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Journal Dienstag, 15. September 2020 – Nachtmahl unter freiem Himmel

Mittwoch, 16. September 2020

Der früheste Hausärztinnen-Folgetermin, den ich vor drei Wochen bekam, war gestern nach neun. Das bedeutete immerhin: Normale Weckzeit und trotzdem eine Stunde Crosstrainer. Vorm Fenster nochmal Spätsommer, ich hatte für abends einen Draußentisch im besonders schönen Draußen des Restaurants Romans reserviert.

Beim Strampeln mit Musik auf den Ohren konnte ich Müllmänner beobachten und war gerührt, dass sie offensichtlich alles daran setzen, so wenig Lärm wie möglich zu machen.

Gemütliches Radeln zur Hausärztin. Nachdem der erste Medikamentierungsversuch ohne Folgen geblieben war, hält sie es für möglich, dass der Blutdruck „nach der Aufregung um die OP“ von selbst runtergeht. Hm, ich wäre ganz offen dafür, doch bei meiner erblichen Vorbelastung zweifle ich. Jetzt nächster Medikamentierungsversuch.

Radeln in die Arbeit, durch verspäteten Einstieg hektischer Anfang. Mittags zwei Brezen, Hüttenkäse mit Zwetschgenkompott (eine Hand voll übrige vom Kuchenbacken hatte ich kurz aufgekocht). Nachmittags getrocknete Aprikosen.

Ich versuche weiterhin Interesse an meinen körperlichen Verwerfungen aufzubringen: Ah, das ist also das Hitzegefühl, das oft für Entzündungen im Hüftgelenk beschrieben wird. Oh, das linke Knie protestiert jetzt ebenfalls gegen die zustätzliche Belastung.

Erlösender Anruf von der operierenden Klinik: Der Termin ist hiermit bestätigt. Am Vortag muss ich um 8.30 Uhr antreten – das bedeutet Abfahrt von München Hauptbahnhof um halb sieben.

Ich war mit Herrn Kaltmamsell gleich in Neuhausen beim Romans verabredet; die Fahrt dorthin in den immer größeren Massen an Radlerinnen und Radlern ohne darauf ausgelegte Infrastruktur war anstrengend (auf schmalen Radwegen entgegenkommende Räder und immer mehr Lastenfahrräder (!) verschärften die Situation). Im Romans saßen wir wunderschön mit Blick auf den langsam dunkler werdenden Himmel über uns. Wir wählten das Überraschungsmenü, das recht Käse-lastig war; Herr Kaltmamsell suchte sich einen offenen Rotwein dazu aus, ich verzichtete lieber auf Alkohol.

Als Vorspeise gab es gebratenen Camembert mit Honig, Feigen und Cashews.

Pasta mit Trüffel.

Als das Kalb mit Pilzen in mächtiger Gorgozolasoße serviert wurde, war es dunkel geworden.

Zum Nachtisch Cassata Siciliana.

Sehr satt radelten wir durch die milde Nacht heim (und ich brauche jetzt erst mal ein paar fettfreie Tage, Rülpserchen).

§

Sechs Minuten Filmaufnahmen aus dem Paris der 1890er:
„Ce film gratuit, restauré en 4K vous plonge dans le Paris de la Belle Époque !“

FEUERWEHR!
Und feine Frauen, die bei jedem Schritt ihre Röcke festhalten müssen, überraschend viele Fahrradfahrer.
via @malomalo

Journal Montag, 14. September 2020 – Gerichtete Zähne und Erinnerung an eine Mitschülerin

Dienstag, 15. September 2020

Früher Wecker, um vor dem Termin bei der Zahnärztin Zeit für Yoga zu haben (und ein bisschen Bankstütz von allen Seiten). In der Nacht reichlich Schlaf bekommen, nur wenige Unterbrechungen.

