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Journal Montag, 11. November 2019 – Leserunde zu Curry

Dienstag, 12. November 2019

Ich hatte den Wecker eh früher gestellt, um meine 20 Minuten Crosstrainer zu bekommen, wurde aber schon um fünf aus dem Bett gehebelt, als unter meinem Schlafzimmerfenster lustig Mülltonnen rangiert wurden (keineswegs von der Müllabfuhr – die ist hier geradezu rührend fürsorglich geschickt und leise). Die Nacht war von stechenden Schmerzattacken geprägt gewesen, ich musste immer wieder heftig in einen fiesen schmalen Muskelstrang im Becken drücken, damit der Schmerz bis hinunter in die Zehen aufhörte (ich lerne durchaus von den Stunden bei der Anfasserin). Ergebnis: Recht gerädertes Aufstehen.

Meine 20 Minuten Strampeln holte ich mir dennoch.

Radeln in die Arbeit, es war ziemlich kalt, aber noch kurz über Frost: Mit einer leichten Mütze und Handschuhen kam ich zurecht.

Im Büro regierte der einpapierlte Wahnsinn, erst kurz vor der Mittagspause hatte ich genug weggeschafft, dass sich meine Panik legte. Mittags eine Breze und Granatapfelkerne mit Joghurt, Nachmittagssnack eine Hand voll Nüsse.

Auf dem Heimweg noch ein paar Einkäufe: Brotzeit für die nächsten Tage.

Daheim wollte ich dringend Alkohol, ich fühlte mich vom Arbeitstag unangenehm gestresst. Zur Unfallprävention schnitt ich vorher zwei Butternut-Kürbisse in Würfel, die Herr Kaltmamsell zu einem großen Topf Kürbis-Cocos-Curry wie vergangenen Mittwoch verarbeitete: Die Leserunde traf sich bei uns. Aber dann machte ich Gimlets – die entspannende Wirkung des Alkohols trat beim ersten Schluck ein.

Ich räumte die Wohnung und deckte Tisch.

Dabei fiel mir auf, dass diese Wassergläser zu dem wenigen spanischen Erbe in meiner Wohnung gehören: Ich habe sie alle über viele Spanienurlaube voller Nocilla gekauft (immer das zweifarbige meiner Kindheit) und nutze sie als nostalgische Wassergläser (waren in spanischen Haushalten das Pendant zum Senfglas). Eben sehe ich, dass das Produkt 50. Geburtstag feiert – mit einem Rückblick auf TV-Spots und vor allem Gläser aus 50 Jahren!

Neben dem Kürbiscurry (Herr Kaltmamsell machte diesmal auf meine Bitte auch die Roti-Brote aus dem Originalrezept dazu – nicht so toll) gab es noch viel Käse und selbst gebackenes Brot. Wir sprachen über Bill Hayes‘ Insomniac City, das nur nicht alle von uns sieben überhaupt oder ganz gelesen hatten – mit geteiltem Echo. Vier, darunter ich, hatten die einfühlsamen Beobachtungen in New York und zu seinen Menschen genossen, fühlten sich an eigene Aufenthalte in New York erinnert und an die Einmaligkeit dieser Stadt, waren berührt von der Liebesgeschichte zwischen zwei so unterschiedlichen Männern und wie sie miteiander umgingen, einander gut taten, ich hatte ja schon von der Lektüre geschwärmt. Eine hatte einfach kein Interesse daran, hätte Literatur statt Essayistik bevorzugt, fand die Beobachtungen auswechselbar, vermisste in der beschriebenen Beziehung jegliches Anzeichen von Leidenschaft. Ich folgerte daraus in einer gedanklichen Abkürzung, dass ich offensichtlch ein sehr anderes Liebes- und Sexualleben habe.

Journal Freitag, 1. November 2019 – Schlachthofviertel und Beifang aus dem Internetz

Samstag, 2. November 2019

Den Allerheiligen-Feiertag verbrachte ich auch dieses Jahr allein (Herr Kaltmamsell ist beim jährlichen Rollenspiel), umso mehr kam ich zum Denken und Schreiben.

