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Journal Mittwoch, 17. Juni 2026 – David Hockney und wenn ich malen könnte

Donnerstag, 18. Juni 2026

Der Wecker klingelte extrafrüh, ich plante einen Lerchenlauf. Für den verließ ich kurz nach sechs das Haus, lief angenehm leicht in feuchten Sommermorgendüften (es hatte nachts geregnet), bekam endlich mal wieder den Laufgenuss, wegen dem ich das doch eigentlich mache.

Die David-Hockney-Doku ging mir weiter durch den Kopf. Meine Gedanken kreisten um die zentrale Funktion, die Umsetzung von Wahrnehmung für Hockney hatte (darauf wies in der Doku Kurator Andrew Wilson von Tate Britain hin, im Gegensatz zum anderen Geschwurbel auf der Basis von Hockneys eigenen Aussagen). Hockneys Bilder versuchen seine Wahrnehmung wiederzugeben, vor allem seine visuelle Wahrnehmung – und nein: Das ist keineswegs Anliegen aller Künstler*innen. Manche setzen etwas um, was sie vor ihrem inneren Auge, in ihrer Vorstellung haben. Manche arbeiten eher prozesshaft und wissen selbst nicht, was das Ergebnis sein wird. Wieder andere starten mit Einzelelementen, Gegegenständen, Material, das sie zu einem Ergebnis kombinieren. Plus unzählige andere Ansätze als das Ziel, Wahrnehmung wiederzugeben.

Zum Beispiel die Linien des Sonnenlichts im Wasser gebrochen auf dem Boden eines Swimming Pools. Hockneys Pool-Bilder waren seine ersten Werke, die ich kennenlernte. Herr Kaltmamsell und ich arbeiteten Anfang der 1990er beide als Hiwis an der Augsburger Uni am Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft. Wir waren noch kein Paar, als der heutige Herr Kaltmamsell mich während eines gemeinsamen Hiwi-Dienstes in die Uni-Bibliothek bat, nur zwei Büro-Gänge vom Lehrstuhl entfernt: Er wolle mir etwas zeigen. Dieses etwas stellte sich als Bildbände von David Hockney heraus, er wollte mich auf die Pool-Bilder hinweisen (hier eines der berühmtesten, “Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)”). Ich war sofort gefangen (und sehr beeindruckt von Herrn Kaltmamsell), vor allem von den Linien, die das Sonnenlicht auf den Boden des Pools warf: Erst durch die Wahrnehmung ihrer unvergleichlichen Schönheit und deren Abbildung sah auch ich sie – und denke jetzt bei jedem Schwumm mit sonnenglitzerndem Schwimmbeckenboden an Hockney.

Oder wie Andrew Wilson bemerkte: Als er zum ersten Mal nach Los Angeles und diese Gegend Kaliforniens reiste, habe er das Gefühl gehabt, durch Bilder von David Hockney zu fahren. Hockney hatte die Essenz dieser Anblicke wahrgenommen und in seinen Kalifornien-Bildern umgesetzt.

Das Umwerfende dabei: Mit seiner Kunst geht David Hockney weit darüber hinaus, was Fotografie einfangen kann. Am besten sieht man das an seinen Kunstwerken, die er aus Fotos zusammengebaut hat, zum Beispiel an diesem Portrait von Billy Wilder, das die Wahrnehmung des Menschen deutlich präziser einfängt, als das ein konventionelles Foto von ihm könnte. Obwohl Hockney im Zweidimensionalen bleibt, hält das Porträt auch Bewegung fest.
Ähnliches gilt für Hockneys Doppel-Porträts, zum Beispiel dieses von Christopher Isherwood and Don Bachardy: Neben visuellen Wahrnehmungen transportieren sie auch die Wahrnehmung von Gefühlen, der Beziehung zwischen den beiden Portraitierten (die allerdings wiederum bei der Betrachterin andere sein könnten als beim Maler).

Und als ich so in den Isarauen vor mich hin trabte und darüber nachdachte, begann ich mir nach Jahrzehnten wieder zu wünschen, ich könnte malen. Denn das Wahrnehmen samt Bedürfnis, dieses festzuhalten und anderen zu zeigen – das kenne ich sehr gut. Ich versuche es halt mit unbeholfenen Handy-Fotos. Jetzt wurde mir bewusst, wie vieles von meiner Wahrnehmung ich beim Fotografieren weglassen muss oder ich nie die Chance habe festzuhalten, weil es bis zum Zücken des Handy längst vorbei ist. Oder wie oft das Foto überhaupt nicht wiedergibt, was ich eigentlich sah. Bislang fand ich mich halt damit ab, dass sich manches nicht einfangen lässt – oder machte mir Vorwürfe, weil ich immer zu faul war, mich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen.

