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Berlinjournal Donnerstag, 7. Mai 2015 –
re:publica 3

Freitag, 8. Mai 2015

Da ich am selben Abend abreiste, musste ich meinen Koffer mit zur re:publica nehmen und konnte nicht radeln. Ich schaffte es dennoch pünktlich zur Techniktagebuch-Session: “Techniktagebuch in Person (TTIP) – mit Aufzeichnungsservice”. Wir wollten damit Menschen mit Technikgeschichten anlocken, die auf “Aufschreiben!”-Aufforderungen nicht reagieren, und ihre Erzählungen fürs Techniktagebuch aufzeichnen – hier übrigens der Zugang für Gastbeiträge.

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Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass um diese frühe Stunde und zu dieser versteckten Stage J allenfalls ein paar Versprengte und Irrläuferinnen kommen würden, doch es wurde ein munteres Erzählen unter anderem über verflossene Rundfunktechnik, Autotricks, Onlinebanking, Plattenspieler namens Schlafzimmer, Ladegeräte.

Dazwischen bekam ich einen Anruf vom Traumarbeitgeber, der nicht nur ein Kerzchen ans Ende des Tunnels stellte, sondern das Schild “Ausgang”. Näheres erzähle ich Ihnen, wenn die noch zu überwindenden Komplikationen ausgeräumt sind. Aber schon mal vorsichtiges Yay!

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Ich sah mir noch Journelle an mit “Fremd gehen immer nur die anderen – Liebe und Beziehung in Zeiten der Digitalität”, eine launige Freude.

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Über “Der Rabbi und die koscheren Gummibärchen – Die deutsch-jüdische Blogosphäre” erzählte Juna Grossman – na, viele gibt es da ja wirklich nicht.

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Der Vortrag von @NeinQuarterly hieß “Losing hope. Finding Europe. – Utopian Negation Reconsidered” und war ein bisschen kompliziert. Aber es tauchten einige seiner witzigsten Tweets auf sowie Variationen seines Adorno-Logos.

Auf Frau Frohmanns Vortrag “Die neue Grand Tour. Kavalier_innen_reise im Netz.” war ich sehr gespannt gewesen. Die Grundidee halte ich auch weiterhin für bedenkenswert, doch es wäre nützlich, sich auf eine Epoche und Reisegruppe zu konzentrieren und sie mit einer Gruppe Netzreisender zu vergleichen. Bei 150 Jahren sehr unterschiedlicher historischer Vorgänge und der inzwischen unüberblickbaren Heterogenität der Webnutzung verliert sich sonst die Vergleichbarkeit.

Eigentlich hatte ich mir als Schlusspunkt des letzten Konferenztages Felix’ Session “Kognitive Dissonanz” gesetzt. Doch ich hätte ohnehin meinen Koffer bereits mitnehmen und noch vor Ende der Stunde verschwinden müssen, außerdem war ich von den vielen Eindrücken der Woche bis ins Mark erschöpft. Ich hielt es für vernünftig, statt dessen etwas früher zum Flughafen zu fahren.

War es sicher auch, doch dortselbst erwartete mich bei der Gepäckabgabe die Information, dass der Flug mit einer Verspätung von mindestens 45 Minuten abfliegen würde. Zu meiner Erschöpfung gesellte sich so große Wut, dass ich mich nicht einmal auf mein Buch konzentrieren konnte. Die Aussicht auf eine Heimkehr nach Mitternacht – und das, wo ich extra nicht in Felix’ Vortrag gewesen war – brachte mich zu herzhaftem Fluchen. Da konnte Tegel einen noch so lieblichen Sonnenuntergang hinters Rollfeld legen. Ich klammerte mich an eine Karte, die mir Zeichner Claus Ast vom Skizzenblog geschenkt hatte.

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(Falls Sie es nicht erkennen: Das ist ein grimmiger Nacktmull, der eine Hasenohrenmütze trägt. Ich habe selten etwas Lustigeres gesehen.)
(Gibt’s hier zu kaufen.)

Tatsächlich kam ich kurz vor Mitternacht heim. Meine Wut war bis dahin verraucht, mein Buch ausgelesen, mein Vorsatz, NIE! WIEDER! ZU REISEN! als albern erkannt.

