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Journal Samstag, 23. Oktober 2021 – Kunst-Verwandtschaft und Klassentreffen

Sonntag, 24. Oktober 2021

Nach dem frühen Einschlafen schon um halb sieben frisch aufgewacht. Zuletzt war ich im Traum mit der Bahn in Italien unterwegs gewesen, hatte im Hotel in Rom gemerkt, dass ich noch kein Zugticket für die Weiterfahrt gebucht hatte und machte das schnell mal vom Handy aus.

Wach also auch gleich mal mein Zugticket für den Tag gekauft, allerdings vom Rechner aus, mit dem Handy funktioniert das derzeit nicht. Gestern war nämlich Klassentreffen 35 Jahre nach dem Abitur, den Termin in Ingolstadt wollte ich auch für anderes nutzen und schon vormittags fahren.

Ausblick vom Küchenbalkon mit Wolkendrama.

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt derzeit steil (wie von den Expert*innen angesichts der Impfquote prognostiziert), die Lage in München:

Die 7-Tage-Inzidenz für München beträgt laut RKI 120,7 (Stand 22.10.). Betrachtet man die 7-Tage-Inzidenz differenziert nach dem Impfstatus der neu Infizierten, so liegt die Inzidenz bei nicht gegen Corona geimpften Personen bei 331,0 und bei vollständig Geimpften bei 36,4 (Stand 21.10.).

Also schwenkte ich wieder konsequent auf FFP2-Maske um – und nahm mir vor, an dem Klassentreffen in einer Gastwirtschaft nur tatsächlich teilzunehmen, wenn 3G dort sorgfältig geprüft würde.

Nach meiner Ankunft am Bahnhof Ingolstadt Audi spazierte ich erst mal zur Bruderfamilie.

Wir setzten endlich den Plan um, dass ich in deren Spotify Premium Account eingebunden wurde, um die Familien-Playlist hören zu können, die ich mir vor Jahren mal zu Weihnachten gewünscht hatte. Funktionierte alles wie von Neffe 1 angeleitet, Bruder stolz, ich freue mich auf das nächste Crosstrainerstrampeln mit spannender Musik.

Wir aßen gemeinsam zu Mittag: Es gab klassische französische Zwiebelsuppe überbacken aus angemessenen, ererbten 1970er-Suppenschalen, spanische Tortillas, Blaukraut-Salat (ich probierte darin erstmals veganen Feta, der mir sehr gut schmeckte), Käsen vom Wochenmarkt, Brote, Weintrauben aus eigenen Anbau – und weitere Leckereien, zu denen ich nach satt nicht mehr kam.

Nachmittag ein besonderer Ausstellungsbesuch, wegen dem ich früher angereist war: Der Vater der Schwägerin, vor 14 Jahren verstorben, hatte zeitlebens künstlerisch gewirkt, Frau Schwägerin hat jetzt eine Ausstellung mit einigen seiner Werke kuratiert und im Marktmuseum Gaimersheim damit seinen Lebensweg nachgezeichnet. Sie führte eine kleine Gruppe von Freunden und Verwandten durch die verschiedenen Stationen und erläuterte Hintergründe, teils auch sehr persönlich, voll Liebe für diesen Menschen, der nie aufhörte, neue Perspektiven und Techniken zu verwenden.

Meine Mutter gehörte auch zur Gruppe, mit ihr fuhr ich zum Elternhaus am Rand Ingolstadts. Plaudern mit Vater und Mutter, bis es Zeit für den Aufbruch zum Klassentreffen war; mein Vater begleitete mich zu meiner Freude auf dem Fußweg, zeigte mir Schleichwege, wies mich auf Veränderungen und Entwicklungen unterwegs hin – anscheinend ist er genauso gerne und neugierig zu Fuß in seiner Wohnumgebung unterwegs wie ich in meiner Münchner.

Zum Klassentreffen trafen sich (nach einem Gottesdienst, den ich ausgelassen hatte, gehalten von einem ehemaligen Mitschüler) knapp 30 Menschen in einem griechischen Lokal in einem der vielen historischen Festungsgebäude Ingolstadts am Rand des Klenzeparks, 3D-Status wurde gecheckt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Ingolstadt nach und nach eine wohnliche Beziehung zur Donau aufgebaut; historisch hatte die Stadtstruktur den Fluss ja immer nur aus militärischer Perspektive gesehen, am deutlichsten an den Festungstürmen auf der Südseite zu sehen, am Turm Baur und Turm Triva. Die vielen und fast durchgehend sehr gut erhaltenen Militärbauten aus dem 19. Jahrhunderts und überhaupt Ingolstadts Militärgeschichte sind im Grunde (neben dem alles dominierenden Unternehmen Audi) das, was der Stadt ein besonderes Profil gibt – deshalb heißt sie ja “die Schanz”.

