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Journal Donnerstag, 11. Juli 2024 – Byzantinische Penrose-Treppen

Freitag, 12. Juli 2024

Besonders guter Schlaf, eventuell nur nicht genug. Das Wetter ist derzeit eine Überraschungstüte, gestern stand ich zu unvorhergesehenem Regen auf.

Doch mein Marsch in die Arbeit fiel genau in die halbe Stunde mit blauem Himmel und Nach-Regen-Frische vor der nächsten Schwül-Welle – super. Unterwegs fiel mir eine Frau auf, die mit ihrem Handy die oberen Hälfte eines schlichten Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite fotografierte. Ich folgte ihrem Blick: Da saß ein Falke überm Fenster!

Emsiger Vormittag mit eher Unvorhergesehenem. Mittags ging ich auf einen externen Cappuccino, lief gleich weiter für Käsekauf zum Markt auf dem Georg-Freundorfer-Platz – doch der Käsestand war nicht da! Ich hoffe, dass die Betreibenden nur im Urlaub sind. Käse bekam ich dann in einem Obst-/Gemüse-Feinkostladen auf dem Rückweg.

Mittagessen war Pumpernickel mit Butter, viele Pfirsiche.

Nachmittags wurde es interessant und lustig – wenn auch nicht lustig gemeint. Die byzantinischen Schleifen und Muster mancher Abrechnungsprozesse winden sich so weit entfernt von jeder Verhältnismäßigkeit, dass ich hiermit nie wieder über die Penrose-Treppe von Change-Management-Beratungsagenturen witzeln werde. Effizienz und Nutzen sind sehr wahrscheinlich schlicht überschätzt, Hauptsache die Leute sind weg von der Straße und haben genug zu tun. Notfalls halt Erfundenes.

Zu spät durfte es nicht werden, da ich gestern Ernteanteil-Abholdienst hatte, Herr Kaltmamsell war beruflich verhindert. Es war gerade mal wieder sonnig, dazu schwülheiß. Ernteanteil abgeholt (unser Verteilerpunkt bei einem Coworking-Space im 1. Stock eines schraddligen Nachkriegsbaus ist ein ganz kleiner mit nur acht Kisten), daheim ausgepackt, zum Teil gewaschen.

Die Wohnung war kühl genug für eine wirklich wohltuende Runde Gymnastik, die genau richtig anstrengte, damit ich mich sportlich fühlte.

Als Nachtmahl machte ich einen Salat aus Ernteanteil: Lollo rosso, Gurke, Lauchzwiebel (zugekauft, musste weg), eine gehackte Karotte mit Joghurtdressing. Dann gab’s noch Käse, zum Nachtisch Schokolade.

Im Bett startete ich neue Lektüre: Vicki Baum, Es war alles ganz anders. Erinnerungen. Schon die ersten Seiten (Bildschirme) bewiesen wieder, wie gut sie schreiben konnte.

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Eine Mauerseglerretterin erklärt in einem Mastodon-Thread Hintergründe ihrer Einsätze.

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Rücksichtsvolles Reisen bezog sich ja bislang vor allem auf CO2-freundliche An- und Abreise. Jetzt kommt für mich zusätzlich das schlechte Gewissen hinzu, wenn ich am Zielort durch meinen Tourismus die Alltagsstruktur der Einheimischen zerstöre. Ausgerechnet dieses Jahr habe ich auf Mallorca gebucht. Reiner Wandler hat für die taz aufgeschrieben, was ich und die anderen Massentourist*innen dort angerichtet haben:
“Massentourismus auf Mallorca:
Vertreibung aus dem Urlaubsparadies”.

Mallorca hat 308.000 Hotelplätze und 104.000 Plätze in Ferienvermietungen. Hinzu kommen die Ferienvermietungen, die ohne Lizenz abgewickelt werden. Wie viele Wohnungen dadurch dem örtlichen Wohnungsmarkt zusätzlich entzogen werden, weiß niemand so genau. Dazu kommen die Ausländer – meist aus Mittel- und Nordeuropa –, die sich eine Ferienwohnung kaufen. Diese steht dann bis auf ein paar Monate im Jahr leer. Ein Drittel aller 2023 auf den Balearen verkauften Wohnungen gingen an ausländische Kunden.

(Zudem taucht in dem Artikel das komplett irrsinnige System des spanischen Wegs zu einem Beamtenposten auf, die oposiciones.)

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Auf insta zeigt unsere Gärtnerei des Kartoffelkombinats, wie’s den Tomaten geht!

Journal Samstag, 6. Juli 2024 – Ein paar Stunden Hochsommer

Sonntag, 7. Juli 2024

Herrlich gut und über neun Stunden geschlafen – so erfrischt und ausgeruht hatte ich mich seit Langem nicht gefühlt.

Blick über einen Balkontisch hinaus über die Brüstung in blauen Himmel, Sonnenschein und leuchtend grüne Bäume, auf dem Tisch eine Tageszeitung, ein Glas Wasser, eine große Tasse Milchkaffee

Draußen wunderschöner Sommer, endlich wieder Balkonkaffee – ohne Bloggen, weil Herr Kaltmamsell vereinbarungsgemäß ein gründliches Back-up des Blogs laufen ließ. Ich las ein wenig Zeitung, kochte für den Abend Panna cotta, die sich Herr Kaltmamsell gewünscht hatte (ohne Nelken).

Dann konnte ich wieder an mein Blog, dazu Wasser und Tee. Ich freute mich auf Schwimmen und Sonnenbaden im Dantebad, hoffte, dass das Wetter bis dahin halten würde: Es waren bereits für den Nachmittag Gewitter angekündigt.

Erstes Radeln in kurzer Hose, mit Trägershirt und Sandalen echtes Hochsommer-Outfit. Die Schwimmbahnen im Dantebad waren ziemlich voll (aber immer noch kein Vergleich zur Menschensuppe im Schneckenbecken), mit der doppelten Breite und freundlichen Menschen konnte ich dennoch ruhig meine Bahnen ziehen. Der Sonnenschein hielt nahezu durchgehend, an meine 3.000 Meter anschließend legte ich mich nach kurzem Duschen und Sonnencremen auf die Wiese, Musik auf den Ohren.

Freibadwiese, im Hintergrund wenige Menschen, einige alte Bäume, der Rand eines Schwimmbeckens, dahinter eine betonierte Tribüne und ein Betonleuchter

Nackte Beine auf rotem Handtuch längs aus der Perspektive der Beinbesitzerin

Freibadfotos bei Freibadwetter schwierig, wenn man niemanden ungefragt erkennbar mitfotografieren möchte.

Nach einer Stunde hatte ich genug UV-Strahlung getankt. Heimradeln über Espressobohnen- und Semmeleinkäufe in Schwabing, in der Sonne war es knapp unter zu heiß. Aber die Farben! Das Sommerlicht!

Die riesige und sehr dicht befahrene Kreuzung Dachauer Straße (dreispurige Straße plus Abfahrten, Geh- und Radwege auf beiden Seiten, in der Mitte Trambahntrasse) Landshuter Allee (Abfahrten von der Überführung über die Kreuzung, Geh- und Radwege) ums Ecke vom Dantebad ist seit Monaten eine Baustelle mit immer wieder neuer und spannender Wegführung erzwungen durch Trennwände. Gestern auf dem Rückweg waren alle Ampeln ausgefallen, und ich bildete mir ein, dass dadurch die Verkehrsteilnehmenden endlich aufeinander achteten: Die Autos fuhren Schritttempo, ließen einander in Gruppen vorbei, Fußgänger*innen gaben Radeln Tipps, wie sie durchs Labyrinth auf den gegenüberliegende Straße kamen, Kinderwagenschiebende wurden zu Bordsteinabsenkungen gelotst. Insgesamt aber eine eher bizarre Szenerie.

Frühstück daheim deutlich nach drei: Körnersemmel, Pfirsich mit Joghurt. Dann erst Duschen und weitere Körperpflege. Als ich frisch und fertig ins Wohnzimmer kam, zeichnete sich bereits deutlich ab, dass das Wetter nicht für den ersehnten Biergartenbesuch halten würde (Steckerlfisch im Hirschgarten).

Blick über Balkonbrüstung in Bäume, dahinter deutlich dunkelgrauer Himmel

Keine halbe Stunde nach dem Foto stürmte und regnete es.

Blick über Balkonbrüstung in Bäume, die von Wind und heftigem Regen geschüttelt werden

Restlicher Nachmittag mit Zeitunglesen – und langsamem Kleidungs-Aufrüsten, für kurze Hose und Träger-Shirt wurde es immer deutlicher zu kalt.

Statt Steckerlfisch gab es als Nachtmahl ein Ernteanteil-Karotten-Thaicurry von Herrn Kaltmamsell, ich schnippelte dazu als Salat Tomaten, Ernteanteilgurke, eine Karotte (roh vertrage ich sie ja nicht so gut), süße Zwiebel, mischte die restlichen Salatblätter unter. Aperitif Calvados-Tonic, Nachtisch mit pürierten Erdbeeren Panna cotta – die mir leider misslungen war: Die Gelatine hatte sich abgesetzt. Muss ich beim nächsten Versuch also die Mischung wieder unter Rühren abkühlen lassen, bevor ich sie in die Förmchen gieße (zumindest glaube ich mich zu erinnern, dass das früher mein Trick war).

