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Journal Mittwoch, 26. Juni 2019 – Oratie in Utrecht

Donnerstag, 27. Juni 2019

1A Urlaubstag, jederzeit wieder. Vor allem, weil die Hitze weg war und den ganzen Tag nicht wiederkam.

Das komplette Öffnen der Fenster und schweren Vorhänge, um die Nachtkühle hereinzulassen, hatte den Preis frühen Tageslichts im Zimmer gehabt. Dennoch schlief ich fast bis acht, unruhig und mit Kopfschmerzen.

Duschen im Bad, das ich mir mit dem Nebenzimmer teilte (von dem ich aber nichts mitbekam).

Nach dem Bloggen machte ich mich auf den Weg zu einem empfohlenen Morgenkaffee.

Der Gang zum Obergeschoß mit den Zimmern.

Da ich mir gestern eh Utrechtgucken vorgenommen hatte, machte ich Umwege zum Café, anschließend spazierte ich den Stadtgraben drei Viertel um die Stadt, wechselte immer wieder die Seite – je nach dem, wo gerade keine Bauarbeiten waren oder überhaupt ein Gehweg. Mir fielen die verschiedenen Stile der Brüstungen auf den Brücken auf.

Ich kam auch an einem der Utrechter Wassertürme vorbei.

An der Mündung der Oudegracht bog ich ab:

Jetzt am Mittag hatte ich Frühstückshunger.

Klo im Kellergewölbe der Oudegracht.

Der Utrechter Bahnhhof und ich hatten noch eine Rechnung offen, also spazierte ich nochmal dorthin.

Durch den Hinweis von Kommentatorin „Andere Franziska“ fand ich im Obergeschoß die Stelle mit den Schaukeln – allerdings abgeräumt.

Auf dem Rückweg zum Zimmer entschloss ich mich spontan, eines der Wahrzeichen Utrechts zu besichtigen: Den Domtoren (Domturm). Das Ticket für die Besteigung mit Führung verkaufte mir in der Tourist Information ein Surferboy, die Führung selbst machte eine freundliche junge Frau.

Ich sah ein Glockenspiel:

Teil 1, die manuelle Bespielung.

Teil 2, die Glocken des Glockenspiels und die Spieluhrrolle zum automatischen Betrieb.

Mächtige Glocken:

Die Glocken von 1505 sind an den Apfelbutzen-förmigen Schwengeln erkennbar,

die aus den 1980ern haben Lutscher-förmige.

Und dann guckte ich runter:

Hier sieht man rechts den Bahnhof.

Und hier unten die Universität.

Genau dorthin in die Aula ging ich nach einem kurzen Frischmachen und Umziehen: Zur Antrittsvorlesung „‚Bridging the Gag‘, or: How to become a Modernist“ von Prof. Dr. Eva-Maria Troelenberg. Beeindruckende Talare, lustige Hüte (was man beides als Professorin, wie ich erfuhr, gegen Geld auf Lebenszeit ausleiht), hochspannende Vorlesung (und anrührende Einleitung, in der Eva ihren akademischen Weg bis zu diesem Moment skizzierte).

Gratulation, Häppchen (Bitterballen!) und Getränke im angeschlossenen Kreuzgang des Doms.

Es wr mittlerweile sonnig geworden, aber lediglich angenehm mild – keine Spur von Hitze.

Abends trafen sich einige von Evas Gästen noch in einem Restaurant an der Oudegracht, angenehmstes Plaudern mit Evas Familie.

Neben den hier omnipräsenten Dohlen (die auf Englisch hooded crows heißen und die ich deshalb vielleicht künftig Kapuzenkrähen nenne) hatte mich morgens durchs Zimmerfenster ein Rotkehlchen angesungen, ich sah und hörte viele Mauersegler, auf den Gewässern gab es Nilgänse und Enten, in der Luft darüber schweigende Seemöven.

Journal Dienstag, 25. Juni 2019 – Reise nach Utrecht

Mittwoch, 26. Juni 2019

Gut sieben Stunden Bahnfahrt sind dann doch eine ganze Menge, ich war sehr froh, als ich endlich am riesigen Bahnhof in Utrecht ankam.

Hopfencheck in der Holledau.

