Bücher

Journal Freitag, 3. Juli 2020 – Hüftgeröngt

Samstag, 4. Juli 2020

Aufgewacht kurz vor Weckerklingeln mit üblen Kopfschmerzen, gegen die aber eine Ibu half.

Während der Gymnastik ließ ich im Fernsehen Morgenmagazin laufen und freute mich an der Pathos-Feindlichkeit unserer Bundeskanzlerin, die zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft sprach, staatstragend ansetzte, dass „nicht nur die EU auf uns blickt, sondern auch die Welt“, typischerweise relativiert mit „ein bisschen“.

Im Büro als Erstes nach langem mal wieder eine Kanne Grüntee gemacht – was ist nur da drinnen, dass ich den immer derart schnell wegtrinke?

Leicht wechselhaftes Wetter, immer wieder türmten sich dunkelgraue Wolkenberge auf, dann schien wieder die Sonne. Viel manuelle Arbeit, nichts Belastendes. Mittags gab es ein Butterbrot aus Selbstgebackenem und große dunkle Pflaumen.

Als Anreiz zu pünktlichem Feierabend nahm ich eine Radlfahrt an den Rotkreuzplatz: Ich löste gleich mal die Röntgenüberweisung ein. Jetzt schien die Sonne, doch die Luft war überraschend frisch.

Der Weg zur Radiologie war an einen Seiteneingang verlegt, von dem aus ich provisorischen Schildern über viele Ecken und Gänge folgte. Raus durfte ich aber über den Haupteingang, ich nehme also Pandemie-Hygienekonzept als Grundlage an. Selbstverständlich herrschte Maskenpflicht, die Angestellten an der Anmeldung saßen hinter mobilem Plexiglas.

Ich musste keine Minute warten, dann wurde ich schon in den Röntgenraum gebeten. Während ich für die Aufnahme der Lendenwirbelsäule im Februar gestanden hatte, legte ich mich jetzt auf den Rücken – und entschuldigte mich, weil das nicht schnell ging. Als mich die Angestellte für die zweite Aufnahme bat, das wehe Bein anzuwinkeln und nach außen fallen zu lassen, sah ich sie sehr gedehnt an: Genau das geht ja nicht. „So weit wie möglich“, half sie mir.

Schnell stand ich wieder draußen auf dem Verkehrs-chaotischen Rotkreuzplatz und sah mich nach einer Einkaufsmöglichkeit um. Ich landete in einem Edeka, der erschreckend voll war: Niemand hielt sich an die Regel, dass man einen Einkaufswagen nehmen muss, niemand hielt Abstand – zumindest trugen fast alle Atemmasken (Ausnahmen: Personal). Mich durchblitzte der Gedanke, dass in diesem Szenario ein Prepper-Einkauf näher lag als im März, denn es sah schon sehr nach zweiter Welle aus (in München sind wir seit einigen Tagen wieder bei zweistelligen Neuinfektionszahlen).

Angenehmes Radeln heim. Dort war es erst sechs, und ich fühlte mich unruhig. Zwar hatte ich schon seit Stunden Hunger, aber keinen Appetit. Deswegen zog ich kurzerhand das samstägliche Kuchenbacken vor, Käsekuchen muss eh ganz abkühlen. Ich hatte seit Tagen Lust auf die Fluffigkeit des Buddenbohm’schen Käsekuchens (wenn an einem Ende der Fluffigkeitsskala die Kompaktheit von American Cheesecake steht, befindet sich dieses Rezept am anderen Ende). Diesmal explodierte er im Ofen geradezu – und die Mandarinen wollten nicht versinken.

Nach dem üblichen Zusammenfallen wirkte er wie ein riesiger Yorkshire Pudding. Angeschnitten wird am Samstag.

Aperitif war Highball aus Ginger Ale und Canadian Whisky. Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell die ersten neuen Kartoffeln aus Ernteanteil zu Kräuterkartoffeln, dazu gab’s restlichen Ernteanteilsalat und eine panierte, gebratene Scheibe gepressten Kalbskopf vom Viktualienmarkt.

Im Bett las ich Zoë Becks Paradise City aus: Viele schöne Ideen, sehr gut zu lesen, für eine konsequentere Ausarbeitung hätte der Roman ruhig länger werden dürfen. (Eine der Ideen der Handlung im Deutschland der näheren Zukunft war zum Beispiel eine Gesundheitssoftware, die per implantiertem Chip Lebensbedrohungen verhindert – und eigentlich fast durchgehend positiv geschildert wird: Das Kippen in das Risiko, dass diese Software mit ihrem Auftrag zur Lebensrettung andere Interessen des Menschen überstimmen könnte, hätte ich mir erzähltechnisch besser gewünscht.)

