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Journal Freitag, 5. März 2021 – Umzugstag, es gibt Überlebende – #WMDEDGT

Samstag, 6. März 2021

Zwar kein Alltag, aber trotzdem ein Beitrag zu Frau Brüllens Initiative #WMDEDGT – Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, mit der sie an jedem 5. des Monats Tagebuch-Blogposts sammelt.

Gemein schlechte Nacht, das Sorgen- und Angstkarussell war mit tausend Unwägbarkeiten und Problemen des Umzugs gut besetzt. Um fünf erklärte ich die Nacht für beendet, duschte, zog mich wieder in Sportkleidung an, veröffentlichte den Blogeintrag, sah, dass es draußen tatsächlich zum ersten Mal seit Wochen regnete.

Räumen und Tragen, bis die Umzugsfirma pünktlich kurz vor sieben eintraf, fünfköpfig. Herr Kaltmamsell übernahm oben in der neuen Wohnung die Richtungsweisung, ich war unten in der alten ansprechbar und erklärte dem Chef Grundsätzliches (was muss hoch, was ins Lager, was bleibt erstmal und wird selbst umgezogen), das er gleich an seine Truppe weitergab.

In den folgenden Stunden war wenig für mich zu tun, ich machte vor allem sauber, wo Möbel und Kisten gestanden hatten. Gerne hätte ich mit Herrn Kaltmamsell Kontakt per Walkie Talkie gehalten, doch er reagierte auf mein Ansinnen mit: „Sind wir 12?“ (JA! Meine innere Zwölfjährige ist sehr lebendig, und „over!“ habe ich schon seit viel zu vielen Jahren nicht mehr gesagt!) (Für die App hätten wir Internet gebraucht, waren aber genau gestern zwischen Internetzugängen, weil auch die umzogen.) Ging natürlich auch so.

Eine schnelle Scheibe Brot, damit ich nicht schon um zehn umfiel. (Ich hatte morgens völlig benebelt nach der schlimmen Nacht Herrn Kaltmamsell gefragt: „Du sagst mir, wann ich zusammenbrechen darf?“ Er antwortete bedauernd: „Auf jeden Fall nicht vor Mittag.“)

Den meisten Aufwand erzeugte wie erwartet das Zerlegen der Küche. Der Profi, der sich hauptsächlich darum kümmerte, machte immer wieder Zwischenmeldung („Den Spritzschutz werden Sie wahrscheinlich nicht mehr verwenden können.“ „Die alten Küchen waren einfacher abzubauen, aber so eine neue, teure macht Arbeit.“) Ich las hin und wieder Twitter und war komplett überfordert mit Markus Söders Wortgeburt „atmende Öffnungsmatrix“.

Gegen halb zwölf war das meiste, das nach oben kam, hochgetragen, und die erste Ladung Küche war im Transporter verstaut. Der Regen hatte sich vor einer Weile in Schnee verwandelt, für meine 3/4-Laufhose war es eigentlich zu kalt. Ich traf mich mit den Umziehern bei den Freunden, die die Küche im Keller einlagern. Während die Herren arbeiteten, plauderte ich im Warmen mit den Freunden.

Und so war es gerade mal zwei, als wir uns am Lager von der emsigen und freundlichen Truppe verabschiedeten. Auf dem Heimweg stoppte ich mit Herrn Kaltmamsell beim Bäcker, daheim gab es nachgeholten Milchkaffee und Kuchen.

Gerne ging ich auf dem Vorschlag von Herrn Kaltmamsell ein, mich ein Stündchen hinzulegen (für Bettbeziehen war Zeit gewesen).

Mein altes Schlafzimmer, ausgeräumt.

Neues Schlafzimmer, erst mal alles irgendwie reingestellt, weil der Wandschrank noch gebaut werden muss.

Danach war ich munter genug für Einräumen, zumindest ein Geschirrschrank war nun wieder bestückt. Ich fühle mich ein wenig lächerlich, dass ich um einen einfachen Umzug, noch dazu im selben Haus, so viel Gewese mache, andere ziehen ständig um, zwischen Städten, und das auch noch mit Kind und Kegel. Aber seit den Studienjahren, in denen ich darauf achtete, immer nur so viel Zeugs zu besitzen, dass ich es jederzeit im Keller meiner Eltern hätte unterstellen können, um ganz weit weg zu gehen, sind offensichtlich ein paar Leben vergangen.

