Bücher

Journal Freitag, 26. März 2021 – Sharon Dodua Otoo, Adas Raum, plus Containerschiffhumor

Samstag, 27. März 2021

Noch eine gute Nacht, ich wachte kurz vor dem Weckerklingeln auf. Mittlerweile weckt mich die Tageshelle, ich werde zumindest fürs Wochenende die Rollläden nachts dagegen herablassen müssen – nach der Zeitumstellung sollte es wieder ein paar Tage ohne gehen.

Im neuen Bad fehlt noch ein Regal, deshalb stehen meine Parfüms in einer Schachtel auf dem Fensterbrett. Aus dem Flacon mit dem Restchen eines Lieblingsparfüms von vor 30 Jahren war ein wenig ausgelaufen und duftete mich hin und wieder ganz leise an – ich entdeckte, dass es mir wieder ganz ausgezeichnet gefiel: Scherrer 2. Gestern benutzte ich es, und war über den Tag so begeistert, dass ich mir ein frisches Fläschchen bestellte (gab es zum Glück bereits 25 ml klein, bei meinem geringen Verbrauch ist alles andere überdimensioniert).

Ruhiger Tag in der Arbeit, draußen war es mild und meist sonnig. Auf dem Heimweg sah ich viele kurze Ärmel – das ging vom Schnee am Wochenanfang sehr schnell. Kurze Einkäufe im Vollcorner, Check meiner Referenzmagnolie, die sich jetzt voll ins Zeug wirft.

Daheim schneller Wechsel in Yogakleidung. Die Einheit musste ich allerdings im letzten Drittel abbrechen, weil die Übertragung meines Rechners zum Fernseher plötzlich weg war – Umbau oder Fehlersuche waren mir zu umständlich, ich verschob die Runde auf Samstag.

Zum Abendessen gab es Artischocken mit Ajoli-Dip, dann einen Avocado-Salat aus der New York Times.

(Nein, das schaffte ich bei Weitem nicht.)

Die Artischocken waren sehr gut, der Salat eher enttäuschend, unter anderem weil ihm die Säure fehlte. Davor Cosmopolitans, dazu Verdejo.

§

Donnerstag hatte ich Sharon Dodua Otoo, Adas Raum ausgelesen. Ich mochte, wie die Geschichten der verschiedenen Adas durch die Jahrhunderte ineinander verschwammen, wie in einem Absatz die scheinbar selbe Figur im Ghana des 15. Jahrhunderts und im heutigen Berlin ein Kind von Cash erwartet. Auch mochte ich die Vielfalt und Vielschichtigkeit der zahlreichen Frauenfiguren (für männliche Figuren blieb leider nur Holzschnitt). Mir gefiel der rote Faden des Perlenschmucks, der in jeder der Geschichten auftaucht, auch wie komplett unterschiedliche Konzepte von Familie, Gemeinschaft und Alltag unerklärt nebeneinander gestellt wurden. Die Zeitschleifen dieser Handlungen und Personen finden sich auch in den Kapitelüberschriften, von denen einige „Schleife“ enthalten.

Am lebendigsten wurde der Roman für mich im letzten Fünftel, das in Berlin spielt: Diese Ada ist eine Einwanderin aus Ghana mit britischem Pass und sucht zusammen mit ihrer deutschen Schwester eine Wohnung. Vielleicht konnte ich deshalb am meisten damit anfangen, weil ich diese Welt aus eigenem Erleben kenne.

Doch ich kam nicht mit der Erzählperspektive zurecht: Otoo gibt die Stimme Gegenständen aus der Ich-Perspektive – einem Besen, einem Zimmer, einem Türklopfer, einem Reisepass, einem Windstoß. Das könnte poetisch wirken, doch mich befremdete es bis zum Eindruck der Albernheit: Sprechende Gegenstände kenne ich sonst aus Disneyfilmen (siehe Beauty and the Beast mit Kaminuhr, Teekanne, Kerzenleuchter als Charaktere) oder der Werbung („Ich war eine Dose“). Ich kann mir die Technik zwar als Alternative zum allwissenden Erzähler erklären (sogar eine Motivation dieser Allwissenheit gibt es: Gott taucht regelmäßig auf), doch das kam nicht gegen das Kindergeschichten-Gefühl an. Auch Shirin Sojitrawalla fragt in ihrer Rezension im Deutschlandfunk:

Bei Licht betrachtet ergibt sich aus ihrem Verfahren jedoch wenig inhaltlicher Mehrwert, die Dinge erzählen nicht viel über das Offensichtliche hinaus, was zur Frage führt, welchen Zweck dieses Erzählen erfüllt?

