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Journal Donnerstag, 7. September 2017 – Spanien 18, Abschied von Madrid

Freitag, 8. September 2017

Ein letzter Urlaubstag in Madrid. Eigentlich wusste ich gar nicht, wie ich alle restlichen Vorhaben unterbringen sollte, all die Museen, das Freibad, die Fressempfehlungen, die Fresssehnsüchte. Die einzige Lösung: Nichts davon tun, bloß herumlaufen. (Wobei ich ja schon vom typischen Madrider Sommergeruch betrunken werde, der mir morgens beim Schritt vors Haus entgegenkommt – und dem das Fehlen der dominanten Autoabgase meiner Kindheitsurlaube nichts anhaben kann. Ich vermisse so gar nicht, abends schwarz zu schneuzen.)

Dieses Herumlaufen kann ich inzwischen wirklich gut: Anfänger von meiner Natur glauben, man könne sich einfach ziellos auf den Weg machen (Leute anderer Natur arbeiten mit dem Konzept „sich treiben lassen“ – hahahaha). Aber das klappt nur mittelgut, besser ist es, sich ein beliebiges Ziel zu setzen und ohne Zeitdruck dorthin zu mäandern. Erstes Ziel war also eine Weinhandlung in Lavapiés, mit dem Wunsch von Herrn Kaltmamsell nach einem Jamón-Snack unterwegs. Der Snack klappte, die Tür der Weinhandlung stand offen, doch man erklärte uns, sie sei geschlossen und öffne erst um sieben Uhr abends. Nun, dann bringe ich halt nur Kaffee mit von der Reise.

In einem Geschäft für Berufsbekleidung: Rechts typisch kastilisches Dienstmädchen-Outfit seit vielen Jahrzehnten, vor allem die weiße Rüsche fürs Haar mit schwarzem Band (alte Filme!).

Zweites Ziel war das Zentrum des derzeitigen Madrider Foodietums, die Calle de Ponzano in Chamberí. Dorthin spazierten wir mit einem Umweg über die Touri-Meilensteine Ópera, Palacio real, Plaza de España. In der Calle de Ponzano gab es tatsächlich viele interessant aussehende Lokale, viele davon auch voller Mittagessensgäste – wie erwartet war ich überfordert. Wir schafften es dennoch in ein Lokal und aßen passable Pinchos und Salat.

Abends gingen wir nochmal aus dem Haus, ums Eck unserer Unterkunft gab es ein uriges kleines Beisl, das vor allem madrider Innereienküche anbot. Dort aßen wir callos a la madrileña, ich freute mich über die nette Bedienung, die uns inmitten von Touristentrubel abschließend ein Stamperl Süßwein ausgab.

Journal Mittwoch, 6. September 2017 – Spanien 17, Sepúlveda mit Geiern, Schwalben, Milchlamm

Donnerstag, 7. September 2017

Schön war’s gestern. Ich bin halt nur ausgesprochen unentspannt, wenn ich Fahrten nicht wie gewohnt von A bis Z durchplanen kann.

Das Abenteuer bestand darin, ohne Auto einen Ausflug nach Sepúlveda zu machen; von dort ums Eck kommt meine großmütterliche Familie, ich verbinde mit dem malerischen Örtchen viele Kindheits- und Jugenderinnerungen. Außerdem ist Sepúlveda weithin berühmt für Milchlamm aus dem Bäckerofen (cordero asado), das wollte ich gerne mal wieder essen.

Zug fährt gar keiner hin (es gibt dann doch erstaunlich wenige Gleisverbindungen in Spanien, mag mit der spärlichen Besiedlung des Landes zu tun haben), Linienbus gesichert nur zweimal am Tag bis Boceguillas, was 12 Kilometer vom Zielort entfernt liegt. Zum letzte Stück waren Informationen im Web spärlich und widersprüchlich. Einige Quellen rieten zu Taxi (mit der Empfehlung, dieses zu bestellen, denn vor Ort gebe es keines), manche Reiseplattformen gaben eine regelmäßige Busverbindung an, doch auf der Website des angegeben Busunternehmens (keine Suchfunktion) war der einzige Hinweis das PDF eines schief eingescannten Tabellenausdrucks. Ich sah uns schon in Boceguillas gestrandet (= Nirgendwo an der Autobahn nach Burgos, 750 Einwohner) auf den einen Abendbus zurück nach Madrid wartend. Doch Herr Kaltmamsell argumentierte: „Na und, dann müssen wir halt genug zu lesen dabei haben.“ Ich kaufte also online zwei Tickets hin und zurück nach Boceguillas. Und tatsächlich kamen wir nach Sepúlveda, ich konnte den kleinen kastilischen Teil meiner Seele streicheln lassen.

