Fotos

Journal Montag, 6. Juli 2020 – Legginspresse

Dienstag, 7. Juli 2020

Kurz vor Wecker aufgewacht. Draußen war es sehr mild.

Besonders viel Bauchstärkung mit Gymnastik und Yoga.

Auf der Fahrt in die Arbeit holte ich in lauen Lüften das Foto von den blühenden Wegwarten nach: Die sind nämlich Frühaufsteherinnen, am Vorabend waren die Blüten geschlossen, man sah sie gar nicht.

So, jetzt stand fest, dass mir die Calcedonia-Verkäuferin zu kleine Leggins verkauft hatte. Ich hatte mich über ihre Empfehlung Größe M durchaus gewundert, haber hey! Sie war die Fachkraft. Doch selbst der sehr breite Bund (ca. 12 cm) verteilte die Enge nicht genug: Ich bekam Bauchschmerzen davon, egal ob ich den Bund auf die Hüftknochen herunterzog, ihn in der Taille ließ oder hoch unter den BH klemmte. Gestern wurde das im Büro so schmerzhaft, dass ich zur Schere griff und mir Platz verschaffte. Nicht dass ich jemals mit Shapewear geliebäugelt hätte, aber das wäre ja sowas von nix für mich. Mal wieder die Frage in die Runde: Findet jemand die Anzeige aus den 70ern „Mein Mieder bringt mich um“? Mit dieser Frau, die in eine Holzkiste geklemmt ist? Das kann doch nicht sein, dass ich mir die nur einbilde.

Es dauerte fast zwei Stunden, bis die Schmerzen abklangen.

Mittags Rehbraten und Spätzle vom Vortag.

Nach Feierabend war ich verabredet. Tagsüber war es immer wieder sehr düster geworden, wir entschieden uns für einen Biergarten mit Drinnen und trafen uns in dem am Bavariapark.

Als ich das Bürohaus verließ, überraschte mich kalte Luft. Der Biergarten nahm die Hygieneregeln sehr ernst: Wir mussten am Eingang unsere Kontaktdaten auf Papier oder über eine App hinterlegen, uns wurde ein Tisch zugewiesen, den wir ebenfalls eintragen mussten. Über Gesprächen über universitäres Leben in Zeiten der Pandemie, Ausstellungen, Urlaubspläne in Zeiten der Pandemie und Geldanlage (öha!) tranken wir Biergartliches, aßen Salat – und froren. Obwohl die Sonne nun wieder durchgehend schien, war es ganz schön kalt, deutlich kälter als morgens. Daheim ließ ich mir tatsächlich erst mal ein heißes Bad ein, weil ich durchgefroren war. Das tat auch meiner Hüfte so gut, dass ich das vielleicht wieder öfter machen sollte.

Journal Sonntag, 5. Juli 2020 – WmdedgT? Geschwommen!

Montag, 6. Juli 2020

Rechtzeitig daran gedacht, dass ja der fünfte war und damit der Tag für Frau Brüllens Frage: Was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Was ich neben dem Ausgebuchtsein des Schyrenbads noch auf der Bäderseite der Münchner Stadtwerke entdeckt hatte: Die Hallenbäder sind seit 1. Juli wieder offen, und man kommt ohne Reservierung rein. Plan war also die erste Schwimmrunde seit 4. März im Olympiabad.

Ich schlief wieder gut aus, wachte auf zur Ankündigung eines sonnigen Tags – allerdings war er auch gestern zu morgenkühl für Kaffee auf dem Balkon.

Gegen zehn machte ich mich nach Katzenwäsche fertig zum Schwimmen. Ich dachte gründlich nach, was ich dazu alles einpacken musste – und musste erst mal den Sportrucksack abwischen, der in den Monaten ohne Draußensport deutlich mehr eingestaubt war als ich.

