Bücher

Journal Sonntag, 4. Oktober 2026 – Sonnensonntag und ein Familienstück

Montag, 5. Oktober 2026

Gut und lang geschlafen, nur einmal länger unterbrochen von Gebrüll aus dem Park vorm Schlafzimmer – also vom üblichen Gebrüll, Oktoberfest-unabhängig.

Vom angekündigten Tief war draußen nichts zu sehen, es wurde sonnig und warm. Meine Laufrunde legte ich wieder in den nördlichen Englischen Garten entlang der Isar, hier müsste ich am wenigsten vom Oktoberfest mitbekommen – und so war es dann auch.

Auf der Kennedybrücke Baureferatshumor (aber gut!).

Am Isarkanal.

Ich sah viele, viele Libellen und lernte von der App Flora incognita:

Echtes Seifenkraut.

Der Körper spielte hervorragend mit, ich kam auf meine Laufkosten. Im Spaziertempo verlängerte ich die Strecke zu einem Bäcker Wimmer und kaufte Frühstück ein.

Frühstück kurz vor zwei: Apfel, Trauben, Orange, außerdem Vollkornsemmeln mit Butter und Marmelade.

Nachmittag auf dem Balkon – den ich dadurch wieder den trink- oder badewilligen Vögelein wegnahm, das bedauerte ich. Die Sonne wärmte sehr, ich schützte mich mit Markise. Die fortdauernden Oktoberfestvolk-Geräusche veratmete ich, gestern war der letzte Tag. Terry Pratchett, Guards! Guards! ausgelesen, ausgesprochen vergnüglich und mit philosophischem Abschluss.

Eine Einheit Rückengymnastik von Gabi Fastner, Vorbereitungen für die Arbeitswoche.

Zum Nachtmahl briet Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Pakchoi chinesisch: Mit Knoblauch, Chili und Rinderfett vom Freitags-Entrecôte – schmeckte ganz hervorragend und sehr chinesisch. Dazu gab es Wildreis. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, neue Lektüre: Siri Hustvedt, What I Loved.

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Familienstücke.

Diese Tagesdecke hat meine Mutter gehäkelt, über viele Jahre, Quadrat um Quadrat, meiner Erinnerung nach vor allem auf einer Sonnenliege am Baggersee oder Strand. Das Garn hatte sie günstig in Strängen in Spanien gekauft, ich musste meine Arme reinstecken, damit sie daraus Knäuel wickeln konnte. In meiner Erinnerung fluchte sie über das elende Projekt, dessen Aufwand sie völlig unterschätzt hatte – doch als ich sie gestern am Telefon danach fragte, erinnerte sie sich vor allem an das Vergnügen des Häkelns. Das Material, ungebleichte Baumwolle, kaufte sie natürlich nicht auf einmal in diesem einen Handarbeitsladen in Madrid, das wäre viel zu viel gewesen, sondern auf verschiedenen Urlauben dort, oder sie ließ es sich mitbringen oder schicken. Wenn eines der Quadrate fertig war, wurde es gleich ans Gesamtstück angehäkelt.

Doch irgendwann, ich war längst von daheim ausgezogen, wurde die Decke tatsächlich auch fertig. Und sehr wahrscheinlich gewaschen, denn weißes Garn wird einfach bei der Verarbeitung schmutzig. Meine Mutter wusste nicht mehr genau, wie diese Säuberung erfolgte: In eine Waschmaschine passte das Trumm ganz sicher nicht, vielleicht, meinte sie, habe sie es in eine Reinigung gegeben.

Und dann bekam ich diese Tagesdecke – ein atemberaubendes Geschenk, das ich ungeheuer wertschätze. Wir waren uns beim gestrigen Telefonat einig: Das ist das handarbeitliche Vermächtnis meiner Mutter. (Sonst war sie an der Nähmaschine und beim Töpfern kreativ, aus letzterem gibt es sehr Schönes.)
Tägliche Verwendung ist mir zu mühsam, das Ding ist sehr schwer. Aber bevor Besuch kommt, verschönere ich mein Schlafzimmer damit; die Tür dazu steht eh immer offen.

