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Journal Samstag, 17. August 2019 – Ratzinger Höhe in anderer Begleitung

Sonntag, 18. August 2019

So gut geschlafen wie schon lange nicht mehr, ich stand berstend vor Energie auf.

Der Morgen war warm und trocken genug für Morgenkaffee auf dem Balkon.

Ich war zum Wandern verabredet, mit einer Freundin wollte ich am Chiemsee den Obst- und Kulturweg Ratzinger Höhe gehen.

Es war ein warmer Tag mit Wolken angekündigt, gutes Wanderwetter. Der Zug nach Prien am Chiemsee war rege genutzt, wir bekamen aber noch Klappsitze.

Die Route kenne ich inzwischen so gut, dass ich keine Beschreibung mehr brauche. Dennoch war ich im ersten Viertel verunsichert, als die Ausschilderung nicht der Wegführung in meiner Erinnerung entsprach – so sehr, dass ich dann doch mal auf der Karte nachsehen wollte. Dazu musste ich allerdings erst ein paar ungeduldige Minuten Funksignal jagen – um letztendlich festzustellen, dass wir genau richtig liefen.

Die Obstbäume am Weg hingen voller Früchte, wir sahen Äpfel in allen Farben und Größen, viele Birnen, zum ersten Mal bekam ich mit, dass auch zahlreiche Zwetschgenbäume den Obstweg säumen – die konnte ich allerdings nur anhand der Beschriftung unterscheiden, im Gegensatz zu den Äpfeln und Birnen sahen die verschiedenen Zwetschgensorten für mich sehr ähnlich aus. Das Wetter hielt sich an die Vorhersagen, nur selten kam auch die pralle Sonne heraus und brannte sofort unangenehm.

Anderen Wanderern begegneten wir kaum, dafür waren viele Raderlinnen und Radler mit und ohne Motor unterwegs.

Ich lief fast durchgehend schmerzfrei und freute mich sehr darüber, erst in der letzten Stunde meldeten sich wieder Hüfte und Bein – aber lang nicht so schlimm, dass ich mich plagen musste.

Ausblick von der Ratzinger Höhe, auf der wir rasteten.

Simssee.

Wir gingen die gut 18 Kilometer in fünf Stunden, kehrten abschließend in Prien ein.

Ich hatte eine für mich sehr seltene Lust auf Kässpatzen, gegenüber gab es Lachstartar.

Die Bahn zurück war ein wenig verspätet und wieder rege genutzt, diesmal saßen wir aber sogar auf richtigen Sesseln. In München holte ich mir auf dem Heimweg noch ein Eis zum Nachtisch.

Die Wanderung hatte mich angenehm ermüdet, ich ging früh ins Bett.

Journal MittwochDonnerstag, 15. August 2019 – Zurück im Olympiabad und Colson Whitehead, Sag Harbor

Freitag, 16. August 2019

Ausgeschlafen in den Feiertag Mariä Himmelfahrt.

Draußen war es kühl und gemischtwolkig. Ich wollte schwimmen, und im Schyrenbad wäre das mit anschließender heißer Innendusche schon gegangen, doch dann fiel mir ein, dass im August ja die große Halle des Olympiabads fertigrenoviert sein sollte. Ich checkte die Website: Richtig, man konnte wieder in ganzer Pracht schwimmen. Also radelte ich hinaus in den Olympiapark, stellte fest, dass dort gerade Sommerfest gefeiert wurde, umfuhr Buden, Verkaufstände, Hüpfburgen und viele Menschen. Der Eingang ins Olympiabad war immer noch versteckt seitlich, die Renovierung wird noch eine ganze Weile brauchen. So fiel auch in der Schwimmhalle das Licht noch nicht wieder durch die große Fensterfront.

Das Becken ist ganz neu und metallern. Gewöhnen musste ich mich aber nach den Draußenschwimmrunden erst wieder ans warme Wasser, schwamm dann gut und mit Genuss mit wenigen anderen im Becken, legte auf meine 3.000 noch 300 Meter. Cardio-Kondition hätte Lust auf noch mehr gehabt, doch ich muss Rücksicht nehmen auf den Rest der Hardware, die gegenüber Herz-Kreislauf immer mehr abfällt.

Der Himmel hatte inzwischen zugezogen, beim Zurückradeln wurde ich kurz vor Zuhause nassgeregnet.

