Schreibzyklus

Donnerstag, 23. Oktober 2008 um 13:43

Landläufige Meinung (ich stelle mir gerade eine Meinung vor, die über Weizenstoppel und nicht geerntete Maisfelder flitzt – früher hätte ich Lisa Neun um eine Zeichnung desselben gebeten): Wer viel bloggt, hat kein echtes Leben. Was die Meinung damit eigentlich meint – aber um das zu erkennen, müsste sie kurz innehalten und nachdenken: Wer Sachen bloggt, die mich langweilen, hat offensichtlich andere Interessen als ich. Diese meine Interessen resultieren aus meiner absoluten und übertragbaren Erkenntnis, was im Leben generell wichtig ist und was nicht – wer andere Interessen hat, weiß also nichts übers Leben.

Das ist natürlich Blödsinn (wenn jemand die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat, dann ich): Bloggen ist Teil des Lebens, man kann durchaus lebendig ausschließlich übers Bloggen bloggen.

Warum aber schreibe ich hier seltener als früher Geschichten? Sind mir die Erlebnisse abhanden gekommen oder die Lust an der Geschichtifizierung? Langweilen mich inzwischen die eigenen Regungen, wo sie mich früher zum Schreiben gebracht haben?

Zum Beispiel diese gefrustete Regung:

Eine berufliche Veranstaltung hat mir aufs Neue bewiesen, dass öffentliche Wahrnehmung und faktischer Hintergrund fast nichts miteinander zu tun haben. Streichen Sie „öffentliche“, erst letzte Woche beschwerte sich eine Kollegin bitterlich übers bayrische Gymnasialsystem, das ihre Tochter in den 90ern dazu gezwungen habe, in der 5. Klasse Latein, in der 7. Französisch und in der 9. Englisch zu lernen. Kein Hinweis, dass es diese Pflichtsprachenabfolge in keinem staatlichen Gymnasium Bayern gibt, änderte ihre Haltung. Zumindest gab sie zu, dass ihre Tochter nicht auf dieses konkrete Gymnasium gezwungen wurde, sondern es schlicht das nächstgelegene war, das zudem ihre Grundschulfreundinnen besuchen wollten.

Die öffentliche Wahrnehmung ist ähnlich unempfindlich für sachliche Zusammenhänge, hält sich mal in Massen lebensbedroht von einem Vogelgrippe-Virus, stirbt bald darauf fast am Feinstaub (der arme Kerl hat den plötzlichen Aufmerksamkeitsentzug immer noch nicht ganz überwunden und säuft sich Abend für Abend in einem bahnhofsnahen Stehausschank die Birne zu), trifft Kaufentscheidungen ausschließlich nach CO2-Bilanz (wie lange wird es noch dauern, bis Al Gore endgültig mit Gore Vidal zusammengeworfen wird?1 ). Und irgendjemand wird immer skrupellos genug sein, diese schiefe Wahrnehmung für seine eigenen Interessen zu nutzen.

  1. oder ist das seinerzeit nur mir passiert? []
die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Schreibzyklus“

  1. Lorelei meint:

    Al Gore ist doch der, der das Internet erfunden hat, oder?

  2. Alice meint:

    „Und irgendjemand wird immer skrupellos genug sein, diese schiefe Wahrnehmung für seine eigenen Interessen zu nutzen.“

    Das nennt man wohl PR.

  3. kaltmamsell meint:

    Nicht ganz so einfach, Alice: PR ist es ja auch, wenn ein Unternehmen versucht, die schiefe Wahrnehmung gerade zu biegen. Die ist allerdings erheblich schwieriger.

  4. kid37 meint:

    Mich hat Acrylamid fast zum Verstummen gebracht. Deshalb blogge ich kaum noch.


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