Bücher

Journal Dienstag, 17. April 2018 – Leserunde mit erstem Spargel

Mittwoch, 18. April 2018

Der sonnige Frühling kehrte zurück (ich habe den Verdacht, dass Felder und Gärten einen weiteren Regentag gut brauchen hätten können), auf dem Heimweg von viel Arbeit brauchte ich meine Jacke nicht.

Die Magnolie verabschiedete sich. Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr endlich, mir ein Parfum mit ihrem Duft zu besorgen.

Ich hatte recht pünktlich Feierabend gemacht, um das Buch für die abendliche Leserunde fertigzulesen: Lena Gorelik, Meine weißen Nächte (nur noch gebraucht zu bekommen) hatte nach Bestellung zwei Wochen bis Ankunft gebraucht und mich in Zeitnot gebracht. Allerdings liest es sich sehr schnell weg – was in diesem Fall nicht für den autobiografischen Roman spricht: Im Gegensatz zu Alexandra Tobors Polengeschichte Sitzen vier Polen im Auto ist diese Geschichte einer jungen Frau, die Anfang der 90er als Kind aus St. Petersburg nach Deutschland einwanderte, oberflächlich und launig. Das Leben von Goreliks Hauptfigur zwischen den Kulturen wird erzählt, nicht gezeigt, die Vergangenheit in Russland inklusive Antisemitismus und Mauscheleien besteht aus lustigen Schnurren statt aus nachvollziehbaren Erlebnissen. Durchaus nett zu lesen, aber seit dem Erscheinen 2004 wurde Besseres um das Thema veröffentlicht.

Das Buch warf entsprechend wenig zu diskutieren ab, doch wir freuten uns wieder über das Treffen (durch die monatliche Leserunde gibt es keinen Freundeskreis, den ich öfter sehe) und ich bekam in Neuperlach den ersten Spargel der Saison.

Montag, 9. April 2018, Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims

Dienstag, 10. April 2018

Ich hatte französisch-intellektuelles Theoretisieren befürchtet (weshalb das Buch nach Kauf vier Monate auf Lektüre wartete), tatsächlich bekam ich eine sehr interessante Erzählung: Vergangenes Jahr stolperte ich an vielen Stellen über Didier Eribons Rückkehr nach Reims, meist bereits als Referenz, an den Haken brachte mich dann aber der Hintergrund, dass Eribon es als Sohn kleiner Leute zu akademischen Ehren gebracht hatte um den Preis des Bruchs mit seiner Herkunft.

Das Buch erzählt in Fragmenten, ich bespreche es in Fragmenten.

Unter den vielen Dingen, die ich aus der Lektüre lernte: Zwischen Soziologen und Psychologen besteht wohl eine Erzfeindschaft um die Deutung der Welt. Die einen sehen gesellschaftliche Strukturen als Haupteinfluss des Lebensverlaufs, die anderen Charakter und Gefühle, geformt von individuellen Erlebnissen.

Die berühmten Namen, die Eribon zu seiner intellektuellen Entwicklung aufführt, von Sartre über Foucault bis Barthes und Bourdieu sagten mir schon alle was, gelesen hatte ich von ihnen kaum etwas (nur im Studium, Zusammenhang Literaturtheorie). Zu Beginn des Buchs befremdete mich Eribons wissenschaftliches Fachvokabular beim Beschreiben persönlicher Erinnerungen und Erlebnisse, zwar gewöhnte ich mich daran, fand es bis zum Schluss ein wenig albern.

Am bereicherndsten fand ich Eribons Ausführungen, warum die kleinen Leute in Frankreich heutzutage Front National wählen. Meine Zusammenfassung: Weil die Linken den Klassenkampf zugunsten des Neoliberalismus aufgegeben und die kleinen Leute damit im Stich gelassen haben – mir fiel sofort die verheerende Agenda 2010 ein. Ganz sind die beschriebenen Mechanismen aber nicht auf Deutschland übertragbar, bei uns ist es ja eher der beleidigte Mittelstand, der AfD wählt, nicht die Schicht, die mit einem Vollzeitjob nicht den Lebensunterhalt sichern kann. Letzteres ist übrigens meiner Ansicht nach eine auch heute funktionierende Definition der Arbeiterklasse, die schon lange nichts mehr mit Fabrik und Produktion zu tun hat: Heute sind es die Regaleinräumerinnen, die Putzfrauen, die Sicherheitskräfte, die auf Zweitjobs angewiesen sind. Früher (TM) hielten Arbeiter Hasen und Hühner, bauten Obst und Gemüse an, um den Lebensunterhalt zu sichern – das war durchaus auch ein Zweitjob.

In diesem Zeit-Interview von 2016 führt Eribon seine Erklärung des Rechtsrutschs der Arbeiterschicht aus:
„‚Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk'“.