Diese für mich so befremdliche Erzählhaltung hatte Otoo schon in der Geschichte verwendet, mit der sie 2016 den Bachmannpreis gewonnen hatte (außerdem seltsam angestaubte Kultur-Klischees).
„Herr Gröttrup setzt sich hin“.

§

Sie haben ja sicher inzwischen alle das Containerschiff-Drama im Suezkanal mitbekommen: Seit 24.3. blockiert die auf Grund gelaufene Ever Given, siebtgrößtes Containerschiff der Welt, den Suezkanal und damit den weltweiten Warenverkehr. Da ich eine Vergangenheit im Schiffsmotorenbau habe, bin ich nicht so leicht davon zu überraschen, wie hoch die Menge an Gütern ist, die in riesigen Containerschiffen zu uns transportiert wird. (Weswegen ich mir ja immer auf die Zunge beiße, wenn wieder jemand die entsetzlichen Mengen klimaschädlicher Gase durch Schweröl-betriebenen Schiffsverkehr entdeckt: Runtergerechnet aufs Kilo Ware ist Lkw-Transport klimaschädlicher. Was nicht bedeutet, dass man lange Transportwege nicht meiden sollte. Aber wie bei halt allem: Es ist kompliziert. Unter anderem weil das böse – und verführerisch billige – Schweröl ein Abfallprodukt der Erdölverarbeitung ist, das so oder so anfallen würde und auf diesem Weg zumindest zu etwas nützt. Ob die Reinigung der resultierenden Emissionen verbessert werden müsste, ist wieder eine andere Frage.)

Vor allem aber stürzt sich mein Internet mit Verve auf das Thema, weil es eine hochwillkommene Abwechslung zu allem Corona-Bezug bietet. Der Guardian hat englischsprachige Memes gesammelt:
„Suez canal drama – and a tiny bulldozer – inspire wave of memes“.
(Hier ein Bonus-Scherz von @DB_Cargo.)

Es gibt eine Website, die zu nichts anderem dient als herauszufinden:
„Is that ship still stuck?“

Und nachdem Zehntausende letztes Jahr von Bundestrainer auf Epidemiologen umgelernt haben, werden jetzt alle Technisches Hilfswerk und haben Ideen, wie man die Ever Given freibekommen könnte.

Ich stelle mir vor, dass an Bord durchgehend diese Variante des Wellerman gesungen wird.

Und wie man das Viech freikriegt, wüsste ich auch.

Journal Sonntag, 28. Februar 2021 – Ein Tag Küchenumzug

Montag, 1. März 2021

3.30 Uhr: Klogang.
4.30 Uhr: Es ist klar, dass ich nicht mehr einschlafen kann, Küchensorgen treiben mich um, weil die neue Küche höchstens 60 Prozent des Stauraums unserer jetzigen bietet. Ich mache das Licht an und lese Anke Stellings Bodentiefe Fenster aus.
5.30 Uhr: Zum Glück ist Sonntag und ich kann noch eine Runde schlafen, wochentags wäre ich aufgestanden.

Den Vormittag verbrachte ich allerdings mit dem Gefühl eines fetten Katers (Erinnerung an Zeiten mit Dinner Parties, lautem Gelächter mit lustigen Menschen, Alkohol und einer so späten U-Bahn heim, dass ich die einzige im ganzen Wagen bin), nur halt ohne den vorhergehenden Spaß. Und ohne die Ruhe für ein paar Stunden Blödschauen, weil Umzug.

Gestern gehörte zum Umzug die Tiefenreinigung des Kühl-/Gefrierschranks, wir merken uns fürs nächste Mal: Dauert gut zwei Stunden. Auch diesmal dachte ich daran, die Inneneinteilung des Kühlschranks vor dem Ausbau zu fotografieren, und wieder war ich beim Zurückbauen froh um die Aufnahmen. Praktischerweise war es nach den warmen Tagen recht frisch geworden, ich konnte kühlbedürftige Lebensmittel auf dem Balkon aufbewahren (Gefriere war gezielt leergegessen worden).

Duschen und Anziehen, gestern machte ich mir geläutert keine Illusionen über irgendeine Sportmöglichkeit. Semmelholen, Semmelfrühstück.

