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Journal Samstag, 16. Februar 2019 – Fränkischer Samstag

Sonntag, 17. Februar 2019

Den gestrigen Samstag verbrachte ich zusammen mit Herrn Kaltmamsell im Fränkischen, nämlich bei der Familie eines Freunds aus Adelsdorf in Mittelfranken. Er wohnt ebenfalls in München und bringt jedes Jahr eine Gruppe Freunde im Haus seiner Eltern zusammen, um fränkisch zu kochen und zu essen, prakisch von früh bis spät.

Uns fuhr er auch noch selbst hin: Da wir kein Auto haben, seine fränkische Heimat aber recht weit ab von Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln liegt, holte er uns frühmorgens ab. Wieder war ich fasziniert, wie anders die Strecke München-Nürnberg von Auto/Straße aus aussieht; unter anderem blickten wir die ersten 100 Kilometer lang auf dreispurigen zäh dichten bis stehenden Verkehr in die Gegenrichtung: Die Farbe vieler Autokennzeichen deutete auf Ferienanfang in den Niederlanden.

Am Zielort lernten wir Familie kennen, bevor unser Freund sich in die Küche zurückzog, um den ersten Teil der Tageskulinarik vorzubereiten, während sein Mann uns zu Einkaufsgelegenheiten mit Fabrikverkäufen fuhr: Tee, Gewürze und das Einkaufserlebnis des Tages – Pralinen- und Schokoladenbruch kiloweise in Tüten. Während ich vergangenes Jahr bei Haribo in Bonn die Kilotüten dann doch stehen ließ, weil sie uns bei genauerer Überlegung zu viel waren, hatte ich diese Befürchtung bei Schokolade keine Sekunde lang.

Im sonnigen Wintergarten des Elternhauses fanden sich nach und nach Freunde des Gastgebers aus München und dem Fränkischen ein, es gab die erste Mahlzeit: Fränkische Bratwurst aus der Herstellung eines verwandten Metzgers, serviert als Sauere Zipfel in einem würzigen Sud und gebraten mit Sauerkraut, dazu ein helles und mit Anis gewürztes Weizenmischbrot, das „römisch“ genannt wurde („des gibt’s nur am Wochenend“) sowie ein Roggenbauernbrot aus dem Holzbackofen.

Meine ersten Sauren Zipfel, ich fand sie köstlich.

Den Kaffeeundkuchen hängten wir gleich dran, ich entdeckte Prasselkuchen (mit Mürbteig) und mochte ihn sehr.

Zum jährlichen Frankentag mit Freunden gehört, wie wir lernten, ein Besuch der Fabrikverkäufe der benachbarten Sportartikelhersteller, der gesamte Trupp fuhr in Autos nach bei Herzogenaurach. Ich lernte auch, dass Sportartikel zumindest im Fabrikverkauf höchstens noch Randprodukte dieser Hersteller sind, am ehesten im Bereich Fußball zu finden; die angebotene Kleidung war eher für den nicht-sportlichen Alltag gedacht. In einem weiteren, Hersteller-übergreifenden Fabrikverkauf fand ich aber zwei sehr günstige Schwimmanzüge, die mich zusätzlich zu meinem aktuellen, noch voll funktionsfähigen auf die nächsten 15 Jahre versorgen dürften.

Abendliche Krönung der Kulinarik: Karpfenessen. Der Gastgeber hatte einen großen Tisch für Freunde und Familie in Willersdorf reserviert, im seiner fundierten Überzeugung nach ersten Karpfenhaus der Region, nämlich im Gasthof der Brauerei Rittmayer.

Als Vorspeisen hatte der Sohn der Gegend schon vor Wochen eine Spezialität bestellt, von der ich noch nicht gehört hatte: Ingreisch, der Karpfenrogen, paniert und frittiert, serviert mit ebenso zubereiteten Flossen (auf dem Foto bereits weitgehend weggefuttert) – großartig.

Der Karpfen wurde angeboten: Müllerin Art, gebacken, blau und pfeffergebacken. Ich entschied mich für den gebackenen, um einen möglichst nahen Vergleich zu meinem Standardkarpfen in Bierteig zu haben, den ich aus Unteremmendorf im Altmühltal kenne. Abgefragt wurde beim Bestellen nicht nur die gewünschte Zubereitungsart (die es alle auch für die Servierform als Filet gab), sondern auch die gewünschte Größe des halben Karpfens (hohe Kunst des Karpfenhalbierens, damit beide Hälften auch einen halben Kopf – Backerl! – und Schwanz bekommen): Abgerechnet wurde nämlich nach Karpfengewicht. Hier die mittlere Größe, die auf zwölf Euro kam.