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Sehr spezielles Spezialinteresse, aber wie’s die bayerische Toleranz-Maxime ausdrückt: Wer’s mog, für den is as Hegste. In diesem Fall: Apfelkunde, Pomologie. Im Scientific American ein ausführlicher Artikel zu einer aktuellen Entdeckung, aber auch Geschichte und Hintergrund – in USA deshalb interessant, weil der Apfelbaum dort erst von europäischen Einwanderern eingeführt wurde, es also eine Stunde Null gibt.
“How apple detectives solved the mystery of an ancient tree—and rewrote the history of fruit”.

One tree in the University of Copenhagen’s collection had an especially interesting story. Larsen believed it was a variety named and described in a French pomological text in 1628. A later account said it was so prized in French farming that trees had been hidden in a botanical garden to protect them when the French Revolution ravaged aristocratic estates.

Journal Montag, 21. September 2026 – Einblick in die Zahnchirurgie

Dienstag, 22. September 2026

Änderung im Montagmorgen-Rhythmus: Termin beim Zahn-Chirurgen um 8 Uhr (Beratung wegen Implantat für den abtrünnigen Zahn im Oberkiefer). Wie angekündigt hatte der Regen der Nacht aufgehört, aber es war Langhosen-und-Janker-kalt (in diesem Wärmungsgrad besitze ich nur Janker, die für mich perfekten Herbstjacken, und fürchtete bereits, in Vertrachtelungs-Ruch zu geraten).

In der zahnchirurgischen Praxis lernte ich einen freundlichen Herrn Professor kennen, außerdem Bayern-3-Beschallung: Selbst irgendeine Radio-Beschallung von Arztpraxen ist mir sei vielen, vielen Jahren nicht mehr begegnet (wird man als Arztpraxis eigentlich an den Werbeeinnahmen beiteiligt? Ich musst zwei Blöcke ertragen und weiß jetzt, dass es sowohl die ultranervige Muesli- als auch die für Autofenster-Reparatur noch gibt). Außerdem bekam ich eine schicke 3D-Aufnahme meines Oberkiefers: Ich gehe davon aus, dass das Gerät, das da um meinen Kopf herumkreiste, mich notfalls auch gebeamt hätte.

Kleiner Triumph: Ich wurde nach aktueller Erkältung gefragt, denn meine linke Nebenhöhle sei entzündet (Prof. Dent. deutete auf eine Schleimhaut, die dreimal so dick war wie rechts). Das ist die Nebenhöhle, die ich seit Jahrzehnten u.a. wegen Schmerzen für chronisch entzündet halte, was aber mehrere HNO-Ärzt*innen nach Ultraschall-Untersuchung bestritten.

Nächste Woche nächster Termin, danach kenne ich die Kosten für den Luxus-Zahn. Nächstes Jahre werde ich 60, ich könnte ja mal wieder feiern. Und wo andere sich gemeinschaftlich ein Gravel-Bike oder eine Profi-Espressomaschine schenken lassen, könnte ich für das Implantat sammeln – viel mehr altersgemäßes Geschenk geht ja wohl nicht. Wenn noch was übrig ist: Zuschuss zur nächsten Gleitsichtbrille.

Ich fürchte ja schon, dass dieses Foyer der Arztpraxis in irgendeiner Form im Kostenvoranschlag auftauchen wird.

Ins Büro kam ich eine gute Stunde später als sonst, und diesmal war ich vermisst worden: Technische Turbulenzen, ich hätte für einen Dienst einspringen sollen – jetzt halt mit Verspätung.

Technisch und menschlich turbulent ging’s weiter, dennoch rannte ich mittags raus auf eine Runde um die Blöcke und Obsteinkäufe.

Der Postillon hat keine Chance mehr.

Die Sonne schien blass, wärmte zumindest genug für Jackenöffnen.

