anyway. That’s a tough order for a young writer, but that was our bar, and we were willing to read with an eye to the future.

Das kommt mir sehr entgegen, auch ich wertschätze Erfundenes, gerne auch ganz weit weg von Realismus, mehr als die Verarbeitung von selbst Erlebtem, und das bitte strukturell und sprachlich gut gemacht.

Anscheinend ist die gesamte Ausgabe ohne Kosten online zu lesen.

Besonders bemerkenswert erscheinen mir diese Geschichten:
Martín Felipe Castagnet, Frances Riddle (Übers.), „Our Windowless Home“
Andrea Chapela, Kelsi Vanada (Übers.), „Borromean Rings“
Irene Reyes-Noguerol, Lucy Greaves (Übers.), „Lost Children“
Carlos Manuel Álvarez, Frank Wynne (Übers.), „Bitter Cherries“

Journal Donnerstag, 13. Mai 2021 – Christi Himmelfahrt mit Regen und Kälte; Ruth Klüger, weiter leben: Eine Jugend

Freitag, 14. Mai 2021

Das Ausschlafen genossen. Draußen regnete es, und das blieb den ganzen Tag so.

Impffolgen: Keine bis auf einen leicht schmerzenden Impfarm, die Einstichgegend berührungsempfindlich.

Der Crosstrainer ist vorerst außer Betrieb, nachdem eine Analyse des neuerlichen Klapperns lose, möglicherweise abgebrochene Schrauben an der dicken Mittelstange im zentral tragenden Übergang zum Bodenteil ergeben hatten. Um dennoch zu Schwitzsport zu kommen, folgte ich einem YouTube-Hinweis zu einem Mama mia Dance Workout. Mit beiden Folgen hintereinander kam ich zumindest auf eine halbe Stunde, schwitzte auch, doch Spaß machte mir das Hopsen, Springen, Beugen auf der Stelle nicht. Auch wenn die atomar strahlende Vorturnerin auf dem gleichen Parkettboden hopste wie ich. Große Sehnsucht nach einer Gruppenstunde Aerobics mit ordentlich Choreografie – ich bin gespannt, ob ich das nochmal erlebe.

In einer Regenpause (Zufall) holte ich Frühstückssemmeln. Die Außentische von Cafés im Glockenbachviertel waren bewirtschaftet (die Inzidenz liegt in München seit einer Woche unter 100), daran saßen tapfer Menschen in dicken Jacken unter Schirmen und frühstückten.

Das machte ich dann doch lieber im Warmen und Trockenen daheim bei einem weiteren Milchkaffee – aber ich freue mich schon sehr auf Zeiten, in denen ich wieder auswärts frühstücken kann.

Trotz Feiertag bekamen wir unseren donnerstäglichen Ernteanteil, allerdings nicht an den gewohnten Verteilerpunkt in einem Büro ums Eck geliefert – wegen Feiertag geschlossen -, sondern an einen im Westend. Am frühen Nachmittag spazierten wir im Regen zu zweit dorthin und holten ihn.

Es hatte sich über die vergangenen Wochen Bügelwäsche angesammelt, die ich abarbeitete. Trotz seltener Gelegenheit hatte ich keine Lust auf Podcast, sondern auf Musik: Wir beseitigen gerade unsere CDs bis auf wenige Erinnerungsstücke, Herr Kaltmamsell zieht die Musik davon auf Festplatte. Und so shufflete ich mich gestern durch die fünf Dire Straits-CDs des Haushalts über die kabellosen Kopfhörer, die ich mir fürs Crosstrainerstrampeln zugelegt hatte. Wenn man draufdrückt, wird die Musik auf dem mit Bluetooth verbundenen Gerät gestartet oder gestoppt. Das ist nicht ganz geschickt, weil das derselbe Handgriff ist, mit dem ich die In-Ear-Pöppel ins Ohr drücke, andererseits fühlt sich die Geste immer sehr Lieutenant Uhura an.

Nachmittagssnack Orange und Maracuja mit Joghurt. Lesen, Yoga – eine Folge, die ich ebenfalls nicht nochmal brauche.