Das Radeln zum Olympiabad war bereits ein großes Vergnügen, das rechte Bein machte sehr gut mit. Im Bad selbst waren Einbahnwege angelegt, die Bahnen im Becken doppelt breit abgetrennt, um Platz für Überholen auf Distanz zu schaffen. Mein Kalkül ging auf: Es waren sehr wenige Menschen da. Und es stellte sich heraus: Schwimmen ist wie Schwimmen, das verlernt man nicht. Ich zog meine Bahnen bald in gemütlichem Rhythmus, beschränkte mich auf 2.500 Meter. Allerdings zwickte die Hüfte durchaus, und die linke Schulter schmerzte (Letzteres führe ich auf Ganzkörper-Ausweichbewegungen plus Vorbelastung zurück).

Als ich um halb eins aus dem Olympiabad kam, war es überraschend heiß geworden.

Auf dem Heimweg besorgte ich Semmeln und sah nach der Baustelle Hauptbahnhof: Immer noch kommt man nur zu Fuß vorbei, ich schob mein Fahrrad.

Zum Frühstück (Käsesemmel, Pflaumenmussemmel, Käsekuchen) folgte ich der Empfehlung von Kommentatorin Frauke und sah die aktuelle BR-Doku über Ellen Ammann an – wirklich sehr empfehlenswert.

Diesmal war ich müde genug für eine kleine Siesta (nach einer Dosis Novalgin, da die Hüfte mich mit Ruheschmerz ärgerte).

Kleine Bügelrunde, damit’s nicht wieder so lange dauert.

Eiskaffee auf dem Balkon, es war dort angenehm warm.

Internet gelesen, Zeitung auslesen. Dann zog es mich doch raus, ich wollte nach der Theresienwiese sehen. Sonst wurde sie ja immer genau jetzt, Anfang Juli, für den Oktoberfestaufbau dicht gemacht.

Die Linden dufteten noch, unter ihnen lagen Haufen abgefallener Blüten.

Ganz zauberhaft: An einer Stelle trainierten etwa zehn Paare Formationstanz (irgendwas Lateinamerikanisches), nicht weit entfernt davon wurde Cricket gespielt. Und ich genoss die Sonne auf meiner Haut, dazu den Wind, der Hitze verhinderte.

Zudem war die Hüfte so freundlich mitzumachen.

Zurück daheim steuerte ich zum Abendessen die Spätzle bei, Herr Kaltmamsell hatte eine Rehkeule zubereitet (Sie erinnern sich? Wild gibt’s derzeit sehr viel, weil es eh geschossen werden muss, die sonstigen Hauptabnehmer Restaurants aber lang geschlossen waren und jetzt nur teilweise geöffnet sind).

Als Abendunterhaltung ließen wir Tatort laufen. Draußen wurde es lange nicht dunkel, langsam etwas kühler, ich sah den Mauerseglern am langsam von blau zu grau wechselnden Himmel zu.

Braten und Spätzle als Brotzeit für Montag vertuppert, Wohnung Putzmann-fertig geräumt. So lange aus dem Fenster geguckt, bis ich eine Fledermaus sah – derzeit flattern mindestens drei übern Hinterhof.

Im Bett noch Nancy Mitford, The Blessing gelesen.

Das war ein schöner Tag.

Journal Samstag, 4. Juli 2020 – Neue Entdeckungen auf dem Alten Südfriedhof

Sonntag, 5. Juli 2020

Ausgeschlafen, trotz drei Unterbrechungen fühlte es sich nach gutem Schlaf an.

Die Luft roch wundervoll und rief zum Wandern (…), doch für Morgenkaffee auf dem Balkon war es zu frisch.

Gymnastik, eine gute Stunde Crosstrainer vor offenem Fenster mit Filmmusik auf den Ohren.

