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Journal Freitag, 14. August 2020 – Urlaubstag in der heimischen Großstadt, OP-Sorgen

Samstag, 15. August 2020

Auf den Balkonkaffee an Urlaubstag hatte ich mich gefreut, und dann schien auch noch die Sonne ohne Hitze. Vergessen hatte ich, dass an Wochentagen die Klinikbaustelle gegenüber in Betrieb ist und SEHR VIEL LÄRM MACHEN KANN! (Abschluss des Baus nach fünf Jahren Lärm war für dieses Jahr angekündigt, doch das kann ich mir beim Anblick der Baustelle nicht recht vorstellen.)

Ich versuchte mich an ein wenig Gymnastik, soweit es halt ging, und strampelte eine Weile auf dem Crosstrainer, was Hirn und Körper gut tat.

Einkaufsrunde mit Herrn Kaltmamsell: Wir gingen ausnahmsweise auf den Viktualienmarkt, weil ich Gürkchen zum Einlegen als Salzgurken suchte und es am Samstag Semmelnknödeln mit Pfifferlingen geben sollte. Das alles (auch wenn wir beim Anstehen von Pfifferlingen auf frische Steinpilze umschwenkten, weil wir die lieber mögen) bekamen wir ebenso wie weiteres Gemüse und Obst fürs Wochenende – es musste bereits am gestrigen Freitag alles eingekauft sein, da der Samstag Feiertag ist (Mariä Himmelfahrt, ich verstehe wirklich, dass man über die bayerisch-katholische Feiertagerei den Kopf schüttelt).

Dann bog Herr Kaltmamsell zu weiteren Lebensmittelkäufen ab, ich besorgte Frühstückssemmeln und Blumen (netter Plausch am Blumenstandl vorm Kaufhof am Marienplatz, zehn Gladiolen für fünf Euro, weil letzter Tag vor Sommerurlaub der Damen), ging außerdem einer besondes schönen Farbe nach, die ich im Schaufenster einer Bekleidungskette entdeckt hatte.

Daheim Frühstück und Häusliches.

Blöderweise wurden meine Schmerzen immer lächerlicher (Schonhaltung Hüftschmerz wurde verhindert durch LWS-Schmerzen und umgekehrt, ich wusste schlicht nicht, wie ich Raum in Luft einnehmen sollte), ich griff wieder zu Muskelrelaxanz und Ibu. Einfachen Bewegungsimpulsen nicht nachkommen zu können, und sei es nur die Absicht, schnell mal den Balkon zu kehren, machte mich fertig. Und schon bastelte ich mir die Sorge, dass ich in solch einem Zustand nach einer Hüft-Op ja nicht mal zu den notwendigen Reha-Übungen fähig bin. Ruhe und Bewegungslosigkeit heilen orthopädische Leiden praktisch nie, gleichzeitig bin ich ratlos, mit welchen Maßnahmen ich zu einer Verbesserung beitragen kann. Zum Glück wirkten die Medikamente und ich konnte wieder aufrecht gehen. Und nächste Woche habe ich einen Termin bei der Hausärztin und kann sie um Rat für diese Art von Op-Vorbereitung bitten.

Zwischen Liegen auf dem Boden zur LWS-Entlastung las ich die Wochenend-Süddeutsche.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell nochmal Nudeltaschen mit Ziegenfrischkäsefüllung zu, ich machte dazu grünen Salat.

Zur Abendunterhaltung durch die Fernsehprogramme geschaltet, auf ZDF Neo die Serie Wild Bill entdeckt – und alle beiden Folgen lang hängen geblieben. Unter anderem weil eine dicke Schauspielerin eine tragende Rolle hat (Bronwyn James als DC Muriel Yeardsley) und diese großartig spielt, ohne dass ihre Dickheit ein Thema ist.

§

Offensichtlich bin ich nicht die einzige, die von der Menschenverachtung und ethischen Haltlosigkeit reicher junger Leute, wie sie auch aus Christian Krachts Faserland sprechen, nicht amüsiert wird. Und der ins Gesicht springt, wie milde Behörden deren Entgleisungen behandeln.

„Reiche Hamburger Kids randalieren wie in Stuttgart – und wo bleibt der Aufschrei?“.

