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Bachmannpreis 2014, Tag 2

Freitag, 4. Juli 2014

Es war der Tag der aufregenden Texte und Inszenierungen. Letzteres brachte die Jury zu einer Grundsatzdiskussion, was sie hier eigentlich bewerten: Text oder Vortrag oder beides? Und wenn beides: zu welchen Anteilen?

An sich poche ich auf die Eigenständigkeit des literarischen Textes. Er muss, wie jedes Kunstwerk, eine genügend weite Ebene haben, damit ich auch ohne Zusatzwissen etwas mit ihm anfangen kann. Wenn von mir verlangt wird, dass ich mir erst ein Mindestmaß Fakten aneigne, bevor ich an den Text darf, gehe ich von fehlendem Gewicht des Textes aus. (Dennoch interessiere ich mich für weiterführende Informationen, am meisten für Rezeptionsgeschichte.)

Dennoch tue ich in Klagenfurt genau das Gegenteil: Ich lese die Wettbewerbstexte nicht selbst, sondern rezipiere sie im Vortrag der Autorinnen und Autoren, mache also den Vortrag zum Teil der Texte. Nur bei großen Verständnisproblemen suche ich im Ausdruck nach Wegweisern. Diese Wegweiser brauchte ich heute zweimal: bei den Beiträgen von Senthuran Varatharajah und von Michael Fehr.

Der erste Knaller des Tages war allerdings die Anmoderation von Christian Ankowitsch. Nachdem ich mich eh schon über seinen Seitenhieb auf das „Jurassic Bühnenbild“ gefreut hatte, wies er auf den Preis der Automatischen Literaturkritik hin. Im Fernsehen! (Wie tief des Herrn Verbindungen zu den Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen sind, hatte ich erst vor zwei Tagen erfahren.) Zur Stunde fehlen nur noch 103 Euro zur Zielsumme, und nach einem erschreckenden Schluckauf der Technik vergangene Nacht kann jetzt wieder über die Crowdfunding-Site gespendet werden. Vielleicht mögen Sie noch? 5000 Euro wären nicht nur rund, durch das Erreichen des Ziels sparen die Initiatorinnen und Initiatoren auch eine Menge Gebühren.

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Dass ich heute Morgen recht müde war (trotz ausreichend Nachtschlaf), machte den Einstieg ins Leseprogramm des zweiten Tages schwer. Ann-Kathrin Heier las ihren Text „Ichtys“, und der war sehr anstrengend. Doch bis auf ein paar besonders kryptogrammatische Sätze mochte ich die atmosphärische und unscharfe Mischung aus Berlin, Businessalltag, Drogensucht, Verbrechensphantasien, Turnen ums Ich in der Schreibwerkstatt und anderswo.

Diesmal eröffnete Arno Dusini die Diskussioin. Er nannte den Text „ernsthaft“ und „gelungen“ (ich hab was verstanden!), ihm sei „weniger an Erkenntnismoment gelegen“ sondern an der Frage nach dem Ich. Allerdings hatte er Probleme damit, „dass wir an keiner Stelle des Texts wissen, wo wir uns eigentlich befinden.“ Hubert Winkels rätselte am Titel „Ichtys“ und der Verbindung zu diesem Symbol des Urchristentums. Für ihn ging es um „Hunger, Drogen, Alkohol, Religion – eine ganze Kette von Instanzen der Normierung und des Entgehens der Normierung“. Er nannte ihn einen „rätselhaften Text“, „ich versuche mich durchzuverarbeiten“.

Meike Feßmann nannte ihren Eindruck zwiespältig: „Ich fühle mich in die Zange genommen.“ Der Text mache mit dem Leser das, was das Ich darin erlebe. Sie fand ihm kunstfertig, aber im Detail ungenau, diagnostizierte einen „Overkill der Prätention“. Daniela Strigl sah ein „gefundenes Fressen für Germanisten und Kritiker“: „Das Ich ist durch eine Schreibschule gegangen und versucht, sich dieser Schreibschule zu widersetzen.“ Der „sehr exaltierte Text“ wuchere mit dem „Talent zur Exaltation“, dem man nicht immer folgen könne. Sie fürchtete die Gefahr der „trügerischen Komplexität“ aus der bildenden Kunst.

Hildegard Keller zog den Presslufthammer: Es sei „ein Wagnis“, überhaupt mit solch einem Text zum Wettbewerb zu kommen, sie konstantierte eine völlige „Zufälligkeit in der Assemblage der Wörter“ und sprach dem Text jede Literarizität ab. Winkels verteidigte ihn: Wenn jemand schreibend den Vorbildern entkommen wolle, habe er halt keine anderen Mittel, als einen Text zu schreiben. Strigl fand, man könne den Text zwar kritisieren, aber doch nicht sagen, er sei keine Literatur.

Juri Steiner wollte gerne weiter rätseln, sah die Auflösung der Sprache sehr real. Er erzählte von Zürich, wo die Polizei die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr „die Stunde der Idioten“ nenne, in der es kein Täterprofil gebe, jeder zu allem fähig sei. Das sah er auch in diesem Text. Die Autorin spiele damit „in wundervoller Weise“ mit diesem Wesen Fisch, das zu allem fähig sei und fand den Text „extrem schön ineinander gefügt“: „Ich könnte Ihnen noch stundenlang zuhören.“ (Darauf energischer Applaus des Studiopublikums.)

Dusini bat nun darum, die Autorin nicht mit dem Text zu identifizieren. Ich war über den Vorwurf ebenso verblüfft wie die Jurymitglieder, doch auf deren Abstreiten behauptete er, „doch, das kann man nachhören“. Auf weiteren Widerspruch verwies er auf Metonymie. (Wahrscheinlich hat auch die Jury ein Verständnisproblem mit Dusini.)

Burkhard Spinnen, der den Text vorgeschlagen hatte, legte auch dieses Jahr seine Haltung dar, die wesentliche Funktion von Kunst sei es, Menschen zu erschrecken. Er habe deshalb in den vielen Jahren seiner Tätigkeit immer wieder verstörende Texte herausgegriffen, die ihn ratlos gemacht hätten – das sei allerdings regelmäßig daneben gegangen. Für ihn sei es ein großer Moment, einen Satz zu verstehen und nicht zu verstehen. Er habe in dem Text „eine zeitgenössische Stimme gehört“, die er in all den Jahren noch nie gehört habe.

