Fotos

Journal Sonntag, 13. November 2016 – Wir kaufen wirklich eine Gärtnerei

Montag, 14. November 2016

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Wir, das Kartoffelkombinat, kaufen also tatsächlich eine Baumschule in Spielberg und machen daraus unsere Gärtnerei. Das beschlossen wir gestern in einer außerordentlichen Generalversammlung. Hurra!

Aufsichtsrat und Vorstand präsentierten den Antrag in Einzelschritten (Immobilienkauf – Finanzierung des Kaufs – Konzept des Betriebs – Finanzierung des Betriebs). Nach jedem Schritt bat der Aufsichtsratvorsitzende um ein Stimmungsbild, mit den Farbkarten grün (dafür), weiß (na ja), rot (dagegen). So zeichnete sich auch Schritt für Schritt ab, dass der Gesamtantrag, der aus all den Schitten bestand, angenommen werden würde.

Tatsächlich hatten mich die politischen Ergebnisse der vergangenen Monate verunsichert. Als es hieß, dass sich unerwartet viele Menschen zur Generalversammlung angemeldet hätten (es waren 250, ein Viertel aller Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftler), reagierte ich nicht sofort mit Freude – ich fürchtete, dass sich jetzt, kurz vor knapp, die Gegner und Gegnerinnen zeigen würden (und nicht schon auf den 20 Infoveranstaltungen und Besichtigungen der Baumschule in den vergangenen Monaten). Zumal nicht mal die Hälfte der Mitglieder weitere Genossenschaftsanteile (à 150 Euro) für eben diesen Kauf gezeichnet hatten – und das, wo doch die eigene Gärtnerei das erklärte Ziel des Kartoffelkombinats war und ist.

Doch dann stimmten 100 Prozent dem Kauf zu, alle. (Hier ein paar Fotos von der Generalversammlung.)

Was mir aber beim Blick auf unsere Genossenschaft mal wieder auffiel: Das ist schon eine sehr akademisch geprägte und homogene Gruppe. Gehöre ich damit schon wieder zu Ausgrenzerinnen und Elite und erzeuge Wut? Kann man sauer werden, wenn Leute wie ich auf die Folgen des Kaufs von Supermarktgemüse hinweisen? „Jetzt soll ich mir wegen politischer Korrektheit darüber AUCH noch Gedanken machen?!“ Wenn Leute wie ich sich für Alternativen engagieren? „Die hält sich wohl für besonders gescheit?! Wahrscheinlich sogar für etwas Besseres!“

Und schließlich: Sind vielleicht genau diese Sorgen von uns Liberalen am End‘ herablassend und arrogant?

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Nachmittags erste Weihnachtsstollen gebacken, die Charge zur Versendung an die italienische Verwandtschaft.

Journal Samstag, 12. November 2016 – #12von12

Sonntag, 13. November 2016

Das Fotoprojekt #12von12: Am 12. eines Monats über den Tag Fotos machen, mit 12 davon im Blog den Tag dokumentieren. Hier werden die Teilnahmen gesammelt.

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Ausgeschlafen. Da ich in der Nacht zuvor lediglich den Tisch abgedeckt und in Standardform gebracht hatte (von oval zu rund) sowie die Geschirrspülmaschine befüllt und angeschaltet, sah die Küche noch sehr nach Gästen aus. Mit diesem Rest befasste sich Herr Kaltmamsell (u.a. sind die Goldrandteller nicht Spülmaschinen-tauglich).

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Mein Frühstückskaffee. (Herr Kaltmamsell nimmt seinen an seinem Schreibtisch.)

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Wir hatten den Verdacht, dass die für die Amseln am Balkon ausgelegten Rosinen in den vergangenen Tagen in Krähenmägen verschwunden waren. Den beiden, die auf den Kastanien vorm Balkon saßen, legte ich Erdnüsse aus. Die ersten schnappten sie sich erst, wenn ich nicht mehr im Wohnzimmer war (im Gegensatz zu den anderen Vögeln begreifen die Krähen nämlich das Konzept Fenster und glauben mich nicht verschwunden, wenn ich die Balkontür schließe). Doch schon bei der dritten Runde Erdnüsse auf Balkonsims fürchtete sich zumindest eine der beiden nicht mehr vor mir.

