Bücher

Journal Dienstag, 15. Oktober 2019 – Oktobersommer mit Dim-Sum-Abend

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Diese abendlichen Entspannungsbäder bringen meinen Körperhygienerhythmus durcheinander.
Weil ich Montagabend gebadet hatte und sauber ins Bett gegangen war, nachts auch nicht sehr geschwitzt hatte, braucht ich gestern Morgen nicht zu duschen. Meine Haare waren so wenig schlafverlegen, dass nasse Hände für eine brauchbare Frisur reichten. Ich war also 15 Minuten früher fertig als sonst, hätte den Wecker auf später stellen können.

Vermutlich deshalb kam ich auf die Idee, ein Parfum meiner Jugend aufzulegen: Die Flasche Dalí steht seit mindestens 25 Jahren dekorativ im Badregal, ihr Flüssigkeitspegel nur minimal gesunken (im Gegensatz zu den meisten anderen Flaschen meiner kleinen Sammlung, deren Inhalt trotz Sprühventil und geschlossenem Deckel erstaunlich schnell verdunstet; Organza habe ich zum Beispiel nur kurze Zeit nach Kauf verwendet, doch mittlerweile ist die Flasche halb leer). Ich war einfach neugierig, was der Duft, den ich nach seinem Erscheinen 1985 bis Ende der 80er hin und wieder trug, heute mir mir machen würde. Im Büro stellte ich schnell fest, dass ich auch olfaktorisch eher nicht an die 80er erinnert werden möchte. Aber da musste ich nächsten Stunden halt durch.

Im Morgengrauen brauchte ich beim Radeln in die Arbeit noch Handschuhe, doch über den Tag wurde es wieder bombig warm.

Wieder eine Besprechung mit Alpenblick. Der höchste Berg am Ende des Gebirgszugs müsste die Zugspitze (d’uh) sein.

Mittags Tomaten und Gurken mit einem Laugenzöpferl, nachmittags Quark mit Maracuja – ich bin immer wieder begeistert, dass so wenig Obst so viel Geschmack verbreiten kann.

Auf dem Heimweg Einkaufsstopp beim Vollcorner, danach stopfte ich meine Jacke in den Radlkorb: Es war zu warm für Jacke.

Zum Nachtmahl war ich mit Herrn Kaltmamsell aushäusig verabredet: Der Ernteanteil der Woche war aufgegessen, wir hatten frei. Ich hatte einen Tisch zum Dim-Sum-Essen im LeDu in der Klenzestraße reserviert (ist mittlerweile eine Gruppe von vier Lokalen in ganz München).

Schön eingerichtetes Restaurant, für einen Menüpreis von 24 Euro wählt man vier Dim Sum von der Karte. Die Auswahl fand ich genau richtig abwechslungsreich und groß, auch fleischlos gab es Einiges. Ich hatte Lust auf einen Cocktail und bestellte einen Munich Mule.

Die Dim Sum waren sehr gut, offensichtlich selbst gemacht und sehr aromenreich.
Meine Auswahl:

Wan Tan mit Preiselbeer-Chili-Dip, gefüllt mit Garnelen, Schweinefleisch und Shiitakepilzen.

Dumplings mit mit Bio–Schweinehackfleisch und Sauerkraut, Glasnudeln, Ingwer, Lauchzwiebeln (Favorit 1).

Aubergine in hausgemachter Yuxiang-Soße mit Hefekloß (Favorit 2 – unglaubliche Aubergine außen knusprig, innen cremig).

In Lotusblätter gewickelter Klebreis mit Shiitake-pilzen und Hühnerbrustfilet, Koriander-Dressing – in Brighton immer einer meiner Lieblinge, hier mit deutlich frischerem Lotusblatt, das mir entgegenduftete, Füllung reichhaltiger als in Brighton weil mit viel geringerem Reisanteil.

Herr Kaltmamsell (der jetzt so richtig erkältet war, der ärmste) hatte bestellt:

Suppe mit veganen Klößchen (aus Karotten, Zucchini und Edamame).

Shao Mai mit Klebreis, Sojasprossen, Karotten, Koriander, Erdnuss und Edamame.

Schweinerippchen in Zitronengras-Aprikosensoße – seine Standardbestellung beim Dim-Sum-Essen.

