Archiv für Dezember 2005

Granta: The View from Africa

Donnerstag, 22. Dezember 2005

Dies ist wieder eine sehr bereichernde Granta-Ausgabe: Afrika aus afrikanischer Sicht. Wie immer eine Mischung aus Erzählungen, Fiktion, Satire, einer Fotostrecke. Unbedingt zu lesen und netterweise auch schon online: Binyavanga Wainainas „How to write about Africa. Some tips: sunsets and starvation are good“. Wainaina lebt in Nairobi und ist Gründer der Literaturzeitschrift Kwani?.

Er kennt sich also aus und empfiehlt unter anderem:

Never have a picture of a well-adjusted African on the cover of your book, or in it, unless that African has won the Nobel Prize. An AK-47, prominent ribs, naked breasts: use these. If you must include an African, make sure you get one in Masai or Zulu or Dogon dress.
(…)
Taboo subjects: ordinary domestic scenes, love between Africans (unless a death is involved), references to African writers or intellectuals, mention of school-going children who are not suffering from yaws or Ebola fever or female genital mutilation.
(…)
Among your characters you must always include The Starving African, who wanders the refugee camp nearly naked, and waits for the benevolence of the West. Her children have flies on their eyelids and pot bellies, and her breasts are flat and empty. She must look utterly helpless. She can have no past, no history; such diversions ruin the dramatic moment. Moans are good.
(…)
Readers will be put off if you don’t mention the light in Africa. And sunsets, the African sunset is a must. It is always big and red. There is always a big sky. Wide empty spaces and game are critical—Africa is the Land of Wide Empty Spaces.

Ich fürchte, ich werde nie mehr einen handelsüblichen deutschen Magazinartikel über ein afrikanisches Thema lesen können, ohne breit zu grinsen. Hier der ganze Text.

Seasonal status

Donnerstag, 22. Dezember 2005

Ich weiß ja immer noch nicht, woher dieser Sehnsuchtswandel kommt, der mir ausgerechnet im sonst so verhassten Winter ständig dieses „Raus! Raus! Raus!“ zuruft. Mich die ganze Woche auf das wochenendliche Laufen freuen lässt, mich jede Gelegenheit nutzen lässt, Wege zu Fuß zurückzulegen. Meinen Blick auf die sachten, kleinen Schneeflocken lenkt, die vor dem Fenster spazierenfliegen. Mich ganz sicher sein lässt, dass es genügen würde, meinen Kopf raus in ihren Tanz zu stecken, damit ihr Gemach die Schmerzen darin nimmt und aus verbohrter Düsterheit Ruhe macht. Ruhe.

Auf meinem Weg in die Arbeit (30): Die Fee

Mittwoch, 21. Dezember 2005

Liebe Berliner, heute müsste bei Ihnen eine Fee angekommen sein. Ich bin ihr auf dem ersten Stück ihrer Fahrt begegnet, als ich in einem berlingerichteten ICE zur Arbeit fuhr.

Die Fee ist eine sehr junge Frau mit einem sehr großen Koffer, die sich am Münchner Bahnhof im Zug neben mich an einen Vierertisch setzte: Zerbrechlich dünn, aber nicht mager. Helle, makellose und durchscheinende Haut, herzförmiges Gesicht mit mongolischem Einschlag, Schwanenhals. Die schwarzen Augenbrauen zu dünnen Flügeln gezupft, die an ägyptische Hofdamen vor tausend Jahren erinnern, laut glitzernder Lidschatten, lange und fein getuschte Wimpern. Die wenigen, schwarz gefärbten langen Haare locker im Nacken zusammengebunden.
Ganz in Schwarz gekleidet: langer schwarzer Wickelpulli, schmaler Rock, schwarze Lederstiefel. Reichlich modischer Glitzerschmuck an Ohren und Fingern – Fingern! Schmale weiße Hände mit schier endlosen Alabasterfingern, verlängert durch drei bis vier Zentimeter lang gezüchtete Nägel (klar lackiert, dadurch erkennbar eigene). Sie ging geschickt damit um, schaffte es sogar, unauffällig ein Croissant Stück für Stück zwischen die fein geschwungenen und mittelbraun geschminkten Lippen zu schieben.

