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Journal Freitag, 5. November 2021 – Sehnsucht nach 2G

Samstag, 6. November 2021

Vor Wecker aufgewacht. Emsiger Morgen daheim, strammer Marsch in frostiger Kälte in die Arbeit.

Die Linden um die Theresienwiese sind bereits kahl.

In der Arbeit sofort Hochdruck – die Tasse Tee, die ich geschickt dazwischen eingefädelt aufgebrüht hatte, wurde kalt. Und das, wo ich wusste, dass es ein langer Arbeitstag werden würde (durch Einflüsse, die deutlich schlechter prognostizierbar sind als das Wetter). Ich musste abarbeiten, was sich physisch durch meinen Homeoffice-Tag aufgehäuft hatte – mein Job ist nunmal nur zu einem kleinen Teil komplatibel mit dem Konzept Telearbeit. Was mir bei der Entwicklung der Infektionszahlen bei gleichzeitig steigendem Leichtsinn immer egaler wird.

Erst um halb zwei kam ich zum Mittagessen: Pumpernickl, Rest Fenchel-Mandarinen-Salat, Weintrauben.

Am Nachmittag konnte ich strukturierter arbeiten, doch der ohnehin späte Berufstermin verschob sich wie befürchtet immer weiter nach hinten. Es wurde spannend, ob ich es rechtzeitig zur Abendverabredung mit Herrn Kaltmamsell schaffen würde.

Es klappte dann ganz exakt, ich kam genau um die verabredeten 19 Uhr am Restaurant an, in dem ich uns einen Tisch reserviert hatte. Doch der Abend wurde angespannt: Unsere Impf-Zertifikate wurden nur mit Seitenblick geprüft, der Laden war gesteckt voll ohne Abstand zwischen den Tischen, und das Personal konnte keine Nachfragen zum kulinarischen Angebot beantworten. Wir wurden satt, schauten aber, dass wir da schnell wieder rauskamen.

Spaziergang nach Hause und Beschluss, bis Ende Pandemie höchstens noch in Gastronomie mit ernsthaft überprüfter 2G-Regelung einzukehren, also nur unter verlässlich Geimpften/Genesenen (dass es 2G-Lokale in München gibt, weiß ich aus dem Lokalteil der Süddeutschen – eigentlich sehe ich da auch ein lukratives Geschäftsmodell).

Aber der Zweck der Verabredung hatte sich erfüllt: Wir waren dazu gekommen, einander von den vergangenen beiden Wochen zu erzählen. Daheim noch ein wenig Süßes und ein Limoncello, früh ins Bett.

§

Adrian Daub, Germanist und Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University in Kalifornien, schreibt über die Verdrehung und Instrumentalisierung eines US-amerikanischen Begriffs in deutschsprachigen Medien:
“Der kurze Weg von der Lappalie zur Cancel Culture”.

Gruselige Anekdoten für die Boomerseele: Unter dem Schlagwort «Cancel Culture» ist in den deutschsprachigen Feuilletons ein regelrechtes Ökosystem entstanden.

(…)

Cancel Culture reiht sich in ein Muster ein: Aufregung unter Rechten in den USA wird Futter fürs liberale deutschsprachige Feuilleton. Man fühlt sich an den alten Marx-Satz erinnert, Deutschland habe die Restaurationen gehabt, selbst wenn es die Revolutionen übersprungen habe. Europa mag Entwicklungen unter US-Campus-Linken – wie die Gender Studies und Critical Race Theory – zwar verschlafen haben. Für die Ängste seitens Konservativer über Gendern ist es aber hellwach.

Der britische Soziologe Stanley Cohen hat dafür schon in den siebziger Jahren den Begriff der moralischen Panik geprägt: Moralische Panik ist immer ein Stück Aufmerksamkeitsökonomie, eine Art kollektiver Konzentration auf scheinbar marginale Dinge, von denen auf eine gesamtgesellschaftliche Gefahr geschlossen wird. Bestimmte Ereignisse sollen plötzlich viel mehr Aufmerksamkeit verdienen als andere, äusserlich sehr ähnliche. Moralische Panik macht uns hypersensibel für die einen und blind für andere. Cohen hat auch darauf hingewiesen, dass bei moralischer Panik immer irgendeine Form der Jugendkultur im Zentrum der Projektion stehe: Mods, Rocker, Heavy-Metal-Fans – und jetzt eben «woke» Student:innen. Die Angst vor der jeweiligen Nichtigkeit ist immer auch eine Angst davor, selber obsolet zu werden.