Erstes Abenteuer war allerdings der Madrider Busbahnhof an der Avenida de América, der drei weitläufige unterirdische Ebenen umfasst und sich nicht eben um Informationstransparenz bemüht. Doch selbstverständlich waren wir so rechtzeitig da, dass genug Zeit für die Suche nach dem richtigen Bussteig blieb.

In Boceguillas stiegen wir an einem Umsteigebusbahnhof mit Bar aus; ich fragte die Barangestellte, ob hier tatsächlich in 15 Minuten ein Linienbus nach Sepúlveda halten würde: Nein, meinte sie, den gebe es nur Dienstag und Freitag. Also Taxi, zum Glück fand die Dame in ihren Schubladen die Telefonnummer eines Taxianbieters. Als wir draußen auf diesen warteten, hielt ein kleiner Autobus der erwarteten Linie; die Barangestellte war bestürzt und verlegen, ließ sich vom Fahrer für künftige Nachfragen die Abfahrtzeiten geben – und wir ließen uns mit dem Taxi nach Sepúlveda bringen.

Fürs Mittagessen steuerte ich unter den vielen hornos wieder Zute el Mayor an. Dort gibt es nichts außer cordero asado: Wir sahen nicht mal eine Karte, kaum saßen wir, standen schon Brot und Salat vor uns, kurz darauf kam das Lamm. Nach Wünschen wurde nur bei Getränk und Dessert gefragt. Vor zehn Jahren habe ich schon mal alles zu Speisen und Lokal aufgeschrieben – und warum ich mich dem Restaurant bis heute verpflichtet fühle.

Aktualisiert werden müssen aber die Angaben zu Casa Paulino: Es gibt sie nicht mehr in der beschriebenen Form. Aus der lärmigen Bar mit sieben Metern hervorragenden und immer neuen Tapas und Raciones ist ein gesittetes Restaurant geworden, das nur noch im vorderen Bereich eine kleine Bar hat. Dort trank ich gestern zum Aperitiv einen Vermouth Segovia (schön mild).

Sehr gesättigt und mit je einer halben Flasche einfachen Rotwein aus der Gegend (Ribera del Duero) intus, spazierten wir die Gässchen Sepúlvedas hinauf und hinab. Am Himmel und in den Gassen viele Schwalben und, was ich fast schon wieder vergessen hatte, Unmengen Gänsegeier: An Sepúlveda schließt sich der Naturpark Hoces del río Duratón an, und in diesem ist eine der größten Gänsegeierpopulationen Europas beheimatet. Im gestrigen schönen Sommerwetter segelten sie zu Dutzenden auf den Thermiken, ich zählte bis zu 50 auf einmal.

Da Sepúlveda von Schluchten umgeben ist (eben den hoces) und die Geier auch hier kreisten, sahen wir sie manchmal fast auf Augenhöhe fliegen.

Zum ersten Mal sah ich mir den deutlich abgelegenen Friedhof von Sepúlveda an; überraschend viele Erdgräber (sonst sind ja Mauergräber typisch) und ein auffallendes Falangisten-Denkmal, so groß wie das größte Mausoleum auf diesem Friedhof.

Alberne Tagträumereien wie es wäre, hier ein (schwer erreichbares) Ferienhäuschen zu haben.

Derselbe Taxifahrer holte uns abends ab und brachte uns zurück zur Busstation in Boceguillas, Rückreise nach Madrid ereignislos.

Journal Dienstag, 5. September 2017 – Spanien 16, Madrid mit Vergangenheit und Einkäufen

Mittwoch, 6. September 2017

Ein bisschen mehr wollte ich gestern dann doch in Madrid machen, deshalb stand ich schon um neun auf (ich fange an, mich auf den spanischen Rhythmus einzuschwingen).

Nach Bloggen und Kaffee spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell nach Lavapiés: Ich wollte die Tabacalera sehen, die ehemalige Tabakfabrik. Wie ich am Samstag auf der Führung erfahren hatte, hatten die Arbeiterinnen von dort nicht nur 1936-1939 die Südfront des belagerten Madrid verteidigt, sondern waren davor schon diejenigen gewesen, die das Frauenwahlrecht in der Zweiten Republik durchgesetzt hatten. Seit zehn Jahren wird der Bau als „centro social autogestionado liberador de cultura“ genutzt, nachdem er die vorherigen zehn Jahre verfiel (hier ein bisschen Geschichte).

