Bücher

Journal Mittwoch, 1. April 2020 – Pandemie bremst Postverkehr

Donnerstag, 2. April 2020

Tief und gut geschlafen, es war so schön.

Gemütliche Runde auf dem Crosstrainer. Ich versank so tief in Nachdenken über Brave New World, dass es mir schwerfiel, nach 30 Minuten aufzuhören.

Beim Radeln in die Arbeit war es in der Sonne nicht mehr ganz so kalt.

Im Büro sehr kurzgetaktete Emsigkeit. Sie kennen das, wenn Sie sich alle zehn Minuten neu sammeln müssen: Wo war ich?

Mittags Quark und Hüttenkäse mit Orange, nachmittags eine Hand voll Nüsse. Ich vermisse den guten Arbeits-Cappuccino.

Unerwartete Pandemie-Folgen: Ein ganzer Stapel Aussendungen nach Indien kam mit diesen Aufklebern zurück.

Ohne Umwege heimgeradelt, in der Sonne waren Bavariapark und Theresienwiese weiterhin gut besucht.

Fürs Abendessen war ich zuständig: Es gab Kaiserschmarrn, der mir besonders gut weil fluffig geriet.

Aus der Tagesschau erfuhr ich unter anderem, dass die Beschränkungen des öffentlichen Lebens deutschlandweit bis 19. April verlängert werden.

Abendunterhaltung Kultur: Arte zeigte Das Mädchen Wadjda – jetzt weiß ich also auch, wie dieser hochgerühmte Film aussieht. (Und musste sehr an den cinephilen Studienfreund denken, der diese Sorte ungelenker, aber ungemein gut gemeinter Filme mit „usbekische Autorenfilme mit Untertiteln“ zusammenfasste.)

§

Margaret Atwood schreibt als Literaturwissenschaftlerin (denn das ist die Kanadierin ja auch – möglicherweise habe ich noch nicht oft genug erwähnt, dass einer meiner Uni-Kollegen an der Universität von Toronto ein Büro mit ihr teilte, wir also über nur ein Eck praktisch Kolleginnen waren) 2007 zum 75. Jahrestag im Guardian ein wundervolles Essay über Brave New World:
„‚Everybody is happy now'“.

Und hier wurde ich auf der Suche nach Rezeptionsgeschichte zu Brave New World fündig:
„Brave New World at 75“.
Kurzfassung: Die intellektuelle Welt war bei Erscheinung überwiegend empört.

Wells’s friend and fellow writer Wyndham Lewis called it “an unforgivable offense to Progress.”

Journal Dienstag, 31. März 2020 – Aldous Huxley, Brave New World

Mittwoch, 1. April 2020

Diesmal wieder sehr guter Schlaf (in der Endphase sang mir Christopher Lee etwas auf Deutsch vor, die Melodie verfolgte mich als Ohrwurm bis zum Kaffeetrinken). Nachdem ich Montag ein halbes Stündchen auf dem Crosstrainer verbracht hatte, war gestern wieder Yoga dran – diesmal wundervollerweise eine Runde, die ich durchgehend und ohne Aufjaulen mitmachen konnte.

Frostiges Radeln in die Arbeit. Mittags Rote-Bete-Mus mit einer Scheibe Brot, nachmittags zwei Orangen. Viel zu recherchieren und Korrektur zu lesen.

Nach Feierabend direkt nach Hause geradelt, im Bavariapark Schlagenlinien um die vielen Spaziergängerinnen und -gänger.

Das Nachtmahl bestellten wir beim benachbarten indischen Restaurant, Herr Kaltmamsell holte es ab und wir aßen gut.

Im Bett Aldous Huxley, Brave New World von 1932 ausgelesen. Nachdem ich in den ersten beiden sehr plakativen Kapiteln noch gedacht hatte, dass das Buch möglicherweise nicht gut gealtert ist, gefiel es mir schließlich doch. Die Vision einer Welt, in der niemand leiden muss (Motto: „Community, Identity, Stability“), ist zwar dystopisch angelegt, doch ja grundsätzlich eine Überlegung wert – Huxley hat versucht, sie verhältnismäßig unpolemisch durchzuspielen. Als Gegensatz dazu zeigt er ein wildes Urvolk, als Bindeglied einen jungen Mann, „Savage“, dessen Mutter aus der Zivilisation durch ein Unglück zu den „Wilden“ verschlagen wurde, der bei ihnen aufwuchs – und dessen Versuch eines alternatives Lebens in der wundervollen schmerzfreien Zivilisation schmetternd scheitert.