Begleitung waren nur mindere DB-Unbillen, also ausgefallene ICE-Teile, die dann doch nicht ausgefallen waren, beide Speisewagen funktionsunfähig (ich hatte eine belegte Semmel vom Bäcker und Cherry Pie von Herrn Kaltmamsell dabei, außerdem zweimal 0,7 Liter Wasser in eigenen Flaschen), ebenso das WLAN, Anschlusszug in Frankfurt mit 20 Minuten Verspätung (ich nutzte sie für ein wenig Herumlaufen und kaufte mir noch eine Cola) und zwei wegen ausgegfallener Klimaanlage gesperrten Waggons, versagende Klimaanlage dann auch in dem Waggon, in dem ich saß, auch in diesem Zug kein WLAN. Aber hey: Alle gebuchten Züge fuhren, ich hatte reservierte sowie existierende Sitzplätze, kam mit wenig Verspätung an und musste nicht selbst fahren. Eine Autofahrt hätte mich deutlich mehr gestresst.

Schon in München war es vormittags heiß gewesen, Utrecht empfing mich mit Saharawind. Google Maps leitete mich zum B&B (auch auf diese Kulturtechnik bin ich fortan stolz, denn sie scheint nicht selbstverständlich zu sein: In München hatte mich auf meinem Weg zum Bahnhof kurz vor der Wohnung eine Frau nach dem Weg zur Prielmeyerstraße gefragt. Ich war in meiner Hektik ratlos, die Frau hielt mir ihr Smartphone hin, dessen Display den Weg dorthin anzeigte und 17 Minuten Fußweg zur Adresse berechnet hatte. Sonst helfe ich wirklich gern mit meiner Ortskenntnis und Orientierung, doch ich musste zum Zug und konnte die Frau mit Entschuldigung nur darauf hinweisen, dass die Adresse sicher nicht hier in der Nähe war.), ich kam mit fließendem Schweiß an.

Utrecht charmierte gleich mal auf dem Weg zur Unterkunft.

Oudegracht in die eine Richtung.

Oudegracht in die andere Richtung.

Universität.

Es waren sehr viele Radlerinnen und Radler unterwegs, in Bahnhofsnähe kam ich an einer gigantischen Fahrradparkanlage vorbei, die Straßen und Wege waren ganz deutlich am Radverkehr orientiert – super. Winziger Haken: Als Fußgängerin wusste ich oft nicht wohin mit mir, zu Fuß wird hier eher nicht gegangen. Dummerweise kannte Google Maps die aktuellen großflächigen Baustellen nicht, deren Umleitungen ganz auf den Fahrradverkehr ausgerichtet waren – ich ging einige Mal auf der Straße, weil ich zu Fuß keine Alternative sah.

Mein B&B-Zimmer lag in einem alten Haus über einem Restaurant und war ein Backofen: Man hatte zwar einen Ventilator hinein- und angestellt, aber das Fenster offensichtlich den ganzen Tag weit offen gelassen. Ich setzte mich erst mal vor den Ventilator.

So schwitze ich sonst nur beim Sport – weswegen ich mich vor Sport ja immer abschminke.

Bei der Ankunft hatte ich im Bahnhof keine Schaukeln zum Handyaufladen gesehen. Nach einer Runde Ausruhen und Lesen spazierte ich nochmal dorthin und sah mich ein wenig genauer um (holte mir außerdem eine Tüte Pommes mit Majo zum Abendbrot). Keine Schaukeln. Ich werde fragen müssen.

Abends wurde in der Oudegracht auch geschwommen.

Verabredung mit dem Anlass meiner Reise. Wir saßen wunderschön und in leichter Brise im Hof von De Rechtbank.

Nachts hatte es draußen angenehm abgekühlt, aber mein Zimmer war weiterhin ein Backofen. Ich ließ zum Schlafen den Ventilator erst mal an und hoffte, dass er den Transport kühler Luft durchs Fenster beschleunigen würde.

§

Irgendwo las ich letzthin ein Listicle: 101 Dinge aus dem Internet, die einem den Glauben an die Menschen zurückgeben. Ich hätte hier das 102.
„24. Juni 2019 – was vom Tage übrig bleibt …“

Journal Sonntag, 23. Juni 2019 – Grillen bei Elterns

Montag, 24. Juni 2019

Gestern hatten meine Eltern zum Grillen eingeladen (genauer: Sie hatten schon lange darauf hingewiesen, dass wir gerne mal zum Grillen kommen könnten und ich hatte den gestrigen Sonntag ausgesucht), auch die lieben Schwiegers waren angekündigt.

Ich schlief wohlig aus, blickte beim Hochziehen der Rollläden am Schlafzimmer auf nassen Boden und wolkigen Himmel. Für einen Morgenkaffee auf dem Balkon war es deutlich zu kühl. Doch die Wettervorhersage hatte für den nördlicheren Teil Bayerns Sonne und Hitze angekündigt, also kleidete ich mich (zu Herrn Kaltmamsells Verwunderung) entsprechend. Das vage geplante Krafttraining ließ ich bleiben und brachte dadurch Ruhe in die Stunden vor Abfahrt um elf. Statt dessen Wäschewaschen, Körperpflege, Internetlesen.

