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Journal Mittwoch, 23. September 2026 – Geschichten aus dem Dantebad

Donnerstag, 24. September 2026

Ein Traum brachte mich derart auf, dass ich alle Kraft benötigte mich davon zu überzeugen, dass das EIN TRAUM! war.
Nämlich: Am Ende einer Einladung bei uns daheim hatten Gäste Herrn Kaltmamsell und mir ein großes Sportgerät plus eingepacktem Zubehör geschenkt. Ich war in Hektik, weil ich zum Flughafen musste um zu verreisen, nahm ich das Geschenk einfach zusätzlich zu meinem Gepäck mit. Und dann saß ich am Flughafen zwischen fünf großen Gepäckstücken, wusste aber, dass ich nur zwei einchecken durfte, musste den Rest also irgendwie loswerden, als erstes fiel mir mein Vater ein, der es abholen konnte, von Ingolstadt aus war es ja nicht weit, doch vor lauter Aufgebrachtheit (ging weit über Aufgeregtheit hinaus) schaffte ich es nicht mal, auf meinem Handy Apps zu schließen, um an die Telefonier-Funktion ranzukommen, ich wurde immer hektischer und verzweifelter – und wachte davon endlich genug auf, um mich einzufangen: Das ist ein Traum! Du musst keine Lösung finden! Das ist nicht echt!
So heftig emotional war schon lang kein Traum mehr gewesen.

Tatsächlich schaffte ich es auch, noch ein wenig einzuschlafen vor früher gestelltem Wecker, stand aber reichlich durch den Wind auf. Dennoch kam ich gut los für meine Schwimmpläne. Draußen war es wie angekündigt scheißkalt (erste Handschuh-Gedanken), kurz vor sieben sah ich die ersten Atemwölkchen der Saison. Unterwegs erkannte ich einen Mann wieder, der bislang noch jedes Mal mit derselben U-Bahn wie ich zum Westfriedhof fuhr, von dort wie ich zum Dantebad ging – ob er das wohl an jedem Montag, Mittwoch, Freitag tut? Auf meiner Schwimmbahn identifzierte ich niemandem, als den ich ihn vermutet hätte.

Über dem Schwimmbecken lag dicker Dampf, das Wasser war auf Wintertemperatur hochgeheizt. Das empfand ich erstmal als zu warm, dann aber ging es – zumal ich die prophylaktische Ibu vergessen hatte und auf die heilende Wirkung der Wasserwärme setzte.

Die Sonne ging golden auf, bereits sehr herbstlich weit rechts und niedrig, aber zu wolkenlos blauem Himmel, und bestrahlte die erste Ahnung von Herbstlaub. Diesmal brauchte ich keine Pinkelpause, das werde ich alles ins soachwarme Wasser geschwitzt haben. Doch mein Gemüt kam aus dem Mittelgrau nicht recht heraus, die sensationell kitschigen Anblicke links und rechts beim Luftholen kamen nicht richtig bei ihm an.

Wieder schwamm ich neue Rekordzeit, diesmal könnte ich aber nicht beschwören, ob ich mich nicht doch einfach verzählt habe.

Große Liebe für Sammelumkleiden.
Während ich in Unterwäsche (wegen Nachschwitzen) im Spiegelbereich der Sammelumkleide Haare föhnte, hörte ich aus dem Gang bei der Eingangstür: “Oh nein, das geht wirklich kaputt. Ich brauch eine Goldschmiedin.”
Sofort aus dem hinteren Gang: “Ich bin Goldschmiedin.”
Eine Frau in blauem Sport-Bikini und oranger Bademütze ging rüber zum Türgang, ich hörte Beratung zu Löten versus Schmieden (es ging um ein Armkettchen).

Weiterer Female Locker Room Talk: “Die größte Bedrohung für das Patriarchat ist eine Frau, die sich völlig in Ordnung findet.”

Und DANN war da noch die Frau in der Umkleide, die beim Eincremen ihrer Beine melodiös vor sich hin summte.

Für alle Fälle zum Mitschreiben: Der Widerstand wird von Damen-Sammelumkleiden aus organisiert werden. Was Schwimmbewegung und Sonnenschein nicht geschafft hatten, bewirkte jetzt dieses entzückende Menscheln: Mein Gemüt wurde hell, ich freute mich wirklich am Tag.

Homerstraße, hinter mir der Eingang zum Dantebad.

Die U-Bahn-Fahrt in die Arbeit wurde zwischen Hauptbahnhof und Theresienwiese besonders interessant: Reichlich Oktoberfest-Bedienungen, wie ich auf dem Weg in die Arbeit. Allerdings deutlich anders ausgestattet.

In der Arbeit wurde es emsig, ich hatte die seltene Gelegenheit, eine hochgeschaukelte, scheinbar komplexe Angelegenheit durch Bodenständigkeit und einfach Machen über die Ziellinie zu bringen (habe ich mich gerade als “unkompliziert” bezeichnet?).

Drumrum Gewirbel und Querschüsse, erst spät kam ich raus auf meinen Mittagscappuccino – diesen Marsch wollte ich in weiterhin sensationellem Sonnenschein mit lediglich etwas Wärme unbedingt haben. Und er war herrlich.

Zu Mittag gab es Birnen sowie Skyjolei.

Ruhigerer Nachmittag, draußen lachte weiter die Sonne.

Heimweg direkt, also über den Bavariaring – von dem mich Oktoberfest-Sicherheitskräfte scheuchten, weil er hier nur als Zugang zum Oktoberfest fungierte. Aber ich musste nur einen kleinen Umweg laufen.

Daheim holte ich lediglich Herrn Kaltmamsell ab: Wir waren zu einem Abendessen im Weißen Bräuhaus verabredet, das wir seit Jahren auf der Liste haben.