Das Nachmittagsprogramm bestand aus Leerräumen der alten Küche und Umziehen der Inhalte in die neue, damit der Putzmann am Montag die alte Küche lagerfertig putzen kann. Das machte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell, was eine wirklich gute Sache war. Zwar hätte wir beide die Ordnungs-Entscheidungen des/der anderen akzeptiert, aber zusammen waren sie leichter. Die wichtigste Entscheidung: Wir übernehmen dann doch die bestehenden Kühlschrank/Gefriere und bauen sie nicht samt Nebenschrank zu Gunsten unseres Einzelteils aus der Einbauküche aus. Dazu besprachen wir uns ungewohnt eingehend und systematisch, inklusive der gegenseitigen Ermahnung, die Wünsche des/der anderen nicht vorwegzunehmen (dazu neigen wir beide), sondern wirklich die eigenen Pros und Contras vorzubringen. Ergebnis: Wir stellen den frisch geputzten großen Kühlschrank zusammen mit der restlichen Küche unter und bieten ihn den Nachmietern an.

Schublade für Schublade für Schrankfach räumten wir die alte Küche aus und suchten nach passenden neuen Plätzen für den Inhalt. Wir brachten dann doch fast alles unter, weil wir die wirklich selten gebrauchten Geräte (Fleischwolf, Sandwichtoaster, Nudelmaschine etc.) in ihren Kartons auf die Hängeschränke stellten. Und nochmal ein Menge Zeug aussortierten.

Freude über den neuen Küchenbalkon.

Kurz vor sechs brauchten wir aber eine Pause: Herr Kaltmamsell musste das Abendessen kochen, außerdem hatte ich beim Bäcker Himbeerschnitten für Kuchenpause gekauft.

Der Rest war schnell erledigt: Mehlschrank ausräumen – den nehmen wir mit, da er nach der Sanierung keinen Platz mehr hat – und Töpfe (mit Abschied von den beiden größten, die nicht Induktions-geeignet sind). Anschließend entspannte Herr Kaltmamsell mit Kochen, ich damit, die Lieblingstweets des Februars zusammenzustellen.

Das Abendessen war dann ein englischer Sellerie-Eintopf mit Rotwein (und weiteren Rüben), obendrauf Sellerie-Knödel.

Was neben Sport noch flach fiel an diesem Umzugswochenende: Zeitunglesen, Bügeln, Sonne draußen genießen.

Früh ins Bett mit neuem Buch: Amitava Kumar, Immigrant, Montana.

Zum vorherigen Roman:

Ich fand Anke Stellings Bodentiefe Fenster sehr gut geschrieben, die Not der Ich-Erzählerin nachvollziehbar. Die Beschreibung des Alltags im Mehrgenerationenhaus und in welchen ständigen Konflikten die Hauptperson Sandra darin lebt, sind gar nicht mit Wertungen verbunden (die ich anfangs meinte finden zu müssen). Menschen sind halt so, Sandra kann den Hintergrund und die Motivation von jedem und jeder nachvollziehen. Ihre Biografie entspricht dem Westberlin-Klischee meiner Generation: Kinderladenkind, ihre Mutter ist die beste Freundin der Kinderladen-Betreiberin. Sandra wächst auf mit Liedern und Spielen, die eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben, die alle Kinder zu freien, solidarischen und engagierten Menschen machen wollen und fest davon ausgehen, alle gleich zu behandeln. Doch sie merkt mit ihrer angeborenen besonders großen Empathie von klein auf, dass auch in dieser Gesellschaft Menschen ausgeschlossen werden, dass Glück, Veranlagung und Zeitgeist den einen bevorzugen, die andere hängen lassen. Und sie leidet darunter, auch als Erwachsene, weil sie einerseits keine Lösung dagegen hat, sich aber dazu verpflichtet fühlt (Kinderladen-Erziehung), etwas zu tun. Ebenso wenig wird uns Leserinnen am Ende eine Lösung geboten, so ist das Leben, so sind die Menschen halt. Da muss man durch, selig diejenigen, die sich ihre Illusionen erhalten.

Journal Freitag, 26. Februar 2021 – Auf dem Weg zur neuen Wohnung

Samstag, 27. Februar 2021

Weitere unruhige Nacht, zumindest ohne deutliche Pausen. Zerschlagen um fünf aufgewacht, bis Weckerklingeln geruht. Den ganzen Tag über fühlte ich mich in der Arbeit bleiern, aber hilft ja nix.

Bevor ich ins Büro aufbrach, wollte ich die beiden Klos in der neuen Wohnung mit Papier ausstatten (ich hatte am Vorabend gesehen, dass es ausging) – und begegnete dort den Handwerkern, für die es gedacht war. Kurzer Ratsch.