Nach Ausschlafen (gut!), Bloggen und Kaffeetrinken machte ich aus den Meyer Lemons vom Vollcorner Curd nach Ankes Rezept (ich beschloss, dass die zwei Winzlinge als eine Zitrone zählten). Und wer behauptet, ich hätte vor lauter geschäftigem Abspülen und Aufräumen nicht genug aufgepasst, bekommt eben nichts von meinem köstlichen süßen Zitronenrührei ab! (So schlimm war es gar nicht, die Creme enthält halt ein paar gestockte Eiweißfetzen.)

Duschen und Anziehen, dann holte ich mir Semmeln – und stellte fest, dass ich unter dem kalten Hochnebel durchaus eine Mütze vertragen hätte. Ich frühstückte zwei Semmeln, eine mit Butter und letzter Ernteanteil-Tomate, eine mit Curd.

Einziges Vorhaben für den Tag war ein Spaziergang durchs Schlachthofviertel: Die Route des Bus‘ 62 hatte mich an interessanten Anblicken vorbeigetragen. Und so stromerte ich los.

Ich kam an der Alten Utting vorbei – ein Ausflugdampfer vom Ammersee, der jetzt ein zweites Leben als Kulturprojekt und Lokal auf einer Eisenbahnbrücke hat.

An der Lagerhausstraße.

Und schließlich an reichlich Street Art, die das eigentliche Ziel meines Spaziergangs gewesen war. Dort herrschte gerade Emsigkeit: Zwischen Dutzenden Spraydosen und Arbeitsmaterial standen Männer mit Mundschutz vor den Mauern und änderten oder erneuerten die Kunstwerke. Ich nehme an, dass sie zum Kulturprojekt Bahnwärter Thiel gehörten. Der Feiertags-ruhige Verkehr ermöglichte mir gute Fotografierpositionen von der Straße aus.

Eine weitere kleine Sammlung: Schlachthofviertel.

Steht leider leer – wo das doch der perfekte Ort für eine der derzeit angesagten Fleisch-Grillereien wäre.

Daheim aß ich das letzte Stück Engadiner Nusstorte. Zeitunglesen vorm Balkon (mit regelmäßiger Akrobatik-Einlage am Meisenknödel). Durch eine Nebenbemerkung im Lokalteil erfuhr ich, dass es das Lokal Walter & Benjamin seit August nicht mehr gibt – es bleibt die Weinhandlung gegenüber.

Ich setzte Rinderbrühe auf und machte es mir mit Bill Hayes` Insomniac City im Sessel bequem – kurz nach fünf war es bereits dunkel. Vor drei Jahre hatte ich Oliver Sacks Autobiografie On the move gelesen, das kurz vor seinem Tod mit 82 Jahren veröffentlicht worden war. Besonders berührt hatte mich, dass er nach lebenslangem Hadern mit seiner Homosexualität, nach Jahrzehnten der Einsamkeit, wenige Jahre vor seinem Tod die Liebe seines Lebens gefunden hatte: Eben diesen Bill Hayes, der sich in Insomniac City als feinfühliger, reflektierter und humorvoller Mensch zeigt – und für den wiederum Oliver Sacks die große Liebe war.

Ziemlich am Anfang fiel mir eine Passage auf (in meinem eBook sah ich, dass sie bereits von vielen anderen Leserinnen und Lesern markiert worden war):

I cannot take a subway without marvelling at the lottery logic that brings together a random sampling of humanity for one minute or two, testing us for kindness and compatibility.

Ich dachte sofort an den Hashtag #mitmir4, mit dem auf Twitter die Menschen einer Vierergruppe im Öffentlichen Nahverkehr geschildert werden.

Und mir fiel ein, wie ich vergangene Woche auf dem Weg zum Stachus einen Vierersitz mit zwei Frauen teilte, die eine etwas jünger als ich, zierlich und mit Hijab, die andere etwas älter, kräftig und mit sonnengegerbtem Gesicht. Der Moment von kindness and compatibility entstand, als der hörbar schlecht gelaunte Fahrer die Störung zwischen Sendlinger Tor und Kolumbusplatz durchsagte, offensichtlich nicht gewohnt, über Mikro frei zu sprechen, und die Info mit „do geht nix mehr!“ abkürzte: Wir sahen einander an und lachten einvernehmlich, eine murmelte „kann man so sagen“, die andere „Hauptsache Transparenz“.