Er schmeckte ganz hervorragend mit seiner butterschmalzigen, kräftig gewürzten Semmelbrösel-Panade, tatsächlich noch zarter und saftiger als mein Referenzkrapfen.

Mein Nachbar hatte sich für Karpfen blau entschieden (oben Salzkartoffeln, Butter, Merrettich).

Er ließ mich probieren: Das mag tatsächlich die ideale Zubereitung sein, kam dem Charakter des Karpfenfleischs noch mehr entgegen.

Ich trank dazu alkoholfreies Weizen – da mir morgens die Migräne ob des Proseccos am Vorabend drohend den Finger gezeigt hatte (Hackebeil übers rechte Auge), ließ ich einen Test bleiben, welchen fränkischen Weißwein der gebackene Karpfen wohl am liebsten mag.

Nach einem letzten Espresso und vielen herzlichen Umarmungen zerstreute sich die Gruppe, unser Gastgeber nahm uns in zwei Stunden Autofahrt unter klarem Sternenhimmel wieder mit zurück nach München.

Journal Donnerstag, 14. Februar 2019 – Beifang aus dem Internetz

Freitag, 15. Februar 2019

Gut geschlafen, das darf so weitergehen.
Schöner Weg in die Arbeit, es sind weitere Sonnentage angekündigt.

Ruhiges Arbeiten ohne zu viele Unterbrechungen (die ja Teil meiner Arbeit sind).
Zur Brotzeit unter anderem einen sehr köstlichen Granatapfel. Ich werde Granatäpfel vermissen, bis zum nächsten Lieblingsobst Erdbeeren ist noch lang. Diese Saison mögen mich Zitrusfrüchte einfach nicht begeistern

Nach Feierabend Treffen zum großen Fest, ich lernte unter anderem, welcher Handgriff zu welchen Gewerk gehört.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Nudeln mit Lauch aus gestern geholtem Ernteanteil.

§

Ausführlich recherchiertes Feature im New York Times Magazine:
„The Secret History of Women in Coding“.

Mit vielen schönen Einzelgeschichten über Programmiererinnen, diese verlinkte empfehle ich besonders.

Hier eine aus den USA der 50er:

Wilkes happened to have some intellectual preparation: As a philosophy major, she had studied symbolic logic, which can involve creating arguments and inferences by stringing together and/or statements in a way that resembles coding.

(…)

When the number of coding jobs exploded in the ’50s and ’60s as companies began relying on software to process payrolls and crunch data, men had no special advantage in being hired. As Wilkes had discovered, employers simply looked for candidates who were logical, good at math and meticulous. And in this respect, gender stereotypes worked in women’s favor: Some executives argued that women’s traditional expertise at painstaking activities like knitting and weaving manifested precisely this mind-set. (The 1968 book “Your Career in Computers” stated that people who like “cooking from a cookbook” make good programmers.)

In den 80ern kam der große Umbruch durch die Verbreitung des Home PCs und dessen an Buben gerichtetes Marketing: Jetzt wurde an den Universitäten nur noch denen Talent fürs Programmieren zugeschrieben, die zu Studienanfang bereits Programmiererfahrung hatten – und das waren fast ausschließlich Männer.

“It’s all this loosey-goosey ‘culture’ thing,” says Sue Gardner, former head of the Wikimedia Foundation, the nonprofit that hosts Wikipedia and other sites. After her stint there, Gardner decided to study why so few women were employed as coders. In 2014, she surveyed more than 1,400 women in the field and conducted sit-down interviews with scores more. It became clear to her that the occupation’s takeover by men in the ’90s had turned into a self-perpetuating cycle. Because almost everyone in charge was a white or Asian man, that was the model for whom to hire; managers recognized talent only when it walked and talked as they did.

(…)

In a 2016 experiment conducted by the tech recruiting firm Speak With a Geek, 5,000 résumés with identical information were submitted to firms. When identifying details were removed from the résumés, 54 percent of the women received interview offers; when gendered names and other biographical information were given, only 5 percent of them did.