(…)

Immer wieder werde ich von europäischen Kolleg:innen mit angehaltenem Atem gefragt, was ich mich denn überhaupt noch trauen würde. Ganz so, als flüsterte ich meine Vorlesungen zu Stefan George nur noch und als würde ich meine Kant-Gesamtausgabe irgendwo vor studentischen Spitzeln verstecken. Interessant ist aber auch, dass mir diese Frage genau so, im gleichen besorgten Ton, seit ungefähr fünfzehn Jahren gestellt wird. Die Fragesteller:innen scheinen auf einen neuen McCarthyismus von links in den USA zu warten wie Estragon und Wladimir auf Godot.

Die Tendenz, anhand einer kleinen Anzahl Vorgänge an Liberal Arts Colleges und Ivy-League-Universitäten eine angebliche Welle linker Intoleranz diagnostizieren zu wollen, ist mittlerweile sogar vierzig Jahre alt, fast so alt wie ich. Die Warnung vor drohenden Denkverboten und so viel anderem mehr wurde schon 1985 von Allan Bloom in seinem Bestseller «The Closing of the American Mind» ausgebreitet, 1990 von Roger Kimball in «Tenured Radicals», 1991 von Dinesh D’Souza in «Illiberal Education» und 1992 von Robert Hughes in «Culture of Complaint». 1995 prangerte auch Peter Thiel in «The Diversity Myth» die «politische Intoleranz» an US-Unis an. Und das sind nur die erfolgreicheren Titel. Jedes Jahr bringt ein weiteres Dutzend solcher Menetekel.

Unabhängig vom Erscheinungsdatum hatten diese Bücher alle dieselbe Masche. Die dystopische Zukunft, die sie entwarfen, erfüllte sich nie. Alles, was man «bald» nicht mehr würde unterrichten dürfen: Man unterrichtet es noch heute. Diese historische Dimension fällt bei der Aufbereitung im Feuilleton weg: Von den genannten wurden offenbar nur die Bücher von Allan Bloom und Robert Hughes überhaupt ins Deutsche übersetzt. Das Zeitungswesen ist schnelllebiger als die akademische Welt. Was sich in den USA also als jahrzehntelange Kampagne präsentiert, wird im deutschsprachigen Feuilleton als immer wieder neue Erregung erlebt.

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ABBA hat wieder gemeinsam Musik veröffentlicht und eine neue Show vorbereitet. Ein ausführliches Interview mit den beiden ABBA-Komponisten Ulvaeus and Andersson im Guardian:
“Super troupers! Abba on fame, divorce, ageing backwards – and why they’ve returned to rescue 2021”.

Erst dadurch habe ich mich daran erinnert, dass ABBA Anfang der 1990er eigentlich Vergangenheit waren; auch ich kannte sie vor allem als ein Detail, mit dem ich als Teenager nichts anfangen konnte: ABBA war was für Pferdemädchen. Doch dann:

A jokey Australian tribute band, Björn Again, began to do surprisingly good business, progressing from playing colleges to performing at Reading festival at the behest of headliners Nirvana: today, Björn Again is a global franchise, with umpteen versions of the band performing in different territories.

Genau diese Band spielte auf dem Summer Ball der Swansea University, den ich 1992 besuchte – und auf dem ich mich überraschenderweise leidenschaftlich zu ABBA mitgröhlend und tanzend in der Menschenmenge wiederfand.

Both [Ulvaeus and Andersson] profess bafflement as to what happened – “It’s difficult to fathom, you know, I really don’t get it,” Andersson shrugs – but the truth is probably quite prosaic: a generation who had grown up with Abba’s music as young children, at an age when the alleged coolness or otherwise of music has no bearing on your tastes, had come of age.

Richtig lieb gewinnen habe ich ABBA-Schlager dann durch den herzzerreißenden Film Muriel’s Wedding.

Journal Mittwoch, 3. November 2021 – Tagesvermischungen

Donnerstag, 4. November 2021

Beim morgendlichen Fensteröffnen einen Herbstfortsauger gesichtet.

Wie schon am Vortag beim Theresienwiesenbild freute ich mich daran, wie hervorragend sich das Straßenreinigungs-Orange auf Großstadtansichten macht. Oft sind es Gruppen von Reinigungsmännern (in München immer Männer) – plaudernd, rauchend, diskutierend, scherzend, kehrend – die mir ästhetisch ins Auge fallen, aber ich habe zu große Hemmungen, die zu fotografieren. Die kleinen Fahrzeuge mit ihren Besenhaltern hinten habe ich besonders ins Herz geschlossen: Ich male mir immer aus, dass sie auf dem Weg nach Hogwarths sind, ihre Besen mit orangem Plastik-Reisig das allerneueste Modell an Renn-Besen.

