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Journal Sonntag, 7. September 2014 – Abschiede (Sekretär und Freibadsaison)

Montag, 8. September 2014

Sehr früh aufgewacht, schnell festgestellt, dass mit Weiterschlafen nichts ist. Also Brotbacken vorgezogen.

In den Gärphasen des Teigs den Sekretär ausgeräumt und gereinigt. Er enthielt deutlich weniger Inhalt als geschätzt – das Ding nahm wirklich einfach nur Raum weg. (Und womit fülle ich jetzt die übrigen vier der sechs bereits bestellten Deko-Boxen?)

Mach’s gut Sekretär. Ich war in der Kollegstufe sehr stolz darauf, dich statt eines normalen Schreibtischs zu haben und schätzte die Diskretion des Rollladens. Die Jahre allein im Haus meiner Eltern hattest du es vermutlich besser als in denen, nachdem ich dich nach München holte (weil der Mensch doch einen Schreibtisch braucht). Ich hätte gerne etwas Wichtiges auf Dir geschrieben in den vergangenen Jahren, aber es hat nicht sollen sein. Zudem warst du einfach nicht für bequemes Laptopschreiben gemacht.

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Großer Eichhörnchenspaß am sonnigen Spätsommervormittag: Bis zu fünf Stück jagten einander vor unserem Balkon, hüpften auf den Ästen und der Wiese herum. Anziehungspunkt: Ein kleiner, unscheinbarer Walnussbaum.

Auch die Krähen interessierten sich für diesen Baum, eine Krähe sah ich gar kopfüber darin hängen. Das führte zu kleineren Rivalitäten: Mal hüpfte eine Krähe drohend Richtung Eichhörnchen, mal stob ein Eichhörnchen Richtung Krähe – so richtig aggressiv wurde aber keine Seite.

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Meine Eltern brachten Zwetschgen und Weinbergpfirsiche (nein, die sind nicht flach). Und sie nahmen den Sekretär mit (passt in einen Golf, sieh an).

Endlich konnte ich aufbrechen zum Schwimmen, nämlich zum Abschiedsschwimmen im Schyrenbad. Auf den Brustschwimmbahnen war mir ein bissl schwindelig, was daran gelegen haben könnte, das ich immer noch nichts gegessen hatte in den sechs Stunden seit Aufstehen (weil mir das beim Sport hochgekommen wäre).

Ich begann in strahlender Sonne, doch auf den letzten 1000 Metern zog der Himmel schnell zu. Während ich mich in der Umkleide trocknete und cremte, wurde es im Dusch- und Umkleidebau immer lauter: Offensichtlich kamen immer mehr Menschen herein. Als ich zum Föhnen ging, sah ich den Grund: Sie stellten sich vor einem Platzregen unter.

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Anderthalb Kilometer weiter, bei mir daheim, war alles trocken.

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Auf dem Balkon gesessen!

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Aber nicht wirklich lang: Während ich den Würmern genug Zwetschgen für Latwerge abrang, lärmten Regen und Hagel, dazwischen herzhafter Donner.

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Zum Nachtmahl Zitronen-Thymian-Huhn (immer noch mein Lieblingshuhn) und Tatort (weil aus der Schweiz wieder seltsam nachsynchronisiert).
Dazu einen spanischen Weißwein probiert: Einen im Holz ausgebauten Muga Rioja. Schmeckte mir zunächst recht gut (exotische Früchte und reichlich Säure), bald dominierten im Glas aber Vanille und Holz, die mich sehr an Chardonnay erinnerten. Der mir in dieser typischen Form seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr schmeckt.

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Sommerbettdecke gegen Federbett getauscht.

Journal Samstag, 6. September 2014 – Floridanische Verwandtschaft

Sonntag, 7. September 2014

Ausgeschlafen bis halb acht – was möglicherweise zu lange war, ich fühlte mich recht benommen.

Bei zwei gemütlichen Tassen Milchkaffee gebloggt und Internet gelesen.

Zwei Einkaufsrunden: Einmal zu Fuß Gemüse, Obst, Hähnchen und Käse am Klenzemarkt sowie Milchprodukte und Hefe beim Tengelmann. Dann mit dem Fahrrad zum Schreibwarenladen (Behältnisse für umgeräumte Inhalte Sekretär an neuem Aufbewahrungsort) und zum Müller (ja, genau, der mit dem Mehl) sowie zum Bäcker.

