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Journal Mittwoch, 28. November 2018 – Erste Schritte in die Schöfferei, J.G. Farrell, Troubles

Donnerstag, 29. November 2018

Im Spätsommer erhielt ich ein Schreiben, dass ich für die Amtsperiode 2019 bis 2023 als Hilfsschöffin beim Amtsgericht München gewählt worden war. Über das Schöffenamt hatte ich mich ja ausführlich informiert und freute mich sehr – erst nach einiger Zeit begann ich mich zu fragen, wodurch sich das Amt der Hilfsschöffin wohl von der einer Schöffin unterschied. Die Details fand ich gestern heraus, nämlich in der Einführungsveranstaltung.

Bis dahin hatte ich genug Zeit gehabt, die bürokratischen Modalitäten mit meinem Arbeitgeber zu klären. Die Gesetzeslage nach § 45 Abs. 1a DRiG (Deutsches Richtergesetz): „Ehrenamtliche Richter sind für die Zeit ihrer Amtstätigkeit von ihrem Arbeitgeber von der Arbeitsleistung freizustellen.“ Das heißt: Statt ins Büro gehe ich ans Gericht, das wird als Arbeitstag gezählt.

Ich war gestern schon ganz schön aufgeregt; das Gebäude des Strafjustizzentrums in der Nymphenburger Straße (Stil Hochbetonik der 70er, vertraut durch die Schulneubauten meiner Kindheit) passiere ich zwar seit 30 Jahren regelmäßig (schräg gegenüber liegt mein Lieblingskino seit Studientagen, das Cinema), aber drin war ich noch nie gewesen.1 Genau genommen wusste ich nicht mal, wo der Eingang liegt.

Den fand ich nach meinem Fußmarsch durch kalten Novembernebel problemlos, weil mit rot-weißen Sicherheitsabsperrungen gut sichtbar. Richterinnen und Richter (Schöffen und Schöffinnen sind halt genau das, huiuiui) müssen sich an der Sicherheitsschleuse auch lediglich ausweisen und nicht durchsuchen lassen. Auch den Schulungssaal fand ich zusammen mit anderen Neuschöffinnen, hoch oben im 7. Stock. Aussicht:

Sehr gut und sorgfältig strukturiert wurde unsere etwa 50-köpfige, sehr vielfältige Gruppe (insgesamt gibt es wohl 1.000 Schöffinnen und Schöffen an den entsprechenden Gerichten in München) drei Stunden lang von einem Amtsrichter und einer Angestellten darüber informiert, was auf uns zukommt – bis in die Details, wer in einem Gerichtssaal wo sitzt. Am neuesten war mir die Erkenntnis, dass nicht nur die Unabhängigkeit von Richterinnen und Richtern funamentaler Teil unserer Verfassung ist, sondern auch die Unabhängigkeit der Richterauswahl: Eine Richterin darf sich nicht aussuchen, welche Fälle sie richtet, auch die Schöffinnen und Schöffen werden neutral zugewiesen – nun verstand ich, warum die Auflagen für die Ablehnung auch nur von Verhandlungsterminen derart streng sind.

Und ich erfuhr, warum ich bislang keine Sitzungstermine zugeschickt bekommen hatte: Hilfsschöffinnen werden nach einer vorher ausgelosten Reihenfolge kontaktiert („in der Regel kurzfristig telefonisch“), wenn eine Hauptschöffin oder ein Hauptschöffe ausfällt. Ich werde meinen Arbeitgeber also darauf vorbereiten müssen, dass ich sehr spontan wegmüssen könnte.

Weitere erste Male: Mittagssnack in der Cafeteria des Justizzentrums mit Ausblick auf den Innenhof, in dem sich nach dem Zschäpe-Urteil die Pressevertreterinnen geballt hatten.

Mittags brachte uns ein Bus nach Landsberg am Lech: Wir Neuschöffinen besichtigten die dortige Justizvollzugsanstalt. Ein sehr fotografables Gebäude mit vielen interessanten visuellen Details – doch aus nachvollziehbaren Gründen durften wir keine Fotoapparate, Handys (oder Autoschlüssel) hinein nehmen. Ausführliche Informationen der Gefängnisleitung über die Geschichte des Gebäudes und – was mir am meisten nachging – des Strafvollzugsrechts: Erst 1977 regelte die Bundesrepublik gesetzlich den Strafvollzug (angeschubst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das diesen massiven Einschnitt in die Bürgerrechte bitteschön geordnet haben wollte). Mit der Föderalismusreform 2006 ging der Strafvollzug in die Zuständigkeit der Länder über, die enstprechenden Strafvollzugsgesetze unterscheiden sich.

