Archiv für Juni 2006

Angeboren?

Freitag, 16. Juni 2006

Anlässlich des Geburtstags ihres Sohnes erzählte meine Mutter vergangene Nacht, wie das vor 33 Jahre war. Dass sie am Vormittag des Vortags erste Wehen gehabt habe, dann wieder nicht und deshalb meinen Vater in seine Spätschicht geschickt habe. Dass es erst nach Schichtende um Mitternacht richtig losgegangen sei, wodurch mein Bruder in den ersten Minuten des neuen Tages auf die Welt kam.
Wie ich knapp Sechsjährige am Morgen im offenen Küchenfenster unserer Erdgeschosswohnung gesessen und jedem Passanten stolz die Nachricht zugerufen hätte, dass ich jetzt ein Brüderchen habe. Wie mir dann aber bereits das Verständnis fehlte, warum meine vielen Spielkameraden aus dem Wohnblock nach Heimholung dieses Brüderchens stundenlang um sein Bettchen herumstanden und nicht genug von dem Anblick bekommen konnten. Und wie ich dann ernstlich ungehalten geworden sei, als diese Spielkameraden die Babybetrachtung noch tagelang dem gemeinsamen Spiel auf der Wiese hinter dem Haus vorzogen.

Dann habe ich mich also in dieser Hinsicht in den vergangenen 33 Jahren nicht einen Millimeter weiterentwickelt.

Maßlose Margaritenwiese

Freitag, 16. Juni 2006

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Man kann’s auch übertreiben, Frau Wiese.

Fronleichnamskitsch

Donnerstag, 15. Juni 2006

Möglicherweise muss ich gleich platzen vor lauter sublime Natureindrücken. Hier draußen auf dem Balkon duftet herzzerreißend die Frische eines Sommermorgens vor Einsetzen der Hitze, es riecht nach Tau und Erde und Blättern und Lindenblüten und Brise vom Park herüber. (Allerdings sitzt irgendwo in Riechweite ein frisch rasiergewässerter Mensch, vermutlich ein balkongenießender Nachbar, den die Brise ebenfalls erfasst und zu mir trägt.) Dazwischen stiebt eine laut schimpfende Amsel durch die Morgenruhe, die Meisen piepsen ganz selten dazwischen, eher schon höre ich Schwalben einander zupfeifen. Die Morgensonne bringt die Buchenblätter am Eck zum Glitzern, wie mit einem Bühnenspot die Reste des niedergemetzelten Hollerbusches („mei, dea ganze Drehg auf de Autos!“) zum Strahlen. Es ist Feiertag, und so kreuzt nur alle paar Minuten ein Radler die Straße, geht jemand in eine der umliegenden Kliniken zum Dienst.

WM-Berichterstattung online

Mittwoch, 14. Juni 2006

Dieses Unentschieden haben beide Mannschaften mit viel Glück gewonnen.

Mein Favorit: Chronistins Serie „WM-Spiele in Kürze“.

Abendlicht

Mittwoch, 14. Juni 2006

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Jajaja, irgendwann wird’s auch mir langweilig werden. Aber noch freue ich mich einfach bloß über den Sommer.
Hier: Abendsonne an Augsburger Stadtmauer.

Auf meinem Weg in die Arbeit (37): Fußballfans

Dienstag, 13. Juni 2006

(In NOCH keinem Zusammenhang mit dem Brausehersteller des Bösen. Ich bin erst am 24./25. Juni korrumpierter Gast der Berliner Fußball-WG.)

Im Umgang mit den Fußballgästen aus aller Welt empfehle ich seit heute morgen: Vorsicht mit Scherzen! Der koreanische Humor zum Beispiel ist möglicherweise ein ganz anderer. Als der Jüngling mit koreanischer Fahne um die Schulter mich im ICE fragte: „Excuse me, is this train going to Frankfurt?“ und ich (haha, German humour) antwortete: „I hope so.“, entgleisten seine Gesichtszüge entsetzt: „You HOPE so?!“ Ich musste ihn wortreich und mit viel Lächeln beruhigen.

Und dann ging eine Gruppe dunkelrotnackiger Engänder den Gang entlang, die stämmigen Waden ragten aus abgeschnittenen Hosen und endeten in Treckingsandalen. Ich zog bereits den Kopf ein, als einer etwas zu seinem Vordermann sagte – in feinstem Oberklasse-Akzent! Hear, hear…

Auf die Nationalität des laut schmatzenden Orangenessers vor mir mit blondem Ziegenbart fand ich keinen Hinweis. Die Rockmusik in seinen Kopfhörern, mit der er das gesamte Großraumabteil beschallte, war von grenzüberschreitender Abscheulichkeit. Und das Let’s Go Europe auf seinem Schoß wies gerade mal auf Studentenstatus hin.

Weibliche Intuition

Montag, 12. Juni 2006

Zwei Szenen, die wahrscheinlich nichts miteinander zu tun haben, an die ich mich aber gleichzeitig erinnere (wie das halt bei uns Frauen so ist):

Während der Studienreise durch Polen waren wir auch in Fromberg (da wo Kopernikus und so). In einem Turm, den die Studiengruppe bestieg, hing ein Foucaultsches Pendel. Der Reiseleiter hatte lediglich erklärt, dass sich damit die Erdrotation nachweisen lasse; also standen die alten Männer aus der Reisegruppe drumrum und spekulierten, wie dieser Nachweis wohl lautet. Eine alte Frau aus der Reisegruppe hörte ihnen grinsend ein wenig zu und fasste die Zusammenhänge dann in wenigen, klaren Sätzen zusammen. Es war offensichtlich, dass sie wusste, wovon sie sprach. Woraufhin die Männer – sie einfach ignorierten. Und weiter wüst spekulierten. Die Frau (promovierte Physikerin, wie ich später herausfand) ging gelassen ihrer Wege.

Meine weibliche Ahnenlinie (die ich eh nur bis zu meiner polnischen Großmutter überblicke) ist berüchtigt für ihre völlig fehlgeleitete Intuition. Wenn meine Oma „so komische Gefiehle“ hatte, war alles völlig in Ordnung. Wenn sich ein Familienmitglied verspätet und meine Mutter ein ganz sicheres Bauchgefühl hat, dass irgendwas passiert ist – ist es das nicht. Sie und ihre Mutter hatten auch regelmäßig überraschend konkrete prophetische Träume – die nie auch nur im kleinsten Detail zutrafen. Selbst die wenige Male, die ich selbst mir plötzlich ganz intensiv um jemand Sorgen machte, gab es nicht den geringsten Grund dafür.
In Polen nun träumte meine Mutter, dass ihre hochschwangere Schwiegerschwägerin in unserer Abwesenheit entbunden hatte, ein Mädchen. Ich scherzte sofort, das könne ja nur bedeuten, dass deutlich nach unserer Rückkehr ein Bub zur Welt kommen würde. All so geschah es.
(Ich wiederum träumte in Polen, bei unserer Rückkehr sei die Fußball-WM bereits vorbei und Brasilien Weltmeister. Nur mal so als Tipp.)

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  • Ich lese gerade:


    J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup

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