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Journal Sonntag, 25. September 2022 – San Sebastián 10: Baskische Schweinshaxe und Monte Igueldo

Montag, 26. September 2022

Ausgeschlafen aufgewacht.

Langes Bloggen zu Milchkaffee und leichtem Frieren trotz einiger Schichten Kleidung. Vorm Fenster der Ferienwohnung kam vormittags immer wieder ein Regenduscher runter, dann aber beruhigte sich das Wetter, die Sonne schien immer energischer.

Mir war weiter kalt; vor meiner Yoga-Runde wärmte ich mich erst mal mit sportlichem Hopsen auf, um nicht zähneklappernd zu starten. Die anschließende heiße Dusche machte mir dann richtig warm.

Ich ging raus auf einen café von leche mit Herrn Kaltmamsell. Machen wir uns nichts vor: Natürlich fallen wir in diesem Nachbarschafts-Café als Fremde auf. Fürs Mittagessen besorgte ich eine Stange Brot in einer kleinen Panadería, die nur bis zur Siesta-Zeit offen hat (wie in meiner Kindheit alle kleinen Panaderías): Neben der Tür zum Laden hatte ich durch eine offene Tür gesehen, dass direkt dahinter die Backstube liegt, dass hier wirklich selbst gebacken wird.

Das Mittagessen holten wir uns wie geplant zu spanischer Zeit nach zwei: Gleich ums Eck hatten wir Sonntag vor einer Woche gesehen, dass die Leute Schlange standen am Lokal Ama-Lur, weil dort Grillhänhchen, -wachteln (codorniz) und -schweinshaxen (codillo) verauft wurden. Wachteln waren leider schon aus (wir hätten reservieren sollen), wir kauften eine baskische Schweinshaxe.

Sie war nicht frisch vom Grill, deshalb mussten wir sie erst in der Mikrowelle aufwärmen, dann schmeckte sie gut: Anscheinend ein wenig gepökelt, keine Kruste (die Kartoffeln dazu waren aber nix). Nachtisch war restliche tarta de queso.

Sonntägliche Gemütlichkeit mit Lesen, bei dem überraschend schönen Wetter wollten wir aber doch raus: Besteigung des zweiten Bergs von San Sebastián, den westlichsten Monte Igueldo (der mit dem Turm, Vergnügungspark und Hotel auf dem Gipfel).

Unterwegs Nachholen des Solls an Pärchen-Selfies.

Die Flut war gerade am höchsten Punkt, es gab viel zu gucken.

Auf den Igueldo geht zwar auch eine Standseilbahn hoch, doch wir hatten mehr Lust auf Fußweg. Der Stadtplan führte uns in Serpentinen nach oben, wir bekamen solche Ansichten und Ausblicke:

Doch wir gelangten nicht an den Gipfel mit Hotel und parque de atracciones, der Weg war sehr gründlich und energisch gesperrt – wovor weder der Stadtplan noch ein Schild unten gewarnt hatte.

Die Alternative war eine nackige Autostraße, die von unten direkt zum Hotel führt – oder, dafür entschieden wir uns, die Standseilbahn. Also wieder runter.

Es lohnte sich, wie auch immer hochzukommen: Sensationelle Aussicht.

Der parque de atracciones war niedlich, aber durchaus von Familien genutzt.

Hinunter wieder mit dem schönen alten Funicular.

Kachel in der Talstation.

Schöner Spaziergang die Concha entlang zurück in die Wohnung.

Abendessen als Gegengewicht zum Mittagessen eine Schüssel Salat mit Zwiebel und Tomate. Und restlichen Gateau basque / pasteles vascos.

Im Bett startete ich meine nächste Lektüre: Die Handlung des oft empfohlenen Patria von Fernando Aramburu, Willi Zurbrüggen (Übers.) begann gleich mal in San Sebastián auf Straßen, die wir gestern entlanggegangen waren.

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Aus Interviews ging ja bereits hervor, dass Alan Rickmann intelligent, gebildet und wortgewandt war (für einen Weltklasse-Schauspieler durchaus ungewöhnlich – einen britischen vielleicht nicht ganz so, die haben traditionell und bis heute familiären Bildungshintergrund). Jetzt erfuhr ich, dass er auch Tagebuch führte – und der Guardian hat seine Tagebucheinträge zu den Harry-Potter-Drehs zusammengestellt (blöde, reißerische Überschrift):
“Alan Rickman’s secret showbiz diaries: the late actor on Harry Potter, politics and what he really thought of his co-stars”.

Journal Donnerstag, 25. August 2022 – Westend-Markt

Freitag, 26. August 2022

Da schau her: Auch eine Vier-Tage-Woche kann sich ganz schön ziehen. Andererseits hatte ich seit einem Jahr keinen Erholungsurlaub mehr.

Auf dem Weg in die Arbeit (durch milde Spätsommersonne, keine Jacke nötig): Auf der Theresienwiese sind die ersten Laster mit Fahrgeschäften fürs Oktoberfest eingetroffen. Und am Anfang der Gollierstraße sah ich eine riesige hellbraune Spinne (unflauschig, langer Körper) ein Haus entlang flitzen.

Im Büro machte ich mir nach Langem mal wieder eine Kanne Jasmin-Grüntee – ich hatte schon vergessen, wie gerne ich den mag.

Die Arbeit bot wieder Spannung and Abwechslung, ich sehe mit tiefer Dankbarkeit auf die Liste von Dingen, für die ich nicht verantwortlich bin.

Mittags spazierte ich zum Westend-Markt auf dem Georg-Freundorfer-Platz (ob der Platz von den Hiesigen so genannt wird? habe ich zumindest noch nie gehört). Immer donnerstags und nur aus wenigen Ständen bestehend, doch ich hoffte auf ein paar heimische Frühäpfel. Der tägliche Münstermarkt in Freiburg bereitet mir schwere Sehnsuchtsschmerzen; der Münchner Viktualienmarkt ist halt kein Vergleich, da man auf ihm die wenigen Stände mit Eigenanbau suchen muss und auch an denen Fantasiepreise zahlt, die etwa 100 Prozent über denen in Freiburg liegen (nein, ich vergleiche nicht mit Supermarktpreisen). Gestern bekam ich am einzigen Stand mit Eigenanbau tatsächlich neue Äpfel, schaute gleich auch beim Käsestand vorbei.