Berlinjournal Mittwoch, 6. Mai 2015 – re:publica 2

Donnerstag, 7. Mai 2015

Nach einer wundervollen Radelfahrt in Frühlingsluft begann mein Konferenztag mit Krieg:

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“The IS in us – was wir durch terroristische Kommunikationsstrategien über uns selbst erfahren” von den beiden Militärexperten Sascha Stoltenow und Thomas Wiegold. Harter Tobak auf nüchternen Magen, und das, obwohl die beiden ausdrücklich keine Gewaltdarstellungen wiedergaben. Doch das Nebeneinanderstellen von westlicher Werbung, ob Trailer der TV-Serie Emergency Room oder Employer-Branding-Kampagne eines Automobilherstellers, mit Selbstdarstellung und Employer Branding von ISIS (kleine Einführung in den Stand und Hintergrund derzeitiger Abkürzungen von Thomas) belegte den Titel des Vortrags: Es werden dieselben, erprobten Mittel verwendet. Besonders erschreckend fand ich die Ausführungen über die Corporate Publishing-Landschaft von Islamischer Staat: Erwachsen und professionell wie von anderen professionellen Organisationen, einschließlich Artikeln über Verbraucherschutz in der Mitarbeiterzeitung und Geschäftsbericht mit schicken Grafiken. Oben auf dem Foto sieht man zum Beispiel die Visualisierung des Waffengebrauchs im zurückliegenden GeschäftsKriegsjahr nach Waffenarten und Effizienz. Bei mir als Deutscher rief diese Überschneidung von bürokratischer Professionalität und tödlicher Menschenverachtung recht konkrete Assoziationen mit der eigenen Geschichte hervor.

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Gegen meine Bestürzung half ein behördenmäßig frühes Mittagessen (MAHLZEIT!), zu dem ich mich wie am Vortag mit Andrea Diener zusammenschloss – erfreulicherweise hat sie genauso wenig ein Problem damit, noch vor zwölf Lasagne zu essen, wie ich, um diese Zeit einen großen Teller Gulaschsuppe zu verzehren. (Andrea Dieners Zusammenfassung des gestrigen re:publica-Tages finden Sie hier.)

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Auf die Foodblogger-Veranstaltung hatte ich mich gefreut, doch der Saal war bereits 10 Minuten vor Beginn so voll, dass keine Stühle mehr frei waren. Das allein hätte mich nicht gehindert, doch es handelte sich um einen der Säle, die mit Kopfhörersystem bespielt wurden: Da er vom Nebensaal durch keine Mauer getrennt war, bekamen Akteure und Zuhörerinnen Kopfhörer, über die der Input der Mikrophone zu hören war; es gab keine Lautsprecher. Und ich erwischte keinen Kopfhörer mehr. Meine Idee, direkt vor der Bühne könnte ich den O-Ton unverstärkt verstehen, erwies sich als Illusion.

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Spontan ging ich statt dessen in den Vortrag “The art of trolling”. Doch der erwies sich als Scherz: Die beiden hatten sich im Lexikon die Definition von trolling herausgesucht, die sich aufs Angeln bezog, und referierten darüber. Als Happening eine hervorragende Demonstration von Trollverhalten, aber halt ebenso wenig informativ.

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Sehr informativ wieder war Gabriella Coleman: “How anonymous (narrowly) evaded the cyberterrorism rhetorical machine.”

Ich hatte Coleman auf meiner ersten re:publica gehört, als sie ihre anthropologische Forschung dieses Gebildes dargelegt hatte, und profitiere bis heute von ihren damaligen Ausführungen. Mittlerweile hat sie darüber ein Buch veröffentlicht, gestern erzählte sie ein Kapitel, das es nicht ins Buch geschafft hat. Eigentlich, so legte sie dar, ist es nämlich höchst erstaunlich, dass Anonymous nicht im frame Terrorismus gelandet ist, in den die US-Offiziellen seit Jahren immer mehr Organisationen stopfen, bis hin zu Tierschützern. Sie zählte eine Reihe von Ereignissen, Zufällen, Faktoren und Zusammenhängen der vergangenen Jahre auf, die das bewirkt hatten. Schade, dass sie so gehetzt sprach – möglicherweise hatte sie eine falsche Information über die Redezeit bekommen.