Es ist nicht verwunderlich, dass in Othmarschen, einem Stadtteil mit sechsstelligem Durchschnittseinkommen, kriminelle Jugendliche randalieren. Ganz ohne Ironie: Der Stadtteil ist ein Brennpunkt.

Im Hamburger Westen saufen Jugendlichen doppelt so viel wie in allen anderen Stadtteilen. Das ist schon seit Jahren klar. Ein empathisches Porträt der Generation im Abendblatt heißt „Zwischen Komasaufen und Einser-Abi“ und auch die ZEIT analysierte den Sozialraum und kam zu dem Schluss, dass an all dem ziemlich sicher die Eltern Schuld sind.

(…)

Wo sich alle Stuttgarter Jugendlichen mit Migrationshintergrund vor Generalverdacht und Rassismus wegducken mussten und in der Folge sogar Schwarze Jugendliche in München das verstärkte Racial Profiling in Stadtparks zu spüren bekamen, passierte in Hamburg: Nichts. Kein Täterprofil: Gelfrisur, Balenciaga-Schuhe und eine Flasche Moët in der Hand, das für verdachtsunabhängige Personenkontrollen herangezogen wird.

Journal Mittwoch, 12. August 2020 – Urlaub in Bremen: Bürgerpark und Rollo

Donnerstag, 13. August 2020

Nach sechs Stunden Humpeltrippeln mit zwei Pausen war ich so erledigt wie sonst nach sechs Stunden beherzter Wanderung: Es ist wohl egal, dass ich dabei mit zwölf Kilometern nicht mal die Hälfte einer früheren Wanderstrecke zurückgelegt hatte.

Den gestrigen letzten Urlaubstag in Bremen verbrachten wir nämlich im Bürgerpark (und Stadtwald, um genau zu sein). Wir hatten so lang geschlafen, dass mich beim Aufwachen der Blick auf die Uhr (es war neun) schlagartig munter gemacht hatte. Also zügiges Duschen und Bloggen, um das Housekeeping-Personal nicht zu lange aufzuhalten. Nach dem Morgenkaffee im Hotelrestaurant (der Cappuccino ist nämlich ganz hervorragend) zogen wir los Richtung Bürgerpark. Das Überseemuseum passierten wir unbesichtigt: Ich habe vorerst genug von Saurierskelett-Repliken und ausgestopften Tieren, das zusätzliche Raubgut aus ehemaligen Kolonien, das dort ausgestellt wird, hätte mir lediglich schlechte Laune bereitet. Möglicherweise sind die Tage naturhistorischer Museen gezählt.

Beim Unterqueren des Hauptbahnhofs zeigte ich Herrn Kaltmamsell, wo ich bei meinen beruflichen Aufenthalten Pause gemacht hatte, von der Rückseite des Bahnhofs aus deutete ich von Ferne auf das zukünftige weltweite Mekka postmoderner Architektur.

Die nächsten Stunden spazierten wir in großer Hitze und mit wenig und dann warmer Brise durch den Bürgerpark, vorbei an schönen Sichtachsen und Blicken, mit längerem Halt am Tiergehege, machten Mittagspause in der wunderschönen Meierei (Nizza-Salat für mich, hausgemachten Knipp für Herrn Kaltmamsell, Apfelschorle und viel Wasser für uns beide, eine Wespe aus Apfelschorleflasche gerettet), gingen hinüber in den Stadtwald und folgten dem Naturlehrpfad. Als ich eindeutige fröhliche Badesee-Geräusche hörte, gingen wir ihnen nach und standen ein wenig in der Brise des großen Stadtwaldsees. Erschütterung über den Anblick von Joggern (Bikram-Running?). Zurück im Bürgerpark kehrten wir bei Emma am See ein auf ein Bier (Herr Kaltmamsell) und ein Stück Buchweizentorte (verteidigt gegen vier Wespen) mit einem Glas Apfelschorle für mich.