In diesen Halbschlaf-Unterbrechungen war mir eingefallen, dass am U-Bahnhof Münchner Freiheit gerade gebaut wird und ich besser mal die sonst so bequeme ÖPNV-Verbindung zur Zahnärztin überprüfe. Blöderweise hatte ich das nach Weckerklingen bereits vergessen und erinnerte mich erst im Abfahrt-U-Bahnhof daran. Zum Glück hatte ich reichlich Zeit eingeplant und war nach Verlassen des Schienenersatzverkehrs zwischen Universität und Münchner Freiheit nur wenig in Eile. Wundervolles Spätsommerlicht.

Dottoressa Dent richtete meine bröselnden Schneidezähne, wir tauschten uns über Altersgebrechen und alternative sportliche Bewegungsformen aus. Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle blieb ich an besonders schöner Schwabinger Typografie hängen. (Herr Kaltmamsell behauptet ja, Zu-Fuß-Gehen mit mir gleiche Gassigehen mit einem Hund).

Ein weiterer Sommertag. Arbeit in der Arbeit. Mittags Pfirsiche (wenig Geschmack) mit Feta, nachmittags eine Hand voll getrocknete Aprikosen. Die Tageskarte für den MVV nutzte ich, um nach Feierabend zu Einkäufen an den Ostbahnhof zu fahren: Bei Mittemeer besorgte ich spanischen Käse und typische Geschmackszutaten für Eintöpfe.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Pakchoi aus Ernteanteil mit gebratenem Tofu und Reis, sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Es gibt nur einen Menschen, mit dem ich meine gesamte Schulzeit geteilt habe: Die C. Sie war neben mir das andere Arbeiterkind in der Klasse, das von der Grundschule St. Pius aufs humanistische Gymnasium übertrat und dort Abitur machte (ich glaube, C. wollte immer Apothekerin werden). Wir kamen beide in die B-Klasse (die „brave“), wählten beide Griechisch, soweit ich es erinnere, saßen wir auch zusammen im Leistungskurs Griechisch. Auch wenn wir nie Freundinnen waren, besuchte ich sie zu Grundschulzeiten hin und wieder bei ihr daheim in einem etwas älteren Wohnblock als unserem zum Spielen. Ich erinnere mich an einen zutraulichen blauen Wellensittich, um den ich sie beneidete, an eine zarte und zierliche Mutter mit beeindruckend toupiertem schwarzen Haar, an ein Wohnzimmer mit vielen Rumsteherles, von denen mich die Porzellanfigürchen mit durchbrochenem Spitzenröckchen ungeheuer anzogen (meine Mutter war schon früh damit gescheitert, mir Design-Geschmack beizubringen). C. habe ich als eine heitere und freundliche Mitschülerin mit Biss vor Augen, nicht besonders sportlich, im Gegensatz zu mir ausgesprochen ehrgeizig. Eine weitere Erinnerung, die ich mit ihr verbinde: Eines Morgens zu Gymnasiumszeiten kam sie etwas aufgelöst in die Schule – sie habe morgens vergessen, die Badezimmertür zu versperren, und ihr Bruder sei hereingeplatzt, als sie gerade völlig nackt gewesen sei! So lernte ich, dass es in anderen Familien nicht wie bei uns üblich war, sich nackt in der Wohnung zu bewegen.

Gestern erfuhr ich über einen Facebook-Post (Zufall, denn ich bin dort selten), dass sie sehr krank ist – und im Oktober Großmutter wird. Und dachte dann viel an unsere gemeinsame Vergangenheit.

Journal Sonntag, 13. September 2020 – Sommersonntag im September

Montag, 14. September 2020

Wieder endete die Nacht kurz nach vier. Ich wälzte mich noch bis halb sechs und gab dann das Warten auf Schlaf auf.

Erst mal las ich bockig noch ein Kapitel Nineteen Eighty-Four, dann erklärte ich den Morgen für begonnen (Milchkaffee, Bloggen). Aber so hatte ich halt um neun bereits die Twitter-Timeline ausgelesen, Bettzeug abgezogen, gewaschen, aufgehängt, Zwetschgenkuchen gebacken und saß auf dem Rad Richtung Olympiabad. (Ich hatte mich wieder vergeblich um eine Anmeldung zum Freibadschwumm im Schyrenbad bemüht.)

