Re-blogging: Wie misst man Niveau?

Dienstag, 21. Oktober 2008 um 9:41

Vor vier Jahren war es das Wehklagen eines Spiegelredakteurs über die sinkende Qualität des deutschen Fernsehens, jetzt ist es die Diskussion anlässlich Marcel Reich-Ranickis Protests dagegen, die meine Neugier weckt, wie man wohl Qualität oder Niveau eines Fernseheprogramms misst. Feuilletonisten dürfen ihre Äußerungen ja qua Genre auf persönlichem Eindruck basieren; solange dieser Eindruck ergibt, dass irgendwas immer schlechter wird, stimmt ihnen die Mehrheit zu. Da ich die eigentliche Diskussion im Fernsehen nicht verfolgt habe, weiß ich nicht: Hat jemand das sinkende Niveau im deutschen Fernsehen bewiesen? Mögliche Methoden:

1. Wir könnten den Anteil von Niveau am gesamten Programm messen. Dann hätten wir also eine Gesamtmenge an Fernsehen und würden alle Sendungen in niveauvoll, neutral oder niveaulos unterteilen. Das machen wir jahrweise und sehen uns dann die Entwicklung an.

2. Oder wir nehmen eine Auswahl an Sendungen, die es bereits seit einigen Jahren gibt, und überprüfen, ob deren Niveau in den vergangenen zehn Jahren gesunken oder gestiegen ist. Das zählen wir dann zusammen.

3. Eine andere Methode wäre die Untersuchung von Minima und Maxima (danke an den Mitbewohner für den Hinweis auf die Meteorologie). Wir sehen uns jedes Jahr an, was das Niveauloseste im deutschen Fernsehen war und was das Höchste an Niveau. Und dann vergleichen wir, ob eine Bewegung zu erkennen ist.

All diese schönen Methoden haben allerdings einen massiven Haken: Wir müssten erst mal festlegen, was eigentlich Niveau ist. Oder, noch wackliger, was zu Kultur zählt und was nicht. Nöhlende Feuilletonisten scheinen davon auszugehen, dass man das kann – vor einer Definition drücken sie sich dann allerdings.

Mir fallen durchaus Ansätze ein (macht viel Arbeit – hohe Qualität; macht keine Arbeit – niedrige Qualität?), allerdings würde ich die Begriffe „Niveau“ und „Kultur“ meiden. Wir könnten die Neurologie bemühen und betrachten, ob und welche kognitiven Gehirnbereiche beim Betrachten welcher Sendungen aktiv sind. Wir könnten betrachten, wie weit in einer Sendung allgemein anerkannte Perspektiven (Volksmeinung) lediglich wiedergegeben werden oder reflektiert und hinterfragt. Oder wir messen den Informationsgehalt einer Sendung (nächster Treibsand: was ist schon keine Information?).

Kann mir jemand berichten, auf welchen Qualitäts- oder Niveaukriterien die aktuelle Diskussion basierte?

die Kaltmamsell

15 Kommentare zu „Re-blogging: Wie misst man Niveau?“

  1. Richard meint:

    Die Frage nach „Niveau“ erscheint mir analog zur Frage nach „Wahrheit“.
    Wessen N. bzw. W. zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Betrachtungswinkel?
    So manche Wertung von J. Kaiser wurde auch durch die Zeit „banalisiert“
    Der entscheidende, gesellschaftliche Ansatz zu diesen Fragen glaube ich ist nicht so sehr der Inhalt sondern die Auseinandersetzung zu diesen Fragen gemäß These-Antithese-Synthese, auf einem breitem Spektrum.

  2. UB meint:

    Es gibt keine allerseits anerkannten Kriterien in dieser Diskussion. Die einen prügeln auf die Platzhalter schlechten Geschmacks (Bohlen etc.) ein, die anderen halten MRR vor, er selbst habe seinerzeit mit seinem Literarischen Quartett kein höheres Niveau erreicht als DSDS.

    Die Diskussion ist müßig und kann zu keinem Ergebnis führen. — Ich persönlich sympatisiere jedoch sehr mit MRR und konstatiere: Jeder einzelne bekommt exakt das Fernsehprogramm, das er verdient. Ich sehe nicht mehr fern. Überhaupt nicht. Das habe ich mir verdient; ich gönn mir ja sonst nichts.

  3. kaltmamsell meint:

    Gar nicht fernzusehen nähme mir einen großen Teil Allgemeinbildung, deshalb lasse ich den Fernseher fast jeden Tag ein wenig laufen. Hin und wieder werde ich dafür belohnt, gestern zum Beispiel mit der Sendung „Lebenslinien – Aus der Heimat in die Freiheit“ im Bayerischen Fernsehen (über eine Münchnerin, die vor Jahren aus Kalabrien einwanderte).

  4. croco meint:

    Kultur (von lat. cultura) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik, der Bildenden Kunst, aber auch geistiger Gebilde wie etwa im Recht, in der Moral, der Religion, der Wirtschaft und der Wissenschaft. (Wikipedia)

    Im weitesten Sinne sind auch Kochsendungen Kultur. Aber Herr MRR kocht ja nicht, schade eigentlich.