Mittlerweile ging ich noch langsamer als eh schon, genoss es aber weiter, mit Herrn Kaltmamsell im Grünen zu gehen, selbst bei Hitze. Ich hätte nach einem Bus zurück zum Marktplatz schauen können, doch die Recherche erschien mir noch mühsamer als der Fußweg. Also nutzte ich ihn wenigstens, um im neuen Einkaufszentrum beim Bahnhof Obst für die Rückreise am Donnerstag zu besorgen. Doch es war klar, dass ich für ein Abendessen nicht nochmal laufen würde.

Park-Hotel.

Lokal Emma am See. Ruderbootfahren ist im Bürgerpark besonders attraktiv, denn die beiden Seen sind mit weitläufigen Wasserarmen verbunden. Nur dass es uns dafür viel zu heiß war.

Das Tiergehege, in dem es Bauernhoftiere in Kleinfassung gab: Zwergesel, Zwergziege, besonders kleine Schafe (Skudde), Zwerghühner, Zwergzebus, Meerschweinchen. In Normalgroß: Alpakas, Dammwild, Mufflons.

Die Meierei, auch von Nahem von außen und innen sehenswert.

Blick von der Meierei aus Richtung Bremen auf Park-Hotel und Domtürme – mit den Rindern davor fühlte ich mich an englische Landschaftsmalerei erinnert.

Aussichtsturm im Stadtwald.

Im Hotel musste ich mich erst mal flach auf den Rücken legen, bis die Schmerzen in Hüfte, Bein und Kreuz nachließen.

Fürs Abendessen war bereits eine weitere lokale Spezialität eingeplant: Das autochthone Bremer Street Food Rollo. Wir waren zwar am Montag im Steintorviertel am Imbiss des Erfinders vorbeigekommen, doch gestern Abend konnte ich mich nicht zum Weg dorthin aufraffen: Wir nahmen den Rollo des nächstbesten Anbieters (Falaffel für den Herrn, Tsatsiki für mich) – und aßen ihn dann auch noch im Sitzen.

In unserem Alter darf man das.

Journal Dienstag, 11. August 2020 – Urlaub in Bremen: Kunsthalle

Mittwoch, 12. August 2020

Gestern war Kunst. Nach Ausschlafen (schrieb ich vorgestern, dass ich Klimaanlagen beim Schlafen meide? Ach papperlapapp…), Bloggen und gutem Morgenkaffee im Restaurant des Hotels spazierten wir durch die bereits vormittags sengende Hochsommersonne zur Bremer Kunsthalle.

Im Erdgeschoß war ein Raum für die Ausstellung von Skulpturen aus 400 Jahren genutzt, die den Menschen darstellten, nach Größe sortiert (leider finde ich auf der Website nichts dazu, kann also Details nicht nachschlagen – hier zumindest ein Bericht des Weserkuriers).

Diese Zusammenstellung brachte mich zum Nachdenken über die Rolle des Kuratierens. Denn: Das Wesen von Skulptur besteht für mich in der Dreidimensionalität, was für mich einschließt, dass ich das Kunstwerk von allen Seiten betrachten kann. Doch das Podest, auf dem diese Skulpturenzusammenstellung ausgestellt wurde, durfte nicht betreten werden. Im Grunde waren sie zu einer Gesamtskulptur verarbeitet, die ich nur gesamt von allen Seiten betrachten konnte. Zusammen mit der stark interpretierenden Beschreibung an der Wand des Saales drängte sich mir der Eindruck auf, dass der Kurator oder die Kuratorin hier selbst Kunst machen wollten statt sich in den Dienst der Kunstwerke zu stellen. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde.

Die Idee des Remix, unter der der gesamte Bestand der Kunsthalle einmal umgekrempelt und dann neu ausgestellt wurde, gefiel mir allerdings ausgesprochen gut. Die Einordnung der Kustwerke, die thematischen Zusammenstellungen und die Reflexionen über frühere Ausstellungskonventionen ware angenehm zeitgemäß. Für meinen Geschmack hätten die Erläuterungen der einzelnen Werke weniger interpretierend, sondern mehr beschreibend sein dürfen, aber das liegt wahrscheinlich an meiner Verwurzelung in der Literaturwissenschaft, die dem Apekt „was der Künstler damit sagen wollte“ eine stark untergeordnete Rolle beimisst.

