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Journal Montag, 19. Oktober 2020 – Ungewohntes Wasser

Dienstag, 20. Oktober 2020

Das gestrige Therapieprogramm enthielt unter anderem fünf Sport-Einheiten; nach der Erschöpfung allein schon durch Spazierengehen war ich gespannt, was das mit mir machen würde. Ergebnis: Gar nicht so schlimm, war wohl eine andere Art Belastung.

Ich hatte gut und vor allem lang geschlafen. Obwohl ich Sonntagabend schon um halb zehn in tiefen Schlaf gefallen war, stellte ich nachts den Wecker auf sieben vor – und hätte auch dann noch gerne weiter geschlafen.

Zum Frühstück nur Tee, ich hatte keinen Hunger – so kenne ich mich.

Das Programm begann passiv mit der doofen Bewegungsschiene, aber dann ging’s ziemlich aktiv weiter, nämlich mit Pilates (bei einem Trainer, der keine Atem-Unmöglichkeiten forderte) und einer Stunde freier Reha-Gymnastik.

In der Visite sprach ich meine Schmerzen an. Der Arzt untersuchte mich mit Heben und Drücken, stellte fest, dass das Hüftgelenk selbst in Ordnung sei, es sich um reine Muskelschmerzen handle, die er auf die ungleiche Belastung zurückführte. Das Pflaster kam weg, ich konnte meine Narbe ausführlich ansehen (noch ziemlich gruslig).

Ich freute mich über Zeit und Gelegenheit für einen Cappuccino.

Trotz Sonnenschein draußen graue Schatten auf dem Gemüt.

Mittags mit wenig Appetit Nudeln mit Genüsesoße und ein wenig Salat gegessen, auf den Krapfen zum Dessert hatte ich überhaupt keine Lust.

Lymphamat im 3. Stock, das beste daran die sonnige und herrliche Aussicht auf den Tegernsee.

Einzelstunde Reha-Gymnastik. Ich schilderte wieder meine Beschwerden, bekam gezielte Dehn-Übungen. Und den Rat, nie über die Schmerzgrenze hinaus zu sporteln, darauf bitte auch im ersten Wassertraining zu achten, auf die ich mich so freute. Heilen zieht wohl wirklich viel Energie, meine Erschöpfung nach ein bisschen Spaziergang sei ganz normal.

Auch in der Einzel-Physio thematisierte ich meine Schmerzen, Herr Physio stellte sich darauf ein. Er ließ mich abschließend auf einem Bein stehen, auch auf dem operierten: Kein schiefes Becken, die Kraft ist voll da, das wird.

Die ersehnte Wassergymnastik war dann sehr seltsam. Wasser ist je meine enge Freundin seit meinem Säuglingsschwimmkurs, und so lockte es mich beim Hineinsteigen wie gewohnt mit: Schwimm mich! Spiel mit mir! Doch das durfte ich ja nicht, ich musste die körperliche Vertrautheit ähnlich vehement abwehren wie die mit Herr Kaltmamsell am Samstag. Die Gymnastik war dann nett (wir waren nur zu zweit plus Trainerin, um uns zogen ein paar Patientinnen und Patienten Bähnchen), und das wehe Hüftgelenk wackelte genug, um den Respekt aufrecht zu erhalten.

Nicht vergessen hatte ich die Kehrseite der so angenehmen Wassergymnastik: Für 25 Minuten Bewegung derselbe Rundum-Terz wie für anderthalb Stunden Schwimmen, also vorher umziehen und duschen, nachher den Chlorgeruch abschäumen, duschen, haareföhnen, eincremen, nassen Badeanzug und feuchten Bademantel irgendwo zum Trocknen drappieren. In dieser Rehaklinik kommt ein langer Weg zum Schwimmbad dazu: Zwar konnte ich den in Bademantel und Schlappen diskret über das Untergeschoß zurücklegen, also durch Turnhallen und die Gänge dazwischen statt durch Cafeteria und Foyer – begegnete in diesem Aufzug allerdings immer noch viel zu vielen Nicht-Schwimm-Menschen für meinen Geschmack.