Schlichtes aber gutes Abendessen aus Vorhandenem: Ich kochte Ernteanteil-Kartoffel, die es mit Kochkäs und Resten des vorabendlichen Basilikumöls gab, dazu bereitete ich den eben abgeholten Salat mit Tahini-Dressing zu.

§

Ruth Klügers weiter leben: Eine Jugend hatte ich vor ein paar Tagen ausgelesen, durchgehend gefesselt und bereichert davon. Ich hatte Frau Klüger 2012 in Klagenfurt erlebt, wo die kluge, schöne greise Frau die „Rede zur Literatur“ gehalten hatte, die Notizen dazu auf einem Kindle in der Hand (wie jeder und jede erwähnen, die dabei waren). Ihr Tod vergangenes Jahr hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich noch nichts von ihr gelesen hatte, das wollte ich ändern.

An ihren Jugenderinnerungen gefiel mit von Anfang an der persönliche, oft mündliche Tonfall. Anders als in vielen Autobiografien berühmter Menschen geht es ganz klar nicht um das Abhaken von historischen Hintergründen und das Aufzählen von Kontakten zu anderen berühmtem Menschen. Klüger weist immer wieder darauf hin, dass das nun mal ihr Leben sei und ihre ganz persönliche Holocaust-Geschichte – auch wenn gerade Letzteres zu vielen Vorstellungen davon nicht passe. Und immer wieder wehrt sie sich, in der erzählten Zeit oder beim Erzählen, gegen Einordnungen. Dagegen, dass Menschen wegen eines Details, das sie über sie wussten, glaubten sie zu kennen: Kind. Jüdin. KZ-Überlebende. Frau. Österreicherin. Einwanderin. US-Amerikanerin. Und dann ihr erzählen wollten, wer sie sei und wie ihre Erlebnisse zu sehen seien – bis hin zum Paradoxon, dass ihr Überleben mehrerer Konzentrationslager und Transporte dazwischen als Beleg genommen wurde, dass es ja dann dort nicht so schlimm gewesen sei.

Klügers Blick und Reflexion auf ihre Vergangenheit, auf sich und die Menschen in ihrer Umgebung sind immer erhellend und oft überraschend, ich lernte viel Neues (und sei es, dass ich mir nie Gedanken über die Schulbildung der Menschen gemacht hatte, die Kindheit und einen Teil ihrer Jugend in Ghettos und Konzentrationslagern verbringen mussten). Besonders fiel mir eine Passage auf, mit der sie beschreibt, wie sie in den USA an der Uni endlich Freundinnen fand, darunter eine, die in dem Buch den Namen Anneliese trägt.

Nachgelaufen bin ich ihr auch in Museen. Mein Kunstsinn ist gering, verglichen mit ihrem, und ich muß mir erst einreden oder einreden lassen, daß etwas schön ist. Mich lockte die Statik des Gesammelten, die nicht von Umziehen, Herumziehen, Aufbruch und Abbruch bestimmt war. Ein Museum war wie ein Schwamm, der mich aufsaugt, eine geistige Suppe, die mich minderwertiges Gemüse würzt und gar kocht. Schmackhaftes, Abgeschmecktes war da vermischt, und keine Kartoffelschalen, die der Mensch nur aus Not frißt. Dazugehören, einfach dadurch, daß man hinschaut. Bibliotheken empfangen mich ähnlich, aber die versprechen nur (weil man die Bücher ja nicht auf der Stelle lesen kann), während Museen ihr Versprechen gleich einlösen, dir den Dinosaurus oder den Matisse zum sofortigen Genuß servieren.

(Schreibung original, Hervorhebung von mir.) Empfehlung.

Journal Freitag, 23. April 2021 – Flashbacks zu Griechenland 1984

Samstag, 24. April 2021

Das sonnige Draußen roch gewaltig nach Frühling.