Zum Abendessen kochte ich mir Ernteanteil-Spinat (im Topf vorher Knoblauch in Olivenöl angebraten, dann gewaschene, gründlich geschleuderte Spinatblätter dazu und umgerührt, Deckel drauf und bei mittlerer Hitze zusammenfallen lassen), aß die Ernteanteil-Radieserln geschnipselt mit Salz, anschließend ein wenig gekochtes Rindfleisch und alles Suppengrün.

Ich setzte Brotteig für Samstag an, guckte Tagesschau, der Restabend gehörte Insomniac City.

§

Neil Geiman schrieb 2017 seine kleine Ansprache zur Hochzeit zweier Freunde auf:
„Wedding thoughts: All I know about love“.

via Spreeblick-Newsletter, den man hier abonnieren kann (Empfehlung)

Gerade vergangene Woche waren mir Beziehungsweisheiten durch Kopf und Herz gegangen, nämlich nachdem ich bei Frau Nessy eine gelesen hatte, die Liebe langfristig nur mit „Arbeit“ für möglich hält. Das scheint allgemein akzeptiert zu sein, gruselt mich aber ein wenig. Doch genau deshalb gefällt mir Neil Geimans Ansprache, denn: Ich weiß es doch auch nicht. Frau Nessy mag den Begriff „Entscheidung“, auch das trifft zumindest für mich nicht zu. Je länger ich so durch die Gegend lebe, desto klarer wird mir: Jede Beziehung ist anders, es gibt kein Patentrezept. Die einzigen empfehlenswerten Elemente, die ich für über-individuell halte, sind gegenseitiges Wohlwollen (also dem Gegenüber Gutes zu wollen) und Respekt. Ich sehe zwar immer wieder Beziehungen, denen ganz offensichtlich eins von beidem oder beides fehlt, und sie funktionieren doch auf eine für mich sehr schräge Art und Weise – aber ich bezweifle, dass die Beteiligten sie als glückliche Beziehung bezeichnen würden.

Und dann las ich gesern bei Bill Hayes, wie er eines Abends den erkälteten Oliver Sacks mit Tabletten und Tee versorgt:

I: „What else can I do for you?“
O: „Exist.“

So geht es mir halt auch.

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Die erfolgreichsten Websites 1996-2019 als dynamische Grafik. (Da ich ab ca. 1997 dabei war, krückstockfuchtelte sie, hatte ich einige „Ach richtig, die gab’s ja auch mal!“-Erlebnisse. Ich bin so lange im Web, dass ich mich an das Erscheinen von Google auf der Bildfläche erinnere – und wie sensationell dessen Geschwindkeit und Treffsicherheit war.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/2Uj1A9AguFs

ebenfalls via Spreeblick-Newsletter

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Long-Read über Brot und Getreideanbau in UK.
„Flour power: meet the bread heads baking a better loaf“.

via @katha_esskultur

Denn es ist – mal wieder – kompliziert: Der industrielle Fortschritt in der Landwirtschaft hatte ja auch eine Menge positiver Folgen. Mehr Ertrag pro Hektar ist zum Beispiel per se nichts Schlechtes, oder?

We are only beginning to understand the importance of diversity and the complex systems that plants – and animals, and us – need to thrive. In an interview, Martin Wolfe once argued that value should be accounted not just according to the cash received for a crop, but to the effect of the plants on the soil and carbon sequestration, and wider effects “on mood, on beauty, on community”.

Nach der Lektüre weiß ich nicht nur viel mehr über Getreideanbau und Müllerei, sondern auch, warum das Mehl, das ich in der Hofbräumühle kaufe, eine verhältnismäßig kurze Haltbarkeit hat: Weil es besonders reichhaltiges und gutes Mehl ist.