Nämlich deswegen. Das Weiße Bräuhaus ist für seine Innereienküche berühmt, unter anderem wird hier laut einigen Quellen Montag bis Mittwoch gebackenes Kuheuter angeboten. Nach dem musste wir allerdings fragen, es stand nicht auf der Speisekarte. Die ausgesprochen rustikale Kellnerin stritt auch erstmal ab, dass es das gebe, ließ sich aber übereden, in der Küche nachzufragen. Und da hatten wir es. Schmeckte gut, aber wenig besonders (anders als Leber, Niere, Milz, Lunge). Wir hatten noch Platz für einen geteilten Kaiserschmarrn, der sehr deftig und reichlich karamellisiert war.

Nach Hause in nahezu milder Luft.

§

Senta Berger (<3 <3 <3) kürzlich in der Talk-Runde “Kölner Treff” – bezaubernd und mit interessanten Aussagen übers Altwerden.

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https://youtu.be/FRfex-ex6j0?si=1GVfWfEcYKm3DMCu

Journal Montag, 21. September 2026 – Einblick in die Zahnchirurgie

Dienstag, 22. September 2026

Änderung im Montagmorgen-Rhythmus: Termin beim Zahn-Chirurgen um 8 Uhr (Beratung wegen Implantat für den abtrünnigen Zahn im Oberkiefer). Wie angekündigt hatte der Regen der Nacht aufgehört, aber es war Langhosen-und-Janker-kalt (in diesem Wärmungsgrad besitze ich nur Janker, die für mich perfekten Herbstjacken, und fürchtete bereits, in Vertrachtelungs-Ruch zu geraten).

In der zahnchirurgischen Praxis lernte ich einen freundlichen Herrn Professor kennen, außerdem Bayern-3-Beschallung: Selbst irgendeine Radio-Beschallung von Arztpraxen ist mir sei vielen, vielen Jahren nicht mehr begegnet (wird man als Arztpraxis eigentlich an den Werbeeinnahmen beiteiligt? Ich musst zwei Blöcke ertragen und weiß jetzt, dass es sowohl die ultranervige Muesli- als auch die für Autofenster-Reparatur noch gibt). Außerdem bekam ich eine schicke 3D-Aufnahme meines Oberkiefers: Ich gehe davon aus, dass das Gerät, das da um meinen Kopf herumkreiste, mich notfalls auch gebeamt hätte.

Kleiner Triumph: Ich wurde nach aktueller Erkältung gefragt, denn meine linke Nebenhöhle sei entzündet (Prof. Dent. deutete auf eine Schleimhaut, die dreimal so dick war wie rechts). Das ist die Nebenhöhle, die ich seit Jahrzehnten u.a. wegen Schmerzen für chronisch entzündet halte, was aber mehrere HNO-Ärzt*innen nach Ultraschall-Untersuchung bestritten.

Nächste Woche nächster Termin, danach kenne ich die Kosten für den Luxus-Zahn. Nächstes Jahre werde ich 60, ich könnte ja mal wieder feiern. Und wo andere sich gemeinschaftlich ein Gravel-Bike oder eine Profi-Espressomaschine schenken lassen, könnte ich für das Implantat sammeln – viel mehr altersgemäßes Geschenk geht ja wohl nicht. Wenn noch was übrig ist: Zuschuss zur nächsten Gleitsichtbrille.

Ich fürchte ja schon, dass dieses Foyer der Arztpraxis in irgendeiner Form im Kostenvoranschlag auftauchen wird.

Ins Büro kam ich eine gute Stunde später als sonst, und diesmal war ich vermisst worden: Technische Turbulenzen, ich hätte für einen Dienst einspringen sollen – jetzt halt mit Verspätung.

Technisch und menschlich turbulent ging’s weiter, dennoch rannte ich mittags raus auf eine Runde um die Blöcke und Obsteinkäufe.

Der Postillon hat keine Chance mehr.

Die Sonne schien blass, wärmte zumindest genug für Jackenöffnen.

Zu Mittag gab es Feigen, Apfel, SkyrJoghurtLeinsamenschrot.

Der Nachmittag ging ähnlich weiter, allerdings war mir mehr atmen möglich. Kurz vor Feierabend ungewöhnlicher Zwischenhunger, den ich mit gemischten Nüssen stillte: Ich wusste, dass ich nicht zu Yoga kommen würde, brauchte also keinen leeren Magen.

Heimweg mit kurzem Einkaufsstopp beim Vollcorner. Ich wich mit nur einem kleinen Haken von meiner sonstigen Route ab, um den dichtesten Oktoberfestmassen zu entkommen; wie berechnet waren sie an einem Montag nicht zu arg.

Zum Nachtmahl waren Herr Kaltmamsell und ich mit der US-Verwandtschaft auf Europa-Besuch verabredet: An ihrem letzten Abend vor Rückflug nach Florida wollten wir Herrn Kusin und Mann sehr gerne nochmal sehen.

Wir trafen uns am Stachus, von unseren Gaststätten-Angeboten wählten die Gäste das nächstliegende: Traditionell deutsche chinesische Küche im Shanghai über der Sonnenstraße. Wir aßen gut, vor allem ließen wir uns von den Erlebnissen der beiden in Madrid und Córdoba erzählen: Hotels (aus der Perspektive zweier alter Gastro-Hasen immer besonders interessant), Kunst, Sehenswürdigkeiten, Stimmung, Menschen, Essen – sie waren begeistert. Nicht allzu späte herzliche Umarmungen zum Abschied.

§

Lukas Rietzschel, Sanditz

Zu diesem Roman, 2026 veröffentlicht, möchte ich doch noch das eine oder andere festhalten, ich empfehle ihn nämlich.
Wieder ein Roman, der die letzten Jahre der DDR erzählt und den Übergang in die Bundesrepublik bis fast in die Gegenwart. Doch Rietzschel ist erst 1994 geboren, kennt diesen Umbruch also nicht aus Selbsterleben – das schafft eine spezielle Art von literarischer Verarbeitung, die ich als künstlerisch freier empfinde als wenn erst die eigene Belastung überwunden werden muss. Doch Rietzschel ist auch Sachse, in einer Umgebung geboren und groß geworden, in der die Zeit der Romanhandlung lebendig ist.