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Buch zwei der Wochenend-SZ. Ich habe den Eindruck, dass die Medien sich in den vergangenen Monaten hauptsächlich mit denen befasst haben, die sie als „vergessen“, „ausgegrenzt“, „abgehängt“ bezeichnen – mit bösen weißen Männern. Die faktisch diskriminierten Bevölkerungsgruppen am Rand der Gesellschaft (in USA z.B. schwarze alleinerziehende Mütter, illegal Eingewanderte aus Mexiko) schienen nicht so berichtenswert. Da dies aber ein unbelegter, persönlicher Eindruck ist, misstraue ich ihm (Entscheidungen auf der Basis von Resentiments und Gefühlen sind eben genau keine gute Idee). Kennt irgendjemand Zahlen zur Berichterstattung in den deutschen Medien? Wie oft in welcher Kaufmedienart über welche US-Bevölkerungsgruppe berichtet wurde? Sie würden mich sehr interessieren.

Denn: Mussten diese weißen Männer wirklich Angst haben? Die FAZ beobachtet:
„Die Angst vor der weißen Wut“.

Auch als Präsident Obama gewählt wurde, hatten seine Gegner keine Angst. Ärger, Verachtung und eine Riesenwut, das ja. Aber niemand musste realistischerweise fürchten, ihm würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Niemand musste fürchten, seine Art zu leben hätte in den Vereinigten Staaten keinen Platz mehr und dürfte mit keinem Schutz mehr rechnen. Kein mühsam erkämpftes, inzwischen verbürgtes Recht war in Gefahr, wieder entzogen zu werden. Niemand brauchte Angst davor zu haben, wegen seiner Rasse, seiner Herkunft, seiner Religionszugehörigkeit, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung respektlos behandelt, ausgegrenzt, bedroht zu werden.

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Raus an die Isar zum Laufen. Das Wetter war kalt und düster, doch fürs Gemüt brauchte ich dringend mal wieder entspanntes Traben in schöner Umgebung. Das immer noch leuchtende Restlaub hielt gut gegen den düsteren Himmel an. Leider habe ich davon nur ein Foto, denn mein 100% geladenes Smartphone ging bereits nach 20 Minuten, in denen ich es lediglich zweimal zum Fotografieren aktiviert hatte, wegen Akku leer aus. Ich habe ein Problem.

Auf dem Heimweg lief ich gleich mal beim Apple-Schrauber ums Eck vorbei – und stellte fest, dass er mittlerweile durch einen Friseur ersetzt wurde. Kann ich also erst nächste Woche anpacken.

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Ich hatte Lust auf ein seltenes Vollbad. Bitte beachten Sie: Es handelt sich lediglich um eine perspektivische Täuschung, die das Buch mit Schaum bedroht.

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Auch Frühstück hatte ich mir auf dem Heimweg geholt. Mit der knusprigen Kruste der Ciabatta-Semmel riss ich mir gehörig den Gaumen auf.

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Die Bügelwäsche der vergangenen drei Wochen abgearbeitet (seine Hemden bringt Herr Kaltmamsell in die Reinigung – vier Hemden für acht Euro, selbst käme ich damit nicht mal auf Mindestlohn).

Ich hörte dabei das WDR-Radiofeature
„Spaniens geraubte Kinder“.