Der elterliche Garten empfing uns mit Sonne und Rosenpracht.

Die Eltern reichten ein Glas Sekt mit selbst gemachtem Limoncello – eine gefährlich gut schmeckende Kombination.

Bald glühte die Grillkohle, es wurde gegrillt und serviert.

Garnelen mit Knoblauchmajo, Lammkoteletts, dazu eingelegte Auberginen, mit Zwiebeln angemachte geröstete Paprika, Kartoffelsalat, Knoblauchbrot (die letzteren beiden rührte ich aus Furcht vor Überfressung nicht an).

Schweinebauch, Entrecote, Hähnchenflügel – alles köstlich.

Die Kirschen waren reif, ich half beim Pflücken, hier im Baum mit den gelben Kirschen.

(Foto: Papa)
Mein Vater erntete währenddessen im Baum mit den roten. Dieses Jahr hängen die Früchte in unglaublich dichten Büscheln im Baum, sind aber sehr klein (und schmecken, wie wir abends feststellten, nicht so gut wie sonst).

Im Verlauf des Nachmittags, es war schlagartig heiß geworden, kam die Bruderfamilie vorbei, großes Hallo. Meine Mutter hatte eine aufwändige Erdbeertorte vorbereitet, mit einzeln gebackenen Rührteigböden, gehackten Mandeln, Erdbeersahnecreme.

Diesem Prachtstück war nur mit einem elektrischen Messer beizukommen, es schmeckte großartig.

Wir nahmen einen Zug kurz nach sechs zurück nach München – wie viele, viele andere Menschen auch. Ich saß mittelunbequem auf dem Boden in der Tür (Stufe für Füße!), die eine Stunde Fahrt ging das schon. Allerdings begannen jetzt die Stellen zu jucken und schmerzen, an denen mich am Vortag beim Spaziergang die Schnacken erwischt hatten, Stich für Stich.

Hopfencheck in der Holledau.

Dazu Zeitungslektüre: Alex Rühle hatte in der Wochenend-SZ einen ausgezeichneten ganzseitigen Beitrag zur Debatte um das andauernde Primat von Autos in der Verkehrsplanung deutscher Städte abgegeben, leider nur gegen 1,99 Euro zu lesen. Unter anderem spielt er durch, wie es wäre, gäbe es heutzutage als Transportmittel nur Bahn, Schiff, Fahrrad, und man wollte private Autos neu einführen: Bekäme man nie durch, weil komplett bescheuert. Und es war der erste Artikel, den ich in deutscher Sprache gesehen habe, der endlich mal bei Schwärmen vom Modell Kopenhagen die enorme Besteuerung des Neuwagenkaufs erwähnt.

Daheim bügelte ich noch schnell das frisch Gewaschene des Wochenendes weg, dann Tagesschau und Internetlesen mit Kirschen.

§

In ihrer Reihe „Nerds retten die Welt“ hat Sibylle Berg mit Wilhelm Heitmeyer gesprochen, Forschungs­professor, Gründer und ehemaliger Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewalt­forschung der Universität Bielefeld.

Heitmeyer hat seit 1987 empirische Untersuchungen zu rechts­extremistischen Orientierungen veröffentlicht und wurde seither dafür angefeindet.

Haben Ihre vor dreissig Jahren begonnenen Studien zu irgendeiner Reaktion der Regierung geführt?

In der Regel kann ich sagen, dass die Reich­weite von Wissenschaft doch sehr gering ist. Das gilt vor allem für missliebige Themen, die zeigen, was schiefläuft. Das liegt zum grössten Teil daran, dass alles, was eine Regierung tut, als Erfolg dargestellt werden muss. Da waren meine Forschungen, insbesondere bei konservativen Parteien, immer störend. Also, am besten: ignorieren, zurück­weisen und diffamieren. Damit haben wir reichliche Erfahrungen gemacht.
(…)
Ich kann nicht verhehlen, dass es auch zermürbend sein kann, dass die inzwischen jahrzehnte­langen, empirisch belegten Warnungen vor den politischen Entwicklungen nach rechts in ihren unterschiedlichen brutalen Formen bis hinein in die vornehme «rohe Bürgerlichkeit» immer wieder aggressiv als «Nestbeschmutzung» der deutschen Gesellschaft zurück­gewiesen werden.

Der Sozialforscher beschreibt die menschenfeindlichen Einstellungen in unserer heutige Gesellschaft mit einem Zwiebelmodell.

