Fotos

Journal Montag, 20. Januar 2020 – Den Muskeln beim Atrophieren zusehen

Dienstag, 21. Januar 2020

Sehr gut geschlafen (diesmal wieder mit Ibu), nur zu wenig – acht Stunden reichen derzeit wohl nicht.

In der Nacht war ein wenig Schnee gefallen, der sogar auf Bäumen und Hausdächern liegen blieb. Deshalb und wegen des Projekts MWB Möglichst Wenig Bewegung (OH MEIN GOTT DABEI HABE ICH DOCH IN DER REHA GELERNT DASS SCHON NACH WENIGEN TAGEN DIE UNGENUTZTEN MUSKELN ATROPHIEREN !!!EINSELF!!) beschloss ich vom Rad auf ÖPNV zu wechseln und kaufte gleich eine Wochenkarte.

Ich lernte umgehend die Auswirkung einer 15 Minuten späteren Fahrt als sonst: Sehr, sehr volle U-Bahn.

Besprechungszimmeraussicht (Musik dazu).

Den Bürotag über merkte ich, wie tief in mir sitzt, mich möglichst viel zu bewegen, also Treppen bis zum 4. Stock immer zu Fuß, lieber einen Umweg nehmen, jede Gelegenheit nutzen aufzustehen und zum Kollegen / zur Kollegin / zum Drucker zu gehen, lieber zum weiter entfernten Klo. Und dann wurden meine guten Vorsätze gleich mal durch Aufzugprobleme durchkreuzt: Die Geduld, mehrer Minuten auf den einen funktionierenden von drei Aufzügen zu warten, brachte ich einfach nicht auf und nahm doch wieder mehrmals die Treppe.

Nach der Arbeit fuhr ich für Besorgungen mit der U-Bahn zum Odeonsplatz, ging besorgend von dort nach Hause – und ZACK war ich schon wieder bei über 10.000 Tagesschritten. Die letzten paar Hundert davon erstaunlich schmerzhaft.

Herr Kaltmamsell servierte ein Glas Schaumwein und dann einen Schwarzkohleintopf vor allem aus Ernteanteil.

Seine gestrige Gesundheitsanweisung: ein Entspannungsbad nehmen. Ich folgte wieder und genoss das Bad.

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Ein aufschlussreiches, weil differenziertes Interview mit einem jungen Berliner Jugendrichter:
„Sex, Dönerraub und Autorennen
Richter Sebastian Abel über die Dramen der Berliner Jugend“.

via @miriam_vollmer

Müssen Sie im Gericht Probleme ausbaden, die die Gesellschaft verursacht hat?
Vorm Jugendgericht werden wir Zeugen individueller Dramen. Nicht jeder Fall, den wir hier haben, ist ein Spiegel gesellschaftlicher Probleme. Als Jugendrichter entscheide ich nicht über Fehlentwicklungen in der Gesellschaft, sondern über einen konkreten Fall. Das ist schon schwierig genug. Selbst wenn es gelingen würde, an jeder Stelle gesellschaftspolitisch gegenzusteuern: Jugendkriminalität wird es immer geben.

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Modeste erzählt von einer Begegnung:
„Kleines Mädchen“.

Journal Sonntag, 19. Januar 2020 – Überraschungsbesuch aus England

Montag, 20. Januar 2020

Morgens ein Hauch Schnee auf den Dächern, dann ein paar Flocken in der Luft, auch mal ein echter Schneeschauer.

Ich hatte lange geschlafen und war so bei aller Zerstückelung auf ausreichende Nettoschlaf gekommen.

Wer mir übrigens nie Gesundheitstipps gibt, auch nicht zu meinen jahrelangen Kreuz- und Hüftproblemen, ist Herr Kaltmamsell. Statt dessen bemitleidet er mich, hört mir zu und berücksichtigt meine jeweilige Tagesform.

Nun daure ich ihn allerdings so sehr, dass er sich die Erlaubnis für Stellungsnahmen geholt hat: eine pro Tag. Am Samstag lautete die, ich solle die Ärzte doch bei Gelegenheit fragen, wie viel und wie intensive Bewegung sie raten (Ich bin ja schon froh, wenn sich ein Arzt überhaupt ernsthaft mit meinen individuellen Beschwerden befasst und nicht einfach in die Standardkiste greift.), gestern empfahl er mir mal konsequente Sportpause. Woraufhin ich tatsächlich die geplante Schwimmrunde strich, auf die ich mich wirklich gefreut hatte. Versuche ich es also mal eine Woche lang mit gezielt möglichst wenig Bewegung, auch dazu kann ein Schrittzähler ja dienen.