Man hört die Kirchglocken lauter (ich mag Kirchenglocken, das konnten selbst die 9 Monate mit Schlafzimmerfenster 30 Meter von den Glocken der Augsburger Barfüßerkirche nicht ändern), dafür die klavierspielende Nachbarin leiser. Und jetzt gucken wir aus der richtigen Höhe aus dem Wohnzimmerfenster, um die Distelfinken nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen.

Herr Kaltmamsell stürzte sich trotz der Anstrengungen des Tages ins Kochen und servierte Wirsinggemüse mit Manouri, ich steuerte als Nachtisch Grapefruitjoghurt bei.

Früh und erschöpft zu Bett. Für die erste Übernachtung in neuer Wohnung ließ ich den Rollladen oben, um den Ausblick vom Bett aus genießen zu können. Und ich wollte ohnehin so früh aufstehen, dass mich das erste Morgenlicht nicht stören würde.

§

Schnellstartenden Brummfolk suche ich manchmal, in bluesiger, aber eben nicht in hysterischer Stimmung, also gerne tendenziell traurig, aber robust. Ich will mich ja nicht aufgeben, ich will nur einen gewissen Unfrohsinn passend untermalen und mich dabei grob verstanden fühlen. Aber kann man danach vielleicht bei Spotify suchen, nach diesen ganz schlichten, sicher nachvollziehbaren und auch leicht zu fassenden Kriterien? Natürlich kann man das nicht.

Ich weiß verlässlich, dass sich unter meinen Leser*innen musikhörendes Volk befindet, vielleicht kann jemand Herrn Buddenbohm mit Folk-Tipps unter die Ohren greifen?

Journal Donnerstag, 4. März 2021 – Endspurt zum Umzug

Freitag, 5. März 2021

Recht gute Nacht, eine Erleichterung.

Morgens gönnte ich mir zwei gemütliche Stunden, dann duschte ich und zog leichte Sportkleidung an – der Tag würde sehr körperlich werden. Herr Kaltmamsell musste gestern in die Schule, ich arbeitete mich vom Wintergarten in Uhrzeigersinn vor: Leergeräumte Schränke putzen, Dinge hochtragen, weiterputzen.

Der Umgang mit bereits grundgereinigten Küchenteilen (Kühlschrank, Spüle – jede Gebrauchsspur sofort wegputzen) erinnerte mich an meine Kindheit mit Jahreswagen. Mein Vater arbeitete bei Audi, das Prinzip Jahreswagen basiert auf den vergünstigtem Autopreisen für Mitarbeitende, die an die Bedingung geknüpft waren, dass der Wagen erst nach zwölf Monaten weiterverkauft werden durfte. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen hatte mein Vater das Ziel, das Auto möglichst gut weiterzuverkaufen und ständig ein ganz neues Auto zu fahren. Die Folge: Autos waren bei uns nie Gebrauchsgegenstände oder gar Familienmitglieder, sondern wurden mit Glacéhandschuhen und auf Zehenspitzen genutzt: Fahren war ok, doch um Gottes Willen vor Einsteigen Schuhe abputzen, nichts anfassen, auf keinen Fall jemals darin essen oder trinken, denn selbstverständlich war das Ziel, den Wagen nach zwölf Monaten wie ungenutzt anbieten zu können. (Mit welcher Herzenslust ich mein erstes eigenes Auto zumüllte!)

Dazwischen holte ich ein UPS-Paket ab, dass einen Tag früher als angekündigt geliefert worden war – als folglich niemand zu Hause war. Ich holte mir auch gleich Frühstück beim Bäcker: Die erste Mahlzeit in der neuen Küche, mit Zeitunglesen.

Dann ging’s weiter mit Räumen, Putzen, Tragen, um halb zwei verzeichnete mein Smartphone 63 gestiegene Stockwerke.

Leerer Wintergarten, leere Küche.

Ausgeräumter Flur.

Wohnzimmer in Kisten. Herr Kaltmamsell war mittlerweile heimgekommen.