Ich hatte Brave New World nicht so ausgewogen in Erinnerung. In einem Vorwort bedauert Huxley zwar 15 Jahre später, dass er Savage keinen dritten Weg hat gehen lassen, kommt aber zur Erkenntnis, dass das Gesamtkonstrukt des Romans dann nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre. (Dabei wird ja eine Alternative angedeutet: Die Inseln, auf die Dissidenten geschickt werden, klingen für mich wirklich verlockend – hat vielleicht jemand später einen Roman geschrieben, der dort spielt?) Besonders interessant fand ich, welche gesellschaftlichen Haltungen der Entstehungszeit durch die Betonung ihres Gegenteils sichtbar werden, zum Beispiel rigide Sexualmoral. Kompositorisch schön: Die vielen markierten Shakespeare-Zitate – das einzige Buch, das Savage im Dschungel zur Verfügung stand, war eine Gesamtausgabe, die er jetzt auswendig kann.

Aus heutiger Sicht auffallend: Der Rassismus, der selbstverständlich einen gebürtig weißen Menschen als Bindeglied braucht, um seine Überlegungen ernst nehmen zu können. Und wieder mal: Alles kann sich der Autor vorstellen, jeder hat einen Privathubschrauber, man reist mit Interkontinentalraketen, moderne Kleidung aus nicht schmutzendem Synthetikmaterial, die Hautfarbe bestimmt nicht die Position in der Gesellschaft, medizinischer Fortschritt verhindert physische Alterung, Menschen sind pränatal vorherbestimmbar und beliebig konditionierbar – aber seine Phantasie reicht nicht mal ansatzweise, sich eine Welt vorzustellen, in der nicht die Machtpositionen von Männern besetzt sind.

§

Viel Liebe für Peter Wittkamp (aka @diktator) und seinen Artikel:
„Kommt kein Mann in eine Bar: Scherze in der Corona-Krise“.

Man könnte Stadien füllen, wenn man nur dürfte.

§

Randall Munroe hat sich einen xkcd zu Corona ausgedacht – in dem die Viren sich Gedanken machen.
„Pathogen Resistance“.

Journal Montag, 9. März 2020 – Maya Angelou, I Know Why the Caged Bird Sings

Dienstag, 10. März 2020

Morgens startete ich eine neue Runde 30 Tage Yoga mit Adriene: Ich kramte die Serie von 2018 heraus, „True“. Dabei stellte ich gleich mal fest, dass Adriene hier deutlich aufgekratzter und energischer ist, vor allem im Tonfall; bei „Home“ von 2020 spricht sie viel sanfter. So oder so funktionierte jede Bewegung rund um die Pose warrior ganz entschieden nur auf der nicht wehen Seite.

Es regnete. Deshalb und weil ich abends ohnehin mit Öffentlichen unteregs sein würde, kaufte ich eine Tageskarte und fuhr mit der U-Bahn in die Arbeit.

Im Büro Emsigkeit, unter anderem mit Menschen. Mittags eine große Portion Waldorf Salad vom Wochenende, nachmittags Quark mit Orange.

Auf dem Heimweg Supermarkteinkäufe, vor allem für die Brotzeit der nächsten Tage. Nach kurzem Aufenthalt zu Hause nahm ich mit Herrn Kaltmamsell eine Tram über die Isar zum Treffen unserer Leserunde, wegen zwei Erkältungsausfälle dezimiert.