Malerei gäbe mir die Chance, das innerlich festgehaltene Bild zu äußern oder den Schwerpunkt meiner Wahrnehmung, das, was mich hinsehen ließ, in den Vordergrund zu stellen – viel mehr als jedes Foto. Zum Beispiel beim Wandern vergangenen Samstag der Sonnen-beschienene Mückenschwarm im Wald vor einem Stück blauem Himmel mit Wolken (der mich umgehend stehenbleiben und nach dem Mückenspray kramen ließ): Keine Chance, das in ein Foto zu bannen. Aber malen könnte man das, ich dachte an David Hockneys Yorkshire-Bilder (hier ein Beispiel aus seinem Sketch Book).

Ein Beispiel von meinem gestrigen Lauf:

Könnte ich malen, stellte ich die Beziehung zwischen den Pastelltönen an der jungen Frau und den Fassaden heraus, verschöbe die Frau ein wenig nach links. (Nein, sowas mit Prompts eine Maschine machen zu lassen, ist nicht dasselbe.)

Hier würde ich die Elemente verdichten, die Stadt-Silhouette und den Badenden zusammenrücken – weil DAS meine eigentliche Wahrnehmung war: Mitten in der Stadt, von einer Brücke sichtbar und vor einer sehr städtischen Kulissen ein nackter Männeroberkörper im Fluss.

Ein Element meiner Wahrnehmung bei beiden Motiven: Ich finde sie lustig! Und Humor ist etwas, was ich auch in Hockney Werk sehe – was meiner Meinung nach in den Nachrufen auf ihn viel zu wenig Raum einnimmt.1

Weitere Wahrnehmungen auf meiner Runde, nicht alle sah ich automatisch mit David-Hockney-Filter (so wie ich vor einem Jahr nach Besuch der Ausstellung japanischer Holzschnitte alles mit Holzschnitt-Filter sah).

Ich beendete meine Laufrunde inspiriert und fröhlich. Schnelles Duschen und Fertigmachen, Arbeitsweg mit U-Bahn-Unterstützung.

Im Büro geordnetes Wegarbeiten, das war eine schöne Abwechslung. Mittagscappuccino im Westend, sehr komisches Wetter: Die Hitzewelle kündigte sich bereits an, doch noch waren die Temperaturen angenehm, lediglich drückte die Luft bereits wie in Hitze.

Wie schon am Montag ein Kompliment für mein Outfit bekommen – von einer völlig fremden entgegenkommenden Passantin. Das freute mich – und bestärkte mich darin, das auch weiterhin selbst zu tun.

Zu Mittag gab es Hüttenkäse mit Leinsamenschrot, außerdem Aprikosen und Nektarinen: Am Montag unreif eingekauft, jetzt waren sie perfekt nachgereift.

Arbeitsamer Nachmittag, das Fenster nach draußen schloss ich lieber gegen dieses seltsame Drücken. Ich fühlte mich müde und konzentrierte mich nur schwer; da bei meinen gestrigen Aufgaben Fehler sehr peinlich wären, checkte ich alles dreimal.

Nach Feierabend holte ich ein UPS-Paket in einem kleinen Laden an der Landwehrstraße ab, in dem ich vor lauter auf dem Boden verstreuter und überall wild gestapelter Ware nicht mal bis an die Theke kam. Aber hey! Das Paket wurde nach einer Weile gefunden.

Zum Nachtmahl war ich mit Herrn Kaltmamsell zu einem weiteren Versuch Schnitzelgarten verabredet. Und wir hatten Glück: Es gab genug freie Tische, niemand stand Schlange.

Zu einem alkoholfreien Weißbier gab es hervorragende Pommes, sehr gutes Cordonbleu mit Gorgonzola-Füllung. Und es blieb genug übrig für ein reichliches Frühstück für Herrn Kaltmamsell.

Zurück daheim zum Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, bei noch hellem Himmel zum Schlafen gelegt.

  1. Es ist hoffentlich klar, dass ich nicht versuche, mich mit David Hockney zu vergleichen? []

Journal Dienstag, 16. Juni 2026 – Wirklich kurze Haare!

Mittwoch, 17. Juni 2026

Die Arbeitssorgen, die mich beim Zu-Bett-gehen gehörig umgetrieben hatten, störten meinen Schlaf glücklicherweise erst in der letzten Phase. Ab dann aber durchgehend bis zur Verzweiflung auch auf dem Arbeitsweg (kühl, gemischtwolkig, aber eher freundlich) und bei Arbeitsanfang. Am Schreibtisch bestärkte mich ein neues Detail dazu in meinem Postfach zumindest darin, mich auf meine (wirklich echt ehrliche) Nicht-Zuständigkeit zu konzentrieren: Aus Verzweiflung wurde zumindest lediglich Unglück. Meinen komisch turbulenten Bauch konnte ich allerdings nicht so einfach damit erklären, den hatte ich vor einer Woche auch schon ohne dieses Schlamassel.

