Auszeitjournal Mittwoch, 10. April 2013 –
Onkel Wanja als Hörspiel

Donnerstag, 11. April 2013 um 14:12

Der Mitbewohner geht nicht gern ins Theater. Ihn langweile, so erklärt er das, dass ständig hin und her gegangen werde, die Schauspieler Dinge aufhöben und wieder hinstellten, in die Ferne sähen, Türen auf- und zumachten – anstatt ihren Text weiterzusprechen oder überhaupt die Handlung weiterzuspielen. Im Grunde, so schloss ich daraus, bevorzugt er also Hörspiele. Und solche mag er tatsächlich schon immer gerne und hört sie regelmäßig.

Die neue Inszenierung von Onkel Wanja an den Münchner Kammerspielen wäre also etwas für ihn, so dachte ich während des gestrigen Abends immer wieder (Regie: Karin Henkel und Johan Simons). Es gab keine Kulissen, keine Ausstattung, keinerlei Requisiten – Kostüme eher generisch (von schlampige Hose, schlampiges Shirt, schlampiges Jackett beim Arzt und Sackkleid mit Gummistiefeln bei der Gutstochter bis zum riesigen Ballkleid an der schönen jungen Frau des Professors). Das Bühnenbild bestand aus einer bühnenfüllenden schwarzen Wand weit vorne, darin eingelassen ein viertelbühnengroßer Raum, zwei Meter tief, darin fand das gesamte Geschehen statt. Handlung wurde gesprochen, aber nicht umgesetzt (Trinken, Essen), die Figuren bewegten sich im Verhältnis zueinander und miteinander, aber außer Gehen, Setzen, Aufstehen, Liegen, angedeutetem Tanzen taten sie nichts.

Nun ist Anton Tschechows Onkel Wanja ohnehin kein Actionstück, es passiert nicht viel, und am Ende ist alles wie am Anfang, als Gutstochter Sonja uns praktischerweise die Lage erklärt, nur noch mehr so. Man lebt halt, hat seine Illusionen als Täuschung erkannt. Das Leben ist per Definition vertan. Ein Schriftband, das über der Bühnenaussparung durchlief, stellte auf Englisch die damit verbundenen Fragen: Von „Why did you get up today?“ und „What are you afraid of?“ über „You?“ und „Why not work?“ bis irgendwas mit „sex“ und „Where are we going?“.

Die Musik dazu sang und spielte eine junge Frau am echten Bühnenrand, die in heutigem schwarzen Glitzer gekleidet war: Sie begleitete ihre schwermütigen (eh klar weil ja) russischen Lieder auf einem Elektrobass. Dasselbe Lied in Endlosschleife über gefühlte halbe Stunden hin, sehr hirnbohrend. Die Weise, die den vierten Akt begleitete, habe ich entsprechend bis jetzt im Kopf (einige Theaterbesucher summten sie beim Verlassen der Kammerspiele im Foyer) – vielleicht weil sie sehr wie „Brother can you spare a dime“ klang, nur halt russisch.

Ein junger Mann, der nach der Aufführung hinter mir an der Garderobe auf seinen Mantel wartete, bemerkte etwas ungehalten zu seiner Begleitung, ob das Theater inzwischen wie der Film Musik brauche, um Stimmungen zu setzen, und die anderen Mittel der Inszenierung sowie das Stück dafür nicht mehr reichten. Nun, für mich ist der Einsatz von Musik im Theater inzwischen gesetzt: Ich kann mich an keine Inszenierung der letzten vier Jahre erinnern, in der sie nicht verwendet wurde. Doch für mich ist sie einfach neben Licht und Kostümen ein weiteres Gestaltungselement.

Feine Schauspieler, aber das versteht sich von selbst. Gespielt wurde ungefähr so plakativ wie die Kostüme, also nicht realistisch, aber das passte zum Gesamtbild. Wiebke Puls ist allein schon in ihrer Größe und Sehnigkeit eine beeindruckende Erscheinung, das korallenrote Ballkleid machte sie zu einem Paradiesvogel wie aus einer Travestieshow, ohne Chance auf leise Töne. Die wiederum bekam und spielte großartig vielschichtig Anna Drexler als Sonja – die nicht etwa zum Ensemble der Kammerspiele gehört, sondern Schauspielschülerin ist und eben den O.E.-Hasse-Preis bekam. Bis ins Slapstickhafte deutlich als gichtiger alter Professor Stephan Bissmeier, am schönsten in den Szenen, in denen er am Guckkastenrand schleimig und mit ungelenken Tanzbewegungen die Musikerin anlächelt. Max Simonischek erinnerte mich als Astrow an Ashton Kutcher in Two and a half men, nur halt in komplett frustriert und Alkoholiker.

Bemerkenswert war das Publikum. Der Raum war knackvoll,1 ging mit den Scherzen im Text sehr mit, und es applaudierte am Ende in einer Frenetik, die ich aus den Kammerspielen bislang nicht kannte – inklusive Bravo-Rufen und rhythmischem Klatschen. Ich hatte die Inszenierung ja eher ein bissl fad gefunden.

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Die Premierenbesprechung vom Montag aus der Süddeutschen Zeitung hatte ich mir extra aufgehoben, um sie erst nachträglich zu lesen: Christine Dössel ist begeistert und möchte „sofort aus dem Theater rausrennen und losleben“. Gabriella Lorenz in der Abendzeitung hingegen ist eher genervt bis ratlos vom „psychologiefreie[n] Typenpanoptikum“.

  1. Gibt es eigentlich ein Naturgesetz, nach dem sich die Sitzreihen immer von außen nach innen füllen? Wenn ich einen eher Außensitz habe, warte ich durchaus bis kurz bis Vorstellungsbeginn mit Hinsetzen; doch zum einen sind die Kammerspiele recht beengt und bieten nicht allen zehn Außensitzern Stehplatz, bis die sechs Innensitzer gekommen sind, zum anderen scheuchen die Platzanweiserinnen das Publikum bereits recht früh rein. []
die Kaltmamsell

1 Kommentar zu “Auszeitjournal Mittwoch, 10. April 2013 –
Onkel Wanja als Hörspiel”

  1. rum meint:

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    Gerne gelesen

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