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Journal Montag, 4. November 2019 – Spinnerte Kirchenglocken

Dienstag, 5. November 2019

Ein überraschend strahlender Morgen.

Weil ich vor der Arbeit noch einen Arzttermin um 8.15 Uhr gleich ums Eck hatte, musste ich später aus dem Haus. Ich nutzte die zusätzliche Zeit für das Kneten von Pizzateig, den Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl verarbeiten würde (Gehen im Kühlschrank), und zum Pflanzengießen.

Beim Verlassen des Hauses fiel mir wieder auf, dass derzeit die Glocken von St. Matthäus verrückt spielen. Da ich seit Jahrzehnten keine Armbanduhr trage und in bayerischen Innenstädten wohne, kalibriere ich mein Zeitgefühl mit dem Schlagen von Kirchturmuhren und nehme es entsprechend stärker wahr als die Durchschnittsbürgerin. Doch schon am Wochenende, als ich beim Schlagen von St. Matthäus mitzählte, war klar, dass die vier Schläge am Morgen nicht der Morgendämmerung entsprechen konnten (St. Matthäus schlägt immer nur die Anzahl der Stunden und zur halben Stunde zweimal – anders als andere Kirchturmuhren in entfernterer Hörweite, z.B. St. Paul, die mit einer Glocke die Viertelstunden schlagen und mit einer hörbar anderen die Anzahl der Uhrzeitstunden). Gestern Morgen nun schlug eine Glocke von St. Matthäus um acht Uhr irgendwas verzagt Unregelmäßiges. Die Hund gassiführende Nachbarin, die mir vorm Haus entgegen kam, war sich mit mir einig: Jetzt gerät die Welt völlig aus den Fugen.

Beim Arzttermin wurden die Fäden an meiner OP-Wunde entfernt, Befund der Wucherungsuntersuchung war ohne solchen.

Tram und U-Bahn in die Arbeit.

Etwas verwirrende Bahnhofs-Deko: Das Siegestor rechts ist sicher nicht hier. Nachtrag: Bei nochmaliger Begegnung wurde mir klar: Das ist auch gar nicht das Siegestor, sondern das Portal zum Alten botanischen Garten – das hier tatsächlich direkt drüber liegt.

In der Arbeit reichlich Arbeit, aber nichts Schlimmes. Mittags ein mächtiges Butterbrot aus dem selbst gebackenen, nachmittags Granatapfelkerne. Das Wetter wurde grauer, es regnete hin und wieder, manchmal musste ich aber die Jalousinen gegen Sonnelicht herunterziehen.

Den Heimweg trat ich wegen Einkaufsplänen zu Fuß an. Der erste Kilometer ging wie meist gut, dann bremste mich die Hüfte. Abstecher zum Vollcorner – die elektrische Kuh mag immer noch nicht.

Daheim wollte ich dringend Alkohol, bekam einen Purple Haze (irgendwas mit Cranberrysaft, Gin, Blauem Bols, Tonic Water).

Herr Kaltmamsell hatte die vereinbarte Pizza mit Radicchio, Käsen und Walnüssen zubereitet – sehr gut.

Spätes Entspannungsbad, weil ich noch eine abends gestartete Maschinenfüllung aufhängen musste.

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Hande hat die Untersuchung von Kate Long in Italien wiederholt: Sie hat in einem Bekleidungsgeschäft fotografiert, mit welchen Aufschriften Shirts kleinster und kleiner Kinder von Anfang an Geschlechterrollen festlegen (von wegen „sind nunmal verschieden“). Hier das Ergebnis als Twitter-Thread.

Journal Samstag, 2. November 2019 – Brotbacken, Lesen, Stricken, Kochen – ein Frauensamstag aus den 50ern

Sonntag, 3. November 2019

Wieder ausgeschlafen: Nach dem Aufwachen um sechs nochmal einzuschlafen, war eine gute Idee.

Noch vor dem Kaffeemachen Brotteig geknetet, es sollte wieder einen 7-Pfünder geben. Morgenkaffee über ausführlichem Bloggen, Twittertimeline nachgelesen.

Als ich das Brot auf dem Backofen holte, war ich auch damit fertig.

Anschnitt natürlich abends nach vollständigem Auskühlen.

Duschen und Anziehen, die Waschmaschine gefüllt und eingeschaltet, ich machte mich auf eine kleine Einkaufsrunde.

