Eine Oase der Uncoolness

Donnerstag, 16. Juli 2009 um 10:33

schnitzelgarten_1

Mitten in München gibt es einen wunderschönen Biergarten, mit Kastanien, die deutlich älter sind als alle Häuser, die ihn umschließen, mit einem Walnussbaum und rot-weiß-karierten Tischdecken. Aus den offenen Fenstern der zugehörigen Küche tönen Ölgebrutzel und Fleischklopfen, kein Straßenlärm oder Spuren der umgebenden Geschäftigkeit sind zu hören. Und doch würden sich die schicken und angesagten dieser Stadt hier nicht tot sehen lassen, die Kreativen der umliegenden Büros gehen ganz offensichtlich abends woanders hin, und es ist garantiert noch nie ein auch nur Viertelprominenter aufgetaucht. Dieser Biergarten hat es noch nicht mal zum Geheimtipp gebracht.

Die Speisenkarte ist komplett vorgestrig, das modischste Gericht ist der Salat mit Putenstreifen. Dafür gibt es Schnitzel in Variationen (einmal hatte ich das „spezial“, das mit Käse und einer scharfen Paprikasoße gefüllt war – Ajvar?), natürlich mit Pommes, Kotelett, Schweinsbraten, Rahmgeschnetzeltes, auch Fischgerichte. Und die obligatorischen Biergartenbrotzeiten, hier zum Beispiel Schweizer Wurstsalat (schön aus Regensburger und nicht etwa aus geschmacksneutraler Lyoner) und Obatzter. Bislang war alles, was ich dort gegessen habe, comme il faut zubereitet1 und wohlschmeckend.

schnitzelgarten_2

Die Preise sind so unmünchnerisch niedrig (Schnitzel um die zwölf Euro, Wurstsalat nicht mal sechs Euro), dass zwar einerseits ganz gewiss kein glückliches Tier auf den Teller kommt, andererseits aber viele ganz normale Anwohner angezogen werden: Das Publikum besteht aus einen Querschnitt der Leute, die schon immer im Glockenbachviertel und seinen noch heute unschicken Randgebieten wohnten: Alte Herren bringen Sonntags ihren thailändischen Liebhaber mit und führen ihn den Freunden vor, betagte Frauenpaare beweisen, dass Tätowierungen und Piercings keine Altersgrenze kennen, gemischtgeschlechtliche Rentnerpaare diskutieren unaufgeregt die Nachbarschaft, vermutlich ein junger Reiseführer (mag jemand mal im Lonely Planet nachschauen?) bringt immer wieder Grüppchen von Badeschlappentouristen herein, örtliche Studenten lassen sich von ihren Eltern mal wieder auf „was G’scheits“ einladen – echte Münchner Lebensart halt.

Die Bedienungen sind solche von Beruf, durch die Bank flink und freundlich. Wegen seines kulinarischen Schwerpunktes nennen der Mitbewohner und ich dieses Lokal „Schnitzelgarten“, doch in Echt heißt diese hippnessfreie Oase „Andy’s Krablergarten“ (in diesem Fall bin ich bereit, den Deppenapostroph in die unccole, aber fast schon ehrwürdige Reihe der „Evi’s Friseurstüberl“ zu stellen). Aus reinem Zufall sitzt hier niemand: Der Eingang ist recht versteckt.

schnitzelgarten_3

Die zugehörige Wirtschaft gibt es auch außerhalb der Biergartensaison.

  1. Sagt man das so? []
die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Eine Oase der Uncoolness“

  1. walküre meint:

    Heißt das Lokal jetzt „Andy’s Biergarten“ (Foto) oder „Andys Krablergarten“ (Text) ? Und: Was hat man sich unter „Krabler“ vorzustellen ?

  2. Daniela meint:

    Am Harras gabs früher auch mal so einen „ursprünglichen“ Biergarten. Ich weiß aber leider nicht mehr wie der geheißen hat :-(

  3. die Kaltmamsell meint:

    Über der Wirtschaft selbst, walküre, steht Andy’s Krablergarten. Zum Namen:

    Im Stadtplan von 1850 ist an der Thalkirchner Straße 2 ein Garten eingezeichnet. Gegenüber, – im Eckhaus Müllerstraße 53 – bestand eine Bierwirtschaft, die von 1863-1869 von Johann Krabler geführt wurde, nach dem der Garten benannt ist.
    Seit 1871 ist an der Stelle des Gartens eine Bierwirtschaft nachweisbar, die offiziell bis 1921 „Zum weißen Adler“ hieß, im Volksmund jedoch weiter „Krabler-Garten“ gennant wurde. Der Krabler-Garten wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und bestand als Behelfsbau mit Biergarten bis 1978.
    Trotz heftiger Proteste der Bürger wurde der Baumstand des alten Biergartens beseitigt und 1981 ein Neubau mit Gaststätte „Zum Krabler-Garten“ errichtet.

    Quelle

    Durch einen beliebten Biergarten ist ja auch der Münchner Stachus (aka Karlsplatz) zu seinem Namen gekommen.

  4. Sebastian Dickhaut meint:

    Hey, den hatte ich ja völlig vergessen. Danke.

  5. Modeste meint:

    Was zur Hölle ist ein „Krabler“?

  6. die Kaltmamsell meint:

    Oh je, Modeste, Namensetymologie war noch nie meine Stärke – die Ursprünge von Johann Krablers Familennamen müssten Experten erklären. Oder Sie mögen sich selbst eine Bedeutung ausdenken?

  7. Richard meint:

    ein krabler wenn nicht vom eigen namen kommend ist ein mensch der möchte und es nicht schafft – ein krabler eben. den garten kenne ich schon lange. wenn wir aus der holzstrasse kommend zur straßenbahn sendlingertor gingen sind wir dort oft noch reingegangen. seit dem neubau eigentlich nicht mehr so gerne denn vorne richts schon oft nach heißem öl.

  8. sigrid meint:

    Und warum „Andy’s“? Weil man auch „Frühstück Drink’s“ findet oder „Sonntag’s frische Brötchen“?
    Grüße von ‚Sigrid

  9. schmerles meint:

    Wer sitzt denn da gegenüber? Ich habe das gleiche Hemd und meine Frau sagt immer, das sei eher eine Damenbluse

  10. die Kaltmamsell meint:

    Das, schmerles, ist der Mitbewohner. Er hat mir das Hemd (!) vor dem Kauf sogar zur Freigabe gezeigt – ich fand es interessant.

  11. schmerles meint:

    cooles Hemd!

  12. schmerles meint:

    Guten Tag, was ist denn hier los? Dauernd erhalte ich klicks aus diesem Beitrag. Liegt es an dem Hemd? Dann werde ich das auch mal wieder tragen.


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