  5. Sanníe meint:

    Die Untersuchung der Minima und Maxima wird nichts ergeben, glaube ich.
    Wenn man nur sucht, dann findet man auf 40 Kanälen das wirklich gut Gemachte. Auch wirklich grottige Sendungen gab es wahrscheinlich schon immer.
    Manche davon schaue ich sogar, und zwar gern.

    Aber mein Eindruck ist, daß in der Masse das Niveau gesunken ist. Daß in Dokumentationen heute mit jedem dritten Satz die vorhergehenden nochmal zusammenfasst werden, beleidigt meine intellektuellen Fähigkeiten, komplexe Zusammenhänge zu erfassen.

    Daß vieles schneller und kürzer ist als früher erfüllt nicht meinen Anspruch daran, komplett informiert zu werden und läßt keine Zeit mehr für einen eigenen Gedanken, was bleibt ist der schlichte Konsum. Diese Schnelligkeit macht sich sowohl in kurzen Schnitten bemerkbar, sehr knapp gefaßten Statements (vgl. Talkshowaufzeichnungen oder Tagesschau vor 30 Jahren), vielen Gästen pro Sendung als auch der Länge der Sendeformate.

    Selbst auf Phoenix gibts kaum Sendungen, die länger dauern als 45 Minuten. So wird aus einem interessanten 90-Minüter ein Zweiteiler, dessen zweiten Teil ich dann verpasse, weil ich mein Leben nicht nach diesem Uhrwerk Fernsehen ausrichten kann und mag.

    Vielleicht ist es das, was wir unter Niveau verstehen: Daß wir überhaupt einen Anspruch an das Medium haben, irgendeinen, der über den reinen Unterhaltungswert hinausgeht. Dies gilt umso mehr für die öffentlich-rechtlichen Sender, für die wir bezahlen, weil sie einen _Informations- und Bildungsauftrag_ wahrnehmen sollen.

    Ich weiß nicht – und hab jetzt auch keine Lust das nachzuschlagen – was noch alles im Staatsvertrag vorgegeben ist. Aber wenn man die ÖR-Sendungen auf diese beiden Aspekte untersucht, jede einzelne, dann sieht das ganz bitter aus.

    Was die Privatsender machen, ist mir ehrlich gesagt, wurscht.

  6. kid37 meint:

    Man könnte auch beklagen, das Niveau sei insgesamt gesunken, Richtungen und Ziele haben sich jedenfalls verändert. (Wer hat noch Altgriechisch auf dem Gymnasium? – Dafür haben wir jetzt Informatikkurse) Ich habe beruflich etwas mit Fernsehen zu tun und meine schon, eine „Verflachung“ zu erkennen. Der Druck der Redaktionen auf die Macher, bitteschön an die Quote zu denken ist manchmal subtil, aber zusehends unverkennbar. (Ich spreche von den ÖR) Dokus sind flacher, sperrige Sendungen gibt es wenig, dafür wird tatsächlich mehr gekocht. Magazinsendungen beschränken sich verstärkt auf Drei-Minüter (das hat übrigens auch was mit dem höhreren Honorar zu tun, das ab drei Minuten an Autoren und Regisseure fällig wird) – länger reiche „die Aufmerksamkeitsspanne nicht“. Warum werden Politmagazine von 45 auf 30 gekürzt? Warum werden (gute, preisgekrönte) Spielfilme in der Erstausstrahlungen in der ARD unter der Woche grundsätzlich weit nach 23.00 Uhr versendet? Ich bin damit aufgewachsen, daß Sendungen wie Monitor oder Aspekte ihre festen Termine hatten. Nun gibt es neben dem Senderwirrwarr auch den der Sendetermine. Dabei weiß man doch: Kirche ist um zehn. Verläßlich. ;-)

    Andererseits haben sich durch arte/3Sat auch viele neue Möglichkeiten entwickelt und teilweise wirklich gute Formate. Ich wünschte mir nur, die ÖR wären konsequenter, und würden nicht so auf Quoten schielen. (Die einen Sendeplatz wie den der ARD freitags um 20.15 Uhr leider wirklich rechtfertigen.)

    Die Diskussion, die MRR öffentlichkeitswirksam aufgebracht hat, finde ich wichtig. Nur: man wird sie immer wieder und immer wieder führen müssen.

  7. Kommentator meint:

    Warum „Niveau“ und „Kultur“ (ich lass mal Definitionen weg und nutze die Vokabeln als Allgemeinplätze) nur auf der Seite des Fernsehens beziehungsweise seiner Macher betrachten?
    Viel interessanter ist doch der Blick auf die Kunden (aka „Zuschauer“): Wieso schauen die sich das an und erzeugen qua „Quote“ auf allen Sendern solchen Mist? Andersherum: Wenn „Niveau“ und „Kultur“ die Kunden wirklich interessierten, hätten wir doch anderes Fernsehen, oder?
    (Die Debatte ließe sich, meine ich, problemlos auf Themen wie Politik, Literatur oder Ökologie erweitern: Wieso gibt es „schlechte“ Politik und Literatur, und wieso wird die Welt weiter zugrunde gerichtet? An wem liegt es, das zu ändern, und wen interessiert es nicht, das zu ändern?)