Draußen bemerkte ich, dass die Temperaturen (wie angekündigt) um mindestens zehn Grad gegenüber Allerheiligen gestiegen waren. Ich sah viele Menschen mit Jacke/Mantel überm Arm, machte zwischen zwei Einkaufsstationen einen Abstecher zurück nach Hause, um den Pulli unterm Janker abzulegen.

Zum Frühstück Semmeln vom Vortag (die guten Handsemmeln, die offensichtlich mit Sauerteig gemacht und langsam gegangen waren – ich wusste, dass die auch am nächsten Tag noch saftig sein würden), eine mit Hummus, eine mit Frischkäse und Meyer Lemon Curd.

Ich setzte mich an den Balkon und las Hayes Insomniac City aus. Zeitlich wäre danach eine Nachmittagsvorstellung im Kino drin gewesen, doch ich war noch zu sehr im Buch gefangen und wollte nicht durch eine neue Geschichte rausgerissen werden. Auch auf Zeitunglesen hatte ich aus diesem Grund erst mal keine Lust, einen Spaziergang versagte ich mir, weil meine Hüfte meldete, dass bereits die Einkaufsrunde genug Beanspruchung gewesen war.

Also kam ich auf die Idee, mein vor sechs Jahren angefangenes Strickzeug rauszukramen. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich wieder ins (einfache) Muster reindachte, fand auch die Anleitung für den Sommerpulli aus dunkelblauem Bändchengarn wieder. Wenn ich weiterhin nur minimal Sport treiben kann, bekomme ich den vielleicht sogar bis nächsten Sommer fertig.

Dann las ich aber doch die Wochenendezeitung, bis es Zeit war, Abendessen zu kochen. Es sollte mit Ernteanteil-Schwarzkohl und -Kartoffeln Caldo verde geben (ich orientierte mich an diesem Rezept), weil mit bayerischer Kaminwurzn statt Chorizo halt Grea Caldo.

Wurde sehr gut, durch die Rinderbrühe eine richtige Festtagsversion. Zum Nachtisch Schokolade.

Im Fernsehen fand ich nach der Tagesschau rein gar nichts, was mich interessierte, las statt dessen Internet. Im Bett begann ich den nächsten Roman: Toni Morrison, Beloved.

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Ein ganz besonderes Tänzchen im Sportstadium auf Twitter.

via @dieliebenessy

(Gibt doch sicher so ’ne Motivationspostkarte: Such dir einen Job, dessen Berufskleidung dir jederzeit Tanzen ermöglicht.)

Journal Freitag, 1. November 2019 – Schlachthofviertel und Beifang aus dem Internetz

Samstag, 2. November 2019

Den Allerheiligen-Feiertag verbrachte ich auch dieses Jahr allein (Herr Kaltmamsell ist beim jährlichen Rollenspiel), umso mehr kam ich zum Denken und Schreiben.

Nach Ausschlafen (gut!), Bloggen und Kaffeetrinken machte ich aus den Meyer Lemons vom Vollcorner Curd nach Ankes Rezept (ich beschloss, dass die zwei Winzlinge als eine Zitrone zählten). Und wer behauptet, ich hätte vor lauter geschäftigem Abspülen und Aufräumen nicht genug aufgepasst, bekommt eben nichts von meinem köstlichen süßen Zitronenrührei ab! (So schlimm war es gar nicht, die Creme enthält halt ein paar gestockte Eiweißfetzen.)

Duschen und Anziehen, dann holte ich mir Semmeln – und stellte fest, dass ich unter dem kalten Hochnebel durchaus eine Mütze vertragen hätte. Ich frühstückte zwei Semmeln, eine mit Butter und letzter Ernteanteil-Tomate, eine mit Curd.

Einziges Vorhaben für den Tag war ein Spaziergang durchs Schlachthofviertel: Die Route des Bus‘ 62 hatte mich an interessanten Anblicken vorbeigetragen. Und so stromerte ich los.

Ich kam an der Alten Utting vorbei – ein Ausflugdampfer vom Ammersee, der jetzt ein zweites Leben als Kulturprojekt und Lokal auf einer Eisenbahnbrücke hat.

An der Lagerhausstraße.

Und schließlich an reichlich Street Art, die das eigentliche Ziel meines Spaziergangs gewesen war. Dort herrschte gerade Emsigkeit: Zwischen Dutzenden Spraydosen und Arbeitsmaterial standen Männer mit Mundschutz vor den Mauern und änderten oder erneuerten die Kunstwerke. Ich nehme an, dass sie zum Kulturprojekt Bahnwärter Thiel gehörten. Der Feiertags-ruhige Verkehr ermöglichte mir gute Fotografierpositionen von der Straße aus.