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Eine kleine Vorbereitung darauf, was fast jeder mal blüht: Den Nachlass der Eltern zu bewältigen.
„Was ich lernte, als mein Vater starb“.

ebefalls via @katha_esskultur

Journal Mittwoch, 30. Oktober 2019 – Beruhigung und Kälte

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Dann halt doch wieder eine schlechte Nacht, zum einen wegen Hüft- und Beinschmerzen, zum anderen wegen Bürosorgen – Aktuelles erinnert mich an Schlimmes vor vier Jahren.

Die einzige Idee, die ich zur Beruhigung hatte, war: Listen. Wenn ich Panik vor Kontrollverlust habe, schreibe ich Projektpläne. Die interessieren zwar niemanden, doch das Erstellen eines Projektplans bedeutet, die Aufgabe einmal im zeitlichen Verlauf durchdacht zu haben, nach vergleichbaren Vorläuferprojekten zu recherchieren und daraus zu lernen, Fehler nicht nochmal zu machen (sondern ganz neue). Und im besten Fall das Ganze mit einer erfahrenen Kollegin durchzusprechen, die bereit ist mitzudenken.

Arbeitsweg per Bus, der Tag blieb düster grau, doch es regnete nicht. Meine Arbeitspanik konnte sich zum Glück legen.

Mittags Rote Bete mit Joghurtsoße, die ich mir am Vorabend aus Ernteanteil gekocht hatte und zum größten Teil verarbeitet – den kleineren Teil gab es zum Nachtmahl. Nachmittags nochmal ein Stück Nusstorte, immer noch sehr gut.

Nach Feierabend spazierte ich nach Hause, Abstecher beim Vollcorner. Mit meiner mitgebrachten Milchflasche stand ich vergeblich vor der stählernen Kuh: Sie war außer Betrieb und musste repariert werde. Es war ganz schön kalt geworden, es ist Zeit für Mütze und Handschuhe (die ich nicht dabei hatte und vermisste).

Das letzte Stück meines Heimwegs war dann wieder arg schmezhaft und beschwerlich, ich will jetzt dann doch langsam bitte mal echte Besserung.

Abends hatte Herr Kaltmamsell auf meine Bitte Spaghetti mit Roter Bete gemacht, nach einem Rezept, das ich bei Frau Bruellen gefunden hatte.

Ich mochte es gern, dem Koch war es zu süß: „Das ist Nachtisch.“ Dazu gab es ein Glas Abschiedswein: Ab Donnerstagabend verschwindet der Herr wieder auf ein tagelanges Rollenspiel-Abenteuer (CoC, Pen&Paper).

Im Bett Juan Moreno, Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus zu Ende gelesen. Ein fesselndes Zeitdokument mit klugen Abschlusskapiteln zu Storytelling und der Berechtigung verschiedener journalistischer Gattungen.

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Vanessa Giese hat einen ausführlichen und nützlichen Serviceblogpost verfasst: Wie man als Freiberuflerin auf den passenden Tagessatz kommt.
„Eine Fahrt nach Frankfurt und ein #serviceblog-Beitrag: Wie man einen Tagessatz ausrechnet“.

Journal Sonntag, 27. Oktober 2019 – Abschied vom Oktobersommer

Montag, 28. Oktober 2019

Schlaf wieder eher zerstückelt, aber bei zehn Stunden brutto blieb genug netto.

Morgens erst mal die Uhren alle auf Winterzeit zurückgestellt, also Backofenuhr, Baduhr, Wecker (dabei Herrn Kaltmamsell ferngehalten mit der Ansage: „Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen mit solchen Problemen.“).

Der Sonntag brachte nochmal Spätsommer. Ich bloggte und las gemütlich, bevor ich mich duschte und anzog. Das Semmelnholen verband ich mit einem Spaziergang durch die wundervollen Farben über den Südfriedhof (sechs! Eichhörnchen gesehen!). Allerdings fühlte ich mich irgendwie gar nicht gesund, es wollte doch wohl nicht der Infekt zurückkommen?

Locken heißen auf Bayrisch ja auch „Schneckerlhaar“, ein lockenhaariger Mensch ist „g’schneckerlt“. Drum.