Zum Abendessen hatte ich dann doch Hunger – eigentlich sogar davor, ich musste mit Nüssen und Trockenaprikosen überbrücken. Es gab Kartoffelsuppe und griechischen Salat, wieder bedauerte ich die armen Tomaten, die in der Kühlung Geschmack verlieren, dafür Pappkarton-Konsistenz annehmen mussten.

Start einer neuen Lektüre: Celeste Ng, Little Fires Everywhere.

Vielleicht sollte ich erleichtert sein, dass 2020 für mich nicht nur aus Corona besteht. Sondern auch aus #ProjektneueHüfte.

Auch wenn ich es hier nicht notiert habe: Mich beunruhigt die rapide ansteigende Zahl von Corona-Infektionen in Europa, in Deutschland, in München. Theoretisch wusste ich zwar, dass wir noch viel Pandemie vor uns haben und es noch viele Monate bis zu einem Nachher ist. Doch ganz praktisch fürchte ich mich jetzt in der zweiten Welle vor apokalyptischen Zuständen mit vielen Betroffenen und Toten ersten Grades (also wegen Covid-19) und zweiten (wegen anderer Erkrankungen, die ein überlastetes Gesundheitssystem nicht mehr auffangen kann). Und mich bedrücken die Einschränkungen des Alltags auch ohne Lock-down: Keine Ausflüge, keine Besuche bei Freunden und Familie, jeder Schritt außer Haus erfordert Abwägung, keine langfristige Planung.

Journal Sonntag, 18. Oktober 2020 – Sonniger Tegernsee und Mary Wesley, The Camomile Lawn

Montag, 19. Oktober 2020

War eine gute Nacht, allein schon das Kissen half.

Kein Regen, also Spaziergang nach dem Frühstück im Park. Seit ein paar Tagen sind die Wiesen voller Tintlinge.

Zu meiner Beruhigung ging das Gehen besser. In den beiden Tagen davor schmerzten mich viele Bewegungen (evtl. wegen Verringerung der Schmerzmittel?), so dass ich wieder humpelte – ich kann nicht an einem symmetrischen Gang arbeiten, wenn er mir Schmerzen bereitet.

Ausführliche Runde im „Bewegungscenter“, draußen ließ sich die Sonne immer deutlicher sehen.

Mittagessen waren ausgezeichnete Kaspressknödel (wenn auch Kugeln und nicht flach) in einem Butter-See, dazu Mais-Karotten-Salat, danach Weiße-Schokoladen-Mousse.

Kurzes Verdauungsschläfchen, dann zog es mich raus in die Sonne. Ich spazierte, so weit möglich am Ufer entlang, Richtung Bad Wiessee.

Nicht abgebildet: Haubentaucher, die ich einige Male entdeckte.

Der oben abgeflachte Berg ist der Wallberg, auf dem ich die beiden Skiwochen meiner Gymnasialzeit verbracht habe, untergebracht im Wallberghaus. Aber nichts an der hiesigen Umgebung ruft Erinnerungen hervor.

Der Söllbach, der direkt am Klinikgelände vorbeifließt.

Zum Abendessen hatte ich bereits die zweite Hälfte Radicchio mit Schimmelkäse als ersten Gang gehabt, im Restaurant gab es Reis mit Gemüsecurry. Jetzt ging ich wieder beschwerlich und von Schmerzen gestört, ich werde mich mit dem Physio-Team darüber unterhalten.