Ein Beispiel: Für mich als Betrachterin war an diesem Kunstwerk oben relevant, dass ich mich darin spiegelte und dass die spiegelnde Oberfläche das Werk durch einen Lichtreflex auf dem Boden davor fortsetzte. Ob die Künstlerin (leider finde ich das Werk nicht im Online-Katalog) das beabsichtig hat, ist mir unwichtig.

Es gab wirklich ein Menge zu sehen. Nach drei Stunden war ich nicht mehr aufnahmefähig und befasste mich in den verbleibenden Räumen nur noch mit einzelnen Werken.

Wir traten hinaus in die Hitze und spazierten sehr langsam in heißem Wind durch den Wall hinüber zur Mühle.

Dort gab es viel Wasser und die erste Mahlzeit des Tages (halb drei ist für Nicht-Arbeitstage ja normal bei mir). Es gab Bruschetta für den Herrn, ich hatte Matjes nach Hausfrauen Art.

Rückweg mit Abstechern im Hachez-Laden und im Bremer Teekontor (jajaja, die Produkte bekäme ich auch in München, ABER), Abkühlen im wohltemperierten Hotelzimmer mit Internetlesen. Auch wenn die Glocken des Doms ausgesprochen häufig läuten: Ich habe selten so wohlklingende Glocken gehört.

Fürs Abendessen folgten wir der Empfehlung einer ehemaligen Bremen-Studentin ins Viertel und aßen im Kleinen Lokal.

Es gab (von links unten gegen Uhrzeigersinn) Saibling mit Erbsenvariationen, Kabeljau mit Blumenkohl, Spargel, Sommertrüffel und Hummerschaum, gerösteten Pulpo mit Spinatcoulis, Bohnenkernen und eingelegtem Fenchel.

Links der Hauptgang: Lammrücken und hausgemachtes Knipp (aus Lamm, eine Art Grützwurst und die lokale Spezialität) mit Bärlauch, Safrangraupen, Kichererbsen und Artischocke. Statt Dessert nahmen wir Käse. Mit Wein ließen wir uns glasweise begleiten und waren ebenso zufrieden wie mit den Speisen.

Spaziergang zurück im Abendlicht.
Nachtrag, weil für die Chronik relevant: Vom Außenbereich des Restaurants aus hörten und sahen wir zwei Mauersegler – fast zwei Wochen nach den letzten in München.

§

Die gestrige Süddeutsche schilderte auf der Seite Drei den Fall von Roberto Rocca, einem kerngesunden 29-jährigen, der COVID-19 überlebte – und jetzt einen Rollator zur Fortbewegung benötigt (€):
„Ich doch nicht“.

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie, sagt: „Er hat wirklich die ganze Palette der Intensivmedizin bekommen. Ohne Intensivstation wäre das nicht so gut ausgegangen.“

Alexandra Vossenkaul, Co-Chefin der Intensivstation, sagt: „Da hat man oft dagestanden und gedacht: Mein Gott, der ist sechs Jahre jünger als ich.“

Clemens Cohen, Nephrologe, sagt: „Wir kennen viele verschiedene Krankheiten, die vogelwilde Sachen machen. Wo Sie denken: Ulkig, was die Natur da alles anstellt. Bis jetzt war es aber so: Bei all diesen Krankheiten konnten Sie an den Computer gehen oder in einem Buch nachschlagen und sich einlesen. Aber hier, bei Covid-19, gab es einfach nichts.“

(…)

Dass er keine Luft bekam, ist das Letzte, woran er sich erinnert. Das war am 26. März. Das Nächste, woran er sich erinnert, ist, dass er aufwachte, den ganzen Körper voller Schläuche, Kabel und Kanülen, und vor ihm stand eine Ärztin, die sagte: Herr Rocca, heute ist der 4. Mai.

Journal Montag, 10. August 2020 – Urlaub in Bremen: Schnoor, Viertel, Geschichten und Schlachte

Dienstag, 11. August 2020

Gemischte Nacht: Einerseits wollte ich gerne die Nachtkühle nutzen, andererseits weckten mich bei offenem Fenster die Glocken des Doms, die eisern jede Viertelstunde schlugen. (An sich bin ich gegen Klimaanlagen immun, aber nachts scheue ich sie.)

Aufgewacht zu Hochsommersonnenschein.