Auch sonst lief der Sonntag anders als geplant: Vormittags klingelte mein Handy (zur Erinnerung: mich ruft NIE jemand an, allerhöchstens Friseur oder Arztpraxis, also am Sonntag schon gleich überhaupt niemand), ich sah eine englische Nummer – und erkannte die Stimme am anderen Ende auch nach vielen Jahren bereits nach zwei Wörtern. Meine nordenglische Studienfreundin H. war gerade auf Skiurlaub in den Alpen und hatte vor dem Rückflug Sonntagabend von München aus noch Zeit. Ich warf umgehend alle Pläne um und lud sie zu uns ein, freute mich gewaltig.

1992_ines3 after the chip stop

Sie ist die rechte, das links bin ich damals 1992 in Swansea. Bei ihren Eltern hatte ich damals Weihnachten verbracht (silly hats!), sie hatte mir mit ihrem unglaublichen Kopf für Faktenwissen eine Menge über England und seine Geschichte beigebracht (definitiv jemand, die man beim Pub Quiz im eigenen Team haben will). Ihre Eltern waren es, die mir im Jahr drauf über Monate alte Stark Trek-Folgen aufnahmen und auf VHS-Kassette nach Deutschland schickten – in Zeiten, in denen hier nur sehr schwer an die unsynchronisierte Fassung heranzukommen war.

Bei einer ähnlichen Gelegenheit hatten wir einander 2016 gesehen. Diesmal holte ich H. vom Bahnhof ab (vorher schnell noch ein halbes Dutzend Krapfen besorgt), brachte sie zu uns. Schöner Austausch der Lebenssituation, sie machte einen guten Eindruck. H. berichtete allerdings Besorgliches über eine gemeinsame englische Freundin, bei der ich mich also dringend melden will.

Klar sind wir alle älter geworden, doch ich freute mich sehr, den Kern der alten Freundin wiederzuerkennen: Messerscharfer Verstand kombiniert mit Menschenfreundschaft und Pragmatismus. Allein schon ihre Geschichten, wie sie auf Reisen immer wieder einfach Abstecher zu Menschen aus ihrer Vergangenheit macht – sei es gestern in Süddeutschland oder bei anderer Gelegenheit in Italien oder Slowenien: „So I thought, mmh, why not give her a ring and drop by?“ Das geht!

Ruhiger Räumabend, zum Nachtmahl gab es Reste der vergangenen Tage.

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Außensicht ist ja immer interessant, gestern zum Beispiel die Sicht eines britischen Anwalts, der als Zeuge vor dem Bundesverfassunggericht aussagte, auf diese Institution – als Twitter-Thread.

via @miriam_vollmer

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Kashmir Hill von der New York Times hat über den Stand der Gesichtserkennung recherchiert – und herausgefunden, dass die (noch) kleine Firma Clearview einige Mauern niedergerissen hat, die ohnehin nur auf vager Selbstverpflichtung basierten. Die Verbindung aller Speicherorte, an denen Bilder mit persönlichen Angaben verknüpft sind (u.a. Polizeidatenbank, Facebook, YouTube), bedeutet das Ende jeglicher Privatspäre.
„The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It“.

Wie gut die Software bereits funktioniert, bekam gleich mal die recherchierende Journalistin zu spüren:

While the company was dodging me, it was also monitoring me. At my request, a number of police officers had run my photo through the Clearview app. They soon received phone calls from company representatives asking if they were talking to the media — a sign that Clearview has the ability and, in this case, the appetite to monitor whom law enforcement is searching for.

Nachtrag: Die Zeit hat eine Zusammenfassung des Artikels auf Deutsch.

Journal Freitag, 17. Januar 2020 – Schmerz und Stress

Samstag, 18. Januar 2020

Deutlich niedrigerer Schmerzpegel, sofort kehrte geradezu Fröhlichkeit in mein Gemüt. (Bei all den fachlichen Hinweisen auf Stress als Schmerz- oder gar Entzündungsverstärker werfe ich immer hilflos die Hände zum Himmel: Der Schmerz ist mein Stresserzeuger Nr. 1, zefix.)