Den letzten Anstoß, dass ich das Buch trotz befürchteter Anstrengung lesen wollte, war die Rezeption des girls from the trailer park:

Was mich dann aber doch dafür eingenommen hat, ist, wie der Autor auch nach Jahrzehnten von Arriviertheitsübungen diesen Status kontinuierlich von verschiedenen Seiten aus auseinandernimmt, wie er ohne Mitleid mit sich selbst und anderen schildert, was ihn das gekostet hat und welche Überraschungen eine solche Grenzüberschreitung mit sich bringt

Was mich befremdete: dass Eribon sich seiner Herkunft schämt und sie lange verheimlichte (dass er seine Eltern 30 Jahre nicht besuchte, stieß mich in seiner Härte ab). Ich als Gastarbeiterkind ging mit meiner Herkunft immer eher hausieren – doch schon wenig Überlegen macht mir klar, dass sie nicht vergleichbar ist: Die Ausbrecher aus Abstammung und vorgezeichnetem Lebensweg waren meine Eltern und war nicht ich, ich habe ihren Aus- und Aufstieg lediglich fortgesetzt. Und im Gegensatz zur Bloggerin oben hatten beide gute Feen, die ihren Aufstieg wollten und erleichterten: Die meines Vaters war ein Onkel, der ihn und seinen Bruder in Madrid förderte und den beiden zu raren Plätzen erst in einer guten Salesianerschule, dann in einer Berufsschule verhalf. Die meiner Mutter war eine Grundschullehrerin bei den Franziskanerinnen, die nicht nur dafür sorgte, dass sie Deutsch lernte, sondern ihr sogar den Besuch des Gymnasiums ermöglicht hätte – da aber verweigerte sich meine polnische Großmutter (angeblich weil sie befürchtete, meine Mutter würde dann ins Kloster gehen).

Dieses Nutzen von Chancen für Leistung und Erfolg verlangten meine Eltern auch von mir – es stand jederzeit außer Zweifel, dass ich gesellschaftlich jedes Recht darauf hatte. Mit dieser Haltung ging ich durchs Leben – und fühlte mich den Notars-, Apothekers-, Lehrerinnen- und Architektenkindern in meiner Schulklasse nie unterlegen (ich war auch keineswegs die einzige Schülerin aus der Arbeiterklasse). Im Studium beneidete ich Kommilitonen wohl um Elternhäuser mit Bibliotheken und Zeitungsabos – weil ich mir das auch wünschte. Und klar musste ich viel Habitus an der Uni erst mal lernen – doch das musste ich in der Fabrik bei Ferienjobs genauso („Mahlzeit!“). Wenn der Professor aus sehr gutem Hause, an dessen Lehrstuhl ich als Hiwi arbeitete, mich am Semesterende schon wieder nach meinen Urlaubsplänen fragte und ich ihm schon wieder erklären musste, dass ich die vorlesungsfreie Zeit zum Geldverdienen brauchte statt für Urlaub – dann sah ich das als peinliche Wissenslücke auf seiner Seite: Lebensumstände anderer Schichten zu kennen, forderte ich in alle Richtungen als Allgemeinbildung ein. (Ein Ansinnen, mit dem ich mich in den Augen einer Soziologin vermutlich lächerlich machte.)

Im Zuge meines Fortkommens gab es zwar auch den einen oder anderen Bruch in Prioritäten und Lebensstil im Vergleich zu meiner Herkunft, doch ich war immer sehr stolz auf das, was meine Eltern geschafft hatten (unterlegen fühlte ich mich am ehesten noch ihnen).

Ganz anders Eribons Hintergrund: Seine Brüder verblieben in der Arbeiterschicht, unter allen Verwandten, von denen er erzählt, ist er der einzige Wechsler. Seltsam fand ich Eribons Verweigerung jeglicher psychologischer Erklärungen – was mir vor allem bei der Beschreibung der Rolle seines Schwulseins auffiel: Selbst die Ausgrenzung, Gewalt und die Verachtung, die er als Schwuler erfahren hat, beschreibt er mit gesellschaftlichen Mechanismen, nicht mit Gefühlen. (Was durchaus interessant ist und mir Lust auf Eribons soziologische Werke über das Thema macht.)

Übrigens gibt es ein Detail an dem Buch, das mir das Lesen auffällig erleichtert hat: Der Satzspiegel. Das schmale Format, die Schriftart und -größe, viele Absätze – ich las den Text doppelt so schnell wie derzeit Stanisław Lems Sterntagebücher mit ihren kleinen Buchstaben, die mit wenig Zeilenabstand über extrabreite Seiten laufen.

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Ein milder Tag, allerdings mit vielen Wolken.