Wir sprachen über Maya Angelou, I Know Why the Caged Bird Sings. Die Einschätzung von uns dreien, die diese Memoiren von Angelou über ihre Kindheit und Jugend überhaupt gelesen hatten, ging auseinander. Alle hatten wir dasselbe in ihrem 1969 veröffentlichten Buch gesehen: Dass die Schilderung sehr aufschlussreich war, wie sie und ihr Bruder in den 1930ern als Kleinkinder von den getrennten Eltern zur Großmutter nach Arkansas gebrachte werden. Die Großmutter führt einen Dorfladen, die schwarze Bevölkerung lebt so konsequent von der weißen getrennt, dass die Kinder mystische Vorstellungen vom Aussehen und Leben der Weißen haben. Die oft lebensbedrohliche Diskriminierung der Schwarzen zieht sich als roter Faden durch die Schilderungen, dominiert sie aber nicht. Maya und ihr Bruder leben dann wieder ein Zeit lang bei ihrer Mutter in St. Louis, dann wieder einige Jahre bei der Großmutter, bis sie zu ihrer Mutter ziehen, die inzwischen in San Francisco lebt.

Uns allen fiel auf, wie unterschiedlich die verschiedenen Erlebnisse erzählt werden, sprachlich und im Tempo. Während Angelou zum Beispiel einen Gottesdienst auf dem Land extrem ausführlich schildert, Seite um Seite die Teilnehmenden und die Geschehnisse beschreibt, werden so lebensentscheidende Phasen wie der Monat, den sie mit 16/17 auf einem Schrottplatz lebt, in wenigen Sätzen wegerzählt. Doch während ich das anregend und interessant fand, weil mir der Mensch hinter diesem Leben dadurch näher kam, sahen andere in unserer Leserunde das als Makel.

Mir war erst im Lauf der Lektüre klar geworden, dass es sich nicht um einen Roman handelte, sondern um Memoiren, das hatte mein Leseerlebnis verändert. Allerdings fällt es mir genau deshalb schwer, I Know Why the Caged Bird Sings literarisch einzuordnen: Ich sehe es als Zeitzeugnis US-amerikanischer Geschichte, als historische Quelle. Die habe ich aber sehr gern gelesen.

§

Isaac Chotiner unterhält sich für den New Yorker mit Frank M. Snowden, „professor emeritus of history and the history of medicine at Yale“, der die historischen Zusammenhänge zwischen Epidemien und Gesellschaft untersucht hat. Darunter auch überraschende positive Auswirkungen schlimmer Krankheitsasbrüche.
„How Pandemics Change History“.

via @Hystri_cidae

Journal Sonntag, 8. März 2020 – Sonnige Kälte, Schwimmen, Marieluise Fleißers Erzählungen

Montag, 9. März 2020

Herrlich lange und (bis auf Anfangsschmerzen) gut geschlafen. Dennoch war ich recht früh startklar für meine Schwimmrunde, die Sonne draußen versprache eine schöne Radlfahrt.

Ich hatte ja gehofft, dass die Menschen, die aus irrationalen Ängsten Wäschedesinfektion horten, auch Angst vor Schwimmbädern haben – aber es gibt wohl keine Schnittmenge zwischen Wäschevirenängstlichen und Sportschwimmerinnen: Das Becken war gut besucht. Ich konnte dennoch recht ungestört meine Bahnen ziehen, ließ es bei 2.500 Metern bewenden.

Im Anschluss fand ich live heraus, dass spanischsprachige Eltern auch 2019 ihre Töchter Maria de la soledad (Maria von der Einsamkeit) nennen, mit der Folge, dass gestern welche nach einer ganz kleinen Tochter mit einem übersetzt herzhaften „Einsamkeit! Komm endlich!“ riefen („¡Soldedad! ¡Ven!“). Tatsächlich tue ich nur so, also rollte ich darüber die Augen (wahrscheinlich gibt es also auch immer noch kleine „Lass das, Empfängnis!“ – Concepción/Conche/Conchita – und „Langsam, Unbefleckte!“ – Imaculada): Ich finde es immer herzerfrischend, in Europa hartnäckige regionale kulturelle Exzentrik zu erleben; in Spanien gehören für mich auch die unverändert meschuggenen Essenszeiten dazu. (Gleichzeitig bin ich sehr froh, dass meine Eltern mir einen anderen spanischen Namen gegeben haben, komplett ohne irgendeine Maria.)

Auf dem Heimweg Semmeln besorgt, daheim mit Waldorf Salad gefrühstückt.