Und die sehr interessante gefüllte, frittierte Lotuswurzel, die wir vergessen haben zu fotografieren.

Daheim steckte ich Herrn Kaltmamsell mit einer Tasse heißer Honigmilch ins Bett, selbst nahm ich brav mein Entspannungsbad und las im Bett länger als geplant.

§

Andrea Diener hat Saša Stanišić gleich nach seinem Gewinn des Deutschen Buchpreises gesprochen:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/T-SiBX5J2fI

Und jetzt weiß ich nicht nur, dass Saša Stanišić Twitterthreads und öffentliche Dokumentarbeit fürs Romaneschreiben nutzt, sondern dass der prämierte Roman Herkunft in einem Textadventure endet. Wird Zeit ihn zu lesen.

Journal Sonntag, 6. Oktober 2019 – Ein schöner 75.

Montag, 7. Oktober 2019

Der 75. Geburtstag meiner Mutter fiel auf den gestrigen Sonntag, sie feierte mit einem ausführlichen Brunch in einem schönen Hotel.

Herr Kaltmamsell und ich fuhren durch einen kalten grauen Tag nach Ingolstadt.

Fußweg vom Nordbahnhof zum Hotel. Dort gerieten wir erst mal in die falsche Veranstaltung – ich hatte mich schon gewundert, dass wir vor einem Kellerraum von zwei Frauen an Stehtisch empfangen wurden, die unseren Namen wissen wollten.

Die richtige Geburtstagsfeier fand in einem schönen Raum mit Türen zu einer Terrasse statt. Ich freute mich sehr, den alten Freundeskreis meiner Eltern mal wieder zu sehen: In den letzten Jahren feierten meine Eltern Feieranlässe immer separat einmal mit Familie und einmal mit Freunden – ganz große Gesellschaften mochten sie nicht mehr so gern. Diesem alten Freundeskreis geht es erfreulich gut, auch wenn die ältesten bereits die 80 überschritten haben. Klar gibt es Erkrankungen und Verletzungen, doch es ist weiterhin ein fröhlicher Haufen (und alle gehen ohne Hilfe).

Es gab Feines zu essen: Erst Frühstücksbuffet, dann ein warmer Gang (Ente mit Blaukraut und Knödeln), schließlich Kuchen. Dazwischen brillierte die Bruderfamilie mit A-capella-Gesang – erst die drei Enkel (18, 16, 14) mit „Only you“, ein weing später alle fünfe mit einem umgedichteten „Don’t worry be happy“ (-> „Die Oma hat Geburtstag“). Es war so schön, die Jubilarin vor Stolz strahlen zu sehen.

Draußen regnete es seit einiger Zeit ernsthaft und ausdauernd. Wir hatten keinen Schirm dabei, zurück zum Bahnhof ließen wir uns fahren.

Die Unterführung des Nordbahnhofs ist seit Kurzem professionell mit Nennung und Motiven der Ingolstädter Partnerstädte bemalt.

Und mit dem blauen Panther aus dem Ingolstädter Wappen (der im 14. Jahrhundert den Hl. Mauritius gefressen hat?).

Rückfahrt durch noch grauere Landschaft.

Da ich gestern besonders stark humpelte (Zefix!), nahmen wir die Tram nach Hause und sparten uns den letzten Slalom durch Oktoberfest-Cosplayer – jetzt ist endlich Schluss.

Daheim Räumen und Kruschen, Vorbereitungen für die Arbeitswoche. Ich raffte mich wieder zum Entspannungsbad mit anschließenden Dehnversuchen auf, meine Hoffnung auf den Nutzen schwindet. (Aber wie immer muss ich unbedingt sicherstellen, dass es nicht an mir liegt!)

Auf der Zugfahrt hatte ich den Friedrich Ani ausgelesen (na ja), im Bett las ich hinein in Daniel Mendelsohn, Matthias Fienbork (Übers.), Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich.

Journal Freitag, 27. September 2019 – Theresienwiesenumfahrung zum Wochenende

Samstag, 28. September 2019

Uiuiui – nachts erst gegen Ende Schmerzen, doch die dann den Tag über wieder richtig behindernd: Trippelschritte, nicht mal Lust, vom Schreibtisch aufzustehen. Nachmittags dann schlagartige Besserung, für die ich keinen Auslöser sah – so kann ich doch nicht an meinen Beschwerden arbeiten.