Die vielen Daten über den Gefängnisalltag (das fiel mir sprachlich auf: es war ganz unbürokratisch von „Gefängnis“ und „Gefangenen“ die Rede) und der Rundgang durch die Gebäude schlugen die Tür in eine weitere Welt auf, über die ich mir noch nie so recht Gedanken gemacht hatte.

Ein Detail seines Vortrags baten uns der stellvertretende Gefängnisleiter und die Gefängnisleiterin ausdrücklich nach draußen zu tragen, und die Bitte erfülle ich gerne: Die JVA Landsberg sucht derzeit eine zweite Ärztin oder einen zweiten Arzt, der bisherige ist in Ruhestand gegangen und sie benötigen eine Nachfolge. Festanstellung mit Bezahlung nach Tarif Marburger Bund.

§

Am Abend traf sich unsere Leserunde, um über J.G. Farrell, Troubles, zu sprechen. Der Roman hatte mir gut gefallen, auch die anderen waren angetan gewesen: Er spielt im Irland kurz nach dem Ersten Weltkrieg, vordergründig geht es um ein riesiges, altes und von Engländern geführtes Hotel in der Nähe von Dublin, das Majestic, das langsam aber energisch verfällt, im Mittelpunkt steht vordergründig der britische Major Brendan Archer, nach dem Krieg und Aufenthalt im Sanatorium frisch aus dem Militär entlassen. Hintergrund aber sind die vielen kleinen und mittelgroßen gewalttätigen Auseinandersetzungen der britischen Kolonialmacht mit den einheimischen Iren, die sich erst aus historischer Entfernung als Unabhängigkeitskrieg herausstellen.

Ich war sehr angetan von der dichten und detailreichen Handlung, in der sich das steigende Chaos im und am Hotel mit dem Verfall des britischen Empire verwebt, von den grotesken Einzelheiten, mit denen sich die Hotelbewohner abfinden und von der Erzählstimme, die indirekt die überhebliche Haltung der Briten und nur wenig Hellsicht spiegelt – unter anderem haben zwar alle britischen Bewohnerinnen und Besucher des Hotels Namen, aber aus dem zahlreichen einheimischen Personal des Komplexes nur zwei Personen.

Den Roman (der erste aus Farells „Empire Trilogy“) ist ein großartiges Stück Commonwealth Literature aus unerwarteter Richtung, Leseempfehlung.

Zu Essen gabe es köstliche gebratene Ente, an der ich mich komplett überfraß, dazu bestens passenden Spätburgunder aus Baden.

  1. Meine Amtsperiode wird auch die letzte Gelegenheit dafür sein: 2023 soll das Justizzentrum in einen Neubau am Leonrodplatz ziehen, für den im Mai dieses Jahres der Grundstein gelegt wurde. []

Journal Freitag, 9. November 2018 – Ein fleischiges Kochbuch vorgekocht

Samstag, 10. November 2018

So viel beschäftigt und unterwegs war ich doch eigentlich nicht, und so wenig Schlaf war das wirklich nicht (halt die eine oder andere Nacht mit sieben statt knapp acht Stunden) – aber gestern fühlte mich derart bis in Knochen erschöpft, als hätte ich eine brutale Arbeitswoche plus durchfeierte Nächte hinter mir, mein Kopf war migränoid schmerzhaft und benommen. Wahrscheinlich dann doch irgendein Infekt, der weiterhin bekämpft wird. Auf dem Heimweg machte dann auch der Kreislauf Sperenzchen mit Schwindel und Schweißausbruch inklusive Frösteln, ich war sehr froh, dass ich mich vor dem Abendtermin noch ein halbes Stündchen hinlegen konnte – und auch sofort einschlief.

Den Abend hatte ich bereits vor vielen Wochen gebucht, denn:
Bei einem meiner seltenen Facebook-Besuche sah ich, dass Foodbloggerin Petra Hammerstein (Blog: Der Mut anderer) endlich ein Kochbuch veröffentlicht, und zwar zu ihrer Kernkompetenz Fleisch. Es heißt Zart und saftig, und darin schreibt Petra über die heutzutage selten verwendeten Fleischschnitte, inspiriert von den alten Kochbüchern ihres Antiquariats und der eigenen Familientradition. Es ist nach Tierarten aufgeteilt und enthält neben Rezepten Warenkunde und Einkaufstipps.