Zu meiner Überraschung erkannte ich alle problemlos wieder (umgekehrt taten sich manche schwer) und erfuhr in den nächsten Stunden viel Interessantes und Spannendes aus dem Leben meiner früheren Mitschüler*innen (angesprochen waren nicht nur diejenigen, die tatsächlich bis zum Abitur 1986 zusammenwaren, sondern auch fast alle, die irgendwann länger Teil dieser Jahrgangsstufe gewesen waren). Viele verdienen ihren Lebensunterhalt in Branchen, die die Welt zu einer besseren machen, viele sind nach, mitten in oder kurz vor einer grundsätzlichen beruflichen Umorientierung. Die Kindergeneration ist im Studium / in der Ausbildung, um einige abwesende Eingeladene wurde sich wegen schwerer Krankheit sehr gesorgt – neben dem Austausch von Informationen über den eigenen Lebensweg erkundigt man sich auch immer über ehemalige Mitschüler, die aus dem Blick geraten sind. Über einen besonders engen Freund aus Schulzeiten, mit dem ich zuletzt zwei Jahre nach dem Abitur Kontakt hatte, wusste leider weiterhin niemand etwas: Martin Sederer, wenn du irgendwo da draußen bist, oder irgendjemand etwas über ihn weiß – es würde mich sehr freuen.

Ich nahm viele schöne Begegnungen mit, Grüße an Menschen, zu denen sich überraschende Verbindungen gezeigt hatten, und Bilder zu einer meiner Lieblingsbeobachtung: Wie verschieden Menschen altern.

Aus der viele, viele Seiten umfassenden Speisekarte suchte ich mir Kleftiko aus (kam in Pergamentpapier, schmeckte gut), trank ein Glas Retsina dazu, blieb aber sonst bei Wasser (und dem einen oder anderen der regelmäßig auftauchenden Stamperl Ouzo). Um halb zwölf war ich eine der ersten, die sich verabschiedeten. Auch zurück zu meinen Eltern ging ich durch die klare, kalte Nacht zu Fuß, sah in den Wiesen an der Donau viele, viele Kaninchen – sehr niedlich, doch leider mittlerweile eine Plage.

Journal Donnerstag, 21. Oktober 2021 – Sturmtanz der bunten Blätter

Freitag, 22. Oktober 2021

Vor Weckerklingeln aufgewacht, frisch und ausgeschlafen. Von draußen kam es immer noch so warm herein, dass ich beim Morgenkaffee die Fenster offenließ.

Auf der Theresienwiese wird übrigens seit dieser Woche das Tollwood aufgebaut; auch das bekomme ich ohne Oktoberfestsperrung zum erstem Mal schrittweise mit – sonst standen die Zelte bereits, wenn man die Theresienwiese wieder kreuzen durfte.

Der am Mittwoch vom Zeitungskasten angekündigte Sturm stellte sich erst ein, als ich schon im Büro saß; für den Weg dorthin hatte ich vorsichtshalber einen Schirm mitgenommen, doch aus der allgemeinen Düsternis fielen nur wenige Tropfen.

Vorm Bürofenster dann großes Herbsttheater: Der Wind riss bunte Blätter von den wogenden Bäumen und warf sie mit beiden Händen vor graubuntem Himmel hinauf bis in den 15. Stock des benachbarten Hochhauses.

Später sah ich aus dem Augenwinkel, wie eine energische Böe in die Bäume des Innenhofs fuhr, auf einen Schlag gut die Hälfte der gelben Blätter mitnahm und durch die Luft überm Hof wirbelte. Am Ende des Tages (jetzt aber mal wirklich und wörtlich) waren die morgens noch bunten Laubbäume fast kahl. Dazwischen vereinzelt Bäume mit dichtem grünen Laub, die ihren Herbst noch gesamt vor sich haben.

Der Sturm war so heftig, dass er sogar einen offiziellen Namen bekam: Ignatz. (Bayerische Koseform: Natzi. Aber das wussten Sie sicher.)