Den leichten Pulli hätte ich nicht mal gebraucht, es war schon jetzt Kurzärmel-warm. Schwimmen leider nicht erfreulich: Erst zickte die kaputte Hüfte, und gerade als ich in Fluss gekommen war und das ignorieren konnte, wurde die Schwimmbahn von einer zehnköpfigen Rotte älterer Kinder gekapert, die mit allem Spielzeug ausgestattet waren, das das Sportmarketing hergibt (Bretter, Polster, Flossen, Paddel) und immer im Pulk losschwammen – gerne genau dann, wenn ich gewendet hatte. Ich brach ab, nicht ohne hiermit wissenschaftlich zu dokumentieren, dass einem auch in Chlorwasser vor Wut Rauch aus den Ohren steigen kann.

Auf dem Heimweg besorgte ich Semmeln, die gab’s daheim. Danach war ich zu meiner Erleichterung Siesta-schwer und konnte anderthalb Stunden Schlaf nachholen.

Ich setzte mich auf den Balkon (nicht zu warm, nicht zu kalt), las Nineteen Eigty-Four aus, aß Zwetschgenkuchen mit Sahne. Jetzt trieb es mich doch nochmal raus, ich spazierte über den Südfriedhof und ein Stück die Isar entlang.


Der Südfriedhof noch ohne Herbstanzeichen.


Die Isar eifrig bebadet. (Abstand? Welcher Abstand?)

Zurück daheim packte ich den Bügelstapel an, unwillig – ich hängte mir die Karotte vor die Nase, dass ich dabei endlich das Netzpolitik-Interview mit Zoë Beck anhören konnte:
„Zoe Beck: Netzpolitische Krimis“.

Ich wurde reichlich für die Bügelanstrengung entschädigt. Hatte ich schon lange den Verdacht gehabt, dass Zoë Beck eine besonders kluge Frau ist, fand ich mich jetzt bestätigt: Ob es um die Verlagswelt ging, um das Leben überhaupt oder um die Konstruktion ihrer Romane – zu allem waren ihre Gedanken erhellend (u.a. warum man im Erzählen des 19. Jahrhunderts noch viel beschreiben musste, heute aber nicht). Bitter auch ihr Bericht, wie frühere Verlage ihr Frauen als Zielgruppe erklärten und wie sie folglich über welche Themen schreiben sollte. Ich habe gute Lust, zu einer Unterschriftenliste von viellesenden Frauen aufzurufen, die gerne Geschichten mit viel Technik und viel Politik mögen (das interessiert uns nämlich laut diesen Verlagen nicht).

Der erste Kürbis der Saison bekam wieder die Ehre, gebacken mit Äpfeln, Pilzen, Ruccola und Käse als Salat serviert zu werden.

Im Bett neues Buch für die Leserunde angefangen: Karosh Taha, Im Bauch der Königin.

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Langer, sehr lustiger Twitter-Faden zur Lage UK-Brexit, damit geht er los:

Journal Samstag, 12. September 2020 – Rebellische Haltungen

Sonntag, 13. September 2020

(An #12von12 erinnerte ich mich leider zu spät.)

Mit Kopfweh aufgewacht – das mich trotz Aspirin leider nach dem ersten Schluck Milchkaffee doch zurück ins Bett trieb, weil migränoid. Statt Morgensport schlief ich nochmal zwei Stunden.

Dann musste ich aber raus in den Sommertag, denn wir waren bei Schwiegers in Augsburg zum Mittagessen eingeladen.

Auf dem Weg zum Bahnhof entdeckte ich in der Goethestraße eine mir unbekannte Hausentkernungstechnik und bat Herrn Kaltmamsell, ein Foto zu machen (mein Handy steckte im Rucksack):

Bisher war ich riesige, verstärkte Plastikschläuche gewohnt, durch die Bauschutt nach unten in einen Müllcontainer geleitet wird; hier hing nun der Container direkt am Fenster bei den Schuttarbeiten.

Am Münchner Hauptbahnhof viel Polizei: Gestern war eine Großdemo gegen Corona-Maßnahmen angekündigt, zumindest war die Kundgebung am Odeonsplatz untersagt (und damit vor der historisch belasteten Feldherrnhalle) und auf die Theresienwiese verlegt worden.