Semmeln von selbigem gefrühstückt.

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Bahnfahrt zur Mitbewohnerfamilie: Sein US-amerikanischer Cousin war mit Partner bei den Mitbewohnereltern zu Besuch. Er ist nur wenige Jahre älter als der Mitbewohner, der Mitbewohner war immer fasziniert von ihm und erzählte viel. Die beiden Besucher haben recht bewegte Lebensgeschichten (Cousin hat in der halben Welt gekellnert, darunter einige Jahre im Berlin der 80er), sein Partner war lange Jahre Koch auf einer Yacht und kam viel herum. Zusammen betreiben sie seit einigen Jahren ein Cateringunternehmen in Naples, Florida. Sie werden für zum Teil beeindruckende Veranstaltungen engagiert, hatten ein örtliches Society-Magazin dabei, das ein solches Ereignis auf sechs Seiten präsentierte.

Dazu gab es Torte vom Konditor; der Cousinpartner liebt deutsche Kuchen und Torten – allein die seien regelmäßige Deutschlandbesuche wert. Die wahre Gastfreundschaft bestand also darin, dass Frau Schwieger (eine ausgezeichnete Bäckerin) sich das Backen verkniff, weil ihre Gäste beim Konditor selbst aussuchen konnten und viele verschiedene Torten kosten.

Auf der Bahnfahrt großes Amüsement über die heutige Modefotografie am Beispiel des freitäglichen Magazins der Süddeutschen Zeitung.

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Laut Bildtext ist zu sehen: “Georgettekleid von Alessandra Rich, Kette: Line & Jo”.

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Abends nach Langem mal wieder gekocht – und recht spektakulär gescheitert. (Kann es sein, dass der Mitbewohner mich so eifrig verköstigt, um mich das Kochen verlernen zu lassen?) Ziel war eine provenzalische Gemüsetarte gewesen, doch die Menge an Gemüse überstieg das Fassungsvermögen der Form weit.

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Das Ergebnis war nur als Auflauf zu essen, mit einem großen Löffel serviert.

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Dritten Teil von Meet the Romans angesehen.

Und auch den kann ich empfehlen: Wie sah Familienleben in Rom aus? Wie war es, in Rom ein Kind zu sein? Eine Frau? Ein Sklave? Die Antworten auf diese Fragen enthielten wenige amüsante Anekdoten, ganz im Gegenteil. Was mir hier wie schon in den ersten beiden Folgen auffiel: Die Präsenz von Frauen. Sie kamen sowohl bei den besprochenen Epitaphen als auch als Expertinnen explizit vor. Dass ich sie überhaupt bemerkte, bedeutet wahrscheinlich, dass sie etwa ein Drittel der Geschichte einnahmen (ohne Nachzuzählen) – man hat je herausgefunden, dass jede weibliche Präsenz über einem Drittel als Frauendominanz empfunden wird (nicht auf Frauen beschränkt, das gilt für jede sonst wenig sichtbare Bevölkerungsgruppe).

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Meine Eltern hatten eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, dass sie meinen ausrangierten Sekretär Sonntagvormittag holen würden (und wie vereinbart einen Teil der diesjährigen Ernte vom besten Zwetschgenbaum der Welt mitbringen). Da ich vor ihrer Ankunft Brot gebacken haben wollte, an diesem Sonntagvormittag Wäsche waschen und Schwimmen gehen, wurde ich ein wenig unruhig, wann ich den Sekretär ausräumen sollte. Papierkram der vergangenen anderthalb Jahre hatte ich schon vergangene Woche abgelegt, doch die Inhalte der Schubladen wollten sortiert werden (in Kisten im dann ehemaligem Küchenmonster archivieren / in neu definiertem Büromaterialschränkchen griffbereit). Spät nachts fing ich schon mal an.

Journal Freitag, 5. September 2014 – Wie viel Geld ist mir Körperpflege wert?

Samstag, 6. September 2014

Sehr früh aufgewacht. Beim Blick aus dem Fenster zunächst schmutzige Brille vermutet, aber nein: Das war Nebel da draußen.