Seit Anfang des Jahres komme ich morgens am Corona-Testzentrum auf der Theresienhöhe vorbei, das Pandemie-bedingt geschlossene Verkehrsmuseum wird dafür genutzt. Und mit der Zeit glaubte ich eine Korrelation zwischen Länge der Schlange davor und den Münchner Infektionszahlen in den darauffolgenden Tagen zu erkennen. Wenn ich damit richtig liege, macht mir die Länge gestern Morgen Angst. (ICH WILL IMPF!)

Arbeitstag ohne Auffälligkeiten. Als Mittagessen gab es einen Apfel und ein großes Stück Schneekuchen. Wetter weiter sonnig und mild, ein wenig kühler als am T-Shirt-Donnerstag.

Pünktlicher Feierabend, auf dem Heimweg kurzer Einkaufsabstecher für Obst.

Daheim machte ich mich sofort an Umzugs-vorbereitendes Schrubben von Küchenteilen. Wie verabredet brachte die Bruderfamilie auf der Durchfahrt zu einem Wochenendausflug mit dem Auto einen Teppich, Kleinmöbel und Werkzeug vorbei. Wir zeigten die leere neue Wohnung vor und träumten von einer gemeinsamen Nutzung für Feiern.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl nochmal seine Guacamole mit Nachos und denn ein Goa-Fischcurry mit wunderbar saftigen Fischstücken. Dazu gab es einen spanischen Sauvignon. Nachtisch Schokolade.

Vielleicht muss ich mir eingestehen, dass der Wechsel der Home Base nach 21 Jahren mein befindliches Gesamtsystem doch mehr mitnimmt, als die Vernunft es bei einem Umzug im selben Haus! vorausgesehen hätte. Dabei weiß ich, wie wichtig Wohnen für mich ist, der durch und durch vertraute Ort, an dem ich nur mit mir selbst zu tun habe und am wenigsten angestrengt einfach sein kann. Und jetzt steigt wieder die Furcht auf, dass hinter dem robusten Haudegen, als der ich mich einordne, ich Wirklichkeit ein komplett unbelastbares Prinzesschen auf der Erbse steckt.

Im Bett las ich weiter in meiner aktuellen Lektüre, Anke Stellings Roman Bodentiefe Fenster. Mich nahm ihre bittere Hilflosigkeit mit. Bereits nach den ersten Kapiteln habe ich den Verdacht, dass die Schilderungen des Lebens in einem Mehrgenerationenhaus in Berlin einerseits realistisch sind, ich andererseits nicht mitbekomme, welche Wertung die Darstellung impliziert: Diese Art des Erwachseins, das Kinderhaben definitorisch einschließt, inklusive Aussicht auf Enkelkinderhaben, war mir immer sehr fern. So fern, dass es für mich nie „eine Entscheidung gegen Kinder“ gab. Weshalb ich mich auch nie mit der Ausgestaltung dieser klassischen Art des Erwachsenseins beschäftigt habe und davon ausgehe, dass die Leute sich das halt so ausgesucht haben, wie sie es leben – Menschen sind verschieden. (Politisch möchte ich aber schon, dass es dafür möglichst große Wahlfreiheit gibt und dass den Kindern, die ja per Definition kein Mitspracherecht bei der Beteiligung durch Geborenwerden hatten, nichts Böses geschieht.) Mit all den Zwängen und all der Zerrissenheit, die Stellings Hauptfigur Sandra lebt, stelle ich mir das vor: eigene Familie zu haben.

§

Passgenau zu meiner aktuellen Lektüre: Ein Essay von Daniela Dröscher über die deutsche Mittelklasse – Begriff, Definition, aktuelle Entwicklung.
„‚Ich bin zwar privilegiert, aber immerhin nicht reich'“.

„Mittelschicht“ erscheint auf den ersten Blick auch deshalb angemessener, weil die Mittelklasse nach Karl Marx eine Klasse ohne Bewusstsein von sich ist. Eine Klasse lebt, anders als die Schicht, von einem Wir-Gefühl.

(…)

Das einzige verbindende – aber sehr wesentliche – Kriterium ist die Lohnabhängigkeit. Die Abwesenheit von nennenswertem Kapital, also Besitz und Anlagen. Angehörige der lohnabhängigen Mittelklasse, die aufhören zu arbeiten, müssen früher oder später Sozialleistungen in Anspruch nehmen.

(…)

In der alten Mittelklasse garantieren Fleiß und solide Arbeit den Erfolg. Lebensideale sind ein geregeltes Auskommen, ein Eigenheim, eine sichere Rente. In der neuen hingegen dominiert das Ideal des Besonderen; die harten Währungen sind Einzigartigkeit und Originalität. Erstrebenswerter als materielle Statussymbole sind Zustände der Sinnhaftigkeit.

