Magic Eight

Dienstag, 27. Juni 2006 um 8:19

(Das ist die Geschichte, die ich am Sonntag bei Chicks with balls vorgelesen habe)

Als ich müde die Wohnungstür aufsperre, höre ich bereits vielfältiges Gelächter in ungewohnter Stimmlage: Mein Mitbewohner, Lehrer an einem bayerischen Gymnasium, hat seine 11. Klasse zum Abendessen eingeladen. Und so kichert, prustet und keckert es aus dem Wohnzimmer in pubertären Tonhöhen, teils noch kindlich überdreht, teils gerade mal jenseits des Stimmbruchs.

Ich stelle meine Arbeitstasche im Flur ab. In der Agentur ist mal es wieder weit nach neun geworden. Wie schaffe ich es bloß immer wieder, von allen 20 Kollegen und Kolleginnen nicht nur die zu sein, die den Laden morgens aufsperrt, sondern auch noch die, die ihn abends als letzte verriegelt?

Der Mitbewohner hat mich gehört. Er schließt mich in die Arme, fragt, ob alles einigermaßen in Ordnung ist, berichtet, dass von den verschiedenen Fleisch- und Gemüsecurrys, die er für seine Schüler gekocht hat, noch genug für mich übrig ist.

Im Wohnzimmer hat er die Currys und einen Topf Basmatireis als Buffet aufgebaut; ich bediene mich und setze mich essend zwischen die Schülerinnen und Schüler. Es sind freundliche und wohlerzogene junge Leute: Ihr Gymnasium liegt einige Kilometer von München weg, dort, wo die Menschen noch nicht großstädtisch verdorben sind. Sie haben zusammengelegt und Gastgeschenke mitgebracht: Blümchen für mich, eine Flasche Wein für den Mitbewohner. Jetzt necken sie einander, necken ihren Lehrer, versuchen ihn dazu zu bringen, ihrer schlechten Meinung über manche seiner Kolleginnen und Kollegen zuzustimmen.

Natürlich schauen sie sich gründlich in unserem Wohnzimmer um: So leben also echte Lehrer! „Haben Sie die Bücher alle gelesen?“ fragen sie staunend angesichts der Bücherregale, die jeden Quadratzentimeter Wand bedecken. Drei Mädchen entdecken auf dem Fensterbrett eine überdimensionale schwarze Billardkugel mit einer aufgedruckten Acht. Sie drehen und wenden sie, bemerken bei näherer Betrachtung das Fensterchen an der Unterseite der Kugel, in dem Würfelseiten mit englischen Wörtern zu sehen sind. Bevor sie fragen können, was es damit auf sich hat, schlüpft der Mitbewohner in seine Lehrerrolle und erklärt der ganzen Klasse: Dass es sich bei diesem Spielzeug um ein Orakel handelt, dass die Kugel ein amerikanischer Magic 8 Ball ist, dass man dem Ball ja/nein-Fragen stellt, ihn schüttelt, und dass dann in dem Fensterchen auf der Unterseite die Antwort auftaucht: Neben „Yes“ und „No“ kann das „Maybe“ sein, „Don’t rely on it“ oder „Ask again later“.

Das finden vor allem die Mädchen in unserem Wohnzimmer extrem spannend. Ich wiederum spitze die Ohren, weil ich es spannend finde, welche Fragen 16-/17-Jährige wohl an solch ein Orakel richten. Die erste fasst sich ein Herz:
„Werde ich mehr als zwei Kinder bekommen?“, fragt sie. Die nächste: „Werde ich meinen Freund Peter heiraten?“ Die Antworten werden jeweils mit viel Gekicher und launigen Kommentaren bedacht. Noch eine Schülerin fasst nach dem Magic 8 Ball: „Muss ich nach dem Abitur aus Hintermünchendorf wegziehen?“ Ich bekomme gerade noch mit, wie eine Vierte fragt: „Werde ich mit 20 verheiratet sein?“, als mich der Mitbewohner bittet, ihm beim Abräumen des Geschirrs zu helfen.

Kurz vor elf verabschieden sich die jungen Leute. Sie geben artig dem Mitbewohner und mir die Hand. Und alle, alle bedanken sich bei mir für das leckere Essen.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Magic Eight“

  1. Plattenfan meint:

    Aua – ich habe damals nach der Schule eher daran gedacht, was ich studieren soll, wie ich am schnellsten ins Ausland komme… Es ist SEHR erschreckend! Und dabei bin ich auch nicht in der „bösen“ Großstadt aufgewachsen… Uff – ich werde jetzt mal weiterarbeiten, um den Schreck zu überwinden…

  2. Juebe meint:

    Das paßt zu der Gesamttendenz einer meiner ehemaligen Lehrerinnen, die meinte, die Schüler werden immer angepaßter.

  3. Oweh meint:

    Angepasster an was?