In der Arbeit ging’s derart zu, dass ich zwei Tage in meinem Kopf vermischte und gleichzeitig Sportzeug für Abendsport dabei hatte (Mittwoch), Herrn Kaltmamsell im Zug nach Augsburg sah und ihm Grüße an seine Eltern auftrug (Donnerstag), mich auf abendliche Pasta freute (Mittwoch) und gleichzeitig Ernteanteil-Abholung sowie eine große Schüssel Salat aus Ernteanteil plante (Donnerstag). Raum-Zeit-Kontinuum, pft. Herr Kaltmamsell sortierte mich wieder.

Mittagessen: Von Herrn Kaltmamsell zubereiteter Waldorf-Salat (Sellerie und Apfel aus Ernteanteil), Mandarinen, Trauben.

Aufgeschobenen unangenehmen Job angepackt und erledigt, weil ein noch unangenehmerer reinkam, der den anderen schlagartig attraktiv machte – der Zauber funktioniert immer wieder.

Gegen Feierabend stellte ich fest, dass ich doch keine Lust auf Crosstrainerstrampeln hatte, sondern lieber daheim Yoga machte, um schmerzhaft verspannte LWS-Muskulatur zu lockern.

Alles für einen Tag Homeoffice eingepackt. Dass ein Restaurant und mein Sportverein durch sorgältigen 3G-Check Infektions-geschütztere Orte sind als mein Büroarbeitsplatz, weil der Arbeitgeber halt nichts Gesundheitliches über Angestellte fragen darf (aus guten Gründen!) – macht mich fertig. Bei einer aktuellen 7-Tage-Inzidenz in Bayern von über 260 (in München 124) soll jetzt für den Arbeitsplatz 3G eingeführt werden – ich bin wirklich gespannt, wie das rechtskonform umgesetzt werden soll.

Auf dem Heimweg weitete ich meine Suche nach der weihnachtlichen Süßigkeit Baumstamm aus, die ich bislang nirgends finden konnte: Ich ging in einen Lidl. Dort wurde zwar etwas unter dem Namen angeboten, doch korrekt müsste er natürlich so aussehen, die dicke, knackige Schokoladenhülle ist essenziell.

Daheim eine schöne Runde Yoga mit Adriene, die tatsächlich so gut tat wie erhofft.

Herr Kaltmamsell kochte zum Nachtmahl ein weiteres Rezept aus Rachel Roddys A-Z of Pasta: Fettuccine mit Hühnerleber und Salbei – weil wir noch so viel Salbei von Dienstag hatten.

Köstlich.

§

Doña Donnerhallen hat strukturiert auf den Tisch gehauen:
“Agiler Feminismus oder – was der Impfstatus von Joshua Kimmich mit dem Patriarchat zu tun hat”.

Sie beginnt mit:

Meine berufliche Vita ist so seltsam, dass ich erst im aktuellen Job in einem a) wirklich großen Unternehmen und b) einer deutlichen weiblichen Minderheit arbeite. Und obwohl ich die Feminismus-Fahne schon lang vor mir her trage, führe ich erst oder eigentlich immer noch bei Kollegen aller Altersstufen und jeden Bildungshintergrundes bizarre Grundlagengespräche. Weil Frauen werden nicht mehr diskriminiert, das war früher. Jetzt müssten wir nur endlich alle Vollzeit arbeiten und halt ordentlich netzwerken, dann klappt das mit der Karriere auch. (Der Kollege fand sich selbst für seine 6 Monate Elternzeit quasi einen Superhelden.)

Auch die Quote, oh Gott, so überzeugt man doch Männer nicht, so schafft man nur Ressentiments. Wirklich, das war das Argument.

(Der erste, der mit “not all men” kommt, wird… ausgelacht.)

Journal Dienstag, 2. November 2021 – Turbulenter Arbeitstag mit schmackhaftem Ende

Mittwoch, 3. November 2021

Kurz vor Wecker wachgeworden, mein System hat sowas von kein Problem mit der Zeitumstellung.

Corona-Schnelltest beim Morgenkaffee. Die Inzidenz steigt weiter steil: Ich nahm mir vor, mal wieder Arbeit zu sammeln, die ich von daheim aus erledigen kann (das ist bei meinem Jobprofil ja nur ein kleiner Teil), um Kontakte zu reduzieren.

Vergoldende schräge Morgensonne. Mir kommt es vor, als hätte ich selten einen Herbst so intensiv in seinem Voranschreiten erlebt.

Im Büro erst mal hektische Emsigkeit: Ich musste die Vorgänge der vorherigen drei Tage anhand von E-Mails nachlesen und nachvollziehen, daraus folgende Aufgaben erledigen. (NAHAHAHAIN, ich werde auch künftig nicht vorsichtshalber meine beruflichen E-Mails an Wochenenden und Feiertagen checken.)