Journal Donnerstag, 25. Februar 2021 – Erstes Möbelstück in neuer Wohnung

Freitag, 26. Februar 2021

Die Müdigkeit legte sich dann schon kurz nach Ankunft im Büro auf meine Schultern und Augenlider: Der Nachtschlaf hatte wieder eine längere Pause eingelegt, irgendwann hatte ich das Licht eingeschaltet und den Ustinov-Roman Krumnagel ausgelesen. („Wie kommst du bloß dazu, so viel zu lesen?“ Antwort zu Studienzeiten: „Ich habe keinen Fernseher und wohne allein.“ Antwort nach Studium: „Dafür kenne ich fast keine Fernsehserien.“ Antwort perimenopausal: „Schlafstörungen.“)

Ustinovs Kommödie von 1971 ist schlecht gealtert, die Komik bewegt sich weitgehend auf dem stereotypen, rassistischen und sexistischen Niveau einer Benny-Hill-Show, ein wenig aufgewertet durch das hohe Sprachniveau. Und selbst wenn man die Rückständigkeit der Erscheinungszeit berücksichtigt, leidet die Geschichte des Polizeichefs einer großen US-amerikanischen Provinzstadt, der mit einem Gratisticket, Geschenk für langjährige Verdienste, nach Europa reist, unter der Weitschweifigkeit, mit der Ustinov jede Szene, vor allem jeden Dialog und jede Rede ausformuliert, unter der Vielzahl überflüssigen Personals, das gerne detailliert beschrieben wird, ohne je nochmal aufzutauchen. Chief Krumnagel erschießt durch ein Missverständnis einen Saufkumpanen in einem englischen Pub (und weil er in einer Szene, die Fernehzeitschriften meiner Kindheit „turbulent“ genannt hätten, am Flughafen seine Waffe nicht abgeben musste). In der Folge lässt Ustinov Kulturen und Rechtssysteme aufeinanderprallen, macht sich über Schwule lustig sowie über modernen Strafvollzug, bis Krumnagel in einer psychodelischen Schlussszene völlig durchdreht.

Aber! Das Buch lenkte mich ausreichend vom wachhaltenden Gedankenkarussell ab, ich schlief nochmal fast zwei Stunden bis zum Weckerklingeln.

Ein weiterer supermilder Tag, der allerdings nicht nach Frühling roch – wie denn auch?

Zu Mittag gab es einen Apfel, außerdem Quark und Joghurt. Nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Highlight des Arbeitstags: Ich lernte in einer Online-Infoveranstaltung höchst interessante Dinge.

Nach der Arbeit ging ich direkt heim, denn ich hatte Pläne. Nämlich: Eine eigentlich ausrangierte Kommode (noch aus meinem Jugendzimmer bei Auszug aus Elternhaus mitgenommen) vom Balkon holen, wo sie seit Jahren leere Blumentöpfe beherbergt, und putzen. Ich brauche sie als Übergangsmöbel für Kleidung in der neuen Wohnung, bis es den Einbauschrank in meinem Schlafzimmer gibt.

Herr Kaltmamsell hatte sich mittags um die Wohnungsübergabe gekümmert, ich konnte die saubere Kommode (Ikea in der ersten Hälfte der 1980er produzierte noch Qualität) mit ihm gleich hochtragen.

Voilà: Erstes Möbelstück in neuer Wohnung.

Eine Runde Yoga, zum Nachtmahl gab es Feldsalat aus Ernteanteil und Käse.

§

Wendy Lower hat ein Buch geschrieben über ein Holocaust-Forschungsprojekt, das mit einem einzigen Foto begann. Hier erzählt sie den Hintergrund.
„To Catch a Killer: Uncovering the Massacre of a Jewish Family in Nazi Europe“.

via @C_Emcke

Unter anderem gelernt: Es gibt so wenige Fotografien der tatsächlichen Tötungen im Holocaust, dass ihre Aufzählung in einen Absatz dieses Artikels passt.

These iconic snapshots of the Holocaust give the false impression that such images are numerous, yet they number not many more than a dozen, and we know little, if anything, about who is in them, and even less about who took them.

Schwerpunkt der Holocaust-Forschung jüngerer Zeit ist die Kollaboration vor Ort – wie sie zum Beispiel auf diesem Foto sichtbar ist. Doch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zutage bringen, wie groß die Beteiligung der Einheimischen an der Judenverfolgung und -tötung in der Ukraine, in Polen, Ungarn und andernorts in Euroa war, werden meist als Nestbeschmutzer zum Schweigen gebracht, sogar bedroht.