Eine weitere kleine Sammlung: Schlachthofviertel.

Steht leider leer – wo das doch der perfekte Ort für eine der derzeit angesagten Fleisch-Grillereien wäre.

Daheim aß ich das letzte Stück Engadiner Nusstorte. Zeitunglesen vorm Balkon (mit regelmäßiger Akrobatik-Einlage am Meisenknödel). Durch eine Nebenbemerkung im Lokalteil erfuhr ich, dass es das Lokal Walter & Benjamin seit August nicht mehr gibt – es bleibt die Weinhandlung gegenüber.

Ich setzte Rinderbrühe auf und machte es mir mit Bill Hayes` Insomniac City im Sessel bequem – kurz nach fünf war es bereits dunkel. Vor drei Jahre hatte ich Oliver Sacks Autobiografie On the move gelesen, das kurz vor seinem Tod mit 82 Jahren veröffentlicht worden war. Besonders berührt hatte mich, dass er nach lebenslangem Hadern mit seiner Homosexualität, nach Jahrzehnten der Einsamkeit, wenige Jahre vor seinem Tod die Liebe seines Lebens gefunden hatte: Eben diesen Bill Hayes, der sich in Insomniac City als feinfühliger, reflektierter und humorvoller Mensch zeigt – und für den wiederum Oliver Sacks die große Liebe war.

Ziemlich am Anfang fiel mir eine Passage auf (in meinem eBook sah ich, dass sie bereits von vielen anderen Leserinnen und Lesern markiert worden war):

I cannot take a subway without marvelling at the lottery logic that brings together a random sampling of humanity for one minute or two, testing us for kindness and compatibility.

Ich dachte sofort an den Hashtag #mitmir4, mit dem auf Twitter die Menschen einer Vierergruppe im Öffentlichen Nahverkehr geschildert werden.

Und mir fiel ein, wie ich vergangene Woche auf dem Weg zum Stachus einen Vierersitz mit zwei Frauen teilte, die eine etwas jünger als ich, zierlich und mit Hijab, die andere etwas älter, kräftig und mit sonnengegerbtem Gesicht. Der Moment von kindness and compatibility entstand, als der hörbar schlecht gelaunte Fahrer die Störung zwischen Sendlinger Tor und Kolumbusplatz durchsagte, offensichtlich nicht gewohnt, über Mikro frei zu sprechen, und die Info mit „do geht nix mehr!“ abkürzte: Wir sahen einander an und lachten einvernehmlich, eine murmelte „kann man so sagen“, die andere „Hauptsache Transparenz“.

Zum Abendessen kochte ich mir Ernteanteil-Spinat (im Topf vorher Knoblauch in Olivenöl angebraten, dann gewaschene, gründlich geschleuderte Spinatblätter dazu und umgerührt, Deckel drauf und bei mittlerer Hitze zusammenfallen lassen), aß die Ernteanteil-Radieserln geschnipselt mit Salz, anschließend ein wenig gekochtes Rindfleisch und alles Suppengrün.

Ich setzte Brotteig für Samstag an, guckte Tagesschau, der Restabend gehörte Insomniac City.

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Neil Geiman schrieb 2017 seine kleine Ansprache zur Hochzeit zweier Freunde auf:
„Wedding thoughts: All I know about love“.

via Spreeblick-Newsletter, den man hier abonnieren kann (Empfehlung)

Gerade vergangene Woche waren mir Beziehungsweisheiten durch Kopf und Herz gegangen, nämlich nachdem ich bei Frau Nessy eine gelesen hatte, die Liebe langfristig nur mit „Arbeit“ für möglich hält. Das scheint allgemein akzeptiert zu sein, gruselt mich aber ein wenig. Doch genau deshalb gefällt mir Neil Geimans Ansprache, denn: Ich weiß es doch auch nicht. Frau Nessy mag den Begriff „Entscheidung“, auch das trifft zumindest für mich nicht zu. Je länger ich so durch die Gegend lebe, desto klarer wird mir: Jede Beziehung ist anders, es gibt kein Patentrezept. Die einzigen empfehlenswerten Elemente, die ich für über-individuell halte, sind gegenseitiges Wohlwollen (also dem Gegenüber Gutes zu wollen) und Respekt. Ich sehe zwar immer wieder Beziehungen, denen ganz offensichtlich eins von beidem oder beides fehlt, und sie funktionieren doch auf eine für mich sehr schräge Art und Weise – aber ich bezweifle, dass die Beteiligten sie als glückliche Beziehung bezeichnen würden.