Die äussere, grösste Schale stellen Bevölkerungs­gruppen mit gruppen­bezogener Menschen­feindlichkeit in ihren Einstellungen dar. Diese liefern Legitimationen für den «autoritären National­radikalismus» wie die AfD. Auch diese liefern wiederum Legitimationen für die system­feindlichen Milieus wie die Parteien Die Rechte, NPD etc., die bereits mit Gewalt hantieren. Dann gibt es die neonazistischen Unter­stützungs­netzwerke wie die gewalt­tätigen «Kameradschaften», die nahe an rechts­terroristischen Zellen platziert sind.

Die neue, größte Gefahr laut Heitmeyer:

Vor allem der «autoritäre National­radikalismus» ist es, der auf der Erfolgsspur wandelt, weil er die «rohe Bürgerlichkeit» hinter sich versammelt und – das ist wichtig und soll hier absichtsvoll insistierend wiederholt werden – auf die zentralen Institutionen dieser Gesellschaft zielt, also Schulen, Parlamente, Justiz, auch Theater, Gedenk­stätten, politische Bildung und Erinnerungs­kultur, Polizei, Medien etc. Das Ziel ist es, sie zu destabilisieren, um mit Hilfe eines autoritären Kontroll­paradigmas gegen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie vorzugehen.

Einfache Gegengifte gibt es nicht mehr.

§

Ein weiterer Grund, warum ich Freunde und Familie in den USA leider nicht besuchen kann: Der US-amerikanische Journalist Seth Harp wollte bei seiner Wiedereinreise in Austin nicht preisgeben, worüber er gerade recherchiert – und wurde deshalb von der Grenzpolizei total auseinandergenommen.
„I’m a Journalist but I Didn’t Fully Realize the Terrible Power of U.S. Border Officials Until They Violated My Rights and Privacy“.

(Lesen Sie gerne mal die Posten eines Einreiseantrags in die USA durch, vor allem die Verzichtserklärung am Ende. Zwar bin ich alt genug, mich an die Schikanen bei einer Einreise in die DDR zu erinnern, aber selbst die verlangten keine Offenlegung von Aliassen/Pseudonymen.)

Journal Samstag, 22. Juni 2019 – Egglburger Spaziergang

Sonntag, 23. Juni 2019

Von wegen Urlaubsanfang: Tatsächlich bin ich deutlich weniger erleichtert und euphorisch als sonst. Das hat vor allem damit zu tun, dass Urlaub nur die erste Woche der vier ist und ich dann in die Reha einrücke. Die Aussicht auf die Reha freut mich nicht wirklich, ich sehe sie als eine Aufgabe an – zwar eine deutlich erfreulichere als Arbeitsaufgaben, doch der Tag wird voller Pflichten sein, inklusive der Pflicht zum Umgang mit haufenweise neuen Menschen. Zumindest erhoffe ich mir Zeit zum Lesen und wäge seit Wochen ab, welche Bücher ich mitnehme.

Gestern früh aufgewacht, zu grauem Himmel und Kühle, für den geplanten Wandertag ein gutes Sommerwetter. Die Erkältung schien ein bisschen besser zu sein. Doch als ich Herrn Kaltmamsell die Tour von Kirchseeon nach Aying vorschlug, wurde er vernünftig: 23 Kilometer und fast fünf Stunden seien zu lang, ich sei doch krank. Ich hatte ein Einsehen und schwenkte um von Wanderung auf Spaziergang: Dann halt nur die zehn Kilometerchen von Kirchseeon über den Egglburger See nach Ebersberg.

Vorher eine kleine Einkaufsrunde mit Herrn Kaltmamsell: Ich wollte in einem Möbelladen eine Stehlampe ansehen, die ich online entdeckt hatte, ein Laden in der Nähe stand auf der Liste der ausstellenden. Dort erfuhr ich allerdings, dass ich an der Schriftfarbe der aufgelisteten Läden hätte sehen müssen, dass genau diese das Produkt nicht haben. Also Abzug unverrichteter Dinge aber Grübeln über Informationsvermittlung und Userführung. Einkäufe bei Bäcker und Biosupermarkt, daheim Frühstück.

Kurz nach Mittag nahmen wir eine S-Bahn nach Kirchseeon, als Talisman hatten wir Regenschirme eingesteckt.

Als wir an das Kircherl St. Colomann kamen, flog gerade ein Falke auf den Kirchturm zu und ließ sich darauf nieder.

St. Michael, das über den Egglburger See schaut, war vollständig eingerüstet und -gehüllt, wird gerade saniert.

Auf der anderen Seite des Sees ließen wir uns kurz nieder – nur kurz, weil gestern die Luft voller Stechmücken war (bei mir daheim heißen sie Schnacken), die uns zu ständigem Wedeln und Schlagen zwangen.