Allerdings protestierte meine Lendenwirbelsäule immer schmerzhafter, ich setzte mich eine Runde. Dann haute es mir ein bisschen das Gestell zusammen: Ich wurde steinmüde und legte mich ins Bett, schlief fast eine Stunde tief – das hatte ich zuletzt in der Reha kurz nach Hüft-Op, wenn ich mich überanstrengt hatte.

Nach dem Schläfchen war ich fit für die nächsten Runden Fegen, Putzen, Packen, Tragen, Einsortieren, Absprechen, Planen. Herr Kaltmamsell baute die speziellen Kleider-Umzugskisten auf, die bis zur Fertigstellung des Einbauschranks in meinem neuen Zimmer meine Kleidung aufbewahren werden, auch die füllte ich noch.

Kurz nach sieben strich ich die Segel, ich konnte nicht mehr. Zum Abendessen gingen wir in die neue Wohnung, in der neuen Küche gab es den köstlichen Räucherfisch aus der Familie mit Vollkornbrot vom Bäcker und wachsweichen Eiern. Und zwei Gläsern Rosé, ich hatte große Lust auf Alkohol.

(Das andere Zeug auf dem Küchentisch hat noch keinen endgültigen Platz gefunden.)

Das waren laut Smartphone 87 Stockwerke und knapp 15.000 Schritte.

Was am eigentlichen Umzugstag spannend wird:
– Klappt das mit dem Internet-Umzug?
– Bringt die Umzugsfirma einen Fachmann mit, der die Küche zerlegen und tranportieren kann?
– Haben wir alles richtig vorbereitet?
– Wird es allen Ernstes nach Wochen Trockenheit ausgerechnet da regnen?

§

Zusammenfassung von Peter Wittkamp des weiteren offiziellen Umgangs mit der Corona-Pandemie in Deutschland laut Länderkonferenz. Etwa so war das auch bei mir angekommen.

Journal Montag, 1. März 2021 – Umzugsberuhigung

Dienstag, 2. März 2021

Fast durch und fast gut geschlafen – welch ein Unterschied! Auch der abgeschlossene Küchenumzug erleichterte mich (Zucker für Milchkaffee und Müesli für das Frühstück von Herrn Kaltmamsell musste ich flugs im Schlafanzug von oben holen), draußen zog ein blauhimmliger Sonnentag herauf, beim morgentlichen Seitstütz sah ich einen aufgeplusterten Sperber vorm untergehenden Mond sitzen – mich ergriff sowas wie Zuversicht.

Bild: Herr Kaltmamsell.

Kalter, sonniger Arbeitsweg, ich ging eine Ecke lang, durch die ich dabei noch nie gekommen war.

Vormittags merkte ich doch noch den Schlafmangel vom Wochenende, doch zum Glück hatte ich nichts allzu Forderndes auf dem Tisch.

Mittags ein Laugenzöpferl und eine große Avocado, jetzt sind von den vier Kilo aus Málaga nur noch drei kleine Exemplare üblich – ohne dass wir damit groß experimentiert hätten, all die gesammelten Rezepte blieben ungenutzt, weil die Avocados einfach so aus der Schale schon so gut schmeckten.

Erkenntnis, warum mich die Pandemie derzeit besonders schafft: Bislang bedeutete Mitarbeit am Schutz für alle in erster Linie, Dinge nicht zu tun, also nicht verreisen, keine Treffen, nicht Rausgehen, keine Restaurant-/Theater-/Kinobesuche. Man konnte aber nichts aktiv tun, wenn man nicht gerade medizinisches Personal oder Forscherin in relevanten Fächern war (außer Maskentragen). Jetzt gibt es einen Impfstoff und ich könnte durch Zum-Impfen-gehen aktiv werden, denn je schneller möglichst viele Menschen geimpft sind, desto langsamer verbreitet sich das Virus (siehe Infektionskurven in Israel, UK und USA). Aber ich darf noch nicht! Und die schlechte Organisation der Impfkampagne verlangsamt sie auch noch! Das stresst mich wirklich.

Nach Feierabend ging ich direkt nach Hause, daheim holte ich Bügeln nach und eine Einheit Yoga.

Herr Kaltmamsell hatte weiter am Umzug gearbeitet: Erste Bücherkisten in Regale geräumt, Kruscht aus alter in die neue Wohnung getragen. (Außerdem hatte er schon vor einiger Zeit den Stadtwerke- und Internet-Teil des Umzugs organisiert.) Ich besprach telefonisch die Unterstützung durch meine Eltern, die am Wochenende nach Umzug zu uns kommen werden.

