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Journal Montag, 21. Juni 2021 – Lang erschwitztes Gewitter

Dienstag, 22. Juni 2021

Eigentlich, finde ich, wäre mal wieder Zeit für eine gute Nacht. Die auf gestern hatte ein langes Loch, das ich nach vergeblichem Warten auf Wiedereinschlafen für Haushaltserledigungen und etwas Lesen nutzte.

Der Morgenhimmel war verhangen, doch es blieb warm.

Balkonkaffee zur Abwechslung auf dem Küchenbalkon.

Bereits auf dem sonnigen Weg in die Arbeit fühlte ich mich nach der schlechten Nacht verkatert-benebelt wie nach Party und Alkohol (as if), den Arbeitsvormittag erlebte ich wie in Aspik.

Mittags gab es die Reste des Abendessens vom Sonntag: Bulgursalat und Grillkäse. Danach war ich sehr Siesta-müde, doch an Arbeitstagen ist halt nichts mit Nachschlafen. Bleiern müde kämpfte ich mich durch den Arbeitsnachmittag.

Auf dem Heimweg ein kleiner Einkaufsschlenker: Ich erlaubte mir ein neues Sport-Kleidungsstück, nämlich eine Radl-kurze Sommerlaufhose mit großzügigen Taschen für Schlüssel und Girokarte, sogar mein Handy findet Platz. Denn selbst wenn sie mir noch nicht in Fetzen vom Leib fallen, muss sogar ich gestehen, dass meine Laufhosen (Alter zwischen sieben und 15 Jahren) mittlerweile wirklich gammlig aussehen.

Zu Hause erst mal Yoga, seit Sonntag mit Mady Morrison (danke für den Hinweis auf ihre Playlists!). Ich erwischte eine Turbofolge, die 15 Minuten zackig durchturnte, jeder Atemzug eine Bewegung. Jetzt schwitzte ich mehr als in jeder der derzeit täglich mindestens fünf klimakterischen Glut-Attacken.

Nachtmahl, wieder von Herrn Kaltmamsell serviert: Orecchiette mit Ernteanteil-Brokkoli, sehr gut. Nachtisch Wassermelone, dann Schokolade.

Gestern hatte es schon um neun genug abgekühlt, dass wir die Fenster und Balkontüren öffnen konnten.

Und dann setzte endlich das seit Tagen angekündigte Gewitter ein, erst mit entfernten Knurren und Grollen, bis die ersten dicken dunklen Punkte auf dem Asphalt erschienen. Es war ein seltsames Gewitter: Stundenlang erhellten unablässige kleine Blitze mein Schlafzimmer, sie flackerten wie eine schadhafte Neonröhre über den Horizont, nur manchmal gesprengt von einem richtig großen Blitz inklusive Donner. Nach ein wenig Lesen im Bett schaltete ich das Licht aus und sah dem Natur-Stroboskop zu, auf der Tonspur leichtes Regenrauschen.

§

Wieder eine dieser furchtbaren, traurigen Geschichten. Kat O’Brien arbeitete früher als Sportjournalistin in den USA. Erst jetzt traut sie sich zu erzählen, dass sie vor 18 Jahren von einem Baseball-Profi vergewaltigt wurde, den sie interviewte. Sie schreibt, wie sie 18 Jahre schwieg, um das Erlebnis damit irgendwie ungeschehen zu machen. Jetzt ist ihr wichtiger, dass Sportreporterinnen endlich nicht mehr mit sexueller Belästigung fertigwerden müssen.
„I Am Breaking My Silence About the Baseball Player Who Raped Me“.

Doch vor 18 Jahren sah sie keine Möglichkeit, das Verbrechen öffentlich zu machen (auch jetzt nennt sie keinen Namen):

I knew that if I told anyone what happened that it would ruin my career. I was 22 with no track record, and at that time — nearly two decades ago — most people in baseball would have rallied to protect the athlete. So I blamed myself. I must have been too nice, too trusting, too friendly and open. Even though I said no, it must have been a misunderstanding. I lived in fear the story would get out.

SIE hatte Angst, die Vergwaltigung würde rauskommen, weil SIE dadurch ruiniert gewesen wäre. (In Vergewaltigungen geht es nicht um Sex, sondern um Macht.) Und das leider zurecht. Bitte, bitte werfen sie bei diesem Thema nicht den Opfern vor, dass sie schweigen. Oder fragen sie gar, ob sie sich nicht doch hätte wehren können.

A professional athlete raping a reporter isn’t a sports story. It’s a story about power in our society, and how men wield it against women.