Zum wiederholten Mal musste ich Leute vertreiben. Den benachbarten Nußbaumpark habe ich ja aufgegeben, der gehört halt dem saufenden, dealenden Multitoxler-G’schwerl (ich wiederhole: nein, das sind keine Obdachlosen) – zum Glück werden der große Kinderspielplatz und die Tischtennisplatten noch von Familien und anderen Nachbarn genutzt. Doch in letzter Zeit schwappt dieses G’schwerl immer öfter in unseren Hauseingang und in den Hinterhof – das möchte ich wirklich nicht. Gestern unterbrach ich meine Crosstrainerrunde, als ich sah, wie zwei übern Hof im Müllkammerl verschwanden. Ich bat sie sachlich zu gehen, was sie zum Glück ohne Widerstand taten.

Bislang ist das Gegenmittel der Stadt, Polizeikontrollen zu schicken und eine eigene Überwachungstruppe einzurichten, die hin und wieder den Park patrouilliert. Das resultierende Spiel: Beim Kreuzen des Parks zum Einkaufen beobachte ich regelmäßig, wie Polizeibeamte kontrollieren, Teile der Dutzende verlagern sich auf den Sendlinger Torplatz. Doch wenn ich eine Stunde später vom Einkaufen zurückkomme, belegen sie bereits wieder Bänke und Plätze des Parks. Nein, ich weiß keine Ursachenlösung, aber das ist auch weder mein Fachgebiet noch meine Aufgabe.

Frühstück noch vor zwei: Kräuterkartoffeln vom Vorabend und Käsekuchen.

Gemütlicher Nachmittag auf dem Balkon mit Internetlesen und Zeitunglesen – sehr müde, ich war immer wieder kurz vor Siesta, dann aber doch nicht bettschwer genug. Viel Freude an Vogelbeobachtung an Meisenknödel und Wasserschale: Die Meisen drehten oft ab, wenn sie mich bemerkten (manchmal mit einem beleidigend lauten Schreckensquäken), der Jungkleiber konnte jetzt auch am Knödel fressen (und wartete nicht mehr drunter, bis etwas herumliegt), der Herr Buchfink war zum Sterben elegant und schön.

Richtig raus wollte ich aber auch noch, einen Spaziergang über den Alten Südfriedhof traute ich meiner kaputten Hüfte zu.

Wieder fielen mir Gräber auf, die ich noch nie bemerkte hatte – und die ich fotografierte, um daheim nachzuschlagen (beide Grabmäler Ersatz für die Originale, die in der Bombennacht Oktober 1943 zerstört wurden).

Das von Franz von Kobell.

Das Nachschlagen von Eduard Schleich brachte mich zu einigen seiner Gemälde.

Gezielt wiederum ging ich zum Grab Ellen Ammanns. Die Süddeutsche hatte sie anlässlich ihres 150. Geburtstages portraitiert, ich erfuhr einige neue Details über diese unglaublich umtriebige Politikerin („Frauenführerin und Hitler-Gegnerin“).

Überrascht und gerührt entdeckte ich, dass Ammanns Grab feierlich geschmückt war, dass ihr Werk heute gewürdigt wird.

Ich setzte mich auf ein Bankerl, genoss das Spiel der langsam schrägeren Sonne in den hohen Gräsern.

Abends gab es tinto de verano, Herr Kaltmamsell servierte ein Garnelen-Curry (butter chicken, aber halt mit Garnelen) mit Reis, danach Erdbeeren und Pralinen.

Ewig hin und her überlegt, ob ich am Sonntag ins Schyrenbad zum Schwimmen gehen sollte. Als ich abends das Reservierungs-Prozedere recherchierte, stellte ich fest: Eh ausgebucht.

§

Morgens hatte ich weiter Filmchen von und Interviews mit Hannah Gadsby geguckt. Sehr interessant fand ich dieses Interview von Leigh Sales von September 2017.

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https://youtu.be/tbjbTb3s6Xo

Gadsby formuliert präzise und klug, unter anderem erklärt sie, warum sie es für falsch hält, über die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehe per Plebiszit bestimmen zu lassen (das stand zum Interview-Zeitpunkt in Australien gerade an):

This shouldn’t be happening. What we’re doing is we’re asking a minority to basically prove ourselves worthy of the majority. And that’s not fundamentally what democracy is about.

