Alles ueber Polen, Teil 2

Samstag, 27. Mai 2006 um 10:40

Aspik! Ich kann Frau Modeste beruhigen, die die alte und hohe Kunst des Aspikierens verloren glaubt: In Polen ist diese Tradition quietschlebendig. Vorspeisen sind ohne Aspikmantel oder -deckel praktisch undenkbar. Tuermchen, in denen sich Schinkenstreifen und Erbsen tummeln, in einer Momentaufnahme ihres Tanzes festgehalten. Oder Pastetenscheiben, die nach Sushi-Art Sellerie, Champignons, Schinken, Ommelette umschliessen, jede Scheibe in Aspik gekleidet. Mit einem Tuepfchen Majonese serviert.

(Beim Abendessen in Thorun erzaehlte ich dem Reiseleiter an unserem Tisch, dass die Stadt bekanntlich nicht nur die besten Restaurateure der Welt ausbilde, sondern auch die letzte Aspikierschule beherberge. Dort wuerden Aspikierer ausgebildet, um die sich Restaurantkuechen auf der ganzen Welt rissen: Es habe sogar schon gewaltsame Entfuehrungen gegeben. An dieser Meisterschule, so fuhr ich fort, unterrichteten zwei uebel verfeindete Meister zwei grundsaetzlich unterschiedliche Verfahren. Ein Kenner, so betonte ich, wisse schon nach dem ersten Bissen, welcher dieser beiden Schulen der verantwortliche Aspikierer angehoere.
Der Hamburger hoerte mir mit dem ernst-aufmerksamen Gesicht zu, das Reiseleiter machen muessen, wenn ihre Schuetzlinge versuchen, sie zu belehren, haette mir aber fast geglaubt – wenn meine Reisebegleiterin, die mich halt schon laenger kennt, nicht unpassenderweise in schallendes Gelaechter ausgebrochen waere. Jetzt glaubt mir der Reiseleiter nicht mal mehr, wenn ich ihn auf einen Storch in der Landschaft hinweise.)

Aspik.jpg

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Alles ueber Polen, Teil 2“

  1. Chris meint:

    gibt es denn jetzt eigentlich eine Aspikierschule, oder war das nur ein Witz?

  2. Indica meint:

    Wow, ein Leben in Gelee! Berichten Sie weiter Spannendes und Kurioses von den Nachbarn im Osten. Ich muss da ja auch bald mal hin und werde mich mit Ihrer Hilfe vorbilden.

  3. Wendelbald Klüttenrath meint:

    Aber natürlich gibt es eine Aspikier- bzw. Sülzschule, wo sonst sollte denn die Kunst der Herstellung des berühmten Sülzkoteletts und anderer schwabbelig-durchsichtig ummantelter Köstlichkeiten vermittelt werden? ;-)

  4. Stefan meint:

    Mich würde ja interessieren, ob das Sprichwort „Sülz nicht so rum“ nicht sogar aus Polen stammt. Also die Aspik verpackte Sprachdiarrhoe, die einem eigentlich jeden Tag serviert wird – ob eiskalt, noch lauwarm, geschnitten oder am Stück. Egal. Ich hab mich jedenfalls köstlich über den Reiseleiter und die Situation amüsiert! Ich glaub, ich mach auch mal so ne Reise mit. War das eigentlich so ne Reise, bei der man auch noch glücklicher Besitzer einer 500 gr Leberwurst im Naturdarm, einer formschönen Thermoskanne und Lammfellhausschuhen aus Polyester wurde?

  5. gaga meint:

    vorbildliche berichterstattung! weiter so!

  6. frank bravo meint:

    @stefan: Ich denke, küchentechnisch kann man nur kalt sülzen. Denn Aspik oder Gelee entsteht ja erst mit dem Erkalten. Zwar stammt die Sülze bemerkenswerterweise etymologisch genau wie der Salat vom Salz ab, aber was Fleisch und Gemüse, das Ei oder auch die Auflage der Obsttorte glibbrig gefangen hält, war mal eine Flüssigkeit und verdankt ihre Konsistenz dem Vorgang des Gelierens.

    Die handelsübliche Gelatine kann man durch Erhitzen in fast jeder Flüssigkeit auflösen, und beim Erkalten wird so etwa aus Wein Weingelee.

    Richtig Rumsülzen bedeutet meines Erachtens aber, aus den oft fälschlicherweise als minderwertig angesehenen Teilen der Schlachttiere wie Kopf, Füssen oder Knochen durch Ausschwemmen eben der gelatinösen Substanzen eine ernährungsphysiologisch wie kulinarisch sehr wertvolle Brühe zu gewinnen, welche dann zum Überziehen oder Umhüllen von Speisen verwendet werden kann.

    Es wäre schön, wenn ein sprachkundiger Mensch mal herausfinden könnte, ob „rumsülzen“ als Ausdruck für „Schwadronieren“ vielleicht auf ähnliche Weise entstanden ist wie engl. „spam“ für lästige Elektropost, was in seiner ursprünglichen Bedeutung gar nicht sooo weit entfernt von der Sülze ist.

    „Aspikiert“ wird nicht nur in Polen. Die meisten klassischen französischen Pasteten enthalten oben zwischen Farce und Teig eine Lage wabbeligen Wohlgeschmacks, und auch ansonsten wird in der kalten Küche genauso rumgesülzt wie in der Zuckerbäckerei oder bei der Marmeladenherstellung.

    Um wieder den Dreh zur Sprache zu kriegen: Ich befürchte die meisten gesulzten Speisen sind genauso substanzlos wie das nervige Geschwätz mit dem man mitunter zugesülzt wird. Wie so oft kommt es bei beidem auf die Inhalte an. Wasser kann man mit Fertigprodukten schnell zum Aspik werden lassen, das ist nach dem Erkalten glibbrig, schmeckt aber nach nix.

    Wie dem auch sei, Aspik Heil!

  7. Stefan meint:

    @ frank bravo
    Um deine Ausführung rund um das wabbelige Sülzen ganz kurz zu einem knackigen Ende zu bringen: Rumsülzen ist geschmacklos und rein ästhetisch betrachtet eine oft undurchsichtige Sache.
    Mit aspikfreien Grüßen!


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