Schon auf dem Weg durch Lavapiés zur Tabacalera fiel mir auf, wie menschenbunt und ungeschleckt hier alles war: Obwohl das Viertel ganz zentral liegt (15 Fußminuten von der Plaza Mayor), scheint es ein Arbeiterviertel geblieben zu sein, heute mit vielen Einwanderern.

Fördergelder scheint das Kulturzentrum nicht zu bekommen, das Gebäude ist in ausgesprochen schlechtem Zustand – ich nehme an, dass seine Rolle für spanischen Geschichte umstritten ist. Dadurch wurde mir wieder bewusst, wie klar die Linien in der deutschen Vergangenheitsbewältigung sind; in Spanien sind die dos Españas des Bürgerkriegs bis heute lebendig (in meiner spanischen Familie verläuft die Front mitten durch). Eben darum bezweifle ich die Erklärung, die deutsche Medien immer wieder für das Fehlen einer nationalistischen Partei in Spanien anführen: Das Land habe halt schlechte Erfahrungen mit Nationalismus gemacht. Es herrscht keineswegs Konsens in der spanischen Gesellschaft, dass die Franco-Ära etwas Schlechtes war, selbst der Bezeichnung „Diktatur“ für die Epoche ist umstritten.

Nächster Programmpunkt: Einkaufen fürs Abendessen, wir planten Pisto. Im Mercado von Lavapiés (sehr viel Leerstand, eine Fläche wurde für die Erklärung der Geschichte der Madrider Mercados genutzt; jetzt weiß ich, dass es diese für mich so typischen Markthallen in Madrid erst seit der Nachkriegszeit gibt) besorgten wir das Gemüse, in einer kleinen Bäckerei Brot. Wir mäanderten durch die Straßen, grobe Richtung Plaza Mayor. Mit Gebäck aus der Mallorquina (die schon auf Bürgerkriegsfotos zu sehen war) gingen wir in unsere Unterkunft.

Eine weitere Einkaufsrunde führte uns in den Corte Inglés: Wir sahen uns in der Haushaltswarenabteilung um (acht verschiedene Jamón-Halter! weiterhin Glasteller im Angebot, allerdings viel elegantere als meine), am ausführlichsten aber bei den Lebensmitteln im Untergeschoß. Worauf bereits Speisekarten und Spezialgeschäfte gedeutet hatten, bestätigte sich im Angebot: Vor zehn Jahren hatten noch Diabetikerprodukte die Sonderecken dominiert, jetzt wurde auch Spanien von Gluten und Laktose erwischt. Wir besorgten Olivenöl und Eier fürs Abendbrot. Aber die Spitzenentdeckung war dieses Produkt:

2 Liter Meerwasser für gut 3 Euro. Gebrauchsanleitung: Zum Hummerkochen unverdünnt aus dem Tetrapak verwenden, für Reis und Nudeln mit Süßwasser auffüllen. Fett Respekt für das Marketingteam, das diese Idee durchbrachte.

Der anschließende Spaziergang führte durch die Fußgängerzone in Chamberí zu einem Kaffeeladen der madrider Rösterei Pozo: Deren Website ist schon vor einigen Jahren verschwunden, sie gehört jetzt einer Unternehmensgruppe an. Ich besorgte einen Vorrat an café torrefacto.

Abends kochten wir also Pisto in unserer Ferienwohnungsküche (Herr Kaltmamsell schnippelte, ich rührte). Und bereiteten das Abenteuer für Mittwoch vor. Entweder ich habe morgen etwas Schönes zu erzählen oder ich bin ein Nervenwrack. Stay tuned.

Journal Montag, 4. September 2017 – Spanien 15, Madrid mit Kunst und Wein

Dienstag, 5. September 2017

Sehr, sehr lange ausgeschlafen – dadurch bewegten wir uns gestern außerhalb des Touristenrhythmus durch Madrid.