Foto vom morgendlichen Arbeitsweg am Mittwoch – Posten vergessen, doch jetzt nachgeholt, weil ich doch durch Fahrradfahren so selten Bilder mache.

Eine der Cornish Pastys vom Vorabend hatte ich zur Brotzeit dabei.

Das war ja ihr Urprung: Robuster Teig als Behälter für das Mittagessen (Rüben, Kartoffeln, billiges Fleisch) der Minenarbeiter. Den Transport im Rucksack hatte dieses Exemplar problemlos überstanden. Und schmeckte zur Brotzeit. Nachmittags gab’s die nebenliegende Birne.

Ich hatte ein Interview mit der Komponistin Hildur Guðnadóttir gelesen, die für den Soundtrack zu Joker einen Golden Globe bekommen hat. Unter anderem las ich, dass sie die Chance hatte, bereits vor Drehbeginn auf Basis des Skripts anzufangen. Donnerstag beim Sport hatte ich ein wenig in die Musik reingehört – und jetzt will ich den Film sehen, der mich zuvor überhaupt nicht interessiert hatte: Ich will den Film zu dieser Musik sehen. Karten für Samstagabend gekauft.

Früher Feierabend, ich brauchte dringend Wochenende. Herr Kaltmamsell war aushäusig, ich kaufte auf dem Heimweg einen Salatkopf und Orangen (Dressing) fürs Abendessen zu einer weiteren Cornish Pasty. Dazu den Rest Bocksbeutel vom Samstag (Kühlschränke sind nicht wirklich auf dieses Format eingerichtet: Um Platz in der Tür zu schaffen, musste ordenlich umgeräumt werden, mehrere Bocksbeutel darin zu kühlen, ist ein Problem – gibt es einen fränkischen Kühlschrankhersteller, der Sonderinnenausstattung anbietet?). Nachtisch Schokolade.

Dazu guckte ich Kroymann, die Folgen vom Januar 2019 und von vergangenem Oktober. Großartig. Möglicherweise ist Maren Kroymann Gott. Göttin.
(Wurde sie schon mal für Die Anstalt angefragt? Wo ja ohnehin mal Zeit wäre für eine Folge, in der alle Gäste weiblich sind, nicht immer nur eine?)

Früh zu Bett, ich hatte Schlaf nachzuholen.

Journal Samstag, 11. Januar 2020 – Kochvergnügen wie in den 70ern

Sonntag, 12. Januar 2020

Aufgewacht mit benommendem Kopfweh, das migränoide Züge hatte, für die geplante Runde Crosstrainer ging es mir zu schlecht. Ich ließ alles sehr langsam angehen.

Wohnung aufgeräumt – mittlerweile habe ich mich dreingefunden, dass ich das unsystematisch assoziativ mache und nicht Zimmer für Zimmer: Wenn ich abschließend alle Zimmer checke, ist ja dann doch alles nötige geräumt. Mit Herrn Kaltmamsell Wohnung geputzt: Nach vier Wochen ohne Putzmänner war sie wirklich ungemütlich geworden, und eine ungemütliche Wohnung wollten wir unseren abendlichen Gästen nicht antun. Diesmal also im Gegensatz zur reinen Schmutzbegrenzung vor Weihnachten so richtig: Staubwischen überall, Möbelpolitur wo angebracht (habe ich erst von unseren Putzmännern gelernt), Bad, Klo, Küche putzen, Staubsaugen. Na gut, um Bodenwischen haben wir uns auch diesmal gedrückt.

Dabei wurde ich dankbarer als eh schon sehr für die Arbeit der beiden Putzherren. Allerdings kam ich ihnen auch auf ihre Abkürzungen (u.a. die obersten beiden Bücherregale – aber wahrscheinlich reicht es tatsächlich, wenn dort nur alle paar Jahre gewischt wird).

Duschen und Anziehen für eine Einkaufsrunde. Im Samsonite-Laden holte ich dabei die neuen Rollen für meinen größten Koffer ab. Bestellt hatte ich nur Ersatz für die eine kaputte, doch als die Angestellte merkte, dass die Kofferseite nicht notiert worden war, kaufte ich kurzerhand alle viere, die geliefert worden waren: Nach zehn Jahren kann man dem sonst rundum neuwertigen Koffer ja einen Satz neuer Rollen gönnen (wenn eine 12,50 Euro kostet, das Koffermodell aber derzeit 470 Euro). Die beiden ausgesprochen zuvorkommenden Verkäuferinnen beteuerten zwar, die Rollen samt Gehäuse seien ganz einfach auszuwechseln („Wenn’s sogar ICH schaffe, haha…“ – ich schluckte mal wieder eine feministische Intervention runter.), doch ich könne auch je-der-zeit mit dem Koffer kommen, dann werde das im Laden für mich erledigt.

