Journal Freitag, Samstag, 7. und 8. Februar 2014 – Zeitzettel und Steinmetze

Sonntag, 9. Februar 2014 um 9:44

Freitagmorgen eine knappe Stunde auf dem Crosstrainer, die Spiegelung der Spiegelung des Morgenrots in den Fenstern Dachgeschoßes in den Hörsaalfenstern gegenüber bewundert.

Zur eigenen Aufmunterung lustige Strumpfhosen und Schuhe ausgewählt.

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Chef krank, deshalb Wegfall einiger für den Tag geplanter Tätigkeiten. Was eigentlich und vor allem für einen Freitag sehr angenehm wäre, doch da ist dieses Zeiterfassungssystem, das mich sehr belastet. Gedacht ist es natürlich für die Abrechnung gegenüber dem Kunden. Und ich hätte an sich kein Problem damit, jeden Abend vor pünktlichem Feierabend 15 Minuten interne Zeit für das Eingeben von Zeiten einzugeben. Doch gerade da ich recht wenig billable time abliefere (und mich bereits einmal als – wenn auch später zurückgenommenen – „freeloader“ bezeichnen lassen musste), sehe ich mich gezwungen, über jede Minute, die ich in diesem Büro verbringe, Rechenschaft abzulegen, und da ich bereits einmal gerügt wurde, die Beschreibung meiner Tätigkeiten sei nicht ausführlich genug, schreibe ich seither Abend für Abend halbe Blogposts. Das ist besonders unangenehm, wenn ich zu wenig zu tun habe und auch die überlasteten Kolleginnen nicht viel abgeben können (es ist zum Beispiel nicht sinnvoll, den telefonische Nachfass auf den Aussand einer Pressemeldung über eine hochspezielle Software jemanden machen zu lassen, die sich erst ins Thema einarbeiten muss und weder vorher noch nachher mit der angerufenen Redakteurin zu tun hat).

Bis dahin dachte ich, Stempelkarten in Großunternehmen seien schon ein rechter Unsinn: Meiner Beobachtung nach können sie durchaus den negativen Effekt haben, dass Angestellte ihre reine Anwesenheit im Büro als ausreichend ansehen – schließlich ist sie an der gestempelten Zeit ablesbar; und die Besessenen oder vom Chef getriezten wiederum tendieren dazu, nach der maximal erlaubten Arbeitszeit schnell auszustempeln und dann heimlich weiterzuarbeiten. Aber diese inhaltliche Zeiterfassung ist noch einen Dreh schlimmer.

Zum Einstieg ins Wochenende bereitete der Mitbewohner Champagnercocktails („Wenn Angostura drin ist, ist’s immer was Archaisches.“) und eine meiner Leibspeisen: Sellerieschnitzel mit Majo und Feldsalat. Wenn ich dran denke, wie lange ich Sellerie ablehnte, weil ich ihn nur sauer eingelegt kannte!

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§

Ich hatte ausgerechnet: Wenn ich den Samstag nicht für das Fertiglesen von Meir Shalevs Im Haus der Großen Frau nutzte, würde ich es bis zum Treffen der Leserunde am Dienstag nicht schaffen. Also ignorierte ich Internet sowie Zeitung und konzentrierte mich auf den Roman. Dazwischen backte ich aber die Chocolate Krantz Cakes aus Ottoleghi/Tamimi Jerusalem, deren schweren Hefeteig ich anweisungsgemäß am Vortag zum kalten Gehen angesetzt hatte.

Ein Exemplar musste ich frei formen, da ich nur eine Kastenform habe.

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Dieser Kuchen ist ganz offensichtlich ein Experiment, wie viel Butter und Zucker sich in einem einzigen Hefegebäck unterbringen lässt. Das Ergebnis ist köstlich.

Roman ausgegelesen (besonders innig hatte ich mich mit Steinmetz Abraham angefreundet), dazwischen noch zu einer Stunde Stepaerobics ins Sportstudio gegangen.

Weil Winter ist und unser Ernteanteil sowohl frisches Sauerkraut als auch mehlige Kartoffeln enthalten hatte, gab es abends Blut- und Leberwurst (und weil ich Blut- und Leberwurst sehr gerne mag, diese hier kamen vom Metzger auf dem Klenzemarkt).

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die Kaltmamsell

19 Kommentare zu „Journal Freitag, Samstag, 7. und 8. Februar 2014 – Zeitzettel und Steinmetze“

  1. Usul meint:

    Na unter lustigen Strumpfhosen versteh ich aber etwas anderes, was Buntes mit Punkten oder albernen Bildmotiven. Die Ihren aber machen ordentlich was her, sehr schick!

  2. Trulla meint:

    Als Trulla sage ich zu Bein, Strumpf und Schuh: Sexy.

    Als Mann müsste ich überlegen, wieviel Minuspunkte es dafür gäbe auf der Brüderle-Skala.

    Alles nicht so einfach.

  3. lihabiboun meint:

    Hachichsachnur: Die Waffen der Damen! @trulla „Brüderleskala“ – ich schmeiß ma weg. Made my day!