Rumtelefonieren wegen eines dringenden Facharzttermins, den ich vor zwei Wochen online gebucht hatte, Bestätigungsmail erhalten. Am Mittwoch hatte ich unerwartet per Mail eine “Bestätigung Terminstornierung” im Postfach. Also E-Mail-Antwort und Telefonversuche, noch erfolglos.

Mittags ein Glas Birchermuesli mit Joghurt.

Körperlichkeiten: Nachmittags erst Bauchweh, dann Schwindel – ja mei. Der Sturm legte sich, der Wind hatte aber auch die Wärme mitgenommen.

Nach Feierabend ging ich über Einkäufe nach Hause: Lebensmittel beim Vollcorner, Lidstrich im Drogeriemarkt, Obst am Standl.

Herr Kaltmamsell hatte wieder den Ernteanteil geholt. Darin war auch ein dicker Radicchio, der wurde mit Balsamico-Dressing Abendessen. Dazu das Pizzabrot, das ich Mittwochabend aus dem restlichen Weizensauerteig gebacken hatte.

Nachtisch Süßigkeiten.

So viel haben wir aber nur ausnahmsweise im Haus. Ich aß von Mini-Kit-Kats, Schoko-Schoküssen, Schokonüssen, Schokolade mit Nüssen.

§

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, auch nicht in Europa.
“Ärzte in Rumänien beschreiben Corona-Lage als ‘apokalyptisch'”.

Journal Mittwoch, 20. Oktober 2021 – Baumfasching und Pizza-Wahn

Donnerstag, 21. Oktober 2021

Der Tag daheim hatte mir sehr gut getan, ich wachte frisch und fit auf. Im Osten stand am sternenklaren Himmel der Vollmond.

Draußen weiter warm, an einem Zeitungskasten auf dem Weg in die Arbeit sah ich groß “ERST FÖHN, DANN STURM” als Ankündigung fürs Wetter in München. (Ich liebe die Zeitungskästen sehr.)

Der Herbst kommt in seine bunteste Phase, und die Ahörner sind ja wohl eindeutig die Drag Queens unter den Bäumen.

Anglerstraße im Westend.

Im Büro erst mal ein paar Stunden Chop chop1 – auch wenn nichts angestanden war, zeigt mir ein Tag ungeplanter Abwesenheit, dass ich beruflich nicht nichts tue.

Mittagessen war die zweite Hälfte Rote-Bete-Salat, die vom Montag übriggeblieben war (hatte ich zum Glück in den Bürokühlschrank gestellt).

Nachmittags weiter sonnig und warm, mein Kreislauf machte ganz früh Feierabend. Dennoch blieb ich bei meinem Plan, nach Feierabend eine Runde Crosstrainer-Sport zu treiben.

Auf dem Weg in den Verein mehr Baumfasching.

Fröhliches Strampeln mit Filmmusik auf den Ohren, in der Halle unter mir Boxtraining (mittelinteressant, Hollywoodfilme haben falsche Erwartungen aufgebaut). Allerdings schubberte ich mir an den Griffen den Crosstrainers an beiden Daumen außen die Haut auf – brauche ich so Fitnessstudio-Handschuhe? Dabei habe ich ja schon vor Jahren gelernt, den Holm für die Arme nicht mit dem Daumen zu umschließen, weil ich sonst innerhalb kurzer Zeit eine Blase auf der Innenseite bekomme.

Daheim machte ich mich gleich an die Zubereitung des Abendbrots: Alle paar Jahre reitet mich der Vielleicht-kann-man-Pizzeria-Pizza-auch-daheim-machen-Wahn. Diesmal Richtung Weizensauerteig und zu diesem Rezept.

Hübsche Pizza, guter Geschmack – aber hatte nichts zu tun mit Pizzeria-Pizza. Nachtisch Schokolade, diesmal ohne Überfressen.

§

Großartige Nachricht: Es gibt das Schmock wieder.

Es waren ja sehr bittere Gründe gewesen, warum der Wirt vor fünf Jahren hingeschmissen hatten. Jetzt betreibt er die Gastronomie des neuen Volkstheaters – ein cleverer Schutz vor den Attacken, “Unter den Fittichen des Münchner Volkstheaters” (relativer Schutz, Antisemitismus wird sich bedrückenderweise nie ganz aussperren lassen).
Der Ton ist zum Glück gleich geblieben: “Mit frisch ondulierten Schläfenlocken freuen wir uns Euch begrüßen und verwöhnen zu dürfen.”