Perfektion ist langweilig, wirklich interessant und zur echten Fee wurde sie erst durch quirky Details: Neben einer eleganten schwarzen Ledertasche hatte sie einen kleinen Rucksack bei sich – in Form eines großen, bereits gammlig geliebten Plüsch-Schafs, das sie auf den Tisch legte. Zudem hörte sie über Kopfhörer Musik, 40 Minuten lang dasselbe Lied immer von vorne: Michael Jacksons „Thriller“.

Wegen meiner miesen Weihnachtsstimmung erkannte ich sie zunächst nicht als Fee und fand ihren Plüschschafrucksack saublöd, malte mir gehässig aus, wie ich sie nach dem Kleinkind fragen würde, dem das Teil wohl gehört. Und dann hörte sie auch noch einen 80er-Jahr-Schlager. Doch als ich begann, immer wieder zu ihr rüber zu schielen, nahm ich all die Feendetails wahr. Beim Aussteigen und Mantelanziehen stolperte ich mehrfach quer über sie, und sie war so freundlich huldvoll, wie es um diese Jahreszeit nur Feen sein können.

Morgendliche Unbillen

Dienstag, 20. Dezember 2005

Bin schon wieder kurz davor, mich zu entschuldigen, weil sich hier nichts Aufregendes tut. Biege aber doch noch ab.

Habe zum Beispiel endlich herausbekommen, welches Fahrzeuggeräusch mich regelmäßig um 5 Uhr morgens weckt. Es hörte sich immer an, als lasse jemand ein kalt gestartetes Auto durch Gasgeben im Leerlauf warm werden: Klassisches „HÖNNNNN HÖNNHÖNNHÖNNNNNNNN!“, und das ganz in der Nähe meines offenen Schlafzimmerfensters. Es handelt sich, so stellte sich nach Auswertung empirischer Daten heraus, wohl um ein motorisiertes Scheeräumfahrzeug, das den Parkplatz des benachbarten Forschungsinstituts freiräumt. Morgens um fünf. Mit Schmackes.

Weitere Unbill (könnte ein skandinavischer Frauenname sein, nein?): Gestern bereitete ich mir wie immer meinen café con leche zum Mitnehmen im Thermobecher zu. Letzter Handgriff vor dem Aufsetzen des Deckels war einmal Umrühren – wobei der Löffel an etwas Großem, Aufgeschwemmten, Ekligen hängenblieb. Es stellte sich als benutzes Taschentuch heraus, das zusammengeknüllt beim Heimtransport in der Arbeitstasche in den gereinigten, offenen Thermobecher geraten sein musste, und das ich weder beim Eingießen des Espressos noch der heißen Milch bemerkt hatte (es handelt sich um einen recht hohen Becher). Ich kippte den gesamten heißen Inhalt ins Spülbecken und musste den Tag ohne café con leche im ICE beginnen.

Heute wiederum erwischte ich die falsche Straßenbahn. Von meiner Heimhaltestelle fahren vier Linien weg, von denen mich drei zum Bahnhof bringen. Statt die Liniennummer zu überprüfen, verließ ich mich auf den Fahrplan – und landete in der einen, die nicht zum Bahnhof fährt. Als mir das klar wurde, hatte ich mir bereits einen strammen fünfzehnminütigen Fußmarsch eingebrockt, um meinen Zug noch zu erreichen.

Alles nicht hollywoodtauglich, aber meins.

Adventspaziergang 2005

Montag, 19. Dezember 2005

Vielleicht werde ich ja krank: Aspirinresistentes Kopfweh und eine elende Müdigkeit, die so gar nichts von dem postkantinalen Schlappschlappschlapp hat, sondern ernsthafte Pläne inspiriert, ob es wohl auffiele, wenn ich meine Bürotür schlösse und mich unter den Tisch legte.