Mittagessen: Birchermuesli mit Sojajoghurt, Flachpfirsiche (hart), Aprikosen (mehlig). Nach Feierabend steuerte ich also nochmal einen Obstladen an, um Pfirsiche und Nektarinen zu kaufen, in der Hoffnung, dass die besser waren.

Zu Hause eine sehr ruhige Runde Yoga, aber Adriene wies darin darauf hin, dass es bestimmte Menschen besonders viel Überwindung kostet, Übungen in stillness zu turnen.

Abendessen: Frisch geholter Kopfsalat aus Ernteanteil, Tomate, Gurke, das Ganze in Joghurt-Schnittlauch-Dressing und mit harten Eiern. Dann Käse vom Markt sowie geschenkte Salami mit Brot. Nachtisch Schokolade.

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< yoga >Deep breath innnnnnnnn, loooooong breath out< / yoga > Winnetou also und rassistische Stereotype.

Es wäre niemandem zu verdenken, wenn er genervt abwinken und einer durch und durch erwartbaren Diskussion aus dem Weg gehen würde.

Schreibt Johannes Franzen auf 54books. Ertappt.

Allerdings verdeckt die langweilige Debatte über die angeblich bedrohte Kunstfreiheit oft auch faszinierende Rezeptionsphänomene und kulturelle Aushandlungsprozesse. In diesem Fall lässt sich im Aufschrei über ein angebliches Winnetou-Verbot eine tiefempfundene Verlustangst beobachten, die Erkenntnisse über das Verhältnis von Jugendliteratur, kultureller Sozialisation und einer Utopie politischer Unschuld bereithält.

Also nahm ich mich zusammen und las seinen Artikel:
“Verlorene Unschuld – Über Wut und Winnetou”.

Den herrlichen Begriff “Trotzrezeption” nehme ich in meinen Alltag mit.

§

Ein weiteres viel zu wenig beachtetes Thema: Sport-/Bewegungstipps für Menschen, die (aus welchem Grund auch immer!) von Stufe Garnichts aus anfangen, die schon von Anfänger-Kursen überfordert und sofort entmutigt werden. Und nein: Das sieht man Menschen nicht an.

Gestern lernte ich den instagram-Kanal “The balanced method” kennen: Justine gibt Tipps für einen echten Einstieg in Kraftübungen und Cardio.

via @fliggerit

Von Yogalehrerin @misscaro habe ich den Tipp Accessible Yoga mit Jivana Heyman. Auch er zeigt Yoga-Alternativen für Vor-Anfänger*innen auf instagram, hier zum Beispiel eine Alternative zur Krähen-Asana, die auf einem Stuhl sitzend denselben Effekt hat (inklusive einem Semi-Rant über elitäres, ausschließendes Yoga). Das hier werde ich mal ausprobieren:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/tg-7gAMRulg

Kennt jemand ein deutschsprachiges Angebot?

Journal Dienstag, 16. August 2022 – Bloggen für Privat, Strickerinnerungen

Mittwoch, 17. August 2022

Corona vorbei, ich ging wieder in die Arbeit. Entprechend unruhig war der Schlaf in der Nacht vor erstem Tag Arbeit.

Die Wettervorhersagen hatten je nach App/Wetterdienst ausgesprochen unterschiedliche Angaben gemacht; der Morgen trat mild und fast wolkenlos auf, ich entschied mich für die Hitzevariante und schlüpfte in ein Sommerkleid. Stellte sich im Lauf des Tages als die richtige Wahl heraus.

Ein wenig Schlepp auf dem Fußweg ins Büro: Ich musste ja meine gesamte IT-Ausrüstung zurückbringen, mit der ich mich für bequemes Homeoffice in Isolation ausgestattet hatte.

Im Büro nur eine kurze Panikphase, der Arbeitstag blieb aus verschiedenen äußeren Gründen halbwegs kontrollierbar. Es zeichneten sich keine Folgen der Infektion ab, ich fühlte mich frisch und bewegte mich mit Energie.

Mittagessen, während draußen die Sommersonne schien: Ein Laugenzöpferl, auf dem Arbeitsweg gekauft, Hüttenkäse.

Auf dem Heimweg Einkäufe im Vollcorner und Drogeriemarkt. Kurz beim Hausarzt vorbeigeschaut, um meine Kassenkarte nachzureichen für die Krankschreibung via E-Mail.

Während Herr Kaltmamsell in der Küche stand und fürs Abendessen sorgte, turnte ich eine weitere Folge Yoga mit Adriene, “Move”.

Es gab die Zucchini aus Ernteanteil als selbsterfundenes Curry mit Kichererbsen und Kartoffeln, leicht scharf – ganz wunderbar. Nachtisch viel Schokolade.

Abendunterhaltung war eine gespeicherte Doku über die Nicholas Brothers – die stilbildend bis hinein in Rap und Hiphop waren und die sehr wahrscheinlich den Stellenwert von Fred Astaire und Gene Kelly hätten, wenn man ihnen als Schwarze dieselben Chancen eingeräumt hätte.

Im Bett neue Lektüre, ich begann Zoë Beck, Schwarzblende.