Zu Mittag gab es Feigen, Apfel, SkyrJoghurtLeinsamenschrot.

Der Nachmittag ging ähnlich weiter, allerdings war mir mehr atmen möglich. Kurz vor Feierabend ungewöhnlicher Zwischenhunger, den ich mit gemischten Nüssen stillte: Ich wusste, dass ich nicht zu Yoga kommen würde, brauchte also keinen leeren Magen.

Heimweg mit kurzem Einkaufsstopp beim Vollcorner. Ich wich mit nur einem kleinen Haken von meiner sonstigen Route ab, um den dichtesten Oktoberfestmassen zu entkommen; wie berechnet waren sie an einem Montag nicht zu arg.

Zum Nachtmahl waren Herr Kaltmamsell und ich mit der US-Verwandtschaft auf Europa-Besuch verabredet: An ihrem letzten Abend vor Rückflug nach Florida wollten wir Herrn Kusin und Mann sehr gerne nochmal sehen.

Wir trafen uns am Stachus, von unseren Gaststätten-Angeboten wählten die Gäste das nächstliegende: Traditionell deutsche chinesische Küche im Shanghai über der Sonnenstraße. Wir aßen gut, vor allem ließen wir uns von den Erlebnissen der beiden in Madrid und Córdoba erzählen: Hotels (aus der Perspektive zweier alter Gastro-Hasen immer besonders interessant), Kunst, Sehenswürdigkeiten, Stimmung, Menschen, Essen – sie waren begeistert. Nicht allzu späte herzliche Umarmungen zum Abschied.

§

Lukas Rietzschel, Sanditz

Zu diesem Roman, 2026 veröffentlicht, möchte ich doch noch das eine oder andere festhalten, ich empfehle ihn nämlich.
Wieder ein Roman, der die letzten Jahre der DDR erzählt und den Übergang in die Bundesrepublik bis fast in die Gegenwart. Doch Rietzschel ist erst 1994 geboren, kennt diesen Umbruch also nicht aus Selbsterleben – das schafft eine spezielle Art von literarischer Verarbeitung, die ich als künstlerisch freier empfinde als wenn erst die eigene Belastung überwunden werden muss. Doch Rietzschel ist auch Sachse, in einer Umgebung geboren und groß geworden, in der die Zeit der Romanhandlung lebendig ist.

Diese Handlung springt zwischen den 1980ern und 2020ern, nimmt kapitelweise auch Jahre und Phasen dazwischen mit. Wir lernen viele Mitglieder der Familie Wenzel kennen, in DDR-Zeiten protestantischen Untergrund, Stasi-Repressionen, schwule Liebe und als stärksten Gegenwartsbezug aktive Teilnahme am Krieg in der Ukraine (mit furchtbaren menschlichen Grässlichkeiten).

Über allem liegt drückend die Last des Lebenmüssens, sich irgendwie durchwurschteln, sich nicht verlieren – die Bezeichnung “Gesellschaftsroman” scheint mir passend. Ich empfand diese Welt als durch und durch glaubwürdig, gewann viele der Figuren lieb.

Journal Sonntag, 20. September 2026 – Sonnensonntag, Oktoberfest-Auswüchse

Montag, 21. September 2026

Gut und wunderbar lang geschlafen. Es wurde sonnig hell.

Neu: Wanderkrätze mit Sockenmuster.

Auch an diesem Sonntag plante ich einen Isarlauf, Routenwahl bestimmt durchs Oktoberfest: Am ersten Sonntag der Intersuff belegt der Trachtenumzug weite Teile der Innenstadt. Dazu gehören, wie ich einmal beim Radlen zu einem Isarlauf lernte, auch Straßen an der Isar, denn dort wird sich für den Umzug aufgestellt. Also wich ich nach Süden aus: Ab Haustür über alten Südfriedhof und Westermühlbach zu Flaucher und nach Maria Einsiedel.

Herrliches Kurzärmel-Wetter, wunderbarer Wind. Ich brauchte ein Viertstündchen, um mich locker zu laufen, aber dann spielte der Körper hervorragend mit.