Lieblingshaus in Ebersberg („Wurftwaren“, hihi).

Wandern endet auch im Sommer mit einer Brotzeit, ein Spaziergang hingegen mit einem Eisbecher.

Der am Ebersberger Marktplatz war wirklich eine ganze Mahlzeit: Malaga-Caribic-Becher. Das Malaga waren gewürzte Rumrosinen und Rohmarzipanbrocken, auf das Caribic kam ich irgendwie nicht. Danach war ich sehr satt und wollte bitte erstmal eine Weile nichts Süßes mehr.

Marktplatz Ebersberg.

Zurück brauchten wir erst mal Schienenersatzverkehr nach Grafing, von dort S-Bahn zurück nach München.

Abends wieder Gewitter und Regen. Herr Kaltmamsell hatte zum Nachtmahl Kichererbsenbrei für Panisse vorbereitet, das ungemein fluffig und köstlich wurde.

Dazu Mangold mit Haselnüssen aus der Pfanne. Nachtisch waren spanische Kirschen, die ich auf dem Heimweg bei einem Standl an der Sonnenstraße gekauft hatte.

§

E. Jean Carroll, US-amerikanische Journalistin, zieht mit ihren 75 Jahren lakonisch Bilanz der sexuellen Übergriffe bis zu Vergewaltigungen, die sie seit Kindertagen durchmachte:
„Hideous Men“.

By now, Silent Generation aside, the question has occurred to you: Why does this woman seem so unfazed by all this horrible crap? Well, I am shallower than most people. I do not dwell on the past. I feel greater empathy for others than for myself. I do not try to control everything. But mainly, I think it is because I have done the thing no Indiana University football team has ever done in history — I have won a national championship: Miss Cheerleader USA.

(…)

I’m up there, perpetually, eternally, forever in mid-leap, urging the crowd to never lose hope. I was a cheerleader in grade school. I was a cheerleader in high school. My sisters, Cande and Barbie, were cheerleaders; my brother, Tom, was a pole vaulter, so he jumped too. Today I open a letter for my column, I read the question, and what do I do? I start shouting and yelling and cheering at the correspondent to pick herself up and go on. And, by God! The correspondent does pick herself up and does go on! Because if she doesn’t, I keep yelling at her. And every now and then I shout at myself, “Get the hell up, E. Jean! You half-wit! My God! Get on with it!”

Ich könnte kotzen vor Empörung darüber, was für so viele Frauen Alltag war und ist. (Nur zur Sicherheit: Sie sind eine ältere Frau und Ihnen ist sowas – wie mir – nie oder fast nie passiert? Unterstehen Sie sich, das als Ihr Verdienst anzusehen. Sie hatten – wie ich – einfach riesengroßes Glück.)

Journal Freitag, 21. Juni 2019 – Mittsommer ungefeiert und Beifang aus dem Internet

Samstag, 22. Juni 2019

Kein St. Brück für mich, vor vier Wochen Abwesenheit war in der Arbeit noch einiges zu erledigen und zu regeln.

Der Tag begann bedeckt, kühl und grau, wurde auch nicht wärmer.

Wie ich es genieße, einmal am Tag diese Weite zu spüren. Vermutlich zum letzten Mal vor Spätherbst, denn wenn ich Ende Juli aus der Reha zurückkomme, ist die Theresienwiese bereits für den Oktoberfestaufbau gesperrt.

Die Sanierung der Riesenschnecke am Bavariapark schreitet voran, offensichtlich hat sie ein Peeling bekommen.

Im Büro war ich nicht die einzige.
Zu Mittag Tomaten und eine Semmel, später Nektarinen mit Joghurt, dazwischen Nüsse und Dörrpflaumen.

Es ging mir dann eher nicht gut, die blöde Erkältung schwächte mich und bereitete mir Konzentrationsschwierigkeiten wie ein großes Glas Wein. Aber ich WAR doch gerade krank, nochmal ist das nicht akzeptabel. Im Kopf hatte ich all die Pläne und Vorhaben, die durch die erneute Erkältung gefährdet waren, und wurde gereizt (Sie erinnern sich: ich bin Somatopsychikerin, körperliche Beschwerden beeinträchtigen deutlich und replizierbar mein psychisches Wohlbefinden).

Unter anderem hatte ich geplant, nach Feierabend bei einem Laden in der Hans-Sachs-Straße vorbeizuschauen, in dessen Schaufenster ich am Donnerstag nach dem Semmelholen schöne Ohrringe gesehen hatte. In der Woche zuvor hatte ich einen geometrisch gestalteten Silberohrring verloren, den ich sehr geschätzt und oft getragen hatte, das könnte Ersatz sein. Die Erkältung nahm mir eigentlich die Lust auf den Umweg beim Heimgehen, doch dann wäre ich noch ärgerlicher gewesen. Ich ging halt langsam.