Da andere Münchnerinnen ihre Briefwahlunterlagen schon haben, wurde ich misstrauisch: Als ich meine am Faschingswochenende beantragt hatte, bekam ich nämlich keine Bestätigung – weder auf dem Bildschirm noch als E-Mail. Da ich allerdings auch keine Fehlermeldung bekam, machte ich mir keine weiteren Gedanken. Bis in den vergangenen Tagen, jetzt hätte ich die Unterlagen nämlich erwartet. Ich startete also nochmal eine Online-Bestellung (die Wahlbenachrichtigung bietet dafür einen QR-Code) – und diesmal kam die Bestätigung.

Das Wetter blieb strahlend unter knallblauem Himmel – der allerdings eine Wärme versprach, die die Temperaturen keineswegs einhielten. Mehrfach trat ich hinaus auf den sonnigen Balkon – um wenige Augenblicke später ins warme Wohnzimmer zu fliehen und die Balkontür energisch zu schließen. Lügensonne!

Aber die Hasenglöcken wuchsen auch in der Kälte.

SZ-Magazin vom Freitag gelesen, Banane und Orange mit Joghurt zum Nachmittagssnack.

Marieluise Fleißer, Erzählungen ausgelesen. Sie haben mich mitgenommen, diese bitteren Geschichten, fast alle aus dem eigenen Leben. Die frühesten spielen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, die letzten in den 1950ern. Alle sind sie sehr ingolstädterisch, nicht nur durch die Ortsmarken: Ich kenne diese kleinen, erbärmlichen Leute, meine polnische Großmutter lebte in dieser Gesellschaft.

Es sind Wörter wie Knochen, die Fleißer für ihre Texte verwendet, in diesen Erzählungen wie in ihren Dramen. Ein verhochdeutschtes Oberbayerisch, mal aus der Perspektive des Mädels oder der jungen Frau, aber auch mal aus der Perspektive des Burschen. Starrsinnig und selbstsüchtig sind sie allesamt, jeder und jede ums eigene Überleben besorgt. Es gibt kein Erbarmen, keine Gemeinschaft, keine Wärme, keine Leichtigkeit. Was Wunder, dass Fleißer in Ingolstadt als Nestbeschmutzerin galt.

Aus „Ein Pfund Orangen“ – wie so viele von Fleißers Erzählungen eine unglückliche Liebesgeschichte:

Wenn sie ihm ins Gesicht sah, konnte sie es ihm schon nicht mehr verdenken, eine solche Gewalt hatte er über sie, und dann war es herrlich, daß es auf der Welt so viel Zeit gab. Doch wenn sie allein war, gab es wieder zu viel Zeit. Je länger sie ihn kannte, desto öfter war sie auf einmal wieder allein. Da sah man, daß ihr das gar nie hätte passieren dürfen, denn dann kam es in ihr herauf. Jeden Tag tat sie sich was anderes an, ganz was Schlechtes, und ihre Gedanken stießen sie nur so hinab, sie konnte kein gutes Haar an sich lassen. Mit versagendem Bick sah sie in die Jahre hinein, die vor ihr lagen, und wurde wirr und irr daran wie an einem vorwurfsvollen Schweigen.

Zwei lange Geschichten erzählen wichtige Phasen in Fleißers Leben: „Avantgarde“ die Zeit mit Bertold Brecht, „Der Rauch“ das Ende des Zweiten Weltkriegs, als sie versuchte, in Bombenhagel und Besatzung die Ware ihres Mannes zu retten, des Tabakhändlers, der noch an die Front geschafft worden war. Da kommen zur Bitternis noch das Elend und die Ausweglosigkeit.

Über allem liegt ein Bild, dass Marieluise Fleißer erst spät aufgeschrieben hat, erst in ihrem Theaterstück von 1950 Der starke Stamm, in einem Monolog der Balbina:

Und ist doch so, daß du die Tür aufreißen möchtst und so viel Verlangen hast in dir drin, daß dir Flügel herauswachsen müßten aus dem, was die anderen anschaun für deinen Buckel, wenn eins bloß Augen dafür hätt und hätt an dich noch einen Glauben. Aber das gibt’s ja net auf der beschissenen Welt. Was dich beißt, sind nicht deine Flügel, wo herausstoßen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel.

Herr Kaltmamsell stand wieder stundenlang in der Küche fürs Nachtmahl: Sauerkraut und Kartoffelpü aus Ernteanteil, Bratwürst dazu, außerdem hatte er onion gravy als Soße ausprobiert. Alles ganz ausgezeichnet.