Ich machte wieder so Feierabend, dass ich anschließend noch etwas erledigen konnte, und zwar holte ich den eigentlich für vorherigen Samstag geplanten Hosenkauf nach. Der Einfachheit halber ging ich zum Konen, wo ich ja gewohnt bin, einer ausgebildeten Verkäuferin meinen Wunsch zu schildern und mir dann Kleidung anreichen zu lassen. Doch leider gibt es diesen Konen nicht mehr. Es kümmerte sich niemand um mich, ich sah praktisch kein Personal. Und auch beim Konen ist die Waren nicht mehr nach Art der Kleidung (Hose, Bluse, Kleid) sortiert, sondern nach Herstellern. Wenn ich also wie gestern eine weiße, 3/4 lange Hose suchte, musste ich bei allen Herstellern einzeln nachsehen – die gerne mal auch noch verschiedene Konfektionsgrößensysteme haben von Damengrößen über Jeansgrößen bis S/L/M etc. Ehrlicherweise hatte das mit den Fachverkäuferinnen schon beim letzten Einkauf vor einem Jahr nicht mehr geklappt – auch Herr Kaltmamsell traf bei seinen jüngsten Einkäufen in der Herrenabteilung nicht mehr den einst gewohnten Service an. Ich bekam eine Hose, die auch passte – glaube ich, schließlich stand keine Fachfrau neben mir, die das wirklich einschätzen und im Zweifelsfall eine Alternative empfehlen konnte. Jetzt gibt es leider keinen Grund mehr, zum Konen zu gehen.

Journal Donnerstag, 29. März 2018 – M.R. Carey, The girl with all the gifts

Freitag, 30. März 2018

Letztes Jahr sah ich im Kino einen Trailer um ein interessantes schwarzes Kind und flüsterte dem neben mir sitzenden Herrn Kaltmamsell zu: „Den will ich sehen.“ Doch der winkte ab: „Zombiefilm. Ich habe die Romanvorlage daheim.“ So hatte der Trailer gar nicht ausgesehen. Das ganze Zombiedings interessiert mich ja nicht, doch als kürzlich mein Blick auf dem Roman in unserem Bücherregal fiel, zog mich der Titel an: The girl with all the gifts. Und so bekam ich meine erste Zombiegeschichte – die ich auch noch empfehle.

Gefesselt war ich von der ersten Seite an: Wir lernen das Kind Melanie kennen. Sie und andere Kinder leben in kleinen, stark gesicherten und fensterlosen Gefängniszellen, aus denen sie jeden Morgen von drei Soldaten abgeholt werden. Die Soldaten fixieren sie dazu an Händen, Füßen und Kopf an Rollstühlen und rollen sie in ein fensterloses Schulzimmer, in dem sie von durchwechselnden Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden. Melanies mit Abstand liebste Lehrerin ist Miss Justineau, weil sie von der am meisten lernt – und Melanie lernt schwindelerregend schnell.

Wie es zu dieser ungewöhnlichen Unterrichtssituation kommt, erzählen die ersten Kapitel: Wir befinden uns in einem postapokalyptischen England, der größte Teil er Menschheit wurde von einem Pilz befallen, der ihnen alle Menschlichkeit nahm und sie zu hungries machte, nur auf das Fressen anderer Menschen ausgerichtet. Wilder politischer Aktionismus direkt nach Ausbruch der Epidemie hat zu weiteren Verheerungen geführt, die Leben nur in wenigen Gebieten möglich machen. Hier wird unter anderem auch die Wirkungsweise des Pilzes wissenschaftlich erforscht.

Doch der Kreis der handelnden Personen, um die sich die Kapitel zunächst abwechselnd drehen, wird immer kleiner: Fünf Hauptfiguren müssen fliehen. Auf ihrer Reise wird klarer, was eigentlich passiert ist, in welcher Welt sie leben, was das Besondere an Melanie ist – und wie es nach Ende des Buchs weitergehen wird: Selten habe ich einen so gut gemachten Romanschluss gelesen.

Warum die Geschichte mich angesprochen hat: Ich mag das Motiv verkanntes Genie, ich lese gerne über tiefe Freundschaft und Loyalität, es gibt viele Referenzen auf die Antike (übersetzen Sie den Buchtitel mal ins Griechische). Zudem ist die Entwicklung der Hauptfigur faszinierend: Man kann den Kampf einer 10-/11-jährigen mit erwachenden Urinstinkten, mit Kontrollverlust, mit eigener Macht, Liebe und Selbsterkenntnis ganz wunderbar als Coming-of-age-Geschichte lesen.

Wenn ich eine einzige Kritik an dem sonst handwerklich hervorragend gemachten Roman habe, dann ein paar Längen: 50 Seiten weniger hätten dem Rhythmus des zweiten Teils gut getan.

