Fotos

Journal Freitag, 3. Dezember 2021 – Freier Freitag mit einmal alles

Samstag, 4. Dezember 2021

FREI! Wie kommt es nur, dass ich früher irgendwie öfter mal dazwischen einen freien Tag hatte? Der gestrige war ja Zufall, weil ich ihn ursprünglich für die Abschlussuntersuchung Hüft-OP eingereicht hatte.

Mit Anstrengung lang geschlafen: Nach dem Aufwachen um vier und um halb sechs legte ich mich energisch nochmal hin.

Am hellen Morgen gab es Schnee.

Statt den Tag mit dem Rad zu planen, kaufte ich also lieber über die App eine Tageskarte der Münchner Verkehrsbetriebe. Woraufhin prompt die Sonne rauskam – doch die genoss ich auch ohne Rad.

Zum Beispiel beim Spaziergang zum Corona-Schnelltest: Ich wollte Schwimmen gehen, und das ist laut derzeitigen Corona-Regeln nur geimpft, genesen und mit aktuellem Testergebnis möglich, also mit 2G plus.

Während ich auf die Übersendung des Ergebnisses per E-Mail wartete, räumte ich ein wenig zwischen Kammerl und Keller, machte mich dann per Tram vom Stachus aus auf den Weg ins Dantebad. Ich freute mich auf leere Bahnen, denn zum einen war es ja ein Arbeitstag, zum anderen würden sicher nicht alle Schwimmfreundinnen und -freund die Mühe des zusätzlichen Tests auf sich nehmen. Doch schon an der Kasse wurde ich misstrauisch, denn ich musste Schlange stehen. In Umkleide und Schwimmbecken dann die Überraschung: So voll hatte ich beides im Dantebad noch nie erlebt. Anscheinend haben doch erheblich mehr Menschen als gedacht Freitagvormittag frei.

Die Sonne schien aus knallblauem Himmel, und ich startete in Rekordtempo in meine Kraulbahnen – weil ich ständig überholen musste. Zu meinem Vergnügen ging das gestern aber wunderbar: Ich hatte Kraft, und meinem beengten Nackennerv geht es derzeit so gut, dass ich sogar mit fast ideal gehobenem Kopf durchziehen konnte. Nach den ersten 1500 Metern beruhigte sich die Lage in der Schmimmbahn, ich konnte etwas entspannter kraulen und wenden, bevor es gegen Ende meiner 3000 Meter wieder voller wurde.

Nymphenburg-Biedersteiner Kanal, der vom Olympiasee zum Schloss Nymphenburg führt, unter anderem hinterm Dantebad vorbei.

Tram mit zweimal Umsteigen in die Maxvorstadt: Mein nächster Programmpunkt war nach vielen Monaten mal wieder Frühstück im Café Puck. Mein Impfzertifikat wurde gründlich mit Scan und Ausweis-Abgleich geprüft (und ohne Entschuldigung, was ich gut finde). Freude über das Wiedersehen mit der Bedienung von immer.

Zu Capuccino und Apfelschorle wählte ich Eggs Benedict mit Lachs (Alternativen wären mit Avocado oder Speck gewesen), serviert mit dem Hinweis aus der Küche, die Hollondaise sei leider ein wenig dünn geraten – schon die längere Wartezeit hatte mir verraten, dass sie hier selbst gemacht wurde. Schmeckte dann sehr gut und überraschend zitronig. Zeitungslektüre.

Mein nächster Spaziergang führte mich zu einem weiteren Unterwäschekauf; ich habe beschlossen, die deutlich zu großen BHs für andere Zeiten zur Seite zu legen und mir mehr passende zu gönnen. Ich folgte dem Tipp aus den Kommentaren in ein Schwabinger Spezialgeschäft und wurde ausgezeichnet beraten.

Heimfahrt von der Nordendstraße mit der Tram, nach kurzen Auspacken und Handy-Aufladen zog ich im weiterhin wunderschönen Wetter nochmal los.

Lebensmittelabteilung des Kaufhofs am Marienplatz (wo es tatsächlich die sonst schwer zu findenden Cocktailkirschen mit Stil gibt), Dallmayr (mit Schlange davor, aber nur wegen der stark begrenzten erlaubten Kundenzahl innen, ich wartete keine fünf Minuten), Mehlkauf in der Hofbräuhausmühle.

