Archiv für Juni 2007

Väterliche Spuren

Sonntag, 17. Juni 2007

Meine Kindheitsurlaube im zentralspanischen Heimatdorf meiner Großmutter glichen sich unter anderem in diesem Detail: Mein Vater war ununterbrochen am Werkeln und Basteln. Das Haus wurde zwar nach dem Krieg erbaut, also nach dem spanischen Bürgerkrieg, war aber das letzte Haus im Dorf, das noch vom alten Maurer und nach traditioneller Methode hochgezogen worden war: fast einen halben Meter dicke Steinmauern, die Schlafzimmer fensterlos und durch Vorhänge von den Wohnzimmern abgeteilt, eine Wand zum (in diesem Fall nicht vorhandenen) Kuhstall hin, da dieser in kalten Sierra-Nächten Wärme abgab. Und an so einem Haus gibt es immer etwas zu tun. Wenn ich an die Augusttage in dem ausgedörrten kastilischen Dorf denke, habe ich meinen Vater vor Augen, wie er, nur mit einer kurzen Sommerhose bekleidet, auf dem Dach kauert und Ziegel austauscht, auf einer Leiter steht und Wände streicht, auf derselben Leiter die Pergola repariert, auf den Flächen vor und hinterm Haus frischen Estrich verstreicht, in Badeschlappen den gefliesten Boden im Haus kehrt, mit konzentriertem Blick elektrische Leitungen verlegt und Schalter einbaut, den Fernseher auseinander nimmt. Und sollte zufällig nichts im Haus meiner Yaya anstehen, war er bei Nachbarn und half denen mit seinen Elektrikerkenntnissen.

Meine Mutter beklagt bis heute, der Ferienanteil, den wir im Dorf verbrachten, sei für meinen Vater gar keine richtigen Ferien gewesen. Doch ich bin mir inzwischen sicher, dass mein Vater einfach gar nicht anders kann: Er muss sich immer nützlich machen, sein Blick sucht unentwegt nach Reparier-, Putz-, Geraderück- oder Verbesserbarem.

Das tut er auch in meiner Wohnung. Nach den Urlauben, die meine Eltern in unserer Abwesenheit bei uns in München verbringen, ist es also jedesmal wieder spannend, was er diesmal gebastelt hat. Das kann auch mal ganz schön weit gehen, meist sind es aber wirklich nützliche Veränderungen. Glücklicherweise bin ich aus dem Alter raus, in dem ich mich erst mal reflexartig bevormundet fühlte – auch wenn ich mit einigen als Reparatur gedachten Veränderungen nicht einverstanden gewesen wäre, hätte man mich vorher gefragt.

So lässt sich die Tür meines Schlafzimmers zwar jetzt auch dann leise öffnen, wenn man sie an der Klinke nicht mit aller Kraft anhebt – dafür bleibt sie nicht mehr ganz offen stehen. Ich habe aber sehr gerne immer alle Zimmertüren offen. Bei dem Versuch, den Wasserhahn in Klo zu entkalken, hat mein Vater es geschafft, dass der Hahn unzudrehbar tropft. Ich werde mich wohl um eine neue Dichtung kümmern müssen. Sehr gefreut habe ich mich aber, dass er die vielen kleinen Schubladen meines hölzernen Schmuckkästchens mit Samt ausgekleidet hat. Auch wären ohne meinen Vater vermutlich die Wände neben den vor Jahren neu eingesetzten Fenstern immer noch nicht gestrichen.

Dass die Spinnweben in den Zimmerecken beseitigt sind, finde ich sehr schön. Auch dass die vielen Flaschen unserer offenen Hausbar entstaubt sind. Allerdings musste ich mir im Gegenzug anhören, dass wir mit unseren Putzmännern ein ernstes Wort sprechen müssen: Sie würden so schlampig arbeiten, dass sie uns im Grunde übers Ohr hauten. Das habe ich mir ehrlich gestanden auch schon eine Weile gedacht (Kanten und Ritzen um Waschbecken, Türen und Türstöcke sowie schwerer zugängliche Bodenecken ignorieren die beiden konsequent, einer von den beiden ein bisschen weniger), war aber bislang zu feige, es anzusprechen. In meiner beruflichen Funktion habe ich überhaupt kein Problem damit, adäquate Leistung einzufordern und Qualitätsmängel zu kritisieren. Aber daheim? Wo ich doch in erster Linie froh bin, dass mir überhaupt jemand das Putzen abnimmt.

Kacken sprachlicher Korinthen

Samstag, 16. Juni 2007

Nun, nach langem Tändeln mit Eitelkeiten, zurück zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben.

Sie kennen die Zahl 50? Sie wissen auch, wie man sie spricht? „Fünfzig“, richtig. Bei den Zahlen 20, 30, 40, 60, 70, 80, 90 ist es ganz ähnlich: Die Zahlen werden mit der Endung -ig ausgesprochen.