Wieder ein Sommertag, wieder mit erträglichen Temperaturen. Wir packten den Draußenteil des Tags nach Bloggen, Kaffeetrinken und Gammeln erst am frühen Nachmittag an, spazierten zum Museum Reina Sofía (seit der Führung am Samstag weiß ich, dass im Keller des Gebäudes während des Bürgerkriegs die nicht-identifizierten Toten aufgebahrt wurden, durch die offenen Fenster konnte man nachsehen, ob man jemanden erkannte).

Kurz vor drei kamen wir ohne jedes Schlangestehen ins Reina Sofía. Wir begannen mit der Sonderausstellung „Piedad y terror en Picasso. El camino a Guernica. Die Hinführung und die Hintergrundinfos fand ich sehr beeindruckend; mit dem Bild Guernica selbst habe ich ja meine Probleme (ich sehe vor allem Comic-Zitate, bescheuert aber nicht unterdrückbar), und die konnte ich auch gestern nicht aufräumen: Als ich sah, dass gerade wenige Menschen vor dem Gemälde standen, ging ich darauf zu – um von einer freundlichen Angestellten abgewiesen zu werden, ich müsse von der anderen Seite herantreten, diese sei der Ausgang. Auf der korrekten Seite stand aber gerade ein Fernsehteam und drehte. Ich warf also nur einen kurzen Blick auf das centerpiece und hakte es innerlich ab. Gibt ja genug anderen Picasso.

Durch die anderen Stockwerke spazierten wir eher; ich begann zum x-ten Mal zu grübeln, was die Darreichungsformen Happening und Videoinstallation mit der Kunstrezeption einer Normalbürgerin machen – eigentlich kollidieren sie mit dem gewohnten Museumskonzept.

(Und wir fragten uns beide, ob die Technik Röhrenfernseher integraler Teil dieses Kunstwerks ist.)

Vorabendsnack in einer Bar auf dem Weg zurück zur Unterkunft.

Hier lag sogar noch ein bisschen Abfall auf dem Boden; ansonsten verschwindet wohl die Tradition, dass man an der Theke einer spanischen Bar Abfälle auf den Boden wirft (ganz früher war dieser Boden ja mit Sägespäne ausgestreut und wurde nur einmal am Tag gesäubert) – es haben sich europäische Ekelstandards durchgesetzt.

Für den Abend hatten wir einen Tisch bei Angelita reserviert – ein von Hande vermittelter Tipp, als ich nach Probiermöglichkeiten für neueste spanische Weinentwicklungen gefragt hatte. Und welch wunderbaren Abend wir hatten! Zum einen bekamen wir mal kurz eine Weinbegleitung aus vinos naturales, nachdem ich erzählt hatte, dass ich mich vor allem dafür interessiere. Und dann kam aus der Küche, was man heutzutage so mit Klassikern der spanischen Küche macht. Mit freundlicher Beratung hatten wir vier Gerichte bestellt, die wir uns jeweils teilten.

Als Magentratzerl Lachssachen mit ein bisschen scharf.

Ein Tomatenwunder aus Gemüse aus dem eigenen Garten.

Der bereits erwähnte Pisto – nur dass hier das Weiße des üblichen Spiegeleis dazu extra als Gröstl dabei lag, zudem eine Ayoli angereicht wurde. Die Ayoli passte so hervorragend, dass ich sie mir fest fürs nächste Mal vornahm.

Tintenfisch mit Kartoffeln – wobei die Kartoffeln als Creme mit Knoblauch kamen.

Köstliches Gegrilltes mit Aubergine und Süßkartoffel.
Zum Nachtisch gab es leichten Schokoladenkuchen und arroz con leche.

Von den Weinen gefiel mir am besten ein Roter aus Asturien: Der ungefilterte Urogallo La Fanfarria, ganz duftig und dennoch ernst.

Im Viertel Salamanca sind Buchläden auch noch kurz vor Mitternacht offen.

Journal Sonntag, 3. September 2017 – Spanien 14, Madrid und die korrekte Art, Churros zu essen

Montag, 4. September 2017

Ausgeschlafen, ganz, ganz lang. Und für den Sonntag keine Pläne gehabt außer churros y chocolate. Für dieses Frühstück kehrten wir zum Maestro Churrero zurück, in dem wir vor zehn Jahren schon Churros und Porras gefrühstückt hatten. Nur dass aus dem Lokal mittlerweile ein Churros-Schnellrestaurant geworden ist. Auch sonst war hier jegliche Churros-Weiterentwicklung zu sehen, die mir bereits in Nizza und auf Mallorca begegnet war: Glasierte Churros, gefüllte Porras, sogar herzhafte Varianten. Das ist schon in Ordnung, so ist der Lauf der Dinge.