(…)

If biology limited women’s ability to code, then the ratio of women to men in programming ought to be similar in other countries. It isn’t. In India, roughly 40 percent of the students studying computer science and related fields are women.

Ich muss da immer an meine Schwiegermutter denken, die als junge Frau in den frühen 60ern mit Kolleginnen für NCR beim Kunden Buchhaltungsmaschinen programmierte, bis sie genau das taten, was der Kunde wollte.

§

Eine Nebenwirkung der Geringschätzung der Programmiererinnen vor den 80ern: Sie wurden in wissenschaftlichen Veröffentlichungen nicht als Forscherinnen angesehen und genannt.
„The Women Who Contributed to Science but Were Buried in Footnotes“.

Der Atlantic berichtet über Emilia Huerta-Sánchez von der Brown University und Rori Rohlfs von der San Francisco State University, die dem nachgingen.

She and her colleagues found that in the 1970s, women accounted for 59 percent of acknowledged programmers, but just 7 percent of actual authors.

(…)

“This is an opportunity for us to think about the norms we use in authorship and other metrics of academic success,” says Rohlfs. Even today, there are no clear rules about how much work someone must do to become an author. A professor could email some data to a colleague and become an author. A lab technician could do enormous amounts of labor, without which experiments could never be done, and be ignored.

§

Bei dieser Gelegenheit (und welch schöner Übergang) eine Meldung vom Deutschlandfunk:
Im Januar stellten Lungenärzte in einem Papier die Wissenschaftlichkeit der aktuellen Grenzwerte für #CO2 und #NOx in Frage. Nach einer Zeitungsrecherche räumt der Initiator nun ein, er habe sich grob verrechnet – mangels Sekretärin.

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Och, und weil wir uns gerade eh in der schönen Welt der Wissenschaft tummeln: Astronom Florian Freistetter erklärt in den Scienceblogs:
„Warum ich wissenschaftliche Arbeiten von ‚Privatgelehrten‘ nicht prüfen kann“.

Daran ist gut zu sehen, wie Wissenschaftlichkeit in den Naturwissenschaften funktioniert. (Bekommen Germanistinnen auch Arbeiten von Privatgelehrten zugeschickt? „Warum Faust in Wirklichkeit von Schiller geschrieben wurde“? Oder Soziologinnen „Wie islamische Einwanderung Deutschland zerstört“? Spass, solche Arbeiten finden ja umgehend einen Verlag und erscheinen als Buch.)

In den Kommentaren übrigens der Hinweis auf eine Stelle, die sich gegen Geld solcher Ideen von Privatgelehrten annimmt: „Talk To A Scientist“. Allerdings auch dort: „No, we don’t review papers or proposals. We answer questions.“

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Abschließend noch was zum Gucken mit Kunst und Fotografie und Plastikverpackungen:
„Suzanne Jongmans’ Latest Work Recycles The Renaissance“.

Journal Mittwoch, 13. Februar 2019 – Ungewohntes Telefonieren

Donnerstag, 14. Februar 2019

Ok geschlafen, die Tablette Ibu vorm Zu-Bett-Gehen war eine gute Idee gewesen. Vielleicht hatte ich deshalb auch tagsüber so wenig Schmerzen wie schon lange nicht mehr.

Die Temperaturen schleichen aufwärts, ernsthafte Frühlingsgesänge der Vögel.

Einen privaten Anruf getätigt, den ich unerklärlicherweise seit Monaten vor mir her schiebe. Na gut, die Erklärung könnte sein, dass es sich eben um einen Anruf handelte (die E-Mail im August an die Berufsadresse war ohne Antwort geblieben, ich musste den nächsten Schritt gehen) und dass ich wusste, dass der Angerufene davon sehr überrascht sein würde. War er auch, freute sich aber, wir sprachen lange (sehr seltsam, ausführlich unterhalte ich mich tatsächlich inzwischen nur schriftlich oder gegenüber sitzend; ich weiß schon fast nicht mehr wie Telefonierplaudern geht, die Konventionen des Unterbrechens, Nachfragens, Ausredenlassens sind deutlich andere). Und wie es halt nach 15 Jahren Funkstille ist: Es waren Menschen gestorben. Nicht nur deshalb brauchte ich eine ganze Weile, bis ich mich danach wieder gefasst hatte.