Wieso bitte schreiben also sehr viele Menschen von den „60iger Jahren“, von den „70igern“ etc.? Oder gar „in den 80zigern“. Und zwar selbst Berufsschreiber, das muss ein Reflex sein. Sechzigiger Jahre? Siebzigiger? In den Achtzigzigern?

Andererseits: Wenn schon falsch, dann konsequent. Eben habe ich in einem Blog-Kommentar (Link wäre gehässig) gelesen: „Ich wurde Anfang des Jahres 50ig.“ Wenige Zeilen weiter: „Eine sehr gute Freundin wurde nun vor ein paar Wochen 50ig.“ Zwei fünfzigig Jahre alte Frauen – davor ziehe ich ehrfürchtig den Hut.

Kirschenrätsel

Samstag, 16. Juni 2007

Wie kommt es, dass Kirschen das eine einheimische Obst sind, das gekauft nie, nienicht, in keinem Fall so gut schmeckt wie privat gepflückt?

kirschen-2007.jpg

Es hat lange gedauert, bis ich Kirschen überhaupt gekauft habe – nach einer Kindheit und Jugend in Kirschbäumen kam es mir absurd vor, für dieses Obst zu zahlen. Aber als ich einige Jahre lang keine eigene Bezugsquelle hatte, gab ich nach – um bitter enttäuscht zu werden: Was ich da für teures Geld gekauft hatte, schmeckte fad und nicht im Entferntesten nach den Nachmittagen in den Kirschbäumen von Freundin-Oma Neubauer oder an den Ausfallstraßen meiner Geburtsstadt. Dieses Jahr konnten meine Eltern mich wieder versorgen, und ich sitze kiloweise Kirschen futternd auf meinem Balkon. Beim nächsten Kilo könnte ich ja mal testen, was aus meinen Kirschkernspuckkünsten geworden ist.

Liegt der unvergleichlich bessere Geschmack vielleicht daran, dass Privatleute wirklich nur die reifsten Früchte ernten? Oder dann doch an der einen oder anderen Fleischbeigabe?

kirschwurm.jpg

Bitte ent-spannen

Freitag, 15. Juni 2007

Das wird nix mehr mit dem Entspannen in diesem Urlaub. Die dritte Woche als Heimurlaub hatte ich mir eigentlich zum ultimativen Luxus angehängt (drei Wochen frei am Stück hatte ich zuletzt vor sechs Jahren zwischen zwei Jobs). Doch dann habe ich die Woche doch lieber „genutzt“ und voll Termine geknallt (Vorsorge bei Ärzten, Reparaturen organisieren, Friseur, Verwaltungskram), so dass sich selbst der Sport wie ein weiterer Pflichprogrammpunkt anfühlt statt Entspannung. Dazu kam gestern ein 4. Kindergeburtstag (wenn ich völlig verkrampft bin, kann ich mir das auch noch gleich antun), am Sonntag reist spanische Verwandtschaft zum Essen an, die mehr als 30 Jahre nach ihrer Gastarbeiterzeit erstmals wieder in Deutschland ist. Der Mitbewohner hängt bis über beide Ohren in Arbeit (wenn mir nochmal jemand mit den schön vielen Ferien von Lehrern daher kommt, schlag ich zu. Aber erst nachdem ich vorgerechnet habe, wie viele komplett durchgearbeitete Wochenenden in korrekturintensiven Fächer mit diesen Ferienwochen abzugleichen sind), also muss ich planen (weiß mir jemand typisch bayrische Vorspeisen außer Suppe?), einkaufen, vorbereiten.

Wo ich mir mit dem Entspannen eh schwer tue. Selbst jetzt, auf dem Balkon im Lindenblütenduft sitzend, spanischen Café con leche vor mir, einen weichen Seidenmorgenmantel um mich – selbst jetzt arbeitet in meinem Hirn hektisch das Orgaprogramm für heute (Muckbudi, Duschen, Fahrradbastler, erste Futtereinkäufe für Sonntag, Mist – die Sandalen hängen ultimativ in Fetzen, ich brauche neue, ein Stündchen Step-Aerobic bei einem früheren Lieblingstrainer, in dessen Stunden ich an einem Arbeitstag sonst nicht gehen kann, Mitbewohner besichtigen).

Vielleicht sollte ich für die nächste Urlaubsgelegenheit die klassische Strandgeschichte einplanen: Zwei Wochen in mildem Klima an einem schönen ausländischen Strand mit nicht viel drumrum. Also eine komplett reizarme Umgebung.