Jetzt hat mir Herr Kaltmamsell natürlich I am legend von Richard Matheson aus dem Jahr 1954 hingelegt: „Dann solltest du den auch gelesen haben.“ Na gut – so lange mich niemand zwingt, The night of the living dead anzusehen.

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Es ist weiterhin kühl, am gestrigen Gründonnerstag mit einer Mischung aus Regen und Sonne. Den Heimweg von der Arbeit verlängerte ich auf eine Stunde, um mich ein wenig durchzupusten.

Wie erbeten empfing mich Herr Kaltmamsell mit Griesoß, inzwischen hier klassisches Gründonnerstagessen – ohne interessanten Wein, der Infekt hat mir die Lust auf Alkohol genommen (ich hatte einen spanischen Sauvignon Blanc dazu probieren wollen).

Journal Montag, 19. März 2018 – Call me by your name und My brilliant friend

Dienstag, 20. März 2018

Langsam und weil ich in einer unruhigen Nacht viel Zeit dafür hatte, wurde ich mir über Call me by your name klarer.
Zum Beispiel über die Detais, die für mich typisch James Ivory waren (Ich träumte im Halbschlaf, wie Ivory an einem – selbstverständlich idyllischen italienischen – Bahnhof dem verstorbenen Ismail Merchant begegnete. Ich bin sehr stolz auf das Niveau meiner Träume.): Im Zentrum stehen gebildete und privilegierte Eliten, die keine existenziellen Sorgen haben; die kleinen Leute (Haushälterin Marcella, der namenlose Gärtner, die pokernden Barinsassen) dienen lediglich dem Lokalkolorit.

Der Film ist eine innige und aufgewühlte Liebesgeschichte, die schön, aber nicht zu schön gefilmt wurde. Das Setting in den 80ern sorgt dafür, dass die schwule Seite daran etwas erheblich Klandestineres haben muss, als sie vermutlich heute hätte – zumindest im Film, in einem Kaff im tatsächlichen Norditalien wäre ich weniger sicher. Dabei ist die äußere Erscheinung des blonden Beefcake-Oliver das aller 80erste an dem Film: Dieser Typus wird doch heute gar nicht mehr gemacht, oder? Inklusive Jeanshemd und weißen, ausgelatschten Basketballstiefeln.

Bei aller Beefcakerei spielt Armie Hammer auch noch ausgezeichnet – vom selbstbewusst rücksichtslos scheinenden Anfang bis zur totalen Verunsicherung nach der ersten Liebesnacht. Großartige Schauspielkunst auch vom jungen Timothée Chalamet als Elio, vor allem durch die Zurückgenommenheit Auch das und der italienische Sommer sind sehr Ivory.

Immer wieder fiel mir auch der Sound auf: Die Mauersegler sehen wir zum Beispiel nie, hören sie aber in jeder Szene, die in der kleinen Stadt spielt.

Ich recherchierte ein wenig nach Rezensionen:

Annett Scheffel schreibt in der Süddeutschen von „rückhaltloser Zärtlichkeit“, mit der der Film erzählt.

Chris Weiß im Musikexpress:

Viel wurde schon geschrieben über die sich so zart und unschuldig und dann doch so deftig und körperlich entwickelnde Liebe zwischen Elio und Oliver. Die Geschichte eines Coming-outs soll es sein, eine schwule Erweckungsgeschichte. Mag sein. Mein Eindruck war, dass Guadagnino etwas anderes sagen will: Wenn der/die Richtige kommt, ist es egal, ob er/sie männlich oder weiblich ist. Ihm geht es um dieses Gefühl, das sagt, dass man jetzt handeln muss, sonst ist dieser eine Mensch wieder weg und diese Erfahrung nicht gemacht.

Sonja Hartl in der Kino-Zeit:

Es gibt eine Szene am Ende von Call Me By Your Name, die niemanden kalt lassen wird. Es ist ein Gespräch zwischen Vater und Sohn oder eher: es ist vielleicht der beste Austausch zwischen einem Vater und einem Sohn, der jemals auf der Kinoleinwand zu sehen war – und dabei sagt der Vater etwas, was sich viele Teenager und Heranwachsende von ihren Eltern gewünscht hätten.

Und genau daraus ist das Zitat, das auch mir so nahe ging, dass ich es vorgestern aufschrieb.

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Es wintert weiter, keine Ende in Sicht. Ich beiße zwar brav die Zähne zusammen und zwinge mich zum Mantra „IST JA ERST MÄRZ“, leide aber trotzdem. Auf dem Weg in die Arbeit und auch den Tag über immer wieder spärlich Schneeflocken, die eher wie Dienst nach Vorschrift aussahen als nach Winterbegeisterung.