Nachdem Herr Kaltmamsell in den vergangenen Monaten vermehrt mit ausgefallenen Fleischstücken experimentiert hatte (sogar irgendwann fallen ließ, Teile wie Entrecôte finde er mittlerweile langweilig – mein entgeisterter Blick ließ ihn aber versichern, mir brate er selbstverständlich auch weiterhin eines), dachte ich bei dem Buch sofort an ihn. Und als ich entdeckte, dass Petra einige Rezepte daraus an einem Supper-Club-Abend servieren würde, buchte ich umgehend.

Die Location kannte ich bislang nicht, den Meatingraum im Westend. Und ich hatte mich durchaus gefragt, wo das denn sein soll, denn die Gollierstraße gehe ich auf meinem Heimweg von der Arbeit regelmäßig entlang. Doch der Raum ist mit seinen sicher sieben Metern Fensterfront abends durchaus sichtbar, nämlich wenn er erleuchtet ist.

Gestern Abend waren alle 22 Plätze besetzt, und es gab neben dem Menü, das Petra mit dem Meatingraum-Chef Marc Christian gekocht hatte, interessante Weinbegleitung: Kathrin Kohl vom Weinladen 225 Liter hatte Raritäten zusammengestellt, die sie beim Einschenken ausführlich erklärte.

Und so gab es gestern neben neuen Bekanntschaften am Tisch samt interessanten Gesprächen:

Als Aperitif einen PetNat „Ungezogen“ vom Weingut Schnitt nach méthode ancestrale, der mir dann doch ein bissl zu bittersauermostig schmeckte.

VitelloNoTonnato: Sous-vide-Tafelspitz mit einer Soße aus bayrischem Räucherfisch, frittierte Kapernäpfel mit Limettenmayo und Habanerohauch – eine sehr schöne, leichtere Variante des Klassikers. Im Glas einen fränkischen Auxerrois, der mit etwas Wärme schön vielfältig passte.

Tryptichon von Ox und Alk: Consommé als Shot mit Sherry, Ragout mit Madeira auf Röstbrot, Portwein-Sülze – der Ochsenschwanz schmeckte so schön aromatisch, dass ich mir sofort Wiederkochen vornahm. Die Weinbegleitung war meine Entdeckung des Abends: Ein Winzerwermuth vom Silvaner, Vogel, Franken. Eher auf der süßen Seite passte er nicht nur hervorragend, sondern war die Variante, die mir in der neuen Wermuth-Bewegung bislang am besten schmeckte, weil am ungewöhnlichsten. (Vielleicht sollte ich erklären, dass ich aus einer Wermuth-Familie komme: Der spanische Einfluss durch meinen Madrider Vater machte bei uns daheim Wermuth zum Standard-Aperitiv.)

Versaut von Kopf bis Bauch: Bäckchen in Safran, Schmorzwiebeln, Graupenrisotto, Sous-vide-Bauch mit Orange und Miso – die Orangennote machte sich ganz ausgezeichnet. Im Glas ein Württemberger Lemberger, der wieder ganz schön rass war, den ich mir mit seiner starken Säure gut zu einem Rote-Bete-Gericht vorstellen konnte.

Hello China: Geschmorte Rinderwade aus Shanghai mit verprügelten Szechuan-Gurken, Koriander-Eier-Reis, Röstsesam – umgehender Nachkoch-Auftrag für das Fleisch an Herrn Kaltmamsell, die geprügelten Gurken kannte ich bereits vom Uiguren und genoss sie sehr, der Reisbrei war eine schöne Beilage. Beim Wein kam ich ganz auf meine Kosten: ein sardischer Musso, Vignaioli Contrà Soarda erinnerte mich daran, dass ich sardische Weine mit ihrer Kraft und der vulkanischen Note besonders mag.

Dessert: BEIDES!! Käse und WasSüßes, harmonisch vereint – Milder Ziegenkäse mit Thymian-Honig und Mandel-Chili-Krokant, Feigen-Apfel-Tarte mit Roquefort und Pflaumen-Zwiebel-Marmelade. Passte alles wunderbar zusammen, der süße Blaufränkisch Syss vom Neusiedler See war die Wucht.

Während mein Organismus wie immer auch bei Erschöpfung in abendlicher Gesellschaft nochmal alles zusammenkrazte, kämpfte Herr Kaltmamsell schon sehr mit seiner nicht minder großen Erschöpfung. Nach dem Essen plauderte ich noch ein wenig mit Petra, ließ mir ein Exemplar ihres Buches signieren, dann gingen wir eher schneller nach Hause.