Und selbst jetzt schließt Kat O’Brian ihren Text mit einer Aufzählung ihrer Lebensleistungen – um zu verhindern, was ebenfalls viele Opfer sexueller Gewalt fürchten: Dass sie nach Öffentlichmachen oder gar Anzeige nur noch darüber definiert werden.

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André Spiegel lebt in New York. In einem Text sammelt er, wie sich in dem Haus, in dem er wohnt, während der vergangenen 15 pandemischen Monate das Fahrstuhlverhalten entwickelt hat.
„Fahrstuhlepisoden“.

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Potenzieller life changer (erinnern Sie mich bitte am Beginn der nächsten Avocado-Saison in Europa daran?).

Journal Samstag, 19. Juni 2021 – Familien- und Freundes-Geselligkeit in großer Hitze

Sonntag, 20. Juni 2021

Ich hatte mir wegen einer Frühstückseinladung den Wecker gestellt, wachte aber leider eh schon um fünf auf. Bloggen und Morgenkaffee auf dem Balkon, es war bereits warm.

Der morgentliche Gang zum Hauptbahnhof in diesiger Sonne kurz vor acht war noch ok, doch es wurde minütlich schwüler und heißer.

In Ingolstadt gab es wie schon bei den letzten Malen eine passgenaue Busverbindung vom Bahnhof Audi zum Zielort. Die existiert jetzt schon seit über einem Jahr und steht in so großem Kontrast zum sonstigen erbärmlichen Ingolstädter Öffentlichen Nahverkehr, dass da ein Haufen Leute offensichtlich nicht aufgepasst hat.

Zur Begrüßung bei auch kleinen Geselligkeiten gehört in der derzeitigen Phase der Pandemie (Inzidenzwerte in Deutschland weiter sinkend, doch die noch ansteckendere Delta-Variante hat in Großbritannien bereits zum Stopp von weiteren Lockerungen geführt, gestern in Portugal zu Abriegelung Lissabons), dass man einander Impf- und Teststatus erzählt.

Wir saßen im Garten in immer neu justiertem Schatten, es gab Sekt (Geburtstage waren zu feiern), Würscht mit Breze, Frühstücksbuffet. Ich genoss es sehr, mit sympathischen und geliebten Menschen beisammen zu sein (es saßen auch zwei Mitglieder des eben gewählten neuen Ingolstädter Jugendparlaments am Tisch), in launigen Gesprächen erfuhr ich viel Neues und Interessantes.

Am frühen Nachmittag ließen wir uns vom Bus zurück zum Bahnhof Audi fahren (ich hatte eigentlich einen Spaziergang dorthin geplant, doch es war wirklich zu heiß).

Sommeridyll.

Daheim (Wohnung angenehm temperiert) hatte ich Lust auf geeisten Milchkaffee: Wie gut, dass ich noch koffeinfreies Esperssopulver hatte. Erschöpft – auch durch einige Nächte mit schlechtem Schlaf – hielt ich eine späte Siesta. Danach war ich munterer und machte mich an die Abschlussfolge von Adrienes Yoga-Programm Breath – wie alle ihre Abschlussfolgen ohne Ansage. Ich absolvierte die 50 Minuten also größtenteils mit verdrehtem Kopf, um die Bewegungen vom Fernsehbildschirm abzugucken. Und schwitzte dabei so, dass ich die Yogamatte anschließend erst mal trocknen lassen musste.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Glasnudelsalat mit Kräutern, Krabben und Soja-Hack gemacht, war genau das Richtige. Zum Nachtisch servierte er selbst gemachten Waldmeister-Wackelpudding, der sehr nett zu kauen war (ich mag Wackelpudding), aber dann doch nur nach dem Apfelsaft der Grundlage schmeckte. Zweiter Nachtisch: Schokolade.

§

Fachjournalistin Cristina Nord beschreibt im Filmmagazin Cargo, dass sie alte Lieblingsfilme inzwischen ganz anders erlebt. (Genau das war eines der Gesprächsthemen am gestrigen Frühstückstisch, mir geht es ähnlich. Eine Mitrednerin erzählte sogar, ihr sei dadurch die Pandemieflucht in alte Filme abgeschnitten worden: Es habe sie so oft geschüttelt, dass sie ganz aufhörte.)

„Beide Augen schließen sich
Nach #metoo: Wie sich mein Blick aufs Kino verschoben hat“.