Ich nahm früh das Rad in die Arbeit, erledigte im Büro noch ein paar Sachen und radelte dann zu einem weiteren Einsatz als Schöffin zum Justizzentrum am Stiglmaierplatz. Morgens war es noch kalt, doch gerade die Kombination aus kühler Luft, strahlender Sonne und Frühlingsgerüchen rief – wie fast immer – Erinnerungen an die Studienfahrt nach Griechenland zu Schulzeiten (1984) hervor: Auch nach 37 Jahren gehört das zusammen, war wohl eines der einschneidensten Erlebnisse meines Lebens.

Frühlingslandschaft bei Delphi.

Vor dem Museum in Delphi. Ich bin die dritte von links, 16-jährig – im damals sehr modernen Trenchcoat und mit den lang erbettelten Puma-Lederturnschuhen, die ich Idiotin dann im Athener Hotelzimmer unterm Bett vergaß. Links von mir die beste Fußballerin des Jahrgangs (zugegeben: eine von zweien), der Pulli an der Mitschülerin rechts von mir war sicher selbstgestrickt, der Regenüberwurf der Mitschülerin ganz rechts war ein K-Way („Kawai“ ausgesprochen), damals Synonym für Regenüberwurf (und furchtbar teuer).

Wie wenige Fotos wir damals machten!

Am Gericht ging es eher schnell, schon um halb elf waren wir fertig. Fürs Zurückradeln ins Büro brauchte ich nicht mal mehr Handschuhe.

Mittags gab es ein Laugenzöpferl sowie eine Orange mit Hüttenkäse.

Die Freude über die Freigabe des Impfstoffs AstraZeneca für Verimpfung in Hausarztpraxen hielt nicht lang: Die Praxen wissen von keiner Lieferung.

Die Ärzte werden jede Woche darüber informiert, welchen Impfstoff sie in der kommenden Woche erhalten können. Für nächste Woche wird den Hausärzten gar kein Astrazeneca-Impfstoff angeboten, sondern ein anderes Vakzin.

Nun: Ich stehe sein Januar auf der offiziellen bayernweiten Liste der Impfwilligen, jetzt auch auf der meiner Hausärztin – da ich nicht zur Gruppe besonders Gefährdeter gehöre, würde ich alles Weitere als Drängeln empfinden.

Daheim traf ich Vorbereitungen fürs Abendessen, die Zutaten hatte Herr Kaltmamsell besorgt: Bei offener Tür zum Küchenbalkon und ohne künstliches Licht (immer noch eine Sensation in der Küche) hobelte ich Gurken in den Kartoffelsalat und würzte das Hackfleisch für die Fleischpflanzerl (Ziebel und Knoblauch angebraten, Petersilie gehackt, Eier, Semmelbrösel, etwas Tomatenmark, Salz, Pfeffer).

Nochmal die Yoga-Einheit vom Vortag, diesmal tat sie richtig gut und nahm mir ein wenig von der ekligen Gereiztheit und schlechter Laune, die mich schon wieder plagten.

Fleischpflanzerl gebraten, dazu gab es Gin Tonic. Abendessen in letzter Sonne, die immer noch ungehindert von Laub über fast ihren ganzen Tageslauf ins Wohnzimmer scheint.

Helen Slavin, The Extra Large Medium ausgelesen. Auch wenn der Schluss die Schwachstelle des Romans ist, gefiel er mir insgesamt sehr gut. Erzählt wird die Geschichte von Annie, die tote Menschen sieht (sie tragen immer schokoladenbraune Kleidung), von klein auf. Anfangs war ich irritiert über die Parallele zu Hilary Mantels Roman Beyond Black und brauchte eine Weile, bis diese Geschichte ihren eigenen Charakter entwickeln konnte – und den hat sie.

Annie erzählt rückblickend und mit viel Galgenhumor ihr Leben, aber ohne reflektierende Distanz. Dazwischen gibt es kurze Kapitel aus der Sicht von Verwandten u.a. Mutter, Tante, Onkel, Stiefvater. Annie ergibt sich in ihr Schicksal und versucht sich mit ihrer Gabe nützlich zu machen, also die Botschaften der Toten an die Hinterlassenen zu überbringen – meist völlige Petitessen der Größenordnung, wo der Schlüssel zum Gartenhäuschen liegt. Sie hat ohnehin keine Chance auf ein auch nur halbwegs konventionelles Leben, die Toten lassen sie nicht in Ruhe (hier liegt eine Parallele zu Mantels Roman), sie schlägt sich irgendwie durch. Eingewebt ist dann auch noch eine Kriminalgeschichte, die zu dem etwas ungeschickten Schluss führt.

