Auszeitjournal Wochenende 6./7. April 2013 – die Veteranenkarte

Montag, 8. April 2013 um 7:34

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Ein Wochenende in tristem und kaltem Grau. Vollends niedergeschlagen hat mich die Erkenntnis, dass in zweieinhalb Monaten Sommersonnwend ist und dann die Tage wieder kürzer werden.

130406_Kleidung

Versucht, mit ein wenig Farbe gegenzuhalten. Damit Sie’s merken, habe ich die entsprechenden Details (Avatar-blaue Strumpfhosen und rote Lackschuhe) nach vorne geschoben.

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Ich kann auch erwachsen sein. Letzte Woche erhielt ich einen Brief von meinem Sportstudio: Weil ich seit über fünf Jahren Mitglied und noch dazu ein so fleißiges sei, bekäme ich eine besondere neue Mitgliedskarte, Gutscheine für Theke und Trainerstunden sowie ein Überraschungsgeschenk. Bislang hatte ich mich vor solchen Belohnungen immer weggeduckt, sei es zum Geburtstag oder für häufiges Training: Zum einen bin ich da eh immer g’schamig, zum anderen fürchtete ich, mir als Geschenk Müll einzuhandeln. Doch diesmal hielt ich mir vor Augen, dass eine so kleine Firma wahrscheinlich nicht nur einfach blind einen Marketingfahrplan einhält, sondern das sogar ehrlich nett meint. Und dass ich mir wirklich nichts abbreche, wenn ich einfach mal “Danke” sage und das Geschenk annehme.

Jetzt habe ich also einen grünen Veteranenausweis und eine wirklich schöne und praktische neue Wasserflasche, außerdem werde ich auf Kosten des Hauses testen, wie deren Milchshake schmeckt. Hat gar nicht weh getan.

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Abends ein weiteres Rezept aus Sweets von Nicole Stich getestet: Mohnschupfnudeln.

130406_Mohnnudeln

Wenn ich sowas fotografiere, sieht es allerdings aus wie Maden im Donaumoos nach Regen.

Einfach zu machen und eine schöne Mehlspeis’ (ich musste mich allerdings erst ein paar Gabeln lang daran gewöhnen, dass die Süße hier eher mild ist). Vielleicht mögen Sie hier mal ins Buch blättern?

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Die erste Folge einer neuen Fernsehserie des BR nachgeholt, weil die höchst verehrte Gisela Schneeberger die Hauptrolle spielt: Im Schleudergang.1 Nun ja. Schneeberger ist immer großartig, das Drehbuch allerdings nicht. Unter anderem, weil der Humor auf überholte Stereotypen setzt: Die Figur, die uns als Beispiel für eine vernetzte Münchner Schickimicki-Geschäftsfrau gezeigt wird, wäre schon vor 20 Jahren höchstens als verarmte alte Jungfer mit Adelshintergrund durchgegangen. Diese bissige Trutsch’n kauft nicht beim Käfer ein, hat kein Apartment in Kitzbühel, holt sich nicht monatlich ihre Ladung Botox – das aber wäre das zeitgemäße Stereotyp der networkenden Münchner Businessfrau. Andererseits: Vielleicht hat Drehbuchautor Peter Bradatsch genau so eine geschrieben – die ihm die zuständige BR-Redakteurin dann um die Ohren gehauen hat: “Sind Sie wahnsinnig? Da fühlt sich doch die Frau vom Intendanten sofort gemeint!”

Wären Dialoge und Personen faszinierend genug gewesen, würde ich zudem nicht daran rummäkeln, dass eine Schwabinger Straße nur halb vollgeparkt gezeigt wird (das kommt höchstens an Heilig Abend vor, doch dafür war zu viel Laub auf den Bäumen) und dass eine simple Wäscherei in München ein Ladenlokal in der Größe eines mittelgroßen Restaurants haben soll.

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Halbstündiger Gewaltspaziergang (Raus! Frische Luft!) durchs Viertel, gleich mal ein paar Schneeflocken um die Mütze gehauen gekriegt. Aber ein paar schöne alte Hausfassaden in der Landwehrstraße entdeckt, wo ich bislang nur Bombenlochfüller kannte.

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Zum Abendessen mal wieder das Rote-Bete-Gratin mit Schafskäse und Minze gemacht, das ich vor Monaten bei Chili und Ciabatta entdeckt hatte und das inzwischen hier im Haus ein Standard geworden ist. Meine Version habe ich hier notiert. Dazu gab’s den Rest Schupfnudeln vom Vortag, in Butter rausgebraten. Und den 2010er Blaufränkisch von St. Antony.

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Die erste Flasche davon, die ich vor etwa einem halben Jahr geöffnet hatte, schmeckte scheußlich (ich dachte schon, Blaufränkisch gehört so, weiß es aber inzwischen besser). Also gab ich der anderen ein paar Monate zur Ruhe und inneren Einkehr. Es half ein bisschen. Doch der erste Geruchseindruck ist Hefe, dann erst Brombeere und Wacholder. Im Mund moussiert der Wein leicht (wie alle, alle Weine von St. Antony, das muss Absicht sein), neben Blaufränkischgeschmack süß, sauer und bitter – ziemlich disparat.