Für mich selbst habe ich die vorhergehenden drei Tage sehr wohl aufgeschrieben, mit Fotos und allem, schließlich ist das hier mein wichtigstes Nachschlagewerk zum eigenen Leben geworden. Allerdings hat mir das Aufschreiben ohne Veröffentlichungsabsicht gezeigt, wie viel ich sonst auslasse, weil es halt die Öffentlichkeit nichts angeht: Nachbarschaft, Familie, überhaupt meine Interaktionen mit anderen Menschen. Diese müssen sich ja darauf verlassen können, nicht ungefragt in die Öffentlichkeit zu geraten. Selbst mein eigener Blick zurück ist dadurch stark gefiltert. Oft kann ich mich schon nach wenigen Jahren nicht mehr erinnern, wer die “Freundin” ist, mit der ich mich verabredet hatte; nur für mich hätte ich selbstverständlich ihren Namen erwähnt, auch die Verabredung samt Gesprächen detailliert beschrieben. So fehlen hier die interessantesten, die besten Geschichten, die ich bei persönlichen Begegnungen aus meinem Leben erzähle.
Ich weiß noch nicht, was ich mit dieser Erkenntnis mache.

Dieser Filter, so habe ich zudem bemerkt, wirkt sich auch auf mein Fotografieren aus: Tendenziell halte ich Veröffentlichbares fest, also möglichst keine Menschen. Doch aus größerem Abstand sind ja vor allem die Bilder mit Menschen drauf interessant, ihre Kleidung, ihre Frisuren. Also habe ich mir vorgenommen, künftig mehr für mein späteres Ich zu fotografieren, nicht nur fürs Blog.

Beim wiederaufgenommenen Stricken fielen mir lang vergessene Details des Strickunterrichts in meiner Grundschulzeit ein (Mitte 1970er, Nachtrag: in Bayern): Wie wir zunächst Maschenabheben lernten, also von einer Nadel unabgestrickt zur anderen. Und wie mich die scheinbare Sinnlosigkeit frustriert hatte. Erst jetzt, mit viel Erfahrung weiß ich, wie oft man diese Fertigkeit braucht. Ebenso wie das damals verhasste Zurückstricken, Masche um Masche: Nämlich wenn ich einen Fehler noch in derselben Reihe entdecke. Doch musste man unbedingt damit anfangen? Den Handarbeitsunterricht mochte ich eh nicht, bei meiner Dysbastelie lag mir jede Art von mechanischer Akkuratheit fern, Sorgfalt war ebenso wenig meins. Das Ergebnis wurde daheim als “schlampig” bezeichnet – was nur zu gut zu dem Bild passte, das man dort bis zu meinem Auszug von mir hatte.

Kurz fragte ich mich, mit welchem didaktischen Ansatz wohl heutzutage der Strickunterricht für völlig Ahnungslose beginnt – dann fiel mir ein, dass ich das ja in einem YouTube-Tutorial für Dummys sehr schnell rausfinden konnte: 1. Der Mann (EIN MAAAAAANNNNNN!) 2. schlägt schon mal anders an, als ich es damals gelernt habe (sieht praktischer aus, könnte ich übernehmen – interessanterweise scheint es auch hier kulturelle Unterschiede zu geben: das deutsche Lehrfilmchen zeigt die kompliziertere Methode, die ich in der Schule lernte), und 3. er strickt sofort los.

Ein weiterer kultureller Unterschied, der mir schon früh auffiel: Woanders, zum Beispiel in Spanien, wird das Strickstück auf langer Nadel unter den linken Arm geklemmt, es arbeitet nur die rechte Hand, für jede Masche legt die linke Hand den Faden um die rechte Nadel. Sah in meinen Augen immer sehr umständlich und langsam aus.

Ziemlich sicher habe ich mir das eigentliche Stricken später als Teenager selber beigebracht, im großen Strick-Boom der 1980er. Aber woher bekam ich die Details? Aus Strickanleitungen? Oder haben wir Strickerinnen einander unsere Tricks gezeigt? Ich kann mich nicht erinnern, nicht mal woher ich die Idee hatte, statt der langen, unpraktischen Stricknadeln (mit denen man immer das ganze bereits gestrickte Teil heben musste) Rundstricknadeln zu verwenden, auch fürs unrunde Geradausstricken, bei denen das Strickprodukt liegen konnte. Und woher erfuhr ich von so segensreichen Hilfsmitteln wie Zopfnadeln?

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Zum Thema Gasumlage beobachte ich in meinem Internet einen überraschenden Reflex: Sofort wird sich empört, Unternehmen bereicherten sich auf Kosten ihrer Kundschaft. Ja, das tun Unternehmen oft und gern, vor allem Aktiengesellschaften, deren Unternehmenszweck es ist, ihren Aktionär*innen Geld zu beschaffen. Aber in diesem Fall geht es doch um etwas völlig Anderes. Zum Glück kenne ich eine Expertin für Energierecht, nämlich @miriam_vollmer. Sie erklärt in einem Twitter-Thread, was diese konkrete Gasumlage tatsächlich ist.

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Vom Autor Maik Novotny auf Twitter angekündigt mit:

Ich habe möglicherweise die Zukunft der Architektur gesehen, und zwar nicht im verspiegelten Prestige-Megamumpitz in der arabischen Wüste, sondern in einer Bauteilbörse in einem Schweizer Gewerbegebiet.

Sein Artikel: “Wiederverwertung in der Architektur: Die Bauteiljäger von Basel”.

Buser und Honegger sind ohne Zweifel die Pioniere der Wiederverwertung in der Architektur. Schon in den 1990er-Jahren gründete Buser die Bauteilbörse, 1998 mit Honegger das “baubüro in situ”. Den Impuls dafür lieferte den beiden ein längerer Aufenthalt zur humanitären Hilfe in Afrika. Dort wurde ihnen klar, wie verschwenderisch man in Europa mit Materialien umgeht. Was in der Schweiz im Abfall landete (und das war auf dem Bau damals praktisch alles), sei besser als das, was man in Ruanda neu kaufte, sagen sie. Das führte zu einem komplett anderen Blick auf Architektur.

Journal Donnerstag, 11. August 2022 – Corona Tag 5, Besserung

Freitag, 12. August 2022

Eher unruhige Nacht, die damit begann, dass ich zum Einschlafen die Fenster schließen musste: Im Park vor meinem Schlafzimmer brüllten Männer – nicht aggressiv, sondern ausdauerndes “HEEEEEEY! HEEEEY! HEY! HEY!” oder andere Wörter, mal einzeln, mal zu mehreren, möglicherweise war die Absicht Gesang.