Im Bett begann ich meine nächste Lektüre, diese wieder aus der Münchner Stadtbibliothek: Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Glänzende Aussicht. Mir hatte ihr Weiches Begräbnis ja sehr gut gefallen, jetzt nahm ich mir den Roman 1987 vor, den ersten großen Erfolg der chinesischen Autorin.

Journal Samstag, 29. Juni 2024 – Bachmannpreislesen, Tag 3

Sonntag, 30. Juni 2024

Der Wecker holte mich aus tiefem Schlaf, der die ganze Nacht gut gewesen war. Ich hatte ja noch fertig zu bloggen.

Moderner Hauseingang mit Schiebetür, auf der Scheibe "ORF K", rechts daneben aufgestellt ein Hinweisschild "Zum Bachmannpreis"

Wieder war ich rechtzeitig genug im Fernsehstudio für einen Sitzplatz ganz hinten. Ich betrachtete die nackten Nacken in den Reihen vor mir, an deren Kurvigkeit sich fast immer das Alter des Menschen ablesen ließ.

Tag 3, an dem vier Texte vorgelesen und besprochen wurden, begann mit Semi Eschmamp und seinem Text “Ist Realität selbst da, wo sie nicht hingehört?”: Ein surrealer Text mit verschobener Realität in Kapiteln, die einander die Hand gaben. Ich bemerkte, dass meine Aufmerksamkeit immer wieder abschweifte und ich sie mit Anstrengung zurückholen musste.

Erstmals machte Philipp Tingler den Anfang: Ihm hatte der Titel gefallen für das Projekt einer Tour durch Begriffe, Fragen von Mitteilsamkeit und Bedeutung, von einem Begriff zum nächsten, mal mehr, mal weniger gelungen. Manche Bilder fand er gut, blieb jedoch zwiespältig gegenüber einer “Sprache manchmal ein bisschen wie vom Lastwagen gefallen” – was auch Absicht sein könne. Thomas Strässle sprach von einem phantastischen Text phantastischer Literatur, der eigentlich aus der Zeit gefallen sei: Agierender Blick, Traum, personalisiertes Lächeln war eigentlich eine Strömung des 19. Jahrhunderts. Die philosophischen Exkurse darin seien vor allem Quatsch, könnten aber ebenso Absicht sein wie die regelwidrige Zeichensetzung und die Floskeln. Mithu Sanyal mochte das Arbeiten mit Absurdität, wie die Sätze verschränkt seien, fand gleichzeitig keine Beziehung der Personen zur Welt.

Klaus Kastberger stimmte den Eindrücken zu, wies auf sprachimmanente Prozesse hin, fand darin Methoden der 20er-Jahr-Avantgarde. Er hielt es für möglich, dass der Text von KI geschrieben wurde (fragte nach den Regeln des Bachmannpreises für solche Fälle), weil so vieles knapp daneben sei. Er fand gut, dass der Text seinen eigenen Produktionsprozess reflektierte – war allerdings enttäuscht über das Ergebnis. Mara Delius fand das mit KI einen schlimmen Vorwurf, doch auch sie fragte sich, ob die Reflexion des Produktionsprozesses funktioniere, von der Hinterfragung der Realität lenkten die Bilder ab, und die Verschachtelungen seien zu simpel. Brigitte Schwens-Harrant schloss sich an: Sie mochte den Blödsinn, der Text arbeite reizvoll mit Methoden, die Realität zu durchbrechen, doch wo gehe das hin? Enttäuscht war sie vor allem, dass der Text mit einer Moral von der Geschicht endet. Für Laura de Weck drehte er sich um eine Person, die Leichtigkeit sucht, sie sah die Ratlosigkeit der Jury-Diskussion als Spiegel. Veraltet fand sie ihn nicht, er habe ganz eigene Sprachmittel gefunden. Er erzähle den Blick in den Kopf von jemandem, der versuche, sich in den Griff zu bekommen. Kastberger fand ihn dann schon originell, konnte aber keine Figur erkennen.

Strässle kam nochmal auf das Veraltete zurück: Das Buch, das sich nicht öffnen lässt, sei von Novalis, und auch sonst erkannte er “supertraditionelle Elemente”. Sanyal überlegte noch, dass sie den Text lieber als Film rezipiert hätte.

Der nächste Text war ein echtes Highlight: Die Satire “Das Gurkerl” von Johanna Sebauer. Während Sebauer las, wurde das Glucksen und Prusten im Zuschauerraum immer häufiger: Perfekt ausgeführt schildert die Geschichte, wie aus einem Ungeschick in einer Lokalredaktion mit einem Essiggurkenglas eine riesige Gesellschaftskontroverse um Gurkerl wird – mit immer neuen wirklich gut gemachten Wendungen und Details. Lesen Sie den verlinkten Text, er ist wirklich vergnüglich, ich fühlte mich an den Wahnwitz der besten Satiren von Ephraim Kishon in der Übersetzung von Friedrich Torberg erinnert.

Sanyal begann mit Begeisterung über den “wahnsinnig gut geschriebenen Text” von großer Komplexität über Aufheizungsmechanismen. Delius äußerte Respekt vor dem hochriskanten Unterfangen Humor und Effekt – das hervorragend und elegant gelöst worden sei, geschickt komponiert. Gut fand sie, dass die Perspektive sich nicht auf eine Seite schlage. Auch Strässle betonte das Risiko, doch der Text sei nicht gescheitert; er mochte die gut positionierte Erzählerfigur. Allerdings wünschte er sich, er hätte mehr über die Gründe solcher Überhitzungen erfahren und sei deshalb ein wenig unbefriedigt. (Später wiederholte er das, und Delius argumentierte: “Dann würde der Text zusammenbrechen.”) Selbst Tingler fand das Stück überraschend gelungen, die sprachliche Gestaltung überaus gekonnt, mochte die Schwankhaftigkeit der Sprache auch außerhalb der Schimpfwörter, die Verbindung von rustikalem Ton und feiner Beobachtung.

De Weck erzählte von der großen Freude, mit der sie den Text gelesen habe, mochte die Sprache, die Raum suche. Man wisse ja von Anfang an, was passieren würde, und freue sich auf jede weitere Stufe. Der Text beobachte scharf, wo die Polarisierung gerade stehe. Sie wünschte sich allerdings am Schluss zumindest eine Note Dunkelheit. Kastberger war glücklich: Er habe es schon ein paar Mal mit Humor in Klagenfurt versucht, fand die Wahl des Gurkerls als Auslöser der Empörungsspirale genial. Schwens-Harrant stimmte ihm zu, weil dadurch deutlich sichtbar werde, wie komplett beliebig der Auslöser sei. Sie fand den Mechanismus Meinung-Gegenmeinung in den Medien super herausgearbeitet und freute sich, dass das Genre Satire hier vertreten sei. Dass alle Fragen beantwortet würden, liege eben an diesem Genre. Sanyal betonte, dass auch Satire gute Literatur sein könne, fand die Stimme komplett glaubwürdig, assoziierte Nöstlingers Gurkenkönig. Ein wenig ratlos waren manche über das surreale Kapitel mit wuchernden Gurkenpflanzen – ich hingegen hatte mich schon mitten im Zuhören gefragt, wie die Autorin ihre Konstruktion wohl zu Ende bringen würde und fand auch das eine originelle und gute Lösung.

Frühere und kürzere Mittagspause, ich traute mich nicht auf einen Mittagscappuccino weg, weil ich auch im zweiten Teil einen Sitz im Studio wollte. Was klappte. Es ging weiter mit Miedya Mahmod und „Es schlechter ausdrücken wollen. Oder: Ba,Da“. Der Text und das Zuhören waren ungemein anstrengende Wortkunst mit Einsprengseln anderer Sprachen, Wortschleifen, flirrenden Bildern, Personen, Verbindungen, das Ganze ohne eine lineare Geschichte – doch im Gegensatz zum Anfang des Tages litt ich nicht unter Aufmerksamkeitslöchern. Mahmod hatte wohl Fans dabei, die sich beim Applaus durch begeisterte Rufe hörbar machten.

Sanyal betonte, wie fulminant Form und Inhalt korrespondierten, wie Konsequenzen aus Zersplitterung entstünden. Auktorialer und personaler Erzähler verschmolzen ihrer Ansicht nach, sie sah eine selbstbewusste Perspektive, mutig, sich ihrer selbst bewusst. Strässler erzählte, wie gespannt er auf den Vortrag gewesen sei, dass er von einer Partitur für eine Text-Performance ausgegangen sein. Der Text wolle nicht schön sein, keine ästhetischen Kategorien bedienen – man müsse mit ihm anders umgehen als mit den anderen Texten des Bewerbs. Als Themen tauchten auf Sprachkritik, Migration, Kindheit, Ängste – radikal auf Sprache gesetzt, die sich vor den Inhalt stelle. De Weck nahm den Partiturgedanken auf, sie habe sich durch den Vortrag Zugang zum Inhalt gewünscht: Sie habe viel Zeit mit dem Text verbracht, mochte das Bild des Kindes vor dem Kühlschrank, wies darauf hin, dass die Autorin beim Vortrag Stellen des Textes weggelassen hatte. Schwens-Harrant erzählte, dass sie sich den Text sogar selbst laut vorgelesen habe, im Grunde gescheitert sei ob der Vielzahl fremder Wörter. Sie unterstrich das Babel des Nicht-Verstehens, war fasziniert von der Suche nach Bedeutungen, dem Drehen um den Kern der Sprache, fand jetzt den Klang wunderschön.