Nach dem Frühstück setzte ich mich in einem Sessel auf den sonnigen Balkon und las die Wochenend-SZ. Dann half alles nichts, ich machte ich mich nochmal ans Bügeln: Zum einen bügelte ich Winterkleidung auf, zum anderen aktuelle T-Shirts etc. Das waren nochmal zwei Stunden Lebenszeit, ich hoffe, bis zum nächsten Wechsel Sommer- gegen Winterkleidung wird’s nie mehr so viel auf einmal. Dabei hörte ich einen lange offenen Tab weg: Eine SWR2-Sendung von 2018, Vertonung eines sehr klugen und geschickt argumentierten Essays von Margarete Stochowski:
„Das größte Rudel der Welt: Einige Gedanken über sexuelle Belästigung“.

Hier der Text des Features zum Nachlesen.

Allerdings bin ich hochgradig verdutzt von dem Stephen-Fry-Zitat, das hier verwendet wird: In welchem Zusammenhang mag er sich nur bemüßigt gefühlt haben, Aussagen über weibliche Sexualität zu machen, noch dazu so dumme?

Nachmitagssnack: Engadiner Nusstorte, die mir sehr gut schmeckte.

Nächstes Buch angefangen: Juan Moreno, Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Und wieder ging es mir wie mit bislang allen Texten von ihm, die ich seit mindestens 15 Jahren lese: Ich lachte an einigen Stellen besonders laut, weil ich ein Zwinkern von Kind eines spanischen Gastarbeiters zu Kind eines spanischen Gastarbeiters spürte – auch wenn wahrscheinlich sowohl sein andalusischer als auch mein madrilenischer Vater sich dagegen verwahren würden, als selbe Sorte Spanier wahrgenommen zu werden.

Es wurde schon arg früh dunkel, aber wir werden uns gewöhnen.
Abendessen kam diesmal wieder von Herrn Kaltmamsell: Er hatte Wirsing aus Ernteanteil verarbeitet, dazu fränkische Bratwürst, Direktimport, aus der Gefriere geholt. Und Kartoffelpü. Also nochmal richtig gut essen, bevor uns die Wahlergebnisse aus Thüringen auf den Magen schlugen.

§

Maximilian Buddenbohm schreibt Wahres:

Das Pflichtgefühl erreicht Stellen im Hirn, da kommt Entspannung gar nicht hin.

Journal Samstag, 26. Oktober 2019 – Nusstorte, The Testaments und Abend im Neni

Sonntag, 27. Oktober 2019

Ausgeschlafen, nach nur wenigen Unterbrechungen erfrischt aufgewacht.

Das Wochenende war als nochmal zwei Sommertage angekündigt, mit wolkenloser Sonne und bis zu 20 Grad. Vor einem halben Jahr hätte das selbstverständlich mindestens einen Wandertag bedeutet, aber das geht halt jetzt nicht. Mir wird immer klarer, wie sehr sportliche Bewegung für mich auch Aneignung des Draußen und der dinglichen Welt bedeutet.

Nach Veröffentlichung des Blogposts buk ich, und zwar die Engadiner Nusstorte nach dem Kommentar von Frau Weh. Funktionierte problemlos, ich hatte sogar Chaigewürz zum Drüberstreuen im Haus. Da ich für den Deckel der Torte die Ausstech-Variante wählte, blieb genug roher Teigrest als Frühstück.

Ins Draußen ging ich für Einkäufe, schön langsam.

Mehl und Honig im Biosupermarkt, Meisenknödel am Viktualienmarkt. Auf dem Rückweg wollte ich einen Schlenker zu einem neuen Supermarkt in der Sendlinger Straße machen, auf den ich neugierig war – aber das Gehen war nach einer halben Stunde so verkrampft und mühsam geworden, dass ich lieber kürzeste Wege nahm: Wasserfilter, Klopapier, Pflaster in der Hofstatt – wo ich entdeckte, dass im Obergeschoß ebenfalls ein neuer Supermarkt aufgemacht hatte.