Das handgefertigte Paar Ohrringe kostete dann zwar etwa doppelt so viel, wie ich gedacht hätte (kein Preis im Schaufenster), aber egal: Ich erinnerte mich an die VG-Wort-Nachzahlung, außerdem an die Handwerkerin, die die Ohrringe hergestellt hatte – und kaufte.

Als ich den Laden verließ, hatten sich die vorher vereinzelten Regentropfen zu einem Regenguss verschworen. Ich stellte mich vor einem Blumenladen unter und versuchte die neuen Ohrringe zu fotografieren – gar nicht so einfach.

Immer wenn der Regen etwas schwächer wurde, sprang ich zum nächsten Unterstand, erledigte unterwegs ein paar Einkäufe beim Basitsch.

Auch dieses Jahr hatte ich das Bedürfnis, die Sonnwend irgendwie zu markieren. Auf großes Auswärtsessen hatte ich keine Lust gehabt – wäre gestern auch nicht fit genug dafür gewesen, und der Regen hätte Draußensitzen verhindert. Wir feierten also mit Pink Gin Tonics.

Die Schale im Hintergrund ist das selbst hergestellte Geschenk einer Studienfreundin zum großen Rosenfest. Unter anderem eine ausgesprochen nützliche Größe.

Herr Kaltmamsell briet uns Flanke (großartig!) und Entrecȏte, ich servierte dazu Ernteanteilsalat mit Tahini-Dressing.

Immer wieder einen Jubel wert: Nasenspray ist toll.

§

Langes Stück von Ronnie Citron-Fink:
„True Roots“.

One woman quits coloring her gray hair and investigates the human and environmental costs of this contentious female beauty standard.

Aus diesem Artikel lernte ich nicht nur, wie leichtfertig wir möglicherweise mit Chemikalien in Haarpflegeprodukten um gehen, sondern vor allem, welchen Stellenwert das Überfärben von grauen Haaren im Leben vieler Frauen hat, welchen enormen Horror das Ergrauen für viele birgt und das sichtbare Altern.

Wieder ein Privileg: Ich fand meine grauen Haare schon immer cool – dafür kann ich nichts. Die ersten tauchten auf, als ich 18 war, zu Studienzeiten wurde sie sehr langsam mehr (ich habe viele Haare), hin und wieder sprach man mich verwundert darauf an: „Sind das graue Haare?“ Ein paar Jahre, als ich Anfang 30 war, ließ ich mich von meiner Mutter zum Färben überreden, denn sie wies darauf hin: „Sie machen dich älter.“ Bis mir bewusst wurde, dass ich lieber älter und cool aussehe als jünger und langweilig. Auch dafür kann ich nichts. Der Schock und die tiefe Betrübnis, die offenbar viele Frauen beim Anblick ihrer ersten grauen Haare oder Falten empfinden, waren mir immer fremd. (Ich hadere viel mehr mit den Bewegungseinschränkungen und Schmerzen, die das Alter mit sich bringt.) Und ich finde es hochinteressent und bewegend, meine Freundinnen altern zu sehen, wie anders bei jeder die Veränderungen verlaufen.

Aber: Ich strenge mich an, nicht auf Menschen herabzuschauen, für die jugendliches Aussehen einen so hohen Stellenwert hat, dass sie viel Zeit und Energie in dessen Erhalt stecken. Menschen sind halt verschieden. (Ich wundere mich höchstens immer wieder, wenn die Anstrengungen in meinen Augen den gegenteiligen Effekt haben – geht mich ja nichts an.)

§

Nach der Ermordung des Regierungspräsidenten von Kassel Walter Lübke mutmaßlich durch einen Rechtsextremen rangen sich die offiziellen Stellen auffallend langsam zu Äußerungen des Entsetzens und Rufen nach Maßnahmen gegen rechte Bedrohung durch. In meinem Internet wiesen viele, viele Menschen darauf hin, dass Aktivistinnen, POC, linke Politikerinnen und Politiker seit vielen Jahren mit dieser Bedrohung leben müssen und vehement, aber ungehört Konsequenzen gefordert haben.

Katharina Nocun aka Kattascha fasst das in ihrem Blog zusammen und alaysiert klug:
„Kaffee auf“.