Keller dankte ihm für die Erklärung und hielt ihre eigene Kunstdefinition dagegen, „für mich als Rezipientin pragmatisch“: Sie sei als Leserin Komplizin, arbeite mit. Doch dafür brauche sie Ansatzpunkte, und dieser Text lasse sie im Nebel. Strigl konterte, dass sich manche durchaus literarische Texte als widerborstige Gegener erwiesen.

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Birgit Pölzl redete ihr ganzes Vorstellungsvideo hindurch, beginnend mit „Schreiben ist immer auch ein Schreiben…“ – ab da interessierte mich der Monolog nicht mehr. Ihr Text trug den Titel „Maia“ und drehte sich um eine Mutter, die ihre kleine Tochter verloren hatte und auf einer Reise in einem Tibet-artigen Land mit diesem Verlust fertigwerden wollte. Ich hörte ihn gerne, war allerdings mit den vielen, vielen Naturbildern überfordert.

Winkels nannte den Text „im Kern ein Trauergesang“, der die Struktur einer Litanei habe. Literatur habe ja, wie Religion, die Funktion, Verstorbene wiederauferstehen zu lassen. Hier aber sei eine „mit esoterischen Mitten angehauchte Sentimentalitätsproduktion am Werk“. Er habe sich gelangweilt. Strigl fand, „dass der Text diese Verlangsamung glaubwürdig vermittelt“, konstatierte lyrische Sprache, doch nannte als Problem, dass die Erinnerung an das Kind „sehr stark gefühlsbefrachtet“ sei.

Ähnlich sprach Keller von einem pathetischen, lyrischen Ton. Sie zog den kulturellen Hintergrund heran, diagnostizierte, dass den Sätzen oft das grammatikalische Subjekt fehle, was östlicher Philosophie entspreche. „Eine ganz klare Todesmeditation“ sei der Text für sie, doch da die Leser auf derselben Ebene angesprochen würden, reagierten sie mit Detachment. Steiner sah sich daran erinnert, dass unsere westliche Welt inzwischen für alles den richtigen Ort kennt, zu dem man reisen kann, und so gebe es auch Orte für Trauerarbeit: „Durch gekaufte Momente etwas Authentisches herstellen.“

Diesmal griff Feßmann zum Hammer. Sie verstehe die Faszination des ruhigen Rhythmus: „Man ist ganz froh, wenn mal ein Text kommt, der einem nichts abverlangt.“ Sie fand es sogar verwerflich, ein totes Kind einzusetzen, um etwas Interessantes zu haben: „Für mich ist es Esoterikkitsch.“
Dusini appellierte, die Diskussion zum Text zurückzuführen. Dieser lese sich als Form des Abschiednehmens, versuche Bewegung hineinzubringen. Es sei ein Text „der durch sprachliche Bewegung zu einem Ende führt“. (Hm?) Er sehe keine Bezugnahme auf metaphysische Konzepte.
Spinnen hielt verschiedene Ausgänge für möglich, „weil der Text eine Idylle ist“. Er sei kein großes Unterfangen, eine „umgrenzte Intention, umgrenzte Aufgabe, die sehr respektvoll gelöst worden ist.“

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Nun wurde es wirklich schwierig für mich. Zwar schickte Senthuran Varatharajah seinem Text eine Erklärung voraus, in der die Wörter „Facebook“, „Chat“ und „modifizierte Zitate aus der Literatur“ vorkamen, doch erst ein späterer Blick in den Ausdruck machte mir klar, dass ich eine ausführliche Online-Unterhaltung gehört hatte. (Wie ich sie selbst allerdings nicht aus Chats, sondern aus gut moderierten, geschlossenen Foren kenne.) Titel des als Romanausschnitt angekündigten Texts war „Vor der Zunahme der Zeichen“. Ich hörte unterschiedliche junge Menschen über ihren Hintergrund als Asylanten sprechen, über ihre Herkunftskulturen (indisch, tamilisch), über ihre Kindheit in Asylantenheimen. Erst ein späterer Blick in den Text machte mir klar, dass es sich um einen Dialog handelte, denn Varatharajah hatte die Absendernamen nicht vorgelesen. Nichts von den Geschichten fand ich neu und überraschend.

Dann war es Winkels, dessen Ausführungen ich nicht verstand. Möglicherweise nahm er nach Hören des Vortrags an, dass es sich doch nicht um einen Dialog handelte: „Das Ich hat gar kein reales Gegenüber.“ Feßmann erwiderte konsterniert, sie könne sich zwar vorstellen, dass man den Text sehr verschieden interpretiere, nicht aber, wie man ihn nicht als Dialog erkenne.
Keller bot scherzhaft an, Facebook zu erklären. Sie beschrieb den Text als eine Begegnung zweier besprachter Menschen, in der sie wirklich Einblick nehmen könne in zwei Leben im Spannungsfeld Geburt-Familie. Sie fand den Tonfall des Mannes bemerkenswert, der sehr gehoben und erhaben schreibe. Die Frau wiederum verwende eher Facebook-Jargon.

Strigl behauptete gar über den gehobenen Stil: „So schreibt man auf Facebook nicht“ – und wenn, dann mit guten Gründen und absichtlich. Sie sehe in dem Ton der Erhabenheit keinen ästhetischen Mehrwert. Und wenn das ein platonischer Dialog sein solle, fehle ihr Sokrates. Sie sehe eher einen Wettbewerb: „Wer hatte die schlimmere Kindheit.“ Sie nehme dem Text die Konstruktion nicht ab.

Spinnen fand es richtig, eine aktuelle Kommunikation des Alltags darauf zu prüfen, was sie ästhetisch könne. Dieser Dialog, der Chat, sei aber eher eine griechische Tragödie auf Stelzen, in der immer knapp aneinander vorbei geredet werde. Er erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren für Klagenfurt viele Geschichten von Einwanderern angeboten würden, die einander „schrecklich ähneln“. Im konkreten Fall sah er Figuren, die versuchen, „sich herauszusprechen aus den Sachen, die sie geprägt haben“. Benutzt werde dabei eine Sprache, als hätte er „Deutsch bei Hegel gelernt auf einer einsamen Insel“. Spinnens Kritik: Er vermisse einen Moment, „an dem Furcht und Mitleid ausgelöst werden kann“.