Pft, wie schwer konnte das sein? War es dann auch nicht – weil ich ein Set Torx-Schlüssel besitze, mit dem mein Vater vor einigen Jahren den ohnehin super bestückten Werkzeugkasten ergänzt hatte, den ich von ihm zum Auszug von daheim bekam (danke Papa!). Anstrengen musste ich mich dennoch, denn der Winkel zum Ansetzen des Schlüssels für vier mal vier Schrauben in den Ecken des Koffers war sehr ungemütlich. Wie eine der beiden Verkäuferinnen geraten hatte, hob ich die drei nicht-kaputten Rollen auf: „Wenn Sie mal schnell eine auswechseln müssen.“

Den weiteren Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und Vorbereitungen des Abends. Nämlich: Herr Kaltmamsell besitzt ein Kochbuch Kochvergnügen wie noch nie von Gräfe und Unzer aus den 70ern (von seinen Eltern übernommen), in dem die Kategorien zum Beispiel heißen „Für schicke Abendessen“, „Braten mit Tradition“, „Spaß beim Flambieren“ und das Rezepte für so wunderbare Gerichte enthält wie „Zungenschärfer“, „Knabberkeulchen“, „Grillmasters gefüllte Kissen“, „Rumpsteak Mirabeau“, „Auberginensalat ‚antique'“, „Westfälisches Blindhuhn“, „Bromberger Hirschfilet“, „Schnippelkuchenpfanne“, „Hillibilly-Heidelbeertoast“.

Nachdem ich mich eines Abends mit Herrn Kaltmamsell darüber beömmelt hatte, kam ich auf die Idee, zu einem 70er-Abendessen mit solchen Gerichten einzuladen. Und das war gestern.
Zuvor natürlich Ananasbowle – mein Bowleset ist aus der Aussteuer einer Freundin übernommen, die wir auch eingeladen hatten.

Herr Kaltmamsell stellte das Menü zusammen und bastelte Menükarten:

Ich sorgte für Getränke: Ananasbowle, als Weißwein fränkischen Bocksbeutel Silvaner Juliusspital, als Rotwein einen Chianti la spinosa Riserva – in meiner Familie war zwar der klassische Weißwein in den 70ern Kellergeister, der Standard-Rotwein Edler von Mornag, doch keines von beidem wollte ich den Gästen und uns antun. Und sowohl Bocksbeutel als auch Chianti hatten es auch in den 70ern auf die Münchner Tische geschafft. Auch die Grießnockerl und der Nachtisch waren von mir.

Es wurde ein vergnügter Abend: Wir bekamen Blumen, Bier und Liköre mitgebracht, die Bowle ging schnell weg, und nichts an dem Menü schmeckte grässlich (Herr Kaltmamsell betonte, ich hätte ihn erst kurz vor abschließender Menüentscheidung informiert, dass Wohlgeschmack ein Entscheidungskriterium sein müsse). Die größte positive Überraschung war für mich die Romanoff-Torte: Hackfleisch, Speck und Blätterteig können, richtig zubereitet, eine sehr gute Kombination sein.

Fotos habe ich dann doch viel zu wenige gemacht, weil ich mit Bewirten und Spaßhaben beschäftigt war.

Die meisten der Vorspeisenhäppchen beim Warten auf ihren Einsatz.

Romanoff-Torte mit Endivien- und Gurkensalat.

Es wurde spät, ich ging ins Bett mit der Vorfreude auf den Morgen, da zwei Gäste über Nacht blieben.

§

Autorin und Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka schreibt ausführlich über die Rolle ihrer dunklen Hautfarbe für ihr Deutschsein (und nimmt unter anderem die Aussage von Weißen auseinander, sie sähen ja keine Hautfarben, das sei für sie keine Wahrnehmungskategorie).
„Identitäten (6/7)
Farbe bekennen“.

via @buschheuer

Es ist wahnsinnig frustrierend, die eigene Lebensrealität immer als exotischen, komplexen Sonderfall gespiegelt zu bekommen.