Morgens auf der Fahrt ins Büro durch milde Luft war ich gerade noch mit dem Rad am Haupteingang (gegenüber ehem. Klohäusl „Das Bad“) des Oktoberfests vorbeigekommen, als bereits Barrieren für jede Art von Durchfahrt und -gang aufgebaut wurden. Um 7:30 Uhr standen bereits große Gruppen Bajuwaren-Cosplayer auf den Straßen und Wegen davor.

Mittags Trauben, außerdem Birnen mit Hüttenkäse und etwas selbst gemachtes Granola (möglicherweise habe ich seit einigen Jahren Verdauungsprobleme mit Cocosflocken, vielleicht vor allem mit gerösteten Cocosflocken).

Noch wenig herbstliche Aussicht.

Mal wieder ein Füßebild.

Wirklich früher Feierabend, es war nichts mehr zu tun. Ich schaffte mir Anlässe, die Theresienwiese in großem Bogen zu umfahren, indem ich über Donnersbergerbrücke und Nymphenburger Straße zum Stiglmaierplatz radelte, wo ich meinem Leibfriseur ein Stück Haarseife vorbeibrachte: Er probiert gerade einmal quer durchs Marktangebot, ich wollte ihm meinen bisherigen Favoriten präsentieren (Rosmarin).

Ich schlug den Bogen noch weiter und radelte über Briennerstraße und Hofgarten zur Hofbräumühle – in Maximilian- und Falkenbergstraße musste ich hinter einem Touristen-Pferdewagen herschleichen, doch die beiden prächtigen Rösser unterhielten mich netterweise mit filmreifem Gewieher.

Mit fünf Kilo Mehl im Rucksack (2,5 kg Roggenmehl 1370 und 2,5 kg Pizzamehl aus mühleneigener Mischung) radelte ich über den Viktualienmarkt und Oberanger vorsichtig zwischen Baustellen und Cosplayern nach Hause.

Ich setzte Pain d’epices zur glücklichen Foie gras am Samstagabend an, Herr Kaltmamsell machte uns Brandys Alexander.

Zur weiteren Feier des Arbeitswochenendes gab es Rind aus der Pfanne und geschmort, dazu Fraktalesco aus Ernteanteil. Angestoßen mit einem Glas südafrikanischem Neethlingshof Owl Post.

Aus einem Tweet des Autors erfuhr ich, dass Anfang 2020 Bov Bjergs nächster Roman veröffentlicht wird: Serpentinen. Auf Nachfragte bestätigte Bov, dass das Roman zu seiner gleichnamigen Klagenfurt-Geschichte von 2018 ist, der wundervolle Klagenfurt-Text (hier nachzulesen) ist der Anfang.
Und am 5. Dezember kommt die Verfilmung von Bov Bjergs Auerhaus in die Kinos! (Vor der fürchte ich mich allerdings ähnlich wie vor der von Tschick.)

§

Wenn schon mal mich ein Artikel über eine Fernsehserie interessiert:
„The Doctors Made ER Great. The Nurses Made It Radical.“

via @TillRaether

The most radical thing about ER — the element of the show that no subsequent medical show has replicated or improved upon — is that it was always also a show about nurses.

ER ist die eine von zwei Fernsehserien, die ich klassisch bingegewatcht habe (gebingewatched?).

The depth of the nursing staff on ER was just one expression of the show’s defining approach, especially in the earlier seasons. ER is full — where House, Grey’s Anatomy, and The Good Doctor all take place in echoing clean spaces, often including empty sweeping staircases and massive glass walls, ER’s County General is a crowded, messy, lived-in space. There are signs and pieces of paper hung all over the walls. In one of my favorite shots from the pilot episode, Dr. Greene shimmies past a ladder set up in the hallway, where a maintenance worker is replacing a long fluorescent bulb that nearly misses hitting Greene over the head. No one mentions it, and Greene hardly even flinches. This is just what the ER is like; there are so many characters and so many stories happening in every imaginable corner of the facility that Greene trips over at least four of them walking down the hallway. Most of them we never see again, because they’re just one more piece of the inescapable background buzz. But the nurses are as much a part of the thrumming rhythm of the place as the doctors, and their bodies are a constant visible presence. They’re in the trauma rooms, they’re doing exams, they’re frantically calling for backup, they’re physically engaged in every case. Particularly in the earliest seasons of the show, you’re as likely to see one of the nurse characters filling a frame as you are one of the doctors.