Crosstrainergestrampelt, wie immer mit diesem Ausblick (dabei gesehen: knalloranges Eichhörnchen, dunkelbraunes Eichhörnchen)

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Nach dem Duschen eine fast volle Flasche Körperlotion weggeworfen.
Ich versuche ja weiterhin, meine Ausgaben zu reduzieren. Dabei merke ich interessanterweise, was mir wichtig ist. Dass ich mich innerlich gegen Discounter-Nahrungsmittel sperre, wusste ich schon vorher. Doch bislang hätte ich versichert, dass mir Körperpflegeprodukte ziemlich egal sind. Ich glaube eh nicht daran, dass teure Cremes für ewige Jugend sorgen (wirklich effektiv wären andere Gene und Meiden von UV-Licht – rückwirkend). Zudem stören mich meine Falten nicht mal – alles hart erlacht. (über die Warzeninvasion, die das Altern mit sich bringt, schweigt sich die Kosmetikindustrie aus – oder kenne ich lediglich nicht das PR-Wort, unter dem Flachwarzen laufen?) Also, so dachte ich, kann ich ja auch zum billigsten Angebot an Drogerieeigenmarken greifen.

Doch ich muss gestehen: Der durchdringend billige Geruch dieser Körperlotion, sehr an verdorbenes Parfum erinnernd, macht mich traurig. Sicher hatte ich vor dem Kauf den Deckel geöffnet und daran geschnuppert – nur dass sich dieser Geruch erst beim Eincremen entwickelt. Die schleimige Konsistenz mochte ich auch nicht, die hatte ich aber auch an etwas teureren Produkten erlebt (diese dennoch aufgebraucht, wenn sie gut rochen).
Im Gegensatz dazu genieße ich den Duft meiner Oliven-Körperbutter wirklich bei jedem Cremen – auch wenn in meiner Welt 16 Euro für 200 ml ganz schön happig sind. Ich werde sie mir künftig gönnen: Wohlgefühl statt Traurigkeit zu Beginn des Tages sind es mir wert.

Bei Duschgel und Shampoo spare ich durch Großpackungen. Auch hier ist mir der Geruch am wichtigsten: Er muss angenehm sein und weder zu süß noch zu SPOCHTLICH, damit sich sowohl der Mitbewohner als auch ich damit gerne säubern (Ziel: möglichst wenige Flaschen am Badewannenrand). Meine Anti-Gelbstich-Haarkur bekomme ich für wenig Geld und sie hält lange. Bei Zahnpasta und Zahnseide darf es auch das Billigste sein.

Weiters benutze ich Deodorant (mein Ideal effektiv und möglichst geruchsneutral gibt es zum Glück auch in Billig) und Gesichtscreme. Letztere gibt es erträglich riechend als Drogeriehausmarke, zu hohen Feiertagen leiste ich mir ein teureres Produkt, das richtig gut riecht und sich besonders gut beim Eincremen anfühlt (meist entdeckt durch Probepackungen) – auch das erfreut mich.

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Mittags traf eine E-Mail vom Mitbewohner ein: “Alles losgeworden.”
Ich jubelte hörbar und musste deshalb auch den Kolleginnen den Grund erklären. Seit Jahr und Tag steht in unserem Wohnzimmer meine ausgemusterte Stereoanlage, die ich gerne loswerden möchte, außerdem sind vom letztjährigen Schallplattenrauswurf noch ein paar Dutzend Exemplare übrig, die immer noch ein Schrankteil blockieren, das ich gerne für Tischwäsche nutzen würde. Der Mitbewohner hatte einen jungen Kollegen gefunden, der sich für Teile der Stereoanlage interessierte. Und der nahm gestern alles mit, inklusive der Schallplatten – hurra!

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Feierabends in milder Luft heimspaziert.

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Zum Nachtmahl teilte ich mir mit dem Mitbewohner ein mächtiges Porterhousesteak, davor servierte er Kale Chips aus dem Federkohl des Ernteanteils, der auch die Ofenkartöffelchen zum Steak lieferte. Als ich den Teller Chips eingeschnauft hatte (so gut!), bemerkte der Mitbewohner: “Das waren acht Bleche.” Er gab aber zu, nachmittags bereits eine kleine Portion gegessen zu haben.