Feßman fand, dass das Hegeldeutsch durchaus für den Text spreche: „Wir werden eingeladen, über Dinge nachzudenken, die wir eher gewohnt sind, emotional an uns heranzulassen.“ Als Spinnen meinte: „Mei, sie kommen halt aus schrecklichen Familien“, warnte ihn Feßmann vor Vereinfachung aus abendländischer Sicht.

Wieder mahnte Dusini eine Rückkehr zum Text an. Dieser scheue sich nicht vor dem hohen Ton, sich mit Traditionen auseinander zu setzen, habe keine Angst vor mythologischem Wissen. Er sah „Empfindlichkeitswortgeber für den Dialogpartner“, hätte gerne „eine Psychoanalyse von Zeichen“ in einer Biographie gehabt (hm?).

Steiner beobachtete amüsiert den Umstand, dass wir diesen Text nicht in „Sozialen Medien“ läsen, sondern auf Papier und misstraute den Zeitangaben im Chat – in neun Minuten schreibe niemand solche Texte. Seine Interpretation: „Diese jungen Menschen entwickeln ein Bewusstsein ihrer Fragilität“, das sei unabhängig vom Medium.

Keller erinnerte daran, dass Menschen, die in eine zweite Sprache kämen, oft von den Muttersprachlern ausgegrenzt würden. Sie vermisste, dass das Mädchen frage: „Warum schreibst du so?“ Nach Feßmann ist die zentrale Figur die Mutter, der „Text handelt auf allen Ebenen von der Muttersprache“.

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Michael Fehrs Auftritt war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sein Text bestand aus den Kapiteln 1, 2, 10 und 15 eines Romans, war gesetzt wie ein Gedicht („How to recognize a poem when you see one“), zudem trug Fehr sein „Simeliberg“ im Stehen und Gehen vor.

Ich hörte Dialog- und Beschreibungsfragmente, die irgendwas mit Schweiz, Wald, Bergen und Kriminalfall zu tun hatten, letzteres ließ mich inklusive seiner Gangsterdialoge aus der untersten Klischeeschublade an schlechte Tatort-Drehbücher denken. Ich fragte mich innerlich immer lauter „SERIOUSLY?!“ und erwartete ein kurzes und heftiges Autorenschlachten durch die Jury.

Danebener hätte ich nicht liegen können. Steiner, der den Text mitgebracht hatte, erklärte uns erst einmal, was wir da gehört hatten und fasste die Fragmente in sowas wie einer Handlung zusammen, erklärte zudem die Bedeutung des Begriffs „Simeliberg“. Ich war ein wenig fassungslos, denn es hatte doch eigentlich um den Text gehen sollen. Doch niemand protestierte, im Gegenteil. Winkels lobte den „sehr eindrucksvollen Vortrag“, äußerte außerdem Zweifel, dass das wirklich Romanausschnitte seien: Die elliptische Struktur sei dazu angetan, „dass wir die Lücken füllen“. Er bezeichnete Steiners Vorgeschichte zum Simeliberg als interessant und „wie prototypsch Schweizerisch das gedeckt ist“.

Strigl hatte den Text „als Schweizer Bauerntheater gelesen“. Er sei auf den ersten Blick einfach gemacht, doch die Sätze hätten eine hochkomplexe Struktur. Sie sah darin ein „gefaktes Nationalepos“, entdeckte die Themenkomplexe Sauberkeit und Gewalt und fand den Text ziemlich originell. Feßmann gab zu, mit dem Text nichts anzufangen gewusst zu haben, ihr Interesse sei dann durch das Wort „Weltraumeuphorie“ entzündet worden. Dusini dankte dem Autor für seinen Vortrag, war überzeugt, „dass wir ein Schreibprojekt vor uns haben“, das ihn sehr beeindrucke. Doch er konstatiert auch „Übersemantisierung“ in den Eigennamen und „Lautchoreographie“ (ich weiß nicht, ob Dusini das gut oder schlecht fand) und fragte: „Wie verhält sich diese Form von Poetik zu ihrem Gegenstand?“

Laut Keller hatten wir eine Form vor uns, „die in der Schweizer Szene zu meinem großen Vergnügen eine Blüte erfährt“. Sie „macht Sprache zu einem ganz langsamen Tier“. In diesem Text sah sie „Umrisse eines Krimis, der die zeitgenössische Realität einbezieht“ und zeigte sich „sehr beeindruckt“. Stigl lobte das Regionale. Sie sei immer dankbar, wenn das auftauche, und hier sei es mit einer inneren Notwendigkeit eingesetzt.

Spinnen verwies auf das Spannungsfeld zwischen geschriebenem Text und Vortrag. Er war es dann auch, der daran erinnerte, dass eigentlich in diesem Wettbewerb Einigkeit herrsche, dass auf den Vortrag nicht zu sehr zu achten sei. Jetzt aber sei das etwas vollständig Anderes: „Wir umarmen diesen Textkörper“, der im Vortrag gegeben sei: „Stallgeruch, Erdwärme, Identität von Person und Sprache.“ Was davon sei im Text da? Spinnen bezeichnete ihn als Partitur.

Winkels lieferte Zusatzinformationen: Der Autor schreibe nicht, sondern diktiere und arbeite mit Spracherkennung. Dieser Technik sei auch die Notierung in kurzen Zeilen geschuldet, nicht der Form eines Epos. Er fand das „auf erkenntnisfördernde Weise bizarr“. Spinnen meinte gar, der Text sei auf eine Hör-CD angelegt. Für Keller war der „Begriff der schriftlichen Literatur zu eng“, diese Form sei „per Definition multimedial“. „Der Klangraum, aus dem er kommt, ist Ausdruck einer Suche nach innerer Sprache.“ Feßmann war nun der Hinweis wichtig, dass die Sprache des Textes keineswegs rhythmisch sei. Und sie fragte zurecht: „Was ist eigentlich die Basis unseres Urteils?“

Laut Steiner wurden Konventionen verlassen, die Form erlaube es dem Autor, seine Kunst nach außen zu bringen, existenzielle Geschichten zu erzählen. Winkels meinte mit Blick auf neue Formen wie Poetry Slams und die immer zahlreicheren Lesungen, „die performative Dimension der Literatur“ habe überhand genommen.

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Ganz konventionell wurde es abschließend mit Romana Ganzoni und ihrem „Ignis Cool“. Aus der Perspektive einer Frau, die mit ihrem Wagen auf einem Pass in den Bergen liegenbleibt, erfahren wir ihre Vergangenheit, darin dominierend ihre Fremdbestimmtheit durch Dorfgemeinschaft und Mutter.