Bei einem meiner nächtlichen Aufwachen öffnete ich das Fenster in schöne Kühle, grüßte den von wolkenlosem Himmel scheinenden Fastvollmond.

Bei leichtem Schlaf machte mein Hirn Pläne für den Donnerstag. Neben Genesung (Stimme kehrte langsam zurück, ich konnte Herrn Kaltmamsell vernehmbar einen guten Morgen wünschen) waren diese: Zimmerpflanze umtopfen, Balkon von resultierender Sauerei befreien (Letzteres erfahrungsgemäß dreimal so aufwändig wie Ersteres, deshalb drücke ich mich davor bereits mehrere Monate), Fußpflege vor Duschen, Bügeln.

Das Umtopfen brachte ich gleich nach Bloggen und Morgenkaffee hinter mich, ein Topf mit Grünlilie bestand eigentlich nur noch aus dickem Wurzelwerk. Jetzt nicht mehr. Die dreckigen Finger weichte ich nach Aufräumen und Putzen gleich zusammen mit den Füßen ein, vielleicht würde ich den Dreck unter den Fingernägeln diesmal nicht erst nach Tagen wegbekommen.

Mit weichen Füßen und bunten Zehennägeln setzte ich mich auf den Balkon. Unerwartete Corona-Folge: Mir fiel mein Strickzeug wieder ein, das vor mindestens sechs Jahren mit einem angefangenen Sommerpulli aus dunkelblauem Bändchengarn liegengeblieben war.

Ich war gleich wieder drin in der Routine. Eine Befürchtung trat aber ein: Sehr bald Schulterschmerzen links, ich bekomme einfach keine entspannte Strickhaltung hin, ziehe die Arbeit immer wieder höher, obwohl meine Brille beste Sicht bei entspannten Schultern weiter unten ermöglicht. Gibt’s im Yoga ein Pendant zum runners’ stretchknitters’ stretch? Weitere Folge: Ich recherchierte nach einer Strickjacke, die ich im Anschluss an das aktuelle Teil angehen könnte. Das machte Spaß, aber ich rechne damit, dass vor Bestellen von Wolle die realistische Perspektive siegt: Offensichtlich habe ich ohne Erkrankung und Ausgehverbot ja keine Lust auf Stricken.

Um zwei frühstückte ich (Quark mit Joghurt und Pflaumen) – und mir wurde bewusst, dass ich den ganzen Tag weder Schmerzmittel noch Nasenspray gebraucht hatte! Eindeutige Besserung.

Den Nachmittag verbrachte ich mit Zeitunglesen und Stricken auf dem Balkon, ärgerte mich, als ich eine E-Mail von DHL bekam: Ein erwartetes Päckchen war bei einer Nachbarin abgegeben worden – obwohl bei uns zwei Personen durchgehend daheim waren.

Auch den Plan Bügeln setzte ich um. Dabei hörte ich Podcasts. Zunächst eine ganz alte Folge von Alexandra Tobors In trockenen Büchern; in dieser Serie hat sie sich zum Ziel gesetzt, besonders komplexe Sachbücher verständlich und aus persönlichem Blickwinkel zusammenzufassen. Ich hörte die Folge “Männer” von 2014: Alexandra spricht über das Jahrbuch 2014: Männer des deutschen Polen-Instituts Darmstadt. Ihre Zusammenfassung ist luzide und klug, sie weist auf einige verbreitete Denkfehler in der Geschlechterdiskussion hin. Gleichzeitig machte mich Alexandras Optimismus traurig: Seither ist so viel Schlimmes in Polens gesellschaftlicher und politischer Entwicklung passiert.

Der Bügelberg war hoch genug für einen weiteren Podcast, ich hörte die aktuelle Folge von Raúl Krauthausens Im Aufzug: “Im Aufzug mit Hazel Brugger”. Und erfuhr Interessantes, Lustiges, Empörendes aus dem derzeitigen Leben von beiden.

Ich fühlte mich fit genug für eine Runde Yoga und dehnte mich mit derselben Folge Adriene wie am Vortag eine gute halbe Stunde durch.

Bei Herrn Kaltmamsell hatte ich Deutsches Abendbrot bestellt – aber dabei vergessen, dass der Spaß überschaubar ist, wenn alle Bestandteile in der Küche stehen statt auf dem gemeinsamen Esstisch und wir beide uns getrennt daran bedienen, Herr Kaltmamsell sich mit seinem Teller in sein Zimmer zurückzieht und ich mich mit meinem an den einsamen Esstisch.

Dennoch aß ich mit Appetit Salat aus Ernteanteil mit Walnussöl-Dressing, selbst gebackenes Bauernbrot, frische Salzgürkchen (diesmal habe ich das Rezept aufgeschrieben), Tomaten aus Ernteanteil, pickled Zucchini (vor zwei Wochen eingelegt von Herrn Kaltmamsell), Käse, dreierlei getrocknete Blutwürste mit Speck. Nachtisch Schokolade, alles insgesamt ein bisschen zu viel.

Im Bett las ich neue Lektüre: Die Mansarde von Marlen Haushofer. Zum ersten Mal hatte ich mir als eBook einen Roman gekauft, den ich bereits auf Papier im Regal stehen habe: Um im Bett auf Papier zu lesen, muss ich alle Lichter einschalten und zum Ausschalten nochmal aufstehen. Der eBook-Reader bringt sein eigenes Licht mit. An die Erstlektüre vor über 30 Jahren (laut handschriftlichem Exlibris) habe ich keine Erinnerung; diesmal war ich umgehend berührt von der scheinbar schlichten Sprache und von der Hauptfigur, gelernter Grafikerin. In ihrem Arbeitszimer scheitert sie seit Jahren an ihrem aktuellen Zeichenprojekt.