Strahlender Alter Südfriedhof.

Flaucher – es wurde weiterhin gebadet in der weiterhin extrem niedrigen Isar.

Frühstück um zwei auf dem Balkon: Käse, Marmorkuchen, Zwetschgenkuchen. Das erzeugte eine angenehme Bettschwere, die ich für eine Siesta nutzte.

Den Nachmittag verbrachte ich lesend auf dem Balkon. Jetzt fand ich den Wind nicht mehr so wunderbar: Er kam von Westen (wir erinnern uns an den Erdkunde-Unterricht: Westwindzone), also von der Theresienwiese also vom Oktoberfest. Und brachte Gerüche sowie Geräusche. Dazu ein viertelstündliches LALÜ!

Vermehrt Fahrzeuge, die vor unserem Haus eine Durchfahrt Richtung Theresienwiese vermuteten, zum Beispiel dieses (IM? ERNST?!).

Mely Kiyak, Dieser Garten ausgelesen. Ein eigenwilliges Buch von 2011, das ich der rabiaten Mely Kiyak nicht zugetraut hatte (ich Dummerle): Über das Gärtnern der Benediktinerinnen der Abtei zur heiligen Maria Fulda seit den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, über viele der beeindruckenden Persönlichkeiten der Nonnen. Der Tonfall ist sehr Lokaljournalismus, ungewohnt für Kiyak, aber perfekt passend für das Thema. Das schönste am Buch fand ich das Nachwort von 2024, in dem Kiyak sehr berührend beschreibt, wie sie zu dieser Geschichte kam und was sie in ihrem Lebensweg bedeutet.

Eine Einheit Yoga, Schwerpunkt Kraft, leider mit einigen Schmerz-Jodlern wegen LWS. Danach griff ich nun doch zu einem der beiden Thermacare-Gürteln, die ich noch in unserem Arzneimittel-Kasten gefunden hatte.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Fenchel als Suppe, dazu die zarten Ernteanteil-Zucchini gebraten.

Im Bett die nächste Lektüre: Terry Pratchett, Guards! Guards! – Herr Kaltmamsell hatte es kürzlich gelesen und überzeugend davon geschwärmt.

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Vergangene Woche plauderte ich in der Teeküche mit einer entfernteren Kollegin, die sich als begeisterte Oktoberfest-Teilnehmerin herausstellte, seit Generationen, Großtante dortselbst Bedienung, jedes Jahr mehrere Familientreffen in einem der Bierzelte. Als ich ihr umriss, was Oktoberfest für die Anwohnenden bedeutet, und anwohnen tut man in einem ungefähren Umkreis von zwei Kilometern, war sie völlig überrascht und entgeistert: Seien die Sitten mittlerweile SO verkommen?! Ich lachte über das “mittlerweile”, gab aber zu, dass ich nur die vergangenen 27 Jahre aus eigener Erfahrung kenne, dass diese aber stabil so seien, wie sie zum Beispiel Frau Klugscheißer schildert:
“Everything Goes to Hell”.

Auch diesmal sei betont, dass es unter denselben Anwohnenden glühende Oktoberfest-Fans gibt, die ganz oft hingehen und es lieben. Oktoberfest ist keine Tourismus-Veranstaltung, sondern durch und durch Münchnerisch. Großen Dank deshalb an Herrn Hufner, der ein Romanfragment von Ödön von Horváth aus dem Jahr 1929 über München zitiert und damit belegt, dass die Sitten nicht verkommen sind, sondern genau so typisch.

Journal Dienstag, 1. September 2026 – Ich weiß ja nicht

Mittwoch, 2. September 2026

September, ich weiß ja nicht. Ist ein bisschen Wundertüte: Es kann noch Sommer drinstecken, aber auch scheißkalter, nasser, windiger Herbst. Über mir Münchnerin hängt als Damoklesschwert der Beginn von Armageddon aka des Oktoberfests Ende September.