Nachtmahl war die zweite Hälfte Rübeneintopf vom Sonntagabend.

§

Eva Menasse schwärmt in der NZZam Sonntag, dass Wissenschaftler wie Christian Drosten gegen eine dauererregte Öffentlichkeit auf Tugenden wie Besonnenheit, Präzision, Reflexion, Selbstkritik, begründeten Zweifel setzen:
„Eine Form geistiger Rettung“.

Sie haben sich manchmal innerhalb eines Tages drastisch korrigiert. Ohne jedes schlechte Gewissen: «Ich habe gestern Nacht noch ein paar Studien gelesen, und daher …» Die Arbeit eines Wissenschafters strebt nicht danach, die eigenen Annahmen einzubetonieren, sondern sie hart zu überprüfen. Wie ein Schachspieler, der gegen sich selbst spielt, wie ein Hacker, der die eigene Firewall attackiert: Wie kommt man rein, wo ist mein Leck?

Ausgesiebt wird, was fehlerhaft oder nicht gut genug ist; das Übrige ist vorläufig richtig. Schon am nächsten Tag kann es falsch sein. Und das ist die kühle Schönheit und zwingende Sinnhaftigkeit wissenschaftlichen Denkens, maximal entfernt von all dem entsicherten Meinen, grundlosen Schreien und Beleidigtsein, das die Welt erfüllt. Wir schauen der Wissenschaft so gespannt zu wie früher den Läufern und Kugelstossern all der vielen Sportveranstaltungen, die inzwischen abgesagt sind. Sport und Wissenschaft sind Disziplinen, die im Nachhinein überprüfbar sind, aber daher auch Vorhersagen erlauben: Wie weit ist die Kugel geflogen? Wie viele Geimpfte sind an Covid-19 erkrankt?

Journal Sonntag, 28. Februar 2021 – Ein Tag Küchenumzug

Montag, 1. März 2021

3.30 Uhr: Klogang.
4.30 Uhr: Es ist klar, dass ich nicht mehr einschlafen kann, Küchensorgen treiben mich um, weil die neue Küche höchstens 60 Prozent des Stauraums unserer jetzigen bietet. Ich mache das Licht an und lese Anke Stellings Bodentiefe Fenster aus.
5.30 Uhr: Zum Glück ist Sonntag und ich kann noch eine Runde schlafen, wochentags wäre ich aufgestanden.

Den Vormittag verbrachte ich allerdings mit dem Gefühl eines fetten Katers (Erinnerung an Zeiten mit Dinner Parties, lautem Gelächter mit lustigen Menschen, Alkohol und einer so späten U-Bahn heim, dass ich die einzige im ganzen Wagen bin), nur halt ohne den vorhergehenden Spaß. Und ohne die Ruhe für ein paar Stunden Blödschauen, weil Umzug.

Gestern gehörte zum Umzug die Tiefenreinigung des Kühl-/Gefrierschranks, wir merken uns fürs nächste Mal: Dauert gut zwei Stunden. Auch diesmal dachte ich daran, die Inneneinteilung des Kühlschranks vor dem Ausbau zu fotografieren, und wieder war ich beim Zurückbauen froh um die Aufnahmen. Praktischerweise war es nach den warmen Tagen recht frisch geworden, ich konnte kühlbedürftige Lebensmittel auf dem Balkon aufbewahren (Gefriere war gezielt leergegessen worden).

Duschen und Anziehen, gestern machte ich mir geläutert keine Illusionen über irgendeine Sportmöglichkeit. Semmelholen, Semmelfrühstück.

Das Nachmittagsprogramm bestand aus Leerräumen der alten Küche und Umziehen der Inhalte in die neue, damit der Putzmann am Montag die alte Küche lagerfertig putzen kann. Das machte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell, was eine wirklich gute Sache war. Zwar hätte wir beide die Ordnungs-Entscheidungen des/der anderen akzeptiert, aber zusammen waren sie leichter. Die wichtigste Entscheidung: Wir übernehmen dann doch die bestehenden Kühlschrank/Gefriere und bauen sie nicht samt Nebenschrank zu Gunsten unseres Einzelteils aus der Einbauküche aus. Dazu besprachen wir uns ungewohnt eingehend und systematisch, inklusive der gegenseitigen Ermahnung, die Wünsche des/der anderen nicht vorwegzunehmen (dazu neigen wir beide), sondern wirklich die eigenen Pros und Contras vorzubringen. Ergebnis: Wir stellen den frisch geputzten großen Kühlschrank zusammen mit der restlichen Küche unter und bieten ihn den Nachmietern an.