Journal Mittwoch, 10. Februar 2021 – Pandemie-Eintönigkeit, weitere Runde Schnee, Beifang aus dem Internetz

Donnerstag, 11. Februar 2021

Richtig gut geschlafen (schlaue Idee: weitere Befeuerung des Kummers stumm geschaltet, so fühlt sich also diese self care an), aus Tiefschlaf in die Orientierungslosigkeit geweckt worden. Die Morgenplanung sah eine Runde Nackengymnastik vor, das klappte.

In leisem Schneefall in die Arbeit gegangen, das Schneien hielt den ganzen Tag an – Sorte winzige, scheinbar in der Luft stehende Flöckchen.

Im Büro Aufregung (wieder geheim), doch noch vor Mittag konnte ich meinen eigentlichen Aufgaben nachgehen. Mittagessen eine halbe Cornish Pasty aus der Gefriere, Granatapfelkerne, nachmittags Orangen.

Hätte ich nicht zu arbeiten gehabt, hätte ich sehr lange aus dem Fenster der Krähengruppe im Schneefall zuschauen können, die mal auf einem riesigen Baum landete, dann wieder wegflog, ein filmreifes Muster vor Weiß.

Wundervoller Gang nach Hause im oben beschriebenen Schneegesäusel.

Bavariaring an der Theresienwiese.

Daheim erst mal Yoga. Dann bestellten wir Abendessen bei Chi Thu, ich holte es sehr gerne ab, um nochmal raus in die – nicht zu kalte – Schneeluft zu kommen.

Reisnudeln, frisches Gemüse, frische Kräuter, gebratener Tofu – ich genoss das vietnamesische Gericht sehr.

Nachrichten vom Fortgang der Pandemiebeschränkungen: Die derzeitigen sollen bin 7. März verlängert werden. Es erleichtert mich einerseit, dass die sinkenden Infektionszahlen im gesamten Deutschland (derzeit liegt die 7-Tages-Inzidenz bei 68 – Lockerungen nach der ersten Welle gab es in Bayern bei einer Inzidenz von deutlich unter 30) nicht zu sofortiger Aufhebung geführt haben und wir weitere vier Wochen nutzen können, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. (Ich will vom Sommer träumen können!) Und ich hoffe, dass andererseits diese Aussicht nah genug ist, dass nicht noch mehr Menschen verantwortungslos und unsolidarisch alles ausreizen, was mit welchen Finten auch immer geht (Modell Steuerregeln) und zum Beispiel verreisen (WAS ZUM HENKER!) oder sich jeden Tag mehreren neuen Kontakten aussetzen („mit einer Person darf man sich doch treffen!“).

Im Bett neue Lektüre: Beim Aussortieren hatte ich Herrn Kaltmamsell ein Buch abgenommen, das er weggeben wollte, weil ich nichts von seiner Existenz oder gar Anwesenheit in unserer Bibliothek gewusst hatte und es sehr gerne lesen wollte – Peter Ustinov hat also auch Romane geschrieben, einer davon ist Krumnagel, eine Satire um einen lokalen US-Polizeichef.

Der Tag zeigt beispielhaft die derzeitigen Highlights meines Alltags:
– Fußweg zu und von Arbeit
– Feierabend-Yoga
– Abendessen

§

Ein Portät der Forscherin Viola Priesemann, Leiterin einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und „Theoretikerin der Epidemie“:
„Von Corona infiziert“.

U.a. spannend: Priesemann kommt aus der Hirnforschung (erste wissenschaftliche Entdeckung gleich in der Diplomarbeit), verbindet Physik mit Neurowissenschaft mit Mathematik. Sie übertrug erprobte mathematischen Methoden aus der Hirnforschung auf die Covid-Forschung und verfeinert sie bis heute.

§

Interview in der taz mit Geschichtsprofessor Jürgen Martschukat über unser Sportzeitalter:
„‚Fitnesskult ist hochpolitisch'“.

Unsere moderne Gesellschaft organisiert sich wesentlich um den Körper und dessen Leistungsfähigkeit herum. Im Zentrum steht ein Versprechen, das mit einer Aufforderung beziehungsweise einer Verpflichtung verbunden ist: Wenn wir uns gut um uns kümmern, unseren Körper pflegen und in Form halten, kommen Glück und Erfolg. Die soziologische Stigmaforschung zeigt sehr genau, dass dicke Menschen heute von Schule bis Jobmarkt diskriminiert werden, es ihnen also schwerer gemacht wird, Erfolg zu haben. Der Fitnesskult ist hochpolitisch, es geht um Teilhabe an Gesellschaft, um Zugriff auf Ressourcen: Gesellschaftliche Anerkennung wird stark vom Körper abhängig gemacht.