Es ist zu viel passiert, als dass ich die Misogynie abspalten und das ästhetische Raffinement feiern oder mich mit der These von der hochgradigen Fiktionalität des Genre-Kinos trösten wollte. #metoo hat eine Desillusionierung besiegelt, die daraus resultiert, dass es die meisten Ausprägungen des Kinos mit Frauen nicht besonders gut meinen und feministische Cinephile oder cinephile Feministinnen dadurch in eine Zwickmühle geraten.

(…)

Die Ernüchterung speist sich aus der anhaltenden Marginalisierung von Filmemacherinnen ebenso wie aus dem Fortdauern stereotyper Plotkonstellationen, aus der Abwesenheit komplexer und widersprüchlicher weiblicher Figuren und aus der kaum veränderten Organisation des ästhetischen Genusses. Laura Mulveys Theorie vom male gaze, dem sich das Kino darbietet, ist Jahrzehnte alt; sie wurde in der Zwischenzeit von anderen Theorien aufgegriffen, transformiert, erweitert, verfeinert, in Frage gestellt und de-essenzialisiert. Aus dem akademischen Diskurs über Filme ist sie nicht wegzudenken, aus dem Œu­v­re Céline Sciammas, Constanze Ruhms oder Tatjana Turanskyjs auch nicht. Aber wurde sie wirklich breit rezipiert, auf eine Weise, die Folgen gehabt hätte?

(…)

Seit die Verbrechen Harvey Weinsteins publik wurden, führt kein Weg daran vorbei, den Status Quo zur Kenntnis zu nehmen. Und der ist ja nicht nur in den Filmen ein Problem, er ist es auch in ihrer Produktion. Es lässt sich nicht länger leugnen, wie verbreitet sexualisierte Gewalt in der Filmindustrie ist und wie riskant Frauen und Männer leben, wenn sie es als Schauspieler*innen oder Set Designer, als Location Scouts oder Regieassistent*innen mit Leuten zu tun bekommen, die ihre Macht ausnutzen.

§

Die erste deutschsprachige Blog-Plattform Antville startete vor 20 Jahren (als ich mich 2003 nach Blog-Möglichkeiten umsah, hatte sie bereits die Pforten für Neuanmeldungen geschlossen). Das waren (neben nur wenigen anderen) die Blogs, die ich als erste las – und sie habe ich bis heute vor Augen, wenn ich mir die Online-Kultur vorstelle, die ich gerne hätte. Katatonik gehörte von Anfang an dazu und erinnert sich:
„20 Jahre Antville.org: Ameisenhaufen oder doch eher Ameisenstraßen“.

Journal Freitag, 18. Juni 2021 – Vorgezogene Mittsommerfeier

Samstag, 19. Juni 2021

Die Nacht eher auf der besseren Seite, Rückenschmerzen nach orthopädischer Behandlung ein wenig besser. Nach meinem Balkonkaffee (wieder kurz nach sechs warm genug draußen) nahm ich mir Zeit für die neuen Orthopäden-Übungen. Außer der einen, für die ich meinen Sportpark mit einer Pilatesrolle aufrüsten muss – mache ich sogar, denn in der Nach-Reha gab es damit eine besonders schöne Stabilisierungs-Übung.

Herr Kaltmamsell musst sehr früh in die Arbeit, also übernahm ich vor meinem Abmarsch die Wappnung der Wohnung gegen Hitze: Fenster in den kühlen Innenhof gekippt, alle anderen zu, Rollläden zur Südseite runter. Der sonnige Weg in die Arbeit war mit Morgenbrise noch angenehm, doch schon im Büro brach ich in Schweiß aus.

Danger and excitement! Meinen Vormittags-Cappuccino bestellte ich diesmal mit Hafermilch – schmeckte mir tatsächlich sehr gut (die vorherige Erfahrung mit Mandelmilch in einem Brightoner Café hatte mich abgeschreckt).

Mittagessen war Hüttenkäse mit Joghurt und mittelguten Aprikosen.

Medizinische Telefonate: Den ersten möglichen Termin zur Blutuntersuchung bekam ich in einer Woche – ich hoffe noch mehr als eh, dass da keine Entzündung ist, die eine weitere Woche Zeit zum Wüten hätte. Sogar den ersten Physio-Termin bekam ich früher (wenn mich diese Praxis überzeugt, bitte ich um Behandlung meines Rückenproblems zum Selberzahlen).

Draußen stieg die Hitze, doch im Büro war es erträglich – auch wenn ich wieder im 20-Minuten-Wechsel saß und stand.

Nach Feierabend ging ich langsam heim, die Theresienwiese in gleißender Sonne recht leer: Bei diesem Temperaturen hatten wenige Lust auf Sport.