§

Eine Firma für Menstruationsprodukte macht Werbung mit „womb stories“:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/JZoFqIxlbk0

via @HilliKnixibix

Weil:

We tell girls a simple story:

Get your period around twelve. Deal with some pain. Have some babies. Then more periods. And then around fifty your body is meant to politely retire.

But it’s never that simple. The unseen, unspoken, unknown stories of our periods, vulvas and wombs – our wombstories – are so much more complex and profound.

(Von Bodyform war ja auch 2012 der Spot „The Truth“.)

Meine Probleme mit Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol

Mittwoch, 1. Juli 2020

Ein Buch zwischen den Genres, in dem die Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin im Dritten Reich im Rentenaltern den Wurzeln ihrer Mutter nachforscht. Das Thema ist eng verknüpft mit meiner eigenen Familiengeschichte (ich bin die Enkelin einer polnischen Zwangsarbeiterin), deshalb interessierte mich das Buch, außerdem geschrieben von einer Romanautorin. Aus demselben Grund fürchtete ich mich davor: Ich habe mehrfach erlebt, dass es mir emotional die Füße wegzieht, wenn mir die Geschichte meiner Großmutter nahe kommt.

Doch gleich das erste Viertel beruhigte mich: Die hochwohlgeborene Familie dieser Mutter, geboren im ukrainischen Mariupol, unterscheidet sich in praktisch allem von dem Hintergrund meiner polnischen Oma, ich war weit genug weg von persönlicher Betroffenheit.

Und so folgte ich der Erzählerinnenstimme interessiert bei ihrer Recherche, hätte gerne mehr über den Hobbyhistoriker Konstantin erfahren, der viele Tage und Nächte opfert, um der Erzählerin bei ihrer Suche zu helfen, verfolgte gespannt, wie dabei die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und des Internets genutzt werden.

Doch dann begann ich mich doch bei der Lektüre immer unwohler zu fühlen. Zunächst war ich irritiert von den ständigen Charakterprojektionen auf Basis der Fotos: Physiognomie/Gesichtsaudruck auf diesem einen Bild wird immer 1:1 mit Persönlichkeit gleichgesetzt. Das las sich sehr nach 19.-Jahrhundert-Schmonzette – und hat natürlich die Kehrseite negativer Zuschreibungen, wenn jemand nicht ins Bild der edlen, vornehmen und entsprechend zartgliedrigen Familie passt, das Wodin sich konstruiert: Der vierschrötig aussehende Kusin stellt sich prompt als Gewalttäter heraus.

Im zweiten Teil erfindet Wodin dann aus den recherchierten Fragmenten, den schriftlichen Lebenserinnerungen ihrer Tante und bekannten historischen Hintergründen eine stringente Lebensgeschichte ihrer Mutter. Ihr ganzes Mitgefühl und zahllose Empathie-erzeugende Details gehören den enteigneten reichen und gebildeten Familienmitgliedern, die in den revolutionären Zeiten alles verloren, verfolgt wurden, hungerten. Selbstverständlich war auch mir all dieses Leid nachvollziehbar, doch ich hörte schon sehr laut das Schweigen über die Ursachen der revolutionären Umstürze im Russland und der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts. Die Geschichte der armen, armen reichen Leute in der russischen Revolution hingegen ist bereits so zum Topos geworden, den die Emigranten im Westen pflegten (sogar die Rolle der loyalen und treusorgenden Dienstbotin ist besetzt, und zwar mit dem Kindermädchen Tonja), dass mir zu einem perfekten Bild nur noch das Auftauchen der letzten Zarentochter Anastasia fehlte.

Oh ja, das war wirklich meilenweit entfernt von der Geschichte meiner polnischen Großmutter Kazimiera Zbydniewska, die als 17-jährige Schneiderei-Lehrling aus dem südpolnischen Klimontov zur Zwangsarbeit auf einem schwäbischen Bauernhof verschleppt wurde, eine stämmige Person mit dreckiger Lache, die gerade mal halbwegs lesen konnte. Und dennoch ebenso viel Anspruch auf Erbarmen hat wie eine gebildete, zarte Anwaltstochter. Wodins Buch aber vermittelt mir den unangenehmen Eindruck, dass das Leid von Menschen mit vermögender, gebildeter Herkunft besonders schwer wiegt, weil die’s doch wirklich nicht verdient haben.