Diese Handlung springt zwischen den 1980ern und 2020ern, nimmt kapitelweise auch Jahre und Phasen dazwischen mit. Wir lernen viele Mitglieder der Familie Wenzel kennen, in DDR-Zeiten protestantischen Untergrund, Stasi-Repressionen, schwule Liebe und als stärksten Gegenwartsbezug aktive Teilnahme am Krieg in der Ukraine (mit furchtbaren menschlichen Grässlichkeiten).

Über allem liegt drückend die Last des Lebenmüssens, sich irgendwie durchwurschteln, sich nicht verlieren – die Bezeichnung “Gesellschaftsroman” scheint mir passend. Ich empfand diese Welt als durch und durch glaubwürdig, gewann viele der Figuren lieb.

Journal Sonntag, 20. September 2026 – Sonnensonntag, Oktoberfest-Auswüchse

Montag, 21. September 2026

Gut und wunderbar lang geschlafen. Es wurde sonnig hell.

Neu: Wanderkrätze mit Sockenmuster.

Auch an diesem Sonntag plante ich einen Isarlauf, Routenwahl bestimmt durchs Oktoberfest: Am ersten Sonntag der Intersuff belegt der Trachtenumzug weite Teile der Innenstadt. Dazu gehören, wie ich einmal beim Radlen zu einem Isarlauf lernte, auch Straßen an der Isar, denn dort wird sich für den Umzug aufgestellt. Also wich ich nach Süden aus: Ab Haustür über alten Südfriedhof und Westermühlbach zu Flaucher und nach Maria Einsiedel.

Herrliches Kurzärmel-Wetter, wunderbarer Wind. Ich brauchte ein Viertstündchen, um mich locker zu laufen, aber dann spielte der Körper hervorragend mit.

Strahlender Alter Südfriedhof.

Flaucher – es wurde weiterhin gebadet in der weiterhin extrem niedrigen Isar.

Frühstück um zwei auf dem Balkon: Käse, Marmorkuchen, Zwetschgenkuchen. Das erzeugte eine angenehme Bettschwere, die ich für eine Siesta nutzte.

Den Nachmittag verbrachte ich lesend auf dem Balkon. Jetzt fand ich den Wind nicht mehr so wunderbar: Er kam von Westen (wir erinnern uns an den Erdkunde-Unterricht: Westwindzone), also von der Theresienwiese also vom Oktoberfest. Und brachte Gerüche sowie Geräusche. Dazu ein viertelstündliches LALÜ!

Vermehrt Fahrzeuge, die vor unserem Haus eine Durchfahrt Richtung Theresienwiese vermuteten, zum Beispiel dieses (IM? ERNST?!).

Mely Kiyak, Dieser Garten ausgelesen. Ein eigenwilliges Buch von 2011, das ich der rabiaten Mely Kiyak nicht zugetraut hatte (ich Dummerle): Über das Gärtnern der Benediktinerinnen der Abtei zur heiligen Maria Fulda seit den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, über viele der beeindruckenden Persönlichkeiten der Nonnen. Der Tonfall ist sehr Lokaljournalismus, ungewohnt für Kiyak, aber perfekt passend für das Thema. Das schönste am Buch fand ich das Nachwort von 2024, in dem Kiyak sehr berührend beschreibt, wie sie zu dieser Geschichte kam und was sie in ihrem Lebensweg bedeutet.

Eine Einheit Yoga, Schwerpunkt Kraft, leider mit einigen Schmerz-Jodlern wegen LWS. Danach griff ich nun doch zu einem der beiden Thermacare-Gürteln, die ich noch in unserem Arzneimittel-Kasten gefunden hatte.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Fenchel als Suppe, dazu die zarten Ernteanteil-Zucchini gebraten.

Im Bett die nächste Lektüre: Terry Pratchett, Guards! Guards! – Herr Kaltmamsell hatte es kürzlich gelesen und überzeugend davon geschwärmt.

§

Vergangene Woche plauderte ich in der Teeküche mit einer entfernteren Kollegin, die sich als begeisterte Oktoberfest-Teilnehmerin herausstellte, seit Generationen, Großtante dortselbst Bedienung, jedes Jahr mehrere Familientreffen in einem der Bierzelte. Als ich ihr umriss, was Oktoberfest für die Anwohnenden bedeutet, und anwohnen tut man in einem ungefähren Umkreis von zwei Kilometern, war sie völlig überrascht und entgeistert: Seien die Sitten mittlerweile SO verkommen?! Ich lachte über das “mittlerweile”, gab aber zu, dass ich nur die vergangenen 27 Jahre aus eigener Erfahrung kenne, dass diese aber stabil so seien, wie sie zum Beispiel Frau Klugscheißer schildert:
“Everything Goes to Hell”.

Auch diesmal sei betont, dass es unter denselben Anwohnenden glühende Oktoberfest-Fans gibt, die ganz oft hingehen und es lieben. Oktoberfest ist keine Tourismus-Veranstaltung, sondern durch und durch Münchnerisch. Großen Dank deshalb an Herrn Hufner, der ein Romanfragment von Ödön von Horváth aus dem Jahr 1929 über München zitiert und damit belegt, dass die Sitten nicht verkommen sind, sondern genau so typisch.

Journal Samstag, 19. September 2026 – Verschiedene Oktoberfestwunder, vor allem aber Wandern am Tegernsee

Sonntag, 20. September 2026

Ausgeschlafen, parallel zum Bloggen Kuchen gebacken, nämlich Zwetschgenkuchen aus den sauren Früchten vom Markt.

