10 Jahre Dayton, ganz persönlich
Montag, 21. November 2005Der Schweizer blogk erzählt über vier “um Dayton herum geborene Jungs balkanesischer Herkunft” in der Schweiz. Hilft nebenwirkungsfrei gegen Verallgemeinerungen.
Der Schweizer blogk erzählt über vier “um Dayton herum geborene Jungs balkanesischer Herkunft” in der Schweiz. Hilft nebenwirkungsfrei gegen Verallgemeinerungen.
„Was ist es eigentlich“, fragte der Zaunkönig in seinem Ausguck über den Dächern, „was du an dieser Stadt so hasst?“
„Es ist wohl gar nicht diese Stadt“, antwortete ich. „Ich hasse mich in dieser Stadt.“
War mir eben erst eingefallen. Vielleicht mochte ich die Erklärung ja nur, weil sie so gut klang, vielleicht stimmte sie sogar. Denn sie hat mir doch gar nichts getan, diese Stadt. Mir lauern hier keine Geister auf, keine üblen Erfahrungen.
Doch ich fühle keinerlei Sympathie für mein früheres Ich. Für den Menschen, der ich in meiner Geburtsstadt war, am allerwenigsten. Das muss möglicherweise diese Stadt ausbaden.
Welch erstaunlich große und unausschaltbare Verbohrtheit und Verbissenheit mir zur Verfügung stehen um zu verhindern, dass ich mich wohlfühle oder gar amüsiere. Die Verspätung des Zuges ziehe ich nicht dazu heran, das ist gewohnt und vertraut. Ärger und Verachtung setze ich erst ab dem Taxifahrer in seinem rauchverstunkenen Wagen ein. Der alte Mann übersieht mein Signal, auf der Rückbank Platz zu nehmen, beginnt eine Unterhaltung. Erklärt den Radiosender und die Eishockey-Übertragung, berichtet über das Wetter der vergangenen Wochen, als sei ich eine Reisende von einem anderen Erdteil, obwohl bereits mein Akzent verrät, dass ich aus derselben Gegend stamme. Fragt nach meiner Vergangenheit und meiner gegenwärtigen Position. Endlich schweigt er. Ich bemerke selbst in der Dunkelheit, dass die Kirschbäume an der vertrauten Landstraße verschwunden sind, von denen ich als Schulkind Kirschen klaute (vermutlich war es sogar erlaubt, die Früchte für den Eigenbedarf zu ernten, aber damals war es mir lieber, mich als Kirschendiebin zu sehen). Um an die schweren Äste zu gelangen, musste ich mein Fahrrad an den Stamm lehnen und auf den Sattel steigen. Jetzt sind die Bäume weg. Dann kennt der Taxler die Adresse nicht: „I hob gmoant, Sie war’n do scho moi.“ Nein war ich nicht, als ich das letzte Mal in dieser Gegend war, war der Vorort nur halb so groß. Der Taxler irrt durch den Ort, jedes entgegen kommende Auto beleuchtet seinen flusigen Haarkranz wie einen Heiligenschein. Mobiltelefonisch versuche ich den Gastgeber zu erreichen, zweimal gerate ich an seine kleinen Kinder, die gleich wieder auflegen, bis ich endlich die Frau des Hauses erwische, sie dem Taxifahrer weiterreiche, damit sie ihn lotsen kann. Eine Zeit lang halte ich aus, dass der Mann so laut ins Telefon ruft, als versuche er, auch ohne den Apparat gehört zu werden, dann fahre ich ihn doch an: „Jetzt schrein’S doch net so.“ Die Hausnummer findet er trotz meiner Hinweise nicht. Ich bitte ihn, mich einfach rauszulassen, das letzte Stück laufe ich, danke stimmt so. Das frisch erbaute Eigenheim, fester Meilenstein in der Lebensplanung meiner hiesigen Altersgenossen, dieses wie alle umstehenden im bonbonfarbenen Las-Vegas-Toskana-Stil. Meine Entschlossenheit, alles furchtbar und die Mitabiturienten, mit denen ich hier das nächstjährige Klassentreffen plane, doof zu finden. Die eine wunderschön und frisch geschieden. Der andere zum wichtigen Obermanager des örtlichen Großkonzerns aufgestiegen; vor lauter Feistigkeit inzwischen halslos. Tratsch: Sein größerer Bruder, als ich 15 war mein erster Freund, hat eben seine Familie nach 20 Jahren verlassen, wegen einer anderen Frau, mit der er seit drei Jahren ein Verhältnis hat. Der halslose Bruder erzählt, dass er nun für seine Familie gestorben ist. Doch dann der weitere Mitabiturient, gutmütig, besonnen, immer noch hilflos über den kürzlichen Tod seiner Mutter. Der fünfte im Bunde, dem man schon zu Abiturzeiten die vielen Nächte als Musiker in der Blaskapelle seines Dorfes oder am Kartentisch ansah, jetzt Vater von vier Kindern, immer noch im selben Dorf. Die beiden letzteren brechen meinen Widerstand ein wenig, knacken die eisernen Bande um mein Herz an durch ihr Wohlwollen, ihre Güte. Doch dann das beschissene dritte Glas Rotwein, das zu viel