Und ich hielt mich daran fest, dass ich meinen schönsten Rock mit meinen schönsten Schuhen trug.

Mittagscappuccino inklusive Marschrunde im Westend.

Nachmittag mit mühsamer Arbeit und einem kleinen Ausrutscher in meiner Servicehaltung. (Daran gelernt: Selbst ich habe eine Trivialitätsgrenze bei Aufgaben, nämlich wenn sie sich zu weit unter sogar Kaffeekochen anfühlen.)

Große Freude auf das Wochen-Highlight: Endlich ein Haarschnitt.

Vorher nochmal die Mähne festgehalten. Auf dem Weg aus dem Bürohaus kam ich an einem Besprechungsraum vorbei, in dem Chor gesungen wurde (ca. sechs bis acht Leute) – das war unerwartet.

Der vertraute Familienfriseur hatte wieder Spaß mit meinem dicken Haar (und mit meinem Vergleich, dass ich mich fühlte wie dieses eine Schaf, das für ein paar Jahre in den Bergen verschwunden war und völlig von seiner Wolle eingewachsen gefunden wurde).

Ich war hochzufrieden mit dem Haarschnitt. Auf dem Heimweg noch eine Runde Milchprodukteinkäufe beim Alnatura.

Daheim eine Einheit Yoga mit ein wenig Anstrengung. Zum Nachtmahl setzte Herr Kaltmamsell eine Abmachung um: Nach unserem Besuch im Mix Market mit seinen osteuropäischen Produkten hatten wir ein Abendessen mit verschiedenen gefüllten Teigwaren von dort geplant. Und gestern servierte er: Vareniki (Sauerkrautfüllung) in Brühe, dann Pierogi (Hackfleischfüllung) und Khinkali (Spinat/Mozzarella) mit Butter. Gut und sättigend.

Nachtisch erst der Rest Apricot Crisp, dann Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen. Am Montagabend hatte ich das Granta mit skandinavischer Literatur beendet (interessant, unter anderem: auch woanders gibt es alte weiße Theatermacher mit Entitlement-Problem), die neue Lektüre, Vicki Baums Zwischenfall in Lohwinckel, nahm mich mit in die deutschen 1920er in Form des Haushalts eines nicht mehr jungen Provinz-/Landarztes mit junger Frau, kleiner Tochter und Problemen – deutlicher Gegensatz zum Fernseh-Landarzt-Idyll mit nostalgischer Note.

Journal Samstag, 13. Juni 2026 – Wanderung ab Geltendorf, Sankt Ottilien mit Missions- und jüdischer Geschichte

Sonntag, 14. Juni 2026

Gut und ausgeschlafen, aufgestanden zu gemischten Wolken, aber deutlichem Temperaturanstieg. Alles wies darauf hin, dass das ein hervorragender Wandertag würde, das stellte sich später auch als richtig heraus.

Zu dieser Wanderung war ich um zehn am Münchner Gleisende verabredete, genug Zeit für einen gemütlichen Morgen mit Bloggen und Mastodon-Lesen. Länger als bei jeder Wanderung zuvor dachte ich über angemessene Wanderkleidung nach: Zwar war der sichtbare Wetterumschwung angekündigt gewesen, doch die vorherigen sehr kalten und dann auch noch regnerischen Tage musste ich erstmal aus dem Kopf bringen. Schließlich entschied ich mich für kurze Wanderhose und kurzärmliges Oberteil, schlüpfte aber in meinen leichten Windbreaker.

Münchner Nicht-Hauptbahnhof.

Die Windjacke zog ich gleich bei Ankunft am Gleis aus: Es war viel zu warm dafür.

Die Mitwanderin hatte als Ziel unserer Tour Sankt Ottilien bei Geltendorf vorgeschlagen, dessen ungewöhnliche Geschichte im 20. Jahrhundert ich bereits von ihr kannte: In der Nachkriegszeit diente das Benediktinerkloster als Krankenhaus für jüdische Häftlinge aus dem KZ Dachau. Außerdem interessierten wir uns für das dortige Missionsmuseum. Ich fand eine Wanderung drumrum, die uns einige Stunden in Bewegung halten sollte.

Es wurden schöne Stunden, auch wenn die erste Hälfte über Kaltenberg fast ausschließlich auf asphaltierten Wegen führte. Doch es ging ein angenehmer Wind, meist schien die Sonne, mit kürzen Ärmeln und Sonnenkappe war ich genau richtig ausgestattet.