  8. Lila meint:

    Oh, das ist doch ganz einfach. Was MIR gefällt, das hat Niveau und gehört zur Hochkultur eines bildungsbeflissenen Menschen. Was mir hingegen nicht gefällt, ist niveaulos, unter aller Kritik und bester Beweis für den Untergang des Abendlands (den bereits stattgefundenhabenden).

  9. Sebastian meint:

    Der völlig niveaulose Maxim Biller hat mal im völlig kulturlosen „Tempo” ein Interview mit MRR gemacht, in dem er ihn dauernd nach seinem Lieblingsessen fragte und wo er seine Hemden kauft und sicher auch kluge Fragen stellte, aber wie fassungslos MRR auf die Hemdenfrage und ihre ständige Wiederholung reagierte, das war fast wie Fernsehen.

    Es ist vielleicht keine streng wissenschaftliche Versuchsanordnung ist, einen 88jährigen Selfmade-Intellektuellen zwei bis vier Stunden lang dabei zusehen zu lassen, wie das deutsche Fernsehen über das deutsche Fernsehen sendet, aber im Ergebnis fand ich das dann doch sehr objektiv – wenn man das alles rundum wahrgenommen hat, bis hin zum Kaminabend mit Gottschalk. Hättense mal machen sollen, Frau Kaltmamsell, dann müssten wir uns hier im Netz nicht für Sie den Schädel übers TV zerlegen.

  10. Sebastian meint:

    Noch eins: Ein Maßstab für Qualität (um die mal reinzubringen) wäre auch, zu schauen, mit welcher Begeisterung die Macher an ihre Sache rangehen. Wenn man dann sieht, wie das wohl zum großten Teil aus Fernsehjunkies bestehende Preispublikum dem Preisverweigerer MRR zujubelte, muss Fernsehen wirklich schlecht gemacht sein.

  11. Angel meint:

    @lila: *lol*
    Das scheint mir ungemein treffend in Bezug auf die gesamte Niveau- und Kultur-Debatte.

    Was die eigentliche Frage angeht: Ich vermute ganz stark, dass die ganze Debatte vor allem auf dem Niveau- und Kultur-Verständnis von MRR basiert (also ganz schön weit weg von dem der Allgemeinheit). Und weil es so schön ist, darauf rumzuhacken und weil man sich mit ‚Niveau‘ so schön von ‚der Masse‘ abheben kann, springt da halt jeder Möchtegern- und Intellektuelle auf. Alles Mutmassungen meinserseits, ich habe nämlich weder die Preisverleihung noch den Kaminabend gesehen.

    Im Übrigen denke ich, dass das Niveau im TV wie anderswo vor allem von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Wenn keiner das Literaturzeugs guckt, kommt es eben zu seltsamen Zeiten. Nano muss man ja auch aufzeichnen.

  12. Michael meint:

    @Richard: genau das ist der Punkt: wir reden hier – wenn man die Ausgangsfrage der Kaltmamsell ernst nimmt – letztlich über den Begriff der „Wahrheit“.
    „Niveau“ ist ein Wort, das man einstreut, wenn es um Mode geht – und dazu hat Lila alles gesagt: da geht es darum, was gefällt.

    MRR gefällt nicht so recht, was er da im Fernsehen sieht – und weil er selber daran beteiligt ist, gefällt es ihm umso weniger: da müßte er ja eingestehen (sofern man ihn in einer bestimmten Situation nicht geradezu dazu zwingt), daß er als Akteur an diesem Unfug selber beteiligt ist.

    Aber dann müßte man von einem Clown ja verlangen, daß er über sich selber lacht.

  13. Larifant meint:

    In einer 50er-Jahre-Werbung für Fernsehgeräte war zu sehen, wie in einem 50er-Jahre-Wohnzimmer der Herr und die Dame des Hauses in Abendgarderobe dem Empfang einer Bildfunk-Ausstrahlung beiwohnen.

    Das war „Niveau“.

  14. Michael meint:

    @Larifant: wenn ich förmlich dazu gezwungen werde, setze ich sogar einen Link auf mein eigenes Blog (zum Begriff der Mode – Warnung: laaang).

  15. Richard meint:

    @michael: hab den link zum begriff Mode benutzt und gelesen. ein hinweis noch zum eigentlich in der kürze umfassend abgehandelten thema:
    Mode ist die Visualisierung des Zeitgeistes. „Mode“ ensteht in der Subkultur, wird dann von den Eliten (opinion leader) okkupiert um dann zeitlich versetzt banalisiert und profanisiert, eben Massentauglich, gestaltet zu werden. Manchmal geschieht dies auch mit der „Wahrheit“
    auch bei MRR


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