In den letzten Jahren habe ich mich fast ausschließlich für Vögel interessiert. Ich habe ein bestimmtes Ziel vor Augen, kann mir aber nicht vorstellen, was ich tun sollte, falls ich es jemals erreichen würde. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich nicht recht weiterkomme. Es ist mein Ziel, einen Vogel zu zeichnen, der nicht der einzige Vogel auf der Welt ist. Ich meine damit, man müßte dies auf den ersten Blick erkennen.

Erst als diese Ich-Stimme im Folgenden ihre gescheiterten Versuche detaillierter beschreibt, wurde mir das Herzzerreißende ihres Vorhabens klar.

Journal Donnerstag, 21. Juli 2022 – Verblüffenderweise immer noch krank, Colson Whitehead, The Underground Railroad

Freitag, 22. Juli 2022

Ich wachte morgens sehr früh auf und erklärte mich für arbeitsfähig. Das Wetter war wolkig und kühl geworden, das kam mir recht.

Den Fußweg in die Arbeit ging ich dann lieber doch eher langsam. Es erleichterte mich sehr, dass ich einige Klöpse abarbeiten konnte, ein weiterer, der mir schwer im Magen gelegen hatte, erwies sich dann als doch nicht so dringend (Wutschnaub-Emoji).

Beim instagram-Druchscrollen gemerkt, dass andere Menschen an den vergangenen Hochsommertagen sich die Zeit deutlich interessanter vertrieben hatten als mit Bettliegen: Überall herrliche Sommerfarben, Blumen, buntes Gemüse und Obst auf Tellern und in Gläsern.

Über den Vormittag ganz neue Beschwerden: Heftige Rückenschmerzen im oberen linken Bereich, teilweise inklusive Brustkorb. Ich wechselte in kurzen Abständen zwischen Arbeit im Stehen und im Sitzen, nichts davon schmerzfrei. Mittags löffelte ich einen Rest Karottensuppe, aß eine Banane – die Schmerzen wurden nicht besser, Bauchweh gesellte sich dazu. Nach einer letzten Besprechung um zwei gab ich auf: Ich meldete mich “mir geht’s scheiße, sorry” ab (Hilfsbereitschaft und Zuspruch von allen Seiten), packte zusammen und nahm einen Bus nach Hause.

Daheim messen von Vitalparametern: Coronatest eines dritten Fabrikats ebenfalls negativ, kein Fieber, Blutdruck sowie Puls normal – und Googlen nach den Rückenschmerzen ergab als eine mögliche und gestern wirklich naheliegende Ursache Darmbeschwerden. Ich legte mich ins Bett, hörte Herrn Kaltmamsell mit Ernteanteil heimkommen, döste.

Bis ich um halb sechs deutlich Hunger spürte, zum ersten Mal seit drei Tagen, zudem riesigen Appetit auf Salat. Also machte ich aus Ernteanteil grünen Salat mit Gurke, zugekauften Tomätchen in einem Joghurt-Balsamico-Walnussöl-Dressing und aß mit Genuss bis zur letzten Gabel eine große Portion davon – durchaus gespannt, was mein Bauch dazu sagen würde.

Mir ging’s SO gut, dass ich kurz mit den Gedanken an Yoga spielte. Bis mir einfiel, dass ich ja einen vollen Bauch hatte und sich das bei mir überhaupt nicht mit Yoga verträgt.

Der Bauch war durch meine Beherztheit eingeschüchtert, ließ später sogar noch eine Handvoll Salzstangen und noch später ein Butterbrot zu.

Nachricht vom (schon länger absehbaren) Tod eines Mitabiturienten, mit dem ich zu Schulzeiten besonders viel zu tun hatte, unter anderem waren wir zusammen SMV-Sprecher*in. Oder erstellten zusammen die Dia-Show der Griechenland-Studienreise. Und organisierten nach dem Abitur die ersten Klassentreffen zusammen. Ich war Gast auf seiner Hochzeit. Beim Erinnern fallen mir immer mehr Stücke Lebensweg ein, die uns verbinden. Sehr traurig.

§

Schon vor ein paar Wochen habe ich Colson Whitehead, The Underground Railroad, ausgelesen und möchte den Roman empfehlen.

Einen Pulitzer Prize bekam er 2016, und diesen kann ich (im Gegensatz zu manch anderem) gut nachvollziehen. Whitehead nimmt den Mythos einer unterirdischen Tunnelanlage in den Vereinigten Staaten Mitte des 19. Jahrhunderts, die Sklaven per Bahn die Flucht ermöglichte (hier eine Zusammenfassung der Legenden und der Faktenlage dahinter, Kurzfassung: “the underground railroad” war eine Metapher für ein Befreiungsnetzwerk, das in erster Linie von befreiten Sklaven betrieben wurde, selbst Tunnel spielten dabei eine lediglich sehr kleine Rolle) und konstruiert daraus die teils märchenhafte, teils historische Geschichte von Cora, einer als Sklavin gefangen gehaltenen jungen Frau auf einer Plantage im Georgia des 19. Jahrhunderts. Cora wurde als Kind von ihrer Mutter verlassen und ist auch unter den Sklaven der Plantage als verrückt marginalisiert. An ihr werden die Grausamkeit und Menschenverachtung der Sklavenhaltung durchgespielt, an ihrer Flucht die zeitgenössischen Spielarten von Rassismus in Nordamerika – es stellt sich heraus, dass auch so manche Abolitionists ihre ganz eigene hatten.

Mir gefiel, dass es keine klaren Grenzen zwischen Gut und Böse gibt und dass die sich schon gar nicht decken mit weißer und nicht-weißer Hautfarbe. Hilfreiches oder schädliches Verhalten ist in The Underground Railroad allerdings fast immer motiviert durch die gesellschaftliche Stellung, die weiße und nicht-weiße Hautfarbe automatisch verschafft (einige Zwischenkapitel erzählen die Biografien von Nebenpersonen). Die Handlung vermittelt viele Details und Hintergründe (zum Beispiel ökonomische Zusammenhänge des Sklavenwirtschaft), die Schilderungen sind lebendig, auch Abolitionists zeigen manchmal lediglich eine andere Spielart von Rassismus (die New York Times nannte den Roman “dynamic”).