Diesmal, so begann Feßmann, sei es umgekehrt wie beim vorhergehenden Kandidaten: Sie habe für sich selbst die Geschichte einer Frau gelesen, und vor ihrem inneren Auge sei das Auto schier geborsten vor deren Energie. Doch im Vortrag sei die Geschichte immer breiter geworden und habe sie letztendlich gelangweilt. Spinnen erzählte erst mal, dass er jedes Jahr zum Bachmannpreis um eine Tendenz gebeten werde, diese aber immer verweigere. Doch dieses Mal sehe er dominierend die Auseinandersetzung von Frauen, die nicht mehr ganz jung sind, mit ihrer Vergangenheit. Und dann griff auch er die Autorin wegen ihres Vortrags an: „Ganzoni hat jeden ihrer Sätze gefeiert“ – und habe damit ihre Figur kaputt gemacht. „Wie können Sie Ihre eigene Figur so missverstehen?“ Im Text sah er wieder eine beschränkte Aufgabe, die gelöst worden sei, „handwerklich ok gemacht“.
Auch Keller verweist darauf, dass Klagenfurt die große Gefahr eines Auseinanderklaffens von Text und Vortrag berge. Das Auto sei der Inbegriff der Fremdbestimmung; in dessen Stillstand beginne die Odysee in die Figur. Über dem ganzen Text liege Gewalt.

Strigl fand zu viel Ignis vor, zu wenig cool. Sie mochte, dass die Hauptfigur Gestalt gewinne, dass man mit ihr mitfühlen könne. Als Baufehler bezeichnete sie das Ende: Ein Selbstmord gehe aus dieser Art der Suada nicht hervor.

Steiner behauptete, er sei jetzt mit Müttern und Töchtern versöhnt. Er wies auf die Märchenwelt des Texts hin, in dem Eule, Katze, urban legends auftauchten (ich glaube, Steiner verwendet letzteren Begriff anders als der Rest der Welt). Er unterstrich auch den Produktkanon mit Markennamen, wie man ihn aus der Popliteratur kenne und fand „das alles sehr interessant“. Nun kam wieder Dusini: Der Text erfordere Achtung vor der Erzählung des eigenen Lebens. Er sei eine Erzählung über das Erzählen, ein Versuch, Erzählung überhaupt zu definieren. Das Auto sei der Strukturkern, aus der sich die Erzählung entfalte. Das Abbrechen am Ende deutete er als die Aufforderung: „Hör mir weiter zu!“

Am bösesten war nun Winkels, der meinte, er habe nicht erst den Vortrag gebraucht, um von dem Text gelangweilt zu werden und nannte ihn „Geschwurbel“. Spinnen interpretiert den Text als einen Kasten von Kindheitserinnerungen, die erst durch eine Erklärung Bedeutung bekommen, die man dann glauben müsse: „Ob ich darauf einsteige, ob ich die Geschichte annehme, ist eine persönliche Sache.“

Bachmannpreis 2014, Tag 1

Donnerstag, 3. Juli 2014

Der gestrige Tag 0 war der mit Ankunft (problemlos) und Eröffnungsveranstaltung im und vor dem ORF-Studio. In die Feierei im Garten vor dem ORF-Studie regnete es kräftig und ausdauernd, dafür freute ich mich außerordentlich über die neuen Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen Isa und Pia, zumal ich letztere nach vielen, vielen Jahren gegenseitigen Lesens nun endlich in derselben Atemluft antraf.

Die zentrale Nachricht: Bachmannpreiskandidatin Karen Köhler war an Windpocken erkrankt, durfte wegen Ansteckendheit nicht anreisen und war somit als erste Klagenfurter Kandidatin überhaupt jemals wegen Krankheit aus dem Bewerb ausgeschieden. (Ja, alle technischen Möglichkeiten wurden ausgelotet, doch die Statuten und damit die Juristen bestanden auf physischer Anwesenheit.)

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Zu Tag 1 stand ich diesmal so zeitig vor den Studiotüren, dass ich bei Öffnung kurz nach halb 10 locker einen Sitzplatz bekam. (Der Rest der mir bekannten Bachmannpreis-Schlachtenbummler sah sich die Lesungen im Café am Lendhafen an.)
Bislang war mir die Dekoration des Studios zu dieser Show völlig gleichgültig gewesen, doch diesmal ist sie so hässlich, dass sie sogar mir auffiel.

Zusammenfassung der ersten Leserunde: Nur ein Text, den ich als typisch Klagenfurt einordnen würde (der von Tobias Sommer), ansonsten alles konventionell erzählt.

Zwei Jurymitglieder waren mir neu: Juri Steiner hätte ich mehrfach gerne ob seiner jungen Niedlichkeit in die Wange gekniffen, aber zur Diskussion hatte er noch nichts Erhellendes beizutragen. Arno Dusini war neu in der Jury. Ich verstand seine ersten Wortmeldungen nicht mal ansatzweise, er hätte gradsogut Arabisch sprechen können. Das wenige, was ich in späteren Wortmeldungen mitbekam, waren halbe Sätze und Gedankenfetzen.

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Der erste Text war „Die fröhlichen Pferde von Chauvet“ von Roman Marchel, für mich der beste des Tages. Wir erlebten eine alte Frau, die sich um ihren sterbenden Mann kümmert, und ihre Tochter, die die Erinnerungen an ihren bereits verstorbenen erhält. Erzählerisch ist anfangs vermischt, wann es um welche geht, der Text schafft mit Details viel Atmosphäre, erzählt dicht ganze Leben.

Hubert Winkels stellte fest, es sei „nicht leicht, von diesem Text nicht beeindruckt zu sein“, bemängelt aber, „dass der Text über seine Mittel nicht sicher verfügt“, vor allem beim Handhaben der Erzählperspektive. Er stieß sich auch an „Markern“, aufdringlichen Mitteln, die Emotion hervorrufen sollen, fand vieles zu gewollt.

Daniela Strigl mochte das „leise Vorangehen“ des Textes. Sie hatte mit den vielfältigen Erzählperspektiven kein Problem, da sie eine angenehme Distanz schafften, den Erzähler auf Abstand hielten.