Zurück daheim aß ich einen aufgetauten Bagel mit Lachs und den restlichen Fenchel-Orangen-Salat vom Vorabend. Ich hatte schon während meiner Einkaufsrunde immer wieder gegähnt und war sehr müde. Herrn Kaltmamsell ging es auch so – vielleicht hat uns der Erkältungsvirus doch noch am Wickel. Ich legte mich ins Bett und schlief anderthalb Stunden tief.

Ein wenig Lesen im sonnendurchfluteten Wohnzimmer.

Die Blumen sind das Geschenk eines Gasts des Rosenfests: Wir bekommen alle paar Monate einen Strauße geschickt – eine bezaubernde Idee.

Zum Abendessen lud ich Herrn Kaltmamsell zum Dank für seine Dienste als Blogheinzelmännchen zum Essen ein. Er hatte sich unter meinen fünf Restaurantvorschlägen das Neni am Hauptbahnhof ausgesucht. Der Gastraum ist groß und vor allem hoch, aber ziemlich düster (das mag tagsüber durch die Oberlichter anders sein); er war gesten Abend gut besucht – was für eher plauder-unfreundliche Lautstärke sorgte.

Wir wurden freundlich und aufmerksam umsorgt und aßen sehr gut Nahöstliches auf der Basis des Haus-Menü „Best of Neni“: eine Auswahl von Vorspeisen, Hauptspeisen und Desserts. Dazu bestellte ich eine Flasche Pouilly Fumé ‚Les Moulins à Vent‘, der mit kräftigem und vielfäligen Aroma gut gegenhalten konnte.

Vorspeisen waren (von unten): eine warme Kürbissuppe (mit Scharf), Falafel, Babaganusch, Mango-Hummus.

Von unten: Sabich, Tomate mit Bohnen, Hamshuka.

Korean Fried Chicken Salad.

Als Dessert Cheesecake und ein sahniges Tiramisu. Nahöstlichen Mokka zum Abschluss bot die Karte leider nicht.

Ich fand auch das Gesamtkonzept interessant (Neni ist eine Kette – was wahrscheinlich saisonales und regionales Sourcing verhindert), von der Raumgestaltung und Deko bis zur Servierform, zu sonstigen Abläufen und der Kleidung der Angestellten war alles offensichtlich durchdacht.

Diesen Teil der Einrichtung musste ich dringend fotografieren: Das sind die Küchenstühle meiner frühen Kindheit.

Dieses Foto von mir müsste 1973 aufgenommen worden sein.

Wir flanierten über die Sonnenstraße nach Hause, es war immer noch so warm, dass wir unsere Jacken nicht schließen mussten.

Im Bett las ich Margaret Atwoods The Testaments aus. Ich bleibe auch nach Abschluss der (durchaus interessierten) Lektüre dabei: Kommt nicht im Entferntesten an The Handmaid’s Tale heran. Atwood gibt im Nachwort ja zu, dass der Roman eine Antwort auf die Frage der Leserinnen und Leser ihres Meilensteins ist: Wie ging es weiter? Die einzige neue kreative Note, die sie dem Kosmos aus The Handmaid’s Tale gibt, ist die der Aunts, klar gestalte nach dem Vorbild mittelalterlicher bis frühneuzeitlicher Frauenklöster: Damals die einzige Möglichkeit für Frauen, sich zu bilden, intellektuell zu verwirklichen – und eine Form von Macht auszuüben.

Für den Guardian schlüsselt Julie Myerson meiner Meinung nach besonders gut auf, warum The Testaments unterm Strich eine Enttäuschung ist (Achtung Spoiler):
„The Testaments by Margaret Atwood review – hints of a happy ending“.

§

Wie eine türkische Stadt einen komischen Mitbürger integriert, erzählt als Twitter-Thread.