Frühstückskaffee gab’s bei der amerikanischen Kette, dann spazierten wir ins mittelalterliche Stadtviertel Schnoor, in dem die Geschäfte gerade öffneten und wo wir noch wenigen Besucherinnen und Besuchern begegneten.

Hinein gingen wir in die Bonbon-Manufaktur und hatten viel Spaß dort.

Gleich angrenzend an den Schnoor: Ein Ensemble, das mich verdächtig an den unvergleichlichen Postmoderismus des CongressCentrums erinnert – gleicher Architekt?

In immer heißerer Sonne spazierten wir vorbei an der Kunsthalle in den Ortsteil Viertel: Hier hatte ich zweimal beruflich übernachtet und beim feierabendlichen Spazieren einige Läden entdeckt, in denen ich gerne eingekauft hätte, ich war halt nie zu Öffnungszeiten da. Das wollte ich jetzt nachholen.

Und wurde enttäuscht: Der Laden mit handwerklichem Geschirr und mit Holzwaren ist über den Sommer ein Obstverkauf, andere Geschäfte gab es nicht mehr oder sie machten gerade Sommerferien. Wir beschränkten uns also darauf, den Ostertorsteinweg / Vor dem Steintor entlangzuspazieren, hin und wieder in eine der entzückenden grünen Seitenstraßen.

Ein wunderbar buntes Viertel, überraschend groß, geprägt von unkonventionellen Menschen, politischem Bewusstsein und Aktivismus, von Zuwanderung, von Offenheit gegenüber vielen Kulturen – bemerkenswerter Weise noch nicht weg-gentrifiziert. Auch die Menschen, denen wir begegneten, waren sehr verschieden.

Zum Essen ließen wir uns an einem Tisch vor einem veganen Lokal nieder und aßen gemischte mediterrane Vorspeisen – sehr gut.

Die anschließende Stadtführung des Touristikbüros führte uns zwei Stunden zwar nicht an neue Orte, doch erfuhren wir eine Menge über die Gebäude und Gegenden, die wir seit gestern selbst schon in der Innenstadt gesehen hatten. Sie strengte mich allerdings ziemlich an: Zum einen prügelte die Sonne sehr heiß herunter, und die Stadt bot wenig Schatten, zum anderen ging ich gestern besonders schlecht.
(Weil auch diesmal der Satz fiel, Kolumbus habe Amerika „entdeckt“: Wie drückt man das eigentlich sachlich richtig aus? „Kolumbus hat Amerika für Europa erschlossen“? Wobei ja bis heute unklar ist, ob Kolumbus überhaupt verstanden hat, dass er an einen Kontinent geraten war, den weder Europa noch Asien auf ihren Karten hatten.)

Danach brauchte Herr Kaltmamsell einen Eisbecher. Man ist ja auch Partnerin, also begleitete ich ihn selbstlos.

(Foto hauptsächlich weil ich dieses neue Hemd an Herrn Kaltmamsell sehr begrüße.)

Im gut gekühlten Hotelzimmer verbrachten wir die nächsten Stunden lesend. Als es auf 20 Uhr zuging, konnte ich erstaunlicherweise bereits wieder an Essen denken. Urlaub gleicht darin Familienfeiern: Gutes Essen setzt nicht unbedingt Hunger voraus. Wir gingen also zu einem empfohlenen edlen Italiener in der Nähe und lernten den Bezirk Schlachte kennen.

Es gab gegrillte Calamaretti zur Vorspeise, dann Tortelloni mit Fleischfüllung für Herrn Kaltmamsell, Ravioloni gefüllt mit Fasan und in Salbeibutter für mich. Dazu empfahl der freundliche Kellner einen Vermentino di Sardegna. Wir hatten an allem viel Freude und genossen das Sitzen in mildem Abendhauch, während der Tag zu Nacht wurde.

Verdauungsspaziergang über die Teerhofbrücke.

§

Ungesunde Schönheitsideale:
„Das ist wie eine Geschlechtskrankheit im Kopf“

Mütter kritisieren ein Leben lang die Körper ihrer Töchter. Das ist übergriffig und vergiftet deren Liebesbeziehungen, sagt die Psychotherapeutin Irmgard Hülsemann.