Sie kann auch sehr genau schildern, was eigentlich in Comedy passiert, im Zuschauerraum, zwischen Künstlerin und Zuschauerraum – und wie sie persönlich das für ihre Shows nutzt.

Zum Schluss lässt sich Leigh Sales noch erklären, warum der Diskurs über Kunst heute so abgehoben und volksfern ist – auch darüber hat sich Kunsthistorikerin Hannah Gadsby nachvollziehbare Gedanken gemacht.

§

Warum eine Drag Queen die ideale Kandidatin für eine kurze Einführung in Quantenphysik ist. (via @vonhorst)

Journal Mittwoch, 1. Juli 2020 – Arbeit bis zum abrupten Hitze-Ende

Donnerstag, 2. Juli 2020

Nach zerstückelter Nacht kurz vor Weckerklingeln wach geworden. Draußen zeterten die Amseln.

Yoga bei offener Balkontür, durch Verwechslung schweißtreibender als erwartet.

Beim Packen für die Arbeit bemerkt ich, dass ich meinen Büroschlüssel im Büro vergessen hatte – oder verloren. Die Yoga-Ruhe war umgehend weg, die zehn Minuten frühere Ankunft hatte ich eigentlich dringend für Anderes als Schlüssenrecherche benötigt.

Zum Glück war der Schlüssel nicht verloren, ich fand ihn in einem Nachbarbüro, in dem ich Montagabend noch zu tun gehabt hatte.

Es wurde eine sehr emsige erste Arbeitsstunde, damit ich die darauf folgenden drei frei hatte für eine Besprechung. Diese war dann sehr Kräfte-zehrend, was aber daran gelegen haben mag, dass mir schwindlig war – kann das Unterzucker gewesen sein? Bei mir? Nach der Mittagspause (Butterbrot, ein kleiner Apfel) war der Schwindel auf jeden Fall weg.

Seit dem Morgen hatte ich mich darauf gefreut, auf dem Heimweg mit dem Rad eine Extrarunde zu drehen, vielleicht sogar mit Anhalten und Spazieren. Doch dann verdunkelte sich der Himmel gegen Feierabend bedrohlich, es blitzte sogar. Ich brach überstürzt auf, machte nur einen kleinen Einkaufsabstecher, fuhr sonst auf direktem Weg heim.

Die Luft war schwülheiß, daheim sperrte ich sie gründlich aus der Wohnung.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell einen Nachbau des Acetaia-signature dish: Ravioli gefüllt mit Ziegenfrischkäse.

Es hatte leich abgekühlt, ich setzte mich auf den Balkon und begann ein neues Buch: Zoë Beck, Paradise City.

Der Wolkenbruch kam erst kurz vor acht, brachte dann aber gleich einen abrupten Temperatursturz mit. Wir aßen mit Erdbeeren zum Dessert dagegen an. Ich stellte meinen Blogpost über Wodins Sie kam aus Mariupol fertig – und fragte mich, warum alle anderen Rezensionen, die ich fand, das Buch so gründlich anders gelesen hatten (es hat sogar den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen!). Kannten wirklich so wenige die Details der Verschleppung und Zwangsarbeit der damals „Ostarbeiter“ genannte Menschen?

Journal Dienstag, 30. Juni 2020 – Daheimarbeit und Bankerl

Mittwoch, 1. Juli 2020

Damit der nächste Lieferversuch unserer Balkonbank nicht wieder an „Ach, DIENSTAG?!“ oder „Oh, DIESE WOCHE?!“ scheitert, und weil es derzeit ohnehin arg voll im Büro-Stockwerk wurde, hatte ich Arbeiten von daheim angemeldet – mit leicht schlechtem Gewissen, ob ich wirklich genug zu tun habe, was sich auch daheim, also nur mit Rechner und aus der Ferne, erledigen lässt. Eine völlig unbegründete Sorge.