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SZ-Magazin online: Zwei junge Filmemacherinnen verarbeiten in einem Projekt Vorurteile über Geflüchtete. Dazu legen sie den Betroffenen fremdenfeindliche Aussagen in den Mund, die sie zuvor auf der Straße gesammelt haben.
„Meinungsaustausch“.

Journal Mittwoch, 26. Februar 2020 – Kurzer Schneesturm

Donnerstag, 27. Februar 2020

Schlecht eingeschlafen, dann aber gut geschlafen bis fünf – als mir die Angst wie eine Kapuze übergestülpt wurde (genau dieses Bild träumte ich) und Herzklopfen mich wach hielt.

Lustiges Yoga – es macht mir tatsächlich überhaupt nichts aus, wenn ich nicht mal annähernd biegsam genug für irgenwelche Assanas bin. Ich turne sie geistig aus.

Den ganzen Tag fühlte ich mich gereizt, mag gestern an den Schmerzen gelegen haben, Treppensteigen ging zum Beispiel nur mit fest zusammengebissenen Zähnen. Mittags ein Schmalzbrot und mit großem Genuss Mango und Blutorange.

Winter-Intermezzo: Die angekündigten Schneekflocken wirbelten vereinzelt am Bürofenster vorbei – und sammelten sich am Nachmittag zu einem astreinen Schneesturm.

Geschäftiges Arbeiten. Ich entdeckte, dass ich am Arbeitstelefon über eine Pokerstimme verfüge.

Die Tage sind deutlich länger geworden: Als ich mich viertel vor sechs auf den Heimweg machte, war es noch nicht dunkel. Gegenüber dem Supermarkt, in dem ich Brotzeit für die nächsten Tage und Süßigkeiten besorgte, stieß ich endlich auf eine Lottostelle: Nach vermutlich 20 Jahren wollte ich nämlich schon seit Wochen mal wieder Lotto spielen (für die Ziehung nächsten Samstag und Mittwoch), aka Deppensteuer zahlen. Jetzt kann ich eine Woche lang Luftschlösser ohne Erwerbsarbeit bauen.

Daheim Wäsche verräumt, Blumen gegossen, für die Bürobrotzeit eine Grapefruit und eine Orange angerichtet. Zum Nachtmahl gab es die zweite Hälfte Krautkrapfen vom Vorabend, selbst der Nudelteig schmeckte ausgewärmt besser (das Kraut sowieso). Und große Mengen Süßigkeiten, auch Herr Kaltmamsell hatte eingekauft.

Früh ins Bett, ich begann Marieluise Fleißers Erzählungen zu lesen.

§

“Let me finish. None of them accuse me of doing anything other than maybe they didn’t like a joke I told.” — Michael Bloomberg on being accused of sexual harassment.

McSweeney’s hat da mal drüber nachgedacht:
„Jokes I’ve Told That My Male Colleagues Didn’t Like“.

via @DonnerBella

Journal Donnerstag, 13. Februar 2020 – Auf den Spuren von Marieluise Fleißer / Ali Smith, Autumn

Freitag, 14. Februar 2020

Die letzten Stunden vor Weckerklingeln schlecht geschlafen, aber derzeit sind meine Schlafvorräte ja gut gefüllt.

Yoga diesmal im Stehen. Dafür schob ich dann doch meine Matte zur Seite: Ich habe keine Yogamatte, sondern eine zwei Zentimeter dicke Gymnastikmatte aus weichem Schaum, die das Krafttraining erfordert. Bei so mancher Yoganummer darauf merkte ich, wie wacklig diese Unterlage ist – sicher gut für die tiefe Muskulatur zur Stabilisierung. Gestern konzentrierte ich mich lieber auf andere Details und stand barfuß auf dem Riemchenparkett (dessen Holz ich mir beim Thema „Ground“ bewusst machte). Anschließend Hüftdehnung auf dämpfender Matte.