Und dann las ich gesern bei Bill Hayes, wie er eines Abends den erkälteten Oliver Sacks mit Tabletten und Tee versorgt:

I: „What else can I do for you?“
O: „Exist.“

So geht es mir halt auch.

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Die erfolgreichsten Websites 1996-2019 als dynamische Grafik. (Da ich ab ca. 1997 dabei war, krückstockfuchtelte sie, hatte ich einige „Ach richtig, die gab’s ja auch mal!“-Erlebnisse. Ich bin so lange im Web, dass ich mich an das Erscheinen von Google auf der Bildfläche erinnere – und wie sensationell dessen Geschwindkeit und Treffsicherheit war.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/2Uj1A9AguFs

ebenfalls via Spreeblick-Newsletter

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Long-Read über Brot und Getreideanbau in UK.
„Flour power: meet the bread heads baking a better loaf“.

via @katha_esskultur

Denn es ist – mal wieder – kompliziert: Der industrielle Fortschritt in der Landwirtschaft hatte ja auch eine Menge positiver Folgen. Mehr Ertrag pro Hektar ist zum Beispiel per se nichts Schlechtes, oder?

We are only beginning to understand the importance of diversity and the complex systems that plants – and animals, and us – need to thrive. In an interview, Martin Wolfe once argued that value should be accounted not just according to the cash received for a crop, but to the effect of the plants on the soil and carbon sequestration, and wider effects “on mood, on beauty, on community”.

Nach der Lektüre weiß ich nicht nur viel mehr über Getreideanbau und Müllerei, sondern auch, warum das Mehl, das ich in der Hofbräumühle kaufe, eine verhältnismäßig kurze Haltbarkeit hat: Weil es besonders reichhaltiges und gutes Mehl ist.

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Eine kleine Vorbereitung darauf, was fast jeder mal blüht: Den Nachlass der Eltern zu bewältigen.
„Was ich lernte, als mein Vater starb“.

ebefalls via @katha_esskultur

Journal Donnerstag, 31. Oktober 2019 – Schuhfreude

Freitag, 1. November 2019

Unruhige Nacht, jetzt aber wieder nur wegen Schmerzen.

Herrn Kaltmamsell ein letztes Mal Morgenkaffee gebracht, bevor er sich in die 1930er und metaphysischen Wahnsinn stürzt. Mit dem Rad in die Arbeit (Schal, Mütze Handschuhe), um Abends nach dem Reha-Sport schnell heim zu kommen.

Neues Kleid und neue Schuhe (Direktkauf von der britischen Tracey Neuls, von der ich mir vor Jahren in Brighton diese Prachtexemplare geleistet hatte, die sich als bequem und sehr hochwertig erwiesen). Die Stiefelchen bereiteten mir viel Freude – es passen sogar Einlagen rein! es war eine gute Idee, mir diesmal auf den Rat der Sprechstundenhilfe nach 15 Jahren Einlagen statt einem zweiten Paar für Sportschuhe ein zweites besonders dünnes Paar machen zu lassen. Doch das Kleid sitzt weder hinten (Ausbeulung auf Höhe Hohlkreuz) noch vorne (zu wenig Stoff auf Brusthöhe) – ich begehrte es beim Anprobieren wohl so sehr, dass ich die Mängel der Passform übersah.

Ein grauer Tag. Mittags Gurke und rote Paprika mit einem Stückchen Käse, Hüttenkäse mit ein paar Löffeln Latwerge. Nachmittagssnack ein Stück Eiweißriegel.

Reha-Sport begann wieder mit einer Einheit Progressiver Muskelentspannung. Diesmal legte ich mich auf eine der schmalen Liegen, doch die Anweisung, meine Gedanken zu „leeren“, „ganz bei sich“ zu sein, funktionierten in der Umgebung nicht. Es ist vermutlich sinnvoller, ich übe die Technik daheim und in echter Ruhe – ohne grässliche Musik und ohne Programm im Anschluss. Das gestern aus einer Runde Gerätepark bestand, die ich so zügig wie möglich absolvierte, also mit nur fünf Minuten Aufwärmen, ohne im Zweifel weitere Wiederholungen draufzulegen, mit Abkürzung der Pausen zwischen den Sätzen – ich wollte nämlich bittegerne heim.