(…)

Die Schublade „Schwarz“ ist selbstgeschaffen. Sie beschreibt keine Hautfarbe, sondern ist eine politische Selbstbezeichnung. „Schwarz“ beschreibt nicht ausschließlich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten „ethnischen Gruppe“, sondern eint vor allem Menschen, die die Erfahrung teilen, auf eine bestimmte Art und Weise gesellschaftlich wahrgenommen zu werden.

Journal Freitag, 10. Januar 2020 – Leseexemplarfreuden

Samstag, 11. Januar 2020

Win some, lose some: Höllenschmerzen hatten mich vom Einschlafen abgehalten, dank 600 mg Ibu bekam ich wenigstens zwischen zwei und sechs Uhr ein paar Stunden durchgehenden Schlaf.

Ich war früh in der Arbeit, weil es viel zu tun gab. Und so ackerte ich durch, kaum gestört von Querschlägern, mit neuer Klarheit im aktuellen Albtraum-Projekt, die zumindest ein diesmal geordnetes Neuaufsetzen ermöglicht.

Mittags Bircher-Muesli mit Joghurt, nachmittags Apfel und Nüsse.

Beim Heimradeln in sehr milder Luft Abstecher zum Vollcorner, um unter anderem noch mehr Wein für die Samstagabendeinladung zu besorgen.

Daheim erst mal Häuslichkeiten, außerdem erste Schritte zum Nachtisch für Samstag. Große Freude über ein Leseexemplar von Bov Bjergs neuem Roman.

Herr Kaltmamsell sorgte für Nachtmahl, ich für den Gin Tonic zum Aperitiv.

(Wein wurde der Rest einer Flasche Sauvignon Blanc Reichsrat von Buhl.)

§

Wibke Ladwig berät Buchhandlungen und Bibliotheken bei Online-Kommunikationsprojekten. Vor Weihnachten arbeitete sie in einem Buchladen mit. Ihr Blogpost erzählt viel darüber, wie weit vorne der Buchhandel inzwischen wirklich ist:
„Abenteuer Buchhandel: Wie ich meinen alten Beruf nochmal anprobierte“.

§

Jacinta Nandi beschreibt als Zugezogene nach Berlin, wie sich alle Welt außer Deutschen verabredet – und im Gegensatz dazu Deutsche.
„Germans, find a better excuse to be flaky!“

AND I THINK THAT’S BEAUTIFUL!
(Allerdings verstehe ich immer besser, warum meine englischen Freundinnen während meines Studienjahrs in Wales regelmäßig warnen mussten: „Stop being so German!“)

via @annalist

Journal Montag, 6. Januar 2020 – Venedig 6, Ca‘ d’Oro, Befana-Rudern und Rückreise

Dienstag, 7. Januar 2020

Unser Zug zurück ging erst um halb zwei, das verschaffte uns mit etwas früherem Aufstehen einen weiteren Vormittag in Venedig – und nochmal ließ Venedig sich nicht lumpen.

Aus der immer noch nicht geringer werdenden Zahl attraktiver Museen hatte sich der Palazzo Ca‘ d’Oro in meine Aufmerksamkeit geschoben, unter anderem weil wir mit dem Vaporetto auf dem Canal Grande mehrfach daran vorbeigefahren waren.

Auch gestern wollten wir mit dem Vaporetto hinfahren (gleich beim Palazzo gibt es eine nach ihm benannte Haltestelle), doch es fuhr uns vor der Nase davon. Da wir aufs nächste hätten warten müssen und die Fahrt ohnehin lang gedauert hätte, gingen wir zu Fuß – und genossen nochmal herrliche Anblicke, gestern bei trübem Wetter.

Der damals verfallende Palazzo Ca‘ d’Oro war Ende des 19. Jahrhunderts von Baron Giorgio Franchetti gekauft worden und Stück für Stück restauriert mit dem Ziel, eben jenes Museum daraus zu machen. Wir sahen auf zwei Geschoßen unter anderem wundervolle europäische Kunst aus dem 15. und 16. Jahrhundert (hier eine Liste), auffallend gelungen präsentiert, und wie von Franchetti beabsichtigt war auch das Gebäude selbst sehr sehenswert.

Beim Blick von dort auf den Canal Grande fiel mir wie schon in den Tagen zuvor auf, dass immer wieder Stehruderer auf den Kanälen unterwegs sind, scheinbar ganz normale Menschen einzeln, zu zweit, aber auch in größeren Gruppen in unscheinbaren Booten. Laut einem Zeit-Artikel von 2018 gibt es in Venedig eine Rückbesinnung auf diese spezielle Rudertechnik (die schmalen Kanäle bieten nicht genug Platz für waagrechte Ruder). Vermutlich hätte ich das unter den Sportmöglichkeiten der Lagunenstadt aufführen müssen – es gibt sogar Kurse.