Schublade für Schublade für Schrankfach räumten wir die alte Küche aus und suchten nach passenden neuen Plätzen für den Inhalt. Wir brachten dann doch fast alles unter, weil wir die wirklich selten gebrauchten Geräte (Fleischwolf, Sandwichtoaster, Nudelmaschine etc.) in ihren Kartons auf die Hängeschränke stellten. Und nochmal ein Menge Zeug aussortierten.

Freude über den neuen Küchenbalkon.

Kurz vor sechs brauchten wir aber eine Pause: Herr Kaltmamsell musste das Abendessen kochen, außerdem hatte ich beim Bäcker Himbeerschnitten für Kuchenpause gekauft.

Der Rest war schnell erledigt: Mehlschrank ausräumen – den nehmen wir mit, da er nach der Sanierung keinen Platz mehr hat – und Töpfe (mit Abschied von den beiden größten, die nicht Induktions-geeignet sind). Anschließend entspannte Herr Kaltmamsell mit Kochen, ich damit, die Lieblingstweets des Februars zusammenzustellen.

Das Abendessen war dann ein englischer Sellerie-Eintopf mit Rotwein (und weiteren Rüben), obendrauf Sellerie-Knödel.

Was neben Sport noch flach fiel an diesem Umzugswochenende: Zeitunglesen, Bügeln, Sonne draußen genießen.

Früh ins Bett mit neuem Buch: Amitava Kumar, Immigrant, Montana.

Zum vorherigen Roman:

Ich fand Anke Stellings Bodentiefe Fenster sehr gut geschrieben, die Not der Ich-Erzählerin nachvollziehbar. Die Beschreibung des Alltags im Mehrgenerationenhaus und in welchen ständigen Konflikten die Hauptperson Sandra darin lebt, sind gar nicht mit Wertungen verbunden (die ich anfangs meinte finden zu müssen). Menschen sind halt so, Sandra kann den Hintergrund und die Motivation von jedem und jeder nachvollziehen. Ihre Biografie entspricht dem Westberlin-Klischee meiner Generation: Kinderladenkind, ihre Mutter ist die beste Freundin der Kinderladen-Betreiberin. Sandra wächst auf mit Liedern und Spielen, die eine gerechtere Gesellschaft zum Ziel haben, die alle Kinder zu freien, solidarischen und engagierten Menschen machen wollen und fest davon ausgehen, alle gleich zu behandeln. Doch sie merkt mit ihrer angeborenen besonders großen Empathie von klein auf, dass auch in dieser Gesellschaft Menschen ausgeschlossen werden, dass Glück, Veranlagung und Zeitgeist den einen bevorzugen, die andere hängen lassen. Und sie leidet darunter, auch als Erwachsene, weil sie einerseits keine Lösung dagegen hat, sich aber dazu verpflichtet fühlt (Kinderladen-Erziehung), etwas zu tun. Ebenso wenig wird uns Leserinnen am Ende eine Lösung geboten, so ist das Leben, so sind die Menschen halt. Da muss man durch, selig diejenigen, die sich ihre Illusionen erhalten.

Journal Samstag, 20. Februar 2021 – Wärmeeinbruch mit Folgen, völlig neuer Brotfehler

Sonntag, 21. Februar 2021

Ausgeschlafen, und das auch noch gut. In zwei Wochen wäre ich schon in der neuen Wohnung aufgewacht.

Draußen entfaltete sich ein herrlicher Sonnentag. Vormittags buk ich Brot (es wurde wieder eine Häusemer Bauerekrume) und strampelte Crosstrainer.