Kurzes Frühstück mit selbst gebackenem Brot (gut!) und Obst, dann spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen unserer Leserunde. Eigentlich war für gestern der jährliche Ausflug in die Sommerfrische zum Chiemsee vorgesehen gewesen, doch wegen des schlechten Wetters hatten wir ihn abgeblasen: Bei dem Regen wäre weder Seeschwumm noch Kaffeeundkuchen auf dem Balkon mit Bergblick möglich gewesen, drinnen konnten wir auch in München sitzen.

Gelesen hatten wir von Colson Whitehead Sag Harbor, erschienen 2009. Auf Deutsch heißt der Roman Der letzte Sommer auf Long Island, was beim Kauf im Buchladen wohl zu gedehnten Blicken und Rechtfertigungsfuchteln „Nein, der ist nicht von Uta Danella!“ geführt hatte. Ich hatte das Buch sehr gern gelesen – nach anfänglichem Unmut, weil ich vergeblich auf Handlung warterte. Doch Handlung ist nicht der Antrieb der Erzählung. Der Roman malt viel mehr das Bild einer Zeit und eines Gesellschaftsausschnitts: Ein Sommer in den 80er Jahren auf Long Island, es erzählt ein Teenager, der zu der Schicht der schwarzen Sommerfrischler gehört, die in zweiter Generation wohlhabend und etabliert genug sind, dass sie sich Sommerhäuser auf Long Island leisten können.

Sommerfrische der wohlhabenden New Yorker Mittelklasse auf Long Island ist ja ein etablierter Hintergrund in der Fiktion, ob im Roman oder im Film. Doch erst durch Sag Harbor wurde mit bewusst, dass diese etablierten Bilder rein weiß sind, dass Nicht-Weiße darin nicht vorkommen. Genau das ist der Erzählanlass: Sowohl aus der Perspektive des 15-jährigen Benji als Ich-Erzähler als auch mit der Reflexion des Erwachsenen Ben wird uns weißen Normmenschen beschrieben, was wir bislang übersehen haben. Dass es in den 80ern eine gebildete schwarze Schicht mit Wohlstand gab, dass Rassismus und Bürgerrechtsaktivismus ganz spezielle Auswirkungen auf Familienstrukturen hatten, dass Weiße und Schwarze weiterhin getrennt lebten, aber auch, dass solch ein Sommer auf Long Island unter Teenagern eben die Mechanismen und Codes mit sich trug, die dieser Lebensabschnitt produzieren kann.

Ich fand viele Aspekte dieser Zeit und dieser Familien nahbar und nachvollziehar beschrieben: Zum Beispiel den Job, den Benji im örtlichen Eisladen als Waffelbäcker hat, die Unberechenbarkeit des despotischen Vaters und die Reaktion der Kinder, die Machtverschiebung in der Jungsgruppe durch Autobesitz.

Die Rezeption in unsere Lesegruppe ging auseinander, es gab auch Stimmen, die ein Sommer auf Long Island in den 80ern einfach nicht interessierte.

Draußen blieb es regnerisch und unangenehm. Mit Herrn Kaltmamsell verbrachte ich den Abend vor dem Fernseher: Wir guckte That’s Entertainment Part 2 von DVD an.

§

„Schwangerschaft im sozialen Wandel
‚Eine Frau soll keinen Mann brauchen müssen, um ein Kind zu gebären'“
.

Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp spricht über ihr neues Buch, in dem sie unsere impliziten gesellschaftliche Vereinbarungen rund um Schwangerschaft betrachtet sowie ihre Wurzeln und Auswirkungen. Sie stellt Gegenvorschläge zur Diskussion.

§

„Konflikte in der LGBTI-Community
Der alte weiße Schwule versteht die Welt nicht mehr“.

via @niggi

Interessanter historischer Abriss der Befreiungsbewegung von Schwulen und Lesben in Deutschland – die zum Teil sehr unabhängig voneinander verlief.