Denn anschließend war diese Bühne eine halbe Stunde leer, bevor der Knaller des Tages passierte.

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ICH HABE EINEN ECHTEN ASTRONAUTEN GESEHEN! AUS 5 METERN ABSTAND! UND ER WAR UMWERFEND! (Den Rest müssen Sie sich weiter in Großbuchstaben vorstellen, ich verzichte nur zugunsten der Lesefreundlichkeit darauf.) Alexander Gerst, oder unter uns Internet Peoples @Astro_Alex, erzählte von seiner Mission auf der ISS (Beschluss: werde künftig nicht mehr von Projekten sprechen, sondern von Missionen. Missionsleiterin, Missionsplan etc.), detailliert, lustig, geradezu britisch bescheiden.

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Man möchte meinen, dass nun jeder Nachfolgevortrag auf der selben Bühne nur abrauchen kann. Doch Cory Doctorow hielt mein Interesse leicht: “The NSA are not the Stasi: Godwin for mass surveillance”.

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Doctorow spannte den Bogen vom Umstand, dass wir in praktisch jeder Lebenssituation in Kontakt mit Computern sind, über die Computerhaftigkeit des Computers (Turing complete Rechner können jeden Befehl ausführen, den jeder andere Computer ausführen kann), wodurch jede Beschränkung ihrer Funktionen durch Regulierung ihnen ihr Computerwesen nähme, bis hin zum Umstand, dass dies in jeder, absolut jeder Verwendung eines Computers eine Überwachungsmöglichkeit einschließt. Bei ihm klang das wesentlich schlüssiger als in meiner Zusammenfassung, bitte um Vergebung.

Abends war ich zumindest ein bisschen selbst auf der Bühnenseite: Ein Teil des Techniktagebuch-Autorenkollektivs zeigte Sachen. “Wir hatten ja nix – und das haben wir mitgebracht.” Alte Leute zeigten alte Technik von Poken über Bleistiftspitzer bis Furby und alles mögliche dazwischen. Ein Heidenspaß wurde gehabt, anschließend stellten wir noch einige Mitbringsel aus (u.a. des Schwiegervaters Betamax-Kassette).

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Spiegel online gefiel unsere Idee so sehr, dass sie das Spiel in ihrer Redaktion spielten: “Alte Gadgets: Was früher cool war”.

Danach nur noch kurzes, erschöpftes Herumstehen im Hof. Ich hatte riesigen Hunger, holte mir unterwegs noch Zeugs an einer Tankstelle und radelte zurück nach Neukölln.

(Viele der Vorträge sind bei YouTube nachzugucken, die Links reiche ich nach. Bis dahin mögen Sie vielleicht selbst suchen?)

Nachtrag: Hier einige Vorträge zum Hinterhergucken.

Berlinjournal Dienstag, 5. Mai 2015 – re:publica 1

Mittwoch, 6. Mai 2015

Jetzt bin ich auch mal Rad gefahren in Berlin – ich arbeite mich unaufhaltsam zur Teilzeitberlinerin hoch. Gebt mir noch ein paar Jahre, und ich fange an auf die Touristinnen zu schimpfen wie die Einheimischen.

Meine aufmerksame Gastgeberin hatte mir ihr Zweitfahrrad zur kompletten Einsatzfähigkeit hergerichtet – MIT funktionierendem Licht! Von Neukölln zum Gleisdreieck und damit zum ersten Tag der re:publica konnte ich fast Luftlinie fahren. Der Himmel war düster, die Luft schwülwarm.

Die Begrüßung der Organisatoren im knackvollen Hauptsaal war herzlich und wieder ein Stück professioneller, alle netzpolitischen und netzgeschäftlichen Themen der Konferenz wurden klar formuliert.

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Das Gelände ist so weitläufig, dass es auch im größten Trubel Rückzugsmöglichkeiten bietet.
(Motividee von dem professionell aussehenden Fotografen neben mir – mein Blick war seinem Objektiv gefolgt.)