Die detaillierte Beschreibung der Monate, die ihre Eltern als Zwangsarbeiter in Leipzig durchlitten, erweckt durchaus eine Zeit und Schicksale zu Leben, unterstrichen durch grausame und rassistische Zitate aus historischen Quellen. Tatsächlich erzählen sie mehr das Leid, dass die Tochter bei dem Gedanken daran empfindet.

Mit dem Schlussteil konnte ich wieder mehr anfangen, in dem Wodin ihre Kindheitserinnerungen zur Geschichte macht, die harten Jahre am Rand der Gesellschaft, in Armut, ohne Freunde, und den Weg ihrer Mutter in den Suizid (wobei nie das Wort Depression auftaucht, sondern sie immer nur das veraltete „Geistenkrankheit“ verwendet).

Sehr gut nachvollziehen kann ich ja Wodins Sehnsucht, ihre Wurzeln zu kennen: Mit elf die Mutter durch Suizid zu verlieren, muss entsetzlich gewesen sein. Aber ist es nicht etwas arg überkompensiert, schlussendlich die gesamte eigene Persönlichkeit als Resultat der Vorfahren zu konstruieren? Eigene Liebe zur Oper – es gab einen Onkel, der Opernsänger war. Liebe zur Sprache – eine andere Tante war Literaturwissenschaftlerin. Ein ganzes Leben mit dem Gefühl, eigentlich etwas Besseres zu sein – großbürgerliche Unternehmer-Großeltern.

Dass historische Romane etwas vermögen, was rein faktische Geschichtsschreibung nicht kann, hat die Großmeisterin Hilary Mantel klug dargelegt. Die fictionnon fiction-Mischung Sie kam aus Mariupol tut meiner Meinung nach genau das Gegenteil: Durch Emotionalisierung jede Reflexion verhindern.

Journal Montag, 28. Juni 2020 – Blicke vom Fußweg aus

Dienstag, 30. Juni 2020

Zu Regengeräuschen aufgewacht, doch diese paar Tropfen sollten mich auf dem Rad nicht stören.

Allerdings hatten sie sich bis nach Morgenkaffee mit Bloggen, nach Kraftübungen, nach Yoga (diesmal von der schweißtreibenden Sorte), nach Duschen und Anziehen kontinuierlich zu ernsthaftem Regen gesteigert – missgelaunt griff ich mir den Regenschirm und nahm die U-Bahn in die Arbeit. Als der Regen kurz vor Mittag aufhörte, war allerdings mein erster Gedanke: Halt, weiterregnen, das war noch lange nicht genug! Das Wetter kann es mir also ultimativ nicht mehr recht machen.

Der Vormittag bestand fast ausschließlich aus Querschüssen. Alles, was ich geplant hatte, schmuggelte ich bröckchenweise dazwischen. Nachmittags vielerlei Ärger (überrascht und enttäuscht) – aber auch der Genuss, mit Menschen zusammenzuarbeiten, mit denen alles läuft wie ein Tanz: kleine Signale geben, auffangen, alles fließt und benötigt nur geringe Energie (vielleicht nenne ich die künftig Niedervolt-Kolleginnen und -Dienstleister).

Zu Mittag gab es Nudeln mit Pulpo in Tomaten vom Vorabend und Kirschen aus Bruderfamilies Garten.

Der Arbeitstag wurde länger, und ich hatte überhaupt keine Lust auf U-Bahn, dafür umso mehr auf frische Luft. Ich ging also zu Fuß nach Hause, gemütlich getrippelhinkt dauerte das 50 statt der gesunden 35 Minuten von früher.

Sie wissen ja sicher schon gar nicht mehr, wie die Bavaria aussieht.

Am Kaiser-Ludwig-Platz wird seit einigen Wochen gebuddelt. Jetzt am Abend war die Baustelle verlassen, ich konnte in die Abgründe gucken, die ich mit dem Fahrrad immer umkurve.

Fernkälteleitungen. (Dieser Post war für mich Anlass, diesem Schlagwort nachzugehen, dem ich auf den Bautafeln begegnet war – hochinteressant.)

Daheim traute ich mich doch wieder Alkohol und machte uns Erdbeer-Gintonics. Während Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl Reste aß, darunter Pulpo-Reste, hatte ich erst mal auf längere Zeit genug von Pulpo und bekam die Zucchini aus Schwägeringarten gebraten mit einem Omelette.

Zum Nachtisch gab es den Cherry Pie, den der Herr nachmittags zubereitet hatte, mit allen Kirschen, die er den zahlreichen Würmern aus ihren gierigen Pfötchen reißen konnte.