Den Rückweg wählte ich über den Jakobsplatz, um an der Synagoge vorbei zu kommen.

Ich finde die Chanukkia zwar weiterhin greislich (die Leuchter sehen für mich provisorisch und unfertig aus, wie noch nicht ausgepackt), freue mich aber zu jedem Chanukka an dem Anblick.

Daheim war es schon Zeit für die Abendbrot-Zubereitung, ich wollte Empanada machen, nach wieder einem anderen Rezept. Den Hefeteig hatte ich schon am Vorabend mt ganz wenig Hefe angesetzt und im Kühlschrank gehen lassen.

Zwiebeln, Knoblauch, Paprika, Petersilie (Ernteanteil) für die Füllung, dann kamen noch verdünntes Tomatenmark, Salz Pfeffer, Pimentón de la vera (süß und scharf) dran, darüber verteilte ich auf dem Blech zwei Dosen Thunfisch.

Blöderweise erwies sich der Teig als ausgesprochen unkooperativ: Er war gleichzeitig klebrig und sprang beim Ausrollen/Ausziehen ständig zurück. Ich kam ganz schön ins Schwitzen, um daraus einen annähernd Blech-großen Boden und Deckel zu machen.

Während das Ergebnis im Ofen buk, telefonierte ich mit meinem Bruder zur Weihnachts- und Weihnachtsgeschenkplanung.

Abendessen mit zu viel Empanada, die sehr gut schmeckte (und mallorquinischem Rotwein) sowie zu viel Süßigkeiten – zur Strafe hatte ich danach Bauchdrücken. Dennoch unterm Strich ein ausgesprochen gelungener und erfreulicher freier Tag.

§

Alle, die es ernsthaft versucht haben (und ich wünschte vor allem beim Spazieren, es wären mehr), wissen, wie aufwendig es ist, Hunde zu trainieren, also zum Befolgen von Kommandos zu bringen. Aleks in Schottland schildert am Beispiel seines Hunds Bunny, welchen weit verbreiteten Irrtümern er aufgesessen ist, und deutet an, was davon sich auf Kommunikation verallgemeinern lässt. Ich musste oft an Irrtümer beim Programmieren so genannter Künstlicher Intelligenz denken.
“We have a cue for that”.

We want to make sure that cues mean the same to me and to him. Sit is a good example. I thought Sit is just Sit. He did it right away, on the first day at home. Only months later it turned out that Sit really means to him: Go to Aleks, sit in front of him, and get a treat. Or at least a Good Boy. It took a number of training sessions to work out that misunderstanding. Now Sit is really Sit, wherever he is.

§

Die englische Kultur hat einfach viel mehr akadamische Blödeleien, deren Leichtigkeit meilenweit von der biestigen Rechthaberei eines “Vereins für deutsche Sprache” oder der Bräsigkeit handelsüblicher deutscher Sprachkolumnen entfernt ist. Zum Beispiel die zur Frage, wohin im Christmas Carol “God rest ye merry gentlemen” das Komma gehört – natürlich gesungen.

Journal Donnerstag, 2. Dezember 2021 – Schwierige Abgrenzung zwischen Apokalypse und Weihnachten

Freitag, 3. Dezember 2021

Nach halb fünf nochmal eingeschlafen, im Traum einem Freund begegnet, mich sehr über das Wiedersehen gefreut.

Draußen war es windig und mittelmild, der morgendliche Regen hatte pünktlich zu meinem Arbeitsweg aufgehört.

Ein paar Tollwood-Reste und die dunkelgrauen Wolken erzeugten apokalyptische Weihnachtsstimmung über der Theresienwiese.

In der Arbeit wurde ich energisch und zackig, hatte unversehens zwei unangehme Jobs erledigt, weil ich im Kopf woanders war.

Mittags gab es Wirsing-Curry vom Vorabend. Das Glas mit Orangenstücken hatte ich morgens doch wieder zurück in den Kühlschrank gestellt, weil ich wusste, es würde mir zu viel werden.