Die Keynote kam von Ethan Zuckerman, “The system is broken, and that’s good news“. Er schilderte die derzeitige politische Stimmung der Bürger und Bürgerinnen in westlichen Parteidemokratien (enttäuscht, misstrautisch dem System gegenüber) und wie sich nach seinen Vorstellungen das Web als Gegenmittel nutzen lässt – mit deutlich mehr Optimismus, als er mir zur Verfügung steht.

Dazwischen zwei weitere Jobabsagen, darunter nett und telefonisch die Stelle, für die Sie mir mit dem Tag-Cloud-T-Shirt geholfen haben. Wie ich nach dem sehr angenehmen Gespräch befürchtet hatte, sieht man mich dort als überdimensioniert für die Stelle (meine Wortwahl). Ich muss mir mal wieder eine Runde Traurigsein und Erholen von den jüngsten Niederlagen nehmen, aber jetzt passte es gerade nicht.

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Johnny und Tanja Häusler verkündeten in ihrem Vortrag, der als Fortsetzung ihrer Bildungstirade von vor zwei Jahren angekündigt war, die praktische Umsetzung ihres Buchs Netzgemüse: Die Veranstaltungsreihe TINCON für Jugendliche (Teenageinternetwork), hinterlegt mit Verein und Konzept. Klang sehr spannend und unterstützenswert.

Von Markus Beckedahl und Leonhard Dobusch ließ ich mir den Stand der Netzpolitik erläutern: “Die Netzgemeinde ist am Ende. Jetzt geht’s los.” Es tat ganz gut, nicht nur die haarsträubenden Missstände und Fehlentwicklungen wiederholt zu bekommen, sondern auch in die vielen Fortschritte der letzten zwölf Monate zu blicken.

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Nichts wirklich Neues gab es in der Podiumsdiskussion “Geteiltes Leid ist halbes Leid? – (Medien-)Ethik in der Digitalen Sphäre”: Wir müssen uns überlegen, auf welchen Werten wir unsere Entscheidungen über Verbreitung von Material online gründen. / Gibt es einen Unterschied zwischen dem Angriff auf Institutionen und Privatpersonen? / Es geht nicht um gesetzliche Regelungen, sondern um grundsätzliche Kultur.
Am bemerkenswertesten erschien mir, dass die Medienwissenschaftlerin Petra Grimm das Wort “Shitstorm” verwendete, als gehöre es inzwischen zu Fachterminologie mit klarer Definition.

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“Hoax-Kampagnen: Opium fürs Empörungsvolk” hieß der Vortrag von Deef Pirmasens und Christian Schiffer. Interessante Analysen und Beispiele. Allerdings gruselte mich, als ich sah, wie der Herr vor mir im Publikum eifrig mitschrieb und noch während des Vortrags weitere Hintergründe recherchierte – laut Logo des von ihm gleichzeitig bedienten Twitter-Channels arbeitet er für einen meiner früheren Web-Dienstleister, und alles wies darauf hin, dass er die Kriterien für das Funktionieren von Hoaxes als Anleitung für kommende Projekte auffasste.

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Abschluss meines Konferenztages: “Das elektronische Comic Quartett”, das Online-Comics vorstellte und vorlas, inklusive Umsetzung des gezeichneten Soundtracks. Faszinierend, wie viele Stile und Techniken da mittlerweile unterwegs sind. Herzerfrischende Wiederbegegnung mit Blog-Urgestein Lisa Neun.

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Dazwischen immer wieder Begegnungen, den Regentropfen im Schwülen ausweichen, dann wieder auf der Terasse den schrägen, aggressiven Sonnenstrahlen.

Heimradeln in später Abenddämmerung, eine schwarze Regenwolke drohend im Nacken.

Nachtrag: Hier ein paar Sessions zum Nachgucken.

Berlinjournal Sonntag, 3. Mai 2015 – Aufgenommene Fäden

Montag, 4. Mai 2015

Frühstücksverabredung im Mauerpark – in einem wunderschönen Haus, mit dem allein ich mich schon hätte stundenlang beschäftigen können.