Journal Dienstag, 13. August 2019 – Rucksack fürs Feuerwehrfangirl

Mittwoch, 14. August 2019

Immer noch grau und kühl, ich kapitulierte und zog Jeans und feste Schuhe an – Sommer aus. Sogar für den Heimweg brauchte ich eine Jacke. Dennoch war ich guter Laune, denn Montagabend war mein bestellter Rucksack eingetroffen: Ich hatte schon lange gemerkt, dass es meinem Kreuz nicht gut tat, eine schwere Kuriertasche zu tragen, auch nicht quer getragen. Da meine derzeitige Arbeitstasche ohnehin bereits unschön abgestoßen ist, sollte ihr Nachfolger also ein Rucksack werden: Bequem, mit breiten gepolsterten Trägern, groß genug für Brotzeit und ein paar Einkäufe. Ein wenig Spaß sollte er mir aber auch bereiten.

(Fotograf: Herr Kaltmamsell)

Es wurde also ein Rucksack aus altem Feuerwehrschlauch.

Dieser erste Praxiseinsatz verlief schon mal positiv: Er saß gut und war bequem, die Fächereinteilung gefiel mir, und die Obsteinkäufe auf dem Heimweg fasste er locker, ohne aus der Form zu geraten. Bei Hitze wird mir darin allerdings drunter zu warm werden.

Herr Kaltmamsell ist ein begeisterter Aufbraucher. Als ich also anregte, das Abendessen um das Glas vom lieben Bruder geriebenen Meerrettich zu bauen, das noch im Kühlschrank stand, plante er gekochtes Rindfleisch mit Meerrettichsoße, dazu neue Kartoffeln aus Ernteanteil. Die Nachbarin hatte sich fürs Blumengießen mit einem heimischen Salat bedankt, den gab’s auch.

Im Fernsehen lief Das Haus am See, von dem ich trotz Starbesetzung noch nie gehört hatte und dessen Beschreibung sich interessant las. Ich wurde tatsächlich in die Handlung gezogen (Sandra Bullock!) und hätte ihn gern ganz gesehen, doch als mich zum dritten Mal eine Werbeunterbrechung völlig rauswarf (die ersten beiden hatte ich zum Aufräumen und für Abendtoilette genutzt), machte ich den Ferneseher aus und las den Rest der Handlung bei Wikipedia.

Im Bett zu Regenrauschen Colson Whitehead, Sag Harbor ausgelesen.

Journal Samstag, 10. August 2019 – Warme Regenwanderung am Ammersee

Sonntag, 11. August 2019

Jetzt beim Schreiben fällt mir auf, dass das gestern für mich ein idealtypischer Sommersamstag war: Morgenkaffee auf dem Balkon, kleine Einkaufsrunde, Wandertour mit abschließendem Wirtshausessen, nach Rückkehr Eis von der Eisdiele zum Nachtisch. Dass es regnete, mich beim Wandern Schmerzen plagten – machte nichts.

Ich stand nach Ausschlafen zu bedecktem Himmel auf, doch die Hitze des Freitags wärmte noch die Luft – also Balkonkaffee. Nach langem Bloggen machte ich mich wanderfertig, ging aber erst mal auf eine Erledigungsrunde. Inzwischen hatte der angekündigte Regen eingesetzt, für meinen Gang zu Reinigung und Basitsch brauchte ich einen Schirm.

Daheim Frühstück: Ich mischte zwei Pfirsiche und eine reife Maracuja mit Joghurt und war völlig begeistert von der Obstkombination – bis mir einfiel, dass das ja seit Jahrzehnten ein Klassiker im Saft-, Joghurt-, Eisteeangebot ist. Kein Zufall also.

Ich hatte eine 18-Kilometer-Wanderrunde am Ammersee ausgesucht. Die Anfahrt nach Herrsching war ein wenig umständlicher als sonst: Die S-Bahn-Stammstrecke war wegen Bauarbeiten gesperrt (wann, wenn nicht an einem Wochenende in den Sommerferien soll das auch gemacht werden, da stört’s am wenigsten), wir mussten erst mal mit einem Zug nach Pasing fahren.

Von Herrsching aus hoch Richtung Andechs, dann gingen wir eine ganze Zeit die Erlinger Höhe entlang. Es setzte Regen ein, doch wir hatten ja unsere superduper Wanderjacken dabei.

Für eine Pause nach zweieinhalb Stunden fanden wir einen weichen und trockenen Platz unter einer riesigen Tanne: Es gab Breze und reife grüne Pflaumen.

Der ohnehin nie starke Regen versiegte. Kurz darauf riss der Himmel auf, die Sonne kam heraus – und es wurde sofort heiß. Leider hatten die Schmerzen in meiner Hüfte und im Bein dazu geführt, dass ich mittlerweile völlig verkrampft ging. Melancholische Gedanken ließen mich froh über die bereits erlebten Wanderurlaube in England, Spanien, Irland, an der Mosel und im Westerwald sein – das ginge jetzt nicht mehr.