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Zweite Folge von Mary Beards Meet the Romans angeschaut: Insulae! Klos! Kneipen!

Journal Dienstag, 2. September 2014 – Essen im Bahnhofsviertel

Mittwoch, 3. September 2014

Beim Gewichtaufladen fürs morgendliche Langhanteltraining in der Gruppe dachte ich mir: Warum nicht mal bis an die Grenzen gehen? Schließlich kann ich ja aufhören, wenn es mir zu viel wird.
(Ahahaha, Sie sehen hier, wie wenig ich mich kenne: “aufhören, wenn es mir zu viel wird”? Ahahaha!)

Irgendwie ging es natürlich, und warum ich ausgerechnet bei den Bizepsübungen immer schwächle, verstehe ich einfach nicht.

Aber als mir in der Mittagspause beim Heben der Teetasse immer noch der Arm zitterte, war ich beeindruckt.

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Arbeit.

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Abends wollte ich mit dem Mitbewohner Pizzaessen gehen, auf eine Twitterempfehlung in L’Osteria im Künstlerhaus. Man hatte den Mitbewohner nicht reservieren lassen: Wir sollten einfach vorbeikommen, hatte es geheißen, da sei schon Platz.

Als wir kurz vor 19 Uhr ankamen, stand die Schlange von Hungrigen, die solch einen Platz wollten, bis draußen. Aber ich bin mir ohnehin nicht sicher, ob ich in dem Lärm, der aus dem knallvollen Gastraum klang, entspannt gewesen wäre.

Also verfolgten wir unser Projekt “Essen im Bahnhofsviertel” weiter und ließen uns auf eine Pizza in einem Lokal gegenüber vom nördlichen Hauptbahnhof nieder, Ca’d’Oro. Der Service war sehr nett und ebenso wie das gesamte Restaurant auf internationale Besucher ausgerichtet. Die Pizza war in Ordnung (im Schälchen frisches Pesto als “Dip” – ich wusste nicht recht, wie ich das anwenden sollte).

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Um uns herum hörte ich Portugiesisch, Englisch, eine slawische Sprache, Arabisch – ich mag das.

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Es gibt einige gesellschaftliche Argumentationsreflexe, die im besten Fall amüsant, im schlechteren vergiftend sind. Amüsant finde ich, dass beim Stichwort “Karotten” unweigerlich irgendwer innerhalb von Sekunden darauf hinweist, dass man die ja mit Öl essen muss, damit der menschliche Körper das Vitamin A aufnehmen kann. Und zwar irgendwer, der sich sonst bei keinem einzigen Nahrungsmittel der Welt Gedanken über die Nutzbarkeit enthaltener Nährstoffe macht. Aber das, das wissen sie alle und sind stolz darauf.

Ein anderer Reflex amüsiert mich kein bisschen: Dick ist demnach ungesund. Die Mädchenmannschaft spießt das auf:
“Fett am Strand. Ist das nicht voll ungesund?!”

Viel spannender finde ich den Umstand, dass sofort das Thema Gesundheit aufkommt, wenn es um dicke Menschen geht. Ganz aktuell wurde wieder viel über Gesundheit diskutiert, als sich zahlreiche dicke_fette Menschen stolz in ihren Bikinis fotografierten und das Foto mit dem Hashtag #Fatkini online stellten. Grundlage für solche Diskussionen ist sicherlich die diskursive Verstrickung von Dicksein mit Krank­heiten, aber da steckt noch mehr dahinter. Ich glaube: Glückliche fette Menschen, die ihre Körper mögen, sprengen eindeutig den gesellschaftlichen Rahmen dessen, wie dicke Menschen sein und sich fühlen sollen.

(Auch wenn mir “hegemonial” ein etwas zu schweres Geschütz in diesem Zusammenhang ist – der Begriff scheint in den vergangenen Jahren an Gewicht zu verlieren und ein Synonym für übergriffig oder diskriminierend zu werden. So wie “dekonstruieren” inzwischen zum Synonym für destruieren oder einfach nur hinterfragen verramscht wurde. Im Diskurs. Beim Paradigmenwechsel. Je nach Narrativ.)

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Ausführliche Hintergrundgeschichte im New Yorker über Anonymus:
“The Masked Avengers. How Anonymous incited online vigilantism from Tunisia to Ferguson.”