Dass im Spanien der Francozeit Regimegegnerinnen systematisch die Kinder weggenommen wurden, meist direkt nach der Geburt, ist ja eh ein immer noch unaufgearbeiteter Skandal. Doch dieses lukrative Geschäft wurde auch nach Ende der Diktatur weitergeführt, die katholische Kirche sorgte dafür. Man schätzt, dass insgesamt 300.000 Kinder betroffen sind. Margot Litten hat recherchiert, warum das bis heute keine rechtlichen Konsequenzen hatte, sprach mit Müttern auf der Suche nach ihren Kindern, mit Kindern, die ihre biologischen Eltern nicht kennen, mit Juristen, die vergeblich versucht haben, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Und wir sprechen hier von einem EU-Staat im 21. Jahrhundert. Als erzählt wurde, wie eine 99-jährige und eine 100-jährige baten, dass ihre DNA archiviert werde, für den Abgleich mit künftigen Funden in Massengräbern, und wie sie abgewiesen wurden, fing ich fast zu weinen an. (Unter anderem weil ich buchstäblich keine Ahnung habe, wie viele Leichen meine eigene spanische Familie im Keller hat. Ich weiß ja nicht mal, auf welcher Seite welche Angehörige meiner Großelterngeneration im Bürgerkrieg gekämpft haben.)

Das Feature weist auch darauf hin, dass die Rolle der katholischen Kirche im spanischen Faschismus bis heute nicht aufgearbeitet ist (war eines meiner Magister-Prüfungsthemen, in den 21 Jahren seither scheint nichts vorangegangen zu sein). Fast nichts ist in Spanien aufgearbeitet: Das Amnestiegesetz, das seinerzeit eine ungehinderte transición in die Demokratie ermöglichen sollte, verhindert das bis heute.

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Wir läuteten den Abend mit Manhattans ein.

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Zum Nachtmahl gab es die Cocido-Reste vom Vorabend.

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Und die Nachtisch-Reste.

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Es gibt Schlafwandler. Und es gibt Zahnputzwandler.

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„Trump confirms that he just googled Obamacare“.

“I Googled it, and, I must say, I was surprised,” he said. “There was a lot in it that really made sense, to be honest.”

Wann tritt er sein Amt an? 20. Januar? Dann hat er noch gut zwei Monate, sich in die Themen einzulesen, die er für seinen Wahlkampf zerfetzt hat. Prima.

Journal Mittwoch, 9. November 2016 – Schlechte Nachrichten und Erinnerungen

Donnerstag, 10. November 2016

Aufgewacht zur Nachricht, dass jemand US-Präsident wird, den ich am Anfang seiner Kampagne, als alle noch über den absurden Gedanken seiner Kandidatur schmunzelten, mit Berlusconi verglich. Ich muss jetzt neu darüber nachdenken: Berlusconi hatte mehr gefährliche Medienmacht, wurde von seinen Wählerinnen und Wählern ebenso als echter Kerl verehrt, der sie auch alle gerne wären, und er ist in puncto Rassismus sowie Sexismus durchaus Trumps geistiger Bruder, doch er hatte zumindest politische Erfahrung. An ihm konnte die internationale Politik schon mal üben, wie man mit einem Menschen ohne Anstand und Benehmen öffentlich umgeht.

Aufgewacht auch zu Winterlandschaft.

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Die Theresienwiese war nach vier Monaten wieder passierbar (schon am Montag hatte ich gesehen, dass die Umzäunung beseitigt war).

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Abends bereitete ich schon mal den Nachtisch für die freitäglichen Gäste zu, am Donnerstagabend würde ich keine Zeit dazu haben.

Nach dem Abendessen (Salat aus Ernteanteil, kroatischer Pressack) verbrachte ich fast zwei Stunden mit ausführlichem Pokémon-Aufräumen: Mit Glücksei-Verstärkung den Fang der vergangenen zweieinhalb Wochen entwickeln, dann von jedem nur zwei bis drei behalten. Das dauerte vor allem deshalb so lange, weil die App immer wieder hängen blieb, entweder ganz oder mit Fehlermeldung, dass aus unbekannten Gründen dieses Pokémon nicht entwickelt werden oder verschickt werden konnte. Ich musste mehrfach neu starten, das betroffene Pokémon war anschließend verschwunden.