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Als die Weilheimer Apothekerin Iris Hundertmark vor zwei Jahren ankündigte, dass sie ab sofort keine Homöopathie-Mittel mehr anbieten würde (allerdings ist sie verpflichtet, sie auf Anfrage zu bestellen), machte das eine Welle. Die Süddeutsche hat nachgehalten, was aus ihr und ihrer Apotheke geworden ist: Zu meiner Bestürzung ist sie die einzige homöopathiefreie Apotheke Deutschlands geblieben. (Leider nur gegen Geld zu lesen.)
„Nein, hier gibt es keine Globuli“.

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Auch die Süddeutsche hat das Handbuch für Zeitreisende gelesen, Jutta Person schreibt:
„Pack den Auerochsen ein“.

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instagram-Tipp: @womeninstreet stellt Fotografinnen vor, die bemerkenswerte street photography machen – sehr, sehr verschieden.

Journal Mittwoch, 24. Juni 2020 – Ted Chiang, Stories of your life and others

Donnerstag, 25. Juni 2020

Aufgewacht kurz vor Weckerklingeln in einen traumhaften Sommermorgen. Gymnastik und Yoga (Rücken) vor offener Balkontür.

Auf der Theresienwiese radelte ich an einer vierköpfigen Graugans-Herde beim Grasen vorbei – mal sehen, was sich DIE NATUR in diesem Oktoberfest-freien Jahr noch so zurückholt.

Mittags Laugenzöpferl und ein Stückchen Käse, nachmittags Flachpfirsiche mit Hüttenkäse.

Auf dem Heimweg radelte ich beim Vollcorner vorbei für Obst, Milchprodukte und mein Abendessen Rahmspinat mit Ei – Herr Kaltmamsell war aushäusig. Kleines Unglück beim Auspacken daheim: Der Eierkarton öffnete sich, als ich ihn aus meinem Rucksack zog. Ein paar Eier, die ich einzeln aus dem Rucksack angelte, waren beschädigt, es gab also deutlich mehr zum Nachtmahl als geplant.

Abendprogramm: Lesen auf dem Balkon in herrlichen Sommerdüften, ich begann Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol.

Am Vorabend hatte ich Ted Chiang, Stories of your life and others ausgelesen.

Eine Empfehlung von Herrn Kaltmamsell, da der Geschichtenband auch die Vorlage für den Film Arrival enthält, der mir überaus gefallen hatte. Veröffentlicht wurden die Geschichten erstmals alle Anfang der 1990er.

Allen Erzählungen ist der nicht-realistische Duktus gemeinsam, das gefiel mir sehr gut. Es wird immer ein „What if“ durchgespielt, das mehr oder weniger weit hergeholt ist, speculative fiction. Eine Mathematikerin, die in tiefe Depression fällt, nachdem sie den Beweis erarbeitet, dass 1=2 („Division by Zero“). Der Trupp Bergleute, der für den Turmbau zu Babel engagiert wird, als dieser so hoch ist, dass er an den Himmel stößt: Die Bergleute sollen nach oben durchgraben („Tower of Babylon“).

Und dann eben die Lingustin, die von Militär enagiert wird, nachdem Außerirdische landen, damit sie Kommunikation mit den Besuchern ermöglicht („Story of your life“). Mir gefiel die filmische Umsetzung der grundsätzlich anderen Wirklichkeitswahrnehmung der Aliens im Film besser als in der Erzählung, in der sie zwar explizit erklärt wird, sogar mit Grafiken, aber nur in der Vermischung von Verbformen auch umgesetzt, z.B. „I remember when you’re fourteen. You’ll come out of your bedroom…“ (Interessanterweise beschäftigt sich eine aktuelle Videounterhaltung des Online-Magazins Beziehungsweise weiterdenken mit genau diesem Vergleich: „Aus der Zeit gefallen (1): Über den Film ‚Arrival‘ und die Kurzgeschichte ‚The Story of Your Life'“ – leider ist das keine Darreichungsform für mich, auch nicht in anderthalbfacher Geschwindigkeit – mir fehlt die Geduld, ich möchte sowas lieber lesen. Hier also lediglich der ungeprüfte Hinweis.)1

In „Seventy-two letters“ werden falsche naturwissenschaftliche Annahmen Ende des 19. Jahrhunderts als richtig angenommen und als Basis für eine Geschichte verwendet – auch das eine brillante Idee. Eine andere Erzählung spielt in einer heutigen Welt, zu deren Alltag das regelmäßige Erscheinen von Erzengeln gehört – die zum einen Wunder vollbringen, aber auch ziemlich viel kaputt machen; was davon der oder die einzelne abkriegt, ist recht erratisch („Hell is the absence of God“).