Diejenigen, die in Feuilletons darüber diskutiert, ob wir schon in einer „linken Meinungsdiktatur“ leben, und sich in erster Linie darum zu sorgen scheinen, “was man denn noch sagen darf”, wirken auf mich unglaublich abgehoben. Wer so etwas meint, weiß wahrscheinlich nicht, wie sich das anfühlt, wenn man auf dem Nachhauseweg regelmäßig schneller geht. Aus Angst vor den Typen hinter einem, mit den einschlägigen Tattoos.

(…)

Bürgermeister und Lokalpolitiker schmeißen an vielen Orten hin, weil sie sich den Morddrohungen gegen ihre Familie schlichtweg nicht gewachsen fühlen. Rechte Brandanschläge sind mittlerweile so gewöhnlich geworden, dass die Tagesschau nur noch in Ausnahmefällen darüber berichtet. Im Jahr 2009 wäre das alles Stoff für einen dystopischen Roman gewesen, der von Literaturkritikern das Prädikat „übertrieben & realitätsfern“ verliehen bekommen hätte. Heute halten wir das alles für vollkommen normal.

Journal Mittwoch, 19. Juni 2019 – Chinesische Sommernacht

Donnerstag, 20. Juni 2019

Mit einseitigem starken Kopfweh aufgewacht und bereits Migräne befürchtet. Doch Ibu half, also keine Migräne.

Unter bedecktem Himmel roch das Draußen auf meinem Weg in die Arbeit frisch und zu einer langen Wanderung einladend.

Auf dem Platz vorm Verkehrsmuseum war das Wahrzeichen Riesenschnecke in einem Zelt verschwunden. Den Grund hatte ich am Vortag in der Süddeutschen gelesen: Das Kunstwerk muss überholt werden.

Die Mauersegler flogen ganz tief. Im Westend blieb ich mehrfach stehen um zuzusehen, wie sie um Dächer und durch die Straßen flitzten, hin und wieder kurz an (die Nester unter?) Regenrinnen tippten.

In der Arbeit setzte mein Endspurt vor vier Wochen Abwesenheit ein, ich versuchte, die Unzahl kleiner Zuständigkeiten einer Assistenz zu verteilen oder während meiner Abwesenheit unnötig zu machen. Aber auf ambulante Querschüsse wegen Unstrukturiertheit oder Unvorhersehbarkeit kann ich natürlich nur reagieren, wenn ich da bin. Den Freitag kann ich noch nutzen, dann wird mir das alles hoffentlich möglichst schnell egal.

Lichtblick dazwischen: Die VG Wort begleicht Nachzahlungen aus den Jahren 2009 bis 2017 (Verlagsanteil) – das ist erkleckliches und unerwartetes Zusatzgeld.

Schon am Vormittag war der Tag entgegen der Vorhersagen sonnig und heiß geworden. Dummerweise begannen nachmittags meine Nebenhöhlen zu brennen, mit sinkendem Herzen (aber ich will doch endlich Sport!) registrierte ich die nächste Erkältung im Anmarsch.

Nach Feierabend besorgte ich noch Obst und Geld, daheim stieg ich mit Herrn Kaltmamsell aufs Rad zu einer Einladung in Giesing: Es wurde sensationell chinesisch gekocht.

Das hier waren lediglich die Vorspeisen, danach kamen noch warme Gerichte dazu – zu den unten abgebildeten zwei weitere.

Wir saßen in einem herrlichen Garten, identifizierten Vogelstimmen, beobachteten den Wandel des Abendlichts, lernten viele neue Geschmäcker kennen (Chrysantemenblätter! frittiertes Gluten!), plauderten über Schule, Tipps für chinesische Restaurant, Good Omens, lauschten dem Rauschen der Stadt und dem Gitarrenspiel des großen Sohns – und freuten uns insgesamt über das Internet, das nicht nur unsere Gastgeber in einem Online-Spiel zusammengebracht hatte,1 sondern auch uns an diesen Tisch.

Im letzten Abendlicht radelten wir den Nockherberg wieder hinunter nach Hause – durch eine Sommernacht mit Mauerkneipen, aus denen Licht strömte und gesellige Menschenmengen drumrum beleuchtete, mit Treffen an der Isar und in den umgebenden Auen, mit Fröhlichkeit auf den Wegen und Straßen vor jeder Bar, vor jedem Restaurant, sonnenbraune Beine in Sandalen, sanfte Nacken über ausgeleierten T-Shirts, über allem der Duft der Lindenblüten, alles Grün der Stadt schien aus Linden zu bestehen – eine Sommernacht, die für Legenden taugte.

Und wenn ich das richtig sehe, bekam das Techniktagebuch in dieser Nacht einen Grimme Online Award. Hier ein Foto der Gründerinnen und von Redaktionsmitgliedern auf der Bühne. (HAMMER!)