Erling. Auf dem Rückweg kamen wir an dem Gelände der riesigen Tank- und Betriebshallenanlage vorbei, die ich auf dem Hinweg von oben gesehen hatte: Die Andechser Molkerei – klar, irgendwo müssen die Andechser Molkereiprodukte ja herkommen.

Wir stiegen ganz hoch bis zum Kloster Andechs, kehrten aber nicht ein (der eine bisherige Besuch hatte nicht die besten Erinnerungen hinterlassen).

Durchs Kiental zurück nach Herrsching.

Kulinarisches Gegenprogramm zum Vorabend: Wir kehrten im Gasthof zur Post ein, Spareribs aus dem Smoker für den Herrn, Spanferkelbrust für mich (die ich nur zur Hälfte schaffte, tse).

Wieder mit einmal Umsteigen fuhren wir zurück nach München, auf dem Weg nach Hause gab es Eis.

Daheim Auspacken und Ausruhen. Beim müden Rumschalten am Fernseher stolperten wir in der Reihe alpha-retro über eine Reisesendung von 1982, Walter Sedlmayr in Portugal:
„Einmal Portugal und zurück“.

Wir blieben daran hängen, weil der Hintergrund des launigen Tonfalls überraschend reflektiert war: Nelkenrevolution, möglicher EU-(damals noch EG-)Beitritt, vor allem aber der touristische Blick und seine Filter- und Verfremdungsgefahr. Die scheinbare Komödie zeigte mehr Respekt vor Land, Leuten und ihre Selbstbestimmung, als ich es von vielen Auslandsjournal-Berichten der Zeit kenne.

Dazu kam die Thematisierung des Filmens selbst: Kamera- und Tonleute waren präsent, mal kicherte der Kameramann über einen pathetischen Text, mal sah man den Tonmann, der sich eben gezeigten Wein einschenkte. Rechts und links böse Witze über den Bayerischen Rundfunk. Und die klassisch romantisierenden Takes von Land und Leuten wurden als gestellt ironisiert: „Jetzt noch alter Mann auf Pferdewagen bitte, sag dem Mann Bescheid, er kann losfahren, wir wären so weit.“

Scheint leider nicht in der Mediathek vorgehalten, wir müssen wohl auf nächsten Samstag warten, wenn ab 20.15 Uhr Walter Sedlmayr nach Österreich und Spanien reist, am 24. August nach Frankreich und Israel.

Journal Freitag, 9. August 2019 – Gemüstag, mit Stern im Tian

Samstag, 10. August 2019

Am Vorabend war es mir zu spät dafür gewesen, jetzt stellte sich Herr Kaltmamsell in aller Herrgottfrüh in die Küche und schnippelte meine Brotzeit nach Wunsch: Fenchel aus Ernteanteil, grüne lange Paprika vom Verdi (leicht scharf), Salzzitronen, Pfeffer, Salz, Rapsöl.

Schmeckte hervorragend – ich beginne Menschen zu verstehen, die Salzzitrone erst mal an alles tun.

Vier Monate im Jahr muss ich ja wegen Oktoberfest einen Umweg um die Theresienwiese machen. Das bringt mich um den weiten Blick, den ich sonst so genieße, hat aber einen enormen Vorteil: Ich gehe an der Feuerwache 3 – Westend vorbei, meine innere Achtjährige bekommt immer wieder etwas geboten. In den vergangenen Tagen stand mehrfach ein Feuerwehrauto vor dem Gebäude, die eine oder andere Klappe geöffnet, Feuerwehrmänner taten Dinge daran. Am Donnerstagabend saß eine Gruppe Feuerwehrler davor in der Abendsonne, Tore zum spannenden Gebäudeinneren offen. Und gestern war gerade ein Leiterwagen vor dem Gebäude in Betrieb, ein Feuerwehrmann mit Helm fuhr im Korb hoch, ein anderer saß unten in der Steuerkanzel und betätigte die Leiter. Ein entgegenkommender Herr, der auch fasziniert nach oben guckte, und ich lächelten einander dämlich vor Begeisterung an.