§

Fetzige Musik, Video featuring @journelle im rosa-schwarzen Badeanzug.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/ARX6L9AZF3w

Journal Dienstag, 22. Oktober 2019 – Podcast über Boat People, Kent Haruf, Eventide

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wieder eine viermal unterbrochene Nacht. Nachdem mir in der Nacht zuvor unter der Winterdecke viel zu warm gewesen war, hatte ich mich mit einer leichteren zugedeckt – und fror. Diesmal war die Winterdecke richtig. Aber ich würde gerne mal wieder durchschlafen, wo mich doch gar nicht mehr Schmerzen wecken, sondern ich einfach so viermal pro Nacht glockenwach bin (zum Glück dann recht schnell wieder einschlafe).

Fahrradfahren ließ ich nach dem dermatologischen Rumschnippeln besser sein, nahm also wieder den Sightseeing-Bus 62. Der steckte dann wegen einem ungeschickt geparktem Lieferfahrzeug im Stau, es war klar, dass das länger dauern würde. Mir fiel ein, dass viele auf dem Arbeitsweg Podcast hören, also kramte ich meine Kopfhörer hervor und suchte nach einem Podcast, den ich auf der Merkliste für Bügelbegleitung hatte: Rice and shine, die Folge über Boat People. Ich hörte mal los.

In der Einführung skizziert Vanessa Vu den geschichtlichen Hintergrund Vietnams im 20. Jahrhundert – nein der Krieg mit USA-Beteiligung war nicht der einzige. Ich erinnere mich sehr gut an die zeitgenössischen Berichte über Boat People, der Schiffsname Cap Anamur fiel mir ein, bevor er im Poscast erwähnt wird – für mich ist er ikonisch. Allerdings war ich erstaunt über die Jahreszahl 1979 – ich hatte die Rettungsfahrten der Cap Anamur früher in den 70ern vermutet. Hoffentlich habe ich bald Gelegenheit, den Rest anzuhören.

Draußen war es warm und neblig. Der Nebel hielt sich den ganzen Tag, doch ich brauchte keine Socken in den Schuhen. Im Büro weiter lustige Temperaturachterbahn. Wenn diese Beschreibung von Hitzewallungen korrekt ist, habe ich allerdings keine: Es ist mir einfach vorübergehend sehr warm.

Mittags Birchermuesli mit Joghurt und einer Mandarine, nachmittags ein heimischer Apfel und eine Scheibe Bananenmarmorkuchen.

Zurück nahm ich eine U-Bahn zum Stachus, weil ich noch im Biosupermarkt Brotzeit für die nächsten Tage einkaufen wollte. Daheim setzte ich mich nur kurz, bald brach ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen meiner Leserunde in Neuperlach auf.

Wir hatte Kent Haruf, Eventide gelesen und hatten es alle sehr gemocht. Der Roman ist der mittlere einer Trilogie, die in einem kleinen Ort des US-amerikanischen Bundesstaats Colorado spielt. Kapitelweise wird von verschiedenen Haushalten erzählt, darunter die beiden alten Brüder mit der Landwirtschaft, die ein schwangeres junges Mädchen aufgenommen haben; die Familie mit zwei Kindern im Trailer Park, die von Lebensmittelmarken lebt; der Bub, der bei seinem unwirschen Großvater lebt und von der Nachbarsmutter mit ihren zwei kleinen Töchtern ein wenig unter die Fittiche genommen wird. Erst ab der Mitte des Buchs verflechten sich die Handlungen. Die Personen sind alle ganz gewöhnliche Menschen, dennoch lasen wir alle sieben aus der Leserunde gebannt über ihr Leben. Wir waren gerührt von gegenseitiger Fürsorge, erschraken über das Eindringen von Gewalt, freuten uns über späte Liebe.

Mir war vor allem die scheinbar völlige Abwesenheit einer Erzählinstanz aufgefallen. Es scheinen Einordnungen zu fehlen, Bewertungen, Interpretationen, gestern verglich eine Mitleserin den Stil mit dem eines Dokumentarfilms. Das erzeugt die Illusion, man sei bei Lesen selbst diejenige, die zuguckt.

Uns gelang nicht, die Zeit zu bestimmen, in der die Geschichte spielt. Wir bekommen weder zeitgeschichtlichen Hintergrund noch Hinweise über Technik, Speisen, Musik, Mode – es könnte alles von 60ern bis 90ern sein (danach müssten dann doch Internet oder Handys eine Rolle spielen). Diese Zeitlosigkeit verstärkt das Thema grundsätzlicher Menschlichkeit. Ein ganz besonderes Buch, Empfehlung.