Geschrieben sind die Texte alle sachlich und geradeaus, handwerklich sehr sauber, die Sprache tritt hinter die Ideen zurück. Lesenwert ist auch der Anhang mit seinen „Story Notes“. Ich kann mir vorstellen, dass diese Unauffälligkeit der Sprache sehr arbeitsintenisiv ist: Viel mehr als diese Erzählungen hat Chiang nicht veröffentlicht.

§

Unser Kartoffelkombinat liefert ein Trostpflaster für das ausgefallene Mitgärtnern: Blogposts mit Rundgängen durch die Gärtnerei und Beschreibungen der Abläufe.
„Ein Tag in Spielberg: 03.06.2020“.

So kann Gemüseanbau funktionieren, bei dem nicht nur keine Lebensmittel durch halb Europa gekarrt werden müssen, sondern auch keine Arbeitskräfte.

§

Beim Anblick dieser Aufräumaktion im Lake District leiste ich ein stilles Gelübde: Sollte ich je wieder richtig wandern können, werde ich immer, immer, immer eine Mülltüte dabei haben und unterwegs Müll einsammeln. (Hatte ich in Irland bereits an Wanderern gesehen.)

§

Welcher Kultur-Clash es im Zweiten Weltkrieg gewesen sein muss, als schwarze US-amerikanische Soldaten in Großbritannien in eine Welt ohne Segregation nach Hautfarben kamen, wurde mir erst durch Andrea Levys Roman Small Island klar.

Gestern las ich dann über die Battle of Bamber Bridge: In der Nacht von 24. auf 25. Juni 1943 widersetzten sich in Lancashire schwarze GIs der weißen US-Militärpolizei.
„Black troops were welcome in Britain, but Jim Crow wasn’t: the race riot of one night in June 1943“.

§

„Noch einmal Nussschnecken.“

  1. Schrieb sie direkt bevor sie in einem Wurmloch mit YouTube-Schnippseln von Hannah Gadsby und der Ellen-Show verschwand, glauben Sie mir einfach kein Wort. []

Journal Samstag, 6. Juni 2020 – Warten auf Sommer

Sonntag, 7. Juni 2020

Nach guter Nacht eher früh aufgewacht, mehr vom Tag!

Ausführlichere Gymnastik (wenn schon Zeit ist), auf dem Crosstrainer versank ich zu Filmmusik derart in Gedanken, dass ich nicht merkte, wie ich fast anderthalb Stunden strampelte (Display ist sehr lichtarm, und auf die große Zeitanzeige muss ich manuell durchklicken) – mehr als geplant.

Kleine Besorgungsrunde. Am Rathaus kaufte ich mir diesmal einen echten erwachsenen Schrim im Schirmladen. Das ging sehr schnell, denn auf meine Ansage „eher elegant“ zog die Schirmfrau aus dem übersichtlichen Sortiment gleich das passende Modell mit zwei Grau-Schattierungen. Wegen eines antiquarischen Schirms in meinem Besitz, an dem Befestigungen an den Stäben gerissen sind, fragte ich nach einer Reparaturmöglichkeite, doch bekam ich die Auskunft, dass der langjährige Reparateur des Ladens verstorben sei, die nächste Stelle für Schirmreparatur in Salzburg.

Ein paar Lebensmittel im Untergeschoß des Kaufhofs. Der Himmel war wechselnd düster, doch die Luft milder als erwartet (Apothekenthermometer zeigte um die Mittagszeit etwas über 20 Grad an), dennoch trugen einige Menschen wollene Wintermäntel. Vorm Apple Store eine sehr lange Schlange (etwa 50 Menschen), auch vor einigen Kleidungsläden in der Sendlinger Straße Warteschlangen auf Abstand mit sehr jungen Menschen.

Zum Frühstück ein Laugenzöpferl mit Tomate, eine zweite Runde Milchkaffee.

Ich setzte mich in einen Sessel an die Balkontür und las Olive, Again von Elisabeth Strout aus, interessiert und bewegt. Dazwischen sah ich immer wieder den Vögeln am und unterm Meisenknödel oder beim Trinken und Baden an der Wasserschale zu.

Buntspechtpapa oben (wenn ich es richtig verstanden habe, fehlt den Buntspechtweibchen der rote Fleck am Hinterkopf), Jungspecht unten, der sich füttern ließ – es in der Kastanie dahinter aber auch mal mit Picken an die Äste probierte. Nachmittagssnack: Pfirsich mit Joghurt, englische Haferkekse.