  4. Nicole meint:

    DER ist Ihnen aber gut gelungen, der Kuchen! Ich muss lachen über ihre Experiment-These und erinnere mich, wie ich beim Durchlesen des Rezepts allerspätestens beim Punkt „Sirup“ wusste: Da meint es jemand ernst. Dieser Kuchen ist kein Kompromiss, nirgends. Schön, dass er Ihnen schmeckt. Ich hab ja ’nen Ruf zu verlieren. (Fantastische Schuhe, übrigens.)

  5. Peter Lustig meint:

    Aber diese inhaltliche Zeiterfassung ist noch einen Dreh schlimmer.

    Natürlich ist die offizielle Begründung immer so, Abrechung für Kunden, Kostenstellen, und so fort. Die Zeiterfassung im 15-Minuten-Takt ist aber nur relevant fürs interne Mitarbeitercontrolling. Ich kenne so eine Situation sehr gut. Am Ende waren es über eine Stunde von 8 Stunden täglich, die ich nur mit der Kontierung von Zeiten (auch im 15-Minuten-Raster) auf diverse Kostenstellen und unfangreichen Beschreibungen verbracht habe. Nach über einem Jahr hatte ich mir eine andere Firma gesucht. Warum muss ich mich als erwachsener Mensch rechtfertigen, was ich den ganzen Tag eigentlich so mache?

  6. Hildegard meint:

    Diese Zeiterfassung ist verrückt und es macht mich traurig, dass Sie so etwas tun (müssen). Und freeloader sollten Sie sich auch nicht beschimpfen lassen, ach, die Welt ist schlecht. Ohne kuchen wärs kaum auszuhalten.

  7. Modeste meint:

    Komisch, ich habe über die Zeiterfassung noch nie nachgedacht. Ich bille sozusagen schon immer, schon als Referendarin, und natürlich über mein gesamtes Berufsleben hinweg, weil wir auch so gegenüber der Mandantschaft abrechnen. Mich belastet das nicht, aber ich kenne das auch gar nicht anders. Allerdings musste ich mir irgendwann abgewöhnen, privat gedanklich weiterzubillen. 15 Minuten Windelwechseln mit Vor- und Nachbereitung. 30 Minuten Babybaden ohne Eincremen. 45 Minuten Zubereitung Königsberger Klopse (anteilig).

  8. die Kaltmamsell meint:

    Hihi, Modeste, das private Billing sollte ein eigener Blogpost werden.
    Ich genoss es in meiner ersten Zeit im Unternehmen ganz besonders, dass ich für meine Ideen keine Rechnung mehr stellen musste.

  9. Mareike meint:

    Mich belastet die inhaltliche Zeiterfassung oft. Wenn ich eine neue Idee erstmal in Kopf und Bauch hin und her wende; wenn ich nicht genau weiß, wie ich einen Auftrag angehen soll (an dieser Stelle kommt oft ein Prokrastinationsproblem dazu); wenn ich nunmal anderthalb Stunden an einer (für mich) kniffligen E-Mail herumformuliere; wenn ich die Kolleginnen in technischen Fragen unterstütze (was nicht zu meinen formal definierten Aufgaben gehört); wenn das Ausfüllen von Dienstreiseabrechnungen Stunden in Anspruch nimmt oder die Ablage (weil umfänglich) einen halben Arbeitstag …
    Ich bin durchaus in der Lage, die inhaltliche Zeiterfassung entsprechend zu rahmen und für meine eigene Buchhaltung zu nutzen, den Aspekt der Rechtfertigung und Bewertung von außen allerdings finde ich anstrengend.

  10. Montez meint:

    In Zeiten innerer Aufruhr habe mich mittlerweile durch alle Shalevs gefressen. So eine Art Baldrian für die Seele. Sind mit leichten Schwankungen allesamt empfehlenswert.

  11. Julia meint:

    ach je, die zeiterfassung. nach elf jahren gewöhnt man sich ja an so einiges… allerdings ist es bezeichnend, dass bisher ALLE kollegen, die jemals von der agentur ins unternehmen gewechselt sind, auf die frage „und? wie isses?“ immer als erstes antworten: „ach, auch nicht sooo viel anders. aber immerhin fällt diese f***ing zeiterfassung weg.“ und: das private weiterbillen kenne ich: „milch aus dem kühlschrank holen. admin oder kunde?“

  12. antje meint:

    liebe frau kaltmamsell, heisst das, dass ich Sie dieses Jahr nicht im üblichen empfohlenen Hotel in Berlin erwarten kann?!
    Freue mich aber bereits sehr auf die berichterstattung aus Klagenfurt.
    lG
    antje