  1. Merkt überhaupt jemand, dass ich all die fast zehn Blogjahre hindurch die Schreibungsregeln literaturwissenschaftlichen Zitierens auf Bewegtbilder übertrage? Selbständige Werke kursiv, also Filme und Serientitel. Den Namen einer Serienfolge hingegen in Anführungszeichen. []
die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Auszeitjournal Wochenende 6./7. April 2013 – die Veteranenkarte“

  1. Sabine meint:

    Also die Textilreinigung Kelling am Pariser Platz ist garantiert doppelt so groß wie das mit einem Stern versehene Restaurant Tramin zwei Straßenecken weiter. Und hat prachtvolle Panoramafenster.

    http://goo.gl/maps/cNk9P

    Und die Ecke um Siegfried- und Bismarckstraße ist zumindest zu manchen Tageszeiten gelegentlich nur locker beparkt. Schönstes Schwabing.

    http://goo.gl/maps/BKwKH

    Der eigentliche Grund für diese Links ist, dass darauf Sonnenschein und grünes Laub zu sehen sind.

  2. Ilse meint:

    Den Gewaltspaziergang mit Schneeflockeneinlage gab’s bei uns gestern auch. Jetzt reicht es aber!
    Und leider stimmt das mit den Maden im Donaumoos, schade um das schöne Essen! Kaf da doch amoi a gscheide Kamera, bitte!!

  3. die Kaltmamsell meint:

    Eben kam ich an der Sedanstraße vorbei, Sabine: Diese Wäscherei passt etwa sieben Mal in die Fernsehwäscherei.

  4. Wortmischer meint:

    Danke für die Schickimickifrau vom Intendanten. Die Kurzkritik hat mich direkt aufgemuntert.

    Aber das, was Sie hier als “Mohnschupfnudeln” – oder “Maden im Donaumoss nach Regen” – vorstellen, reicht geschmacklich nicht ans böhmische Original meiner Großmutter heran, sag ich Ihnen. “Drieben” hießen die Dinger “Schubsweg” und waren aus selbst gemachtem Kartoffelteig. – Die schmecken um Längen besser!
    (Woher ich das weiß? Na, weil ich selbst meist zu faul bin, den Teig für die Schubsweg herzustellen und dann die Schupfnudeln aus der Massenfertigung* nehme. Eigentlich kann man sich das aber sparen, weil so richtig schmecken tun die Dinger aus der Packung nicht.)

    *) Oder machen Sie Ihre Schupfnudeln tatsächlich selbst?

  5. die Kaltmamsell meint:

    Glauben Sie etwa, Wortmischer, Nicky Stich hätte in ihr Rezept geschrieben “eine Packung Supermarktschupfnudeln in Mohnbutter braten”? Selbstverständlich habe ich die selbst gemacht, ist ja auch ganz einfach: 800 Gramm mehlige Kartoffeln kochen, pellen, durch die Kartoffelpresse auf Brett drücken, etwas ausdampfen lassen, mit 200 Gramm Mehl, etwas Salz und 2 großen Eiern verkneten, Schupfnudeln formen, in viel Salzwasser ein paar Minuten kochen.

  6. Sebastian meint:

    Wer von uns hat sie nicht, die böhmische Großmutter. Bei meiner hieß es hangewutzelte Mohnnudeln.
    http://www.rettet-das-mittagessen.de/blog/2012/04/handgewutzelte-mohnnudeln-mit-louis-filmen/

  7. die Kaltmamsell meint:

    Fast genau so haben wir auch gewuzelt, Sebastian, lediglich die Kugelphase ausgelassen. Ich geh mal schauen, ob meine polnische Oma nicht doch in Wirklichkeit aus Böhmen kam.

  8. loreley meint:

    Das wurde in der Destouchestrasse gedreht. Da ist es schon sehr ruhig.

    Früher war in dem Haus eine Bäckerei. Die Innenaufnahmen wurden wohl in einem Studio gemacht.

    Mir kam es nicht so unrealistisch vor. Danke übrigens für den Hinweis. Ich hätte von der Serie wahrscheinlich nichts mitbekommen.

  9. typ.o meint:

    Ob’s niederschlagend oder tröstend, weil eine Erklärung: Es sei der trübste Winter seit Beginn der Aufzeichnungen (Sonnenstunden), stand in the internets.

  10. walküre meint:

    Was die Maden im Donaumoos angeht, so muss ich ehrlicherweise sagen, dass solche Schupfnudeln wahrscheinlich zu den am schwierigsten zu fotografierenden Gerichten gehören, weil sie farblich nicht viel hermachen. Dafür schmecken sie aber umso besser, und hätten Sies nicht extra erwähnt, wäre mein Gedanke nur gewesen: “Mmhhh, Mohnnudeln !”

    btw: Kaltmamsell jolieing – wunderbar !

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