Zum Nachklingenlassen des Romans war mir die Stunde Bügeln recht, die für die Wäsche der vergangenen beiden Wochen reichte – auch daran merke ich, dass der Sommer noch nicht begonnen hat. Am Nachmittag regnete es nur einmal kräftig.

Herr Kaltmamsell servierte zum Abendessen Spaghetti mit dem Mönchsbart aus Ernteanteil, diesmal nicht gebraten, sondern im Spaghettiwasser kurz mitgekocht: viel besseres Ergebnis, so schmeckte man die Erdigkeit des Gemüses gut.

Auch die gerösteten Pinienkerne, gebräunte Zwiebel und die Parmesanspäne machten sich ausgezeichnet. Zum Dessert hatte der Herr einen englischen Pudding im Wasserbad zubereitet: Treacle Sponge Pudding. (Hatte ich während meines Studienjahrs in Wales in den Supermärkten in Dosen entdeckt, mir hin und wieder geleistet und im Wasserbad erhitzt.) Es gab dazu flüssige Sahne.

Und weil’s gerade so lukullisch war, sahen wir dazu auf Arte eine Doku über Auguste Escoffier, der um die Jahrhundertwende 19./20. die gehobene Restaurantküche international standardisiert hat, inhaltlich, im Ablauf und im Geschäftsmodell. Mit vielen Fotos und Filmen aus der Zeit, Interviews mit Küchenchefs in seiner Tradition, Expertinnen aus Geschichtswissenschaft und Food-Journalismus. Hier in der Mediathek nachzusehen.

Journal Sonntag, 31. Mai 2020 – Zu kühl für draußen

Montag, 1. Juni 2020

Wieder sehr gut ausgeschlafen.

Teig für das 7-Pfünder-Brot gekneten. (Das Sauerteig-Anstellgut hatte so lange ungefüttert im Kühlschrank gestanden, dass ich es zweimal auffrischen musste, bis es ausreichend treibstark wurde.)

Während ich ausführlich bloggte, klingelte mein Mobiltelefon (zur Erinnerung: Mein Telefon klingelt durchschnittlich einmal im Monat, meist weil ich eine beauftragte Ware irgendwo abholen kann oder sich ein Arzt-/Friseurtermin verschiebt, private Anrufe sind davon ca. 20 Prozent): Völlig überraschend meldete sich meine Freundin in Nordengland. Wir tauschten uns zur SITUATION aus, Arbeitsleben, Familie, sonstige Gesundheit, aber auch Wetter (in Nordengland mit Regenfluten im Februar und Dürre seit Anfang März).

Der Brotteig bekam dadurch doppelt so lange Stockgare, doch das Telefonat war mir wichtiger – allerdings beendete ich es tatsächlich mit der Begründung „I got some bread dough proofing“ und wurde aufgefordert, dann aber bitte auch Fotos vom Ergebnis zu schicken.

Ich verkürzte die Stückgare, das Ergebnis war dann völlig in Ordnung:

Während das Brot im Ofen war, machte ich ausführlich Gymnastik und strampelte auf dem Crosstrainer. Zum Frühstück föhnte Herr Kaltmamsell panierten Tofu im Air Fryer, es gab ihn mit süß-scharfer Soße aus der Flasche. Außerdem Obst und Haselnusskuchen.

Vielen Dank für Ihre Hinweise auf das klassische Dr.-Oetker-Rezept! Stellt sich heraus: Das verwendete ist genau dieses, nur halt mit 100 Gramm Schokolade zwischen den Teighälften.

Von oben war es nachmittags bis tief in die Nacht laut, Nachbars hatten wohl die erste große Feier seit Ausgangsbeschränkung. Das hieß am Ende des Tages (also dem echten, abends): Schlaf nur mit geschlossenen Fenstern und Ohorpax möglich.

Am späteren Nachmittag ausführliches Videotelefonat mit den Schwiegers, allen geht es gut. Wir verabredeten uns in Echt für das nächste Wochenende.

Den ganzen Tag über war Remmidemmi am Meisenknödel: Meisen, Buchfinke, Spechte, Kleiber, Tauben, ich sah immer wieder lange zu. Am Wasserschälchen wurde auch getrunken: Anscheinend picken alle Vögelchen das Wasser tropfenweise auf, nur die Tauben hängen sich sekundenlang rein – bei einer begann ich bereits zu fürchten, sie wolle sich ertränken.