  13. adelhaid meint:

    meiner meinung nach zeigt die zeiterfassung nur, dass chefs davon ausgehen, dass nur dann gearbeitet wird, wenn auch am schreibtisch gesessen wird. sonst nicht. nicht auf dem rad (nachdenken), beim essen (gespräche führen, ideen besprechen) oder sonstwo. ich fühle mich durch meine zeiterfassung schikaniert und respektlos behandelt. ich muss eine kernarbeitszeit absitzen, die ein personalrat im rahmen eines tarifvertrages ersonnen hat. dass ich aber oft erst nach 20 uhr so richtig gute ideen habe, dass ich sonntagsmorgens im bett drüber nachdenke, was ich am montag tun werde, das geht halt nicht. weil ich nicht auf meinem stuhl hinter meinem schreibtisch sitze.
    also sitze ich mitunter zeit ab. und nehme mir freie tage, sobald das konto es zulässt. das wiederum hat zur folge, dass ich gut 10 tage mehr urlaub im jahr habe (mitunter knubbelt sich die arbeit halt inhaltlich), und dass das vielleicht nicht ganz gut für den laden ist, das passt halt nicht ins schema.
    zeiterfassung killt kreativität. und wer als arbeitgeber will, dass angestellte kernzeiten absitzen, hat seinen eigenen betrieb nicht verstanden und möchte nicht, dass er sich weiterentwickelt.

  14. die Kaltmamsell meint:

    Ich merke auch, adelhaid, dass ich ganz korinthenkackerisch werde davon. „Dann schreibe ich aber auch die zwei Stunden auf, die ich nach dem Abendessen mit dem Mitbewohner ein Workaround um das technische Problem erarbeitet habe!“

  15. Von_Aussen meint:

    Schönen Gruss an den Vorgesetzten. Ihr Arbeitgeber hinkt hinterher. Das ganz neue hippe Modell heisst „Vertrauensarbeitszeit“. Vermeidet die betriebsschädigende Minutenmentalität. Stärkt die Motivation. ;))
    Vertrauen in die Mitarbeiter – dafür braucht es natürlich ganz ganz starke Nerven auf Chefseite ;) http://www.experto.de/b2b/personal/vertrauensarbeitszeit-ersetzt-zeiterfassung.html

  16. Sebastian meint:

    Billing. Das hatte ich noch nie gehört und möchte es eigentlich auch gleich wieder vergessen. Liegt es daran, dass ich in Branchen angestellt war, in denen sich das Tagwerk auch anders leicht messen lässt (Teller mit Essen drauf, Zeitung mit Artikel drin) oder dass ich schon zu lange selbständig bin, um die Ankunft des Billing dort zu erleben?

    Tatsächlich hat mir eine bewundert effektive (oder war es eiffzizient?) Zuarbeiterin etwas in der Richtung auf Freiwilligenbasis aus dem Netz hochgeladen, wo man sich zeiterfassend in seine Jobs ein und auscheckt, also so eine Art Stechuhr für Selbständige, die eh oft mit Zahlen kämpfen.

    Kann man gut finden, wenn der Wert des Tagwerks sich so rechnen lässt und meine Kunden wissen sollten, wofür ich was abrechne. Oder wenn ich selbst wissen will, warum das hier nix wird. Denke mir, dass Steuerberater (feste Abläufe) und der Anwalt (irre teuer) das so machen sollten. Und kann es mir auch als eine Methode vorstellen, wiederkehrende Aufgaben zu erfassen.

    In vielen anderen Bereichen würde ich aber einer Firma misstrauen, die Mitarbeiter für mich arbeiten lässt, deren Leistung für mich sie alleine (?) so misst. Aber ich fürchte, dass es auch in Verlagen, der Wissenschaft, sozialen Branchen, kreativen Berufen gepflegt wird? Gibt es akzeptierte Mischformen?

  17. adelhaid meint:

    genau, sie machen einen damit zum korinthenkacker. jedes fitzelchen wird abgerechnet. und es wird auch ohne jegliche motivation im büro gesessen. auch wenn es vielleicht schlauer wäre, mal auszuschlafen, und dann vielleicht an dem tag bis spät in den abend ordentlich zu arbeiten.

    ich denk mir inzwischen: das ist das selbstgewählte leid meines arbeitgebers. wenn er mir keinen arbeitsplatz geben möchte, auf dem ich zu höchstformen auflaufen kann, sondern lieber kontrollieren möchte, dass das mobiliar auch ausreichend genutzt wird – bitte.

  18. Julia meint:

    moment, moment: das billing bei beratungsfirmen dient nicht (nur/ausschließlich/vorrangig/überwiegend…) der kontrolle von mitarbeitern, sondern dem nachweis von (abrechenbarer!) leistung gegenüber den kunden, die beispielsweise für projekte bestimmte budgets kalkuliert bekommen haben. das dient somit auch der kontrolle seitens der agentur: läuft das projekt aus dem ruder, womit halten wir uns vielleicht unnötig lange auf… zu abrechnungszwecken möchte ich das zeiterfassungssystem nicht missen. für mich selbst ist es manchmal ebenfalls fluch, pest und hölle in einem.

    @adelhaid wie schön, dass sie überstunden abbauen können. davon können agenturmenschen nur träumen. also genießen sie doch bitte die 10 tage extra als ausgleich für morgendliches grübeln oder abendliches ideen haben! ich beneide sie darum…

  19. padrone meint:

    Die „Aufmunterung“ ob der lustigen Strumpfhosen und Schuhe wurde nicht nur Dir zuteil!

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