Archiv für Juli 2011

Wenn zwei Frauen miteinander ausgehen

Samstag, 23. Juli 2011

Die Themen gestern Abend bei ganz hervorragenden Cocktails in Mauros Negroni unter anderem:

– Bachmannpreis
– Mittel gegen schlecht geschriebene Privat-Autobiografien
– Fachkräftemangel in der IT
– Gefühlte und tatsächliche Steuergerechtigkeit
– Übersetzungsqualität von Kinderbüchern in den 50ern
– Kann man Online-Kommunikation für Mittelständler rein auf der Basis von Statistiken planen?
– Wertevermittlung und Religion
– Die Geschichte der Staatsvertragstheorie ab Aristoteles

Sie verstehen jetzt vielleicht, warum ich brandeins für die beste Frauenzeitschrift auf dem deutschsprachigen Markt halte?

Es freute mich sehr, dass mich eine ganz frühere Arbeitskollegin wiedergefunden hat und den Kontakt pflegt (das ist die, die als Kind mit ihrem Bruder Homers Illias spielte oder, wie ich seit gestern weiß, „Verlegerin und Schriftsteller“).

Clackity-clackity-clackity –
wie ich durch die Terrassentür lief

Freitag, 22. Juli 2011

Clackity-clackity-clackity… So lange auf der Tastatur rumhacken, bis eine Geschichte rauskommt – das war doch der Tipp gegen Blogblockaden (der Kalauer zum Selberschnitzen: Ich mach’ ihn nicht.)

Es fällt mir ein: Die Geschichte, wie ich mit acht Jahren zu all den schönen Narben kam, die ich seltsamerweise richtig, richtig gern an mir habe. (Und die mir letzthin ermöglichten zu sagen: „Ha! Sie sollten den anderen sehen!“ War in diesem Moment richtig witzig, das müssen Sie mir einfach glauben.) Dummerweise erzähle ich diese Geschichte seit 35 Jahren. Sehr wahrscheinlich hat sie mit den eigentlichen Vorfällen nichts mehr zu tun, sondern ist in erster Linie eine glatte, runderzählte Geschichte, die zur Erinnerung geworden ist.

Vielleicht hilft es, die Erinnerungsfetzen aneinander zu reihen, die ich als Bilder im Kopf habe?

Der Spielzeug-Arztkoffer, den ich an diesem Nachmittag zu meiner Klassenkameradin Doris mitnehme und den ich erst kurz davor geschenkt bekommen habe.

Der Bungalow inmitten von Arbeiterwohnblöcken, in dem sie wohnt (Vater Architekt) – ich mag bis heute Bungalows ganz besonders gerne.

Ihre Eltern sind nicht zuhause, sie und ihr kleiner Bruder (die ältere Schwester war, glaube ich, nicht da) werden von der Oma beaufsichtigt.

Das riesige Wohnzimmer mit ebenso riesigen gläsernen Schiebetüren in den Garten. Als wir an ihnen vorbei zur Treppe hinunter in den Spielkeller gehen, sind sie an diesem trockenen Frühlingstag aufgeschoben. Es ist ziemlich sicher Frühling, ich hatte kurz zuvor Erstkommunion.

Keine Erinnerung an den Spielkeller – die Bilder werden überlagert von dem Spielkeller einer späteren Klassenkameradin am Gymnasium, in dem ich mit ihr Nachmittage lang Barbie spielte. Genauso wenig Erinnerung, ob oder wie wir mit meinem Arztkoffer gespielt haben. (Bei dieser Gelegenheit: Ich scheine der einzige Mensch auf der Welt zu sein, die als Kind nie Doktorspiele mit sexuellen Untertönen gespielt hat. Wir spielten tatsächlich einfach krank und Arztbesuch.)

Zurück im Wohnzimmer die Frage von Doris mit Kopfdeuten Richtung Garten, ob ich die Hasen sehen wolle. Meine begeisterte Zustimmung, bereits im Rennen nach draußen. Nein, nicht mal an den Lärm der zerspringenden Scheiben kann ich mich erinnern. Das nächste Bild ist der Blick auf den hellen Wohnzimmerteppich vor meinen Füßen (trug ich Schuhe? Oder hatte ich sie vor der Haustür abstreifen müssen?): Darauf tropft aus meinem tauben Gesicht Blut. Aufblicken, Doris sieht mich mit schreckverzerrtem Gesicht an, schreit meinen Namen.