Erkenntnis beim Spiegelcheck auf dem Klo: Mit korrekt sitzendem BH sitzt auch die Drüberkleidung bedeutend besser, selbst wenn sie eigentlich zu groß ist. Aber: Rückkehr der großen Körpertemperatur-Schwankungen, Drecks-Klimakterium, scheiß Östrogen.

Mittags Pumpernickel, Hüttenkäse, Birne.

Der Arbeitsnachmittag war turbulent (die Kollokation dieses Worts ist laut Fernsehzeitschriften eigentlich “Komödie”, dafür hätte ich deutlich mehr lachen müssen) mit einigen Noten von Wahnsinn. Noch ein Glück (NOCH EIN GLÜCK) stehe ich dabei nur in dritter Reihe.

Es wurde spät, doch ich hatte Einkaufsaufgaben auf dem Heimweg: Im Süpermarket kaufte ich neben Obst auch Salbei für meinen liebsten Herbstsalat, um den ich Herrn Kaltmamsell gebeten hatte. Zu Hause stellte ich fest, dass ich auch für den Ruccola im Rezept zuständig gewesen wäre und das vergessen hatte. Ich zog nochmal los.

Er bleibt mein liebster Herbstsalat. Nachtisch Schokolade.

Was schön war: Ich habe eine Quelle gefunden, die mir mit langjähriger Expertise erklären kann, warum ich keine Horrorfilme oder auch nur sehr spannende Filme sehen kann, warum ich mich zu sehr fürchte (oder mir zumindest Literatur zu diesem Phänomen liefern kann).

Journal Montag, 1. November 2021 – Nägel mit Köpfen und andere Tüchtigkeiten

Dienstag, 2. November 2021

Früh wach gewesen, noch ein Stündchen gedöst.

Die Zitronenschnecken fertiggestellt fürs letzte Gehen vor Backen, berauscht vom Duft der geriebenen Zitronenschale, die diesmal vom Meyer Lemons stammte (haben gerade Saison). Dabei fluchte ich erneut über die kleingemusterten (Terrazzo-artigen) Küchenfliesen, auf denen man keinen verschütteten Zucker, kein Mehl sieht: Das ist vermutlich genau die Absicht, dass er sauber aussieht. Doch wenn ich etwas verschütte, und das tue ich beim Backen ständig in kleinen Mengen, SEHE ICH ES ZUM AUFKEHREN NICHT! Und oft bemerke ich, dass etwas daneben gegangen ist, erst durchs Knirschen unterm Schuh.

Der Tag begann nochmal strahlend und bunt.

Nächste Tüchtigkeit: Unsere 25 Jahre alten Esszimmermöbel verschenken. Wir wollen in der neuen Wohnung einen rechteckigen Esstisch mit passenden Stühlen. Da mich bei dieser Aktion ohnehin am meisten belastete, dass wir dann ja die alten Möbel loswerden müssen, fing ich damit an (nach Absprache mit Herrn Kaltmamsell und nach Rückfrage bei Familie, ob jemand Tisch und Stühle brauchen kann): Nägel mit Köpfen, Tatsachen schaffen etc. etc. Ist ja nicht so, dass wir dann auf dem Boden essen müssten, es gibt für den Übergang zwei Tische zur Auswahl (Küche, Balkon) und genügend einzelne Stühle.

Also fotografierte ich Esstisch- und -stühle ausgiebig.

Währenddessen kam Herr Kaltmamsell vom mehrtägigen Monstertöten heim, erschöpft, aber guten Mutes.

Über den strahlenden Morgen hatten sich bald Wolken geschoben, die Regen brachten. Sport war gestern also kein Isarlauf, sondern ausgiebiges Bauchmuskeltraining.

Nach dem Duschen noch eine Tüchtigkeit (damit hatte ich tatsächlich alle Vorsätze fürs lange Wochenende abgehakt): Wanderstiefel reinigen und einfetten, sie können eingewintert werden.

Jetzt waren die Zitronenschnecken gebacken, mit Guss versehen und ausreichend abgekühlt, um als Frühstück gegessen zu werden. Meine Pflicht gegenüber frischen Hefeschnecken: Mich daran zu überfressen – auch abgehakt.

Ich stellte die Esszimmergarnitur bei ebay Kleinanzeigen ein, bekam sofort Meldungen von Interessierten und verbrachte die nächste Stunde mit der Abstimmung der Abholung (und mit Absagen an die vergeblich anfragenden).