Ich überlegte, ob ich nicht doch raus wollte, es war trocken und nicht zu düster. Doch die Luft blieb sehr kühl, ich las in Wolljacke und mit zwei paar Socken, also beschloss ich, dass sich das Wetter erst noch ein bisschen mehr anstrengen muss.

Das Abendessen bauten wir um das frische Brot: Es gab dazu gesalzene Butter, Käse, Räucherlachs, Karottensalat, zum Nachtisch Schokolade. Als Abendunterhaltung im Fernsehen O Brother, Where Art Thou – während ich den Sountrack komplett mitsingen kann (der wohl schon vor dem ersten Drehtag stand), hatte ich den Film selbst nur seinerzeit (oh Gott, schon wieder 20 Jahre her) im Kino gesehen. Ich wurde daran erinnert, wie attraktiv ich es finde, wenn ein schöner Mann kein Problem damit hat, sich komplett zum Hirschen zu machen (siehe Cary Grant und hier George Clooney, der wirklich sensationell blöd schauen kann).

§

Formschub bloggt über seinen Einrichtungs-Farbfimmel und den beeindruckenden Klopapierfimmel von Juli Gudehus.
„Fimmel“.

Journal Samstag, 30. Mai 2020 – Kathrin Passig, Aleks Scholz, Handbuch für Zeitreisende

Sonntag, 31. Mai 2020

Mit Blick auf die Vögelchen auf dem Balkon das Handbuch für Zeitreisende von Kathrin Passig und Alex Scholz ausgelesen, mich bis zuletzt daran gefreut: Die beiden haben eine ausgezeichnete Idee zum Transport für eine Menge unerwartete Zusammenhänge und Einsichten gefunden. Dabei überspringen sie die sonst zentrale Diskussion, ob und wie Zeitreisen funktionieren könnten, nehmen sie einfach mal als gegeben an und widmen sich all den Detailfragen, die dann konkrete Zeitreisen aufwerfen: Was (wann) sind die reizvollsten Destinationen, welche sollte man aus welchen Gründen meiden, was sollte man beachten, wie muss man sich vorbereiten. So schaffen sie es implizit deutlich zu machen, welche unhinterfragten Vorstellungen unhaltbar sind – oder in Konsequenz höllisch komplex.

Ähnlich wie das Lexikon des Unwissens ist das Handbuch für Zeitreisende ein originelles und sehr praktisches Gerüst für eine Menge der faszinierendsten Fakten und Zusammenhänge der Welt (eine weitere ist die britische Show QI – für quite interesting, die diese in eine Fernseh-Quizshow mit höchst undurchsichtigen Regeln und Punktevergaben sowie viel Möglichkeit zum witzigen Brillieren der Gäste einbettet.)

Beispiele für Unerwartetes: Sie wollen zu den Dinosauriern reisen? Wundern Sie sich nicht, dass Sie in ihren ganzen drei Urlaubswochen keinen einzigen zu sehen bekommen: Die stehen nämlich nicht so geballt und adrett platziert auf Wiesen herum wie in der Illustration des Was-ist-was-Bands Ihrer Kindheit.

Oder: Sie wollen die Menschheit damit beglücken, bahnbrechende Erfindungen vorzuziehen? An Penicillin und dem Fahrrad spielen Kathrin und Aleks durch, was alles nötig war, damit es dazu kommen konnte – unter anderem die ungeheuer komplexe Herstellung von Penicillin in relevanten Mengen und die Werkstoffe, die Bearbeitungsmaschinen und die Infrastruktur, die Fahrradfahren überhaupt alltagstauglich machten. Oder wenn es nur kleine Wissensstupser sein sollen, die berühmte Denkerinnen und Denker früher und schneller in die richtige Richtung bringen könnten: Seien Sie sehr sicher, dass Sie wissen, wovon Sie reden und alle Fragen drumrum beantworten können: „Viel Spaß beim Erklären, was Radioaktivität ist.“

Was sich ebenfalls lohnte, mal konkret zu durchdenken: Wenn ich so berühmte Persönlichkeiten wie Galileo Galiei oder Emmy Noether kennenlernen möchte – an welchen Punkt und Ort ihres Lebens reise ich da am besten, um am meisten von der Begegnung zu haben?

Der praktische Teil befasst sich unter anderem damit, wie man in einer Vergangenheit mit Menschen möglichst nicht auffällt, welche Impfungen man braucht (auf die man sich aber je nach Vergangenheit nicht verlassen sollte: Viren mutieren begeistert), wie man herausfindet, an welchem Datum man sich befindet und wie man in der Vergangenheit zu Geld (oder einem Äquivalent) kommt. Auch das: wirklich, wirklich schwierig. Hier wie auch bei einigen anderen Themen im Buch weisen Aleks und Kathrin auf ethische Aspekte hin: Was Sie in Ihrer Gegenwart für verwerflich halten, sollten Sie auch nicht in der Vergangenheit tun.