Auch Hildegard Keller sprach positiv von einem „stillen, sehr diskreten Text“, fühlte sich an Werner Herzogs Film über die Höhlen von Chauvet erinnert, lobte, wie der Text die Figuren über Andeutungen zeichne.

Die anfängliche Unbestimmtheit der Personen gefiel Meike Feßmann: Ein ganzes Leben in einer „inneren verdrehten Zeitschleife“. Juri Steiner hatte sich aus der Geschichte geholt: „Die Männer sind peinlich, abwesend oder sterben.“ Er sah vor allem Derbheit und Brutalität in der Mutter-Tochter-Erzählung. Feßmann las diese Ebene als völlige Überforderung der Frauen. Sie verwies auch auf das Motiv des Umgangs mit Erinnerungen, auf das Distanzhalten, Verarbeiten, Verdrängen.

Burkhard Spinnen behauptete, Winkels nun schon so oft in dieser Runde erlebt zu haben, dass er vorhersagen könne, was ihm missfallen werde. Er reagierte auf dessen Vorwurf der Überinstrumentierung mit dem Appell, in der Literatur müssten Details eben nicht so weit wie möglich reduziert werden – anders als bei Sachtexten.

Und dann sprach Dusini ziemlich lange, ohne dass ich verstanden hätte, was er sagte. Die Struktur der Erzählung sei „was ist Tod, Sterben, Sterbehilfe“, der Text biete über die Katze Alternativen, schon weil sie zwei Namen habe, das Gras, das vorkomme, sei ein weiteres Bild. Der Aufruf eines alten Themas aus einem Psalm (er zitierte Teile aus dem Gedächtnis) „heißt uns den Einblick zu verweigern in eine metonymische Struktur“. Hm?

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Kerstin Preiwuß las ihren „Text für Klagenfurt“ vor. In verschiedenen Handlungsebenen ging es um eine Frau, die sich am Ort ihrer Kindheit an Kindheit und Vater erinnert (mit viel Natur), um eine Nerzfarm, um Erinnerungen eines Mannes an NS-Massaker in der Ukraine, dann wieder um die Frau. Vor allem die lange und gruslige Passage über Nerze grenzte in ihrem Aneinanderreihen fachlicher Details arg an Wikipedia-Literatur, wie auch sonst einige überraschende Ausbrüche in fachliche Tiefe. Gerade deshalb fielen mir Sachfehler auf (nicht aber der Jury, die sich doch sonst auf diese stürzt), unter anderem die Behauptung, Schnaps entstehe in Fässern durch das Vergären von Früchten.

Den „traumatisierten NS-Vater“ nannte Daniela Strigl eine Hypothek, die den Text belaste und bei ihr die Erwartung auslöse, dann aber bitte etwas Neues geboten zu bekommen. Das habe die Nerzfarm erfüllt. Sie mochte die vielen Informationen in diesem Abschnitt, doch dass das „natürlich ein Nerz-KZ“ sei, fand sie so plakativ, dass es den Text beschädige. Ihr missfiel auch die Unwahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der auf dem Land aufgewachsen ist, eine Libelle für gefährlich halte. (Ich musste gleich an einen engen Studienfreund denken, dessen Stubenhockertum während seiner Kindheit auf dem Lande jegliche Kenntnis über das Draußen verhindert hatte.)

Diese Einwände teilte Winkels, doch er nannte die „Mittel einer literarischen Reportage“ „hinreißend“. Er fand zwar die „symbolische Logik“ durch das „faschistische Regelwerk“ problematisch, sah den Text aber als „komplettes, lückenloses Feld der Gewaltdarstellung“, nichts sei aus dieser Logik herausgefallen.

Keller mochte die unterschiedlichen Rhythmen der einzelnen Textteile, fragte aber: „Was speist diese Lust, in die Vaterwelt, in die Nerzwelt einzutauchen?“ (Vor zwei Jahren wäre an dieser Stelle noch die „Erzählmotivation“ aufgetaucht, aber die hat man wohl nicht mehr.)

Steiner unterteilte wieder nach Männern und Frauen, wobei die Männer Sadisten seien, die Frauen aber interessant, weil sie gelernt hätten, durch Lügen zu überleben. Für Feßmann war das Überraschende an dem Text das Naturkundliche, die Traumaüberlieferung. Sie hatte einen „poetologischen Text“ erlebt, „der seine Mittel reflektiert“. Auf das Themenfeld „Kinder der Traumatisierten“ ging auch Spinnen ein. Doch er bemängelte, wie offensichtlich die Nerze eingesetzt würden. Er fand die Darstellung großartig, ihm fehlte aber das Neue.
Auch Strigl bemerkte, „dass sich hier die Faschismusmetaphern gegenseitig auf die Zehen steigen“.

Dusini fand den Aufbau gut, „dieser Text verschiebt seine Intensitäten vom Trauma hin zu den Nerzen“ (hm?). Er stolperte aber über die direkte Ansprache des Lesers durch „du“. Als ihn Feßmann darauf hinwies, dass hier eine Figur der Erzählung einen Mitbewohner anspricht, argumentierte er: „Wenn ein Text ‘du’ sagt, fühle ich mich angesprochen.“

Keller machte kurz ein Metafass auf: Sie sei befremdet von der Fabulierlust der vorgebrachten Exegesen, die sich sehr weit vom Text entfernt hätten und frage, ob sich die Autorin wirklich so sehr „mit unserem Echoraum“ auseinandersetzen müsse? (Ich lerne: „Echoraum“ ist die neue Anxiety of Influence.)

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Von Tobias Sommer war „Steuerstrafakte“. Ich langweilte mich ziemlich, denn schnell war klar, dass diese Geschichte eines Schriftstellers, der im Büro eines Finanzermittlers sitzt, weil es Fragen zu seiner Steuererklärung gibt, genauso schlicht und vordergründig bleiben würde, wie sie angefangen hatte. Das rissen auch die Fragmente einer Abenteuergeschichte auf einem Walfänger nicht heraus, die hin und wieder als Text aus der Feder dieses Schriftstellers eingestreut waren.

Die Jury bemühte sich, hatte allerdings nicht sehr viel zu sagen. Steiner, der den Text vorgeschlagen hatte, sprach brav von Doppelleben und „kafkaesker Situation“, von einem „Individuum, das sich in einer nicht definierten Machtbeziehung wiederfindet“. Für Winkels funktionierte die allegorische Lesart nicht. Er sah eher eine Vertauschung des Ichs, eines Wechsels „von der Ich- in die Nicht-Ich-Position”.