Bei Schwiegers Wiedersehensfreude und Austausch von OP-Geschichten, manche Eingriffe werden dann doch kompliziert. Außerdem köstliches Mittagessen: Vorspeisensalat, dann geschmorte Ochsenbackerl mit Spätzle und Gemüse, nachmittags Zwetschgendatschi mit Sahne.

Schwiegers sind schon früh ziemlich rumgekommen. (Ich liebe diesen Zeichenstil, den ich aus Illustrationen von Romanen der 1950er kenne.)

Ich lieh mir für die eigene OP die Greifzange aus, die ich laut Klinik-Checkliste mitbringen soll – auch wenn sie laut den beiden OP-Veteranen nicht wirklich benötigt wird.

Zurück in München setzte ich mich auf den Balkon in die warme Luft, von der Theresienwiese schallte noch bis in die Abenddämmerung das Blaffen der Redner gegen Corona-Maßnahmen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Karottensalat mit Gewürzjoghurt und Kräutern, außerdem ein wenig Blattsalat. Nachtisch Schokolade.

Ich las weiter in Nineteen Eighty-Four. In den Zitaten des „Book“ und in den Folterszenen wird deutlich die Methode der totalitären Volksentmachtung nachgezeichnet, erst theoretisch, dann praktisch: Wie man leider an der Politik Donald Trumps erlebt, geht es eben nicht darum, eine konsequente Lüge aufzubauen, sondern eine ständig wechselnde Realität zu behaupten, bis das Volk das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung aufgibt – also in einem Moment das eine auszusagen, im nächsten das Gegenteil, als hätte es die vorherige Aussage nie gegeben.

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Hilmar Klute macht sich in der Wochenend-SZ Gedanken über die rebellische Haltung, die viele der Demonstrierenden gegen Coronamaßnahmen (oder auch hier gegen selbst erfundene Regelungen) verbindet (€):
„Die Maßlosen“.

Zum Vorabend der Studentenrevolte, am 5. Mai 1967, hielt der Schriftsteller Peter Schneider eine Ansprache, die später als „Rasenrede“ in die jüngere Kulturgeschichte des Zorns eingehen sollte – und mit der eine gezielte Regelverletzung gewissermaßen den Durchstoß zur Wahrheit bringen sollte. Man wisse ja, sagte Schneider damals vor der Vollversammlung aller Fakultäten der Freien Universität Berlin, dass dem Spießerdeutschen die Gräuel des Vietnamkrieges herzlich egal seien, wohingegen „wir nur einen Rasen zu betreten brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen“. Am darauf folgenden Tag wurden Studenten dabei beobachtet, wie sie, zitternd vor Kühnheit, über den Campus-Rasen der FU latschten.

Von heute aus betrachtet, kommt einem diese wilde Übertretung erstens niedlich und zweitens beinahe wie politischer Aberglaube vor: Indem ich meinen Fuß auf ein Stück Rasen setze, das von der bürgerlichen Mehrheit als schützenswert betrachtet wird, trete ich zugleich in den Kampf gegen jene imperialistischen Kräfte ein, die einem Teil der Welt Verderben und Untergang bescheren. Dieses eigentümliche Gemisch aus symbolischem Gefuchtel und der bräsigen Vorstellung, man bewege mit seinem patzigen kleinen Widerstand politisches Weltgeröll, hat sich bis heute gehalten. Aber das Image des Regelverletzers hat sich zusehends zu dessen Nachteil gewandelt.

Denn heute leben wir in einer liberalen Gesellschaft; in Jeans in die Oper zu gehen, als Paar unverheiratet zusammen zu leben, als Arztsohn Musiker zu werden, Rotwein zum Fisch zu trinken – das alles gilt nicht als Rebellentum, sondern als persönliche Entscheidung oder individueller Stil.