Über den Nachmittag wurde es wieder kalt, erneut segelten Schneeflocken an meinem Bürofenster vorbei. Kleine Übergabe und Umstellen meines Telefons: Den Freitag, den ich eigentlich für die Abschlussuntersuchung im Klinikum Garmisch freigenommen hatte, behielt ich nach Absage des Termins einfach so frei.

Heimweg über Einkäufe im Süpermarket. Beim Passieren der Theresienwiese bemerkte ich, dass die großen Kunstwerke vom Tollwood immer noch standen und beleuchtet wurden – das war also Absicht. Und ich kam mal wieder an einem Pokémon-Arenakampf vorbei, will heißen: Ich wusste noch von vor drei Jahren, dass hier eine Arena ist, sah ein Dutzend Menschen mit Blick auf Smartphone dort stehen.

Fürs Abendessen war ich zuständig; da im gestrigen Ernteantei Rote Bete angekündigt war, hatte ich Zutaten für Rote-Bete-Suppe mit Kokosmilch besorgt.

Während die Rüben garten, turnte ich eine eher kurze Folge Yoga mit Adriene, die vor allem aus Dehnen bestand.

Abendessen zu Tagesschau-Bildern vom Großen Zapfenstreich zur Verabschiedung von Kanzlerin Angela Merkel und Beschlüssen der Bund-Länder-Konferenz zur Pandemie-Eindämmung (nichts dabei, was die vierte Welle schnell stoppen kann). Zum Nachtisch aß ich die vorgeschnittenen Orangen.

Herr Kaltmamsell hatte schon am Mittwoch darauf hingewiesen, dass in unseren Regalen mit deutschsprachiger Literatur ausgemistet werden könnte. Ausmisten und Weggeben macht mir ja eigentlich Spaß, und innerhalb weniger Minuten standen drei Halbmeter-Stapel auf dem Tisch zum Weggeben. Aber in Dezember besteht halt die Gefahr, dass ich sage: “Alle!”

Journal Sonntag, 28. November 2021 – Wiederbegegnung mit Schneetreiben

Montag, 29. November 2021

Mit nur wenigen Unterbrechungen und lang geschlafen bis DREIVIERTEL ACHT!

Schon um zehn war ich auf einen Kaffee mit einer Bekannten verabredet, die ich zuletzt vor zwei Jahren gesehen hatte – wir hatten Treffen immer wieder auf nach der Pandemie verschoben, jetzt eingesehen, dass es diese Zeit womöglich nie geben wird. Das Wiedersehen war sehr schön, und ich freute mich über das Update. Auch sie hatte Lust auf einen Spaziergang und so gingen wir in dickflockigem Schneegestöber an der Isar entlang.

Um zwei war ich wieder daheim, zum Frühstück gab es viel Orange mit Joghurt und Mohn.

Online auf Sellpy Gebrauchtkleidung gekauft, um idealerweise neben drei Hosen auch einen Rock und zwei Oberteile in meiner aktuellen Konfektionsgröße zur Auswahl zu haben. Ich begrüße es sehr, dass es mittlerweile so viele Plattformen für Gebrauchtwaren gibt – auch meine Verabredung vom Morgen hat in einem Lebensumbruch sehr davon profitiert, dass sie darüber ohne viel Geld eine neue Wohnung ausstatten konnte.

Ich fror seit dem Morgen, jetzt auch in Extrasocken und dicker Strickjacke, bis ich dann doch die Heizung hochdrehte und alle Türen zum Wohnzimmer schloss.

Zeitung ausgelesen, dann eine Runde Yoga: Die “True”-Folge 8 bloß mit Atmen und Rumliegen übersprang ich; die mache ich mal, wenn ich’s nötig habe. Gestern wollte ich Bewegung, die bekam ich mit Folge 9.

Advent! Nach ich weiß nicht nach wie vielen Jahren mal wieder mit Kranz, Herr Kaltmamsell hatte sich einen gewünscht.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell eine Ochsenbacke mit aufgewärmten Bömischen Knödeln aus der Gefriere, ich kochte dazu den Ernteanteil-Rosenkohl.

Köstliches richtiges Sonntagsessen. Zum Nachtisch gab’s den Orangen-Frischkäse-Flan.