§

Ärztin Natalie Grams wurde vom Homöopathiemittelhersteller Hevert abgemahnt, weil sie darauf hinweist, dass Homöopathie keine Wirkung hat, die über die Placebowirkung hinaus geht. Dabei sollte man nicht vergessen: Placebowirkung ist deutlich höher als keine Wirkung und gut nachzuweisen. So funktioniert sie:
„Placebos“.

Auch das ist wichtig: Wenn Placebos das Wohlbefinden bessern, beispielsweise bei einer Erkältung, mag dies an einem oft übersehenen Aspekt liegen: Viele Erkrankungen klingen von selbst ab.

(Nebenbei: Vorbildlich auf dieser Website Gute Pillen, schlechte Pillen: Die Erklärung zu Interessenskonflikten.)

  1. Mag wirklich kein Magazin eine Geschichte über all die ganz normalen Menschen machen, die sich seit 20 Jahren im Internet bewegen, bevor es 2.0 hieß, und die sich mit anderen Menschen auf der ganzen Welt verbanden, bevor der Begriff „social“ dafür geprägt wurde? Unter anderem um endlich mit dem Stereotyp aufzuräumen, dass Internetnutzung irgendwas mit Jugend zu tun hat, aber auch um zu erzählen, was das Internet mal sein konnte und warum wir wirklich glaubten, dass die Welt damit zu einer besseren würde. []

Journal Montag, 17. Juni 2019 – Traumhäuser

Dienstag, 18. Juni 2019

Mal wieder von einem Haus geträumt.
Ich wohnte zur Miete in einer ländlichen Gegend in einem einzeln stehenden alten Haus, innen eher dunkel. Jetzt wurde das Grundstück nebenan bebaut, und ich ging nachts mal gucken, wo eigentlich die zaunlose Grenze des weitläufigen eigenen Grundstücks verlief: Anhand der Baustelle und des Grabens, der dort ausgehoben worden war, musste man das ja wohl sehen. Ich entdeckte nicht nur, dass das eigene Grundstück noch viel größer war als ohnehin angenommen, sondern ganz in der Nähe die historischen Brunnen lagen, die ich auf einer Landkarte gesehen hatte. Ich amüsierte mich, dass ich vom Haus aus anscheinend immer nur in die Gegenrichtung spaziert war und deshalb die Brunnen weit weg vermutet hatte. Kurz nachdem ich beschloss, die Brunnen bei nächster Gelegenheit bei Tageslicht zu besichtigen, wurde ich etwas wacher, merkte, dass ich gar nicht auf dem Land wohne, brauchte aber ein paar Sekunden, bis mir einfiel, wo dann.

Wie fragte die letzte Frau Analystin immer zu Träumen: „Was verbinden Sie damit?“ Der Traum erinnert mich an den regelmäßigen Impuls, aus Routinen auszubrechen: Mir erst bewusst zu machen, wo ich in immer gleichen Bahnen laufe, und mir dann Alternativen zu überlegen, aus denen ich etwas lernen kann, die mir neue Eindrücke verschaffen. (So wie ich zum Beispiel in den Weihnachtsferien gemerkte habe, dass ich von daheim aus noch nie die Lindwurmstraße Richtung Sendling spaziert war.)

Zu Fuß in die Arbeit, im schönsten Sommermorgenlicht dabei in Gedanken versunken. Ich glaube, für mich ist in der Stadt die einzige Fortbewegungsart, die mich nicht aggressiv macht, Gehen. Im Gegensatz zum Beispiel zum Radeln am Vortag, nach dem ich wie fast immer mit SONNEM HALS heimkam (wie meist waren es andere Radlerinnen und Radler, die mich in den Wahnsinn trieben).

Brotzeit waren mittags Tomaten mit einem Stück Gorgonzola, nachmittags schnitt ich Pfirsiche klein und aß sie mit Hüttenkäse.

Nach der Arbeit Abstecher zum Edeka, dort kämpfte ich so lange damit, dem Leergutautomaten die kleinen, 200ml-Tonic-Flaschen anzudienen, bis ich die Geduld verlor und sie mit Schwung hinter die verweigernde Lichtschranke aufs Laufband hinter den Automaten warf. Hauptsache weg.

Rosenpracht auf dem Heimweg.
Es war ein perfekter Frühsommertag: Sonnig und licht, aber nicht heiß.

Fürs Abendbrot sorgte daheim ich: Es gab Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat.

Des deutschen Spießers Abendbrotidyll.

§

Schönes Fotoprojekt:
„Here’s What Kids Eat Every Day Around The World“.

via @sixtus


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