„Ich hab’ nichts gegen…“

Montag, 26. Dezember 2005 um 14:42

Gerne auch „Ich hab’ ja nichts gegen…“. Das ist eine der wenigen Formulierungen in der deutschen Sprache, die – so behaupte ich – immer das Gegenteil ihrer eigentlichen Aussage bedeuten.

„Ich hab’ ja nichts gegen…“ wird nur im Zusammenhang mit Personen oder Personengruppen verwendet. Das wurde mir klar, als der Mitbewohner einen Lacher mit der Aussage erzielte: „Ich hab’ nichts gegen Dill. Ich respektiere ihn nur nicht besonders.“ Die Aussage war witzig, weil er sie in unüblichem Zusammenhang gebrauchte. (Den Respekt frischem Dill gegenüber habe ich ihm mittlerweile nahe gebracht.)

Käme jemand außer zur Erzielung eines Lachers auf die Idee, sowas bei der Beurteilung von Nahrungsmitteln zu verwenden? Sagt jemand „Ich hab’ ja nichts gegen Karotten“? Nicht ernsthaft, oder? Er wird sagen: „Ich mag Karotten nur roh im Salat.“ Oder: „Ich esse Karotten wahnsinnig gerne, am liebsten Karottensuppe.“ Aber niemand sagt: „Ich hab’ nichts gegen Karotten.“

Oder probieren wir es mit Blumen: „Ich hab’ ja nichts gegen Nelken.“ Auch nicht, oder? Eher schon: „Eigentlich mag ich Nelken, aber hier passen sie nicht.“ Oder: „Och, als Knopflochblume sind Nelken ok.“

Ich bin überzeugt, diese Formulierung ist Ausdruck genau des Resentiment, die sie bestreitet. Der Sprecher / die Sprecherin äußert sie dann, wenn sie dieses Resentiment spüren und es glauben bestreiten zu müssen – nach außen oder sich selbst gegenüber.

Am häufigsten kenne ich den Satz mit dem Ende „Ausländer“. Hat jemand „Ich hab’ ja nichts gegen Ausländer“ schon mal aus dem Mund eines Menschen gehört, der sich für die Belange von Einwanderern einsetzt? Eben. Obwohl er vordergründig das Gegenteil behauptet, drückt der Satz ein Resentiment aus – allein schon indem er voraussetzt, dass eine riesige und alles andere als homogene Bevölkerungsgruppe für eine persönliche Haltung zusammengefasst werden kann. Deshalb zucke ich mittlerweile bereits zusammen, wenn jemand auch nur zu „Ich hab’ nichts gegen…“ ansetzt.

Was schreib’ ich groß rum; einmal mehr ist alles, was dazu zu sagen ist, schon gesagt, aufgeschrieben vom unsterblichen Goscinny in Das Geschenk Cäsars und Metusalix in den Mund gelegt:
„Du kennst mich doch, ich hab’ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!“

die Kaltmamsell

10 Kommentare zu “„Ich hab’ nichts gegen…“”

  1. Thuner meint:

    „den Respekt frischem Dill“ oder „den Respekt frischen Dills“?

  2. kasia meint:

    Wie gelungen Sie wieder ein Thema, das ich mal „Sensibilität im Umgang mit der Sprache“ nennen möchte, auf den Punkt gebracht haben. Meine aufrichtige Bewunderung. Höre ich sowas, kann ich mich nur kommentarlos und angewidert abwenden. Mir verdrehts dann einfach den Magen.

  3. typ.o meint:

    sachma frau kaltmamsell, schickst du mir mal eine postadresse, wo dich noch was vor dem jahreswechsel erreichen kann?

  4. syberia meint:

    Ich hab‘ was gegen Nelken: Glasreiniger. Einmal damit besprühen und sie sind gewesen.

  5. outrage meint:

    Ähnlich ist es doch, wenn eine Person einen Satz mit „(also) wenn Du mich fragst…“ einleitet. Das heisst doch nur, dass man diese Person garantiert nicht gefragt hätte…

  6. Tanja meint:

    Ins Schwarze, vielen Dank.

    @kasia: angewidert abwenden, geht das bei Ihnen immer? In der Warteschlange in der Mensa, wenn man seinen Espresso vom gleichen Tropf zapft? Im Lift? Im Taxi (sind eigentlich fast meine Favoriten für diese Redewendungen die Taxichauffeure und -chauffeusen). Mir gelingt das leider nicht so leicht und ich übe das Parieren immer noch.

  7. kasia meint:

    @ tanja
    Nein, das stimmt. Das geht leider nicht immer. Nur mit Diskussionen geht es auch nicht immer.

  8. krxxxx meint:

    hmm…ist nun das erste mal das ich hier was kommentiere, aber es muss einfach sein. ich fühle mich nun nämlich fürchterlich falsch verstanden – und hoffentlich versteht man das hier jetzt nicht noch viel falscher.
    ich verwende den geschmähten satz, obwohl ich ihn auch nicht mag, ab-und-zu wenn ich von einer begebenheit berichte, die ich gesehen oder erfahren haben, bei der im allgemeinen diskriminierte gruppen etwas tun, was ihnen eben immer vorgeworfen wird. ich versuche damit nur auszudrücken, dass ich die begebenheit erlebt habe, aber daraus eben nicht pauschal auf eine gruppe schliessen will. hinzufügen muss ich noch, dass die erzählung der begebenheit nicht hauptthema des gespräches ist, sondern eher eine nebensache.

    ist das irgendwie verständlich?

  9. die Kaltmamsell meint:

    Ja, ist verständlich – aber horchen Sie mal in sich, welcher Impuls Sie zu diesem Satz veranlasst. Eine Möglichkeit wäre, dass Sie sich bei einer Verallgemeinerung des Gesehenen / Erfahrenen auf eben die ganze Gruppe ertappen und ein schlechtes Gewissen deshalb haben.

  10. krxxxx meint:

    Ein schlechtes Gewissen habe ich alleine beim Aussprechen des Satzes (und wenn ich bemerke das andere Gross-und Kleinschreibung anwenden..) – aber auch nur dabei. Es dürfte schwierig werden, hier unter Beweis zu stellen, dass ich nicht verallgemeinere. Es ging mir darum aufzuzeigen, dass ich manchmal schon bei blossen Schilderungen von Situationen oder Erfahrungen befürchte als xxx-feindlich eingestuft zu werden. Deshalb benutze ich manchmal „den Satz“ und manchmal erwähne ich die (Gruppen)identität der Person nicht von der ich berichte.

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