Mary Wesley, The Camomile Lawn ausgelesen. Innerhalb von zwölf Monaten der dritte englische Roman, der unter jungen Leuten um den zweiten Weltkrieg spielt (die anderen beiden waren Judith Kerr, Bombs on Aunt Dainty und Nancy Mitford, The Blessing) – ich glaube, das Thema kommt in England gut an. Diesmal sind die jungen Leute Kusins und Kusinen aus der upper middle class (will heißen: sowas wie Lebensunterhalt wird nie erwähnt, alle wohnen so großzügig, dass sie jederzeit die anderen unterbringen können), und London im Krieg ist eine einzige Party. Oberflächlichkeit wird gefeiert, dennoch sind die Figuren als liebenswerte Charaktere gezeichnet. Neben ihnen spielen auch Flüchtlinge aus Deutschland eine Rolle, doch vor allem als pittoreskes Detail. Verwoben in die Handlung der Kriegszeit sind Kapitel, die 40 Jahre später spielen: Die Protagonistinnen von damals auf dem Weg zur Beerdigung einer der Hauptfiguren, im Gespräch mit der nächsten Generation. Das ist erzähltechnisch hervorragend gemacht, denn in diese Gesprächen stecken wichtige Informationen für die Haupthandlung, inklusive ihrer Interpretation im Nachhinein. Ich las das Buch sehr gern, doch mein Liebling ist die Perspektive von Judith Kerrs Roman im Flüchtlingsmilieu, in dem die kleinen und großen Kämpfe ums alltägliche Überleben eine Rolle spielen.

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Gespräch mit Prof. Christian Drosten u.a. darüber, warum er sich sehr früh für öffentliche Sichtbarkeit entschieden hat, was er über Medien und Kommunikation gelernt hat (er vergleicht die Rolle der Medien mit der eines Medikaments).

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https://youtu.be/B_DTWtwhlBA

Journal Samstag, 17. Oktober 2020 – Besuchstag!

Sonntag, 18. Oktober 2020

Bevor ich nachmittags Besuch von Herrn Kaltmamsell bekam, hatte ich erst noch ordentlich Programm.

Wovon allerdings der Spaziergang nach dem Frühstück gleich mal ausfiel, da es draußen schüttete. Dann gab es eine Gruppenrunde „Fußstatik“, in der die Trainerin die Muskulatur des Fußes und seine Bedeutung fürs Gehen erklärte, einige Übungen machen ließ.

Programmpunkt 2 war Fango (gibt es einen belegbaren Unterschied zu einer Heizdecke? ernsthafte Frage), ich schlief fast ein. Für „Bewegungsschiene“ (kurzes Augenrollen) irrte ich ein wenig herum: Der gewohnte Ort war verschlossen, ich hatte im Programm übersehen, dass ich diesmal in den dritten Stock musste und verspätete mich. In diesem Fall sehr egal.

Mittagessen war nach einer kräftigen Gemüsebrühe Ofengemüse mit Kartoffeln, zum Dessert ein Schoko-Kokos-Küchlein.

Kurz nach zwei kam endlich mein Besuch, und der Regen hatte tatsächlich aufgehört. Herr Kaltmamsell musst an einem eigenen Besuchertisch im Rezeptionsbereich (immer nur ein Besuch auf einmal) ein Formular ausfüllen, seine Temperatur wurde gemessen. Er hatte mir auf meinen Wunsch mein Kopfkissen mitgebracht (das hiesige ist ein riesiges, fast nicht zusammendrückbares Quadrat – um darauf wirklich nur meinen Kopf zu betten, Prinzip Nackenkissen, muss ich so weit im Bett runterrutschen, dass meine Füße überstehen), außerdem ein wenig Winterkleidung (Zack! sind für nächste Woche 17 Grad angekündigt).

Ich nahm ihn mit in die Cafeteria zu KaffeeundKuchen mit Plexiglas dazwischen – es gab hervorragende Marzipantorte.

Es war weiterhin trocken: Bei einem Parkspaziergang konnte ich Herrn Kaltmamsell zeigen, wo die Spatzen wohnen. Wir verließen das Klinikgelände auch für eine kleine Strecke am See, dann war der Besuch schon wieder vorbei: Ich holte einige Dinge aus dem Zimmer, die Herr Kaltmamsell bereits zurück nach Hause nehmen konnte und verabschiedete ihn – wieder berührungslos, erst nach meiner Reha gehören wir wieder zu einem Haushalt.