Dem Oktoberfest-Start wollte ich sehr gern durch eine Wanderung ausweichen, und zwar den Tegernseer Höhenweg ab Gmund und über Galaun, wie beim letzten Mal. Doch diesmal wanderte ich die Tour ohne Herrn Kaltmamsell, der weiterhin orthopädisch unpässlich ist.

Mit den festeren, neuen Wanderstiefeln: Zum einen, um sie weiter einzulaufen, zum anderen stellte ich mir gerade für steile Passagen harte Sohlen nützlich vor. (Für Wanderstöcke bin ich ja leider zu blöd.) Es war herrliches Wetter mit Höchsttemperaturen wenig über 20 Grad angekündigt. An sich hatte ich ja kalten Regensturm fürs erste Oktoberfest-Wochenende bestellt, aber wenn ich den nicht kriegte, war perfektes September-Wanderwetter das Nächstbeste.

Allerdings hing bis gestern morgen in der Luft, ob ich statt Wandern nicht eine Kaffee-Verabredung mit einer Durchreisenden haben würde. Doch als WhatsApp still blieb, machte ich mich fertig – sogar besonders zackig, weil ich nach dem Kuchenbacken die Chance sah, einen früheren Zug zu erwischen. Schminken ließ ich einfach weg; nicht dass ich mich ungeschminkt unansehnlich fühle oder so, es gehört lediglich zu meinem Draußen-Ich. (Gerade bei Gesprächen über plastische Chirurgie oder weniger invasive Eingriffe mit Ziel Verjüngung des Äußeren merke ich: Ich bin dermaßen einverstanden damit, wie ich aussehe und dass man mir mein Alter ansieht, dass ich zu zweifeln beginne, ob ich mich in unserer Gesellschaft überhaupt als Frau bezeichnen darf.)

Überraschung über ein weiteres Oktoberfestwunder auf dem Weg zu meinem Zug am Starnberger Flügelbahnhof: Die breite Passage in der Bahnhofshalle wurde wiedereröffnet. Jetzt sorge ich mich weniger um die Oktoberfest-Menschenmassen dort.

Der Zug war voll, aber nicht übervoll, im Zugteil zum Tegernsee musste niemand stehen. Ich bekam eine Auseinandersetzung mit, weil Passagiere Sitze reservierten für Leute, die auf der Strecke zusteigen würden; ein anderer Passagier akzeptierte das nicht und setzte sich auf einen dieser Plätze: In der Regionalbahn gebe es keine Reservierungsmöglichkeit, wer zuerst komme, habe halt einen Sitzplatz. (Ich schwanke in meiner Meinung dazu.)

Ankunft im Idyll Gmund.

So lang vom Bruckerl geschaut, bis ich eine Forelle entdeckte – und was für eine mächtige!

Gelassenes Loswandern, tiefe Atemzüge in herrlicher Luft. Für die Strecke brauche ich inzwischen keine Beschreibung oder Schilder. Es waren viele weitere Wanderer unterwegs, ganze Familien, außerdem reichlich Elektro-Radler*innen.

Hinter Gmund lautes Muhen: Die Rinder rechts von der Straße muhten laut zu den kleineren Rindern links – die allerdings völlig ungerührt waren.

Erstes Ziel: Der Käseautomat. Ich kaufte einen Camembert und ein Stück – *checks Kühlschrank* – Hirschberger.

Mittagscappucino und Klobesuch am Bahnhof Tegernsee.

In ruhigem Tempo wanderte ich weiter, zweigte vom Höhenweg nach links hoch Richtung Galaun.

Dieser Weg war sehr ruhig: Über eine halbe Stunde davon sah und hörte ich keinen anderen Menschen. Jetzt kam ich richtig zur Ruhe und intensiven Wanderfreude, war tief dankbar für die Körpertüchtigkeit, die mir das ermöglichte – ich werde sie nie als selbstverständlich empfinden.

Kleine Eintrübung: In den festen Wanderstiefeln wurden meine Zehen immer wieder taub, fühlten sich beengt an, schmerzten dann auch. Was mir ein Rätsel ist, nachdem ich sie doch vor dem Kauf doch so gründlich getestet hatte.

Das Berggasthaus Riederstein am Galaun war gut besucht, beim Abstieg zurück zum Tegernseer Höhenweg begegnete ich auch regelmäßig anderen Wandersleuten.

Die markante Silhouette des Wallbergs. Zu weit oben, um auf dem Foto sichtbar zu sein: Zwei Dutzend Paraglider, die wie ein Stubenfliegeschwarm den Gipfel umkreisten.

Kurz vor halb drei setzte ich mich auf ein Bankerl zur Brotzeit: ein riesiger, köstlicher Apfel, ein Stück von Herrn Kaltmamsells Geburtstags-Marmorkuchen.

Dooferweise endet diese Wanderung mit einer Stunde die viel befahrene Uferstraße entlang (darauf eine Protzauto-Dichte wie auf der Münchner Leopoldstraße), vor dem nächsten Mal suche ich intensiver nach einer alternativen Strecke. Zwar gibt es außer im Winter auch eine Wasserverbindung per Fähre von Rottach-Egern nach Tegernsee, doch ich wollte halt gehen.

Wallberg, Rottach-Egern, Tegernsee, Kaltmamsell.

Durchaus verstörend diesmal oben auf dem Höhenweg: Zweimal musste ich meine Ohren wegen LALÜ! zuhalten. Auch das der Verkehrssituation zwischen Rottach-Egern und Tegernsee geschuldet: Da gibt es nur die eine Straße, die gerade mal so Platz hat zwischen Berg und See.

Sehr auffällig: Meine LWS muckte überhaupt nicht, an keiner Stelle, bei keiner Bewegung. Gehen -> gut. Aber halt auch Sitzen -> schlecht: Schon nach einer halben Stunde im Zug (wunderbares Timing, er fuhr elf Minuten nach meiner Ankunft am Bahnhof ab, genug Zeit, um noch bequem einen Sitzplatz zu bekommen) stach es wieder böse vom Kreuz bis ins Bein. Hin und wieder muss ich aber sitzen!