Leider auffallend: Es kommen Frauen im Handbuch für Zeitreisende vor, und nicht zu knapp, ob historische Persönlichkeiten oder in Wortformen. Warum es nicht mehr sind, erklärt einer der ebenfalls sehr interessanten Lesetipps am Ende des Buchs, Mary Beards Frauen und Macht. Ein Manifest.

Erheitert und mit Belehrung gelesen.

§

Ausgeschlafen, lediglich ein wenig erweiterte Gymnastik getrieben (der beleidigte Hüftbeuger ließ mich ausnahmsweise Ruder-Crunches machen). Ein paar Einkäufe in der Innenstadt: Handcreme, Milchprodukte, Tonic Water, Spezialöl und -essig, Erdbeeren, Semmeln.

Immer wieder schön: Entdeckungen auf oft gelaufenen Wegen.

Mittags backte ich erst mal Kuchen: Ich hatte Lust auf Haselnusskuchen und war in meiner Zettelsammlung auf ein Brigitte-Rezept von 1981 gestoßen, ein schlichter Kastenkuchen mit Schokoladenschicht innen. Es kam aus der Epoche, in der die Brigitte Butter aus scheinbaren Gesundheitsgründen konsequent durch Margarine ersetzte und zum Energiesparen Gebäck in den kalten Ofen schob, erst dann einschaltete. Beides ließ sich einfach korrigieren. Das Ergebnis war ein wenig zu lange gebacken (fünf Minuten früher war er aber beim Stäbchentest innen noch nass gewesen), schmeckte gut, ist aber nicht der ideale Nusskuchen, nach dem ich suche.

Zum Frühstück gab’s die Pfingst-SZ. Besonders freute ich mich über den Artikel auf Seite Drei, inklusive Kalauer-Überschrift.

Endlich einen re:publica-Vortrag hintergergeschaut:
„Alles am Internet ist super“ von Kathrin Passig und Leonhard Dobusch.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/dwZYuUSql-o

Die beiden jammern gleich am Anfang ein bisschen, dass der Vortragstitel noch wenige Monate früher echt total provokativ gewesen wäre, weil selbst auf den letzten re:publicas die Kritik am Internet überwog, man sich zumindest fast einig war, dass es immer schlechter wurde. Doch nun hatten die Pandemie und die damit verbundenen Bewegungseinschränkungen dazu geführt, dass selbst eingefleischte Internetschlechtfinderinnen die positive Seiten sehen. Oh ja, in der Wochenend-SZ gibt es gleich ein ganzes Buch Zwei darüber, welch Segen Internettechnik in der SITUATION ist:

Das Leben ist durchaus weitergegangen, an einer Stelle, an der diese Gesellschaft mindestens so vibriert wie der Berliner Alexanderplatz an einem ganz normalen Samstag im Juli. Es war laut und unübersichtlich und wuselig. Aber halt nur im Internet.
Wobei: Streichen wir das „nur“.

Dass ich das nach 25 Jahren im Internet noch erleben darf! Danke Corona!

Herr Kaltmamsell hatte einen glücklichen Gockel besorgt, den wir übers Wochenende in mehreren Mahlzeiten verspeisen werden. Zum Nachtmahl gab’s die Schenkel als ungarisches Paprikahuhn, zum Nachtisch Erdbeeren (Herr Kaltmamsell scheint nicht ganz zu verstehen, dass es in der Erdbeersaison so oft wie möglich Erdbeeren gibt).

Abendunterhaltung war eine zweiteilige Doku auf Bayern alpha von 2017:
„Architektonische Visionen und Protest
Unsere Städte nach ’45“.

Sehr informativ und interessant – mir fehlte allerdings die Reflexion, dass auch unsere Sicht auf die damalige Stadtplanung (fast durch die Bank negativ) zeitgebunden ist und unsere heutigen Prioritäten später ebenso kritisch gesehen werden könnten. U.a. prangert die Doku die Zerstörung alter Stadtviertel in West- und Ostdeutschland an, doch ebenso das Abreißen des Lloyd-Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert in Bremen, von dem es dann lediglich en passant heißt, dafür sei seinerzeit ein ganzes Stadtviertel platt gemacht worden – da das Ergebnis aus der Sicht von 2017 schön und erhaltenswert war, offensichtlich weniger verwerflich.


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