Früh aufgestanden, um vor der Arbeit noch Zeit für eine Runde Hanteltraining zu haben. Tat gut, dennoch beobachtete ich mich beim Granteln und Gereiztsein.

Auf meinem Heimweg schneite es dann energischer.

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Abends Treffen meiner Leserunde in Giesing zu Elena Ferrante, Ann Goldstein (Übers.), My Brilliant Friend. Die Meinungen waren geteilt und gingen von Desinteresse an den Figuren und nur 20 Prozent gelesen bis zu Begeisterung, dass und wie hier das Leben einfacher Mädchen und Frauen geschildert wird. Selbst habe ich den Roman gern gelesen, verband viel mit dem klaustrophobischen Setting in einem Stadtviertel von Neapel in den 50ern. Doch die Dynamik zwischen den beiden Hauprfiguren war mir zu breit ausgewalzt, auch wenn ich das Portrait dieser Bevölkerungsschicht interessant und glaubhaft fand (inneres Kopfschütteln, wie viel davon ich aus meiner eigenen italienischen Verwandtschaft kenne). Überrascht war ich von der Art des Romans gewesen: Bei all dem Feuilletonruhm hatte ich keine klassische Erzähl- und Geschichtenliteratur erwartet, sondern Intellektuelleres. Einig waren wir uns in der Runde, dass die Redundanz des Romans, sprachlich wie in der Handlung, das Leseerlebnis trübt. Und eben den großen Ruhm kann ich nicht recht nachvollziehen.

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Zoë Beck hat auf der Leipziger Buchmesse für das Bündnis #verlagegegenrechts die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mitorganisiert. In Ihrem Blog schreibt sie auf, wie’s war:
„#verlagegegenrechts“.

Journal Freitag, 9. Februar 2018 – Deborah Feldman, Unorthodox / Freundinnenbesuch

Samstag, 10. Februar 2018

Gestern traf sich unsere kleine Leserunde, um über Deborah Feldmans Unorthodox zu sprechen; eine Mitleserin hatte die Autorin auch kürzlich bei einer Podiumsdiskussion erlebt. Ich war diesmal besonders auf die Urteile und Leseerlebnisse der anderen gespannt, um sie mit meiner sehr gemischten Sicht abzugleichen. Denn ich hatte durch diese Autobiografie zwar viel über die Ideologie und Ursprünge der Hassidim gelernt, auch über die oft haarsträubenden Details der konkreten beschriebenen Spielart. Und ich erkannte das Muster, das sie mit allen radikalreligiösen Sekten und Esoteriken verbindet: Je absurder der Glauben, je weiter weg von Ratio und sonstigem gesellschaftlichem Konsens, desto inniger und richtiger fühlt er sich für die Mitglieder der Gemeinschaft an.

Doch, und jetzt kommt das große Aber: Ich fühlte mich beim Lesen unwohl. Feldman schreibt ja nicht nur intime Details über sich selbst, sondern entblößt bis ins Intimste andere Menschen von Verwandten bis Ehepartner – echte Menschen, die sich nicht wehren konnten. Das ist in meinen Augen unanständig und gemein. Ihre eigene Befreiung ist durchaus interessant und sei ihr unbenommen; schließlich zeigt sich Deborah Feldman überzeugt, dass sie von Kindesbeinen an nicht wirklich dazu passte. Doch dass sie die Privatsphäre so vieler anderer Menschen für ihre Geschichte ausschlachtet, kann ich nicht gut heißen.

Gleichzeitig hatte ich ständig ein Gegenbeispiel im Hinterkopf, wie man die Mechanismen einer hassidischen Gemeinschaft interessant vermitteln kann, ohne jemanden zu bloß zu stellen: Naomi Aldermans Disobedience fiktionialisiert und literarisiert das Thema. Der Roman spielt im Norden Londons unter den dortigen ultraorthodoxen Juden und erzählt die Geschichte einer Rabbinertochter, die einst ausbrach und nun anlässlich des Todes ihres Vaters zurück kommt.

In unserer Leserunde hatten fast alle Feldmans Buch mit ähnlichem Unbehagen gelesen wie ich. Es wurde auch Kritik laut über die große Selbstzentriertheit der Autorin, die sich auf Kosten aller anderen Beschriebenen in möglichst gutem Licht darstelle. Nur eine Mitleserin stand ganz auf Feldmans Seite und fand ihre öffentliche Rache nachvollziehbar und berechtigt.