Die Regelverletzung ist die auf Abwege geratene Stiefschwester der Ordnung, ihre Auftritte in den Unruhephasen der Bundesrepublik haben sich ins Gedächtnis eingenistet. Die illustren Beispiele reichen von der Weigerung des Kommunarden Fritz Teufel, sich vor dem Berliner Landgericht zu erheben (einschließlich der die Autorität parodierenden Einlenkungsphrase: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient“), über den bizarren Einfall des radikalen Studenten Karl-Heinz Pawla, vor dem Schöffengericht Tiergarten zu defäkieren, bis hin zu Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen. Aber im Dezember 1985, als Fischer in Wiesbaden den Amtseid leistete, war diese Regelverletzung bereits ein fast musealer Anstrich an der Biografie eines Politikers, der sich längst der Regeltreue des Establishments verpflichtet hatte.

Als Vollendung der Umkehrung, in der Regelverletzung sich gegen Grundwerte richtet und nicht mehr gegen aufgesetzte Autorität, identifiziert Klute den Wahlsieg Donald Trumps:

Wie es aussieht, hat sich der Leumund des Regelverletzers in letzter Zeit zu dessen Ungunsten verändert. Und wenn man es weltgeschichtlich terminieren möchte, dann käme man womöglich auf den Herbst 2016, als Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde. Trump hat seine Politik, oder was er dafür hält, auf dem Prinzip der permanenten Regelverletzung begründet. Die Verabschiedung von globalen Übereinkünften, politischen Anstandsregeln und von der Achtung zivilgesellschaftlicher Normen war von Anfang an sein staatspolitisches Credo. Trump verletzt die Regeln derart brutal, konsequent und in solch monströser Zeigefreude, dass selbst dem größten Sympathisanten bizarrer Übertretungskultur die Lust an der Provokation vergehen muss. Wie rasch die programmatische Regelverletzung dazu führen kann, dass ein Land und seine Gesellschaft zugrunde gehen, war in Minneapolis, in Portland und überall dort zu beobachten, wo Menschen spüren, dass die Übereinkünfte der zivilen Welt von staatlicher Seite verhöhnt werden.

Aktuelle Ergänzung ist der britische Premier Boris Johnson, der beschlossen hat, dass ihm der mit der EU vereinbarte und bereits gültige Austrittsvertrag egal ist und UK jetzt einfach etwas anderes macht. Womit er in einer Weise gegen die Regeln verstößt, die Trump seit vier Jahren vormacht.

Unser derzeitiger geselleschaftlicher Konsens ist sogar darauf ausgerichtet, möglichst viel Individualismus und persönliche Entscheidung zuzulassen und nur dann einzugreifen, wenn das große Ganze beschädigt würde. Wie im aktuellen Fall einer Pandemie.

Die Verbindlichkeit der Regeln leuchtete den meisten Menschen bald ein, weil ihre Beherzigung womöglich schon den Weg in Richtung Aufhebung der Regeln vorzeichnen könnte. Irgendwann wurde es zur Pflicht, eine Atemschutzmaske zu tragen, und von dem Zeitpunkt an begann ein immer lauter werdender Chor damit, zur Regelverletzung aufzurufen. Mag sein, dass es der symbolische Nimbus der verschleiernden Maske war, möglicherweise auch ihr Sitz an einer so empfindlichen Stelle, dem Gesicht, das ja für Identität und individuelle Kenntlichmachung steht. Die Maske wurde den Regelkritikern zum Fetisch der Unfreiheit, was eigentlich unsinnig ist, denn mit der Maske vor der Nase hatte man sich ja den Passierschein für beinahe überallhin vor das Gesicht gebunden. Es gab auch gleich die große Palette an Farbreichtum, schickem Zuschnitt oder – für die ganz Korrekten – hygienischem Einmalgebrauch auf den Markt. Gegen die Angst, ein dumpf vor den Mund gepapptes Stück Stoff tragen zu müssen, bediente der Kapitalismus auch weiter die Nachfrage nach individueller Einzigartigkeit.