Als Bayerin wiederum verbinde ich mit dem Monat aber auch den Beginn eines neuen Schuljahrs (diesen Rhythmus mag ich mir lebendig gehalten haben, weil ich mein Leben seit Jahrzehnten mit einem Lehrer teile), fühle in mir noch die damalige Gymnasiastin zwar mit spanischer Urlaubsbräune von Sommerferien, aber in warmer Kleidung. Die Tage werden zügig kürzer, daran mag ich überhaupt nichts. Uneingeschränkt gut heiße ich allerdings dieses (meine Füße und Hüften wollen sofort in ChaCha ausbrechen):

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https://youtu.be/Gs069dndIYk?si=9U2vmx4krTysyWZ4

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Recht gute Nacht, auch wenn mich ein Arbeitsproblem beschäftigte. In einer Halbwachphase fiel mir dafür zumindest eine temporäre Lösung ein, Erleichterung.

Wieder ein sonniger Tag, es waren Temperaturen weit unter Hitze angekündigt. Entsprechend genussvoller Marsch in die Arbeit.

Die Bedrückung durch das Arbeitsproblem wurde mir nach Hochfahren des Rechners durch eine Krankmeldung erstmal genommen. Schlagartige Entspannung.

Einiges weggeschafft, raus auf einen Mittagscappuccino im Westend – überrascht von der immer noch frischen Luft.

Spätes Mittagessen, weil Termin auf meinem eigentlichen Slot: Karotte, Banane, Feigen, Skyjolei. Diesmal meldete sich die rohe Karotte ab Nachmittag dann doch wieder mit Bauchweh, Mist. Passte zu meiner Gesamtlaune, Exitistieren ist derzeit wieder besonders lästig.

Nach Feierabend marschierte ich in angenehmen Temperaturen zu den Fotoautomaten unterm Stachus für eine Fortsetzung meines Fotoprojekts. Und wurde jäh ausgebremst: Beide Automaten out of order, davon einer ganz stumm und dunkel, der andere scheiterte an der Bezahlfunktion. Ach meia. Ja, ich schickte eine E-Mail mit dieser Information an den Aufsteller. (Ich war ja schon als Studentin diejenige, die bei Dysfunktion des Fotokopierers in der Bibliothek nicht nur Kommiliton*innen Bescheid gab, sondern auch der Haustechnik.)

Daheim knurrend eine Einheit Yoga geturnt, besänftigender wirkte dann das gute Abendessen: Herr Kaltmamsell servierte die Ernteanteil-Zucchini gebraten auf Ricotta mit gerösteten Haselnüssen und die restlichen Ernteanteil-Karotten als Ofen-Fritten. Nachtisch viel Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, die aktuelle Lektüre, Sanditz, auch nicht gerade ein Sonnenstrahl, sondern eine weitere Variante DDR- und Post-DDR-Tristesse.

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Lilly Schröder macht sich Gedanken, warum der Vergewaltigungsprozess um Frank S., der “größte Vergewaltigungsprozess, der je vor einem Berliner Gericht verhandelt wurde”, so wenig öffentliche Aufmerksamkeit bekommt:
“Keine Heldin, keine Empörung”.

Dass im Fall von Frank S. keines der Opfer öffentlich in Erscheinung tritt, hat vermutlich auch mit Scham und Stigmatisierung zu tun. Denn der 68-jährige Elektriker S., der sich mal als Polizist, mal als Hubschrauberpilot ausgab, lernte die Frauen auf Onlinedatingplattformen kennen, mit einigen führte er eine Beziehung. Während Gisèle Pelicot und Collien Fernandes die „perfekten Opfer“ für einen Massenaufschrei darstellten, weil ihnen zweifellos keine Mitschuld zugeschoben werden konnte, greift bei den Opfern von Frank S. leichter das misogyne Victim-Blaming-Narrativ: Warum waren die Frauen überhaupt auf diesen Plattformen? Warum haben sie sich auf solch eine gefährliche Situation eingelassen?