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Viele Jahre habe ich den Kontakt mit Vertrauten meiner Studienjahre von mir geschoben – ich war sicher gewesen, dass sie (und ich) ganz andere Menschen geworden sind und dass ich die Vorläuferversion ihrer selbst zu sehr vermissen würde. Ich hatte die Liebe nicht eingerechnet, die sich in Freundschaften wenig um Veränderungen kümmert. Und die gerade mit der Zeit und mit großem Abstand problemlos Wichtiges von Unwichtigem unterscheidet. Jetzt habe ich im April in London eine große Liebe meines Lebens wiedergefunden, gestern in Berlin. (Meine Güte: Diese Frau hat mir Welten an Musik, Kultur und zwischenmenschlichem Umgang eröffnet, ich habe schon auf der Beerdigung ihrer “kleinen Mutti” Kaffee gekocht – wie konnte ich nur zweifeln?)

§

Ich spazierte im Sonnenschein zur Museumsinsel. Beim Planen der Berlinreise hatte ich mir vage das Neue Museum vorgenommen – und wenn ich schon mal hier war… Meine Einschätzung, ich könnte nach den Eindrücken der Wiederbegegnung vom Vormittag noch aufnahmefähig zu sein, stellte sich als Irrtum heraus: Das war ich definitiv nicht. Dieses Museum mit seinem Ritt durch mehrere Jahrtausende und Kulturen machte mich ratlos: Was will es mir eigentlich erzählen? Laut Website:

Das Museum vereint räumlich und inhaltlich aufeinander bezogene Exponate aus drei Sammlungen: dem Ägyptischen Museum und Papyrussammlung, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte und der Antikensammlung. Diese übergreifende Präsentation ermöglicht es den Besuchern, die Entwicklung der vor- und frühzeitlichen Kulturen vom Vorderen Orient bis zum Atlantik, von Nordafrika bis Skandinavien in einer noch nie da gewesenen Breite und Fülle nachzuvollziehen.

In einer aufnahmefähigen Stimmung hätte ich mir einen Audioguide geliehen und mich über Einzelstücke informiert, weil sie halt da sind, so aber erschien mir das Nebeneinander von Berliner Archäologie, römischer Antike und Ägyptischem quer durch die Dynastien zusammenhanglos, den “räumlichen und inhaltlichen Bezug aufeinander” sah ich nicht.

Sehr viele aufmerksame und schöne Eindrücke vom Neuen Museum finden Sie ab hier bei Gaga Nielsen. Wenn Sie vielleicht für eine tatsächliche Würdigung von Gebäude und Exponaten rüberklicken wollen?

§

Zurück in Schöneberg begenete ich auf dem Weg in meine Unterkunft einer türkischen Hochzeit: Zu Musik (Schalmeien, Trommeln) wurde gerade eine Braut aus dem Haus geführt und in das Hochzeitsauto gesetzt.

Nachmittag mit Zeitung- und Internetlesen, Filmchengucken. Abendessen im Papaya am Winterfeldtplatz, das mir der Vermieter empfohlen hatte (gut!).

§

Kann es sein, dass ich schon seit Tagen nichts mehr über unseren Lieblingsschäfer @herdyshepherd geschrieben habe? Verzeichung. (Den lass’ ich so.) Hier ein Interview im Guardian:
“Shepherd James Rebanks: ‘My ambition is to be a really good nobody’”.

§

Nur falls Sie gestern im verlinkten Interview mit Robert McLiam Willson nicht dem Link zu seinem Artikel im New Statesman gefolgt sind, meine Empfehlung: Tun Sie es.
“If you don’t speak French, how can you judge if Charlie Hebdo is racist?”

Charlie is often vulgar, puerile and slightly nauseating. But everyone endures the brunt of this approach: right, left and in-between. They are not always funny (they are French, after all). But sometimes, that is because they are doing 4-page spreads on the reality of Roma camps in France or doggedly chronicling the gross extremes of France’s lurch to the right.

They have a weekly space for animal rights stories, for Chrissakes!!! Run by a woman who calls herself Luce Lapin. With the best will in the world, even if Lucy Rabbit wanted to be a racist or a fascist, how good at it would she be with a name like that? What would all the other racists and fascists think? The truth about the Charlie people is that they’re …well…just a little bit geeky.