Zwischen Geltendorf und Kaltenberg bewunderten wir die Wellen, die der Wind in die grünen Kornfelder blies: Nur in dieser Phase zeigten sie ihren ganzen Zauber, weil die Blätter der Halme verschiedene Grüntöne trugen; bei weiterer Reife der Pflanzen ins Gelbe verschwindet der Effekt.

Bilderbuch-Bayern

Zwar wird es auch dieses Jahr das Kaltenberger Ritterturnier geben (das ich vor 38 Jahren auch mal besuchte – das erste Mal wurde es schon 1980 veranstaltet), doch jetzt lagen die Anlagen noch ruhig da.

Ebenfalls Bilderbuch – mit starkem Verdacht, dass erst das Bilderbuch da war, und die Anlagen diesem Wunschbild angepasst wurden. Diesmal hatte ich sogar eine Kunsthistorikerin bei der Hand, die das bestätigen konnte.

Nach einer Schleife zurück und hinter dem Ort Kaltenberg ging es endlich auf Feldwege und in den Wald. Wo ich bereits nach wenigen Metern zum Mückenspray griff, das seinen festen Wohnsitz in meinem Wanderrucksack hat: Das malerische Sonnenlicht durchs Grün der Bäume machte Mückenschwärme sichtbar, mit denen ich nichts Engeres zu tun haben wollte. Ansonsten waren die Wege aber nach den Regenfällen der Vortage überraschend wenig matschig.

Nach etwa zweieinhalb Stunden Gehen setzten wir uns auf ein passendes Bankerl und machten Pause, ich frühstückte Apfel und Hüttenkäse. Vor uns mal ein Falke, mal ein Rotmilan (den wir noch an zwei weiteren Stellen am Himmel sahen – vielleicht waren es natürlich auch drei verschiedene). Vorher hatten wir bereits recht nah zwei Hirschtiere im Wald gesehen, die ich früher Rehe genannt hätte, bevor ich lernte, dass Rehe genau genommen nur eine ganz kleine und eher seltene Gruppe Hirsch bilden. (Noch verbinde ich mit “Hirsch” zu sehr Geweih, als dass ich die Bezeichnung unbefangen verwenden könnte.)

In einem großen Bogen (und zwei Extra-Abstechern, weil der GPS-Pfad auf meinem Handy-Display nicht ganz mit der Gegend übereinstimmte) gingen wir nach Eresing, das wir in diesem Bogen immer im Blick hatten. Auf die dortige Kirche war ich gespannt, denn je näher wir kamen, desto mehr sah sie in Details untypisch für eine Bilderbuch-Barockdorfkirche aus.

Der Eingang zu dieser Kirche St. Ulrich lag erhöht auf der Rückseite. Innen schöne Rokkokko-Gestaltung mit überraschend gut gemalten Fresken (erst vor wenigen Jahren renoviert), der Hauptbau sichtlich von einem ursprünglichen gotischen Bau übernommen. Wir fanden auch die Treppe hinunter ins Erdgeschoß mit einer Kapelle.

Nicht viel später gelangten wir bereits nach Sankt Ottilien – ich war überrascht, wie weitläufig die Anlage ist.

Eingang zum Missionsmuseum.

In dem mir wie immer beim Thema christliche Mission ausgesprochen unwohl war (Kolonialismus, Machtmissbrauch, Gewalt, Unterdrückung, Rassismus). Diese Ausstellung ist allerdings in vielerlei Hinsicht vorbildlich in Reflexion und Transparenz, unter anderem zieht sich der Aspekt Restitution der Exponate durch die gesamte Ausstellung.

Wir durchstreiften das Gelände, meine Begleiterin kaufte im Automatenladen der Gärtnerei Gemüse, wir besuchten den jüdischen Friedhof als einen Teil des Rundgangs zur jüdischen Geschichte Sankt Ottiliens.

Mit dem ich mich bei einem eigenen Besuch ausführlich beschäftigen möchte, jetzt weiß ich ja, wie schnell ich vom Bahnhof Geltendorf hier bin.

Zu diesem spazierten wir abschließend und ließen uns von einer Regionalbahn mit Umstieg in Pasing zurück nach München fahren. Das waren gut 20 Kilometer in knapp fünf Stunden gewesen, die immer wieder schöne Aussichten geboten hatten.

Auch über München blauer Himmel, darin Wind und angenehme Temperaturen. Ich ruhte mich ein wenig auf dem Balkon aus, bevor ich meinen Anteil zum Abendessen aus Resten beitrug: Kohlrabigemüse aus Ernteanteil, restlichen Salat angemacht. Dazu servierte Herr Kaltmamsell ein wenig Fleisch und Kartoffelbrei vom Vorabend. Ich bekam das restliche Glas Rosé.