Draußen regnete es ausdauernd und energisch, ich wollte trotzdem in die frische Luft, von der man so viel Gutes hört. Also schnappte ich mir Gummistiefel und Schirm und drehte eine Runde durch die Fußgängerzone. Ein Blick in die Schaufenster ergab, dass die Schuhmode dieses Herbsts/Winters absolut nichts zeigt, was mir gefällt: Es dominieren klobige, kurze Stiefel in Braun oder Schwarz. Zum Glück bin ich versorgt.

Kurz nach meiner Rückkehr kamen schon die Herrschaften, die Tisch und Stühle abholten. Jetzt sitze ich erst mal auf der Balkonbank am Balkontisch, Herr Kaltmamsell gegenüber auf einem Stuhl. Beim Abendessen (ich verwandelte den Rest Linseneintopf in Pastasauce und kochte Mafaldine dazu, außerdem machte ich einen Rest Endivie zu Salat) merkte man aber schon, wie viel weniger Fläche der Balkontisch bietet. Das sollte schnell Druck für die Anschaffung von Ersatz aufbauen.

Das war ein sehr volles langes Wochenende. Hat Spaß gemacht, aber ich freue mich schon auf das nächste mit Entspannung.

§

Am 1. November 1976 eröffnete das erste Frauenhaus in Westberlin. Die taz interviewt dazu die Historikerin Franziska Benkel.
“‘Ehemänner legten sogar Feuer'”.

Wie war die Lage für gewaltbetroffene Frauen bis dahin in der BRD?

Schlecht. Frauen waren strukturell abhängig von Männern. Das erschwerte den Ausstieg aus gewalttätigen Beziehungen deutlich.

Inwiefern?

Ein Ehemann konnte beispielsweise ohne Zustimmung den Job der Ehefrau kündigen. Scheidung war in den 1970er Jahren deutlich schwieriger und die zumeist männlichen Anwälte forderten hohe Summen, um sich der Fälle überhaupt anzunehmen. Für eine Strafanzeige wurden Aussagen von Zeu­g*in­nen verlangt, die es oft nicht gab.

Nahm eine Frau aufgrund der psychischen Belastung Medikamente, konnte das vor Gericht gegen sie verwendet werden. Ehemänner konnten Ehefrauen zwangseinweisen und regelrecht wegsperren lassen. Und schließlich mussten die Frauen fürchten, ihre Kinder zu verlieren. Falls sie es schafften, von zu Hause zu entkommen und die Kinder mitzunehmen, wurde ihnen das vor Gericht oft als Kidnapping ausgelegt. Die Kernfamilie sollte um jeden Preis erhalten werden.

(…)

Es war schon vor der offiziellen Eröffnung überfüllt. Rohre mussten noch verlegt werden, es gab noch keine Möbel. Aber die Frauen, die nicht mehr nach Hause wollten, standen Schlange. Über die feministischen Netzwerke hatte sich herumgesprochen, wo es ist. Und es ging ja schließlich um Soforthilfe, um Schlafplätze.

(…)

Zum ersten Mal wurde an einem massiv überfüllten Frauenhaus sichtbar, was für ein enormes Problem geschlechtsspezifische Gewalt ist. Auf diese Bewegung ist zurückzuführen, dass es heute Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe gibt.

§

Wollen Sie mal sehen, wie Ingwer geeerntet wird? Hier lang zu einem Twitter-Thread.

Journal Sonntag, 31. November 2021 – Isarhochweg über Wolfratshausen

Montag, 1. November 2021

Schon am Samstag hatte mich Twitter verwirrt: Leute führten einander ihre Halloween-Kostümierung und -Deko vor, berichteten von Verhaltensanweisungen zum Trick-or-Treat ihrer Kinder, zeigten die Süßigkeiten für die ab jetzt klingelnden Nachbarschaftskinder. Gestern Morgen fragte ich dann doch mal explizit, ob Halloween nicht die Nacht auf 1. November, also auf Montag sei? Und erfuhr, dass das inzwischen nicht mehr so eng gesehen wird, vor allem in Bundesländern, die nicht wie Bayern praktischerweise den 1. November als Feiertag haben. Halloween ist jetzt also grob die Zeit vor Allerheiligen.

Am Vorabend hatte sich der Plan geformt, den mit herrlichem Wetter angekündigten Sonntag für eine kleine Wanderung zu nutzen: Rundwanderweg Isarhochufer Icking-Wolfratshausen. Ich freute mich bei jedem nächtlichen Aufwachen an der Aussicht darauf.

Nach Korrektur aller Uhren im Haus (jetzt haben wir wieder Normal-, genannt Winterzeit), Bloggen und Morgenkaffee war ich früh startklar, doch weil am Zielort noch 3 Grad angezeigt wurde, wartete ich bis zehn.