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Der gestrige 9. November war ja auch der 9. November. An dem vor 78 Jahren der Antisemitismus in Deutschland organisiert gewalttätig wurde. Read on my dear erzählt ihre Familiengeschichte dieses Datums:
„Der 9. November“.

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„30 Painfully Hilarious Comics About Periods That Only Women Will Understand“.

Mein Favorit ist Nr. 22. Und ich freue mich sehr über die lustigen Cartoon-Uteri.

via @anneschuessler

Journal Sonntag, 6. November 2016 – erster Schnee

Montag, 7. November 2016

Es regnete kräftig, vormittags wechselte es in Schneeregen. Während die Winterliebhaberinnen in meiner Timeline wohlig seufzten (auch in der Umkleide des Sportstudios hörte ich Entzückensrufe), sah ich nur astreines Sauwetter.

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Ich ging mit Schirm zu Fuß zum Ostbahnhof zur Turnstunde, doch das war im Regen so unschön, dass ich zurück die S-Bahn nahm. Und das tat ich direkt nach Krafttraining (diesmal war ich nicht die einzige) und Stepaerobic, weil ich nicht nur mein Schweißtuch, sondern auch meine Duschsachen vergessen hatte. Ich war beim Krafttraining gut mit Aufwischen meiner Tropfen beschäftigt.

Nachmittags war ich am Schloss Nymphenburg verabredet, mit jemandem, wie sich herausstellte, die bis vor 15 Jahren regelmäßig Besuchergruppen durch die Räume geführt hatte. Ich profitierte davon, dass sie sich bei unserem Besuch an viel erinnern konnte. Der anschließend geplante Spaziergang durch den Park ging im Regen unter, wir kehrten direkt im wunderschönen Café im Palmenhaus zu Kaffeeundkuchen ein.

Zurück daheim las ich War of the Encyclopaedists aus, weiterhin sehr angetan. Mehr nach der Leserunde, in der wir uns mit dem Roman beschäftigen werden.

Herr Kaltmamsell war aushäusig verabredet, zum Nachtmahl garte ich mir Kürbisschnitze im Backofen, aß sie mit Käse und Butter.

Journal Dienstag, 1. November 2016 – Indisch aufgekocht

Mittwoch, 2. November 2016

Am letzten Tag meiner Allerheiligenferien wollte ich Laufen gehen und Kochen. Das Wetter war in München ein weiteres Mal wundervoll sonnig, wenn auch morgens recht frisch (70 Kilometer nördlich in dem Nebelloch, in dem ich groß geworden bin, war es nämlich den ganzen Tag grau). Ich radelte an den Friedensengel und lief Isar-abwärts.

Das Laufen war sehr schön zwischen den nun schon fast laublosen Bäume, über Blätter verschiedenster Farben mit ihren unterschiedlichen Raschelgeräuschen, neben der glitzernden Isar. Ich spürte ein wenig den Muskelkater von den sonntäglichen Kraftübungen, lief sonst aber beschwerdefrei.

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Zurück zu Hause war Herr Kaltmamsell vom Rollenspielen heimgekehrt, wir erzählten einander.

Airbnb-Anfrage für die diesjährige Weihnachtswinterflucht verschickt: Wir würde gerne eine Woche auf Mallorca verbringen. Da die Beschreibung und das Vermieterinnenprofil auf Spanisch veröffentlicht waren, kratzte ich eine halbe Stunde lang mein schriftliches Spanisch für die Anfrage zusammen. Ich hoffe, ich habe genug Fehler gemacht, dass die Vermieterin über den Versuch gerührt ist statt sich über den Dilettantismus zu ärgern.