Nachtisch Vin Santo (hervorragend) und Cantuccini, außerdem Schokolade. Wieder sehr früh ins Bett zum Lesen, ich war dann doch vom Wandern müde.

Journal Freitag, 12. Juni 2026 – Außer Atem über die Wochen-Ziellinie

Samstag, 13. Juni 2026

Ich hatte mich so oft morgens erinnert “noch NICHT Freitag”, dass ich gestern bei Weckerklingeln erstmal überlegen musste bis “FREITAG!”.

Das kalte Regenwetter ging in die Verlängerung, allerdings erwischte ich für meinen Marsch in die Arbeit (Woll-Janker, Schal) eine Regenpause. Gleich danach setzte wieder heftiger und windiger Regen ein.

Aber bis dahin bekam ich auf der Theresienwiese nicht nur Lindenblütenduft, sondern auch die Kamillenblüte in die Nase.

Am Schreibtisch überfielen mich gleich mal besonders unangenehme Aufträge, die mich von den eigentlich geplanten Arbeiten abhielten. Weil ich mit ihnen aber eh nicht vorankam (was sie noch unangenehmer machte), arbeitete ich Geplantes ab, immer mit einem Auge auf eine mögliche erlösende Information auf welchem Kanal auch immer, maximal unentspannt. Für Mittagscappuccino traute ich mich nicht weiter weg von meinem Schreibtisch als Cafeteria.

Sommer, aber in greislich.

Um die Mittagszeit endlich Erlösung, ich schnappte mir einen Schirm, um die Aufregung mit einer Runde im Regen um die Blöcke wegzulaufen.

Als ich zurückkam, ging’s grad so crazy weiter, was ist bloß aus Freitag geworden? Ich war sehr versucht, den nächsten Anruf mit “WER STÖRT?” entgegenzunehmen. (Was der technische Fortschritt AUCH kaputt gemacht hat, die Antwort steht ja heutzutage bereits auf Display/Bildschirm.)
Und dann schon wieder ein erzwungener Neustart für Updates! Wohin sind die Zeiten, in denen die Nacht für Software-Updates genutzt wurde?!

Parallel letzte Abstimmungen mit Freundin zu Samstag: Wir sind seit Monaten zum Wandern verabredet, das Wetter soll sich akkrat dafür einkriegen.

Mittagessen Flachpfirsiche und Aprikosen, außerdem Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot.

Eine Besprechung am Nachmittag spülte dann eine weitere Welle Zeugs über mich. Ich arbeitete auf dem Zahnfleisch weg, war eigentlich zu erschöpft für Heimgehen, machte in erster Linie aus Angst vor weiteren Auftragswellen Feierabend, Montag musste dafür auch noch reichen.

Auf dem Heimweg (ohne Bedarf für Schirm, vielleicht war’s das tatsächlich erstmal mit Regen, außerdem war es milder geworden) die geplanten Lebensmitteleinkäufe – ich bin sicher, dass andere Leute auch solche gemeinsamen Einkaufslisten haben.

Zu Hause erstmal dramatisch mit dem Gesicht nach unten auf das Bett von Herrn Kaltmamsell gekippt. (Er legte sich zu mir, das war sehr schön.) Dann eine Folge Pilates “Kraft und Balance / Für Fortgeschrittene”, MIPFLEISS! Überforderung riskierend. Innere Logik: Wenn ich die trotzdem schaffe, habe ich an diesem Tag zumindest irgendwas geleistet. Wenn ich sie nicht schaffe, kann ich wenigstens meinen Selbsthass rechtfertigen. WIN WIN!

Resultat: Nur eine Übung funktionierte auf einer Seite nicht befriedigend – vor allem aber taten sowohl Gabi Fastner als auch die Übungen wirklich gut.

Jetzt von Herzen Wochenende gefeiert, ich schüttelte Cosmopolitans.

Alkohol! So nützlich!

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Rinderippe geschmort.

Es gab sie mit Ernteanteil-Brokkoli und Kartoffelstampf, köstlich. Dazu hatte ich einen empfohlenen Rosé aufgemacht: den unfiltrierten Rosza libre von Claus Preisinger aus Gols. Schmeckte fruchtig, frisch und gut – aber in jüngster Zeit hatte ich Rosés im Glas, die mir noch besser schmeckten.

Nachtisch Schokolade, früh und völlig erledigt ins Bett zum Lesen.

§

Nebenwirkung von Papierpost: Eine liebe Urlaubspostkarte bescherte mir den ersten Anblick einer britischen Briefmarke, auf der NICHT die Queen abgebildet war! (Starkes Störgefühl bis ich begriff: Sie zeigte ihren Sohn.)