Genau deshalb ist das eine von den beiden Fernsehserien geworden, die ich jemals wirklich intensiv verfolgt habe: Die Dichte, die Diversität und Vielzahl an Geschichten – von denen die meisten nie zu Ende erzählt werden, weil die Patientinnen und Patienten immer nur kurz und vorübergehend in der Notaufnahme sind.

Journal Mittwoch, 25. September 2019 – Isabel Bogdan, Laufen

Donnerstag, 26. September 2019

Die Hüftbesserung hielt leider nur 36 Stunden: Schon in der Nacht kamen die Schmerzen wieder, am Tag war ich wieder schwer beweglich, hatte immer wieder das Bedürfnis nach Aushängen an einer Stufe. Wir arbeiten weiter daran.

Mittags die ersten Roten Bete der Saison, die ich am Vorabend gekocht und zu Salat verarbeitet hatte. Außerdem eine Mango mit Joghurt.

Geplant war früher Feierabend, um mit Herrn Kaltmamsell Downton Abbey im Kino anzusehen. Doch ich kam nicht rechtzeitig raus, war zudem nach viel Arbeit völlig gerädert. Ich fürchte, nach einem normalen und normal langen Arbeitstag (bei mir also eher neun Stunden) brauche ich den Feierabend einfach zum blöd Schaun.

Herr Kaltmamsell hatte nochmal frische Pasta gekauft, diesmal mit Ricotta und Spinat gefüllte, servierte sie wieder mit Salbei und Butter. Schmeckte sehr gut.

Als Abendunterhaltung schalteten wir den Fernseher nach der Tagesschau aus (auch der offizielle Versuch einer Amtsenthebung wird Trump nichts anhaben, die Normalität hat sich mittlerweile so verschoben, dass ihm nichts etwas anhaben kann / in UK verschiebt sich die Normalität ebenfalls weiter, wie sie es mit der Brexit-Kampagne begonnen hat; die Parallelwelt, die Boris Johnson geschaffen hat, macht unter anderem ihn unantastbar). Ich las Isabel Bogdans zweiten Roman Laufen aus.

Er gefiel mir sehr gut, ist ausgezeichnet gemacht. Als Form hat sie diesmal die Novelle gewählt: Der Roman ist kurz (Lesezeit gut 2 Stunden), hat eine überschaubare Anzahl Protagonisten – nur die Hauptfigur und ihr Partner bekommen eine Hintergrundgeschichte und Tiefe – und nur einen Handlungsstrang, ist um den Impuls einer verstörenden Begebenheit gebaut, hat einen klaren Aufbau und eine konkrete Situation. Diese konkrete Situation ist das titelgebende Laufen: Wir begleiten über das ganze Buch die innere Stimme der Protagonistin beim Laufen in Hamburg im Park oder an der Außenalster. Zu Beginn hat sie das Laufen nach einer langen Pause wieder angefangen, die Kapitel sind jeweils einzelne Läufe in den darauf folgenden Monaten.

Mit der Wiedergabe dieser inneren Stimme erforscht der Roman die vielfältigen und oft widersprüchlichen Gefühle bei der Hinterbliebenen eines Suizids. Die Stimme hadert immer wieder und aus verschiedenen Perspektiven mit der letztendlich tödlichen Depression des Partners (u.a. „Wie kann man denn Dinge so gern tun und trotzdem nicht mehr leben wollen?“), mit der Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Während eines Laufs geraten die Gedanken selbst an den Rand einer Depression, die Stimme hält sich für eine „Zumutung“ und möchte am liebsten nicht da sein. Ich glaube, das Buch kann man gut lesen, wenn man Depressionserfahrung hat; aber es könnte Folter für Angehörige von Depressiven sein.