war. Seit ein paar Jahren lehnt mein Körper hin und wieder Alkohol energisch ab. Diesmal weckt er mich um fünf Uhr morgens mit Kopfweh, wie gewohnt gefolgt von entsetzlicher Übelkeit. Vomex und Aspirin in der Küche des Elternhauses (damit die Eltern nicht durch Betriebsamkeit im Bad neben ihrem Schlafzimmer geweckt werden). Ab dann vier Stunden Übelkeitsfolter im harten Bett, Medikamente samt Wasser wieder von mir gegeben, gequälte Gedankenschleifen „ohgottohgottohgott“, „bittebittebitte“, „neinneinnein“. Lang nach Sonnenaufgang endlich übelkeitsbefreiter Schlaf. Aufstehen erst um 12 Uhr, ich fühle mich um den Vormittag mit meinen Eltern betrogen. 40 Minuten zu Fuß zur Verabredung in der Stadt, mein Vater begleitet mich. Er erzählt und erzählt, vom Treffen mit den ehemaligen Arbeitskollegen, wie er sich als Rentner in die Firma geschmuggelt hat, von jedem der Ex-Kollegen, wie die Sicherheitssysteme funktionieren, wie seine Mitarbeiter früher versucht haben, ihn auszutricksen und wie er ihnen draufgekommen ist. Er ist mir so zugeneigt und liebevoll, fragt nach mir, hakt nach, wittert nicht mehr in allem einen Angriff. Und doch scheint mir unbegreiflich, dass der grauhaarige, gedrungene Mann, der da mit wiegenden Schritten neben mir geht, mein Vater ist. Über den Dächern der Stadt vergisst mein Körper mit den Stunden, dass er eigentlich angegriffen ist, mein Magen lässt das Beleidigtsein, die eisernen Bande um mein Herz lockern sich, das Fremdeln gibt sich. Abends durch die dunkle Innenstadt zum Rathausplatz. Ganz wenig ist geblieben, fast alles anders und neu. Im Bus nach langem mal wieder gezahlt, denn diese Stadt ist nicht von meiner Netzkarte abgedeckt. Nur 15 Minuten bis zum nächsten Zug. Richtung München immer mehr Schnee. Ich komme als eine etwas andere heim.

Smir wurscht, dass in einen “echten”, “eigentlichen”, “richtigen” Highball (bei mir immer: Jack Daniels in Ginger Ale) keine Cocktailkirschen gehören. Ich liebe Cocktailkirschen im Highball und würde mir ohne niemals einen machen.
In München schniebelt es. Hat es angeblich bereits gestern am frühen Nachmittag getan, aber da war ich in einer unbeschneiten anderen Stadt.
Update 7:30 Uhr “Hey”, sagt die kleine Heckenbuche, “ich bin doch noch gar nicht fertig mit Blätterabwerfen!”

Das „Streiflicht“ der Süddeutschen macht sich munter lustig darüber, banana denkt die Sache gewohnt unerbittlich zu Ende – und fordert schließlich dazu auf, mal wieder mit den Domino-Steinen Domino zu spielen, anstatt sie umzuschmeißen.
Wodurch der werte Herr Spackonaut einen Erinnerungsflash bei mir ausgelöst hat:
Domino, genauer jugar al dominó hat mir mein spanischer Großonkel Ignacio beigebracht. Auf dem Hinterhof seines Landhauses in Kastilien, im Schatten des Weinlaubs (auf dem unteren Foto sieht man den Platz, bitte scrollen), zwischen grauen Bartstoppel einen Zigarrenstummel im Mundwinkel, speckige Baskenmütze auf dem Kopf. Und natürlich mit echten Dominosteinen, also: schwarzer Boden, weiße Oberseite mit schwarzen Vertiefungen für die Punkte (allerdings aus Plastik, nicht aus Ebenholz / Elfenbein). In die Mitte der Oberseite gehört ein messingfarbener Knubbel: Der ist ganz wichtig, denn wenn man nur noch einen Dominostein hat, also kurz vor dem Sieg steht, legt man diesen letzten Stein mit der Oberseite auf den Tisch und und lässt ihn überlegen und siegesgewiss auf diesem Knubbel kreiseln.
Am Aufstellen und Umwerfen von Dominosteinen ohne Punkte kann ich nun gar nichts Lässiges finden.
Zu den Pestilenzen im Publikationsmarkt gehört die wachsende Zahl der Branchenverzeichnisse. Das sind Print- und Online-Publikationen, die gegen Geld Informationen über Firmen veröffentlichen und sich darauf berufen, dass sie von ganz vielen potenziellen Kunden genutzt würden und damit das Geschäft ankurbelten. Die meisten, die bei mir aufschlagen, sind unseriös. Inzwischen haben die besonders cleveren sich auf einen besonders cleveren Trick verlegt, um eine Reaktion auf ihre Anfrage auszulösen: Sie schicken die Druckfahne / den Screenshot der möglichen Veröffentlichung gleich mit – gespickt mit sachlichen Fehlern. Sie bauen clevererweise darauf, dass jeder verantwortungsvolle Verantwortliche den Reflex verspürt, diese Fehler richtig zu stellen und sich deshalb bei ihnen meldet. Netter Versuch.