Aber sicher muss man wachsam bleiben und soll Regelungen hinterfragen, soll man Regeln weiterhin verletzten. Klute zitiert Habermas:

„Der Regelverletzer“, schreibt Habermas, „muss skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzisstischem Antrieb, also einer Anmaßung entspringt.“

Journal Freitag, 11. September 2020 – Wrack-Gefühle und mehr Sommer

Samstag, 12. September 2020

Die Nacht war um 4 Uhr vorbei, danach ruhte ich halt noch bis zum Sport-frühen Weckerklingeln. Auf dem Crosstrainer fühlte ich mich wie fast immer sehr munter, doch insgesamt geht mein Befinden recht sicher Richtung fix und fertig / am Zahnfleisch / kurz vor Zusammenbruch. (Was ich mir dann doch wieder nicht glaube, denn schließlich kann ich doch noch Crosstrainer, Radfahren und 9,5-Stunden-Tag.) Die Beschwerden durch die einseitige Belastung werden täglich mehr, jetzt schmerzt auch – aber anders – die linke Hüfte, der Fersensporn im linken Fuß meldet sich zurück.
Schbin ’n Wrack.

Kleidungswahl ist derzeit leicht neben der Spur: Ich war darauf ausgerichtet, die Sommerkleidung hinter mir zu lassen, und hatte sorgsam darauf geachtet, sie in einen gewaschenen (keine Motten beim Einlagern!) und gebügelten Zustand zu bringen. Jetzt legt die Wettervorhersage nahe, dass ich sie über dieses Wochenende hinaus brauche.

Als ich auf mein Rad stieg, sah ich ein rotes Eichhörnchen im Gebüsch verschwinden, und das rettete einiges.

Aber nicht alles: In der Arbeit war mein Geduldfaden kurz.

Mittags Tomaten mit Olivenöl, ein Laugenzöpferl.

Online einen Termin für Coronatest besorgt: Die operierende Klinik erwartet beim Einrücken eine aktuelle schriftliche Bescheinigung.

Mein Büronachmittag, fürchte ich, war nicht besonders produktiv. Nachmittagssnack getrocknete Aprikosen und halber Eiweißriegel.

Ein nochmal sommerlicher Tag, beim frühen Heimkommen setzte ich mich erst mal zum Lesen auf den Balkon.

Zum Nachtmahl gab’s Kuh auf Wiese: Herr Kaltmamsell hatte beim Hermannsdorfer Rib-Eye-Steak gekauft, das wir uns teilten, dazu Ernteanteil-Salat. Zur Feier des Wochenendes Aperol Spritz.

Mit Eiskugeln aus dem Eiskugelmacher, den mein Bruder mir geschenkt hat. (Und ja: Plastikstrohalme. Jemand in diesem Haushalt hat vor vielen Jahren eine so große Packung gekauft, dass wir wahrscheinlich noch bis zur Rente welche haben. Aber wegwerfen ja wohl lieber nach Benutzung.)

Journal Sonntag, 6. September 2020 – Familiensonntag in bei Ingolstadt

Montag, 7. September 2020

Wir waren zu einem Familientreffen in bei Ingolstadt eingeladen, ich stellte mir einen Wecker für vorherigen Sport. Diesen Wecker brauchte es dann nicht mal, es war die Sorte Nacht, deren Ende ich eh herbeisehnte.

Sport war neben Bankstütz nach Wochen mal wieder eine Runde Yoga für den Rücken – die sehr, sehr wohl tat. Sie erinnerte mich daran, dass Yoga bei mir Dinge tut, die nichts anderes schafft, und ich nahm mir weitere Einheiten für die nahe Zukunft vor.

Der Tag war deutlich abgekühlt, aber freundlich. Der Zug brachte uns nach Ingolstadt.

Das neue Normal.

Zu meiner Überraschung stand der Hopfen noch in zwei Dritteln der Gärten: Ich hatte gelesen, dass die Ernte in der letzten Augustwoche begonnen hatte und wähnte sie beendet.

Es war sehr schön, Bruderfamilie und meine Eltern zu sehen, wir saßen draußen im Garten und sahen neben vielen Schwalben auch einen Falken und einen mutmaßlichen Bussard am Himmel.
Der Hauptgang kam aus einem neu angeschafften Smoker, der rundum bestaunt wurde.

Aber erst mal Suppe mit Pfannkuchen und Grießnockerln.