§

Weiteres Nachdenken über die Bürgerversammlung: Mir war aufgefallen, wie verschieden die Anliegen formuliert und präsentiert wurden, viele davon naturgemäß ganz unprofessionell, es handelte sich ja um ganz normale Mitbürger. Zum Beispiel mit offensichtlicher Leidenschaft – aber genau deshalb mit komplett irrelevanten Argumenten, die vom eigentlichen Anliegen nicht nur ablenkten, sondern manchmal sogar abschreckten. Oder weitschweifend in Klagestimme. Oder mit Nachtarock bei der Rückkehr zum Stuhl: „Oh, das habe ich noch vergessen!“ Genau so muss das.

§

9. November – man weiß gar nicht wohin vor lauter Gedenken. Für mich werden im Vordergrund immer die anti-jüdischen Pogrome von 1938 stehen. Zumal bis heute wir, die Täterseite, darauf beharren zu bestimmen, wie das Gedenken auszusehen hat.

Wie weit das geht, wurde mir erst kürzlich klarer, als ich nämlich im Blog von Richard C. Schneider las, dass die neue Synagoge in München, über die ich mich so gefreut hatte, keineswegs der Wunsch der jüdischen Gemeinde gewesen war: Sie hatte ein Gemeindezentrum gebraucht, das bekam sie nur in Kombination mit einer Synagoge. Und musste dafür den Gedenkstein am Platz der 1938 zerstörten Synagoge aufgeben:
„Die Funktion der Juden in Deutschland / Teil 2“.

Es lohnt sich anzusehen, wie die Opferseite der Shoah gedenkt, alljährlich:
In Israel heulen am Jom haScho’a im gesamten Land um 10 Uhr für zwei Minuten die Sirenen.

§

Nach all der Erschöpfung und Aufregung ein wenig Soothing Eye Candy: Nach der Kür des sexiest man alive (Idris Elba, keine Einsprüche) suchte ein Twitter-Faden den
Sexiest Man Dead.

via @isabo_, eingeführt mit: „Gute Güte, was für ein Thread. Mein Riechsalz!“

Journal Dienstag, 6. November 2018 – Mittägliches Radlvergnügen

Mittwoch, 7. November 2018

Früher Wecker, um vor der Arbeit noch Sport zu treiben. Stellte sich als viel zu früh heraus, der Wecker riss mich aus Tiefschlaf. Aber wo ich schon mal stand…

Krafttraining zu heller werdendem Himmel und aufgehender Sonne bei gekippten Fenstern – anstrengend, aber schön. In die Arbeit nahm ich das Rad, weil ich in der Mittagspause bei meiner Hausärztin ein Rezept abholen wollte. Das tat ich dann auch, der kleine Radausflug in warmer Sonne war herrlich. Als ich aus dem Altbau, in dem die Praxis der Ärztin liegt, hinaus auf die Straße trat, war die Luft draußen wärmer als drinnen.

Nach Feierabend auf dem Heimweg kurze Einkaufstopps (Apotheke, Obst im Biosupermarkt), Radeln wieder ein Genuss. Daheim wartete ein Brief von Oberbürgermeister Dieter Reiter und Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle auf mich: Eine Erklärung und Entschuldigung für die Komplikationen beim Wahlhilfeeinsatz.
– Die Wahlbeteiligung sei unerwartet hoch gewesen (10 Prozentpunkte über der Landtagswahl davor), dadurch habe sich das Wählen bis in die eigentliche Auszählzeit verschoben.
– Für die Auszählung der vielen Briefwahlunterlagen habe nicht wie sonst die Messe genutzt werden können, Schulturnhallen hätten herangezogen werden müssen. (Das war mir neu, das muss wirklich sehr umständlich gewesen sein.)
– IT-Probleme mit dem zentralen Server, der über die Eingabe an den Wahlkoffern die Auszählungsergebnisse zusammenfasste, hätten zu langen Wartezeiten geführt und zur Überlastung der IT-Hotline.
Der Brief schloss mit der Versicherung, dass das System verbessert wird.
Eine sehr professionelle und anständige Geste, finde ich.

Abendessen: Restlicher Kürbis und restliche Kartoffeln des Ernteanteils aus dem Ofen mit Käse und Butter, Süßigkeiten.

4. Tag der #Buchchallenge (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Zadie Smith, White Teeth.

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David Hugendick schreibt in der Zeit über den Autor von tausenden John-Sinclair-Groschenromanen, Helmut Rellergerd:
„Dämonendauerdienst“.

via @Cynx

64 Seiten in der Woche sind 256 Seiten im Monat sind 3.072 Seiten im Jahr. Sinclair, Sohn des Lichts mit dem ausgeglichenen Gemüt. Er erinnert ein wenig an James Bond und ein wenig an den Kontaktpolizisten, den man jederzeit anrufen kann. Sinclair hat Liebeskummer, Sinclair auch mal einen Kater. Der Oberinspektor ist immer zur Stelle, wenn sich ein sachgrundlos mordender Todesfürst ausgerechnet in eine Wohnzimmerstanduhr verirrt hat oder Killerpuppen das Urlaubshotel stürmen. Wenn der städtische Vergnügungspark leider über einem Tor zur Verdammnis errichtet worden ist und forthin Kapuzenskelette in der Achterbahn sitzen.