Herrliche Aussichten schon auf der S-Bahn-Fahrt nach Icking. Beim Ankommen zeigte sich, dass außer mir noch ein paar andere Menschen genau diese Route gehen wollten. Auch sonst war überraschend viel los auf den Wegen – vermutlich haben einige sonst weiter reisende Leute in den pandemischen Ausgangsbeschränkungen die Wanderungen und Spaziergänge für sich entdeckt, die davor eher eine Sache von Öffi-Langweilerinnen wie mir waren. Das gönne ich selbstverständlich jedem und jeder, doch es verhinderte schön entspanntes Wandern mit gelassenen Sensoren in die Umgebung, das mich zur Ruhe gebracht hätte. Ich genoss die wundervollen Ausblicke und das herrliche Licht durchaus, absolvierte aber eher eine Sporteinheit. Die ohnehin kürzer geriet als erwartet, schon nach drei Stunden war ich trotz ausgiebiger Frühstückspause zurück am Ickinger S-Bahnhof.

Erster Abschnitt hinter Icking.

Hoch nach Schlederloh.

Schlederloh.

Zusammenfluss von Loisach und Isar.

Blick zurück über Dorfen.

Abstieg nach Wolfratshausen.

Wolfratshausen.

Frühstückspause im Riemerschmidpark mit Aussicht, Apfel und Pumpernickel. Zurück entlang der Isar, mit gelegentlichem Ausweichen in die Büsche bei entgegenkommenden Fahrrädern.

In Icking wartete ich dann ziemlich lang auf die Rückfahrt, es gab Probleme auf der S-Bahn-Stammstrecke. Aber ich hatte für genau diesen Fall neben Wasser auch große Teile der Wochenend-Süddeutschen dabei und las halt 40 Minuten in der Sonne. (Eine der weniger thematisierten Alterserscheinungen: Alte Leute wie ich, meiner Beobachtung nach vor allem Frauen, sind für immer mehr Fälle ausgerüstet unterwegs. Vielleicht erinnern Sie sich an die Erfrischungstücher Ihrer Oma, an ihre Hustenbonbons, Taschentücher, zusammengefalteten Plastik-Kopftücher, Nagelfeile, Pflaster und viele andere praktischen Utensilien, die sie scheinbar jederzeit aus ihrer Handtasche zauberte. Stück für Stück werde ich so eine Oma, auch ohne Enkelkinder.)

Den Rest der Zeitung las ich daheim im Sessel mit Ausblick durch die großen Wohnzimmerfenster auf den sonnigen, bunten Nußbaumpark.

Ansetzen des Feiertag-Kuchens: Zur Rückkehr von Herrn Kaltmamsell sollte es am Montag Zitronenschnecken geben. Allerdings stellte ich den Hefeteig wie immer her, mir wollte kein technischer Nutzen eines Vorab-Rührens der Butter oder eines Verklepperns der Eier einfallen.

Abendessen war eine Portion scharfe Sahnelinsen vom Vortag mit Bauernwurscht, zum Nachtisch gab es Eierlikör und Schokolade.

Schon am Vorabend hatte ich Gabriele Tergit, Effingers ausgelesen (hatte mir sehr gut gefallen, mal sehen, ob ich Lust auf Ausführlicheres habe), gestern fing ich die Graphic Novel Parallel von Matthias Lehmann an.

§

Fakten und Zusammenhänge sind wichtig, Christina Berndt fasst für die Süddeutsche zusammen:
“Weshalb die Zahl der Impfdurchbrüche steigt”.

Journal Samstag, 30. Oktober 2021 – Schrubb- und Schwimmfreuden

Sonntag, 31. Oktober 2021

Der Nachtschlaf fühlte sich unruhiger an, als er gewesen sein kann: Beim Nachzählen war ich nur drei Mal wach geworden und immer gleich wieder eingeschlafen.

St. Matthäus zeigte sich nebelverhangen.

Erst mal Häuslichkeiten: Bett abziehen, Bettwäschewaschen, Geschirrspüler anschalten (am Vorabend vergessen). Der Tag brach an zu Nebel, doch das Licht verriet dahinter blauen Himmel und Sonnnenschein.

Nach Bloggen über Morgenkaffee und Nachlesen der nächtlichen Twitter-Timeline kam er auch raus, der Sonnenschein. Darin machte der nächste Punkt meiner Häuslichkeiten fast schon Spaß: Ich befreite Balkonteppich und Balkon von Laub und Dreck, die edlen Balkonmöbel wurden mit der Bürste und Seifenwasser geschrubbt (wundervolle Geruchskombination Holz und Grüne Seife). Das ist ja die vom Hersteller empfohlene Pflegemethode, der ein ein Täschchen mit Flüssigseife und Bürste (sowie Schleifpapier und Schwamm) beilegte – und nach dem Trocknen des Holzes war ich völlig begeistert, dass das wirklich funktioniert: Die Witterungsflecken vom Regen waren weg. Zwar blieb das ungleichmäßige Ausbleichen durch die Sonne, aber das begrüßt der Hersteller in der Spielanleitung explizit und nennt es Patina.