In der Arbeit etwas weniger Wahnsinn als an den Tagen davor, schön. Zu Mittag Mandarinen mit Manouri, dazu selbst gebackenes Brot.

Auf dem Heimweg Einkaufsabstecher im Edeka (Tonic Water, Süßigkeiten), Slapstick mit dem sonst fehlerfreien Pfandflaschenautomaten, der immer mit den kleinen Tonic-Flaschen hadert.

Mit Herrn Kaltmamsell war ich zum Pizzaessen in einem noch ungetesteten Lokal ums Eck verabredet, der sich als generischer deutscher Italiener herausstellte.

Die Füllung meiner Calzone war durch Ricotta interessant, aber fast kalt, über seine Pizza Napoli zuckte Herr Kaltmamsell ledigich die Schultern.

Daheim Durcharbeiten einiger Angebotsunterlagen für das große Fest.

Journal Samstag, 9. Februar 2019 – Kulinarische Abenteuer

Sonntag, 10. Februar 2019

Unruhiger Schlaf, ich freue mich wirklich sehr auf den Besuch beim Neurologen in zwei Wochen (und fürchte mich davor, dass er ohne Therapievorschlag abwinkt).

Einladung mit Herrn Kaltmamsell zu einem eritreischen Frühstück. Sehr viel gelernt, zum Beispiel über eritreisches Ga’at, Hirsemehl-Porridge mit gewürzter Butter und Joghurt (völlig neuer Geschmack, aber köstlich). Bezaubernde Menschen getroffen, Kaffee in einer eritreischen Kaffeezeremonie bekommen. Neben wundervoll aromatischem, gewürzten Kaffee aus live pfannengerösteten Bohnen gehörte dazu auch viel Weihrauch – ich roch beim Heimgehen höchst charmant wie der Oberministrant nach einem Hochamt.

Einkäufe beim Verdi. Beim Warten an der Kasse steckte ich mal wieder unbekanntes Obst ein (Quengelware für Foodies): Kiwano hieß es, wie mir das Internet beibrachte.

Geschmack wie Gurke, nur ohne das Bittere und Gurkige. Also nach ungefähr gar nichts. Weiß ich das also auch.

Geschmack holten wir uns aus dem weiteren Einkauf: Beim syrischen Bäcker Nawa hatte es wieder neue Kekse gegeben, von denen wir eine Schachtel mitnahmen.

Unter anderem dieses Blätterteiggebäck – so pretty!

Wir machten uns an weitere Vorbereitungen fürs große Fest, stolperten über einen kleinen Schluckauf. Umgehend Lösung gefunden und umgesetzt, ich ging nochmal aus dem Haus.

Abends spielten wir mit unserem Ernteanteil: Neben klassischem Salat aus Roten und Gelben Beten gab es ofengebackenen Sellerie (der mir in Berlin so gut geschmeckt hatte).

Karamellduft.

War nicht so ganz befriedigend: Schmeckte gut (mit Butter oder Joghurt), aber als müsste man noch etwas damit machen.

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Wie medizinische Fachkenntnisse die Reparatur einer Gastherme erleichtern. (Ob eine Heilpraktikerin auch so schnell…? Egal.)
„Gasthermennotfallerlebnis.“

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Es ist Februar, es ist Berlinale – und ein Zauber erlöst auch dieses Jahr das Blog von Julie Hinterstübchen Guttmann aus seinem Schlaf. Hier geht’s los:
„Berlinale 2019 – Das Wunder von Manhattan“.

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„This Mom Spent 17 Years Documenting Her Son Growing Up And The Pictures Are Very Powerful“.

Nein, nicht was Sie denken. Gar nicht.

Journal Donnerstag, 7. Februar 2019 – Migränepause

Freitag, 8. Februar 2019

Hiermit hat mir die Migräne endgültig bewiesen, dass sie als Ausrede nicht den kleinsten Tropfen Alkohol braucht (der jüngste war ein Schluck Sekt zum Anstoßen auf den Geburtstag am Sonntag gewesen): Ich wachte gestern kurz vor sechs von brutalen Kopfschmerzen auf – die ich erst mal (u.a. wegen Alkoholverzicht) als reine Kopfschmerzen verbuchen wollte. Doch dafür hat der Mensch ja erfahrene Partner, die bald diagnostizieren: „Du hast Migräne.“ (Dabei hatte er nicht mal gesehen, wie ich mich neben Laptop und Kaffetasse halb auf den Tisch legte.)