Wirklich echt und wie sie sich gehören, sind Churros ja ohnehin nur aus einer windschiefen Wellblechhütte, die zwischen den Wohnblöcken der Madrider Trabentenstädte steht (z. B. in Moratalaz), auf nichts als staubigem Lehmboden (wahrscheinlich noch der Aushub vom Bau der Wohnblöcke). Und zu dem man an einem heißen Sonntagvormittag als Mädchen von sieben, acht Jahren zum Churros-Holen geschickt wird, vom Vater einen Pesetenschein in der Hand und begleitet vom spanischen primo (für den solch ein unbegleiteter Einkauf deutlich ungewöhnlicher ist als für das Mädchen, wenn sie die ausführlichen Anweisungen und Ermahnungen der Tante richtig deutet). Diese korrekten Churros kommen aus dem einzigen funktionalen Inhalt der Wellblechhütte, einem riesigen Kessel voll Frittierfett, dessen Hitzen bereits beim Nähertreten spürbar ist, hinter dem ein bis zwei Menschen stehen und durch eine metallene Teigspritze Churroskringel ins Fett gleiten lassen. Die gewünschte und bezahlte Menge wird in Zeitungspapier gewickelt, und man muss sie vorsichtig greifen, um sich nicht die Kinderhände zu verbrennen – fettig werden sie ohnehin jetzt schon durchs glasig werdende Papier. Korrekt gegessen werden sie dann in der Wohnung mit heißer, süßer, dicker Schokolade, die die Yaya in der Zwischenzeit erstellt hat.
Und das kann keine Churrería der Welt bieten.

Herr Kaltmamsell zog anschließend ein wenig um die Häuser, ich ging zurück in den Ferienwohnung und bügelte von der frisch gewaschenen Kleidung die, die ich noch in Madrid gedenke zu tragen (und das weiße Hemd, in dem ich Herrn Kaltmamsell so gerne sehe). Als er wiederkam und ich fertig gebügelt hatte, lungerten wir noch ausführlich in der klimatisierten Wohnung herum, lasen, ließen den Fernseher laufen (mein Reisebegleiter interessiert sich sehr für das Fernsehprogramm in bereisten Ländern).

Ein wenig wollten wir aber doch noch raus, wir spazierten in die Jardines del buen retiro, kurz den Retiro. Dort war es sehr schön und mindestens so voll wie im Sommer bei ähnlichem Wetter im Münchner Englischen Garten (der gartenarchitektonisch genau das Gegenteil des Retiro ist). Das Wetter war sehr warm, aber zum Glück weit entfernt von der prügelnden Augusthitze, die ich vom Madrid meiner Kindheitsurlaube kenne.

Zurück spazierten wir über den Bosque del recuerdo, den ich noch nicht kannte und der 2005 zum Gedenken an die Terroropfer von Atocha erbaut wurde. Mir gefiel diese Art der Gedenkstätte. Als wir in der Dämmerung an deren höchsten Punkt standen, begann es um uns zu flattern: Fledermäuse! Wir spazierten langsam hinunter, blieben lange am Fuß des Denkmals stehen und guckten vielfältiges und zahlreiches Geflatter – ich bildete mir ein, sogar die Durchsichtigkeit der Flügel zu erkennen.

Seit zwei Wochen essen wir nun in Spanien, und das wenige Gemüse, das wir in Restaurants bekommen, beschränkt sich auf Beilagensalat, Kartoffeln und gebratene Paprika; die Speisekarten bieten praktisch keine Gemüsegerichte (gestern sah ich zum ersten Mal madrilenisches Pisto auf einer Karte). Wir fühlten uns gründlich untergemüsiert. (Wodurch mir klar wird, dass wir uns daheim wirklich überwiegend von Gemüse ernähren.) Zum Glück gibt es in Madrid zahlreiche vegetarische Restaurants, in einem davon aßen wir gut zu Abend.

Kale-Salat (in dem sich allerdings nur wenige Schnippsel rohen Grünkohls befanden, dafür köstlicher eingelegter Rettich), Kebab aus Jackfruit für Herrn Kaltmamsell, gebackene Aubergine für mich. Zum Nachtisch Ananas-Crumble für meinen Begleiter, Bananen-Panna cotta für mich, ebenfalls sehr gut.