Berlinjournal Freitag, 1. Mail 2015 – Zwangsarbeiterinnen, die hier blieben

Samstag, 2. Mai 2015

Schaun’S: Ich kann auch vernünftig. Obwohl ich gestern erst nach 12 zum Flughafen aufbrach, ließ ich das mit dem Sport am Vormittag sein. Zugegeben: Das fiel auch wegen des Regenwetters leicht.
Stattdessen stellte ich mein re:publica-Programm zusammen (in einer Tabelle in einem Textverarbeitungsdokument – es könnte sich eine interessierte Programmiererin ewigen Ruhm erwerben, wenn sie eine bequeme Möglichkeit dafür auf die re:publica-Website einbaute), recherchierte relevante Adressen und Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs für die ersten Tage, stellte die Lieblingstweets April zusammen, packte meinen Koffer so leicht wie möglich (nur ZWEI Bücher für sechs Tage!).

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Rollfeld MUC.

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Rollfeld Berlin TXL – wie bestellt.

Anfahrt in die Unterkunft in Schöneberg problemlos. Little did I know, dass das noch ganz anders werden würde.

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§

Im Apartment las ich in Ruhe eine Geschichte im aktuellen SZ-Magazin, die ich im Bus vom Flughafen angefangen hatte:
“Für immer gefangen
Dreizehn Millionen Zwangsarbeiter wurden von den Nazis nach Deutschland verschleppt. Als der Zweite Weltkrieg vor siebzig Jahren zu Ende ging, konnten viele trotzdem nicht nach Hause”.
Beim ersten Anlauf waren mir nach wenigen Absätzen Tränen über die Wangen gelaufen: Meine polnische Großmutter war eine von diese Zwangsarbeiterinnen, die nicht nach Hause konnten. Ich habe vor langer Zeit kurz darüber gebloggt, hier einen kurzen Nachruf.

Ich erinnerte mich mal wieder daran, dass ich meine Oma an einem Nachmittag vor etwa 20 Jahren auf Kassette interviewt hatte, über ihre Jugend, über die erste Zeit in Deutschland. Doch ich weiß nicht, wo diese Aufnahme hingeraten ist. Zwei Ansatzpunkte habe ich: Laut Erzählungen meiner Mutter hatte sich eine Ingolstädter Lokaljournalistin dafür interessiert, außerdem hatte das Ingolstädter Stadtmuseum für eine Ausstellung über Zwangsarbeiter die Aufnahme möglicherweise bekommen. Die Journalistin schrieb ich noch gestern an, jetzt will ich die Kassetten wirklich wiederhaben, digitalisieren und transkribieren. Allerdings hoffe ich, dass sich eher eine Historikerin des Themas annimmt – einem Journalisten traue ich einfach zu wenig zu, ergebnisoffen und ohne Sensationslust zu recherchieren.

Warum diese konkrete Zwangsarbeiterin Kazimiera Cukrowski, meine Oma, nach dem Krieg nicht wie ihre Schwester Irena zurückkehrte nach Südpolen, hat eine eigenartige Mischung von Gründen; die empfundene Schande der zweifachen unehelichen Mutterschaft spielte sicher eine Rolle.

§

Noch sehr aufgewühlt setzte ich mich am Nollendorfplatz in die U-Bahn, die mich mit einmal Umsteigen nach Mitte zu meiner Abendverabredung bringen sollte; die Verbindung hatte ich mir über die BVG-Website empfehlen lassen. Nur dass die knallvolle U-Bahn am Umsteigeort Kottbusser Tor nicht anhielt, Kreuzberg barst vor Feiervolk und UMZ!UMZ!UMZ!-Musik. Ich ergriff die nächste Gelegenheit rauszukommen (Görlitzer Bahnhof), suchte vergeblich ein Taxi, gab meiner Verabredung Bescheid, rannte zum Bahnhof Warschauer Straße. Dort empfahl mir dasselbe BVG-System die Tram 10 nach Mitte – was blieb mir übrig, ich musste der Empfehlung ein weiteres Mal vertrauen. Mit mehr als einer halben Stunde Verspätung saß ich dann endlich beim Abendessen.