Diesmal machte ich mich rechtzeitig ans Kochen. Es sollte zwei Currys geben, beide nach einem Rezept von German Abendbrot: Palak Paneer mit dem am Vortag selbst gemachten Paneer, das ich so gerne mag, dass ich es bei fast jedem Besuch in einem indischen Restaurant bestelle, und Sooka Masala Lamm, ein scharfes Lamm-Curry. Beide Rezepte funktionierten perfekt (und weil Herr Kaltmamsell ein begeisterter Curry-Koch ist, hatten wir sogar schwarzen Kardamom vorrätig) und schmeckten ausgezeichnet – das Palak Paneer (ich hatte 10-prozentigen Joghurt verwendet) sogar besser als alle, die ich davor gegessen hatte.

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(Den frischen Koriander habe ich vergessen – der liegt noch im Gemüsefach des Kühlschranks.)

Das waren schöne, erholsame Ferien. Und bis zum nächsten Wochenende sind es dann ja nur drei Tage.

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In Chrismon, dem Kundenmagazin der evangelischen Kirche, stand diesmal wieder eine besonders gute Reportage, nämlich über eine geschlossene Station der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité in Berlin.
„Eine heftige Woche“.

Zu Wort kommen Personal, Patienten und Patientinnen, auch die Journalistin als Ich, das die Situation beeinflusst, über die es berichtet.

Journal Montag, 31. Oktober 2016 – Selbstgemachtes Paneer

Dienstag, 1. November 2016

Auch für den dritten Allerheiligenferientag hatte ich Pläne: Schwimmen, Frühstücken, Einkaufen für Dienstag.

Durch einen weiteren sonnigen Herbsttag radelte ich hinaus ins Olympiabad. Dort war es lebhaft, doch auf meiner Schwimmbahn kamen wir gut miteinander zurecht. Als mich zum wiederholten Mal eine superzierliche Frau mit einer kraftraubenden Schwimmübung überholte (sie lag auf dem Rücken, hatte die Arme über den Kopf gestreckt und bewegte sich mit Delfinbeinschlag fort), kam ich ins Grübeln, dass sich im Freizeitsport wohl eine weitere Schere in der Gesellschaft öffnet: Sehr körpertüchtige Menschen auf der einen Seite, die ohne Anstrengung 20 Kilometer laufen oder einen Tag lang rennradeln, auf der anderen Seite sehr bewegungsferne Menschen, die sich bereits von einem 30-minütigen Fußweg oder Sockenanziehen im Stehen überfordert fühlen. Was sehr wahrscheinlich wiederum mit der Herkunft korreliert: Aufwachsen in einer Umgebung, in der von Klein auf organisierte Bewegung eine Rolle spielt oder eben nicht.

Zum Frühstück radelte ich nach Neuhausen ins Karameel, las Zeitung und Buch.

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Einkaufen im Süpermarket Verdi – der so voll war, dass ich kurz mal in mich ging, ob vielleicht mehr als nur ein Feiertag anstand. Buntestes Menschengewusel in vielerlei Sprachen, ernste Emsigkeit hinter der Metzgertheke, an der viele Meter lang angestanden wurde. Da flog schon mal ein Hühnerbein vom Metzger an einem Ende zum Kollegen ans andere, routiniert in einer Tüte aufgefangen. Der Sonderwunsch eines vorsichtigen, leisen Kunden wurde nicht verstanden, schnelle Frage in die Runde: „Kann jemand Arabisch?“ Konnte ein anderer Kunde, nach kurzem Übersetzen waren alle zufrieden.

Am Dienstag habe ich zwei Currys geplant (Herr Kaltmamsell kommt vom Rollenspielen zurück), für eines stellte ich Paneer nach dem Rezept von German Abendbrot her. Zum Pressen durften es natürlich nur Kochbücher sein.

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Ich war zufrieden.

Gemütlicher Abend mit Internet, Nachtmahl waren Reste des Ofengemüses vom Vortag mit frisch gekochten Nudeln. Gefolgt von großen Mengen Billigsüßigkeiten.