Die Zeit fürs Radeln in die Arbeit hängte ich wieder an meine Crosstrainer-Einheit an, gestern strampelte ich fröhlich auf Hochtouren.

Die Bank wurde dann sogar fünf Minuten vor „zwischen 9 und 12 Uhr“ geliefert, sah noch hochwertiger als auf dem Foto, sehr nach erwachsener Parkbank, und duftete das Wohnzimmer voller gepflegter Holzgerüche.

Der Vormittag war ausgesprochen anstrengend, denn ich hatte mein Arbeitstelefon auf mein privates Handy umgeleitet, eine wenig komfortable Telefoniertart, und das war sehr geschäftig. Außerdem rief man mich parallel intern über MS Teams an. Und das Arbeiten am Bildschirm eines kleinen Laptops war auch ziemlich ungemütlich (vor allem beim Hantieren mit großflächigen Excel-Listen), ganz abgesehen vom Fehlen eines höhenverstellbaren Tischs – ich musste halt bei zu großen Schmerzen durch die Wohnung wandern.

Mittags bereitete ich mir den Kohlrabi aus Schwägeringarten zu (gedünstet mit Butter und Muskat), aß ihn mit einem Butterbrot (selbstgebacken aus Gefriere).

Beides sehr erfreulich.

Herr Kaltmamsell kam nachmittags heim, doch wir trauten uns nicht, die Bank sofort auf den Balkon zu stellen: Laut Herrn Kaltmamsells Erfahrung müsse man die sicher erst noch einlassen/wachsen/vorbehandeln. Lektüre der beigelegten Pflegeanweisung ergab aber: nein. Dort empfahl man Abstauben wegen möglicher Holzstaubreste, das war’s.

Emsiger Arbeitsnachmittag, ich schaffte alles, was ich mir vorgenommen hatte. Nach Feierabend trugen wir die Bank auf den Balkon, sie passte perfekt. Ich setzte mich drauf (sehr bequem, selbst ohne die Polster, die erst noch kommen) und stillte meinen Hunger mit dem restlichen Kirsch-Pie, bevor ich mich zum ersehnten Fußpflege-Termin aufmachte.

Der Spaziergang durch die sonnige Wärme war wundervoll, und dann bekam ich die Füße schön.

St. Paul in Sommerlicht.

Frisch geschönte Füße. (Metallic, meinte Frau Kosmetik, also Metallic hätten die jungen Frauen dieses Jahr überhaupt nicht.)

Daheim servierte Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl gedämpften Brokkoli aus Ernteanteil mit Gurken-Kokos-Raita, sehr gut.

§

Auf Twitter erzählt @cihansugur von seiner Mutter, die 30 Jahre Bandarbeiterin in der Fleischindustrie in NRW war. Bitte vergessen Sie mir nicht die vielen, vielen Menschen, die so oder ähnlich ihren Lebensunterhalt bestreiten, ohne die sehr viele Bereiche unseres Alltags nicht funktionieren würden und an denen alle Überlegungen zur Zukunft der Arbeitswelt meilenweit vorbeidenken.

§

Und dann deckt @KarlreMarks einen Aspekt des Zeitreisens ab, der im Handbuch für Zeitreisende fehlt: Buchungs-Hickhack in der unzuverlässigen Reise-Industrie.

via @Hystr_cidae

Journal Sonntag, 28. Juni 2020 – Familiengeburtstag

Montag, 29. Juni 2020

Im Bett des Herrn Kaltmamsell aufgewacht, in das ich in den sehr frühen Morgenstunden umgezogen war, weil mein leichter Schlaf durch seine Geräusche gestört wurde. Er protestierte, weil er früher als ich wach geworden war und so nicht an seinen Rechner und seinen Morgenmantel rankam. (Eigentlich möchte er, dass ich ihn in diesen Fällen wecke und wegschicke, doch das hatte ich nicht übers Herz gebracht.)