Beim Heimradeln dann doch noch ein schneller Abstecher in den Edeka: Milchvorrat, Suppengemüse. Ich hatte nämlich geplant, am Freitag aus dem angekündigten Ernteanteilschwarzkohl Caldo Verde zu bereiten, Herr Kaltmamsell hatte bereits Suppenfleisch besorgt. Doch daheim fand ich auch eine ordentliche unangekündigte Portion Spinat im frisch geholten Ernteanteil vor: Ich plante um, Freitag gibt es Spinat und frisch gekochtes Suppenfleisch, Caldo erst am Samstag. Gestern Abend gab es den Salat aus Ernteanteil mit Orangen-Tahini-Dressing, dann Sandwichtoast mit Butter und Orangenmarmelade.

Nachdem ich auf Twitter die verschiedenen Ausprägungen des deutschen Halloween-Feierns gelesen hatte (auf der Theresienhöhe waren zahlreiche Kindergrüppchen mit Erwachsenenaufsicht unterwegs), begann ich im Bett auf meinem Kindle das nächste Buch für die Leserunde: Bill Hayes, Insomniac City: New York, Oliver, and Me.

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Schon lange weisen Forscherinnen und Forscher darauf hin, dass gewalttätiger Rechtsextremismus immer massive Frauenfeindlichkeit enthält, dass Antifeminismus oft das verbindende Element beim Start der Radikalisierung ist. Auf Tagesschau.de fassen Robert Bongen und Katharina Schiele zusammen:

„Rechtsextremismus
Feminismus als Feindbild“.

Helm hat festgestellt, dass der Hass auf Frauen ein verbindendes Element in der Gedankenwelt von rechtsextremistischen Attentätern ist. Auch der Attentäter von Christchurch, der im März in Neuseeland 51 Menschen ermordet hatte und den der Täter von Halle als Vorbild bezeichnet, gab in seinem „Manifest“ dem Feminismus die Schuld, dass Frauen nicht genug Kinder bekämen und es deshalb zu einem „Bevölkerungsaustausch“ mit den Muslimen komme.

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„Die vergessenen Kinder des Krieges: Ajna Jusić wurde bei einer Vergewaltigung gezeugt“.

via @vonhorst

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Sie erinnern sich an Sean Spicer? Den früheren Trump-Sprecher? Dumme Frage, natürlich erinnern sie sich (allerdings vermutlich wie ich viel lieber an sein Alter Ego in Saturday-Night-Live, Melissa MacCarthy). Seit einigen Wochen nimmt Spicer an der Show Dancing with the stars teil – und schafft es, die vertrauten Mechanismen der Lüge und des Betrugs sogar in dieser harmlosen Unterhaltung wirkungsvoll einzusetzen (und Trevor Noah ist richtig gut geworden!):

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/UW24yps3Ti4

Journal Montag, 28. Oktober 2019 – Erster Spaghettikürbis

Dienstag, 29. Oktober 2019

Unruhige Nacht, unter anderem weil ich mich sorgte: Die genähte Wunde des kleinen operativen Eingriffs vom Montag wollte nicht heilen. Sie nässte, schmerzte und hatte am Sonntag wieder geblutet – sechs Tage nach Schnitt und obwohl meine Wundheilung sonst überdurchschnittlich schnell ist. Spätestens beim Bluten entschied ich, dass ich damit am Montagmorgen zur verantwortlichen Ärztin gehen würde; Sepsis-Bilder aus Weltkriegsfilmen (das schöne englische Wort gangrene) vor meinem inneren Auge ließen es mir egal sein, möglicherweise wegen Anstellens ausgelacht zu werden.

Ich schickte morgens eine E-Mail ins Büro, um meine Verspätung anzumelden – und sah bei dieser Gelegenheit, dass in meinem Berufspostfach zahlreiche Bomben eingschlagen waren. Auch das kein Gemütsaufheller.

In der Nacht hatte wie angekündigt das Wetter umgeschlagen: Es regnete und war deutlich kühler.

Dieses Motiv läuft auf meinem instagram unter #wazifubo (Wartezimmerfußboden).