Ich ließ im Fernsehen den Tatort laufen, weil es lobende Ankündigungen gegeben hatte, langweilte mich aber so schnell wie fast immer.

§

Seit 2018 hat Autor Schulz für eine Reportage immer wieder einen Tornado-Jagdbomber der Bundeswehr besucht, jetzt hat sie das SZ-Magazin veröffentlicht (€).

“Waffenstillstand”.

Panzer, die nicht fahren, Flieger, die nicht abheben: Warum ist die Bundeswehr seit Jahren so oft nicht einsatzbereit? Am Tornado-Jagdbomber mit dem Kennzeichen 44 + 69 zeigen sich die Schwierigkeiten einer ganzen Armee.

Roter Faden des Artikels ist ein Trainingsflug dieses Tornados, in vielen Einzelschritten des Einsteigens, der Inbetriebnahme, was jeder davon bedeutet. Daran aufgehängt wird die Geschichte der Bundeswehr seit Freigabe dieses Jagdbombers zum Flugbetrieb im Mai 1985 erzählt, mit ihren unzähligen Umstrukturierungen im Kleinen und Großen, dazu die Technikentwicklung des Flugzeugs und die vielfältige Ausbildung des Personals drum und drin.

Eine wirklich große Geschichte, ist sogar die € 9,99 des Mindest-Abos für einen Monat wert – ich hoffe, sie erntet Journalismus-Preise. Der Artikel ist nicht einfach wegzulesen, sondern strengt mit seiner Faktendichte durchaus an. Fachbegriffe werden erklärend eingeführt, aber dann auch gnadenlos verwendet.

Unter anderem gefiel mir (persönlicher Geschmack), dass keine Atmosphäre durch Menschenbeschreibung oder viele Adjektive erzeugt wird – dagegen bin ich nicht erst seit dem Relotius-Skandal allergisch. Kann in Reportagen schon mal das richtige Mittel sein, wird aber oft manipulativ missbraucht. In diesem konkreten Fall verlässt sich Roland Schulz darauf, dass der Stoff selbst wirkt, dass eben die Fachbegriffe und die Faktendichte Atmosphäre erzeugen. Er erzwingt keinen Spannungungsbogen mit Szenen, die er gar nicht gesehen haben kann (dabei wäre die Versuchung einer Perspektive aus dem Cockpit groß), sondern beschreibt, was er sieht: das Flugzeug von außen. Das Fehlen expliziten Menschelns mag auch dem Ziel geschuldet sein, wie erbeten die Anonymität der zitierten Menschen zu schützen, ich mag den versachlichenden Effekt sehr. Inhaltlich wichtig: Dass die Scheu der deutschen Öffentlichkeit thematisiert wird, sich mit Militär- und Bundeswehrthemen zu befassen – was der Artikel damit erklärt, dass darüber der schreckliche Schatten der Wehrmacht liegt.

§

@Mirabilia bezieht in ihre Museumsbesprechungen immer die Klos ein, hier gibt es
“Eine Typologie: Museumsschließfächern”.

via @Hystri_cidae

Journal Freitag, 26. November 2021 – Erster Schnee und feines französisches Essen

Samstag, 27. November 2021

Er war für genau diesen Freitag in München angekündigt, der erste Schnee der Saison. Und doch sank mein Herz, als ich beim Aufbrechen in die Arbeit in die erste Dämmerung rausschaute.

Auf dem Weg in die Arbeit versuchte ich durchaus, den ästhetischen Reiz in den Vordergrund zu schieben, während die nassen Flocken mich einweißelten.

Kinder auf dem Schulweg formten Schneebälle aus allem, was sie zusammenkratzen konnten.

Über den Tag immer neuer Schneefall.

Tumultöser Arbeitsvormittag, aufgehellt durch Amüsement über einen gedanklichen Aussetzer von mir, der zu (unkritischer) Verzögerung und Mehrarbeit führte – manche meiner Dummheiten kann ich zum Glück niedlich finden.

Mittags Quittenkompott und Orangen mit Hüttenkäse. Und eine gar nicht lustige Geschichte in der Süddeutschen.

Nachmittags gab es eine lange geplante Kollegenverabschiedung – halt im kalten Freien und in Kurzform.