Ich war mit Herrn Kaltmamsell zum Mitsommeressen verabredet (Sonnwend ist erst am Montag, aber die Umstände): Wir hatten wie schon ein paar Mal zuvor einen Tisch in der Acetaia reserviert, dieses Jahr war das Wetter passend für den wunderschönen Außenbereich.

Das erste Mal Lippenstift seit – ich kann mich nicht erinnern.

Wir radelten raus nach Neuhausen, auf der Hackerbrücke saß noch kaum ein junger Leut – zu heiß. Ich träumte von einer Radl- und Fußverkehr-freundlichen Nymphenburger Straße (rechts von den Bäumen breiter Fußweg, links davon breite Fahrradspur und nur eine Autospur).

Die nächsten Stunden ließen wir uns in der Acetaia mit Menü plus Weinbegleitung verwöhnen. Zunächst war ich sehr froh, dass ich daran gedacht hatte, einen Fächer mitzubringen, doch dann kühlte es endlich ein wenig ab.

Geschmortes Rind mit Reiskrokette.

Mein Lieblingswein des Abends: Sizilianischer Nozze d’oro 2016 aus der Magnumflasche.

Bonito-Tartar mit Limette und Gurke.

Die Ravioli mit Schafskäsefüllung wurden wie immer mit altem Balsamico überträufelt.

Wunderbarer Seeteufel.

Das Sößchen am Blätterteig-Dessert hatte bereits Café enthalten, damit war unser Espresso-Bedürfnis gedeckt.

Beim Heimradeln nach zehn war immer noch ein heller Schein am Himmel, die Hackerbrücke wurde jetzt deutlich lebhafter genutzt. Erstmals roch ich Lindenblüten; davor hatte der Liguster dominiert, die Robinienblüte hatte ich dieses Jahr fast gar nicht erschnuppert. Dafür blüht hier der Holler so dick wie nie.

§

@giardino erinnerte gestern an einen Sommerhit meiner Jugend, den ich vergessen hatte – und der mich plötzlich ungeheuer mitnahm. Alices „Summer on a solitary beach“.

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https://youtu.be/SIC70AJ2Li8

Journal Donnerstag, 17. Juni 2021 – Straßenkampf für Korinthenkackerinnen

Freitag, 18. Juni 2021

Morgens galt mein erster Blick den Buchungsportalen von Schyrenbad und Dantebad: Beide für Sonntag ausgebucht, anscheinend werden die Slots tatsächlich gleich nach Mitternacht reserviert. (Neuigkeit im Lauf des Tages: Die Stadtwerke München werden das Reservierungssystem tatsächlich überarbeiten!)

Ich war eh benommen, die Nacht hatte ein Loch gehabt: Nach drei lag ich wach, doch als ich endlich aufgab, das Licht anschaltete und mich zum Lesen aufsetzte, konnte ich mich vor Müdigkeit nur schwer auf die Buchstaben konzentrieren. Ich schlief dann endlich wieder ein, hätte nach Weckerklingeln gerne weitergeschlafen. Es war warm genug für Morgenkaffee auf dem Balkon.

Auf dem Weg in Arbeit sendete ich Lynne Truss stille Grüße und beseitigte ein Ärgernis, das mich seit vielen Wochen sticht.

Das ist ein Werbeplakat auf einer Litfaßsäule, und seit Wochen (in diesen pandemischen Zeiten gibt es wenig Wechsel auf Plakatflächen) denke ich jeden Tag beim Vorbeigehen: „AAARRGHHH!“ Gestern nahm ich einen Edding mit.

Ich bitte Sie: Die Litfaßsäule steht neben einer Schule! Denkt denn keiner an die Kinder!
(Wer die Kommasetzung in diesem Fall vertiefen will: Vor „als“ nur Komma, wenn es einen Nebensatz einleitet.) Der Edding bleibt jetzt erst mal in meinem Arbeitsrucksack.

Ein heißer Tag; ich hatte im Büro erstmals keine Lust mehr auf meine vormittägliche Kanne Kräutertee und trank statt dessen den ganzen Tag Rhabarbersaft-Schorle.

Vormittagstermine brachten mich um meinen Halb-elf-Cappucchino.