Aufs Schwimmen im Dantebad freute ich mich ganz besonders, auch das Hinradeln im kühlen Sonnenschein war ein Genuss. Wieder kraulte ich im Soach-warmen Wasser ohne Frieren – das kostet aber regulär auch 8,60 Euro Eintritt statt der 5,30 Euro fürs Olympiabad. Die Bahnen waren um die Mittagszeit übersichtlich genutzt, das Schwimmen machte im neuen, angemessen sitzenden Badeanzug tatsächlich mehr Spaß.

Eigentlich hätte ich Lust auf die ganzen 3.000 Meter vor kaputter Hüfte gehabt, doch bei der Runde zu 2.600 Metern krampfte mein linker Unterschenkel samt Fuß und Zehen auf eine originelle, noch nie erlebte Weise. Dann halt nicht, ich war erst mal beschäftigt, aus diesem Krampf rauszukommen.

Auf dem Heimweg hielt ich bei einem Supermarkt: Lebensmittel-Einkäufe fürs Abendessen. Einen Bäcker für meine Frühstückssemmeln fand ich auf meiner Route überraschend schwer: Ein Ihle hatte schon um 14 Uhr geschlossen (laut Schild “wegen des erneuten Lockdowns” – kurzzeitig erschrak ich, ob mir beim Tagesschau-Gucken am Vorabend etwas entgangen war), ich musste dann doch einen Umweg radeln.

Zu Hause räumte ich Sporttasche und Geschirrspüler aus, bezog mein Bett, dann gab’s zum Frühstück Semmeln und Trauben.

Am Nachmittag hatte ich in der Gesamtplanung Raum für einen Herbstspaziergang in selten spazierten Gegenden Münchens gesehen, doch der Himmel zog immer weiter zu – meine Sehnsucht nach weiterem Draußen versiegte.

Ich war so im Häuslichkeitsschwung, dass ich gleich noch eine Runde bügelte. Dabei hörte ich das Radio Eins “Ferngespräch” von Holger Klein mit Paris-Korrespondentin Sabine Wachs und erfuhr viel Interessantes über die aktuelle Lage in Frankreich. Der Podcast reichte auch noch für das Flicken eines Paars schwarzer Häkelstrümpfe: Löcher im unverstärkten Zehen-Bereich.

Zum Abendessen kochte ich so richtig auf – um was Gutes essen zu können, um zu testen, ob ich es nach Jahren der Rundum-Bekochung durch Herrn Kaltmamsell überhaupt noch kann, und um LINSEN! zu bekommen:
“Kartoffeln in scharfen Sahnelinsen mit Spinat und Pfefferbeißern”.

Nur halt mit Lauch aus Ernteanteil statt Spinat (geputzt, gescheibelt und vorher angedünstet), dafür nur eine Zwiebel, sowie mit Ingolstädter Bauernwurscht statt Pfefferbeißer. Schmeckte hervorragend, aber die Wurst braucht es wirklich nicht. Dazu ein Glas Steffen Loose Goldriesling aus Sachsen, der nicht 100-prozentig dazu passte (aber sich auch nicht biss), mir aber sehr gut schmeckte. Als Nachtisch passte nur noch wenig Schokolade hinterher.

Abendunterhaltung: Der Dokumentarfilm Gleis 11 (in der Mediathek nachzusehen), mit dem der junge Regisseur Çağdaş Eren Yüksel einige erste Gastarbeiter-Einwanderer nach Deutschland portraitiert, darunter seine Großmutter Nezihat. Yüksel lässt den alten Menschen Zeit und Raum zum Erzählen, es sind ganz unterschiedliche Geschichten und Leben.

Die Griechin, die ihrem Enkel in der Reithalle das Lied “Hoppereiter” zuruft (“Weißt du noch?”), wie die über 80-jährigen souverän mit dem Smartphone hantieren, die Reue der gebrechlichen Türkin, statt eines Deutschkurses den Nähkurs gewählt zu haben, der Aspekt der Freiheitssuche beim Auswandern, die Befreiung aus der Enge ihrer Heimatdörfer.

§

Annette Dittert fasst wieder die politische Entwicklung in UK zusammen:
“Brexit-Chaos: Die Krise, die keine sein darf”.

