Kokettes Rumgezicke

Dienstag, 28. Juli 2009 um 8:57

Bursch: „Und wie alt bist du?“
Mädel: „Schätz doch mal…“

Ich war höchstens 15, als mich solche gekünstelten Dialoge bereits zum Augenrollen brachten. Die Anziehungskraft des Geschlechtergeplänkels, das andere als reizvoll empfanden, war für mich schon damals lediglich idiotisch und machte mich aggressiv. Ich verstand beim besten Willen nicht (na ja, sehr angestrengt habe ich mich nicht), was anziehend oder gar erotisch daran sein soll, einander absichtlich misszuverstehen oder in die Irre zu führen, schon gleich gar nicht auf plumpe und vordergründige Art. Und dann war der gesellschaftlich übliche Begriff für diesen lächerlichen Tanz auch noch „Flirten“?

Das hat sich in den vergangenen 27 Jahren nicht geändert. „Wollen wir nicht mal auf einen Kaffee gehen? Morgen Abend vielleicht?“ „Ich weiß noch nicht, ob ich Zeit habe.“ „Melde dich einfach, wenn du’s weißt.“ „Da müsstest du mich schon nochmal fragen…“ Kennenlernspielereien dieser Art machen mich auch heute aggressiv: Will er sich jetzt mit mir treffen oder nicht? Sehr wahrscheinlich werde ich ihn das genau so direkt fragen. Und wenn ich dann wieder nur auf Koketterie treffe, kann er mir gestohlen bleiben. Für Operetten gehe ich in die Staatsoper, vielen Dank.

Auf scherzhafter Basis kann ich solch ein Geplänkel sehr wohl, mit Arbeitskollegen, mit der Metzgerin. Wenn es mir jemand als ernsthaften Kommunikationsmodus anbietet, verliere ich umgehend jegliches Interesse.1

Damit sollte hinreichend nachvollziehbar sein, warum ich die Lektüre von Daniel Glattauers Gut gegen Nordwind auf Seite 120 abbrach: Das kokette Rumgezicke zwischen Leo und Emmi reizte mich nicht etwa, sondern machte mich gereizt. Ich verlor immer weiter das Interesse an den beiden und schnell auch die Neugier auf die Handlung. Es ist mir ungeheuer egal, ob die beiden einander persönlich sprechen oder nicht oder ob alles ganz anders ist. Das Hörbuch hätte sehr wahrscheinlich die selbe Wirkung gehabt. Hiermit habe ich einen Roman kennengelernt, der den Briefroman auf das Medium E-Mail übertragen hat, das genügt. Wer aber lesen will, wie sich Männlein und Weiblein schriftlich aufs Ausgesuchteste und Reizvollste amourös umkreisen, dem empfehle ich Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos.

  1. Und schlagartig wird klar, warum mein Lebensweg nicht mit Liebschaften gepflastert ist. Was andere Frauen Affären haben, lese ich Bücher. []
die Kaltmamsell

19 Kommentare zu „Kokettes Rumgezicke“

  1. Lu meint:

    ging mir emmi auf den zeiger (doo!).
    ich hab auf jeder geraden seitenzahl immer und immer wieder gestöhnt, die frau könne weder mailen, noch schreiben, noch flirten.

    ich habs dann an einem zornigen tag in einem rutsch weg, weil was will man sich lange aufhalten.

  2. Petra_S meint:

    Oh, Oh – Emmi ging mir zwischendurch zwar auch „auf den Zeiger“, aber mir hat das Hin- und Hergeplänkel doch Spaß und viele sentimentale Momente gebracht.
    Nun, wenn man mit einer massiven Bodenständigkeit ausgerüstet ist und den Sprachwitz im eigenen Blog auslebt, braucht man das wohl nicht.
    Dafür kann ich Operetten nicht ausstehen. Geflirte und Gesinge ist doch wesentlich schlimmer.

  3. kittykoma meint:

    oh ja! dieses buch hat mich so was von genervt!