Pünktlicher Feierabend, denn ich war abends mit Herrn Kaltmamsell verabredet und hatte vorher Pläne: Ich traf mich mit ihm am Marienplatz; gemeinsam gingen wir zu Grüne Erde, um den wunderschönen Stuhl Asenio probezusitzen. Wenig überraschend sitzt es sich ganz hervorragend darauf. Derzeitige Idee ist, zwei davon für uns zu kaufen, die wir ja hauptsächlich am (noch zu besorgenden) Tisch sitzen, und vier andere Stühle dazuzustellen, vielleicht sogar ganz unterschiedliche.

Beim Eataly kaufte ich Pannettone, am Viktualienmarkt einen Adventkranz, Herr Kaltmamsell hatte sich dieses Jahr einen gewünscht.

Daheim kurzes Feinmachen, dann brachen wir auf ins Lehel: Eine glaubwürdige Quelle hatte dort ein winziges Restaurant empfohlen, das Louis. Diese Winzigkeit (es passten gerade mal zehn Gäste mit Abstand hinein), 2G-Zugang und vorheriger Selbsttest von uns beiden ließen mich das Risiko als niedrig genug einschätzen.

Zum Menü bat ich um eine Weinempfehlung in Rot aus der dicken Weinkarte: Darin kannte ich einiges, doch ich wollte gerne etwas Neues lernen. Koch und Wirt Stefan Schütz (das einzige sonstige Personal ist seine Frau, die den Service übernimmt) holte für uns einen Burgunder – kenne ich überhaupt nicht, machte mich neugierig: Ein Hospices de Beaune Corton 1996 Gand Cru. War tatsächlich sehr interessant und gefiel uns, erst im Nachhinein fiel mir ein, dass man solch einem Kaliber an Wein vermutlich besser viel mehr Zeit und Luft gibt, ihn nach dem Öffnen über mehrere Tage trinkt.

Zu essen gab es:

Terrine von Gänseleber mit getoasteter Brioche.

Bouillon von Artischocken mit Safran und Jakobsmuscheln.

Seeteufel mit Fenchel-Zucchinigemüse.

Limousin Lammrücken mit Auberginenmousse und Kräutern.

Apfeltarte mit Calvadosschaum für mich, Käseteller für Herrn Kaltmamsell (mit einem Glas Süßwein).

Satt und zufrieden nahmen wir die (schön leere) U-Bahn heim.

Tagesabschluss war die Nachricht von der Corona-Erkrankung einer (geimpften) Freundin wenige Tage vor ihrem Booster-Termin, die beruflich seit Monaten in Hochrisiko-Umgebung gezwungen ist.

Journal Donnerstag, 25. November 2021 – Corona-Abgründe

Freitag, 26. November 2021

Nach ordentlicher Nacht vor fünf aufgewacht und bis Weckerklingeln rumgelegen.

Als Morgengymnastik mal wieder ein paar Reha-Übungen ergänzt.

Für die Arbeit dicken Norwegerpulli gewählt, für den Arbeitsweg dicke Mütze und Ski-Fäustlinge

Eisiger Nebel über Theresienwiese.

Fast wegges Tollwood.

Viel heller wurde es den ganzen Tag nicht, der Nebel blieb.

Der dicke Pulli war im Büro grad recht, ich fror nur wenig.
Zu Mittag gab’s wieder Orangen und Pumpernickel.

Nachmittägliche Arbeit erschwert durch manchmal richtig bösen Schwindel. War auch schon wurscht, weil der gestrige Tag mich mit dem Grundgefühl “alles scheiße” niederdrückte.

Die vierte Corona-Welle steigt weiter in immer neue Höhen der Infektionszahlen und der Inzidenz. Unter anderem hat sie in der Arbeit angemessen gesellige Abschiede von Kollegen unmöglich gemacht. Mal sehen, wie schlimm sie noch werden muss, bis sich die Politik daran erinnert, was die zweite Welle vor einem Jahr wirklich brach: Schließungen – weil das Mobilität unterbindet und Kontakte effektiv reduziert. Wenn Geschäfte, Kinos, Lokale, Schulen, Büros zu sind, wird auch nicht mehr hingefahren/-gegangen. Seit Wochen wird die Versorgung in den Krankenhäusern als “angespannt” bezeichnet, Intensivpatient*innen werden schon seit einigen Tagen ins Ausland ausgeflogen – mein innerer Spock (“Faszinierend…”) fragt sich, ob wohl jemals zum Wort “zusammengebrochen” gegriffen wird. Brauchen wir erst Bilder wie aus Bergamo im Frühjahr 2020 oder Bilder von Kühlcontainern für Leichen hinter einer Klinik wie in New York?