Mittags Schmalzbrot, nachmittags zwei Orangen. Auf dem Heimweg kaufte ich noch Brot – der Kunde vor mir in der Bäckerei war ein kleines Kind, so richtig mit Bestellen und auf Nachfragen der Verkäuferin antworten, Geld rüberreichen, Wechselgeld nehmen (Letzteres erst auf Ermahnung der Verkäuferin) – das alles zwar, wie ich bemerkte, unter den Augen der Mutter, die an einem der Cafétische saß, ich freute mich aber trotzdem.

Daheim bereitete ich noch Buschbohnen-Zuckerschoten-Salat zu und deckte den Tisch, dann kam die Leserunde. (Der Butterscotch Pudding war nicht sturzfest geworden, ich servierte ihn als Creme-Blob mit der Salzkaramell-Soße.)

Wir sprachen über Ali Smith, Autumn. Ich hatte den schmalen Roman gern gelesen, die Geschichte der nicht mehr ganz jungen Frau, die im frischen post-Brexitreferendum Großbritannien einem greisen Mann im Pflegeheim vorliest: Er war als schon alter Mann der Begleiter einiger ihrer Kindheitsjahre mit seiner Begrüßungsfrage „What are you reading“ und seinen Beschreibungen von Kunstwerken seiner unerreichten Geliebten im Swinging London. Ihre Erinnerungen mochte ich, auch die Handlung in der Gegenwart, in der sie sich als Kunsthistorikerin durchschlägt, wieder bei ihrer seltsamen Mutter eingezogen ist. Schön immer wieder Kapitel mit nicht-realistischem Erzählen, die Assoziationen freilegen und bei mir innere Bilder erzeugten. Doch unterm Strich fand ich das Buch belanglos, es wird mir nicht in Erinnerung bleiben.

Ähnlich war das Echo der Leserunde, sehr schön fand ich die Beobachtung eines Mitlesers, dem das Buch besser als uns anderen gefallen hatte: Die Erzählweise des Romans gleicht den Collagen der Künstlerin, deren Werk der alte Mann beschreibt und über den die Erzählerin forscht.

Mittwochabend hatte ich im Bett ausgelesen Fleißers Ingolstadt. Eine literarische Topographie, ein Geschenk meiner Mutter, herausgegeben 1998 von der damals kürzlich gegründeten Marieluise-Fleißer-Gesellschaft: Zeitgenössische Schwarz-Weiß-Fotos Ingolstädter Ansichten zu Textausschnitten aus Fleißers Werk. Und diese Texte fand ich noch viel besser, als ich Fleißer eh in Erinnerung hatte – ich werde mir ihr Gesamtwerk besorgen. Wenn ich überhaupt versuche, meine dunkelgrau gefärbte Einstellung zu meiner Geburtsstadt zu erklären, verweise ich schon bislang immer auf Fleißers Werk. Und stehe dabei hilflos vor der Tatsache, dass sie nach ihren Jahren in Berlin aus Geldmangel dorthin zurückgekehrt ist und einen Tabakwarenhändler heiratete, der ihr das Schreiben verbot.

Fleißers Sprache, ob in ihren Dramen oder in Prosatexten, ist eigenwillig und poetisch verknappt – wie naheliegend, dass Herta Müller, die einen ähnlichen Umgang mit Sprache hat, 1994 einen Text zu Fleißers 20. Todestag schrieb:
„Am Ende war es keiner gewesen“.

In den Sätzen der Geschichte steht das Einfachste des Möglichen. Will man es nacherzählen, zerbricht es. Es ist so authentisch, daß es keinen fremden Atem annimmt. Will man es wiedergeben, geht man schon in die Breite. Man tut dort etwas hin, wo bei der Fleißer nichts stehen darf. Man reiht um das Nackte herum Verkeidetes, weil man sich helfen muß. Aber in den Sätzen stehen die nackten Nadeln aus den Wörtern. Alles, was die Ebene des Geschriebenen treffen will, rutscht ab. Es geht einem wie in dieser Passage der Autorin: „Was dich beißt, sind nicht deine Flügel, wo herausstoßen wollen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel … Man möchte halt über sich hinaus und muß pochen an fremder Tür …“

Ganz, ganz großartig auch: 1971 hat die junge Elfriede Jelinek die verehrte Fleißer bei ihr daheim interviewt. (Man hat wohl irgendwas richtig gemacht, wenn man zwei spätere Literaturnobelpreisträgerinnen zu seinen Bewunderinnen zählt).