Zudem:
Ich erfasse die Verwendung des Begriffes „emo / Emo“ in der deutschen Sprache immer noch nicht. Kann jemand helfen? Vielleicht differenzierend zwischen der sprachlichen Umgebung Musik / nicht Musik? Und wie wird das auf Englisch ausgesprochen?

Driven by improbability

Mittwoch, 13. Juni 2007

München ist ja doch ein bisschen größer. Es ist entsprechend wenig wahrscheinlich, zufällig einen Bekannten, eine Bekannte auf der Straße zu treffen.

In München gibt es viele, viele Friseure. Dass man sich zufällig mit einem Bekannten, einer Bekannten den Friseur teilt, ist auch nicht sehr wahrscheinlich.

Dass ich also heute beim Friseur (habe immer noch Urlaub) auch noch in einen der wenigen Münchner Blogger rannte, die ich in Echt und mit Gesicht kenne – das könnte vor lauter Unwahrscheinlichkeit vermutlich ein mittelgroßes Raumschiff antreiben.

(Dass ich diesen Friseur auf Empfehlung eines weiteren Bloggers gefunden habe, nordet die ganze Sache keineswegs ein.)

Wir sind selbstverständlich gleich nach der Schneiderei (der Herr war ein Viertelstündchen eher fertig) Kaffeetrinken gegangen.

Sommerliche Haut 2007

Dienstag, 12. Juni 2007

Kommt mir das nur so vor, oder ist München in diesem Sommer tatsächlich eine ungewöhnlich ausführliche Ausstellung zeitgenössischer Tätowierung? Jetzt, wo die schwüle Wärme meine Mitmenschen zum Freilegen von Haut treibt, scheint mir, besonders viele von ihnen hätten den milden Winter in Tätowierstudios verbracht.

Ob das Altenpflegepersonal von Übermorgen seine Patienten nach ihren auffälligsten Tätowierungen einordnen wird? „Du, Kevin, ist der Brust-Maori schon gewaschen?“ „Nee, Jaqueline, aber die schielende Mutter Gottes will immer noch nichts essen, was sollen wir bloß machen?“

Spanien heute

Dienstag, 12. Juni 2007

Einer muss noch, dann ist die Reise wirklich vorbei. Was war in Spanien noch so, wie ich es als typisch spanisch in Erinnerung hatte – und was hatte sich verändert.

madrid_gasflaschen.jpg

Gas für den Haushalt kommt anscheinend immer noch aus der Flasche. Dieser Laster stand mitten in Madrid; nicht nur auf dem Dorf bekommen Spanier mit Gasherd also den Brennstoff so geliefert (oder holen ihn ab, wie wir es in meinen Kindheitsurlauben gemacht haben).

madrid_once.jpg

Immer noch sieht man überall die Häuschen der staatlichen Lotería, dazu die Losverkäufer und -verkäuferinnen, die Losnummern ausrufend, die sie anbieten.

madrid_kinderkleider.jpg

Kleine Kinder, vor allem Mädchen, werden zu festlichen Anlässen immer noch in Puppenkleider gesteckt.

toledo_barboden.jpg

In den Bars (hier Toledo) werfen die Gäste Abfälle weiterhin auf den Boden; in Madrid hängen allerdings oft Abfalleimer an der Theke. Es wird als eklig empfunden, ein benutztes Serviettenblatt, Olivenkerne, Zahnstocher, Hühnerknochen etc. auf die Theke zu legen. Und immer noch kann ich mich daran nicht gewöhnen.

madrid_mercado.jpg

Im Verschwinden begriffen sind in Spanien möglicherweise die überdachten, mehrstöckigen Märkte, Mercados, die für mich zum allertypischsten Spanischen gehörten. In Madrid sah ich einen komplett geschlossenen, und dieser hier im Stadtteil Lavapiés ist am Verfallen. Der Trend geht hin zum Hipermercado vor den Stadttoren.

segovia_rollibrunnen.jpg

Mir scheint, also würde in der Planung öffentlicher Plätze und Wege viel an Behinderte gedacht, zum Beispiel mit solch einem Rolli-gerechten Trinkwasserbrunnen in Segovia. (Allerdings war kein einziges der Hotels, in denen wir übernachteten, und kein einziges Restaurant barrierefrei. Ein, zwei Bars gerade mal.)

madrid_deppenapostroph.jpg

Eine völlig neue Erscheinung hingegen, die mich mit unendlichem Grauen erfüllt: Spanien verfällt dem Deppenapostroph.

Abschließend ein Tipp für überkandidelte werdende Eltern, die immer noch nach einem möglichst ausgefallen geschriebenem Namen für ihr kleines Mäderl suchen. In Spanien zieht gerade eine junge Frau durch die TV-Boulevardmagazine, die Jaydy heißt. Nach spanischen Ausspracheregeln wird das ausgesprochen wie – genau: Heidi. Bitte gerne.