Doch in der Artpraxis nahm man mich sofort ernst und schob mich ein (beim Warten hörte ich zwei Angestellte abwechselnd verzweifelt am Telefon und direkt erklären, dass es wegen verschiedener Ausfälle bis Januar keine Termine mehr gebe), die Ärztin war freundlich und geduldig. Ergebnis: „Kein Grund zur Sorge“, „keine Wundinfektion“, „leicht entzündet“, „kein Antibiotikum nötig“. Ich verließ die Praxis beruhigt und mit einem Rezept für Desinfektionsgel. (Am Sonntag hatte ich in Ermangelung von sowas zu Rasierwasser gegriffen. Nein, sehr schmerzempflindlich bin ich wohl wirklich nicht.)

In der Arbeit dann Turbulenzen, doch es ging einiges voran. Mittags nutzte ich zum ersten Mal die im Haus bereitgestellte Mikrowelle: Ich hatte mir vom vorabendlichen Wirsing, Kartoffelpü und Bratwurst mitgenommen, das wäre selbst mir kalt nicht so recht gewesen. Nachmittagssnack war ein Stück Engadiner Nusstorte.

Ich fühlte mich matschig und müde, nachmittags inklusive Kopfweh. Um halb fünf so sehr, dass ich Visionen von Hinlegen untern Schreibtisch hatte. Zumindest strich ich den Fußweg nach Hause, auf dem ich ein wenig einkaufen hatte wollen. Statt dessen setzte ich mich in einen Bus, machte lediglich einen Abstecher zur Apotheke.

Als Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell den Spaghettikürbis aus Ernteanteil. Bei dieser ersten Begegnung hielt er sich an die Anweisung des beiliegenden Newsletters „Kartoffeldruck“: Er halbierte den Kürbis und buk ihn bäuchlings auf Blech im Ofen. Dann lockerte er das Kürbisfleisch zu den namengebenden Streifen, servierte es mit Salz, Pfeffer, Butter, Parmesanspänen.

Ich war sehr fasziniert: Das Kürbisfleisch schmeckte fruchtig-aromatisch und leichter als das von Butternut oder Hokkaido, am besten ließ es sich mit dem Löffel aus der Schale holen, ausgekratzt wurde es spaghettiförmig. Der halbe Kürbis war viel zu viel: Nach langem überfraß ich mich mal wieder, es passte kaum noch Schokolade hinterher.

Ins Bett ging ich sehr müde schon kurz nach neun, las aber noch eine ganze Weile.

§

Wer sich so richtig deprimieren lassen möchte: @derkutter hat sich in einem Twitter-Thread kluge Gedanken zu diesem Punkt gemacht.

U.a.

Während sich die politische Lage in den drei Ländern, die zuletzt gewählt haben, als außerordentlich unterschiedlich herausstellt, gibt es nur eine Konstante: stabile Ergebnisse für eine faschistische Partei, die mittlerweile von rund einem Viertel der Wähler gewählt wird.

und

Diese Betrachtung soll kein Ost-Bashing sein. Einiges spricht dafür, dass die ostdeutschen AfD-Wähler eine Art Türöffner-Wähler sind: Jeder Wähler, der seine Hemmung verloren hat, eine faschistische Partei zu wählen, senkt die Hemmschwelle für jene, die noch nicht so weit sind.

(…)

«Fascism does not need a majority – it typically comes to power with about 40 per cent support and then uses control and intimidation to consolidate that power. So it doesn’t matter if most people hate you, as long as your 40 per cent is fanatically committed.» (Fintan O’Toole)

(…)

Je stärker die AfD wächst, desto normaler wird sie und desto näher erscheint sie der normalitätsbesoffenen Mitte. Und desto ferner und degoutanter erscheint der Mitte die fortgesetzte Ruhestörung derer, die sich als antifaschistisch verstehen. Die sind die neuen Ewiggestrigen.

(Ein vorsichtiger Blick in die Twitter-Kommentare zeigt ein Muster, das die AfD schon lange nutzt: Die Analyse wird als „Hass“ bezeichnet, obwohl nichts daran solcher ist. So wie Gauland am Wahlabend behauptet hat, seine Faschisten hätten ihr Wahlergebnis im Kampf gegen „Hass und Hetze“ errungen. Wieder wird einfach das Gegenteil der Fakten behauptet, eine Taktik, mit der Trump seit Jahren erfolgreich ist.)

Journal Sonntag, 27. Oktober 2019 – Abschied vom Oktobersommer

Montag, 28. Oktober 2019

Schlaf wieder eher zerstückelt, aber bei zehn Stunden brutto blieb genug netto.