Kurz vor Mittag Termin beim Orthopäden. Zu meinem Rückenproblem: Das seien die Faszien, ein verhärteter Strang. Er zog den Muskelstrang von Schmerzpunkt lang bis in den Nacken (mein Verdacht: da liegt die Ursache des Problems), dirigierte mich dann in den Vierfüßlerstand und drückte am Schmerzpunkt herum. Dann verordnete er konkrete Rückenübungen zur Kräftigung und ließ sie mich vorturnen (alles Übungen, die ich so oder so ähnlich mit meinen Routinen eh abdecke, ich musst dann schon mal – ausgezogen und bäuchlings auf der Untersuchungsliege liegend – prusten: „Sie finden also meine Rückenmuskulatur zu schwach?!“). Von Massagen halte er da nichts, ich solle die Übungen machen, das reiche.

Fast hätte ich danach aus Frustration und Bockigkeit gar nichts mehr über meine Hüfte gesagt, zum Glück erwischte mich ein Funken Vernunft. Habe dafür jetzt ein Physio-Rezept und Überweisung zu Blutuntersuchung, um eine Entzündung auszuschließen.

Mittags aß ich Mango, Erdbeeren, frischen Basilikum mit Ricotta salata. Die Portion war zu groß, ich aß trotzden auf. Dafür hatte ich dann bis zum Abendessen wirklich gar keinen Hunger.

Heimweg in unangenehmer Hitze. Doch wie schon am Vortag sah ich so viele schöne Sommerkleider in freier Wildbahn! Und erkannte auch dieses Jahr, wie praktisch flächendeckend tätowierte Arme und Beine sind: Man sieht damit immer angezogen aus.

Daheim erst mal die kühle Wohnung genossen. Zum Nachtmahl gab es Kopfsalat aus Ernteanteil mit gekochten Eiern, eine Runde Käse, Schokolade.

Abends konnte ich noch nicht beurteilen, ob die Rückenschmerzen besser geworden waren; das musste die Nacht zeigen.

§

Juni ist Pride-Monat, in dem auf Belange von LGBTQI-Menschen aufmerksam gemacht wird. Vielleicht interessiert Sie eine Unterhaltung auf Twitter, in der Menschen erzählen, wie sie ihr Coming out ihren Eltern gegenüber hatten und die Reaktion unerwartet positiv war (auf Englisch).

Journal Mittwoch, 16. Juni 2021 – Flaucher-Nachtmahl und Beifang aus dem Internetz

Donnerstag, 17. Juni 2021

Ungestörte Nacht: Als am Vorabend auch zu mir durchgedrungen war, dass in München ein Fußball-Europameisterschaft-Spiel mit Beteiligung der deutschen Männer-Nationalmannschaft stattfinden würde, hatte ich nächtlichen Auto-Hupkorso befürchtet (Münchnerinnen und Münchner sind zu 30 Prozent zugewandert, irgendwer freut sich immer). Doch die größte Gefahr, ein Sieg der deutschen Mannschaft, war nicht eingetreten.

Dennoch endete diese Nacht schon um fünf, ich konnte nicht mehr einschlafen.

Der Morgen war wieder frisch, hatte sich aber bereits bis zu meinem Arbeitsweg ziemlich erwärmt.

Beruflich Wahnwitziges erfahren, aber auch Multimedia-Beispiele im Technikjournalismus geguckt.

Mittagessen eine Breze sowie Quark mit Erdbeeren (wir hatten am Vorabend nicht die ganze Schüssel leergegessen, ich hatte mir eine ordentliche Portion abgezweigt). Mein Hofgang in der Mittagssonne war durch eine schöne Brise nicht zu heiß.

Immer wieder (von 6 bis 22 Uhr) checkte ich auf den Buchungs-Websites von Schyren- und Dantebad, ob den Sonntag für einen Schwumm reservieren konnte. Ein paar Stunden war das System komplett unerreichbar. Danach lernte ich zumindest schon mal, das kurz nach Mittag Slots für denselben Tag freigeschaltet werden – die dann auch schnell gebucht sind.

Es ist vermutlich technisch einfacher, dass man immer nur Ganztagestickets buchen kann, praxisnäher wäre es, separat Schwimmtickets für den Vormittag buchen zu lassen. Gerade ins Schyrenbad gehen extra-pandemisch viele mit reinen Bewegungsambitionen. In die Sonne legen kann ich mich bei Bedarf auch an der Isar.

Nach Feierabend ging ich flott heim und holte Herrn Kaltmamsell zu unserer Abendverabredung ab: Biergarten-Abendessen am Flaucher.

Es war doch sehr warm geworden, entsprechend voll waren die Ufer der Isar.