Ein weiteres Mitbringsel war Radicchio mit Blauschimmelkäse und Balsamico-Dressing gewesen:

Ich hatte beim Anblick des dieswöchigen Ernteanteils so laut gewinselt, dass ich ein wenig davon bekam. Die Hälfte aß ich als ersten Gang des Abendessens (die andere Hälfte bewahre ich kühl auf meinem Balkon auf), im Restaurant gab es dann als zweiten Gang eine Ofenkartoffel mit Kräuterquark.

Journal Donnerstag, 15. Oktober 2020 – Narbenschau und Ausflug vor die Kliniktore

Freitag, 16. Oktober 2020

Die Nacht endete um vier, bis zum Weckerklingeln war nur noch Dösen drin.

Beim Frühstück saß ich einer neuen Tischgenossin gegenüber (schräg, mit Plexiglasscheibe dazwischen), möglicherweise etwas redseliger als ihre Vorgängerin.

Morgenspaziergang bei feuchter Kälte unter grauem Himmel, die frische Luft tat trotzdem gut.

Ausführliche Sporteinheit an Geräten und auf dem Boden, ich kam sogar ins Schwitzen.

Mei, wenn „Bewegungsschiene“ im Plan steht, dann mache ich die halt auch, sonst gibt’s Punkteabzug bei der Deutschen Rentenversicherung. (Spaß.) (Oder?)

Visite auf meinem Zimmer. Ein weiterer Arzt guckte auf meine Narbe: „Ah, ein Garmischer Schnitt.“
Das erzählte ich natürlich sofort auf Twitter – stellt sich heraus, dass es auch Krankenschwestern gibt, die Kaiserschnittnarben einem Operateur zuordnen können, Urologen, die sogar den Verursacher von 40 Jahre alte Narben identifizieren. Merken fürs nächste Ärzteserien-Drehbuch (oder als Indiz in einem Krimi: „Das Opfer stammt angeblich aus Tschechien – wie kommt es dann zu einer eindeutig niedersächsische OP-Narbe?“).

Auch dieser Arzt freute sich über meine Fortschritte, mahnte aber, dass das Implantat so oder so drei! Monate! zum Einwachsen brauche.

Der Terminplan erlaubte einen Cappuccino in der Cafeteria, den ich sehr genoss. Ich lasse ja immer aufs Zimmer buchen, um gesammelt bargeldlos bei Abreise zahlen zu können. Doch weil ich dadurch kein Trinkgeld gebe, hatte ich am Mittwoch der freundlichen Bedienung zwei Euro gesammeltes Trinkgeld hinterlassen. Ich glaube, das hat sie gefreut. Gestern saß ich gerade mal, als sie schon rief „Ein Cappuccino?“ und beim Servieren die Rechnung aufs Zimmer gleich mitbrachte.

Mittagessen: Wok-Gemüse mit Sprossen, Tomaten, Chinanudeln war angekündigt, das Verhältnis allerdings andersrum Chinanudeln mit. Schmeckte aber gut. Vorher Champignoncremesuppe, als Nachtisch besonders guter Zwetschgenröster mit Zimtschmand.

Nach einer weitere pneumatischen Einheit „Lymphamat“ machte ich mich fertig für ein erstes Verlassen des Klinikgeländes: Ich wollte ein bisschen in der Umgebung spazieren. Das Wetter weiterhin trüb und kühl, doch es war herrlich, ein bisschen echtes Draußen zu genießen.

Nach 45 Minuten gemütlichem Krückeln war ich allerdings erstaunlich erledigt und legte mich zurück im Zimmer erst mal flach.

Neue Lektüre: Mary Wesley, The Camomile Lawn, die Geschichte einer Gruppe Kusins und Kusinen in England, vom Start des Zweiten Weltkriegs bis 40 Jahre danach. Ging schon mal einladend los, ist gut erzählt.

Abendbrot war eine ordentliche Portion Obatzda, davor Tomatensuppe mit viel Einlage, dazu Brot.