(…)

Inwiefern hängt der Fitnesskult an der Freiheit?

Fitness braucht Freiheit. Es geht um die Freiheit, sich selbst verbessern zu können. Diese Botschaft ist in liberalen Gesellschaften ganz zentral. In den USA ist sie sogar in der Unabhängigkeitserklärung verankert: Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Freiheit und das Streben nach Glück. Dies ist ein Versprechen, das zugleich ungeheuer regulierend ist. Es führt dazu, dass die Menschen eingeteilt werden in diejenigen, die es schaffen, ein vermeintlich erfolgreiches Leben zu leben, und diejenigen, die an diesen Anforderungen zu scheitern scheinen. Erfolg und Misserfolg gelten als Konsequenzen eigenen Engagements – oder eben Nicht­engagements.

§

17 Jahre Bloggen führen unweigerlich in die Rekursivität. Gestern las ich auf der Suche nach einer Information einen eigenen zehn Jahre alten Blogpost wieder – und freute mich darüber, dass er Erinnerungen festgehalten hatte, die ich schon jetzt nicht mehr wusste.
„Mein 1986 – Teil 1“.

§

Letzthin von @spreeblick getwittert, geht mir seither nicht aus Kopf und Ohr (diese Stimme! diese Schönheit!).
Harry Belafonte 1964.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/SMYYE–dtIE

Journal Dienstag, 9. Februar 2021 – Dervla McTiernan, The Ruin

Mittwoch, 10. Februar 2021

Sehr unruhige und kummervolle Nacht mit einstündigem Komplett-Aussetzer, im dem ich halt in meinem Krimi weiterlas. Benommenes Gewecktwerden mit Kopfweh, die Benommenheit hielt lange an, ich schleppte mich steinmüde durch den Arbeitstag.

Arbeitsweg im leichtestem Schneefall, der sich nicht recht entscheiden konnte, ob er liegenbleibt.

Online-Besprechungen, sonstige Arbeit, große Anstrengung mich hochzuhalten. Mittags Birchermuesli mit Joghurt, ein Apfel.

Für den Heimweg war ich dann munter genug für Fußmarsch, tagsüber hatte ich mir den nicht vorstellen können.

Daheim erst wohltuende Umarmungen, dann Yoga.

Herr Kaltmamsell hatte Pizza gemacht, eine Hälfte mit Spinat und Schimmelkäse, die andere mit Champignons und Mozzarella. Wir wurden mit Genuss satt.

Das Wohnzimmer füllt sich langsam mit gepackten Bücherkisten (füllt Herr Kaltmamsell in Arbeitspausen nach seinem System für die neue Wohnung). Fast acht Jahre nach Ende meines Managerinnen-Daseins die letzten Blazer ausrangiert; ich trage sie wirklich nicht mehr.

Dervla McTiernan, The Ruin ausgelesen. Ein richtig gut gemachter Ausflug nach Irland, sauberes Handwerk, gut konstruierter Plot, der auf einigen der bittersten Nachkriegssünden Irlands basiert. Im Mittelpunkt steht der Kriminalbeamte Cormac Reilly, der 20 Jahre zuvor als ganz junger Polizist zur Leiche einer Mutter gerufen worden war, in ein verfallendes Steinhaus mit zwei Kindern. Sprung ins Jahr 2013: Ein junger Mann wird in Galway tot im Fluss aufgefunden. Seine Partnerin, eine junge Ärztin, ist doppelt erschüttert, da die Polizei von Suizid ausgeht. Diese beiden Handlungsstränge verflechten sich miteiander, und man liest sich nicht nur durch den ständigen Regen Galways und durch Klinikalltag, sondern auch durch die unangenehme Arbeitsatmosphäre einer offensichtlich korrupten Polizeiinspektion und durch die vielfältigen Auswirkungen einer Familienpolitik, die Gewalt an und Vernachlässigung von Kindern begünstigte. Viele interessante und vielschichtige Figuren (vielleicht sogar die eine oder andere zu viel? ich hatte zwischendurch ein bisschen Schwierigkeiten, die Polizistinnen und Polizisten auseinander zu halten). Empfehlung an alle, die Krimis mögen.

Nachgeholt vom Montag (abends vergessen):

An der Theresienwiese die ersten Winterlinge.