Der Tag war schnell und überraschend heiß geworden. Auf dem deshalb langsamen Heimweg ging ich bei Bank und Obsthändler vorbei, wir haben jetzt die reichste Obstsaison.

Am Abend war ich mit Herrn Kaltmamsell verabredet: Ich hatte einen Tisch im mittlerweile sternbekrönten Tian am Viktualienmarkt reserviert.

An die Einrichtung des Restaurants musste ich mich erst mal gewöhnen, diese Polster-und-Bronze-Opulenz kommt bei mir als eher unangenehm neureich an.

Wir entschieden uns für alle sieben Gänge, doch gestern hätte mich die sonst so geschätzte Weinbegleitung überfordert – allein schon die Menge von insgesamt einer Flasche. Also bekam ich die Weinkarte. Die eher übersichtliche Karte war stark österreichisch ausgerichtet und hier auf Gols am Neusiedlersee. Ich hatte noch nie eine Weinkarte in der Hand (besser: vorm Körper – sie war so groß, dass ich mich dahinter hätte umziehen können), in der ich so viele Winzer und Lagen kannte und sogar schon probiert hatte. Ich entschied uns1 gegen einen Orange Wine, da Herr Sommelier bei allen seinen Vorschlägen eine mostige Note zugeben musste, die ich nicht mag. Wir ließen uns einen katalanischen Enric Soler Improvisació empfehlen, der uns sehr gut schmeckte, aber, wie sich herausstellte, sich mit den Gerichten nichts zu sagen hatte.

Der erste Gruß aus der Küche stand schon in einer Vase auf dem Tisch, dunkelgrüne Teigstangen mit Majonese und Blütenblättern. Dazu gab es Champagner De Sousa: Weiß für ihn, rosé für mich.

Der zweite Küchengruß: ein Maissüppchen, sehr angenehm.

Der erste richtige Gang: „Kohlrabi: Radieschen, Buttermilch“. Der Kohlrabi war laut Erklärung die beige Puddingscheibe, darin Tomaten, darüber Radieschen, dazu Schnittlauch-Buttermilch-Soße geträufelt. Nur: Nach Kohlrabi schmeckte hier nichts, Geschmack kam von den Tomaten und Radieserln. Der Pudding schmeckte generisch umami und war cremig, während ich mit Kohlrabi Frische und Knackigkeit verbinde (ich erinnere mich mit Speichelfluss an den kleinen, Frischkäse-gefüllten im Berliner Cordobar).

„Vichyssoise: Queller, Burrata“ war eine ansprechende Kombination, aus dem kalten Klassiker war die Kartoffel deutlich zu schmecken.

„Junger Lauch: Spargel, Pfifferlinge“. Intensiv schmeckten hier die Pfifferlinge, unterstrichen durch Estragon. Der Spargel ging unter, der Lauch brachte Röstaromen mit.

Die „Alternative Ratatouille: Paprika, Tomate, Aubergine“ von der Karte wurde uns als „unsere Interpretation“ vorgestellt. Interessant war hier der klare Tomatensaft, schön herzhaft, auch die sauer eingelegten Einzeltomaten. Und was unter der schimmernden Kuppel hervor kam, schmeckte wie eine sehr, sehr stark eingeschmurgelte Ratatouille. Wie schon beim Kohlrabigang fragte ich mich, was wohl das Ziel einer Küche ist, die ihre Zutaten hinter der Zubereitung versteckt. Artistik? Aber die Frage mag mal wieder vor allem meine persönlichen Vorlieben verraten.

Zur Entschädigung gab es deutlich nach sich schmeckend „Spitzkohl: Pasta, Kümmel“. Wir hatten Krautfleckerl erwartet, deren zentrale Zutaten hier aufgezählt waren, bekamen aber Krautkrapfen. (Die Servicekraft – eine von fünfen, die uns umsorgten – verstand nicht, wovon wir sprachen, das Gericht ist vielleicht zu regional).

Der Käsegang war ein geschmolzener: „Cathare von Maître Anthony: Olive, Zwiebel, Rucola“, sehr gut, vor allem durch die geschmorten roten Paprika.

Dazwischen gab es einen Melonen-Shot mit Ingwerschaum, schön saisonal und wohltuend.

Den Nachtisch mochte ich sehr, weil er sich auf Schokolade, Himbeere, Rose konzentrierte. Die winzigen Küchlein waren aus Mandelteig.