Für dieses Hadern und Nachdenken, in der sich die Entwicklung der Verarbeitung spiegelt, eignet sich die Technik des Inneren Monologs beim Laufen perfekt – ein wirklich gelungener Kunstgriff. Isa schafft damit einen glaubwürdigen Rahmen für inneren Abläufe, die zwischen Selbstreflexion, emotional belasteten Erinnerungen, Wahrnehmung der Umgebung im Wandel der Jahreszeiten, Blick auf andere Läuferinnen und Läufer, Erinnerung an kürzlich Erlebtes wechseln. Gleichzeitig zeichnet sie dabei indirekt das Bild eines ganzen zeitgenössischen Frauenlebens.

Ich mochte auch, dass der Alltag der Protagonistin Details enthält, die auch für mich zum Alltag gehören, die ich aber noch nie in der deutschsprachigen Literatur gesehen habe: Zum Beispiel die Erwähnung von Bloglesen, und es wird en passant die Existenz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften vorausgesetzt, unmarkiert. Und mir gefiel, dass durch die Sprache immer wieder die Isa Bogdan schien, die ich durchs Bloggen vor vielen Jahren kennengelernt habe: durch „Äpfelchen“, durch „so’n Scheiß“. (Das wäre eine deutlich sinnvollere Interviewfrage als das stereotype „Haben Sie das in Echt erlebt?“: Wie viel von der Sprache des Buchs sind Sie selbst?)

Was nicht idealtypisch für eine Novelle ist: Es gibt keinen Wendepunkt, der alles ändert – der ist bereits vor Einsetzen der Novelle passiert.

Leseempfehlung!

§

Und wenn wir schon bei Kunst von Bloggerinnen meiner Bekanntschaft sind: Katia Kelm hat eine fünfteilige Reihe namens „Eure Mütter“ gemalt. Ich mag schon sehr gern, wie Katias bissiger Witz Malerei wird.
„eure mütter“.

Journal Montag, 16. September 2019 – Ursachenausschlusstour und Stephen King, The body

Dienstag, 17. September 2019

Schlechte Nacht. Langsam leidet meine Aufmerksamkeit tagsüber.

Morgens hatte ich erst mal einen Gynäkologinnen-Termin, ich bin auf Ursachenausschlusstour. Ergebnis: Gynäkologisches kann ich schon mal ausschließen. Auf die Praxis war ich beim Vorbeigehen aufmerksam geworden (mein langjähriger Gyn in Augsburg ist mittlerweile in Rente), und auf deren Website hatte ich erfahren, dass sie erst im Juli von einer erfahrenen Klinik-Gynäkologin übernommen worden war. Außerdem war die Website völlig frei von allen „alternativen“ Angeboten – das sah mir kompetent aus. Im Behandlungszimmer wünschte ich Dr. Gyn alles Gute für den Start, sie gestand, dass Vieles noch ungewohnt für sie sei. Im weiteren Gespräch führte sie ein Beispiel auf: Verkaufsgespräche. Die Ultraschall-Untersuchung müsse ich nämlich, wenn gewünscht, selbst zahlen – darüber war ich aber schon an der Empfangstheke informiert worden.

Mühsamer Fußweg in die Arbeit durch einen sonnigen Sommermorgen. Ich beschloss, für den Arbeitsweg künftig erst mal aufs Fahrrad zu wechseln, bis ich die Mitgliedschaft im Ministry of silly walks aufgeben kann. (Neues Feature längerer Fußmärsche: Seitenstechen vom völlig verkrampften Gehen.)

Highlight des Nachmittags: Eine der angefragten Anfasserinnen rief zurück – und nächsten Montagnachmittag habe ich einen Termin! Da man mich hier in der Arbeit seit Wochen immer schlimmer humpeln sieht, hat sicher jeder und jede Verständnis, wenn ich mitten in der Kernzeit für zwei Stunden ausstemple.

Nach der Arbeit war es schwül geworden, der Himmel zog zu. Ich machte einen Umweg über den Vollcorner-Laden, um noch ein paar Dinge für den Abend zu besorgen: Die Leserunde traf sich bei uns.

Herr Kaltmamsell hatte aus Ernteanteil Kartoffelsuppe gekocht, außerdem gab es Käse, Trauben, selbst gebackenes Brot – den Zwetschgenröster mit Sahne zum Nachtisch vergaßen wir beide.