Dann aus dem Smoker Lammkeule Kürbis, Kartoffeln, Auberginen, Paprika, Zwiebeln, zudem grüne Bohnen und Romanasalat – ausgesprochen köstlich.

Weil es doch ein wenig frisch wurde, setzten wir uns für Kaffee und Dessert (Apfelstrudel, mmh!) auf die Terasse und plauderten weiter. Unter anderem Austausch von Modalitäten des montäglichen Schulanfangs aus Lehrenden- und Schüler/Schülerinnen-Sicht. Die Neffen sprechen übrigens den glottal stop des Gender-Sternchens geläufig und natürlich im Redefluss, das geht. (Wer glaubt, damit nicht vertraut zu sein: Es ist das kurze Absetzen zum Beispiel in Spiegel*ei.)

Rückfahrt vom derzeitigen Spitzenreiter an Bahnhofs-Romantik.

Wie schon auf der Hinfahrt waren die Sitze nur locker besetzt, ich fühlte mich sicher.

Meine Eltern hatten uns Zwetschgen vom eigenen Baum mitgegeben, um die kümmerte ich mich daheim erst mal. Da ich gestern Abend und an den folgenden Tagen keine Zeit zur Verarbeitung haben würde, entsteinte ich sie, kämpfte mit Würmern um etwa ein Viertel davon (win some, lose some) und fror sie in zwei Portionen ein (ein Mal Zwetschgenkuchen mit Nussboden, einmal für ein Blech Zwetschgendatschi).

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Nudeln mit Ernteanteil-Salbei.

Früh ins Bett, um weiter in Nineteen Eighty-Four zu lesen, das mich fesselt.

Journal Samstag, 5. September 2020 – #WMDEDGT im sommerlichen Daheim

Sonntag, 6. September 2020

Fünfter des Monats, an dem Frau Brüllen immer fragt: #WMDEDGT – Was machst du eigentlich den ganzen Tag? An diesem arbeitsfreien Samstag kann ich mitspielen.

Mittel-unruhige Nacht, zumindest freute ich mich bei jedem Halb- oder Ganzaufwachen an der Wärme eines geliebten Menschen neben mir. Gegen sieben war die Nacht vorbei.

Sehr schön: Wie erhofft war es warm genug (mit Sweatshirt und Socken) für Morgenkaffee auf dem Balkon.

Beachten Sie die rückenfreundlichen Schäufele und Besen, die es ein gutes Jahr nach meiner Rücken-Reha endlich im Haushalt gibt (Online-Kauf, nachdem Herr Kaltmamsell offline vergeblich gesucht hatte).

Ich bloggte und las Twitter samt verlinkten Artikeln, sah jungen Eichhörnchen in der Kastanie zu, stand immer wieder auf für Handgriffe des Brotbackens.

Der sonnige Tag wurde immer wärmer. Ich beschloss, gar keinen Sport zu treiben, sondern den letzten Sommertag entspannt zu genießen (in einem Jahr lässt sich beides hoffentlich wieder verbinden).

Wochenendkuchen buk ich ebenfalls, nämlich Luxemburger Schuedi. Das Backen hatte ich so organisiert, dass der Schuedi urprungsgerecht die Resthitze vom Brotbacken nutzte.

Zwischen den Zubereitungsschritten dafür bereitete ich Kartoffelsalat mit Gurke (beides aus Ernteanteil, die Kartoffeln allerdings noch von Partnerbetrieben, unsere werden erst noch geerntet) fürs Abendbrot.

Jetzt aber duschte ich mich endlich und zog mich an für eine kleine Einkaufsrunde in der Innenstadt: Der sonnige Tag legte kurze Ärmel, Caprihose und Sandalen nahe.

In der Sendlinger Straße überwogen die Hochsommerkleidchen: Angemessen, das Thermometer am Juwelier Fridrich zeigte kurz nach dem 12-Uhr-Läuten 27 Grad an, in der Sonne war es heiß.