Feßmann ordnete den Text als „Amts-Pantomime“ und „Posse“ ein, jedoch „sehr einfältig gebaut“. Und auch Strigl wunderte sich, dass man bei Zuhören nicht lacht. Dinge würden „allzu sehr bei ihrem echten Namen genannt“ und es werde „nicht viel differenzierter Witz daraus gewonnen“. Bei Keller heißt das: „Das Komikpotenzial ist mir nicht genau erkennbar.“

Spinnen kleidete seine Kritik in die Selbstbezichtigung: „Ich habe hier vieles drin nicht richtig verstanden.“ Er habe die beschriebene Situation dreimal selbst erlebt, weil es in der Bürokratie nicht vorgesehen sei, dass jemand (meist Freiberufler) so wenig verdiene. Dass jemand mit dem zitierten Abenteuertext einen Literaturpreis gewonnen habe, glaubte er nicht.

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Den Titel des Texts von Gertraud Klemm, „Ujjayi“, musste ich Buchstabe für Buchstabe abschreiben. Laut Geschichte bezeichnet er eine Atemtechnik zur inneren Beruhigung. Und das brauchte der Text, der die reine Wut und den Hass einer Mutter über ihre fremdbestimmte Situation ausdrückt. Mit der Endpointe, dass sie ein weiteres Kind will. Erinnerte mich an Doris Dörries Kurzgeschichten über Mutterschaft. Die sind nicht so zornig, aber genauso paradox. Außerdem dachte ich an die zahllosen Blogposts, die sich in genau diesem Tonfall um genau dieses Gefühl drehen, nur nicht so durchkomponiert und ausführlich. Mir vermutete schon beim Zuhören, dass eine Jury, die wahrscheinlich keine Muttiblogs liest, durch den Tonfall verstört sein würde.

Dusini sah die „Schnittstellen Leben/Text“ in Schreien-Schreiben. Zudem „ein Text, der von Aggression spricht, ich denke, dass es eine Aggression des Textes gibt“. (Hm?) Für ihn war es aber ein Problem, dass die Erzählinstanz identisch sei mit der Stimme der Figur.

Feßmann interpretierte die Geschichte als „Frustrationslabyrinth der Kleinkinderziehung“ die „unzumutbar für uns moderne Menschen“ sei. Sie lobte, dass der Text den Ton durchhalte, dass er die Banalität so verletzend zeige, wie sie sei. Strigl nahm das auf und nannte den Inhalt „radikal banal“, mochte, wie kunstvoll der Text rhythmisiert sei. Sie widersprach Dusini: Um diese Verbissenheit zu transportieren, müsse die Erzählstimme mit der der Figur eins werden. Winkels hatte Bernhard- und Jelinek-Sequenzen gehört, eine „Operationalisierung österreichischer Erzählerrungenschaften“, eine „Suada“ (aha! neben Tirade ein weiteres deutsche Wort für rant!). Der Umstand, dass sie sich für ein weiteres Kind entscheide, decke auf, dass neben der vordergründigen Wut ein weiterer Prozess verlaufe.

Steiner fand den Text unerträglich, weil er sich gerade in dieser Situation befinde, vermisste aber ein politisches Statement, das über die persönliche Ebene hinausgehe.

Spinnen überraschte mit der Aussage, der Text habe ihn unangenehm berührt: Er führe vor, wie eine intelligente Frau die „absolute Selbstverständlichkeiten der Reproduktion als entsetzlich beschreibt“. Alles Beschriebene sei doch völlig normal. Er fühlte sich erinnert an Frauenzeitschriftskolumnen und sah in der Haltung eine gesellschaftliche Problematik, die Monster zeuge.

Doch damit stand er alleine. Auch Keller sprach von „Wutliteratur“, erkannte Spuren von Schelmenhaftigkeit, war beklommen vom zweiten Kreis der Gefangenschaft, der sich durch die angekündigte nächste Schwangerschaft auftue. Feßmann fragte sogar, ob sich Spinnen möglicherweise dümmer stelle, als er sei. Strigl nannte den Text „schwarze Literatur“ in der Tradition von Marlen Haushofer.

Dusini sah ein Problem in der „Ästhetisierungsposition“ die den gesellschaftskritischen Ton herausnehme. „In dieser Familie hat überhaupt keiner mehr eine Geschichte.“ (Hm?)

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Den Abschluss des offiziellen Teils bildete „Unter Platanen“ von Olga Flor. Ich hörte die recht konventionelle Geschichte einer Frau, die beruflich anerkannt ist und in einer ruhigen, guten Familienumgebung mit zwei Kindern lebt, und die auf einer Konferenz auf ihre große Liebe von vor 20 Jahren trifft. Alles Folgende war recht erwartbar, dass sie nicht mit ihm im Bett landete, sogar realistisch, und handwerklich sehr gut gemacht. Ich fand die Tiefe nicht, die die Jury im Folgenden diskutierte.

Winkel begann auch: „Das ist eine alte Geschichte.“ Sie werde aber behutsam und langsam gesteigert. Er sah eine gewisse Überfrachtung im Text. Strigl verwies auf die Platanen als Symbol der Erneuerung. Es gehe um „eine Existenz auf Messers Schneide“. Das Über-Ich einer Perfektionistin versuche Kontrolle über ihren Körper zu behalten. Im Grunde träfen zwei Kriegsparteien aufeinander, es sei eben keine harmlose Sommerliebe, die da erinnert werde. Die Geschichte sei voll und vielschichtig.

Laut Feßmann hat „die Heldin eine eingebaute Maschine zur Selbstzüchtigung“. Sie kritisierte an dem Text, dass er zu viele Informationen enthalte, dem Leser bleibe kein Raum. Keller stellte die Verbindung zum vorhergehenden Text her. Die Frauenfigur sei trotz Karriere, Ehe, Kinder nicht davor gefeit, durch eine Begegnung ihr ganzes Leben zu hinterfragen. Leidenschaft sei etwas nie zu überwindendes. Steiner bemerkte die Wandlung in der Darstellung des Liebhabers von damals: Aus brutal sei nett geworden.

Dusini sprach von „Wohlstandsprosa“: Den Leuten gehe es äußerlich sehr gut, doch sie hätten psychologisch „viel aufzuräumen“, seien aber gebunden in der Sprache. Er führte dann einige sprachliche Klischees an. Strigl hielt gegen, dass es sich nun mal um eine Sommergeschichte handle, um eine Konferenzgeschichte, da komme man an Klischees nicht vorbei.