Dass es auch im Flaucher-Biergarten sehr voll war, überraschte mich dann doch – eigentlich ist der mein Tipp für „Da gibt es immer Platz“. Hatte natürlich auch damit zu tun, dass an den Tischen immer nur eine Gesellschaft saß, eigentlich rückt man im Biergarten zusammen. Und dass München nicht nur nach der langen Gastro-Schließung, sondern auch nach der langen Frühlingskälte Biergarten-ausgehungert ist.

Ich hatte mich den ganzen Tag schon auf ein halbes Brathendl gefreut – auch wenn es sehr wahrscheinlich ein Quäl-Hendl war. Herr Kaltmamsell entschied sich für Obatzten mit Riesenbreze. Dazu gab es ein Radler für ihn und ein Rhabarber-Schorle für mich.

Es wurde immer voller, die Menschen standen ratlos mit vollen Tellern in der einen, Bierkrug in der anderen Hand zwischen den besetzten Tischen. Wir machten gleich nach dem Essen Platz und spazierten durch die schattigen Auen heim. Ich bog in die Kapuzinerstraße, weil uns dort wundervolles Licht entgegenschien.

§

Am Dienstag also Eröffnung des neuen LMU-Klinikums, das uns sechs Jahre Baustelle vor der Haustür bescherte (und immer noch dreistöckige Baucontainer in der Aussicht), hier der SZ-Bericht für die persönliche Chronik verlinkt:
„Lieblingsplatz? ‚Der Schockraum'“.

Darin ab nächste Woche: „die Notfallmedizin des LMU-Klinikums, und mit ihr insgesamt zwölf Fachdisziplinen“. Dienstagfrüh war ich bereits vorm Neubau an einer Pausenraucherin in Medizinerinnenkluft (blaue scrubs) vorbeigelaufen, der Laden war offensichtlich bereits in Betrieb.

§

Sebastian Bähr schreibt über seine Eltern, die vor seinen Augen in einer immer härteren Arbeitswirklichkeit kaputt gehen.
„All die klugen Bücher helfen mir hier nicht weiter“.

Meine Eltern hatten sich kurz vor dem Ende der DDR in einer Mähdrescherfabrik in Sachsen kennengelernt. Nach der Wende verlor der Osten seine Industrie, beide verloren ihre Arbeit und die Plattenbauten, in denen wir lebten, ihren guten Ruf. Ich war noch klein, meine Eltern entschieden sich gegen ein zweites Kind. Nach Jahren der Ungewissheit fanden beide feste Anstellungen, nicht allen in meiner erweiterten Familie war das vergönnt. Meine Mutter landete in einer kleinen Büroniederlassung eines westdeutschen Mittelstandsbetriebs, mein Vater in einem neu eröffneten Supermarkt am Stadtrand.

(…)

Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde im Jahr 2000 dann die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Einzelhandel aufgehoben – Preiskrieg, Lohndumping und Kostenwettbewerb waren die neuen Schlagworte in der Branche. Einige Zeit danach begann es auch bei ihm schrittweise härter zu werden. Extrazahlungen strich man zusammen, die Kolleg*innen wurden weniger, die Stimmung gereizter.

(…)

Mein Vater war weder der erste noch der letzte, der in seinem Markt einen Burnout erlitten hatte. Nach seiner stufenweisen Rückkehr mit dem Hamburger Modell war er einige Monate in der Telefonzentrale, zuletzt musste er häufiger an der Kasse arbeiten. Hier finden sich auch die Kolleg*innen, die nicht mehr so viel Energie zum Laufen und Tragen haben. Die monotone Tätigkeit ist für ihn mit Scham und weiterer Entfremdung verbunden.

(…)

Warum sollte das relevant sein? Ich glaube: Weil sich in meiner Ohnmacht gegenüber der Lage meines Vaters auch die derzeitige Unfähigkeit der gesellschaftlichen Linken spiegelt, für die Klasse der Ausgebeuteten und Unterdrückten eine relevante Rolle zu spielen. Im Leben meiner Eltern hatte es die ganzen letzten drei Jahrzehnte keine organisierten Solidarstrukturen gegeben, die ihnen bei konkreten Problemen geholfen haben oder deren Hilfsannahme für sie eine naheliegende Option gewesen wäre. Im Endeffekt waren Freundschaften – sofern man für sie noch Kraft und Zeit hatte – sowie letztlich die Familie für das Aushalten und Kompensieren der kapitalistischen Zustände verantwortlich.

§

Der Biologe David Spencer, Forscher an der RWTH Aachen erklärt, warum Grüne Gentechnik seiner Meinung nach ein Öko-Fortschritt ist. (Wussten Sie, dass ganze Generationen von Pflanzen durch radioaktive Bestrahlung entstanden sind – und dass diese bis heute als „klassischer Züchtungsprozesse“ gilt?)

