Auf meinem Weg in die Arbeit (30): Die Fee

Mittwoch, 21. Dezember 2005 um 11:16

Liebe Berliner, heute müsste bei Ihnen eine Fee angekommen sein. Ich bin ihr auf dem ersten Stück ihrer Fahrt begegnet, als ich in einem berlingerichteten ICE zur Arbeit fuhr.

Die Fee ist eine sehr junge Frau mit einem sehr großen Koffer, die sich am Münchner Bahnhof im Zug neben mich an einen Vierertisch setzte: Zerbrechlich dünn, aber nicht mager. Helle, makellose und durchscheinende Haut, herzförmiges Gesicht mit mongolischem Einschlag, Schwanenhals. Die schwarzen Augenbrauen zu dünnen Flügeln gezupft, die an ägyptische Hofdamen vor tausend Jahren erinnern, laut glitzernder Lidschatten, lange und fein getuschte Wimpern. Die wenigen, schwarz gefärbten langen Haare locker im Nacken zusammengebunden.
Ganz in Schwarz gekleidet: langer schwarzer Wickelpulli, schmaler Rock, schwarze Lederstiefel. Reichlich modischer Glitzerschmuck an Ohren und Fingern – Fingern! Schmale weiße Hände mit schier endlosen Alabasterfingern, verlängert durch drei bis vier Zentimeter lang gezüchtete Nägel (klar lackiert, dadurch erkennbar eigene). Sie ging geschickt damit um, schaffte es sogar, unauffällig ein Croissant Stück für Stück zwischen die fein geschwungenen und mittelbraun geschminkten Lippen zu schieben.

Perfektion ist langweilig, wirklich interessant und zur echten Fee wurde sie erst durch quirky Details: Neben einer eleganten schwarzen Ledertasche hatte sie einen kleinen Rucksack bei sich – in Form eines großen, bereits gammlig geliebten Plüsch-Schafs, das sie auf den Tisch legte. Zudem hörte sie über Kopfhörer Musik, 40 Minuten lang dasselbe Lied immer von vorne: Michael Jacksons „Thriller“.

Wegen meiner miesen Weihnachtsstimmung erkannte ich sie zunächst nicht als Fee und fand ihren Plüschschafrucksack saublöd, malte mir gehässig aus, wie ich sie nach dem Kleinkind fragen würde, dem das Teil wohl gehört. Und dann hörte sie auch noch einen 80er-Jahr-Schlager. Doch als ich begann, immer wieder zu ihr rüber zu schielen, nahm ich all die Feendetails wahr. Beim Aussteigen und Mantelanziehen stolperte ich mehrfach quer über sie, und sie war so freundlich huldvoll, wie es um diese Jahreszeit nur Feen sein können.

die Kaltmamsell

1 Kommentar zu „Auf meinem Weg in die Arbeit (30): Die Fee“

  1. Melody meint:

    Ich glaube, ich habe die Urgroßmutter deiner Fee gesehen vor ein paar Wochen. Mich sehr gefreut, dass es überhaupt nicht nötig ist, im geschlechtslosen Einerlei der graubrauen Dauerwellen in Fliederpullovern zu versinken, wenn man über 70 ist.

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