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Wortschnittchen lebt in Chile, genauer: in Santiago de Chile. Und ihr platzt gerade der Kragen wegen des Genöles in Deutschlland über Corona-Regeln. Sie erzählt, wie sich fünf Monate echte Quarantäne anfühlen.
„Quarantäne, Lockdown & Co.“

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Kleidungshistorikerin Bernadette Banner (die mir bereits die weit verbreiteten Fehlannahmen über Korsetts im Lauf der Geschichte ausgetrieben hat) will sich nicht immer nur über Ungenauigkeiten in Historienfilmen ärgern. Diesmal schwärmt sie über „5 Historical Films That Got the Costumes RIGHT.“

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https://youtu.be/uPUCXnjtIlE

Journal Mittwoch, 14. Oktober 2020 – Geranienabtrieb und Gehen auf dem Mond

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Hungrig aufgewacht. Ich fürchte, ich komme mit zwei zusätzlichen Konfektionsgrößen heim, da mein Hunger kein Pendant in Bewegung hat.

Morgenspaziergang nach dem Frühstück (kalt, ich sehnte mich nach einer Mütze): Ein Schwarm Bachstelzen schaute vorbei, war niedlich und leistete den Amseln, Rotschwänzen, Spatzen, Buchfinken, Kohlmeisen Gesellschaft.

Tagesprogramm (sieben Termine) startete mit Pilates, diesmal zu viert. Ich begriff nicht, wie das mit der Atmung/Spannung gemeint ist – es scheint etwas ganz anderes zu sein als beim Singen, beim Yoga, beim Joggen, beim Krafttraining, kein Versuch stellte die Trainerin zufrieden.

Die knappe Stunde Pause bis zum nächsten Termin verbrachte ich in der Lobby mit Blick nach draußen. Ich wurde dadurch Zeugin eines erhebenden jahreszeitlichen Naturschauspiels: Abräumen der Balkonblumen.

Das musste ich sofort mit instagram und Twitter teilen; wir waren uns einig, dass hier eine wertvolle Chance zur Festivalisierung verpasst wurde:

Herr Physio lockerte Muskeln und fragte dann, ob ich schon ohne Krücken gehen könne. Können tue ich ja schon, doch ich soll doch nicht? Er ließ mich auf dem Gang vorgehen und teilte mir seine Beobachtungen mit (OP-Bein rollt nicht richtig ab, Belastung darauf kürzer als auf heilem Bein). Ich fand heraus: Wenn ich im Kopf Musik spielen lasse und im Rhythmus gehe, also eigentlich tanze, fällt es mir viel leichter, beide Beine gleich stark zu belasten. (Mein Hirn griff dafür zu „Havana Moon“ von Santana, das passte gut.) Das zog ich den Tag über durch (Hirn blieb leider bei diesem einen Song hängen) und hatte den Eindruck, dass ich mich schlagartig meinem früheren gesunden Gang annähere, den ein besuchender Schriftsteller mal „like a policewoman on a drug squad“ beschrieben hatte. Und das, wenn ich kurz erinnern darf, nicht mal zwei Wochen nach OP.

Schlechte Nachrichten allerdings beim Thema Schwitz-Sport. Nachfrage bei Herrn Physio, ob da irgendetwas geht, ergab: Nein. Bis auf Weiteres nicht.

Anschließend eine Einheit Bewegungsschiene mit Musik auf den Ohren.

Der nächste Termin war Elektrotherapie: Auf Nierenhöhe wurden mir hinten zwei halb-kiwi-große Gumminäpfe mit Schwammfüllung angesaugt, durch die zehn Minuten lang Strom floß und rührendes Bitzeln auslösten. Ich konnte mir gut ausmalen, welche Witze mein Elektriker-Papa reißen würde. ABER! Durch die Kürze der Behandlung hatte ich Zeit für einen Cappuccino.

Zu Mittag war ich schon wieder richtig hungrig. Ich hatte zur Fleischvermeidung Dampfnudel mit Vanillesoße bestellt, aß davor ein wenig Couscous-Salat, danach Pfirsichkompott. Wie erwartet fiel ich anschließend in Kohlenhydrat-Schläfrigkeit.