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Der EU-Politiker Günther Oettinger hat kürzlich in Hamburg vor einem Unternehmerverband eine Rede mit einigen beleidigenden Ausfällen gehalten. Ein Teilnehmer hat Auszüge davon veröffentlicht, seither steht Oettinger in der Kritik, diese Kritik wiederum wird heiß diskutiert. Auch Journelle war Teilnehmerin der Veranstaltung und fasst sehr gut zusammen:
„Politische Korrektheit ist nicht das Problem“.

Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt.

(…)

Ich fürchte, das Kernproblem ist ein anderes. Es geht um die hegemoniale Deutungsmacht. Wenn man jahrzehntelang gewohnt ist, dass man ohne Konsequenz tun und sagen kann, was man will, dann irritiert einen dauerhafte Kritik. Dann wirken diejenigen, die einen auffordern, das eigene Handeln zu überdenken wie eine Bedrohung.

Journal Sonntag, 30. Oktober 2016 – Krabat

Montag, 31. Oktober 2016

Plan für Tag 2 meiner Allerheiligenferien war: Sport im Sportstudio mit Spazieren hin und zurück, Lesen, Ofengemüse.

Herrlichst ausgeschlafen. Der Weg zum Ostbahnhof war noch neblig.

Im Sportstudio kam ich gerade noch pünktlich zu einer halben Stunde Krafttraining in Kleingruppe, die ich in den vergangenen Wochen immer wieder beobachtet hatte, während ich mich daneben warmruderte. Nur dass ich gestern die einzige Teilnehmerin war. Ich lernte von der Trainerin den Umgang mit der Faszienrolle: Kam sofort auf meine Einkaufliste. Dann ließ sie mich interessante Übungen mit verschiedenen Kettle Bells machen, Liegestützen und abschließend Bankstütz. Ziel des Letzteren war „solange es geht“, doch nach anderthalb Minuten war ich immer noch nicht erschöpft und die Trainerin musste zum nächsten Termin (ich bilde mir ein, sie war beeindruckt).

Sollte mir recht sein, denn ich tobte mich anschließend bei Stepaerobic aus. Allerdings mit traurigem Ende: Auch dieser geschätzte Vorturner hört auf und gibt die Stunde ab.

Mittlerweile war der Nebel verschwunden, ich genoss einen sonnigen Rückweg über die dicht bevölkerten Isarauen (mit einem Haufen Pokémon).

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Wochenend-SZ gelesen, die beigelegten Magazine der vergangenen Woche, das Stapelchen Zeitungszeugs, dass sich angesammelt hatte.

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Im sonnenbeschienenen Wohnzimmersessel Krabat ausgelesen. Ich war sehr gespannt auf das Leseerlebnis gewesen: Als Herr Kaltmamsell das Buch kürzlich mit einer Schulklasse gelesen hatte und davon erzählte, bemerkte ich, dass ich es seit meiner Jugend nicht nochmal gelesen hatte. Denn er erwähnte als Ort Hoyerswerda, der mir heute als realer Ort ein Begriff ist – den ich aber bei meiner letzten Lektüre ganz sicher als einen erfundenen Märchenort aufgefasst hatte.

Der Roman gefiel mir wieder ausgesprochen gut, auch aus der analytischeren Erwachsenensicht. Preußler vermischt archaische Sagenelemente (Teufel, Seele verkaufen, Hexer, nur eine einzige weibliche Figur) mit historischen Legenden (Nordischer Krieg) und legt darüber eine moderne Figurenpsychologie. Ich erinnerte mich gut, wie gefesselt ich als Teenager – ich muss bei der Erstlektüre 14 gewesen sein – von der Düsternis der Geschichte war, von den Naturbeschreibungen, der Plackerei in der Mühle, von der Grausamkeit des Müllers. Und von der detailreichen Beschreibung der Mahlzeiten. Die Märchenhaftigkeit wurde in meiner Wahrnehmung unterstrichen von den vielen seltsamen, unbekannten Wörtern; einige aus der Müllerei sind mir bis heute fremd. Die reine Männerwelt hat mich damals sicher angezogen: Es geht um körperliche und geistige Kraft, um handwerkliche Fertigkeiten, Freundschaften bis über den Tod hinaus – das alles schätzte ich schon als junges Mädchen. Dagegen ist die Liebesgeschichte blass und rein funktional, Mädchen haben keine eigenen Ziele, sind halt für die Liebe und fürs Erlösen der Männer da – langweilig.