Auf meiner ersten re:publica sah ich den Vortrag der zitierten Anthropologin Gabriella Coleman darüber (ist noch online nachzugucken), und war sehr beeindruckt – wie ich überhaupt die anthropologische Perspektive auf das Internet sehr interessant und hilfreich finde.

Journal Samstag, 30. August 2014 – Niederländisch-deutsche Hochzeit

Sonntag, 31. August 2014

Vor wenigen Wochen fand ich durch einen Cartoon den Schlüssel zum Verständnis des Konzepts Hochzeit: Cake.

Was ich gestern aufs Wundervollste verifizieren konnte:

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Angefangen hatte das Ganze allerdings ordnungsgemäß auf dem Oldenburger Standesamt. Das Besondere1: Die Trauung war zweisprachig, da die eine Braut Niederländerin ist, die andere Deutsche. Und so stand im knallvollen Trausaal neben dem großen Tisch der Standesbeamtin ein beider Sprachen mächtiger Hochzeitsgast und übersetzte für die niederländischen Freunde und Verwandten.

Der größte Teil der Hochzeitsgesellschaft spazierte dann quer durch die Fußgängerzone zum Empfang, das Brautpaar radelte (begleitet vom radelnden Teil der Hochzeitsgesellschaft).

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Das große abendliche Fest feierten wir im Landhaus Etzhorn – eine großartige Location.

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Dort passierte einiges. Unter anderem stockte ich meinen claim to fame auf: An meinem Tisch saß ein Gast, die schon mal mit Margaret Atwood Obst geschält hatte (und bei der Erwähnung meines Studienorts Augsburg als Erstes ans dortige Institut für Kanada-Studien dachte). Und eine Comicforscherin ließ sich von mir zu ihrem Habilitationsprojekt über The Yellow Kid ausfragen (ich traue mich nicht einen Wikipediaartikel zu verlinken, da sie unter anderem über die weit verbreiteten Fehlannahmen augengerollt hatte).

Es war der niederländische Brautvater, der den Elefanten im Raum bei den Stoßzähnen packte: Seine Ansprache (diesmal von der Trauzeugin ins Deutsche übersetzt) drehte sich um die Ungerechtigkeit, dass das Brautpaar sich nicht hatte kirchlich trauen lassen dürfen, weil es das gleiche Geschlecht hat. Als er energisch erklärte, dass dann eben er und die Brautmutter hiermit das Brautpaar und seinen Bund für Leben segneten, hatte nicht nur ich Wasser in den Augen.
Schon zuvor auf dem Standesamt hatte die trauende Beamtin die Illusion zerstört, dass das halt eine Heirat war, Punkt aus: Als es an den offiziellen Teil ging, hatte sie pflichtgemäß von “eingetragener Lebenspartnerschaft” gesprochen statt von Ehe, damit der Akt auch galt. Ich nehme an, dass ich auch hier nicht allein war, als das einen kleinen Wutknoten in meinem Bauch auslöste.

Sehr viel heiterer: Nach mindestens 35 Jahren Pause spielte ich mal wieder Reise nach Jerusalem. Der gute Zweck dahinter: Wer ausschied, bekam eine Aufgabe für das kommende Jahr, das Brautpaar zu beglücken.

Auch das mit den Sprachen kriegten wir irgendwie hin: Spätnachts unterhielt ich mich wild zu Abba tanzend mit der niederländischen Brautmutter (sie spricht kein Deutsch, ich kein Niederländisch). Sie äußerte sich beseelt, wie großartig alle ihre vier erwachsenen Kinder geraten seien. Ich fragte, ob das ihr Verdienst sei oder sie einfach Glück gehabt habe. Keines von beidem, meine sie – das sei einfach das Ergebnis von viel Liebe.2

Neu verliebt habe ich mich gestern auch: In diesen sensationellen Cremant, ausgeschenkt aus Magnumflaschen.