Außerdem bemerkenswert: König Karl trägt auf dem Briefmarkenbild, anders als seine Mutter, keine Krone (er hat vermutlich nur die offizielle, während die Königin ihre mit einem Diadem andeuten konnte).

Journal Mittwoch, 10. Juni 2026 – Zu viel für einen Tag

Donnerstag, 11. Juni 2026

Schon lang stand fest, dass gestern ein komplizierter Tag werden würde: Facharzttermin weit draußen UND Theaterabend. Daraus hatte ich fast ebensolang abgeleitet, dass ich mal besser von daheim arbeiten würde – was der Vereinfachung der Wege diente, in Wirklichkeit noch mehr Abweichung von Gewohntem und Alltag bedeutete. Nahezu zwingend logische Konsequenz: Mir fiel eine weitere Komplikation ein und ich plante einen Lerchenlauf vor der Arbeit. Das Universum hatte den Wink verstanden und legte ein Schippchen drauf: Kurz nach superfrühem Weckerklingeln setzte heftig prasselnder Regen ein, der laut Regenradar bis auf absehbare Zeit anhalten würde.

Dann stattete ich mich halt mit Schirmmütze und Regenjacke aus. Nur wenigen weiteren Läufer*innen begegnete ich beim agilen Pfützenspringen, die meisten hatten sich auf die Regenausstattung in Form von möglichst wenig Kleidung und barem Haupt verlegt: Nachvollziehbar, nass ist nass, und es war ja nicht wirklich kalt – aber das ist halt für Brillenträgerinnen keine Option.

Sehr nass.

Aber auch schön leer.

Weichzeichner nasse Linse.

Die letzten zehn Laufminuten meiner 80 wurden doch noch unangenehm: Die reichliche Nässe zog über die Beine der Laufhose hoch in die Unterhose. Nach Öffnen der Wohnungstür zog ich schnell alles Tropfende aus, ab in die heiße Dusche.

Recht pünktlich saß ich an meinem Arbeitsrechner (zwei paar Wollsocken, dickster Wollpulli über Baumwoll-Oberteil), Herr Kaltmamsell hatte seinen (höhenverstellbaren!) Schreibtisch für mich freigeräumt. Doch dann kämpfte ich erstmal eine knappe Stunde mit der Technik; unter anderem musste ich herausfinden, wie das aktuelle System heißt, das mich per VPN mit dem Arbeitsserver verbindet – nein, “VPN” ist kein Namensbestandteil. (Ebensowenig wie Software für E-Mail, Internetzugang oder Bildbearbeitung diese Funktionen im Namen trägt – muss man halt wissen.) Doch endlich erlebte ich einen wirklichen Vorteil von Homeoffice: Ich konnte die sonst untätige Zeit der erzwungenen Neustarts wegen Updates oder Fehlfunktionen sinnvoll nutzen! (Füllen und Starten der Waschmaschine, mittags Wäscheaufhängen.)

Die Arbeit war dann doch mehr als vorhergesehen, manche Spontanbitten konnte ich nicht erfüllen, weil keine Zeit oder weil mir die (aus Gründen papierenen und das Büro nie verlassenden) Unterlagen fehlten. Von der ausgedruckt mitgenommenen Arbeit konnte ich nur einen Bruchteil erledigen. Zudem saß mir der harte Schluss mittags im Nacken, weil halt Arzttermin. Aber für einen schnellen und heimisch guten Mittagscappuccino war Platz.

Schnelles und frühes Mittagessen: Flachpfirsiche mit Joghurt, dann signalisierte mein Bauch bereits Überfüllung. Ich musste eh schon los zum Arzttermin am Rande des Universums – unterm Schirm, denn es regnete immer noch heftig.

Der Nachmittag gestaltete sich mühsam und aufwendig, zumindest hatte der Regen nach Verlassen der Praxis (mit einer weiteren Überweisung in der Tasche) aufgehört. Aber ich fühlte mich völlig erledigt, hatte zudem einen komischen Bauch; auf der S-Bahn-Fahrt nach Hause wurde mir klar, dass ich keine Energie für über vier Stunden Theater (allein die Vorstellung von über vier Stunden Sitzen auf den mörderischen Kammerspiel-Stühlen!) und Zu-Bett-Gehen nach Mitternacht aufbringen würde. Diese Kulturpunkte muss ich für meinen Tracker anders reinholen.

Am Stachus hielt ich die Erschöpfung im Fotoautomaten fest.

Noch sechs Tage bis Haarschnitt.