§

Hat es das in deutschsprachigem Twitter schon mal gegeben: dass die Accounts großer Marken miteinander flachsen? Einander necken? Britisches Twitter hatte das gestern mal wieder, angestoßen von diesem Wahnsinn:

Journal Donnerstag, 4. Februar 2021 – Heimbüro und William Maxwell, So long, see you tomorrow

Freitag, 5. Februar 2021

Homeoffice hieß wieder: Bei gleich frühem Aufstehen über eine halbe Stunde mehr Zeit für Sport. Ich nutzte sie für ausführliche Reha-Gymnastik, während draußen der Morgen graute und zu einem strahlend sonnige Tag wurde. Auf den Ohren zum Aufwärmen Billie Eilish – was einen Ohrwurm den ganzen Tag über erzeugte.

An meinem Arbeitslaptop versuchte ich mich an der Erhöhung der Ergonomie, und zwar mit Stuhlhopping: Ich erinnerte mich, wie gut und schmerzfrei ich während meines Auszeit-Jahrs stundenlang mit Laptop am Esstisch gesessen hatte. Jetzt zwickt es innerhalb einer Stunde ganz böse im Kreuz. Also probierte ich einfach mal Stühle durch. Wenn ich regelmäßig wechselte, ging’s.

Über die Arbeit Anmeldung bei einem Forschungsprojekt zu SARS-CoV-2-Antikörpern, für das ich Blut und Gesundheitsdaten spenden werde.

Noch hielt sich die Exotik der Situation, dass ich mich über MS Teams mit Kolleginnen besprach, während ich Herrn Kaltmamsell dumpf im Nebenzimmer unterrichten hörte. (Für viele andere seit fast einem Jahr Alltag, ich weiß.)

Mittags gab’s Radicchio mit einer roten Paprika und ein wenig Käse.

Der Tag blieb sonnig, der Himmel überzog am Nachmittag nur mit einem leichten Wolkenfilm. Ich machte so rechtzeitig Feierabend, dass ich noch ein wenig Tageslicht für eine Runde zur Isar abbekam. Die eigentlichen Isarwege mied ich dann aber, weil dort zu viele Menschen unterwegs waren. Auf dem letzten Stück des Spaziergangs Supermarkt-Einkäufe, wir brauchten unter anderem Milch. Daheim gab es schlechte Nachrichten aus der Schwiegerfamilie.

Ich gönnte mir noch Yoga, bis ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell Gelbe Bete und Kresse aus frisch geholtem Ernteanteil zu einem Pastagericht mit Orecchiette verarbeitete.

Abends Leserunde per Video-Konferenz, wir hatten William Maxwell, So long, see you tomorrow gelesen, erstveröffentlicht 1979 in zwei Teilen im New Yorker, wo der Autor 1936 bis 1975 Literaturredakteur war. Eine schmale Geschichte aus der Erinnerung von Maxwell. Den Rahmen bildet die Reue des alten Erzählers: Er fühlt sich schuldig, weil er einen Kindheitsfreund, dem Schlimmes widerfahren war (sein Vater hatte einen Nebenbuhler ermordet und sich dann selbst umgebracht), bei einer späteren Kindheitsbegegnung ignoriert hat. Der Mittelteil erzählt, wie sich dieses Schlimme möglicherweise zugetragen hat und führt uns in die ländlichen USA in der Nähe von Chicago. Mir gefielen besonders die Alltagsdetails der Geschichte, das bäuerliche Leben auf gepachteten Höfen, und die große Empathie, mit der die Erzählerstimme die Beteiligten beschreibt. Etwas ratlos ließ mich der Rahmen, geschlossen durch weitere Schilderungen der Reue, da die beiden Buben nicht eng befreundet waren und der Anlass nur ein kleiner Moment. Doch er fängt die Stimmung einer vergangenen Zeit ein.

§

Ein paar Journalist*innen stimmen nicht einfach ein in den Chor der „Pharmafirmen müssten einfach alle Impfstoff produzieren“-Forderungen, sondern rechechieren die Möglichkeit. Einer ist Derek Lowe, der für Science Translational Medicine zusammengetragen hat:
„Myths of Vaccine Manufacturing“.

via @tknuewer

Darin sind auch Artikel über das Problem der Lieferketten verlinkt, doch auf die geht Lowe erst gar nicht ein; er konzentriert sich ganz auf die Komplexität des Produktionsprozesses. Und der ist bei einem mRNA-Impfstoff superheikel.

This is not anything close to a traditional drug manufacturing process.

Nein, dafür können Sie nicht den nächstbesten Globuli-Schüttler rekrutieren. (Spässle.)


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