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  1. Schrieb die Frau, die zuletzt vor neun Jahren auf einer Hochzeit war und keine Ahnung von aktuellen Normen und Protokoll hat. []
  2. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass ihre begeisterte Geste und ihre Worte in Wirklichkeit der schönen Deko des Festsaales gegolten hatten und dass das niederländische Wort, dass ich als “Liebe” interpretiert hatte, tatsächlich “Orga-Team” bedeutet. Damit wäre die Begebenheit als herzerfrischende Hochzeitsgeschichte leider hinfällig. []

Journal Freitag, 29. August 2014 – Oldenburg

Samstag, 30. August 2014

Nach Langem mal wieder richtig tief, gut und durch geschlafen, wirklich erfrischt aufgewacht. Beim Morgenkaffee umwuselt vom aufgeregten Mitbewohner: “Wie? Du nimmst dir sogar noch Zeit für Kaffee??!!” Damit scherzte er zwar, aber vor Reisen ist er tatsächlich sehr unruhig (“Bei Inlandszügen muss man nur eine Stunde vorher da sein, richtig?”).

Unspektakuläre Bahnfahrt nach Oldenburg: Mit ICE nach Bremen, dort Umsteigen in Regionalbahn. Am Vortag hatte ich umfassend Süßkram als Proviant eingekauft, von Gummiteilen über Kaubonbons bis zu diversen Keksen, wir erreichten den Oldenburger Bahnhof also innerlich angemessen vollverklebt.

Die Ankunft im Hotel erwies sich als ausgesprochen erfreulich.

Angereist waren wir zwar zu einer samstäglichen Hochzeit, doch gestern war in Oldenburg erst mal Stadtfest (keine Sorge: Ich war schon zweimal davor in Oldenburg gewesen, das war nicht mein erster Eindruck). Ich war von allen Seiten gewarnt und bedauert worden, doch abgehärtet von und als Einstimmung zum Oktifest wollte ich das schon sehen.

Die Party beginnt erst abends richtig: Als ich mit dem Mitbewohner am späten Nachmittag durch die Fußgängerzone spazierte, wurde an vielen Stellen erst noch aufgebaut. Dennoch bekam der Mitbewohner bereits Pommes frites mit Erdnusssoße, ich lernte, dass die “Krakauer” die an den Wurstständen gebraten angeboten wurde, unsere süddeutsche “Rote Bratwurst” ist – eine kleine Enttäuschung, weil eine gebratene süddeutsche Krakauer wirklich exotisch gewesen wäre.

Sensationell fand ich allerdings die Stände mit der Aufschrift “Partybowle”.

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Auch hier probierte ich, und zwar das Erdbeermilchfarbene, das als “Erdbeer Colada (mit Rum)” angeboten wurde. Schmeckte wie Erdbeerkaba mit einem Hauch Alkohol.

Ebenfalls anziehend exotisch fand ich den Stand, der “Käsespieße” anbot, zudem Camembert, Mozzarella-Sticks und Dreiecke Feta, alles dick paniert und in Fett rausgebacken, serviert mit einer Soße nach Wahl, darunter mit Käsesoße. Ich entschied mich für einen Rosenkohl-Käse-Spieß mit Knoblauchsoße.

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Zu meiner großen Überraschung schmeckte der Käse nach überhaupt nichts, zog aber adrette Fäden. Das kann ich nur damit erklären, dass es sich um Gastro-Blockmozzarella handelte. Für Käsegeschmack hätte ich mich also für die Käsesoße entscheiden müssen.

Vor Einsetzen des großen Saufbetriebs fand ich die Atmosphäre des Stadtfests durchaus charmant (geht mir mir dem Oktifest ja ähnlich).

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(Von der tatsächlichen Bedeutung des Worts lassen wir uns doch wohl nicht unseren Kalauer verderben?)

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Abends über Drinks erstes Treffen mit dem Brautpaar, dessen niederländischer Verwandtschaft und Kolleginnen. Ich wurde als Kategorie “aus dem Internet” vorgestellt und freute mich sehr daran.

Erste Beobachtungen zum Umstand, dass ich als Bayerin überhaupt kein Niederländisch kann und im besten Fall verstehe, worum es geht, die Niederlande-nah aufgewachsenen wiederum keinen Zugang zum Schwyzerdütsch haben (verstehe ich, wenn auch mit einer halben Sekunde Verzögerung). Zudem erste Gespräche über aktuelle Themen in der englischen Literaturwissenschaft.