Journal Sonntag, 26. April 2015 – Auer Dult

Montag, 27. April 2015

Großen, herzlichen Dank für all Ihre Antworten auf meine Frage, wie Sie mich so finden – ich bin platt. Und es rührt mich, dass Leserinnen eigens dafür erstmals kommentiert haben, dass sich alle diese Mühe gemacht haben.

Gestern Morgen erstellte ich das Ergebnis als Tag Cloud:

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Die fünf häufigsten Nennungen waren:
klug
kritisch
analytisch
interessiert
humorvoll

Dank an stattkatze: Die Idee mit dem T-Shirt habe ich umgesetzt. Da die Zeit für eine Bestellung bei den üblichen Online-Shops zu kurz war, erkundigte ich mich bei gut erreichbaren Textildruckereien in München – und erfuhr, dass ich auch hier mit drei bis fünf Arbeitstagen Bearbeitungszeit rechnen muss, Abholen am selben Tag ist auch mit Ankündigung nicht drin. Ein Vorteil gegenüber den Online-Druckereien erschließt sich mir nicht. Also griff ich auf das Angebot von Herrn Kaltmamsell zurück, der selbst bedruckbare Aufbügelfolie besitzt. Am Samstag kaufte ich mir eigens ein anständiges T-Shirt dafür, gestern druckte und bügelte ich mit einer Proberunde auf einem alten T-Shirt. Sieht gut aus. Selbstverständlich informiere ich Sie alle, wie das im Gespräch angekommen ist.

§

Meine Eltern hatten sich angekündigt, weil meine Mutter auf der Auer Dult nach einem bestimmten Korbteil suchen wollte. Da das Wetter warm und sonnig war, ging ich vormittags mit ihnen zu Fuß das halbe Stündchen hinüber in die Au. In der Sonne brauchte man keine Jacke, sobald sie hinter Wolken verschwand, sehr wohl. Meine Mutter wurde an beiden Korbständen fündig, meine Vater äußerte den Plan, er könnte doch alle angebotenen Weißwurstschüsseln zerschmeißen und damit die Welt verbessern (so sehr dieser Spanier die deutsche Küche schätzt, Weißwürste verabscheut er; mein Vater behauptet, er bekomme Kopfweh schon vom Geruch), ich blieb an den beiden großen Ständen mit Töpferware hängen.

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§

Da ich eh schon beim T-Shirt-Bügeln war, bügelte ich auch den Rest weg (es wird wärmer, das merke ich allein schon am erhöhten Bügelaufkommen), las dann energisch in Brighton Rock, das ich bis zum nächsten Treffen meiner Leserunde durchbekommen möchte. Es ist zwar mein zweiter Durchgang, doch ich erinnere mich an erstaunlich wenig. Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell Schweinsbraten (Schulter) nach einem englischen Rezept mit Kartoffelscheiben im Braten und Yorkshire Pudding auf Apfelstücken. Schmeckte hervorragend, der Yorkshire Pudding ist mir allerdings schlicht am liebsten. Nachtrag (das hier hat ja für mich auch Merkzettelfunktion): Wir tranken dazu einen Bio-Retsina Tsantali, der sich bestens mit dem Schweinefett und vor allem dem Rosmarin verstand.

Nebenher ließen wir einen seltsamen Leipzig-Tatort laufen, in dem nicht mal die Radiomeldungen realistisch waren (“Leider gibt es immer noch keine Spur…” beginnt nicht mal im hinterletzten Lokalradio eine Nachricht).

Journal Freitag/Samstag, 24./25. April 2015 – Avengers 2 und erste Wanderung

Sonntag, 26. April 2015

Am Freitag nach der Arbeit schnell heimgeradelt, von Herrn Kaltmamsell bereitetes Abendbrot gegessen (Tortellini in Brodo und Asiasalate aus Ernteanteil), mit ihm ins Kino geradelt: Avengers 2: Age of Ultron.