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https://youtu.be/BDt__1ngkF0

Journal Dienstag, 15. Juni 2021 – Nachdenken über psychische Stereotypisierung

Mittwoch, 16. Juni 2021

Ein Artikel aus der Wochenend-Süddeutschen von Barbara Vorsamer arbeitete noch länger in mir (€):
„Auf eigene Verantwortung“.

Eine psychische Erkrankung ist kein Grund für Scham – aber auch kein Freibrief. Wer das Verhalten von Menschen mithilfe ihrer Diagnose erklärt, macht es sich viel zu einfach.

Anhand der aktuellen Beispiele Claas Relotius, Naomi Osaka und Herzogin Meghan kritisiert Barabara Vorsamer, dass deren Handlungen als unausweichlich beschrieben werden.

Egal ob man eine psychische Krankheit dafür benutzt, eigene Verfehlungen zu entschuldigen, oder dafür, die Bösartigkeit anderer zu belegen: Derlei Verallgemeinerungen sind unlauter und werden Millionen Menschen mit seelischen Leiden nicht gerecht, die – oft unter enormer Astrengung – ein normales Leben führen und als unsere Kolleginnen, Nachbarn, Chefinnen und Freund überall um uns herum sind. Jeder vierte Deutsche hat im Laufe seines Lebens eine psychische Erkrankung, die wenigsten verlieren dabei völlig den Kopf. Die Gleichsetzung von „psychisch krank“ mit „nicht ganz zurechnungsfähig“ ist aber leider ein weit verbreitetes Vorurteil.

(Vielen Aspekten des Artikels stimme ich aber nicht zu, vor allem dem Teil um Naomi Osaka. Und mir missfällt, dass Vorsamer Selbstaussagen und Berichterstattung nicht klar voneinander trennt.)

Jetzt wieder meine Sicht: Ob Depression oder eine neurodiverse Veranlagung – das sind ist keine Charaktereigenschaften. Sie machen niemanden automatisch zu einem Menschen, der über menschlichen Werten steht, niemand besteht nur aus seiner Erkrankung oder seiner neurologischen Kondition. Unter Depressiven wie Neurodiversen gibt es freundliche und unfreundliche, gibt es selbstlose und Egoisten, gibt es faule und fleißige, ehrliche und unehrliche, gibt es dumme und schlaue, gibt es lebhafte und ruhige, aufmerksame und rücksichtslose.

Und wenn jemand ständig eigene Befindlichkeiten über die des Gegenübers oder der Umgebung stellt, über rücksichtsvolles Verhalten oder einfach nur Höflichkeit (diese Abwägung machen sich ja auch Neuronormale und Nicht-Depressive nicht einfach) – dann ist das eben schlechtes Benehmen.

Mir fielen dazu die Äußerungen von Ted Chiang zu freiem Willen ein (das bereits empfohlene Interview ist wirklich eine Goldgrube – hier übrigens das Transkript): Chiang glaubt an die Existenz des freien Willens, aber auch, dass dieser verschieden starken Einschränkungen unterliegen kann. Ich zitiere mal die ganze Passage:

I think that free will is not a all or nothing idea. It’s a spectrum. Even the same individual in different situations may sort be under different levels of constraint or coercion. And those will limit that person’s free will. And clearly, different people, they will also be under different levels of constraint or coercion or have different ranges of options available to them. So free will is something you have in varying degrees. So, yes, someone who has had childhood exposure to lead and thus has poor impulse control, they are, say, less free than someone who did not have that.

But they still have more free will than, say, a dog, more free will than an infant. And they can probably take actions to adjust their behavior in order to try and counter these effects that they are aware of on their impulse control. And so in the much more and sort of pragmatic real world context, that is why, yes, I believe that we do have free will. Because we are able to use the information we have and change our actions based on that. We don’t have some perfect theoretical absolute version of free will. But we are able to think about and deliberate over our actions and make adjustments. That’s what free will actually is.

Eine psychische Erkrankung oder Neurodiversität kann solch eine Einschränkung sein, hebt aber die Existenz von freiem Willen nicht auf.

Die Konsequenz aus all diesen Gedankengängen für mich ganz persönlich: Meine Gefühlspolizei hat mir erlaubt, verletzt und beleidigt zu sein, wenn sich Menschen mit größerem Befindlichkeitsspektrum mir gegenüber wiederholt rücksichtslos verhalten. Ab einem gewissen Maß ist self care schlicht Egoismus.