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Sonst ein ruhiger Arbeitstag, auf dem frostigen Heimweg ging ich im Westend bei einem Laden mit Feinkost und Wein aus Griechenland vorbei, um für den Abend Weißwein zu besorgen. Es wurde ein Nykteri aus Santorini (mineralisch, etwas Holz), der gut zu den beiden Currys passte (Palak Paneer, Auberginen-Kichererbsen-Tomaten-Curry), die wir servierten. Dass daheim beim Mantelablegen die Tasche mit den Einkäufen vom Fenstersims fiel und eine der drei Weinflaschen darin zerbrach, hätte es allerdings nicht gebraucht. (Herr Kaltmamsell hörte mein verzweifeltes „NEIN!“, eilte herbei, schickte mich sofort weg von der Unglücksstelle – „Geh kochen“ – und kümmerte sich um die Sauerei.)

Der Übernachtungsbesuch kam erst nachts von seinem Münchenbesuchsanlass zurück, hatte aber schon vorher für herzhaftes Gelächter und für Freude gesorgt. Wir hatten die Freundin darauf hinweisen müssen, dass derzeit das Wasser in unserer Dusch-/Badewanne sehr langsam abläuft (Rohrfrei hatte nichts verbessert) – wir aber noch keine Zeit gefunden hatten, den Spengler kommen zu lassen. Bei meiner Heimkehr lag dieser Zettel im Wohnzimmer:

Große Liebe für diese Freundin. Genau so erlebe ich sie, seit wir uns im ersten Semester kennenlernten: Hinschauen, zupacken, machen – und gleichzeitig genau abschätzen, bei wem sie wie weit gehen kann. Und nachts brachte sie dann auch noch neue Zahnbürsten als Geschenk mit. DARF WIEDERKOMMEN! (*winkt*)

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Interview mit Alexander Gerst, der Anfang Juni zum zweiten Mal zur Internationalen Raumstation ISS fliegt:
„‚Und dann ist es wirklich schön, die Milchstraße zu sehen'“.

Interessant, wie oft Gerst die zwischenmenschliche Komponente betont, wie wichtig es ist, dass die Mitglieder einander wirklich verstehen und wissen, was der oder die andere meint. Zudem die Antwort auf eine Frage, die auch ich mir gestellt habe: Geht man sich auf der ISS nicht zwangsläufig irgendwann auf die Nerven?

Bei meinem letzten Flug gab es wirklich keine Situation, wo wir uns irgendwie richtig angenervt hätten. Das liegt daran, dass wir als Kollegen nicht einfach nur zusammengewürfelt werden. Wir trainieren so lange in den krassesten Situationen, beim Winter Survivaltraining, bei -30 Grad etwa, wo man ohne Schlafsack, ohne Zelt nachts draußen im Schnee sitzt. Da kommen diese Sachen vorher raus. Man lernt sich kennen und weiß, wo der andere vielleicht ein bisschen was für sich braucht. Und dann kommt noch das große Volumen der Raumstation dazu. Die ist ja fast so groß wie eine Boeing 747 – und man ist zu sechst da. Das heißt, es passiert tatsächlich öfter mal, dass man einen halben oder ganzen Tag in irgendeinem Modul arbeitet und fast niemanden sieht. Und da haben wir uns immer wieder auch mal so auf einen Kaffee getroffen, einfach nur, um mal wieder mit den Kollegen zu reden. Relativ wenige Aufgaben macht man zu zweit, und dadurch ist es wirklich schön, wenn man sich sieht.

Sich in einer Raumstation auf einen Kaffee treffen – neues Coolness-Level.

(Beim Lesen habe ich immer mein inneres kreischendes Fangirl im Hinterkopf – das stört tatsächlich manchmal ein bisschen die Konzentration.)

§

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann im Gespräch:
„Mensch und Arbeit
‚Wir binden alles an Lohnarbeit'“

Man könnte das ja auch so sehen, dass wir so besessen sind vom Paradigma der industriellen Arbeit, dass für uns Dinge nur dann einen Wert haben, oder besser gesagt Tätigkeiten nur dann einen Wert haben, wenn ich sie als Arbeit auffasse.

(…)

Es ist doch paradox, obwohl schon so viel automatisiert wird und in naher Zukunft noch automatisiert werden wird, dass wir nicht das Gefühl haben, wunderbar, da gibt es endlich Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen. Ganz im Gegenteil. Wir haben größte Sorge, dass die uns nicht die Arbeit abnehmen, sondern uns die Arbeitsplätze wegnehmen, und da ist insgesamt, was die Rahmenbedingungen unserer Arbeitsorganisation betrifft, offensichtlich etwas schiefgelaufen.

Daran denke ich ja schon länger herum, zum Beispiel an dem Umstand, dass aller technischer Fortschritt keineswegs dazugeführt hat, dass wir weniger Zeit für Erwerbsarbeit aufwenden. Notfalls erfinden wir Tätigkeiten und Berufsbilder, um einen Platz im Arbeitsleben zu finden, an dem wir Überstunden machen können.

Tatsächlich gelingt es mir, mich immer weniger über meine Erwerbsarbeit zu definieren. Erst kürzlich winkte ich wieder in einem angeregten Gespräch auf die Frage „Und was machst du beruflich?“ ab: „Ach, Sekretärin.“ Womit ich auf keinen Fall diese Tätigkeit abwerten will, sondern lediglich signalisiere, dass sie in meinem Leben keine bedeutende Rolle spielt und ich nicht weiter darauf eingehen werde.
Dummerweise hindert mich dieser Fortschritt nicht daran, mich dieser Erwerbstätigkeit sehr verpflichtet zu fühlen; zum Beispiel habe ich bis heute ein schlechtes Gewissen, wenn ich zuweilen andere Belange priorisiere.

Journal Dienstag, 6. Februar 2018 – Evidenz für Weltuntergang durch Technik

Mittwoch, 7. Februar 2018

Ein weiterer frostiger Tag mit Sonne dazwischen.
Zu Mittag am Schreibtisch Kartoffelsalat, nachmittags Banane mit Hüttenkäse, damit ich auf der Einkaufsrunde nach Feierabend nicht hungere und am End‘ Blödsinn kaufe.

Leichte und veschiedene Muskelkater von Sport am Sonntag und Montag, ich akzeptiere nach Monaten, dass die LWS-bedingten Hüftschmerzen sich erst mal dauerhaft eingerichtet haben (so lange ich nur alle paar Wochen eine Ibu brauche, damit sie mich nicht vom Schlafen abhalten, kann ich damit leben).

Am Wochenende hatte ich angekündigt, das Weißkraut aus Ernteanteil zu einem Krautstrudel aus Österreich vegetarisch zu verarbeiten – wie so oft war es dann doch Herr Kaltmamsell, der sich tatsächlich aufraffte.

Im Bett wieder mal begonnen, einen alten Bekannten wiederzulesen (so komme ich natürlich zu nichts, wenn ich wiederlese statt all die spannenden Bücher neu zu lesen, die ich auf Stapeln und Listen habe): Sue Townsend, The Secret Diary of Adrian Mole aged 13 3/4. Mich gleich wieder an der wunderbaren indirekten Charakterisierung und Informationsvermittlung durch die komplett unzuverlässige Erzählinstanz gefreut.

§

Evidenz – das Zauberwort für Leute wie mich, die zwar genauso gerne rummeinen wie alle anderen, bei Klagen über Untergang der Zivilisation durch Technik und damit verbundenen Aufrufen zu Protest oder Gegenwehr gerne erst mal für die benannten Missstände Belege sähen, die sie dann „handfest“ nennen.

Deshalb freute mich Andrea Dieners FAZ-Artikel zu einer Tagung über deutsche Schreibschulen, „Irgendwie radikal, politisch und rebellisch soll es halt schon sein“ (online nur gegen €):

Von 1995 an, also seit Eröffnung des deutschen Literaturinstituts in Leipzig, geistert die Befürchtung durch die Feuilletons, eine Schreibausbildung forme eine typische Ästhetik und befördere vor allem Autoren, die nichts selbst erlebt hätten.

(…)

Die Forschungslage dazu ist erstaunlicherweise dünn bis nicht vorhanden, die Feuilletondebatten dazu sind umso meinungsstärker.

Und deshalb freut mich der Hinweis von @kathrinpassig auf einen Artikel in Wired über „Tech Addiction“:
„It’s Time For a Serious Talk About the Science of Tech ‚Addiction'“.

Kurzfassung:

What you’re missing, he says, is the only thing that matters: direct evidence.

Die interessante Analogie, die hier zu Arbeitszwecken gewählt wird:

Of course, we’ve been here before. Anxieties over technology’s impact on society are as old as society itself; video games, television, radio, the telegraph, even the written word—they were all, at one time, scapegoats or harbingers of humanity’s cognitive, creative, emotional, and cultural dissolution. But the apprehension over smartphones, apps, and seductive algorithms is different. So different, in fact, that our treatment of past technologies fails to be instructive.

A better analogy is our modern love-hate relationship with food. When grappling with the promises and pitfalls of our digital devices, it helps to understand the similarities between our technological diets and our literal ones.

Denn selbstverständlich gibt es ja Essstörungen – doch wir würden niemanden als essgestört bezeichnen, weil sie mehrfach am Tag ganz dringend Nahrung haben wollen.

Die Datenlage zur angeblich zerstörerischen Wirkung von Kommunikationstechnik und daraus abgeleitete Kausalitäten sind nämlich mehr als wacklig, z.B. die viel verbreitete Beobachtung, Social Media mache Jugendliche depressiv.

„I have the data set they used open in front of me, and I submit to you that, based on that same data set, eating potatoes has the exact same negative effect on depression. That the negative impact of listening to music is 13 times larger than the effect of social media.“

In datasets as large as these, it’s easy for weak correlational signals to emerge from the noise. And a correlation tells us nothing about whether new-media screen time actually causes sadness or depression. Which are the same problems scientists confront in nutritional research, much of which is based on similarly large, observational work. If a population develops diabetes but surveys show they’re eating sugar, drinking alcohol, sipping out of BPA-laden straws, and consuming calories to excess, which dietary variable is to blame? It could just as easily be none or all of the above.

Journal Dienstag, 30. Januar 2018 – Berlin, die wacklige Heimreise

Mittwoch, 31. Januar 2018

Frau Kaltmamsell, fühlen Sie sich nach der Prämierung bei den Goldenen Bloggern besonders unter Druck beim Tagebuchbloggen?

Och. Ich bin seinerzeit mit dem Druck nach dem Klarnamen-Outing klargekommen und mit dem nach der schriftlichen Androhung einer Abmahnung. Mich entspannt der Grundgedanke, dass man eigentlich hier nur freiwillig mitliest.

Mittlerweile stehen auf der Website Goldene Blogger alle Gewinne und einige Fotos der montäglichen Gala. Und Mademoiselle Read on hat dem RBB ein schönes Interview gegeben, in dem sie erklärt, dass das Web auch gut sein kann.

§

Viele Follower-Anfragen zu meinem auf privat gestellten Twitter-Account: Das Abarbeiten dauert, da ich aus guten Gründen nicht öffentlich twittere und ich mir die Anfragenden erst mal genau ansehe. Wenn ich keine Möglichkeit dazu habe – selbst auf privat gestellt, gar kein Tweet oder ausschließlich Retweets – und bei Schwanken klicke ich eher „Decline“. Anhaltende Verwunderung über Twitterer, die in der Biografie als erstes die berufliche Stellung nennen, „hier privat“ betonen, aber dann ausschließlich Berufliches twittern.
(Und dann gibt’s noch die Anfragen, die ich akzeptiere, weil ich denke: Die entfolgen eh nach zwei bis drei Tagen, weil sie etwas Anderes erwartet haben.)

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Morgens war ich sehr durch den Wind: All die bezaubernde Aufmerksamkeit kann Kater erzeugen. Außerdem hatte sich mein Gedärm ausgerechnet die Nacht nach der Gala für Kapriolen ausgesucht – es hatte bereits am Nachmittag gegrummelt.

Vor dem Berliner Hauptbanhof saßen und hüpften Stare an Stellen, an denen ich sonst Tauben oder Spatzen gewohnt bin – sehr eigenartig. Ich suchte in diesem Einkaufszentrum mit Gleisanschluss ziemlich lange nach einer Bäckerei, die mir Kaffee und Reiseproviant verkaufte, das scheint nicht vorgesehen.

Ich sah zum ersten Mal deutsche Außenwerbung mit einer Hijabi – es wurde Zeit.

Meine müde und kränkliche Benebelung führte dazu, dass ich auf der Bahnfahrt (pünktlich, problemlos) vor allem aus dem Fenster sah, hin und wieder die Gratulationen auf allen Online-Kanälen checkte, aber dann zum Glück zumindest genug Aufmerksamkeit hatte, um Zoë Becks Die Lieferantin auszulesen: Ein richtig gut gemachter Krimi („Thriller“ wie auf dem Buchtitel hätte ich den Roman nicht genannt), Handlung und Sprache sauber gearbeitet. Die Geschichte (kein who done it, wir wissen immer, wer was gemacht hat – vielleicht deshalb die Einordnung als „Thriller?) handelt in einer nahen Zukunft in London, es geht um Drogengeschäfte und -politik, um Nationalismus, organisierte Kriminalität und wunderbar viel Technik. Angenehmerweise stören keine Liebesgeschichten. Die Charaktere sind genau genug gezeichnet, dass ich sie glaubte und mich hineindenken konnte.

Daheim in München ging ich nach dem Auspacken eine Runde Einkaufen: Ich hatte große Lust auf Salat zum Abendessen und besorgte die Zutaten: Radiccio, Thymian, Gorgonzola.

Minimale Veränderungen auf den Abendbrottisch, ahem.

§

Katrin Scheib, unser aller Moskau-Korrespondentin, hat schon vor einiger Zeit einen berühmten Hersteller von Ballettschuhen besichtigt, Grishko. Jetzt steht ihr bebilderter Bericht dazu online:
„So viel rohe Gewalt steckt in einem Spitzenschuh“.