Die Runde unterhielt sich über Stephen King, The Body, ursprünglich veröffentlicht mit drei weiteren Kurzromanen/Novellen im Band Different Seasons. Doch wir waren uns einig, dass er durchaus als Roman bestehen konnte, allen hatten die Geschichte um die vier zwölfjährigen, vernachlässigten Buben im ärmlichen Neuengland 1960 sehr gut gefallen. Ich hatte sie vorher schon mindestens einmal gelesen, diesmal war mir der rote Faden aufgefallen, den King um die Lesererwartung spinnt, wie viele der vier das Abenteuer wohl überleben werden. Foreshadowing ist ja fast ein Markenzeichen von King, hier streut er geschickt Ausblicke auf die Erzählgegenwart, die mit der Lesererwartung spielen, bis er endlich explizit auflöst: Alle werden diese Geschichte überleben – aber halt nicht lange.

Wie jeder wirklich große Roman ist The Body nicht perfekt: Die erste Binnengeschichte kommt unvermittelt und unerklärt, ist zudem ziemlich schlecht – der Erzähler rezensiert sie im Anschluss auch gleich recht ungnädig. Dafür ist die zweite Binnengeschichte (der pie eating contest) umso besser eingebunden (der Erzähler erzählt sie in der Vergangenheitshandlung am Lagerfeuer), großartig geschrieben – und gibt gleich im Anschluss eine Lektion in reader response: Zuhörer Vern ist wütend, weil der Erzähler ihm die Auskunft verweigert, wie sie nach dem Ende weitergeht, das sei Sache des Zuhörers.

Zudem brillant: Die Schilderung der Kinder und ihrer familiären Hintergründe, das gesellschaftliche Umfeld, in dem auf keinen Erwachsenen Verlass ist, die Dynamik von Kinderfreundschaften, die Macht der Fantasie.

Journal Sonntag, 19. August 2019 – Versagertag

Montag, 19. August 2019

Keines der Vorhaben für den Tag umgesetzt,1 nichts geschafft,2 keine unwiederbringliche Chance an diesem letzten Hochsommertag genutzt,3 nicht losgekommen.4
Bloß weil es mir morgens nicht so gut ging.

Nicht mal so richtig schlecht, ich hatte nachts Kopfweh gehabt, trotzdem schlafen können, aber morgens war das richtig böses Kopfweh. Ibu bewirkte auch nach einer Stunde nichts. Am liebsten wäre ich wieder schlafen gegangen, doch hatte ich plangemäß gleich nach dem Aufstehen meine Bettwäsche abgezogen, sie drehte sich jetzt nass und schaumig in der Waschmaschine. Ersatzsommerbettwäsche rauszukramen und das Bett damit zu überziehen erschien mir ungeheuer mühselig. Lieber teilte ich Herrn Kaltmamsell mit, dass ich übrigens den ganzen Tag so unfröhlich schauen würde, dass das hier nach dem wundervollen und heiteren Samstag übrigens ein Scheißtag werden würde, nur mal zur Klarstellung. Es war der letzte Hochsommertag angekündigt, doch ich würde halt weder die möglicherweise letzte Freibadschwimmrunde des Jahrs absolvieren noch einmal überhaupt mal ein paar Stunden im Naturbad Maria Einsiedel verbringen, sondern mich mit Versagensgefühlen und Bedauern herumschlagen. Zumal es mir mit der Zeit dann doch immer besser ging, ich gegen halb elf eigentlich fit genug für eine Schwimmrunde gewesen wäre. Versagerinverdacht bestätigt, ich war zu nichts zu gebrauchen.

Also nur Duschen und Pflegen, in kurzer Hose Abstecher zur Bank und Semmelholen, Rückweg in bereits erstaunlich heiß herunterprügelnder Sonne mit Umwegen.

Große Freude:

 

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Herr Kaltmamsell hat meine liebste* Schneekugel wieder zum Schneien gebracht! <3 <3 <3 *und einzige verbliebene

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Nach dem Frühstück war die Wäsche eigentlich durch und getrocknet, doch jetzt war ich nicht mal Siesta-müde. Ich setzte mich im Sessel auf den Balkon, las erst die Wochenend-SZ, bemerkte, dass mich das Spiel um die neue SPD-Führung immer noch nicht interessiert, las in den folgenden Stunden Min Jin Lee, Susanne Höbel (Übers.), Ein einfaches Leben zu Ende (na ja, historischer Hintergrund einer koreanischen Familie in Japan 1940-1989 schon interessant, aber sehr holzschnittartig erzählt; ein echtes Geschichtsbuch hätte mir mehr gebracht), unterbrochen von Gängen um ein weiteres Glas Wasser und Gucken, wenn ich Eichhörnchen im Baum hörte.

Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell einen Gast geladen. Da der Putzmann erst am Montag kommt, sahen Küchenarbeitsbereiche und Bad unappetitlich aus, das änderte ich. Es gab Panisse und Wan Tans zur Vorspeise (mit einem grünen Salat von mir), chinesische Suppe mit Udon-Nudeln und diversen Einlagen als Hauptgericht. Im Tischgespräch erfuhr ich unter anderem Parallelen zwischen der Identifikation einer reifen Wassermelone und einer kranken Lunge durch Klopfen.

Im Bett das nächste Buch angefangen: Granta 148: Summer Fiction.

§

Wir werden wohl nie herausfinden, wie sich dieser ausgezeichnete Text von Schriftsteller Till Raether ausgerechnet in die Online-Brigitte verirren konnte (andererseits: Autorenvertrag?), aber hier ist er – eine interessante Einzelerfahrung von jemandem mit „leichten oder mittleren Depressionen“.
„Depressiv oder ’nur‘ unzufrieden?“.

Es gibt Depressive, die werden „hochfunktional“ genannt. Weil sie ihre Depression gerade noch überspielen können, und weil der hohe Energieaufwand, den sie das kostet, durchaus auch dazu führt, dass sie als fleißig und erfolgreich gelten.

Ich betone die Einzelerfahrung, denn es gibt auch andere Depressionsbilder und anderen Umgang damit.

§

In meinem Internet wurde vergangene Woche Angela Merkel dafür gefeiert, wie sie in Stralsund auf Angriffe eines AfD-Politikers reagiert hatte. Christian Stöcker analysiert klug, worin Angriff und Gegenrede eigentlich bestanden.
„Wie man mit Fanatikern redet – und warum“.

§

Ein Interview mit dem Soziologen Michael Hartmann mit Erkenntnissen, die die Einschätzung einiger Menschen erklären könnten, die traditionellen Medien würden sie belügen.
„Entfremdete Medienelite –
‚Soziale Herkunft prägt Berichterstattung'“.

via @holgi

§

Schlaue und kreative Cartoons auf instagram: glennztees.

via @formschub, der gestern mal wieder das Kalauersackerl umgeschmissen hat

  1. Na gut, die Bettwäsche ist gewaschen, die Sonntagszeitung ist aufgelesen, das aktuelle Pflichtbuch auch. []
  2. Na gut, der leicht abgeschubberte Zehennägellack ist renoviert, Haare und Körper waren sauber und gepflegt, Bad und Küche habe ich vor Abendessenbesuch halbwegs geputzt. []
  3. Na gut, den Nachtmittag lesend auf dem Balkon verbracht, einmal quer über den sonnenflimmernden Südfriedhof gegangen. []
  4. Na gut, ich war Semmelholen. []

Journal MittwochDonnerstag, 15. August 2019 – Zurück im Olympiabad und Colson Whitehead, Sag Harbor

Freitag, 16. August 2019

Ausgeschlafen in den Feiertag Mariä Himmelfahrt.

Draußen war es kühl und gemischtwolkig. Ich wollte schwimmen, und im Schyrenbad wäre das mit anschließender heißer Innendusche schon gegangen, doch dann fiel mir ein, dass im August ja die große Halle des Olympiabads fertigrenoviert sein sollte. Ich checkte die Website: Richtig, man konnte wieder in ganzer Pracht schwimmen. Also radelte ich hinaus in den Olympiapark, stellte fest, dass dort gerade Sommerfest gefeiert wurde, umfuhr Buden, Verkaufstände, Hüpfburgen und viele Menschen. Der Eingang ins Olympiabad war immer noch versteckt seitlich, die Renovierung wird noch eine ganze Weile brauchen. So fiel auch in der Schwimmhalle das Licht noch nicht wieder durch die große Fensterfront.

Das Becken ist ganz neu und metallern. Gewöhnen musste ich mich aber nach den Draußenschwimmrunden erst wieder ans warme Wasser, schwamm dann gut und mit Genuss mit wenigen anderen im Becken, legte auf meine 3.000 noch 300 Meter. Cardio-Kondition hätte Lust auf noch mehr gehabt, doch ich muss Rücksicht nehmen auf den Rest der Hardware, die gegenüber Herz-Kreislauf immer mehr abfällt.