Wie er auf all das komme, kann man Rellergerd natürlich fragen. Er sagt: „Ach, das fällt mir eben ein.“ Das sei halt sein Beruf. Beamter der Fantasie. Nach dem Zombie ist vor dem Dämonenzwerg.

Journal Montag, 5. November 2018 – Sonniger November

Dienstag, 6. November 2018

Zweite Nacht in Folge, in der ich nach vergeblichen Einschlafversuchen ordentlich Ibu einwarf, gegen die wach haltenden Hüft- und Beinschmerzen.

Morgens ein wenig Hektik, weil ich länger fürs Bloggen brauchte als gedacht, außerdem aufgehängte Wäsche wegräumte, die Wohnung putzfertig machte.

Bei uns in der innersten Innenstadt von München strahlte blauer Himmel, doch jenseits der Theresienwiese war es neblig. Mikromikroklima, immer wieder interessant.

Ein Arbeitstag.

Es wurde sonnig, und als ich das Bürohaus in der Dunkelheit verließ, war es überraschend mild. Ich genoss meinen Fußweg nach Hause.

Daheim bereitete Herr Kaltmamsell unter anderem aus Ernteanteil-Kürbis den wunderbaren Herbstsalat von Tring zum Abendbrot:

Später ins Bett als geplant: Die abendliche Waschmaschine mit bunter 60-Grad-Wäsche brauchte eine tückische Dreiviertelstunde länger als anfangs angezeigt.

§

3. Tag der #Buchchallenge (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Wolf Schneider, Deutsch für Profis

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Journal Samstag, 3. November 2018 – Freier Tag mit Häuslichkeiten und buntem Herbstspaziergang

Sonntag, 4. November 2018

Noch vor dem Wecker aufgewacht – den ich mir für das Vormittagprogramm mit Einkäufen vor einer Turnstunde im Verein (Aerobis, Gymnastik) gestellt hatte.

Doch gestern erwischte mich wieder die Sportunlust, die Aussicht auf einen wirklich gemütlichen Tag lockte viel mehr. Also duschte ich mich gleich und brach unter grauem Hochnebelhimmel früh zu einer Einkaufsrunde auf (Bäcker, Metzger, Biosupermarkt für Milch).

Daheim buk ich das novemberliche Öko-Gegenstück zum Raumduft in Flaschen und gegen Geld: Gewürzkuchen. Während der im Ofen war, kochte ich das am Freitag angesetzte Blaukraut. Und während dieses köchelte, frühstückte ich frische Semmeln. Wodurch es nach Duschen, Einkauf, Kuchenbacken, Blaukrautkochen, Frühstück noch nicht mal zwölf war! So mag ich meine freien Tage am liebsten.

Eigentlich hatte ich den Kuchen noch kuvertüren wollen, doch die Kuvertüre stellte sich als zu alt dafür heraus (ein Jahr über Mindesthaltbarkeitsdatum, sah gut aus, roch gut): Sie schmolz nicht, sondern klumpte durchs Erhitzen.

Die Sonne kam den ganzen Tag nicht heraus, dennoch zog es mich ins Draußen: Ich spazierte über Theatinerstraße, sehr belebten Hofgarten und Englischen Garten mit Chinesischem Turm zur Isar, auf der deutlich einsameren Ostseite bis zur Museumsinsel, über Isartor und Viktualienmarkt zurück. Es war mild (ich brauchte weder Mütze noch Handschuhe) und die herbstbunten Bäume ließen den grauen Himmel vergessen.

War gestern Tag des Fotokurses? Mir begegneten im Englischen Garten und an der Isar mindestens vier Gruppen mit enormen Objektiven, die offensichtlich unterrichtet wurden.

Daheim laß ich Galbraiths Silkworm aus, er gefiel mir bis zuletzt. Im besten Fall sind Krimis ja treffende Gesellschaftsgemälde, und Galbraith/Rowling zeichnet das eines Englands, in dem die Klassen sich bis heute scharf voneinander abgrenzen – selbst in Kreisen, in denen sie sich scheinbar vermischen (hier in der Literaturwelt). Die middle class-Haushalte, in die Cormoran Strike bei seinen Ermittlungen kommt, sind so erkennbar gezeichnet, wie es auch eine Zadie Smith nicht besser macht.