Journal Sonntag, 9. August 2020 – Urlaub in Bremen: Weser und Böttcher

Montag, 10. August 2020

Nächstes Urlaubsziel: Bremen. Hier war ich ein paar Mal beruflich jeweils Ende November, und obwohl es bei meinen Spaziergängen immer dunkel gewesen war (während der kurzen Tage musste ich ja arbeiten), fand ich die Stadt so attraktiv, dass ich sie mir mal genauer ansehen wollte.

Vorher schliefen wir in Oldenburg aus, plauderten mit unseren Gastgeberinnen über Morgenkaffee und ließen uns zum Bahnhof fahren. Der Tag war bedeckt und unter schweißtreibend warm.

In Bremen hatte ich ein Zimmer in einem Hotel reserviert, das mir bei einem meiner Spaziergänge aufgefallen war. Wir bekamen ein sehr schönes Zimmer mit Blick auf den Marktplatz – und mit ausdauernder Beschallung durch einen Panflötisten in Trekkingsandalen (hatten wir uns nicht immer mal wieder gefragt, was aus den hingebungsvollen Panflötern der 1980er geworden ist?).

Auf dem Weg vom Bahnhof hatten wir ein Café passiert, dessen Gäste sehr appetitliche Fühstücke vor sich hatten: Das steuerten wir jetzt an.

Ja, das war zu viel. Und die Limetten-Ingwer-Minze-Limonade schaffte abschließend die innerliche Vollverklebung, die hatte ich unterschätzt.

Während Groningen sehr leer gewesen war (unsere Gastgeberinnen kannten ja den Normalzustand), sahen wir in Bremen viele Stadttouristinnen und -touristen. Wir schlossen uns vorerst nicht ihrem Strom an, sondern gingen zurück ins Hotel und taten einen Nachmittag lang nichts, außer die Klimaanlage zu genießen und zu lesen. Ich buchte eine Stadtführung für Montag.

Erst zu Abendessenszeiten machten wir uns zu einem Spaziergang die Weser entlang zu einem Lokal auf. Der Tag war nun wieder sonnig und kraftzehrend heiß.

Wir guckten auf die Weser, sahen viele Menschen auf Wiesen (aber bei Weitem nicht so dicht wie an den Isarufern), sahen am gegenüberliegenden Ufer Strände mit Cafés. Zu Abend aß ich einen Salat mit Ziegenkäse, Herr Kaltmamsell einen Burger, dazu gab’s je einen Mojito.

Der Rückweg ins Abendrot war besonders schön, wir sahen Möwen, Krähen, Gänse, Schwalben, feiernde Freundesgruppen, Shisharaucher und -raucherinnen, spielende Kinder, viele Radlerinnen und Radler.

In der Innenstadt versuchte ich eine Eisdiele für Nachtisch zu finden, doch jetzt, nach neun, waren die wenigen geschlossen, an denen wir überhaupt vorbeikamen. (Ständige Gefahr: E-Roller-Horden.) Statt dessen sahen wir uns in der musealen Böttcherstraße um.

Meine körperlichen Beschwerden regulieren sich langsam: Mittlerweile schmerzt die Hüfte wieder deutlich mehr als der Hexenschuss, ich humpelte gestern ziemlich langsam, aber aufrecht.

Journal Samstag, 8. August 2020 – Urlaub in Oldenburg: Ausflug nach Groningen

Sonntag, 9. August 2020

Unsere Gastgeberinnen hatten einen Ausflug in die Niederlande mit uns geplant, genauer: nach Groningen, wo eine der beiden studiert und gewohnt hat.

So gab es lediglich einen kurzen Morgenkaffee, dann brachen wir im Haus-eigenen Kleinauto Richtung Niederlande auf. Schon vor zehn war es ziemlich heiß.

Viele Vogelsichtungen auf der anderthalbstündigen Fahrt: Reiher, viele Greifvögel, Krähen, Elstern. In Groningen stellten wir das Auto ab und spazierten zu einem Fahrradverleih, bei dem die Gastgeberinnen Fahrräder reserviert hatten.

Eine ganz entzückende Stadt, wie ich im Verlauf des Tages feststellte. In einer der Altstadtgassen gab es Frühstück.