Vieles ist nicht auserzählt, das mag ich, ich fühlte mich als Leserin ernst genommen. Räume zum Beispiel werden durch den Eindruck vermittelt, den sie auf die Erzählerin erzeugen, nicht durch Möbelbeschreibung. Oder einschneidende Erlebnisse, die uns zunächst durch die traumatischen Auswirkungen erzählt werden, bevor wir Fragmente bekommen, aus denen sich der eigentliche Vorfall zusammensetzen lässt.

Journal Donnerstag, 22. April 2021 – Wie viel Spiegel braucht der Mensch

Freitag, 23. April 2021

Gut geschlafen! Nach Ewigkeiten sogar über fünf Stunden am Stück!

Eine seltsame Zeit, in der in meiner Welt rundum mitgefiebert wird, wer eine Impfung bekommt, und in der jede gefeiert wird (jede Impfung bringt uns der Kontrolle über die Pandemie näher – vorerst steigen die Infektionszahlen noch, laut Robert-Koch-Institut liegen wir nur wenig unter dem Tageshöchstwert an täglichen Neuinfektionen der zweiten Welle – und das, wo man von der Gesamtzahl an Bevölkerung ja die mittlerweile 20 Prozent Geimpften abziehen müsste, wo der eigentliche Inzidenzwert also eigentlich deutlich höher liegt).

Morgens fiel mir auf, wie gut das Leben mit wenigen Spiegeln funktioniert. Wir haben derzeit zweieinhalb Spiegel in der ganzen großen Wohnung: Im Flur einen Menschen-großen, einen Gesichts-großen im Klo und einen kleinen Handspiegel im Badregal. Herr Kaltmamsell rasiert sich mit Hilfe des Handspiegels, ich schminke mich im Klo – und in den großen Spiegel gucke ich höchstens zum Einfädeln von Ohrringen; ich überprüfe darin nicht mal mein Aussehen vor Verlassen der Wohnung, meine Kleidung kenne ich ja an mir. (Ich freue mich trotzdem auf einen richtigen Spiegel im Bad.)

Freundliches Wetter mit viel Sonne, die Temperaturen dabei einem April angemessen zwischen 12 und 15 Grad.

Arbeit nochmal mit viel Kontakt zur Poststelle. Mittags aß ich die restlichen Reisnudeln vom vorabendlichen Vietnamesen und eine Orange.

Auf dem Heimweg machte ich im Frühlingswetter einen Abstecher zum Westpark und freute mich an den ergrünenden Bäumen und Büschen, am Flieder in den Startlöchern. Auf der Theresienwiese wieder viel Sportbetrieb.

(Foto vom Mittwoch, weil das von gestern nichts wurde – aber sehr ähnlich.)

Daheim traf ich auf einen soeben geimpften Lehrer, der keinerlei Nebenwirkungen verspürte – große Freude.

Nach einer längeren Runde Yoga (die mache ich nochmal) bereitete ich zum Abendessen Salat und Radieschensprossen aus Ernteanteil mit zwei gekochten Eiern und Joghurtsoße zu. Satt wurden wir mit viel Schokolade.

Für Freitagabend kochte ich schon mal Kartoffeln, verarbeitete sie zu Kartoffelsalat.

Meine derzeitige Lektüre, Helen Slavin, The Extra Large Medium, lese ich mich großem Vergnügen, groß genug, dass ich früh damit ins Bett gehe, um vor der Nachtschläfrigkeit noch mindestens eine halbe Stunde darin zu lesen. Das freut mich umso mehr, als ich diesen Sog seit einigen Monaten vermisst hatte – selbst ganz ausgezeichnete Bücher besitzen den nicht unbedingt, er ist eine separate Eigenschaft, die in meinem Fall zwar eine gewisse Mindestqualität voraussetzt, aber weder von besonders hoher Qualität abhängt noch sie ausschließt.


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