Auf dem Heimweg war es immer noch schwül-neblig.

§

Ein Kommentar im Stern (den gibt’s noch!) über das Ausbleiben von Nachwuchs unter dem Theaterpublikum:
„Liebe Theatermacher, zeigt uns doch bitte einfach mal ’normale‘ Stücke!“

via FrauNessy

Ich würde das zwar nicht so ausdrücken wie die Überschrift (und habe diesen Wunsch auch nicht), fand die Sicht aber sehr interessant. Dass Theater seit vielen Jahren kein Geschichtenerzählen mehr ist, sondern Aktionskunst, war mir schon klar. Doch dass das ganzen Bevölkerungsschichten die Motivation für einen Theaterbesuch nehmen könnte, hatte ich übersehen. Meine Mutter, Theatergängerin seit ihrer Jugend, nahm mich von Kindesbeinen an mit ins Theater – vermutlich hätte sie das nicht getan, wenn schon damals keine Geschichten erzählt worden wären, sondern nur Kunst auf der Bühne stattgefunden hätte. Und ich hätte keinen Zugang zum Theater bekommen.

Journal Montag, 21. Oktober 2019 – Wucherung und Testament

Dienstag, 22. Oktober 2019

Das Wetter fühlt sich immer seltsamer an. Seit Donnerstag habe ich Hitzeanfälle, also heiße Haut mit kalten Fingern. In meinem Alter ist ja der erste Gedanke: Wechseljahre, jetzt dann doch Symptome. Andererseits habe ich einen Erkältungsinfekt, der könnte am Temperaturregler spielen.

Draußen war es immer noch bacherlwarm, ich hatte mehrere Fenster in der Wohnung über Nacht offengelassen, ohne es zu merken – es war nicht kalt hereingekommen. Ohne Handschuhe in die Arbeit geradelt.

Gehen ging gestern plötzlich sehr gut – 10-Meter-weise war ich geradezu federnd unterwegs.

Mittags Geflügelsalat mit Mango und Walnüssen (made by Herrn Kaltmamsell aus Hiehnebriehe-Huhn) und ein Stück Bananenmarmorkuchen.

Sehr pünktlicher Feierabend, denn ich hatte eine Verabredung: Eine Dermatologin sollte mir eine harmlose Hautwucherung an störender Stelle wegschneiden. Was sie dann auch tat.

Daheim einen mittags gefassten Entschluss umgesetzt: Ich schrieb mal schnell mein Testament. In der Süddeutschen war ich über einen Artikel zu Todesfall bei kinderlosen Ehepaaren gestolpert („Wenn die Schwiegereltern plötzlich miterben“) und hatte beschlossen, zumindest diese Belastung zu verhindern, sollte mich überraschend der 40-Tonner erwischen. Ein elaboriertes Testament ist sicher ratsam (allerdings ist mir ausgesprochen egal, was nach meinem Tod mit meinem Zeugs und meinem Geld passiert, beides übersichtlich), kriege ich vielleicht irgendwann auch noch hin, doch jetzt gibt es zumindest ein handgeschriebenes Testament mit ausgeschriebenen Namen, Ort und Unterschrift, das Herrn Kaltmamsell zu meinem Alleinerben macht.

In der Dämmerung nochmal Fledermäuse vorm Wohnzimmer gesehen.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl Chinakohl aus Ernteanteil gebraten mit Hackfleisch und Sezuanpfeffer, sehr gut.

Im Bett Weiterlesen an Atwoods The Testaments: Ich lese es gerne und finde es spannend (durchaus betonenswert, weil Atwood in ihrer langen Schriftstellerei auch ausgesprochenen Mist veröffentlicht hat), doch ist der Roman nicht in entferntester Sichtweite der literarischen und visionären Qualität des epochalen The Handmaid’s Tale; den Booker Prize dafür kann ich nicht nachvollziehen (nicht die erste Verwunderung über die Vergabe).


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