Der starke Stamm wird gerade am Residenztheater gespielt.

§

Gar nicht weit weg, und doch las ich auf katholisch.de zum ersten Mal davon:
„Münsterschwarzacher Mönche engagieren sich in der Kommunalpolitik
Warum ein Benediktinerpater für den Gemeinderat kandidiert“.

Journal Montag, 10. Februar 2020 – Umtost von Sabine

Dienstag, 11. Februar 2020

Früher Wecker, um Zeit für eine weitere Runde Yoga mit Adriene zu haben: Gestern wurde nur gedehnt. (Einbeiniges Stehen auf der wehen Hüfte war in einem überraschenden Maß unmöglich – dabei kenne ich diesen stechenden Großschmerz doch vom tägliche Sockenanziehen, selbstverständlich weiterhin hartnäckig im Stehen.)

In den Morgenstunden war der angekündigte Orkan Sabine eingetroffen. Herr Kaltmamsell hatte schon am Vorabend erfahren, dass der Schulunterricht im ganzen Landkreis abgesagt worden war und freute sich auf zusätzliche Zeit, ich wiederum war gespannt, wie groß die Ausfälle im Büro sein würden.

Sicherste und verlässlichste Art des Arbeitswegs wäre bei mir Gehen gewesen – hätte aber in meinem derzeitigen Zustand eine Stunde gedauert. Also halt doch wieder Fahrrad: Ging, nur ein kleines Stück erforderte wegen Gegensturms den kleinsten Gang.

Am Vormittag dann vorm Bürofenster Wolkendrama und auch mal ein richtiger Regensturm, der sich aber bald beruhigte. (Große Verlegenheit ob Ihrer Wiedersehensfreude in den Kommentaren.)

Mittags ein Schmalzbrot aus selbst gebackenem Brot und Entenschmalz vom Sonntagsbraten, nachmittags zwei Blutorangen.

Auf dem Heimweg ein Abstecher in den Teeladen in der Sendlinger Straße: Nachdem am Wochenende eine Teedose leer wurde, sollte sie mit Lapsang Souchong gefüllt werden. Ich wählte aus den drei angebotenen Sorten die mittelintensive. Der Sturm hatte sich ein wenig beruhigt. (Wir kennen hoffentlich alle jemanden, die derzeit die BILD-Schlagzeile „ANGST VOR SABINE“ als WhatsApp-Profilbild nutzt?)

Vor dem Abendessen entspannte ich mich daheim mit einem Martini und dem Vergnügen, auf instagram-Werbung zu antworten.

Die Reste vom Wochenende ergaben zum Nachtmahl ein chinesisches Entengröstl, im Fernsehen lief X-Men 2 (die Coming-out-Szene ist wirklich witzig).

§

Schon am Sonntag Deadline von Bov Bjerg ausgelesen. Ziemlich deutlich ein Vorläufer von Serpentinen, deutlich direkter als Auerhaus: Auf der einen Seite stilistisch mit wiederholte Wortwendungen („Slash Rekonstruktion“) und nicht-realistischer Erzähltechnik (hier ständig Synonyme, die der Ich-Erzählerin, von Beruf Übersetzerin, als Übersetzungsmöglichkeiten durch den Kopf gehen). Auf der anderen mit seinem Setting in der schwäbischen Alb, einer kleinbürgerlichen Dorfgemeinschaft, mit Befreiung durch Ausbruch daraus, einem Alkoholikervater, der sich umgebracht hat, dem Friedhof, dem einen Einzelgänger. Aber im Gegensatz zu Serpentinen haben wir hier Schwestern statt Brüder und die Perspektive einer Frau. Erzählt wird die Geschichte dieser mitteljungen Frau, die von ihrem Wohnort, einer Großstadt in den USA, zum Flughafen aufbricht: Sie fliegt in ihren deutschen Herkunftsort zu ihrer Familie.

Ein sehr guter Erstling.

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„Land ohne Ende: Unvollendete Bauten in Italien
Seit zehn Jahren katalogisiert ein Künstlerkollektiv unvollendete Bauten in Italien. Sein Ziel: das ‚incompiuto‘ zum Stil zu deklarieren“.


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