§

Gut und tief geschlafen, schön geträumt, das Weckerklingeln kam zu früh.

Draußen ein weiterer Sommertag mit herrlicher Morgenfrische.

Die Linden duften noch nicht, sind nach dem kalten Frühling spät dran.

Zu Mittag gab es die zweite Hälfte Linsensalat mit Mairübchen, Kohlrabi und Salbei, außerdem die zweite geschmacksneutrale Birne.

Ungemütlicher Nachmittag, weil mein komischer Rücken und meine komische Hüfte weder Sitzen noch Stehen angenehm machten. (Jajaja, ich habe mir einen Termin beim Orthopäden geholt, von dem ich mir nicht mehr erwarte als ein Rezept für Krankengymnastik.) (Wenn er schon wieder Bankstütz anordnet, fordere ich ihn zum Wettbankstützen heraus.)

Als ich zu Feierabend das Bürogebäude verließ, war die Sonne fast schon heiß. Zum Obstkaufen steuerte ich ein Standl an, das erst kürzlich auf meinem Weg aufgetaucht war – und wohl sehr unterbesucht ist: Der Standler freute sich so über meinen Halt, dass er mir alles mögliche dazuschenkte. Eine zusätzliche Schale Erdbeeren hatte ich schon zu meinen Pfirsichen, Aprikosen und Erdbeeren bekommen, beim Überreichen meiner Einkäufe griff er noch zu zwei Äpfel, ich dankte wieder sehr herzlich. Und als ich bereits ein paar Meter fortgegangen war, rief er mich nochmal und reichte mir eine weiche Mango. Es wird Obstsalat geben müssen.

Daheim nochmal die Runde Yoga vom Vortag.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Wurstsalat zubereitet, für sich mit Ernteanteil-Radi, doch da mir der seit einiger Zeit auch noch so gut eingesalzen nicht bekommt (ist Konzert-Rülpsen schon im Mainstream angekommen?), bekam ich meine Portion mit einer gehobelten rohen Zucchini. Sehr gut! Nachtisch waren ein paar Erdbeeren.

Journal Montag, 14. Juni 2021 – Sommerarbeitsalltag

Dienstag, 15. Juni 2021

Vormittags erwischte mich die kurze Nacht dann doch mit Müdigkeit: Kurz nach vier war sie zu Ende gewesen, ich hatte mich halbwach gewälzt.

Eindeutiger Sommermorgen, aber doch noch ganz schön kalt. Ich ging ohne Jacke und in Sandalen in die Arbeit, die kalten Finger und Zehen wurden aufgewogen von der Aussicht, dass mir auf dem Heimweg keine Jacke den Rucksack verstopfen würde.

Zwischen Verkehrsmuseum und Bavariapark, Siedlung auf dem alten Messegelände.

Zum Mittagessen gab es den Linsensalat, den Herr Kaltmamsell am Sonntag für mich gemacht hatte, mit Mairübe, Kohlrabi und Salbei aus Ernteanteil. Außerdem eine völlig geschmacksneutrale Birne. (Kann man schon Aprikosen und Pfirsiche?)

Der Tag blieb sommerlich, wurde aber nicht heiß. Arbeit in der Arbeit, ich konnte auf Gängen zwischen Rechner und Stockwerksdrucker Stoik üben – musste aber wegen Atemmaske meine Umgebung aktiv auf meine gelassene und heitere Miene aufmerksam machen.

Auf dem Heimweg Supermarkteinkäufe fürs Abendessen und für Brotzeit sowie Süßigkeiten.

Gestern gab es einen 18. Geburtstag in der Familie, der ebenfalls auf die immer längere Liste des nachzufeiernden kam: Ich konnte nur telefonisch gratulieren. Zumindest sind die Infektionszahlen so niedrig, dass ich im Hintergrund eine fröhliche und vielstimmige Familiengesellschaft hören konnte.

Zu Hause Yoga. Bald bin ich mit Adrienes „Breath“ durch und muss mir neue Einheiten selbst suchen (ich werde vorgemerkte Folgen von Mady Morrison durchgehen) – das 30-Tage-Programm von Adriene, das ich seit Anfang März durchturne, war halt schon praktisch.

Nachtmahl verarbeitete nochmal Ernteanteil-Salbei: Herr Kaltmamsell servierte Gebratene Gnocchi mit grünem Spargel.

Schmeckte uns beiden sehr gut. Und dann gab’s eine Menge Süßigkeiten.

Wir gehen auf Mitsommer zu: Um 22 Uhr war immer noch ein heller Schein am Abendhimmel.


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