  1. “Chop chop” verwende ich innerlich und im Austausch mit Hern Kaltmamsell regelmäßig, irgendwie aus dem Englischen übernommen, jetzt endlich mal nachgesehen, woher das eigentlich kommt. Hat für mich neben Geschwindigkeit auch die Note von Strukturiertheit. []

Journal Dienstag, 19. Oktober 2021 – Daheim

Mittwoch, 20. Oktober 2021

Morgens meldete ich mich in der Arbeit krank, ich habe mich einmal zu oft mit “ach geht schon irgendwie” ins Büro geschleppt.

Mehr geschlafen.

Mittags ein großes Stück restlichen Apfelkuchen, die Kerne der restlichen Granatäpfel.

Der Liefertermin für den Schrank-Korpus, den ich Anfang Juni bestellt habe, wurde soeben zum vierten Mal verschoben, jetzt auf Ende Oktober (die Abstände werden kürzer, YAY!). Nein , Otto-Versand, ich möchte mir weiterhin nicht statt dessen etwas anderes aussuchen, denn zum einen besitze ich bereits vier Stück solcher Bücherschränke und brauche einen fünften gleich daneben, der bitte genauso aussehen soll, zum anderen habe ich bereits seit Juni vom selben Hersteller die Glastüren für den Schrank-Korpus daheim, die meiner laienhaften Einschätzung nach nicht auf den Korpus eines anderen Herstellers passen. Machen Sie jetzt bitte wirklich mal hinne.

Den Nachmittag mit Ruhe und Zeitunglesen verbracht.

In der Dämmerung wollte ich dann aber doch raus in die frische Luft. Es war überraschend mild, den düsteren Tag hatte ich für kälter gehalten.

Ich sah nach dem Stand des Herbsts auf dem Alten Südfriedhof und an der Isar. Um die Brücken und am Ufer sah ich immer wieder Fledermäuse flattern, zwischen Wittelsbacherbrücke und Reichenbachbrücke flog mir laut quakend ein großes V Kanadagänse über der Isar entgegen.

Herr Kaltmamsell war aushäusig, ich machte mir zum Nachtmahl zwei Ingolstädter Bauernwürscht aus der Gefriere warm und aß sie mit reichlich Krautsalat. Nachtisch viel Schokolade.

§

In der nachgeholten Wochenend-SZ ein besonders interessanter Artikel darüber, warum Intelligenz und Bildung nicht nur nicht vor der Neigung zu kruden Theorien und Verschwörungsmythen schützen, sondern dafür sogar besonders empfänglich machen könnten (€):
“Prof. Dr. Irrlicht”.

Dumm und ungebildet sind (…) stets die Anhänger des gegnerischen Lagers, die brauchen Bildung. Alleine das sollte misstrauisch machen: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich, pardon, alle Doofen auf der einen und alle Schlauen auf der anderen Seite versammeln. Vielleicht ist das doch etwas komplizierter mit der Intelligenz, der Bildung und der, sagen wir: Rationalität.

Aus der Psychologie und verwandten Disziplinen sind zuletzt einige Studien gedrungen, die wie Querschüsse klingen. Intelligenz und Bildung bieten demnach nur geringen Schutz vor Irrungen und Wirrungen. Unter manchen Umständen kann ein wacher und schneller Geist die Anfälligkeit für Verirrungen sogar erhöhen. Wer schlau ist und viel weiß, verrennt sich womöglich erst recht in seiner Weltsicht. So berichten zum Beispiel Psychologen um Brittany Shoots-Reinhard von der Ohio State University im Fachjournal Intelligence, dass kognitive Fähigkeiten wie ein Polarisierungsfaktor wirken können: Mit dem Grad des verbalen Vermögens verstärkten sich die ideologischen Gegensätze in der Bewertung der Covid-19-Pandemie. Salopp gesagt, eloquente Diskutanten keifen einander besonders unversöhnlich an. Andere Arbeiten zeigen, dass Intelligenz und Bildung die Neigung zu motiviertem Denken erhöhen können: Mit hoher geistiger Kapazität lässt sich eben fast jede Aussage so interpretieren oder verbiegen, dass sie einen Platz als Stützpfeiler der persönlichen Weltanschauung findet.

Genau deshalb halte ich es für so wichtig, sich möglichst früh mit den Mechanismen von Wahrnehmung und Erkenntnis zu befassen und mit kognitiven Verzerrungen, bias.

§

In UK verrottet die Ernte auf den Feldern und Bäumen.