Beim Einschießen des Brots in den heißen Ofen passierte mir ein Missgeschick: Der Teigling rutschte vom Brotschieber auf die offene Ofentür. Ich wurschtelte ihn mithilfe des Schiebers irgendwie auf Backstein mit Backpapier. Das Ergebnis war – denkwürdig. (Und verdient ganz sicher einen eigenen Eintrag unter den Brotfehlern im Plötzblog.)

Von oben.

Von unten.
Aber hey! essbares Brot. (Das Backpapier ließ sich vorsichtig am Stück entfernen.)

Die Kochpläne des Wochenendes machten eine kurz Einkaufsrunde nötig. Das Draußen überraschte mich mit einem Wärmeeinbruch, statt des Ledermantels hätte ein Pulli genügt. Anblicke auf der Runde:
– Krokanten in allen verfügbaren Farben
– Spaghettiträger um nackte Schultern
– nackte Füße in Badelatschen
(Bonus: Wintergoldhähnchen im Nußbaumpark)

Als ich dieses Foto aufnahm, sah ich aus dem rechten Augenwinkel etwas Winziges heranflattern: Ein Wintergoldhähnchen, das ich dann noch ein wenig beim Turnen auf Tannenzweigen beobachten konnte.

Die Straßen und Wege des Glockenbachviertels waren so bevölkert (Eisdielen ZACK! offen), dass ich die FFP2-Maske lieber durchgehend trug, Abstand war praktisch unmöglich.

Frühstück um halb drei: Frische Semmeln.

Jetzt war aber Schluss mit lustig, es gab ja einen Umzug vorzubereiten. Gestern sortierte ich Geschirr und Gläser aus: Es wurden zwei Umzugskisten mit sorgsam in Zeitungspapier eingeschlagenen Dingen – vielleicht mal Teil des ersten eigenen Hausstands der nächsten Generation. Wegzuwerfen gab es auch wieder einiges (ich möchte gerne wissen, wer derart viele leere Schraubgläser für aufhebenswert hielt). Ich genoss es, dass ich während des gesamten Räumens, Sortierens und Hin- und Herlaufens die Balkontür offen lassen konnte.

Abendessen machte ich: Aus dem kleinen Kopf Weißkraut aus Ernteanteil wurden Krautfleckerl nach Österreich vegetarisch (sechste Auflage schon!), diesmal nach Langem mit selbst gemachten Fleckerl. Allerdings hätte ich mal besser meinen eigenen Notizen vertraut, die die „2-3 Esslöffel Wasser“ für den Nudelteig eingeklammert hatten. So vertraute ich dem eigentlichen Rezept – und bekam (wahrscheinlich wieder) zu weichen Nudelteig. Auch wenn ich Mehl nachknetete, war der Teig zu klebrig für die Nudelmaschine, ich walkte ihn mit dem Nudelholz auf viel Mehl aus. (Diesmal strich ich die Wasserzugabe im Kochbuch mit Kuli energisch durch).

Abendunterhaltung: Hail Caesar auf 3sat – ich schmiss mich auch bei der synchronisierten Fassung weg. Ich mag den Blödsinn der Brüder Coen schon arg gern, vor allem mit George Clooney als Volltrottel.

§

Das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo war in meiner Kindheit und Jugend sehr dominant. Ich entnehme den Medien, dass es als Serie neu verfilmt wurde und derzeit gezeigt wird. Ich bin ziemlich sicher, dass ich es damals las, wohl auf selbst hatte, erinnere mich allerdings nur an wenige Fragmente der Lektüre. Till Raether ist etwa in meinem Alter und lebte als Kind und Jugendlicher an genau den Orten, an denen die Handlung spielt. Er schrieb vergangenes Jahr auf, was eine erneute Lektüre mit ihm machte – und weckte viele Erinnerungen bei mir, obwohl ein Aufwachsen in Westberlin und Ingolstadt sehr, sehr unterschiedlich ist:
„Die große Schwester – Wiederbegegnung mit ‚Wir Kinder vom Bahnhof Zoo'“.

Unter anderem hatte ich vergessen, wie zentral damals die Angst vor den Abrutschen der Kinder in Drogensucht war, das Mitzählen von Drogentoten auf den Titelseiten der Zeitungen. Und wie noch selbstverständlicher Rassismus.

§

Zufall, dass ich auch gestern über eine eigene alte Bloggeschichte stolperte, die mich selbst ans Erinnern erinnerte – an meine Vergangenheit als Handleserin:
„Handlinien“.