Auf dem Balkon war es bereits so warm, dass ich gründliches Fensterschließen tagsüber beschloss.

Aufgenommen auf meine Bitte von Herrn Kaltmamsell, echter #boyfriendsofinstagram.

Ausführliche Gymnastik, ein Stündchen auf dem Crosstrainer. Gegen Unterzucker knabberte ich einen Haferkeks und einen Apfel. Kurz nach Mittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof: Ein Zug sollte uns zu einer Familiengeburtstagsfeier bringen.

Dem Hopfen geht’s gut.

Wir hatten den Tipp bekommen, am Bahnhof Ingolstadt Audi auszusteigen – dem Neuzugang unter den Ingolstädter Bahnhalten. In postypokalyptischer Umgebung zwischen Hightech-Fabrikzaun und Parkhaus-Rohbau (was man im Norden Ingolstadts richtig, richtig gut machen kann: parken) gab es eine Bushaltestelle, von der aus ein Bus uns zur Feier brachte. Einen solch perfekten Öffi-Zubringer hat es in Ingolstadt in den vergangenen 30 Jahren nicht gegeben, ich war verwirrt.

Auf der angenehm temperierten Terasse gab es Kaffee und vielerlei Kuchen. Es freute mich sehr, die befreundete Verwandtschaft mal wieder zu sehen. Außerdem bekamen wir einen Eimer voll Ernte, zum Teil selbst aus dem Baum geholt:

Kirschen, Gürkchen, Zucchini, den Kohlrabi hatte Herr Kaltmamsell im Rucksack.

Im München hat es zu regnen begonnen, wir gönnten uns eine Tram nach Hause. Daheim machte Herr Kaltmamsell aus Pulpo vom Vortag eine tomatige Soße und servierte sie mit Spaghetti. Zu sanftem Regenrauschen ging ich zu Bett.

§

Viel verlinkt in meinem Internet, gestern fand ich beim Morgenkaffee Zeit für die Lektüre: Für Geo waren Vivian Pasquet und Daniel Etter mehrere Wochen während der heftigsten Corona-Krise im Universitätsklinikum Bonn.
„Um Leben und Tod: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik“.

Hört man als Laie nur sehr viel Piepen, Pumpen und Klopfen, können die Pflegekräfte mehr als 50 Alarmtöne unterscheiden: Knick im Kabel, Medikament leer, Lungenmaschine streikt; Irgendwas-ist-ab-Alarm, Sauerstoffsättigung zu niedrig, Blutdruck zu hoch; Dialyse gestartet, Luftblase im Schlauch, Blutkonservenkühlschrank zu warm. Herzstillstand-Alarm. Einmal, auf einer Weihnachtsfeier, machten sie bei Keksen und Glühwein ein „Alarmton-Quiz“.

(Oder warum ich von Anfang an zuckte, als es hieß, dann sollten halt Fabriken mal schnell auf die Produktion von Beamtmungsgeräten umstellen – als wenn es sich sowas Simples wie Kaffeemaschinen handelte.)

Journal Freitag, 26. Juni 2020 – Von Rosen und Nelken bei „d‘ junga Leit“

Samstag, 27. Juni 2020

Weil ich morgens nur Minimalsport plante, hatte ich mir den Wecker auf eine halbe Stunde später als sonst gestellt. Doch nach unruhiger Nacht (u.a. wegen geselliger Nachbarn mit Balkongästen) wachte ich sogar früher als üblich auf.

Wir spielten Lieferlotterie: Nachdem wir für eine angekündigte Weinlieferung über DHL den ganzen Samstag davor für Besetzung unserer Wohnung gesorgt hatten und dann doch keine Lieferung kam, hatte ich das Weinpaket auf den gestrigen Freitag terminiert – obwohl Herr Kaltmamsell erst ab halb elf daheim sein würde. Wir erlosten den Hauptgewinn: Lieferung erst, als jemand da war.