Strecken-Statistik: Gut fünf Stunden mit zwei Pausen, laut Schrittzähler gut 17 Kilometer und mehr als 100 Stockwerke.

Angenehme Zugfahrt zurück, gegenüber saßen eine Frau und ein Mann in Wanderkleidung, nur wenig älter als ich, und unterhielten sich freundlich, zugewandt, interessiert, tief und lang verbunden, waren aber ganz klar kein Paar – so dass mir zum einen das Herz aufging, ich sie zum anderen als liebende Geschwister einsortierte. Und gern gewusst hätte, ob ich richtig lag, doch eine Nachfrage wäre viel zu aufdringlich gewesen.

Nächstes Oktoberfestwunder: Die Baustellen-Unterbrechung der U6 war aufgehoben. Ich konnte schon am Harras aussteigen und eine U-Bahn heim zum Sendlinger Tor nehmen (darin überraschend wenig Oktoberfest-Cosplayer*innen, vielleicht hat sich die Wiedereröffnung der U-Bahn-Linie noch nicht rumgesprochen). Ich kam streichfähig entspannt zurück, Ausruhen auf dem sonnigen Balkon.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Spaghettikürbis aus Ernteanteil, er testete ein Rezept mit Speck-Sahne-Sauce (das ich nie “Carbonara” nennen würde, drohendes Einreiseverbot nach Italien).

Und siehe da: Damit hat der geschmacksneutrale, lediglich als Textur interessante Kürbis meiner Ansicht nach seine Bestimmung gefunden, er ist das perfekte Gegengewicht zur schweren Sauce. Künftig also kein Augenrollen mehr, wenn der Ernteanteil Spaghettikürbis bringt. Als Wein öffnete ich den letzten Rosé im Bestand, Pittnauer Dogma – weiterhin ein ein Liebling.

Beim Lesen im Bett ließ ich das Fenster noch offen, ließ die Geräusche von Oktoberfest-Passant*innen herein, die Musik-Bedudelung der Rikschas. Zum Schlafen musste ich das Fenster natürlich schließen. Dieses Jahr kann ich ja dann herausfinden, ob Oktoberfest die Brüllerei im Park verstärkt oder mindert. All for science.

Journal Freitag, 18. September 2026 – Peruanisches Geburtstagsfeiern

Samstag, 19. September 2026

Guter Nachtschlaf. Morgens herzte und küsste ich Herrn Kaltmamsell zu seinem Geburtstag, er holte sich Geburtstagskuchen, und ich schenkte ihm zwei Teilnahmen an einem Kochkurs bei Eataly – mit einer Begleitung seiner Wahl.

Der Bavariaring verbarrikadiert sich gegen das Oktoberfest. (Unteres Foto auf dem Heimweg aufgenommen.)

Aber es gab auch GUTE! Auswirkung des Oktoberfests: Mindestens eine der Baustellen in meiner Wohnstraße wurde so umgestaltet und gesichert, dass man fürs Passieren nicht mehr auf die Straße ausweichen muss, sondern den Gehweg nutzen kann. Das kenne ich von einer anderen Baustelle in der Nähe der Theresienwiese, die jahrelang Verkehrsumstände verursachte, aber dreimal fürs Oktoberfest so umgebaut wurde, dass man ohne Umstände vorbei kam. Danach allerdings wieder verumständet.

Im Büro geordnetes Arbeiten, jedoch bedrückt von menschlichen Schatten. Und immer durchgehenderem LWS-Pieksen ins Bein – ich versuchte vergeblich alle Dehnungen, Lockerungen und Mobilisierungen, die mir einfielen.

Mittagscappuccino aus der Cafeteria. Noch vor meinem Mittagsmarsch um die Blöcke löste ich eine besonders unangenehme Aufgabe: erleichtertes Losmarschieren, erste Wochenend-Gefühle. Und genau diese Bewegung tat meinem Kreuz spürbar gut, mehr Erleichterung.

Zu Mittag aß ich Äpfel und Hüttenkäse – während ein angekündigter eiliger Job reinkam.

Pünktlicher Feierabend bei wunderbar sonnigem Wetter, das jetzt auch wärmer geworden war.

Daheim festgestellt, dass unsere Wohnung ein Wespenfriedhof ist. Sollten wir uns geehrt fühlen, dass so viele Wespen gerade bei uns hereinfliegen (seit Tagen wird jedes Fensteröffnen von Wespensummen gefolgt), nur um dort zu sterben?

Zum Geburtstagsabendessen lud ich Herrn Kaltmamsell ein: Er hatte sich ein Abenteuer gewünscht und zwar peruanisches Essen – wir nahmen eine U-Bahn in die Maxvorstadt zum Nasca.

Wir entschieden uns fürs Menú tradicional, um möglichst viel Peruanisches kennenzulernen. Und stiegen ein mit dem peruanischen Drink: Pisco sour, der schonmal sehr gut schmeckte.

Das Menü startete mit Ceviche: Fisch mariniert in Leche de tigre (mit Limettensaft), dazu Zwiebeln, Koriander, Süßkartoffelpüree, Cancha (frittierten Maiskörnern). Sehr abwechslungsreicher Geschmack, doch wie immer bei Ceviche bedauerte ich, dass ich vom Fisch selbst in all der Zitrus-Säure gar nichts schmeckte, sondern er lediglich Textur beisteuerte.

Sehr gespannt war ich auf das gegrillte Rinderherz gewesen, und tatsächlich war das mein Lieblingsteller des Abends – würde ich das nächste Mal als Hauptgericht und große Portion bestellen, und Herr Kaltmamsell überlegt bereits, ob er es nachbauen kann.

Die Hähnchenbrust in cremiger Sauce, mit Parmesan, Kartoffelscheiben und gekochtem Wachtelei wurde als nahezu kaltes Gericht serviert – anders als bei den Ceviche war ich hier allerdings nicht sicher, ob das so gehörte.