(…)

Frank S. erfüllt das Täterklischee geradezu perfekt: ein fremder Mann aus dem Internet, der sich als Serienvergewaltiger entpuppt. Das Problem: Die Täter sind meist keine Monster. In der Regel sind es die eigenen Partner, Ex-Partner, Brüder, Väter.

(…)

Es fühlt sich an, als hätten wir als Gesellschaft hingenommen: Männer vergewaltigen halt Frauen. Boys will be boys. Nur ist das nicht zu akzeptieren, denn „die Vergewaltigung ist Bürgerkrieg“, wie Virginie Despentes schreibt. „Sie ist die politische Organisation, durch die ein Geschlecht dem anderen erklärt: Ich habe alle Rechte über dich, ich zwinge dich, dich unterlegen, schuldig und entwürdigt zu fühlen.“ Das ist eine Realität, die wir niemals hinnehmen dürfen.

Journal Montag, 31. August 2026 – Rückkehr der rohen Karotte

Dienstag, 1. September 2026

Wow, welch turbulente Nacht. Diesmal brauchte ich nicht mal äußere Einflüsse: Wüste Träume und die Samba im Bauch, die Radieserln, Frühlingszwiebeln und Schnittlauch aus Okroschka tanzten, reichten völlig. Als der Wecker klingelte, war ich einerseits froh um das Ende der Nacht, andererseits völlig benommen.

Ich stand zu nassen Straßen auf, aber zu milder Luft.

Unerwartet zackiger Arbeitsvormittag. Ich schaffte es dennoch mittags auf einen Marsch um die Blöcke, jetzt war die leicht windige Luft unter wenigen Schäfchenwolken am blauen Himmel perfekt für tiefes Durchschnaufen.

Zu Mittag gab es nochmal rohe Karotte (RISIKO!), dann restliches Wassermelönchen und Skyjolei. Wieder kein Bauchweh von der rohen Karotte – vielleicht war das nur eine mehrjährige Phase? Es würde mich sehr freuen, denn ich esse sie wirklich gerne.

Highlight des Arbeitstags: Neue Kopfhörer. Ich benutzte immer noch die allerersten, die noch vor Corona bei der Umstellung auf Computer-Telefonie verteilt wurden (und habe das Naturell von Schlachtrössern, die jedes Equipment bis zum letzten Hansaplast-Flicken benutzen – wobei ich darauf echt nicht stolz bin, sondern mich immer mehr wie eine Plastiktüten-bügelnde Greisin fühle). Jetzt bröselte der Schaumstoff am einzigen Hörer, und nachdem meine Recherchen ergeben hatten, dass der Schaumstoff-Überzieher nicht auswechselbar war (geplante Obsoleszenz!), bestellte ich halt neue Kopfhörer. Seit gestern telefoniere und höre ich STEREO! Mal sehen, ob die bis zur Rente halten – oder ich irgendwann noch KABELLOSE erlebe.

Währenddessen verfolgte Herr Kaltmamsell das angekündigte DHL-Auto, das meinen Pulli nochmal geladen hatte, zum Teil auch in Echt und zu Fuß. Mit Erfolg, er passte den Wagen vor unserem Haus ab! Und jetzt weiß ein weiterer Paketbote, dass es an unserem Eingang Klingeln an ZWEI Seiten der Tür gibt.

Nach Feierabend genoss ich die wunderbare Spätsommerluft und die Sonne. Auf dem Weg nach Hause stockte ich bei Aldi unsere Schokoladenvorräte auf. Gründlich.

Daheim eine angenehme Runde Yoga, langsam löste sich meine zur Faust geballte Hüftgegend.

Lesen auf dem Balkon bis zum Abendessen: In der Münchner Stadtbibliothek war ein bestelltes Buch verfügbar (Lukas Rietzschel, Sanditz), wie praktisch, dass ich gerade ein Literatur-Magazin las, das ich zwischen zwei Texten einfach unterbrechen konnte.