Auf dem Heimweg strich ich wegen Schwindel meine Obstkaufpläne und füllte nur kurz am Bankautomaten meine Bargeldbestände auf.

Daheim kochte ich die letzte Quitte aus Bestand zu Kompott für Brotzeit, turnte eine Einheit Yoga.

Nachtmahl: Feldsalat aus Ernteanteil (ich musste mich komplett umorientieren, weil ich mit dem alternativ angekündigten Zuckerhut gerechnet hatte, den ich mit fruchtigem Dressing und Orangen anmachen wollte), Herr Kaltmamsell briet ein schönes Omelett, das er mit mir teilte, es gab Käse, Schokolade.

§

Vernünftiger Ruhepol im Wahnsinn mal wieder: Mai Thi Nguyen-Kim mit maiLab.
“Corona-Endlosschleife | Kommen wir da jemals wieder raus?”

Unter anderem mit einer Antwort auf die Frage: “Warum ist gerade alles so scheiße?”

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/-9OvNz7NESQ

Journal Montag, 22. November 2021 – Impf 3

Dienstag, 23. November 2021

Schlechte Nacht wegen einem überraschenden neuen Körper-Feature: Meine Nasenschleimhäute machten dicht und ließen keine Luft mehr durch. Das war aber nicht mit irgendwelchen sonstigen Erkältungs- oder Allergiesymptomen verbunden. Irgendwann stand ich auf und genehmigte mir einen Spritzer Nasenspray in ein Naseloch, um nicht durch den Mund atmen zu müssen (was mir sofort den Hals schmerzhaft austrocknet). Beim Weckerklingeln war ich völlig benommen.

Arbeitsweg durch sinkenden Nebel, kalten Dampf. Auf der Theresienwiese wurde das eben erst aufgebaute Tollwood wieder abgebaut: Absage wegen Corona.

Und der kleine Weihnachtsmarkt vorm Verkehrsmuseum am Bavariapark war bereits fast verschwunden.

Wenn andere das Wochenende durcharbeiten, bedeutet das für mich: Montagmorgen muss ich das alles erst mal hinterherarbeiten. Ich bin ganz sicher, dass da irgendwo etwas nicht ganz richtig ist.

Vormittags klingelte mein Mobiltelefon (so selten, dass immer ein erwähnenswertes Ereignis). Anruf vom Klinikum Garmisch: Sie mussten meinen Termin zur Abschlussuntersuchung Hüft-TEP absagen, alle Untersuchungen und planbare OPs finden wegen der Corona-Lage nicht statt, erst mal bis Mitte Januar. Ich hatte sowas erwartet, nutzte aber die Gelegenheit, mich nach der Lage im Klinikum zu erkundigen und für allerbeste Wünsche ans Team. Mal wieder ist mir klar, welches Dussel ich hatte, dass meine Hüft-OP samt Reha am Start der zweiten Corona-Welle überhaupt stattgefunden hat.

Mittagessen: Pumpernickel, Banane, Hüttenkäse.

Ein bleiern grauer Tag, sind wir hier in Berlin oder was?