Ein wenig gefährlich fühlte sich für mich die romantisch-märchenhafte Seite an. Zwar erinnerte sie mich an das Schweben zwischen Surrealismus und Realismus im Weltliteratur-Meilenstein Beloved von Toni Morrison; doch verführt sie ein wenig dazu, auch die realistischen brutalen Seiten des Lebens in Sklaverei in diese Märchenhaftigkeit zu schieben. Gleichzeitig sorgen die phantastischen Noten des Romans für einen Großteil der Lebendigkeit.

Enttäuscht war ich vom Ende: Es las sich (wie so oft bei besonders lebendig erzählten Roman) wie ein hastiges Aufräumen.

Neben der in der Besprechung in der New York Times (“Review: ‘Underground Railroad’ Lays Bare Horrors of Slavery and Its Toxic Legacy”) empfehle ich auch die Besprechung des Buchs im Guardian:
“The Underground Railroad by Colson Whitehead review – luminous, furious and wildly inventive”.

Journal Dienstag, 12. Juli 2022 – Schwindelablenkung

Mittwoch, 13. Juli 2022

Im Grunde hatte ich seit dem Vortag durchgearbeitet: Als eine der letzten Aufgaben war am Montag die Bitte um eine komplizierte Terminfindung eingelaufen, die ich zwar auf gestern schieben konnte (weil die Beteiligten ohnehin nicht mehr erreichbar waren), die mich aber seither belastete und im Hinterkopf arbeitete.

Entsprechend bedrückt ging ich durch einen milderen Sommermorgen in die Arbeit, freute mich weder an den Mauerseglern, die schrillend in Banden über den Himmel schossen, noch am Sommerlicht. Zumindest fiel mir durch dieses Arbeiten im Hinterkopf ein strukturiertes Vorgehen ein, mit der ich die Aufgabe anpacken konnte. Das tat ich im Büro gleich nach Teekochen und kam einen ersten Schritt voran.

Der Vormittag war wieder von Korrekturlesen belegt (so weit darf ich über Berufliches schreiben).

Mittags gab es Pumpernickel mit Butter und Flachpfirsiche.

Nachmittags gab’s Schwindel, der mir die Laune vermieste.

Dafür wurde das Wetter freundlicher. Ich versuchte ein Stück schwarze Schokolade gegen den Schwindel (die muss wirklich weg, ist schon ganz staubig-bröslig). Half nicht.

Auch die Sonne half nicht: Auf meinem Heimweg war mir schwindlig und düster. Und wissen Sie, womit ich mich von der Düsternis beim Gehen mit gesenktem Kopf abhielt: Indem ich darüber nachdachte, war ich am nächsten Tag anziehen würde. Andere rufen sich auswendig gelernte Gedichte ins Gedächtnis oder spielen im Kopf Schachpartien nach. Ich hingegen wäge intensiv ab, ob ich am warm bis heiß angekündigten Mittwoch mit möglicher Draußenverabredung am Abend eher die rote Tunika als Kleid trage (habe herausgefunden, dass sie mir so auch zwei Nummer zu groß an mir gefällt) oder die alte cremeweiße als Kleid ausprobiere. Und welche Schuhe ich dazu tragen könnte. So.

Nach einem Jahr war unser Topf mit Münzen trotz mehrheitlicher Kartenzahlung voll geworden (wir leeren abends immer unsere Geldbörsen hinein, ein ordentlicher Teil unserer Urlaubskasse), ich brachte die Münzen zu meiner Bank. Anschließend Abstecher zum Rewe, um unsere Süßigkeitenvorräte aufzufüllen.

Daheim hatte ich keine Lust auf Yoga weil Schwindel, also brach ich gleich mit Herrn Kaltmansell (dem ebenfalls schwindlig war) zum Abendessen auf: Wir landeten im Schnitzelgarten, diesmal schafften wir beide nur die Hälfte unserer Schnitzel und packten uns die andere Hälfte ein.

So war daheim noch Platz für Schokolade.

Im Bett Mely Kyiak, Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an ausgelesen: Ein sehr schönes Buch, später mehr dazu.

Journal Samstag, 25. Juni 2022 – Bachmannpreislesen, Tag 3

Sonntag, 26. Juni 2022

Gute Nacht, in der es mit Regen sogar richtig abkühlte. Ausgeschlafen aufgewacht zu wolkenlos blauem Himmel.

Balkonkaffeesituation mit derzeit täglichem Coronatest.

Nach Fertigbloggen mit Morgenkaffee war noch reichlich Zeit für eine Runde Yoga, außerdem spazierte ich zu einem benachbarten Obst- und Gemüseladen (Ladeninhaber deutlich verschlafener als ich) und kaufte Aprikosen sowie eine rote Paprika, leider gab es keine Erdbeeren.

Dritter Lesetag mit unterhaltsamen Überraschungen.

Ich startete diesmal auf der anderen Seite der Jury, gestern war erstmals auch eine Schulklasse im Studio – allerdings nur für den ersten Text.

Leona Stahlmann las ihr “Dieses ganze vermeidbare Wunder” im Schneidersitz auf einem Podest und blieb auch den Rest der Stunde darin – deutlicher hätte sie ihre Jugend nicht betonen können (die älteren wissen, was ich meine). Erstmals dieses Jahr war die Klimakatastrophe Thema; vor diesem Hintergrund ging es ums Kinderkriegen – inklusive allen damit verbundenen Körperflüssigkeiten (überraschend dominantes Thema dieses Jahr) auch des Säuglings.