Fürs Nachtmahl war Herr Kaltmamsell wieder einer Bitte von mir gefolgt und hatte ein Rindergulasch im Schnellkochtopf zubereitet.

Ganz hervorragend!

Nachtisch sehr viel Schokolade.

Im Bett Start der neuen Lektüre; Sanditz überraschte mich mit einem nicht-realistisch erzählten Beginn.

Journal Montag, 24. August 2026 – Aber Lerchenschwumm

Dienstag, 25. August 2026

Nach guter Nacht (ich fürchte, Ohrstöpsel plus geschlossene Fenster sind mittlerweile Voraussetzung für Ruhe) etwas früherer Wecker: Schwimmpläne vor der Arbeit. Allerdings fühlte ich mich überraschend müde.

Doch Schwimmen im Dantebad war so glorios wie erhofft: Die Sonne stieg am wolkenlosen Himmel langsam über das Wirtschaftsgebäude (Thermometer über Sprudelschnecke hatte bei Schwimmstart 16 Grad angezeigt) und verglitzerte immer größere Teile des Beckens, die Bahnen wurden zunächst mittelrege genutzt, auf den letzten 1.000 meiner 3.000 Meter hatte sich selbst dieser Verkehr gelichtet. Ich schwamm leicht und flüssig, verließ das Wasser hoch erfrischt. Gut gelaunte Körperpflege, nahtlos passende U-Bahnen verhalfen mir zu einem Einstempeln um 09:22 Uhr.

Im Büro erstmal alles bis dahin angefallene weggewirbelt. Dann Längerfristiges geordnet angegangen – Schwimmbeseeltheit führte zum Gefühl: So lange ich noch nicht mit Kolleg*innen gesprochen habe, ist das Wochenende noch nicht ganz vorbei. Was leider geblieben war: die Müdigkeit.

Das Wetter war herrlich: sonnig ohne Hitze. Mittags genoss ich das Draußen bei einem Marsch um die Blöcke.

Zum späten Mittagessen gab es Ernteanteil-Gurke, Hüttenkäse, Birnen (die auch eine Woche nach Kauf nicht nachgereift waren).

Auf dem Heimweg war das Wetter immer noch sehr angenehm; ich ging über Obsteinkäufe beim Süpermarket Verdi.

Zu Hause eine längere Folge Yoga.

Fürs Nachtmahl hatte sich Herr Kaltmamsell davon inspirieren lassen, dass Ernteanteil-Kartoffeln übrig waren, es noch einen Rest Frischkäse gab und er beides zu Kartoffelpü kombinieren wollte (plus Kräuter, da gibt es wohl einige Rezepte). Dazu brauchte es natürlich etwas als Hauptsache: Herr Kaltmamsell entschied sich für Hackbraten, und dabei für ein englisches Rezept mit eingearbeitetem Spinat. Das Ergebnis war rundum wohlschmeckend, frischer Thymian und Basilikum machten sich ausgezeichnet im Pü, der Spinat sehr gut im würzigen Hackbraten.

Nachtisch einige überreife Renekloden mit Buttermilcheis. Und Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, das neue Granta 176: American Berserk war eingetroffen – mal sehen, was ein Literaturmagazin aus dem aktuellen Elephant-im-Porzellanladen-tum herausholt.

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Hier gab es schon viel zu lange nichts mehr vom Gott des Hula Hoop, Daniel Middel – er kann auch Klassik!

Journal Sonntag, 23. August 2026 – Rückreise vom Westerwald / Amal El-Mohtar, Max Gladstone, This Is How You Lose the Time War

Montag, 24. August 2026

Auf dem sehr komfortablen Gästebett der Freunde im Westerwald nicht so lange geschlafen, wie ich hätte können. Dafür mit viel Zeit für Morgentoilette und Vorbereitung des Blogposts.

Überraschender Nebelblick, laut Gastgebern der erste solche der Saison.