Morgens erst mal die Uhren alle auf Winterzeit zurückgestellt, also Backofenuhr, Baduhr, Wecker (dabei Herrn Kaltmamsell ferngehalten mit der Ansage: „Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen mit solchen Problemen.“).

Der Sonntag brachte nochmal Spätsommer. Ich bloggte und las gemütlich, bevor ich mich duschte und anzog. Das Semmelnholen verband ich mit einem Spaziergang durch die wundervollen Farben über den Südfriedhof (sechs! Eichhörnchen gesehen!). Allerdings fühlte ich mich irgendwie gar nicht gesund, es wollte doch wohl nicht der Infekt zurückkommen?

Locken heißen auf Bayrisch ja auch „Schneckerlhaar“, ein lockenhaariger Mensch ist „g’schneckerlt“. Drum.

Nach dem Frühstück setzte ich mich in einem Sessel auf den sonnigen Balkon und las die Wochenend-SZ. Dann half alles nichts, ich machte ich mich nochmal ans Bügeln: Zum einen bügelte ich Winterkleidung auf, zum anderen aktuelle T-Shirts etc. Das waren nochmal zwei Stunden Lebenszeit, ich hoffe, bis zum nächsten Wechsel Sommer- gegen Winterkleidung wird’s nie mehr so viel auf einmal. Dabei hörte ich einen lange offenen Tab weg: Eine SWR2-Sendung von 2018, Vertonung eines sehr klugen und geschickt argumentierten Essays von Margarete Stochowski:
„Das größte Rudel der Welt: Einige Gedanken über sexuelle Belästigung“.

Hier der Text des Features zum Nachlesen.

Allerdings bin ich hochgradig verdutzt von dem Stephen-Fry-Zitat, das hier verwendet wird: In welchem Zusammenhang mag er sich nur bemüßigt gefühlt haben, Aussagen über weibliche Sexualität zu machen, noch dazu so dumme?

Nachmitagssnack: Engadiner Nusstorte, die mir sehr gut schmeckte.

Nächstes Buch angefangen: Juan Moreno, Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Und wieder ging es mir wie mit bislang allen Texten von ihm, die ich seit mindestens 15 Jahren lese: Ich lachte an einigen Stellen besonders laut, weil ich ein Zwinkern von Kind eines spanischen Gastarbeiters zu Kind eines spanischen Gastarbeiters spürte – auch wenn wahrscheinlich sowohl sein andalusischer als auch mein madrilenischer Vater sich dagegen verwahren würden, als selbe Sorte Spanier wahrgenommen zu werden.

Es wurde schon arg früh dunkel, aber wir werden uns gewöhnen.
Abendessen kam diesmal wieder von Herrn Kaltmamsell: Er hatte Wirsing aus Ernteanteil verarbeitet, dazu fränkische Bratwürst, Direktimport, aus der Gefriere geholt. Und Kartoffelpü. Also nochmal richtig gut essen, bevor uns die Wahlergebnisse aus Thüringen auf den Magen schlugen.

§

Maximilian Buddenbohm schreibt Wahres:

Das Pflichtgefühl erreicht Stellen im Hirn, da kommt Entspannung gar nicht hin.

Journal Samstag, 26. Oktober 2019 – Nusstorte, The Testaments und Abend im Neni

Sonntag, 27. Oktober 2019

Ausgeschlafen, nach nur wenigen Unterbrechungen erfrischt aufgewacht.

Das Wochenende war als nochmal zwei Sommertage angekündigt, mit wolkenloser Sonne und bis zu 20 Grad. Vor einem halben Jahr hätte das selbstverständlich mindestens einen Wandertag bedeutet, aber das geht halt jetzt nicht. Mir wird immer klarer, wie sehr sportliche Bewegung für mich auch Aneignung des Draußen und der dinglichen Welt bedeutet.

Nach Veröffentlichung des Blogposts buk ich, und zwar die Engadiner Nusstorte nach dem Kommentar von Frau Weh. Funktionierte problemlos, ich hatte sogar Chaigewürz zum Drüberstreuen im Haus. Da ich für den Deckel der Torte die Ausstech-Variante wählte, blieb genug roher Teigrest als Frühstück.

Ins Draußen ging ich für Einkäufe, schön langsam.