Delius ordnete den Text auch gleich als climate fiction ein, inklusive einer spekulativen Ebene, die viel Gestaltungsmöglichkeiten zulasse, sprach von einer “souveränen” Autorin. Tingler widersprach Letzterem umgehend, er habe ein “literarisches Äquivalent von fast fashion” gelesen, “Verkitschung der Natur”, “Kitsch der Körperlichkeit”. Auch sonst war sich die Jury sehr uneins: Dekorativ und ungenau (Wilke), Suche nach Stellungnahme zu Klimakrise mit ganz großem Pathos (Kastberger), starkes Motiv des Panta rhei (Kaiser), klare Struktur mit sechs Versuchen, einem Kind zu erklären, dass die Welt untergeht – das gehe nur mit Pathos (Wiederstein), Selbstkommentierung der kitschigen Passagen nicht konsequent (Schwens-Harrant), “moralistisch” (Tingler).

Der Text von Clemens Bruno Gatzmaga, “Schulze”, spielte in einer ganz anderen Welt, und zwar in der kleinen eines alten Managers, der morgens einen Tropfen Urin in seiner Unterhose entdeckt (Körperflüssigkeiten). Mir war beim Zuhören durchgehend unbehaglich, weil diese beschriebene Managerwelt pures Roman- und Fernsehklischee war ohne jedes Interesse daran, wie sie wirklich aussieht. Gleichzeitig war dieser Aspekt möglicherweise völlig unwichtig.

Wilke freute sich über das Auftauchen des Themas männlicher Wechseljahre, sah aber schon wieder eine Mutterfigur (Kaiser widersprach). Wiederstein erkannte das Motiv Kontrollverlust, hielt aber nicht allzu viel von dem Text: Er habe zwar Sympathie für das “arme Schwein”, doch der Text sei am Schluss zu stark auserzählt. Kastberger sprach von Originalität, wie so wenig Körperflüssigkeit eine ganze Welt einbrechen lassen konnte, Tingler hielt den Text dagegen für einen unoriginellen Urtyp der Parabel. Schwens-Harrant lobte den präzisen Bau des Textes, er täusche Einfachheit nur vor, Delius sah die Gegenwärtigkeit nicht genug ausgeführt. Dann ging es noch eine Weile darum, ob man für die Hauptfigur Sympathie aufbringen könne.

In der Pause spazierte ich diesmal durch die noch nicht zu heftige Sonne hinüber zum Lendhafen, wo man mir guten Cappuccino versprochen hatte – und wohin sowohl Lesungen als auch Diskussion auf Bildschirme übertragen werden.

Die Cappuccino-Seite (er war wirklich sehr gut).

Gegenüber die Zuguck-Seite.

Für die beiden letzten Texte am Nachmittag setzte ich mich wieder auf die Tribüne des ORF-Studios.

“Im Falle des Druckabfalls” von Juan S. Guse nannte gleich im ersten Satz den Namen seiner Protagonistin – der auch meiner ist, und zwar in exakt dieser in Deutschland unüblichen Aussprache. Das lenkte mich eine ganze Weile ab, bis zum Schluss zuckte ich bei jedem Auftauchen (zumal in seinem Vorstellungsfilm auch noch ganz konkret Kathrin Passig genannt worden war, fast hätte ich Angst bekommen). Die Andreas und Melanies dieser Welt kennen das vermutlich zur Genüge und haben sich daran gewöhnt, mir passierte das halt zum ersten Mal. Darf gern das letzte bleiben. (Wenn Sie das einrichten könnten, Herr Guse?)

Endlich eine gründlich nicht-realistische Geschichte, inklusive immer größeres Absurdität, ich fühlte mich trotz einiger sprachlicher Patzer sehr gut unterhalten. Originelles Detail: Guse tat so, als kommentiere er seinen eigene Text (mittendrin “hm, wäre wahrscheinlich ein besserer Titel gewesen”).

Die Jury freute sich erst Mal über den besten letzten Satz des Bewerbs, war sich weitgehend einig, dass auf solche Weise die Gegenwart wahrscheinlich am besten beschrieben werden kann (ich stimme zu und denke an diesen Aufsatz von Ursula Le Guin). Delius lobte die Kombination von Absurdem und formaler Struktur; der Text entwickle Tiefe, weil er an vielen konkreten Punkten ausweiche. Auch Tingler attestierte den Auslassungen eine Sogwirkung, auch wenn er die Sprache als ein wenig schlicht kritisierte. Wiederstein sprach sogar von einem “Heart of Darkness” im Taunus, er und Schwens-Harrant verfolgten eine Spur nach Klagenfurt.

Nochmal absurd und nicht-realistisch wurde es im letzten Text des Wettbewerbs: “Staublunge” von Elias Hirschl. Hier haben wir als Protagonistin (erst die Jury-Diskussion machte mir klar, dass es sich um eine Frau handelt) eine Text-Produzentin für Webseiten, als Welt die absurde von Internet-Start-ups, bis jenseits ihrer tatsächlichen Lächerlichkeit karikiert (nicht einfach).

Die Jury war wieder sehr angetan, auch wenn Tingler gleich mal mäkelte, der Text sei zu lang (aber das bereits selbst mit der Erklärung einleitete, dass die Länge den Vorgaben des Bachmannpreises geschuldet ist). Delius ergötzte sich an den “Kitschvokabeln der Gegenwärtigkeit” und dem lakonischen Tonfall, Kaiser am “herrlich apokalyptischen Endzeitszenario”. Wiederstein sah eine Szenerie zwischen Zombieapokalypse und Start-up-Kultur, für Schwens-Harrant führte nun dieser Text ins “Herz der Finsternis”. Joseph Conrad wurde erstaunlicherweise der am öftesten referenzierte Autor der Diskussionen, dafür tauchte kein einziges Mal Thomas Bernhard auf – vielleicht weil kein angemessen schlecht gelaunter Text dabei war, vielleicht aber ist der Bachmannpreis kaputt.