Journal Freitag, 19. Februar 2021 – Von Bauchweh bis Freitagabend-Tomahawk

Samstag, 20. Februar 2021

Eigentlich gut aufgestanden, doch als es an den täglichen Bank- und Seitstütz ging, wehrte sich alles in mir (mache ich immer ungern, aber mei). Jetzt erst registrierte ich: Zu den Rückenschmerzen war auch noch Bauweh gekommen, der gesamte Rumpf zwischen Hals, Armen, Beinen fühlte sich wund an. Ein Tag Pause würde meine Muskulatur sehr wahrscheinlich nicht schockschrumpfen lassen, also keine Stützerei.

Das blöde Bauchweh hielt an, vermieste mir den Fußweg in die Arbeit (mild, leichtes Regentröpfeln), im Büro hielt ich mich an Kräutertee fest. Irgendwann im Lauf des Vormittags konnte ich nicht mehr einschätzen, ob das noch Bauchweh oder eher Hungerzwicken war und aß ein paar getrocknete Aprikosen. Zu Mittag traute ich mich an die mitgebrachte rote Paprika (guilty pleasure im Februar, ich weiß) und ein Töpfchen Linsensalat – schien beides dem Bauch gut zu tun.

Pünktlicher Feierabend, ich hatte Einkäufe zu tätigen. Dazu nahm ich eine mittel-leere U-Bahn zum Odeonsplatz (dort Demo mit Abstand gegen Rassismus, gestern jährte sich der rassistische Terroranschlag in Hanau mit neun Toten), spazierte zum Hofbräuhausmühlenladen und besorgte Mehle für Brot. Fürs Abendessen kaufte ich am Viktualienmarkt in der Metzgerzeile (die heißt wirklich so) ein mächtiges Tomahawk-Steak fürs Abendessen.

Kurz vorm Wohnhaus kam mir ein unbekannter Mann entgegen, der mich schon von Weitem anlächelte und dann herzlich grüßte – mit FFP2-Maske schaue ich offensichtlich irgendeiner anderen Frau ähnlich. (Habe natürlich herzlich zurückgegrüßt, ich will ja nicht den Ruf der anderen schädigen.)

Daheim setzte ich erst mal Vorteige fürs Brotbacken am Samstag an, dann war noch Zeit für eine Runde Yoga – wieder anstrengend, nach dem Schweiß der Vortage hatte ich mit etwas Entspannendem zur Abwechslung gerechnet.

Herr Kaltmamsell war von seiner Arbeitswoche fix und fertig (sonst murmelt er in dieser Situation immer das „Die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Tage“ aus Schtonk vor sich hin – jetzt war er bereits jenseits), ich reichte Negronis an. Während er dann das Tomahawk-Steak briet (er musste den hübschen Knochen absäbeln, damit das Teil in unsere größte Pfanne passte), bereitete ich das zweite Gericht mit den Bio-Avocados aus Málaga zu: Salat mit Grapefruit, den ORF-Anweisungen von Katharina Seiser nach nur mit Salz, Pfeffer, Olivenöl – plus Kresse aus Ernteanteil. (Ich hatte auch gleich die von ihr gezeigte Schälmethode angewendet, funktioniert tatsächlich bei reifen Avocados, wenn auch nicht immer am Stück.)

Dazu gab’s einen Hipster-Wein aus der Bodega Winery On, die nach eigenen Aussagen „Creations“ anbieten, nicht etwa Wein (hatte jemand schon „Trauben-Konzepte“?).

Ich hatte das Etikett bei unserem montäglichen Einkauf im Mitte Meer gesehen und im Sinne der Wein-nach-Etikett-Käuferin Frau Brüllen eine Flasche Demuerte mitgenommen. Yecla, so fand ich heraus, ist das kleinste und nördlichste Weinanbaugebiet der spanischen Provinz Múrcia. Der Wein ist eine Cuvée mit 50% der autochtonen Traube Monastrell und erwies sich als gefälliger Spanier mit schönen Beeren und sanften Tanninen. Wir genossen sowohl ihn also auch Fleisch (nein, nicht mal wir schafften das Monster ganz) und Salat.