Die herbeigeeilte Oma, die mir einen feuchten Küchenlappen auf die Nase drückt, mich auf einen Stuhl setzt. Aufregung, Hilflosigkeit, Panik um mich herum. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, fühle mich aber ruhig; mir tut auch nichts weh.

Meine Mutter steht vor mir und nimmt mir den Küchlappen von der Nase, schlägt sich die Hand vor den Mund. (Ich glaube, die Oma hatte Doris mit dem Kinderradl zu ihr geschickt, um sie zu holen. Stimmt, wir hatten damals noch kein Telefon.)

Meine Mutter untersucht mich von Kopf bis Fuß mit unterdrückter Panik, vergewissert sich, dass meine Augen nichts abbekommen haben, sieht die Schnitte auf meinem rechten Unterarm, meinem linken Handrücken, die große klaffende Wunde auf meinem linken Knie. Es fällt das Wort „Notarzt“ und „telefonieren“, meine Mutter ist offensichtlich entsetzt über die Untätigkeit der Oma. Ich bin immer noch ruhig und schmerzfrei, denke mir aber, dass in dieser Situation doch wohl irgendeine Art Reaktion von mir erwartet wird und beginne zu weinen.

Die Fahrt im Krankenwagen ist ein großartiges Abenteuer: Ich bin ja so gut wie nie krank, diese medizinische High-Tech-Umgebung finde ich superspannend. Kleine Enttäuschung darüber, dass der Krankenwagen zwar mit Lalü und Blaulicht angekommen ist, mich jetzt aber ohne diesen Zauber ins Krankenhaus fährt.

Im Krankenhaus werde ich freundlich versorgt. Eine Krankenschwester scherzt in beruhigender Absicht, dass das alles bis zu meiner Hochzeit verheilt sein werde. Ich plappere und frage ununterbrochen. Die Untersuchungen (war ich überhaupt beim Röntgen?) ergeben, dass keine der Verletzungen gefährlich ist, dass nicht mal das Nasenbein beschädigt wurde, dass alles zu nähen sein wird.

Ein Mann in Hellgrün und mit Mundschutz näht meine Schnitte: Den tiefen am Knie mit ganz dickem Faden, Handrücken und Unterarm mit wenigen Stichen, die Nase („jetzt musst du aber mal eine Weile den Mund halten“) sorgfältig.

Beim Heimkommen bin ich immer noch glockenwach. Meine Mutter versucht mich in den vierten Stock des Wohnblocks zu tragen.

Am nächsten Tag gehe ich zum ersten Mal in meiner Schulzeit nicht in die Schule. Ich bekomme nachmittags Besuch, meine Schulfreundin Claudia bringt mir einen kleinen Obstkorb, in Zellophan gewickelt. (Das Körbchen dient mir heute als Brotkorb.)

Noch Jahrzehnte später spricht mich jedes Mitglied aus Doris’ Familie bei jeder Begegnung auf den Unfall an. Am schwersten trägt der kleine Bruder an dem Erlebnis – er war wohl nach dem Krach der Scheibe aus seinem Zimmer ins Wohnzimmer gelaufen und hatte alles gesehen.

Clackity-clackity-clack.

Nachtrag: Ein Foto von mir etwa zwei Monate nach dem Unfall, die Narbe auf der Nase schon damals nur bei näherem Hinsehen sichtbar.

Wieder ein Wochenende

Montag, 18. Juli 2011

Aufnahme aus meiner liebsten Streetart-Gallerie in München: der Unterführung unterm Friedensengel (bei dessen Anblick ich immer daran denken muss, dass das gleichartige Monument in Berlin Siegessäule heißt – das bedeutet was).

Nach zehn Tagen ohne Ausdauersport (sehen Sie, ich bin nämlich NICHT zwanghaft) am Samstag endlich wieder an die Isar zum Dauerlauf. Ist wie Schwimmen oder Radfahren: Das verlernt man nicht. Auf dem Rückweg am Vikutalienmarkt vorbeigeradelt, österreichische Aprikosen und schwarze Kirschen vom Bodensee geholt.

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Die Essensplanung war vereinfacht, denn am Samstagabend war ich zum 70. Geburtstag einer Mitbewohnertante in die Randbezirke der Provinz eingeladen. Wir ließen uns von dort nachts mit einem Taxi zum nächstgelegenen Bahnhof fahren. Nachdem das ablief wie fast alle Taxifahrten in der Provinz der letzten Jahre, definiere ich das nunmehr als Merkmal: Der Fahrer fragte UNS nach dem Weg zum Fahrtziel. Nutzen denn in der Provinz nur Ortskundige Taxen? Als der Mann zum wiederholten Mal an einer Kreuzung fragte: „Rechts oder links?“, versuchte ich die Situation zu klären: „Waren hier noch nie im Leben!“ Damit endeten zumindest die Fragen.

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Mit viel Spaß spielte ich an Google+ herum, war allerdings immer mehr mit dem Blockieren von Beratern, Suchmaschinenoptimierern, Lösungsanbietern, Ferienhausvercheckern, Bars, Unternehmern und sonstigen kommerziellen Projekten beschäftigt. Ich hoffe, das ist nur eine Phase.

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Den Sonntag gezielt vertändelt. Schwierige Entscheidung, ob ich morgens in dem endlichen schönen Wetter nochmal Laufen gehen oder wie eigentlich geplant im Fitnessstudio hüpfen sollte. Es gewann das Studio am Ostbahnhof. Derzeit sind Radfahrten durch die Münchner Innenstadt immer spannend: Jedesmal neue Baustellen erfordern hohe Flexibilität und Ortskenntnis – zumal wenn man, wie ich, auf Einhaltung der Straßenverkehrsordnung beharrt.

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Nach Langem mal wieder Siesta gehalten. Nicht dass ich mir das sonst nicht gönne: Seit ein paar Jahren will sich nachmittags keine Bettschwere einstellen, selbst wenn ich müde bin.

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Für mich ganz einfach mit Tändelei zu verbinden: Brot gebacken, Aprikosenmarmelade gekocht (nur drei Gläschen, reines Decken des Eigenbedarfs), gelesen.

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Abends zur Rindssuppe endlich die Fernsehdoku über das Unternehmen Manomama und die Unternehmerin dahinter nachgeholt. Ich fände es so großartig, wenn das aussterbende Textilwissen in Ausgburg erhalten werden könnte, und sei es nur durch solch kleine Projekte. So ganz aussterben sollten die hiesigen Fertigkeiten des Zwirnens, Webens, Färbens, Druckens, Gerbens, Nähens doch nicht. Auch wenn es in Deutschland nie wieder Textilproduktion in großem Stil geben wird.

Freitägliche Spanakopita

Sonntag, 17. Juli 2011

Meine Version des griechischem Spinatkuchens erfordert gerade so wenig Aufwand, dass ich mich auch nach einem Arbeitstag noch aufraffen kann. Nach Arbeit (und meist Sport) komme ich normalerweise so hungrig heim, dass ich nicht bis zum Fertigwerden einer selbst gekochten Mahlzeit durchhalte und dann bereits alle möglichen herumliegenden Nahrungsmittel in mich gestopft habe, von Schokolade über Obst bis trocken Brot. Weswegen es abends entweder vom Mitbewohner Zubereitetes (meistens) oder Kaltes gibt.

Rezept steht hier.

Zwischenmeldung

Freitag, 15. Juli 2011

„Soweit ganz gut“, höre ich mich in letzter Zeit sagen, wenn mich ein etwas näher stehender Mensch nach meinen Befinden fragt – gefangen zwischen der deutschen Buchstäblichkeit, die alle persönlichen Fragen ernsthaft und korrekt beantwortet, und dem angelsächsischen phatischen Sprachgebrauch, der auf einer rhethorischen Ebene Kontakt herstellt.

Bachmannpreis 2011, der Sonntag

Montag, 11. Juli 2011

Nachmittags, im Schatten, den die Eiscafé-Sonnenschirme aus der brutalen Hochsommersonne schnitten (‘schulligung, in mir bachmannpreist es noch), sage ich: „Noch freue ich mich, dass ich nicht schon heute Morgen abgereist bin.“ Und unke1: „Aber das könnte sich geändert haben, wenn ich spät nachts mit zwei Stunden Verspätung am Münchner Bahnhof ankomme, haha.“

Es waren dann knapp vier Stunden Verspätung, ich habe es dennoch nicht bereut, die Preisverleihung gesehen und erst den Zug um 16.29 Uhr von Klagenfurt nach München gebucht zu haben. Zum einen hätte mich auch eine frühere Buchung nicht vor der SMS meiner Eltern bewahrt, in der sie mich informierten, dass ein gemeinsamer Freund in Spanien tödlich verunglückt sei und sie sich derzeit zur Beerdigung in seinem andalusischen Geburtsort aufhielten. Zum anderen wäre ich um ein Abenteuer mit anderen Klagenfurt-Schlachtenbummlerinnen gebracht worden.

Manche sagen, Burkhard Spinnen werde zu Beginn der Tage der deutschsprachigen Literatur auf seinem Sessel im ORF-Studio festgeklebt und erst nach Überreichung der Preise davon gelöst. Das kann zwar nicht stimmen, weil er jeden Tag andere Kleidung trug, doch er schien tatsächlich jeden Morgen als erster im Studio zu sitzen und es als letzter zu verlassen.

Die Bestimmung der Preisträger und Preisträgerinnen sah ich nun doch vom Presse-Café aus: Die Sitzplätze im Studio waren nachvollziehbarerweise fast alle für die Beteiligten reserviert. Weder Shortlist noch Votum überraschten mich, machten mich aber auch nicht glücklich.

Die Mittagshitze, durch die ich mit einem weiteren verbliebenen Bachmannpreis-Schlachtenbummler zu einem Innenstadt-Café schlenderte, tendierte Richtung brüllend. Darin im Interview: die Bachmannpreisträgerin 2011, Maja Haderlap – Gratulation.

Beim Abholen des Koffers aus dem Hotel erreichte mich die oben erwähnte Todesnachricht. In der folgenden Erschütterung wollte mir nicht mehr einfallen, wozu ich für die übersichtliche Bahnfahrt von fünf Stunden Proviant einkaufen sollte: Appetit würde ich so schnell nicht mehr bekommen, zwei Flaschen Wasser würden reichen. Vor dem Zugfenster ungerührtes Hochsommeridyll.

Es war ein Unwetter in Südbayern, das die Strecke zwischen Prien und Rosenheim unpassierbar machte. Die Folge: Über eine Stunde Stehen in Freilassing, umsteigen in Busse zwischen Prien und Rosenheim – alles erwartbar zögerlich, langsam und von Warterei unterbrochen, dazwischen sehr wenige Informationen. Proviant wäre dann doch eine gute Idee gewesen.

Der EC war nicht nur mit Bachmannvolk bestückt (meist erkennbar an grellgrünen Taschen), sondern auch mit zahlreichen Touristen aus ganz weit weg. Ich möchte nicht wissen, was die später daheim erzählen. (Im Fall der indisch oder pakistanisch aussehenden und klingenden Gruppe stelle ich mir vor, dass sie künftig darauf verweisen, in Europa funktioniere der Bahnverkehr auch nicht besser als bei ihnen – wobei auch noch verantwortungslos ineffizient mit Platz umgegangen werde, bei ihnen hätte man doppelt so viele Leute in die Busse bekommen). In Rosenheim warteten wir auf einen Zug nach München. Das war dann derselbe EC 110, aus dem wir in Prien in Busse gewechselt hatten: Die Strecke war mittlerweile geräumt.

Ankunft in München um 1.20 Uhr statt um 21.33 Uhr. Zumindest gehörte ich zu den wenigen aus der Bachmannpreis-Fankurve, die somit daheim waren und nicht auch noch nach Weiterfahrten oder Übernachtungsmöglichkeiten suchen mussten.

Jetzt Übelkeit vor lauter Gefühlssalat: Freude und überströmendes Herz mit neuen Gedanken und menschlichen Verbindungen / Sinken von Fassungslosigkeit in Weh und Trauer über den Tod eines besonderen und guten Menschen, der mich und meinen Lebenslauf geprägt hat. (Dass ich bloß nicht in dieser übermüdeten Wackligkeit anfange zu weinen.)

(Lesehinweis: Klagenfurtkandidatin Antonia Baum schreibt in der FAZ, wie es ist, in Klagenfurt vorzulesen. via der Freitag)

  1. sehr schönes und besonderes deutsches Wort: unken []

Bachmannpreis 2011, der Samstag

Samstag, 9. Juli 2011

Anlasslos Kopfweh und steinerne Müdigkeit – aber der dritte Vorlesetag war erheblich leichter zu nehmen als der Freitag. Beim Schlangestehen vor dem Klo fassten Frau Sammelmappe und ich den Vormittag zusammen mit: Mehr Wessi geht nicht, mehr Ossi geht nicht. Der Nachmittag wiederum hinterließ eine Lache Testosteron und Sperma.

Diesmal war ich früh genug da, um von Anfang an einen Sitzplatz zu bekommen – auch wenn im nahezu leeren Zuschauerraum fast alle Stühle durch abgelegte Gegenstände reserviert waren. @engl und ich beschlossen, nächstes Jahr einen Stand mit Bachmannpreis-Merchandising in den Garten zu stellen, an dem wir auch Handtücher zum Stuhlbelegen anbieten würden. Am liebsten wäre mir aber, wenn man einen Sitzplatz ausschließlich durch das Absetzen des eigenen Hinterteils reservieren könnte.

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Ich lese im Programmheft, dass Leif Randt (vorgeschlagen von Sulzer) bereits eine „Fitnesscenter-Erzählung“ und eine Nominierung für den „Plopp!-Hörspiel-Award“ vorweisen kann und befürchte große Albernheit. Doch sein „Schimmernder Dunst über CobyCounty (Auszug)“ ist nicht albern. Am Anfang machen mich die Zitate erwartbarer Klischees noch misstrauisch, doch schnell fügen sie sich beim Zuhören in die realistische Glattheit und Oberflächlichkeit des Schauplatzes ein, auf dem sich die Wohlstandskinder von Eltern in Kreativberufen bewegen. Randt sieht ein paar Mal beim Vorlesen sentenzhafter Passagen betont romantisch nach oben rechts (mindestens zwei Mal, meist nahm mir eine Kamera die Sicht), einmal hebt er die Faust sekundenlang. Passt ebenfalls zum mehrfach fiktional gefilterten Inhalt.

Erst jetzt sehe ich, dass dem vorgelesenen Text ein Dramatis Personae vorausgeht und dass die wörtliche Rede kursiv gesetzt ist.

Winkels hat einen „schönen, gelungenen Auftakt“ bekommen. In der Welt des Textes seien „alle Höhen und Tiefen wegoperiert“, alles Schmerzliche sei verschluckt. Er sieht eine „All-Age-Wellness-Kultur“ dargestellt, die unsere Lebenswelt trifft, findet den Text „äußerst gelungen“. Strigl stellt die Verbindung zum Film The Truman Show her, spricht von Selbsthistorisierung, „retrospektiver Trendforschung“, weist auf die Schilderung von Literatur hin, die eigens für diese Welt gezüchtet wird, auf die „kapitalistische Utopie des neuen Menschen“. Doch Feßmann sieht sich provoziert: Der Elterngeneration werde vorgeworfen, sie sei so entspannt, dass nur die Melancholie als Gegenbewegung übrig bleibe. Sie schimpft, das Generationenthema sei inzwischen ein Marketingthema und appelliert, die Provokation anzunehmen, indem man den Text nicht schön finde. Jandl weist auf den Gebrauch der Zitate hin: Eltern, Gefühle, die eigene Geschichte würden in Anführungszeichen präsentiert. Doch seiner Meinung nach fällt der Text in seiner Künstlichkeit zusammen.

Keller ist sich sicher, dass der Kern der Geschichte in der Oberfläche liegt: Es gebe nur noch Erfolg, der Einbruch von Authentizität habe keine Chance: „Sekundärleben durch und durch.“ Winkels sieht eine „Dystopie im Gewand der Utopie“ und weist darauf hin, dass irgendjemand für dieses Wohlstandsleben zahlen muss. Sulzer unterstreicht die durchaus vorhandenen Irritationsmomente der Geschichte (Bad zu dritt, Vorahnung der neospiritualistischen Mutter), sieht darin Vorboten eines Zusammenbruchs dieser Gesellschaft. Strigl fürchtet sich vor dieser Welt, in der jemand am allerstolzesten auf den Umstand ist, dass er noch nie Yoga gemacht hat – und findet die Geschichte genau deshalb gut.

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Anne Richter wurde von Keller empfohlen und kommt aus dem Osten Deutschlands. Ihr „Geschwister“ nimmt uns in die Tristesse einer thüringischen Kleinstadt inklusive geschlossener Fabrik. Ich bekomme bis zuletzt keinen Zugang zur Hauptperson Ruth, doch es tauchen interessante Figuren auf, mit hochemotionalen Szenen, unerklärt. Jajaja, die klaftertiefen Lücken schließen sich wahrscheinlich im Fortlauf des Romans, doch ich habe es langsam satt, einen Text auf Basis von Spekulationen über einen anderen Text rezipieren zu müssen. Dann sollen sie doch gleich erst mal die Autorin ihren Text erklären lassen.

Es beginnt eine erstmals richtig kontroverse Diskussion in der Jury, Keller vermutet: „Vielleicht liegt es am Solidaritätsbeitrag.“ Sulzer nennt den Text „gut gemacht“, eine Rückkehr zu den Wurzeln, eine Recherche ohne Ergebnis. Doch er interessiere ihn nicht so richtig. Laut Strigl hätte man mehr aus dem „konventionellen Ausgangspunkt“ machen müssen (nämlich einer Beerdigung), für sie ist die „ausgesprochen dünnflüssige, blutende Familie“ nicht stringent. Feßmann mag den „leisen Text, dessen Qualitäten man leicht übersieht“, ihr hat gefallen, wie der Bruder die Mutterrolle übernimmt. Winkels widerspricht: Der Text sei viel eher „schrill“, er findet die Verwendung von Leerstellen misslungen. Ganz anders Keller, für die Richter erzählen kann, „in Pastellfarben, in Grautönen“, emotionslos, aber nicht herzlos. Sie sieht eine Geschichte über zwei Geschwisterpaare – und die Beziehung zu Geschwistern sei meist die längste, die man im Leben habe. Das Thema DDR hält sie für unwichtig.

Spinnen sieht den Tod als zentrales Motiv, eine sterbende Region, „familiäres Zerbrechen“. Er rechnet dem Text hoch an, dass er dies diskret verarbeite, nicht allegorisch, doch „ganz gelungen scheint es mir nicht zu sein“.

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Nun zur Testosteronschlacht des Tages (ich saß in der zweiten Reihe und spürte schier meinen Damenbart sprießen). Michel Božiković (der französische auszusprechende Vorname kollidiert mit dem Nachnamen) präsentiert sich in einem Filmchen nach eigenem Konzept, von dem ich schnell wünsche, er möge als Witz gemeint sei: Japanischer Kampfsport, Segeln, „ich mag Herausforderungen“. Sie ahnen es: Das war kein Witz. Denn Božiković rast anschließend mit vielen Verhasplern durch seinen Text „Wespe“ mit Jean-Claude Van Damme in der Hauptrolle. Sprachliche Besonderheit: Die Man-Perspektive. (Wobei ich es durchaus begrüße, dass ein Autor Farbe in die Literaturbräsigkeit bringt, indem er schier Motoröl im Gesicht hat und Steaks nur blutig isst.)

Daraus versucht Keller später in der Diskussion das hohe Niveau der Geschichte zu zwirbeln: Es gebe gar keine Figur, nur eine Maske. Und dieser entsprächen sowohl Handlung als auch Sprache. Es handle sich um ein Bewusstseinsexperiment in einer Extremsituation.

Davor hat Winkels kritisiert, dass diese „spannende Männerunterhaltungsstory“ auf einem konstanten Höhepunkt erzählt werde, von dem sie nie herunterkomme. Er verwendet das Wort „abgeschmackt“. Sulzer wählt die Ausdrücke „überorchestriert“ sowie „ständiges Fortissimo“ und bietet dann an, dass es sich ja vielleicht um die „Imagination eines Jungen mit jugoslawischem Hintergrund“ handle, der in Wirklichkeit garade auf einer Schweizer Autobahn dahinrase, um am Ende auf einem Parkplatz zwischen Winterthur und Zürich Rast zu machen. Feßmann schlägt als alternativen Titel „Der Macho mit der Wespe“ vor, die Sprache hat sie an die Jugendbücher der 50er erinnert. (Strigl von links: „Nicht-österreichische Jugendbücher!“)

Strigl bemüht Nestroys Einen Jux will er sich machen: Da wolle auch jemand mal so richtig ein verfluchter Kerl sein. Sie verweist auf die Flüche und den Jargon aus deutschen Synchronfassungen amerikanischer Actionfilme – das habe jeden Versuch zunichte gemacht, den Text zu mögen. Jandl vermutet den Intelligenzquotienten der Hauptfigur auf dem Niveau der quietschenden Autoreifen. Die ganze Jury bemüht sich herauszufinden, was den Helden überhaupt dorthin gebracht hat und motiviert (Deserteur? Söldner?).

Keller entschuldigt die Leerstellen damit, dass der Text ja der Anfang eines Romans sei. Vielleicht, gesteht Spinnen zu, habe Božiković einfach den falschen Ausschnitt aus dem Roman gewählt und lobt die Darstellung eines Menschen zwischen allen Fronten. Doch, so Spinnen, „mit der Literatur ist es wie mit einer Suppe: Man muss den Löffel an jeder Stelle eintauchen können und muss von allem etwas schmecken“.

Vielleicht mögen Sie sich ja zur Erheiterung die Verlagsbeschreibung des resultierenden Romans ansehen? (via innere_simone)

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Zum Schluss noch eine Runde Porno. Thomas Klupp, der seinem Autorenfoto so wenig gleicht, dass er einen Bruder hätte schicken können, liest „9to5 Hardcore (Romanauszug)“, vorgeschlagen von Winkels.

Nachdem wir zumindest am Morgen von Randt zum ersten Mal in dieser Bachmannpreisrunde von SMS und E-Mail gehört hatten, sind wir jetzt ganz im Heute gelandet: Internetpornografie. Die Geschichte ist ungewöhnlich und witzig, ohne die ganz billigen Pointen zu bemühen. Das Publikum lacht und gluckst viel, wird aber – wie ich – im letzten Viertel müde und unruhig. Für mich ist mit einem recht drastischen Mittel eine gesellschaftliche Stimmung getroffen, geisteswissenschaftlicher Relativismus aufgespießt.

Und wieder ist die Jury fast exakt meiner Meinung. Feßmann mag den witzigen Text, die „Persiflage auf die Kulturwissenschaft, auch auf eine Generation, die alles macht, was man von ihr verlangt.“ Doch sie bemängelt die Abnutzung der Effekte am Ende. Keller sieht einen Mann, der sich auflöst, versteht aber nicht, warum er auf seiner Stelle bleibt. Jandl hat sich irgendwann gelangweilt, findet den Text „literarisch eine Petitesse“ (der ist heute eh kaum zu hören – geht’s ihm nicht gut?), Strigl diagnostiziert aber eine Ausbeute aus dem Zusammenprall von hehrer Wissenschaft und Pornografie. Das Mittel: Das Verbotene wird zum eigentlichen Arbeitsfeld gemacht. Außerdem ist sie begeistern über die Satire auf den Universitätsbetrieb: Dort arbeite sie ja, und es gehe genau wie beschrieben zu, wenn nicht noch schlimmer. Dann, meint Spinnen, sei sie doch gar nicht gut, die Satire, wenn sie an die Realität nicht heranreiche (er verweist auf Karl Kraus). Doch er lobt die Struktur des Textes, die eine Aura schaffe, in der „alle lebensweltlichen Abgründigkeiten konserviert“ würden.

Sulzer rügt faktische Widersprüche im Text, Winkels fand ihn beim Hören immer weniger witzig. Es folgt eine Nebendiskussion über Datenerhebung in der Wissenschaft.

Fast im Rauslaufen behauptet Spinnen, als Feigling nicht diskutieren zu wollen, ob „Texte, über die man lachen kann, gute Literatur sind“. Es müsse zumindest eine bessere Welt durchschimmern – und das täte sie hier nicht.

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Aus, Amen. Mir haben die Jury-Diskussionen sehr gut gefallen, die Perspektiven waren fast immer bereichernd. Und jetzt mache ich mich fertig fürs Bachmannwettschwimmen im Wörthersee.