Offensichtlich hatten die durch Brexit ausgesperrten Einwanderer gar niemandem den Job weggenommen – und in der Feldarbeit sogar noch nie. James Rebanks verlinkt den Aufsatz der Historikerin Caroline Nye von 2016:
“Who picked British fruit and veg before migrant workers?”

Britain’s reliance on migrants to do seasonal agricultural labour is not a recent phenomenon and it’s helpful to look at the history of how British workers turned away from this kind of work to understand the current predicament.

(…)

Prior to the introduction of the Gangs Act in 1867, a large proportion of those performing seasonal work were women and children who provided cheap labour to both gang masters – a term still used today for individuals who organise and employ groups of workers for casual work on agricultural land – and farmers.

(…)

The fact is that many British people simply do not want to carry out seasonal labour because incentives for doing so are very low. Changes in the composition of rural populations mean that areas of high unemployment are often located at significant distances from the farms offering work. Seasonal jobs are also known to be low-paid, hard work, with long hours, and are often associated with unfavourable conditions and diminished social status.

Vielleicht sollte man den Pro-Brexit-Wähler*innen, die von einer Rückkehr zu Alten Zeiten träumen – und irgendeinen Tolkien-Roman vor Augen haben – anbieten, Kinderarbeit wieder zu legalisieren? (SCHERZ!)

Journal Montag, 18. Oktober 2021 – Körperform

Dienstag, 19. Oktober 2021

Schon beim nächtlichen Klogang war mir aufgefallen: Draußen dicker Nebel. Beim Weckerklingeln war er dann schon nicht mehr ganz so dicht, doch auf dem Weg in die Arbeit sah ich von der Mitte der Theresienwiese aus weder Bavaria noch St. Paul am Rand.

Ich hatte durch heißes Waschen und durch Trocknen im Wäschetrockner versucht, wenigstens einen von meinen Winterröcken passend zu machen, setzte meine Hoffnung auf das Material aus fast 100 Prozent Baumwolle – vergeblich. Denn: Mein Appetitmangel seit Frühjahr hat mittlerweile fast meine gesamte Garderobe um ein bis zwei Konfektionsnummern zu groß werden lassen. Die wenigsten Stück fallen wirklich ganz runter, aber das allermeiste sieht albern aus – als trüge ich die Kleidung meiner großen Schwester. Nach all den Jahren, in denen ich ohnehin mit dem Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Körperform haderte, muss ich mich jetzt auf ganz neue und unerwartete Weise mit dieser bescheuerten Kausalität auseinandersetzen.

Da Jeans, die lediglich ein Gürtel über den Hüften hält, an mir überraschenderweise gar nicht lässig aussehen, kaufte ich mir im Sommerurlaub schnell zwei passende Hosen, eine schwarz, eine rot, mit denen ich mich seither durchschlage. Ich sehe nämlich überhaupt nicht ein, mich komplett neu einzukleiden, weil
a) habe ich reichlich Kleidung, dankeschön,
b) scheue ich den finanziellen Aufwand,
c) ist das ja eh bloß eine vorübergehende Phase und ich würde in absehbarer Zeit nicht mehr in all die neue Kleidung passen.
Am absurdesten fühlt sich die Schere zwischen diesem mir fremden Körper und meiner Kleidung übrigens bei Unterwäsche und Schwimmkleidung an.

Ebenfalls unangenehm: Von allen möglichen und unmöglichen Seiten darauf angesprochen zu werden – natürlich praktisch immer voraussetzend, dass es sich um Diät-Erfolg und Absicht handelt. Denn It is a truth universally acknowledged: Dünner ist besser. Immer.
Wie schlimm muss das erst für eine sein, die durch böse Krankheit dünn geworden ist. (Wobei ich mich durchaus bei Erleichterung ertappe, dass die unbeabsichtigte Veränderung der Körperform in diese Richtung gegangen ist und nicht ins Dickerwerden. Mich sogar dabei ertappe, wie ich mich jetzt normaler fühle, wenigstens vorübergehend – auch bescheuert, aber ich kann halt nicht nicht Produkt dieser Gesellschaft sein.)

Muss ich halt mit sehr übersichtlichem Bestand durch den Winter kommen. Unter weiten Oberteilen sieht man zumindest nicht, wie zu groß der BH ist. Ich hatte schließlich auch schon Zeiten, in denen große Teile meiner Garderobe kniffen.

Arbeit gestern vielfältig, ich war auch ziemlich viel zu Fuß unterwegs. Draußen verschwand der Nebel am frühen Nachmittag.