Zum Abschluss ließ ich mir einen Espresso bringen (anständig), dazu gab es Zitronen-Madeleines.

Draußen traf uns mit Wucht eine schwüle Nacht, wir spazierten über den emsigen Gärtnerplatz und durch viele Wochenendeinläuter auf allen Draußensitzplätzen nach Hause.

§

Frau Klugscheißer erzählt am eigenen Beispiel, wie gerade starke Menschen durch traumatische Erlebnisse nachhaltig aus der Bahn geworfen werden können. Und wie sie zurück finden.
„Trauma my ass!“.

§

Für Hispanohablantes:
„Esta jienense puede leer su agenda telefónica gracias a los dibujos de su nieto“.

(Ja, das ist die Schlagzeile. Zu den Merkwürdigkeiten spanischer Kultur gehört, dass die Schlagzeile, wie wir sie kennen, nicht gebräuchlich ist – am ehesten noch auf den Titelseiten von Klatschmagazinen -, sondern als Überschrift etwas dient, was bei uns der Vorspann wäre.)

Zusammenfassung: Die 74-jährige Encarna Alés telefoniert gerne. Weil sie nicht lesen kann, hat ihr Enkel ihr ein Telefonbuch mit Symbolen statt Buchstaben gemalt, das er kontinuierlich aktualisiert. Kürzlich twitterte er Fotos von ein paar Seiten daraus – die Tweets gingen viral.

Darin ist so viel bemerkenswert (neben den seltsamen Überschriftgepflogenheiten):
– Der Spanier hispanifiziert Fremdwörter bis heute völlig ungerührt, retweeten heißt „retuitear“ wie in „Ha sido retuiteado más de 15.000 veces en un día.“.
– Es gibt bis heute ganze Generationen von Analphabeten in Spanien. Das war bei meiner spanischen Yaya so (die jetzt 105 Jahre alt wäre), aber eben auch bei der beschriebenen Encarna Alés. „Encarna Alés tuvo que dejar el colegio para trabajar con ocho años“ – sie musste mit acht Jahren die Schule verlassen um zu arbeiten. War halt so.
– Ihren Namen kann Frau Alés aber schreiben: Das hat ihr Vater ihr beigebracht, damit sie bei der Heirat nicht mit einem Daumenabdruck unterschreiben musste.

  1. Herr Kaltmamsell hat zum Glück noch nie protestiert []

Journal Sonntag, 4. August 2019 – Sonntagsruhe mit Laufen und Bügeln

Montag, 5. August 2019

Ausgeschlafen, allerdings nicht so lange wie erhofft.
Zu einem sonnigen Tag aufgewacht. Ich entschied mich für einen Isarlauf statt einer Schwimmrunde und radelte zum Friedensengel. Auch diesmal wollte ich die Runde abkürzen, ich lief also nur bis zur Leinthalerbrücke, ließ die wunderschöne Strecke bis zur Unterföhrunger Kirche St. Valentin weg. Das war immer noch zu viel, ich war dann aber so vernünftig, das letzte Stück zurück zum Fahrrad zu spazieren statt zu joggen.

Dennoch zahlte ich für den Lauf und konnte den Rest des Tages nur schwer gehen, weil rechts die Hüfte und das Beim so schmerzten. Das hatte aber auch mit einem Muskelkater von der samstäglichen Gymnastik zu tun.

Beim Heimradeln nahm ich Semmeln mit. Nach dem Frühstück wurde ich müde und bettschwer, legte mich zu einer Siesta hin. Als ich eine schmerzfreie Lage gefunden hatte, schlief ich tief und gut.

Der Bügelberg war schon wieder gewachsen, diesmal sollte er ganz wegkommen. Half ja nichts. Also verbrachte ich zweieinhalb Stunden überm Bügelbrett, hörte dabei Podcast:
WRINT: Andrea Diener verreist nach Osteuropa.

Vor dem Abendessen war dann zumindest noch Zeit, auf dem Balkon die Wochenendezeitung zu lesen. Herr Kaltmamsell hatte elaborierte Spareribs gemacht: gedämpft und dann mit einer lateinamerikanischen Glasur im Ofen gebacken.

Dazu gab es Reis und schwarze Bohnen.

Zum Nachtisch spazierten wir zur Nachbarschaftseisdiele – Schüsselchen und Löffel brachten wir mit.