Mit den Rädern fuhren wir hinaus aufs Land. Der Fahrtwind des langsamen Radelns war hochwillkommen: Die Sonne brannte, es war sehr heiß (kenne ich ja von den Niederlanden – „Und, Obelix, wie sind die Niederlande so?“ „Heiß.“). Aber halt auch sehr, sehr schön von diesen Fahrradwegen aus: Kühe, Kanäle, Wiesen, Windmühlen, Alleen, Dörfchen, Schwalben, Reiher, Schwäne, Blesshühner. Dazu Erklärungen hiesiger landwirtschaftlicher Strukturen.

In dieser Mühle wurde sogar gerade gemahlen, es gab Mehle und Brotmischungen in einem kleinen Laden innen.

Wir nutzten immer wieder Schatten für Wasserpausen, dennoch kamen wir nach der guten Stunde Rundweg ziemlich zerflossen zurück in die Stadt. Die ortskundige Gastgeberin zeigte uns prächtige alte Universitätsgebäude inklusive eigene Geschichte dazu, wir sahen nach einigen Stellen, die sich seit ihrer Studienzeit verändert hatten.

Erholungsbierchen in einem kühlen Traditionsgasthaus, dann nutzten wir den samstäglichen Markt für Abendessenseinkäufe: Es sollte Fisch geben, die Wahl fiel auf kleine Seezungen.

Nun aber das niederländisch-kulinarische Highlight vor Ort:

Bitterballen, die frittierten Ragout-Kroketten, die ich ebenfalls im Vorjahr kennen- und schätzengelernt hatte. Mit Bierchen.

Zurück in Oldenburg ein weiterer geselliger Abend. Die Seezungen kamen in die Pfanne und wurden ein köstliches Abendessen. Unter anderem.

Viele Informationen darüber, wohin sich universitäre Strukturen seit meiner Studienzeit verändert haben – und wie in den vergangenen Monaten mit den Folgen der Pandemie umgegangen wurde.

Der Himmel hatte inzwischen zugezogen, es kühlte leicht ab.

Journal Freitag, 7. August 2020 – Urlaub in Oldenburg: Freundinnengrillen

Samstag, 8. August 2020

Weiterreise: Vormittags verließen wir das Hotel, setzten uns auf dem Weg zum Bahnhof auf einen schnellen Morgenkaffee. Brotzeitkaufen im Bahnhof, dann langes Warten: Unser Zug nach Oldenburg war ordentlich verspätet wegen „Personen im Gleis“ – das wird man wohl nie verhindern können.

Als sie dann endlich begann, war die Reise aber ereignislos und angenehm temperiert. In Oldenburg wurden wir abgeholt, freuten uns sehr über das Wiedersehen mit unseren Gastgeberinnen.

Wir besichtigten das Haus der beiden, das wir zuletzt im Renovierungs-Rohbau gesehen hatten – es ist absolut großartig geworden.

Im hochsommerlichen Garten gab es neben Spatzen und Meisen erst Beerenkuchen, dann als Aperitif weißen Sangria, ersten Austausch von Geschichten, bevor wir das große Grillen zum Abendessen vorbereiteten. Ich durfte Pimientos ernten, dicke Bohnen enthäuten.

Es gab einen Grill-Rundumschlag mit Garnelen, Auberginen, Roten Beten, Mais, Hähnchen, Lamm, dazu Bohnensalat, Melonensalat, frisch eingelegte Salzgurken – ausgiebigstes und genüssliches Gefutter. Währenddessen wurde der Sommerabend zu einer Sommernacht, allerdings spürbar später als in München. Wir guckten Sterne und Sternschnuppen, erzählten einander und fühlten uns wohl.
(Im Gespräch stellte sich heraus, dass meine schlagartigen Kreuzbeschwerden halt ein klassischer Hexenschuss waren. Braucht zwar niemand, Ursachen sind im Grunde wissenschaftlich immer noch vage, doch es bedeutet, dass nichts kaputt ist und ich einfach ein wenig Geduld haben muss. Mein Befinden ist ja auch schon deutlich besser als am Montag. Sie sehen mich erleichtert.)


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