Also Krankmeldung per E-Mail in der Arbeit, mit einer Dosis Triptan-Nasenspray zurück ins Bett – wo ich stückweise bis halb eins schlief. Der vertraute Zyklus der Arbeitstagsmigräne: Im Halbschlaf Listen gebastelt, was ich dann alles daheim erledigen würde, wenn ich schon nicht in die Arbeit könnte, wann ich dazwischen eine Runde an der frischen Luft machen würde – um nach dem Aufwachen schwach und siech über Kaffe und Wasser zu hängen und einen Punkt nach dem anderen auf der inneren Liste zu löschen wegen Nixgeht. Herr Kaltmamsell kam schon um eins heim – letztendlich jagte ich ihn sogar um ein paar Semmeln aus dem Haus, weil ich selbst mit Duschen und Anziehen noch überfordert war.

Um halb vier ging aber auch das, ich wagte mich zu einem Spaziergang aus dem Haus.

Natürlich an die Isar. Den Schirm hatte ich eigentlich nur als Talisman dabei – wir wissen ja wohl alle, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Regengusses durch Mitführen eines Schirms halbiert. Doch das wusste der Regen nicht und regnete trotzdem. Wie praktisch, dass ich einen Schirm dabei hatte!

Diesmal ging ich Richtung Deutsches Museum – und entdeckte schöne Malerei unter der Ludwigsbrücke.

Die frische Luft (da war sie wieder) tat mir tatsächlich gut, ich fühlte mich annähernd gesund. Über den Viktualienmarkt, wo ich nach Jahren mal wieder frisch gepressten Saft trank (Gemüse-Apfel-Ingwer), ging ich noch ein wenig einkaufen.

Und abends machte ich Kaiserschmarrn, endgültige Genesung.

Journal Mittwoch, 6. Februar 2019 – Endlich wieder Theater: Toshiki Okada, No sex

Donnerstag, 7. Februar 2019

Fester Vorsatz war gestern: Spätestens um 15.30 Uhr Feierabend machen, um genug Energie für den abendlichen Theaterbesuch zu erübrigen. Und wie es bei solchen Vorsätzen gerne mal ist: Ich stand unter Aufgaben- und Telefondauerbeschuss. Doch zum Glück hatte ich meine Pläne laut geäußert, so stupste mich jemand nach halb vier an: „Wolltest du nicht gegangen sein?“ Das brachte mich dazu, an relevanter Stelle zu fragen, ob etwas gegen mein Gehen spräche – tat es nicht.

Noch vor vier spazierte ich in Sonnenlicht und mit Schulschwänzgefühl Richtung Zuhause. Begegnete an der vielspurigen Garmischer Straße einem flauschigen Ratz, der sich durch meine Nähe überhaupt nicht stören ließ.

Sah die Theresienwiese bei Tageslicht.

Da ich großen Nachmittagshunger hatte, kaufte ich auf dem Heimweg Krapfen, die ich mit einer großen Tasse Milchkaffee genoss.

Telefonat mit meiner Mutter: Von ihrer Schwester in Italien hat sie erfahren, dass der Christstollen angekommen ist. Diesmal hat er also zweieinhalb Monate von München nach Latio gebraucht. (Scherze mit Zu-Fuß-Gehen bitte selbstständig ergänzen.) Meine Mutter meinte, das könne ich also zukünftig lassen, doch in den Jahren davor hatte es ja gut funktioniert. Und Lassen brächte Unglück.

Abends Theater, wirklich und tatsächlich. Eigentlich wäre ich mit Doktor Alici dran gewesen, hatte die Besprechung der Uraufführung vor ein paar Wochen auch aufgehoben (lese ich lieber nachher) – doch letzte Woche war ich per Brief informiert worden, dass wegen Krankheit statt dessen No sex von Toshiki Okada gegeben werde. Auch recht, Hauptsache Theater und nicht zu lange. (Bei zehn Stunden Dionysos Stadt hatte ich gekniffen, da geht’s mir wie mit kinky Sex: Finde ich theoretisch ausgesprochen begrüßenswert, praktisch bin ich zu faul.)