Mehl und Honig im Biosupermarkt, Meisenknödel am Viktualienmarkt. Auf dem Rückweg wollte ich einen Schlenker zu einem neuen Supermarkt in der Sendlinger Straße machen, auf den ich neugierig war – aber das Gehen war nach einer halben Stunde so verkrampft und mühsam geworden, dass ich lieber kürzeste Wege nahm: Wasserfilter, Klopapier, Pflaster in der Hofstatt – wo ich entdeckte, dass im Obergeschoß ebenfalls ein neuer Supermarkt aufgemacht hatte.

Zurück daheim aß ich einen aufgetauten Bagel mit Lachs und den restlichen Fenchel-Orangen-Salat vom Vorabend. Ich hatte schon während meiner Einkaufsrunde immer wieder gegähnt und war sehr müde. Herrn Kaltmamsell ging es auch so – vielleicht hat uns der Erkältungsvirus doch noch am Wickel. Ich legte mich ins Bett und schlief anderthalb Stunden tief.

Ein wenig Lesen im sonnendurchfluteten Wohnzimmer.

Die Blumen sind das Geschenk eines Gasts des Rosenfests: Wir bekommen alle paar Monate einen Strauße geschickt – eine bezaubernde Idee.

Zum Abendessen lud ich Herrn Kaltmamsell zum Dank für seine Dienste als Blogheinzelmännchen zum Essen ein. Er hatte sich unter meinen fünf Restaurantvorschlägen das Neni am Hauptbahnhof ausgesucht. Der Gastraum ist groß und vor allem hoch, aber ziemlich düster (das mag tagsüber durch die Oberlichter anders sein); er war gesten Abend gut besucht – was für eher plauder-unfreundliche Lautstärke sorgte.

Wir wurden freundlich und aufmerksam umsorgt und aßen sehr gut Nahöstliches auf der Basis des Haus-Menü „Best of Neni“: eine Auswahl von Vorspeisen, Hauptspeisen und Desserts. Dazu bestellte ich eine Flasche Pouilly Fumé ‚Les Moulins à Vent‘, der mit kräftigem und vielfäligen Aroma gut gegenhalten konnte.

Vorspeisen waren (von unten): eine warme Kürbissuppe (mit Scharf), Falafel, Babaganusch, Mango-Hummus.

Von unten: Sabich, Tomate mit Bohnen, Hamshuka.

Korean Fried Chicken Salad.

Als Dessert Cheesecake und ein sahniges Tiramisu. Nahöstlichen Mokka zum Abschluss bot die Karte leider nicht.

Ich fand auch das Gesamtkonzept interessant (Neni ist eine Kette – was wahrscheinlich saisonales und regionales Sourcing verhindert), von der Raumgestaltung und Deko bis zur Servierform, zu sonstigen Abläufen und der Kleidung der Angestellten war alles offensichtlich durchdacht.

Diesen Teil der Einrichtung musste ich dringend fotografieren: Das sind die Küchenstühle meiner frühen Kindheit.

Dieses Foto von mir müsste 1973 aufgenommen worden sein.

Wir flanierten über die Sonnenstraße nach Hause, es war immer noch so warm, dass wir unsere Jacken nicht schließen mussten.

Im Bett las ich Margaret Atwoods The Testaments aus. Ich bleibe auch nach Abschluss der (durchaus interessierten) Lektüre dabei: Kommt nicht im Entferntesten an The Handmaid’s Tale heran. Atwood gibt im Nachwort ja zu, dass der Roman eine Antwort auf die Frage der Leserinnen und Leser ihres Meilensteins ist: Wie ging es weiter? Die einzige neue kreative Note, die sie dem Kosmos aus The Handmaid’s Tale gibt, ist die der Aunts, klar gestalte nach dem Vorbild mittelalterlicher bis frühneuzeitlicher Frauenklöster: Damals die einzige Möglichkeit für Frauen, sich zu bilden, intellektuell zu verwirklichen – und eine Form von Macht auszuüben.

Für den Guardian schlüsselt Julie Myerson meiner Meinung nach besonders gut auf, warum The Testaments unterm Strich eine Enttäuschung ist (Achtung Spoiler):
„The Testaments by Margaret Atwood review – hints of a happy ending“.

§

Wie eine türkische Stadt einen komischen Mitbürger integriert, erzählt als Twitter-Thread.

§

Fetzige Musik, Video featuring @journelle im rosa-schwarzen Badeanzug.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/ARX6L9AZF3w


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