Der Film gefiel mir sehr gut (im Rahmen des Genres): Er schaffte es, die große Zahl von Protagonisten in einer dichten Handlung beisammen zu halten (Drehbuch, Schnitt), jeder und jede bekam durch Details eine schöne back story, die Charaktere rundeten sich trotz des genre-typischen regelmäßigen Krawumm mit Materialschlacht, Thor bekam sogar ein wenig Humor auf den Leib geschrieben (halleluja), die Interaktion der Figuren machte sie zum glaubwürdigen Team. Vorbildlich auch die Erzählökonomie, die mit kurzen Informationen per Bild oder Text weitreichenden Hintergrund erklärte (einmal sehen wir kurz, wie Hawkeye in sein Pfeilspitzenarsenal greift – und schon ist klar, warum das Ziel seiner Pfeile manchmal explodiert, manchmal nach hinten fliegt etc.). Der Film schaffte es auch, gleichzeitig ganz klar im Genre Superheldenfilm zu bleiben und doch überraschend links und rechts aus dem Erwartbaren auszuscheren. Viele bezaubernde Kleinigkeiten am Rand: Wie Agent Hill nach dem Party-Krawumm im Hintergrund mit den anderen zusammensitzt und sich einen Splitter aus der Fußsohle prokelt, wie die Nexus-Angestellten heimlich schnell ein Selfie mit Tony Stark schießen, Bügelbrett und Bügeleisen bei Hawkeye daheim im Schlafzimmer – und natürlich Stan Lee als großmäuliger Veteran auf der Avengersparty.
Fall Sie nicht grundsätzlich ein Problem mit Superheldenfilmen haben: Empfehlung.

Danach Heimradeln in milder Nacht – ich bin SO froh, dass der Winter vorbei ist.

§

Samstagvormittag in fast sommerlicher Wärme Einkäufe getätigt, mittags eine S-Bahn nach Kirchseeon genommen, um diese Wanderung zu wandern. Die Sohlen blieben dran (sind ja fast neu), doch ich hatte mich schon daheim gewundert, dass die Wanderschuhe über Winter ziemlich klein geworden waren: Ich war doch früher nie mit der großen Zehe vorne angestoßen! Nach zwei Stunden bat ich um Unterbrechung, damit ich die Schuhe neu schnüren konnte; inzwischen rieben nämlich weitere Zehen unangenehm an der Innenseite. Das Neuschnüren half nicht. Da hatte ich plötzlich einen Verdacht und stieg nochmal aus den Stiefeln: Richtig, ich hatte zwei Paar Einlagen eingesteckt. Ich hatte vergessen, dass ich vor dem Einwintern die Stiefel mit Einlagen ausgestattet hatte und vorm Loswandern meine üblichen Einlagen hineingesteckt. Nachdem ich ein Paar entfernt hatte, waren die Wanderschuhe schlagartig bequem wie bisher.

Auch hier wie schon in den Isarauen: Erschreckend große Sturmschäden im Baumbestand, auch hier waren die Wanderwege aber bereits freigeräumt.

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Für die erste Wanderung der Saison hatten wir uns mit 24 Kilometern möglicherweise ein wenig übernommen, das Waldstück am Ende wollte gar nicht mehr aufhören. Wenn die Maßgabe dieselbe wie beim Bergsteigen ist, nämlich dass man am Ende noch genug Energie für locker eine weitere Stunde Wandern haben sollte, dann war’s zu viel. Aber! Ich habe meine ersten Schwalben der Saison gesehen, nämlich in Lindach.

Das Wetter hielt bis auf die letzte Stunde, als es ein wenig tröpfelte. Doch brotzeiten konnten wir im Bräustüberl der Brauerei Aying bereits wieder draußen.

§

Habe übrigens noch am Osterwochenende wieder mit dem Nagelhautfieseln angefangen. Muss ich mir halt für Anlässe, an denen das Resultat unangenehm auffallen könnte, edle Handschuhe angewöhnen.

§

“The wonderful, terrible Gone With The WindRevisiting the complicated legacy of the Civil War’s most famous story”

Gone With The Wind, Margaret Mitchell’s sweeping tale of the South between the antebellum and Reconstruction eras, is a work divided against itself. Its treatment of race is nauseating, a dismaying reminder of how recently blacks could be presented as inferior with essentially no controversy. At the same time, in Scarlett O’Hara’s vicious maturation from pre-war naivety to a ruthless titan of industry, it features the strongest and most complex woman in American entertainment, along with a view of gender politics without many equals today.

via @DonnerBella