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Den Text der verhinderten Karen Köhler gab es auch noch zu hören: Er wurde nachmittags im Freiluftcafé am Lendhafen vorgelesen. Nachtrag: Hier eine Videoaufnahme. Zweiter Nachtrag: Gelesen wurde er von Verleger Jo Lendle, vorschlagendem Juror Hubert Winkels und der Literaturredakteurin vom Schweizer Fernsehen Nikola Steiner.

„Il Comandante“ ist die Krebsgeschichte einer jungen Frau, die im Krankenhaus einen alten Mann im Rollstuhl kennenlernt und sich mit ihm anfreundet. Eine bewegende Geschichte, die ich aber fatalerweise mit zahllosen Krebsblogs und Krebsfilmen der jüngeren Zeit assoziierte und die sich nicht originell davon abhob. (Ich ertappe mich hiermit dabei, dass ich von der Themenwahl überrascht werden will.)

Mittsommerwandern in der Maisinger Schlucht

Sonntag, 22. Juni 2014

Vorwiegend sonnig, nicht zu warm – für Sonnwend war ideales Wanderwetter angekündigt. Der Mitbewohner schlug die Route vor1, die wir im März schon mal durch die Maisinger Schlucht gegangen waren, diesmal inklusive Rückweg am Starnberger See entlang nach Starnberg. Sie ist zu großen Teilen unbeschattet, bei hochsommerlichem Wetter wäre sie dadurch ausgeschieden. Es war eine wunderschöne Wanderung, lediglich dadurch getrübt, dass wir auf dem letzten Stück die Abzweigung in den Possenhofener Wald nicht fanden und die Hauptstraße entlanggehen mussten.

Wir kamen wieder an der kleinen Kapelle vorbei.

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(Yes, he’s watching you. Or somebody.)

Durch Schlucht und Landschaft,

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sahen dabei faszinierend viele sehr unterschiedliche Gräser, dunkelblaue Falter (nicht mal halb so groß wie eine Blauflügel-Prachtlibelle), einen Pilz, der auf einem Holz mitten im Bach wuchs, ein Kleefeld auf einem modernden Baumstamm.

Am Maisinger Weiher:

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Dorfleben in Pöcking:

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DAS Schloss in Possenhofen:

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Ab hier spazierten wir ein ganzes Stück am Starnberger See entlang. Doch dann hieß es im Wanderbuch:

(Wir) schwenken dann bei den Parkplätzen nach rechts in den Possenhofener Wald, am Ende der Parkplätze wieder nach links und gehen nun den Forstweg in nordöstlicher Richtung …

Hm. Wenn wir nach rechts geschwenkt hätten, wären wir im Starnberger See gelandet. Die Parkplätze waren links. Wenn wir an deren Ende nach links geschwenkt hätten, wären wir nach Süden gelaufen, doch am Ende der Prakplätze war ohnehin nirgends ein Forstweg. Wir bogen in den einzigen Forstweg ein, der nordöstlich verlief – doch der brachte uns nach wenigen Minuten zurück zur Schnellstraße. Ein paar Mal versuchten wir von dort aus auf Wegen in den Wald zu kommen, gerieten aber nur in Sackgassen. Also gingen wir die letzte Stunde halt die viel befahrene Straße nach Starnberg entlang. Wahrscheinlich ist auch diese Wanderbeschreibung im Büchl inzwischen durch Umbauten veraltet.

Zurück am See in Starnberg begegnete uns ein Spaziergänger mit kleinen Kindern an der Hand und fragte nach der Fortsetzung des Wegs am Ufer entlang: In vier Kilometern, musste ich ihn enttäuschen. Der Starnberger See ist an nur wenigen Stellen der bebauten Regionen zugänglich, was immer wieder zu Streit führt.

Viereinhalb Stunden waren wir mit viel Herumschauen und einer Pause bis dahin unterwegs gewesen. Zum Einkehren hatte ich mir in Starnberg das Wirtshaus im Tutzinger Hof ausgeschaut. Wir setzten uns ins Freie, obwohl gegenüber eine große Fußballschaugelegenheit aufgebaut war, laut beschallt von einer Rockabilly-Combo. Doch zum einen war die Band richtig gut, zum anderen machte sie akkurat dann eine ausgedehnte Pause, als wir unsere Brotzeitbrettln bestellten (Sie sehen die Portion für eine Person) – köstlich, vor allem das warme halbe Kalbfleischpflanzerl, die Kaminwurzn und der stückige O’batzte.

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Die zehn Minuten zurück zum S-Bahnhof waren mühsam: Aus komplett ungeklärten Gründen hatte mich seit dem Morgen der rechte Hinterfuß beim Gehen geschmerzt – was ich auf der lang erfreuten Wanderung einfach ignoriert hatte (das kann ich sehr gut). Und nachdem ich zuletzt mit leisem Triumph gedacht hatte: “Ha, und es ist durchs Wandern nicht mal schlimmer geworden!”, konnte ich jetzt vor Schmerzen nur noch mit dem Vorderfuß auftreten. (Nur leichte Schwellung und Rötung, kein Ruheschmerz.) Aber auch das ließ sich mit ausdauerndem Durch-den-Schmerz-Laufen lindern und verdrängen.

Vor dem Heimweg noch ein paar Andenkenbilder für dunkle Winterabende.

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  1. Neue Komplikation in der Unterscheidung Spaziergang/Wanderung: Das Wanderbüchl nennt je nach Weglänge auch noch das eine Wanderung (bis 11 km) und das andere Tour (länger als 11 km). []

Techniktagebuch – Strom für die Küche

Mittwoch, 18. Juni 2014

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Die Geschichte dazu gibt’s im Techniktagebuch.

Wochenschau in Bildern

Sonntag, 15. Juni 2014

Pfingsten ist zwar schon eine Woche her, dennoch möchte ich festhalten, dass es heiß war, HEISS.

Pfingstsonntag verbrachte ich einige Stunden nun dann doch endlich im Naturbad Maria Einsiedel,

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Pfingstmontag eine Schwimmrunde und etwas anschließendes Sonnen unter Milliarden Besuchern und Besucherinnen im Schyrenbad.

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Dann aber doch Flucht in die Altbaulichkeit.