Laut Kastberger brach der Text eine Lanze für die Wiederholung, die Performance könne nicht genug bewundert werden: Wortmaterial als Faktor der Kohärenz. Auch seiner Meinung nach spielte Schönheit sehr wohl eine Rolle. Er verwies auf Ilse Aichingers Argument für “schlechte Wörter”, wünschte sich mehr Aufmerksamkeit der Feuilletons für diese Art Wortkunst. Delius griff auf, dass sehr interessant sei, was Hören mit einem Text macht; sie habe beim Lesen eher Pseudo-Progressivität gesehen, was sich im Vortrag nicht bestätigt habe. Sanyal verwies auf die Kategorien Anrufung und Gebet, Literatur komme ja ursprünglich aus dem gesprochenen Wort. Tingler äußerte sich skeptisch – wie immer, wenn “kuratorisches Begleitmaterial im Vordergrund” stehe. Er habe sich vorher alle möglichen schrecklichen Einschätzungen aufgeschrieben, sehe jetzt, dass der Text eine bestimmte Präsentation verlange. Doch er habe den Anspruch, dass die Auseinandersetzung mit Literatur auch im Privaten möglich sein müsse. Daraus entspann sich eine hitzige Diskussion. An sich ein hochinteressantes Thema, das durch die Form dieses Wettbewerbs regelmäßig in den Jury-Diskussionen auftaucht: Ich hätte mir einen suchenderen Austausch der Jury gewünscht, einen weniger konfrontativen. Kastberger nahm die Publikumsreaktion als Beleg, dass der Text funktioniere, Schwens-Harrant schlug vor, dass die Qualität eines Textes auch Klanglichkeit sein könne, Delius verwies darauf, dass Literaturkritik sehr wohl etwas damit zu tun habe, ob ein Text geschrieben funktioniert.

Strässle sprach von einem überfordernden Text, Tingler warf ein: “Durch Unterkomplexität.” De Weck versuchte es mit “Überflutung”, wie es sie auch in der Lyrik gebe.

Nachtrag: Dieser Blogpost von Tini beleuchtet die Dynamik des Textes beim Bewerb gut. “#tddl 2: Versuch mein Unbehagen beim Hören und Lesen von „Es schlechter ausdrücken wollen. Oder: Ba,Da“ besser zu verstehen”.

Der letzte Text des Bewerbs kam von Tamara Štanjer: “Luft nach unten”. Eine erwachsene Tochter spricht ihre abwesende Mutter an, erzählt von deren Flucht ins Fressen, von ihrer eigenen Kindheit, mit regelmäßgem Zwangs-Wiegen und Schmähungen ihres Körpers, “Ab jetzt gibt’s nur noch Joghurt!” (das war mir phasenweise etwas too close to home, ich versteinerte), von Erinnerungen an den Großvater. Es riss mich, weil Ingolstadt auftauchte (wegen Viktor Frankenstein), ich war bezaubert, weil die Autorin die Geräusche einer MRT vorsang. Die letzten Absätze fielen Štanjer sehr schwer, sie kämpfte mit Tränen.

Delius nannte den Text einen hochkomplexen und interessanten Brief an die Mutter; schon beim Selbstlesen habe sie den Eindruck gehabt, er habe geschrieben werden müssen. Formal wie inhaltlich sei er ein Versuch, Gesetzmäßigkeiten zu verschieben, zu verhindern, dass Traumata nochmal weitergegeben würden. Sie mochte besonders das Bild der Pünktchen und Punkte, verwies auf die Empörung des Kindes der eigenen Mutter gegenüber: Diese hatte Schlimmes erlebt und es dennoch weitergeben, offensichtlich alles vergessen. Auch Strässle ging auf die metaphorischen Punkte ein, die Flecken und die Linien. Er fand den Text sehr gut gearbeitet, nahm als Beispiel die Plastizität der Fress-Szene mit schwerem Atem, mit den Wortspielen, die sich daraus ableiteten. Tingler hob als gelungenen Aspekt die Intensivierung und die Dringlichkeit hervor: Die Aufzählung der Therapien am Anfang halte noch auf Distanz, doch dann werde die Sprache immer dringlicher. De Weck war überrascht über den leichten Tonfall des Vortrags gewesen: Sie habe die Wut und Anklage lauter erwartet. Sie fand aber die Erklärungen zum Verhalten der Mutter überflüssig – später rechtfertigte Schwens-Harrant sie: Es handle sich doch um die Erklärungsversuche der Tochter-Stimme.

Sanyal hob den Call & Response hervor, dass anfangs die Mutter ein Monster sei, dann beim liebevollen Nähen der Faschingskostüme aber Wärme bekomme. Kastberger referenzierte den Text des 1. Lesetags über das Verrücktwerden der Mutter, in dem der historische Hintergrund eine größere Rolle gespielt habe, hier nur in einem Halbsatz. Hier habe man im Gegensatz zum anderen Text die Innenperspektive. Den Titel des Texts fand er besonders super. Schwens-Harrant konzentrierte sich auf Formales: Ansprache der Mutter, aber die Mutter hört das gar nicht. Das habe eine gewisse Tragik, sei aber eine Form des Aufarbeitens. Manche Abschnitte seien wütend, andere zärtlich, auch sprachlich ganz unterschiedlich – ein imponierender Text. Für Tingler gab es manchmal einen Satz zu viel, doch die Erzählhaltung passe stimmig.

Abschließend fasst de Weck zusammen, dass es in diesem Jahrgang besonders viele Texte mit Bespiegelung der Eltern gegeben habe. Stimmt.

Ich ging recht zügig in fast schon unangenehmer Hitze zur Ferienwohnung, um dort kurz vor drei zu frühstücken: Pumpernickel mit Frischkäse, Nektarinen mit Joghurt. Dann zackiges, Umziehen, Cremen, Packen: Ich spazierte nochmal zum Strandbad.

Dort reichte es für einmal Schwimmen und ein wenig Sonnenbaden mit Musik, dann wurde ich schon wieder wepsert und spazierte zurück. In der Ferienwohnung verbloggte ich den Lesungstag, als Nachtmahl gab’s die Reste der Lebensmitteleinkäufe: Tomaten, rote Paprika, Käse, Nektarinen. Schokolade hatte ich schon auch anfangs gekauft, aber immer noch keine Lust darauf – werde ich krank?

Den Studenten, den mir die Vermieterin nachmittags als Nachbarn vorgestellt hatte, der abends an mein Zimmer klopfte und fragte, ob er meine Gang-Dusche benutzen dürfe, winkte ich dann einfach freundlich durch. (Auch er, so stellte sich heraus, hatte unter falschen Annahmen gemietet.)

Abends nutzte ich die Gelegenheit, ein paar langjährige Klagenfurt-Bekannte zu treffen, die nur für diesen Abend angereist waren: Tex Rubinowitz und Maik Novotny bespaßten den Lendhafen mit ihrem Literatur-Pop-Quiz.

Nacht: Zwischen hohen, steinernen Pfeilern einer Fußgängerbrücke ist eine kleine Bühne aufgebaut, darauf ein Tisch mit Laptop, hinter dem Tisch sitzt ein Mann, links daneben steht ein anderer, umgeben ist die Bühne von Sandboden, auf dem Liegestühlte und Stühle stehen, die meisten mit Menschen besetzt

Die Nacht war herrlich mild, ich ließ mich zu Mitdenken beim Quiz drängen (verquaste Bilderrätsel, dreimal verdrehte Fragen nach absurden Ecken der Popkulturgeschichte), plauderte, nach Abschluss des Quiz auch mit den Mastern, vor allem über die Texte des Bewerbs: Deutlich unterschiedliche Einordnungen, zum Teil auch in die Gesamtgeschichte des Bachmannpreises, und jetzt sind wir so alt, dass es Geschichten über Autor*innen gibt: “Die kannte ich schon, als sie so” (Handwedeln in Kniehöhe) “klein war.” Ungeteilt war zu meiner Überraschung unsere Begeisterung für die Satire “Das Gurkerl”, weil sie einfach genial gemacht wurde.

Erst gegen Mitternacht kam ich ins Bett.

Journal Freitag, 28. Juni 2024 – Bachmannpreislesen, Tag 2

Samstag, 29. Juni 2024

Gut geschlafen, erfrischt aufgewacht.

Nach Fertigbloggen und Milchkaffee spazierte ich in schönem Sonnenschein zum ORF-Theater.