Beim Bügeln den Roman sacken lassen, dabei Pink Floyds Dark Side of the Moon gehört (hatte ich mir am Vortag in einem Nostalgie-Anfall als mp3 heruntergeladen, die LP hatte ich vor Jahren zusammen mit meinem Gesamtbestand LPs verschenkt) – festgstellt, dass ich die Stücke so gut kenne, jeden Einsatz, jeden Ton des Backgroundgesangs, dass ich fast keine Musik mehr höre.

Bücher-Challenge, Tag 2 (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Delia Smith, Delia Smith’s Complete Illustrated Cookery Course:

Zum Abendessen kochte ich mir aus Ernteanteil eine Sellerie-Kartoffel-Suppe, für die ich zur Verherzhaftung beim Metzger ein Stück Stadtwurst gekauft hatte. Gut!

Dazu guckte ich sogar fern. Auf Phoenix stolperte ich über eine Doku über das Weiße Haus:
„Das Weiße Haus – Hinter den Kulissen“.
Fertiggestellt, als Obama noch Präsident war. Den roten Faden der Offenheit für Bürger, der vielen öffentlichen Veranstaltungen und bürgernahen Projekte könnten man vermutlich jetzt nicht mehr spinnen.

§

Schon am Freitag traf mich die Nachricht, dass Robert Basic gestorben ist – der Mann, der unter anderem daran schuld ist, dass ich die Biosupermarktkette Basitsch ausspreche, denn so spricht man den Namen halt aus. Das Blog Basic Thinking war schon immer da: Als ich Blogs kurz nach der Jahrtausendwende entdeckte, gab es Technikblogs und Geschichtenblogs – und unter den Technikblogs las ich am regelmäßigsten Industrial Technology & Witchcraft und eben Basic Thinking. Irgendwann wurde es mir zu PR-lastig und mein Interesse erlahmte, doch Robert Basic blieb integraler Bestandteil meines Internets. Irgendwie scheine ich immer noch davon auszugehen, dass diese Bestandteile unsterblich sind, sonst hätte mich sein Tod nicht so getroffen.

Am besten verdeutlicht den Verlust von Robert Basic der Nachruf auf mobilegeeks:
„In Gedenken an Robert Basic: Gute Reise, lieber Rob“.

§

Ein weiterer anerkennender Rückblick auf die Kanzlerschaft von Angela Merkel, dieser von Anja Maier, Korrespondentin Parlamentsbüro der taz:
„Verdammt lange da“.

In Deutschland scheint nur die Frage der Nachfolge von Angela Merkel zu interessieren. Im Ausland sieht man, welche Lücke sie hinterlassen wird.

Journal Dienstag, 23. Oktober 2018 – Lesrunde zu Michael Ondaatje, Warlight

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Der Tag wurde immer grauer, am Nachmittag begann es zu tröpfeln. Ich nahm für den Heimweg den Notschirm aus meiner Büroschublade mit, doch es blieb erst mal trocken. Abends setzte stürmischer Wind ein.

Es traf sich die Leserunde bei uns. Es gab Mejadra, Salat und Apple Crumble zu essen (gute Esserinnen und Esser, in dieser Runde bleibt fast nie etwas übrig) sowie Michael Ondaatjes Warlight zu bereden.

Mir hatte der Roman sehr gut gefallen, auch wenn ich die längste Zeit über nicht so recht wusste, welche Geschichte er mir eigentlich erzählte. Sie spielt auf jeden Fall im Nachkriegs-London, und wie immer war ich ganz begeistert von Ondaatjes Kunst der Erzählperspektive. Wir sehen dieses London aus der personalen Perspektive der Hauptperson Nathaniel, einerseits so beschränkt und schlaglichtartig, wie subjektive Wahrnehmung nun mal ist (also ohne den Überblick und die Herstellung von Zusammenhängen einer mehr wissenden Erzählerstimme), andererseits wird aber diese subjektive Wahrnehmung aus der späteren Sicht dieser Hauptperson reflektiert.

Die Handlung beginnt mit dem Abschied von Nathaniels Eltern, die ihn, den 14-jährigen, und seine wenige Jahre ältere Schwester bei einem Freund zurücklassen, den die Kinder gar nicht kennen und untereinander The Moth nennen. Der Vater geht vorgeblich beruflich ins Ausland, seine Frau begleitet ihn wie damals üblich – was sich später als nicht ganz richtig herausstellt.