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Abends Niedlichkeitsbesuch vorm Balkon.

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Der Dienstag nietete mich aus unbekannter Ursache um: Nach Morgenkaffee auf dem Balkon und vergnügtem Einstieg in meine Sportstunde hatte ich plötzlich weder Puste noch Kraft (am nächsten Tag brutalen Muskelkater), außerdem war jede Art Konzentration unmöglich. Ich konnte weder klar denken noch sehen, schaffte mich also nach Hause. Die Ärztin schrieb mich am nächsten Tag auch krank und schickte mich ins abgedunkelte Bett, doch erst der Umstand, dass ich tatsächlich fast zwei Tage durchschlief, nahm mir den Verdacht, dass ich mich möglicherweise einfach nur anstellte.

Der Mitbewohner fütterte mich mit Coca de verdura.

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Wenn ich nicht schlief, versuchte ich auf dem Balkon nichts zu tun und nur den Miniermotten zuzuhören (innerhalb einer Woche sichtbarer Befall).

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Am Freitag zurück in die Puschen, der Schwindel würde schon noch weggehen.

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Samstag eine ausgiebige Isarlaufrunde, den leichten Schwindel durch Konzentration und Körperspannung kompensierend (heute ordentlich Muskelkater).

Schon länger hatte ich ausprobieren wollen, ob sich dieser Flan auch mit der Mandelmilch zubereiten lässt, den ich im Biosupermarkt entdeckt hatte. Ja, lässt sich, schmeckt sogar sehr gut (ich hatte mit Tonkabohne aromatisiert).

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Heute Ausflug zu den Mitbewohnereltern, um Punschtorte zu essen (nicht meine Geschichte). Drumrum Besuch bei Jugenderinnerungen.

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Luxus-Schoko-Nuss-Zopf

Sonntag, 8. Juni 2014

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Es war Kommentatorin Nicole, die mich auf diesen ungeheuer köstlichen gefüllten Zopf der Luxusklasse gebracht hatte. Nachdem ich das Rezept jetzt im Griff zu haben glaube, gebe ich es hier weiter.

Für das eigentliche Backen am Morgen muss man bis zum verzehrbaren Gebäck schon drei bis vier Stunden brutto einrechnen – wie gut traf es sich da, dass ich gestern wieder vor fünf aufwachte und nicht mehr schlafen konnte (wie schon seit Dienstag, ich schiebe das auf die geballte Cortisonbehandlung, die meine gereizten Nerven in den linken Arm beruhigen soll).

Wobei mir mal wieder das Schrumpfen der Kakaopackungen auffiel: Seit ein paar Jahren werden die Mengen, in denen stark entölter Kakao verkauft wird, immer kleiner. Mittlerweile sehe ich fast nur noch 125-Gramm-Kartons, Oetker ist bereits auf 100 Gramm. Verzeihung, aber das reicht bei mir nicht mal für zwei Marmorkuchen. Was kommt dann – Kakaopulver in Briefchen? (Halt! Keine schlafenden Hunde wecken!) Die 250-Gramm-Packung, die ich in der Münchner Innenstadt noch ohne Mühe finde, ist die beim Tengelmann von Gepa.

Gegessen wurde der Kuchen aber erst nach einem wundervollen Schwumm im Schyrenbad mit anschließendem Sonnen.

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Sommereuphorie und Bitte um Waffelrezepte

Samstag, 7. Juni 2014

Der gestrige Freitag begann dann tatsächlich so sommerlich wie angekündigt, ich radelte vor der Arbeit an die Isar zu einem herrlich duftenden, leichtfüßigen Lauf (meine Stimmung schwankend zwischen euphorischem “Hach, wenigstens das kann mir der Tag nicht mehr nehmen” und gereiztem “Und nach sowas Schönem noch ein ganzer elender Arbeitstag”).

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Erstes richtiges Balkonabendbrot. Ich hatte mir zur Saisoneröffnung Nizzanersalat gewünscht, aber der Mitbewohner bat um weniger Arbeitsaufwendiges. Also so richtig verworfen: Abendessen aus dem Sandwichtoaster! Getoastete Sandwichs mit abenteuerlichen Füllungen (der Experte an meiner Seite muss mich jedesmal davon abhalten, zu viel aufzulegen) mag ich sehr gerne, aber das vergesse ich gerne mal über viele Monate. Exotischer Ausflug diesmal: Obatzter und Tomate. (Vor Start der wirklichen Grässlichkeiten wie Banane-Schoko waren wir leider schon satt.)

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Aber. Als ich dem Sandwichtoaster bei seiner Arbeit zusah, entdeckte ich auf dem Deckel diese Abbildung.

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Der Mitbewohner folgte meinem Blick: “Die Einsätze für Waffeln haben wir, glaube ich, noch nie ausprobiert.”

WIR. HABEN. EINSÄTZE. FÜR. WAFFELN?! Wir haben ein Waffeleisen?! Das wusste ich all die Jahre und bis gestern nicht! All die Jahre, in denen ich auch noch so verlockende Rezepte für Waffeln (vor allem Hefewaffeln) traurig wegklickte, weil ich nicht noch ein Küchengerät haben wollte, das nur alle heiligen Zeiten benutzt würde. Dabei war es die ganze Zeit da! Mein LEBEN hätte einen völlig anderen Verlauf genommen!
Bitte, liebe waffelbackende Leserinnen und Leser, bitte helfen Sie mir, das aufzuholen. Jetzt habe ich natürlich keine Zeit mehr, mich durch alle möglichen Rezepte durchzuprobieren, ich brauche erprobte und verlässliche Rezepte, ausgerichtet auf diese Art Elektrowaffeleisen.
Zu den kulinarischen Entdeckungen meiner Jungmädchenzeit gehörten die frischen und fluffigen Waffeln mit heißen Kirschen und Sahne im Ingolstädter Teatime1 (aufregend – alleine mit Freundinnen in ein Café gehen, selbst bestellen, zusammenlegen und sich zu dritt eine Waffel teilen!). Doch inzwischen sehne ich mich eher nach den festeren Hefewaffeln. Oder Käsewaffeln!
Haben Sie für mich Rezepte? Hefewaffeln, Käsewaffeln, Waffeln, die ich noch gar nicht kenne aus einem Sanwichtoasterwaffeleisen? Ich würde mich sehr freuen.

  1. heute ein Immobilienbüro []