Mit hängenden Flügeln schleppte ich mich nach Hause, bat Herrn Kaltmamsell um Verschiebung des Abendessens auf übliche Zeit statt früher für Theater. Für eine Stunde setzte ich mich nochmal an den Arbeitsrechner, tatsächlich konnte ich mich nützlich machen. Währenddessen kam der Regen zurück.

Eine sehr ruhige Runde Yoga, bevor Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch zum Nachtmahl Mohnnudeln servierte (Lagerkartoffeln aus Ernteanteil aufbrauchend) – sehr gut. Nachtisch Amarena-Eiscreme und etwas Schokolade.

§

Eine “KI” (Large Language Model), die in praktisch jeder Software Lücken finden kann – und gleich mal ausnützt: Das klingt schon ziemlich bedrohlich. Allerdings, so habe ich jetzt gelernt, sollte man misstrauisch werden, wenn diejenigen am lautesten auf die Bedrohlichkeit hinweisen, die sie verkaufen. Hier ein Interview mit Thorsten Holz, wissenschaftlichem Direktor des Max-Planck-Instituts für Sicherheit und Privatsphäre:
“Claude Mythos, ChatGPT-5.5 und die Cybersicherheit”.

Werden Privat-User bald auf Knopfdruck eine Bank hacken können?

„Nein, Privatuser können mit Claude Mythos keine Bank hacken. So einfach ist es nicht“, sagt Thorsten Holz. Für einen realen Angriff muss man zunächst ein Ziel auswählen. Man braucht unter anderem einen initialen Zugriff auf das fremde System, Infrastruktur und Netzwerk-Kenntnisse. Zudem muss man Detektionsmechanismen umgehen, um nicht erwischt zu werden.

§

Für mich, ich betone es immer wieder gerne, liegt die Attraktion des Bloglesens im Blick in völlig fremde Alltagswelten. Zum Beispiel in dasnufs
“Sommer in Berlin”.

Journal Dienstag, 9. Juni 2026 – Regen und Arbeit

Mittwoch, 10. Juni 2026

Sehr zerhackte Nacht, mit gefühlt mehr Halbschlaf und Aufwachen als richtigem Schlaf – aber ich litt nicht. Und dass ich einmal Regenprasseln ans Fenster hörte, freute mich richtig.

Erster Einsatz des neuen Rocks (zu dunkel blau für ein gutes Foto).

In die Arbeit ging ich nach diesem Wetterwechsel in Jacke und unterm Schirm, doch es regnete nicht so heftig, dass ich danach meine Ersatzsocken (ich lerne!) gebraucht hätte.

Ziemlich emsiges Losarbeiten, mehr Querschüsse als förderlich.

Dennoch schaffte ich es locker auf einen Mittagscappuccino ins Westend, Timing auf eine Regenpause abgestimmt – und zwar perfekt, kurz nach meiner Rückkehr ins Büro ging ein Wolkenbruch nieder.

Der verblichene Blumenladen Las Flores am Heimeranplatz wird entkernt.

Zu Mittag gab es Gurke, Aprikosen (überraschen gut) und zwei Scheiben Finnenbrot vom Rischart. Das war eine zu viel, aber die Gier war stärker als die Sättigung.

Der Arbeitsnachmittag wurde ausgesprochen anstrengend, ich musste einiges auf Mittwoch verschieben.

Unterlagen ausgedruckt, mit bunten Stiften und Arbeits-Laptop eingesteckt: Ein Arzttermin am Nachmittag macht es Mittwoch ratsam, von daheim zu arbeiten – bis Aufbruch Arzttermin eh bloß bis Mittag, zum Glück, denn wenn mir nur ein kleiner Laptop-Bildschirm zur Verfügung steht, werde ich selbst mit Ausdruck-Hilfe sehr schnell wahnsinnig. Und den höhenverstellbaren Schreibtisch vermisste ich bereits beim Einpacken, derzeit wieder gesteigertes Unwohlsein um den Hüftgürtel (innen, außen, alles untenrum).

Heimweg im Trockenen über ein paar Besorgungen unterm Stachus. Daheim eine Runde Gymnastik, Pilates bei Gabi Fastner, auf die ich mich den ganzen Tag SO gefreut hatte – und die auch ungeheuer wohl tat.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die Ernteanteil-Mairübchen mit Kartoffeln aus selber Quelle zu einer Suppe verarbeitet, darüber geröstete Brotwürfel. Dann noch Käse. Nachtisch sehr viele Erdbeeren, etwas Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Bislang wusste ich nur, dass meine polnische Oma (als Zwangsarbeiterin nach Nazi-Deutschland verschleppt) staatenlos war und meine in Deutschland geborene Mutter dadurch bis zur Eheschließung mit einem Spanier (-> spanische Staatsangehörigkeit) ebenfalls. Dorin Popa hat eine Generation später als Sohn von politischen Flüchtlingen rumänischer Herkunft ebenfalls Kenntnisse aus erster Hand über Staatenlosigkeit und schreibt sie auf:
“Staatenlos? Ein paar ungeordnete Gedanken und persönliche Erfahrungen dazu”.