    Nun hört man doch jeden Tag an allen Ecken, dass die Gesellschaft nur noch aus Heuschrecken besteht und die Familie, da Frauen nur noch gebärfaule Akademikerinnen sind, ein aussterbenes Modell ist. Wahlweise ist die gewaltvideoschauende Jugend natürlich auch noch ziellos, ungebildet und hat keinerlei Werte mehr.

    Hypothese: In einem Haufen wildgewordener Idioten könnten „Rebellen“ ein wenig anders aussehen.
    So haben die Hippie-Eltern die Yuppies geboren. Gegen eine bemalte Ente, Flokati und indischen Schmuck konnte man nur mit Aktenkoffer und Dreiteiler rebellieren, oder?

  4. walkuere meint:

    frau kaltmamsell, irgendwie ist mir jetzt das lachen im hals steckengeblieben …

  5. saxanasnotizen meint:

    Aber die „Kinder“ waren doch privat unterwegs. Da denkt man nicht pausenlos an die berufliche Zukunft, sondern doch eher an das private Glück.

  6. Petra meint:

    *Autsch* Familiegründen ist ja alles schön und gut. Aber mir rollen sich die Zehnägel auf, wenn ich dort lese, dass die Mädels wohl nur ans Heiraten denken, mit 20 !
    Außerdem, was heißt hier „gebärfaule“ Akademikerinnen @Oweh ? Sicherlich möchten sehr viele Frauen Familie gründen, aufgrund dessen, dass sie beruflich ausgebremst werden, es immer noch schwer haben, wieder in ihren alten Beruf einzusteigen (s. Beitrag von Frau Kaltmamsell über die Ärztin, die jahrelang in einem Bürojob versauert – bis sie dann Gott sei Dank endlich die Kurve kriegt), weil es immer noch zu wenig Ganztagsbetreuung u.ä. gibt, lassen sie es lieber bleiben! Wofür so lange studiert haben, oder aber Ausbildung gemacht und sich im Job hochgearbeitet ? Das ist übrigens ein Thema, das nicht nur Akademikerinnen betrifft, sondern sich auf alle Berufszweige ausbreitet. In meinem Umfeld gibt’s genug frustierte Ehefrauen und Mütter, in anderen Ländern aber andere Familienmodelle – wieso klappt das eigentlich in England schon sooooo lange, und auch in Frankreich und in….. ??

  7. emilie meint:

    ganz einfach, frau petra: weder in london noch in paris reicht ein normales einkommen für zwei, geschweige denn für drei oder mehr.

  8. zonebattler meint:

    Wenn ich richtig gelesen und verstanden habe, dann war das vom Herrn des Hauses zubereitete Essen so gut, daß sich am Schluß alle bei der Dame des Hauses als mutmaßlicher Köchin dafür bedankt haben?! Nimmt die Lehrperson dies nun weise lächelnd als besonderes Kompliment entgegen oder ist der Pädagoge eher verstört ob des offenbar ungebrochen traditionellen Rollenverständnisses seiner gar-nicht-so-progressiven Eleven?

  9. Sebastian meint:

    Hm. War das denn eine ganze Klasse oder nur die Auswahl, die diesem Lehrer nach Hause folgen wollte? So oder so: Was sagt nun der Lehrer über sein Schüler(innen)? Angepasst? Pragmatisch? Illusionslos? Karrierefeindlich? Schirrmacherfreundlich? Oder bloss freundlich? Ihr Einstieg macht mich zusammen mit dem kommentarlosen Ausstieg neugierig, was dahinter steckt. Auf jeden Fall ein gutes Stück für eine Lesung mit Reden danach. Wirkte es?

  10. die Kaltmamsell meint:

    Autorinnenabsicht: Ein Geschichtchen, geschrieben unter poetic license. Keine Reportage, kein Statement, kein Kommentar. Ok?

  11. Sebastian meint:

    Ok. „Ich frage ja nur.” Aber ich habe vergessen das zu sagen: Ein schönes Stück. Am Anfang denke ich, was haben Sie denn da jetzt ausgesucht, da gibt es doch viel… Aber dann wirkt es und wirkt auch beim zweiten Lesen noch nach und richtig, irgendwann sind Autorin und Personal gar nicht das Wichtige. Aber so geht das natürlich nicht, geschätzte Kaltmamsell: mit Absicht und unter Lizenz schreiben und dann frei sein wollen. Mir wiederum geht die Absicht beim Schreiben viel zu oft verloren und der Führerschein gleich mit, weswegen es immer wieder crasht zwischen Reportage, Statement, Kommentar und Poesie und Gebrauchsanweisung auch noch.

  12. die Kaltmamsell meint:

    Ach ja, Sebastian, das empfinde ich ja als das Befreiende am Bloggen: das fröhliche Schlingern durch alle Gattungen. Und dass ich mich, wenn’s eng wird, jederzeit hurtig und ein bissl feig auf die dichterische Freiheit berufen kann.
    Manche Texte lasse ich tatsächlich gerne völlig los, schicke sie einfach hinaus – jeder soll damit machen, was er oder sie will.
    (Und: Danke.)


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