Traurige Entdeckung: Der Body Shop in der Sendlinger Straße hat dicht gemacht – was ich seit Jahren erwartet hatte, nachdem innen die Verkaufsfläche immer weiter reduziert worden war und ich selten Kundschaft sah – und sich das Angebot nie mehr der Ursprungsidee von Anita Roddick annäherte. Als Kundin der ersten Stunde (na ja: anderthalbten, ich entdeckte die Kette 1987 auf Chortournee in Schottland) erinnere ich mich, dass Body Shop bereits in den 1980ern das Konzept hatte, die Plastikflaschen für die Produkte immer wieder im Laden aufzufüllen; außerdem bestand das Angebot aus einem Baukasten: Es gab zum Beispiel neben Deo und wenigen Hand- und Gesichtscremes genau ein Duschgel, ein Shampoo – und zahlreiche Duftöle, mit denen diese Produkte nach Wunsch der Kundin parfümiert wurden. Da mir das Konzept aus Laiensicht immer noch attraktiv und außerordentlich umweltfreundlich erscheint, würden mich die Bedenken der Marktprofis dagegen interessieren.

Für die Gurken-Körpercreme, die ich im Body Shop hatte kaufen wollen, hinktrippelte ich also langsam zur Filiale an der Frauenkirche (wo man mir das Angebot schmackhaft machen wollte, ein zweites Produkt der Serie um den halben Preis zu erwerben – ebenfalls ein Konzept, das Anita Roddicks Haltung wiederspricht: der Kundin Dinge aufzuschwatzen, die sie nicht braucht).

Sommerlicher Jakobsplatz.

Nächster Stopp war wieder Eataly, derzeit die einzige Quelle für verlässlich gutes Obst (viele Feigen, zwei Nektarinen – die Berge Pfirsich sah ich zu spät). Dort hat man die Durchsetzung des Hygienekonzepts verschärft – was mich erleichterte, die Male zuvor war es unangenehm voll gewesen. Was aber auch Schlangestehen am Eingang bedeutete, denn auch Vierergrüppchen wurden jetzt als einzelne Kunden und Kundinnen gezählt, die nur mit eigenem Einkaufswagen oder -korb eingelassen wurden, wenn einer frei war (ich wurde Zeugin einer hitzigen Diskussion mit einer Kundin, die auch nach vielen Wochen dieses Systems in vielen Läden nicht verstand, warum sie für ein, zwei Dinge zu einem Einkaufskorb gezwungen wurde).

Auf dem Heimweg besorgte ich am Sendlinger Tor noch einen Arm voll Dahlien. Die brachte ich zu Hause erst mal ins Wasser („eiskalt!“, wie mich die freundliche Standlerin anwies, von der ich schon so viel gelernt habe), dann gab es Schuedi zum Frühstück.

Zeitunglesen auf dem Balkon, weitere Backrunde: Ich hatte Sauerteig sowie Lievito Madre aufgefrischt und nach einer Alternative zum Wegwerfen der alten Starter gesucht. Jetzt knetete und buk ich Kracker daraus. Allerdings war unser grobes Meersalz sehr grob, eher Richtung Kandissalz. Gibt’s halt Kracker mit Salzbrocken.

Eine halbe Stunde Bügeln zum Verräumen, dann hatte ich Nachmittagshunger: Es gab frisches Brot (hervorragend gelungen) mit Porchetta vom Eataly.

Zurück auf den Balkon zum Zeitunglesen. Am späteren Nachmittag wurde es langsam kühler, es kamen Wolken.

Nachtmahl waren Fischstäbchen aus dem Speiseföhn (sehr ok, halt nicht knusprig) mit Kartoffelsalat. Vorher hatte ich schon Gin & Tonics eingeschenkt.

Als Abendunterhaltung ließen wir im Fernsehen Duplicity von 2009 laufen, na ja.

Der seit Monaten offene Tab zum Thema Patientenverfügung leuchtet mich fordernd an; vor der OP sollte ich das wirklich endlich hinter mich bringen – vor allem um im Fall des unwahrscheinlichen Falles anderen eine Last abzunehmen.

§

Der Beweis: Auto und Natur müssen keine Gegensätze sein.

§

Bestes Herbsgedicht.


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