Zusammenfassende Einschätzung der Jury-Kommentare, in der Sitzreihenfolge:

  • Philipp Tingler: Meister des argumentativen Kunstgriffs strawman ad hominem, mit dem er gar nicht vorgebrachte Angriffe pariert, denen er als Motiv Ablehnung seiner Person unterstellt. Findet Konventionelles schlecht, lässt Originalität aber nicht als Qualitätskriterium gelten, setzt immer wieder zu Apodiktischem an – aber sein tatsächliches Wertsystem für die Einordnung literarischer Texte wurde mir bis zuletzt nicht klar.
  • Vea Kaiser: Argumentiert gerne auf ihrer Gefühlsebene (versucht aber durchaus, ihre emotionalen Reaktionen am Text zu rationalisieren), schreibt diese Gefühle auch Texten zu. Glanzlicht als Reaktion auf Widerspruch: “Dann haben Sie den Text nicht richtig gelesen.”
  • Michael Wiederstein: Statt Gesamteinordnung des Texts (meiner Erinnerung nach ergriff er nie das erste Wort nach dem Vorlesen) pickt er sich gerne Aspekte heraus und assoziiert zu ihnen, seine Statements klangen in ihrer Pointierung oft vorbereitet. Arbeitete aber auf diese Weise immer wieder vorher ungenannte Aspekte heraus.
  • Insa Wilke: Eine der drei Stimmen (neben Schwens-Harrant und Delius), die immer wieder gezielt Form und technische Mittel der Texte besprachen. Allerdings konnte ich ihr dabei oft nicht folgen. Ebenso wenig bei vielen ihrer Verweise auf politische und feministische Ebenen der Texte, die sie aus meiner Sicht eher extrinsisch als intrinsisch belegte. Sehr profitiert habe ich von Wilkes Einstiegen in die Diskussion nach dem Lesen, in denen sie gut nachvollziehbare Schwerpunkte setzte.
  • Brigitte Schwens-Harrant: Die zweite Stimme der Form. Ihre Technik-Analysen fand ich immer spannend, wünschte, sie hätte sich mehr Raum dafür genommen, gerade am Anfang der Diskussionen. Außerdem mochte ich ihre immer konstruktive Diskussionsweise. Verdutzt war ich aber mehrfach von ihren Verweisen auf angeblich hinter dem Text liegenden Motive wie “Bedrohung”.
  • Mara Delius: Hätte ich gerne viel ausführlicher gehört, denn alles was sie wohl formuliert zu den Texten äußerte, konnte ich nachvollziehen, sah ich angelegt in dem, was ich gehört hatte. Obwohl ich nur zu gut verstehen kann, dass man sich aus Sandförmchenwerfen auf Kindergartenebene raushalten möchte, wünschte ich, sie hätte sich mehr in den Zank geworfen, mit echten Argumenten halt.
  • Klaus Kastberger (dessen Nachnamen, wie ich gestern herausfand, tatsächlich auf der mittleren Silbe betont wird): Einer der Sandförmchenwerfer, was oft lustig, aber manchmal schade war, denn seine Lesart interessierte mich immer. Manchmal wünschte ich mir, er würde ruhiger argumentieren, denn es war klar, dass er sich beim Durcharbeiten der Texte vorher gut begründete Gedanken gemacht hatte – sie gingen in seiner Verve und seiner Streitlust leider oft unter.

Aber ja ist mir klar, dass die Jury-Diskussion auch eine Show ist, dass die Beteiligten nicht nur aufgrund ihrer Fachkenntnisse, sondern auch wegen ihrer Schlagfertigkeit und Formulierungsfreude ausgewählt werden. Doch für mich sind halt Glanzlichter, wenn sich mehr als die Summe der Einzelstimmen entwickelt, zum Beispiel in der Beobachtung in einer Diskussion: Wir sehen alle dieselben Dinge im Text, werten sie aber verschieden. Dieses Jahr häufigster Vorwurf an die Texte: Kitsch.

Weil am Samtag ein Text weniger als an den anderen beiden Tagen gelesen und diskutiert wird, kam ich eine Stunde früher in die Ferienwohnung und frühstückte schon um halb zwei: Apfel, ein Kanten Brot und! gute! Aprikosen! (Aus Italien, werde für meinen nächsten Aprikosenkauf in München zum Eataly gehen.) Wieder verschob ich die Zusammenfassung des Lesetags fürs Blog auf den Abend, sonnencremte mich und nahm ein Leihradl ins Strandbad.

Von den anderen Internet-Schlachtenbummlerinnen traf ich diesmal niemanden an (es stellte sich heraus, dass sie an der gestrigen CSD-Feier in Klagenfurt hängengeblieben waren) (Korrektur: ich hatte sie nur nicht gesehen), ich schwamm und sonnte abwechselnd.

Hin und wieder passiert von jungen Stockenten.

Zurückgeradelt in die Ferienwohnung, zum Abendessen gab es Tomaten, Käse, rote Paprika mit Liptauer, Aprikosen und weiße Mozartkugeln.

Nach Zusammenfassung des Lesetags spazierte ich nochmal raus, um ein wenig Zeit mit den Bachmannpreis-Internetmenschen zu verbinden.

Typo-Liebe Klagenfurt.

Ich traf sie im Augustin an (was mir ein vorher gepostetes Foto von einer verraten hatte); wir spazierten an den Lendhafen und saßen dort noch eine Weile in angenehm abgekühlter Sommernachtsluft über Kaltgetränken (ich schätze alkoholfreies Bier immer mehr), hin und wieder passiert von Autor*innen des Bewerbs.

§

Ein Artikel aus dem Jahr 2019 berichtet aus der Vergangenheit Rumäniens:
“What Actually Happens When a Country Bans Abortion”.

Opponents of the restrictive abortion laws currently being considered in the United States don’t need to look to fiction for admonitory examples of where these types of laws can lead. For decades, communist Romania was a real-life test case of what can happen when a country outlaws abortion entirely, and the results were devastating.

§

Und das ist nur der Anfang, in den Replies wird dann so richtig geblödelt.


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