Zwischenspiel: Alexander Görsdorf, Taube Nuss

Sonntag, 15. September 2013 um 10:30

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„Wie bitte?“, fragte ich dennoch geübt ins Blaue.

Wie schon sein Blog Notquitelikebeethoven erzählt das Buch Taube Nuss von einem (ganz bestimmten) Leben mit wenigen oder gar keinen auditiven Informationen. Alexander reiht kleine und größere Erlebnisse auf von Kindheit bis Gegenwart, die davon geprägt waren (und von denen etwa ein Viertel mit beeindruckend zahlreichen „Liebsten“ zu tun hat), immer mit deutlichem Gespür für die Komik, die in dieses Situationen steckt. Es sind oft überraschende Folgen des Schwer- oder Nichthörens, manche davon komplex (die Einordnung einer Partysituation und ihr Umgang damit erfordert geradezu Sherlock-Holmes-artige Fertigkeiten der Beobachtung und Analyse / um von einer Telefonkonferenz überhaupt profitieren zu können, kann man schon mal in die Chefrolle geraten), manche schlicht (wer die Töne aus der Gegensprechanlage einer Wohnung nicht versteht, fängt sich schon mal Mormonenbesuch ein / Batterieausfall des Hörgeräts bedeutet Urlaub fast ohne zwischenmenschlichen Kontakt), alle zusammen aber ergeben ein nachvollziehbares Bild, wie dominant dieser Umstand im Alltag sein kann. Zudem ergeben sie das Bild von einem interessanten, reflektierten Menschen, der gelernt hat, mit sich umzugehen.

In einem eigenen Abschnitt berichtet Alexander in Tagebuchform, wie er ein „elektrisches Ohr“ eingesetzt bekam, also ein Cochlea Implantat, es zu verwenden lernte und welchen Einfluss auf seine Wahrnehmungen das hatte. Er erklärt seine ganz persönlichen Motive für den Schritt, vor allem aber, was das Implantat nicht kann: Ein früheres Hörvermögen wiederherstellen oder das von „Flotthörigen“ (Alexanders Ausdruck für das Gegenteil von schwerhörig).

Mir wurde beim Lesen klar, wie sehr ich von auditiven Eindrücken profitiere: Wenn ich an meinem Schreibtisch im Büro ein mehrseitiges Dokument scanne, höre ich – fast ohne es zu merken – an der kleinen Veränderung des Geräuschs, dass der Scan einer Seite abgeschlossen ist und ich die nächste einlegen kann, noch bevor mir das Menü auf dem Bildschirm Bescheid gibt. Zudem mochte ich Großraumbüros immer, aus genau den Gründen, die Alexander beschreibt und die er nicht nutzen kann: Ich bekomme aus dem Ohrenwinkel mit, was gerade so vor sich geht, auch wenn ich nur ca. 5 % meiner Aufmerksamkeit darauf verwende. Es stört meine Konzentration nicht (die ohnehin sehr flatterhaft funktioniert), aber ich kenne auch ohne ausdrückliche Erklärung den Stand der meisten Projekte.

Ähnlich daheim: Am Flügelschlag höre ich, ob sich gerade wieder eine blöde Taube auf dem Balkon niederlässt (hat eine papiererne Note) und springe auf, um sie zu vertreiben. Am entfernten Schaben von Zähnchen auf Nussschale registriere ich, dass gerade ein Eichhörnchen in der Kastanie vor dem Balkon sitzt. Allein am Gang des Mitbewohners höre ich, ob er mit vollen Tellern in der Hand ins Wohnzimmer kommt und ich besser schon mal den Laptop verräume. All das, weil ich ganz einfach Geräusche sortieren und voneinander abgrenzen kann. Allerdings kann ich bei weitem nicht so einfach wie Alexander durch Gerätabschalten für Nachtruhe sorgen, wenn die neuen Nachbarn über uns Essensgäste haben und sich bei offenen Fenstern bis in die frühen Morgenstunden aufs Beste unterhalten.

Definitiv eine Leseempfehlung für Taube Nuss, Sie werden unterhalten, haben künftig hoffentlich etwas mehr Verständnis für die alte Tante Gerti, die inzwischen wirklich schlecht hört, und sie erfahren eine Menge aus der Kategorie QI: quite interesting.

(Und wenn ich In-Harvard-promoviert-Alexander das nächste Mal treffe, unterhalten wir uns darüber, wie groß ein Quantensprung ist, ja?)

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Zwischenspiel: Alexander Görsdorf, Taube Nuss

  1. Marqueee meint:

    Eine Ergänzung aus eigener Erfahrung: auch Denjenigen, die sich einbilden, nur „ein bißchen“ schlechter zu hören, sei dringend angeraten, es einfach einmal mit einem Hörtest und bei entsprechendem Ergebnis mit Hilfsmaßnahmen – vulgo: einem Hörgerät – zu versuchen. Ich trage meines jetzt seit fast einem Jahr und mein alltägliches Leben gestaltet sich seitdem unglaublich viel angenehmer und entspannter. Wichtig dabei: ein empathiefähiger Hörgeräteakustiker, der den Test- und Anpassungsprozess (bei mir: mehr als ein halbes Jahr) kompetent begleitet. Den Moment als ich zum ersten Mal mit den Geräten raus auf die Straße getreten bin, werden ich so schnell nicht vergessen: auf einmal wieder zu hören WOHER die Autos kommen, mit geschlossenen Augen exakt auf den Punkt zu deuten, wo sie gerade fahren, war für mich tatsächlich ein kleiner Peter-Parker-Moment.

  2. Sebastian meint:

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    Genau!

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  3. not quite like beethoven meint:

    Kategorie QI kannte ich bisher noch nicht. Das freut mich sehr, dass Du Dir gefiel, was Du lasest. Und sehr interessant, wie Du so akustisch mit der Welt verbunden bist. Wie mit lauter kleinen Fäden. So kann ich mir auch vorstellen, warum eine, die einmal einen Tag mit Ohrstöpseln lebte, um zu sehen, wie es sein könnte, schwerhörig zu sein, sagte, sie fühle sich ganz so als schwanke sie und verliere das Gleichgewicht. Kein Wunder, wenn all die feinen Fäden auf einmal fehlen.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Das Bild der feinen Fäden gefällt mir sehr gut, not quite.


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