Dabei müsste ich noch bis über beide Ohren voll frischer Luft von gestern sein und damit eigentlich tödlich munter. Gestern unternahm ich nämlich mit meinen Eltern wieder diesen Adventspaziergang, nur diesmal ein Stück länger, dafür völlig verschneit inklusive zeitweisem Schneegestöber. So schön! Nach dem Hinweg Mittagessen in einem Wirtshaus in Enkering, wo mir bereits die Preise auf der Speisekarte das Wasser in die Augen trieben: Schäuferl mit Knödel für 9,00 Euro – dafür lässt man mich in einem Münchener Restaurant gerade mal eine Vorspeise besichtigen. Ich fühlte mich wie ein Westtourist 1994 in der Tschechei.

Der Fotokamera ihr sein Akku hatte ich vergessen aufzuladen, deswegen stellen Sie sich doch bitte einfach die Bilder von letztem Jahr mit 20 Zentimeter Neuschnee vor.

Rettungsfilme

Samstag, 17. Dezember 2005

„Eskapismus“ ist für mich ein Ehrentitel: Damit ein fiktives Werk es schafft, mich hirnverknotete Reibeisenseele tatsächlich hinfortzutragen, muss es schon verdammt gut gemacht sein. Und ich bin sehr froh, dass das überhaupt funktioniert. Als Mittel gegen verregnete und kalte Sommertage zum Beispiel habe ich Much Ado About Nothing (Was? Der ist schon 12 Jahre her?): Die Landschaft! Die Musik! Die Dialoge! Die Kostüme! Denzel Washington!

Gestern Abend ist mir zum Glück ein Film gegen das Weihnachtswürgen eingefallen: Love Actually. Hatte ich damals bereits mehrfach im Kino angeschaut, der Mitbewohner hatte irgendwann die DVD davon gekauft. Oh ja, das wird mein Weihnachtsklassiker. IST der gut. Selten ein so perfektes Drehbuch gesehen: Noch während der Musik der titles ist die erste Hälfte der Epidodenstränge eingeführt, elegant und leicht, tongue in cheek. Die Grundstimmung ist gesetzt, so dass mich die Geschichten auch durch noch so große Unwahrscheinlichkeiten mitnehmen kann (Schlagzeug lernen in drei Wochen? Portugiesisch in drei Tagen? Okeeeeeeeh…). Hat meiner Meinung nach das Zeug zum Klassiker für Heilig Abend.

Ich habe auch herausgefunden, wie ich diese Wirkung verstärken kann: Indem ich in den Tagen nach dem Filmgucken den Soundtrack laufen lasse. Wie eben gerade, wo mich Joni Mitchell daran erinnert, dass ich Emma Thompson eigentlich gerne viel öfter sehen würde.

Kommentar-Spam erschlagen

Donnerstag, 15. Dezember 2005

(Ein Technikeintrag! Von mir!)

Schon seit einiger Zeit funkioniert hier sehr gut eine Software, die von Automaten geschickte Kommentare diagnostiziert und aussperrt: Bad Behaviour. Es kommen also nur noch Spam-Kommentare durch, die liebevoll und persönlich gemeint per Hand geschickt werden. Von diesen (fünf bis zehn pro Woche) bleiben fast alle im Word-Press-Filter nach Schlagwörtern hängen, wo ich sie ebenso händisch (fair is fair) aus der Moderationsschleife lösche.
Fehlerfrequenz: alle paar Wochen. Alle paar Wochen bleibt ein echter Kommentar hängen, den ich freischalte. Alle paar Wochen kommt Spam durch, den ich lösche und mit dessen Inhalt ich den Filter nachjustiere.

(Fragen nach Details leite ich umgehend an das Blog-Heinzelmännchen weiter, dem ich dass Obige verdanke.)


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