Auf dem kurz vor mitternächtlichen Heimweg ins Hotel nochmal das Straßenfest gequert, die Stimmung war gerade an der Schwelle direkt vor Tanz in Paaren zu italienischen Evergreens, live und inbrünstig geschmettert, hinüber zu zahlreichen Hochtrunkenen, denen man besser mal in großem Bogen ausweicht.

Journal Donnerstag, 28. August 2014 – Baseball und Draußensitzen

Freitag, 29. August 2014

Auch gestern zum Tagesstart ein Stündchen lang den Crosstrainer genutzt (nach einer großen Tasse Milchkaffee, selbst ich Lerche brauche eine Zeit zwischen Aufwachen und Aktion).

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Soll keiner sagen, dass ich in meinem Job nichts Neues lerne.

Nachdem ich nun weiß, wie man eine Klobrille auswechselt, nachdem ich erlebt habe, wie man an eine Reservierung von 30 Plätzen auf dem Oktoberfest kommt, lernte ich gestern über Baseball: Wie man an Tickets im Bostoner Stadion der Red Sox kommt, dass dieses Fenway Park heißt, und dass die Red Socks seit diesem Jahr ein neues System an Preiskategorien haben.
Das Online-System, mit dem man sich im Fenway Park einen Eindruck vom Blick der verschiedenen Sitzkategorien verschaffen kann, hätte ich sehr gerne auch für deutsche Theater. Oder gibt’s das schon und ich habe es nur noch nicht mitbekommen?

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Wenn sich der Himmel über dem Bahnhof zu weiß-blau durchringt, ist der Blick von der Hackerbrücke schon sehr schön.

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Nachtmahl aus Ernteanteil. Da wir Freitagmorgen bis Sonntagabend verreisen, vertilgten wir mit vollem Einsatz. Ich hatte zum Büromittagessen bereits Gurke, Selleriestangen, Zucchini, Tomate, Frühlingszwiebel geschnippelt und gegessen, abends gab es Blattsalat, gebratenen Mangold, scharfe Kartoffeln aus dem Ofen.

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Ausgegangen mit einem Ex-Kollegen aus einem sehr lang vergangenen Leben, auf seinen Tipp hin ins ganz bezaubernde Hoover & Floyd. UND! Wir saßen draußen, das ging gestern in warmer Jacke. Ergebnisse des Abends: Ich plane einen Ausflug nach Ulm und kann mir eine Dezemberreise nach Kapstadt vorstellen.

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Anke Gröner war am Dienstag in Darmstadt bei der ESA. Ich werde die grüne Gesichtsfarbe, die mir der Neid darüber verpasst hat, auf Wochen nicht wegbekommen.
Zumindest – ganz klein ganz weit unten und weit weg zumindest – hat sie aufgeschrieben, was ich verpasst habe:
“ESA: European Space Awesomeness”.

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Über Maximilians Linktipps kam ich auf diesen Text, der die Merkmale hochwertiger Fabrikkleidung erklärt:
“Qualitativ hochwertige Kleidung erkennen”.
Und da fiel mir ein, dass ich diesen Anspruch sogar als Kind gelernt habe: Meine polnische Großmutter hatte ihre Schneiderinnenlehre in Klimontów fast abgeschlossen, als sie von deutschen Soldaten zur Zwangsarbeit ins Schwäbische verschleppt wurde, und sie brachte meiner Mutter ein wenig Nähen bei. So sah ich meine Mutter bei jedem Kleiderkauf meiner erst mal Säume umklappen und nachsehen, ob die auch sauber genäht waren, dann prüfen, wie viel Stoff noch in den Nähten gelassen war, die kleine Änderungen erlaubten (“Da kann man ja nichts mehr rauslassen.” kegelte ein Kleidungsstück umgehen aus dem Entscheidungskreis).

Viele Jahre verschüttete ich dieses Wissen, der niedrige Preis war mir beim Kleidungskauf wichtiger.
Doch auch das hat sich ja in den vergangenen Jahren geändert, wo mir mehr und mehr die Wegwerf- und Konsumreflexe abhanden gekommen sind.

(Den Begriff “Rapport” kannte und liebte ich allerdings schon vom Stricken.)

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Ach, warum eigentlich nicht eine tägliche Mary Beard?
Hier ein Filmchen, in dem sie ihren BBC-Dreiteiler “Meet the Romans” vorstellt.