§

Christian Stöcker erläutert, in welchen Maße Autos schuld sind an der Überflutung Houstons, und zwar nicht durch ihr Fahren, sondern durch ihr Herumstehen. (Was ich gut nachvollziehen kann: In den Jahren, in denen ich ein Auto hatte, empfand ich das Fahren gar nicht mal als so belastend, sondern die Suche nach Abstellmöglichkeiten.)
„Im Überfluss“.

Wir sollten uns die Welt von den Autos zurückholen.

Journal Samstag, 2. September 2017 – Spanienurlaub 13, Madrid im Bürgerkrieg 1936-1939

Sonntag, 3. September 2017

Es fällt mir schwer das zuzugeben: Es geht mir weiterhin nicht gut. Das fällt schwer, denn jetzt müsste es doch endlich und unbedingt, schließlich bin ich seit zwei Wochen im Urlaub, dem selbst ausgesuchten. Also Erholung! Entspannung! Glückseligkeit!

Gestern wollte ich nach dem Bloggen Frühstückskaffee, mein cleverer Plan war, das mit dem Besuch des nächstgelegenen der Mercados zu verbinden, die ich recherchiert hatte (ich liebe die spanischen Mercados – wahrscheinlich wieder verwurzelt in einem völlig überholten Bild aus meiner Kindheit, als das die Haupteinkaufsquelle für Lebensmittel war, also vor dem Siegeszug der Hipercors an den Stadträndern, und als ich Yaya oder Tía dorthin begleitete). Doch dann stand ich im Mercado Anton Martín und war völlig überfordert vom Angebot und der Verpflichtung, damit irgendwas zu tun. Zu viele Eindrücke, zu viele Möglichkeiten, zu viele Reize, zu viele Pflichten – ich verkrampfte. Herr Kaltmamsell sprach mich darauf an, und ich bat ihn spontan, das Kommando zu übernehmen. Ob ich vielleicht in den nächsten Stunden einfach keinerlei Entscheidungen treffen dürfe und ihm lediglich hinterher trotten? Durfte ich. So kam ich in zu den Buchhändlern am Retiro (in den Bäumen laute, grüne Papageien), bekam granizado de horchata, spazierte durch den Jardín botánico und kriegte Mittagessen.

Dieses Lokal Erre y Emme sah beim Vorbeigehen einladend aus und stellte sich als empfehlenswertes Lokal heraus. Zwar gibt es in Madrid inzwischen einige Feinkostläden, die auch Bewirtung anbieten, doch dieses Konzept scheint mir besonders gelungen; zum Beispiel kann man die zum Kauf angebotenen Weine und Schaumweine alle gegen eine Servicegebühr von 4 Euro auch gleich trinken. Im Glas hatten wir einen interessanten Rioja Izadi Crianza.

Für den späteren Nachmittag hatte ich mich bereits für eine Veranstaltung angemeldet, die ich noch in München gefunden hatte: Tour de la Guerra Civil Española. Der gestrige Samstag war der einzige Termin in unserer Madridwoche, also ging ich auch hin.

Wir waren eine kleine Gruppe, von der jungen Historikerin María lernte ich natürlich eine Menge über Madrid im Bürgerkrieg 1936 bis 1939 (den grundlegenden Hintergrund hatte ich noch aus meinem Studium). María hatte ein Tablet dabei, auf dem sie uns historische Fotos der Orte zeigte, an denen wir standen, zeigte die geografischen Verbindungen auf und erzählte die Bedeutung der jeweiligen Orte. Unter anderem war mir nicht klar gewesen, wie hoch das Blutvergießen innerhalb des von Nationalisten belagerten Madrid war: Heckenschützen der Republikaner und der Nationalisten schossen von den Häusern aus auf Passanten, die aussahen, als gehörten sie dem feindlichen Lager an, und dann gab es selbst ernannte Starfverfolgungstruppen der Republikaner, die in Foltereinrichtungen, den checas, ebenfalls zu Feinden ernannte mordeten. An der berüchtigten checa de fomento gingen wir vorbei. Die Historkerin bestätigte meinen Eindruck, dass Faktenwissen um den Bürgerkrieg in Spanien nicht weit verbreitet ist: Gedenktafeln oder Ähnliches gebe es Madrid kaum – jeder Versuch werde sofort als Parteilichkeit bekämpft. Und in den schulischen Lehrplänen tauche das Thema erst in der obersten Klassen auf – man sei der Ansicht, erst 16-jährigen könne man das zumuten.