Mitten am Nachmittag machte ich Feierabend für meinen Impftermin auf der Theresienwiese (vor zwei Wochen über das bayerische Impfportal gebucht, dort kann man inzwischen nicht nur Impfzentren, sondern auch die kleineren Impfstationen wählen, und die auf der Theresienwiese liegt halt für mich – im Gegensatz zum Münchner Impfzentrum in Riem – supergünstig). Gerade mal fünf Monate nach Zweitimpfung und jetzt auch noch ohne die Begründung des anstehenden Klinik-Termins hatte ich so richtig das schlechte Gefühl mich vorzudrängeln. Aber wenige Stunden vor Termin abzusagen, fühlte sich auch nicht konstruktiv an. Ich hatte mir bereits alle möglichen Entschuldigungen und Rechtfertigungen zurechtgelegt, war auch bereit, mich unverrichteter Dinge wieder hinten anzustellen – doch niemand fragte. Ziemlich geordnet wurde ich durch die Stationen gelotst (keinerlei Schlangen, aber Impfen auch nur mit Termin), fühlte mich doch noch kurz unzulänglich, weil mir eine Angestellte erklärte, ich hätte die Unterlagen der vorherigen Impfungen mitbringen müssen (darauf hatte nichts auf den Webseiten zur Impfung hingewiesen, die ich wirklich gründlich gelesen hatte). Doch als es derselben Angestellten die Sprache verschlug, weil ich alle Aufklärungs-, Einwilligungs- und Anamnesebögen in der aktuellsten Version vom 18.11. ausgefüllt, ausgedruckt und unterschrieben mitgebracht vorlegte (“Ach das haben Sie schon alles…?”), ging es mir besser.

Im eigentlichen Impf-Kabuff traf ich auf eine Ärztin mit Assistenz, kurzes Geplänkel über meinen ungewöhnlichen Namen. Dann: “Was soll’s denn sein?” – ich nahm nach zweimal BioNTech gerne Moderna (“Gute Wahl, liegt voll im Trend!”). Ich bekam ein paar neue Unterlagen, dankte herzlich für den Einsatz, und schon saß ich in dem kleinen Wir-warten-auf-Impfreaktionen-Bereich direkt vor dem Ausgang.

Heimspaziert über die dunkle Theresienwiese (gekreuzt von vielen Radler*innen, einige ohne Licht – ich passt höllisch auf, derzeit will man wirklich, wirklich, wirklich nicht in einem Krankenhaus landen). Daheim eine Runde Yoga, Rumpfstärkung.

Letzten Granatapfel aus der Crowdfarming-Kiste entkernt, Biomarkt-Mango dazugeschnippelt, in ein Glas als Dienstagsbrotzeit gefüllt. Passgenau ist für Dienstag die erste Lieferung von meinem adoptierten Orangenbaum angekündigt.

Abendessen waren spanischer Ziegenkäse (links der alte – ganz hervorragend, rechts der mittelalte – sehr mild), selbstgebackenes Brot, Tomätchen. Nachtisch Gewürzspekulatius und exotische Lindor-Sorten (wenn Sie die Kugeln mögen, ist der Lindor-Laden in den Stachuspassagen wirklich einen Besuch wert).

Im Bett (spürbare Impfarm-Schmerzen) ein neues Buch begonnen: Robert Galbraith, Lethal Withe, der vierte aus der Reihe Cormoran Strike soll nach dem schwachen dritten ja wieder besser sein. Sofort in die Romanwelt gezogen worden.

Journal Sonntag, 21. November 2021 – Isarlauf im Sonnenschein, Erinnerung an polnische Oma

Montag, 22. November 2021

Zerstückelt, aber immer wieder gut geschlafen.

Morgens erst mal Brotteig geknetet, Spülmaschine ausgeräumt, Weihnachtsstollen gepuderzuckert und in Alufolie eingeschlagen, oben auf die Küchenschränke verräumt.

Lustiges Wetter zu Tagesanfang: Erst klarer Himmel, dann eine Stunde Nebel, dann wieder klar.

Neben Bloggen die verschiedenen Handgriffe des Brotbackens, das Resultat sah dann ganz anders aus als auf dem Foto.

Ich hatte eh eine Laufrunde an der Isar geplant, der wolkenlose Sonnenschein machte sie besonders attraktiv.

Über den Südfriedhof ging ich zügig zum Aufwärmen an die Wittelsbacherbrücke, lief Richtung Flaucher los. Wieder zeigte sich wie schon auf meinen früher fast einsamen Wanderungen: In der Corona-Zeit haben viele Menschen die Wege an der Isar für sich entdeckt. Selbst auf meinen Schleichpfaden hintenrum, auch abseits der Hauptwege, herrschte dichter Verkehr von Joggerinnen, Spaziergängern, Familien, Kinderwagenschiebegruppen, Hundegassigeher*innen. Abstandhalten erforderte immer wieder Anstrengung.