  4. Liisa meint:

    Sie bestätigen, dass sich mein langjährig trainierter Buch-Instinkt mal wieder bewährt hat und es richtig war, all den Jubelrufen rund um dieses Buch und jetzt auch den Nachfolger nicht nachzugeben und die Finger davon zu lassen. In unserem Alter muß man ja langsam doch mit der noch verfügbaren Lebenszeit geizen, um wenigstens noch einem Bruchteil der wirklich guten Literatur, die man in diesem Leben noch lesen möchte, einigermaßen gerecht zu werden.

    „Und schlagartig wird klar, warum mein Lebensweg nicht mit Liebschaften gepflastert ist. Was andere Frauen Affären haben, lese ich Bücher.“

    Endlich weiß ich was ich „falsch“ gemacht habe! Die Bücher sind schuld! ;o) Wenigstens wird man schlechte Bücher schneller wieder los als schlechte Männer und es besteht auch nicht die Gefahr „ungeplant“ schwanger zu werden. *räusper* … okay, ich glaube, jetzt schweife ich ab …

  5. Su meint:

    Also ich hatte ohne Koketterie und albernem Geplänkel und trotz ständigem Bücherlesen in meiner Jugend doch so einige Liebschaften (mit sehr angenehmen Männern). Man muss nur wissen, was man will, denke ich.

  6. maisonrant meint:

    Ich erinnere mich nicht mehr, wie alt ich war, als es mich nervte, beziehungsweise konnte ich es damals nicht formulieren, weil es jeder machte.
    Leider (oder wohl eher zum Glück) bin ich in einem „mittleren Alter“ wo diese Form der Koketterie nicht so angesagt ist, das ist vorbei und erst in einigen Jahren (unter umgekehrten Vorzeichen) wieder erwartbar.
    Jedenfalls habe ich mich auf „Komunikatives-Gegen-Die-Wand-Laufen-Lassen“ verlegt.
    Z.B., 15 Jähriges Mädchen fragt nach der Altersschätzung (und will 17 hören). Man muss nur 12 sagen und hat seine Ruhe (hoffentlich).

    Ich vermiute, dass sich aus solchen Kommunikationen nur schlecht ein Handlungsstrang zimmern lässt, der für einen Roman reicht… bestenfalls für SehrKurzgeschichten.

  7. Franz meint:

    –>“Und schlagartig wird klar, warum mein Lebensweg nicht mit Liebschaften gepflastert ist. Was andere Frauen Affären haben, lese ich Bücher“, wie einfach sich doch ein Buch zuschlagen oder weglegen lässt, das ist bequemer als einen Freund und Liebhaber nur zu gebrauchen wenns grad passt, denn da ist ja ein Individuum dahinter(vielleicht), ich finds schade denn jede auch so oberflächliche Bekanntschaft hat seinen natürlichen Reiz, ich denke jeder macht es aber nach seiner Fasson, wer würde nicht gern als „frisch entdecktes“ Buch in Ihren Händen enden?
    Wer so interesannt und lebenskritisch sich ehrlich darstellt ist immer eroberungswürdig – ich hoffe Sie finden Ihren Bestseller, Sie wissen was ich meine oder er liegt schon längst zugeschlagen, etwas angestaubt und ohne Originalverband, mit verissenen Seiten nehmen Ihnen!??Dann ist vielleicht nach überspringen der Präambel ein neuaufschlagen der Kapitel anzuraten, nur natürlich wenn es nicht ein vollkommener Fehlkauf war, dann würd ich sagen Buch wieder weglegen oder verschenken!

  8. Sabine meint:

    Briefe, wenn auch nicht eher selten amouröse, gibt es in wunderbarster Form im „Oxford Book of Letters“ zu lesen. Da tut es einem schon leid, dass sich die literarische Form so aus unserem Leben hat drängen lassen.

  9. InCa meint:

    Ha! Da bin ich beruhigt! Ich habe das Buch GEHASST! Diese unerträgliche Emmi. Klemmziege! ;-)

  10. Zeitlos meint:

    Danke! Danke! Danke! Im Büro von mehreren Seiten als so wunderbar empfohlen musste ich das Buch leider nach 50 Seiten entnervt auf Seite legen. Ich dachte, ich sei die einzige.
    Mal davon abgesehen, dass mir dieses abgerissene Hin und Her ohne Geschichte auf den Sack ging: Wenn ich Lust auf virtuelles Geplänkel habe, geh ich ins Internet. Da gibt’s das an jeder Ecke. Und ich hasse Bücher, die von Sachen handeln, die ich selber erleben kann. In Bücher gehört Leidenschaft, Abenteuer, Liebe usw. aber nicht das echte Leben.

  11. theodoraa meint:

    herzlichen dank für diesen blog-eintrag!!! und ich dachte schon, ich sei verquer weil mir dieses allgemein akzeptierte, unglaublich sinnentleerte geflirte so dermaßen auf den s*ck geht, dass ich es nicht einmal artikulieren kann. ich hatte eigentlich gehofft, dass das je älter die beteiligten „flirter“ umso weniger, dafür intelligenter und unterhaltender wird. aber nein, selbst mit 25 muss man sich noch die gleichen dummen sprüche und öden gesprächsthemen anhören wie mit 16. und aufgrund ihres eintrages mache ich mir keine hoffnung auf zukünftige besserung ^^

    und danke, dass sie mich vor diesem buch gewarnt haben, eine freundin hat es mir schon mehrfach ans herz gelegt, bislang (und weiterhin) wirkungslos ;))

  12. Malvina meint:

    Haaachjaah *seufz* .. aus genau diesen Gründen meide ich Chaträume, und/oder viele andere digitale Kommunikations-platt-förmchen.

    Ich bin wahnsinnig erleichtert, daß ich offensichtlich nicht die Einzige bin, die das „doof“ findet.

  13. Petra_S meint:

    Hui, das ist aber ein heftiger Gegenwind hier, richtiger Nordwind.
    Ich freue mich trotzdem auf den 2. Teil als Hörbuch und nehme die Empfehlung „Gefährliche Liebschaften“ mal zum Vergleich.

  14. Milla meint:

    Guten Morgen, Frau Kaltmamsell,

    hatte mich sowieso schon gewundert, wie Sie jetzt darauf kamen.

    Liebe Grüße
    Milla

  15. Tanja meint:

    Glattauer hab ich auch nicht geschafft, sondern er mich. Sowas von bescheuert. Aber meine Schülerinnen lieben, empfehlen und verkaufen ihn.

  16. Jens meint:

    Den instant Abtörneffekt gibts auch bei Männern. Ich pflege bei solchen Plänkeleinlagen die Gegenüber stur ernst zu nehmen. Deutlicher kann mans nicht machen und entweder kommt dann von gegenüber ein „hast Recht, ist albern“ und man kann sich fürderhin normal unterhalten oder man ist beleidigt und dann hats eh keinen Sinn gehabt un man hat immens Zeit gespart.

  17. julian meint:

    „Gut gegen Nordwind“ ist ein biederes Kabinettstückchen für die frustrierte Hausfrau. Hat wohl auch nicht den Anspruch, sich mit witzige Bonmots à la Oscar Wilde (oder für Opernliebhaber à la Metastasio) zu literarischen Höhen aufzuschwingen.

    Was das mit der Kunst des Flirtens unter Fünfzehnjährigen zu tun hat, ist mir nicht ganz klar. Gerade als Jugendliche fiel es mir schwer, mit dem Objekt meiner Begierde einen ungezwungenen, heiteren, geistreichen Schlagabtausch zu führen.

  18. Adrian Lang meint:

    Was hat das bitte mit Geschlechtern zu tun? Das von dir beschriebene Verhalten ist selbst in heterosexuellen Situationen kein Stück geschlechtsspezifisch und taucht außerhalb deiner heteronormativen Welt genau so auf.

  19. die Kaltmamsell meint:

    Ein Missverständnis, Adrian Lang: Ich hätte deutlich machen müssen, dass „Leo“ ein Mann ist und „Emmi“ eine Frau, dass es sich im verrissenen Roman also um heterosexuelles Gezicke handelt – daher die heterosexuelle Herleitung.

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