Gegrilltes Rinderfilet in einer herzhaften Sauce mit Reis wieder warm und sehr gut.

Als Dessert gab es Schokoladenküchlein mit flüssigem Kern (genau das richtige gestern) und Lucuma-Eis – Lucuma wurde uns als peruanische Frucht vorgestellt (wenig erkennbarer Geschmack). Dazu der interessanteste Punkt der Getränke-Begleitung: angewärmter Rum, superaromatisch.

Das Lokal war sehr gut besucht, der Service angenehm, durch die geöffnete Fenster-Front sahen wir hinaus auf die Theresienstraße und stellten fest, dass die Münchner Stadtviertel wirklich immer noch einen sehr unterschiedlichen Charakter haben, wie schön. Wir unterhielten uns vor allem über unsere jeweiligen Arbeitswochen und aktuellen Lektüren.

Gemütliches Heimschaukeln in der U-Bahn, die Nachtluft frisch, aber nicht wirklich kalt.

§

Markus Beckedahl erklärt kundig und nachvollziehbar, was Pressefreiheit und die Algorithmen der Monopol-haft dominanten Online-Plattformen miteinander zu tun haben:
“Pressefreiheit entscheidet sich in der Regulierung von Big Tech”.

Das Bundesverfassungsgericht hat 2003 entschieden, dass auch die Zustellung von Presseerzeugnissen in den Schutzbereich von Artikel 5 des Grundgesetzes fällt. Damals ging es um Botinnen und Boten. Die Begründung gilt aber im digitalen Raum unverändert: Ein Medium, das recherchieren und veröffentlichen darf, sein Produkt aber nicht zu den Menschen bringt, ist praktisch nicht frei.

Die Zustellung übernehmen heute algorithmische Empfehlungssysteme von X, Google, Meta, ByteDance und OpenAI. Der grundrechtlich geschützte Teil der Verbreitung liegt damit bei profitorientierten Unternehmen, die keiner publizistischen Verantwortung unterliegen. Die Regeln dafür werden in Produktabteilungen geschrieben und gelten sofort, ohne Anhörung und ohne Übergangsfrist.

Das Medienrecht hat diese Verschiebung bisher nicht nachvollzogen. Es kontrolliert weiterhin die Konzentration auf der Anbieterseite und lässt die Konzentration bei der Verteilung bisher weitgehend unbeachtet.

Markus schildert die daraus folgende Einschränkung der Pressefreiheit und leitet daraus politische Forderungen ab.
(Ja, schon am Montag gepostet, aber bis ich immer zum Newsletter-Lesen komme…)

§

Menopause SCHON WIEDER. Für mich ist das Thema nicht vorbei, solange noch so viele medizinischen Fragen offen sind. (Und es weiterhin Frauen gibt, die völlig unvorbereitet reinrasseln.) Hier eine frische und gute arte-Doku, die sich vor allem mit dem Forschungsstand und seiner jüngeren Geschichte beschäftigt (Erzählerin Maren Kroymann!).

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=Mf1PiDdCFN0

Teilweise ganz schön gruslig. Auch aufgegriffen werden die aktuellen gesellschaftlichen Kontroversen um die Hormonersatztherapie, jetzt, wo endlich darüber gesprochen wird.
(Und all diese wundervoll sehenswerten nicht mehr jungen Frauen!)

Journal Mittwoch, 16. September 2026 – Zahndinge und Beifang, u.a. aus dem Internetz

Donnerstag, 17. September 2026

Gut geschlafen und bei frühem Anfang viel, trotz deutlicher Zahnschmerzen – seltsam. Natürlich spürte ich Angst, dass ich den nächsten gesunden Zahn zerknirscht haben könnte.

Morgens war es mild, ich setzte mich (in Strickjacke) nochmal zum Morgenkaffee auf den Balkon.

Ibu wischte die Zahnschmerzen schnell weg (richtete aber interessanterweise nichts gegen die LWS-Beschwerden mit Stichen ins rechte Bein aus).

Weg in die Arbeit unter bedecktem Himmel.

Drückt es uns armen Oktoberfest-Anwohnenden nur rein.

Im Büro mehr Aufregung, als mir lieb war, gehört halt zum Job. Allerdings machte mich unruhig, dass ich ja über Mittag zwei Stunden wegen Zahnärztin abwesend und unerreichbar sein würde – nicht dass man mich gerade dann brauchte.

Erstmal aber im immer noch Warmen, aber bereits Schwülen zu einem Mittagscappuccino.

Zur eigentlichen Mittagszeit U-Bahn-Fahrt nach Schwabing. Die dentalmedizinische Konsultation war dann mittel ergiebig: Die aktuellen Zahnschmerzen sind wieder unerklärlich, eine erneute Röntgenaufnahme erbrachte genau gar nichts. Wir warten ab. Mit Abklingen der Morgen-Ibu stiegen die Schmerzen.

Meine Bitte um ein Implantat führte zu einem gründlichen Gespräch über Hintergründe (u.a. aha: Oberkieferknochen von Natur aus deutlich weicher als Unterkiefer) und Optionen mit dem Ergebnis der Überweisung an einen Chirurgen für zweite Meinung und mögliche Umsetzung eines tiefen Implantats. Zudem hörte ich erneut, wie stark das Zähneknirschen in der Bevölkerung zunimmt – und viele der riesigen Erfolge der heutigen Dental-Prophylaxe wieder kaputt macht. Gut gepflegte und Karies-freie Zähne, die einfach bersten – ich schwimme mitten im Mainstream.

Zurück im Büro (nichts verpasst) gab’s nach zwei Mittagessen: Apfel, Feigen, Mirabellen, Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot. Und langsame Beruhigung, diese Zahngeschichte nimmt mich durchaus mit. Draußen brach währenddessen Gewitter aus, inklusive ergiebigem und anhaltendem Regen.

Nach Feierabend Busfahrt in die Innenstadt, ich hatte ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen. Unterm Schirm nach Hause.

Dort eine Runde Yoga, mit besonders unangenehmem Zwicken rechts der LWS. Aber Nichtbewegen ist halt auch keine Option.

Herr Kaltmamsell servierte Nachtmahl aus der Gefriere: Bauernwürscht und Roggenbrot, dazu frisch gekocht Sauerkraut.

Sehr früh ins Bett zum Lesen, weil so müde sehr früh Lichtaus.

§

Dies scheint ein langes Dokument zu sein. Spare Zeit und sieh dir eine Zusammenfassung mithilfe des KI-Assistenten an.

Dies, blöde Adobe-Software, ist eine RECHNUNG. Was jeder Mensch selbst aus den Augenwinkeln erkennt. NIEMAND braucht von einer Rechnung eine Zusammenfassung.
Wenn dein LLM nichtmal DAS weiß!

Auf meinen gleichlautenden Mastodon-Post schickten Menschen weitere Dokumentarten, zu denen das Adobe-LLM dieselbe Aufforderung schickt:
– Speisekarten
– Konzerttickets
– Fährverbindungen
– Schnittmuster
– Ausmalbild

Und der Zusammenfassung dieser idiotischen Software soll ich dann vertrauen?

§

Gestern brachte ich mich dazu, einen meiner schönen Ringe zu tragen (habe vor etwa 20 Jahren recht abrupt damit aufgehört, weil ich Ring-lose Hände plötzlich eleganter fand).

Wie fast alle meine Ringe in den ersten ebay-Jahren ersteigert, vor über 20 Jahren. Dieser sah bei Kauf völlig ungetragen aus, ich mochte das 1950er-Design, das mich an Nierentische erinnerte. Außerdem passen meiner Ansicht nach Gelbgold und blaue Steine (könnten hier Aquamarine sein) besonders gut zusammen.

Allerdings machte mich kürzlich ein Interview nachdenklich. In der SZ-Reihe “Reden wir über Geld” kam Guya Merkle zu Wort, Schmuckunternehmerin (€). Sie hat sich intensiv mit der Herkunft von Gold und deren ethischem Hintergrund auseinandergesetzt. Unter anderem sagt sie:

Schmuck braucht per se kein echtes Gold mehr. Ich glaube aber, dass die Psychologie von Luxus anders funktioniert. Manchen Schmuckstücken sieht man an, was sie wert sind. So zeigt man: Ich habe es geschafft, ich gehöre dazu. Im schlechtesten Fall sogar: Ich bin besser als jemand anderes. Das versuche ich zu verstehen.

Ich trage seit vielen Jahren nur noch “echten” Schmuck aus Edelmetallen, und ich trage nahezu täglich Schmuck, mindestens an den Ohrläppchen. Für mich (!) fühlt (!) sich Modeschmuck schäbig an.1 Seit der Lektüre der Aussage oben frage ich mich aber: Fühle ich mich mit meinen Lieblingen aus Gelbgold (oder bei Goldschmiede-Arbeiten oft Silber vergoldet) als was Besseres?

§

Nur der Chronik wegen und zum Festhalten. (Und für diejenigen, die mit Fakten noch erreichbar sind.)
“Jetzt amtlich: Sommer mit Hitzerekorden in Bayern”.

Der diesjährige Sommer in Bayern hat nach nunmehr amtlicher Feststellung in mehrfacher Hinsicht Hitzerekorde aufgestellt: Laut dem Landesamt für Umwelt wurden nicht nur neue Höchsttemperaturen in allen sieben bayerischen Regierungsbezirken gemessen, sondern es gab auch so viele Hitzetage wie nie seit Beginn der systematischen Erfassung.

§

Mal wieder sehr sehenswerte Fotos auf dem instagram-Kanal @womeninstreet: Ergebnisse der “‘Summer Sports’ challenge”. Eines cooler als das andere – und eine ungeheure Bandbreite an Techniken, Motiven, Blicken, Kuturen. (Starker Ausdruck- und Wandhängwunsch bei diesem und diesem Motiv.)

  1. Außerdem verursacht der meiste davon bei mir Ausschlag, wie ich schon als Jugendliche feststellte. [↩]

Journal Dienstag, 15. September 2026 – Nochmal Biergarten aus dem Sommer rausgeholt

Mittwoch, 16. September 2026

Erster Schultag, ab jetzt verlässt Herr Kaltmamsell wieder vor mir das Haus (weil er an seiner Schule für den Vertretungsplan zuständig ist, der halt vor der ersten Unterrichtsstunde stehen muss und tagesaktuelle Ausfälle berücksichtigen).

An diesem sehr frischen, aber sonnigen Morgen marschierte ich besonders zackig in die Arbeit: Ich hatte aus Schlepp-Faulheit keine Jacke über die kurzen Ärmel des Oberteils gezogen.

Durch die spätsommersonnige Gollierstraße, bevor die Schulkinder unterwegs waren.

Der Vormittag im Büro dominiert von einer Info-Veranstaltung mit aktivem Part by proxy.

Vor und nach dem Sommer gibt es ein paar Wochen lang morgens einen Sonnenstand, bei dem die Strahlen von den Fenstern des Nebenhochhauses so blöd gespiegelt werden, dass sie genau mein Gesicht vor dem Computer-Bildschirm treffen. Jetzt begannen diese Nachsommerwochen wieder.

In herrlichem Spätsommerwetter marschierte ich Sonnenwärme suchend zu meinem Mittagscappuccino – und sah ausgesprochen entzückt einige Außengastronomie von aufgerezelten Familien belegt, die Schulanfang feierten, prächtige Schultüten auf den Tischen, dahinter je ein aufgekratztes Kind.

Zu Mittag gab es später eher trockene Feigen, köstliche Mirabellen (ein paar zu viel davon), Quark.