Herr Kaltmamsell war während dessen Strawanzen in der Madrider Altstadt, er bestimmte das Abendessen. Zunächst führte er mich zu einer Pintxos-Bar. Ich weiß jetzt, wie spanischer Sidra schmeckt: Freundinnen hessischen Apfelweins wären begeistert. Anschließend kehrten wir im legendären Viva Madrid ein, das zu so früher Stunde (ca. 23 Uhr) noch nahezu leer war.

Abends war ich dann deutlich entspannter als am Morgen; vielleicht kriege ich doch noch die Kurve in diesem Urlaub.

Habe bereits ein englischsprachiges Buch1 ins Buchregal des Apartments geschmuggelt.

§

Ich schmeiß mich selbstverständlich am meisten vor Lachen weg, wenn ich mich dabei auch noch gebildet fühlen darf. Deshalb war der Twitter-Thread, der auf diesen Tweet folgte, für mich hochwertigstes Gelächter:

Das führte zu diesen Antworten.

  1. Oliver Sacks On the move: Gefiel mir gut, werde ich aber nicht nochmal lesen. []

Journal Donnerstag, 31. August 2017 – Spanienurlaub 11, Laufstrecken aus aller Welt

Freitag, 1. September 2017

Aha! Das war also der sonnige Strandtag, der schon am Mittwoch hätte eintreten sollen. Ich setzte also den Vortagesplan um, beginnend mit Weckerwecken und Laufrunde. In Muros hatte ich schon am Vortag ein paar Jugendstilfasaden entdeckt, jetzt konnte ich sie bei gutem Licht fotografieren.

Die erste war ich offensichtlich nicht auf der Piste.

Muros.


Diese verglasten Balkone habe ich sehr viel an der galicischen Küste gesehen.

Dieses flache Gebäude am Meer war mir aufgefallen. Ich lief hin um seine Funktion herauszubekommen.

Von der anderen Seite.

Doch erst daheim ergab eine Recherche, dass es sich um eine Gezeiten-Mühle aus dem 19. Jahrhundert handelt, die Molino del Pozo del Cachón.

Zurück in San Francisco ging ich wohl vorbereitet ins Wasser: Ich trug einen Badeanzug, meine Sandalen, Handtuch und Schuhe legte ich auf einem Felsen bei einem weithin sichtbaren Eishäuschen in der Nähe von Duschen ab.

Weil, auf die Gefahr hin, dass Sie mich dann ultimativ für einen Hirschen halten, mir nicht mehr einfallen will, worin das Vergnügen an Strandurlaub bestanden hat. Es gibt genügend Fotobeweise dafür, dass ich es über Jahrzehnte erstrebte und genoss, Urlaub am Strand und im Meerwasser zu verbringen. Heute kann ich das nicht mehr. Die Gründe:
1. der Sand
2. das Meer

ad 1. Im Gegensatz zu einer Liegewiese am See oder im Freibad besteht der handelsübliche Strand aus Sand, viel, viel Sand. Und der klebt an mir und setzt sich fest, vor allem nach einem Badegang. Das stört sehr beim Anziehen von Kleidung und Schuhen. Sand dringt auch in alle mitgeführten Dinge wie Handtücher, was ich als sehr unangenehm empfinde.

ad 2. Meerwasser ist salzig. Es gehört zum Anekdotenschatz der Kaltmamsells, dass ich bei meiner ersten Begegnung mit dem Meer im Alter von drei Jahren (in Galicien übrigens) sofort ins Wasser lief (Wasser!), um ebenso sofort umzukehren und zu verkünden: „Baggersee schmeckt mir besser.“ Das hat sich nicht geändert. Solange ich nur ein wenig darin herumplantsche, macht mir das Salzige am Meerwasser nicht besonders viel aus. Doch das Schwimmen verleidet es mir. Außerdem versalzt es die Haut, man möchte es so bald wie möglich mit Süßwasser abwaschen.

Allerdings bin ich sicher, dass ich mich an beides bei längerem Aufenthalt gewöhnen würde. Da Wetter und Aufenthaltsdauer diesmal aber nur einen einzigen Badetag ergaben, war keine Zeit zu Gewöhnung.

Sonnebaden, Bloggen und Lesen auf der Dachterasse, abends ein Spaziergang nach Muros, dort in heftigem Wind Aperitiv, wieder in San Francisco Fleischberge im Grillrestaurant.