Mittags gab es den am Vorabend zubereiteten Rote-Bete-Salat mit Granatapfel und Joghurt. Ich schaffte aber nur die Hälfte, mein Bauch fühlte sich komisch.

Mein Arbeitgeber bot wieder eine Grippeimpfung an, ich nahm sie gestern gerne – weniger wegen meiner selbst, sondern vor allem um das Epidemie-Risiko zu vermindern.

Der Arbeitstag wurde länger, als ich über einen Supermarkt-Stop heimging (Süßigkeiten!), dämmerte es schon sehr.

Aufgehender Mond über der Theresienwiese. Sah in Echt viel größer aus – Sie kennen das.

Zu Hause verarbeitete ich Ernteanteil-Weißkraut zu Krautsalat – allerdings nur zwei Drittel des Krautkopfes, das andere Drittel verwendete Herr Kaltmamsell für Okonomiyaki.

Köstlich! Nachtisch war Apfelkuchen und Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen. Bald schloss ich das Fenster, denn es war klar, dass die Gruppe junger Leute, die da direkt vor meinem Schlafzimmerfenster vor einem wild geparkten Auto stand und einen mords Spaß hatte, das vorerst weiter tun würde.

§

Tanzt!

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/XCdsIkQqAmE

via @klugscheisser

§

Adele hat ein neues… Album? veröffentlicht. (Wie sagt man heute zu einer Sammlung von Musik einer Künstlerin, die neu herauskommt? Platte, LP, CD gibt es ja nicht mehr.) Viel interessanter finde ich, dass die Dame für British Vogue das hier aufgenommen hat:
“Adele Eats Spotted Dick, Cockles & 10 Other British Dishes”.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/zDdAPHuRGN0

Come for the food, stay for the dropped aiches and t’s. (“Spo’ ‘ed dick?”)

Journal Samstag, 16. Oktober 2021 – Wanderspaziergang bei Fürstenfeldbruck

Sonntag, 17. Oktober 2021

Eher unruhige Nacht, das war halt viel Alkohol gewesen.

Nachmittags war ich mit Herr Kaltmamsell zum Wandern/Spazierengehen verabredet (wir haben irgendwann festgelegt, dass der Unterschied im Rucksack mit u.a. Brotzeit besteht, und gestern hatten wir nur Wasserflaschen dabei, keinen Rucksack), den Vormittag nutzte ich zum Backen und Einkaufen.

Sonntagskuchen sollte dieser Italienische Apfelkuchen mit Ricotta und Olivenöl werden, die Äpfel dafür aus Ernteanteil.

Er ließ sich einfach zubereiten – fiel aber nach dem Backen zusammen und wurde sulzig.

Ich vermute als Ursache, dass der Teig zu dünnflüssig war: Das Rezept hatte den “Saft einer Zitrone” verlangt, und das ist eine ähnlich unpräzise Angabe wie der berüchtigte Bund Petersilie; meine Zitrone war sehr groß gewesen, doch ich hatte angenommen, dass das Rezept schon darauf hinweisen würde, wenn die Saftmenge relevant wäre.

Einkaufen: Bereits in Wanderkleidung ging ich in Sonne und milder Luft in den Gärtnereiladen am Viktualienmarkt, um einen Untersetzer für eine der vom Balkon geholten Pflanzenkübel zu besorgen. Der Markt und die Fußgängerzone waren sehr belebt, vor allem mit Touristen – vorm Alten Peter stand eine 30 Meter lange Schlange an. Unterwegs besorgte ich Frühstückssemmeln, die gab es dann auch zum Frühstück plus ein Stück warmen Kuchen (schmeckte gut!).

Für unseren Wanderspaziergang hatte Herr Kaltmamsell eine Strecke ausgesucht, die er zum Teil beim kürzlichen Wandertag mit einer Schulklasse gegangen war: S-Bahnhof Fürstenfeldbruck Richtung Osten. Da wir uns beide eher müde und unfit fühlten, schlug er eine kleine Runde vor, doch ich bat darum, im herrlichen Sonnenschein in noch vorwiegend grüner Landschaft Bilder für den anstehenden Winter zu sammeln. Wir gingen also eine größere Runde über Emmering, Eichenau, Biburg.

In der Sonne war es schön warm, doch auf den Anhöhen ging ein scharfer Wind.

Nach gut drei Stunden und etwa 14 Kilometern nahmen wir die S-Bahn zurück.

