Beifang aus dem Internet

Sonntag, 21. Juli 2013 um 12:04

Man kann seinen Urlaub dazu verwenden, Mittelalter zu spielen. Andrea Diener hat das für die FAZ gemacht und darüber mal wieder einen Reisebericht geschrieben, der weiter weg von Katalogtexten nicht sein könnte: Abschied von gestern. Mit Häubchen und Täubchen.

Die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten ist kein Phänomen der Gegenwart, bereits in den letzten Jahrhunderten begeisterten sich schwärmerische Zeitgenossen abwechselnd für Antike, Mittelalter und Renaissance, lobten edle Einfalt und stille Größe sowie die vermeintlich verlorengegangene Einfachheit vergangener Zeitalter, fanden sie konserviert bei „edlen Wilden“, den Naturvölkern in entfernteren Winkeln abseits der westlichen Zivilisation. Einige wollten nur spielen, nämlich die, die es sich leisten konnten. Sie kleideten sich in Schäfergewänder oder bauten Burgen in ihre Landschaftsgärten, mittelalterlicher, als es sie im Mittelalter je gab. Andere stiegen konsequenter aus der Zivilisation aus und gingen in den Wald, sei er heimisch oder fern. Meine Gewandung und mein Häubchen und ich, wir stehen in großer Tradition.

Und nun muss ich doch mal ausführlicher lobhudeln: Andrea Dieners Reiseartikel sind einmalig. Sie hat genügend Selbstbewusstsein, auf jede Sensationsheischerei zu verzichten, verlässt sich darauf, dass sie auch ohne Koketterie genug Interessantes zu erzählen hat. Ihre Unaufgeregtheit ist magisch – und wenn es wirklich etwas zum Aufregen gibt, bewahrt sie Contenance. Andrea Diener hat ihren Blogstil mit in die Zeitung genommen, hinter all ihren Geschichten bleibt sie als Mensch erkennbar und macht die Artikel damit umso glaubwürdiger. Sie ordnet Wahrnehmung in ihre umfassende Bildung ein, relativiert, stellt Bezüge her, vermittelt – und erweckt so nie den Eindruck, sie müsse irgendwas verkaufen. Dafür fotografiert sie auch noch ausgezeichnet, derzeit sind ihre Aufnahmen von der Straße in einer Ausstellung in Frankfurt zu sehen. Ich kann nur sehr hoffen, dass die FAZ weiß, was sie an ihr hat und ihr dauerhaft Arbeit gibt.

Ich bin nur ganz wenig persönlich vorbelastet: Zwar lese ich Frau Dieners Blog, seit ich vor elf Jahren Blogs entdeckte (die Dame gehört praktisch zu den Miterfinderinnen des deutschsprachigen Bloggens), persönlich begegnet sind wir einander aber nach meiner Zählung nur zwei kurze Male.

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„Ein oberservierter Mensch ist nicht frei.“ Juli Zeh in einem Interview mit dem Donaukurier Ingolstadt.

Mich zu ärgern, darüber bin ich eigentlich schon hinaus. Ich beschäftige mich mit diesem Thema schon so lange, dass mir eigentlich klar ist, dass unsere Regierende, in persona Frau Merkel und Herr Friedrich, das so wollen. Im Jahr 2006 hat Frau Merkel in einem ihrer Videopodcasts den schönen Satz gesagt: „Eigentlich läuft alles ganz prima, aber trotzdem brauchen wir mehr Überwachung.“ Das kann man als Regierungsprogramm verstehen.

Ich gestehe: Noch immer komme ich nicht darüber hinweg, dass das rektionäre Blatt, in dem ich vor 25 Jahren volontierte, nun seit Jahren Vorreiter in Sachen Datenschutz ist. Beim Thema Google Streetview zwar völlig übers Ziel hinausgeschossen und auf der Basis von Irrtümern (die dortigen Artikel unterstützten damals die Fehlannahme, die Bilder seien live und man könne den Leserinnen dadurch beim Sonnenbaden zusehen). Aber in der grundsätzlichen Sache vehementer als jede andere vergleichbare Printpublikation. Hammer.

Kleiner unsachlicher Lacher am Rande, ermöglicht vom immer wieder erstaunlich guten Satiremagazin des Bayerischen Rundfunks, quer: Bundesinnenminister Friedrich sagt Amakaner (wahrscheinlich ein Verwandter der Kommion und des Nuhlauflaufs).

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http://www.youtube.com/watch?v=U-NWwKfQ6sY&feature=youtu.be&t=3m17s

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Die Frage nach der möglicherweise nicht einheimischen Herkunft eines Menschen muss nicht immer ausgrenzend sein – ist es aber meistens. Auf Jezebel ein paar Tipps „How to Ask Someone About Their Ethnicity Without Being an Asshole“.

via naekubi

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Ein weiteres Spässle: Benedict Cumberbatch sendet dem (der? ich will mich da wirklich nicht einmischen) Comic-Con eine Videobotschaft. In der er unter anderem endlich verrät, wie Sherlock in der gleichnamigen BBC-Fernsehserie überlebt hat.

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via Pajiba

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Beifang aus dem Internet“

  1. Sabine meint:

    Ich kann ja auf Deutsch schlecht nach der ethnicity fragen, und „Ethnizität“ schaffen wohl die wenigstens unfallfrei. Wie fragt man also höflich auf Deutsch?

    Die Tochter wird jetzt stracks gerufen, um Benedict Cumberbatch anzuhimmeln.

  2. Thea meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  3. die Kaltmamsell meint:

    Für unverfänglich halte ich, Sabine, im Deutschen (zum richtigen Zeitpunkt): „Woher kommt dein Name?“, „Woher kommt deine Familie?“, „Warum siehst du so gar nicht typisch münchnerisch aus?“

  4. Sabine meint:

    Ah, danke.

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