Gleich nach Mittag war meine tägliche Sportrunde eingetragen. Ich kämpfte mit den Oberkörpermaschinen, die die Karte (Größe Kreditkarte) nicht erkannten, auf der meine Einstellungen gespeichert waren. Eine Trainerin half mir, musste letztendlich alles nochmal neu einstellen und speichern.

Dann durfte ich auf dem Mond gehen! Der Termin hieß „Gehtrain.Antigrav.“ (Platzgründe, nehme ich an), man steckte mich in eine Antigravitationsmaschine, die aussah wie ein Laufband mit Zeltaufsatz für den Unterkörper. Die Trainerin ließ mich eine Neoprenhose anziehen, deren sehr weiter Bund in ein Loch im Zelt einreißverschlusst wurde. Dann blies die Trainerin die Kammer auf und ich war auf dem Mond, denn der Druck trug mich. Sie schaltete das Laufband ein, ich sollte gehen, und mein Gehen wurde gefilmt. Die Trainerin gab 20 Minuten lang Verbesserungshinweise zu meinem noch nicht wieder gleichmäßigen Gehen (OP-Bein mehr nach hinten strecken, Nicht-OP-Bein weniger schnell nach vorne führen etc.). Das war technisch spannend, aber ich hege Zweifel, dass die Übung Auswirkungen auf meinen irdischen Gang hat, wo die Schwerkraft zu 100 Prozent wirkt. (Die Trainerin verwendete statt dem deutlich attraktiveren Mond-Vergleich Wasser-Analogien, sie wird schon wissen.)

Letzter Termin war eine dritte Einheit Gehen: Gangschule in der Gruppe in der Turnhalle. Eine halbe Stunde quer duch die Halle mit Abrollen vorwärts, Gehen seitwärts, auch mit Kniehoch. Und nun signalisierte meine neue Hüfte, dass jetzt aber mal genug gegangen war für einen Tag, ich war wirklich erledigt. So sehr, dass ich sogar auf den Spaziergang nach dem Abendessen verzichtete.

Abendessen: Suppe, Hüttenkäse mit Kräutern, Butterbrot. Abenunterhaltung: Fernsehen, The Good Doctor.

Journal Montag, 12. Oktober 2020 – Lymphpneumatik, Schnee und Aussicht

Dienstag, 13. Oktober 2020

Langsam gewöhne ich mich daran, dass ich mich jetzt wieder langsam setzen kann und nicht mehr plumpsen muss.

Mittelgute Nacht, netto kam ich auf genug Schlaf. Bei einer Spazierrunde vorm Frühstück unter grauem Himmel entdeckte ich, dass die umliegenden Berggipfel über Nacht beschneit worden waren.

Endlich ein Tag mit Programm, wenn auch übersichtlichem. Der erste Termin nannte sich „Lymphamat“. Ich hatte natürlich gleich mal recherchiert: Es handelt sich um eine aufpumpbare Manschette, die eine Lymphdrainage simulieren soll.

Dafür fuhr ich in den dritten Stock des Haupthauses – und entdeckte, dass es unterm Dach eine ganze Therapie-Etage gibt.

Sensationelle Aussicht im Raum mit vier Lymphamat-Liegen, auf der Tonspur deshalb vierstimmig Pneumatisches. Doch der Einrichtungsstil lässt mich mittlerweile ständig ein Aufkreuzen von Maria und Margot Hellwig befürchten.

Anschließend schickte mich das Programm in ein Stüberl für den „Top Fit Vortrag“ einer Diätassistentin. Ein Dutzend Patientinnen und Patienten durfte einem 7.-Klass-Referat über „gesunde Ernährung“ beiwohnen. Mit Requisiten.