Auf der Rückfahrt per Vaporetto zum Hotel musste unser Schifferl am Rialto-Markt eine ganze Weile warten, weil an der Brücke irgendwas los war. Erst nachträgliche Recherche verriet mir: Wir hätten die Regata delle Befane sehen können. Am Dreikönigstag kommt ja in Italien die Hexe Befana und bringt Geschenke; das feiert der historische Ruderclub Cannotieri Bucintoro mit einer Regata auf dem Canal Grande – in Kostümen. Als wir mit unseren Koffern auf das Vaporetto zum Bahnhof warteten, sahen wir den einen und die andere davon kostümiert an uns vorbei heimrudern.

Zuvor hatten wir am Palazzo Ca‘ d’Oro noch Zeit für einen Cappuccino gehabt und dazu in der Pasticceria Pitteri Torta Veneziana al Pistacchio gegessen: Köstlich, auch die anderen Gebäcke in der Auslage sahen sehr individuell und hausgemacht aus.

Am Bahnhof hatten wir noch reichlich Zeit. Herr Kaltmamsell bekam endlich seine Pizzaschnitte auf die Hand, ich schloss mich an, und wir holten Brotzeit. Die Rückfahrt pünktlich und ereignislos, das Wetter in München ähnelte dem in Venedig bei der Abfahrt.

Blick von der Rialtobrücke ins Trübe.

Palazzo Ca‘ d’Oro.

Ruderer vorm Palazzo.

Mehr Ruderer nach der Regatta.

Feministische Paddelunterstützung (auf dem Boot steht „Pink Lioness in Venice“).

§

Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, Stay with me ausgelesen. Puh, ein vielgerühmter Roman, doch mein Problem damit ist ein spezielles: Romane, deren Handlung von Kinderwollen und -haben als Wichtigstem im Leben dominiert wird, gehen an mir vorbei. Ich weiß sehr wohl, dass die Menschen mit nur wenigen Ausnahmen ganz dringen Kinder haben wollen – bloß gehöre ich halt nicht nur zu diesen Ausnahmen, sondern wollte im Gegenteil immer schon ganz dringend und aktiv keine Kinder haben. Da draußen in Leben und Gesellschaft ist mir die Abweichung meiner Einstellung sehr bewusst und ich ermögliche anderen das Kinderhaben selbstverständlich, versuche für eine Gesellschaft zu sorgen, in der dieser Wunsch möglichst einfach umgesetzt werden kann. Und Freundinnen und Freunde, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt, bedaure ich wirklich von Herzen, wie mich jeder ihrer unerfüllten Herzenswünsche wirklich schmerzt.

Doch ein paar hundert Seiten Roman, in denen absolut jeder und jede Kinderkriegen als das absolut Allerwichtigste im Leben annimmt, in denen sich alles darum dreht, bereiten mir vor allem Anstrengung. Die Kinderkrieg-Motivation des jungen nigerianischen Paares in Stay with me ist so bestimmend, dass der Hintergrund der Romanhandlung, nämlich die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Nigeria im ausgehenden 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts, aufgesetzt wirkt. Auch die unchronologische Erzählstruktur und kapitelweise wechselnde Erzählperspektive aus Sicht der Ehefrau Yejide und des Ehemanns Akin kamen mir bemüht vor. (Mag vielleicht mal wieder jemand eine so richtig auktoriale Erzählstimme versuchen? Also außer Wolf Haas? Wäre inzwischen innovativ.)

Eine interessante ganz andere Sicht auf den Roman gibt die Rezension von Diana Evans im Guardian: „Stay With Me by Ayòbámi Adébáyò review – a big-hearted Nigerian debut“.

Journal Sonntag, 5. Januar 2020 – Venedig 5, Saurierknochen und Glas

Montag, 6. Januar 2020

Ich bin mal gespannt, wie ich nächste Woche nach solchen Schmerznächten arbeiten gehe, ohne ausschlafen zu können. Andererseits: Konnte ich vor den Ferien ja auch.
(Zum Merken: Auch meine Verdrängungskräfte sind geschwunden. Die eine unerledigte Arbeitssache belastete mich die gesamten Ferien hindurch und ließ mich keinen Abstand zur Arbeit finden. Da half kein bisschen, dass ich nie eine Chance hatte, diese Aufgabe zu lösen, auch nicht, dass ich darauf hingewiesen hatte.)