Zu einem runden Ganzen wurde der Roman für mich erst am Schluss, und dieses Ganze ist in erster Linie die Geschichte einer Frau, nämlich der von Nathaniels Mutter, und einer Zeit.

Auch die anderen Leserinnen und Leser unserer Runde waren begeistert vom Buch, wir sprachen lange und detailliert darüber. Die skurrile Mischung an Personen, die sich im ersten Teil im Elternhaus von Nathaniel trifft und die grotesken Seiten der Londoner Halbwelt erinnerten Herrn Kaltmamsell an Dickens; mir gefiel vor allem der Unterschied zu Dickens: Ondaatjes Erzählerstimme schildert immer trocken bis lakonisch und ohne Superlative oder Unterstreichungen. Herr Kaltmamsell wies auch auf die Unzuverlässigkeit des letzten und dritten Teils des Buches hin: Hier erleben wir den 28-jährigen Nathaniel, der herausfindet, was die Vergangenheit seiner Mutter wirklich war und was in London nach seinem plötzlichen Verschwinden passierte – aber war das alles so? Nathaniel erzählt lebendig und voller Details – die er unmöglich kennen kann. Und er widerspricht in einigen Aspekten dem, was im ersten Teil des Buches erzählt wurde.

Ein weiterer Mitleser sah in dem Roman vor allem die hervorragende Schilderung der Nachkriegszeit: Krieg endet nämlich keineswegs mit Kriegsende, er bestimmt das Leben noch viele Jahre danach. (Selbst ich habe Anfang der 70er noch in Bunkerresten gespielt.) Auch die Vieldeutigkeit des Romantitels war Gesprächsanlass, man kann ihn als Färbung des ganzen Lebens auf viele Jahre durch Krieg lesen.

Sie merken schon: Leseempfehlung.

Der fröhliche Abend in dieser Runde tat mir wieder ausgesprochen gut. Eine geplagte Mitleserin sprach gestern aus, was auch ich mir immer wieder gedacht hatte: Da kann der Tag oder das Leben im Moment noch so beschissen gewesen sein, ein Leseabend mit diesen lieben, schlauen, bescheuerten Menschen reißt das jedesmal raus.

Nachtrag: Einige lesenswerte Besprechungen des Romans.

Im Guardian: „Warlight by Michael Ondaatje review – magic from a past master“.

Dwight Garner zieht in der New York Times einen Vergleich, der auch in unserer Leserunde fiel (und auch er assoziiert Dickens, und er meint es nicht nett):

“Warlight” reads, at its not-infrequent best, like a late-career John le Carré novel. It hooks you in ways that make its quiet storm of bombast (“He always knew the layered grief of the world as well as its pleasures”) almost possible to bear.

Im New Statesman fasst Ian Samson zusammen (er meint es als Lob):
„Michael Ondaatje’s Warlight is like watching a Wes Anderson film through a telescope“.

Hirsh Sawhney schreibt im Times Literary Supplement (schöne Illustration zur Besprechung) eine Apologie von Ondaatjes Schreib- und Erzählstil – dem entnehme ich, dass er dafür Gegenwind bekommen hat.
„Don’t listen to the critics“.

Auch Anna Mundow meint in der Washington Post:
„‚Warlight‘ is a quiet new masterpiece from Michael Ondaatje“.

Journal Mittwoch, 30. August 2018 – Zur Familienhochzeit nach Berlin

Freitag, 31. August 2018

Aufgewacht zu Regenrauschen. Wie hatten eine gemütliche Zugverbindung nach Berlin gebucht, die Zeit für Ausschlafen, gemütlichen Morgenkaffee, gemütliches Kofferpacken ließ. Der kräftige Regen war zwar auch bei den lediglich 15 Fußminuten zum Bahnhof doof, aber trocknet ja wieder.

Bahnfahren ist toll. Wenn man wie wir nicht auf Anschlusszüge angewiesen ist. Auf den ersten paar Kilometern holte sich unser ICE gut 20 Minuten Verspätung (noch im Bahnhof Warten auf zugebrachte Reisende, später Check eines möglichen Triebwerkschadens) – für die Reisenden mit Umstieg in Nürnberg saudoof. Doch bis zu unserer Ankunft in Berlin war alles bis auf fünf Minuten wieder reingefahren, wir kamen in den angekündigten viereinhalb Stunden von München Hauptbahnhof bis Berlin Hauptbahnhof – gemütlich lesend und brotzeitend, mit der ein oder anderen Greifvogel- und Rehsichtung vorm Fenster.