Jetzt möchte ich meine Mutter doch mal nach Details fragen, wie das bei ihr eigentlich konkret aussah. (Sie ist gerade verreist, die Frage wird bis zu ihrer Rückkehr warten müssen. Aber da sie hier mitliest, kann sie sich ja schonmal Gedanken machen – BUSSI!)

§

Ist es “KI” oder einfach ein Algorithmus? Hier in einer Mastodon-Konversation schön nachvollziehbar unterschieden.

Journal Montag, 8. Juni 2026 – Post-Trauer

Dienstag, 9. Juni 2026

Start in die erste von acht elenden 5-Tage-Arbeitswochen bis endlich Sommerurlaub. Ich werde mich wieder darauf verlegen müssen, für jede Woche mindestens ein Feierabend-Highlight zu finden.

Schön war schonmal das Sommerwetter, laut Vorhersage wird es ab Dienstag kalt.

Im Büro überfiel mich wie erwartet aus dem Postfach die Arbeit der Leute, die nicht vier Tage frei hatten. Nahmen. Entsprechend wirbelte ich die Arbeit von ca. drei Tagen in einem Vormittag. Bis eine Hälfte gelöst war, der Ball eines Viertels auf der andere Seite lag, ein Viertel zumindest begriffen und geplant war.

Mittagscappuccino aus der Cafeteria, später ein Marsch um die Blöcke – in wunderbarer Sommerluft und umgeben von Lindenblütenduft.

Zu Mittag gab es Banane, ein Kartönchen voll Physalis (ausgezeichnet), Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot.

Auch am Nachmittag schaffte ich einiges weg.

Heimweg über Besorgungen, darunter Abholung eines nicht zugestellten Päckchens bei der Post am Hauptbahnhof. Beim Warten in der Schlange (nicht lange, alle Schalter waren besetzt) sah ich die Ankündigung, dass auch diese Filiale bald schließt.

Wenn’s in der Millionenstadt München nicht mal am Bahnhof mehr eine Post gibt! Ich war wirklich bestürzt. Eine erste Filialsuche führte mich später daheim nur zu “Post Shops”, also Post als Nebendienstleistung in einem eigentlich anderen Geschäft, und mit denen haben wir wohl alle sehr gemischte Erfahrungen gemacht. Mir verweigerte zuletzt einer die Annahme einer Sendung ins Ausland. Die Deutsche Post schließt also ernsthaft alle eigenen Standorte. Die immer so gefragt waren, dass die Schlangen sprichwörtlich wurden? Jajaja, statt dessen Automaten – so fehleranfällig, dass sie definitiv Teil der Enshittification sind, und so kompliziert zu bedienen, dass sie geschätzt 70 Prozent der Kundschaft überfordern. Gestern beobachtete ich wie so oft eine völlig hilflose Kundin, die sehr auf menschliche Beratung angewiesen war: Diese konkrete hatte Päckchen-Inhalt und Verpackung einzeln dabei, ein Postler half ihr (wenn auch unwillig) durch die Schritte Zoll-Unterlagen, Verpacken, wahrscheinlich auch Ausfüllen des Paketscheins und Portoberechnung, aber da war ich bereits draußen.

Entsprechend bedrückt vom Schlechterwerden der Welt fühlte ich mich bei meiner Heimkehr.

Fürs Abendessen bereitete ich die letzten beiden Crowdfarming-Artischocken zu, Herr Kaltmamsell reichte eine Vinaigrette und eine auf meine Bitte Knoblauch-freie (Rücksicht auf Kolleginnen) Joghurt-Majo zum Dippen an. Zum Sattwerden gab’s noch Käse. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, im Granta Scandinavia lernte ich über sechs sehr gute Kurzgeschichten die Autorin Helle Helle kennen, setzte gleich mal einen ihrer Romane auf meine Wunschliste. (Und lernte aus dem deutschen Wikipedia-Eintrag über sie, dass es in Dänemark ein “lebenslanges Künstlereinkommen des Dänischen Kunstfonds” gibt.)

§

Wenn schon Pride Month ist, schaun wir doch mal extrig in die queere Richtung. Und nehmen den Hinweis auf Florencio Pla Meseguer auf, antifaschistischer und intersex Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg – hier der (englischsprachige) Wikipedia-Eintrag. Ich stimme der Fundstelle auf Mastodon zu: “Meinetwegen schlachte jemand das aus für historischen Roman, wär auch ok. Besseres Material gibts kaum.”