Nachdenken über den Umstand, dass niemand in Rente/Pension/Ruhestand gehen kann, ohne dass alle, alle das als „wohlverdient“ bezeichnen. Möglicherweise das hartnäckigste epitheton ornantium der Gegenwart, möglicherweise gibt es demnächst einen Duden-Eintrag in einem Wort: Wohlverdienterruhestand. Befürchten Sprecher und Sprecherinnen, dass ohne dieses Attribut dem scheidenden Kollegen Drückebergertum unterstellt wird? Soll das eine Wort im Vorbeigehen Wertschätzung für das gesamte Arbeitsleben ausdrücken? „Viel zu früher Ruhestand“ geht aber auch nicht, ebenso wenig „mitten aus dem Arbeitsleben gerissen“. Hat schon mal jemand eine Alternative gehört oder gelesen?

Mittagessen waren Birnen mit Quark und Kefir, dazu eine Breze, eine weitere Breze als Nachtmittagssnack.

Auf dem Heimweg von der Arbeit kaufte ich Blumen. Ich wollte gerne Rosen, weil ich immer wieder an wundervollen Rosen in Vorgärten vorbeiradle. Im Ratsch mit der Blumerin lernte ich, dass „d’junga Leit“ sich derzeit nicht für Rosen interessieren, sondern möglichst wilde Zusammenstellungen möchten, wie auf Wiesen. Ich bot den Begriff „instagram-Strauß“ an. Wir kamen auf unpopuläre Blumen, zum Beispiel Nelken – und ich erfuhr, dass es davon inzwischen ganz wundervolle gibt. (Und dass junge Kundschaft durchaus offen für sie ist, solange man ihnen nicht verrät, dass es sich um Nelken handelt.)

Wochenendverschönerung.

Ich kam früh genug heim, dass vor dem Abendessen noch Zeit für einen Aperitif (Negroni) auf dem Balkon war und für Lesen.

Nachtmahl waren Spare Ribs vom Herrmannsdorfer (die schlachten selbst, auch das trägt sicher zu den hohen Preisen bei – aber ich ließ mir mal von einem der Mitarbeiter an der Fleischtheke des Ladens am Vikutalienmarkt erzählen, dass alle, die dieses Fleisch verkaufen, auch mal in der Schlachterei gearbeitet haben müssen), dazu Bulgur mit Gurke, Paprika, Salzzitrone (!).

Einen Teil der Rippchen garte Herr Kaltmamsell im Speiseföhn, den größeren wie gewohnt im Backofen – letztere gerieten deutlich besser. Dazu eine Glas Rosé aus dem frisch eingetroffenen Weinpaket: Mont Clou Cabernet Sauvignon-Syrah Rosado, sehr intensiv und kräftig. Eiscreme Pistazie und Gianduia zum Dessert.

§

Der Wert von Kunst ist ja nicht darüber definiert, dass sie jemand Bestimmtem gehört. Der Wert von einem Kunstwerk besteht doch in dem, was es an Gefühlen, Gedanken, Diskursivität in die Welt bringt.

Daniel Richter

Artikel über lebende Künstlerinnen und Künstler interessieren mich selten. Noch viel weniger will ich von ihnen Aussagen über das eigene Werk lesen, ihre Aussage soll bitte das Kunstwerk sein (dazu zähle ich auch Literatur).1 Deshalb überraschte mich, wie interessiert ich die ausführliche Geschichte im Süddeutschen Magazin las, in der Autor Peter Richter die Entstehung eines Gemäldes von Maler Daniel Richter mitverfolgt (€):
„Wie entsteht ein Kunstwerk?“

  1. Katia Kelms Ausführungen lese ich auch deshalb so gerne, weil sie Techniken erklärt und Mechanismen der Kunstwelt, nicht aber ihr eigenes Werk interpretiert. []

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