§

Aus diesem Artikel habe ich nicht nur viel über den Wert von bestimmten Turnschuhen in bestimmten Bevölkerungskreisen gelernt, nicht nur, wie Geldgierler das ausnutzen, sondern auch, wie schädlich sich das auf hochspezialisierte kleine Hobby-Communitys auswirkt. Vor allem aber, mit welchem Schabernack eine dieser Communitys die Kriegsgewinnler ausgetrickst hat:
„Bonkers vs Bots
Wie sich der Frankfurter Shop gegen Reseller wehrt“.

Meine Mama hat immer gesagt: „Wenn dich einer anpisst, dann pisst du dreimal zurück, bis er ertrinkt.“ Also so genau hat sie das nicht gesagt, aber so in der Art.

(Da möchte ich ihn gleich ganz tantig in die Wange kneifen.)

§

Weil grad noch Platz ist.
Wenn Sie gerade nach ökologisch und ethischh vertretbarer, nachhaltig produzierter Kleidung suchen: Überlegen Sie einfach mal als Alternative, gar nichts zu kaufen. Das ist das Umweltfreundlichste. Oder, wenn der Bedarf oder Wunsch zu groß ist: Suchen Sie erst mal nach etwas Gebrauchtem.
Bittegerne.

Journal Freitag, 2. August 2019 – Weitere Kreise der Traurigkeit

Samstag, 3. August 2019

Der seltsame Moment, wenn scheinbar völlig getrennte Lebensbereiche zusammenfinden: Die geschätzte Carolin Emcke schreibt in der Süddeutschen über die geschätzte Marie Sophie Hingst.
„Licht und Dunkel“.

Eigenartiger Trost, dass Emcke von Sophies Tod berührt war. Dass sie die Last der Öffentlichkeit bei den Trauernden erkennt.
Doch als mir klar wurde, dass hier eine Meisterin der in Worte gefassten Gedanken einen Nachruf auf eine schreibt, die Worte so sehr liebte – musste ich wieder weinen. (Ich bekomme vom Weinen Kopfweh. Das ist schlecht gelöst.)

Immer noch leichtes Zwicken in den Waden: Beim donnerstäglichen Schwimmen immer wieder Krampfansätze – trotz geballtem Magensium (-citrat UND -oxid) davor.

Auf dem Weg in die Arbeit sah ich nochmal Mauersegler am Himmel, ab jetzt ist jeder zusätzliche Tag mit ihnen ein Geschenk.

Mittags für einen Arzttermin ans Sendlinger Tor geradelt. Die Sonne schien unter blauem Himmel, Sommergefühle. Termin für kleinen operativen Eingriff im Herbst vereinbart.

Auf der Rückfahrt weit vor mir ein Eichhörnchen waghalsig eine verkehrsreiche Straße überhuschen sehen. Nichts bringt mich so zuverlässig zum Lächeln wie ein überraschender Eichhörnchenanblick.

Bis zum Nachmittag fühlte ich mich verweint und erschöpft, dann ging’s langsam. Ich machte früh Feierabend.

Daheim stellte ich mich erst mal in die Küche und bereitete Nachtisch für ein Freundestreffen bei meinen Eltern am Samstag zu: Mousse au chocolat nach bewährtem Rezept.

Fürs Abendessen sorgte Herr Kaltmamsell: Ich hatte mir Fleisch gewünscht, er hatte eine halbe glückliche Kuh besorgt.

Dazu der liebste Südafrikaner im Glas: Owl Post.
Ritual vor dem Zu-Bett-Gehen: Nach Fledermäusen Ausschau halten. Gestern mussten wir nicht lange warten.

§

Ausführliche Geschichte vom NDR über Entwicklung, Auswirkungen und Hintergründe:
„Klima kippt – Kreuzfahrt boomt.“

Mit dem Zuckerl, dass ein Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff fast immer auch zwei Flüge umfasst: Hin- und Rückreise zum und vom Hafen.

Anbieter und Kunden scheinen sich einig zu sein: der letzte Eisbär und der letzte Pinguin werden nicht zugrunde gehen, bevor jeder Deutsche sich persönlich im Rahmen einer Kreuzfahrt von ihm verabschiedet hat.

§

Was Einstellung zur Klimakatastrophe mit dem Verhältnis zu Individualismus zu tun hat – ein interessanter Twitter-Thread.


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