Freundeskreise

Mittwoch, 25. April 2007 um 10:10

Einmal im Leben hatte ich einen richtigen Freundeskreis – im Gegensatz zu einzelnen, voneinander unabhängigen Freunden. Das war während meines Studiums, und er setzte sich hauptsächlich aus Kommilitonen zusammen (dazu kamen eine Musikerin und eine Kauffrau).

Wir waren die Sorte fachlich engagierter Studenten, die in Seminaren mit ihren leidenschaftlichen Diskussionen genau diejenigen Kursteilnehmer zum Augenrollen brachten, die hier einfach nur einen Schein haben wollten und ebensogut in jeder anderen nicht allzu anstrengenden Fachrichtung hätten sitzen können.

Eigentlich waren wir recht unterschiedliche Menschen aus verscheidenen Teilen Deutschlands. Uns verband die Altersgruppe, das Studium geisteswissenschaftlicher Fächer und vielleicht, dass die meisten aus einfachen Verhältnissen kamen.

In der Cafete (heißt eine Uni-Cafeteria überall „Cafete“?) wurde es schon mal laut, weil wir völlig selbstvergessen die Diskussion des Seminars mit den Freunden aus anderen Fachrichtungen weiterführten – oft sehr verkürzt Bezug nehmend zu vorher schon beredeten Themen. Für hysterische Heiterkeit genügte oft ein kürzester Kommentar, der viel implizierte. Gleichzeitig waren die Gespräche oft hitzig: Lassen Sie mal einen leidenschaftlichen transformationsgrammatischen Sprachwissenschaftler und eine leidenschaftliche Reader-Response-Literaturwissenschaftlerin aufeinander los und die Existenzberechtigung ihrer Fachgebiete verteidigen.

Was war die Folge? Dass wir als arrogant galten, als ein hermetischer Zirkel, der sich für etwas Besseres hielt als die anderen Studentinnen und Studenten. Dass es hieß, wir wären diese Wichtigtuer, die sich nur miteinander beschäftigten. Zunächst war ich getroffen und hatte reflexartig ein schlechtes Gewissen. Dann fragte ich mich aber, wie die Alternative aussähe, um nicht wie ein hermetischer Zirkel zu wirken: Sollte ich mich nach besonders lautem Gelächter zum unbekannten Studenten am Nebentisch wenden und ihm den Witz erklären? (Autsch, das war arrogant.) Oder die grimmige Gruppe drei Tische weiter höflich fragen, ob wir sie mit unserer Fröhlichkeit belästigen? Hätten wir Freundinnen und Freunde uns besser nie gemeinsam in der Öffentlichkeit sehen lassen?

Wenn ich heute durch ähnliches Gemaule an diese Attacken erinnert werde, komme ich zu dem Schluss, dass manche Menschen sich Angriffen aussetzen, wenn sie einfach nur authentisch sind. Zwar würden die meisten Mauler Authentizität sogar als hohes Ziel der Menschwerdung bezeichnen – verleihen dann aber nur der Demut, der Bescheidenheit und der Selbstzerknirschung die Authentizitätserlaubnis.

Neid schien mir als Erklärung immer zu einfach. Die Mauler und Stichler wollten keineswegs sein wie wir: Sie störten sich eher an dem Umstand, dass es auf der Welt Leute wie uns überhaupt gab, also leidenschaftliche Denkerinnen, nur schwer frustrierbare Macher, und sie wurden darob böse.

Andererseit ist es vielleicht doch so, wie es sich der Haltungsturner einst über sein Blog schrieb: Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Freundeskreise“

  1. der haltungsturner meint:

    JA! Genau so hab ich es erlebt, erstmals in der Schule, als wir eine enge eingeschworene Gruppe waren, die (oh Schreck!) Spaß an vielen Fächern hatte und engagiert dabei war. Und ja, auch später im Studium gab es das wieder.
    Ich werde mich nie an die Mauler gewöhnen. Aber habe gelernt, sie zu ignorieren.

  2. walküre meint:

    Frau Kaltmamsell, Sie haben ein entscheidendes Wesensmerkmal der “Mauler und Stichler” außer Acht gelassen: Denen fehlt jegliche Ausprägung von innerem Feuer und damit verbundener Lebensfreude.

  3. Lila meint:

    Genauso erging/ergeht es mir ueberall. Ich galt immer als Streberin, weil die Anderen sich nicht vorstellen konnten, dass mich das wirklcih interessiert – fuer sie sah es wie Einschleimen aus, wenn ich nachfragte.