Wir hatten noch Frühstückszeit, bekamen mehr vom spannenden Haus gezeigt und aus seiner Geschichte erzählt. Es gehört sogar ein Poolhaus dazu! (Ich kenne Leute mit Poolhaus.) (Auch wenn ich ihnen die Bezeichnung erst beibringen musste.)

Zeit für Abschied, wir wurden zum Bahnhof Au (Sieg) chauffiert.

Mit Legende-tauglicher Gleisnummerierung. Abschied mit vielen Umarmungen und mit vollem Herzen.

Unsere Rückfahrt enthielt einen zusätzlichen Umstieg – zusätzliches Risiko, doch wir waren beide gelassen, hatten gestern eh nichts mehr vor und genug Beschäftigung bei uns.

Der Abschnitt Siegburg-Frankfurt wurde spannend: Würde die Verspätung den Anschlusszug noch erreichbar machen? Auch wenn die App der Meinung war: nein, und auch wenn die Zugbindung bereits aufgehoben war, befolgten wir eine der erprobten Regeln des Bahn-Fernverkehrs: Es immer drauf ankommen lassen und ans Anschlussgleis eilen. Voilà! Der ICE nach München stand noch da.

Die Sitze dicht gepackt, wir mussten leider zwei bereits sehr eingerichtete Menschen von unseren reservierten Plätzen bitten (alles in aller Freundlichkeit allerseits). Mittagscappucino bekam ich aber nicht, der Speisewagen war zurückgeworfen auf nur Filterkaffee (auffallenderweise lud auch niemand per Durchsage dorthin ein, kein “sie gerne erwartet”).

Zur Brotzeit um eins hatte ich mir vom Frühstückstisch eine Schinkensemmel mitgebracht und eine Birne, genoss beides (immer noch mit kleinen Bissen und eher vorsichtigem Kauen auf der Seite ohne Loch von rausgerissenem Backenzahn).

München empfing uns mit Sonne und milder Luft, nach einer Runde Räumen und einem halben Stündchen Siesta setzte ich mich zum Lesen auf den Balkon.

Eine Folge Yoga, zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell den Erntanteil-Mangold zu einem Nudelgericht mit Linsen.

Sehr gut! Dazu Ernteanteil-Tomaten mit Basilikum, Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, This Is How You Lose the Time War von Amal El-Mohtar und Max Gladstone ausgelesen. Startet mit einem Wirbelwind an indirektem Erzählen, aus dem der Hintergrund zweier sehr unterschiedlicher Gemeinschaften an Zeitreisenden hervorgeht, die die Zeitläufte im Sinne ihrer sehr unterschiedlichen Interessen beeinflussen. Eine Kriegerin (“agent”) nimmt aus einem Impuls heraus den Kontakt mit ihrem Gegenpart der anderen auf; es entsteht ein Austausch, dessen Medienformen allein schon super-kreativ abgefahren sind, innerweltlich aber herrlich stringent. Die Handlung wird sehr spannend, ist jedoch so dicht erzählt, dass ich mein Lesetempo immer wieder bremsen musste, weil meist jeder Satz zählt, Passagen-weise jedes Wort. Ein echter Ritt, der sich für mich sehr lohnte – ich hatte dringend mal wieder nicht-realistisches Erzählen gebraucht.

§

Ein Nachruf – nicht nur auf eine liebe Nachbarin, sondern auch auf eine ländliche oberbayerische Ära.
“Briefe an die nahe Ferne ( 27 )
Die Schmiedrosi ist heimgegangen.”

Sie konnte unglaublich gut mähen, sehr ruhig und gleichmäßig, Schnitt für Schnitt und ich seh sie noch, wie sie früher bei uns vorbeigegangen ist, mit dem Häuerl (übersetzt: sowas ähnliches wie eine Harke) über der Schulter, hinaus aufs Feld, da hatte sie am unteren Ende des Kartoffelackers einen Krautgarten. Weißkraut, Blaukraut, Ranner(Rote Beete) waren angebaut und mußten behäuerlt werden.

(Aufschreiben, alles aufschreiben!)