Seit der lange Schatten der Corona-Pandemie zu weichen beginnt, ist es unübersehbar geworden: Großbritannien befindet sich in einer eskalierenden nationalen Krise. Im ganzen Land fehlen Arbeitskräfte, die sonst die Grundversorgung auf der Insel sichergestellt haben. Die Lage ist so ernst, dass die Regierung jetzt sogar die Armee in Bereitschaft versetzt hat, während der Justizminister offen darüber spekuliert, ob man Häftlinge aus Gefängnissen in die brachliegenden Schlachthäuser schickt, um die drohende Notschlachtung von 150 000 Schweinen zu verhindern.

Die Gründe dafür sind komplex, aber ein Faktor spielt auf jeder Ebene eine entscheidende Rolle: der Brexit, mit dessen Inkrafttreten der freie Zufluss von Arbeitskräften aus der EU seit Anfang des Jahres jäh beendet wurde. Das ist eigentlich wenig überraschend, der ehemalige konservative Premier John Major hatte schon 2016 vor dramatischen Engpässen gewarnt, sollte es zu einem harten Brexit kommen. Überraschend auf den ersten Blick ist eigentlich nur eins: Die jetzige britische Regierung hat beschlossen, in diesem Zusammenhang nicht mehr über den Brexit zu sprechen, und alle machen mit.

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Erklärzeit! Grahame the Drummer führt auf Tiktok an konkreten Beispielen vor, warum Ringo Starr ein genialer Schlagzeuger ist.

via @DonnerBella

Journal Mittwoch, 27. Oktober 2021 – Nymphenlücke und Abend im Schmock

Donnerstag, 28. Oktober 2021

Ereignisarmer Morgen, ich beschloss, nach dem energischen Strampeln am Vorabend den sonst täglichen Bank- und Seitstütz ausfallen zu lassen.

Über einem Teil der Theresienwiese Morgennebel (sie ist so groß, dass sie unterschiedliche Mikroklimen hat), der mir erst mal durch die Nebel-Lichtkegel vor Fahrrädern auffiel.

Hier wären ein paar Nymphen im Bild recht gewesen, doch die wohnen natürlich alle in Nymphenburg und müssten als Bayerische Staatsbeamte zur Theresienwiese eigens teilabgeordnet werden.

Wieder tüchtig Arbeit in der Arbeit. Zu Mittag gab es Apfel, Birne, Pumpernickel mit Butter. Der mittelfrühe Feierabend war gestern trotz aktueller Querschüsse nicht verhandelbar: Ich war verabredet.

Dazu marschierte ich ins Schlachthofviertel; zum Glück ließ ich mir von Google Maps eine Route vorschlagen und dadurch darauf hinweisen, dass ich ja hintenrum über die Südspitze der Theresienwiese gehen konnte, so dauerte der Weg deutlich kürzer, als ich geschätzt hatte. Wir trafen uns am neuen Volkstheater im Schmock. Corona-Einlasskontrolle war bereits im Innenhof aufgebaut für Theater und Restaurant: Erst zum dritten Mal erlebte ich ordnungsgemäßen Scan meines Impf-Zertifikats inklusive Abgleich mit Personalausweis. Im Gegenzug bekam ich ein rotes Bändel ums Handgelenk geklebt; das musste ich am Eingang des Schmock nur noch vorzeigen.

Der großzügige Raum des Restaurants im neuen Volkstheater ist wirklich schön (wie auch, wir waren uns einig, der gesamte Neubau angenehm harmonisch und heimelig ist; fast schon familiäre Funktionalität statt Angebertum), wir freuten uns über die vom alten Schmock vertrauten Plakate, und ich bilde mir sogar ein, dass die Wandlampen dieselben sind.

Meine Verabredung und ich aßen gut; vor mir standen ausführliche nah-östliche Vorspeisen, gegenüber gab es einen Rinderfilet-Gamba-Spieß, dazu hatte ich sogar mitten unter der Woche Lust auf ein Glas Wein und bestellte einen israelischen Gamla Cabernet Sauvignon, der mir ausgezeichnet schmeckte.

Gespräche über berufliche Umstände mit vielen erfreulichen Informationen, aber auch der (wiederholten) Erkenntnis, dass an deutschen Universitäten und in der europäischen Forschungslandschaft byzantinische Verhältnisse herrschen. Es wurde nicht allzu spät, ich spazierte durch langsam aufsteigenden Herbstnebel nach Hause.

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Die Welt braucht gute Nachrichten. Diese hier ist aus München und kommt dem Antrag zuvor, den ich in der jüngsten Bürgerversammlung hätte stellen wollen:
“Stadtrat beschließt mehr Fahrradparkplätze am Hauptbahnhof”.


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