Auch auf dem Flauchersteg Hochbetrieb (mindestens ein Nackerter auf den Kiesbänken, brrr), auf dem Isarkanal sah ich Kanuten und Stehpaddler. Laufen ging sehr gut, Ziepen spürte ich nur nach einer Weile in den Waden.

Unter der Brudermühlbrücke.

Ganz schnelles Foto auf Schleichpfad ohne andere Menschen.

Am Schleusenwärterhäusl bei Maria Einsiedel.

Nach dieser Aufnahme von der Großhesseloher Brücke herunter schaltete sich das Smartphone aus, dem Akku war schnell zu kalt geworden. Also keine weiteren Fotos mehr und, viel schlimmer, keine gezählten Schritte. Oder auch nur die Zeit, ich schätze mal, dass ich 75 Minuten joggte. Zurück nahm ich die U-Bahn von Thalkirchen – auf die ich 15 Minuten warten musste (Bauarbeiten am Wochenende, die hatte ich schon wieder vergessen), die dann auch deutlich dichter besetzt war, als ich es an Sonntagen kenne. Hätte ich das gewusst, hätte ich anders geplant.

Zum Frühstück Granatapfelkerne, gebackene Quitte, Banane mit Joghurt, ein paar Träubchen als Beilage.

Während ich geduscht hatte, war das Wetter umgeschlagen, der eben noch strahlende Himmel plötzlich bedeckt und grau. Nachmittag mit Zeitunglesen im Sessel, als Snack gab es eine Scheibe vom Selbstgebackenen: ok, aber nicht mein Lieblingsbrot. (Und es schmeckte mir immer noch besser als jedes gekaufte Roggenbrot der vergangenen Jahre, selbst von wirklich guten Bäckern.)

Fürs Abendessen war ich zuständig. Wir arbeiten ja immer noch den Topf Salbei ab, den ich anlässlich des Kürbis-Herbstsalats gekauft hatte. Heute mit Hilfe einer klassischen englischen sage and onion-Füllung für Brathuhn. Im glückliches Hermannsdorfer Hähnchen steckten noch einige Federkiel-Wurzeln vom Rupfen, die ich sorgfältig entfernte – und die einen Erinnungsflash an meine polnische Oma selig auslösten: Wenn sie Gans briet – und ihre Gänsebraten waren legendär, möglicherweise wegen des Gasofens, aus dem sie kamen -, suchte sie die rohe (immer polnische!) Gans vorher gewissenhaft ab nach Federkielen. Ich sah sie vor mir in einer Kittelschirze (tut mir leid, Duden, Ihre Schreibung ist unkorrekt), die dauergewellten grauen Locken der Blumenkohl-Frisur mit Haarklammern aus der Stirn gesteckt, weit unten auf der Nase ihre Brille (die sie immer nur wenn nötig aufsetzte, also zum Nähen, Lesen der Fernsehzeitschrift Gong und für fieselige Küchendinge – niemals hätte sie sich draußen damit blicken lassen), vor ihr die Gans und in der rechten Hand die Pinzette, mit der sie nachrupfte.

Das Hähnchen geriet sehr gut, wir aßen beide je fast eine Hälfte. Nachtisch Schokolade.

Im Bett las ich William Kotzwinkle, The Fan Man aus: Ja, ein wirklich lustiger Aberwitz von 1974, ein innerer Monolog eines völlig verpeilten Typen in Hippie-Jargon, doch dass weibliche Wesen ständig, aber nur in Form von zu fickenden 15-jährigen Mädchen vorkamen, und selbst die meist nur in Form von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, fand ich bei der Lektüre dann doch zunehmend eklig und abstoßend.

Corona eskaliert hierzulande weiter. Es bremst die Pandemie zwar auch nicht (wieder ein neuer Rekord bei der Inzidenz in Deutschland: 372,7), aber ich würde wirklich gerne von irgendwem aus der Politik das Geständnis hören: “Das haben wir unterschätzt.” Gäbe mir ein bisschen Hoffnung auf künftige Besserung.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen