Wir Deutsche

Montag, 10. November 2008 um 6:44

Wenn man als Deutsche zur Welt gekommen ist, kennt man das nicht anders: Man hat ein problematisches Verhältnis zu Nationalbewusstsein samt seinen Symbolen, setzt sich intensiv mit den Geschehnissen im Europa des 20. Jahrhunderts auseinander, tauscht Schweinsbratenrezepte aus, hat Goethe, Schiller, Hölderlin, Brecht zumindest ansatzweise gelesen. Man findet Deutsche im internationalen Vergleich oft doof, hält sie für unspontan, nörgelig, bürokratisch, überheblich, peinlich. Und findet es gleichzeitig unangenehm, dass Deutsche so gar kein Selbstbewusstsein haben und einander peinlich sind.

Wer, wie ich, erst mit elf Deutsche wurde, ist und macht all das da oben – aber viel bewusster. Wenn ich von „wir Deutsche“ spreche, handle ich mir gerne mal einen fragenden Blick von meinen Landsleuten ein: Die Formulierung passt nicht so recht zu meinem durch und durch undeutschen Namen. Soll ich etwa nicht für uns Deutsche sprechen dürfen, weil ich zwar in Deutschland, aber mit einer anderen Staatsangehörigkeit auf die Welt gekommen bin? Vergesst es, beglückwünscht euch lieber, dass wir herkunftsbunten Hunde dazugehören.

Noch eine Besonderheit von uns neudeutschen Kaltmamsells: Wir gehen sehr zur Wahl. Immer. Zu jeder.1 Ich kann mich noch sehr an die Feierlichkeit des ersten Wahltermins erinnern, den meine Eltern wahrnehmen durften. Und dass ich in meiner Aufgeregtheit anlässlich meiner ersten Bundestagswahlbeteiligung 1987 erstaunt war, wie gleichgültig das meine Altersgenossen ließ.

Am Wochenende hat meine Mutter mir meine Einbürgerungsurkunde mitgebracht; sie war beim Räumen in ihren Unterlagen aufgetaucht. Das Blatt bekommt definitiv einen Ehrenplatz in meinem Ordner für wichtige Dokumente.

  1. Hat jemand eine Erhebung zur Hand, die die Wahlbeteiligung von Geburtsdeutschen mit Eingebürgerten vergleicht? []
die Kaltmamsell

9 Kommentare zu “Wir Deutsche”

  1. Tanja meint:

    Sehr aufschlussreich, vielen Dank. (Auch wenn die Schweizer einander weniger peinlich finden, hier drüben ansonsten analog.)

  2. Bolliskitchen meint:

    anders wird dann der Blick, wenn man nicht mehr in D. lebt……Ich mag Deutschland gerne, ich bin gerne Deutsche und selbst wenn die Franzosen mir ihre Staatsbürgerschaft aufdrängen ( automatisch nach 5 Jahren hier…), nee, ich will die nicht, ich kriege Gänsehaut bei der deutchen Hymne, nicht bei les enfants de la patrie….

  3. Sebastian meint:

    Bitte in den Kommentaromat aufnehmen: Schön peinlich.

  4. Richard meint:

    Tochter, 1965 in München geboren, hat in diesem Sommer in Italien, italienisch einen Italiener geheiratet, nun überlegt sie sich ob sie auch die italienische Staatsangehörigkeit annehmen will. Für mich als Vater stellt sich auf einmal das „Deutschsein“ aus einer neuen Betrachtung und ich frage mich, ist etwas Selbstverständliches, nie Hinterfragtes, wichtig?
    Darum hab ich diesen Eintrag aufmerksam gelesen und er hat mir viel gebracht. Ach ja und erschwerend, die italienische Hymne gefällt mir ausnehmend gut.

  5. martl meint:

    nur eine kleine anmerkung: müsste es nicht „wir deutschen“ heißen? also mit n? ansonsten stimme ich wieder mal sehr zu. was ist deine ursprüngliche nationalität?

  6. die Kaltmamsell meint:

    Interessanter Punkt, martl, (allerdings – müsste es nicht „Nur“, „Anmerkung“, „Müsste“, „Deutschen“, „Also“, „Ansonsten“, „Was“, „Nationalität“ heißen?), daran hatte ich auch rumüberlegt. „Wir Deutsche“ ist ja wohl Nominativ, wie in:
    „Und was sind die da drüben?“
    „Das sind Deutsche.“

    Aber es scheint einen weiteren Nominativ zu geben:
    „Wer hat den Zweiten Weltkrieg begonnen?“
    „Die Deutschen.“

    Nur – warum gibt es zwei, und welcher stimmt?

    Geboren bin ich mit spanischer Staatsbürgerschaft.

  7. Fabrice Pi meint:

    Zu „Deutsche“ / „die Deutschen“: In den nordgermanischen Sprachen ist es normal, daß aus der unbestimmten Form eines Substantivs die bestimmte gebildet wird, indem man ein Suffix anhängt. In den allermeisten Fällen erübrigt sich dadurch sogar der bestimmte Artikel vor dem Substantiv. Das n bei „die Deutschen“ ist wahrscheinlich ein Relikt, das einen ähnlichen Ursprung hat.

    Zu Sebastians Kommentar: Man könnte natürlich auch behaupten, daß es den Deutschen peinlich ist, daß es ihnen peinlich ist, Deutsche zu sein … (?)

  8. Sonja meint:

    Mein Bruder und mein Vater Frau Kaltmamsell haben auch so ein Ding.
    Ich bin allerdings nicht eingebürgert, weil die Regel, dass Kinder ausländischer Väter automatisch deren Staatsbürgerschaft bekommen, 1976 eingestampft wurde.
    (natürlich erst nach lautem Protest einer deutschen Mutter, deren Kind mit dem Ausländervater ausgewiesen werden sollte…).
    Allerdings gehe ich immer wählen – weil es gute Gründe gibt wählen zu gehen. Und weil das viel genannte Wort „Politikverdrossenheit“ für mich nur ein Deckmäntelchen dafür ist, nichts für Demokratie tun zu wollen, weil man nicht mehr weiss warum sie eine gute Sache ist.
    Für mich bleibt sie das.

  9. kulinaria katastrophalia meint:

    @Sonja
    So weit, dass die BRD bestimmt, welche Staatsangehörigkeit jemand inne hat, ist es (auch bis 1976) noch nicht gekommen, da haben andere Staaten ein kleines Wörtchen mitzureden ;-) – vorausgesetzt, dass Du du dich auf die deutsche Gesetzgebung beziehst.

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