    Einmal erzaehlte mir eine Kommilitonin, dass jemand ueber mich gesagt haette, “ach, das ist die, die immer so klug daherredet”. Ich hatte auch sofort ein schlechtes Gewissen. Ich wollte nie klug daherreden, ich habe einfach nur gesagt, was mir durch den Kopf ging und es war auch durchaus nicht immer klug. Aber es scheint andere zu aergern, wenn man das Scheinhafte des Schein-Studiums durchbricht.

    Von der Schule, diesem Gehenom der Mittelmaessigkeit und des so-tun-als-ob, moechte ich gar nicht erst sprechen…. “Liest du ‘ne Lektuere?” hiess es, wenn ich in der Pause mit meinen billigen, soliden Reclam-Ausgaben im Clubraum zum Lesen verstand. Dass man den Sternbald oder die Kronenwaechter einfach aus Spass liest, das war den Maedchen vollkommen schleierhaft. Gelber Umschlag= Lektuere=Folter.

    Aber wie schoen ist es, wenigstens ein paar verwandte Seelen zu finden. Ich hatte immer Glueck damit.

    Ich wollte nie ein Snob sein, ich anerkenne mit Bewunderung jede Begabung, die mir abgeht, und ich habe nie kapiert, wieso mich Leute fuer arrogant halten. Vermutlich bin ich’s, aber eigentlich gegen meine Ueberzeugung…

  4. Nic meint:

    Cafeten gibt es in allen Unis, glaube ich, aber sonst nirgends. Seltsam.

  5. Angel meint:

    So einen Freundeskreis hatte ich nie, auch nicht das Interesse dran, mir waren die Intellektuellenkreise einfach egal. Ich hätte euch bestenfalls als abgehoben bezeichnet. Arroganz wurde und wird mir aber trotzdem vorgeworfen, weil ich selten das Augenrollen verhindern kann, wenn sich jemand (meiner Meinung nach) dumm anstellt.
    Der Vorwurf ‘arrogant’ kommt immer dann, wenn jemand das Gefühl hat, irgendwo, irgendwie nicht mithalten zu können, aber gerne würde. Also doch ganz einfach Neid.

  6. Maik meint:

    “darob” – wenn ich das blog nicht ohnehin regelmäßig läse, finge ich alleine deshalb damit an.

  7. cdv! meint:

    Zwei Dinge: 1. Kann es sein, dass wir dieses Thema nur in Deutschland diskutieren? 2. Wie soll ich das meinem sechsjährigen Sohn erklären, der schon jetzt recht klug daherredet, im Herbst in die Schule gehen wird; und alle älteren Nachbarinnen seufzen, dann wäre das schöne Leben vorbei?

  8. croco meint:

    Heute noch, heute noch ist es so, obwohl ich mit lauter Akademikern zusammenarbeite.
    Mit ein paar Kollegen rede ich über neue Bücher, mit anderen über Forschungsrgebnisse, und wir reden uns in Hitze. Und was sagen die Lauen? Die Frau croco tut sich wichtig. Wo die sind, ist es immer laut. Und so weiter…..
    Ob sie mir leid tun sollen, weil sie die Erotik des Verstandes nicht kennen?
    Manchmal denke ich auch, ich sollte Neid auch Neid nennen.

  9. Hande meint:

    Ach, wie oft werde ich von meinem Mann “zurückgepfiffen”, weil ich etwas sehr leidenschaftlich diskutiere und, meinem Mediterranen Natur entsprechend, laut werde.

  10. kecks meint:

    Nein, die meisten Leute kennen die “Erotik des Verstandes” (wundervolle Formulierung) leider noch nicht einmal vom Hörensagen.

  11. .meike meint:

    Ich biete: “Kafta” – aber das war in der Schule (ein frankfurter Oberstufengymnasium), da nannten wir unsere Cafeteria eben Kafta. Ob es in der Frankfurter Uni so einen Namen gab? Gab es da so etwas? Da gab es eine Mensa und das “KOZ”, das Café im Studentenhaus(das damals noch nicht StudentInnenhaus) hieß und das wohl irgendwie auf “Kommunikationszentrum” zurückzuführen ist.

  12. S.V. meint:

    “Augenrollen” IST arrogant, und genau wegen solcher und ähnlicher Gesten muss sich so mancher “Streber” so titulieren lassen.
    Diese Verachtung auf beiden Seiten nervt mich und ist überaus kindisch.

  13. Greenbay meint:

    White & Nerdy

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