Bei der heutigen Lektüre fiel mir in der Geschichte das Gegenüberstellen von irdischer Anstrengung und dem Preis der Abkürzung durch Hokuspokus auf. Die Müllerburschen lernen ja wirklich ihr Handwerk, der Austausch eines Mühlrads wird ein ganzes Kapitel lang beschrieben. Die Metaphysik der schwarzen Kunst, die in dieser speziellen Mühle dazu kommt, dient in erster Linie dazu, Macht zu bekommen, sich über andere Menschen zu erheben.

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Fürs Abendessen hatte ich am Freitag Sommergemüse eingekauft, das ich jetzt klein schnitt und im Ofen garte. Ich hatte große Lust auf ein Glas Rotwein, und ich wusste auch welchen (jung, spanisch, rot). Doch als ich den ersten Schluck nahm, schmeckte er mir überhaupt nicht. Ich verschloss die Flasche wieder und ließ das mit dem Wein bleiben.

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Michael Seemann hat sich Gedanken darüber gemacht, warum sich zwischen den sogenannten besorgten Bürgern und der Restgesellschaft ein Abgrund zu öffnen scheint. Wie definieren Menschen wie AfD-Anhänger und -Anhängerinnen eigentlich ihren Gegner?
„Die Globale Klasse – Eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.“

Da ist zunächst die Erzählung einer Verschwörung, über alle Parteigrenzen hinweg. Es gäbe gar keine echte Demokratie mehr, sondern nur noch die Einheits-Blockpartei CDUSPDFDPGRÜNELINKE. Auch die Medien (“Lügenpresse”) steckten mit unter der Decke. Gut wird empfunden, dass die endlich Gegenwind bekämen (Trump, Le Pen, AfD, FPÖ, Brexit) und sich eine „echte Alternative“ (Alternative für Deutschland, Alt-Right-Movement) bildete.

Es ist leicht, diese Vorstellungen als Spinnerei abzutun, aber wenn man sich die drei wesentlichen Eckpfeiler der neurechten Programmatik besieht – Migration, Globalisierung und Political Correctness – dann ist nicht zu leugnen, dass es in diesen Bereichen tatsächlich einen gewissen Grundkonsens in den Medien und Parteien (die CSU mal ausgeschlossen) gibt. Ein Konsens, von dem allerdings gerne angenommen wird, dass es ein gesamtgesellschaftlicher Konsens ist. Weil es vernünftig ist. Weil es menschlich ist. Weil es das einzig richtige ist. Da müssten doch alle dafür sein. Nicht?

(…)

Es gibt heute eine globalisierte Klasse der Informationsarbeiter, der die meisten von uns angehören und die viel homogener und mächtiger ist, als sie denkt. Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die New York Times lesen statt die Tagesschau zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt, um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht, wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht. Europa und Nordamerika mögen Schwerpunkte sein , doch die Klasse ist tatsächlich global. Eine wachsende Gruppe global orientierter Menschen gibt es in jedem Land dieser Erde und sie ist gut vernetzt. Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien und weil sie die Informationen kontrolliert (liberal Media, Lügenspresse), gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor. Das heißt nicht, dass sie politisch homogen im eigentlichen Sinne ist – zumindest empfindet sie sich nicht so – sie ist zum Beispiel in Deutschland fast im gesamten Parteienspektrum zu finden, in der CDU, SPD, LINKE, GRÜNE, FDP. Diese Klasse entspringt dem Bürgertum, aber hat sich von ihm emanzipiert.

Lösungskonsequenzen aus den zugespitzten Beobachtungen von mspro fallen mir auch nicht ein, aber ich finde sie wichtig.