Neil Geimans American Gods ausgelesen, mir gefiel der Roman gut. Schon das Set-up als Hintergrund mochte ich: Die vielen Einwandererkulturen brachten alle ihre Götter mit in die USA, durch Glauben, Gedanken, seit vielen Jahrhunderten. Natürlich wurden sie durch die neue Umgebung verändert. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Mann, der gerade eine Gefängnisstrafe abgesessen hat, Shadow. Er muss erfahren, dass seine Pläne für die Zeit nach der Inhaftierung nichtig sind: Seine Frau ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, ebenso der Freund, bei dem er einen Arbeitsplatz hatte. Statt dessen wirbt ihn ein seltsamer alter Mann als Faktotum an – der seine Namen und seine Vergangenheit kennt und sich Wednesday (*zwinker*) nennt. So gerät Shadow in die Welt der amerikanischen Götter. Mir gefiel gut, dass Realitätsebenen unzuverlässig sind, ohne dass das Ganze magic realism wird, ich mochte die Reisen durch verschiedene US-Landschaften und -Kulturen, und ich wurde immer wieder durch Wendungen überrascht – bis zum Schluss.

In Berlin war das Wetter bedeckt, aber trocken. Da wir Bedürfnis nach Luft und Bewegung hatten, gingen wir die knappe Stunde zu Fuß ins Hotel. Ich hatte in einem Haus auf meiner Wunschliste gebucht (die ich bestücke, wenn ich von interessanten Hotels lese, und mir für besondere Urlaube leiste), im ehemaligen Stadtbad Oderberger – die Schwimmhalle ist wieder in Betrieb.

Es stellte sich als wirklich besonderes und wunderschön renoviertes Hotel heraus.

Und zum erstes Mal im Leben beanspruchte ich in einem Hotel Zimmerservice: Ich ließ mir Bügelbrett und Bügeleisen bringen, weil die Festkleidung trotz aller Packungssorgfalt verknittert eingetroffen war. Und wenn ich schon mal dabei war, glättete ich auch die andere, nicht festliche Kleidung.

Über die Whatsapp-Gruppe der Familienenkel (Familienseite des Herrn Kaltmamsell) waren über die beiden Tage davor bereits Fotos von Unternehmungen mit der angereisten amerikanischen Verwandtschaft zu sehen gewesen. Wir schließen uns dem nach der Hochzeit am Freitag an, gestern Abend gingen wir noch zu zweit aus: Ich zeigte Herrn Kaltmamsell das Jolesch. (Auf dem Weg zur U-Bahn wurden wir nochmal angeregnet.)

Wie aßen Menü mit Weinbegleitung. Ich lernte, dass man Wassermelone lieber nicht braten sollte (wird zäh), und entdeckte einen sehr interessanten österreichischen Sauvignon Blanc: Der Weixelbaum Wahre Werte war der animalischste Sauvignon Blanc, den ich je im Glas hatte, die Würzigkeit hatte schon was von gekochtem Rosenkohl.

Zurück im Hotel sahen wir uns noch eine Weile um.

Riesige Außenbeschriftung an der Seite des Gebäudes.

An der Wand einer Sitzecke.

§

Die Ausschreitungen in Chemnitz sind lediglich ein Symptom. Den Hass, die Missgunst, die Aggression gab es schon vorher, sie suchten sich lediglich andere Ziele. Hier zwei Innensichten, die die Wurzeln und die Mechanismen dahinter in DDR-Vergangenheit sehen:

Rüdiger Jope, ein ehemaliger Pastor schreibt:
„Krawalle in Chemnitz: Was ist bloß los im Osten?“

Und Anke Gröner veröffentlicht in ihrem Blog die Zuschrift ihrer Leserin Beatrix:
„Leserinnenpost“.

Wir scheint es selbstverständlich, dass 40 Jahre unterschiedlicher Umgang mit der eigenen Vergangenheit als Drittes Reich eine grundsätzlich verschiedene politische Kultur hervorbringen: Im Westen 40 Jahre Ringen um Aufarbeitung, Streiten um Schuld (persönlich, kollektiv), um Verantwortung, um Vergebung, um Ursachen, um Konsequenzen, um Identifikation mit dieser Zeit vs. Distanzierung – immer und immer wieder um jedes Detail, und das vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Im Osten komplette Auslagerung der Geschehnisse und Greuel an Andere-die-nicht-wir-waren und Erklärung als abgeschlossen per Dekret. Das macht was mit Gesellschaft und Einzelnen. Dass all das Streiten und Befassen im Westen nicht gegen eine neue rechtsradikale Welle immunisierte, erwies sich allerdings immer wieder, siehe Republikaner, siehe NPD, siehe AfD heute.


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