Nebenbei war ich gut mit instagram beschäftigt: Derzeit ergießt sich wieder eine Welle von Accounts mit meist vielen Ziffern hinterm Männernamen (meist ohne eigene Posts oder nur wenigen egalen) in Likes und Kommentare vor allem derjenigen meiner Posts, auf denen ich zu sehen bin. Aus tiefem Ekel blockiere ich sie konsequent. Hat etwas von Handy-Spiel (wie ich mir die vorstelle, die nicht Pokemon sind), bei dem ich alle anderthalb Stunden ein Dutzend Neu-Follower blockiere.

Heimweg in weiter gestiegener Wärme über kurzen Vollcorner-Einkauf. Diesen verstaute ich nur im Kühlschrank, fürs Abendessen (Ernteanteil bereits weggegessen) war ich mit Herrn Kaltmamsell aushäusig verabredet: Das nochmal sommerliche Wetter nutzten wir für den Schnitzelgarten.

Der Kellner hatte mir meine Bestellung Cordonbleu Gorgonzola bei meinem Luftholen bereits aus dem Mund genommen – auch wenn ich nur zwei- bis dreimal im Jahr komme, erinnerte er sich, dass ich das immer bestelle. Herr Kaltmamsell hatte endlich mal die ebenso legendäre Roulade essen wollen, doch die war gestern schon aus. Also wiederholte er meine Bestellung. Gutes Abendessen in wunderbarer Luft. (Nein, wir schafften wieder nicht alles, hatten für den Rest eine Plastikdose dabei.)

Biergartenhimmel am Sommerende.

Auf dem Heimweg blieb ich am geschätzten Nachbarschafts-Blumenladen hängen und gönnte mir Dahlien.

Zu Hause noch Schokolade als Dessert.

Sehr früh ins Bett mit völlig überraschenden Zahnschmerzen links oben hinten – wie praktisch, dass ich Mittwochmittag eh einen Termin bei meiner Zahnärztin hatte zur Besprechung eines Implantants für den abtrünnig zerspaltenen Zahn rechts oben hinten.

Meine neue Lektüre war punktgenau aus der Vorbestellung bei der Münchner Stadtbibliothek als verfügbar gemeldet worden: Mely Kiyak, Dieser Garten.

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Wenn ich jemanden über den Nahost-Konflikt lesen möchte, dann Carolin Emcke. Wegen ihrer umwerfenden Klugheit, wegen ihrer persönlichen Nähe zum Thema, weil sie sich schon so oft und tief Gedanken und Gefühle gemacht hat über Gewalt und Empathie. Deshalb hob ich mir ihren Text zum Thema fürs SZ-Magazin bis zu einem Augenblick mit Ruhe und Konzentration auf (€):
“Jedes einzelne Leben”.

Und Emcke beginnt auch gleich sehr klug:

Für manche beginnt die eigene Zeitrechnung am 7. Oktober. Das Datum markiert eine Zäsur. Dieses Verbrechen reiht sich nicht ein in eine Chronologie oder einen Kontext. Es hebt die Zeit aus den Fugen. Für andere gibt es eine andere Zeitrechnung, gibt es ein Davor, eine Chronologie, die andere historische Momente, andere Gewalterfahrungen betont. Für manche beginnt es mit der israelischen Besatzung im Westjordanland. Und mit der Abriegelung des Gazastreifens. Für andere noch viel früher. Mit dem Teilungsplan und der Gründung des Staates Israel. Mit dem Krieg, der darauf folgte. Mit der Nakba, der »Katastrophe«, der Gewalt und der Vertreibung der Palästinenser. Für andere beginnt es mit der Shoah. Für wieder andere beginnt es mit den Briten und ihrem Mandat. Mit den Enteignungen und Entrechtungen im Namen britischer Notstandsverfügungen. Mit dem Imperialismus der Briten und ihren kolonialen Techniken der Repression, die später immer wieder zitiert oder kopiert wurden.

Wer spricht oder schreibt über den Nahen Osten, setzt und deutet Anfänge, Bruchstellen, Wendepunkte, Zäsuren, setzt und deutet Hintergründe, Vorgeschichten, bestätigt oder bestreitet Kontinuitäten oder Diskontinuitäten, empfindet und erfährt Wiederholungen, Re-enactments, Retraumatisierungen.

Wenn Sie irgendwie rankommen, empfehle ich die Lektüre dieses Essays. Es geht auch darum, wie Nachdenken, Erinnern und Assoziieren funktionieren, wo Vorwürfe komplett unangebracht sind.
Weinen Sie mit mir.

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Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach bloggt über den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt, was mir schon lange durch den Kopf geht:
“Nehmt sie endlich Ernst!”

Was mich in den letzten paar Tagen dann aber wirklich irritiert hat, ist, wie wenig die Menschen, die AfD wählen, Ernst genommen werden. Durchweg. Da wird auf ihre Ängste hingewiesen, auf ihre Enttäuschung, auf ihren Frust, auf das verlorene Vertrauen. Als ob das erklären kann, wieso rund 50% der Menschen, die gewählt haben, eine rechtsextreme, eine Nazi-Partei wählen. Wer so über deren Entscheidung redet, als ob sie aus Frust, im Affekt, irgendwie unreflektiert gefallen wäre, macht doch genau das gleiche, was sie vorher als Ursache zu identifiziert zu haben glauben.

Ich drücke es so aus: Diese Leute wollen Faschisten, seht es endlich ein!

Und Wolfgang:

Um es klar zu sagen: wer enttäuscht ist, wütend, sich zurückgelassen fühlt, entscheidet sich bewusst zwischen der Linken und den Nazis. Und nicht zufällig. Es mag vielleicht frustrierend sein und es macht mir ja auch Angst. Aber wenn ich die Menschen Ernst nehme, gibt es nur einen Schluss: sie haben sich bewusst für Nazis entschieden, weil sie die Antwort der Nazis richtig finden.