Arztvisite auf dem Zimmer, mir wurde die Sorge um eine harte, schmerzende Stelle über der Narbe wegerklärt (Blutansammlung von OP, die erst verschwinden muss, Nerven drunter, die rebellieren),

Gestern war ein Fresstag. Ich hatte schon zum Frühstück Hunger (Müsli mit Joghurt), aß zwischen Terminen eine Hand voll getrocknete Aprikosen, holte mir in der Cafeteria einen Cappuccino, freute mich aufs Mittagessen (Gemüse-Omelette mit Brokkoli und Tomatensalsa, davor Salätchen, danach Johannisbeerquark).

Spaziergang nach dem Mittagessen, es war zapfig kalt.

Nachmittagstermine: Sport 1 in Form von anstrengender Hüftgymnastik, Physio (Muskelstränge-Ausstreichen), dann wurde ich für den Programmpunkt „Bewegungsschiene“ in eine Kabine gewiesen, brachte die Schiene aber ohne jede Anleitung nicht zum Laufen (ich guckte sogar bei YouTube nach, doch das Bedienungsteil zeigte etwas Anderes an). Ich zog also Sport 2 vor, Ergometerradeln (mag ich ja gar nicht, brachte auch meinen Puls nicht hoch, doch auf absehbare Zeit wird wohl keine echte Cardio-Bewegung möglich sein) und Oberkörpermaschinen.

Lesen bis zum Abendessen: Sehr guter Linsensalat mit viel Gemüse, fürs Sattwerden dazu zwei Butterbrote.

Journal Freitag, 9. Oktober 2020 – Gelassenheit und Rebecca Makkai, The Great Believers

Samstag, 10. Oktober 2020

Anstrengende Nacht mit zweistündiger Schlafpause, die ich irgendwann halt lesend verbrachte. Ich stand früh auf und nutzte die ruhige Zeit der Stationspflegerinnen, sie um Hilfe beim Anziehen des Kompressionsstrumpfs zu bitten (den DARF ich nicht allein anziehen). Die Helferin versicherte mir, dass das Tragen bald sehr viel besser werde, vor allem wenn es bereits morgens mit noch nicht geschwollenen Beinen beginne. Sie hatte recht.

Nach dem Frühstück erster Spaziergang – Anschlussversuche durch herzliche Einsilbigkeit abgewehrt. Vögel im noch ausgeschalteten Springbrunnen beobachtet, zum Teil beim Waschen: Amseln, Kleiber, Rotschwanz, und überm See Möwen.

Keine Möwe.

Lesen auf dem Zimmer bis zum einzigen Vormittagstermin, ein paar getrocknete Aprikosen gefrühstückt. Der Termin umfasste weitere Einweisung in Sportgeräte. Unter anderem wurde eine Reihe Oberkörper-Maschinen für mich eingestellt, die darf ich sogar täglich. Als Frau Physio vom Vortag mich ohne Krücken zwischen den Geräten gehen sah, war sie begeistert: „Nach sieben Tagen!“ Plauderei mit dem Trainer unter anderem über die mangelnde Datenbasis vieler Sportgesundheits- und Trainingstipps. Die Einrichtung wird offensichtlich auch von Berufssportlerinnen und -sportlern genutzt: An der Wand bei der Anmeldung Fotos mit handgeschriebenen Danksagungen von prominenten Menschen, deren Namen sogar mir vertraut waren (und meine Zuguck-Sportkenntnis endet ungefähr bei Martina Navratilova und Klaus Allofs).

Charmantes Detail: Gesund für mein Hüftgelenk ist eine Sitzhaltung, bei der die Füße relativ eng stehen, die Knie aber auseinander fallen – fast genau die Sitzhaltung, die ich als Kind hatte, bevor man sie mir als ungehörig (ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut) aberzog. Die Beine übereinander zu schlagen ist mir noch länger untersagt als das Abknicken der Hüfte über 90 Grad – was mir auch gestern nochmal erklärt wurde. Diesmal mit der Gelenkkapsel, die bei der OP stark verletzt wurde und jetzt erst wieder zusammenwachsen muss – idealerweise eng und dicht, um auch langfristig eine Luxation zu verhindern.