Herr Kaltmamsell behauptet gerne, ich ginge nie mit ihm ins Naturkundemuseum. Also zwang ich ihn gestern in das von Venedig. Das Museo di Storia Naturale di Venezia stellte sich als ausgesprochen besuchenswert heraus. Ein großer Teil befasst sich mit Erdgeschichte, eher an Kinder gerichtet, zeigt Fossilien aus der ganzen Welt, sehr lebendig und zeitgemäß aufbereitet. Ein weiterer Teil präsentiert naturhistorische Sammlungen aus dem 19. Jahrhundert (Thema ist die Entstehung und Entwicklung dieses Forschungszweigs) – und da wird’s haarig und erstaunlich wenig zeitgemäß: Mumien und das, was man bis vor nicht allzulanger Zeit naiv und herrenmenschlich als „Volkskunde“ bezeichnete, kann man heute nicht mehr unkommentiert ausstellen, als hätte es seit der Kolonialzeit keine Reflexion und Forschung gegeben. Ähnlich befremdet war ich von den zwei großen Räumen mit Trophäen der Großwildjagd – auch wenn ich durchaus beeindruckt war von den ersten Giraffenköpfen am Hals, die ich je an einer Wand gesehen habe.

Wirklich interessant wurde wieder der nächste Teil, in dem – zurück zum eher kindlichen Niveau – Naturkunde präsentiert wurde sortiert in Bewegungsarten von Lebewesen, Lebensräumen, Ernährungsweisen. Hier fand ich auch Altbestände der Museumssammlung gut integriert, seien es ausgestopfte Tiere oder in Alkohol im Glas konservierte.

Zweiter Vorsatz für den Tag war ein Besuch der Insel Giudecca. Dorthin nahmen wir ein Vaporetto, beim Umsteigen am Hauptbahnhof holten wir uns als Brotzeit ein Süßgebäck auf die Hand.

Giudecca war eher unspektakulär, außerdem lag der Uferweg im Schatten – und ich humpelte gestern besonders schmerzhaft. Wir spazierten also nicht bis ganz zum Ende der Insel, sondern nahmen ein Vaporetto für das kurze Stück rüber zur Insel San Giorgio Maggiore, die zwischen der Hauptinsel und Giudecca liegt: Die Kirche sah interessant aus.

Als noch interessanter stellte sich allerdings eine Ausstellung auf der Insel heraus: Es gibt ein Glaskunstmuseum, und das zeigte gerade Werke von Thomas Stearns für Venini Anfang der 60er. Klein, sehr schön präsentiert und erklärt. Die Kirche guckten wir dann schon auch an, waren aber nicht mehr so richtig aufnahmefähig.

Vaporetto zurück nach San Marco, von dort zu Fuß ins Hotel, ausruhen. Abendessen in einem Restaurant ums Eck: Gutes Essen (Kalbsbackerl!), am meisten freute mich der Valpolicella ripasso im Glas.

Morgentlicher Blick vom Hotelzimmerbalkon auf einen durchwegs sonnigen Tag, der kälter roch, als er tatsächlich war.

Falls Sie sich wie ich gefragt haben, wie man wohl Sport in Venedig betreibt:
Zum einen gibt es die handelsüblichen Joggerinnen und Jogger, die sich halt statt durch Autoverkehr durch Touristenströme schlängeln. (Diese Joggerin und ihr Joggingpartner beschlossen ihre Sonntagsrunde gegen 11 Uhr mit einem Campari Soda und Kartoffelchips an einer Bar, in der sie als alte Bekannte begrüßt wurden. Das Konzept gefällt mir.) Einmal sahen wir in einem Hauseingang einen Mann auf einem Ergometer strampeln. Und zum anderen gibt es halt Fitnessstudios: Wir kamen einmal in der Abenddämmerung an einem vorbei, das auf einen schmalen Kanal rausging; durch die offenen Fenster sahen wir Menschen mit Blick nach draußen auf Laufbändern rennen und auf Crosstrainern strampeln.

Ausstellungseindrücke im Naturkundemuseum.

Blick von Giudecca nach Dorsoduoro.

San Giorgio Maggiore.


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