Während Herr Kaltmamsell daheim das Abendessen zubereitete (Spaghettikürbis aus Ernteanteil als Auflauf – ich fürchte, Spaghettikürbis hat nichts zu bieten außer der lustigen Textur und schmeckt einfach nur wässrig), baute ich für einen angenehmen Sonntag vor: Ich packte schon mal den gewaltigen Berg Bügelwäsche an, der noch hauptsächlich aus Sommerkleidung bestand. Nach einer Stunde war fast die Hälfte weggeschafft, bleibt nur noch etwa eine weitere Stunde für Sonntag.

Der Kürbisauflauf mit Hackfleischsauce und viel Käse war dann ok, der Kürbis verschwand. Etwas interessanter schmeckte die zweite Variante (links), die Herr Kaltmamsell nur mit Ei und Käse zubereitet hatte, weil darin der Kürbis noch erlebbar war.

Dazu im Glas eine Traminer Spätlese aus Sachsen von Steffen Loose, Teil eines Probierpakets, das uns die Empfängerin eines Großteils unserer ausgemusterten Bücher zugeschickt hatte.

Blumig in der Nase, Geschmack dann auch rass, die Süße brauchte zum Einbinden ein wenig Luft.

Eingeschlafen im Mondlicht, das durchs Fenster auf mein Bett schien.

§

Jamie Lee Curtis kommt nochmal als queen of scream ins Kino, mit Halloween Kills. Obwohl ich eigentlich alles mit dieser wundervollen Schauspielerin angucke, kann ich halt Horrofilme gar nicht. Zumindest profitiere ich von der Vermarktungs des Films, die den wundervollen Menschen zeigt. Zum Beispiel mit diesem Interview/Portrait im Guardian:
“Jamie Lee Curtis: ‘My biggest roles were to do with my body, my physicality, my sexuality’”.

Über ihre Unterstützung der #Metoo-Frauen:

“I think others will be empowered to speak up because of those brave women putting themselves on the line. See, I don’t risk anything by supporting them. I really don’t. What, they’re gonna fire me from Halloween? I’m an old lady. What are they gonna do to me? But those women did have something to lose. That is courage. They have existed throughout history – and, obviously, this is way too little, way too late – but things are changing, for sure.”

Über ihre Karriere heißt es:

The problem is that Curtis started out playing the clever girl in a genre that was considered dumb, so when she starred in genuinely stupid pictures, the disparity between her and the material was startling.

Journal Freitag, 15. Oktober 2021 – Abend im Dantler

Samstag, 16. Oktober 2021

Aufgewacht zu sternenklarem Himmel (ich lasse nachts schon seit einer Weile die Rollläden nicht mehr herunter, weil die Sonne zu spät zum vorzeitigen Wecken aufgeht) – und mit etwas verlegener linker Schulter.

Weg in die Arbeit durch herrlichen, aber sehr kalten Morgen. Beim Warten an der roten Ampel am Kaiser-Ludwig-Platz sah ich einen Turmfalken, der sich in goldenem Morgenlicht auf die Wetterfahne der Backstein-Gründerzeit-Villa setzte.

Schon am Donnerstag war mir aufgefallen, dass die über die Monate gewachsenen Büsche und Blumen auf der Theresienwiese verschwunden waren.

Voilà: G’mahde Wiesn. HAHAHAHAHA!
(Sie fragen sich sicher regelmäßig, wie ich es nur mit all den unglaublich witzigen Einfällen in meinem Kopf aushalte.)

Mittags gab es Apfel, Breze, Quark mit Joghurt. Nachmittags kämpfte ich leider wieder mit Schwindel, das war auch auf dem Weg nach Hause mit Einkaufsabstecher beim Vollcorner unangenehm.

Heimeranplatz in herbstlichem Technicolor.