Der Zuschauerraum war nur zu einem Drittel besetzt, wohl der Stückänderung geschuldet – man setzte sich einfach auf den schönsten freien Platz. Stefan Merki kam als Wirt einer Karaokebar auf die Bühne, sagte, er habe die Zukunft gesehen, und dann hatte ich einen sehr schönen Abend. Toshiki Okada, der auch Regie geführt hat, ließ vier junge Männer diese Karaokabar betreten, dabei seltsame Kleidung des Stereotyps „japanisches Modedesign“ tragen und ihre Gefühle beim Singen und Bierausprobieren analysieren – in geschraubter Achtsamkeitssprache mit selbst definierten Begriffen, begleitet von ausladend gekünstelten Turn- und Sportbewegungen ohne Zusammenhang mit dem Gesagten. Das war komisch, klug und stimmig.

Die ältere Putzfrau des Etablissements, gespielt von Annette Paulmann (*Fangirlgeste*), holt die vier aus der Analysebene herunter zu ihren Erinnerungen an Love Hotels, der Wirt Stefan Merki versucht die jungen Männer zu verstehen. Alle singen Karaoke – erkannt habe ich Pointer Sisters‘ „I’m so excited“, Madonnas „Like a virgin“, Nirvanas „Smells like teen spirit“, Donna Summers „I feel love“ – jeweils in musikalisch interessanten Versionen und mit luziden Übersetzungen ins Deutsche.

Frenetischer Applaus, von mir Empfehlung.

§

Nadia Pantel schrieb in der Südeutschen Zeitung die Reportagenseite (€):
„Frankreichs obdachloser Twitter-Star“.
Darin eine Beobachtung zum Mitschreiben (was ich hiermit getan habe):

Der Obdachlose ist zum Rorschachtest der Gesellschaft geworden. (…) Hier, dieser Mann auf der Parkbank, sehen Sie einen faulen Säufer, ein Opfer des Kapitalismus oder einen, dem von den Migranten der Platz in der Notunterkunft weggenommen wurde?

§

Stephan Nollar erzählt von seinem Zivildienst 1989 (die Jahreszahl ist wichtig) beim Leiter der Klinikseelsorge an der Uniklinik Köln (der Ort ist wichtig). Ich empfehle für die Lektüre eine ruhige Minute und geborgene Umgebung.
„Als die Hölle aufging“.

§

Da das Technikttagebuch von Technikfreundinnen und -freunden geschrieben wird, überwiegen Faszination und Optimismus in den Geschichten. Manchmal aber sind sie auch traurig:
„Mai 2015
‚Eine Maschine, die dich einfach ersetzt’“.

Journal Montag, 4. Februar 2019 – Ein Traum für Winterfans

Dienstag, 5. Februar 2019

Nicht durch-, aber ok geschlafen.

Durch den Traum aller Winterfans in die Arbeit gegangen.

Ich trug meine Schneestiefel (siehe Versehensfoto, mögen sie ewig halten) und hatte Büroschuhe eingesteckt. Und ich hoffte auf rasches Freischmelzen der Wege.

Herr Kaltmamsell hatte am Vorabend aus Topinambur und Äpfeln aus Ernteanteil mit Linsen, Walnüssen und Schnittlauch einen köstlichen Salat zubereitet, den wir uns zur Brotzeit teilten.

Seltsame Erkältung. Die Nebenhöhlen machten Kopfweh (allerdings habe ich mittlerweile den Verdacht, diesem Kopf ist jeder Anlass zum Wehtun recht), das sich mit Paracetamol erträglich halten ließ. Doch die Nase blieb fast frei.

Auf dem Heimweg im Vollcorner Biosupermarkt Obst gekauft, unter anderem gab es echte Mandarinen (deren Geschmack man perverserweise daran erkennt, dass er künstlichem Mandarinenaroma gleicht – wie in tangerine jelly oder Wassereis).

Zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell wieder: Er machte – wieder aus Ernteanteil – Wirsingrisotto.

Im Bett weiter Thomas Bernhard, Alte Meister gelesen, der vielleicht einfach der Ur-Hater ist, hater zero. Außer, diese Leseweise ist durchaus möglich, er macht sich über genau dieses wahllose Gemaule alter einsamer Krauderer, wie sie in Bushäusln sitzend vor sich hin zetern, lustig.

§

Sie lesen und gucken alle goncourt, ja?
Zum Beispiel diese Alltagsschnipsel. (Man sollte immer „Dienstreisende“ sagen.)


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