Der Zuguckort Lendhafen war bereits gut besetzt. Ich platzierte mich wieder ins Studio. Gestern verliefen die Jury-Diskussionen kontroverser und turbulenter (Verdacht, dass ihnen das am Donnerstag selber zu fad wurde), ich bekam einen deutlichen Favoriten zu hören, und erstmals mischte sich eine Autorin in die Jury-Diskussion.

Moderator Peter Fässlacher stellte die Mitglieder der Jury wieder mit Zusammenfassungen ihrer bisherigen Aussagen vor, das hatte schwer was von Herzblatt (Verzeihung, ich bin alt).

Los ging der zweite Lesetag mit Sophie Stein und “Die Schakalin”. Der Text hatte mit einer eher jungen Frau und einem eher jungen Mann zu tun, die sich im Urlaub kennengelernt hatten und bald heimfahren würden – und er interessierte mich nicht besonders. Anders die Jury: Mithu Sanyal mochte die “unglaubliche Atmosphäre”, den magischen Anfang, sah im Mittelpunkt zwei Figuren, die sich gegenseitig korrigieren wollten. Thomas Strässle fand die Merkwürdigkeiten der Frauengestalt am Anfang übertrieben, im Lauf der Geschichte aber plausibel, mochte Stimmung und Natur, sah den Gegensatz Produktivität-Prokrastination – wurde in seinen Erwartungen aber am Ende enttäuscht. Klaus Kastberger berichtete, er habe sofort den Verdacht gehabt, der Text sei einem philosophischen oder naturwissenschaftlichen Seminar entsprungen: Er fand ihn angbeberisch, nach Nestroy “hat Sonntagsgwand an”, sei auf Ausdruck getrimmt und leide an “Adjektivitis”. Aus Mara Delius’ Sicht war der Text leicht zu unterschätzen, sie wies auf Mittel der phantastischen Literatur hin, aufs Erschauern, auf den Modus der Unsicherheit. Brigitte Schwens-Harrant1 mochte die Anlage mit dem Ort, der Zeichen des Übergangs setze – Fluss, schwarzes Meer (wo Ovid ja seine Metamorphosen geschrieben habe). Doch daraus mache der Text zu wenig.

Philipp Tingler hatte nichts gegen Angeberisches, ihm gefiel die Bewegung, die Determiniertheit. Doch er hatte ein Problem mit dem Verhältnis der Figuren zueinander: keine Bewegung, keine Dynamik. Laura de Weck konzentrierte sich auf die Korrekturen und die Frage, ob wir bereit wären, auf einen Teil unserer Kindheit zu verzichten, wenn wir dadurch von seinen Traumas befreit würden. Delius sah sehr wohl eine Entwicklung, die “Korrekturen” der Frau als utopisches Projekt zum Recht auf ein glückliches Leben. Kastberger kritisierte, dass der Text in jedem zweiten Satz etwas aus einer Theorie hole. Dann wurde es wirr, weil es mal um die Spannung zwischen den Figuren ging, dann wieder um den Realitätsgehalt von Inhalten, dann um Kastbergers unterstellte Entstehung des Texts – nach meiner Auffassung wurde viel aneinander vorbei geredet.

“Eine Treppe aus Papier” hieß der Text von Henrik Szánto, der mit einer langen Aufzählung begann – auf die ich mich nach kurzem Stutzen einließ, weil sich schon aus der Aneinanderreihung Atmosphäre und eine Geschichte ergaben. Dann setzten zunächst rätselhafte Bilder ein – doch bald wurde klar: Hier erzählte ein großes altes Wohnhaus in einer deutschen Stadt über die Bewohner*innen vieler Jahrzehnte – in ständigen zeitlichen, räumlichen, persönlichen Überlagerungen (“wie ein mehrfach belichteter Film”). Ich war hingerissen, hatte sehr deutlich Häuser in München Schwabing vor Augen. Nach der Lesung langer Applaus.

De Weck erzählte von ihrer Mühe, in den Text hineinzukommen, habe ihn dann aber gerne gelesen: Wieder Thema Vergangenheit und wie sie nachwirkt, in diesem Fall über konkrete Gestalten, bis hin zur Fliegerbombe in der Gegenwart, wegen der wieder die Bewohner das Haus verlassen müssten. Sanyal mochte die Perspektive der ersten Person Plural, sah aber das Problem, dass ein erzählendes Haus den Personen nicht sehr nahe kommen könne – sie fühlte sich an ein Ali-Mitgutsch-Wimmelbild erinnert. Kastberger nannte den Text “fulminant”, diese literarische Form sei ihm noch nie begegnet, sie mache deutlich, das Historisches nie vergangen ist. Der Text schiebe Dinge übereinander, eben nicht wie in einem Wimmelbild. Strässle fand ihn eindrücklich und originell. Tingler äußerte sich berührt durch die Offenheit des Textes, die Autonomie der Erinnerung. Wichtig sei das Thema Material, Substanz – zum Beispiel Papier als Material der Weitergabe von Erinnerungen; manches sei ihm aber “too much” gewesen.

Schwens-Harrant fand das Haus als Metapher mutig, war sofort im Text gefangen – rühmte das Medium Literatur, das ermögliche, dass alles gleichzeitig sein kann. Als Schwäche bezeichnete sie die Erklärungen, die sich “hineingeschummelt” hätten. Sanyal kritisierte die Zeichnung der negativen Figur: Sie fragte, was sie noch außer böse sei. Für Delius war das Konzept des Texts “Defiguration”, sie mochte auch die Ansprache des Publikums.

Denis Pfabe las “Die Möglichkeit einer Ordnung”. Der Text spielt in einem Baumarkt, das mochte ich, darin verbringt die Hauptfigur einen Tag. Doch schon als eher am Anfang die Rede war von Räumen des Eigenheims, die “nun doch leer bleiben würden”, schnappte der Topos (trope?) vergeblicher Kinderwunsch zu, und ich hörte alles Folgende aus dieser Perspektive. Schwens-Harrant beschrieb, wie der Text immer wieder während des Tags im Baumarkt ein Stück Information vermittle; wichtig sei das Setting Baumarkt – ein Ort, an dem Träume verkauft würden, die für ein bestimmtes Lebens- und Familienmodell stehen, für die Lebenslüge, wenn man sich nur genug anstrenge, könne man alles schaffen. Hier aber setze er eine “unheimliche Trauergeschichte in Gang”. Der Text überschreite Grenzen, wie die Hauptfigur am Ende hinter die Regale kriecht. Für Delius war das ein “absolut perfekter Text”, meisterhaft, wie er “Suspense” aufbaue, wie er komponiert sei. Aus ihrer Sicht gebe es möglicherweise das Haus gar nicht. Auch Strässle lobte ihn als hervorragenden Text, er bleibe bei der Möglichkeit. Er hatte nur spät begriffen, dass es sich um eine Verlustgeschichte handelte, das sei “extrem subtil” gemacht (wie bitte? nur wenn Baumarkt-Vorschlaghammer subtil sind). Alles gehe wunderbar auf, er fand nur die Farbsymbolik aufdringlich. Auch de Weck sprach von einem starken Text, vom Versuch einer Figur, etwas tief Emotionales mit Technischem zu lösen. Sanyal gab zu, der Text habe ihre Geduld strapaziert: Eigentlich müsse das Paar miteinander reden, doch die Hauptfigur rede statt dessen mit den Angestellten des Baumarkts.

Tingler, der die Geschichte auch mitgebracht hatte, lieferte mir den Schlüssel für einen gnädigeren Zugang: Das Surreale. Die Gespräch würden gar nicht wirklich geführt, nichts an dem Vordergrund sei verlässlich, schon gar nicht die Hauptfigur. (Damit löste sich auch mein Unwohlsein auf, dass die Hauptfigur den ganzen Tag, die ganze Geschichte hindurch weder Hunger hatte noch aufs Klo musste.) Für ihn war der Text eine Parabel des Bemühens. Kastberger fand den Text langweilig, Delius ordnete ihn als Krise der Männlichkeit ein. Kurzer abschließender Schlagabtausch zwischen Sanyal, die festhalten möchte, dass manche Texte halt manche Leser*innen nicht erreichen, das könne man aber nicht den Texten vorwerfen, und Tingler, der auf den Wert objektiver Kriterien pocht. (Ich stimmte schon wieder Tingler zu, mich interessiert aber die Wirkung dieser objektiven Kriterien auf den Rezeptionsprozess – siehe meine nie fertiggestellte Dissertation.)

Mittagspause, draußen war es sonnig und in der Sonne heiß. Für meinen Mittagscappuccino spazierte ich zur Hafenstadt – ein Bereich mit Locations, der erst nach meinem Besuch vor zwei Jahren eingerichtet wurde und mir sehr gefällt.

Schmeckte mir sehr gut!

Der Nachmittag begann mit Olivia Wenzel und “Hochleistung, Baby”: Erstmals tauchte Fußball auf, erstmals in diesem Bewerb gab es kleine Kinder. Sanyal schwärmte sofort, der Text habe sie umgeworfen mit seiner Verschränkung einer Quasi-Reportage eines Fußballer-Interviews und der Ich-Erzählung aus einer Gruppe Mütter. Er breche mit vielen Tabus (Milchstau), sei auch sehr lustig. Für Strässle war der Text vordergründig sehr attraktiv, spreche von Klasse, Gender, nutze eine Klaviatur von Effekten, sei raffiniert gemacht – und werfe mit dem Schluss als Traum rückblickend ein neues Licht auf alles. Kastberger freute sich über einen seltenen Text über Fußballer, war fasziniert von der Mischung Fußballerwelt und Frauenwelt, fand die journalistische Neugier spannend, fand die literarische Form hochinteressant, sah darin sogar eine altmodische Novelle. Delius sprach von einem Thesenstück, in dem alle Themen der Zeit vorkommen, in der Umsetzung sei es aber konservativ. Sie wies auf das merkwürdige Frauen-Kollektiv hin und die offensive Körperlichkeit – fand alles aber nicht gut genug miteinander verbunden.

Für Tingler war der Text “modische Literatur”, er arbeite mit einem modischen Begriff der Identitäten, dem sich der Fußballer aber widersetze. Ihn störte die kitschige Ozeanfantasie, die konventionelle Schilderung des Begehrens. Sanyal wiederum fand den Text radikal, unter anderem durch die reichliche Verwendung von Englisch. Für de Weck hatte der Text mehrere Ebenen, auch inhaltlich, er setze sich mit wirklich zeitgenössischen Themen auseinander, literarisch auf bestmögliche Weise verarbeitet. Schwens-Harrant sah den Schlüssel in Begehren und Körperlichkeit, ihr gefielen die “Wir”-Teile besonders gut. Die Gruppe der Frauen bestehe nicht aus Individuen, sie zeige Mütter als die eigentlichen Hochleistungssportler.

Und nun schaltete sich die Autorin Olivia Wenzel ein: Sie bat zum einen Delius darum, die Beschreibung “konservativ” genauer auszuführen, erklärte der Jury außerdem, ab wann und wie die Traumphase im Text einsetzte und dass er darum gehe, wie man aus zugeschriebenen Rollen ausbrechen kann. (Habe sofort die Mutter von Garp im Film vor Augen, gespielt von Glen Close, wie sie auf Garps Erklärung, was seine erste Kurzgeschichte bedeutet, strahlend sagt: “Wenn sie das bedeutet, mag ich sie!”) Die Autorin hatte ihre Chance doch bereits gehabt: Beim Schreiben des Texts. Delius erklärte aber bereitwillig, dass die Sprache mit ihren Bildern wenig mache, vieles sehr erwartbar sei.

Und Geschichte Nr. 5: Kaśka Bryla, “Der Kakerlakenschwarm”. Der Text erwies sich als Corona-Geschichte in einer Bauwagen-Umgebung, ich fand nichts daran, was mein Interesse gehalten hätte. De Weck aber hatte sie sehr gern gelesen, mochte die Atemlosigkeit und Direktheit. Nahezu ohne Punkt geschrieben, hätte sie von dieser Formalie allerdings einen Zusammenhang mit dem Inhalt erwartet – der nicht gekommen sei. Strässle wollte nicht mal wissen, wie die Reise weitergeht, konnte auch nichts mit den Metaphern anfangen. Viele Themen würden angetippt: Käfig als Transittraum, Geschlechtsdefinition. Sanyal hätte gerne die folgende Heilungsgeschichte gewusst. Schwens-Harrant las als Themen Schmerz auf verschiedenen Ebenen, Krankheit als Isolation, eine weitere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Vaters, Nachgeborene mit dem Auftrag, die Geschichte aufzuschreiben. Sie konnte auch die Kakerlaken zuordnen.

Tingler störte sich an der Selbstbezüglichkeit ohne Transzendenzen, Kastberger fand die bisherigen Interpretationen der Jury interessanter als den Text selbst. Dann ging es ein wenig hin und her, ob das Celan-Zitat am Ende passte oder nicht.

Mein Plan war gestern, nach kurzen Einkäufen fürs Abendbrot zum Strandbad zu marschieren. Als ich aus dem ORF-Theater ins Freie trat, stutzte ich allerdings: Der Himmel war bedeckt. Erstmal frühstückte ich im Garten kurz nach drei Pumpernickel mit Fischkäse.

Bei meinen Einkäufen beschloss ich, es darauf ankommen zu lassen. In der Ferienwohnung sonnencremte ich mich also und schlüpfte in einen Bikini, warf ein Strandkleid über und marschierte los. Unterwegs wurde es immer sonniger und ich traf auf Erst-Schlachtenbummlerin Moni (@gedankenträger), die zum Strandbad radelte. Wir schlossen uns zusammen, schwammen, ratschten, sonnten uns. Sie zog aber bald schon wieder zu einer Veranstaltung ab.

Ich hörte Musik, behielt die Kopfhörer auch auf dem gut halbstündigen Weg zurück auf: Das mache ich sonst nie, ich ertappte mich dabei, wie ich immer wieder im Takt der Musik ging, manchmal fast tanzte.

Bach von Bäumen und Wiese gesäumt, daneben ein asphaltierter Weg, am Beginn ein Dreifach-Verkehrsschild absolutes Halteverbot, darunter Abschleppzone darunter Fuß- und Radweg

Mein Traum für Münchens Zentrum.

Brücke über Flüsschen, an deren Betonpfosten sich das Sonnenglitzern des Wassers spiegelt

Stamm eines riesigen alten Baums neben Pfad neben Bach

Hier am Lendkanal hat’s wirklich riesige Robinien.

Zurück in der Ferienwohnung lag noch das Verbloggen des ganzen Lesetags vor mir, ich machte mich dran. (Von Erholung war in Klagenfurt eh nie die Rede.) Um halb neun hatte ich dann aber argen Hunger, kochte also mit der weniger als mageren Ausstattung Nudeln, mischte sie mit gewürztem Joghurt, Käse, Tomaten (die einzige Schüssel hat Waschtrog-Format, kein Foto to protect the innocent). Zum Nachtisch gab’s Flachpfirsiche und sensationell aromatische Nektarinen. Es ist ein Elend, dass in der Saison importiertes Lidl-Obst verlässlich besser ist als das aus dem Bio-Supermarkt oder von Standln – ich möchte die Anbaubedingungen wirklich nicht unterstützen, liebe aber gutes Obst.

Nicht geschafft: Freitagszeitung lesen, auch nur eine Zeile meiner aktuellen Romanlektüre.

  1. Zefix behaupte nochmal jemand, ich hätte einen schwierigen Namen! Diesen muss ich auch nach Jahren #tddl fast jedesmal nachschauen – so heißt man nicht! []

Journal Donnerstag, 27. Juni 2024 – Bachmannpreislesen, Tag 1

Freitag, 28. Juni 2024

Das eine oder andere wendete sich gestern dann doch zum Guten.

Mittelgute Nacht, die missliche Unterkunft, vor allem das fehlende WLAN beunruhigte mich ziemlich. Kurz nach sechs beschloss ich, dass genug war.

Edelstahl-Küchenblock, im Vordergrund zwei Herdplatten, auf einer steht eine kleine Cafetera, auf der anderen ein Suppentopf mit ein wenig Milch

Milchkaffee mit mitgebrachter Cafetera – die Milch bodenbedeckend erhitzt im einzigen verfügbaren Topf. Beneiden Sie mich nicht zu früh um diesen Urlaubsluxus: An der Spüle gibt es kein warmes Wasser.

Wieder über Smartphone-Hotspot brachte ich meinen Laptop online und finalisierte Blogtext sowie Fotos. Ich war sehr gefasst darauf, dass es auch in der Dusche kein warmes Wasser geben würde – doch hier lief es problemlos! Man muss das Gesamtniveau einer Unterkunft nur genug absenken, dann löst sowas echte Begeisterung aus. Nach dem Duschen wurde mir auch der Sinn des bereitgestellten Abziehers in einer gemauerten Dusche mit Vorhang klar: Der Abfluss der Duschwanne liegt nicht am tiefsten Punkt, ich musste das Wasser hinschubsen, wenn es nicht stehen sollte.

Durch das frühe Aufstehen war ich sehr zeitig bereit für den Aufbruch und traf in Milde, aber unter bedecktem Himmel so früh am ORF-Theater ein, dass ich einen Sitzplatz im Studio bekam (es ist mir weiterhin das Liebste, live dabei zu sein; ich habe kein Bedürfnis, mich bereits während des Vorlesens und der Jury-Diskussion darüber auszutauschen).

Kleines Fernsehstudio vom Zuschauerbereich aus, unten Tische und Stühle noch unbesetzt, aber ein paar Zuschauerköpfe

Der Lesetag startete mit Sarah Elena Müller und ihrem Text “Wen ich hier seinetwegen vor mir selbst rette”. Ich hörte eine recht verrätselte Paar-/Drogen-Geschichte aus Ich-Perspektive mit sprechenden Gegenständen und inneren Stimmen, die zu Personen werden. Nicht so mein Geschmack, auch wenn ich das originelle Element Nähen mit Nähmaschine, Fäden, Stoffe schätzte.

Die Jury war sich überraschend einig in ihrem positivem Urteil (wie es eigentlich den ganzen Tag über keine tiefen Unterschiede in der Einordnungen der Texte gab): Mara Delius schätzte die Schwelle als Übergangsmarker, mochte viele der Bilder. Thomas Strässle nannte ihn einen “großartigen Text” und hob die doppelte Codierung von Stoff und Nadeln hervor. Auf Laura de Weck hatte die Handlung spannend wie ein Thriller gewirkt, Philipp Tingler sah im Vordergrund die Ambivalenz des Sorgens und Kümmerns, des sich selbst suspekten Inneren und war froh, dass der Text nicht mit einer Leseanweisung komme. Mithu Sanyal freute sich über das “produktive Rätsel”, dass viele Fragen offen bleiben, sich Ebenen überlagern. Brigitte Schwens-Harrant wies darauf hin, wie spät das “Ich” auftauche, dass der Text im Unklaren lasse, wer da locke, suche, wem eigentlich geholfen werden müsse.

Nur am Schluss bekannte der neue Vorsitzende der Jury, der vertraute Klaus Kastberger (nachdem er den vorherigen Punkten der Jury zugestimmt hatte): “Ich kann Texte nicht ausstehen, in denen Gegenstände sprechen.” Das gehöre für ihn in Kindergeschichten. Ah, geht also nicht nur mir so.

Zweiter Text des Bewerb-Tages: “Schwestern” von Ulrike Haidacher. Ein Standard beim Bachmannpreislesen: Die Begleitung eines sterbenden alten Menschen. In diesem Fall wird aus der Perspektive der Enkelin erzählt, die zusammen mit ihrer Mutter die letzten Stunden im Sterben der Großmutter erlebt; alle drei, so stellt sich heraus, sind gelernte Krankenpflegerinnen. Aus meiner Sicht sauber erzählt.

Sanyal gestand ihr anfänglichen Vorbehalte, weil der Text nach einer einfachen Erzählung ausgesehen habe, doch sie entdeckte einen neuen Blick auf Bekanntes: Es werde elegant viel mehr verhandelt (z.B. Grenzen). Kastberger wies darauf hin, dass letzte Momente in Klagenfurt oft thematisiert würden, hier aber in total neuer Weise. Er habe sehr viel gelernt (was ich halt 2018 aus dem ausführlichen und epochalen Artikel “Ganz am Ende” im SZ-Magazin über die Abläufe beim Sterben schon wusste). Strässle gestand dem Text Zartheit zu, sah darin Konflikte nur angerissen, nicht ausgetragen. Delius fand bemerkenswert, wie hier der Moments des Abschieds sprachlich verhandelt worden sei, Schwens-Harrant hielt es für mutig, wenn sich jemand überhaupt der ganz großen Themen wie Tod oder Liebe annehme. Tingler äußerte sich ein wenig enttäuscht, dass nach dem Vorstellungsfilm (Haidacher ist Kabarettistin und hatte von ihrer Begeisterung für Bühnenlautstärke gesprochen) ein so vorsichtiger Text gekommen sei. Und er werde seinen beiden Motiven Pflegeberufe und Generationenkonflikt nicht gerecht. De Weck bemängelte, dass alles auserzählt werde, die Sprache nur eine Ebene habe. Sanyal widersprach, aus ihrer Sicht war die Sprache nur scheinbar einfach: Es werde durchgespielt, wie eine einzelne Person mit der Situation umgehe.

Von Jurzcok kam als Nächstes “Das Katangakreuz”, eine konventionell erzählte Geschichte über ein Elternpaar aus der Sicht ihres Sohnes: Der Vater sammelt und bestimmt Münzen, doch sobald die Mutter eine Rolle spielt, wird klar, dass es um ihre typische unerzählte Geschichte geht.

Delius hob den scheinbar drögen Einstieg hervor, sah dann Heimatsuche, das Motiv Tausch, den Versuch des Sohns, seinen Vater zu fassen – doch dann die eigentliche Geschichte der Mutter. Sie fand “extrem interessant” mit welchen Mitteln der Text der Geschichte der Frau Raum gab. Raum nahm de Weck auf, ihr fehlte aber die Haltung des Kindes zu diesen Eltern. Sanyal sah die Perspektive des Kindes widergegeben, sah einen übermächtigen Vater, hinter dem ein zerbrechlicher Mann stehe, fand das elegant gemacht. Auch für Strässle steuerte der Text auf die Mutter zu; er erkannte typisch Schweizer Motive der Enge. Tingler kritisierte, dass viel zu viel expliziert werde, zu ausführlich geschildert, außerdem sei fragmentarische Erinnerung technisch ein wenig einfach. Schwens-Harrant wies auf Inkonsistenzen der Erzählweise hin: Mal sei es eine Kindersicht, dann wieder eine offensichtlich rückblickende. Kastberger fand den Text sprachlich sauber gearbeitet, aber auch, er habe zu wenig Raum gehabt, die vorgegebenen 25 Minuten nicht gut erfüllt; er wünschte sich mehr “erhellende Momente” wie die Autofahrt.

Mittagspause. Ich traf eine sehr spät angekommene Erst-Schlachtenbummlerin (die ich schon immer aus dem Internet kenne), die es am Vorabend wegen Bahnverspätung aus Berlin nur bis Salzburg geschafft hatte. Für meinen Mittagscappuccino ging ich unter überraschend blauem Himmel wenige hundert Meter Richtung Innenstadt; beim Zeittotschlagen am Vortag hatte ich die eine oder andere Stelle gesehen, die nach schnellen Cappuccino im Stehen aussah. Bekam einen, der ok schmeckte.

Für den Nachmittag setzte ich mich auf die andere Seite ins Publikum, die beiden anderen Frauen aus dem Internet, die ich kannte, neben mir.

Zuschauerbereich eines kleinen TV-Studios, an der Wand gezeichnete Portraits vor rotem Hintergrund

Studio-Deko sind diesmal Portraits aller Bachmannpreis-Gewinner*innen. Zwei davon kenne ich, Kathrin Passig hätte ich ohne Beschriftung allerdings nicht erkannt.

Zeichnung eines Frauenkopfs vor rotem Hintergrund, am oberen Rand "2006" unter der Zeichnung "Kathrin Passig"

Zeichnung eines Männerkopfs vor rotem Hintergrund, am oberen Rand "2014" unter der Zeichnung "Tex Rubinowitz"

Tijan Sila las seinen Text “Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde”, in dem es genau darum ging: Wie seine Mutter, mit der und seinem Vater er vor “dem Krieg” geflohen war, kippt in Verfolgungswahn. Eine bedrückende und gleichzeitig lakonische Erzählung.

Kastberger wies gleich auf die Parallelen zum Text vor der Pause hin. Er lobte, wie hier überzeugend auf den Moment des Titels hingearbeitet werde. Hier fand er das 25-Minuten-Format hervorragend genutzt. Sanyal war “extrem beeindruckt”, wie hier darüber geschrieben werde: “Der Krieg ist vorbei, aber er ist nicht vorbei.” Delius nahm sich wieder die Form vor, sah einen autofiktionalen Text mit einzigartiger Erzählökonomie, de Weck lobte ihn dafür, dass die psychische Erkrankung gerade nicht analysiert werde, sondern einfach geschildert. Schwens-Harrant mochte den täuschenden Charakter des Titels, denn tatsächlich gehe es um ganz andere Verrücktheiten und um den Wunsch, alles reparieren zu können. Strässler sprach von einem außerordentlich guten Text, mochte vor allem die darin auftauchenden Gleichnisse. Tingler wiederum lobte die realistsiche Ambivalenz, die den Protagonisten sogar kurz verführt, mit in den Wahnsinn der Eltern einzusteigen. Sanyal wies auf die eingearbeitete Migrationsgeschichte hin. (Kurzer Zank in der Jury, ob die verweigerte Anerkennung der Doktortitel beider Elternteile rassistisch sei oder nicht.)

Der erste Lesetag endete mit “Nylfrance” von Christine Koschmieder. Innerhalb weniger Sätze waren wir bei einer Frauenfigur in der westdeutschen Nachkriegszeit, die als Unternehmerin das personalisierte Wirtschaftswunder abgab. Mir gefielen Setting und Geschichte, die Zeitmarkierungen (Atrix-Werbung, Vertriebene, Gardinen, Quick) waren mir ein paar zu viel.

Strässler mochte die Generalmetapher des Titels und das historische Kolorit, kritisierte aber die Figur des Ehemanns Harry als adrettes Abziehbild; die Hauptfigur habe eine besseren Gegenspieler verdient. Sanyal begeisterte sich an der sinnlich nachvollziehbaren Zeitkapsel, sah Harry im Gegenteil als eben besondere Figur, die kein Krieger sein wolle. Sie unterstrich die Geschichte, die eben nicht die eigene sei. Kastberger fand sie handwerklich hervorragend gemacht und faktisch gut hinterlegt, erinnerte daran, dass die 50er und 60er heute ja gerne eine Patina der Fröhlichkeit bekämen. Tingler mochte vor allem den Anfang und wie er einen Bogen zum Ende spanne, fand sie aber manchmal zu konventionell. (Ich war fast erschrocken, dass ich Tingler gestern in fast allem zustimmte. Ist er kaputt oder bin ich es?) Schwens-Harrant lobte die Ambivalenz der Frauenfigur und dass sie nicht gewertet werde, unterstrich die “Verformungsbereitschaft” als Motiv für Charakter, Deutschland, Gesellschaft. Auch de Weck fand gut, dass die Frau hier nicht als Opfer der Männergesellschaft geschildert werde, sondern vielschichtig und mit durchaus dunklen Stellen. Delius verwendete für die Stimmung des Textes den Begriff “BRD noir”. Nicht erklären konnte sich die Jury, warum die Hauptfigur nun ihren Mann verließ.

Draußen regnete es inzwischen; ich stellte mich unter und frühstückte um drei meinen mitgebrachten Pumpernickel mit Frischkäse. In den letzten Tropfen spazierte ich zur Ferienwohnung. Schon vormittags hatte mich eine Nachricht der Vermieterin erreicht: Sie schickte mir Zugangsdaten zu einem anderen WLAN. Beim Eintreffen in meinem Zimmer konnte ich verifizieren: Das klappte, hurra.

Also verbloggte ich den Lesetag, hatte aber bis zur Abendessensverabredung (weil ja kein Bürgermeisterempfang auf Maria Loretto, buhuhu!) noch reichlich Zeit zum Zeitunglesen.

Mit meiner Verabredung ging ich dann ein Lokal suchen, das ihrer Lust auf Lamm entgegen kam. Den Tipp dafür bekamen wir vom Wirt einer Osteria: Als wir vor der Tafel seiner Tageskarte standen, wies er darauf hin, dass er noch viele weitere Gerichte biete. Ich fragte nach Lamm: Das hatte er nicht, beriet sich aber mit einer Kollegin – und schickte uns zum Restaurant Oscar inklusive detaillierter Wegbeschreibung, ganz bezaubernd. Wir gingen ein paar Minuten unter vielstimmigem Mauersegler-Schrillen, und mir fiel wie heuer immer wieder auf, wie viele vielspurige Straßen man in Klagenfurt ständig kreuzt: Die Stadt ist so deutlich auf Autoverkehr ausgerichtet wie kaum eine.

Am empfohlenen Restaurant Oscar setzten wir uns auf die Außenterrasse und aßen ganz ausgezeichnet.

Weiß gedeckter Restauranttisch, darauf zwei weiße tiefe Teller, darin grüner Salat mit hellen Würfelchen und ein Ei in einer Kruste, außerdem Bestecl, eine kleine Etagere, ein Rotweinglas

Wir begannen beide mit dem Vogerlsalat, Speck, Kartoffeln, Kürbiskern, Landei: Hervorragend, das Ei in einer Brösel-Kräuter-Kruste gebacken. Davor hatte es schon frische Semmerl mit Butter und Salami gegeben. Dazu ließ ich mir einen Blaufränkisch aus dem Burgenland einschenken, hervorragend.

Gedeckter Restauranttisch, im Vordergrund ein Teller mit einer Fleischrolle auf Salat, im Hintergrund eine Fleischspeise mit dunkler Sauce

Gegenüber wurde mit Genuss das ersehnte Lamm gegessen, ich hatte mich für das Ochsen-Paillard auf gerührter weißer Polenta entschieden, ebenfalls ausgezeichnet – ein weiteres Achtel Blaufränkisch dazu. Die Begleitung bestellte noch Topfenknödel zum Dessert und Digestiv. Ich freute mich über diese Restaurant-Entdeckung für die Zukunft.

Spät, es war schon ganz dunkel, spazierten wir in wenig nächtlicher Frische in unsere respektiven Unterkünfte.

§

Sterben kann nicht so schlimm sein, sonst dadn’s net so viele machn.

Das ist nicht aus dem Text von Haidacher, sondern vom wunderbaren Fredl Fesl. Der jetzt gestorben ist. Er fehlt.
(Eine Bemerkung auf Mastodon erinnerte mich daran, dass die allererste Kassette in meiner Familie mit seiner ersten LP bespielt war und entsprechend oft gehört wurde. “Für Geld, da kann man Vieles kaufen, auch Leute, die dem Ball nachlaufen.”)

Journal Montag, 24. Juni 2024 – Ulrike Draesner, Die Verwandelten / Lerchenlauf

Dienstag, 25. Juni 2024

Ich war fast erschlagen von einem Kunstwerk dieser Dichte – das gleichzeitig eine Geschichte, mehrere Geschichten so spannend erzählt, dass ich an jedem Punkt wissen wollte, wie sie weitergehen. Und dass ich traurig war, dass ich das Ende von einigen nicht erfuhr. Wie halt im echten Leben (“was ist eigentlich aus Adele geworden?”).

Der Roman erzählt von verschiedenen Frauen, aber nicht linear; wir lernen sie kennen, wie man auch im Leben echte Menschen kennenlernt, ausschnittweise. Das ist ein realistischer Effekt einer eher nicht-realistischen Erzählweise. Wir lernen unter anderem kennen: In der Gegenwart eine deutsche Anwältin mit einem Adoptivkind, eine polnische Auswanderin und ihre Mutter in Breslau. In der Vergangenheit der 1930er bis weit in die 1940er: Eine deutsche Familie in Breslau, ihre Köchin, die Kinder von beiden.

Die erste Hälfte des Romans spielt vor allem in der Gegenwart in Deutschland und in Polen – immer wieder werden deutsche geflügelte Worte mit ihren polnischen Pendants abgeglichen. Die Kapitel und ihre Figuren werfen aber bereits Geschichts-Angeln aus in die Vergangheit während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Größere Kapitel beginnen schon hier von Verstrickungen zu erzählen, die sich um einen Lebensborn-Standort ergaben.

In der zweiten Hälfte ist Krieg in Breslau, endet der Krieg, beginnt die direkte Nachkriegszeit – und die vorher poetisch angedeuteten Grauen brechen herein.

Ganze Kapitel beschreiben die letzten Tage von Breslau und die Flucht einiger Protagonistinnen vor den heranrückenden russischen Soldaten, in expressionistischen Eindrucks- und Gedankenfragmenten.

Viele dieser Fragmente bekommen erst im weiteren Erzähl- und Gedankenverlauf einen begreifbaren Kontext. Und selbst dann bleiben Unscharfes und Vages, gibt es wenig Schwarz-Weiß.

Jedes Kapitel des Romans wird mit einem Stück eingeleitet, das eher Gedichte ist (im ebook auch Grafik, nicht Text); die Striche darin erinnerten mich an eines der frühen Kapitel, in dem Frauen gemeinsam eine Tischdecke besticken: Die Länge der Stiche ein Bild für die Gewalt, die ihnen angetan wurde.

Draesner greift zu nicht-realistischem Erzählen für das Unerzählbare. Ich fühlte mich erinnert an Kurt Vonneguts Slaughterhouse Five, das für das Erzählen der Grauen von Dresdens Zerstörung ebenfalls zu nicht-realistischen Mitteln greift, wenn auch ganz anderen. Wichtig: Draesners Roman besteht nur aus Geschichten von Frauen, alles hat weibliche Perspektive, es gibt nur den weiblichen Blick.

In seiner Besprechung für die Süddeutsche analysiert Burkhard Müller, “Ulrike Draesner will das Schweigen von Frauen hörbar machen”. Das trifft es meiner Meinung nach sehr gut (in anderen Aspekten stimme ich ihm nicht zu).

Die schönsten, lebendigsten Bilder und Vergleiche aber gehören den Kapiteln, die in der Gegenwart spielen – in denen Draesner sich mehr erlauben kann vor einem zeitgenössischen Lesepublikum. Zum Beispiel in den Gedanken der polnische Auswanderin nach Deutschland Doro, die nach Langem wieder in Polen ist, in Warschau:

…während ich mich ins Polnische zurückstottere. Hybridautos schalten unmerklich um, mein Hirn hingegen, menschhybride, glich einem handbetriebenen Glockenspiel.

Gegen Ende erklärt sich der Titel des Romans: Ovids Metamorphosen tauchen auf, Doros Mutter hatte ihr als junges Mädchen das Buch mitgebracht.

Erst später entdeckte ich, dass der römische Autor in seinen Metamorphosen fast fünfzig Mal von einer Vergewaltigung erzählte.

Für mich eine Überraschung: Wie viele Saiten dieses Buch in mir anschlug, Saiten, die ich mir nur gespannt von meiner polnischen Großmutter erklären kann. (Draesners Vergleichkunst lädt zur Forführung ein.)

Lese-Empfehlung an alle, die mit Anstrengung bei Lektüre zurechtkommen, sowohl kognitiv als auch emotional.

§

Guter Schlaf bis kurz nach vier, als mich Angst nicht wieder ganz einschlafen ließ. Egal, ich hatte den Wecker eh sehr früh gestellt: Ich wollte hinaus auf einen Isarlauf, sonst würde ich wohl die ganze Woche nicht zu Sport kommen.

Ich verließ das Haus in einen herrlicher Morgen, doch schon nach kurzer Zeit bekam ich Bauchweh, meine Därme begannen Samba zu tanzen. So war ich sehr, sehr froh um das schicke Klohäusl bei Maria Einsiedel, das ich ansteuern konnte. Den Rückweg lief ich umso leichter.

Blick von Brücke aus Fluss, über dem die Sonne aufgeht

Ein Metallsteg ragt in einen Fluss hinein, über den Auen geht die Sonne auf

Blick von der Marienklausenbrücke Richtung Thalkirchen.

Fusslandschaft in goldener Morgensonne, rechts eine Hütte mit Grafitti bemalt

Über ein Steggelände Blick auf Flusslandschaft mit Kiesbänken in goldener Morgensonne

Holzsteg, rechts davon schäumendes Flusswasser

Gestern schäumte die Isar wieder mehr.

Pfad durch sonnendurchfluteten Laubwald

Allerdings kam ich durch diese Verzögerung deutlich später los in die Arbeit als geplant, weiterhin in herrlichstem Wetter. Im Büro schob sich erstmal die Technik in den Vordergrund, ich versuchte zwischen einem halben Dutzend erzwungener Neustarts die wichtigsten Infos zu erhaschen, weiterzugeben, an Online-Besprechungen teilzunehmen. Verfangerles-Gefühl. Den Rest des Arbeitstages klickte ich die Update-Versuche weg, zum Glück ging das (habe auch schon Anderes erlebt).

Mittagscappuccino bei Nachbars, allein die paar Schritte durch Sonne und Wind waren herrlich – echt kein Wetter zum Arbeiten. Ich roch, dass manche Linden in die Nachblühzeit gingen.

Mittagessen: Zwei wunderbare Kiwis (warum esse ich eigentlich so selten Kiwis? ach ja, weil ich sie im Verkauf nur knallhart antreffe), Hüttenkäse mit Leinsamenschrot.

Mit Kollegin “gebremste Mode” erfunden (slowed down fashion?): Wenn man den 50-Euro-Rock von Zara zehn Sommer lang trägt, inklusive einmal Ändernlassen.

Nach Feierabend war es immer noch sonnig und immer noch nicht heiß. Über Edeka-Einkäufe nach Hause.

Dort Gymnastik, Brotzeitvorbereitung, Erbeerschnippeln, Kopfsalat-Anmachen. Zu Letzterem hatte Herr Kaltmamsell spanische Tortillas aus Ernteanteil-Kartoffeln gebraten. Nachtisch Erdbeeren, dann Schokolade.

Im Bett fing ich neue Lektüre an: Dana von Suffrin, Otto.

Und hier lasse ich Sie an meiner Reiseplanung für Klagenfurt teilnehmen, genauer an der Bekleidungsplanung basierend auf Wettervorhersage (jedes Kleidungsstück, das ich ungetragen zurückbringe, ärgert mich).
Fahrten hin und zurück: Neues Kleid 2, weiße Jeansjacke
Donnerstag: blaue Hose, Tunika – abends neues Kleid 1 mit dunkelblauer Seidenjacke
Freitag: Neues Kleid 1
Samstag: Weiße Hose, gelbe Tunika
Schuhe: Sandalen weiß, Sandalen rot
(Turnschuhe? Socken?)
Laufkleidung
Badesachen
Schirm

Mittlerweile befasst sich auch der wenig steuerbare Teil meines Hirns mit dem anstehenden Bachmannpreislesen, zum Beispiel während des gestrigen Isarlaufs. Ob wohl wieder der eine Testosteron-Text dabei ist? Wird sich die Markt-Strömung Autofiktion niederschlagen? Auf der Website ist schonmal zu sehen, dass die diesjährige Tasche hell ist: Das kommt mir entgegen, zum einen weil meine graue Tasche von 2023 nach zahlreichen Einsätzen auf Reisen recht durch aussieht, zum anderen weil mir eine helle Transporttasche im Bestand fehlt. Vier der Jury-Mitglieder kenne ich schon, drei sind mir neu (eine davon, Mithu Sanyal – “Studium: nahezu alle Fächer der philosophischen Fakultät” – schreibt auch fürs Missy Magazine; ich hoffe auf massives Gegenhalten zu den angestrengten Zickereien von Philipp Tingler).

§

Die Deutsche Bahn hat’s in die New York Times geschafft!
“In Germany, a Tournament Runs Smoothly, but the Trains Do Not”.

§

Falk Steiner schreibt über Online-Shops mit ausgefallenem Sortiment. Für den Fall, dass Sie eine Insel oder ein Unternehmen shoppen wollen:
“Missing Link: Wie skurrile Marktplätze immer noch überleben”.
Den Kalauer mit “Lokangebot” konnte Falk natürlich nicht liegenlassen, ist ja auch nur ein Mensch.
(Wobei ich Crowdfarming oder Kauf-ne-Kuh überhaupt nicht skurril finde.)

Journal Donnerstag, 20. Juni 2024 – Erster Balkonkaffee

Freitag, 21. Juni 2024

Wieder gut geschlafen und kurz vor Weckerklingeln aufgewacht – das ist gerade angenehme Regelmäßigkeit, und ich genieße es sehr (Hormonersatztherapie FTW!). Auch wenn ich ein-, zweimal nachts aufwache, ist das nicht das typische Wechseljahr-ZACK!-KNALLWACH!, sondern langsames Hochrutschen in Schläfrigkeit.

Der Himmel war bedeckt und trübe, doch beim Auffüllen des Wasserschälchens für die Vögel stellte ich sehr milde Temperaturen fest: Endlich der erste Balkonkaffee des Jahres.

Holztisch auf Balkon, darauf zugeklappter Laptop, Kaffeetasse, Wasserglas, jenseits der Brüstung grüne Bäume

Emsiger Bürovormittag.
Mittagscappuccino bei Nachbars, es war weiter warm und bedeckt.
Später gab es zu Mittag Mango mit Sojajoghurt.

Geordneter Arbeitsnachmittag, doch es wollte sich einfach keine Munterkeit einstellen. Statt dessen immer düsterere innere Wolken.

Auf dem Heimweg Abstecher in einen dm-Markt: Bereits der zweite, in dem der Regalplatz für Wasserfilter leer stand. (Das wies in der Vergangenheit gerne mal auf ein neues Produkt- oder Verpackungsdesign hin, für das erstmal der Vorgänger gründlich wegverkauft sein sollte.)

Daheim gönnte ich mir nach Wäscheaufhängen eine Runde Gymnastik. Die Kombination aus Kräftigung, Mobilisierung und Dehnung tat gut, hellte mich aber nicht wirklich auf. Donnerstags-Nachtmahl Salat: Vinaigrette auf Zitronensaft-Basis für einen unerwartet kleinen Blattsalat, die erste Gurke der Saison, Frühlingszwiebeln – alles drei aus Ernteanteil, dazu gekochte Eier, restlicher Feta, Reste Wurzelbrot.

Große weiße Salatschlüssel mit den im Text aufgezählten Zutaten

Mittelfrüh ins Bett zum Lesen, der Himmel des Mittsommerabends noch ganz hell. Ulrike Draegers Roman Die Verwandelten beeindruckt mich weiterhin sehr mit seiner nicht-realistischen Erzähltechnik, doch auch mit ausgefeilten expressionistischen Mitteln sind die Themen sexualisierte Gewalt gegen Frauen, Ende des Zweiten Weltkriegs und Vertreibung aus Breslau kein Laune-Aufmunterer.

§

Constantin Seibt schreibt in republik.ch:
“Ein Kind meiner Zeit”.

Darum geht es:

Als Kind entdeckte ich die Frage meines Lebens: Was zum Teufel übersehen alle? Ein halbes Jahrhundert später fand ich die Antwort.

Ich finde den Text so schön aufgebaut, dass ich nichts durch Zitate vorwegnehmen möchte.
tl;dr Wir haben’s verkackt.

§

Ich begreife gerade mal so, was Large Language Models und Machine Learning sind, nicht mal genug, dass ich es jemand anderem erklären könnte. Wenn also ich geifere, man möge nicht von Künstliche Intelligenz sprechen, wenn es sich schlicht um ein besonders schnelles, Daten verarbeitendes Computerprogramm handelt – dann mögen Sie abwinken.

Hier aber geifert sehr detailliert und ausufernd ein Data Scientist:
“I Will Fucking Piledrive You If You Mention AI Again”.
via @chronotonflux

Look at us, resplendent in our pauper’s robes, stitched from corpulent greed and breathless credulity, spending half of the planet’s engineering efforts to add chatbot support to every application under the sun when half of the industry hasn’t worked out how to test database backups regularly.

(In der 2. Hälfte des Blogposts gibt’s auch Konstruktiveres über generative AI.)

§

Unser Kartoffelkombinat (am Sonntag übrigens Mitgliederversammlung) war im ZDF-Mittagsmagazin.
“Kartoffelkombinat aus München”.
So viel hübsches Gemüse!