Nachtrag: Als Abendunterhaltung füllte ich eine weitere Lücke meiner Filmbildung und guckte den Bruce-Lee-Film Enter the Dragon von 1973, deutsch Der Mann mit der Todeskralle – ausgesprochen unterhaltsam, filmerisch durchaus kreativ, ich hatte deutlich Schlimmeres befürchtet.

§

Der beste Twitter-Thread zur Rover-Landung auf dem Mars stammt von der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG.

(Traurigster Cartoon zum Vorgänger-Rover Spirit von xkcd.)

§

Gestern gelernt: Die bildliche Darstellung von Eisbergen auf Stockfotos ist komplett falsch.
Korrekte Bezeichnung wäre also statt „nur die Spitze des Eisbergs“ „nur die Seite des Eisbergs“?

Nachtrag 2: Jemand bietet einen Test an – zeichnen Sie hier eine beliebige Eisbergform, wir zeigen Ihnen, wie sie schwimmen wird.

Journal Dienstag, 16. Februar 2021 – Umzugs-vorbereitendes Räumen, nahöstlicher Abend

Mittwoch, 17. Februar 2021

Gut geschlafen, früher als gewollt aufgewacht. Das verschaffte mir aber wieder Gemütlichkeit: Ich hatte Sport vor. Halbes Stündchen Crosstrainer, ein paar Reha-Übungen, dann wagte ich mich mal wieder an ein halbstündiges Rundum-Kraftprogramm mit Hanteln bei Fitnessblender. Ich konnte es bis zuletzt durchturnen, hatte mit Rumpfkraft gar kein Problem, musste aber bei Squats und Ausfallschritten ein wenig langsamer machen. Das wird sehr wahrscheinlich einen monumentalen Muskelkater ergeben.

Besuch! Ich wusste schon gar nicht mehr wie das ist! Na gut, es war eine Wohnungsbesichtigung unserer potenziellen Wunsch-Nachmieter (Freunde, deswegen große Freude über das kurze Wiedersehen – natürlich vollmaskiert).

Gestern ließ ich das Frühstück aus und aß gleich zu Mittag: Kartoffelsuppe vom Vorabend.

Zeitunglesen, dann drängte es mich zu weiterer Umzugs-vorbereitenden Räumerei. Ich entdeckte, dass ich auch lang nach Start dieses Blogs weiter in meinem Tagebuch geschrieben hatte – keinerlei Erinnerung daran. Alte Tagebücher wurden weiter aufbewahrt, alte Taschenkalender 1991-2010 warf ich weg (ich bin recht spät auf elektronischen Kalender umgestiegen).

Weiteres Räumen im Keller. Das Resultat waren zwei Hand voll Wegzuwerfendes, aber auch eine sortierte Kiste mit Renovier- und Umzugsmaterial, darunter zahlreiche Glühbirnenfassungen mit Lüsterklemmen, inklusive altmodischer Glühbirnen, essenziell für die Übergangstage zwischen den Wohnungen.

Die Post brachte einen Tag vor angekündigtem Termin und mit erstaunlich wenig Verpackung ein Kistlein mit Bio-Avocados, das ich bei Crowdfarming bestellt hatte.

Zwei, drei waren essreif, der Rest braucht noch – also genau richtig. Als Nachmittagssnack gab es aber Granatapfelkerne und ein köstliches geschenktes Punschkrapferl.

Internet- und Buchlesen, Telefonate mit meinen Eltern, die ich am Wochenende besuchen möchte.

Eine Yoga-Runde, bevor ich uns das Abendessen holte (Wetter gestern: grau, manchmal ein wenig Regen, sehr mild). Das Servus Habibi ist nicht nur derzeit Foodie-Stadtgespräch, sondern auch gleich ums Eck (mit nahöstlicher Küche im südlichen Bahnhofsviertel praktisch eine Eule in Athen), außerdem sah die Speisekarte verlockend aus.

Ich bestellte erst vor Ort, musste dann natürlich ein wenig warten (und bekam zu meiner Bestellung Getränke geschenkt).

Wir hatten Dukkah Chicken (oben) und Einmal satt bitte! – schmeckte ganz hervorragend und frisch. Die arabischen Brotfladen dazu sind eh ein Renner, es gibt inzwischen in unserem Viertel zahlreiche darauf spezialisierte Kleinst-Bäckereien.


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