Der Himmel hatte inzwischen zugezogen, beim Zurückradeln wurde ich kurz vor Zuhause nassgeregnet.

Kurzes Frühstück mit selbst gebackenem Brot (gut!) und Obst, dann spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen unserer Leserunde. Eigentlich war für gestern der jährliche Ausflug in die Sommerfrische zum Chiemsee vorgesehen gewesen, doch wegen des schlechten Wetters hatten wir ihn abgeblasen: Bei dem Regen wäre weder Seeschwumm noch Kaffeeundkuchen auf dem Balkon mit Bergblick möglich gewesen, drinnen konnten wir auch in München sitzen.

Gelesen hatten wir von Colson Whitehead Sag Harbor, erschienen 2009. Auf Deutsch heißt der Roman Der letzte Sommer auf Long Island, was beim Kauf im Buchladen wohl zu gedehnten Blicken und Rechtfertigungsfuchteln „Nein, der ist nicht von Uta Danella!“ geführt hatte. Ich hatte das Buch sehr gern gelesen – nach anfänglichem Unmut, weil ich vergeblich auf Handlung wartete. Doch Handlung ist nicht der Antrieb der Erzählung. Der Roman malt viel mehr das Bild einer Zeit und eines Gesellschaftsausschnitts: Ein Sommer in den 80er Jahren auf Long Island, es erzählt ein Teenager, der zu der Schicht der schwarzen Sommerfrischler gehört, die in zweiter Generation wohlhabend und etabliert genug sind, dass sie sich Sommerhäuser auf Long Island leisten können.

Sommerfrische der wohlhabenden New Yorker Mittelklasse auf Long Island ist ja ein etablierter Hintergrund in der Fiktion, ob im Roman oder im Film. Doch erst durch Sag Harbor wurde mit bewusst, dass diese etablierten Bilder rein weiß sind, dass Nicht-Weiße darin nicht vorkommen. Genau das ist der Erzählanlass: Sowohl aus der Perspektive des 15-jährigen Benji als Ich-Erzähler als auch mit der Reflexion des Erwachsenen Ben wird uns weißen Normmenschen beschrieben, was wir bislang übersehen haben. Dass es in den 80ern eine gebildete schwarze Schicht mit Wohlstand gab, dass Rassismus und Bürgerrechtsaktivismus ganz spezielle Auswirkungen auf Familienstrukturen hatten, dass Weiße und Schwarze weiterhin getrennt lebten, aber auch, dass solch ein Sommer auf Long Island unter Teenagern eben die Mechanismen und Codes mit sich trug, die dieser Lebensabschnitt produzieren kann.

Ich fand viele Aspekte dieser Zeit und dieser Familien nahbar und nachvollziehar beschrieben: Zum Beispiel den Job, den Benji im örtlichen Eisladen als Waffelbäcker hat, die Unberechenbarkeit des despotischen Vaters und die Reaktion der Kinder, die Machtverschiebung in der Jungsgruppe durch Autobesitz.

Die Rezeption in unsere Lesegruppe ging auseinander, es gab auch Stimmen, die ein Sommer auf Long Island in den 80ern einfach nicht interessierte.

Draußen blieb es regnerisch und unangenehm. Mit Herrn Kaltmamsell verbrachte ich den Abend vor dem Fernseher: Wir guckten That’s Entertainment Part 2 von DVD an.

§

„Schwangerschaft im sozialen Wandel
‚Eine Frau soll keinen Mann brauchen müssen, um ein Kind zu gebären'“
.

Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp spricht über ihr neues Buch, in dem sie unsere impliziten gesellschaftliche Vereinbarungen rund um Schwangerschaft betrachtet sowie ihre Wurzeln und Auswirkungen. Sie stellt Gegenvorschläge zur Diskussion.

§

„Konflikte in der LGBTI-Community
Der alte weiße Schwule versteht die Welt nicht mehr“.

via @niggi

Interessanter historischer Abriss der Befreiungsbewegung von Schwulen und Lesben in Deutschland – die zum Teil sehr unabhängig voneinander verlief.


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