Daheim nur kurzes Ausruhen (und Wegwerfen des Paars Schuhe, rote Pumps, das ich gestern nach zwei Jahren Pause getragen hatte und das böse Blasen verursacht hatte – mir war eingefallen, dass die noch nie richtig passten), zum Nachtmahl führte ich Herrn Kaltmamsell aus: Wir hatten einen Tisch im Dantler, das bis vor vier Jahren einer meiner Lieblinge war, das Upper Eat Side. Die Wirte Jochen Kreppel und Maximilian Süber blieben aber, die beiden Vollblut-Gastronomen setzten eine weitere Idee um (mögen sie ihnen nie ausgehen): Bayerisch Deli, “Dantler” heißt auf Bayerisch Händler, genauer Trödler – “Dantler” findet man auf Flohmärkten. Man kann dort jetzt auch Feinkost kaufen, im ursprünglichen Konzept lag der Schwerpunkt auf kleinen Deli-Gerichten, nur Freitagabend gab es klassisches Menü. Nach der Pandemie-bedingten Schließung hat der Dantler mit abends festem Menü wiederereröffnetet (mittags gibt es Einzelgerichte und ein kleines Menü), Freitagabend in einer umfassenderen Deluxe-Version. Und die ließen wir uns gestern nach einer kurzen U-Bahn-Fahrt nach Obergiesing servieren.

Stellte sich heraus: Auch als Dantler ist das Lokal uneingeschränkt empfehlenswert, vielleicht gerade jetzt, wo es noch nicht wieder auf Monate ausgebucht ist (wie zuvor schon das Upper Eat Side, in dem ich gerne viel öfter gegessen hätte und gerne auch Besuch mitgenommen – doch ein paar Wochen Vorlauf reichten nie).

Wir wurden wieder sehr herzlich empfangen, lernten neue freundliche Gesichter im Service kennen. Für den Aperitif erinnerte ich mich daran, dass die Wirte bei einer Brauerei ein eigenes IPA brauen ließen und bat um das – um zu erfahren, dass es inzwischen auch ein Dantler Pale Ale gibt. Also bestellten wir eins von jedem.

Das Pale Ale war tatsächlich wunderbar duftig, das Brot fast schon kuchig saftig, die Butter mit Zitrone aromatisiert.

“Topinambur”
Nußbutterschaum, Pinienkerne, Kohlrabi, Crostini – rundum köstlich, der erste war gleich mein Lieblingsteller des Abends.

Den Wein dazu ließen wir uns glasweise empfehlen, hier einen Weißburgunder Kellerei Eisacktal – eine perfekte Kombi.

“Hasenfutter”
Geröstete Karotte, Mandarine & Macadamia, Karottengrünmayo – viel Spaß mit den verschiedenen Röstgeschmäckern. Auf den Wein war ich besonders gespannt: Ein Naturwein “Fruit Loops” 2020 von Claus Preisinger aus Gols. Nach anfänglicher Begeisterung bin ich bei Naturweinen vorsichtig geworden, weil ich ein paar Mal zu oft einfach nur eine Most-Bombe im Glas hatte. Doch Clausi Preisinger kann man weiterhin blind vertrauen: Sein Naturwein, ein Cuvée von Furmint, Riesling, Scheurebe, ist perfekt zum Einstieg ins Thema, weil schön fruchtig, gleichzeitig eine Einführung, dass man bei Naturweinen nicht auf bisherige Weinschmeckerfahrung zurückgreifen kann, sondern neue Kategorien braucht.

“Carpaccio”
Saibling mit wunderbarer brauner Butter und gerösteten Mandeln. Ich hätte eine Weinpause gemacht, aber als ich nebenbei meinte, ich hätte ohnehin “ein Thema” mit Riesling, den Jochen gerade in der Hand hatte – musste ich zumindest ein Schlückchen dazu probieren; ich hatte vergessen, dass ich es mit einem erklärten Riesling-Botschafter und -Aficionado zu tun hatte. Der natürlich recht hatte: Der Wittmann “Riesling Fass 68” passte hervorragend und hatte nur eine ganz sanfte Riesling-Note.

“Risotto”
Steinpilze, Trüffelbutter, Pecorino.
Dazu ließen wir uns einen Lagrein Muri Gries einschenken, der wunderbar bewies, wie schön sich Südtiroler Rotweine inzwischen entwickelt haben.

“Flat Iron Steak”
mit Kartoffel, Sellerie, knackigen Bohnen mit Lardo – vor allem Letzteres Bombe. Wein war ein Valpolicella 2014 I Saltari, der sich hervorragend mit dem Gemüse verstand.

Maracuja-Weißbier – mit den explodierenden Zuckerbröseln meiner Kindheit.

“Pina Colada”
Ananas und Kokusnuss, ein Schluck Riesling Kabinett von Diel im Glas – kein Süßwein, sondern ein wunderbar vielschichtiger Kabinett mit ein wenig Restsüße.

Zum abschließenden Espresso gab es Trüffel – die die zauberhafte Bedienung als “von mir gemacht” servierte.

Ein großartiger Abend.


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