Mittagessen: Senfeier mit Spinat und Kartoffeln (vorher Salätchen, nachher Blaubeerquark). Ich war etwas verdutzt, dass die Senfsoße mit Rotisseursenf aromatisiert war und deshalb nicht wirklich nach Senf schmeckte, aber besser als gar kein Senf.

Eine Pflegerin brachte mir den nächsten Therapieplan aufs Zimmer, die nächste Woche sieht schon interessanter aus.

Über einem Cappuccino las ich in der Cafeteria Rebecca Makkai, The Great Believers aus – bis zuletzt gefiel es mir sehr gut. Mehr unten.

Erneuter Spaziergang. Dabei kam endlich das Gefühl an, dass ich erst mal nichts muss. Selige Gelassenheit.

Der eben verstorbene Herbert Feuerstein hat seinen Nachruf selbst hinterlassen. Ich sah ihn über die ARD-Mediathek an.

Vor dem Abendessen bat ich im Schwesternzimmer um eine Schlaftablette – und schämte mich eigenartigerweise dafür. DAs MüsSeN wIr uNS mAl GeNaUEr AnSehEN. (Psychoanalyse hat meine Reflexionsfähigkeit beschädigt.)

Nachtmahl war Matjes Hausfrauen Art, allerdings mit gekochten statt Bratkartoffeln – schmeckte gut!

§

Wie kann man die verheerendsten Jahre der AIDS-Epidemie in den USA literarisch verarbeiten? Es gibt wohl nicht viele, die das bislang versucht haben. Rebecca Makkai hat sich für ihren Roman The Great Believers klugerweise dafür entschieden, sie zum sehr dominanten, aber technisch doch Hintergrund für zwei Geschichten mit eigenem Spannungsbogen zu machen.

Der eine spielt in Chicago 1983-1991. Im Zentrum steht der junge schwule Yale Tishman, der mit dem Voranbringen einer Kunstgalerie beauftragt ist. Um ihn die gay community Chicagos, sein Partner Charlie gibt das größte Schwulenmagazin heraus. Während Yales Alltag durch das Thema AIDS bestimmt wird (wer wurde wie getestet, soll man überhaupt, wer ist wie krank, Entwicklung von Medikamenten, wer bezahlt), steht er vor einem sensationellen beruflichen Durchbruch: Die greise Verwandte seiner Freundin Fiona bietet der Gallerie eine Reihe von Zeichnungen weltberühmter Maler an, die sie aus ihrer eigenen Künstlerzeit im Paris der 1910er und 20er besitzt. Daraus entwicklet sich eine explizite Parallele zum Ersten Weltkrieg, der eine ganze Generation junger Talente auslöschte – so wie AIDS es jetzt tut.

Die Protagonistin des zweites Spannungsbogens im Jahr 2015 ist diese Freundin Fiona: Sie fliegt von den USA nach Paris, um ihre erwachsene Tochter zu suchen – diese hatte vor einigen Jahren den Kontakt abgebrochen. Wieder lesen wir über eine Künstlerszene, erleben Schwulsein 30 Jahre später.

Makkai ist deutlich zu jung (*1978), um eigene Erinnerung an das Grauen der Todesschneise zu haben, die AIDS schlug (kurze Erinnerung daran, dass es immer noch keinen Impfstoff gibt, diese Pandemie ist noch nicht vorbei). Selbst habe ich mich seinerzeit zwar mit der politischen Seite befasst (Stichworte Gauweiler vs. Süssmuth), auch mit der medizinischen, doch zum Glück musste ich keine Freunde wegsterben sehen. Doch Makkai schafft einen intensive Eindruck von Zeit und Thema, mit vielschichtigen Charakteren und Zwischentönen, mit Zeitkolorit ohne Stereotypen (dass es in den 80ern Zauberwürfel und Walkmen gab, ist deutlich weniger wichtig als die Abwesenheit von Mobiltelefonen: ständig muss jemand nach einer Telefoniergelegenheit suchen). Die zweite Geschichte 2015 wirft die bedrückende Frage auf: Wie schlägt das Trauma der Überlebenden auf die nächste Generation durch?

Gutes Buch.


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